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Sonntag, 17. März 2019, 04:29

Eine Wolfsreise

Anfang Langschnee 518, am Ufer des Abhaínnor im Ordensland der Sturmschwerter


Es ist noch früher, kalter Morgen als Ji'isa träge die Augen öffnet und sich unmittelbar unter der Erde wiederfindet. Die Luft hier unten ist vom muffigen, erdigen Geruch erfüllt und trägt eine frische Nuance von Schnee mit sich. Als sich ihr Blick scharfstellt, blickt sie geradewegs auf eine Wand von dunkler, satter Erde, durchzogen von dicken und feinem Wurzelwerk. Ein kleiner schwarzer Käfer macht sich gerade direkt vor ihrer Nase davon und gräbt sich in das Erdreich, um dort zu überwintern, auch wenn er aus irgendwelchen Gründen dafür etwas spät dran ist.
Unbeeindruckt von dem Käfer hebt sie vorsichtig ihren Kopf an und sieht sich in der kleinen, flachen, nach hinten etwas abfallenden Höhle um, in der sie samt Kleidung und Mantel in ihren Schlaffellen zusammengerollt liegt. Irgendein Tier muss hier früher gehaust haben, vielleicht den Sommer über, bis es sich für den Winter ein anderes, wärmeres Quartier gesucht hat... Zumindest hatte die Jägerin die Höhle leer und schon lange verlassen vorgefunden, so dass sie beschlossen hatte, für den Rest der Nacht hierzubleiben.
Das Licht der Dämmerung reicht bis in den Höhleneingang hinein, woran sie erkennt, dass es langsam Zeit wird aufzustehen und bald aufzubrechen. Also schält sie sich mit einigem Widerwillen gegen die Kälte aus den Fellen und kriecht ins ungeschützte Freie, wo ihr der Wind kleine Schneeflocken ins Gesicht treibt, von denen einige in ihren Wimpern hängen bleiben und die sie mit Blinzeln wieder zu vertreiben versucht. Ji'isa zieht die Schultern etwas hoch und schlingt die Arme eng um ihren Leib, damit der Wind nicht so scharf unter ihren Mantel bläst, und lässt den Blick über die ihr fremde, unbekannte Landschaft wandern, die im frühen Morgengrauen noch relativ farblos und - im Vergleich zum Nachtwald - mit ihren vereinzelten Baumgrüppchen abweisend kahl vor ihr liegt. Hinter ihr ragt der alte, knorrige Baum in die Höhe, unter dem sie in der Nacht Schutz gefunden hatte und an dessen Ästen vereinzelt abgestorbene, widerspenstige Blätter hängen, die dem zerrenden Wind trotzen.

Ihr fehlen die riesigen Rotholzbäume ihrer Heimat, die schützenden Baumkronen, die Lebendigkeit des Waldes und die vielen unterschiedlichen Geräusche, verursacht durch das Rauschen des Windes, der sich in Geäst und Blätterdach fängt, sowie das Fiepen, Surren, Zirpen und Rufen der Tiere, das Gurgeln von Wasser und Rascheln von Laub, das Knacken und Knarzen von Holz, unddurchwasweißEalaranochalles, das insgesamt geradezu wie ein stetiges Flüstern des Waldes klingt und dem sie nur zu gern lauscht. Hier ist es im Gegensatz dazu jedoch bis auf den pfeifenden Wind und einige Krähen, die in der Ferne streiten, sowie das ständige, leise Rauschen des Flusses, den sie am Abend zuvor noch an einer schmalen Furt mit ein paar großen, aber rutschigen Steinen überquert hatte, nahezu still. Sogar der Geruch ist anders, der nun hauptsächlich vom Schnee dominiert wird.
Besonders weit kann sie die hüglige Gegend aufgrund des kürzlich einsetzenden Schnees, der den Boden mehr und mehr mit einer dünnen, weißen Decke einhüllt und die Luft zwischen schneeschweren, grauen Wolken und dem Boden wie ein blickdichter Vorhang erfüllt, nicht überblicken, geschweige denn bis zum Horizont sehen. Ein paar kleine Tiere wie Mäuse und Kaninchen lassen in der Nähe das trockene, gefrorene Wintergras leise knistern und suchen nach Futter, ehe sie sich rasch wieder in ihre Baue verkriechen, um nicht als Beute von Jägern am Boden und in der Luft zu enden. Ji'isa kann es ihnen nicht verdenken, denn sie würde sich auch lieber wieder in die windgeschützte Höhle verkriechen. Nur, dass ich so nie an mein Ziel kommen werde..., geht es ihr grimmig durch den Kopf.

Mit diesem Gedanken, dass sie sich schleunigst wieder auf den Weg machen sollte, setzt sie sich in Bewegung und wendet sich der Höhle zu. Vor deren Eingang geht sie in die Hocke, zieht ihre lederne Tasche zu sich heran und einen Holzstängel hervor, der etwa so lang ist wie ihr Zeigefinger und dessen Ende sie sich in den Mund schiebt, um darauf herumzukauen, bis süßer Saft austritt und das Holz an der Spitze zerfasert. Die Süße des Holzes vertreibt den vom Schlaf abgestandenen Geschmack in ihrem Mund und mit den zerfransten Holzfasern des Stängels kann sie sich gleich auch noch etwas die Zähne putzen, bis sie sich unter ihrer Zunge wieder schön glatt anfühlen. Während sie so auf dem Stückchen Holz im Mundwinkel herumkaut, beginnt sie, ihre Schlaffelle aufzurollen und mit einem Lederriemen zu einem Bündel zu binden, so dass sie leichter zu tragen sind. Tasche und Fellbündel hängt sie sich quer über die Schulter, ihren Bogen und den Köcher mit den Pfeilen nimmt sie in die Hand, ehe sie sich wieder aufrichtet und sich zurück zum Fluss begibt. Am Ufer angekommen sucht sie sich eine seichte Stelle, die von einigen kahlen Sträuchern gesäumt wird und nur wenig Sichtschutz bieten. Doch scheint hier ohnehin gerade keine Menschenseele zu sein, wie sie mit einem prüfenden Rundumblick feststellt. So kann sie ihre Habseligkeiten (einschließlich des Süßholzstängels) und den Mantel unter einem Busch geschützt ablegen und sich einige Schritte davon entfernt erleichtern, bevor sie dazu übergeht, sich am Flussufer Hände und Gesicht zu waschen und ein paar Schlucke des klaren Wassers zu trinken. Hier füllt sie auch ihren Trinkschlauch wieder auf, den sie anschließend in ihrer Tasche verstaut. Auf diese Weise erfrischt und ein wenig vor Kälte zitternd, zieht sich Ji'isa wieder ihren wärmenden Mantel an und die Kapuze über den Kopf, bevor sie sich wieder Fellbündel und Tasche umschnallt, um dann Köcher und Bogen ebenfalls griffbereit um ihre Schultern zu legen, damit es endlich weitergehen kann.

Sie orientiert sich nach Westen, so wie man es ihr gesagt hatte, zunächst am Flusslauf entlang in Richtung der schneebedeckten Berge, aus denen der Fluss scheinbar entspringt. Sie waren nicht so groß wie die Eisenberge, die sie vor gut vier Tagen hinter sich gelassen hatte, doch ist da auch einen Wald, der sich von den Berghängen tiefer ins Tal hinein erstreckt und in dessen Schutz sie eintauchen will. Je westlicher sie kommt, desto dichter werden die Schneeflocken und je tiefer wird der bereits am Boden liegende Schnee. Selbst in dem Wald, in dem sich Ji'isa zwar wohler fühlt, als auf den freien Feldern und Wiesen, der aber längst nicht so beeindruckend und schön wie ihr Nachtwald ist, liegt eine dicke Schneedecke.
Unterwegs verkündet ihr Magen mit leisem Knurren, dass es nun Zeit ist zu frühstücken und Ji'isa zieht aus ihrer Tasche einen kleinen Beutel mit süß-säuerlichen Winterbeeren hervor, die sie unterwegs noch im Nachtwald gefunden hatte, um ihren Hunger zu stillen. Dazu hat sie auch noch etwas von dem Trockenfleisch, das sie von zu Hause mitgenommen hatte. Es ist zwar nur ein kleines Mahl, doch zehrt ihr Körper noch von der reichen Beute aus der Nacht zuvor, so dass sie noch eine Weile damit auskommen wird. Sie will sich nicht am Tage den Bauch vollschlagen und langsamer werden. Allerdings hält sie unterwegs immer Ausschau nach etwas essbarem wie Beeren und Wurzeln, wobei der Boden zu hart gefroren ist, um Wurzeln ausgraben zu können, und der Schnee auch immer mehr zunimmt. Ich kann später wieder jagen gehen, sobald die Dämmerung einsetzt... Denn dann würden die kleineren Waldtiere aus ihren sicheren Verstecken hervorkommen, um im Schnee wieder auf Futtersuche zu gehen.

Der Weg durch den tiefen Schnee ist beschwerlich, zumal sie sich vorsichtig auf unbekanntem Terrain vortasten muss, um nicht versehentlich in eine Senke zu stürzen, doch kommt sie Stück für Stück voran. Und bald hört es auch wieder auf zu schneien und der Wind beginnt nachzulassen.
Natürlich hätte sie auch bis zum Frühling warten können, bevor sie sich auf diese Reise macht. Zumindest wurde ihr dazu geraten, allen voran von ihrer Großmutter. Allerdings ist Ji'isa längst kein Kind mehr, kein junges, grünes Mädchen, das nicht allein in der Wildnis zurecht käme. Und Ängstlich ist sie schon gar nicht. Im Nachtwald war sie häufig mehrere Tage und Wochen allein unterwegs gewesen. Sie wartete gefühlt schon ewig auf diese Gelegenheit, hatte lange Zeit nach Hinweisen gesucht, versucht Informationen von den anderen Waldbewohnern zu bekommen – ob nun Waldkinder, Kobolde oder Feen. Häufig ist sie mit ihren Stammesbrüdern und -schwestern mitgegangen, wenn sie mit den Kindern des Waldes anderer Stämme und auch mit anderen Menschen gehandelt haben. Dabei konnte sie ein paar Wortfetzen derer Sprachen erlernen, um sich verständlich zu machen und auch selbst zu verstehen, was sie sagen. So traf sie schließlich einen Mann, der erzählte, er habe viele Länder bereist und daher viel gesehen. Er sagte ihr, sie solle nach Arnis gehen, denn er ist der Meinung, eines der Zeichen auf dem Messergriff, das sie ihm gezeigt hatte, als das Wappen von Arnis erkannt zu haben. Ein Wappen sei eine Art Erkennungszeichen, wie er erklärte, so wie die Stämme auch ihre Zugehörigkeit zu ihrem jeweiligen Mag kennzeichnen. Also hatte Ji'isa ihre Sachen gepackt, um sofort aufzubrechen und den Stamm Arnis zu finden.

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