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Mittwoch, 14. November 2018, 15:36

Die magische Luftakademie Hólar im Sar Perduin

Beerenreif 518

Gedankenverloren streicht Táhirih über die Seiten ihres Buches. Die gleiche Seite liegt schon seit Minuten vor ihr offen und sie hat noch keinen einzigen Buchstaben gelesen. Abwesend starrt sie aus dem geöffneten Fenster in den wolkenlosen Himmel über den Dächern Hólars. Eine warme Brise fährt ihr durch das rabenschwarze Haar und sie schließt die Augen, weil der Sonnenschein und der warme Spätsommerwind den sie einst so geliebt hatte einfach nicht zu ihrer momentanen Stimmung passen wollen. Verärgert über sich selbst schüttelt die Magierin den Kopf und richtet den Blick wieder auf das aufgeschlagene Buch vor sich. Mehrmals hintereinander liest sie die Zauberformel um sie sich auch wirklich zu verinnerlichen, steht auf, strafft die Schultern und ballt die Faust in Vorbereitung auf die magische Geste. Doch ihr Mund öffnet sich wie der eines Fisches am Trockenen und nichts kommt heraus, ihre geballten Hände zittern ein wenig und mutlos lässt sie sie wieder sinken. Sie weiß nicht einmal warum sie überhaupt gedacht hat sie könnte einen Zauber aus diesem Buch versuchen. Ihre Prüfung zum Maester ist ungefähr ein Jahreslauf her und vor ihr liegen nur Zauber für den Rang eines Hohemagiers. Natürlich hat sie das immer so gemacht und die nächst höheren Zauber begonnen zu trainieren sobald sie die vorherige Prüfung abgeschlossen hatte, doch diesmal ist alles anders.

Das Eintreffen des Boten mit Olyvars Brief ist ebenfalls Monde her aber seit dem hat sie schon mit den leichtesten Zaubern ihre Schwierigkeiten. Dabei weiß Táhirih ganz genau, dass sie eigentlich auch in schwierigen Situationen ihre magischen Kräfte unter Kontrolle hat, das war immer so und sie hat es mehrfach unter Beweis gestellt. In Kämpfen, im Streit, in Prüfungen, doch jedes Mal wenn sie jetzt versucht einen Zauber zu wirken der nur annähernd so etwas wie Konzentration braucht zittern ihre Hände, ihr Mund wird trocken und ihr Kopf ist so leer wie sie sich innerlich fühlt. Allein bei dem Gedanken an den elendigen Brief steigen ihr die Tränen in die Augen und voller Zorn wirft sie das wertvolle alte Buch mit aller ihr verbleibender Kraft einfach gegen die Wand.
So ziemlich jeder der sie kennt war bei ihr um ihr zu sagen es würde bald besser werden. Der Schmerz würde vergehen oder wenigstens in den Hintergrund treten und bald wäre alles so fern wie ein böser Traum. Auf diesen Tag wartet Táhirih noch immer. Doch jeden Morgen, wenn sie erwacht fühlt sie sich genau so verloren und verlassen wie am Tag zuvor. Als hätte jemand ihr das Herz rausgerissen und gegen ein gefühlloses Uhrwerk ausgetauscht das unaufhörlich vor sich hinschlägt aber ihr kein Lebensgefühl mehr vermitteln kann. Als es offensichtlich wurde, dass die Zeit doch nicht so einfach alle Wunden heilt, hat man ihr Anirani geschickt um ihr zu helfen und Táhirih war klar gewesen, dass man sie langsam für verrückt erklärt hat. Doch auch die Anirani konnten nichts gegen ihren Zustand tun. >Ihr seid nicht krank, Maesterin Táhirih,< hat schließlich einer zu ihr gesagt. >Ihr trauert und dafür gibt es keinen Zeitrahmen.<
Das Loch das Rayyans Verlust in ihr hinterlassen hat ist so viel größer als sie es jemals hätte erahnen können. Dabei haben sie sich doch schon mehrere Siebentage und Monde nicht gesehen und… trotzdem. Längere Zeiten der räumlichen Trennung hatte es immer schon bei ihnen gegeben, aber immer war klar gewesen, wenn sie ihn brauchen würde dann wäre er sofort da. Seit kindestagen an war Rayyan die einzig wirklich wichtige Person in ihrem Leben, der einzige Fixpunkt dessen sich die Magierin immer sicher war und jetzt ist er fort. Einfach so. Und alles war ihr von ihm bleibt ist ein Brief mit der Nachricht über seinen Tod.

Es tröstet sie kein bisschen, dass Olyvar und ein paar andere bei ihm gewesen sind, dass er im Kampf gegen ein Munduskind gestorben ist, oder auch dass er in den Weiten der azurianischen Wüste seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Aber am allerwenigsten tröstet es sie, dass er sich für eine junge Frau aufgeopfert hat und diese ihm eine Wüstenrose auf sein Grab gepflanzt hat. Am liebsten würde sie dieser unbekannten Person die, egal wer sie auch sein mag, Rayyans Leben nicht verdient hat, ihre verdammte Wüstenrose in den Hals stopfen und sie eigenhändig vor Sithech zerren und gegen ihren Freund austauschen, egal was er dazu sagen würde. Sie weiß, dass er es freiwillig getan hat und natürlich ist Táhirih klar was es für Rayyan bedeutet haben muss diesen Schritt zu tun, aber sie kann sich nicht mit seiner Entscheidung abfinden. Wie konnte er sie nur verlassen, für irgendeine ihr völlig unbekannte Person. In den ersten Siebentagen nach dem sie den Brief erhalten hatte, hat sie um genau zu sein genau versucht ihn zurück zu holen. In ihrem Wahn hatte sie wie eine Verrückte nach Büchern oder Aufzeichnungen gesucht wo jemand so etwas zu Stande gebracht hat und einen Toten aus Sithechs Reich zurück geholt hat. Doch als die Bibliothekare in Hólar ihr auf die Schliche gekommen sind war alles was sie erreicht hat ein mehrmondiges Zutrittsverbot.
Müde und mit dunklen Ringen unter den Augen hebt sie das schwere Zauberbuch vom Boden auf und legt es zurück auf den Tisch. Davon, dass sie Akademieeigentum zerstört kommt Rayyan auch nicht wieder zurück. Jedoch ein weiterer Versuch sich zu Konzentrieren und an ihrer Ausbildung zu arbeiten ist völlig sinnfrei. Dieser Gedanke lässt sie schon seit Längerem nicht los. Sie fühlt sich nicht mehr wie eine Magierin, ist sie doch der einfachsten Zauber kaum noch mächtig und weiterhin in Hólar zu bleiben erscheint ihr immer sinnloser. Sie hatte einen kurzen Versuch gestartet wenigstens einen Teil ihres Trainings nach Narnia zu verlegen, in der Hoffnung sich Rayyan dort näher zu fühlen, doch das war ein völliger Reinfall. Schon bei den ersten Schritten aus dem Mondtor in die Hallen der Erdakademie ist alles nur noch schlimmer geworden und die Trauer wie ein gewaltiger Erdrutsch über sie herein gebrochen. Jeder Atemzug an diesem Ort riecht nach ihm und jedes Gesicht das sie dort trifft erinnert sie nur an Dinge die sie mit Rayyan gemeinsam hier erlebt hat. Keinen Schritt auf diesem Boden hat sie jemals ohne ihn in ihrem Hinterkopf getan und jetzt sollte sie hier Ruhe und Trost finden? Es ist absurd und Táhirih weiß nicht einmal wie sie auch nur einen Augenblick denken konnte, dass ihr dieser Ort helfen würde.

Der neueste Magierring auf ihrem Finger erscheint ihr ebenfalls wie Hohn, besonders wenn sie an die Prüfung von Hand, Herz und Verstand denkt. Diese Prüfung sieht jedes Mal und für jede Person die zu ihr antritt völlig unterschiedlich aus, mal besteht sie aus vielen verschiedenen Teilen, mal schließt eine Szene alles Wichtige in sich zusammen. Dieses Mal bestand ihre Prüfung aus einer langen Kampfsequenz in der sie ihr Mana aufs genaueste einteilen musste und am Ende noch mittels Zauberkraft ein Dorf vor der völligen Verwüstung durch einen Wirbelsturm bewahren. Ein langwieriger, kräfteraubender Zauber bei dem ihr völlig klar war, dass sie so viele Dorfbewohner wie möglich retten musste um zu bestehen. Doch während sie da stand, atemlos, mit immer schwerer werdenden Armen und Schweißperlen auf der Stirn, tauchte auf einmal ihr Vater neben ihr auf und warf ihr die wüstesten Beschimpfungen an den Kopf. Nannte sie die größte Enttäuschung seines Lebens und ihres edlen Namens nicht würdig. Doch all das hatte Táhirih schon hinter sich gelassen und sie konnte sich nicht dadurch beirren lassen. Es bestärkte sie sogar noch in ihrem Tun, das seine Worte keine Wirkung mehr auf sie hatten. Doch während sie ihren Blick weiterhin stur auf das Wetterspektakel vor sich richtete, spürte sie plötzlich Rayyans große, schwielige Hand auf ihrer Schulter. >Es tut mir Leid, dass ich dich verlassen muss!< hörte sie seine Stimme in ihrem Ohr und beinahe hätte sie den Zauber nicht aufrecht erhalten. Kurz geriet sie ins Stottern, doch ohne sich nach ihm umzublicken fing sie sich wieder und sprach nur noch lauter und deutlicher die Zauberformel vor sich her, während ihre Hände unablässig weiter magische Ströme formten.
>Ich bin tot, Ta’ewen, das ist das letzte Mal, dass wir uns sehen werden!< flüsterte seine raue Stimme in ihr Ohr und Tränen stiegen ihr ganz automatisch in die Augen, aber obwohl es sich so real anfühlte, sagte eine Stimme in Táhirihs Hinterkopf, dass alles nur eine Illusion wäre und Rayyan ginge es gut. All das wäre nur ein Test. Seine Finger krallten sich immer fester um ihre Schulter und sein warmer Atem wurde immer rauer und flacher. Die Sturmwolken vor ihr verschwammen in ihren Tränen, aber die Magierin zwang sich trotzdem weiter den Blick nach vorne zu halten. >Schau mich an, bitte!< flüsterte seine Stimme röchelnd und rasselnd. Immer wieder sprach er diese Worte zu ihr, langsam schwächer werdend in ihr Ohr. Sein Blut rann über ihre Schulter, ihren Arm und über ihren Oberkörper der vor unterdrücktem Schluchzen bebte. >Ich liebe dich, Ta’ewen!< keuchte seine Stimme hinter ihr und das ist das einzige Mal, dass Táhirih ihren Zauber unterbrach. „Ich…. Ich liebe dich auch!“ flüsterte sie, doch als vor ihr die Sturmböen wieder zu nahmen und das Dorf unter sich zu zerreißen drohten, nahm sie sich zusammen und sprach mit zitternder Stimme weiter ihre Zauberformel. Leiser und leiser wurden Rayyans Worte, bis alles was hinter ihr über blieb das Geräusch eines Sterbenden ist, der langsam in seinem eigenen Blut ertrinkt.

Nach der Prüfung war Táhirih völlig aufgelöst gewesen, sie hatte sich nicht einmal richtig über ihren neuen magischen Rang freuen können. Es hatte Tage gedauert bis sie sich beruhigt hatte und sie Realität von Prüfungsvision trennen konnte. Sie hatte nicht gewusst, dass er zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon gestorben war und jeden Tag seither wünscht sie die Zeit zurück drehen zu können. Die Prüfung sausen zu lassen, sich zu ihm umzudrehen und noch ein letztes Mal mit ihm zu sprechen. Ihn anzuflehen nicht zu gehen, auch wenn ihr die Unmöglichkeit hinter dieser Bitte völlig klar gewesen wäre. Aber am meisten wünscht sie sich und die Tatsache, dass es ihr erst jetzt wie Schuppen von den Augen fällt macht es sogar noch schlimmer, sie könnte sich umdrehen, das Dorf Dorf und die Prüfung Prüfung sein lassen, die Welt hinter sich untergehen lassen und ihn stattdessen ein einziges Mal küssen. Doch statt all ihren unerfüllten Wünschen trägt sie jetzt den Maesterring wie ein ständiges Andenken an ihrem Finger.
In Hólar zu bleiben erscheint ihr also mehr und mehr wie eine schlechte Idee. Nach Narnia kann sie ganz offensichtlich nicht und auch eine andere Magierakademie zu besuchen würde ohne magische Fähigkeiten wohl wenig Sinn ergeben. Doch wohin soll sie sonst gehen? Mar’Varis? Allein der Gedanke ist völlig lächerlich. Talyra? Sie könnte vielleicht wieder für Lystrato arbeiten und so ihren Unterhalt verdienen. Doch was täte sie dort ohne ihren einzigen Freund. Den ganzen Tag nach teuren Stoffen und seltenen Edelsteinen suchen? Selbst der Ausblick auf die Dinge die ihr früher am meisten Freude bereitet haben kann ihr jetzt nicht mal ein müdes Lächeln entlocken. Alle Edelsteine der Welt haben in Táhirihs Augen ihren Glanz verloren und jeder Stoff der sich einst so wundervoll und weich unter ihren Fingern anfühlte, kann ihr rein gar keine Reaktion mehr entlocken.
Trotzdem, es ist der einzige Ort an dem sie jemals etwas wie ein eigenständiges, normales Leben geführt hat und vielleicht kann sie es dort von neuem beginnen. Als Lystratos Gehilfin wäre sie wohl ungeeignet und auch als Magieren könnte sie keine Arbeit finden, aber irgendetwas würde sich schon ergeben und bis dahin würde sie ihren alten Schmuck verkaufen um über die Runden zu kommen.
Cause darling I'm a nightmare dressed like a daydream

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