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Tyalfen

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Donnerstag, 20. September 2018, 17:26

Griánàrdian - die Suche nach dem Ursprung

Beerenreif 518 - Irgendwo im Nirgendwo
"Befürchte nicht die Dinge, die du beherrscht, Löwe der Schlacht. Fürchte jene, die dich beherrschen."
[Tyalfen, Aniran & Heiler]


Nachtschwarze Dunkelheit umfängt ihn, als er benommen der Trance entrissen die Augen aufschlägt und noch nicht so recht weiß, wo er überhaupt ist. Doch schon mit dem nächsten Wimpernschlag schreckt er hoch und presst seine Hand auf den Mund der jungen Frau, die kaum einen Schritt weit neben ihm liegt. "Ssssscht, Muriann, wach auf" flüstert er hastig und umklammert ihren zitternden Oberkörper, kaum dass sie hochfährt. Ihr Atem geht schnell und schwer, aber sie ist wach und kommt allmählich zu sich. Langsam lockert er seine Arme um sie, hält sie so, bis sie sich gegen seine Schulter lehnt. "Nurm?", fragt er nur leise und dicht an ihrem Ohr und er spürt, dass sie nickt. Also hält er sie weiter und streichelt beruhigend sanft ihren Arm.
Muriann gehört zu den Anirani, wie er selbst und was ihr gerade im Traum widerfahren war, kennt jeder unter ihnen, der einem Todgeweihten das Scheiden aus dieser Welt erleichtern musste - vor allem wenn man Nurms Geleit so oft zu weben gezwungen war, wie sie beide in den zurückliegenden Monden ... viel zu oft. Er selbst wird von den Todesahnungen allerdings nicht im Traum berührt, denn Ilfaya träumen nun einmal nicht. Ihn suchen diese Sinnestäuschungen heim, wenn er seinen Geist leert, um in die Trance zu gleiten oder um zu meditieren, nicht jedes Mal, aber inzwischen auch ... viel zu oft.
"Hab ich geschrien?" wispert sie nach einem kleinen Weilchen und klingt besorgt. Aber diese Sorge kann er ihr nehmen. Es war nur ein Schluchzen, dass nicht weiter als fünfzehn, zwanzig Schritt zu hören gewesen sein konnte. Zumindest nicht für Menschenohren, denkt er im Stillen, und hatte doch längt schon seine spitzen Ohren in den Wald gerichtet. Nichts hatte sich geregt. Da waren nur die typisch nächtlichen Stimmen des Waldes, das ewige Säuseln des Blätterdaches über ihnen und die tiefen Atemzüge drei schlafender Männer, die zu ihnen gehörten. Es ist ihre zweite Nacht auf gríanàrd'schen Terrain und sie mussten verdammt vorsichtig sein. Mehrmals während des vorangegangenen Tages hatten sie sich vor berittenen Patrouillen verstecken müssen, waren auf die verwesenden Überreste eines einfach gekleideten Mannes gestoßen, dem zwei Pfeile im Rücken steckten und eine ganze Armada Fliegen umsurrte, den zu begraben sie im stark kontrollierten Grenzgebiet nicht wagen durften, wollten sie vermeiden entdeckt zu werden und selbst so zu enden, wie dieser arme Kerl. Mögen die Götter seiner Seele gnädig sein. Natürlich ist das, was sie hier tun nicht ungefährlich. Aber die feste Überzeugung, genau das Richtige zu tun, treibt sie an.

Das Richtige? Nun ja, wenn man einen gewissen Steinfaustkorporal oder gar den alten Xacbeart selbst, seines Zeichens Lord von Rhayader und Herr des Hauses Rífbardán, auch als "Löwe der Schlacht" bekannt, fragte, hörte man sie gewiss etwas anderes sagen. Sie konnten oder wollten einfach nicht begreifen, dass eine solch verheerende Seuche, die weitaus größere Bedrohung für Talyra sein könnte, als die kriegslüsternen Herren von Bailaweyr, denn den Kampf gegen die Seuche führten sie noch gänzlich unbewaffnet. Einzig und allein strengsten Quarantänemaßnahmen war es zu verdanken, dass sie seit Sonnenthron keine Neuansteckungen mehr verzeichnen mussten. Und während sich in Rhayader die Lage soweit entspannt hatte, dass man den Menschen jenseits der Grenze endlich Hilfe entsenden konnte, denn eben jene kriegslüsternen Herren von Bailaweyr hatten keine bessere Idee, als die eigenen Landsleute ganz gleich ob tot oder lebendig, viel wahrscheinlicher aber irgendwo dazwischen, martialisch abzufackeln, wird ihnen jegliche Hilfeleistung strikt verboten und befohlen genau nichts zu tun? Jedem aniranischen Eid zuwider? Der Chance zum Trotz, der Seuche dort in Gríanàrdan, wo sie noch wütete, doch noch ihre Geheimnisse zu entlocken?

Daraufhin haben sich alle Heiler und Anirani in geheimer Zusammenkunft beraten. Sie vermochten immer noch nicht zu sagen, warum die Seuche ausgebrochen war, noch wie genau sie sich verbreitete. Selbst der seltsam untypische Beginn bei andauernden Frost bereitete ihnen mehr Kopfzerbrechen als Lösungsansätze. Sie hatten die Seuche lediglich ausgehungert, aber keinen einzigen heilen können und das bei einer desaströs hohen Sterblichkeitsrate unter den Menschen. Aus eigener Kraft überlebte von einem Dutzend den ersten Siebentag im Schnitt gerade mal ein Einziger, dessen Chancen zu leben oder sterben im nächsten Siebentag relativ ausgeglichen waren. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit konnten sie sein überleben aber erst nach einem Mond prognostizieren, denn im dritten und vierten Siebentag starb ihnen noch jeder Sechste unter den Händen weg.
Aus Mangel an gesicherten Erkenntnissen konnten sie nicht einmal ausschließen, dass diese Seuche in irgendeiner kommenden Frostperiode in Talyra selbst ausbräche, was aber nach ihren bisherigen Erfahrungswerten verheerende Folgen haben würde. Ausgehend von geschätzten 36.000 Menschen, vorausgesetzt sie würden alle erkranken, was bei der dichten Besiedlung innerhalb der Stadt bei vermutetem einem Siebentagen von Ansteckung bis Erkrankung leider kein zu überzogenes Szenario ist, würden nach einem Siebentag noch ganze 3.000 leben, nach zweien nur noch 1.500 und davon 1.250 überleben. Für andere Spezies ließen sich in Ermangelung verwertbarer Daten keine Voraussagen treffen. Lediglich von Vögeln, insbesondere Rabenvögeln wussten sie, dass sie sich wesentlich schwerer ansteckten und binnen weniger Tage allesamt genasen, lächerlich im Vergleich zur menschlichen Rasse, was sie allerdings als potentielle Überträger keineswegs ausschloss.
Nein, bei allem gebührendem Respekt gegenüber anderslautenden Einwänden, sie hatten allein schon 34.750 talyrische Gründe, sich nicht an Verbot und Befehl zu halten. Sie wollten jedoch wenigstens bei der Auswahl der Entsandten Relevanz erfahren, denn keinesfalls sollten sich die Rückkehrer den Konsequenzen verweigerter Befehle oder der Untreue im Dienste der Steinfaust ausliefern müssen. So fällt die Wahl auf die Zivilisten dieser Einheit, drei Heiler, eine Anirana und einen Aniran.

"Was ist das", hört Tyalfen sie leise fragen und muss lächeln. Diese Frage war zu erwarten, nachdem ihre Hand nicht mehr nur auf ihm ruhte, sondern das kleine, harte Dingelchen unter seinem Gewand zu ertasten versuchte. "Eine Eichel", antwortet er Muriann zunächst nur und kann förmlich spüren, wie sie stutzt und einen Augenblick später zu ihm aufschaut. Sein Lächeln vertieft sich unweigerlich, tut es immer, wenn er daran denkt. "Keine Echte, vielmehr eine kostbare Nachbildung aus Bernstein. Meine Frau schenkte sie mir zu unserer Verlobung." Dass er sie kostbar nennt, hat weit weniger mit dem verwendeten Bernstein zu tun, als man bei einem Ilfaya vermuten könnte. Sie ist der Träger einer unschätzbar wertvollen Erinnerung, das Symbol mit dem alles Schöne seinen Anfang nahm. Mit ihrer nächsten Frage, wie lange er schon verheiratet sei, schmilzt sein Lächeln allerdings zu wehmütiger Grimasse, unbemerkt im Dunkel der Nacht, anders als der gedehnte Stoßseufzer, unter dem sich sein Brustkprb deutlich hebt und senkt. "Wir wollten in diesem Sommer vor den Traualtar treten." "Oh, tut mir Leid, Ich dachte..." "Schon gut" unterbricht er sie, wohlwissend, dass Arúen seine Frau zu nennen eben so klingen musste und genau das auch vor allen Elben und Göttern längst wäre, hätte Llaeron ihnen nicht so dermaßen dazwischen gepfuscht. "Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben." Dann heiraten sie eben, sobald er wieder heimkehren kann in Talyra. Arúen und er brauchen kein hochherrschaftliches Fest, schon gar nicht fernab all der Lieben, die sie in Talyra haben und wenn ihrem Vater dies nicht schmeckte, kann der sich liebend gern beim Schicksalweber selbst beschweren.

"Dann war die Nachricht für sie bestimmt?" Mit dieser Vermutung tippt Muriann genau ins Schwarze und spricht doch etwas an, dass Tyalfens Herz neben der Sehnsucht nach seiner Sonne und seinem Stern unsäglich beschwert, nämlich jenen Teil ihres Planes in der Neumondnacht ihres Verschwindens, der nicht gelingen wollte. Jeder unter den nachtwachenden Blaumäntel war da auf seinem eingeteilten Posten vor bleiern schwerer Müdigkeit (mit freundlichen Grüßen aus der Kräuterkunde), gegen die sich zu wehren schlichtweg aussichtslos war, zusammengesackt und in tiefen, traumlosen Schlaf "gefangen" - alle, bis auf einen. Warum musste auch dieser ziegenbärtige Rotschopf ausgerechnet in dieser Nacht zur Wache an den Volieren eingeteilt sein?! Der einzige Kostverächter wohlzubereiteter Aufgüsse, sofern sie weder Hopfen noch Malz kannten! Für die Mission glücklicherweise nur dort an den Rabenkäfigen, war das für Tyalfen mehr als Pech. Sie konnten sich ungesehen aus dem Lager schleichen, doch die kleine Hülse, in der fein säuberlich zusammengerollt ein kleines Schriftstück, Worte voller Liebe, Sehnsüchte, Hoffnungen und Erklärungen verwahrte, trägt er immer noch bei sich.
Indessen dürfte dieser aus Quarantäne verfügbare Rabe wohl inzwischen eine ganz andere Nachricht nach Talyra gebracht haben. Er kann sich nur mit der Gewissheit trösten, dass seine Liebste über beste Quellen verfügte, wenigstens indirekt zu erfahren, dass es ihm gut geht, wenn nicht als Stadträtin, dann als Freundin vieler einflussreicher Talyrer. Bestimmt hatte sie von den strengen Quarantänemaßnahmen erfahren, wenn nicht gleich, dann vielleicht als sie bemerken musste, dass ihre eigenen Raben mit einer Verspätung von zwei Siebentagen mit anderen dringlichen Meldungen zurückkamen? Es muss einfach so sein, klammert sich Tyalfen an eine vage Hoffnung, denn der Inhalt ihrer letzten Zeilen klang so ... so ... verzweifelt?
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von »Tyalfen« (25. September 2018, 18:03)


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Sonntag, 30. September 2018, 01:24

"DIESE GÖTTERVERFLUCHTEN BASTARDE, DIESE ELENDEN MISSGEBURTEN VON BAILAWEYR! ICH WERDE IHNEN EIGENHÄNDIG DIE HODEN ABREISSEN UND IN DIE AUGENHÖHLEN RAMMEN! ICH WERDE SIE ZURÜCKFICKEN UND IHREN MÜTTERN DIE FOT..." "Adjif!" "WAS?", fährt der Südländer völlig außer sich herum und dessen dunkle Augen blitzen wild und zornig unter dem Chesch hervor. Sie alle tragen diesen seit sie die Grünwasser überquert haben, nicht nur weil sie der Atemschutz vor Ansteckung bewahren kann. Beim Binden des Turbans lassen sich lange Haare in zu leuchtenden Haarfarben praktischerweise umwickeln und verbergen Tyalfens Schopf genauso wie Murianns kupferrote Lockenpracht, von Tyalfens spitzen Ohren ganz zu schweigen. Wenigstens etwas, zu dass der Kerl gut ist, denkt der Laikeda'ya und legt seine Hand besänftigend an dessen Arm. "Beruhige Dich!" Adjif schüttelt sie jedoch rasch ab und für lange Augenblicke messen sich ihre Augenpaare. Nein, überschwängliche Sympathien haben diese Beiden noch nie für einander empfunden. Seit Mealla Riwanon von Liyonês diesen Mann, der aus seinen targischen Wurzeln keinen Hehl machte, irgendwann im vergangenen Zwölfmond im Haus der Heilung angestellt hatte, hatte Tyalfen seine Besuche dort auf das Notwendigste beschränkt. Aber das ist eine andere Geschichte und mögen die Götter allein wissen, was diesen Menschen nach Talyra verschlagen hatte, jetzt sind sie Gefährten, oder sollten es zumindest sein. "Bitte, Adjif, man kann dich meilenweit hören." "NA UND? SOLLEN SIE DOCH KOMMEN!" Wie ernst er das meint, macht seine handschuhbewehrte Hand deutlich, die sich just an den Knauf des Schwertes legt, das er an seinem Hüftgurt trägt. Es ist nicht seine Waffe, genauso wenig wie Tyalfen Bogen oder Köcher gehören, die er mit sich führt. Doch wie das den Blaumänteln schmecken mag, von denen sie sich die Waffen in der Neumondnacht ausgeborgten, ist derzeit wirklich ihre kleinste Sorge.

Es waren die Feuer Glasllyns, die sie in Rhayader tage- und nächtelang brennen sahen. Nun stehen sie vor den völlig ausgebrannten Gebeinen einer Stadt, die das ganze Ausmaß an Abscheulichkeit offenbart. Sie hatten das Stadttor von außen vollkommen verrammelt vorgefunden. Und als sie es aufzustemmen vermochten, hatten sie sich mit schützend hochgerissenen Armen unter der Heerschar, aufgescheuchter, kreischender Knochenkrähen wegducken müssen, nur um sich inmitten verkohlter Leichname all derer wiederzufinden, die versucht hatten, diesem grausamen Inferno zu entkommen - chancenlos, namenlos zur Unkenntlichkeit verbrannt und so entsetzlich viele, dass einem vor lauter Entsetzen das Blut in den Adern gefrieren mag. Adjifs so hilf- wie sinnloser Ausbruch hat Tyalfen aus der eigenen, fassungslosen Erstarrung gerissen und vielleicht verdienen die Herren von Bailaweyr genau das, was der Südländer ihnen nur zu gern angedeihen lassen würde. Aber das ist weder ihre Angelegenheit noch das Ansinnen ihrer Mission.

"Den Flammen ausgeliefert ... alle", stöhnt Heggeth ergriffen. Er ist ein erfahrener Heiler aus dem Faêyristempel wie Lundgreyn. Als strikte Diener des Lebens hatten sie abgelehnt, irgendeine Waffe an sich zu nehmen. Sie hätten sie ohnehin nicht einzusetzen gewusst. Besorgt sieht sich Tyalfen nach Muriann um. Auch sie wirkt in ihrer ganzen Haltung sehr mitgenommen (wie könnte einen so ein Anblick auch kalt lassen), doch auch sie fasst sich langsam, während der Südländer inzwischen verkündet, besser gleich nach Bailaweyr zu gehen und fordert mit Nachdruck darüber abzustimmen. Dieser Vorschlag schmeckt Tyalfen überhaupt nicht. Nun wo sie erfahren mussten, dass sie hier nichts mehr ausrichten noch irgendwelche Anhaltspunkte finden können, zieht es den Laikeda'ya nach Caerfaddon. Die Korrespondenz mit einem gewissen Cerlain, hochrangiger Diener Aniras und ansässig in eben diesem Caerfaddon, mag im letzten Zwölfmond nicht besonders zufriedenstellend verlaufen sein, um Aniras Band zu knüpfen, so kann sich Tyalfen nicht vorstellen, dass die Heilerschaft das hier noch billigen könnte. Er rechnet damit, dass sie unter diesen Gegebenheiten und unter dem Deckmantel der Heimlichkeit inzwischen weitaus bereitwilliger mit ihnen kooperieren werden. So hat es Tyalfen vor den geheimen Rat in Rhayader getragen, der Zusammenkunft an der auch Adjif teilgenommen hatte und er wird nicht dulden, dass der Südländer nun sein eigenes Süppchen zu kochen versucht. "Wir gehen nach Caerfaddon!"

"Wer hat dich eigentlich zu unserem Anführer gemacht", wird die verbohrte Beharrlichkeit des Südländers langsam zur Geduldsprobe. Es ist weder der richtige Zeitpunkt noch der rechte Ort vernünftige Entscheidungen in Frage zu stellen. Und erst Recht mag sich Tyalfen nicht hier an den Toren eines schauderlichen Massengrabes in irgendwelche Machtrangeleien verwickeln lassen. Doch da mischt sich Heggeth überraschend ein und meint: "Sein Rang macht ihn dazu." Heggeth bleibt jedoch nicht der Einzige. "Und sein kühler Verstand" sagt Lundgreyn und Muriann erklärt: "Und er war einer der Ersten, der sich für die Menschen Griánàrdians eingesetzt hat. Und als absehbar war, dass wir auch im Interesse Talyras nach Griánàrdian gehen sollten, hat er sich sogar mit Lord Rífbardán angelegt. Aber ..." "Uuuh, sogar mit Lord Rífbardán", fällt ihr Adjif ins Wort. "Wollen wir ihn nicht gleich heilig sprechen?" "Hör mir doch mal zu", boxt sie ihn nicht wirklich derb aber gehörig genervt gegen die Brust. "Ich wollte trotzdem gerade vorschlagen, dass wir uns vorerst an der Straße nach Bailaweyr umsehen, soweit es eben geht. Wenn hier in der Gegend noch andere siedeln, dann doch sicherlich nahe der Verkehrswege und in Bailaweyrs Umland ganz bestimmt noch mehr statt im tiefsten Wald." Es ist ein Umweg, ein gewaltiger sogar, aber sie hat nicht ganz Unrecht, ihn an die Menschen zu erinnern, die abseits der Städten wohnen. Sie haben sich schließlich nicht nur der Antworten wegen auf den Weg gemacht.
"Also gut, aber bestenfalls nur bis in Bailaweyrs Umland und sollte es zu riskant für uns werden ziehen wir uns vorher schon gen Caerfaddon zurück." Damit sind alle einverstanden und es bleibt abzuwarten, wie lang diese Einigkeit andauern mag. Adjif lässt sich jedenfalls nicht nehmen, Tyalfen mit den Worten "nach Euch, Eure Heiligkeit" spöttisch den Vortritt durch Glasllyns Tor zu lassen. Das kann ja noch heiter werden.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von »Tyalfen« (30. September 2018, 22:53)


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Dienstag, 9. Oktober 2018, 23:31

Die nächsten Tage reihen sich recht gleichförmig aneinander. Sie folgen dem Lauf der Straße nach Bailaweyr in respektvollem Abstand, von hohem Faunenfarn geschützt und zumeist schweigend, obwohl schon seit einiger Zeit nichts mehr von Reiterpatrouillen oder irgendeiner Menschenseele sonst zu hören oder zu sehen ist, ziehen sich mit der Dämmerung tiefer in den Wald zurück und schlafen unter freiem Himmel. Ihre Wasserschläuche füllen sie ausschließlich an schnell fließenden Quellen und Wildbächen, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet, denn es ist noch immer so heiß und trocken wie im Sonnenthron und waschen sich wenigstens ein bisschen, so gut es eben geht. Sie essen streng rationiert nur von dem, was sie mit sich führen, wagen weder reife Beeren anzurühren, noch ein Feuer zu machen. Häufiger als in einem Gebiet, von dem es hieß, es sei kaum besiedelt, anzunehmen wäre, stoßen sie auf Abzweigungen, Waldwege bisweilen auch Pfade, auf die gewiss schon länger kein Fuß mehr gesetzt wurde. Den meisten anderen folgen sie ein Stück weit, um zu sehen, wohin sie führen und in der Hoffnung, lebende Seelen zu finden, denn brauchbare Spuren haben die knochentrockenen Wege keine mehr für sie. Sie finden verbrannte, verfallene oder verlassene Gehöfte oder Hütten oder auch einfach gar nichts, weil der Weg noch endlos weitergehen könnte.

Dieser breite, ausgefahrene Weg hier führt nicht in die Ferne. Schon von der Gabelung aus können sie das Gemäuer erkennen, das sich aus der Nähe als Gasthof mit seinen Anbauten und Nebengebäuden entpuppt. "Waldesruh" steht auf dem Schild über ihren Köpfen und mehr scheint sie hier auch nicht zu erwarten. Alle Fensterläden sind geschlossen und kein Laut dringt nach draußen. Der Schornstein schweigt und es will weder nach Rehrücken, noch Wildschweingulasch oder sonst irgendeiner Gaumenfreude duften, kein Schnaufen, Stampfen, Wiehern aus den Stallungen, ein abgedeckter Brunnen, derweil die beiden Rosenstöcke an den Flanken der Eingangstür jämmerlich vertrocknet sind. Die "Waldesruh" ist so verlassen wie die Sägemühle, die sie vor ein paar Stunden entdeckt hatten und das nicht erst seit einigen Tagen. Tyalfen erinnert sich sehr genau, dass dieser Blaumantel, der im Silberweiß in die Reederei geschneit war, damals schon von Grenzwächtern berichtet hatte, die Brände auf griánàrd'scher Seite beobachtet haben wollen, sehr wahrscheinlich die ausgebrannten Ruinen, denen sie sie seit Glaslynn auf der Spur waren. Doch je weiter sie sich vom Grenzgebiet entfernten, desto öfter stießen sie stattdessen auf verlassene Örtlichkeiten. Wir hätten gleich nach Caerfaddon aufbrechen sollen. Hier verschwenden wir nur unsere ...

"HEY, es ist offen!", lenkt Adjifs Ausruf auch Tyalfens Aufmerksamkeit zurück zur Eingangstür des Gasthaus. "Vielleicht finden wir noch etwas Brauchbares." Noch bevor sich der Aniran überhaupt die Frage stellen kann, warum die Tür des Haupthauses nicht oder nicht mehr verschlossen ist oder ob der Südländer mit etwas Brauchbarem Hinweise oder nicht doch eher einen guten Tropfen im Keller meint, ist Adjif schon im Inneren verschwunden. Ein, zwei Wimpernschläge später hören sie ein Poltern, leise Flüche und schließlich ein: "Nichts passiert!" Tyalfens Hand, die sich schon an seinen Bogen gelegt hatte, sinkt wieder herab, begleitet von einem enerviertem Kopfschütteln. Schon wird der erste Fensterladen neben der Eingangstür aufgestoßen und der altbekannte Kopf des Südländers, der sich nun das Tuch vom Gesicht zieht, taucht im Fensterrahmen auf. "Wo bleibt ihr denn?" Tyalfen hätte sich diesen Vorstoß etwas umsichtiger gewünscht, aber da er nun einmal schon vollzogen ist und nichts passieren will, setzt sich auch der Laikeda'ya von den Anderen gefolgt in Bewegung.

Fünf ausgetretene Steinstufen führen hinauf zu einer recht schmucklosen Kassettentür, die zwar etwas verwittert aber keineswegs ramponiert erscheint. Bei Dunkelheit sorgten sicher einmal die beiden Laternen zu deren Seiten für sicheren Tritt, aber so blind und verstaub wie sie sind, wurden sie schon lang nicht mehr benutzt. Tyalfen verspürt durchaus eine gewisse Neugier, ob sie etwas über den Verbleib der einstigen Besitzer in Erfahrung bringen können und tritt ein. Das heißt, er kommt gerade einmal dazu, einen Fuß über die Schwelle zu setzen, als etwas verdammt hartes, unvermittelt wie aus dem Nichts und äußerst schmerzhaft in sein Antlitz saust und ein heilloses Getöse in seinem Schädel ausbricht. Er spürt noch, wie ihm die Beine den Dienst versagen und Hände nach ihm greifen, bevor undurchdringliche Schwärze seinen Geist benebelt.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Tyalfen« (10. Oktober 2018, 01:42)


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Mittwoch, 10. Oktober 2018, 23:15

Als Tyalfen wieder zu sich kommt, findet er sich bäuchlings liegend auf dem Boden wieder, auf staubiger Erde, nicht auf Stein, nicht auf Dielen. Es ist hell um ihn herum, viel zu grell und auf seiner Zunge liegt der metallische Geschmack von Blut. Sein Haupt dröhnt, derweil sich seine Arme nicht von seinem Rücken ziehen lassen und seine Handgelenke brennen schmerzhaft. Gefesselt? Langsam kehren die letzten Erinnerungen zurück - Gasthof, Tür, Adjif - aber sein Geist tut sich noch schwer zu begreifen. Wo ist Adjif? Wo sind Muriann und Heggeth und Lundgreyn? Als er wieder die schweren Lider hebt, nehmen ihm die eigenen Haare die Sicht? Wo ist das Tuch, dass er sich immer um den Kopf geschlungen hatte? Da raschelt etwas ganz dicht bei ihm. Andere Seite? Tyalfen ächzt gequält bei dem Versuch, den Kopf zur anderen Seite zu drehen. Es ginge leichter, wenn er seine Hände gebrauchen und sich wenigstens ein bisschen abstützen könnte. Wer ist das? "Lungree" Deutlicher will ihm der Name des Heilers aus dem Faêyristempel nicht über die Lippen kommen. Der Angesprochene reagiert nicht auf ihn, ist es wohl nicht. Ist das sein Gepäck, dass der Andere da durchsucht? Was soll das? Von irgendwoher ruft irgendjemand etwas in einer Sprache, die er nicht versteht, mit einer Stimme, die er nicht kennt? Der Andere antwortet ebenso fremd und unverständlich, hebt irgendetwas hoch, dass Tyalfen nicht erkennen kann. Dann wendet sich der Andere zu ihm selbst herum, auf andere Weise vermummt und unter einer Kapuze hervor und sagt wieder etwas mit fremder Zunge, das aber nicht ihm zu gelten scheint, bevor der da sich erhebt, nach ihm bückt, an Schulter und Hüfte packt und auf die Seite wälzt. Grob werden die oberen Verschlüsse seiner Tunika aufgerissen und seine Halsketten begutachtet. Räuber? Das Intarsienamulett der Faga ty Ainiriur wird ihm abgenommen. Arúens Verlobungsgeschenk erscheint diesem Menschen offensichtlich nicht wertvoll genug - ein schwacher Trost. Wir hätten gleich nach Caerfaddon gehen sollen! Sie reden wieder irgendwas. Tyalfen hört auch Schritte die sich nähern. Hände packen ihn unter den Armen, ziehen ihn hoch auf die Knie, dann ganz auf die Beine. Da ist das Gasthaus. Wo sind die Anderen? Seine Leute? Die beiden Fremden schleifen ihn hinein und stoßen die Tür hinter sich zu. Sie müssen auch den Fensterladen wieder geschlossen haben, denn ist dunkel herinnen. Er wird auf einen Stuhl gedrückt und daran festgebunden. Dann lassen sie wieder von ihm ab.

Tyalfen ist so übel geworden, dass er die Augen schließt und den Kopf nach hinten lehnt. Er konzentriert sich ganz auf seinen Atem, um sich nicht übergeben zu müssen. Vielleicht ist er dabei wieder weggedämmert, muss es wohl, denn er schreckt hoch, als sich kaltes Wasser über sein Antlitz ergießt. Noch etwas benommen erkennt er nach dem ersten Schreckmoment die Gestalt eines hochgewachsenen Mannes im Schein einer Laterne, die Gugel tief ins Gesicht gezogen, dass dessen Augen im Schatten liegen und ein Halstuch bis über die Nasenspitze. Dessen Gewandung erinnert Tyalfen an die von Jägern oder Waldläufern, zweckmäßig eben. Gleichzeitig bemerkt Tyalfen, dass seine Sinne etwas klarer sind als zuvor. Er spürt das argwöhnische Lauern hinter allem Tuch. "Trink!", wird ihm der Becher gegen den Mund gedrückt und Tyalfen tut wie ihm geheißen. Als ihm der Becher vom Mund genommen wird, wagt er einen Vorstoß:

"Wo sind meine Gefährten?"
Der Fremde lässt sich viel Zeit mit einer Antwort, stellt den Becher beiseite, rückt sich einen Stuhl ihm gegenüber zurecht, schnürt ein in Leder geschlagenes Päckchen auf und beginnt schließlich sich eine lange Tabakpfeife zu stopfen.
"Ich stelle hier die Fragen und wenn Euch Euer Leben lieb ist, antwortet Ihr." Sehr gelassen mit einer Stimme, die weder besonders jung noch alt, noch tief oder hoch klingen will, diktiert der Fremde den Kurs und blickt von seiner Pfeife auf.
"Wer seid Ihr?"
"Tyalfen aus dem Haus Laifaryn"
"Auf wessen Geheiß seid Ihr hier?"
"auf Aniras Gebot"
"Was habt Ihr mit dem Weyrs zu schaffen?"
"Nichts"
"Woher kommt Ihr?"
"aus Talyra"
"Wohin wollt Ihr?"
"nach Caerfaddon"
Wieder schaut der Fremde zu ihm auf und Tyalfen spürt das Misstrauen auf dessen Zügen ohne es zu sehen. Und während dieser inzwischen die Laterne öffnet, um einen Holzspan zu entzünden, dämmert Tyalfen, dass es wohl reichlich seltsam klingen muss, wo sie doch so fernab der Großen Nordstraße aufgegriffen wurden und ergänzt:
"Wir sind nicht von Talyra Stadt aufgebrochen, sondern waren in Rhayader stationiert."
"Ah! Also untersteht ihr Lord Rífbardáns Befehlen."
"Nein, wir ..."
"Hat Lord Rífbardán nicht mehr das Kommando über Rhayader?"
"Doch, aber ..."
"Stationiert klingt nicht so, als seid Ihr sein Gast gewesen!"
"Wir folgten seinem Hilferuf."
"Verstehe."
Tyalfen wird das Gefühl nicht los, der Fremde zieht die falschen Schlüsse. Aber sein eigener Geist ist immer noch so elend träge, dass es ihm nicht gelingen will zu erahnen, worauf der Fremde mit all den Fragen überhaupt hinaus will. Ihm erschließt sich nicht einmal, wieso einen Straßenräuber mehr interessieren könnte, als die Beute und was wie sie ihm einbringt. Und doch fühlt er, wie den Fremden beschäftigt, was er erfahren hatte, während der an seiner Pfeife zieht. Es sieht beinahe gespenstisch aus, wie der ausgeatmete Qualm unter dessen Tuch hervor kriecht. Wir hätten gleich nach Caerfaddon gehen sollen.
"Der Seuchenherd Glasllyn stellt nun keine Gefahr mehr für Rhayader dar. Als Nächstes brennt ihr also Caerfaddon nieder?"
Bitte was? "Nein! Wir sahen das Inferno von Glasllyn von talyrischer Seite aus. Lord Rífbardán untersagte uns ausdrücklich, nach Griánàrdan zu gehen. Aber ..."
"Ihr habt seine Befehle missachtet?"
"Ja, keiner von uns hat ihm Gefolgschaft geschworen. Unsere Treue gehört Anira und der heilige Eid gebietet uns, keinen Unterschied zu machen, auch nicht zwischen Talyrern und Griánàrdern."
"Ah ja."
Tyalfen hat keine Ahnung, ob der Fremde ihm glaubt. Der nämlich erhebt sich und geht. In irgendeinem Nebenraum hört er er mit einem anderen reden, ohne etwas zu verstehen. Doch er kommt wieder und Tyalfen erkennt die Mappe in dessen Händen. Es ist seine eigene.
"Was genau ist das?"
"Aufzeichnungen über jeden Krankheitsfall."
"Und das?"
Tyalfen kneift die Augen zusammen, um das kleine Ding, dass ihm der Fremde zwischen Daumen und Zeigefinger präsentiert zu erkennen und zieht unwillkürlich scharf die Atemluft ein, als er darum weiß.
"Also? Wer oder was ist Arün?"
"Arúen ist meine Frau. Mit dieser Nachricht wollte ich sie wissen lassen, dass ich noch nicht heimkehren kann und warum ich nach Griánàrdian ging."
"Eine Nachricht, die Ihr nicht abschickt. Auf einer Straße unterwegs, die Euch nicht nach Caerfaddon führen wird. Euer Fürst, dem Eure Loyalität nicht gelten soll. Ich werde Euren wahren Absichten noch auf die Schliche kommen. Verlasst Euch drauf!"
Gut, der Fremde hat ihm also kein Sterbenswörtchen geglaubt. Nein nicht gut. Ganz und gar nicht gut! Verdammt, denk nach! Unheilsahnend starrt Tyalfen dem Fremden nach, soweit sein Blick ihm folgen kann, schaut sich hektisch hier im Schankraum um und hat doch keinen Plan, nach was er überhaupt sucht. Er ist an diesen Stuhl gebunden, kann sich keinen Sekhelrin rühren, ist in etwa so handlungsfähig wie ein Trunkenbold und hat keine Ahnung, wo seine Leute sind oder ob sie überhaupt noch leben - alles in Allem recht beschissene Voraussetzungen.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Tyalfen« (11. Oktober 2018, 11:04)


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Freitag, 12. Oktober 2018, 15:16

Mmmh ... Dioma ... nicht aufhören ... Verschlafen tastet seine Rechte nach ihr und findet sie nicht. Wo bist Du? Stattdessen durchdringen verhaltene Geräusche die letzten Nebel der Trance, das leise Plätschern von Wasser und das Knirschen von Fasern, die ausgewrungen werden. Komm doch wieder ins Bett, min Nar. Im nächsten Moment ist er schlagartig hellwach, reißt die Augen auf und den Kopf hoch, um an sich hinab zu blicken. Doch da ist nicht Arúen und das ist auch nicht ihr Schlafgemach auf Vinyamar. Mit Murianns Anblick kehren alle Erinnerungen zurück, die Letzten so bruckstückhaft, wie er sie hat wahrnehmen können. Langsam lässt er sein Haupt wieder zurück auf sein Lager sinken und beginnt diese Bruchstücke zu sortieren - angefangen im Schankraum der "Waldesruh". Nach dem Verhör hatten sie Muriann hereingezerrt, ihr Knebel und Handfesseln abgenommen und sie gezwungen, den aniranischen Schlafzauber über ihn zu legen. Zittrig hat sich ihre Hand an seiner Stirn angefühlt und nicht so warm wie jetzt. Das Nächste, an das er sich erinnert, sind die Federwölkchen am Himmel zwischen vorbeiziehenden Baumwipfeln und das Gerumpel des Fuhrwerks, auf dem er lag und die Vier, die mit über den Kopf gezogenen Säcken zu beiden Seiten neben ihm hockten. Sie hatten sie also kurzerhand mitgenommen. Doch warum und wohin? Hoffentlich nicht nach Bailaweyr. Das hier ist jedenfalls weder Kerker noch Haus sondern nur irgendein notdürftiger Verschlag. Er kann das einfallende Licht durch die Bretterfugen sehen, selbst durch das niedrige Dach, dass keinen Regen abhalten kann. An Regen dagegen kann er sich erinnern, auch auf dem Karren und dass der ihn zusammen mit dem drängenden Bedürfnis sich erleichtern zu müssen geweckt hatte. Soweit er weiß, hat er das nicht und dies mag auf nicht ganz so angenehme Weise erklären, wieso er hier nackt liegt und gewaschen wird. Tyalfen hätte sich zweifelsohne lieber zuhause und in Arúens Gegenwart wiedergefunden. Aber sie leben und das muss einstweilen genügen.

"Du bist wach", hat jetzt auch Muriann bemerkt und lässt den Lappen zurück in eine Waschschüssel gleiten. "Wie geht es Dir", beugt sie sich auch schon über ihn und er kann die dunklen Ringe unter ihren Augen sehen. Doch bevor er ihr irgendeine Antwort geben kann, besinnt sie sich: "Du musst durstig sein!" Ja. "Darf ich ihm bitte etwas geben?" Es ist dieser letzte Satz, der ihn hochschnellen und die Beine über die 'Bettkante' schwingen lässt, um ihrem Blick zu folgen, hin zur anderen Seite der Wand hinter dem Kopfende seines Lager. Da sitzt der Fremde, der das Verhör geführt hatte, die Arme vor der Brust verschränkt und lässig gegen die Wand gelehnt - selbst jetzt. Aber Tyalfen entgeht auch nicht das Messer, dass in die umgedrehte Kiste, gerammt wurde, die zwischen seinem Lager und dessen Schemel steht. So mögen Muriann und er zwar im Augenblick keine Fesseln tragen, Gefangene sind sie immer noch. Der Fremde erlaubt es mit nur einem Nicken hin zu Kanne und Becher, die ebenfalls auf der Kiste stehen, wie er auch seine Ledermappe und die Hülse dort liegen sieht. Nachdenklich senkt sich Tyalfens Blick auf seine Hände, an deren Gelenken die Striemen der Handfesseln noch deutlich zu sehen sind, bis Muriann ihm den Trinkbecher reicht.

Sie hat sich kaum neben ihm auf das Strohlager gesetzt, als das Leder vom Eingang beiseite geschoben wird und zwei Männer eintreten, wie sie wohl unterschiedlicher nicht sein könnten, der Eine groß, untersetzt und sicher noch keine vierzig Sommer alt, dafür aber schon mit einer Halbglatze gestraft, um die er das Resthaar in eigenwillig fülligem Kurzschnitt trägt, der Andere klein, sehr schlank, dass man ihn durchaus schon mager bezeichnen könnte und ergraut. Keiner von Beiden hat sein Gesicht verhüllt. "Du wolltest uns sprechen", richtet der Jüngere das Wort an ihren Bewacher, der nach der Hülse greift und sich erhebt. "Werft bitte einen Blick hier rauf. Kann einer von euch etwas damit anfangen?" Der Ältere furcht nur die Stirn, kaum dass sie die Nachricht herausgeholt und einen Blick darauf geworfen haben. Der Jüngere jedoch scheint es zu können, hebt den Pergamentstreifen lediglich in günstigeren Lichtschein, bevor er antwortet: "Das ist Shidar, die Sprache der Elben. Ich kann es übersetzen, wenn Du willst."
"Bitte"
"Hier und jetzt?"
Tyalfen spürt den skeptischen Blick des Jüngeren auf sich lasten und ist froh um den Becher in seinen Händen, hinter dem er wenigstens sein Antlitz verbergen kann, denn ist es weniger seine Blöße, derentwegen er sich unangenehm nackt vorkommt.
"Hier und jetzt!"
"Wie du wünschst: 'Meine Sonne, mein Stern, jeder freie Gedanke fliegt sehnsüchtig zu euch und ich wünschte, es gäbe genug sichere Raben, dass ihr darum wüsstet. Diesen Einen wage ich, mir für meine Zeilen an euch zu stehlen, denn so wie die Dinge in Rhayader stehen, ist das Ende der Quarantänemaßnahmen absehbar. Doch dann werde ich nicht mehr dort sein. Wir müssen nach Griánàrdian zum Ursprung der Seuche, um sie besser zu verstehen und so die Götter mit uns sind, ein Heilmittel zu finden. Niemals darf diese Seuche in Talyra so ungehindert wüten dürfen, wie sie es hier tat. Euer Schild in Ferne, im Herzen bei euch, Tyalfen'"
"Tyalfen? Hat er ..."
"Warte, es geht noch weiter: 'Ps.: Liebstes Töchterchen, bitte gib Mama einen dicken Kuss von mir. Was ich wohl alles verpasst haben werde, bis wir uns wiedersehen? Ich vermisse Dich.
Mein Herz, höre nicht auf die Blaumäntel. Sie werden mich einen Narren nennen, doch ich weiß um die Gefahr. Glaube an mich, sie kriegen mich nicht.
Pps.: Heiraten wir in Talyra, gleich wenn ich zurück bin?'"
"Wenn er der ist, der er vorgibt zu sein und ich sehe keinen nennenswerten Grund, das in Frage zu stellen, wenn ihr mich fragt" ist es der Ältere, der wie schon zuvor, als er Tyalfens Namen hörte, einhakt und dieses Mal zu Wort kommen kann. "dann habt Ihr uns genau den Richtigen gebracht." Mit diesen Worten gehört ihm aller ungeteilte Aufmerksamkeit, selbst Tyalfen hat den Becher sinken lassen und stellt zu seiner Überraschung fest, dass der Ältere ihn ansieht, als erwarte er irgendetwas von ihm. "Wir haben miteinander korrespondiert. Wisst ihr noch?" Korrespondiert? "Dann müsst ihr aus Caerfaddon sein, Cerlain aus Caerfaddon?" "Leibhaftig! Sehr erfreut Eure Bekanntschaft zu machen", grinst der Besagte und sagt im Brustton tiefster Überzeugung an den Maskieren gewandt. "Der macht sich niemals mit den Weyrs gemein!" Und während Cerlain noch weiter auf den Fremden einredet und ihm erklärt, weswegen sich Tyalfen schon lange vor Ausbruch der Seuche an ihn gewandt hatte und was es mit Aniras Band auf sich hatte, schiebt der sich langsam die Kapuze vom Kopf und löst das Tuch von seinen Zügen. Er entblößt ein überraschend junges Gesicht, etwa in Aneirins Alter, aber doch sehr viel ernster und kantiger. Sie betrachten sich gegenseitig nicht ohne eine gewisse Neugier darauf, was sie wohl von einander zu erwarten haben, bis dessen Blick zu Muriann weiterwandert.
"Schon gut", stoppt er schließlich Cerlains Redeschwall. "Ihr habt also die Wahrheit gesagt und ich möchte mich für alle Unannehmlichkeiten entschuldigen. Aber letztlich seid ihr wohl genau dort, wo ihr sein solltet", umspielt ein seltsames Lächeln des Fremden Lippen. "Kleidet Euch an und dann findet euch vorn bei den Feuerstellen ein. Alles weitere besprechen wir, nach einer ordentlichen Mahlzeit." Damit bedeutet er den beiden Anderen zu gehen und schickt sich auch selbst an, sie zu verlassen, da hält ihn Tyalfen zurück. "Sagt bitte, wo sind wir hier überhaupt? Und wer seid Ihr?" Langsam wendet sich der Angesprochene zurück und trägt wieder dieses geheimnisumwitterte Lächeln auf den Zügen. "Ich bin Robyn. Robyn Goch. Willkommen bei der Bruderschaft des Waldes."
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »Tyalfen« (12. Oktober 2018, 16:13)