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Karamaneh

Stadtbewohner

  • "Karamaneh" started this thread

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

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1

Saturday, March 5th 2016, 3:20am

Der Wind und der Löwe

Wüstenwind

We never welcome trouble
We seldom pray for rain
We'd rather walk outside the walls
Of tragedy and pain
But since we're on the subject
Of what's out of our control
Help us move beyond our fears
And trust You, Gods, in full*


{3. Eisfrost 517; Zêntag, Stunde der Jungfrau}

Leise rumpelnd verlässt der Zweispänner, beladen mit all jenen Dingen mit denen Azra und Borgil Karamaneh für die bevorstehende Reise ausgestattet haben, den Hof der Goldenen Harfe durch das Große Tor. Die sich langsam dem Ende hin zuneigende Nacht ist noch dunkel und still. Die Stunde der Jungfrau ist erst zur Hälfte verstrichen und alle Kinder schlafen noch friedlich in ihren Betten. Karamaneh ist froh die Harfe ohne viel Aufsehen und großen Trubel im Schutze der Dunkelheit verlassen zu können. Azra, Missandei und den übrigen Kindern des Blutaxtclans hat sie bereits am Vorabend Lebewohl gesagt und die Reaktionen waren, entsprechend dem jeweiligen Alter und Temperament der jeweiligen Kinder, alle sehr unterschiedlich ausgefallen. Missandei war am ruhigsten gewesen, stumm und duldsam hatte sie das Lebewohl akzeptiert und die Malankari in einer zarten Umarmung gefangen. Braiden, zu klein um schon zu verstehen, was vor sich geht, hatte einfach nur zufrieden gegluckst wie Babys dies nun einmal tun, wenn sie satt, trocken und in die schützenden Arme ihrer Mütter gehüllt sind. Die Zwillinge hingegen hatten lautstark gegen Tante Karas Abreise Protest eingelegt, was Heledd prompt in Tränen hatte ausbrechen lassen und Brevær aus reiner Solidarität gleich mit dazu. In Folge dessen wiederum war Bræn ziemlich sauer auf seine jüngeren Geschwister geworden und es war an Jojeen hängen geblieben zu schlichten und zu beruhigen. Azra wiederum hatte derweil Karamaneh, der das schlechte Gewissen angesichts der ganzen kindlichen Wut und bitterer Tränen deutlich ins Gesicht geschrieben stand, beschwichtigt und die sich bietende Gelegenheit genutzt, die Malankari einmal mehr mit zahllosen guten Ratschlägen zu versorgen.

Karamaneh hat die wenigen Stunden Schlaf, die ihr in dieser Nacht vergönnt gewesen waren daher insgesamt eher schlecht als recht geschlafen und sich von allerlei Gedanken und Sorgen geplagt unruhig von einer Seite auf die andere gewälzt. Aus diesem Grund ist sehr froh dass lediglich Borgil, Gereon, Ninio und Ruan Einohr sie zu dieser frühen Stunde verabschiedet und auf ihren Weg geschickt haben. Borgil hatte sie zum Abschied noch einmal kurz zur Seite genommen und sie ein letztes Mal die Namen aller seiner azurianischen Vögelchen herunterbeten lassen. Danach hatte er sie zudem zum wohl hunderttausendsten Mal ermahnt ja diesen oder jenen Wechsel hier oder dort einzulösen, wenn sie in Goldnöte oder andere Schwierigkeiten geraden sollte und war schließlich, wie so oft in den letzten Tagen, unruhig um sie herumgetigert bis der Zeitpunkt zum Aufbruch gekommen war. Ruan, fürgewöhnlich stets übler Laune, hatte es dem Zwergen gleichgetan und war Karamaneh für seine Verhältnisse ungewohnt milde und anschmiegsam um die Beine geschlichen, bevor er sie schließlich mit einem gnädigen Fauchen sowie mehreren eher halbherzigen Tatzenschlägen auf das wartende Fuhrwerk gescheucht hatte, welches Ninio nun geschickt in Richtung Perlenhafen lenkt.

Zügig durchquert der Zweispänner den Flussgrund, holpert und poltert ächzend über die Brücke, die über den Llarelon ins Hafenviertel führt, und hält dann geradewegs auf den Fischmarkt und das Seetor zu. Der Winter scheint sich immer noch nicht recht verabschieden zu wollen. Der Wind weht eisig und die Straßen sind nach wie vor weiß vor Schnee, obschon es mittlerweile immer wieder einmal vereinzelt relativ milde Tage gibt, die darauf hoffen lassen, dass der Frühling vielleicht bald Einzug hält. Karamaneh hüllt sich bibbernd in ihren Mantel und ist froh, dass sie, ganz gleich ob es in Talyra nun recht bald Frühling wird oder nicht, nun in wärmere Gefilde unterwegs ist. Wenigstens in dieser Hinsicht hat die Reise nach Azurien ganz klar etwas Gutes an sich, zumindest bis ihnen der heiße, sandgeschwängerte Wüstenwind zum ersten Mal unbarmherzig entgegenschlägt.

Angesichts der frühen Morgenstunde und der anstrengenden Vorbereitungen der letzten Siebentage noch etwas müde, zwirbelt die Malankari eine dicke, nussbraune Haarsträhne, die sich aus ihrem zu einer praktischen Reisefrisur geflochtenem Haar gelöst hat, zwischen ihren Fingerspitzen hin und her. Der ungewohnte Anblick ihres Spiegelbildes irritiert sie nach wie vor und sie fragt sich, was der Lord Commander wohl davon halten wird, denn immerhin war diese Maskerade seine Idee. Azra, Grid und Marthea haben auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet, sodass die Verwandlung der Malankari in jeder Hinsicht atemberaubend ist. Passend zu der Reisegarderobe einer wohlhabenden Herzländerin mit welcher Borgil Karamaneh hat ausstatten lassen (und in deren Säume der Zwerg »für alle Fälle« noch den einen oder anderen versteckten Diamanten hat einnähen lassen), haben die drei Frauen die Malankari sorgsam geschminkt. Und nicht nur das, denn dort wo bisher schimmernde goldene Locken tanzten, dominiert nun eine haselnussbraune Pracht. Azra, Grid und Marthea hatten zwar die Hände theatralisch über den Köpfen zusammengschlagen und Karamaneh mehrfach vom Gegenteil zu überzeugen versucht, aber die Malankari hatte sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen und darauf bestanden sich vom Großteil ihres Haares zu trennen—einerseits um die schwere Perücke, die sie nun trägt, bequemer auf- und absetzen zu können, andererseits in weiser Voraussicht der azurianische Hitze, die das Tragen des aufwendigen Kopfschmuckes selbst mit kurzem Haar alles andere als angehem gestalten wird.

Die Malankari lächelt zuversichtlich, im Gegensatz zu den anderen beiden Frauen war es ihr alles andere als schwer gefallen einen Teil ihrer Schönheit zum Wohle der größeren Sache (und der Zweckmäßigkeit) zu opfern. Der Anblick der so kurz wie Igelstacheln geschorrenen goldenen Locken, der unter der falschen braunen Haarpracht verborgen ist, würde zwar jeden—nicht nur jene, die sie kennen—ersteinmal schockiert den Atem anhalten lassen, aber das Gesamtergebnis ist Karamaneh dies allemal wert. Außerdem würde ihr Haar schließlich wieder nachwachsen. Sei dem wie es sei, auch wenn sie nach wie vor nicht wie eine durchschnittliche Herzländerin aussieht, die Täuschung sollte auf jeden Fall fürs Erste mehr als genügen—zumindest solange sie keiner genaueren Prüfung unterzogen wird—und nur darauf kommt es an.

Mit einem kleinen Gähnen schreckt die Malankari auf, als das Fuhrwerk im Schiffhafen polternd zum halten kommt. Wie Olyvar bereits vorausgesagt hat, wird es die Seehure sein, die ihn, Karamaneh und ihre anderen Begleiter unter dem Kommando von Kapitän Maraes über den Ildorel nach Ildala bringen wird. Maraes, ein untersetzter Südländer mittleren Alters, würde auch der Erste sein, an dem die Malankari ihre neue Aufmachung auf ihre tatsächliche Glaubwürdigkeit hin erproben kann. Nimmt der südländische Kapitän der jungen Frau die wohlhabende Herzländerin ab, so würden sie auch in Ildala und Azurien in dieser Hinsicht vorerst hoffentlich mit keinen größeren Schwierigkeiten zu rechnen haben.

Mit einem dankenden Lächeln lässt Karamaneh sich von Ninio vom Zweispänner helfen. Kalter Seewind schlägt ihr vom Ildorel her entgegen und trägt den Geruch von Seetang und frischem Fisch mit sich. Suchend schaut die Malankari sich nach dem Schiff, dem Lord Commander sowie den übrigen Männern um. Auf den geheimnisvollen vierten Mann im Bunde ist sie besonders gespannt. Rayyan und den Narrenkönig kennt sie, den einen mehr, den anderen weniger als den anderen, aber sie kennt sie immerhin. Der vierte Mann hingegen ist ihr bisher nur aus den Worten des Lord Commanders ein Begriff, und nach allem was sie bisher über ihn weiß, macht es sie gelinde gesagt etwas nervös, dass er sie begleiten wird. Wenn sie ehrlich ist, wäre ihr wohler wenn Ogoun sie stattdessen begleiten täte, aber der Nandé ist schon seit etlichen Siebentagen im Auftrag eines Händlers aus der Nyzemia unterwegs und niemand vermag zu sagen, wann er wieder nach Talyra zurückkehrt. Da Karamaneh nicht so lange warten will und kann, bleibt ihr daher nichts anderes übrig als Olyvars Urteil zu vertrauen, dass Kalam Chelain sich auf dem bevorstehenden Weg als äußerst nützlicher Gefährte erweisen wird. Und so zwingt sie sich selbst dazu ruhig zu bleiben und vergräbt ihr frierendes, zart gepudertes Näschen tief im Pelz ihres Mantels, dessen weite Kapuze sie sich tief ins Gesicht hinab zieht, um besser vor der eisigen Morgenbrise geschützt zu sein. Die Malankari ist dankbar für die Dunkelheit, dankbar für die wenigen einsamen Gestalten, die zu dieser Stunde unterwegs sind, dankbar das niemand sieht wieviel Angst sie davor hat zu gehen, obwohl alles in ihr sie nach Azurien treibt. Noch nie zuvor ist ihr der Abschied von einem Ort so schwer gefallen. Zum ersten Mal seit langem hat sie wieder ein richtiges Zuhause, ja, sogar eine Familie. Ich komme wieder!, schwört sie sich. Irgendwann kehre ich wieder nach Talyra heim.

_________________________________________________
*Cheri Keaggy:Take Me On A Journey (Text leicht abgewandelt)
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 1 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 23rd 2017, 8:21pm)


Olyvar

Stadtbewohner

Posts: 163

Occupation: Lord Commander

Location: Steinfaust

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Sunday, March 6th 2016, 10:41am

Roll the Old Chariot along…

3. Eisfrost 517

And the Prophet said: And lo, the beast looked upon the face of beauty, and beauty stayed his hand. And from that day forward, he was as one dead*.

Es ist ein kalter, grauer Morgen – andere Tage scheint der Eisfrost Talyra noch nicht bieten zu wollen – als sie sich zur Stunde der Jungfrau an den Piers einfinden, um an Bord der Seehure zu gehen und ihre Reise in den Süden anzutreten. Olyvar trägt weder die Farben Tarascons noch den blauen Mantel der Stadtgarde, genauso wenig wie der Narrenkönig neben ihm - doch auch wenn der ein oder andere Nachtschwärmer im Vorübergehen vielleicht ihre Gesichter erkennen mag, sie müssen sich keine Sorgen darum machen, dass irgendjemand sich fragen könnte, warum der Lord Commander und ein Blaumantel zu nachtschlafender Zeit die Stadt verlassen und in welcher Begleitung - oder wohin. An den Anlegestellen und auf dem Kai des Handelshafens herrscht noch verhältnismäßige Ruhe, nur um die Piers der Fischer weiter hinten herrscht trotz der götterlos frühen Morgenstunde schon organisiertes Chaos. Talyra ist eine große Stadt und nennt einen bedeutenden Handelshafen ihr Eigen, und alsbald wird es hier trotz der Jahreszeit zugehen wie in einem Taubenschlag. Schiffe würden an- und ablegen, bärbeißige Seemänner und Schauerleute würden unter den Lasten ächzen, die sie von bauchigen Handelsschiffen schleppen oder über knarrende Planken auf selbige hinaufschaffen, Seeleute würden an- oder abheuern, Bootsmänner Befehle brüllen und Fuhrwerke Waren anliefern oder mit welchen beladen wieder davonrattern. Doch noch herrschen Stille und Leere, nur hinter ihnen am Kai werfen Dockschwalben die letzten Zecher und Freier der vergangenen Nacht aus den schummrigen Hinterzimmern und schmuddeligen Hafentavernen, kurzum: niemand schert sich darum, wer sie sind oder was sie wollen. Seufzend schultert er seinen Seesack höher und führt den Narrenkönig durch die morgendliche Düsternis vor der eigentlichen Dämmerung zum einunddreißigsten Pier. Die Laternen vieler sacht im Wasser schaukelnden Holks, Galeonen und Karavellen brennen noch und schweben seltsam körperlos im grauen Zwielicht, dort wo die Schiffe vor Anker liegen. Olyvars Ziel ist die Seehure, eine beeindruckende, dreimastige in Kraweelbauweise beplankte Karacke von gut fünfzig Schritt Länge, zwölf Schritt Breite und mit etwa fünfzig Mann Besatzung. Sie besitzt neben dem Hauptdeck ein Vorderkastell mit zwei zusätzlichen, und ein Achterkastell mit drei weiteren, geschlossenen Decks, deren Fensterreihen außerdem mit üppigen Verzierungen und überbordenden Galerien geschmückt sind. Zudem ist sie ein wehrhaftes Schiff, das mit fünfzehn Windearmbrüsten und ebenso vielen Feldschlangen bestückt, keinen Geleitschutz auf dem Ildorel braucht. An Fock- und Großmast ist die Seehure rahgetakelt, am Besanmast trägt sie ein Amursegel, und als Galionsfigur, wie sollte es anders sein, eine nackte Frau mit üppigen Formen aus dunklem, glänzenden Holz, deren lange, gelockte Haarflechten sich sicherlich noch zwei Schritt um den Bug an den Bordwänden entlang ringeln.

Als sie an Deck kommen, werden sie schon erwartet. Die Mannschaft der Seehure lädt unter der Aufsicht des Steuermanns, eines kleinen, schmalen Mannes um die Dreißig mit wasserblauen Augen, farblosen Wimpern, Brauen und ebensolchem Haar, dessen unbestimmte Gesichtszüge mit einer fliehenden Stirn beginnen und in einem ebensolchen Kinn enden und der es trotzdem schafft, Zähigkeit und Durchsetzungsvermögen auszustrahlen, kistenweise Steingut, edle Hölzer, Leinenballen und Pelze um. Die Matrosen der Seehure nehmen zwar kaum Notiz von ihnen, der Steuermann nimmt sie jedoch freundlich in Empfang, stellt sich als Meldrum vor und schickt ihnen postwendend einen Schiffsjungen, ein Knirps namens Séamas, von gerade einmal zehn Sommern mit schrecklichen Segelohren und einem gutmütigen, sommersprossigen Gesicht unter einem wilden Nest karottenroter Kringellocken, der sie zu den Passagierkabinen im Achterdeck bringt. Sechs Kajüten sind dort eingebaut, drei davon hat Olyvar reserviert: eine wird er sich mit dem Narrenkönig teilen, eine ist für Rayyan und den Vampir gedacht und die mittlere der drei, wird Karamaneh für sich allein haben. Der Narrenkönig, wie auch der Magier kein Freund von Schiffen, Booten, Nachen, Flößen und ganz allgemein jeglicher Art von Wasserfahrzeug, war schon beim Anblick der hoch aufragenden Schiffsmasten im Hafenbecken leicht grün im Gesicht geworden und bleibt gleich unter Deck, rollt sich griesgrämig in der kurzen Koje zusammen und verschließt die Augen vor den Unbilden des Schicksals. Olyvar schiebt ihm mitfühlend einen Eimer in Reichweite und verlässt die Kabine mit dem leisen Verdacht, dass sie den wortkargen Azurianer während der ganzen Überfahrt nach Ildala wohl nur selten zu Gesicht bekommen werden. Rayyan war auch alles andere als begeistert, als er gehört hat, dass wir mit dem Schiff nach Süden aufbrechen… Der Magier wird zwar nicht wirklich seekrank, aber er verabscheut jedes Fortbewegungsmittel, das ihn den unmittelbaren Kontakt zur Erde verlieren lässt, ob das nun ein Maultier ist oder ein Ungetüm wie dieses Schiff mit seinen gut achthundert Quadern Wasserverdrängung und einer Segelfläche von siebenhundertfünfzig Geviertschritt oder mehr.

Kaum ist er zurück an Deck, macht ihm Kapitän Maraes seine Aufwartung und Olyvar plaudert noch immer mit dem Mann, als Rayyan und Kalam an Bord kommen. Der Magier hat für niemanden mehr als ein Kopfnicken übrig, was wahrscheinlich sowohl der bevorstehenden Seereise, als auch der frühen Stunde geschuldet ist, und vergräbt sich mit missmutiger Miene in seinem Umhang, der Vampir hingegen ist putzmunter und bewegt sich, als sei er zum einen nicht zum ersten Mal auf einem Schiff, und zum anderen auch gerade nirgendwo lieber als auf einem solchen… außer vielleicht oben in den Wanten, wo ein gutes Dutzend Männer der Mannschaft herumturnt. "Lass es", murmelt Olyvar belustigt, weil Kalam nach seinem Dafürhalten aussieht, als könne er jederzeit einen gewaltigen Satz in Richtung Toppmast machen und ein bisschen dort oben mitmischen wollen… allerdings hat er zugegebenermaßen keinen blassen Schimmer, ob der Vampir Ahnung von Segeln und Tauwerk hat oder nicht. Maraes, der schon so ziemlich alles als Passagier auf seinem Schiff befördert hat, lässt sich von einem Sithechjünger an Bord seiner Seehure nicht sonderlich beeindrucken und war so gastfreundlich, das winzige Bullauge der Kajüte, die Kalam sich mit Rayyan teilt, verschalken zu lassen, damit kein Licht eindringen kann und sogar ein Fässchen Blutwein und ausreichend… spezielle Vorräte eigens für seinen besonderen Gast anzuschaffen. Was ihn dann doch ein wenig verstört ist die Tatsache, dass dieser Vampir trotz der nahenden Dämmerung so gar keine Anstalten macht, unter Deck verschwinden zu wollen. Dafür verzieht Rayyan sich nach einem knappen Nicken und murmelt etwas von "Schlaf nachholen" und "blödes Schwanken"… an das beständige Auf und Ab der Planken unter seinen Füßen hat auch Olyvar sich noch nicht gewöhnt, dabei ist das sachte Dümpeln hier im Hafenbecken kein Vergleich zu dem, was sie auf dem offenen Ildorel erwartet. Er hat den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gebracht, als er vorn am Pier Karamanehs schlanke Gestalt entdeckt, die sich tief in die Pelze ihres Umhangs gekuschelt hat und suchend den Kopf hierhin und dorthin wendet, so dass er im goldenen Licht der Schiffslaterne einen kurzen Blick auf ihr Gesicht erhaschen kann, ehe sie die Kapuze in die Stirn zieht. Hinter ihr steht Ninio, der Pferdeknecht der Harfe, mit dem Gepäck der 'herzländischen Dame' (das standesgemäß aus reichlich Schließkörben und Truhen besteht). Olyvar gibt zwei Männern der Seehure einen Wink, dem Jungen das Gepäck abzunehmen und geht Karamaneh entgegen, um ihr die Hand zu reichen und ihr über die die heruntergelassene Laufplanke auf das Schiff zu helfen, ganz der unverbindliche, treu ergebene Leibwächter, der er von Stund an für sie zu sein hat.

"M'lady… " raunt er, bemerkt anerkennend ihr dunkles Haar (er hat ja keine Ahnung, was sich darunter verbirgt) und der verschwörerische Unterton in seiner Stimme ist so leise, dass nur Karamaneh ihn erkennen dürfte. "Der Narrenkönig und Rayyan sind schon unter Deck. Wenn Ihr mir folgen wollt…" Olyvar stellt sie wortreich Kapitän Maraes und Maldrum, dem Steuermann, als Lady 'Mélisande Lerac' vor, Tochter Aramon Leracs, eines wohlhabenden, ehrenwerten Händlers aus Orsán, die sich im Auftrag ihres Vaters nach Süden begibt, um dort in seinem Namen geschäftliche Verhandlungen zu führen. Karamaneh lächelt und nickt, jeder Zoll eine wohlerzogene, zurückhaltende Tochter aus gutem Hause. Der Kapitän begrüßt seinen vornehmen Gast vollkommen arglos und mit dem gebührenden Respekt, und auch sein Steuermann neigt dienstbeflissen den Kopf, obwohl seiner Miene anzusehen ist, dass er wohl generell nichts von Frauen auf Schiffen hält und auf seinem ganz besonders nicht, aber er schweigt wohlweislich. Karamaneh kommt jedoch gar nicht in die Verlegenheit, eine Unterhaltung führen zu müssen, denn Kapitän Maraes verabschiedet sich beinahe sofort freundlich, aber bestimmt wieder mit den Worten, dass sie mit dem Sonnenaufgang segeln müssen, oder sie würden den Morgenwind versäumen, und Meldrum schließt sich ihm mit einem gemurmelten: "In den nächsten zwei Tagen bekommen wir raues Wetter, ich spür's im Nacken!" an. Als sie allein sind, nickt Olyvar der Malankari aufmunternd zu, dann tritt Kalam hinter sie. "Karamaneh…" mit einem raschen Blick vergewissert er sich, dass niemand in Hörweite ist, aber selbst wenn - die Mannschaft der Seehure ist vollauf damit beschäftigt, Luken dicht zu machen, Taue aufzuschießen und unten am Pier die Vertäuung zu lösen, niemand nimmt Notiz von ihnen. "Karamaneh, das ist Kalam Chelain, Kalam – Karamaneh alias Mélisande." Die junge Frau neben ihm dreht sich langsam um und wendet sich dem Sithechjünger zu, der sie von den Spitzen ihrer feinen Lederstiefel bis hinauf zu ihrer pelzgefütterten Kapuze mustert - und für einen Moment, so flüchtig, dass Olyvar sich hinterher fragt, ob er es sich vielleicht nur eingebildet hat, sieht der Vampir Karamaneh an, als wäre sie irgendwie magisch. Dann brüllt die Stimme des Kapitäns "Leinen los!", der Bootsmann erwidert etwas, und sie spüren alle, wie das Deck unter ihren Füßen einmal erzittert und dann knarrend zum Leben erwacht. Alle Taue der Takelage straffen sich scheinbar zugleich mit einem sirrenden Ruck, worauf sich langsam die Segel blähen. Noch bevor sie auch nur ein weiteres Wort wechseln können, taucht aus dem Nichts Séamas Segelohr bei ihnen auf, verbeugt sich artig vor "M'lady" und bittet sie, sie in ihre Kabine geleiten zu dürfen, ihr Gepäck habe man schon nach unten gebracht. Karamaneh nickt noch einmal scheu in die Runde, dann folgt sie Séamas, und Olyvar bleibt mit dem Sithechjünger zurück. Doch als er fragend eine Braue hebt, schüttelt Kalam nur sacht den Kopf. "Sie ist… wunderschön."

"Aye, das ist sie."
Andere Schiffe und die gewaltigen Hafenmauern ziehen an ihnen vorbei, ebenso wie Modron's Wacht und die Wehrtürme auf den felsigen Eilanden in der Bucht von Talyra.
"Wo ist ihr Mann?" – "Sie hat keinen." – "Dann wer immer ihr versprochen ist? Sollte der nicht an ihrer Seite sein und ihr bei dieser Suche helfen?"
"Ich glaube nicht, dass es da jemanden gibt." Die Seehure segelt träge aus dem Perlenhafen in die Bucht hinaus.
"Ihr Talyrer", schnaubt der Sithechjünger und klingt beinahe amüsiert, doch sein Lächeln endet an den raubtierhaften Fängen und seine rötlich schimmernden Augen folgen Karamanehs Rücken, bis sie außer Sicht und unter Deck verschwunden ist, "seid doch alle blind und bescheuert."
Hinter ihnen beginnen die Männer der Seehure aus voller Kehle zu singen, ein rhythmisches Lied zu dem sie die großen Segel setzen - irgendetwas von einem alten Schlachtschiff, das bereit gemacht wird - und die Seehure nimmt Fahrt auf und dreht sich in den Wind. Vor ihnen liegen fast eintausendachthundert Tausendschritt nichts als Wasser und Weite. In diesem Moment vergoldet die Morgensonne die dunkle Oberfläche des Sees... und nicht nur den Ildorel, sondern auch den fahlgrauen Himmel mit leuchtenden Farben. Olyvar denkt an Diantha und an seine Kinder, und wünscht sich, sie wären jetzt bei ihm.


*King Kong
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Kalam

Stadtbewohner

Posts: 81

Occupation: Sithechjünger a.D.

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3

Wednesday, March 9th 2016, 12:46am

Shiver me timbers

3. - 12. Eisfrost 517

Shiver me timbers, shiver me soul
There are men whose hearts are as black as coal
Shiver me timbers, shiver me sides
There are hungers as strong as the wind and tides
Shiver me timbers, shiver me sails
Dead men tell no tales

He knew he might burn. But he just had to inch a little closer.


Ihr erster Tag auf See vergeht damit, dass Kalam gedankenverloren zusieht, wie Talyra und mit ihr die gesamte Nordwestküste des Ildorel allmählich in der Ferne versinkt - und dann das gesamte Schiff erkundet. Olyvar ist nach unten gegangen, um nach dem Narrenkönig, dem Magier und 'Lady Mélisande' zu sehen, und so bleibt er allein und sich selbst überlassen zurück. Der Mannschaft, die so abergläubisch ist wie alle Seefahrer, ist zunächst alles andere als wohl dabei, ihn als Vampir (und wenn er zehnmal ein Sithechjünger ist), am helllichten Tag auf ihrem Deck herumspazieren zu sehen. Mehr als einmal nimmt er wahr, wie sie untereinander flüstern, wenn sie ihn außer Hörweite glauben, dass das ja wohl nicht mit rechten Dingen zugehe. Die Schiffsjungen wollen wissen, dass da ein fauler Zauber im Spiel ist, dass er gar kein Blutsauger sein kann, schließlich müsste er sonst im Licht der Sonne längst zu Asche verbrannt sein. Die Segelflicker werfen ein, dass die anderen beiden Gestalten unter Deck auch nicht viel respektabler sind, doch der Quartiermeister bricht immerhin eine Lanze für Olyvar, den Heckenritter, der 'ganz in Ordnung ist' wie ihm scheinen will. Die Kalfater (ohnehin nicht die hellsten, aber hier haben sie einen Geistesblitz), hingegen behaupten, der Vater der schönen M'lady müsse schon ein rechter Tyrann sein, denn wer sonst gibt seinem Töchterlein einen solchen Leibwächter als Geleitschutz mit? Und einen Magier noch dazu, bei Corvalants Nadel - das arme Kind! Kalam setzt umgehend seinen finstersten Blick auf und spitzt die Ohren. Sollen die Matrosen doch reden, was sie wollen und wenn sie dabei eine haarsträubende Geschichte über ein armes reiches Mädel mit despotischem Vater, das mit fragwürdigen Leibwächtern 'gen Süden reist in Umlauf bringen, kann ihnen das ja nur recht sein - so kann jedenfalls kein Verdacht aufkommen, dass das alles eine einzige Täuschung ist.

Maldrum, der Steuermann, setzt dem Raunen und Tuscheln jedoch ein barsches Ende, sobald er Wind davon bekommt und scheucht seine Männer mit gebellten Befehlen zurück an ihre Arbeiten: sie sollen sich bloß nicht anstellen wie ein paar Milchmädchen und gefälligst aufhören zu klatschen wie die Waschweiber, sie hatten schließlich nicht zum ersten Mal einen Vampir an Bord und haben außerdem schon Sandnarge, Werwölfe und eine waschechte Azadoura befördert. Unter anderen Umständen hätte Kalam sich vielleicht dazu hinreißen lassen, die arme Besatzung ein wenig zu foppen - wenn sie schon so laut darum bettelt - aber er erinnert sich gerade noch rechtzeitig daran, dass auch er eine Rolle in dieser Scharade zu spielen hat… als ergebener Leibwächter der Lady Mélisande. Er war schon Söldner, Kopfgeldjäger und mehr als einmal Leibwächter… nur noch nie im Auftrag eines erfundenen, tyrannischen Vaters. Der Gedanke lässt ihn ein wenig diabolisch in sich hineingrinsen, so dass der arme Decksjunge, der ihm dabei gerade zufällig vor die Füße stolpert, nach einem Blick in sein Gesicht hastig das Weite sucht. Tut mir leid, Kleiner, du warst nicht gemeint. Die Malankari… Karamaneh… hat er bislang nur für einen einzigen, kurzen Moment zu Gesicht bekommen, als sie an Bord gekommen war und Olyvar sie vorgestellt hatte. Aber ihr Anblick… die Wargin in ihr hat er gerochen. Ihre unbestimmte Furcht auch. Und sie selbst. Sie. Kalam verbannt den Gedanken zwar sofort wieder, doch er kehrt ebenso prompt zurück. Manche Gedanken sind klebriger als Honig.

Die ersten beiden Tage ihrer Reise nach Ildala verlaufen ruhig, doch es herrschen guter Wind und rollender Seegang, was den Narrenkönig eisern in seiner Koje festhält und auch Rayyan nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Auch wenn der Magier nicht seekrank wird, sondern nur den eklatanten Mangel an festem Boden, das endlose Wasser unter dem Kiel und ihr schwankendes Gefährt darauf mit sämtlichen Verwünschungen und allen azurianischen Flüchen bedenkt, denen er mächtig ist – und das sind erstaunlich viele. Immerhin versöhnen ihn das reichliche und - laut einhelliger Meinung - auch durchaus genießbare Essen und die drei Mahlzeiten am Tag, die es für die Passagiere und höherrangigen Mitglieder der Besatzung in der Offiziersmesse gibt. Doch weder Olvyar, noch Kalam oder die Malankari stört die raue See, so dass er sie ab und an sogar an Deck zu Gesicht bekommt… oder besser gesagt, er bekommt hin und wieder ihr gerötetes Näschen zu Gesicht, weil der Rest von ihr zum Schutz vor dem eisigen Wind, der sprühenden Gischt und der schneidenden Kälte so dick in wollene Capes und einen pelzgefütterten Umhang gehüllt ist, dass sie auch als ein kleiner, rundlicher Bär durchgehen würde. Die Männer der Seehure haben ihr anfängliches Misstrauen ihm oder vielmehr der Tatsache gegenüber, dass er dank seines Amulettes unter die Tagwandler gegangen ist, inzwischen weitgehend abgelegt, auch wenn sie ihn nach wie vor mit einem gewissen, wachsamen Abstand betrachten. Doch sie lassen ihn, wenn er will, in die Wanten hinaufklettern und sogar an die Rah oder ins Krähennest, nachdem er ihnen beweisen konnte, dass er weder Tauwerk, noch Takelung, noch Segel durcheinanderbringt. So verbringt er seine freien Tag- oder Nachtstunden meistens dort oben, fern von allem und hoch über der kleinen Inselwelt des Schiffes.

Am vierten Tag klart das Wetter dann endgültig auf, und da sie inzwischen gut sechshundertfünfzig Tausendschritt weit nach Südwesten gesegelt sind, wird es deutlich milder. Es ist immer noch Winter und auf dem See herrscht der Rhínevan, ein kühler Nordostwind, der sie gut vorantreibt, doch die Tage und Abende sind schon spürbar wärmer. So kommt es, dass sich die Seeleute nach dem Essen immer häufiger auf dem Vorderdeck versammeln um zu singen, zu würfeln oder Geschichten zu erzählen, und auch Olyvar, Rayyan, der Narrenkönig und 'Lady Mélisande' ziehen den kühlen Wind mittlerweile der stickigen Luft in den Kajüten und dem Gestank aus dem Schiffsrumpf vor. Die Seehure ist zwar ein leidlich sauberes Schiff, aber wenn man vierundfünfzig Mann Besatzung, fünf Passagiere und zwei Schiffskatzen auf einem Raum von fünfzig Schritt Länge und zwölf Schritt Breite zusammenpfercht – neben zehn Quadern Leinenballen, drei Quadern Pelzwerk und Fellen, Dutzenden von Steingutkisten und genug Edelhölzern um einen kleineren Palast daraus zu errichten – und die einzigen "Abtritte" obendrein aus zwei winzigen Galerien zu beiden Seiten des Buges bestehen (auch wenn die Passagierkabinen mit dem Luxus von Nachttöpfen ausgestattet sind), kommt so etwas wie Sauberkeit zwangsläufig zu kurz. Kalam, mit dem empfindlichen Geruchssinn aller seiner Art geschlagen, würde am liebsten überhaupt nicht mehr unter Deck gehen, doch da die Blutvorräte nicht unbegrenzt sind und er auch nicht ganz aus Versehen noch einen der schmierigen Matrosen fressen will, zieht er sich brav jede Nacht für mehrere Stunden in die Kajüte zurück, die er sich mit dem Magier teilt, zwängt sich in eine der winzigen Kojen, die einfach nicht für Männer ihrer Größe gemacht sind (wie immer Olyvar, Rayyan und der arme Narrenkönig hier drin schlafen), rollt sich zusammen und ruht dort wie ein Stein. Nachdem das schlechte Wetter nachgelassen hat, verbringen auch die anderen 'Leibwächter M'ladies' viel Zeit an Deck, und da sie alle nicht wirklich etwas zu tun haben, außer ihre Scharade zu spielen, haben sie Muße ihre weitere Reise zu besprechen und ihren Weg zu planen - oder einfach nur Gespräche über die Götter und Roha zu führen. Sogar Karamaneh wandert hin und wieder mit Olyvar über das Deck – an steuerbord vom Bug zum Heck und an backbord vom Heck zum Bug - doch er scheint der einzige zu sein, mit dem sie überhaupt ein paar wenige Worte wechselt.

Außerdem verbringt der als einfacher Heckenritter verkleidete Lord Commander jeden Tag ein wenig Zeit damit, im Schutz des Hauptmastes zu sitzen und an einem Brief nach Hause zu schreiben – da er ihn erst in Ildala mit einem Botenraben nach Talyra schicken wird, anstatt ihn Kapitän Maraes einfach auf dem Rückweg mitzugeben, um ihre Tarnung nicht zu gefährden, verfasst er mehr oder weniger einen Bericht über ihre ganze Reise. Als er am Abend des sechsten Tages seit ihrer Abfahrt aus dem Hafen Talyras wieder ein paar Zeilen schreibt, lehnt Kalam am Wasserfass für die Deckwache und sieht ihm dabei zufällig über die Schulter:

Meine Lieben,
Wir sind an heil Bord der Seehure gelangt – wer immer ihr diesen Namen verpasst hat oder auf was er auch gemünzt sein mag, er lässt nicht auf etwaige Launen ihres Kapitäns schließen, der ein durch und durch biederer Mann von geradezu lethargischem Temperament ist und mit dem wir täglich das Nachtmahl einzunehmen haben, weil er sonst ernstlich verstimmt ist. Immerhin stellt er keine allzu aufdringlichen Fragen nach Lady Mélisandes Familie oder unser Ziel. Wir erfreuen uns guter Gesundheit – abgesehen vom Narrenkönig, der die ersten Tage furchtbar seekrank war und sich nur recht langsam davon erholt, und abgesehen von Rayyan, dem jedoch eher unsere Art zu reisen ganz allgemein aufs Gemüt schlägt, dem aber ansonsten nichts fehlt. Im Augenblick vertreiben sich die beiden die meiste Zeit wohl damit, der armen Mannschaft beim Würfeln noch die letzten Kupferlinge aus den Taschen zu ziehen. Ich hoffe sehr, sie übertreiben es dabei nicht, hier auf dem Schiff können sie den Männern ja nicht entkommen. Unserer Schutzbefohlenen bekommt die Reise soweit ebenfalls gut, auch wenn sie hin und wieder mit Wehmut an ihre Lieben zu Hause denken mag. Besonders Rotbart wird sich freuen, wenn ihr ihm beste Grüße von ihr und von uns allen bestellen wollt. Ich hoffe…


Im Nachhinein weiß Kalam nicht mehr zu sagen, was ihn in diesem Moment eigentlich aufblicken lässt – ein Geräusch, ein Geruch oder eine Vorahnung? – doch als er den Kopf hebt, sieht er Karamaneh. Es ist so warm, dass sie den Umhang abgelegt hat und nur in ihr Schultertuch gehüllt an der Reling steht und ein paar nussbraune Haarsträhnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst haben, spielen im Wind und wehen um ihre Wangen. Eigentlich ist sie blond wie der Sommer. Er weiß nicht mehr, wer ihm das gesagt hat, aber es spielt auch überhaupt keine Rolle. Es ist nicht ihr Haar, das seinen Blick anzieht. Es ist auch nicht die Ebenmäßigkeit ihrer Züge, die Makellosigkeit ihrer Haut, das Blau ihrer Augen oder die Scheu ihres seltenen Lächelns, wird ihm nach einem Moment ein wenig verblüfft klar. Vielleicht sind es ihre Narben. Die verborgenen, diejenigen, die man nicht sehen kann. Vielleicht ist es ihre Art, sich zu bewegen oder vollkommen still zu stehen, so wie jetzt - was auch immer es ist, er kann sie einfach nicht nicht ansehen. Karamaneh verharrt reglos und sieht hinaus über das Wasser zum Horizont, sonst tut sie nichts Erkennbares. Sie tut überhaupt nichts… nichts außer dort zu stehen, sich an die Reling zu lehnen und… irgendwie… das ganze Universum zusammenzuhalten. Kalam weiß nicht, wie lange er sie einfach nur anstarrt, versunken in diesen Anblick. Er spürt den warnenden Schauer, der ihm über den Rücken rinnt - aber er kann trotzdem rein gar nichts dagegen tun. Irgendwann dringt Olyvars spöttische Stimme an sein Ohr… die etwas fragt… etwas will… und mit einiger Anstrengung gelingt es ihm, den Kopf zu wenden und seinen Freund anzusehen. "Hm… was? Hast du etwas gesagt?"
"Ahm….vergiss es. Nicht so wichtig." Olyvar mustert ihn mit einer Art konzentrierter, aber vorsichtiger Neugier. "Deine Augen, Kalam. Tu mir einen Gefallen und trink ein wenig Blut. Zu unser aller Beruhigung, aye?"
"Mmpfm", erwidert er und entdeckt plötzlich, wie praktisch so ein universeller, vieldeutiger, nichts und alles sagender Ausdruck sein kann – man kann hineininterpretieren was man will und in Olyvars Fall hoffentlich alles, aber keine Bestürzung.

Als er eine halbe Stunde später wieder an Deck kommt, sind seine Augen so bernsteinfarben wie alter Uisge und die Sonne versinkt gerade in den Wassern des Sees. Ihre Strahlen überziehen die Wogen des Ildorel mit goldenem Licht und alles andere mit rötlichem Glühen - die Masten, die Segel, das Holz der Planken, die Taue, die Männer, den gesamten, leeren Horizont. Der Himmel ist ein lichterloh brennendes Meer aus flammendem Orange, darüber Violett und Purpur und das sanfte Perlmuttgrau der beginnenden Nacht. Selbst das Schiff gleitet noch ein paar Augenblicke in einer Spur aus Licht dahin – dann geht die Sonne unter. Weder Olyvar noch die Malankari sind mehr dort, wo sie vorhin noch waren… nur die Abendwache ist an Deck, das wie leergefegt in der Dämmerung vor ihm liegt. Die Mannschaft hatte heute die doppelte Ration Grog erhalten und die anderen leisten wohl gerade Kapitän Maraes beim Nachtmahl in der Offiziersmesse Gesellschaft. Die Nacht verspricht sternenklar zu werden, also will er hinauf ins Krähennest, doch als Kalam in die Webleinen der Wanten greift, fällt sein Blick auf ein kleines, ledergebundenes Buch auf den Planken. Er erkennt es, noch bevor er es vom Boden aufhebt und behutsam in seinen Fingern dreht. Das Leder ist geprägt mit azurianischen Mustern, die vom täglichen Gebrauch schon ganz abgenutzt und verblichen sind, aber er kann immer noch schwach den Bienenwachsduft riechen, der den feinen Poren des Einbands entströmt… offenbar wird es sorgsam gepflegt. Kalam schlägt es auf ohne nachzudenken und als ihm einfällt, dass er das vielleicht nicht tun sollte – er hat Karamaneh beinahe jeden Tag darin lesen sehen, und ein- oder zweimal auch etwas hineinschreiben - ist es bereits zu spät. Er blättert hierhin und dorthin, so sacht als berühre er Schmetterlingsflügel. Es sind hauptsächlich Maqamas - azurianische Lyrik und Prosa, doch er entdeckt auch Seiten, die mit ihrer eigenen, klaren Schrift gefüllt sind... und klappt das Buch nach einem langen Moment des Zögerns entschlossen wieder zu. Dann geht er unter Deck in seine Kabine, schlägt seinen Fund in ein Stück weiches Leder, das er mit einer Schnur zusammenbindet und schreibt ein paar Worte auf einen kleinen Fetzen Pergament, den er dazwischen schiebt. 'Ihr seid ein erschreckend wirkliches Wesen in einer schrecklich falschen Welt. Ich glaube, das ist der Grund, warum Euer Leid so groß ist.' Karamaneh ist nicht in ihrer Kajüte, sondern mit Olyvar beim Nachtmahl, wie schon vermutet – also lässt er das Buch einfach auf dem winzigen Schreibpult liegen, so dass sie es sehen wird, wenn sie zurückkommt, und geht dann an Deck. Die Nacht ist samtschwarz und der Himmel sehr klar, und die Sterne der südlichen Herzlande flammen wie Himmelslichter über ihm und bringen ihm Frieden. Drei Tage später läuft die Seehure wohlbehalten in den kleinen, aber stark befestigten Hafen von Ildala.
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

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4

Wednesday, March 9th 2016, 6:54pm

Anfangen, wo es anfängt

Fels und Brandung

I am all in a sea of wonders.
I doubt, I fear, I think strange things
which I dare not confess to my own soul.
(Bram Stoker, Dracula)

There is an invisible strength within us;
when it recognizes two opposing objects of desire,
it grows stronger.
(Rumi)

{12. bis 15. Eisfrost 517, Ildala – Caer Torrelobar}


Nachdenklich betrachtet Karamaneh das Lederbündel in ihren Händen. Sie haben Ildala und somit die erste Etappe ihrer Reise sicher erreicht. Nun ist es an der Zeit die Seehure zu verlassen und sich im Hafen nach einer Flussdschunke für die Weiterreise nach Caer Torrelobar umzuhören. Das heißt, Olyvar wird dies für sie übernehmen, während 'Lady Melisandre' nur nett anzuschauen zu sein hat. Behutsam verstaut die Malankari das lederne Bündel, welches ihren wohl kostbarsten Besitz enthält, zwischen ihren übrigen Sachen und versucht vergeblich die Erinnerung, die damit unauslöschbar verbunden ist, wieder zu verscheuchen.

Nur wenige Abende zuvor hatte das kleine verschnürte Bündel auf dem Schreibpult ihrer Kajüte ihren Blick bereits eingefangen, während sie noch den Raum betrat. Es ist erstaunlich mit welcher Klarheit sie sich auch jetzt noch selbst an die winzigsten Details erinnert. Überrascht hatte sie eine Augenbraue gehoben. Knarrend war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen. Langsam, ja, zögernd, war sie zum Schreibpult hingetreten und hatte das lederne Bündel zur Hand genommen. Bedächtig hatten ihre Finger den Knote der Schnur geöffnet, die das Leder zusammenhielt. Der Anblick des Inhalts hatte ihr den Atem stocken lassen. Mein Buch! Sie war so erschrocken gewesen, dass sie zunächst gar nicht bemerkt hatte wie der dünne Pergamentfetzen, der zwischen Leder und Schnur gesteckt hatte, sacht zu Boden gesegelt war. Benommen hatte sie sich schließlich vorgebeugt und die kleine Notiz aufgehoben, neugierig und ängstlich zugleich, wer ihren Schatz wohl gefunden und zu ihr zurückgebracht hatte. Olyvar kann die Malankari direkt ausschließen. Jeden anderen jedoch... Bei dem Gedanken einer der vielen Seeleute könnte ihr Buch in Händen gehalten haben, wird ihr einwenig unwohl.

Was sie schließlich liest, kann allerdings nicht aus der Feder eines einfachen Seemanns stammen. Nicht einmal aus der eines der Offiziere. Beim besten Willen nicht. 'Ihr seid ein erschreckend wirkliches Wesen in einer schrecklich falschen Welt. Ich glaube, das ist der Grund, warum Euer Leid so groß ist.' Obwohl die Notiz keine Signatur oder einen sonstigen Hinweis enthält, so ahnt Karamaneh doch sogleich ganz instinktiv, wer die Zeilen geschrieben hat. Kalam. Der Name allein genügt um ihr einen winzigen kalten Schauer den Rücken hinabrieseln zu lassen. Sechs Tage sind seit ihrer Abreise aus Talyra vergangen und noch immer hat sie keine Ahnung was sie von dem düsteren Sithechjünger halten soll. Nach allem was Olyvar ihr erzählt hat, entspricht er keinesfalls dem, was sie erwartet hat. Überhaupt scheint er keinerlei allgemeingültige Erwartungen zu erfüllen, die man man fürgewöhnlich gegenüber den Lahamas hegt—obschon er diese gleichzeitig geradezu haargenau zu erfüllen scheint. Zu genau, wenn man einmal von der Tatsache absieht, dass er—dank seines Amuletts, wie sie von Olyvar weiß—unter der Sonne wandelt.

Karamaneh gehört nicht zu jenen törichten Dingern, die in einem einzelnen dummen Anflug von Romantik dem Zauber der Zwielichtklagen erliegen. Sie zweifelt allerdings nicht eine Sekunde lang an Kalams ganz ureigener düsterer Anziehungskraft, der sie sich zu erwehren sucht, seit Olyvar ihr den Sithechjünger in der Dunkelheit des Morgens ihrer Abreise aus Talyra vorgestellt hat.
Geradeso als erwache sie aus einem Traum, einem Tagtraum, zieht Karamaneh ihre Hand zurück, schließt ihr Gepäck und streicht sich eine haselnussbraune Locke ihrer Perücke aus dem Gesicht. Kalams blutrote Augen verfolgen sie seither viel zu häufig bis in den Schlaf. Einen ausgesprochen unruhigen Schlaf. Überhaupt, seine ganze Anwesenheit versetzt sie tags wie nachts in einen Zustand ständigen Missbehagens, der sie unentwegt daran denken lässt wie sehr sie Ogouns schweigsame Gestalt vermisst. Die unerschütterliche Gelassenheit des Nandé erscheint ihr wie ein Schutz verheißender Fels inmitten tosender Brandung. Kalam hingegen ist die tosende Brandung selbst, ebenso gefährlich wie unberechenbar. Karamaneh weiß bis zu dieser Stunde nicht, was sie mehr erschüttert: dass der Sithechjünger womöglich einen Blick auf die Seiten ihres Buches geworfen hat, und damit in ihre Seele, oder zu welch feinsinnigen Worten er fähig ist. Und dann sind da schließlich noch Kalams Zeilen selbst. Die Malankari ist es gewohnt, dass Männer gern ihr eigenes Spiel mit ihr treiben, doch wenn dies ein Spiel ist, dann keines dessen Regeln sie kennt.

Die zarte Hand der jungen Frau öffnet die Tür der Kajüte und mit ein paar wortlosen Gesten winkt sie einige von Kapitän Maraes' Männern, welche sich schon bereithalten, heran, damit diese 'Lady Melisandres' Gepäck von Bord schaffen. Das milde, geradezu warme Winterwetter Ildalas lässt die Malankari verzückt lächeln als sie an Deck tritt, um im Schutz ihrer 'Leibwächter' die Seehure zu verlassen und im Hafen an Land zu gehen.
Man merkt dem leichtfüßigen, federnden Gang der vermeintlich herzländischen Lady an, dass sie die Seefahrt sichtlich genoßen hat. Den klaren, frischen Geruch der Luft und die Weite des Horizonts—nur begrenzt durch das Gewölbe des azurblauen Himmels—in deren Angesicht sie sich nicht nur klein, sondern zum ersten Mal seit langem überhaupt auch wirklich frei gefühlt hatte. Gleichzeitig ist Karamaneh allerdings auch froh wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, und sei es nur für eine Nacht oder gar wenige Stunden... denn seit sie Talyra verlassen haben hat sie sich nicht ein einziges Mal gewandelt, und so war das beschwingende Gefühl der Freiheit in den letzten Tagen ihrer Seefahrt immer mehr wieder jenem des Eingesperrtseins und der Hilflosigkeit gewichen.

Karamaneh blickt von einem ihrer Begleiter zum anderen. Ob als Lord Commander oder als Heckenritter getarnt, die Rolle des unerklärten Anführers scheint Olyvar so leicht zu fallen wie zu atmen. Kapitän Maraes nickt ihm immer wieder in bedächtiger Zustimmung zu, während die beiden Männer die letzten Formalitäten klären, bevor sie von Bord gehen können und 'Lady Melisandre' neigt daher nur leicht den hübschen Kopf zum Gruß. Der Narrenkönig steht schweigsam wie immer dicht bei und verfolgt die Unterredung mit gleichgültiger Gelassenheit, wohingegen Kalam und Rayyan, wie sie dankbar feststellt, sich ein wenig abseits halten. Ersterer mustert, wie sie erleichtert bemerkt, mit kritisch-goldbraunem Blick den bedeckten Wolkenhimmel, letzterem steht deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er lieber jetzt als gleich wieder festen Boden unter den Füßen spüren möchte.
Die Malankari bleibt dicht bei Olyvar, Maraes und dem Narrenkönig stehen, behält Kalam und Rayyan aber weiter im Blick, während sie wie die übrigen auch darauf wartet, dass sie die Seehure endlich verlassen können. Sie bilden schon eine sonderbare Schar, stellt sie fest. Eine ausgesprochen Schweigsame noch dazu, und Karamaneh fragt sich, ob das vielleicht ihre Schuld ist. Im Grunde hat sie, wenn sie recht überlegt, die ganze bisherige Reise fast nur mit Olyvar gesprochen. Maraes gegenüber hatte sie ihre eigene Schweigsamkeit höflich mit einer guten Erziehung sowie einer äußerst hartnäckigen Erkältung erklärt—eine Idee, die sie ihrer Begegnung mit Shalhor Danjafaên verdankt. Unter keinen Umständen möchte Karamaneh mehr Aufmerksamkeit als nötig auf den doch sehr auffälligen Klang ihrer Stimme lenken wollen. Den Narrenkönig, ebenso, wenn nicht noch schweigsamer als sie selbst, empfindet sie daher zumeist als äußerst angenehme Gesellschaft. Mit Kalam zu sprechen hat sie bisher allerdings von sich aus zu vermeiden versucht, was der Sithechjünger ihr mit höflicher Akzeptanz bisher auch recht leicht gemacht hat und Rayyan...

...nun, der Azurianer war bisher viel zu sehr damit beschäftigt gewesen Maraes Mannschaft beim Würfeln auszunehmen, um ihr größere Beachtung zu schenken. Und wenn es einmal etwas zu besprechen gegeben hatte, so hatte er sich stets an Olyvar gehalten, anstatt auch nur ein einziges Wort an sie direkt zu richten. Doch mit all dem kann Karamaneh umgehen. Rayyan behandelt die Malankari praktisch so wie sie dies vom Leben im Hawa Mahal nicht anders gewohnt ist, und irgendwie hat das für sie sogar etwas beruhigendes, ja geradezu tröstliches an sich. Etwas vertrautes. Karamaneh weiß ganz klar welchen Platz sie im Weltbild des Erdmagiers einnimmt und das gibt ihr soetwas wie... ja, Halt. Selbst die nicht selten unverholen anzüglichen Blicke, die der Azurianer ihr von Zeit zu Zeit zuwirft, sind ihr so vertraut, dass sie sie nicht weiter als störend empfindet. Wohingegen Kalams stumme (anerkennende?) Musterungen—ganz gleich ob mit goldbraunem oder blutrotem Blick—ihr nach wie vor leichtes Unbehagen bereiten. Mehr als einmal fragt sie sich wieviel er wohl über sie weiß. Der Lord Commander, da ist sie sich sicher, hat ihm gewiss nicht mehr als nötig über sie verraten. Rayyan kennt ihre Geschichte jedoch fast ebenso gut (immerhin war auch er damals im Felsenkessel mit dabei) und selbst einem Blinden dürfte nur schwer entgehen, dass der Erdmagier und der Sithechjünger offenbar recht enge Freunde sind. Die Malankari lächelt, als Olyvar sie sacht am Arm berührt und dadurch aus ihren Gedanken reißt. Seiet dankbar für alljene die da kommen, denn einjeder wurde euch vom Jenseits als Führer gesandt*, mahnt sie sich mit einem alten Sprichwort, und senkt züchtig den Blick, während der Drachenländer sie und den Rest der Truppe in den Hafen von Ildala führt.

Interessiert schaut die Malankari sich um. Ildalas Hafen mag nicht so groß sein wie der Perlenhafen Talyras, doch ist er gut und stark befestigt. Viel mehr als den Hafen bekommt sie von der Stadt jedoch nicht zu Gesicht. Gemeinsam mit Rayyan und Kalam verbringt sie den verbleibenden Tag in einem schlichten Gasthaus unweit der Docks, während sich Olyvar in Begleitung des Narrenkönigs zum einen nach einer Flussdschunke umhört, die sie den Bahr el-Atbàr hinab bis nach Caer Torrelobar mitnehmen kann, und zum anderen mit einem Botenraben Nachricht nach Talyra sendet, um alle Daheimgebliebenen wissen zu lassen, dass sie wohlauf sind und es sicher bis nach Ildala geschafft haben.
Unter dem vagen Vorwand von der Reise erschöpft zu sein und sich etwas waschen und frisch machen zu wollen, zieht Karamaneh sich daher recht bald auf ihre Kammer zurück und versperrt die Tür fest hinter sich. Ihr Herz pocht wie wild und ihr Atem geht verräterisch schnell, doch sosehr sie auch gegen das innere Drängen ankämpft, sie kann sich nicht länger dagegen wehren. Nur unter Mühen achtet sie gerade noch darauf zumindest die notwendige gebotene Vorsicht walten zu lassen, bevor sie all ihre Kleider so achtlos abstreift wie die Schlange eine alte Haut. Ein leiser Seufzer entschlüpft ihren roten Lippen, als sich endlich wandelt und ihr ist absolut gleich ob in diesem Moment irgendwer vor ihrer Tür vorübergeht oder dort vielleicht Wache bezieht. Wie gerne würde sie jetzt als Schattenkatze durch die Nacht streifen, doch zumindest diesem Verlangen kann sie noch wiederstehen, und lässt stattdessen die Taipan in sich erwachen.
Für einen Sandwurm ist ihre Schlangengestalt nicht übermäßig groß, vielleicht etwas mehr als einen Schritt. Im fahlen Licht der Kammer, die nur vom Licht des Mondes erhellt wird, findet Karamaneh schlängelnd ihren Weg hinaus in den winzigen Innenhof des Gasthauses. Ihr Ziel ist ein einsamer verkrüppelter Olivenbaum, der seine dürren, knorrigen Äste über einen kleinen, fast ausgetrockneten Brunnen ausstreckt. Im Schutz seiner trockenen Wurzeln rollt sie sich zusammen und genießt für wenige Stunden den Anblick und die Gerüche einer sternenklaren Nacht.

Am nächsten Morgen, dem Tag des 13. Eisfrost, setzt Karamaneh, spürbar gelöst, ihre Reise mit ihren Begleitern an Bord der Auge des Dschinn in aller Frühe fort. Mit ihrer schmalen Bauweise, dem einzelnen hohen Mast und den auffälligen roten Segeln unterscheidet sich die große Flussdschunke schon allein optisch recht drastisch von der Seehure. Und auch ihr Kapitän—ein Mann namens Illyrio von Nyer, ist bei weitem nicht so behäbig und grauhaarig wie Maraes. Einen Sithechjünger auf den Planken ihres Schiffes begrüßen zu dürfen löst allerdings auch auf der Dschinn keine ausgesprochen großen Freudenstürme aus.
Wie schon zuvor überlässt Karamaneh Olyvar den Großteil des Redens, lächelt oder nickt hier und dort züchtig und hält sich ansonsten schweigsam wie immer im Hintergrund. Da sie während der kurzen, zweitägigen Flussfahrt nicht die einzigen Gäste an Bord der Dschunke sind, behält 'Lady Melisandre' diese tugendhafte Zurückhaltung auch weiterhin bei und hält sich—nun in deutlich luftigere Gewänder und Schleier gehüllt—stets etwas abseits der übrigen Reisenden und der Besatzung auf. Während der immer wärmer und strahlender werdende Glanz der Sonne die Malankari und Rayyan jedoch so lange es nur geht an Deck festfesselt, ziehen der Narrenkönig und Kalam es hingegen mehr oder weniger freiwillig vor sich fern des Sonnenlichts im dunklen Schiffsbauch zu verstecken. Nur des Nachts oder während der frühen Morgen- und Abendstunden, wenn die Sonne noch oder nicht mehr so blendend hell scheint, sieht die Malankari zumindest Letztgenannten jedoch auch zuweilen an Deck herumtigern wie ein großes, unruhiges Raubtier.

Ein hungriges Raubtier, denkt sie, als Kalams roter Blick am zweiten Abend ihrer Fahrt auf dem Bahr el-Atbàr einmal mehr den ihren streift. Ertappt senkt sie die Augen, huscht wortlos unter Deck und lässt lediglich den zarten Duft von Vanillea, reifen Orangen und Patchouli zurück. Ein paar der Mitreisenden, hauptsächlich Azurianer auf dem Weg zurück in die Heimat, lachen und rufen ihr Anzüglichkeiten hinterher, während die Malankari mit ausweichenden Blicken vorübereilt. Rayyan lacht und scherzt mitten unter den Männern, und der Lärm ihrer ausgelassenen Trink- und Würfelspiele verfolgt Karamaneh bis in ihre winzige Kajüte. Die Malankari lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen, rollt sich in ihrer Koje zu einem undefinierbaren Knäul aus zarten Stoffbahnen und falschen braunen Haarlocken zusammen und lauscht den Geräuschen für eine Weile bevor sie in unruhigem Schlaf versinkt.
Als sie am nächsten Morgen erwacht ist es angenehm still. Die junge Frau schwingt ihre bloßen Füße elegant über den Rand der Koje und steht auf. Dabei fällt irgendetwas klirrend zu Boden und rollt direkt vor ihre Füße. Shalhors Silbertaler, denkt sie überrascht und hebt die kleine runde Silberscheibe vorsichtig auf. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie weiß nicht genau, weshalb sie die Münze noch immer bei sich trägt. Vielleicht als Glücksbringer. Und als Erinnerung daran was sie alles bei ihrer Rückkehr nach Talyra erwartet: eine Familie, Missandei... vielleicht sogar die Aussicht auf ein Anstellung. Behutsam steckt Karamaneh die Münze wieder ein. Der Pergamentfetzen mit Kalams Notiz raschelt leise, als der Silbertaler ihn berührt und die Malankari zieht ihn langsam hervor. Einen Moment lang betrachtet sie das Papier nachdenklich, dann schiebt sie es sorgsam zwischen die Seiten ihres kleinen Buches, bevor sie sich wäscht, frisiert und umzieht, um 'Lady Melisandre' im besten Licht erscheinen zu lassen.

An Deck erwartet Olyvar sie. Der Drachenländer steht an der Reling und lässt sich die sachte Morgenbrise um die Nase wehen. "Caer Torrelobar", stellt Karamaneh leise fest, als sie sich zu ihm gesellt und am Horizont ein paar blasse Schemen im Morgendunst ausmacht. In wenigen Stunden schon werden sie eine weitere Etappe ihrer Reise erfolgreich hinter sich bringen. Der Blick der jungen Frau gleitet über die flache, raue Landschaft, die sich links und rechts des Bahr el-Atbàrs ausstreckt. Trotz des traurigen, besorgniserregnden Anlasses für ihre Reise kann sie nicht leugnen wie ihr beim Anblick der immer karger werdenen Natur das Herz vor lauter merkwürdiger Begeisterung und eigenartiger Vorfreude immer schneller und höher in der weißen Brust zu schlagen beginnt.

_____
*Rumi
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Rayyan

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5

Tuesday, March 15th 2016, 3:49pm

Wollen wir wetten?

15. - 16. Eisfrost 517 - Imugdub Hochtag

"Wollen wir wetten?"
Olyvar seufzt lediglich und fragt: "Wie hoch ist der Einsatz?" Der Branritter macht ein Gesicht, als würde er sich ja gerne als beschützender, großer Bruder geben, nur dummerweise ist die kleine Schwester ins Visier eines götterverdammten Vampirs geraten. Unausgezeichnet. Den kann man sich leider nicht einfach im Vorbeigehen zur Brust nehmen und ihm deutlich machen, besser die Finger von besagter kleiner Schwester zu lassen. "Zehn Silber", erwidert Rayyan trocken und ohne jegliches Mitgefühl. "Zwanzig", flüstert der Narrenkönig mit seiner tonlosen, gebrochenen Stimme, woraufhin Oly und Rayyan synchron die Köpfe schütteln: "Du nicht." Es sind keine drei Monde ins Land gezogen, seit der Blaumantel sie alle bei einer ähnlichen Wette ausgenommen hatte, wie die Julnachtsgänse. Te'feyk wefy aleyl jabewk. Zwanzig Silber. Der riecht und sieht doch schon wieder etwas, was uns entgeht. "Wieso gleich zwanzig? Du trickst doch. Du bist ein Seher! Gib es zu!" "Mach fünfundzwanzig", krächzt der Narrenkönig lächelnd, woraufhin Olyvar misstrauisch wissen will, warum er sich in dieser Sache so sicher sei. Als der Blaumantel daraufhin mit den hageren Schultern zuckt und etwas von 'Schicksal' raunt, wirft der Lord Commander resigniert die Hände in die Luft und knurrt ihn an, wohin er sich seine fünfundzwanzig Silber stecken kann. Rayyan indes erhöht mit einem diebischen Grinsen auf dreißig. Aber vielleicht hat sich die ganze Sache zwischenzeitlich bereits erledigt, immerhin haben sie Karamaneh vor fast einer Stunde in Kalams Obhut gelassen, um sich noch vor der Stunde des Fischers in der Karawanserei der Hundert Tore nach einer geeigneten Unterkunft zu erkundigen.

Dort angekommen haben sie die Wahl zwischen zwei Strohhaufen und einem breiten Diwan, oder einem luxuriösen und entsprechend teuren Gemach. Olyvar kommt nicht einmal dazu Ersteres in Erwägung zu ziehen, da hat Rayyan sich bereits vorgedrängelt und das Gemach reserviert. Außerdem ordert er ganz fachmännisch zusätzliche Decken und Kissen, genug Essen für eine halbe Armee und eine Ziege. Gesund und lebendig. Als Barisan Grenzgänger, der Wirt des Hauses, Rayyan daraufhin mit einem dezenten Räuspern darauf aufmerksam macht, dass sie auch Mädchen im Haus hätten, kann Olyvar gerade noch rechtzeitig verhindern, dass Rayyan dem Mann ins Gesicht spuckt und eine Blutfehde erklärt, indem er hastig interveniert und erklärt, das Tier sei Nahrung für einen Sithechjünger. Diese sind, wie sie von dem redseligen Besitzer der Karawanserei erfahren, nicht allzu oft vertreten in diesen Landstrichen. Munduskinder hingegen schon, vor allem in Richtung Süden, weshalb sich seine verehrten Gäste im Falle einer Weiterreise besser davor scheuen sollten, die Existenz des Untoten in ihrem Gefolge zu laut heraus zu posaunen.

So wie die Dinge stehen, müssen sie nichts herausposaunen, weil Kalam sich andauern selber durch seine blutroten Augen verraten wird und er wird sich mit Sicherheit nicht verbieten lassen, sie anzusehen. Rayyan beobachtet den Vampir jetzt schon seit sie aus Talyra aufgebrochen sind und auch wenn er in dessen Blick nicht die gleiche Verleugnung findet, wie bei Colevar, sondern eher ein etwas verwirrtes und zunehmend verärgertes Interesse - ganz so, als sei er sich noch nicht sicher, was Karamaneh in ihm auslöst… und ob es ihm gefällt -, sieht Rayyan die sprichwörtliche Schrift an der Wand in schrittgroßen Lettern. Die leuchten. Feurig. Immerhin hat er inzwischen genug Erfahrung mit Inari in ihrer Rolle als Miststück, als dass er ihren nacktarschigen, kleinen Seharim mit den Damariaspfeilen nicht erkennen würde, wenn er am Werk ist. Immerhin steckt in seinem Herzen selber einer. Oder zwei. Ganz so sicher, ist er sich derzeit gerade nicht.

Für ihn ist Karamaneh bislang nicht mehr als eine ehemalige Sklavin, mit der ihn nichts weiter verbindet als Olyvars Fürbitte in ihrem Namen. Sie hat noch kein einziges Wort mit ihm persönlich gewechselt und er stört sich auch nicht daran, genießt nur gelegentlich ihre Erscheinung an Deck aus der Ferne und bespricht alles Wichtige hinsichtlich der Reise mit Olyvar, Kalam und Narrenkönig. Wenn man ihn fragt, dann ist er in dieser Runde dabei, um Olyvar vor Schaden zu bewahren, dessen Rechtschaffenheit ihm irgendwann noch das Genick bricht- und Kalam einzubuddeln, wenn es nötig wird. Auch der Vampir ist ihm seit Ambar unerklärlicherweise ein sehr guter Freund geworden und deshalb ist ihm Karamaneh zwar einerseits egal… andererseits auch wieder nicht, da sie Olyvar und (offensichtlich) auch Kalam nicht gleichgültig ist. Hmpfr.

Als sie kurze Zeit später den Kai am Flusshafen von Caer Torrelobar erreichen, finden sie Karamaneh im Schatten eines Iainbrotbaumes, den sie ganz für sich alleine hat, trotz des Gedränges, denn direkt hinter ihr ragt Kalams kräftige Gestalt auf. Er braucht keine Kälte zu atmen, wie Colevar das hin und wieder tut, um die vorbeiströmenden Menschenmassen auf Abstand zu halten, sein finsterer Blick reicht dafür völlig aus. Zu viert begleiten sie Lady Mélisande durch das Getümmel die breite, festgetretene Straße vom Hafen hinaus zum Wüstentor, das leuchtend grün im wuchtigen, unter der Sonne blendend weiß erscheinenden Sandwall prangt. Das Durcheinander auf den Straßen ist überwältigend – und Rayyan lässt sich davon treiben, mitziehen und fortreißen. Seit sie die blasse, kalte Wintersonne und die grauen, dunkelgrünen Wälder der nördlichen Herzlande hinter sich gelassen haben, fühlt Rayyan sich immer lebendiger. Und hier, wo das Gelb und Gold, das leuchtende Rot und das glänzende Grün der Wüste beginnt, kann er nach sehr langer Zeit endlich wieder durchatmen. Er hat seine Heimat all die Jahre sehr vermisst und wäre gerne schon früher wieder nach Mar'Varis aufgebrochen, aber er hatte Táhirih nicht schutzlos in Talyra zurücklassen wollen. Da diese sich jetzt seit Beginn des letzten Jahres in der Sicherheit Hol'orens aufhält und dort für ihre Hohemagierprüfung studiert, kann er es sich leisten seine Gedanken abschweifen zu lassen.

Zum ersten Mal seit Beginn der Reise liegt auf seinem Gesicht ein Lächeln, dass weder einem von Kalams sardonischen Kommentaren, einer gewonnenen Runde Sach'rïhnan, einem guten Schluck Hamadat, oder einer trockenen Randbemerkung des Narren geschuldet ist, sondern einzig und allein seiner Umgebung gilt. Obwohl sie die Herzlande noch nicht gänzlich verlassen haben, fühlt er sich schon beinahe wie Zuhause, denn in der staubigen Luft nicht nur der Duft nach Kardamom, Zimt, unreifen Datteln, Ziegen, Kamelen, Schafen, ätherischen Ölen, Ingwer, Koriander und Safran, sondern es werden auch an jeder Ecke bereits Potpourri, gebratenes und stark gewürztes Lammfleisch, auf heißem Stein frisch gebackenes Khubz, Kessel voller Muhallabia, süße Ma'hamoul, Zitronenhühnchen, frisch gepresste Orangensäfte, eingelegte Oliven, Mandelmilch und würziger Ziegen- und Schafskäse feilgeboten. Am liebsten hätte er sich einmal vom nördlichen bis zum südlichen Ende der Karawanenstraße durchgeschlemmt, doch das muss warten, bis sie ihr Gepäck und die Lady sicher im Haus der Hundert Tore abgeliefert haben.

Zwar hält er sich dicht bei seiner angeblichen Herrin, die eingewickelt in indigoblaue Seide und cremefarbenem Zobel entlang der Stände schlendert und wie er immer mal wieder das fein gepuderte Näschen in Richtung Sonne streckt, darüber hinaus überlässt er es jedoch Kalam und Olyvar die aufmerksamen Leibwächter zu mimen und lässt seinen Blick über und durch die Menge schweifen. Um sie herum Esel- und Kameltreiber, Wasserträger, Ritter und Templer in strahlenden bis abgewetzten Rüstungen, alte und junge Weiber, die aus Bauchläden verkaufen, Bettler, massenweise Huren, ein Haufen lachender und singender Adamarah in ihren typisch freizügigen, schwarzen Gewändern, schreiend bunte Gaukler, Feuerspeier und Jongleure, Zwerge, die Eisenwaren anbieten, Alchemisten und Kräuterkundler mit Körben voller Grünzeug, Kesselflicker, Korbflechter und Schlangenbeschwörer. Außerdem Reisende aus allen Ecken und Enden der Welt – vom immerfroster Seidenhändler, über den rhaínländischen Käsebauern, Pilger in schlichten Büßergewändern, reich gekleidete Herzländer mit ganzen Karren voller Weinfässern aus den Nebrinôrthares, mit Honig, Schnitzwerk, Nüssen, Keramik aus Draíngarad, mit Trüffeln aus Gríanàrdan, mit Schinken und Bier aus Verd, mit ganzen Auslagen von Edelsteinen aus Blurraent (jeder Stand bewacht von mindestens einem Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Söldner) und mit Perlen aus Ildala, er sieht sogar ein paar rothaarige, sommersprossige Laiginer in ihren komischen, karierten Röcken und eine ganze Traube in schwere Pelze gehüllter, bärtige Arduner und einen Faun.

Natürlich sind auch die um Heimlichkeit bemühten Beutelschneider und Diebe nicht weit, dank ihrer dienstbeflissenen Leibwächter sind sie vor denen allerdings ziemlich sicher. Wenig ausrichten dagegen können sie gegen die Scharen an Straßenkindern, die sich immer mal wieder zu Karamaneh vordrängeln und um ein paar Münzen betteln. Als diese aber tatsächlich Anstalten macht, etwas Kupfer aus ihrer Geldkatze zu kramen, greift Rayyan hastig nach ihrem Handgelenk, schüttelt den Kopf und beugt sich ein Stück vor, so dass niemand außer ihr und Kalam ihn verstehen können: "Sie sind wie Fliegen. Wenn du einem von ihnen etwas gibst, spricht sich das rum und schon drei Schritte weiter sind es zwei Dutzend mehr. Sie werden dich so lange wir hier sind, auf Schritt und Tritt verfolgen." Dann wendet er sich direkt an die Kinder und scheucht sie mit einigen harschen Gesten und Worten fort.

Gleich darauf passieren sie einen Platz, auf dem reihenweise Pferde zum Verkauf stehen, unter anderem Najéras und Royanrösser, aber auch Feuerblutpferde aus Azurien, beginnt Olyvar umgehend Ausschau zu halten, schliesslich werden sie für die Weiterreise Reittiere brauchen. Nur zwei Ecken weiter finden sie den Markt für Lastkamele, Maultiere und Reitmeharas, wo Rayyan und der Narrenkönig dem Lord Commander zu verstehen geben, dass sie besser hier ihr Silber lassen sollten. Es wird beschlossen später hierher zurückzukommen und jetzt erst das Gemach in der Karawanserei zu beziehen.

Das bietet genug Platz für sie alle, immerhin ist es wahrscheinlich eigentlich für irgendeinen Scheich und seinen ganzen Haremsdamen samt Leibsklavinnen gedacht. Selbstverständlich treten die Männer das ausladend große, mit bestickten Seidenlaken ausgestattete und mit kostbaren, samtweichen Pelzen und Baldachinen aus Brokat behängte Bett an Karamaneh ab und machen es sich dafür auf den zahlreichen, nicht weniger luxuriösen Diwanen gemütlich. Ein Träger bringt die Reste ihres Reisegepäcks und ein Diener folgt mit einer Ziege direkt im Anschluss. Während Olyvar und der Narrenkönig sich nach einem ausgiebigen Morgenmahl auf den Weg machen die Kamele zu besorgen, legt sich Kalam in einem extra abgedunkelten Raum zur Ruhe, was heißt, dass er die nächsten Stunden in eine totenähnliche Starre verfällt. Da er in diesem Zustand relativ hilflos ist, bleibt Rayyan lieber in der Nähe und da keiner ihrer Leibwächter sie hinaus begleiten könnte, bleibt Karamaneh notgedrungen nichts anders übrig als seine Gesellschaft zu teilen. Während sie in einem kleinen, ledergebundenen Buch schreibt, nutzt Rayyan die Zeit um etwas vor sich hin zu dösen und sich umzuziehen.

Nachdem Kalam wieder unter den Untoten weilt und Olyvar und der Narrenkönig zurückgekehrt sind - und ihnen mitteilen, dass sie ab sofort stolze Besitzer von fünf Meharas und einem Lastkamel sind -, suchen sie gemeinsam die Badezelte auf. Caer Torrelobar hat zwar auch ein eigenes, kleines Badehaus, doch mit all den Fremden in der Stadt dürfte dieses hoffnungslos überfüllt sein. Auch um die Zelte drängen sich die Besucher, doch im Inneren wird darauf geachtet, die Zuber nicht zu überfüllen. Während Kara zu den Frauen abschwenkt, suchen sich Rayyan, Kalam, der Narrenkönig und Olyvar einen großen Bottich, vertreiben mit ein paar finsteren Blicken die darin befindlichen Badenden und machen es sich im heißen Wasser gemütlich. Die Mägde, die das Wasser bringen, verdrehen sich die Augen nach ihnen und als eine mit einem besonders hinreißenden Lächeln vorbeischarwenzelt und zum zehnten Mal fragt, ob sie noch mehr heißes Wasser – oder sonst irgendetwas – bräuchten, zieht Rayyan sie einfach lachend über den Rand in den Zuber hinein und küsst sie. "Zu bist zu hübsch, um ungeküsst zu bleiben." Sie erwidert ganz keck: "Allerdings", und wendet sich dem Narrenkönig zu, der grinsend sie Arme ausbreitet, ihr ebenfalls einen ordentlichen Kuss gibt und sie dann mit einem Klapps auf den wohlgerundeten Hintern wieder von dannen schickt.

Sie verbringen eine himmlische Nacht auf festem Boden – der dazu auch noch bedeckt ist mit den weichsten Teppichen und Fellen – und dem verheißungsvollen Duft der Wüste in unmittelbarer Nähe. Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, machen sich Olyvar, Karamaneh und der Narrenkönig auf, um bei der Karawane, die von Immerfrost her gekommen ist und weiter nach Mar'Varis reist, einen Platz für ihre kleine Gesellschaft zu ergattern. Kalam und Rayyan indes nutzen ihren freien Tag und bleiben noch etwas liegen, ehe sie sich ebenfalls durch eine üppige Auswahl an ildalischen Köstlichkeiten – und eine Ziege – futtern, sich anziehen und sich dann auf den Weg machen, Imugdubs Hochtag in seiner ganzen Pracht und Vielfalt ausnutzen und zu genießen. Zugunsten ihrer Scharade hat Rayyan schon seit Talyra auf seine üblichen azurianisch angehauchten Gewänder verzichtet und dafür auf eindeutige Magierroben gesetzt, die allerdings – jetzt wo er es sich leisten kann – auch seinem Geschmack entsprechen. Das dunkelblaue Tuch mit dem hohen, festen Kragen, das er um Ober- und Unterkörper gewickelt trägt, ist aus feinstem Leinen, die unterbrusthohe Lederkorsage und die dazu passenden, kniehohen Stiefel aus geschmeidigem, mit Schnallen besetztem Sulaleder. Dazu trägt er Beinlinge und einen Panzerarm aus gehärtetem Rinjanonleder. An einem Gürtel hängen außerdem seine Krummdolche.

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Olyvar

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6

Wednesday, March 16th 2016, 1:01am

Zur Feier des Tages

In der Wüste ist es verdammt schwer, sich aus dem Staub zu machen.

16. Eisfrost 517

Es ist lange her, dass er so tief im Süden war und Olyvar weiß, dass er das Licht vermisst hat, die Kargheit der Felsen, das fedrige, spärliche Grün zwischen dem rotem Stein und dem hellen Sand. Er liebt die satten, erdigen Farben der nördlichen Herzlande, das goldene Grün und das bläuliche Zwielicht seiner Wälder mit den uralten Baumriesen, die überbordende Fülle jener Lande mit ihrer fruchtbaren, schwarzen Erde, den wogenden Kornfeldern, der endlosen, blauen Weite des Ildorel und den stillen, dunklen Waldseen. Er liebt den Zauber der uralten Herzbäume mit ihrer bleichen Rinde und dem blutrotem Laub, die tosenden Wasserfälle, die verborgenen Täler und die sanften Hügelketten, die dem Horizont Struktur und Grenzen geben. Aber hier, im Grenzgebiet zwischen Ildala und Azurien ist die Landschaft von einer grandiosen Weite und umso beeindruckender in ihrer sparsamen, schroffen Schönheit. Im Augenblick verschwindet das meiste dieser Schönheit jedoch hinter Wolken von Staub, denn wenn schon in Caer Torrelobar selbst und in der Karawanserei der Hundert Tore die Neun Höllen los sind, so herrscht am Sammelplatz der Karawane, die morgen in Richtung Süden die Shakh hinunter ziehen wird, womöglich noch mehr Gedränge. Mehrere hundert Tiere - hauptsächlich Last- und Reitkamele oder die edleren Meharas, aber sie sehen auch Karren und Planwägen mit Maultieren und ein paar Esel -, warten geduldig vor einem kleinen Hain windzerzauster Palmen auf ihre Besitzer, und trotz der götterlos frühen Stunde wimmelt es überall von Menschen und anderen Wesen. Während sie sich durch die Menge drängen, vernehmen sie ein Durcheinander verschiedenster Sprachen – Hôtha, Tamaraeg, Tamairge, noch andere, völlig unverständliche Zungen und sogar Pakkakieli, wenn sich seine Ohren nicht täuschen. Bis sie sich durch das ganze Gewühl gekämpft haben, ist die Sonne längst aufgegangen und die Stunde des Fischers schon beinahe vorüber. Der Narrenkönig und er helfen einem Mann, den sie nach dem Leiter der Karawane fragen, ein Rad an seinem Fuhrwerk zu wechseln, erhalten aber nur ein dankbares Lächeln und ein verständnisloses Kopfschütteln – der Mann spricht weder die Allgemeinsprache, noch Tamairge oder Hôtha.

Sie fragen sich bei noch fünf anderen nach dem "Meister der Karawane" durch, bis sie endlich auf eine füllige, so durch und durch azurianisch aussehende Matrone treffen, von der Olyvar am wenigsten erwartet hätte, dass sie die Allgemeinsprache versteht . Außerdem rührt die Frau gerade in einem Kessel mit Kichererbseneintopf der ausgereicht hätte, eine ganze Kompanie satt zu bekommen, und das zu dieser Stunde. "Meistr? Meistr… ah… Jirkeno, Jirkeno!" Sie schwenkt ihren hölzernen Kochlöffel in eine bestimmte Richtung und entlässt sie mit einem freundlichen Kopfnicken. Von da an ist es einfach, denn den Namen "Jirkeno" scheinen alle zu kennen. Wann immer Olyvar oder der Narrenkönig ihn aussprechen, ist die Antwort ein Nicken und ein wild deutender Finger oder ein paar gestikulierende Hände, bis sie schließlich ans Ende einer langen, langen Schlange von Wartenden kommen, an deren Kopf ein hölzerner Tisch neben einem großen Zelt im festgetretenen Sand steht. Auf dem Tisch liegt ein blankes Schwert und dahinter sitzt ein Mann, der an so einige Orte gepasst hätte… aber nicht hierher in die Wüste. Sein Haar ist immer noch voll und dicht und war wohl einmal blond, auch wenn das Alter es bereits mit vielen weißgrauen Strähnen durchzogen hat. Sein breites, eher gutmütiges Gesicht wird von einem beeindruckenden Bart geziert, doch seine kieselgrauen Augen wirken so kalt und undurchdringlich wie Stein. Er ist in ein Gespräch mit dem ersten in der Reihe der Wartenden vertieft, die anscheinend alle mit ihm zu sprechen wünschen – und sie sind ganz am Ende der Schlange. "Ist das Jirkeno?" Fragt Olyvar und ein Mann vor ihnen dreht sich mit überraschter Miene zu ihm um. Er ist klein – sogar einen halben Kopf kleiner als Karamaneh – rund, aber kräftig und wirkt so fröhlich und munter wie ein frisch polierter Kupferling. "Ja, das ist er. Doch sein Name ist nicht "Jirkeno", sondern Jyrki Heinonen - er ist aus Immerfrost. Das kann nur keiner dieser Südländer richtig aussprechen…" sein Blick fällt auf den Narrenkönig, "nichts für ungut, die Herren. Dieser Heinonen bemüht sich nicht gerade um Freundlichkeit", wird ihnen anvertraut, "aber es ist ratsam, sich mit ihm gut zu stellen und zu versuchen, mit ihm auszukommen. Es geht das Gerücht, dass Räuber und Wegelagerer einzelne Reisende und kleine Gruppen überfallen, und es gibt keine andere große Karawane im Umkreis, die jetzt nach Süden zieht, außer seiner."

"Ihr seid aus den Herzlanden?"
"Nebrinôrer", erwidert der Mann sichtlich stolz und lächelt breit. "Freut mich, freut mich ganz außerordentlich Mann! Arnaudin Pontac aus Caer Cantenac – wo kommt Ihr her?"
"Aus Orsán", erwidert Olyvar mit freundlichem Lächeln und als er Arnaudins verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkt, fügt er unverbindlich hinzu: "Im Nordosten der Herzlande. Wir geleiten Lady Mélisande hier im Auftrag ihres Vaters nach Süden. Die Familie treibt Handel mit der Kaufmannsgilde von Mar'Varis."
"Ah", macht der Nebrinôrer, aber es wird deutlich, das ihm das entweder nichts sagt oder er es schlicht als gegeben hinnimmt. "Ich ziehe weiter nach Culuthux. Will ein paar Feuerblutpferde für unsere Zucht daheim kaufen. Nicht die Ausschussware, die man bei uns auf den Märkten findet, sondern die richtig guten, wenn Ihr wisst, was ich meine." Seine hellblauen Augen funkeln vergnügt und Olyvar schnalzt angemessen empört mit der Zunge und nickt verständig. "Dieser Heinonen soll der beste Karawanenführer die Shakh hinunter sein. Hab nur Gutes über den Kerl gehört. Seine Familie macht in Immerfroster Seide, handelt mit dem Zeug schon seit Ewigkeiten bis nach Naggothyr runter. Stellt Euch das vor Mann, eine solche Reise… da muss man einen ganzen Zwölfmond oder länger unterwegs sein, was? Aber dieser Jyrki Heinonen hat sie schon oft gemacht, kennt jeden Stein auf der Shakh, heißt es. Seine Sippe hat gute Beziehungen nach Azurien, müsst Ihr wissen. Diese Südländer haben den Heinonens vor ein paar Jahren sogar mal einen waschechten Sagoralöwen zum Geschenk gemacht, stellt Euch das vor. Haben das Vieh den ganzen Weg bis nach Immerfrost hinaufgeschleppt. Meint Ihr, wir werden Sagoralöwen zu Gesicht bekommen? Ich hab noch nie einen gesehen außer einmal auf einem Bild in einem Buch über die Bestienkunde , aber…"

Olyvar, der nicht nur ganz genau weiß, dass der Name des besagten Löwen 'Jafta der Schreckliche' war, sondern auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat, wie das Tier seinerzeit nach Immerfrost gekommen ist und wem die Azurianer das zu verdanken haben, sperrt pflichtschuldig Mund und Nase auf und lässt den Mann einfach reden. Gefangen an ihrem Platz in der Schlange können sie ihm schlecht entkommen, und Arnaud ist zwar auf die Dauer anstrengend, aber auch völlig arglos. Sein kleiner Begleiter Je'andi, ein schlanker, halbwüchsiger hiesiger Junge in fleckigen Hosen und einem abgerissenen, grauen Kittel, den er als Diener und Dolmetscher bei sich hat, lächelt ein wenig gequält und wirft sowohl Olyvar, als auch M'lady und sogar dem Narrenkönig in einem fort entschuldigende Blicke zu, macht aber ebenfalls keine Anstalten, seinen Herrn und Meister irgendwie bremsen zu wollen. So sind sie, als sie weiter in der Schlange vorrücken, die sich nur quälend langsam bewegt, alsbald bestens im Bilde über die Zucht edler Nebrinôrer (die allesamt taub sein müssen), die allgemeine Lage in den Herbstrotbergen und die Zustände (Zustände, wahrhaftig!) in Vînnar, den Verlauf seiner - selbstverständlich haarsträubend abenteuerlichen - Reise hierher, den caer torrelobar'schen Klatsch und Tratsch, die beeindruckenden ortsansässigen Faêyristempler (was für Kerle, famos, einfach famos!), das grauenhafte Essen (schrecklich, ganz schrecklich und immer diese Hirse und die Datteln und Kamelmilch, wie soll ein Mann da nicht vom Fleisch fallen?!), die entsetzlich überfüllten Unterkünfte (wenn er das gewusst hätte, zwei Karawanen in einer so kleinen Stadt und dann auch noch am Tag des Imugdub, gepriesen sei sein Name, möge sein Schrein stets vor Opfergaben überquellen!), die freizügigen Freudendamen der… (oh, Verzeihung, M'lady!), die möglichen Gefahren auf der Shakh, denen sie sich so tapfer zu stellen gedenken (sie müssen doch schon vom gefürchteten Al' Ibaba und seinen vierzig Geächteten gehört haben, von den sonstigen Gefahren wie Blutwaranen, Blutechsen, Löwen und Hyaenas und Giftschlangen und wissen die Götter allein was für Getier noch, ganz zu schweigen…). So geht es in einem fort und Olyvar bluten im wahrsten Sinne des Wortes die Ohren, als sie endlich Heinonens Tisch erreichen.

Der redselige Nebrinôrtharer vor ihnen bespricht seine Angelegenheiten mit dem Immerfroster überraschend knapp – sie und alle hinter ihnen (und das sind nicht wenige) haben insgeheim wohl schon befürchtet, der kleine Pferdezüchter würde sich dem Karawanenführer ebenso aufdrängen, wie er es mit ihnen getan hat – dann ist Olyvar an der Reihe. Er nennt dem Mann ihre ausgedachten Namen, ihre Anzahl und den angeblichen Grund ihrer Reise, und hält sich dabei an Karamanehs Rat, für eine erfolgreiche Lügenmär so nahe an der Wirklichkeit zu bleiben wir irgend möglich.
"Die Karawane zieht nicht bis Naggothyr", wird ihm sofort beschieden. "Wenn ihr weiter in den Süden wollt, müsst Ihr ab Mar'Varis andere Verabredungen treffen."
Olyvar nickt und der Immerfroster fasst ihn selbst und den Narrenkönig einen unangenehmen Moment lang sehr genau ins Auge. "Ich verlange zwanzig Silber für die Frau, fünfzehn für euch selbst und den Azurianer sowie für jeden anderen waffenfähigen Mann in eurer Begleitung. Wenn ihr zu fünft seid, macht das achtzig Silberlinge."
Olyvar zögert – es ist nicht unverschämt teuer, aber auch nicht das, worauf er gehofft hat.
"Sechzig", flüstert Karamanehs Stimme hinter ihm so leise, dass er im allerersten Moment glaubt, er habe es sich eingebildet, doch dann erklärt er entschieden: "Sechzig."
"Achtzehn Silber für die Frau, vierzehn für euch und jeden waffenfähigen Mann bei euch. Macht vierundsiebzig Silberlinge."
"Biete zweiundsechzig, akzeptiere fünfundsechzig", raunt Karamaneh und Olyvar tut wie ihm geheißen – bis Heinonen das Angebot eisig annimmt und ihm geradewegs in die Augen sieht.
"Ihr müsst selbst für eure Vorräte sorgen. Wenn wir morgen bei Tagesanbruch nach Süden ziehen, besteht die Karawane aus gut siebzig Reisegruppen. Es herrscht Trockenzeit. Bis K'billinin rasten wir nur die heißen Mittagsstunden über, danach auch noch am Nachmittag. Die Marschzeiten sind bis K'billinin von der Stunde der Jungfrau bis zur vollendeten Stunde des Wissens. Ab K'billinin reisen wir dann des Nachts, von der Stunde des Wolfs bis zur Stunde des Fischers, und ruhen tagsüber bis wir nach Mar'Varis kommen. Wir haben zwanzig Karawanenwächter. Mit euch und euren drei Begleitern etwa hundertzwanzig Männer unter den Reisenden. Ich sehe, Ihr seid ein Mann des Schwertes und der Azurianer neben Euch auch. Was ist mit den anderen?"

Olyvar hat bleibt nur ein einziger Augenblick, eine Entscheidung zu treffen und er beschließt, nur teilweise die Wahrheit zu sagen. Heinonen mag ein Immerfroster und sehr direkt sein, aber er kennt den Mann überhaupt nicht und kann ihn noch nicht einschätzen. "Ein Magier des Elements Erde und ein weiterer… Krieger." Das ist nicht gelogen – Kalam ist ein Krieger. Er ist nur kein Mensch, doch danach hat Heinonen genaugenommen nicht gefragt. Wenn sie so bald schon nur noch nachts reisen, muss es Kalam eben irgendwie gelingen, als Mensch durchzugehen. Im Schutz der Dunkelheit und während alles unterwegs ist, wäre es leicht, seine speziellen… Eigenarten zu verschleiern, doch bei Tageslicht, wenn sie lagern? Sie werden noch ein Zelt brauchen, am besten eines im Stil der Beduinen, das würde Kalam vor allen neugierigen Blicken und der Sonne verbergen - oder sie müssen den Sithechjünger eben zur Not bei Karamaneh im Tachtirwan unterbringen, wenn er ruhen oder essen muss, und einfach das Beste hoffen. "Ich verlange eine Wache je zehn Gruppen – ihr werdet also einmal im Siebentag die ganze Nacht Wache halten müssen. "
"Abgemacht."
"Neue Mitreisende müssen sich am Ende der Marschlinie einreihen, wo der Staub am ärgsten und der Platz für Reisende am gefährlichsten ist. Ihr kommt direkt hinter Arnaud den Pferdezüchter. Wenn jemand vor Euch ausfällt, könnt ihr vorrücken. Jede neue Gruppe, die sich meiner Karawane nach Euch anschließt, wird sich hinter Euch einreihen."
"Gut."
"Sollten wir Schwierigkeiten mit Räubern oder Wegelagerern bekommen, erwarte ich Euer Schwert und die Schwerter Eurer Männer – und die Hilfe des Magiers."
"Abgemacht."
"Dann findet Euch zur Morgendämmerung hier ein, wir brechen auf, sobald die Sonne aufgeht."

Von Heinonens Tisch gehen sie direkt auf den Karawanenmarkt und erstehen ein recht geräumiges Chaima aus schwarzem Ziegenhaar, etwa zehn Schritt lang und drei Schritt tief, das leicht zu transportieren und rasch auf- oder wieder abzubauen sein wird und das ihnen außerdem guten Schutz vor Hitze, Sonnenlicht und Sandstürmen bieten würde. Dann decken sie sich mit Vorräten für ihre weitere Reise ein, kaufen Kajal, um sich die Augen zu schwärzen, Mandelöl, um sich die Haut damit einreiben zu können, Bandhanas und Kufiyas zum Schutz vor der – bald sengenden – Sonne, und allerlei anderes Nützliches wie Lederfett, arniser Kalk, eine Ahle, Lederschnüre und Flickzeug, Wasserschläuche, ein paar einfache Holzschalen und ebensolche Becher und Löffel, einen Dreifuß, einen kleinen Kessel und eine flache Bratpfanne, eine Zunderbüchse, Heilkräuter und Verbände, weiche Lammfelle und gewebte Decken aus Kamelhaar, die ihnen warme und weiche Nachtlager bieten würden, Teekräuter und noch einiges andere mehr. Darüber vergeht beinahe der ganze Tag und als sie schwer beladen mit ihren Einkäufen wieder in ihrem Gemach in der Karawanserei der Hundert Tore ankommen, herrscht auf den Straßen Caer Torrelobars und auch vor dem Sandwall rund um die Stadt schon buntes Treiben und die summende Aufregung des Festtages… der Magier und der Vampir hingegen sind längst ausgeflogen und treiben sich sonst wo herum. Sie verstauen ihre Habseligkeiten und beschließen zweistimmig – der Narrenkönig, dem der Sinn nicht nach noch mehr Menschen steht, bleibt zurück -, dass sie sich nach diesem Tag - und zur Feier desselben - wirklich die Belohnung eines kleinen Festbesuches verdient haben. Also essen Olyvar und Karamaneh nur rasch etwas und sind nach der Abenddämmerung wieder unterwegs – diesmal nur zu zweit und in Richtung der Stadt, die sie mit lärmender Ausgelassenheit erwartet.
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Kalam

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7

Wednesday, March 16th 2016, 5:08pm

Andernorts in Caer Torrelobar...

Und dann…

16. Eisfrost 517

I always thought the words, and then, were a prelude to something wonderful.
Like seeing a ship come in or finding a note in your letterbox, when you weren't expecting one.
That swift, surprising transition from nothing to everything.
And then...
Two little words that hold a world of promise.
And then… the light pierced through the dark, forbidding sky, and the rain stopped falling.

And then… I met you.*


Am späten Nachmittag des Händlertages ist der Gauklermarkt genauso überlaufen wie der ganze Rest von Caer Torrelobar, aber immerhin liegt er im Schatten eines Haines alter, immergrüner Orangenbäume, so dass sich Kalam hier bewegen kann, ohne sich allzu viele Gedanken machen zu müssen – nicht, dass er das zu dieser Stunde noch müsste. Allmählich spürt er jedoch die Kraft der südlichen Sonne, auch wenn hier, im Grenzgebiet zwischen den azurianischen Wüsten und den Herzlanden, ein zwar milder, aber für diese Breiten doch noch kühler Winter herrscht. Die ganze Flussfahrt von Ildala bis nach Caer Torrelobar war er äußerst vorsichtig gewesen, hatte sich behutsam an die Mittagsstunden und die Kraft des Tagessterns herangetastet, und irgendwann mit leisem Erstaunen festgestellt, dass es zwar mehr als unangenehm geworden ist, auch um die Mittagszeit noch in die Sonne zu gehen, aber gerade noch zu ertragen. Allerdings beginnt seine Haut zu schon zu dampfen, wenn er ohne dichten Umhang und Kapuze länger als ein paar wenige Herzschläge ungeschützt im vollen Sonnenlicht steht, sobald der Tagesstern seinen Zenit erreicht hat – und er ist nicht erpicht darauf, herauszufinden, wie lange genau es wohl dauern würde, bis er in Flammen aufgeht. Außerdem hatte ihm das einen unangenehmen Vorgeschmack auf ihre Weiterreise in den Süden verschafft, wo er sich ziemlich sicher während des höchsten Sonnenstandes überhaupt nicht mehr im Freien wird bewegen können. Also hatte er, hauptsächlich um keine ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen, die meiste Zeit dem Narrenkönig unter Deck der Flussdschunke Gesellschaft geleistet, der selbst auf dem breiten und in diesen Landen noch sehr gemächlich dahinströmenden Bar el-Atbár seekrank geworden war. Und er hatte versucht, das hatte er wirklich, sich von der Malankari fernzuhalten. Sie ist eindeutig zu… zu… zu was auch immer für seinen Seelenfrieden. Außerdem riecht sie so sündhaft gut (und damit meint er nicht die kostbaren Duftöle, die sie benutzt), dass es gesünder für alle Beteiligten (ganz besonders für sie selbst) wäre, wenn er noch nicht einmal mehr in ihre Richtung blinzeln würde.

Menschenblut hat ihn noch nie gereizt, nicht ein einziges Mal in vierhundertsiebenundneunzig Jahren. Er bevorzugt Wild. Jungen Hirsch, zartes Reh, ab und an eine Bache mit Frischlingen, die einem einen ordentlichen Kampf liefert, hin und wieder ein Kaninchen für den Imbiss zwischendurch. Keine Raubtiere, zu streng im Geruch und im Geschmack, obwohl manche seiner Art gerade auf das aus zu sein scheinen… vielleicht auch nur auf wehrhafte Beute, er weiß es nicht. Er kann auch von Rinderblut, von Schaf, Ziege, Antilope, Pferd, Esel, Kamel oder sonst etwas leben, und zwar gut. Alles bestens. Kein Problem. Aber dann muss ihm ausgerechnet dieser Fratz über den Weg laufen… auf einem Schiff und dann auch noch auf einer Dschunke, wo er ihrem verheißungsvollen Duft gar nicht entkommen kann... es ist zum aus der Haut fahren. Sei ehrlich… geht es denn darum? Mit einem abgrundtiefen Seufzen beantwortet er die stumme Frage seiner eigenen Gedanken, das gebietet die Ehrlichkeit. Nein… Sie riecht hinreißend, das ist wahr, aber er will nicht von ihr trinken. Nicht so, und schon gar nicht deswegen. Simpler Blutdurst ist etwas ganz anderes, und sie… er… Herr der Knochen! Und dann lassen ihn diese drei Helden kaum haben sie Caer Torrelobar erreicht, auch noch allein mit ihr! 'Du bist dran Kalam. Pass auf sie auf Kalam. Wir besorgen uns eine Unterkunft, Kalam. Wir sind bald zurück, Kalam. Lass sie nicht aus den Augen, Kalam…' Aus den Augen! Verdammt nochmal - als ob er das könnte, selbst wenn er wollte. Wie ihr Herz geschlagen hatte im Schatten des Iainbrotbaumes... Auf dem Fluss hatte er sich tatsächlich aufrichtig darum bemüht, ihr nicht ständig über den Weg zu laufen, geschweige denn, ihr allzu zu nahe zu kommen. Sie hat vermutlich Angst vor ihm… kluges Mädchen! Aber aller seiner guten Vorsätze zum Trotz, scheint er leider nicht das Geringste dagegen tun zu können, dass sie anscheinend aus einem Magneten und er ganz offensichtlich aus massivem Eisen besteht. Denn wann immer Karamaneh auf der Bildfläche erschienen war, hatten sich alle seine heldenhaften Bemühungen als völlig aussichtsloses Unterfangen erwiesen, und sein Nacken schmerzt, Selbstheilungskräfte hin oder her, schon vor lauter Anstrengung, sie nicht permanent anzustarren.

In Wahrheit, muss er sich eingestehen, während er Rayyan durch die Menge auf dem Gauklermarkt folgt, sind es weder ihr Aussehen, noch ihr Duft, nicht ihr anhaltendes Schweigen - zwölf Tage sind sie jetzt gemeinsam unterwegs und noch immer hatte sie kein Wort mit ihm gesprochen (und Kalam weiß beim besten Willen nicht, ob er dafür besser dankbar sein soll, oder ob ihm das vielleicht doch überhaupt nicht gefällt) und auch nicht die Aura von Schwermut und Geheimnissen, die sie stets umgibt, die ihn so faszinieren. Oder nicht nur das, obwohl ihn das alles wissen die Götter mehr als fasziniert. Nein. Du musstest deine neugierige Nase ja in ihr verdammtes Buch stecken… So rasch wie sein ganzer Ärger über dieses verwirrende, verworrene, undurchschaubare Gefühlschaos aufgekommen war, in das er ohne jede Vorwarnung und ohne sein eigenes Zutun hineingeraten war, und dem er sich obendrein ziemlich hilflos ausgeliefert fühlt - und das ist ein Gefühl, das ihm so fremd ist, dass es ihm überhaupt nicht schmeckt - verfliegt er wieder. Das Buch… Er hat nur einen einzigen Blick hineingeworfen, aber wovon er darin lesen konnte, das war mehr als nur ein Eindruck von ihren Träumen und Wünschen, von ihren Hoffnungen und Sehnsüchten, von ihren Ängsten und ihrem Schmerz gewesen. All die Gedichte darin waren schon kleine Wunderwelten, ein jedes für sich genommen eine ganze Bibliothek phantastischer, märchenhafter Geschichten und unendlicher Möglichkeiten. Kalam war noch nie ein sehr belesener Mann und er ist schon gar kein Schöngeist oder Gelehrter. Die Bücher, mit denen er sich für gewöhnlich beschäftigt, handeln hauptsächlich davon, wie man Dämonen, Munduskinder und anderes Schattengezücht möglichst wirkungsvoll wieder loswird, oder drehen sich um Stahlsorten, berühmte Schwerter, nützliche magische Gegenstände und ähnlich profane Dinge. Und dann… Er hat nicht gewusst, dass einfache Worte eine solche Kraft besitzen können. Dass sie im Stande sind, solche Bilder heraufzubeschwören oder eine ganze verheißungsvolle Welt in sich zu bergen. Dass sie solche Schlüssel zu Herzen und Gedanken sein könnten. Es war, als hätte er in Karamanehs eigenen Worten und in all den Zeilen dazwischen, in der so unerwarteten und beinahe erschreckenden Poesie dort, einen Blick auf ihr wahres Wesen erhascht… und sich staunend gefragt, wie es im Universum nur so etwas Schönes geben kann.

Er ist so in Gedanken versunken, dass er beinahe in Rayyan hineinläuft, als dieser abrupt vor ihm stehenbleibt und einen so lästerlichen azurianischen Fluch ausstößt, dass selbst Kalam die Ohren klingeln, doch was ihn augenblicklich alarmiert und verwirrt um sich blicken lässt, ist das blanke Entsetzen in der Stimme des Magiers. Rayyan ist alles andere als ein furchtsamer Mann – der Magier neigt zwar zu gnadenlosen Übertreibungen, besonders was gewisse Wetten angeht, aber es gibt nur sehr wenig Dinge, die ihm wirklich Angst einjagen – und es ist eindeutig eine Scheißangst, die er in seiner Stimme hören kann. Gefolgt von einer Scheißwut. Kalam kann beides an ihm riechen, weil Rayyan unmittelbar vor ihm steht – aber keine Bedrohung von irgendwoher. Um sie herum wabert ohnehin eine ganze Suppe aus den verschiedensten Gerüchen, gute wie schlechte - unmöglich, einen einzelnen Duft aus diesem chaotischen Potpourri zu filtern. Er kann auf den ersten, raschen Blick auch keine Bedrohung welcher Art auch immer entdecken - dank seiner Größe hat er einen ganz guten Überblick, doch alles was er sieht, ist eine lärmende Menschenmenge, wildes Feilschen an den Ständen und Adamarah, die ihre akrobatischen Kunststücke vorführen. "Was…" setzt er an, kommt jedoch nicht weit, weil der Magier ihn am Umhang packt und einfach hinter sich her zerrt. Kalam lässt sich ziehen – so wütend hat er Rayyan noch nie gesehen, er kann den Zorn des Magiers förmlich auf der Zunge schmecken, so lodernd und weißglühend wie frisch geschmolzener Stahl, der in Form gegossen werden soll. >Komm mit!<


*Lang Leav
I do very bad things, and I do them very well

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Karamaneh

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8

Wednesday, March 16th 2016, 6:19pm

Die Neun Kelche

Nurms bittere Gaben

»We do not choose our destinies.«
(George R.R. Martin, A Storm of Swords)

{16. Eisfrost 517; Imugdubs Hochtag, Caer Torrelobar}


Der Klang von heiterer Musik und ausgelassenem Gesang, der Olyvar und ihr vom Wind entgegen getragen wird, zieht Karamaneh an wie die Motte das Licht. Sie lassen sich vom Strom der Menschenmassen mitreißen, die ebenso wie sie zum Fest nach Caer Torrelobar wollen und sind schon bald in einem bunten Meer aus tausend Farben, Klängen und Düften gefangen. Die großen Hauptstraßen sind reichlich geschmückt. Überall flattern goldene und rubinrote Fähnchen und Wimpel im Wind und zarte, duftende Blütenblätter in allen nur erdenklichen Farben wehen sacht durch die Straßen und Gassen. Es riecht nach Gewürzen, nach Rosenblüten und Jasmin, nach reifen Orangen und süßem Honig.

Ihr Weg führt sie geradewegs ins Herz von Caer Torrelobar, mittenhinein in das Getümmel eines lärmenden Basars. Bunte Zelte und kleine und große Stände drängen sich hier dicht an dicht zusammen. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken, dass sie gar nicht wissen wohin sie ihre Blicke als erstes wenden sollen. Karamaneh hält sich dicht bei Olyvar und lacht vergnügt. Ihre Gewänder sind staubig, doch die Strapazen des zurückliegenden Tages fallen schlagartig von ihr ab, als ihr der Duft von gesüßtem Tee und frischen Baklava in die Nase steigt. Verzückt zieht die Malankari ihren Begleiter am Ärmel und lotst ihn zielstrebig durch die Menge hinüber zu einem kleinen Zelt. Die Auswahl an Köstlichkeiten, die die freundliche Händlerin ihnen präsentiert ist schier überwältigend, doch Karamaneh trifft völlig unbeeindruckt ihre Wahl: Baklava mit grünen Pistazien sollen es bitte sein, dazu noch etwas Rāḥat al-ḥulqūm... und natürlich Çay—Tee.

Lächelnd zeigt die Malankari Olyvar wie man die klebrigen Süßigkeiten isst. Zufrieden leckt sie sich schließlich den letzten Tropfen Honig von den verschmierten Fingerspitzen und lässt ihren Blick zu einer Gruppe musizierende Adamarah hinübergleiten, die inmitten des Wirrwarrs wie im Auge des Sturm stehen und von der umgebenden Menge immer wieder mit reichlich Applaus bedacht werden. Die Truppe ist gut, wirklich gut. Und Karamaneh lauscht ihrem Spiel voller Verzücken. Sie liebt den Klang der Musik und die Schönheit der exotischen Gesänge, obschon letztere sie auch ein wenig traurig stimmen. “Ich wünschte ich könnte so singen”, murmelt sie neidlos, wobei die kaum hörbaren Worte ganz allgemein dahingesprochen und an niemand bestimmtes gerichtet sind.

Auf der Suche nach einem besseren Platz, um dem Geschehen noch etwas besser lauschen zu können, verscheuchen sie ein paar Bettelkinder, die sich von den ausgelassenen Festgästen ein paar Gaben erhoffen und Karamaneh ist froh, dass Olyvar es auf sich nimmt die Kinder zu vertreiben. Sie erinnert sich an Rayyans harsche Worte und blickt den kleinen, sich davonduckenden und in der Menge untertauchenden Gestalten bekümmert nach. Die Malankari ist nicht dumm, sie weiß das der Azurianer mit seinen Worten selbstverständlich Recht hat, aber ihrem Herzen tut das Leid der Kinder deshalb nicht weniger weh, denn sie müssen in einer Welt überleben, die Karamaneh selbst nie wirklich kennengelernt hat beziehungsweise an die sie sich selbst nur noch sehr schemenhaft erinnert. Nur einem Mädchen, gibt die Malankari schließlich doch nach. Die Kleine ist so dürr wie ein Zweig Reisig und so flink wie ein Wiesel, dass sie sich zu Karamaneh durchlaviert ehe es sich verhindern lässt. Und obwohl die Malankari Rayyans Worte noch ganz deutlich im Ohr hat, obwohl sie weiß dass es vielleicht falsch ist, gibt sie dem schmutzigen kleinen Ding einen einzigen Kupferling—und wird dafür mit dem schönsten, strahlensten Lachen belohnt, das man sich vorstellen kann.

Karamaneh lacht ebenfalls. Dann duckt sich das Mädchen fort und ist verschwunden. Die Malankari seufzt, weicht Olyvars Blick aus und wendet ihre Aufmerksamkeit wieder den Adamarah zu. Gedankenverloren streicht sie sch ein paar lose braune Haarlocken aus dem Gesicht. Auf dem Basar, in den Straßen und auf den Plätzen werden die ersten Fackeln und Feuerkörbe entzündet, um der Dunkelheit und der Nachtkälte Einhalt zu gebieten. Der feurige Schimmer zaubert eine geheimnisvolle Röte auf die samtweichen Lippen der Malankari, während die Hitze der Menge Karamanehs Wangen rosig färbt und in ihren azurblauen Augen ein ungewohnter Glanz zu wohnen scheint. Sie lässt sich ganz von der heiteren Atmopshäre einfangen und vergisst für den Moment all ihre Sorgen. “Tanz wie verrückt, als ob das ganze Leben zum Tanzen gedacht ist und zu feiern...“*, raunt ihr eine Stimme von irgendwo aus der Menge zu. „Was?“ Verwirrt schaut Karamaneh sich um, doch der Sprecher oder die Sprecherin scheint schon wieder in der feiernden Menge untergetaucht zu sein und Olyvar hat die Worte offenbar nicht mitbekommen, denn sein Blick ist nach wie vor auf die Adamarah gerichtet. Die Zuhörerschar um sie herum wird immer größer, bewegt sich rhythmisch zu den Klängen der Musik und zwingt auch die Malankari sich ihren tanzenden Bewegungen anzuschließen.

Irgendwann ziehen die Adamarah weiter und die Menge folgt ihnen. Zwischen den Ständen und Zelten auf dem Basar wird es wieder etwas leerer und man kann wieder etwas besser atmen, ach wenn nach wie vor ein heilloses Gedränge herrscht. “Wohin nun?”, wendet Karamaneh sich fragend an Olyvar. “Zurück?” Es ist spät geworden und sie müssen am nächsten Tag früh raus. Wenn der Morgen dämmert, sollen sie sich bei der Karawane einfinden, hatte Heinonen ihnen beschieden. ›Wir brechen auf, sobald die Sonne aufgeht‹, erinnert die Malankari sich an die Worte des Immerfrosters, verspürt aber eigentlich keinen großen Drang in die Karawanserei der Hundert Tore zurückzukehren, als sie an das prunkvoll ausstaffierte Gemach denkt, dass Rayyan dort für sie alle reserviert hat. Das riesige, ausladende, mit bestickten Seidenlaken ausgestattete und mit kostbaren, samtweichen Pelzen und Baldachinen aus Brokat behängte Bett, welches sie dort für eine Nacht erwartet, mag zwar verlockend sein, bietet allerdings weder nennenswerten Schutz vor Kalams blutroten Augen und Rayyans gelegentlich etwas zu langen Blicken, noch vor Alpträumen und unruhigem Schlaf. Auf der Seehure und der Auge des Dschinn hatte Karamaneh sich noch in die Einsamkeit einer einzelnen Kajütte flüchten können, doch weder die Hundert Tore noch die bevorstehende Reise auf der Shakh können ihr diesen Luxus länger bieten.

“Wann kommen wir drei uns wieder entgegen, unter der Sonne oder auf dunkleren Wegen?“
“Wenn der Fünfte Khamsin für immer verweht und der Rote Mond strahlend am Himmel aufgeht.”
“Ah, also wenn Nurms Kelche sind geleert.”
“Wo?” “Im Wüstensand am fernen Ort!”
“Sssch, sie naht. Eilt euch. Rasch, hinfort!”
“Der Schlange zu überbringen das Schicksalswort?”
“Ja. Sie kann es schaffen, sie kann versagen; aber sie ist so traurig, wir müssen es sagen.“
“Doch kann sie die Rose nicht erretten, wird für immer sie tragen des Khamsins Ketten...“
“Genug! Wir streuen nur aus die bittere Saat, der Schlange allein gehört am Ende die Tat.“
“Sie ist schön, unschuldig, nicht verlogen; ich bin sicher Zwölf und Eine sind ihr gewogen.”
“Doch ach, strauchelt die Goldene und siegt das Schlechte, dann frohlocken dunklere Mächte...“
“Schweig still! Da ist sie. Ich höre Stimmen!“
“Seht, die ersten Feuer erglimmen.”
“Das Schicksal ruft. Wir kommen! Wir kommen! Sonne wechsle mit Feuerschein! Bitter soll süß und süß soll bitter sein! Auf! Durch den Staub den Weg genommen!“

Entweder Karamaneh ist zu sehr in Gedanken versunken oder vom Festtrubel und der wogenden Menge um sich herum abgelenkt, jedenfalls scheinen die Drei aus dem Nichts zu kommen. Die eine ist jung, ein Mädchen, fast noch ein Kind. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein Kind der Straße. Ihr wirres Haar wirkt wie ein Vogelnest mit all den kleinen, dürren Zweigen und trockenen Blättern und den dem Schmutz auf ihrer kleinen Nase und den bloßen Füßen. Die andere ist alt, zahnlos, faltig, mit schlohweißem Haar so dünn wie Spinnweben. Ihre Finger sind lang und knochig und die Haut darüber sie dünn so dünn, dass man die Adern direkt darunter lesen kann wie die Flüsse auf einer Karte. Die dritte ist weder das eine noch das andere, weder alt noch jung, und auf ihre eigene Art und Weise sogar schön anzusehen. Ihre Lippen sind etwas zu schmall, ihre Augen ein wenig zu glanzlos, doch ihre Mund ist rot und voll und ihre Kurven üppig und wohlgeformt.

Obwohl sie so unterschiedlich aussehen, merkt man doch gleich: diese Drei gehören zusammen. Die schwarzen, langen, weiten Ärmel und wallenden Röcke ihrer Gewänder sowie die dünnen, farblosen Schleier und grauen Tuche der Frauen hüllen Karamaneh ein wie Rauch oder dichter Nebel und nehmen ihr die Sicht. Wie ein plötzlicher Wirbelsturm reißen die Drei die Malankari mit sich fort, zerren sie in die Masse der Festgäste, aus der sie so unvermittelt aufgetaucht sind, und führen Karamaneh unaufhaltsam immer weiter und weiter von Olyvar fort, während sie in unverständlichem Singsang abwechselnd auf die junge Frau einreden. Verzweifelt versucht Karamaneh sich aus dem geheimnisvollen Sog der drei Frauen zu befreien und kämpft zunehmend panisch gegen die sie umgebenden Menschenmassen an, doch in dem reißenden Mallstrom aus drängenden Leibern hat sie schlichtweg keine Chance. “Was wollt ihr von mir?”, stößt Karamaneh hilflos hervor. “Bitte, lasst mich gehen...” Aber in dem Stimmengewirr um sie herum gehen ihre viel zu leise gekrächzten Worte einfach ungehört unter.

“Nurm kennt das Leid unserer Seelen”, wispert das Mädchen.
“Neun Kelche—angefüllt mit Bitternis—wird sie dir reichen”, flüstert die Mittlere.
“Und alle Neun wirst du leeren müssen, Goldene Schlange”, raunt die Alte.
“Denn so steht es geschrieben”, erklärt das Mädchen.
“Hast du geleert sieben von neun, kann der Reigen beginnen”, murmelt die Mittlere.
“Doch gib Acht, sonst wird der Khamsin wehen immerdar”, warnt die Alte.
“Seine Rache wird endlos sein”, ergänzt das Mädchen schaudernd.
“Und unter dem Licht des Roten Mondes wird kein Leben sein”, wispert die Mittlere traurig.

“Was soll das heißen?”, keucht Karamaneh und wiederholt: “Was wollt ihr von mir? Bitte... lasst mich gehen...” Und dieses Mal lassen die drei Frauen wirklich von ihr ab. Mehr noch. Sie ziehen sich zurück wie wabernde Nebel und verschmelzen mit der Menge bis ihre Farblosigkeit gänzlich von einem Meer der Farben verschlungen wird und nichts weiter von ihnen zurückbleibt als unheilsschwangere Prophezeiung. Noch eine Prophezeiung. Schon wieder eine Prophezeiung. Starr vor Schreck steht Karamaneh da, während die Menge um sie herum tanzt und jubelt und feiert als wäre nichts geschehen, als wäre alles nur ein schlecht Traum. Vielleicht IST dies nur ein Traum!, denkt Karamaneh. Nur ein weiterer Alptraum der sich zu meinen anderen Träumen hinzugesellt... Ihr Herz pocht wie wild. So wild wie es das sonst nur unter Kalams glutroten Blicken tut. Die Malankari schließt die Augen. Atmet einmal. Zweimal. Sie schlägt ihre Augen wieder auf. Dann fällt ihr Blick auf ihre Handgelenke. Dorthin wo die knochigen, klauenartigen Hände der Alten—Wie kann eine klapperige, alte Frau nur so stark sein?—sie festgehalten haben. Doch kein Traum, stellt Karamaneh mit einem Schaudern fest, als sie die blutigen Abdrücke bemerkt, die die spitzen Fingernägel der Alten in ihre zarte Haut gegraben haben.

Ich muss Olyvar finden, stellt sie schließlich fest, als sie langsam wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Und dann wird ihr siedend heiß klar: Er wird es hassen! Noch eine Prophezeiung. Nach wie vor etwas benommen schüttelt sie leicht den Kopf. Sie hat sich nie für etwas besonderes gehalten. Oder für jemanden dem Ealara oder die Götter ihre Aufmerksamkeit schenken.
Plötzlich stößt ihr irgendetwas—oder irgendjemand—von hinten in den Rücken und sie stürzt beinahe zu Boden, doch die Menschenmassen, die nach wie vor um sie herumwogen, bewahren sie davor. “Warum so allein, meine Hübsche?”, ertönt eine raspelnde Stimme und der beißende Gestank von Alkohol gemischt mit dem Odor fettiger Speisen schlägt Karamaneh schonungslos entgegen. Gerade noch rechtzeitig zieht sie ihre Hand zurück, als der Trunkenbold nach ihr greifen will, und drängelt sich instinktiv in die Menge. Nur weg, nichts wie weg, ist der einzige Gedanke der ihr in diesem Moment in den Sinn kommt. Erst etwas Abseits der Hauptzelte und Stände bleibt sie endlich wieder stehen. In diesem Durcheinander wird sie Olyvar nie wiederfinden. Zurück zu den Hundert Toren, entscheidet sie schließlich und merkt schon im nächsten Augenblick, dass auch das absolut unmöglich ist. In ihrer blinden Hast hat sich rettungslos verlaufen. Wo auch immer sie sich befindet, sie hat keine Ahnung.

Tränen steigen ihr ganz ungewollt in die Augen. Könnte sie sich verwandeln, sie würde ihren Weg schon finden. Doch das kann sie in diesem Durcheinander vollkommen vergessen. Selbst wenn sie einen ungestörten Ort fände, um die Wandlung zu vollziehen, in keiner Gestalt käme sie ungesehen, unbescholten und schon gar nicht rechtzeitig aus Caer Torrelobar hinaus. Eine einsame Träne rinnt ihr die Wange hinunter. Doch anstatt in den Staub der Straße zu fallen...
...landet sie glitzernd auf einer kleinen, schmutzigen Zehenspitze. Verwirrt schaut Karamaneh auf, und bemerkt erst jetzt wie eine kleine schmutzige Hand am Saum ihres Gewandes zupft. Da ist es wieder, dass kleine Mädchen, dem sie die Kupfermünze gegeben hat. Und plötzlich tut sich doch ein Weg aus Caer Torrelobar und zur Karawanserei zurück auf.

______
*Osho
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Olyvar

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9

Wednesday, March 16th 2016, 10:09pm

A Dhiathan, thois cobhair!*


16. Eisfrost 517, am späten Abend

Well, a night on the town wouldn't do us any harm
Well, a night on the town wouldn't do us any harm
Well, a night on the town wouldn't do us any harm
And we'll all hang on behind…


"Karamaneh!"
Es ist ihm völlig egal, dass er eigentlich nach Lady Mélisande rufen sollte, er kann sich jetzt nicht mit solchen Feinheiten aufhalten. Wo bei allen Neun Höllen ist das verflixte Weibsbild so plötzlich hin verschwunden? Gerade eben, gerade eben, vor noch nicht einmal fünf Herzschlägen, war sie doch noch neben ihm gestanden?! Als die Spielleute der Adaramarah abgezogen waren, hatte er sich noch bei dem Gedanken ertappt: Wie gut, dass Kalam jetzt nicht hier ist und sie so sehen kann. Karamaneh war so aufgeregt wie ein kleines Mädchen mit rosigen Wangen und schwingenden Röcken gewesen, hatte sich genießerisch den Honig von den Fingerspitzen geschleckt wie eine kleine zufriedene goldene Katze und ihre Füße hatten gerade noch wild im Takt des Adamarahliedes gewippt…

Ach, komm du Schöne bring den Wein zu mir
Bring den Wein zu mir, ich verdurste hier
Ach, komm du Schöne bring den Wein zu mir
Denn mir ist nach Wein und Weib!

Ich schenk dir ein nur wenn du tanzt mit mir
Wenn du tanzt mit mir, dann komm ich zu dir
Ich schenk dir ein nur wenn du tanzt mit mir
Dann bekommst du Wein und Weib…**


Oh ja, ganz ausgezeichnet dass Kalam nicht hier war – jetzt allerdings wünscht er sich den verdammten Sithechjünger mit seiner verdammten Spürnase auf der Stelle an seine Seite. Außerdem hätte er sie dann wenigstens nicht allein verloren. Wo ist sie? Hilflos späht Olyvar von links nach rechts und wieder zurück, dreht sich auf der Stelle und blickt wild in alle Richtungen - tausend Köpfe, Schultern, Rücken, Gesichter sind um ihn her, aber keines gehört ihr. Verdammt und dreimal verdammt! "KARAMANEH!" Nichts. Sie ist einfach verschwunden. Er hat sie im Gewühl verloren wie ein kleines Kind, dessen Hand er losgelassen hat - sie ist weg. "Ifrinn an Diabhuil! A Dhiathan, thois cobhair!"*** Flucht er knurrend und verwünscht seine eigene Unaufmerksamkeit – wie konnte ihm das nur geschehen? Einen schönen Leibwächter gibt er ab! – und diesem folgt ein zweiter, ziemlich erschreckender Gedanke auf dem Fuß: Kalam bringt mich um. Hatte er bei Rayyans und des Narrenkönig gutmütigen Spötteleien und unverfrorenen Wetten noch gedacht: Tja, Sithechjünger, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, dämmert ihm jetzt, dass er wohl schlicht und einfach mausetot ist, wenn die beiden mit ihren wilden Mutmaßungen Recht behalten sollten. "KARAMANEH!" Olyvar ist nicht klein, aber auch in dieser Menschenmenge sind hochgewachsene Männer und er verrenkt sich schier den Hals, um über die hin- und her strömenden Festbesucher, Händler, Schausteller, Gaukler und Spielleute auf den Straßen hinwegsehen zu können, doch er entdeckt sie nirgends. Dann drängt er sich rücksichtslos durch die Menge und zieht damit eine Spur verärgerter Stimmen und unflätiger Schimpfworte über die rüde Behandlung hinter sich her.

"KARAMANEH!!" Von dem Platz, wo sie eben noch beide gestanden hatten, arbeitet er sich den ganzen Weg zurück, den sie hergekommen waren – da, dort ist das Zelt, in dem sie Baklava und das andere, unaussprechliche Zeug gekauft hatte. Vielleicht… doch sie ist nicht hier, und die Händlerin hatte sie seit ihrem Einkauf auch nicht mehr gesehen. Fluchend hastet er weiter – drängt sich durch Gassen, inspiziert Hinterhöfe, fragt jeden Straßenhändler und Standbesitzer, an dem er vorüberkommt… nichts… und kehrt wieder um. Sie kann auf sich aufpassen, sagt er sich ein ums andere mal. Sie ist nicht hilflos, das weißt du genau. Das ist die volle Wahrheit – es nützt nur rein gar nichts und er macht sich trotzdem Sorgen… und Vorwürfe obendrein. Und er hat so den leisen Verdacht, dass er Kalam ohne sie gar nicht erst unter die Augen zu treten braucht. Ich bin ja so etwas von tot... "A Siarla bheannaichte, dionn sinn bho dheamhain****", murmelt er halblaut vor sich hin und biegt in die nächste schmale Gasse, um dort weiter zu suchen.


*Ihr Götter steht mir bei!
**Faun 'Tanz mit mir'
***Teufelshölle! Götter steht mir bei!
****Gesegneter Siarl, bewahre mich vor dem Dämon!
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

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Kalam

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10

Thursday, April 14th 2016, 4:48pm

Auf den Straßen von Caer Torrelobar

Herzschlag

16. Eisfrost 517, nachts

"Well, look who I ran into," crowed Coincidence.
"Please," flirted Fate, "this was meant to be."


Kalam läuft ziellos durch die nächtliche Stadt, in der immer noch trunkene - oder besser gesagt mittlerweile betrunkene - Ausgelassenheit herrscht, und seine Gedanken drehen sich ebenso sehr im Kreis wie seine Schritte. Auf dem Gauklermarkt von Caer Torrelobar hatte der Magier ihn kochend vor Wut in ein Zelt gezerrt, dass wie ein fauler Zahn aus all den schreiend bunten anderen herausgestochen war, die dort aufgebaut waren, denn es hatte ausgesehen, als bestehe es nur aus grob gegerbten Häuten. Und im Inneren… im Inneren war ein Gestank wie Grabeshauch. Kalam glaubt an Prophezeiungen, das hat er im Grunde schon immer getan, schon als Mensch. Hatte er das? Er nimmt es jedenfalls an. Es fühlt sich so an. Und wenn nicht… nun, er wandelt inzwischen schon zu lange auf dieser Welt, um es nicht mehr zu tun und er ist ein Rabani – sein Orden beschäftigt sich schon seit der Ersten der Dunklen Plagen mit der Vorsehung. Dennoch war er, ebenso wie Rayyan, mehr oder weniger aus dem schäbigen Zelt von Häuten geflohen. Und die Alte… Herr der Knochen… Auch wenn er sich dann bei einem Krug Blutwein und einer Flasche Hamadat die ganze verworrene Geschichte von Calait, Colevar, sieben Leben, Azra und Borgil und dem Geschwafel eines Schattenwanderers angehört hatte, die der Magier ihm erzählt hat… im Wesentlichen fühlt er sich immer noch so: auf der Flucht, auch wenn er nicht genau weiß, wovor. Er hat schon viel Grauen gesehen, erlebt und überlebt, aber selten hat er eine solche Furcht verspürt, wie in diesem dreckigen Wahrsagerinnenzelt. Dabei ging es eigentlich überhaupt nicht um ihn… oder doch? 'Die drei Schattenhexen tanzen bald' hatte die Greisin mit ihrer papiernen Stimme geflüstert, aber nicht welche Hexen, nicht wann und nicht wo. 'Dornenkind, Blutkind. Und ich dachte, es wäre der Magier, der nach Tod riecht…' Sie hatte viele kryptische Dinge gemurmelt und ihre milchigen Augen hatten im Schein der Flammen so rot geleuchtet wie seine. Dornenkind? Was soll das bedeuten? Kalam weiß nichts über seine Herkunft, er weiß weder wer sein Vater, noch wer seine Mutter war, und falls er ihre Namen jemals gekannt hat, kann er sich heute nicht mehr an sie erinnern. 'Du bist grausam, in mein Zelt zu kommen, Magier. Grausam. Und du, fort mit dir - ich habe schon genug Leid ertragen müssen, da brauche ich nicht auch noch deines. Du bist deinem Schicksal schon begegnet, du warst verflucht von dem Moment an, als du es getroffen hast.' Sie war so winzig gewesen, so faltig und vertrocknet wie eine Dörrpflaume, die man zu lange in der Sonne hatte liegen lassen, und ihre Worte hatten so viel Sinn ergeben wie ein Kaninchenfurz, über den man saure Milch gießt und ihn dann anzündet. Verflucht also… Mmpfm. Er wird auch das überstehen. Kalam versucht sich zu konzentrieren und irgendeinen Zusammenhang zu finden, doch einiges von dem, was die alte Wahrsagerin noch gesagt hat, hallt immer wieder in wirrem Reigen durch seine Gedanken. 'An deiner Stelle würde ich keine Zeit mehr verschwenden, Magier. Sechs-und-zehn und eines dazu für dich. Der Bär weiß es. Er weiß es doch und es bricht ihm das Herz. Bist du schon reich, Magier? Hätte ich dem armen Jungen vielleicht die Wahrheit sagen sollen? Nichts ist wie es scheint. Das Spiel hat schon längst begonnen. Die Schöpfer der Figuren marschieren auf und machen sich ans Werk… Steinmetze. Steinmetze und Schmiede und Holzschnitzer, denn Stein und Erz und Eisenholz müssen sie sein. Frag das Südliche Orakel, Jünger. Frag das Südliche Orakel, denn ich habe keine Antworten für dich.'

Aus dem Wirrwarr der verwinkelten Gässchen des schäbigen und daher verhältnismäßig ruhigen Staubviertels im Norden der Stadt, in dem er so ziellos umhergewandert war, gelangt er wieder auf größere und belebtere Straßen, wo es trotz der späten Stunde noch immer hektisch und turbulent zur Sache geht. Schwitzende, erschöpfte Händler schreien ihren Konkurrenten über die Köpfe ihrer Kunden hinweg Flüche zu. Straßenkinder betteln um Münzen. Azurianer hocken auf ihren Grasmatten und leiern in nasalem Singsang endlose Litaneien über die Vorzüge von Meharamilch, Datteln und Hammelfleisch herunter. Diebe leeren den unaufmerksamen Festbesuchern im Vorbeigehen die Taschen. Fischer laufen mit Speeren voller geräucherter Fische herum, die über ihren Köpfen wippen. An jeder Ecke biedern sich dralle Huren an und an jeder zweiten Straßenkreuzung kommt es bereits zu Schlägereien – doch wenn überhaupt eine schlecht gelaunte Stadtwache eintrifft, hat das Gedränge der Menschen die Streithähne meist schon auseinandergetrieben oder sie liegen längst blutend im Rinnstein. Die einzigen nüchternen, rechtschaffenen Templer Caer Torrelobars sind heute Nacht höchstwahrscheinlich allesamt auf dem Sandwall postiert, Kalam kann jedenfalls nirgendwo irgendwelche tugendhaften Streiter für Recht und Ordnung in strahlenden Rüstungen entdecken - und die wenigen Templer, die er sieht, sind genauso bezecht wie der ganze Rest der männlichen Bevölkerung der Stadt. Vielleicht beeilen sich die letzten halbwegs anständigen oder auch nur halbwegs nüchternen Festbesucher ja aus diesem Grund darum, ihre Frauen, Töchter, Schwestern oder sonstigen Weiber allmählich von den Straßen in ihre halbwegs sicheren Unterkünfte zu schaffen. Schon bei Einbruch der Dunkelheit waren alle angetrunken gewesen, nun geht allmählich die Stunde der Nachtwache zu Ende. Bis Mitternacht würden sie völlig hinüber sein und die Straßen der Stadt wären wirklich kein Ort mehr für Frauen, jedenfalls nicht für achtbare. Caer Torrelobar ist ohnehin nicht Talyra, wo die Blaumäntel eines gewissen Lord Commanders für Ordnung sorgen, aber welche andere Stadt ist das schon? Ihm fällt keine ein.

Er kommt an den Hochgalgen vorüber, wo drei leere Schlingen sacht im Wind schaukeln und ihm kommt der Gedanke, wie lange es wohl noch dauern würde, ehe die ersten Saufbrüder auf den glorreichen Einfall kämen, irgendjemanden daran aufzuknüpfen. Im Staubviertel hatten die Galgenschlingen ausgesehen, als müssten sie alle zwei Siebentage ausgewechselt werden, weil sie so ausgeleiert waren, hier hingegen setzen sie Spinnweben an… es kommt wohl nicht oft vor, dass man in Caer Torrelobar einen Hochgeborenen erhängt. Die Weinschenker rufen allmählich die letzten Runden aus, als er ins Händlerviertel vor dem südlichen Tor kommt, und an jedem Stand, der Hochprozentiges ausschenkt, drängen sich dichte Trauben. Kalam biegt auf die breite Karawanenstraße ein, wo Rayyan am Vortag am liebsten die Stände mit sämtlichen ildalischen und azurianischen Köstlichkeiten leergefressen hätte und nähert sich den Plätzen, wo gestern die Viehmärkte gewesen waren - jetzt drängen sich hier nur Menschen. Zwei verschiedene Spielmanngruppen versuchen sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertrumpfen und ergeben miteinander ein misstönendes Crescendo schräger Töne, eine blasse Hure ohrfeigt einen aufdringlichen Freier und wird schon vom nächsten davongezerrt, zwei Karawanenwächter schlagen sich mit nackten Oberkörpern und bloßen Fäusten, umgeben von einer kreischenden Menge, gegenseitig die Gesichter zu Brei, nervöse Händler packen hastig ihre letzten Habseligkeiten zusammen und bringen sie eilig in Sicherheit, und über allem schwebt das brodelnde Summen einer Menschenmenge, die weiß, dass die ausgelassene Feier allmählich zu Ende geht, es aber einfach nicht wahrhaben will. Kalam ist in zu katastrophaler Stimmung, um den kürzesten Weg mitten hindurch zu nehmen, außerdem kann er nicht dafür garantieren, dass er dem nächsten Betrunkenen, der ihm vor die Füße torkelt und ihn mit einem Atem wie eine Branntweinwand anhaucht, nicht einfach den Kopf abreißen würde, also hält er sich in den Schatten der Randbezirke des Platzes, wo Straßen und Gässchen ins Händlerviertel abgehen. Er biegt gerade um die letzte Häuserecke vor dem Südtor, als ihm eine Gruppe von Männern auffällt, die allesamt nur so tun, als wären sie voll wie die Feldschlangen, und bei ihrem wilden Herumtorkeln nur scheinbar wahllos Passanten und tatsächlich betrunkene Festbesucher auf ihrem Weg nach Hause anrempeln. Dabei erleichtern sie sie jedoch in Wahrheit geschickt um ihre Geldkatzen, ein paar lose Schmuckstücke oder Münzen – oder was sie ihnen sonst mit spitzen Fingern aus den Taschen fischen. Sie müssen sich zur Tarnung allerdings mit Branntwein übergossen haben, so sehr stinken sie nach billigem Fusel. Die schrille Geräuschkulisse der Spielleute, das Kreischen der Huren, das Gebrüll der Betrunkenen und all das Klirren und Klingeln der leeren Zinnbecher und Steinkrüge, die eingesammelt werden, dröhnt ihm in den Ohren und lässt ihn noch gereizter werden, als er es ohnehin schon ist.

Kalam holt tief Luft – eine reine Angewohnheit, er muss ja nicht atmen – und wünscht sich im selben Augenblick, er hätte es nicht getan. Es stinkt nach Pisse, schalem Bier, billigem Wein, verschwitzten Menschen, Notdurft, die auf der Straße verrichtet wurde, faulenden Essensresten, Staub und… Ach, oh bitte - das ist lächerlich! Verfolgt sie dich jetzt schon so, dass du dir auch noch einbildest, du hättest ihren Geruch in der Nase?! "Mmpfm." Nein, ganz bestimmt nicht. Soweit wird es gar nicht erst kommen. Es reicht schon, dass er nur die Augen zu schließen braucht, um ihren Herzschlag in seiner Erinnerung zu hören, dieses rasche, aufgeregte Pochen, das tags zuvor unter dem Iainbrotbaum in seinen Ohren gedröhnt, und ihn völlig durcheinandergebracht hatte. Um ihn sind hunderte von Menschen und sie alle haben schlagende Herzen, keines davon kann er heraushören. Auch ihres nicht. Auf keinen Fall! Dann hört er es tatsächlich und sein Kopf schwenkt herum wie ein Pendel. Kalam schließt die Augen, lauscht und prüft die Nachtluft. Ihr Herz schlägt viel zu schnell. Sie ist gerannt. Er kann ihren Schweiß riechen, süß und frisch, versetzt mit Furcht, alter wie neuer. Und die Wargin, die sacht an die Oberfläche drängt, als würden alle Instinkte ihr raten, sich zu wandeln. Und ihr Blut. Nicht viel, nicht frisch, aber sie blutet oder sie hat es vor kurzem getan. Doch da ist nur Karamaneh – und eine Menge fremder Gerüche. Kein Olyvar, kein Narrenkönig, kein Rayyan. Sie ist allein - irgendwo links von ihm in den schmalen Gassen, aber nicht sehr weit. Er unterdrückt einen halblauten Fluch - sie hätten sie nie allein gelassen, irgendetwas muss geschehen sein - und macht sich auf die Suche. So unerwartet wie ihr Geruch ihm in die Nase gestiegen war, verliert er ihn plötzlich wieder und flucht noch einmal, diesmal lauter. Dann sieht er sie. Sie biegt um eine Ecke, anscheinend geführt von einem mageren Straßenkind, welches ihr hektisch winkt, ihm schneller zu folgen. Zwischen Kalam und ihr liegen vielleicht zwanzig Schritt und ein halbes Dutzend Männer, die offenbar nur auf sie gewartet haben, das dürre Straßenmädchen verschwindet jedenfalls mit schuldbewusstem Gesichtchen hinter einem Stapel vermodernder Holzkisten. Kalam beginnt zu laufen. Karamaneh wirbelt herum und versucht in die Richtung zu verschwinden, aus der sie gekommen war, doch hinter ihr tauchen noch mehr Männer auf, und sie macht auf dem Absatz wieder kehrt. Mehrere Hände schießen vor, um sie aufzuhalten und im nächsten Moment findet sich gegen eine Hausmauer gedrückt wieder, umringt von Männern, die aus allen Poren Branntwein ausdünsten und neben Raub vielleicht noch die ein oder andere Vergewaltigung im Sinn haben, wenn sie schon einmal dabei sind. Sie gibt dem Kerl, der sie gepackt hat einen kräftigen Stoß, kommt frei, schlüpft zwischen zwei anderen hindurch und… rennt mitten in ihn hinein, und das derart abrupt, dass er sie an den Armen festhält und sie ganz instinktiv die Hände gegen seine Brust stemmt, um nicht vollends mit ihm zusammenzuprallen. Er spürt, wie sie vor Schreck zusammenfährt und er sieht, wie ihre Augen sich weiten, als sie ihn erkennt. Dann blinzelt sie erstaunt in sein Gesicht. Ihre Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Raunen, so rau, dass sie fast bricht, aber er hört sie deutlich seinen Namen flüstern - und wäre um ein Haar in ein albern erfreutes Grinsen ausgebrochen. "Was bei…" dann fällt sein Blick über ihre Schulter auf ihre Verfolger und er zieht sie hinter sich.

Der erste versucht ihn einfach umzurennen und läuft gegen massiven Fels. Kalam knurrt ihn mit gefletschten Zähnen an, als er mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Seite torkelt und der Mann beschließt klugerweise, doch lieber das Weite zu suchen. Die übrigen fünf sind nicht so vernünftig, aber keiner von ihnen hat Obsidian oder eine Fackel oder sonstiges offenes Feuer bei sich. "Ihr dürft es herzlich gern versuchen", lädt er sie ein. Das tun sie tatsächlich – entweder, weil sie dumm sind, oder weil sie sich in der Überzahl sicher fühlen, oder weil sie es vielleicht noch nie mit einem seiner Art zu tun hatten. Kalam lächelt. Seine Augen werden rot. Dann explodiert er ein klein wenig. Nur ein ganz klein wenig, denn als er mit ihnen fertig ist, liegen nirgendwo abgerissene Gliedmaßen oder abgetrennte Köpfe herum, niemand watet knöcheltief im Blut und zwei von fünf sind außerdem noch am Leben, jedenfalls atmen sie vorerst noch. Die anderen drei sind so tot wie man nur sein kann, und das bedauert er nicht im Geringsten, schließlich hatten sie Karamaneh angegriffen. Kalam zieht ein Messer aus seinem Unterarm, das glatt durch den Muskel gedrungen ist und wirft es klappernd auf die Pflastersteine, dann dreht er sich zu ihr um. Es erscheint ihm absolut albern, sie jetzt noch förmlich anzureden, also lässt er es einfach. "Wo bist du verletzt?" Sein wachsamer Blick schweift die schmale Gasse hinauf und hinunter. Sie schüttelt den Kopf, berührt aber dabei ihr Handgelenk – nur ein Kratzer. Kalam schnaubt ungehalten. Am liebsten hätte er die Arme um sie geschlungen und sie unter seinem Umhang verborgen. Oder sie - noch besser - über seine Schulter geworfen und in die verdammte Karawanserei getragen. So könnte er wenigstens sicherstellen, dass niemand Hand an sie legt. "Komm. Diese Straßen sind nicht sicher für dich." Doch als er sich umdreht, um zu gehen, legt sie ihm federleicht die Hand auf den Arm und das jagt nicht nur ein Summen unter seine Haut, es lässt ihn auch innehalten. "Was?" Ihr Blick wandert zu den modrigen Holzkisten, dann zurück zu ihm und wieder zu dem Kistenstapel. "Du willst dem Mädchen helfen, obwohl es dich in eine Falle gelockt hat?" Fragt er ungläubig und sie nickt, auch wenn sie ihn nicht mehr ansieht. Einen langen Moment schweigt er und blickt auf ihren dunklen, gesenkten Haarschopf hinunter. "Also schön", hört er sich sagen und kann nicht glauben, dass er das wirklich tut. Dann kommt ihm ein Gedanke. "Hat Borgil Spatzen hier in Caer Torrelobar? Wenn du sie hinter den Kisten vorbekommst, könnten wir sie zu einem seiner Vögelchen bringen."
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Karamaneh

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Thursday, April 14th 2016, 5:11pm

Hexen

Reisig

Softness is not weakness.
It takes courage to stay delicate
in a world this cruel.
(Beau Taplin)

{16. Eisfrost 517, Imugdubs Hochtag, Caer Torrelobar}


Karamaneh vertraut dem Mädchen ohne ein einziges Mal zu zögern. Vielleicht weil das Kind sie mit seinem strahlenden Lachen und dem verfilzten, straßenköterblonden Haarschopf an Zaleh erinnert. Vielleicht weil sie nach den merwürdigen Ereignissen und sonderbaren Schicksalsworten der drei unheimlichen Frauen einfach noch zu durcheinander ist, um eine gesunde Portion Vorsicht walten zu lassen. Was auch immer es letztlich ist, sie folgt dem Mädchen weiter und weiter durch das Menschengedränge bis sich dieses langsam etwas zu lichten beginnt. Erst als die Gegend um sie herum immer weniger einladend wirkt und die Feiernden immer betrunkener und unangenehmer werden erwacht ihr Argwohn doch noch―allerdings ist es da bereits zu spät. “Wo sind wir?“, ruft sie ihrer kleinen Führerin beunruhigt hinterher, erhält jedoch keine Antwort. Wie eine kalte Faust umschließt Angst Karamanehs pochendes Herz und die Wargin in ihr verlangt panisch danach freigelassen zu werden, doch die Malankari weiß dass dies unmöglich ist. Für die Zeit der Wandlung wäre sie absolut hilf- und schutzlos, eine leichte Beute für jederman. Nein, sie kann nur auf ihre anderen Fähigkeiten hoffen, so gering diese auch sein mögen, und darauf dass sie sich vielleicht doch täuscht.

Das Mädchen winkt der jungen Frau hektisch, um ihr zu bedeuten ihr zu folgen und für einen kurzen Augenblick flammt in der Malankari tatsächlich die winzige Hoffnung auf sich geirrt zu haben. Schon im nächsten Moment stirbt dieser Hoffnungsfunken jedoch wieder, als das Kind hinter einem Stappel modriger Holzkisten in Deckung geht und Karamanehs Befürchtungen damit entgültig Gewissheit werden lässt. Die Wargin wirbelt um die eigene Achse, aber alle Fluchtwege sind versperrt. Sie hat gelernt sich nur mit einem Stab oder gänzlich ohne Waffen zu verteidigen, aber auf dem schattigen Pfad, dem sie fürgewöhnlich folgt, ist das nur selten notwendig―und dafür ist sie dankbar. Also versucht sie erst gar nicht zu kämpfen, gegen ein halbes Dutzend Männer hat sie ohnehin keine Chance, sucht ihr Heil in der Flucht und findet stattdessen...

...Kalam. Im ersten Augenblick hält sie ihn für einen weiteren ihrer nächtlichen Peiniger und will sich schon gegen ihn zur Wehr setzen, als ihr Blick auf das Amulett auf seiner Brust fällt und sie erstaunt zu ihm aufschauen lässt. “Kalam...“, wispert sie verwundert, und für den Bruchteil einer Sekunde scheint die Zeit stehen zu bleiben, während sie in seine goldbraunen Augen starrt. Nur einen Herzschlag später holt die Zeit wieder zu ihnen auf und ehe Karamaneh weiß wie ihr geschieht, findet sie sich im Schutz des Vampirs wieder und verfolgt mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen was als nächstes geschieht.
Die Männer haben nicht den Hauch einer Chance, nicht ohne Feuer oder Drachenglas. Als es vorbei ist, Kalam das Messer, welches ihm einer der Männer in den Unterarm gerammt hat, einfach aus der Wunde zieht und achtlos beiseite wirft und sie mit nun glutroten Augen mustert, flüstert eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf das sie verdammt noch einmal Angst vor ihm haben sollte, jetzt noch mehr als zuvor... doch Kara stellt überrascht fest, dass das genaue Gegenteil der Fall ist, obwohl ihr Herz so schnell und laut pocht wie stets in seiner Gegenwart.

Drei Männer sind tot, zwei so hinüber, dass sie sich kaum noch rühren können, ein weiterer hat das Weite gesucht. Karamaneh ist nur allzu klar, weshalb Kalam gehen will. Und warum sie mit ihm gehen sollte... augenblicklich mitgehen muss, aber sie kann nicht, nicht ohne das Mädchen. Den Sithechjünger kümmert die Kleine nicht, warum sollte sie? Aber die Malankari sieht Zaleh. Sieht sich. Auf Schiffen mit schwarzen Segeln und Märkten wo Menschen gehandelt werden wie gewöhnliches Vieh. Natürlich, sie kann nicht alle Straßenkinder retten, so sehr sie sich dies auch wünscht, das weiß sie. Doch diesem einen Kind kann sie helfe und ihr Herz ist einfach nicht kalt genug, nicht hart genug, als dass sie einfach so gehen könnte... also hält sie Kalam zurück. Und, Karamaneh weiß nicht wieso, aber der Sithechjünger gibt ihrem, wie sie sehr wohl weiß, ziemlich unmöglichen Ansinnen schneller nach als erwartet. Hastig, bevor er es sich noch einmal anders überlegen kann nickt sie. Ja, ja, natürlich hat Borgil hier Spatzen. Der Vorschlag des Lahamas lässt sie lächeln, die Lösung ist perfekt.

Noch bevor Kalam ganz zu Ende gesprochen hat, wendet sich die Malankari daher erleichtert ab, um das Mädchen zu holen. Seine letzten Worte lassen sie jedoch mitten in der Bewegung erstarren und ihr armes Herz, welches sich gerade erst wieder etwas beruhigt hat, wieder einen Takt schneller schlagen. “Hexen...“, flüstert sie kaum hörbar als Antwort auf seine Frage. Eine bessere Beschreibung für das Erlebte will ihr in diesem Moment einfach nicht einfallen. Abwehrend hebt sie eine Hand und atmet zweimal tief durch. “Nicht hier...“, unterbindet sie alle weiteren Fragen. Nein, sie will nicht darüber reden, nicht hier, nicht so. Erst das Mädchen, entscheidet sie stumm und geht entschlossen zu dem Stapel Holzkisten hinüber hinter dem das Kind sich noch immer, nun eindeutig ängstlich, zusammenkauert.
Langsam geht die Malankari vor dem Versteck der Kleinen in die Hocke. “Komm“, lädt sie das Kind ein. “Es ist vorüber.“ Große, furchtsame Augen starren sie von hinter den Kisten an und das Mädchen rührt sich keinen Sekhelrin. Und wer könnte es ihr verdenken? Die Kleine weiß sehr genau, was sie getan hat, dass hat der Ausdruck auf ihrem Gesicht, unmittelbar bevor die nun toten Männer auf der Bildfläche erschienen waren, Kara deutlich verraten. Und Kalams Auftritt war ebenfalls alles mögliche, aber ganz sicherlich nicht Vertrauen erweckend gewesen. Karamaneh braucht nicht in eine ihrer Wargengestalten zu schlüpfen, um die Angst des Mädchens praktisch riechen zu können. “Komm“, wiederholt sie so sanft sie nur kann. “Dir geschieht nichts.“ Sie lächelt aufmunternd und streckt eine Hand aus. “Ich bin dir nicht böse... Komm.“ Die Kleine zögert, einen Herzschlag lang, zwei, drei... dann legt sie ihre dünnen, schmutzigen Finger in Karamanehs zarte, weiße Hand...

...und lässt diese den ganzen Weg bis zur Karawanserei über nicht mehr los. Schweigend und so schnell sie nur können lassen sie sich von Kalam zu den Hundert Toren führen. Kara hält die schmale Hand des Kindes fest in ihrer, während sie sich dicht an der Seite es Vampirs hält, dessen bloße Anwesenheit dafür zu sorgen scheint, dass sämtliche Trunkenbolde, Beutelschneider, Bettler, Huren und sonstiges Gesindel einen großen Bogen um sie schlagen. Trotzdem atmet die Malankari erleichtert auf, als sie endlich die ersten Lichter der Karawanserei vor sich sehen und sich kurz darauf in der Sicherheit der schützenden Mauern wiederfinden.
In den Hundert Toren ist es verhältnismäßig ruhig. Die meisten Leute befinden sich nach wie vor auf dem Fest in der Stadt, in irgendwelchen Schenken oder Hurenhäusern. Und die Meisten der wenigen Anwesenden sitzen in sich zusammgesunken in irgendwelchen ruhigen Ecken und schlafen ihren Rausch aus. Sie müssen ein wenig herumfragen und warten, bevor sie Barisan Grenzgänger, den Wirt und Leiter der großen Karawanserei schließlich auftreiben können, aber endlich haben sie Glück. Borgils Name allein genügt, um ihnen Gehör bei dem Mann zu verschaffen und ein gutes Wort für das Mädchen einzulegen. “Also schön“, brummt der Mann schließlich. “Für so ein winziges Vögelchen wird sich schon irgendwo ein Plätzchen finden“, meint er. Karamaneh lächelt und unterstreicht ihren Dank mit einer ehrerbietigen Geste. “Schon gut“, winkt Barisan ab. Und an das Mädchen gewandt: “Wie heißt du, Kleine?“ Das Mädchen zuckt mit den Schultern. “Die anderen rufen mich Reisig“, murmelt es verlegen und so leise, dass es den Namen noch zweimal wiederholen muss, bevor Barisan schließlich verkündet: “Reisig, also. Na dann komm mal mit.“ Unsicher schaut Reisig von Karamaneh zu dem Wirt und wieder zu der Malankari zurück. Diese lächelt aufmunternd. Reisig zögert noch einen Moment, dann nickt sie Barisan langsam zu.

Karamaneh sieht dem Mädchen wie es mit dem Wirt im Bauch der Karawanserei verschwindet, bevor sie Kalam in das Gemach begleitet, welches sie und die anderen für diese eine Nacht bewohnen. Dort angelangt muss sie zu ihrem großen Entsetzen feststellen, dass sie allein sind. Weder Olyvar noch Rayyan sind schon zurückgekehrt und selbst der Narrenkönig, mit dessen Anwesenheit sie felsenfest gerechnet hat, scheint ausgeflogen zu sein.
Die Malankari weiß nicht woran es liegt, aber einmal mehr beginnt ihr Herz so schnell zu schlagen, dass ihr das Blut in den Adern in den Ohren dröhnt. Ein halbes Leben lang ist sie es nun schon gewohnt allen Arten von Männern Gesellschaft zu leisten. Und nicht wenige davon waren weitaus unangenehmer als Kalam. Weitaus unangenehmer fürwahr. Monster in Menschengestalt. Doch keine Vampire... “Ich werde mich etwas frisch machen...“ Mit diesen Worten flüchtet Kara sich förmlich in das Gemach und verschwindet so schnell sie nur kann hinter schweren Vorhängen und halbdurchsichtigen Schleiern und Tuchen, die ihr zumindest annähernd soetwas wie Privatsphäre verschaffen, auch wenn sie weiß, dass dies täuscht. Schemenhaft zeichnen sich ihre Bewegungen und ihre Gestalt hinter den dünnen Schleiern und Tuchen ab. Einen Augenblick lang, zum ersten Mal seit langem, zögert sie etwas bevor sie bedächtig beginnt sich aus ihren verschwitzten, schmutzigen Gewändern zu schälen, sich notdürftig an einer Waschschüssel zu reinigen und schließlich, ohne groß darüber nachzudenken, in einen hauchdünnen Überwurf aus schimmernder pfauenblauer Seide zu schlüpfen. Nach kurzem Überlegen nimmt sie auch die Perücke ab und verbirgt ihre kurzgeschorenen Haarfransen hastig unter einem passenden, elegant um den Kopf geschlungenen Seidenschal.

Als Karamaneh schließlich wieder hinter all den Tuchen zum Vorschein kommt können wenige Sekunden, aber ebenso gut auch eine halbe Ewigkeit vergangen sein. Entschuldigend sieht die Malankari Kalam an. “Danke... für alles“, flüstert sie und hält scheu die Augen gesenkt. Ihr Blick fällt auf die frische Messerwunde. “Was ist mit Eurem Arm?“, fragt sie leise, besorgt. Ohne zu überlegen tritt sie näher an den Vampir heran und streckt vorsichtig ihre Hand nach seinem Arm aus.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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Thursday, April 14th 2016, 5:56pm

In der Karawanserei der Hundert Tore

Erkenntnisse und Offenbarungen

16. Eisfrost 517, nachts

The only thing more incredible than your smile,
is when you smile at me.


Reisig… der Name ist so seltsam passend für das spindeldürre Dingelchen, dass Kalam leise in sich hineinlächelt, als er die Malankari hinauf in ihr verschwenderisches Gemach hoch über dem staubigen Innenhof der gewaltigen Karawanserei bringt. Nicht, dass er weiche Diwane und azurianische Seidenteppiche nicht zu schätzen wüsste, aber er wäre auch mit einem einigermaßen sauberen Strohsack irgendwo in einer Kammer zufrieden gewesen. Rayyan hatte zwar zu seiner Verteidigung darauf gepocht, dass er nur aus Gründen ihrer Tarnung auf dieser Art von Unterbringung bestanden hatte, aber er hat den Azurianer in den letzten Wochen und Monden ein wenig kennengelernt. Er war arm wie eine Tempelmaus und dann… dann war er es nicht mehr. Und du auch nicht. Genauso wenig wie Nathan oder Tiuri. Er selbst war zwar auch vorher nicht arm, aber weit entfernt von reich - und bisher hatte er sich um das ganze Gold, das bis zu seiner Rückkehr nach Talyra sicher in Ninianes Keller ruht, auch noch überhaupt keine Gedanken gemacht, im Gegenteil: die meiste Zeit gelingt es ihm erfolgreich, es vollkommen zu vergessen. Es war erstaunlich leicht gewesen, das Straßenmädchen bei Barisan unterzubringen, und als sie mit dem Wirt davongegangen war, hatte sie ihn bereits ausgefragt, ob sie wirklich jeden Tag etwas zu essen bekäme und tatsächlich so viel essen könne, wie sie Hunger habe, und ob er jetzt vielleicht auch… Wahrscheinlich werden wir sie auf unserem Rückweg nicht wiedererkennen. Oder Zweig nennen müssen. Oder Ast. Falls wir hierher zurückkommen. Was ihn jedoch weit mehr erstaunt hat, als das, ist die simple Tatsache, dass der Herr dieser Karawanserei einer von Borgils zahlreichen Spatzen ist - es ist schwer, sich einen unvogelhafteren Mann vorzustellen, als Barisan Grenzgänger, der mehr an einen pragmatischen Schwarzbären erinnert, als an irgendetwas mit Federn.

In ihrem Gemach angekommen, müssen sie feststellen, dass sie allein sind – weder der Magier, noch der azurianische Blaumantel, noch Olyvar sind hier. Doch im Gegensatz zu Karamaneh ist Kalam darüber beinahe erleichtert, nicht entsetzt - ihr Herzschlag schnellt allerdings schon wieder in die Höhe, nur diesmal nicht, weil sie zu rasch gelaufen ist… allmählich kennt er den Takt dieses leisen, lebendigen Pochens. Die Notwendigkeit, die Malankari und das magere Straßenkind so rasch wie möglich hierher in Sicherheit zu bringen, und die Kleine irgendwie versorgt zu wissen, hatte für eine Weile die unschönen und umwälzenden Ereignisse dieses Abends aus seinen Gedanken verdrängt, jetzt kehren sie mit aller Macht zurück. Kalam spürt noch immer die Kälte, die sich ihm bei ihrer Antwort auf seine Frage, was eigentlich geschehen und warum sie um Himmels Willen allein unterwegs war, in den Nacken gelegt hatte und dann eisig sein Rückgrat hinabgeglitten war. >Hexen< hatte sie geflüstert. Von Hexen hatte auch die Seherin gesprochen. 'Die drei Schattenhexen tanzen bald', hatte sie gesagt, doch er hatte sich keinen Reim darauf machen können - bis jetzt. Karamaneh flüstert etwas von 'frisch machen' und verschwindet hinter einem Teil des gigantischen Bettes mit seinen Schleiern und Tüchern - und ihm fällt zum ersten Mal auf, dass sie nie laut spricht, dass ihre Stimme stets dieses heisere, angestrengte Raspeln ist, als hätte man ihr… Oh. Die Erkenntnis trifft ihn aus heiterem Himmel. Olyvar hat ihm kaum etwas über sie gesagt, er weiß nur, dass sie eine unschöne Vergangenheit hatte und nun als Borgils Schutzbefohlene – wohl eher angenommene Tochter – in der Harfe lebt. Irgendwer, der Narrenkönig oder Rayyan, hatte einmal davon gesprochen, dass sie eine ehemalige Sklavin ist. Er hat es gewusst, nur bewusst war es ihm bis zu diesem Augenblick nicht, nicht wirklich. Unschöne Vergangenheit? Sturmverdammt! Sie war eine Sklavin. Sie spricht kaum ein Wort und wenn, dann flüstert sie nur. Kalam erinnert sich an ihre Entschlossenheit, trotz allem diesem halbverhungerten Straßenkind zu helfen - mehr ein tiefes Bedürfnis, als bloßer Wille Gutes zu tun oder einfach nur die Laune eines mitfühlenden, weiblichen Herzens - und er glaubt zu verstehen. Weil sie weiß, wie das ist, so verloren zu sein und gezwungen zu sein, Dinge zu tun, die man nie tun wollte…
Eine Sklavin also. Der Erkenntnis folgt eine zweite auf dem Fuße: Sklaven haben Besitzer. Wut steigt in ihm auf, so rasch, so gründlich und so weißglühend, dass er im allerersten Moment selbst davon überrumpelt ist - doch schon im nächsten schimmert in seinen Augen reine, unverschleierte Mordlust. Wer immer sie besessen hat, wer immer ihr angetan hat, was ihr angetan wurde, wer immer Schuld ist, an dem Leid, das sie in sich trägt wie einen kalten, schweren Stein, wer auch immer - er wird dafür bezahlen.

Sein umherirrender Blick bleibt auf ein Stück Pergament, das auf dem Tisch liegt, hängen – eine Notiz von Rayyan, der Narrenkönig und er wären auf der Suche nach der hübschen Wäscherin aus den Badehäusern, die hoffentlich ein oder zwei Schwestern hat und sie wären spätestens im Morgengrauen zurück. In diesem Augenblick kommt Karamaneh hinter den Baldachinen des Bettes wieder zum Vorschein und paradoxerweise löst ihr Anblick einerseits jeden noch so blutrünstigen Rachegedanken um ihretwillen augenblicklich in Luft auf, meißelt sie andererseits aber gleichzeitig in Stein. Sie hat die Perücke abgenommen - er kann ein paar feine blonde Strähnen unter dem Saum des Tuches hervorschimmern sehen, das sie um ihren Kopf drapiert hat wie eine Mischung aus einem Schleier und einem Turban. Das Gewand, das sie trägt, fällt weich und ist eigentlich schlicht, aber der dunkelblau schimmernde Stoff schmiegt sich dafür bei jeder Bewegung glatt und fließend um ihren Körper, und es kostet ihn die allergrößte Mühe, sie nicht offenen Mundes anzustarren. 'Frisch machen' hatte sie gesagt, er hat es ganz genau gehört, kein Wort davon, sich auszuziehen und dann mit nichts als einem… Unterkleid… vor seiner Nase herumzuspazieren. Hätte er noch nach Luft schnappen müssen, in diesem Augenblick hätte er es vermutlich getan. Kalam hatte sie für ein kluges Mädchen gehalten, aber ganz offensichtlich hat er sich in dieser Hinsicht gründlich getäuscht. Sie kann nicht mehr Verstand besitzen, als in eine leere Haselnussschale passt, sonst hätte sie sich nämlich in sämtliche Gewänder gehüllt, die sie nur bei sich hat und obendrein in ein oder zwei Kamelhaardecken dazu, anstatt in dieses Seidenfähnchen, das sie da am Leib trägt. Sie würde ihm nicht in die Augen sehen, nicht erleichtert seinen Namen flüstern, wenn sie ihm in einer dunklen Gasse in die Arme läuft, nicht mit ihm sprechen, sich entschieden mehr vor ihm fürchten und außerdem tunlichst vermeiden, mit ihm allein in einem Raum zu sein. Sie hätte sturmverdammtnochmal längst ihre hübschen Beine in die Hand genommen und das Weite gesucht. Und vor allem würde sie ihr wild klopfendes Herz zur Ordnung rufen, das immer dann schneller schlägt, wenn sie in seine Nähe… oh. Oh.

>Danke... für alles,< wispert sie und er nickt mechanisch. "Gern geschehen", hört er sich selbst antworten und klingt dabei fast so heiser wie sie. Dann tappt sie auf nackten Füßen näher und hält den Blick eisern zu Boden gerichtet, während er sie immer noch wie hypnotisiert anstarrt und… Herr der Knochen, was macht sie denn jetzt?... will nach ihm greifen. >Was ist mit Eurem Arm?< Ihre Scheu passt weder zu dem, was sie trägt, noch zu ihrem hämmernden Herzen, noch zu ihrem Ansinnen. Kalam blinzelt, als erwache er aus einem Traum, dann kommt Leben in ihn. "Bei allen… hast du vielleicht den Verstand verloren?" Zischt er erschrocken, rupft sich den Umhang von den Schultern und hüllt sie entschlossen darin ein. "Vergiss meinen Arm, das ist morgen verheilt." Der Umhang ist ihr viel zu groß und zu weit, aber so versteckt er sie wenigstens vom Kinn bis zu ihren hübschen Zehen hinunter, und Kalam hätte am liebsten erleichtert aufgeatmet. "Besser", grollt er leise und ihm gelingt sogar so etwas wie ein leicht gequältes, halbes Lächeln. "Das ist nicht verhandelbar." Der dunkle Wollstoff wird nach ihr riechen und ihn damit vermutlich die nächsten Tage foltern, aber das kann er jetzt einfach nicht ändern. Dann hebt er sie hoch und setzt sie vor sich auf den Tisch, damit ihre Gesichter wenigstens ansatzweise auf gleicher Höhe sind. Ihr Herz gerät dabei ein ganz klein wenig aus dem Takt und seine Mundwinkel zucken. Was er natürlich nicht bedacht hat, ist die Tatsache, dass er diese unglaublichen Augen - von ihrer zierlichen Nase, den hohen, runden Wagenknochen, dem zarten Kinn und diesem Mund ganz zu schweigen - damit direkt vor der Nase hat. "Das geht so nicht…" Mit einer geradezu heldenhaften Entschlossenheit tritt er einen halben Schritt von ihr zurück - eine größere Entfernung scheint der unerklärliche Magnetismus zwischen ihm und ihr einfach nicht gestatten zu wollen - schenkt sich aus dem Krug mit dem Ziegenblut einen Kelch voll ein und mustert dann aufmerksam ihr Gesicht. Sie führen tatsächlich so etwas wie eine Unterhaltung und er hat damit endlich eine Rechtfertigung, sie so lange anzusehen, wie er will. "Hexen. Du sagtest etwas von Hexen. Was hast du damit gemeint?"
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Thursday, April 14th 2016, 6:19pm

Zehenspitzen

Nacht und Erde

He is not safe, but he is good.
(C.S. Lewis)

{16. Eisfrost 516; Nacht, Karawanserei der hundert Tore}


Ehe sie weiß wie ihr geschieht wird Karamaneh geschnappt und ohne irgendwelche Umschweife in Kalams Mantel eingewickelt bevor sie auch nur auf die Idee kommen kann zu protestieren―was sie allerdings ohnehin schon allein aus reiner Angewohnheit gar nicht erst versucht. »Das ist nicht verhandelbar«, verkündet der Sithechjünger völlig unnötigerweise und die Malankari nickt brav, ganz die gehorsame kleine Sklavin, die sie ist―pardon―einmal war. “Wie Ihr wünscht“, antwortet sie sanft und nichts deutet auch nur ansatzweise darauf hin, dass sie sich gekränkt oder gar beleidigt fühlt. Dafür hängt ein lautloses Sayyid—Herr hinter den gesprochenen Worten in der Luft.
Behutsam zupft sie den dunklen Wollstoff zurecht, atmet unbewusst die darin haftenden Düfte von Nacht und Erde ein, und erschrickt erneut, als sie hochgehoben und nun auch noch mitten auf den nächstbesten Tisch verfrachtet wird. Was auch immer Kalam sich von diesem sonderbaren Manöver erhofft hat―Karamaneh kann sich beim besten Willen nicht vorstellen was―doch er scheint immer noch nicht zufrieden. Als er schließlich einen halben Schritt zurücktritt, lächelt sie schuldbewusst. Mittlerweile ist ihr klar wie gedankenlos und leichtsinnig es von ihr war in ihrer üblichen Abendgarderobe vor seiner Nase herumzuspazieren. Andererseits, es war schließlich nicht ihre Idee dass sie sich das zugegebenermaßen riesige Gemach mit einem Vampir, einem Erdmagier und zwei Blaumänteln teilen muss.

Ihre Zehenspitzen wippen unruhig auf und ab, wagen es frevlerischerweise für einen kurzen Augenblick unter dem unangehem warmen Umhang hervor zulugen und verschwinden unter Kalams strengem Blick sogleich wieder darunter. Um seinen roten Augen auszuweichen heftet Kara ihren Blick auf den Kelch in seiner Hand. Ziegenblut, erinnert sie sich und ein leichter Schauder rieselt ihr den Rücken hinab. Unwillkürlich rutscht sie auf dem Tisch ein Stückchen zurück und fährt erschrocken zusammen, als Kalam sie unvermittelt nach den Hexen fragt.
Die Malankari schaut zu ihm auf und zuckt unter seinem Umhang ratlos mit den Schultern. “Ich weiß nicht“, murmelt sie leise. “Ich kann sie nicht besser beschreiben... drei Hexen. Ein Mädchen, eine Frau und eine Greisin.“ Wachsam hält sie seinem musternden Blick stand, bedauert mittlerweile aufrichtig keine sittsamere Garderobe gewält zu haben und fragt sich insgeheim, warum er sich nicht längst genommen hat was er will―wie die meisten Männer. “Sie kamen wie aus dem Nichts“, fährt sie fort. “Und haben Olyvar und mich getrennt...“

Ihr Blick wandert zurück zu dem Kelch in Kalams Hand und obwohl sie unter seinem Umhang allmählich zu schwitzen beginnt, fröstelt es sie mit einem Mal. “Nurm kennt das Leid unserer Seelen”, rezitiert sie monoton und wundert sich selbst wie klar sich die Worte in ihre Erinnerung eingebrannt haben. “Neun Kelche—angefüllt mit Bitternis—wird sie dir reichen. Und alle Neun wirst du leeren müssen...“ Sie stockt. Die Worte 'Goldene Schlange' wollen ihr einfach nicht über die Lippen kommen. Karamaneh schluckt trocken. “Hast du geleert sieben von neun, kann der Reigen beginnen“, fährt sie schließlich kaum hörbar fort. “Doch gib Acht, sonst wird der Khamsin wehen immerdar. Seine Rache wird endlos sein.“ Die Malankari schaut Kalam angsterfüllt an: “Und unter dem Licht des Roten Mondes wird kein Leben sein...“

Die Malankai zieht sich den Mantel enger um die Schultern. Auf einmal fühlt sie sich wirklich allein auf der Welt. “Es war als hätten sie nur auf mich gewartet...“ Karamaneh vergräbt ihre Nasenspitze in der dunklen Wolle des Umhangs und atmet die darin haftenden Gerüche tief ein. Nacht und Erde. Sie seufzt. “Dabei will ich doch nur meine Schwester wiederfinden...“
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

Kalam

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14

Thursday, April 14th 2016, 6:43pm

In der Karawanserei der Hundert Tore

Autsch

16. Eisfrost 517, nachts

'I don't believe in magic'
The young boy said.
The old man smiled.
'You will, when you see her.'*


>Wie Ihr wünscht< wird ihm gehorsam beschieden und sie muss das 'Sayyid' wirklich nicht aussprechen, damit er es hört. Kalam zuckt zusammen – ihr Tonfall und das Wort, das sie gnädigerweise nicht in den Mund genommen hat, bringen ihn so gründlich zur Vernunft und auf Abstand, als hätte sie ihm gerade eine schallende Ohrfeige versetzt. "Autsch", ächzt er trocken. Na schön, vielleicht - aber nur vielleicht - hat er es sogar ein kleines bisschen verdient. Trotzdem waren seine Worte nicht als Befehle gemeint, jedenfalls nicht als solche. Er hat sie schließlich nur zu ihrer eigenen Sicherheit (also gut, zu ihrer Sicherheit und für seinen Seelenfrieden) in seinen Umhang gesteckt. Als sich ihre nackten Füße für einen Moment unter dem Mantelsaum hervorzappeln, beschränkt er seine Warnung daher auch nur auf einen kurzen Blick. Ihre Antwort auf seine Frage nach den Hexen jedoch fängt seine vorübergehend auf Abwege geratenen Gedanken mühelos wieder ein. >Ich weiß nicht. Ich kann sie nicht besser beschreiben... drei Hexen. Ein Mädchen, eine Frau und eine Greisin.< Sie hält seinem Blick stand, aber da ist ein Ausdruck zurückhaltender Vorsicht in ihren Augen, der ihm gilt und der ihm überhaupt nicht gefallen will - sie soll nicht auf der Hut vor ihm sein müssen. Sie soll ihn auch nicht fürchten. Bist du übergeschnappt? Hast du ihr nicht gerade eben noch in Gedanken das genaue Gegenteil geraten? Was beim Herrn der Knochen stimmt eigentlich mit dir nicht?! Kalam unterdrückt ein ungehaltenes Knurren und nimmt einen Schluck Blut. >Sie kamen wie aus dem Nichts. Und haben Olyvar und mich getrennt...< So wie er den Lord Commander kennt, läuft er immer noch durch die Straßen der Stadt und dreht auf der Suche nach ihr jeden Pflasterstein zweimal um. "Olyvar sucht noch nach dir", stellt er leise fest und sie können nur hoffen, dass er bald auftauchen würde um nachzusehen, ob sie ihren Weg in die Karawanserei gefunden hat. Kalam wird sie nicht allein lassen, um jetzt seinerseits nach Olyvar zu suchen und Entwarnung zu geben, und die anderen würden vor dem Morgen nicht zurückkommen, also…

>Nurm kennt das Leid unserer Seelen< fährt Karamaneh unvermittelt fort und klingt, als sage sie etwas auf, das sie vor langer Zeit auswendig gelernt und nicht erst vor wenigen Stunden zum ersten Mal gehört hat. Die Worte der Hexen scheinen sich ihr so eingebrannt zu haben, wie die Worte der Alten ihm. >Neun Kelche—angefüllt mit Bitternis—wird sie dir reichen. Und alle Neun wirst du leeren müssen... Hast du geleert sieben von neun, kann der Reigen beginnen. Doch gib Acht, sonst wird der Khamsin wehen immerdar. Seine Rache wird endlos sein.< Jetzt hebt sie doch Kopf und Blick und sieht ihn an, die Augen voller Angst. >Und unter dem Licht des Roten Mondes wird kein Leben sein...< Er beobachtet mit einer Art leisem Erstaunen, dass sie sich in seinem Umhang verkriecht als böte ihr der warme, weiche Stoff Schutz oder Zuflucht. >Es war, als hätten sie nur auf mich gewartet. Dabei will ich doch nur meine Schwester wiederfinden…<
Eine Weile schweigen sie beide und Kalam leert seinen Kelch mit Blut. "Das haben sie vermutlich auch", erwidert er irgendwann leise und sehr ernst. "Ich kenne mich nicht aus mit Orakeln und Weissagungen, aber der Orden der Rabani, mein Orden, hat… eine Schwäche dafür, könnte man wohl sagen. 'Nurm kennt das Leid unserer Seelen' ist Teil eines Gebetes, eine Zeile aus dem Hohelied der Trauer'. Die Schweigenden Schwestern und die Sithechpriester singen es während der Prozessionen im Tempel vor ihrem Altar. Neun Kelche", murmelt er und irgendetwas daran lässt ihn unruhig werden, ohne dass er sagen könnte, was. Dann sieht er sie an.

"Sieht so aus, als hättest du dich zum Kreis derer gesellt, die Prophezeiungen abbekommen haben. Calait, Colevar, Azra, Borgil, Rayyan, Olyvar… und… hm… ich. Vielleicht. Ich weiß es nicht genau." Dann erzählt er ihr von dem Zelt der Alten auf dem Gauklermarkt. Er hat kein Recht etwas über die kryptischen Worte und geheimnisvollen Bemerkungen preiszugeben, die sie über Rayyan und Olyvar gesagt hatte, also lässt er das aus, aber von allem anderen erzählt er ihr. "Sie hat gesagt, die Schattenhexen würden bald tanzen… ich glaube, sie hat deine Hexen damit gemeint. Wir sind nicht schlau geworden aus dem, was die Alte sonst noch von sich gegeben hat, überhaupt nicht, aber Rayyan war furchtbar wütend, nach allem…" Kalam zuckt sacht mit den Schultern und dreht gedankenverloren den Kelch in seinen Händen. "Du kennst die Geschichte von Colevar und Borgil und ihren Frauen, du warst dabei, als sie sie erzählt haben? Dann kannst du dir ja vorstellen, wie begeistert er war, die Alte wiederzusehen. Er hat gesagt, es sei dieselbe Seherin wie damals in Arrassigué, diejenige, die Colevar seine sieben Leben prophezeit hatte… und alles andere auch." Er setzt sich neben sie auf die Tischkante, einfach um ihr nahe zu sein, achtet aber darauf, ihr nicht zu nahe zu kommen. Nein, sie soll ihn nicht fürchten, auch wenn es zweifellos klüger von ihr wäre, genau das zu tun. "Sie hat auch etwas über mich gesagt, obwohl ihre Worte überhaupt nicht prophetisch klangen. Sie hat mich Dornenkind genannt, was immer das bedeuten soll. Und Blutkind – was das bedeutet ist mir allerdings klar", fügt er selbstironisch hinzu, dann wird er wieder ernst. "Sie sagte, ich sei meinem Schicksal schon begegnet und, ach ja - ich wäre verflucht."

Ein bitteres Lächeln geistert durch seine Mundwinkel – damit hatte die Alte ihm nichts Neues erzählt, schließlich ist sein Dasein bei Licht betrachtet seit fast fünfhundert Jahren mehr oder weniger ein Fluch. "Und außerdem soll ich das Südliche Orakel fragen - nach was auch immer. Sie klang so, als wüsste sie in Wahrheit ganz genau Bescheid, und wollte, konnte oder durfte mir nicht mehr sagen… aber ich kann mich auch täuschen." Er schüttelt nachdenklich den Kopf. "Sie hat noch eine Menge Kauderwelsch von sich gegeben. Etwas über ein Spiel, das längst begonnen hätte. Über Steinmetze, Schmiede und Schnitzer, die die Spielfiguren dafür erschaffen würden und das nichts so wäre, wie es scheine. Und ahm… ich glaube, Rayyan will nicht, dass Olyvar von der Alten erfährt. Es wäre also gut, wenn das hier unter uns bleiben könnte, bis der Magier es ihm selbst sagt, geht das?" Er stellt den Kelch auf den Tisch zurück und fährt sich mit beiden Händen über das Gesicht und halb durchs Haar, eine Geste, die ihn unvermittelt vollkommen menschlich erscheinen lässt. "Was hältst du davon? Ist das alles eine einzige Narretei oder sind wir in… in… ein paar uralte Prophezeiungen gestolpert wie in den alten Legenden?" Seine Mundwinkel vertiefen sich eindeutig amüsiert, aber seine Frage klingt eigentlich todernst. "Und… willst du mehr darüber herausfinden oder das alles lieber vergessen?"


*atticus
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

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15

Thursday, April 14th 2016, 7:02pm

Das Hohelied der Trauer

Klonk

What seems to us as bitter trials
Are often blessings in disguise.
(Oscar Wilde)

{16. Eisfrost 517; Nacht, Karawanserei der hundert Tore}


Karamaneh hat nicht erwartet dass Kalam irgendwelche Antworten für sie hat. Umso mehr überrascht es sie, dass er ihr tatsächlich ein paar geben kann. »'Nurm kennt das Leid unserer Seelen' ist Teil eines Gebetes, eine Zeile aus dem Hohelied der Trauer'. Die Schweigenden Schwestern und die Sithechpriester singen es während der Prozessionen im Tempel vor ihrem Altar.« Die Malankari schaut verblüfft auf. Sie ist mit dem Glauben an Ealara groß geworden und hat den Zwölfen auch später nie mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als dies während ihrer Zeit im Hawa Mahal von ihr erwartet wurde. Die Gebete und Gesänge der Priester bedeuten ihr nichts, was die ganze Prophezeiung in ihren Augen nur noch absurder erscheinen lässt. Warum sollten die Zwölf sich ausgerechnet um ihr Schicksal scheren? Sie lacht bitter als Kalam trocken erklärt, dass sie sich offenbar zum Kreis jener gesellt habe, die eine 'Prophezeiung abbekommen' hätten. Dass auch er diesem offenbar immer größer werden Kreis angehört, erstaunt sie da kaum noch.

Was der Vampir ihr von seinen und Rayyans Erlebnissen berichtet, klingt nicht weniger mysteriös und verworren als das, was sie selbst erlebt hat. Dies scheint ja eine richtige Nacht der Prophezeiungen zu sein, denkt sie stumm, während sie ihm mit einem knappen Nicken versichert Olyvar kein Wort des soeben gehörten zu erzählen. Vermutlich hält er sie für das närrischste Weibsstück das ihm je unter die Augen gekommen ist, so wie er sie von Kopf bis Fuss in seinen Mantel gehüllt hat (und sie kann es ihm nicht einmal verdenken) aber so dumm ist sie wirklich nicht. Sie kann sich lebhaft vorstellen wie erfreut der Drachenländer allein schon darüber sein wird, was sie zu berichten hat, das Vorgefallene kann sie ihm beim besten Willen nicht verschweigen. Aber sie wird sicher nicht noch extra Öl ins Feuer schütten und Rayyan die große Freude nehmen Olyvar von seiner und Kalams Begegnung mit der Seherin von Arrassigué zu erzählen.

Mit einem leisen 'Klonk' stellt Kalam den Becher in seiner Hand zurück auf den Tisch und die Malankari schaut just in dem Moment zu ihm auf, als er sich mit beiden Händen über das Gesicht und halb durchs Haar streicht. Seine Augen haben wieder die beruhigende Farbe von Dunkelgold angenommen und die einfache Geste wirkt so gewöhnlich dass sie für einen Augenblick lang vergisst neben einem Vampir zu sitzen. Hastig wendet sie ihren Blick wieder ab und starrt stattdessen zu ihren unter dem Umhang verblitzenden Zehenspitzen hinunter, weil sie einfach nicht weiß wie sie sich am besten in Kalams Gegenwart verhalten sollte, denn der Vampir scheint ein einziger Wiederspruch in sich selbst zu sein. Sie kennt all die kleinen und großen, offensichtlichen und weniger offensichtlicheren Zeichen, die einer Frau verraten ob ein Mann sie will. Sie sind da. Alle. Und nicht erst seit dieser Nacht. Trotzdem hält er sie auf Abstand, und Ealara allein weiß wie dankbar sie dafür ist, doch das macht es nicht einfacher. Im Gegenteil. Vor allem wenn er gleichzeitig nur wenige Zoll neben ihr sitzt.
Karamaneh seufzt stumm und konzentriert sich stattdessen auf die Fragen, die er ihr gestellt hat. “Ich weiß nicht, ob ich mehr darüber herausfinden möchte”, antwortet sie ihm schließlich ehrlich und erinnert sich gerade noch rechtzeitig daran, sich besser nicht mit der Hand ein paar kitzelnde Haarfransen aus der Stirn zu streichen, die vorwitzig unter den Tuchbahnen um ihren Kopf hervorblitzen, weil sie dazu den schweren Wollumhang, den sie trägt, öffnen müsste. “Ich glaube nicht, aber vergessen kann ich sie auch nicht...”

Plötzlich erinnert sie sich an etwas. “Olyvar hat für Niniane alte Schriften und Texte nach weiteren Prophezeiungen durchgesehen. Ein paar Siebentage vor unserer Abreise hat er mir einen davon gezeigt. Das meiste war kaum noch leserlich. Aber da war eine Zeichnung. Ein Kelch und...” Ein Trauerflor oder eine Schlange. “...noch etwas anderes...” Karamanehs Gesicht wird mit einem Mal aschfahl, als sie sich darauf besinnt wie sie den Text damals genannt hatte. “Neun Kelche”, wispert sie und ihre Stimme bricht. “Das kann nicht sein...”
Die Malankari zieht sich den Umhang noch etwas fester um die Schultern und wünscht sich Zaleh wäre jetzt hier. Oder Azra. Irgendjemand der sie in den Arm nimmt und ihr mit absoluter unerschütterlicher Gewissheit versichert dass alles gut werden wird, ganz gleich was geschieht. Am liebsten würde sie sich einfach unter den Decken und Kissen des großen Bettes vergraben und niewieder hervorkommen, aber das schlechte Gewissen hält sie zurück. Solange Olyvar nicht zurück ist, würde sie sich ganz gewiss nicht schlafen legen. Vermutlich würde sie ohnehin keinen Schlaf finden, obwohl...

...ein leises Gähnen entschlüpft ihren Lippen. Der zurückliegende Tag war anstrengend und die Ereignisse in der Stadt waren nicht weniger erschöpfend. Kalam scheint das alles nichts oder nur wenig auszumachen, aber er ist schließlich auch ein Vampir und die Nacht sein Element. “Vielleicht solltet Ihr tatsächlich das Südliche Orakel aufsuchen. Wir alle”, murmelt sie leise um wach zu bleiben und sich abzulenken. “Mar'Varis ist ohnehin unser Ziel.” Mühsam unterdrückt die Malankari ein weiteres Gähnen und kämpft tapfer gegen ihre immer stärker werdende Müdigkeit an.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 1 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 23rd 2017, 8:21pm)