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Kalam

Stadtbewohner

Posts: 81

Occupation: Sithechjünger a.D.

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31

Friday, April 15th 2016, 12:43pm

Dachkantengespräche

Ende Eisfrost 517 in K'billinin

~ Only fools rush in ~
Wise men say -- only fools rush in -- but I can't help -- falling in love with you

And I knew her soul wasn't something to take lightly.
In a world where very little truth existed, her soul was a pariah,
Standing alone burning like a wildfire in my bones –
A flaming crescent across pale midnight skies… (Christopher Poindexter)

If you have been brutally broken, but still have the courage to be gentle to others then you deserve a love deeper than the ocean itself… (Nikita Gill)


'Ich glaube, deine Vergangenheit ist eine einzige Wunde', das waren seine Worte – aber etwas zu glauben, selbst wenn man eine viel zu gute Vorstellung davon hat, was es bedeutet, ist etwas anderes, als es gesagt zu bekommen und es damit zur Gewissheit werden zu lassen. Karamanehs zuerst stockende, dann immer drängender aus ihr herausströmenden Worte, führen ihn tief hinein in den Abgrund in ihrem Inneren, in ein Labyrinth aus Furcht und Schmerzen, ein verworrenes, dunkles Labyrinth angefüllt mit Horror, Leid und Grausamkeiten, mit Qualen, Elend, Scham und Brutalität, und, das vor allem, mit einer furchtbaren, ständig präsenten, nie enden wollenden Angst. Ihre Geschichte mag mit 'Es war einmal…' beginnen, aber wenn sie ein Märchen ist, dann ein finsteres, ein perverses und ein zutiefst böses Märchen. Ihre Vergangenheit scheint eine schier endlose Abfolge immer neuer, schrecklicher Ereignisse und unerträglichen Leids zu sein… doch das schlimmste daran ist, sie von all dem mit einer nicht nur gebrochenen, sondern völlig leer gewordenen Stimme erzählen zu hören – einer Stimme, aus der sich auch noch der letzte Widerhall ihres einstigen Klanges davongestohlen hat. Kalam erfährt alles, die ganze widerliche Wahrheit - und mit jedem Wort, mit jeder Träne, die in den Stoff seines Hemdes sickert oder seine Haut berührt, mit jedem halb erstickten Atemholen, wächst sein Gefühl für sie ins unermessliche. Ihre Geschichte mag entsetzlich sein, aber sie ist auch ein Geschenk. Es mag rostig vor Blut und in unzählige Schreie gehüllt daherkommen, dennoch bleibt es im inneren ein Geschenk kostbaren Vertrauens – denn sie erzählt ihm vom Schlimmsten, das ihr widerfahren ist, und er nimmt ihre Gabe an.

Karamaneh berichtet tonlos vom Verlust ihrer Eltern, der Zerstörung ihrer Heimat, dem Leid in den Händen der Sklavenhändler und von ihrer Zeit im Hawa Mahal; wie sie und ihre Schwester in den Besitz Fahd Musa'id Abd ar-Najds kamen, wie - und aus welchem Grund - ihre Wandlernatur ans Licht kam, und was danach geschah. Sie erzählt ihm von der Taipan, ihrer ersten und vertrautesten Wandelgestalt, ihrem Seelentier, der Schlange. Sie erwähnt auch die Schattenkatze und den Gorracail… und Kalam bringt ihre Worte mit jenen Nuancen ihres Geruchs in Einklang, die er schon in der Nacht in der Karawanserei der Hundert Tore an ihr wahrgenommen hatte: seidig glatt, samtig weich, verspielt und fedrig. Dann berichtet sie stockend, wozu Fahd sie gemacht hat, wie er ihr seinen Willen aufzwang, sie formte wie eine tödliche Klinge auf einem Amboss aus Gewalt und Drohungen. Wie sie gefügig war, um Zalehs Leben nicht zu gefährden. Wie sie das gefährliche, geheime Schoßtier des Sadairi-Prinzen wurde, nachdem er sie gebrochen hatte. Das schmerzlichste ist zu hören, dass sie diesen erbärmlichen südländischen Scheißkerl so lange Zeit ihre Sonne genannt hat – bis die unverbrüchliche Wahrheit eines Griffinsteins ihr die Augen geöffnet hatte. Alles, woran Kalam in diesem Augenblick denken kann, ist, dass er Fahd töten wird. Als Karamaneh schaudernd von den Gesichtern ihrer Opfer spricht, die sie Nacht für Nacht heimsuchen, zieht er sie noch näher an sich und hält sie fest, so fest wie er es gerade noch wagt, ohne ihr die Knochen zu brechen. Doch sie protestiert nicht, sie klammert sich an ihn, als bräuchte sie seine reine, physische Stärke in diesem Augenblick mehr als alles andere. Hätte er in diesem Augenblick etwas von ihrer absurden Absicht, sich nur nicht als Seharim darstellen zu wollen geahnt, er hätte sie für vollkommen verrückt erklärt – sie ist eine leibhaftige Heilige, freundlich bis ins Mark, viel zu gut für diese Welt und für einen Mann wie ihn erst recht.

>Ich konnte es nicht zu Ende bringen. Ich konnte Nabil nicht aufhalten, nicht töten. Wir dachten... ich dachte, er wäre im Ildorel ertrunken. Ich glaubte mehr Zeit zu haben. Borgils Vögelchen wussten nichts Ungewöhnliches zu berichten. Ich dachte Zaleh wäre sicher... bis die Nachricht von ihrem Verschwinden Talyra erreichte.< Jetzt fließen ihre Tränen völlig haltlos, während ihr ganzer Körper sich um den Kern des Schmerzes in ihrem Inneren zusammenkrümmt. Kalam wiegt sie sanft, wie man ein Kind trösten mag, küsst ihre Stirn, ihr falsches Haar, atmet den Duft ihrer Haut. Er würde ihr die Qualen nehmen, wenn er nur könnte, aber das liegt einfach nicht in seiner Macht. Er kann sie nur halten und ihr den Trost seiner Nähe geben, die Kraft seiner Arme… und sein Wort… alle seine Worte. Wenn er sie wiedergefunden hat, denn im Augenblick kochen alle seine Sprachen in seinem Kopf durcheinander wie das gärende, wirbelnde Gebräu im Kessel einer Hexe, bis er nicht mehr weiß, in welcher er denken soll. Das erste, das an die Oberfläche des Aufruhrs in seinen Gedanken steigt, ist das alte Tamaraeg der Herzlande mit seinen weichen, verschliffenen Lauten und den hart gerollten Kanten Rydw i mor flin fy nghalon… Es tut mir so leid mein Herz. Dann tappt die vertraute Allgemeinsprache hinterher, in der man Entsetzen am besten zum Ausdruck bringt … Götter erbarmt euch... Herr der Knochen… und schließlich Tamairge, die schönste Sprache, die er kennt A mhuirnín… In diesem Moment begreift er etwas, etwas sehr wesentliches - er ist seinem Schicksal schon begegnet, es liegt hier in seinem Arm. Wehe den Göttern, den Vorsehungen oder den Prophezeiungen, die etwas anderes behaupten wollen. A mhuirnín… Geliebte.

>Ich habe zu lange gewartet. Ich war glücklich und das ist der Preis.<
"Schsch… das ist nicht wahr. Denk das nicht. Das darfst du nicht denken. Es ist nicht deine Schuld, Karamaneh, nichts davon ist deine Schuld. Du hast dein ganzes Leben lang getan was du konntest, um deine kleine Schwester zu beschützen und du hast dich auf die Suche nach ihr gemacht, sobald du erfahren hattest, dass sie verschwunden ist. Du hast getan was du konntest." Er setzt sich auf, nimmt sie in der Bewegung einfach mit und schiebt sie an den Armen ein Stück von sich, ohne sie wirklich loszulassen. Für das, was er ihr sagen muss, muss sie ihm in die Augen sehen können. Langsam, behutsam um sie nicht zu verschrecken, hebt er die Hände, umfasst ihr Gesicht und streicht mit den Daumen die Tränen von ihren geröteten Wangen. Im ersten Moment verharrt sie stocksteif und er lauscht dem Hämmern ihres Herzens, aber dann atmet sie aus – nicht schicksalsergeben, sondern vielleicht… erstaunt? Kalam fährt mit den Fingerspitzen unter den Rand der aufwändig geflochtenen Perücke, spürt die feinen Haarnadeln, die sie an Ort und Stelle halten und löst eine nach der anderen, doch seine Augen ruhen unverwandt in ihren. Dann streift er sehr, sehr sanft die schwere, falsche Haarpracht von ihrem Kopf und ihren Schultern. Sie ist wirklich blond wie der Sommer, und ihr eigenes Haar ist so kurz geschoren wie das einer Büßerin. Er betrachtet sie lange, nun, nach all dem Gehörten und neben all den anderen Gefühlen, die er für sie hat, auch noch von einer Art fassungslosen Ehrfurcht erfüllt, hält ihr verweintes Gesicht in seinen Händen und staunt einmal mehr. "Du… bist…" beginnt er heiser und findet einfach kein Wort, das sie wirklich beschreiben würde, keines, das der Summe all dessen, was sie ist, auch nur nahe käme… außer einem vielleicht, "wunderschön." Er legt eine Hand auf ihr wild pochendes Herz und hält ihren Blick fest in seinem. "Hier. Wo es darauf ankommt." Er sieht, wie ihre Augen sich weiten, aber sie wendet sich nicht ab. Er hat keine Ahnung, ob ihr das schon jemals irgendjemand gesagt hat, aber er muss es ihr sagen, denn er sieht sie, er sieht sie.

Kalam zweifelt nicht eine Sekunde daran, dass sie etwas Wildes in sich trägt, aber sie hat dabei nicht einen Funken Schlechtes an sich. Ihre Stärke ist ihr mitfühlendes Wesen und ihr Mut ist der Mut des Durchhaltens. Und er hat noch etwas erkannt, etwas, das ihm während ihrer Erzählung klar geworden war: Fahd mag sie dressiert haben wie einen Hund, er mag sie verletzt, gequält, erniedrigt, misshandelt, gedemütigt und missbraucht haben… aber bezwungen hat er sie nicht.
"Du bist durch und durch gut, Karamaneh. Gut und tapfer, sehr tapfer sogar… und nach allem, was man dir angetan hat, bist du immer noch gütig. Du bist freundlich und selbstlos, und das ist es, was dich wirklich schön macht." Er versucht gar nicht erst, die Sehnsucht in seiner Stimme zu verbergen, es wäre ohnehin aussichtslos. "Fahd." Fährt er nach einem Moment fort. "Ich glaube, in Wahrheit hat er hat dich fortgeschickt, weil er Angst vor dir hat." Er sieht wie ihre Augen aufblitzen und sich verdunkeln, und kann nicht anders, als zu lächeln, auch wenn es ein melancholisches Lächeln ist. Als er weiterspricht, ist seine Stimme nur noch ein Flüstern, leise und eindringlich, so eindringlich, wie man von etwas sehr Elementarem, etwas Lebenswichtigem flüstert. "Er hat Angst vor dir, Karamaneh, weil er dich nicht brechen konnte, nicht völlig, nicht dein Herz. Nicht deine Sanftmut. Nicht dein Mitgefühl für andere. Er hat es sicher versucht", jetzt bekommt seine Stimme um ihretwillen, um all des Leids Willen, welches sie ertragen musste, einen bitteren Beiklang. "Er hat es bestimmt redlich versucht, dir Wunde um Wunde geschlagen, aber ich glaube, er konnte dich nicht zerstören, weil du tief in deinem Inneren immer stärker warst, als er. Wenn ihm das gelungen wäre, wenn du wirklich aufgegeben hättest, wärst du am Ende vielleicht so geworden wie er. Du hättest die Seiten gewechselt. Du wärst vom Opfer zum Täter geworden und möglicherweise hättest du sogar angefangen, Gefallen an dem zu finden, wozu er dich gezwungen hat." Er weiß genau, wovon er redet, denn er wurde einst vom Waisenjungen zum Söldner – nicht, weil er keine Wahl gehabt hätte oder weil er es für jemanden, den er geliebt hat, einfach tun musste, sondern nur - und einzig und allein - für sich selbst. "Aber das hast du nicht. Götter im Himmel, du bist ganz sicher das tapferste, erstaunlichste, selbstloseste Wesen, das ich kenne. Wir finden Zaleh. Ganz bestimmt. Wir finden Zaleh." Einen Moment lang sieht er sie noch an, dann verdunkeln sich seine Augen unaufhaltsam von goldbraunem Bernstein zu blutigem Rot und sein Blick kehrt sich nach innen. "Und Fahd wird sterben."
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

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32

Friday, April 15th 2016, 12:45pm

Perspektive

Motte und Licht

“His love roared louder than her demons.”

We're all wired to find love. And when we meet someone who radiates it, we naturally crave their company.
(Kari Kampakis)

{Ende Eisfrost 517; K'billinin}


Sie sitzen abseits am Rand der großen Dachterrasse. Am Rand der Nacht. Nur wenige Schritte entfernt sitzen ein Dutzend anderer Menschen. Erklingen ein Dutzend anderer Stimmen. Und doch sind sie vollkommen allein. Zwei verlorene Seele, die sich irgendwie auf ganz wundersame Weise gefunden haben—und über ihnen tausend Sterne.
›Du... bist... wunderschön. Hier. Wo es darauf ankommt. Du bist durch und durch gut, Karamaneh. Gut und tapfer, sehr tapfer sogar… und nach allem, was man dir angetan hat, bist du immer noch gütig. Du bist freundlich und selbstlos, und das ist es, was dich wirklich schön macht.‹ Verblüffung schleicht sich auf ihr Gesicht. Diese Worte zu hören, nach allem was sie Kalam gerade erzählt hat, erschüttert sie bis ins Mark. Seine Sichtweise unterscheidet sich so grundlegend von ihrer eigenen Perspektive, dass ihr der Atem stockt. ›Götter im Himmel, du bist ganz sicher das tapferste, erstaunlichste, selbstloseste Wesen, das ich kenne.‹ Verwirrt schüttelt die Malankari den Kopf als versuche sie etwas entgegnen, aber sein Blick duldet einfach keinen Wiederspruch. ›Wir finden Zaleh. Ganz bestimmt. Wir finden Zaleh‹, verspricht er ihr und schon stehlen die Tränen, die er gerade erst getrocknet hat, sich zurück in ihre Augen. “Kalam”, als Karamaneh ihn ausspricht ist sein Name nur ein leises Wispern im Wind.

›Und Fahd wird sterben.‹ Erschrocken weiten sich ihre Augen, als sie sieht wie der goldbraune Glanz seiner Augen unaufhaltsam dem dunklen Rot von Blut weicht. “Nicht. Sag das nicht”, flüstert sie von einer plötzlichen, unerklärlichen Angst erfasst. Ohne darüber nachzudenken fliegen ihre Finger zu seinem Mund und bringen ihn zitternd zum Schweigen. “Wir finden Zaleh”, wiederholt sie seine Worte. “Das ist genug.” Beinahe beschwörend spricht sie die Worte und weiß doch längst, dass er recht hat. Fahd wird sterben. Muss sterben. Auf die eine oder andere Weise, sonst wird der Khamsin wehen immerdar...

“Sag das nicht”, flüstert sie ein letztes Mal. “Nicht heute Nacht.” Langsam lässt die Malankari ihre Hand wieder sinken. Obwohl sie am gänzlich anderen Ende der weitläufigen Dachterrasse sitzt, obwohl sie zig Gesichter und Schatten voneinander trennen, spürt Karamaneh Aïschas missbilligenden Blick auf sich ruhen als stünde die Azurianerin direkt neben ihnen. Doch das ist es nicht was sie zurückhält. Ihr Gesicht schwebt nur wenige handbreit vor dem des Vampirs in der Luft. Die kalte Nachtluft weht ihr über das kurzgeschnittene Haar und kühlt ihre glühenden Wangen. Und obwohl sie ihn küssen will, obwohl sie es sie in diesem Augenblick nach nichts anderem verlangt als nach seinen Lippen—und danach, dass diese Nacht nie zu Ende geht—verharrt sie regungslos, vom gefährlichen Rot seiner Augen gefangen. Karamanehs Herz hämmert wild in ihrer Brust. Sie fühlt sich wie eine Motte. Hilflos angezogen vom Licht der Flamme. Ungeachtet jeder Gefahr. Nein, ihr allerletztes Geheimnis kann sie in diesem Moment unmöglich mit ihm teilen. Ein einziger Kuss genügt es zu verraten. Stattdessen streckt sie die Hand abermals zitternd nach ihm aus. “Kalam”, beschwört sie ihn leise ohne den Blick von seinen blutroten Augen lösen zu können, die sie ansehen und in diesem Moment doch nicht ganz zu sehen scheinen. “Kalam.”
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

Stadtbewohner

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33

Friday, April 15th 2016, 12:51pm

Dachkantengespräche

Ende Eisfrost 517, K'billinin

~ Coup de foudre ~
(n.) a sudden, unexpected event or instantaneous and overwhelming passion, lit. "a stroke of lightning"

I didn't want to kiss you goodbye - that was the trouble -
I wanted to kiss you goodnight. And there's a lot of difference.*


>Nicht. Sag das nicht.< Bevor er es sich versieht, spürt er ihre Fingerspitzen auf seinem Mund, als wolle sie nachträglich - und von plötzlicher Unruhe erfüllt - noch die Worte aufhalten, die doch schon gesprochen sind. "Das sieht dir ähnlich", murmelt er an ihren sanften, sanften Fingern und das mit einer sehr seltsamen Mischung aus Bestürzung und (einmal mehr) Erstaunen, die beinahe komisch geklungen hätte, wäre es ihm nicht so bitterernst. "Du würdest auch noch für die Seele des Dunklen bitten, wenn er eine hätte. Verlang das nicht von mir, Karamaneh. Du kannst alles verlangen, aber bitte mich nicht um Gnade für Fahd. Ich lasse keinen Mann am Leben, der dir das…"
>Wir finden Zaleh. Das ist genug,< beharrt sie, aber er kann in ihrer Miene heraufdämmerndes Verständnis und das Begreifen sehen, einen Herzschlag bevor es ihr selbst klar zu werden scheint. Für einen flüchtigen Moment schweifen ihre Gedanken zu etwas, das sie nicht ganz erfassen zu können scheint, dann kehren ihre Augen zu seinen zurück und ihre Blicke verfangen sich erneut. >Sag das nicht. Nicht heute Nacht.< Einen Moment lang sieht er sie nur an und das Rot seiner Augen verändert sich, wird dunkler, weicher und wärmer, gilt nicht mehr Zorn und Rache, sondern ihr… dann nickt er langsam. Karamaneh nimmt ihre Finger von seinem Mund, aber sie weicht keinen Sekhelrin zurück. Sie hat Angst, soviel weiß er. Aber er weiß auch, dass es nicht er ist, vor dem sie sich fürchtet. Sie kniet immer noch direkt vor ihm und ihr Gesicht ist seinem jetzt so nahe, dass er ihren Atem warm und sacht auf seiner Haut spüren kann. Er kann fühlen, wie er sich beschleunigt. Er kann hören, wie ihr Herz schneller schlägt, sein Hämmern ein unwiderstehlicher Sirenengesang, er kann sehen, wie ihr das Blut in die Wangen steigt und wie ihr Puls im zarten Adergeflecht an ihrem langen, schlanken Hals zu zittern beginnt. Er kann spüren, wie sich ihm alles in ihr zuneigt, obwohl sie sich eigentlich überhaupt nicht bewegt, und mit ihm geschieht dasselbe – in seinem Inneren bricht etwas unwiderruflich auf und er entflammt wie eine pechgetränkte Fackel. Kalam hört sie seinen Namen wispern, einmal und dann noch einmal - doch als sie wie hypnotisiert die Hand nach ihm ausstreckt, weicht er ein winziges Stück zurück. "Nicht", warnt er leise. In seinem Hals scheinen Eisennägel zu stecken, doch sein Blick hängt immer noch gebannt an ihren Augen. "Fass mich besser nicht an. Oh, ich will dich küssen, mehr als alles andere, aber wenn ich es tue, weiß ich nicht, ob ich es dabei belassen kann. Also… berühr mich lieber nicht."

Karamaneh verharrt reglos und er starrt mit mahlenden Kiefern auf ihren Mund, den samtigen Schwung ihrer Lippen, die sich teilen, sich halb öffnen, als wolle sie... "Beweg. Dich. Überhaupt. Nicht." Jetzt erstarrt sie wirklich, aber sie sieht ihn immer noch an, unverwandt und so lange, bis die Welt im Klopfen ihres Herzens einfach untergeht. Sie sind nicht allein, sie wissen genau, dass keine zwanzig Schritt entfernt am anderen Ende des Daches noch ein Dutzend Menschen sitzen und sie spüren beide die Blicke, die hin und wieder zu ihnen in die Schatten herüberwandern, aber sie hätten an ihrem Ende der Nacht auch am anderen Ende Rohas sein können. Sie sitzen einander gegenüber und berühren sich nicht, sie sprechen kein einziges Wort, nur ihre Augen führen ihren ganz eigenen Dialog und keiner von ihnen ist bereit, den anderen allein zu lassen und zu gehen, nicht einmal für die wenigen, kurzen Stunden bis zum Morgen. Auseinandergehen ist ein so abwegiger Gedanke, dass er ihnen nicht einmal in den Sinn kommt. Nach einer Weile, einer langen Weile, holt Kalam tief und langsam Luft – nicht, weil er atmen müsste, sondern weil er wissen muss, wie viel von ihrem berauschenden Geruch das Feuer in seinem Inneren aushalten wird. Er brennt immer noch - nicht mehr lichterloh, sondern allmählich kontrollierbar, eher warm und beständig, auch wenn ihn die leise Ahnung beschleicht, dass ihn das nie wieder ganz verlassen wird. Doch erst, als seine Augen ihre Farbe wieder soweit verändert haben, dass sie mit etwas gutem Willen immerhin als kastanienbraun durchgehen könnten, streckt er die Hände nach ihr aus. Sie kehrt so selbstverständlich in seine Arme zurück, als hätte die vorübergehende Distanz – obwohl sie kaum eine Armlänge getrennt hatte – ihr genauso Unbehagen bereitet wie ihm. Er hüllt sie warm und sicher in die Decke aus Kamelhaar, und sie schmiegt sich wieder an seine Seite. "Keine Alpträume, nicht heute", wispert er und vergräbt mit einer sehr menschlichen Bewegung sein Gesicht in ihrem kurzen, weichen Haar. "Versprochen." Auf dem Dach wird es allmählich still, als sich nach und nach alle anderen zurückziehen – er kann Olyvars ruhige, entschiedene Stimme ausmachen und die Rose von K'billinin aufgebracht etwas flüstern hören, doch niemand kommt und stört sie, und auch auf den Straßen und Gassen der von Reisenden und Karawanenwächtern überschwemmten Stadt tief unter ihnen kehrt langsam Ruhe ein. Die beiden Monde, beinahe vollkommen gerundet, sind längst aufgegangen, und der endlose Himmel ist mit Sternen übersät. Hier in der Wüste leuchten sie so hell und nah, dass es Kalam vorkommt, als sei er gar nicht unter, sondern mitten zwischen ihnen, gefangen von der Dunkelheit des Firmaments. Er lehnt den Rücken wieder an die niedrige Dachkantenmauer, lauscht auf Karamanehs ruhige, gleichmäßige Atemzüge und hält sie den Rest der Nacht über fest, damit sie schlafen kann. Sie wird nicht ein einziges Mal unruhig.


*Hemingway
I do very bad things, and I do them very well

Olyvar

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34

Friday, April 15th 2016, 12:56pm

Ein Tag in K'billinin

29. Eisfrost 517

Once in a while, right in the middle of an ordinary life, love gives us a fairytale. For the rest of us there's always alcohol…


Als Olyvar mit einem fürchterlichen Brummschädel und einem Geschmack auf der Zunge, als sei dort in den letzten Stunden ein pelziges Tier verendet, erwacht, ist er einen Moment lang völlig desorientiert - es waren eindeutig ein oder zwei Schläuche Badeh zu viel gestern Nacht. Irgendwann hatte der Wekîl dann auch noch vergorenen Lak'mee hervorgeholt und eifrig versucht, Rayyan, den Narrenkönig, ihn selbst und alle seine Schwiegersöhne unter den azurianischen Teppich zu trinken. Immerhin war er so klug gewesen (und noch nüchtern genug), die Rose von K'billinin… Oh, verd… a dhias! Schlagartig hellwach wirft er die Decken von sich, schlüpft in Hemd und Hosen, klatscht sich ein paar Hände voll Wasser ins Gesicht, hält sich aber weder mit einem Kamm noch mit Strümpfen oder Stiefeln auf, sondern eilt durch das graue Zwielicht des Morgens - allen Göttern sei Dank ist das gesamte Tighremt bis auf die Dienerschaft in der Küche noch im Tiefschlaf - hinauf aufs Dach. Das findet er allerdings leer und ausgestorben im kühlen Morgendunst vor – kein Kalam, keine Karamaneh. Als er barfuß wieder nach unten kommt, findet er auch das Gemach der Malankari leer und sieht nach dem Sithechjünger zwei Türen weiter. Der Raum ist viel kleiner und spartanischer eingerichtet, als das großzügige Zimmer, das man Borgils Ziehtochter zur Verfügung gestellt hatte, aber das einzige, schmale hochgelegene Fenster ist sorgsam mit einem dicken Teppich verhängt worden, und Kalam ruht starr und reglos auf dem niedrigen Bett, sein Schwert auf der Brust wie ein gefallener Ritter aus einer Legendengeschichte. Karamaneh sitzt neben ihm als gehöre sie dorthin und nirgendwohin sonst, und benutzt - vollkommen entspannt, aber mit der ihr eigenen Eleganz -, seine breite Brust als Schreibpult, jedenfalls liegt das ledergebundene Büchlein aufgeschlagen auf ihm, das Tintenfässchen steht daneben und der Gänsefederkiel ist in ihrer Hand. Olyvar blinzelt einen Moment lang erstaunt, aber dann lächelt er nur sacht. Gestern Nacht hatte er der Rose von K'billinin quasi verboten, die beiden zu stören, so nüchtern war er zu diesem Zeitpunkt gerade noch gewesen - und sie hatte prompt von ihm verlangt, es zu tun und irgendetwas von "das arme Kind" und "das gehört sich nicht" gemurmelt.

Er allerdings hatte sich an das Bild der friedlich in Kalams Armen schlafenden Karamaneh in Caer Torrelobar erinnert und nur grinsend den Kopf geschüttelt. "Sie ist vollkommen sicher bei ihm…" so oder so ähnlich hatte seine Antwort gelautet, wenn er sich richtig erinnert. "Wenn Ihr sie allerdings jetzt von ihm fortholt, eskortiert er unsere Hintern wahrscheinlich direkt in die Neun Höllen, und er wird es mit einem Lächeln tun. Außerdem pfuscht man dem Schicksal nicht ins Handwerk, also bleiben wir am besten einfach, wo wir sind, aye?" Das hatte Aïscha nicht gefallen, aber der Ruf des Wekîls nach mehr Lak'mee hatte sie abgelenkt und anscheinend hatte sie die beiden dann genauso vergessen wie alle anderen es auch getan haben. Er jedenfalls weiß nicht einmal mehr, wann und wie genau er in sein Zimmer gekommen ist. "Ich dachte", flüstert er belustigt, obwohl er das vermutlich überhaupt nicht müsste, schließlich weckt man einen Vampir aus seiner Ruhestarre nur unter größten Mühen, "ich sehe besser nach euch, bevor Aïscha euch äh… auf dem Dach findet und versucht ihm die Ohren langzuziehen, wie sie es bei einem ihrer Söhne tun würde." Die Vorstellung ist derart absurd, dass er leise lachen muss und auch auf Karamanehs Gesicht erscheint so etwas wie ein Grinsen. Dann wird Olyvar übergangslos ernst. "Lassen wir ihn ruhen, er hat ein paar harte Tage und viel zu wenig… " er weiß nicht, wie er es sonst nennen soll, auch wenn es vermutlich nicht das richtige Wort ist… "Schlaf hinter sich." Auf ihrer Reise hierher hatten sie während der kurzen Rasten zur Zeit der größten Tageshitze immer abwechselnd nach Kalam gesehen oder waren bei ihm geblieben, auch wenn der Vampir wiederholt behauptet hatte, das sei nicht notwendig. So stark und schier unüberwindbar er auch sein mag, wenn er wach ist, so angreifbar und verletzlich ist er, wenn er ruht. Ein versierter Kämpfer mag gelernt haben, selbst aus dem Tiefschlaf zu totaler Handlungsbereitschaft überzugehen, wenn es sein muss, doch ein Vampir kann das nicht – schläft er in seiner Starre, sind seine Instinkte ausgeschalten. Olyvar glaubt zwar nicht, dass Kalam innerhalb der Mauern des Tighremts irgendeine Gefahr droht, aber offensichtlich werden sie auch hier über ihn wachen – Karamaneh ist schließlich hier und er ist es ebenfalls, ihr muss er das sicher nicht erklären. "Es wird noch eine Weile dauern, ehe das Haus aufwacht, aber wenn Ihr zum Morgenmahl gehen wollt, bleibe ich bei ihm." Sie schüttelt jedoch nur den Kopf und Olyvar nickt – und damit ist vorerst auch alles gesagt, was es dazu offenbar zu sagen gibt.

Als er gegen Mittag wieder nach ihr sieht, lässt sie sich jedoch überreden, Kalam für eine Weile zu verlassen. Alles Leben in K'billinin findet in den heißen Tagesstunden im Inneren statt, doch die Menschen hier legen sich keineswegs auf die faule Haut. Der Narrenkönig hilft den Söhnen des Wekîl, in den Stallungen unten Lehm zum Ausbessern einiger Innenmauern zu stampfen, die Dienerschaft bereitet ein Mahl vor, das Vieh wird in den Schatten geholt und getränkt, der Wekîl selbst ist mit k'billinischen Angelegenheiten beschäftigt, Rayyan ist wissen die Götter allein wohin verschwunden und er hat – schon wieder – Klein-Tarik im Schlepptau, der sich nach dem Morgenmahl an seine Fersen geheftet hatte und seitdem nicht mehr loszuwerden ist. Also ist er auf die Idee verfallen, den kleinen Naseweis ordentlich einzuspannen und hat mit seiner Hilfe ihre Sättel, sämtliche Waffen und sonstigen Ausrüstungsgegenstände (außer Karamanehs Gepäck) heraufgeschafft. Als die Malankari also hinaushuscht (Aïscha und ihre Töchter wollen sie mit ins Hammām nehmen) bleibt Olyvar mit dem Jungen bei Kalam, und die folgenden Stunden vergehen damit, dass sie Schwerter, Dolche und Messerklingen reinigen und polieren, Sättel, Geschirre und Lederwaren putzen und sorgsam einfetten, gerissene Nähte flicken und ähnliche Instandhaltungsarbeiten verrichten. Und als der Abend naht, Kalam im wahrsten Sinne des Wortes von den Toten aufersteht und sich alle zu einem letzten Essen mit der Familie des Wekîls einfinden, sind sie – oder zumindest ihr Reisegepäck und ihre Gebrauchsgegenstände sind es – bestens für ihre Weiterreise gerüstet.
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Karamaneh

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35

Friday, April 15th 2016, 12:59pm

Tá mo chroí istigh ionat

Worte wie Küsse

One day, sweet day,
our lips will meet.
Till then, I'll kiss you
with my words.
(J.M. Green)

{29. Eisfrost bis 2. Taumond 517; K'billinin und weiter auf der Shakh Richtung Sen'afe}


Die meisten Schüsseln, Platten und Krüge sind geleert und die Mägen aller Anwesenden dafür reichlich gefüllt. Auch dieses Mal sitzt Karmaneh wieder inmitten der Frauen, vor allem um Aïschas lieben Seelenfrieden Willen so weit es nur geht von Kalam entfernt wie nur irgendwie möglich, was sie und den Vampir allerdings keineswegs daran hindert immer wieder lange Blicke auszutauschen, die mehr sagen als tausend Worte. Die Malankari lächelt, reinigt ihre Finger sorgsam in einem mit Rosenblüten bestreuten Wasserschälchen und nickt Aïscha flüchtig zustimmend zu, als diese irgendetwas zu ihr sagt, was die junge Frau allerdings gar nicht richtig wahrnimmt.
Die Azurianerin und ihre ergebene Schar an Töchtern, Schwiegertöchtern und Enkeltöchtern hatte ihr während des gemeinsamen Besuchs im Hammām wahlweise ihre scheinbar allen offenkundige Zuneigung zu dem Lahamas ausreden beziehungsweise die unzähligen Vorzüge hübscher in vollem Safte stehender junge Burschen schmackhaft zu machen versucht. Mit mäßigem Erfolg. Karamanehs Leben im Hawa Mahal hat sie auf Unterhaltungen dieser und ähnlicher Art bestens vorbereitet. Wie stets hatte die Malankari sich einfach hinter einer freundlich lächelnden Maske versteckt, brav an den richtigen Stellen genickt und sich ansonsten in tugendhaftes Schweigen gehüllt. Nur eines von Aïschas zahllosen Argumenten hatte kurzzeitig etwas an ihrer lächelnden Fassade gekratzt. ›Liebes, denk an all die hübschen blauäugigen Kinder, die er dir nicht schenken kann.‹ Mit diesen Worten hatte die Azurianerin Kara tatsächlich getroffen und die Malankari hatte sich hastig etwas kaltes Wasser aus einer bereitstehenden Schale ins Gesicht gespritzt, um den Schreck darauf zu überspielen, welcher jedoch sogleich vom unablässigen Sehnen ihres Herzens wieder vertrieben wird.

Erleichtert atmet Karamaneh auf als es endlich an der Zeit ist sich zu verabschieden, denn Heinonen hat klargemacht, dass er die Karawane pünktlich mit Einbruch der Dunkelheit wieder auf die Shakh zu führen gedenkt. Die wort- und tränenreiche Verabschiedung vom Wekîl und der Rose von K'billinin sowie ihrer vielköpfigen Sippe ist noch nicht ganz zu Ende, da hat sich die Malankari schon wieder an Kalams Seite gestohlen und scheint den ärgerlichen Blick, den Aïscha ihr zum Abschied mit auf den Weg gibt, gar nicht zu bemerken. Lächelnd lässt die junge Frau das kleine Lederbüchlein, welches der Vampir ihr in dem lautstarken Durcheinander unauffällig zusteckt, zwischen den Falten ihres Gewandes verschwinden. Als sie Kalam in Olyvars Obhut zurückgelassen hatte, um die Frauen in den Hammām zu begleiten, hatte sie Tintenfässchen und Federkiel zwar sorgsam beseite geräumt, das Büchlein hingegen jedoch lediglich behutsam unter Ridils Heft geschoben, welches auf der Brust des Vampirs ruht. Eine hauchdünne Daunenfeder hatte die Seite markiert, die Karamaneh Kalam nach seinem Erwachen aufzuschlagen wünschte. 'Tá mo chroí istigh ionat'*, steht dort geschrieben. Auch jetzt noch ist sie nicht ganz sicher ob er die Worte, im Malank ihrer Heimat geschrieben, versteht, doch hofft sie sie sind dem Tamairge der Drachenlande, welches er wie sie weiß tatsächlich spricht, nahe genug um ihren Inhalt erfassen zu können.

Gemeinsam mit den anderen, Olyvar, Rayyan und dem Narrenkönig, gehen sie in die Nacht hinaus, wo ihre Meharas bereits ungeduldig auf sie warten. Der Wekîl, die Rose und ihre Familie winken ihnen gestenreich hinterher und die älteren Kinder, allen voran Tarik, der sich nur äußerst schwer von Olyvar und Kalam trennen zu können scheint, laufen ihnen und einem guten Teil der übrigen Karawane noch ein ganzes Stück hinterher, nachdem sie ihren Platz in der Marschordnung wieder eingenommen haben.
Gedankenverloren sitzt Karamaneh hochoben auf Amsahs Rücken und schaut zum sternenklaren Himmel empor. Um sich vor der eisigen Nachtkälte zu schützen hat sie sich einen bequemen Umhang aus Kamelhaar um die Schultern geschlungen und Kopf und Mund mit schützenden Tüchern verhüllt. Auch die anderen Reisenden sind entsprechend der nächtlichen Temperaturen gekleidet. So durchqueren sie in dieser und den zwei folgenden Nächten gemeinsam den Gleichklang der Dunkelheit bis der Morgen heraufdämmert und Heinonen irgendwann das Zeichen gibt die Karawane halten und das Taglager aufschlagen zu lassen.

Vorsichtig, um möglichst wenig Licht in das Innere einzulassen, schlüpft Karamaneh lautlos aus Kalams Zelt und überlässt es für eine Weile Rayyan über den ruhenden Freund zu wachen. Ihr Lederbüchlein hat die junge Frau wie stets sicher unter Ridils schwerem Heft zurückgelassen.
Sie zupft die Schleier ihres Hijab zurecht, holt sich einen Wasserschlauch, ein paar getrocknete Feigen sowie eine bittere Orange und lässt sich anschließend im dürftigen Schatten mehrerer Dattelpalmen nieder. Im Lager ist es ruhig geworden, die drückende Tageshitze hat längst die meisten Tätigkeiten, die es tagsüber im Freien zu erledigen gilt, zum Erliegen gebracht und die meisten Mitglieder der Karawane verweilen in ihren Zelten oder rasten wie sie an mehr oder weniger geschützten Orten. Karamaneh öffnet die dicke, unebene Schale der rundlichen Bitterorange behutsam, teilt sie dabei geschickt in zwei etwa gleiche Hälften und beißt schließlich genießerisch in das faserige, säuerliche Fruchtfleisch. Nachdem sie gegessen hat leckt sie sich zufrieden die Fingerspitzen sauber und beginnt mit dem Zeigefinger der rechten Hand planlos geometrische Muster in den heißen Wüstensand zu malen wie es die heiligen Männern einiger Beduinenstämme zu tun pflegen. Staunend beobachtet sie die Vergänglichkeit ihrer Werke, die von dem sanften, warmen Wind, der durch das Lager weht, immer wieder binnen kürzester Zeit zerstört werden. Die Malankari ist so gebannt von dem zarten Schauspiel im Sand und ihren eigenen Gedankengängen, dass sie gar nicht mitbekommt wie Arnaudin Pontac, der Pferdehändler aus Caer Cantenac, sie eine ganze Weile aus einiger Entfernung verstohlen beobachtet, bevor er sich schließlich ein Herz fast und allen Mut zusammennimmt, um zu ihr herüberzuschlendern.

Erschrocken schaut Karamaneh auf, als der rundliche Schatten des stämmigen Mannes ihre Sandgebilde mit einem Schlag verdunkelt. Hastig zupft sie die Schleier ihres Hijab zurecht und versteckt ihr Gesicht rasch tugendhaft hinter dem zarten Stoff. Der Mann setzt zu ein paar für einen gestandenen Mann relativ unbeholfenen Worten an, kommt allerdings nicht weit bevor auch schon der Narrenkönig zur Stelle ist und seinem kleinen unerwünschten Auftritt mit stummer Bestimmtheit schnell wieder ein Ende bereitet.
Karamaneh sieht zu wie der Blaumantel den Nebrinôrtharer aus ihrem kleinen Lager fortführt und obwohl sie nicht genau den Finger daraufzulegen vermag wieso oder weshalb breitet sich ein eigenartig ungutes Gefühl in ihrer Magengegend aus. Rasch vegräbt sie die spärlichen Überreste ihrer Mahlzeit—ein paar wenige Orangenschalen—im Sand, nimmt den Wasserschlauch und verschwindet für die verbleibende Zeit bis zum abendlichen Aufbruch wieder in Kalams Zelt. Zusammengerollt wie eine kleine Katze liegt sie neben dem Vampir und wartet geduldig, den Blick der blauen Augen unverwandt auf seine regungslose Brust geheftet, sein Erwachen ab.

__________________
*My heart is within you
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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Monday, April 18th 2016, 11:03pm

Dilemma

2. Taumond 517, auf der Shakh Richtung Sen'afe

The me you see lying before you is a different me that I have ever been. I am more and I am less, I am changed into all the things I have become in front of your sleeping eyes. I am the candle your eyes become when it's my face reflecting back the light. I am the soft groan and whispered moan and the spread of fingers across the skin on my back. I am the gentle hands on cold skin and the frantic craving when that skin holds fire instead. I am the whisper of I love you and the vein straining scream of I need you, the red cheeked glance of I want you and the tear soaked realization when I have you. I am the staccato breath leaving trembling lungs and the bravery or stupidity or both at the promise of forever. I am the forever. I am the me that will smile at that fact and the pride at knowing it. I am the arms outstretched, the leap into the unknown and the promise to catch you when you fall. I am all that I have become in front of your eyes and I exist because you see me, see me as no one else has or bothered to uncover. I am what I've become and I am enough and I am both because in the most honest and simple way to say all I have said, I am yours.*

Kalam erwacht nur langsam aus der Starre, die dem tiefen Winterschlaf der kleinen und großen Kreaturen, die sich in der kalten Jahreszeit tief unter die Erde oder in ihre dunklen Höhlen zurückziehen, viel ähnlicher ist, als der flüchtigen, nächtlichen Ruhe der Menschen. Es ist, als steige sein Bewusstsein nur Stück für Stück aus der Finsternis eines tiefen, tiefen Brunnens… oder Grabes… empor ans Licht. Seine Nervenenden funktionieren nicht, sein Körper ist wie gelähmt, er ist taub, blind und ohne Geruchssinn. Nur seine Gedanken wandern bereits, lange bevor sein vollkommen regloser Körper wieder etwas empfindet oder seine Sinne etwas wahrnehmen – und im düsteren Zwielicht seines zögernden Erwachens ertappt er sich wie so oft seit ihrem Aufbruch aus K'billinin bei der Frage, wie viele Ecken und Kanten wohl ein Dilemma haben kann. Seinem Wissen nach lautet die übliche Antwort zwei. Vielleicht gibt es ja theoretisch exotischere Formen davon, denn dieses hat ganz sicher mehrere, und zumindest eine davon ist so scharfkantig wie gebrochenes Glas. Er sorgt sich nicht darum, ob Karamaneh ihn liebt und er weiß ganz genau, was er für sie empfindet – und sie weiß es auch. Aber sie ist nun einmal ein Mensch… und er ist es nicht. Er will nicht, dass sie irgendetwas für ihn aufgeben muss, aber genau das müsste sie – und das würde sie sehr viel kosten und noch mehr schmerzen, das weiß er genau. Er ist nicht blind, er hat gesehen, wie sie mit den Kindern des Wekîls und seiner Rose umgegangen war oder wie sie sich um Reisig gekümmert hatte… aber das kann er ihr nicht geben. Sie würden nie eigene Kinder haben. Er kann sich unmöglich wünschen, dass sie ein solches Opfer bringt und auf etwas so Elementares verzichtet - und gleichzeitig kann er sich noch weniger wünschen, dass sie es nicht tut. Wäre er ein anständigerer, ein selbstloserer Mann, würde er sie gehen lassen - doch er ist kein anständiger Mann, und sie zu verlassen oder fortzuschicken ist vollkommen undenkbar. Die alte Seherin hatte Recht, er ist verflucht. Er war verflucht von dem Moment an, als sie ihm das erste Mal unter die Augen gekommen war… verflucht zu einem Dasein, das ihm noch nie so unerträglich erschienen ist, wie jetzt. Denn Karamaneh ist nun einmal in sein Leben getreten, seine ganze Welt hat sich um hundertachtzig Grad gedreht und auf einmal hat er Wünsche, die unerreichbar sind. Vor langer Zeit hatte er sich damit abgefunden, ein Vampir und ein Sithechjünger zu sein, und den Rest seines kümmerlichen Schattenlebens lang Buße für einen Frevel zu tun, der vor mehr als tausendfünfhundert Jahren von jemand anderem begangen worden war. Eine Weile hatte er mit seiner Existenz gehadert, hatte die Götter und das Schicksal verflucht, doch dann hatte er es aufgegeben. Das Leben war nicht gerecht, warum sollte es das Dasein als Untoter sein? Er hatte sich an das Blut gewöhnt, sich mit der ewigen Dunkelheit arrangiert und kaum einen Gedanken daran verschwendet, dass es in seinem Leben keinen Platz für irgendetwas anderes als die Jagd auf Munduskinder und sonstige Kreaturen der Finsternis geben würde. Wenn die Einsamkeit zu groß geworden war, hatte er bei Huren Trost gesucht, die genau gewusst hatten, worauf sie sich einließen, und ein- oder vielleicht zweimal hatte ihm eine Frau flüchtig ein wenig mehr bedeutet als das, aber Liebe war in seiner Welt einfach nicht vorgesehen und nicht vorgekommen, nie. Er hat auch nie mehr gewollt, und die unbestimmte Sehnsucht, die ihn in den letzten Jahrzehnten ab und an überkommen hatte, wenn er menschliche Freunde des Ordens oder seiner selbst mit ihren Familien gesehen hatte, war immer ein abstrakter Wunsch geblieben - bis er auf Karamaneh getroffen war.

A mhuirnín. Welches Recht hat er, sie so zu nennen und sie in seinem Herzen zu tragen, als gehöre sie ihm? Welches Recht hat er - als das was er ist - auf lebenshungrige Wünsche und Träume? Nüchtern betrachtet ist er nichts weiter als ein ziemlich großer, ziemlich untoter, ziemlich blutrünstiger Mann, der den meisten Platz in ihrem Leben und in ihrem Bett eingenommen hat, denn seit jener Nacht in K'billinin hat sie nicht mehr allein geschlafen. Wenn sie rasten und die Karawane zur Ruhe kommt, hält er sie in den Armen und wacht über ihren Schlaf, atmet ihren Geruch und spürt ihren Körper, der sich so vertrauensvoll seinem Schutz überlässt, bis er selbst (wenn er kann) irgendwann in seine Ruhestarre verfällt – aber darüber hinaus hat er sie nicht angerührt. Jedes Recht, knurrt etwas in seinem Inneren und er muss feststellen, dass er ganz offensichtlich auch ein sehr besitzergreifender Mann ist. Das ist nicht nur vollkommen neu für ihn, sondern zugleich erschreckend in seiner Heftigkeit. Sie hat dir ihr Herz und ihre Seele schon geschenkt. Aus freien Stücken. Das ist wahr - und er hatte beides angenommen. 'Tá mo chroí istigh ionat', das waren ihre Worte und sie hatten ihn durchfahren wie eine Klinge. 'Mein Herz ist in dir'. Sie hatte es in ihr Buch geschrieben, die Seite mit einer Daunenfeder markiert und für ihn zurückgelassen, damit er es finden und lesen würde – und das hatte er getan, an jenem Abend in K'billinin. Fassungslos hatte er ihre Worte gelesen, ihr so furchtlos überreichtes Geschenk, geschrieben in ihrer kunstvollen, schönen Schrift, jeder Buchstabe wie ein kleines, zierliches Gemälde aus feinen, geschwungenen Linien. Die Sprache war ihm auf den ersten Blick fremd erschienen, eigentlich keine, die er beherrscht - aber sie war dem ebenso formellen Tamairge gerade noch ähnlich genug, um den verborgenen Sinn der Worte zu erfassen, und was sie damit ausgedrückt hatte, war noch etwas ganz anderes. Sie hat Recht, er weiß, dass sie Recht hat, denn das gleiche gilt für ihn: er gehört ihr mit Haut und Haaren, mit allem, was er ist und was er hat. Sie gehören einander. Er könnte nicht erklären, wie das in den wenigen Wochen, die sie sich kennen, geschehen konnte, aber es ist geschehen. 'Tha mi leatsa. Chan eil mi fhìn a thoirt air ais dhom**'. hatte er geantwortet, auf die gleiche Weise wie sie - und ihr das Buch zurückgegeben, als wären gesprochene Worte zu flüchtig, zu vergänglich für das, was sie sich zu sagen hatten. Sie waren die Nacht hindurch schweigend nebeneinander geritten, bis der Tag angebrochen war, der sich so langsam über der Wüste und dem grünen Band des Flusses zu ihrer Linken entfaltet hatte wie eine gigantische Blüte aus Hitze und Licht. Und als das Lager aufgeschlagen worden war, die Feuer heruntergebrannt und die Tiere versorgt waren, war sie in sein Zelt gekommen und hatte sich wortlos, aber mit der ihr so eigenen, rätselhaften Mischung aus Scheu und Kühnheit an seine Seite geschmiegt. Sie hatte in der hitzedurchtränkten Trägheit des ganzen Tages friedlich bei ihm geschlafen – und als er eine Stunde vor Sonnenuntergang die Augen aufgeschlagen hatte, hatte ihr Buch wieder unter Ridils Heft gesteckt, und ihre Antwort hatte ihn in seinem Inneren getroffen, wie es alle ihre Worte tun. 'Scríobh mé d'ainm i mo chroí agus go deo go mbeidh sé fanacht… ich schrieb deinen Namen in mein Herz und dort wird er auf ewig bleiben.' Bisher war das geschriebene Wort an sich für ihn nicht viel mehr als ein Werkzeug zur Verständigung, vielleicht noch die Schilderung bestimmter oder längst vergangener Ereignisse, aber vor allem Mittel zum Zweck: etwas wurde aufgeschrieben, um es für sich oder andere festzuhalten. Schönheit und Klang waren dabei vollkommen nebensächlich, was zählte waren Genauigkeit und Effizienz. Karamanehs Art Worte zu benutzen, hatte ihm noch ein anderes Bewusstsein für Sprache eröffnet, ein Gefühl für ihre Schönheit, ihre Eindringlichkeit, ihren tieferen Sinn. Er hatte schon einen flüchtigen Blick darauf erhascht, als er damals auf der Seehure ihr Buch gefunden und ein wenig darin gelesen hatte… doch nun hatte sie ihm diese fremde, faszinierende Welt einfach zu Füßen gelegt und er ist wie hypnotisiert davon, als würde er zum Rhythmus ihrer Worte schlafwandeln.

Es war absurd, von ein paar Sätzen auf Papier verführt zu werden; es war absurd, derart von Worten berührt zu werden, aber genau das war geschehen und er weiß, dass es wieder geschehen wird. Er hatte mehr gespürt, als dass er es bewusst erfasst hatte, dass der Unterschied zu seinem bisherigen Verständnis von Sprache und ihren poetischen Worten vielleicht himmelweit sein mag, aber die Absicht war dieselbe: auch sie schreiben, um etwas festzuhalten - füreinander. Gesprochene Worte wären einfach zu flüchtig gewesen, in der Tat. Sie wollen sich nicht verzaubern, nicht verführen, nicht füreinander einnehmen… oder doch, schon - auch. Das ist nur nicht alles, denn genau genommen geben sie sich gegenseitig feierliche Versprechen - sie hätten auch in einem Tempel stehen und Ringe tauschen können, es wäre ihnen nicht ernster gewesen. Auf diese Erkenntnis hin hatte sich ihr Dilemma nachdrücklich in Erinnerung gebracht, mit all seinen Ecken und Kanten, und seiner ganzen, verdammten Unveränderlichkeit. Dem Gedanken war ein zweiter auf dem Fuß gefolgt: was ist die Liebe nur für eine seltsame, dunkle Magie wenn sie allen, die ihr zum Opfer fallen, solche Macht übereinander verleiht? Denn das haben sie. Sie haben Macht übereinander. Er mag so stark sein wie ein Fels und so unüberwindbar wie eine ganze Bergwand, aber Karamaneh könnte ihn mit einem einzigen Wort vernichten. Liebe ist vielleicht die einzige Kraft dieser Welt, die stark genug ist, selbst den Tod zu überwinden, und doch ist sie so verwundbar, so zerbrechlich… und noch ein dritter Gedanke, nicht minder erschreckend, hatte sich dem prompt angeschlossen: Das ist nicht genug. Es ist nicht annähernd genug. Er will sie mehr als alles andere, mehr als gut für sie, für ihn und für alle beteiligten ist. Aber er will nicht nur ihr Herz, nicht nur ihre schönen Worte, nicht nur ihre Gedanken, nicht nur ihr Lachen, nicht nur ihre Seele - er will alles von ihr. Und er will ihr ganzes Leben. Doch bisher hat er sie noch nicht einmal geküsst, auch wenn alles in ihm danach drängt genau das zu tun… noch eine Kante ihres Dilemmas, eine im wahrsten Sinne des Wortes sehr viel leibhaftigere als alle anderen: er ist fast einen Fuß größer als sie und mindestens doppelt so schwer. Außerdem ist er ein Mann mit rotglühenden Augen, Raubtierfängen und Raubtierkrallen, und einem Hunger, der gut dazu passt. Ihre Erfahrungen mit Männern beschränken sich allerdings darauf, vergewaltigt, missbraucht und nach Gutdünken von ihnen benutzt zu werden. Allein das hat das Potential, in einer furchtbaren Katastrophe zu enden – und das hatte ihn postwendend zur scharfgezackten, glassplittrigen Ecke ihres Dilemmas zurückgebracht. Er hatte an das Leben gedacht, das sie gezwungen war zu führen, daran, dass sie nie das Recht auf eigene Vorstellungen und Wünsche besessen hat, nie. Wie kann er da wollen, wie kann er es auch nur wagen zu hoffen, dass sie auf irgendetwas, das sie sich erträumt, verzichtet? Aber er will sie und in diesem Wollen, in diesem Sehnen, in der schlichten Notwendigkeit, sie in seinem Dasein zu haben, geht alles andere unter - wo man überhaupt keine Wahl hat, kann man auch nicht wählen. Scríobh mé d'ainm i mo chroí agus go deo go mbeidh sé fanacht… ich schrieb deinen Namen in mein Herz und dort wird er auf ewig bleiben. Scheu und wagemutig zugleich, fürwahr… und viel mutiger als er selbst, wie es scheint. Also hatte er mit seiner eigenen, harten, klaren Schrift, die sich eher dafür zu eignen scheint, etwas in Stein zu meißeln, anstatt es mit einem zarten Federkiel auf feines Papier zu bringen, einer Schrift, die deutlich verrät, dass die Worte, die er auf dieser Welt bisher gesprochen hat, für gewöhnlich 'so ist es' lauteten, darunter gesetzt: Anns a h-uile an t-saoghail chan eil a chridhe mar 'ur cridhe dhomh. Anns a h-uile an t-saoghail chan eil gràdh leithid mo ghràdh air do shon.***

Mit dieser Wahrheit im Herzen treibt sein Bewusstsein am Abend des zweiten Taumond, fast exakt einen Mondlauf, nachdem er sie auf dem Schiff zum ersten Mal gesehen hat, ganz allmählich aus der Dunkelheit an die Oberfläche der wachen Welt zurück. Seine Sinne regen sich, sich räkelnd wie träge Schlangen im Schatten, die auf flachen Steinen auf die Sonne warten. Er kann Karamanehs Duft wahrnehmen, zart, irgendwo in der Nähe, vermischt mit dem Geruch nach Bitterorangen, und nach einer Weile hört er auch ihren Herzschlag, dicht neben sich… sie ist bei ihm. Sein vom Schlaf erstarrter Körper erwärmt sich langsam in der Brennofenhitze der Wüste, die das Zelt durchdringt und die selbst jetzt, in den letzten Stunden des Tages, noch überwältigend ist. Seine Fingerspitzen beginnen zu prickeln und sein erster Griff geht wie stets in den letzten Tagen an Ridils Heft, wo sie ihr Buch für ihn hinterlässt, wenn sie ihm geantwortet hat. Seine tastenden Finger finden das warme, glatte Leder, obwohl sie neben ihm auf den weichen Lammfellen seines Lagers sitzt und sein Mund verzieht sich ganz ohne sein Zutun zu einem Lächeln. Kalam legt das Schwert beiseite und schlägt die Augen auf. Hinter den dunklen, dicht gewebten Stoffbahnen des Zeltes lauert die Sonne, doch im Inneren herrscht nur dämmriges Halbdunkel, denn der Eingang ist fest verschlossen und die Schnüre sind sorgsam zugeknöpft, damit kein verirrter Sonnenstrahl ihn erreichen würde. Das erste, das er sieht, ist ihr Gesicht, ihre Augen, die auf ihm ruhen und sein Lächeln vertieft sich ein wenig. Hier drinnen hat sie Schleier und Perücke abgenommen und ihr kurzes Haar mit den Fingern zerzaust, so dass es ein wenig wie goldener Distelflaum von ihrem Kopf steht. Dann setzt er sich auf, nimmt ihr Buch zur Hand und sieht hinein. Kalam liest ihre Antwort, einmal und noch einmal, und dann ist es zu spät für sie beide, denn er nimmt ihr Gesicht in seine Hände und küsst sie - ohne Vorwarnung, ohne Zögern, ohne es eigentlich vorgehabt zu haben, er kann schlicht und einfach überhaupt nichts anderes tun, als das. Sie weicht nicht zurück, auch wenn ihr Herz einen erschrockenen kleinen Satz macht und dann völlig aus dem Takt gerät. Das lässt ihn lächeln, er kann gar nicht anders, an ihrem Mund, in ihren Mund, noch während er sie küsst. Irgendwo unter seinen Fingern kann er ihren Puls so heftig pochen spüren, als flatterten und bebten tausend kleine Flügel gegen ihre Haut. Im ersten Moment sind ihre Lippen nur weich, warm und sehr scheu, fast fragend unter seinen, und er berührt sie ganz bestimmt auf die unschuldigste Art und Weise, die er kennt und zu der er fähig ist. Womit keiner von ihnen beiden rechnet, ist ihre Reaktion: ihre Hände krallen sich fest in sein Hemd und er weiß beim besten Willen nicht, ob sie sich an ihn drängt oder ihn zu sich zieht, doch ihr Mund öffnet sich, gibt sein grausames Geheimnis preis, das er einfach fortküsst und antwortet seinem. Dann schlingen sich ihre Arme um seinen Nacken, er spürt ihre Finger in seinem Haar und atmet ihren Atem, als gehöre er ihm. Er küsst und küsst sie, sehr lange und immer noch sehr sanft, aber auch verheerend gründlich – so gründlich, dass kein noch so geheimer Teil ihres Körpers davon unberührt bleibt, so hungrig, bis er sie vollkommen atemlos geküsst hat, so erbarmungslos, dass sie gebrochene kleine Seufzer an seinen Lippen murmelt und dass das einzige, das sie je wieder auf ihrer zerschnittenen Zunge schmecken wird, ganz bestimmt er ist - und so lange, bis das geschmolzene, flüssige Verlangen zwischen ihnen ihr Inneres verbrennt. So lange, bis er plötzlich sein eigenes Herz spürt, bis er schwören könnte, etwas regt sich in der kalten Dunkelheit in seiner Brust und schlägt dort ein einziges, dumpfes Mal. Kalam weiß beim besten Willen nicht, wie es ihnen gelingt, aufzuhören, aber selbst als er ihren Mund freigibt, ihre Wangen küsst, ihre geschlossenen Augen, ihre kleine Nase und ihre Stirn, schlingert die kreisende, sich drehende Welt immer noch ein wenig unter ihren Füßen.


*Tyler Knott Gregson
** I am yours. Don't give myself back to me (Rumi)
***In all the world there is no heart for me like yours
In all the world there is no love for you like mine. (Rumi)
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

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37

Wednesday, April 20th 2016, 4:25pm

Triumph
Ertappt

You stole my heart at 24 and I couldn't care less if you kept it till I'm 82. See, I don't want a life with white picket fences, sons or daugthers or golden retrievers, if it is a life without you.
(Beau Taplin, A life without you)

There is no dark corner of your heart I will not explore, no flaw or feature too frightening to know—there's no depth to which I dare not go, for you, my love, are a universe. And I mean to inhabit all of you.
(Beau Taplin, A universe of you)

Kissing the person you deeply, truly want. Man, what a drug. There's nothing quite like it. Fireworks flash on the backs of your eyelids and the drums bang! bang! in your chest. You feel your whole body fall into it, heaving and holy—your soul crying out in triumph.
(Beau Taplin, That Kiss)

"Und wenn er dir nicht den richtigen Namen gibt?"
"Den Namen hat er schon gewählt. Jetzt ist es Zeit das er ihn ausspricht."
(Die unendliche Geschichte)

{2. Taumond 517; Shakh Richtung Sen'afe}


Geduldig harrt Karamaneh an Kalams Seite aus bis er allmählich erwacht. Sie hat keine Ahnung von den Gedanken, die ihn in der Finsternis seiner todesgleichen Ruhestarre bewegen, und doch wanderen ihre eigenen wie selbstverständlich in eine ganz ähnliche Richtung—und doch auch wieder nicht. Die Malankari sieht die scharfen Ecken und Kanten ihres gemeinsamen Dilemmas ebenso deutlich wie der Vampir, doch fürchtet sie sie nicht. Nein, Karamaneh hat keine Angst zu lieben. Die junge Frau fürchtet viele Dinge, nicht aber den Schmerz, den Liebe—diese Liebe—mit sich bringt. Das Leben hat sie schon viele Arten von Schmerz kosten lassen. Und keiner war, trotz all seiner Bitterkeit, je so süß. Die Malankari kann sich nicht erinnern wann sie zum letzten Mal etwas für sich selbst gewollt hat, wirklich gewollt hat—vielleicht damals, als sie ihre Mutter praktisch tagelang angebettelt, nein, angefleht hatte sie endlich das Perlentauchen zu lehren. Es spielt keine Rolle. Jetzt, hier, weiß sie ganz sicher, dass sie Kalam WILL. Sie hat die freie Wahl und hat doch keine Wahl. Tief in ihrem Herzen weiß sie, sie würde ihn immer wieder wählen. In hundert Leben, in hundert Welten, ganz gleich in welcher Version der Wirklichkeit, sie würde ihn finden und sie würde ihn wählen.1 Immer wieder und wieder und wieder. Vor dieser Erkenntnis gibt es kein Entkommen.
Und vor noch einer anderen Wahrheit gibt es kein Entrinnen: den Wenigsten schenken Ea oder die Götter alles was sie sich wünschen. Im Gegenteil, Kara hat ihr Leben lang einen Traum nach dem anderen geopfert, bis kein noch so geringer Wunsch mehr übrig geblieben ist. Fahd Musa'id Abd ar-Najd hat ihr stets unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie niemals, unter keinen Umständen, seine (oder irgendjemandes) 'Bastarde' gebären würde—nicht lebend! Und der Sadairi-Prinz hat zu seinem Wort gestanden. Es ist erschreckend wie Rot frisches, helles Blut auf blütenweißem Linen ist. Kalam mag nicht Fahd sein, aber das ändert nichts daran, dass Kara auch in Zukunft kinderlos bleiben wird. Nicht wenn sie an ihm festhält. Er ist ein Vampir und sie ein Mensch... und daran können weder er noch sie jemals etwas ändern. Verglichen mit der Pein, die mit dem Gedanken einhergeht ihn ganz und gar aufzugeben, ist der Schmerz darüber, die vage Hoffnung doch irgendwann einmal Kinder ihr eigen nennen zu dürfen (ein längst vergangen geglaubtes Sehnen, welches erst in Talyra wieder sacht in Kara zu keimen begonnen hatte) jedoch nur eine marginale Wunde. Und wenn dies nuneinmal der Preis ist, dann ist sie bereit ihn zu zahlen. Sie kann alles aufgeben was sie muss, wenn es keinen anderen Weg gibt—nur auf seine Liebe kann sie ebenso wenig verzichten wie auf die Luft zum Atmen. Anns a h-uile an t-saoghail chan eil gràdh leithid mo ghràdh air do shon.—Auf der ganzen Welt gibt es keine Liebe für dich wie die meine.2

Die Malankari betrachtet den ruhenden Vampir unverwandt und fragt sich insgeheim was geschehen würde, wenn sie ihn jetzt küsst. Ob er es spüren kann, ob er es beim Erwachen wohl wüsste? Und noch ein anderer Gedanke lässt sie nicht los, nicht seit jener Nacht über den Dächern von K'billinin. Wieder und wieder fragt sich die junge Frau wie es wohl wäre ihrerseits von Kalam geküsst zu werden. Fahd war stets großzügig mit dem, was er mit anderen Männern geteilt hat. Einzig und allein ihre Küsse hatte er eifersüchtiger gehütet als ein Drache seinen Schatz. Und Karamaneh hatte sich nur allzu dankbar seinem Willen gebeugt, erleichtert ihre Schande mit niemandem sonst teilen zu müssen. Bis jetzt. Als der Vampir sich schließlich zu regen und allmählich zu erwachen beginnt, setzt sie sich langsam auf. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als er Ridil beiseite legt und die Augen aufschlägt. Mit angehaltenem Atem beobachtet sie wie er sich aufsetzt und ihr Lederbüchlein aufschlägt, um darin zu lesen: Ich liebe dich, fürwahr das tue ich—du hast mein Wort. Du hast alle meine Worte.3 Karamaneh weiß nicht, was sie erwartet hat. Jedenfalls nicht die Reaktion, die tatsächlich folgt. Kalam küsst sie ohne Vorwarnung, ohne um Erlaubnis zu bitten. Und obwohl Kara sich in den langen kalten Nächten, die sie seit K'billinin schweigend auf ihrem Mehara neben dem seinen die Shakh entlang geritten ist, nichts sehnlicher herbeigewünscht hat als genau diesen Augenblick, gerät ihr Herz vor lauter Schreck vollkommen aus dem Takt, als seine Lippen ihr auch noch den letzten Atem rauben. Dann fällt sie. Und rettet sich förmlich in seinen Kuss. Zieht ihn zu sich und verrät ihm damit endlich all das, was sie bisher nicht laut auszusprechen gewagt hat.4
Karamaneh seufzt leise an Kalams Mund. Sie hatte keine Ahnung, dass Küsse so süß schmecken können, so wild und zart zugleich, und stellt fasziniert fest wie perfekt seine Lippen doch auf die ihren passen, geradeso als seien sie zwei Hälften eines Ganzen. Er küsst sie wieder und wieder und jeder einzelne Kuss brennt Fahds Spuren gnadenlos aus ihrem Herzen und von ihrer Seele. Solange bis nichts mehr davon übrig ist und alles was bleibt der bittersüße Geschmack ist, welchen Kalams eigener Name auf ihrer gespaltenen Zunge hinterlässt.

Atemlos holt sie Luft als seine Lippen sich schließlich von ihren lösen und dennoch nicht aufhören sie zu küssen. Geradezu verzweifelt krallt sie sich an ihm fest, trunken von ihr bisher vollkommen unbekannten Glück allein. Ihr Herz schlägt so wild, dass sie fürchtet die Brust müsse ihr zerspringen. Keuchend schlägt sie die azurblauen Augen auf. “Kalam... Tha gràdh agam ort5, Kalam”, mehr bringt sie nicht heraus, bevor ihr Mund den seinen findet—nicht ängstlich, nicht zaghaft oder sanft, sondern hungrig nach mehr.
Draußen senkt sich die Sonne tiefer und tiefer herab, das Lager erwacht zu neuem Leben und alles drängt zum Aufbruch, doch nichts könnte die zwei in ihrem dunklen, stickigen Versteck weniger kümmern. Vor dem Zelt lässt sich leises Klappern vernehmen, zunächst relativ verhalten und schwach, doch bald schon immer drängender, ungeduldiger... und äußerst beharrlich. Trotzdem dringt das hartnäckige Geräusch nur sehr allmählich zu Kalam und Karamaneh durch und sickert zähflüssig wie Sirup in ihrer beider Bewusstsein. Mit einem wehmütigen Seufzer auf den Lippen gelingt es der Malankari schließlich sich irgendwie ein zweites Mal von dem Vampir zu lösen. Im diffusen Dämmerlicht des Zeltes sieht sie ihn an. Sie braucht keinen Spiegel oder eine Schale mit klarem Wasser um zu wissen, dass ihre Wangen verdächtig Rot schimmern und sie fragt sich wie sie jemals wieder vor dieses Zelt treten und ihre Rolle als brave tugendhafte 'Lady Melisandre' aufnehmen können soll. Die schützende, ewig gleichmütig lächelnde Maske, die sie zu tragen pflegte, ist zerbrochen, geborsten unter tausend Küssen. Gefühle und Empfindungen huschen offen und ungehindert über ihr Gesicht wie wechselhaftes Wetter. Ertappt. Verlegen schlägt sie eine Hand vor den Mund und dreht sich ganz unbewusst so, dass ihr Körper den von Kalam schützend verdeckt, als die schweren Stoffbahnen vor dem Zelteingang unvermittelt zurückgeschlagen werden und der Narrenkönig den Kopf zu ihnen hereinsteckt. Ein unverholenes wissendes Lächeln stiehlt sich auf das verunzierte Gesicht des Blaumantels, als er sie ansieht und Karamaneh spürt wie ihr das Blut heiß ins Gesicht steigt.

“Zeit zum Aufbruch”, raunt der Narrenkönig ihnen zu, bevor er sie wieder allein lässt und Karamaneh seufzt resignierend. “Er hat Recht”, murmelt sie schweren Herzens. Enttäuscht. Bedrückt. Langsam hebt sie ihre Perücke vom Zeltboden auf, bringt es jedoch einfach nicht über sich sie wieder aufzusetzen. Sie hat keine Ahnung wie sie es letztlich dennoch schafft. Wie sie ihre Gewänder richtet, ihr Gesicht hinter den Schleiern ihres Hijab verbirgt, ihr ledernes Büchlein nimmt und irgendwie hinaus aus dem Zelt taumelt, um in die heraufdämmernde Dunkelheit der Nacht zutreten.
Vor dem Zelt stellt sie benommen fest, dass die sachte Abendbrise ihre glühenden Wangen nur dürftig zu kühlen vermag. Irre Gedanken wirbeln wild durcheinander. Amsah und Dokha stehen einträchtig wartend beieinander, bereit zum baldigen Aufbruch. Karamaneh atmet tief ein und füllt ihre Lungen mit frischer Abendluft. Auch ohne sich umzudrehen weiß sie, spürt sie, dass Kalam direkt hinter ihr steht. Unwillig verharrt sie an Ort und Stelle, noch immer nicht ganz bereit seine unmittelbare Nähe zu verlassen—und sei es auch nur um auf den Rücken ihrer Meharastute zu klettern, welche die ganze Nacht durch gewiss bloss wenige Schritte von Dokha entfernt durch die Finsternis schreiten würde. Erst als das Zeichen des Karawanenführers, das alle Reisenden schließlich zum Aufbruch drängt, ertönt, bleibt ihr keine andere Wahl. Fahrig stolpert sie zur Feurstelle hinüber. Hastig nimmt sie sich die paar Reste des Abendmahls, die jemand, vermutlich Olyvar, für sie aufbewahrt hat und reicht Kalam einen mit frischem Blut gefüllten Wasserschlauch. Ihre Fingerspitzen treffen sich nur kurz, nur für den Bruchteil weniger Augenblicke, doch die winzige Berührung allein reicht aus, um ihr einen leichten Schauder der Verzückung den Rücken hinabrieseln zu lassen. Ihre Gedanken und Gefühle sind ein einziges gewaltiges Chaos. Vollkommen aufgewühlt und verstört huscht sie zu ihrem Mehara hinüber, jedoch nicht ohne Kalam dabei einen letzten sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen.

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1Kiersten White, The Chaos of Stars
2Rumi
3Lang Leav
4Frei nach Pablo Neruda
5Ich liebe dich
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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38

Thursday, April 21st 2016, 7:42pm

Dissolving the universe

2. Taumond 517, am Abend

And then my soul saw you and it kind of went: 'Oh, there you are. I've been looking for you.'

Her kiss dissolves the universe. In that moment, I was unmade and then reborn.*


Kalam bekommt weder etwas von der Nachdrücklichkeit, mit der sich der Rest der Welt in Gestalt des Narrenkönigs wieder in Erinnerung bringt (was eindeutig besser für dessen Gesundheit ist – hatte er ihn angeknurrt? Er glaubt schon, sicher ist er sich nicht) wirklich etwas mit, noch von den Geräuschen einer großen Anzahl von Menschen und Tieren, die sich außerhalb des Zeltes in hektischer Aufbruchsstimmung befinden. Alles, was er weiß, ist, dass sie aufgehört hat, ihn zu küssen und mit wackligen Knien durch das Halbdunkel stakst, ihre Kleider glattstreicht und vergeblich versucht, irgendwie wieder zu 'Lady Mélisande' zu werden, was für ein unmögliches Vorhaben. Sie kann ja nicht einmal mehr wieder zu der Karamaneh werden, die sie zuvor war, denn jetzt ist sie sein, sein - und man sieht es ihr an. Er hätte es auch in schrittgroßen Lettern einmal quer über ihren Leib schreiben können, vielleicht hat er das sogar getan. Und er? Ihm ergeht es ganz genauso. Abgesehen davon ist gerade kein einziger halbwegs zusammenhängender Gedanke in ihm, außer ein Stakkato hämmerndes mehr und ein nicht minder forderndes mein. Dazwischen sind noch durcheinanderwirbelnde Fragmente von halten… behalten… mehr… festhalten… Mund… Hände… Haut… alles mein… berühren… mehr… mehr… mehr… - und er brennt immer noch. Es ist das reinste Wunder, dass sein Hemd nicht in Flammen aufgeht. Oder das Zelt. Oder das ganze verdammte Lager. Er kann sie noch auf seiner Zunge schmecken, er hat noch ihren Geruch in der Nase, in seinen Lungen, er atmet Feuer. Seine Hände graben sich so fest in die Lammfelle seines Lagers, dass er das Leder knirschend unter seinen Krallen nachgeben hört, weil er sie sonst einfach wieder an sich reißen würde. Doch wenn er sie jetzt noch einmal küsst, dann wäre er auf der Stelle in ihr und keine Macht der Welt könnte ihn davon abhalten. Ihm ist klar, dass das einfach nicht geht, es ist unmöglich. Er kann sie nicht hier und jetzt nehmen, eine lausige Stoffbahn von hunderten neugierigen Augen und Ohren entfernt, unmittelbar vor dem Aufbruch der ganzen Karawane, auch wenn alles in ihm danach schreit, genau das zu tun. Doch es nützt nichts, die Wahrheit zu ignorieren.

Ihm dämmert schwach die Erinnerung an so etwas wie Zivilisation, und daran hält er sich fest… so lange, bis sie sich zu ihm umdreht. Zu sehen, dass es ihr keinen Deut besser ergeht, macht das Ganze seltsamerweise ein wenig erträglicher. >Er hat Recht<, hört er sie seufzen und weiß im allerersten Moment überhaupt nicht, wovon sie redet… dann fällt es ihm ein. "Gnah." Das ist eine wenig hilfreiche Antwort, mehr eine Mischung aus einem sowohl entsetzten, als auch verlangendem und zutiefst frustriertem Ächzen - aber er findet beim besten Willen keine artikulierte Sprache, nicht gleich, nicht jetzt, nicht… hilflos sucht er im Chaos seiner Gedanken nach so etwas wie halbwegs sinnvollen Worten und reiht sie probeweise aneinander. "Ja. Ich – ja." In seiner Brust ist ein merkwürdig dumpfes Ziehen, wie von einer alten Wunde, die wieder aufgerissen war und zu bluten begonnen hatte, aber das erscheint ihm im Augenblick ebenso nebensächlich wie alles andere - außer ihr. Seine Hände bewegen sich mechanisch, reichen ihr ihr Buch, nehmen das Schwert auf, rollen Schlafpelze zusammen… Kalam weiß nicht einmal, wann er aufgestanden ist und begonnen hat, sich zu bewegen, aber als sich seine Gedanken halbwegs klären, findet er sich in einem sehr seltsamen Tanz mit ihr wieder, hin- und hergerissen zwischen Verlangen, grenzenlosem Staunen, dem Wissen um Unmöglichkeiten, dem Bemühen, sich nicht versehentlich zu nahe zu kommen und einer ungeheuren Wärme zwischen ihnen. Mit der Welt und der Realität hat sich auch das Zeitgefühl wieder in ihr Bewusstsein gestohlen, zusammen mit all den Geräuschen von draußen – Stimmen, die Befehle brüllen, dem gurgelnden Röhren der Meharas, dem Knirschen zahlloser Stiefel im Sand, dem Schreien von Eseln, Kinderlachen, Frauenrufe, Männerstimmen… Es dauert eine Weile, bis sie alles zusammen gepackt haben und ihr Herzschlag sich wieder soweit beruhigt hat, dass sie einigermaßen normal atmet. Seine Augen sind allerdings immer noch leuchtend rot und er kann rein gar nichts dagegen tun - doch als sie sich daran macht, das Zelt zu verlassen, hält er sie auf. Was er so sorgsam vermieden hat, seit sie aufgehört hatten, sich zu küssen - sie noch einmal zu berühren -, tut er jetzt doch, er kann einfach nicht anders. Sie schmiegt sich sofort in seine Arme und er hält sie einen kostbaren Moment lang fest - erstens, weil es unerträglich wäre, sie gehen zu lassen und zweitens, weil er ihr unbedingt sagen will, dass… "A mhuirnín. Ich liebe dich. Ich liebe dich." Aber er küsst nur ihre Stirn, nicht ihren Mund - nicht weil er nicht wollte, sondern weil er befürchtet, dass die Karawane sonst am Ende doch noch ganz und gar ohne sie weiterziehen würde. Dann dreht er sie entschlossen um und schiebt sie sanft vor sich her aus dem Zelt.

Es ist immer noch warm, obwohl die Sonne bereits fast versunken ist. "Geh," raunt er leise, doch sie rührt sich nur zögernd von der Stelle und allein auf den zehn Schritt zur heruntergebrannten Feuerstelle, hinter der Olyvar und Rayyan gerade die Meharas satteln, dreht sie sich dreimal zu ihm um, während er sie genauso wenig aus den Augen lässt - und irgendwie mit Hilfe des Narrenkönigs nebenbei sein Zelt abbaut, die Stoffbahnen zusammenrollt und die Stangen bündelt. Selbst wenn sie wollten, sie können niemandem irgendetwas vormachen – doch wenn er ehrlich ist, will er das auch gar nicht. "Wie schlimm genau", wendet er sich an den schweigsamen Blaumantel, "wäre es für unsere Tarnung, wenn aus der tugendhaften Lady Mélisande eine weniger tugendhafte Lady wird, die mit einem ihrer Leibwächter durchgebrannt ist?" Der Narrenkönig sieht ihn mit einer Mischung aus Zufriedenheit, Belustigung und Nachdenklichkeit an, dann zuckt er mit den Schultern und die tätowierten Tränen auf seinen Wangen verschwinden fast in den Falten um seine Augen, als sein Gesicht sich zu einem Grinsen verzieht. "Frag Olyvar", krächzt er heiser und verstaut das zusammengerollte Zelt mit sicheren, knappen Bewegungen auf dem Lastmehara, das geduldig neben ihnen im Sand kauert. Dann murmelt er etwas von 'verdammter Magier' und 'dreißig Silber', das Kalam nicht versteht und nicht verstehen muss, und stapft davon. Der Sithechjünger bringt ihr Lasttier auf die Beine und führt es zu den anderen hinüber, doch als er am Feuer wieder auf Karamaneh trifft, die dort noch etwas isst und ihm einen Schlauch Blut reicht, als ihre Finger seine streifen, selbst wenn es in aller Unschuld und vollkommen unbeabsichtigt geschieht, weiß er, dass er sie unmöglich auf ihr eigenes Mehara steigen lassen kann, wo sie mehr als einen Schritt von ihm entfernt und damit praktisch unerreichbar weit fort wäre.


*John Mark Green
I do very bad things, and I do them very well

Olyvar

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39

Thursday, April 21st 2016, 10:53pm

Deus ex machina
(Ausdruck) sprichwörtlich-dramaturgische Bezeichnung für jede durch plötzlich eintretende Ereignisse, Personen oder außenstehende Mächte bewirkte Lösung eines Konflikts

We're all just walking each other home

2. Taumond 517, abends


Olyvar glaubt seinen Augen nicht zu trauen, als die beiden aus dem Zelt ins sanfte Abendlicht der Wüste treten. Obwohl die Zeit allmählich drängt, trödeln sie im Zelteingang herum, als wollten sie es eigentlich überhaupt nicht verlassen - wann immer Karamaneh einen halbherzigen Schritt fort von Kalam macht, scheint der gleiche Schwung sie postwendend wieder zu ihm zurückzutragen, geschweige denn, dass der Sithechjünger sie auch nur eine Armlänge von sich fortlassen will, und das alles tun sie anscheinend vollkommen unbewusst… Olyvar stößt ein halb entsetztes, halb mitfühlendes Schnauben aus und tauscht einen leicht verzweifelten Blick mit dem Narrenkönig. Wie sollen sie das irgendjemandem weiter als ihre bisherige Scharade verkaufen? Im Gegensatz zu Kalam, der irgendwann doch zurückbleibt, um sein Zelt zu verstauen und das namenlose Mehara zu beladen, das ihr Gepäck trägt - Karamaneh nennt es Haalim, Träumer, und das ist es zweifellos auch -, kann er das Gesicht der Malankari sehen, die so ruckartig wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden auf das Feuer zugeht - und er erschrickt gelinde gesagt ein wenig. Ihre Miene ist eine faszinierende Studie, hin und her gerissen zwischen erschrockener Blässe, sorgenvoller Alarmiertheit und einem inneren Leuchten, das in unregelmäßigen Abständen aus den Wolken der Bestürzung hervorbricht. Olyvar hat keine Ahnung, wie eine Frau gleichzeitig so verstört und so frisch geküsst aussehen kann, aber sie schafft es - und das so gründlich, dass er sich tatsächlich dabei ertappt, nach verräterischen Bissspuren und Blut an ihr Ausschau zu halten. Er sieht keine, allen Göttern sei Dank. Sie sieht unversehrt aus… und, wenn das denn möglich ist, alles andere als unversehrt zugleich. Und sie glüht. Kalams Augen tun das sowieso - und als sie sich umdreht und den Sithechjünger ansieht, noch immer blass, aber wie unter Zwang, knistert die Luft zwischen den beiden derart, dass es ihn nicht im Mindesten gewundert hätte, wenn in ihrem Lager ein Blitz eingeschlagen wäre. Olyvar mustert mit hochgezogenen Brauen erst Karamaneh, dann Kalam, dann wieder Karamaneh und fragt sich ernsthaft, wie sie irgendjemandem, der Augen im Kopf hat, vormachen sollen, dass sie immer noch die gut behütete Lady Mélisande und er nichts als einer ihrer Leibwächter ist. "A Siarla bheannaichte…" murmelt er bestürzt und belustigt zugleich und Rayyans Ellenbogen bohrt sich unmissverständlich zwischen seine Rippen. "Aye. Ich seh's… " Er wirft einen letzten Blick auf Kalam, dann geht er zu Karamaneh ans Feuer. Ihre Wangen schimmern rosig und ihre Augen glänzen, als hüteten sie ein wunderbares Geheimnis, das nur ihr gehört.

Bei seinem plötzlichen Auftauchen neben ihr sieht sie ihn zwar verblüfft an, aber auch geradewegs durch ihn hindurch, und sie lächelt so nichtssagend, als er ihr die Reste des Essens reicht, als wäre er ein vollkommen Fremder für sie. Götter im Himmel… "Karamaneh…", setzt er besorgt an und hätte ihr am liebsten geraten, sich hinzusetzen, den Kopf zwischen die Knie zu stecken und zu atmen. Sie sieht jedenfalls aus, als könne ihr das gerade nur gut tun. "Was ist…" fährt er fort, bricht aber gleich wieder ab. Er muss nicht fragen, was passiert ist, er kann "Kalam" so deutlich in ihren Augen lesen, als trage sie ein Schild auf der Brust. "Geht es Euch gut?" Es gelingt ihr irgendwie gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln, doch sie isst ohne ein Wort der Erklärung, den Blick noch immer derart nach innen gerichtet, dass er sich nicht sicher ist, ob sie überhaupt eines seiner Worte wirklich verstanden hat. Dann greift sie nach dem Schlauch mit Blut, das er Amsah, Haalim und Rayyans furchtbar gutmütigem Mehara vorhin abgezapft hatte. Kalam kümmert sich normalerweise selbst darum, aber der Vampir war ja nicht wie sonst während der Abenddämmerung im Lager aufgetaucht. Sie nimmt ihn an sich, und noch während er sich fragt, was sie zum Dunklen eigentlich damit will, reicht sie ihn schon an Kalam weiter, der wie aus dem Nichts hinter ihnen auftaucht. Olyvar hat den Sithechjünger nicht kommen hören und er ist sich ziemlich sicher, sie auch nicht - trotzdem weiß sie, dass er da ist. "Hör endlich auf, dich immer so anzuschleichen", zischt er, doch Kalam sieht nur die Malankari an und die Intensität, mit der die beiden sich einander zuwenden, lässt Olyvar schicksalsergeben den Kopf schütteln. Dann erscheint ein unleugbar besorgter Ausdruck auf dem Gesicht des Vampirs. >A mhuirnín, was…< hört er ihn fragen und ertappt seinerseits sich bei der verblüfften Frage, wann das denn geschehen war, dann trifft ihn selbst ein blutroter Blick und zwar einer, der ihn sich in etwa so wohl fühlen lässt wie den heiligen Danyal in der sprichwörtlichen Löwengrube. "Oh nein, sieh mich nicht so an, ich habe ihr überhaupt nichts getan. Ich wollte gerade dich…" in diesem Moment geschehen zwei Dinge nahezu gleichzeitig. Erstens ertönt das Hornsignal zum Aufbruch und zweitens wendet Karamaneh sich ab und eilt zu ihrer Meharastute, als habe ihr jemand einen unausgesprochenen Befehl erteilt – sie sieht Kalam dabei allerdings derart sehnsüchtig an, dass es selbst Olyvar einen leisen Stich versetzt. "Kalam, sag mir, dass du nicht von ihr getrunken hast." Die Ausschließlichkeit, mit der der Sithechjünger sich auf Karamaneh konzentriert, verursacht Olyvar tatsächlich fast ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Doch der Vampir sieht ihn beinahe beleidigt an und knurrt etwas von "natürlich nicht."
"Tja, was immer du angestellt hast oder nicht angestellt hast, ich glaube, sie reitet besser mit dir auf deinem Mehara", hört Olyvar sich sagen und nickt in Richtung der wartenden Kamele. "Sie sieht nicht aus, als sollte sie jetzt allein im Sattel sitzen. Ich nehme Amsah am Führstrick." Das muss Kalam niemand zweimal sagen, und während der Vampir sich um Karamaneh kümmert, sieht er sich nach dem Narrenkönig und dem Magier um, die jedoch bereits ihre Meharas antreten lassen. Staub wirbelt auf, als sich viele Dutzend Tiere auf der Straße in die altbekannte Marschordnung einreihen, und keine Viertelstunde später setzen sie ihren Weg nach Süden fort und die Sonne versinkt endgültig hinter dem westlichen Horizont.
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Kalam

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40

Friday, April 22nd 2016, 4:04pm

Because the night
…belongs to lovers

In der Nacht vom 2. zum 3. Taumond 517, auf der Shakh Richtung Sen'afe

The smell of her hair, the taste of her mouth, the feeling of her skin seemed to have got inside him, or into the air all around him. She had become a physical necessity. (George Orwell)


In der Wüste verändert der Sand je nach Tageszeit und Sonnenlicht seine Farben – von schimmernden Gold- und Ockertönen bis hin zu tiefstem Dunkelrot. Doch mit jedem Sonnenuntergang entsteht ein atemberaubendes Licht- und Schattenspiel auf den Dünen, ein flammendes Inferno aus glühendem Kupfer, Anthrazit, leuchtendem Purpur und tiefstem Indigo, bis die Dunkelheit sich so plötzlich herabsenkt, dass man jedes Mal aufs Neue davon überrascht wird, ganz gleich, wie oft man es erlebt. 'Wer die Wüste nicht kennt und ihren Atem nie gespürt hat,' hatte Rayyan ihm irgendwann zu Beginn ihrer Reise auf der Shakh ein altes, azurianisches Sprichwort zitiert, und die Augen des Magiers, für gewöhnlich kühl und immer ein wenig spöttisch, hatten dabei eigenartig warm geleuchtet, 'wird ein Leben lang erfüllt sein von Sehnsucht.' In solchen Momenten wie diesen, versteht Kalam gut, was damit gemeint ist. Die erbarmungslose Sonne mag hier sein ständiger Feind und eine dauernd präsente Bedrohung für ihn sein, aber die erhabene Weite und Leere dieser Landschaft und ihre unglaubliche Schönheit, die sich immer wieder vollkommen unvermutet offenbart, lassen auch ihn alles andere als kalt. Karamaneh sitzt vor ihm im Sattel, noch immer schweigsam und in Gedanken versunken, aber fest und warm in seinen Armen, und hat Dokhas Zügel übernommen. Sein übellauniges Mehara, das sonst bei jeder Gelegenheit mit dem Kopf hin und her schlägt, die schiefen Zähne fletscht und Flocken schaumiger Wut verschleudert, ist bei ihr natürlich lammfromm und so sanftmütig wie ein anschmiegsames Kätzchen, seit sie ihn mit einem leisen 'Nimschu' hatte aufstehen lassen. Kalam kann ihm das nicht einmal verdenken, ihm geht es da ähnlich. Er ist vielleicht nicht gerade lammfromm und er wäre schon ein sehr, sehr großes Kätzchen, aber grundsätzlich… Er hat die Malankari und sich selbst zum Schutz vor der Kälte in seinen Umhang gehüllt, nur ihre weichen Lederstiefel lugen unter dem Saum hervor und ruhen sanft auf Dokhas Hals.

Sie schmiegt sich an ihn, aber auf seine leise Frage, ob - und wenn ja, was - sie so erschreckt hat, hat sie bisher nur den Kopf geschüttelt und er drängt sie nicht. Kalam weiß, dass es nicht an ihm liegt, das hofft er jedenfalls, nicht an ihm an sich. Sie war eindeutig erleichtert gewesen, als er sie daran gehindert hatte, auf ihr eigenes Mehara zu steigen und sie stattdessen zu seinem gebracht und ihr gesagt hatte, sie würde mit ihm reiten, und auch jetzt lehnt sie sich vertrauensvoll an ihn. Also glaubt er zumindest nicht, dass sie etwas beschäftigt, dass er möglicherweise getan hat… oder nicht getan hat. Angesichts der Tatsache, was unmittelbar vor ihrem seltsamen Verhalten geschehen war und was er ihr gesagt hatte, liegt der Gedanke zwar nahe, aber das ist es ganz gewiss nicht, das weiß er genau. Nein, es liegt sicherlich nicht an ihm und sie gehört auch bestimmt nicht zu den Frauen, die eine Diskussion mit einem 'Nichts' beginnen und mit einem 'Schön' beenden. Also lässt er ihr die Zeit, die sie zu brauchen scheint, ihre Gedanken zu sammeln und hofft darauf, dass sie ihm sagen wird, was in ihr vorgeht, wenn sie bereit dafür ist – und er bleibt geduldig, auch wenn es ihn umtreibt, nicht zu wissen, was sie gerade denkt. Karamaneh ist hier, bei ihm, seine Arme halten sie, ihr Rücken lehnt an seiner Brust. Sie riecht immer noch hauptsächlich verwirrt, doch er kann sie atmen spüren, er kann ihr Herz hören, fühlt ihre Wärme, die sein eigener Körper annimmt und ihr zurückgibt. Er weiß wirklich nicht, wie er es hätte ertragen sollen, sie neben sich auf ihrem eigenen Mehara reiten zu sehen, so nahe, dass er nur die Hand hätte auszustrecken brauchen und doch viel zu weit entfernt – noch dazu, wenn irgendetwas sie so durcheinander gebracht hat. Dieses blinde Bedürfnis, sie so nahe wie irgend möglich bei sich zu haben, ist selbst für ihn verwirrend, sogar erschreckend in seinem Zwang, aber er kann rein gar nichts dagegen tun und dank seiner Selbstironie reizt es ihn gleichzeitig sogar fast ein wenig zum Lachen.

Die Stille der Nacht – für eine Karawane dieser Größe machen sie erstaunlich wenig Lärm, was vor allem daran liegt, dass die Meharas sich so lautlos bewegen – senkt sich über ihren langen Zug von Menschen und Tieren herab, nur unterbrochen vom zarten Klingeln und Klirren der Geschirre, vom Knarren der Sättel oder leisen Stimmen, die der sachte Wind heranträgt. Ab und an reiten einer oder zwei der Karawanenwächter im schnellen Galopp vorüber, doch die Männer reden nicht miteinander und es herrscht nur allgemeine Vorsicht und Wachsamkeit… vielleicht ein wenig mehr, als üblich, fällt ihm auf, aber Heinonen hatte sie schon in K'billinin gewarnt, dass immer wieder räuberische Nomaden in dieser Gegend umherziehen und versucht wohl, auf der Hut zu sein. Die Nacht ist jedenfalls bisher, abgesehen vom an und abschwellenden Jaulen der Schakale in einiger Entfernung, vollkommen ruhig und er kann rein gar nichts im kühlen Nachtwind wittern außer Meharas, Pferde, Menschen und Sand, Sand und noch mehr Sand. Bald gibt es nichts mehr, nur noch sie selbst und den tiefschwarzen Himmel mit seinen tausenden und abertausenden leuchtender Sterne - so weit entfernt und so unermesslich hoch über ihnen, und doch durch die Klarheit der Luft und die endlose Leere um sie her seltsamerweise so nah erscheinend, als bräuchte man nur die Hand ausstrecken, um sie zu berühren. Er lehnt sich ein wenig zurück und sieht hinauf, kann sich nicht sattsehen an der unirdischen Schönheit dort oben. Direkt über ihnen breitet sich das Sternbild des Drachen aus, daneben Krone, Schmied und Bär – sogar der sonst nur schwer zu erkennende, düstern schimmernde Purpurfluss mit seinen fast violett erscheinenden Sternen ist deutlich im milchigen Sternnebelmeer zu erkennen und der vielfarbige Wirbel im Hexer erscheint ebenfalls heller als andernorts. Plötzlich erscheint ein leuchtend silberner Funken inmitten der stillen Sterne, rast über das Firmament und verglüht wieder in der Nacht. Dann folgt ein zweiter, ein dritter und vierter. Auch andere bemerken, was geschieht und erstauntes Raunen schwebt wispernd über der ganzen Karawane in die Nachtluft. Kalam neigt den Kopf und bringt seinen Mund dicht an ihr Ohr, so nahe, dass er ihre Haut fast berührt, als er flüstert. "Sieh nach oben." Dann werden es mehr und mehr - und plötzlich reiten sie unter einem ganzen Schauer lautlos aufflammender Lichter am Nachthimmel dahin, die sich über ihnen in der Schwärze entzünden, hell aufleuchten und wieder verblassen… als würden die Sterne vom Himmel fallen.
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

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Saturday, April 23rd 2016, 2:09pm

Mein Mond, meine Sterne
Make a wish

He calls me beautiful one.
(Song of Songs)

At the beginning there was nothing but love and stardust.
(atticus)

We have calcium in our bones, iron in our veins, carbon in our souls, and nitrogen in our brains. 93 percent stardust, with souls made of flames, we are all just stars that have people names.
(Nikita Gill)

{Nacht vom 2. zum 3. Taumond 517; Shakh Richtung Sen'afe}


Schweigend starrt Karamaneh in das immer schwärzer und kälter werdende Dunkel der Nacht. Mittlerweile hat sich das Durcheinander in ihrem Inneren etwas beruhigt. Geschickt lenkt sie Dokha hinter beziehungsweise neben den übrigen Meharas her und lauscht den wenigen Geräuschen der Nacht: dem Schnauben der Kamele, den leiser und leiser werdenden Stimmen der übrigen Menschen, dem kläglichen Heulen der Schakale und dem sachten Rauschen des Windes in den langen Blättern der dürren Palmen, die dann und wann ihren Weg säumen. Vollkommen von ihren eigenen Gedanken in Anspruch genommen hat sie keinen Blick für die karge Schönheit der sie umgebenden Wüstenlandschaft oder den atemberaubenden Anblick des sternenklaren Nachthimmels über sich übrig. Nicht einmal die Rufe der Schakale locken sie, obwohl ihre letzte Verwandlung nun schon unendlich lange her zu sein scheint. Doch plötzlich ist es viel verheißungsvoller Mensch zu bleiben, als in die Gestalt des Tieres zu schlüpfen. Vor Kalam hatte die Malankari mehr und mehr Angst gehabt sich irgendwann in einer ihrer Wandelgestalten zu verlieren, dem Menschsein einfach für immer zu entfliehen. Die Sorge um Zaleh hatte sie bisher stets zurückgehalten, aber erst Kalam war es gelungen das beängstigende Sehnen in ihrer Brust gänzlich zum Verstummen zu bringen und durch ein anderes, stärkeres zu ersetzen―allein dadurch dass es ihn gibt. Dass er sie liebt.

Karamaneh seufzt leise, als ihre Gedanken weiterwandern. Es ist erstaunlich wie schnell einen die eigene Vergangenheit manchmal einholen kann. Als lauere sie stets nur eine Armlänge entfernt in den Schatten und warte auf eine Gelegenheit blitzschnell hinaus ins Licht zuspringen. Mo mhuirnín. Zwei Worte, mehr hat es in ihrem Fall nicht gebraucht. Zwei Worte waren genug gewesen, um die Geister der Vergangenheit zu rufen. Nachdenklich schmiegt sie sich an Kalams breite Brust, atmet seinen unverkennbaren Geruch von Blut und Erde und Dunkelheit ein, der schwer in dem wärmenden Mantel haftet, welchen er schützenden um sie beide geschlungen hat, und fragt sich zum hundertausendsten Mal was für eine unheimliche, dunkle Macht es wohl ist, die sie zusammengeführt hat. Vor diesem Abend hätte sie vielleicht noch an die Wege des Zufalls glauben können. Jetzt allerdings will ihr dies einfach nicht mehr gelingen, obwohl es immer noch möglich wäre, reiner Zufall―allen Hexen und Turbanschnepfen samt ihrer kryptischen Prophezeiungen zum Trotz.

“Hm?“, murmelt Karamaneh leicht verwirrt, als Kalam sie ganz unerwartet leise flüsternd auffordert den Blick zum Himmel hinauf zu richten. Die Malankari verspürt ein leichtes Prickeln im Nacken als seine Stimme so dicht an ihrem Ohr erklingt, dass sein Atem ihre Haut streifen täte, wenn er noch Atmen müsste. Wortlos folgt sie seiner Aufforderung und schaut zum Sternenhimmel empor. Das Schauspiel welches sich ihr dort bietet lässt sie in andächtigem Staunen zurück und ihr einsamer Seufzer der Verzückung reiht sich nahtlos in das sachte Raunen und fast schon ehrfürchtige Wispern ein, welches nach und nach die ganze Karawane erfasst. “Wünsch dir was...“, flüstert Karamaneh entzückt, den Kopf leicht an Kalams Schulter gelehnt, um besser in die Höhe schauen zu können. Von welchem Stern mögen wir gefallen sein, dass wir uns hier treffen?*, wundert sie sich insgeheim, während sie das zauberhafte Spektakel fasziniert beobachtet. Und alles andere ist Rost und Sternenstaub...**

“Warum 'mo mhuirnín'? Nicht 'a chroí' oder 'a rún', 'a rúnsearc' oder etwas anderes...? Warum 'mo mhuirnín'?“, fragt sie Kalam ganz unvermittelt, den Blick unverwandt zum nächtlichen Himmel emporgewandt. “Warum?“, echot er und leise Verwunderung schwingt in seiner Stimme mit. “Nun... weil es das erste ist, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an dich denke. Als du mir deine Geschichte erzählt hast, auf dem Dach des Tighremts in K'billinin, da wusste ich es endgültig, denke ich. Dass ich dich liebe―und der Name für dich war einfach da, in mir, in meinen Gedanken. In meinem Herzen. Du bist nicht... 'a rún' für mich, kein Geheimnis. 'Mo cridhe'? Ganz sicher, aber viel zu schwach... mein Herz schlägt ja nicht, aye? Genau genommen ist es ein ziemlich unnützes, versteinertes Ding irgendwo in meiner Brust, wie könnte ich dich da so nennen? Und du bist auch nicht 'a rúnsearc', wie eine heimliche Liebschaft, von der niemand wissen darf. Nein... für mich bist du 'mo mhuirnín'...“ Ein Himmel voller Sterne und er starrt nur sie an,*** während Karamaneh nachwievor verträumt in die Höhe schaut. Schweigend überdenkt die Malankari seine Antwort und der Vampir vergräbt sein Gesicht an ihrem Nacken. Seine Barthaare kratzen kitzelnd an ihrem Hals und für einen süßen kostbaren Augenblick schließt die Malankari genießerisch die Augen, bevor sie sie wieder aufschlägt. Mein Mond, meine Sterne, denkt sie verzückt, während sie in den sternenklaren Nachthimmel starrt. Ein undefinierbares Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht.

“Zaleh und Karamaneh“, antwortet sie plötzlich scheinbar völlig zusammenhanglos auf Kalams Worte und wirkt dabei irgendwie leicht der Welt entrückt, “sind azurianische Namen.“ Eine schlichte Feststellung, mehr nicht. Einen Moment lang schweigt Karamaneh wieder, geradeso als versuche sie sich angestrengt an längst vergangenes zu entsinnen. “Ich weiß nicht mehr genau wer sie uns gegeben hat...“, fährt sie schließlich leise wispernd fort. “Eine Sklavenaufseherin in Naggothyr, glaube ich. Irgendjemand der es wie all die anderen irgendwann leid war sich am ungewohnten Klang unserer Namen die Zunge zu stoßen...“ Endlich wendet die junge Frau den nachdenklichen Blick vom Nachthimmel ab, dreht den Oberkörper leicht, sodass sie Kalam besser sehen kann und schaut ihn aus unergründlich tiefen Augen an. “Niemand hat mich seither je wieder bei meinem Namen genannt, nicht einmal Zaleh. Sie war damals viel zu klein um sich heute noch erinnern zu können. Wie kannst du ihn also wissen? Du nennst mich 'mo mhuirnín', als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, aber...“ Karamaneh runzelt in grenzenloser Verwunderung die Stirn. “In jener Nacht in K'billinin... ich habe dir nie erzählt, dass... ich Muirnín heiße... hieß..., früher...“

______________
*Nietzsche
**Nabokov
***atticus
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♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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Sunday, April 24th 2016, 8:38pm

Gazing Stars

In der Nacht vom 2. zum 3. Taumond 517, auf der Shakh Richtung Sen'afe

…and he could never make out, if she was gazing at the stars or the stars were gazing at her. (Mohammed Abrar Ahmed)

Do you think the universe fights for souls to be together?
Some things are too strange and strong to be coincidences. (Emery Allen)


>Wünsch dir was…< Sie legt den Kopf an seine Schulter und sieht wie verzaubert hinauf in den Nachthimmel, wo das lautlose Feuerwerk über sie hinwegzieht - doch er beobachtet nur ihr Gesicht, wie sich jede Sternschnuppe in ihren Augen spiegelt, als entflammen und verglühten silberne Funken in ihrem Blick - manchmal ist sie so schön, dass es fast weh tut, sie anzusehen. Wünsch dir etwas… Kalam versucht, den Gedanken sofort wieder zu vergessen, doch es will ihm nicht gelingen. "Lieber nicht, a mhuirnín", erwidert er leise und hält sie unwillkürlich noch ein wenig fester. "Ich würde mir nur unmögliches wünschen. Selbst wenn alle Sterne Rohas vom Himmel fielen, würden sie nicht ausreichen, um das zu erfüllen…" er hatte es gleichmütig sagen wollen, doch das misslingt gründlich - es klingt eher melancholisch. >Dann wünsche ich dir etwas<, entgegnet Karamaneh leise und drückt sanft seine Hand. >Ein fallender Stern ist schon genug.< Einen Herzschlag lang schließt sie die Augen und Kalam holt tief und vernehmlich Luft, durch und durch menschlich, einfach weil er den Duft ihrer Haut atmen will - und ihm geht mit einem leisen Lächeln auf, dass er in ihrer unmittelbaren Nähe fast immer atmet. Ihre unvermittelte Frage nach dem Kosenamen und den Gründen für ausgerechnet diesen trifft ihn allerdings vollkommen unvorbereitet - und genauso ehrlich und unvermittelt ist seine Antwort. Noch während er versucht, ihr zu erklären, warum es ausgerechnet dieser und kein anderer ist, wird ihm selbst klar, dass es in jener Nacht in K'billinin überhaupt keine bewusste Entscheidung war. Es ist, wie er gesagt hat: für ihn ist sie mo mhuirnín, es ist sein Name für sie… nur in ihrer Sprache. Sie schweigt eine Weile, scheint über seine Worte nachzusinnen und Kalam senkt den Kopf und fährt mit der Nase über ihr Schlüsselbein, an ihrem Hals entlang bis zu ihrem kleinen, eleganten Ohr, und füllt seine Lungen mit diesem ganz und gar unglaublichen, so haarsträubend köstlichen Geruch. Sein Mund verharrt einen Herzschlag lang an ihrer Kehle, dort wo das Blut dicht unter ihrer Haut in den Adern pocht. Hier ist Leben, pulsierendes Leben und seine Fangzähne sind keinen Sekhelrin davon entfernt - doch sie lehnt sich nur in absolutem Vertrauen an ihn und schließt mit einem genießerischen leisen Schnurrlaut die Augen - und als sie sie wieder aufschlägt, mit diesem seltsamen kleinen Lächeln auf ihrem Gesicht, kann sie das sanfte Grollen des fast lautlosen Gelächters in seiner Brust spüren. "Hol mich der Dunkle, das gefällt dir tatsächlich… du hast überall Gänsehaut."

>Zaleh und Karamaneh sind azurianische Namen<, fährt sie nach einer Weile fort. Ihr Kopf liegt immer noch an seiner Schulter, ihr Gesicht fast neben seinem. >Ich weiß nicht mehr genau wer sie uns gegeben hat. Eine Sklavenaufseherin in Naggothyr, glaube ich. Irgendjemand, der es wie all die anderen irgendwann leid war sich am ungewohnten Klang unserer Namen die Zunge zu stoßen...< Kalam nickt sacht – sie ist eine Malankari und er kann nicht gerade behaupten, dass er sonderlich viel über dieses friedliche kleine Volk wüsste, das vom Rest Rohas meist vergessen irgendwo an den östlichen Küsten der Immerlande lebt…. aber Karamaneh und Zaleh klingen eindeutig südländisch. Sie bewegt sich in seinen Armen, aber nur, um sich zu ihm umzudrehen, so dass sie ihm ins Gesicht sehen kann und in ihren Augen liegt etwas, das er beim besten Willen nicht definieren kann - eine Art übernatürliche Ruhe vielleicht. >Niemand hat mich seither je wieder bei meinem Namen genannt, nicht einmal Zaleh. Sie war damals viel zu klein um sich heute noch erinnern zu können. Wie kannst du ihn also wissen? Du nennst mich 'mo mhuirnín', als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, aber... in jener Nacht in K'billinin... ich habe dir nie erzählt, dass ... ich Muirnín heiße... hieß..., früher...< Er braucht einen Moment, bis er die ganze Tragweiter ihrer Worte erfasst hat und in seinen Gedanken raunt eine heisere Altweiberstimme: 'Du bist deinem Schicksal schon begegnet, du warst verflucht von dem Moment an, als du es getroffen hast.' "Dein Name… ist… war… Muirnín?" Echot er leise und klingt mindestens so verwundert wie sie selbst. Es ist dasselbe Wort, auch wenn man es, je nach Sinn und Verwendung, ein wenig anders aussprechen mag... und es hat ganz sicher dieselbe Bedeutung: Geliebte – geliebtes Kind, geliebte Frau. Dann fällt ihm etwas ein. "Das war es, was dich bei unserem Aufbruch so verstört hat, nicht wahr? Weil es dein eigentlicher Name ist und ich dich einfach so genannt habe. Ich wusste es nicht, Kara…" er bricht ab. Wie hätte er es wissen sollen? Und doch… war nicht ihr Name einfach in seinem Inneren aufgetaucht, als wäre er schon immer dort gewesen? Als hätte er ihn in Wahrheit schon immer gekannt? Er hatte nicht einen Herzschlag lang überlegen oder nachdenken müssen, es war ihm einfach in den Sinn gekommen und es hatte sich absolut richtig angefühlt. Das tut es immer noch. "Wie möchtest du genannt werden?" Sie ist nicht mehr Muirnín – und doch ist sie es immer noch. Sie ist eigentlich nicht Karamaneh – und dennoch ist sie es, sie ist es geworden… und beides gehört zu ihr. "Es wird mir schwerfallen, es nicht zu tun, aber wenn du nicht willst, dass ich dich so nenne, wenn es dir wehtut, den Namen zu hören, dann werde ich es lassen. Du wirst nur nicht aufhören, es für mich zu sein. Du wirst es immer sein. Vielleicht", fährt er fort und spürt einen leisen Schauer über seinen Rücken rinnen, "bist du es schon immer gewesen."

Kalam schweigt einen Moment und erinnert sich an den Tag, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, an Deck der Seehure im nebligen Morgenlicht. "Glaubst du an das Schicksal? An so etwas wie Vorsehung?" Das Kauderwelsch der Schattenhexen kommt ihm in den Sinn, ebenso wie das wirre Gefasel der alten Seherin auf dem Gauklermarkt von Caer Torrelobar und er will ihr sagen, dass er an Bestimmungen und Schicksal glaubt, aber auch an freien Willen und dass er überzeugt ist, dass… aber in diesem Augenblick dreht der leichte Nordwind für einen Augenblick und trägt ihm sacht einen Geruch zu, der ihm bitter in der Nase brennt – den Gestank nach ungewaschenen Körpern und einer Art kollektivem, nervösen Hunger irgendwo in der Nähe. "Sturmverdammt", murmelt er und atmet tief und prüfend die kalte Nachtluft ein, doch da ist nichts mehr – es war zu flüchtig und der Wind kommt wieder von Norden. Zu ihrer linken liegen lichte Palmenhaine und dahinter, vielleicht dreißig Schritt entfernt, das undurchdringliche Grün des Bar el-Atbár-Ufers. Rechts von ihnen jedoch erheben sich hohe Sanddünen keine zehn Schritt jenseits der Markierungen an der Straße. Die Schakale jaulen wieder – wenn es denn Schakale sind. Irgendetwas klingt daran anders, aber er könnte nicht den Finger darauf legen, was es ist. Irgendwo hinter ihnen röhren unruhig ein paar Lastkamele. Zwei Karawanenwächter preschen auf ihrem Weg zu Heinonen an der Spitze an ihnen vorüber, doch sie blicken stur geradeaus und sie wirken zwar beunruhigt, aber das tun sie schon die halbe Nacht. Trotzdem… sein Körper strafft sich und er legt Karamaneh warnend eine Hand in den Nacken. "Schließ zu Olyvar auf, aye? Ich glaube, irgendjemand ist in der Nähe." Während sie Dokha antreibt, beugt er sich zur anderen Seite, als würde er dem Magier, der etwa eineinhalb Schritt neben ihnen her reitet, etwas erzählen wollen, und pfeift leise in der Dunkelheit. "Was ist?" flüstert Rayyan und Kalam legt warnend den Finger an den Mund und deutet unauffällig in Richtung der Dünen. "Ich glaube, wir sind nicht allein."
"Räuber?" Flüstert der Magier zurück. "Oder Beduinen?"
"Keine Ahnung. Sag es dem Narrenkönig und halt die Augen offen." Kalam späht in die Nacht hinaus und kann nichts wahrnehmen, das Anlass zur Besorgnis gäbe, aber er spürt die Spannung in der Luft, die sich, ausgehend von ihnen, allmählich von Mann zu Mann überträgt. Karamaneh lenkt Dokha neben Olyvars Mehara und er warnt ihn ebenso wie den Magier.
I do very bad things, and I do them very well

Olyvar

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Monday, April 25th 2016, 2:21pm

Wüstenräuber

I miss being a kid. My only responsibilities were running around and playing pranks – besides sword fighting, riding and wearing chainmail for training all day long, of course. But someone else was in charge. Yeah… of my hair, too.

'I don't like this?'
Don't say that. That's right up there with 'What could possibly go wrong?' (Dragon Age Inquisition)

In der Nacht vom 2. zum 3. Taumond 517, auf der Shakh Richtung Sen'afe


"Bist du sicher?"
"Ja. Ich glaube nicht, dass es nur ein paar harmlose Beduinen sind. Sie... rochen irgendwie ungut. Ich kann es nicht besser erklären, Olyvar, aber es gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht."
"Es gefällt dir nicht? Großartig, das ist genau das, was ich jetzt hören wollte", erwidert er trocken, weil er ganz genau weiß, dass die Sinne des Vampirs viel besser sind, als seine. "Ifrinn! Wie viele hast du gerochen?" Keiner von ihnen trägt seine Rüstung, denn sie sind erst am kommenden Tag wieder mit ihrer Wache an der Reihe, aber immerhin hat jeder von ihnen seine Waffen griffbereit. "Kann ich nicht genau sagen", erwidert der Vampir. "Mehrere." Sein Blick schweift über die Dünen zu ihrer Rechten und die kurze Distanz zu dem dschungelartigen Rand der Flussoase zu ihrer Linken, und er muss Kalam Recht geben – das Gelände eignet sich leider ganz hervorragend für einen Hinterhalt. Abgesehen davon wäre er bescheuert, würde er eine Warnung Kalams nicht ernst nehmen. Wie viele sind mehrere? Ein Dutzend? Dreißig? Mehr? Olyvar überlegt, mustert die Straße vor ihnen soweit er sie sehen kann, richtet sich dann im Sattel auf und blickt hinter sich. Siebzig Reisegruppen bilden einen verdammt langen Zug und ganz am Ende gehen außerdem die Lastkamele, die Heinonens Waren und die Versorgungsgüter und Zelte ihres Führers und seiner Männer schleppen, etwa drei Dutzend Tiere. Ihre eigene Position ist annähernd in der Mitte der ganzen Karawane, vor ihnen ist der nebrînorer Pferdezüchter, hinter ihnen sind die azurianischen Händler, hinter denen wiederum die Familie eines Kupferschmiedes mit fünf Kindern und einem Säugling, nach ihnen ein einsamer Lyrpriester im Rang eines Predigers, und hinter diesem wiederum eine bis an die Zähne bewaffnete Abteilung grimmiger, blurraenter Juwelenhändler, die eine große Hilfe gegen sämtliche Räuber wären, wenn sie sich nur überwinden könnten, anstatt ihrer eisenbeschlagenen Truhen lieber die Menschen der Karawane zu verteidigen. Ein Blick zu Rayyan offenbart ihm, dass der Magier bereits Bescheid weiß und sich vorbereitet, und auch der Narrenkönig ist gewarnt. "Arbeitet euch ihr beide ans Ende vor und warnt die hinter uns, ich reite vor zu Heinonen. Seine Wächter sind die ganze Nacht schon so unruhig, vielleicht weiß er ja ohnehin Bescheid, aber wenn nicht…" Er schüttelt sacht den Kopf. "Siehst du die große Düne dort, etwa hundert Schritt voraus? Wenn es Räuber sind und wenn sie uns überfallen, dann gehe ich jede Wette ein, sie versuchen es dort. Genau an der Stelle reicht auch die Oase weiter an die Shakh heran. Sie bräuchten nur Bogenschützen dort unter den Bäumen postieren und hätten uns… verdammt. Kalam, halt dich bereit, aye? Es kann sein, dass du ein paar Lastkamele in Panik versetzen musst." Er muss dem Vampir nicht erklären, wozu - Bogenschützen sind nur so lange im Vorteil, bis irgendjemand ihren Standort erkennt und sie niederreitet. Sie haben ja vielleicht keine Reiterei, aber über dreißig Lastkamele in voller Fahrt sind mit Sicherheit genauso effektiv. Der Vampir nickt, dann springt er aus dem Sattel und Karamaneh tut es ihm gleich und lässt sich aus der luftigen Höhe von Dokhas Sattel einfach in seine Arme fallen… zu Fuß sind sie allemal schneller als auf dem Mehara und erregen weniger Aufmerksamkeit für spähende Augen hinter irgendwelchen Dünenkämmen. Es kommt ständig vor, dass Reiter absteigen und eine Weile neben ihren Tieren hergehen oder sie am Führstrick nehmen, um sich selbst die Beine zu vertreten, das ist also nichts Ungewöhnliches. Es kommt auch hin und wieder vor, dass jemand aus der Marschordnung ausschert, um zu Heinonen an der Spitze zu reiten – meistens um sich über dies oder jenes zu beschweren. Arnaudin Pontac tut das beinahe täglich, Olyvar hofft also, die kleine Unruhe würde bei niemandem, der sie möglicherweise beobachtet größeres Misstrauen erregen. Kalam schnappt sich Amsahs Führstrick, bindet Karamanehs Meharastute an Dokhas Sattel fest und drückt seinen Zügel dem Narrenkönig in die ausgestreckte Hand, dann verschwindet er mit der Malankari neben sich im Gewühl der Karawane hinter ihnen, um die anderen Reisenden zu warnen und den Wächtern Bescheid zu geben. Er selbst schert aus, lässt sein eigenes Mehara, ein etwas derbes, aber schnelles und zuverlässiges Tier namens Khataraan in einen zügigen Passgang fallen und beeilt sich, an die Spitze der Karawane zu gelangen.

Der Karawanenführer ist alles andere als begeistert, von seiner Warnung zu hören und flucht etwas höchst Unschmeichelhaftes auf Pakkakieli vor sich hin, aber er tut seine Worte nicht ab und nimmt sie ernst. Gleichzeitig schafft er es irgendwie, langsamer zu werden und damit die ganze Karawane hinter sich ebenfalls zu bremsen, ohne dass sie wirklich zum Stillstand kommt. Er schindet Zeit. Olyvar erfährt, dass er schon in Sorge ist, weil einer der Späher, die er bei Mitternacht ausgesandt hatte, bisher nicht zurückgekehrt war, obwohl der Mann längst hätte Meldung machen müssen und unterdrückt mit Mühe einen ungehaltenen Fluch. Vorwürfe würden ihnen jetzt erst Recht nicht weiterhelfen. "Wir sind im Stammesgebiet der Zebulon", erklärt Heinonen leise. "Ich dachte, wir wären schon sicher. Morgen hätten wir die Geheime Oase passiert, dahinter liegen die Grenzgebiete des Suth. Es gibt mehrere Stämme in diesen Gegenden, die den Zebulon von Sen'afe zwar tributpflichtig sind, aber einige von ihnen sind nichts anderes als Diebe und Wegelagerer, die hauptsächlich davon leben, Reisende auf der Shakh zu überfallen. Die Baqqâra, die Jen'rhalb oder die Dscheheïne etwa, aber normalerweise treiben die sich nördlich von hier herum, näher an K'billinin. So lange es nicht Al' Ibaba wal arba'een harami, der verfluchte Vater des Säbels und seine Männer sind, werden wir schon mit ihnen fertig."
"Was wollt Ihr tun? Das Tempo anziehen, fliehen und die Engstelle dort vorn möglichst rasch passieren, dabei aber Gefahr laufen, von Bogenschützen ins Visier genommen zu werden und hoffen, mögliche Verfolger abzuhängen? Die Straße verlassen, am Rand der Oase Schutz suchen und die Räuber aus dem Konzept bringen? Oder alle zusammentreiben, die Frauen und Kinder in die Mitte nehmen, die Wagen, Karren und Lastkamele zu einem Ring zusammenballen und es darauf ankommen lassen?" Wirklich entkommen könnten sie einer größeren Schar nicht – hier gibt es keine Deckung außer der Oase am Fluss und nur die Götter allein wissen, welche Gefahren dort drin vielleicht lauern. Sie wissen allerdings genauso wenig, wie viele Räuber ihnen vielleicht auflauern – gemessen an der Größe ihrer Karawane und der Anzahl ihrer eigenen Wächter schätzt Olyvar allerdings, dass es viele sein müssen, wenn sie ihnen einen Hinterhalt legen und es auf all ihre Waren und vielleicht auch auf Menschen abgesehen haben. Ein paar wenige Räuber wären anders vorgegangen und hätten vielleicht eher versucht, sich anzuschleichen, während sie rasteten und ruhten und dann ein paar Kamele zu stehlen. Heinonen mustert ihn so scharf wie er es schon am ersten Tag in Caer Torrelobar getan hatte, dann nickt er langsam, als wäge er in Gedanken etwas ab. "Wer immer Ihr seid, Ihr seid kein einfacher Mann des Schwertes. Was würdet Ihr raten?"
Olyvar hat keine Zeit, auf irgendwelche Tarnungen zu pochen, nicht wenn ihrer aller Leben auf dem Spiel steht. "Treibt alle zusammen, führt sie sofort dort unter die Palmen, bevor wir die Engstelle passieren. Sammelt alle Frauen und Kinder in die Mitte, dann lasst alle Karren, Fuhrwerke und Wagen, die Ihr habt, einen Kreis um sie bilden, so geschlossen wie möglich. Haltet die Lastkamele dicht zusammen und ein wenig abseits. Alle Bogenschützen, Armbruster und jeder, der eine Fernwaffe führen kann, soll sich bereithalten, stellt einen kleinen Trupp Schützen in jeder Himmelsrichtung auf einen der Wagen. Eure Männer sind beritten und ich nehme an, sie können gut mit ihren Lanzen umgehen. Stellt sie in Hufeisenformation auf und wartet, bis die Räuber angreifen. Wenn sie von den Dünen herabkommen, nehmt sie in die Zange."
In Heinonens Blick ist immer noch etwas lauerndes, als er erwidert: "Sie werden Bogenschützen zu unserer Linken am Rand der Oase postiert haben – wenn wir es so machen, wie Ihr sagt, hätten wir sie im Rücken. Diese Beduinen sind verflucht gute Schützen, sie würden meine Männer einen nach dem andere aus dem Sattel schießen."
"Die Bogenschützen lasst meine Sorge sein… ihr werdet vielleicht ein oder zwei Lastkamele verlieren, aber ich weiß, wie wir sie ausschalten können."
Die Aussicht, einen Teil seiner kostbaren Tiere und Waren einzubüßen, gefällt dem Immerfroster überhaupt nicht, das kann Olyvar deutlich sehen, aber dann nickt Heinonen doch. Olyvars Plan mag seine Schwachstellen haben, vor allem angesichts der Tatsache, dass sie keine Ahnung haben, wie viele Angreifer tatsächlich auf der Lauer liegen oder auch nicht, aber ihm fällt auf die Schnelle beim besten Willen keine andere Möglichkeit ein. Sie können absolut nichts dagegen tun, angegriffen zu werden, wenn dort draußen in der Nacht Wüstenräuber auf der Lauer liegen, das einzige, das sie tun können, ist sich so gut wie möglich dagegen zu wappnen. Wäre das Gelände ein anderes, hätte er möglicherweise sogar vorgeschlagen, sie ihrerseits zuerst anzugreifen, doch er weiß aus eigener Erfahrung wie es ist, Sanddünen dieser Höhe wie jene, die sich vor ihnen westlich der Shakh auftürmen, zu erklimmen – für jeden Schritt, den man vorwärts tut, sinkt man zwei zurück, sie kämen niemals rechtzeitig oder unbemerkt hinauf, und sie zu umgehen, fehlt ihnen schlicht die Zeit. Angreifer, die vom Kamm der Dünen herunterkämen hingegen hätten den Vorteil der Schwerkraft ganz und gar auf ihrer Seite und sie haben lebenslange Erfahrung darin, sich auf rutschigen Sandhängen zu bewegen. Nein, eine Faust zu ballen und sich zu verteidigen ist der beste Weg.

Ihr Vorhaben wäre besser aufgegangen, wäre Kalams Warnung ein wenig früher gekommen. Hätte Heinonen das Fehlen seines Spähers ernster genommen und gleich darauf reagiert, anstatt zu warten und das Beste zu hoffen. Hätten sie mehr Zeit gehabt, sich zu formieren oder wären die Räuber, die ihnen auflauerten, schlechter bewaffnet oder weniger kaltblütig gewesen, wäre der Überfall glimpflicher für sie ausgegangen, hätten sie weniger Verletzte und vielleicht keine Verluste zu beklagen gehabt. Hätte, wäre, würde, wenn… Es sind nicht der Vater des Säbels und seine vierzig Geächteten, aber es sind viele. Sie sind gut bewaffnet. Sie sind erfahren, sie sind auf Blut und Beute aus, und sie warten nicht brav darauf, dass sich ihre Opfer zu einer Verteidigung formieren. Was dann folgt, ist Chaos.


Andernorts in der Karawane:

Arnaudin Pontac, seines Zeichens Züchter edler Feuerblutpferde aus den Nebrinôrthares, ein kleiner, ein wenig untersetzter Mann besten Alters auf der Suche nach wertvollen Tieren für seine Zucht zuhause und neuerdings auch auf Brautschau, braucht ein Weilchen, bevor er von der Unruhe um sich her tatsächlich etwas mitbekommt, denn er ist schwer verstimmt. Tagelang, genaugenommen schon seit Caer Torrelobar, hatte er auf Mittel und Wege gesonnen, der wunderschönen herzländischen Kaufmannstochter, die hinter ihm in Heinonens Karawane reist, seine Aufwartung zu machen. Ein oder zweimal hatte er einen Vorstoß gewagt, hatte sich freundlich und – wie er meint – von seiner besten Seite gezeigt, mit ihren Leibwächtern geplaudert, seinen besten Branntwein mit ihnen geteilt, es an keiner Freundlichkeit fehlen lassen und jede Gelegenheit, und das waren, die Götter wissen es, wenige genug, genutzt, um der hübschen jungen Frau, ein wenig näher zu kommen. Erst am gestrigen Tag hatte er endlich einmal die Möglichkeit gesehen, allein mit ihr zu plaudern, denn sie war ein wenig abseits ihres Lagers unter den Palmen gesessen – neuerdings, genau genommen seit K'billinin, bekam er sie tagsüber gar nicht mehr zu Gesicht, ständig war sie in einem der Zelte verschwunden (und er hat genau gesehen, in welchem). Sie verstohlen zu beobachten war sein liebster Zeitvertreib auf dieser elenden Reise, denn sie ist wirklich ausgesprochen hübsch mit ihrem braunen Haar und den hellen Augen. Auch ihr Wuchs ist schön, soweit er das unter den Reisegewändern, die sie trägt, beurteilen kann und er hat ein Auge für gutes Zuchtmaterial. Arnaudin gibt sich keinen falschen Illusionen hin – er weiß, er bietet nicht den beeindruckendsten Anblick mit seiner geringen Größe, seinem gemütlichen Gesicht und seinen rundlichen Formen. Er ist auch gewiss kein furchtloser Streiter mit blankem Stahl, seine Waffen sind Worte, Münzen und Geschäfte. Aber er hat reine Haut und feine weiße Hände (er ist nicht der allerbeste Reiter, aber er sitzt forsch im Sattel und selbstverständlich trägt er stets weiche Lederhandschuhe dabei), und hält sich selbst für einen grundsätzlich freundlichen Mann. Außerdem ist er wohlhabend, besitzt einen guten, alten Namen und eine Menge eigenes Land - und dort, wo er herkommt, zählen diese Dinge weit mehr als Stattlichkeit. Ihre Leibwächter sind ja eher grobe, harte Männer des Schwertes, ungeschliffen, derb und schweigsam, mit Händen wie Schmiede, voller Schwielen und Narben - einer ist geradezu barbarisch. Selbst der Magier, den sie bei sich haben, ist ein sehniger Riese und seine Zunge so scharf wie einer seiner Krummdolche, das hat er bereits feststellen können. Wie man ein so zartes, scheues Wesen wie Lady Mélisande nur mit solchen Kerlen auf eine solche Reise schicken kann, entzieht sich völlig seinem Verständnis. Sie haben überhaupt keinen Sinn für die feinen, schönen Dinge des Lebens und ihr Vater muss ein ganz furchtbarer Mensch sein – vielleicht wäre sie ja froh und erleichtert, von ihm fortzukommen. Er, Arnaudin Pontac, sähe sich jedenfalls liebend gern als strahlender Retter aus einem vermeintlich unglücklichen Leben, wenn sie ihn in Erwägung ziehen könnte. Es wird ohnehin Zeit, sich eine Frau zu nehmen und ein paar Kinder in die Welt zu setzen.

Wie auch immer, als er sie gestern endlich allein angetroffen hatte, hatte es ihn allen Mut gekostet, sie anzusprechen, denn sie ist einfach so schön - doch er war überhaupt nicht dazu gekommen, sich ihr irgendwie zu erklären, prompt war das lange, dürre Elend mit den schrecklichen Tätowierungen im Gesicht aufgetaucht und hatte ihn unter eisernem Schweigen fortgescheucht. Alle Proteste hatten nichts genützt, der Kerl hätte glatt sein Schwert gezogen und ihm damit gedroht, wäre er nicht so klug gewesen, doch lieber zu gehen. Und die Lady war auf der Stelle, das hatte er beobachtet, wieder im Zelt des wilden, dunkelhaarigen Mannes mit den seltsamen Augen verschwunden. Arnaudin kann es nicht beschwören und er sieht ihn ja allen Göttern sei Dank nie wirklich aus der Nähe, aber manchmal erscheinen sie ihm fast rot, nicht von diesem eigenartigen hellen braun, das so schon enervierend genug ist, erinnert es ihn doch frappierend an die Augen des Löwen, dessen Bild er einmal in einem Buch gesehen hatte. Der Mann ist seltsam, soviel steht fest – und dann, was hatte er sehen müssen, hatte der Kerl sie einfach auf sein Mehara gehoben und dort reitet sie nun schon die ganze Nacht mit ihm. Im schwachen Licht der Sterne und im Altlicht der abnehmenden Monde hatte er eigentlich gar nichts Genaues erkennen können, aber was er gesehen hatte, war für seinen Geschmack schon genug gewesen. Deswegen ist er verstimmt. Anstatt den Mistkerl auf der Stelle zu feuern und davonzujagen, scheint sich keiner ihrer anderen Leibwächter daran zu stören, dass der Mann sich so ungehörig benimmt, im Gegenteil. Arnaudin nimmt sich fest vor, den begonnenen Brief an ihren Herren Vater in Orsán, wo immer es liegen mag, gleich morgen zu Ende zu schreiben und ihm ein paar Takte darüber zu erzählen, was seine Tochter auf dieser Reise so tut. Vielleicht würde er immer noch erwähnen, dass er außerdem geneigt wäre, um sie zu werben, falls sie unberührt sei, ihre Mitgift dem entspräche, was ihr Auftreten annehmen ließe und es nicht bereits anderweitigen Versprechungen diesbezüglich für sie gäbe. Vielleicht würde er es aber auch lassen. Sich gleich an ihren Vater zu wenden und ihre seltsamen Wächter dann notfalls mit einem Schreiben ihres Herren in den Händen in die Schranken zu verweisen, während er die holde Maid derweil in Sicherheit führen würde, hatte er für eine ausgezeichneten Einfall gehalten. Doch dann war sie zu diesem… diesem Bastard auf das Mehara gestiegen und hatte ihm die ganze Nacht schöne Augen gemacht. Daher ist Arnaudin außerdem so tief in beleidigte Gedanken und selbstgerechtes Vor-sich-hin-brüten versunken, dass er zuerst gar nicht merkt, was vor sich geht. Erst verschwindet der finstere Kerl mit Lady Mélisande zu Fuß – was immer das bedeuten soll –, dann reitet der andere nach vorn, und zurück bleiben hinter ihm nur der Magier und der Hagere, den sie den Narrenkönig nennen. Inzwischen rührt und regt es sich überall um ihn herum verstohlen, während sie langsam weiterziehen. Männer vergewissern sich, dass ihre Waffen griffbereit sind oder nehmen sie gleich zur Hand, Frauen und Kinder werden unauffällig in die Mitte genommen oder von ihren Reittieren auf Karren und Wagen gebracht. Er kann praktisch überall flüchtig das schwache Sternenlicht auf blankem Stahl schimmern sehen. Karawanenwächter preschen vorüber, erst einer, dann zwei, dann mehrere. Eines seiner eigenen Pferde wiehert nervös und tänzelt zur Seite, und plötzlich findet er sich inmitten eines rückwärtsgerichteten Schwungs wieder, als alle Reiter und Reisenden vor ihm ohne jede Vorwarnung herumschwenken und einen Bogen mitten unter die Palmen zur Linken der Straße schlagen. "He, was geht denn da…" setzt er lautstark an, denn ein Mann seines Ranges hat ja wohl das Recht, sich über derart unerhörtes Verhalten zu beschweren, doch sein kleiner Dolmetscher zwitschert aufgeregt auf ihn ein, vor lauter Hast nur leider in der falschen Sprache. "Rede gefälligst so, dass man dich versteht!" Schnauzt er, denn in seiner Welt erstreckt Freundlichkeit sich selbstverständlich nicht auf Dienstboten. "Was ist denn zum Kuckuck!? Warum…"

"Folgt ihnen einfach, Mann, Ihr haltet den ganzen Zug auf!" Zischt es hinter ihm und er blinzelt nervös in das konzentrierte Gesicht des Magiers, turmhoch auf seinem Mehara, dessen Hände einen seltsamen Tanz zu vollführen scheinen und um den herum Sand in sachten, kreisenden Schlieren wirbelt, als forme er… eine Rüstung? Einen Schild?
"Werden wir etwa angegriffen?" Will Arnaudin wissen und klingt zu seiner eigenen Überraschung mehr erstaunt, als erschrocken.
"Blitzmerker", schnarrt der andere Leibwächter Lady Mélisandes, der mit den Tätowierungen, mit einer unheimlichen, heiseren Stimme und zieht sein Schwert, eine schlichte, elegante Klinge, nicht so mörderisch und düster, wie die wuchtigen Waffen der beiden anderen, die verschwunden sind. Dann regnet es auf einmal Pfeile von Osten, und von Westen her strömen berittene Angreifer über den Dünenkamm, wild aussehende Männer, die gespenstisch heulen. Arnaudin verspürt das dringende Bedürfnis zu pinkeln, reißt sein Pferd herum und flieht den anderen hinterher in Richtung des lichten Palmenhains, wo sich die ersten Fuhrwerke und Kamele gerade zu einem vagen Kreis formen, in dessen Mitte eigentlich nur Frauen und Kinder gehören. Dort springt er aus dem Sattel, verstaucht sich ungeschickterweise den Knöchel und zwängt sich unter leisen Schmerzlauten hastig unter einen Eselskarren, unter den er gerade eben so passt. Mit rasendem Herzen tastet er nach seinem Munddolch – er hat absolut keine Ahnung, was er damit im Fall eines Falles anstellen soll, aber er fühlt sich ein wenig stärker, weil er ihn hat und fragt sich geistesabwesend, warum eigentlich seine Beinkleider nass sind. Hatte er etwa...? Beschämt, aber nicht beschämt genug, um irgendetwas sinnvolles zu ihrer Verteidigung beizutragen, und doch meilenweit davon entfernt, sich selbst als Feigling zu sehen, bleibt er wo er ist und beruhigt sich mit dem Gedanken, dass er wenigstens weiß, dass er das richtige Ende seines Messers gefasst hat. Im nun folgenden Kampf geht es dermaßen drunter und drüber, dass er zunächst überhaupt keinen Überblick hat – der lichte Palmenhain ist von einem Moment auf den anderen voller schreiender, kämpfender Männer, die hin und her reiten oder zu Fuß rennen oder sich unter götterlästerlichen Verwünschungen auf dem Boden wälzen. Und das direkt vor seiner Nase, wo er doch mit seinem empfindlichen Magen kein Blut sehen kann. Er sieht Karawanenwächter, die mit säbelrasselnden Räubern kämpfen; er sieht Männer – und Frauen – mit Holzknüppeln oder allen möglichen anderen, als Waffen zweckentfremdeten Gegenständen (war das eben eine Bratpfanne?!), um ihr Leben kämpfen; er sieht, wie elende Halsabschneider Säcke, Kisten und andere Waren scheinbar wahllos von vorbeitrottenden Meharas zerren und mit ihnen davoneilen; er sieht den Magier hier und dort und dann wieder ganz woanders auftauchen und verschwinden; er sieht wie Sandwolken sich erheben und sirrend unter die herabzischenden Pfeile fahren oder sich zu kleinen Dünen erheben, die hier und dort wie Pilze aus dem Boden schießen und Lücken in ihrer Verteidigung schließen oder andere öffnen; er hört schreiende Kinder und röhrende Kamele, und immer wieder regnet es Pfeile, bis plötzlich eine große Masse wild kreischender Tiere hinter der sich noch immer formierenden Wagenburg vorbeiprescht und von irgendetwas - sein erster und für eine ganze Weile auch letzter Gedanke ist tatsächlich: Das ist nicht fair, nicht auch noch Löwen! - mitten unter die Bogenschützen ihrer Angreifer gejagt wird. Er fragt sich noch, was es wohl sein wird - Zähne, Krallen oder doch ein Säbel, dann trifft ihn etwas Schweres und ziemlich Hartes am Hinterkopf, und seine Welt wird gnädigerweise für den Rest des Kampfes mit den Wüstenräubern schwarz und still.
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Karamaneh

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44

Tuesday, April 26th 2016, 5:17pm

Carpe Noctem

Nutze die Nacht

She was powerful,
not because she wasn't scared
but because she went on so strongly,
despite the fear.
(atticus)

{Nacht vom 2. zum 3. Taumond 517; Shakh Richtung Sen'afe}


Ohne irgendwelche Fragen zu stellen folgt Karamaneh Kalam in seinen Umhang gehüllt durch den Wüstensand. Auf ihrem Weg dorthin, zu den Lastkamelen am Ende der Karawane, warnen sie ihre Mitreisenden so unauffällig wie möglich und bitten alle ruhig zu bleiben. Die jeweiligen Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus, doch die meisten bemühen sich tatsächlich einen kühlen Kopf zu bewahren. Als die beiden ihr Ziel schließlich erreichen hilft Karamaneh Kalam wortlos die Meharas für ihr Vorhaben vorzubereiten. Die beiden wechseln schweigende Blick. Ohne das er irgendetwas sagen muss, kann die Malankari dem Vampir ansehen, was er ihr am liebsten vorschlagen würde. 'Verwandele dich, ich trage dich in deiner Schlangengestalt sicher um meinen Hals...' Karamaneh kann ihn nur zu gut verstehen. Kalam kann sie nur solange beschützen wie sie bei ihm ist. Allerdings wäre sie selbst dann auch zu Untätigkeit verdammt, während er für sie kämpft. Schon wieder. Entschlossen schüttelt die junge Frau daher schließlich den Kopf. “Ich helfe dir“, entscheidet sie. Es ist so lange her und scheint doch erst gestern gewesen zu sein, dass sie unvermittelt in eine Situation wie diese hineingeworfen wurde, einen Überfall. Die Angst, die sie verspürt lässt sich nicht in Worte fassen. Wenn sie nichts tut, egal was, würde sie das unerträgliche Gefühl schon bald vollkommen konsumieren. “Schnell, sieh mich nicht an...“, wispert sie.

Im allgemeinen Chaos und der Dunkelheit der Nacht achtet kaum jemand auf die zwei einsamen Gestalten zwischen den Lastkamelen. Und diejenigen, die ihnen und den Tieren nahe genug sind, haben im Augenblick andere Sorgen. Während sie noch spricht hat die Malankari schon die Schließe von Kalams Umhanges geöffnet. Es bedarf nur weniger geübter Handgriffe bevor ihre Gewänder unter dem schweren Wollstoff an ihrem schlanken Leib hinabgleiten und zu ihren Füßen im grobkörnigen Wüstensand liegen bleiben. Die Verwandlung setzt bereits ein während sie noch aus ihren Sandalen schlüpft. Formen und Konturen verschwimmen, bilden fließende Übergänge und setzen sich langsam zu einem neuen Ganzen zusammen.
Kalams Umhang segelt achtlos neben Karamanehs Gewändern zu Boden als eine dunkle, anthrazitgraue Katze mit schwärzlichen Streifen an Bauch und allen vier Beinen darunter hervor in die Nacht hinausspringt. Der wuchtige Kopf des Tieres schwenkt herum und seine großen, schrägstehenden bernsteingoldenen Raubtieraugen mustern den Vampir als wollten sie sagen 'Es kann losgehen!'.

Die Woge der Euphorie und die Präzision sämtlicher so unvermittelt geschärfter Sinneswahrnehmungen, welche beide mit dem Gestaltwechsel einhergehen, sind unbeschreiblich. Es bedarf keiner großen Anstrengen die Meharas in Bewegung zu setzen, als die Raubkatze sich ihnen mit lautloser Eleganz nähert. Die weit größere Kunst besteht darin die panischen Tiere in die Richtung zu treiben in der sich die angreifenden Bogenschützen befinden.
Karamaneh erlaubt den Instinkten der Katze aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins an die Oberfläche zu steigen und zumindest teilweise die Oberhand zu übernehmen, gerade soweit wie es ihrer Sache dienlich ist.
Gemeinsam treiben die Wargin und der Vampir die Kamele voran. Wenn eines der Meharas auszuscheren versucht, schnappt die Schattenkatze leicht nach ihren Knöcheln und drängt sie zur Gruppe zurück. In einer donnernden Staubwolke treiben sie die Lasttiere an der sich noch immer formierenden Wagenburg der Karawane und einem unrühmlich eingenässten Arnaudin Pontac vorbei mitten in die Gruppe der Bogenschützen hinein. Die Wucht mit der die beiden ungleichen Gruppen kollidieren ist verheerend und das nachfolgende Chaos nicht minder entsetzlich. Die Meharas trampeln in blinder Panik alles nieder was ihnen unter die Hufe kommt. Karamaneh hört Männerstimmen schreien und Knochen knacken, riecht Blut und Schweiß und pure Angst. Die Wargin ist jedoch zu sehr in ihrem eigenen Rausch gefangen um in diesem Augenblick Mitleid oder Bedauern zu verspüren. Beides würde sie erst später mit aller Macht einholen, dann, wenn alles vorüber ist.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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Tuesday, April 26th 2016, 9:13pm

Estampida
(n). American Spanish; origin of stampede, meaning a wild headlong rush or flight of frightened animals

In der Nacht vom 2. zum 3. Taumond 517; auf Shakh Richtung Sen'afe

So march or die, march or die
The stench of death is in the sky
We never fail to satisfy
We rend with tooth and claw*


Ihr Plan – oder besser gesagt Olyvars Plan – geht auf. Die panischen Meharas trampeln auf ihrem Weg fort von dem Chaos, dem brüllenden Durcheinander und Vampir und Schattenkatze, die so unvermittelt unter sie gefahren waren, alles nieder, zwei Dutzend Bogenschützen allemal – wer nicht unter die wirbelnden Beine der Tiere kommt, rennt um sein Leben. Es ist ein Leichtes, der Handvoll versprengter Schützen, denen es noch rechtzeitig gelingt sich außer Reichweite zu bringen, hinterher zu hetzen und ihnen ein Ende zu machen… die elegante, nicht minder wilde und genauso schnelle Schattenkatze ist dabei ständig an seiner Seite. Ihre Jagd war wie ein Rausch, allen Ernstes ihrer Lage und des tobenden Kampfes zum Trotz, und Kalam fühlt sich ganz und gar lebendig: das Adrenalin rast durch seine Adern, sein Blut singt und das hungrige Raubtier in seinem Inneren, das weniger mit dem Vampir zu tun hat, der er ist, als die meisten ahnen, ist vollkommen in seinem Element. Das hier ist seine Welt, das war sie schon immer – ein Schlachtfeld, den Gegner klar vor Augen, keine Zweifel an richtig oder falsch, gut oder böse. Er kämpft nicht um Macht, Ruhm oder Beute, das hat er zur Genüge getan, als er noch ein Mensch war. Seit er ein Sithechjünger wurde, tötet er nicht mehr aus nichtigen, selbstsüchtigen Motiven oder zum Spaß, und die Ironie dieses Gedankens amüsiert und verwundert ihn selbst immer wieder. Er war ein ziemlich schlechter Mensch, aber er ist eigentlich ein ganz anständiges Monster. Und heute, hier, kämpft er aus dem einzigen tatsächlich wirklich guten Grund, den es für einen Kampf gibt: um die Menschen dieser Karawane und seine Freunde zu beschützen - ihm fallen jedenfalls eine Menge weitaus schlechtere Gründe ein, aber er würde lügen, wenn er behaupten wollte, dass es ihm nicht gefällt. Er holt den einzigen Reiter, der säbelschwingend auf sie zu prescht mit einer fast beiläufigen Bewegung aus dem Sattel, hämmert ihn zu Boden und dabei Brustbein und Rippen zu Brei, dann bricht er ihm das Genick und hält kurz inne, um sich einen Überblick zu verschaffen. Rund um die endlich halbwegs formierte Wagenburg - ein paar Karren und Handwagen sind allerdings auf ihrem waghalsigen Wendemanöver steckengeblieben und umgekippt, aber die meisten haben sich zu einem, wenn auch löchrigen, Kreis geschlossen - herrscht Chaos.

Er sieht die Karawanenwächter, die schreiend auf ihren Pferden dem Großteil der ebenfalls berittenen, angreifenden Wüstenräuber entgegenstürmen; Olyvar, der seinen Schild mitten in einer der eklatanten Lücken im Ring der Wagen aufgepflanzt hat und diese Lücke ganz allein hält wie ein unüberwindliches Bollwerk, und hinter ihm den Lyrpriester, der mit fahlem Gesicht, aber entschlossener Miene irgendwelche Zauber webt. Rayyan kann er nirgendwo entdecken, aber er sieht immer wieder dessen Magie aufblühen, mal hier, mal dort – Sand türmt sich vor den Füßen schreiender Angreifer zu plötzlichen Wällen auf oder wirbelt ihnen als zusammengeballtes Geschoss entgegen und schleudert sie schrittweit durch die Luft; der Narrenkönig, selbst verwundet, macht einen unachtsamen Feind nieder, eine wutentbrannte Frau jagt einem schreckensbleichen Stammeskrieger mit einer Bratpfanne hinterher und sieht aus, als wolle sie ihn damit geradewegs in die Neun Höllen hämmern, und Heinonen selbst führt die gut bewaffneten blurraenter Händler in ein Gefecht mit ein paar Räubern, die sich ob der unerwarteten Gegenwehr zu seinem waffenstarrenden Igel zusammengerottet haben. Wiehernde Pferde jagen reiterlos umher, röhrende Meharas trotten herrenlos durch die Gegend, Frauen und Kinder retten sich in den schützenden Wagenring. Kalam erspäht ein paar Männer, die verzweifelt versuchen, von ihrem Wagen aus eine Übermacht an Räubern abzuwehren, die vorhaben über das Fuhrwerk ins Innere des Ringes vorzudringen, und er tauscht einen Blick mit seiner fauchenden Schattenkatzenkaramaneh. Sie hat die pelzigen Ohren angelegt und die Zähne gefletscht, so elegant wie tödlich, und alles, was er denkt, ist: Das ist mein Mädchen. "Dorthin!"

Ridil fährt mit einem leisen Zischen aus der Scheide und er schwingt das Bastardschwert nach beiden Seiten, während sie ihm den Rücken freihält und Prankenhiebe nach jedem austeilt, der so unklug ist, seine ungeschützten Flanken angreifen zu wollen – Kalam hört mehr als einen angsterfüllten Schmerzensschrei und wütendes Grollen und Fauchen hinter sich, auch wenn er nicht glaubt, dass sie irgendjemanden wirklich tötet. Das muss sie auch gar nicht, denn angesichts der zornigen Schattenkatze und ihrer Krallen und Zähne in seinem Rücken, geben die meisten von ganz allein Fersengeld. Stahl klirrt kreischend auf Stahl, als sich ihm der erste Wüstenräuber wirklich zuwendet, aber der Mann rechnet mit einem Menschen als Gegner - mit menschlicher Kraft und menschlichen Reaktionen, nicht mit einem Gegenüber, das sich einfach nicht um Paraden oder Deckung schert, sondern direkt in sie hineinläuft, herumwirbelt und ihm Ridils Klinge zwei Fuß tief in den Leib treibt. Als Kalam das Schwert zurückreißt, kommen die halben Eingeweide des Mannes mit und es regnet im Umkreis von zwei Schritt Blut, Halbverdautes, Pisse und Scheiße. Ohne sich darum zu kümmern pflückt er den nächsten Mann von den Seitenwänden des Fuhrwerks als wöge der gar nichts (das tut er für ihn auch nicht), dreht sich noch während er ihn zurückzieht, und rammt ihm den Knauf seines Schwertes und seine Faust gleichermaßen unters Kinn – weder Kieferknochen noch Zähne noch Nasenbein halten diesem Schlag stand, und der Mann stirbt unter wilden Zuckungen und Krämpfen, noch bevor er auf dem Boden aufschlägt. Kalam pflügt sich unter den entsetzen Blicken der Verteidiger durch den Rest der Angreifer, bis der Wagen von ihnen gesäubert ist, vergewissert sich, dass mit Karamaneh alles in Ordnung ist und hetzt dann weiter. Sie sind am südlichen Bogen des Rings aus Wagen und Karren, irgendwo links von ihnen kämpft Olyvar, noch immer allein in seiner Lücke, doch vor dem Branritter häufen sich die Leichen, irgendwo hinter ihnen ist der Narrenkönig, mit der wütenden Bratpfannenschwingerin und zwei, drei anderen allein auf verlorenem Posten am Fuß einer Palme, also fällt die Entscheidung nicht schwer.

Kalam fährt herum und verteilt auf seinem Weg zu dem schweigsamen Blaumantel schwere Hiebe, geführt mit ganzer Kraft, schwingt Ridil mit beiden Händen in mörderischem Bogen, zertrennt Gliedmaßen und schlitzt Leiber auf, zerfetzt Muskeln, bricht Knochen, ein einziger, wirbelnder Tanz aus Stahl und Zorn und kalter Präzision, in seinem Schatten Karamaneh in ihrer Raubkatzengestalt, dicht auf seinen Fersen. In seinem linken Arm und in der Schulter stecken mehrere Pfeile, so dass er ein wenig aussieht wie ein gespicktes Nadelkissen, und ein Dolchgriff ragt aus seinem Oberschenkel. Er spürt den Schmerz, spürt, wie er seine Wut und den Rausch des Kampfes anfacht und nutzt ihn - doch er blutet nicht, weil Tote nun einmal nicht bluten. Noch zehn Schritt bis zu dem Knäuel aus Wüstenräubern, die auf den Narrenkönig und seine Mitstreiter eindringen, noch acht, sechs… eine knisternde, wirbelnde Woge aus Magie, er kann unmöglich sagen ob arkan oder klerikal, rollt praktisch vor seinen Stiefelspitzen vorbei, frisst sich durch den Boden, lässt dabei Sand und Palmenstrünke explodieren, holt ihn fast von den Füßen und trifft zehn Schritt weiter mit einem dröhnenden Krachen auf den Boden eines umgekippten Karrens, der in einer auflodernden Stichflamme und mit ohrenbetäubenden Knall in die Luft fliegt. Eine Woge aus Hitze rollt über alle in unmittelbarer Reichweite hinweg und eine Feuerwolke schraubt sich zehn Schritt hoch in den Himmel. Brennende Palmwedel, glühende Holzstücke, Fetzen verkohlter Haut, Fleisch, heißes Metall und Knochensplitter regnen herab. Kalam wird zurückgetrieben, muss fluchend Haken schlagen wie ein Hase, um nicht von irgendetwas getroffen und in Brand gesteckt zu werden, und einen weiten Bogen rennen, denn trockene Wüstengrasbüschel und mehrere Palmen in der Nähe fangen sofort Feuer und die Flammen breiten sich rasend schnell aus. Immerhin hat die Explosion, was immer dort in die Luft geflogen sein mag, auch die Räuber um den Narrenkönig auseinandergetrieben. Hinter ihm jagt ein schreiendes, reiterloses Pferd mit lichterloh brennender Mähne vorüber, so nahe, dass es ihn beinahe streift und er wirbelt herum… Karamaneh ist nicht mehr hinter ihm. Er glaubt, einen Blick auf sie zu erhaschen, irgendwo hinter brennenden Grasbüscheln und auf halbem Weg zu dem schmalen Leiterwagen des Kupferschmiedes, der mit gebrochener Vorderachse und halb eingesunken im Sand zwischen ihm, dem Narrenkönig und der Lücke in der Wagenburg, wo Olyvar noch immer kämpft, liegt wie ein dicker Käfer auf dem Rücken - dem Herrn der Knochen sei Dank, sie lebt! Ganz sicher ist er sich nicht, aber… doch, dort! Er sieht gerade noch eine zuckende dunkelgraue Schwanzspitze hinter einer hölzernen Kiste verschwinden, doch bevor er auch nur einen einzigen Schritt in ihre Richtung machen kann, ist plötzlich der Narrenkönig neben ihm, schwer atmend und taumelnd, die ganze linke Seite glänzend rot und nass vor Blut. Er kann den schwankenden Mann gerade noch auffangen, bevor er einfach vornüberkippt. "Sturmverdammt! Karamaneh!"


*Motorhead
I do very bad things, and I do them very well