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  • "Cinaed" started this thread

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Occupation: Schafzüchter

Location: Glyn-y-Defaid

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1

Wednesday, January 27th 2016, 3:06am

Wenn einer eine Reise tut

« Die geheime Kate
~ Auf ins Blaue ~
...und mitten in den Regen hinein

Anfang Silberweiß 516


Finster starrt Cináed auf den leeren Grund seines Bierkruges und versucht sich zu entsinnen, weshalb genau er diese Götter-verdammte-Reise noch einmal unternommen hat. Es dauert eine Weile bevor er sich erinnert. Stimmt ja, aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund hatte er im zurückliegenden Nebelfrost entschieden, dass es endlich an der Zeit sei die Erste Prüfung von Hand, Herz und Verstand abzulegen, um sein Mana ein für alle Mal zu festigen. (Etwas, was er nun schon mehrere Jahresläufe erfolgreich vor sich hergeschoben, und was gewiss noch bis zum kommenden Frühjahr, wenn das Wetter für längere Reisen wieder angenehmer wäre, hätte warten können, aber gut...) Wie dem auch sei, er war losgezogen. Und das immerhin nicht einmal ganz planlos. Nein, nein. All seine persönlichen Angelegenheiten hatte er wohlgeregelt zurückgelassen. Und auch die Entscheidung zur Aveyra in Bayon zu reisen, war unter den gegebenen Umständen wohlüberlegt gewesen, oder etwa nicht? Eine Schiffsreise hatte er schlichtweg abgelehnt, eine Reise allein auf dem Frostweg war mitten im Winter praktisch Selbstmord, und somit war praktisch nur noch der Weg gen Süden übrig geblieben.

Trotz des relativ milden sûrmerischen Winterwetters war das Unterfangen jedoch kein großes Vergnügen gewesen. Obwohl... Die ersten drei Tage waren eigentlich noch recht nett gewesen. Gleich kurz hinter Talyra hatte Cináed sich einer Gruppe von Händlern angeschlossen, die erfreulicherweise in die selbe Richtung—nämlich nach Brioca—unterwegs gewesen war. Die Gesellschaft der Männer war angenehm gewesen, man hatte geschwatzt und Neuigkeiten ausgetauscht und der Elb hatte interessiert zugehört. Auf diese Weise war die Zeit schnell vergangen. Die Große Südstraße ist gut befestigt und die Reisen auf ihrem harten Pflaster ging gut von statten. Doch schon am vierten Tag hatte sich das Blatt für Cináed mit einem Schlag gewendet.
Seine graue Stute war so unglücklich gestolpert, dass sich das arme Tier das Bein gebrochen hatte—man stelle sich das einmal vor. Die Händler hatten den Gutsbesitzer daraufhin zwar auf einem ihrer Karren bis Brioca mitgenommen, doch hatten sie sich diese Freundlichkeit auch gut bezahlen lassen. Und die Pferdehändler in Brioca hatten ihn praktisch ausnehmen wollen. Zwar hatte Cináed, als Schafzüchter schließlich selbst ein erfahrener Händler, die Ruhe bewahrt, doch hatte ihn dies auch einiges an wertvoller Reisezeit gekostet. Am Ende hatte sich das zwar als kleiner Glücksfall erwiesen und ihm durch puren Zufall für einen erstaunlich guten Preis einen jungen, frisch beschlagenen und gut zugerittenen, wenn auch manchmal etwas zu übermütigen Rimmer eingebracht, aber dafür hatte sich nun das Wetter gegen den elbischen Gutsbesitzer verschworren.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: von Brioca bis Dartanjan war Cináed durch alle erdenklichen Arten von Regen geritten, die man sich nur vorstellen kann. Ja, selbst von Hagel war er nicht verschont geblieben. Der wildromantischen Landschaft rund um Brioca hatte er daher nur wenig Beachtung schenken können. Stattdessen hatte er einen zweitägigen Aufenthalt in Dartanjan eigelegt, seine Vorräte ein wenig aufgefrischt und die zwei prächtigen Ranstatuen der Harfeneinfahrt der Stadt bewundert—natürlich bei strömendem Regen. Tropfnass war er weitergezogen und schließlich wie ein begossenes Koboldseidenöhrchen hier, bei Baudin Landaras, im Tropfenden Krug eingekehrt—und dort geblieben. Nun sitzt Cináed allein an einem der Tischd und grübelt. Mittlerweile ist das neue Jahr fast einen Siebentag alt, ohne es zu wissen hat er sowohl Azras und Borgils, als auch Calaits und Colevars Rückkehr nach Talyra knapp verpasst, und wünscht sich nichts sehnlicher als zurück nach Glyn-y-Defaid, während er sich vergeblich auf die bevorstehende Weiterreise am nächsten Morgen einzustimmen versucht.
Nachdenklich holt er die Bronzenadel hervor, die er kurz vor seiner Abreise aus Talyra in Brogans Kate im Wald gefunden hat. Der Haarschmuck ist wirklich hübsch. Das passende Geschenk für eine schöne Frau, denkt Cináed. Vielleicht sollte ich sie Nara geben... Der Elb verstaut die Nadel wieder sicher, wirft ein paar Münzen auf den Tisch, um sein Bier zu bezahlen und erhebt sich, um auf die Kammer zu gehen, welche er für diese Nacht im Gasthaus schon bezahlt hat. Er rückt den Stuhl schwungvoll zurecht, dreht sich um, und stößt heftig mit jemandem zusammen. Eine Frau schreit erschrocken auf. Tonscherben klirren und Bier ergießt sich in einer riesigen Lache über den Boden. Cináed stammelt eine Entschuldigung und versucht sogleich sein Bestes, um sein Missgeschick wieder gut zu machen. Hastig geht der Elb neben der schimpfenden Schankmagd in die Hocke, um ihr zu helfen die großen Tonscherben einzusammeln.

Derart abgelenkt bemerkt der Gutsbesitzer das Paar sturmgrauer Augen, welches das Spektakel aus den Schatten einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze scheinbar gleichgültig beobachtet, nicht. "Bitte entschuldigt meine Unachtsamkeit", erklärt er der Schankmagd verlegen. "Selbstverständlich komme ich für den entstandenen Schaden auf!" Als er der jungen Frau, einer hübschen jungen Herzländerin mit den Rundungen an den richtigen Stellen, entschuldigend in die Augen blickt, verschwindet der aufgekommene Ärger schlagartig aus ihrem Gesicht. Ihr Kirschmund verzieht sich zu einem Lächeln und ein freundliches Funkeln stellt sich in den braunen Rehaugen ein. "Nicht doch, min Herr", erwidert sie beschwichtigt. "Ich hätte selber besser Acht geben sollen!" So oder so ähnlich geht es noch eine Weile hin und her bis Cináed irgendwann auf einen letzten Krug Bier an der Theke endet und unversehens mitten in das angeregte Gespräch mehrerer Bauern hineingerät, die offenbar dem heimischen Herdfeuer entflohen sind. Ein Wort gibt das andere und als die Männer erfahren, dass der Elb Schafzüchter und somit quasi ein Berufsgenosse ist, muss dies selbstverständlich ersteinmal ordentlich begossen werden—über vollen Krügen lässt es sich schließlich besser fachsimpeln als über leeren.

Cináed lässt sich von der Heiterkeit der Bauern und der guten Laune im Wirtshaus mitreißen und gibt schließlich sogar eine kleine Gesichte zum Besten. Selbstverständlich eine Anekdote aus dem Leben eines Schafzüchters. "Einst lebte im Verdland ein braver Hirte, der ging hinaus zu den Weiden, um nach den Schafen zu sehen", beginnt der Elb mit einem Schmunzeln auf den Lippen und seine Zuhörer fangen ebenfalls an zu grinsen. "Es war jedoch so kalt und der Nebel hing so nass und schwer über den Wiesen", fährt er fort, "dass der Bursche Mühe hatte eine Tiere zu finden. So dauerte es eine Weile bevor er seine Herde nach langem Suchen—bis auf ein einziges Schaf—wieder beisammen hatte. Er fand das blöckende Tier schließlich in einem Torfmoor, wo es gerade dabei war elendiglich zu ersaufen. Der wackere Hirte legte seinen Mantel ab, packte das Schaf am Schwanz und zog. Er konnte es aber nicht herausbekommen, denn das Fell des Schafes hatte sich so sehr mit Wasser vollgesogen, dass es zu schwer für den Burschen war. Doch so leicht mochte der Hirte das Tier nicht aufgeben. Also legte er auch seinen Überrock ab und zog erneut, bekam das Schaf jedoch abermals nicht heraus. Da spuckte er in die Hände, dachte bei sich, Aller guten Dinge sind Drei!, und zog ein drittes Mal so fest er nur konnte..." Die Bauern schauen von ihren Bierkrügen auf und schauen Cináed gespannt an. "...und da riß er dem Schaf unter lautem Geblöcke den Schwanz ab", erklärt der Elb mit einem Lachen. "Wäre es anders gekommen, meine Geschichte wäre gewiss noch ein gutes Stück länger!"*

Johlend klatschen sich die Bauern auf die Schenkel. Lachend werfen sie Baudin ein paar Münzen auf den Thresen. "Passt auf Euch auf, Herr Cináed!", rufen sie dem Elben zu, während sie sich daran machen das Wirtshaus zu verlassen, um—hoffentlich—unbeschadet nach Hause zu schwanken. "Nehmt Euch vor allzu fröhlichen Gesellen in Acht, wenn ihr nach Nérac weiterreitet!" Gut gelaunt machen sich die Männer von dannen.
Cináed wirft Baudin einen fragenden Blick zu. "Fröhliche Gesellen?" Der Wirt nickt bestättigend. "Eine Bande von Räubern”, erklärt er, während er einen Bierkrug trocken poliert. "Nimmt mit Vorliebe Adelige und reiche Händler hier auf der Großen Südstraße aus. Vielleicht habt Ihr schon einmal von ihrem Anführer, dem Dieb von Brioca, gehört?" Der Elb schüttelt langsam den Kopf. "Nein", entgegnet er und legt Baudin ebenfalls ein paar Münzen auf die Theke, um endlich hinauf auf seine Kammer gehen zu können. "Aber bei mir gibt es ohnehin nicht viel zu holen..." Müde erhebt der Gutsbesitzer sich und verlässt den Schankraum. Als er dabei an dem kleinen Einzeltisch in der Nische unweit der Treppe vorbeikommt, an dem vorhin noch die schweigsame Kapuzengestalt geseßen hat, ist dieser leer...


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*Frei erzählt nach "Der Schwanz", einem Märchen aus Schottland.
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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Wednesday, January 27th 2016, 5:09pm

~ Die Elster ~
Von Pechvögeln und fröhlicheren Gesellen

Zu Beginn der zweiten Silberweißwoche 516

Magpie, Magpie riding through the glen
Magpie, Magpie, with her band of men
Feared by the bad, loved by the good
Magpie, Magpie, Magpie*


Dunstiger Morgennebel hüllt die Große Südstraße ein, als Cináed in aller Frühe vom Tropfenden Krug aus in Richtung Morayfurt und der Feste Ràses weiterreitet. Wie so oft in der letzten Zeit hat er die Straße—gerade zu dieser frühen Stunde—vollkommen für sich allein. An manchen Tagen hat in dies zu weilen etwas gestört, an diesem Morgen jedoch genießt der Shida'ya, dem der Kopf noch leicht von dem einen oder anderen Krug zuvielen Bieres einwenig dröhnt, die Stille, die ihn umgibt. Auch die Kälte ist ihm willkommen, denn sie ist irgendwie erfrischend und aufmunternd zugleich. Die Sonne geht langsam im Osten auf, blitzt aber nur dann und wann hinter dicken Regenwolken hervor. Feiner Nieselregen setzt ein und vertreibt allmählich den Nebel. Triest und einsam darliegende Wiesen, Felder, Ackerland und im im Frühjahr gewiss wundervoll blühende Obsthaine schälen sich nach und nach aus den Dunstschwaden. Und immer wieder auch das eine oder andere Zypressenwäldchen.

Vor eben solch einem besagten Zypressenwäldchen wird es auf einmal munter auf der bisher so einsam und still dargelegenen Südstaße. Schon aus einiger Entfernung kann Cináed erspähen, dass ein Stück weiter voraus irgendetwas nicht stimmt. Ein umgestürzter Baumstamm—oder auch mehrere—liegen quer über der Handelsstraße und blockieren den Weg. Der Gutsbesitzer zieht verwundert eine Augenbraue in die Höhe, den die letzten Tage waren zwar überaus regnerisch, aber keineswegs übermäßig stürmisch zu nennen.
Wachsam lässt er seinen Rimmer etwas langsamer traben und tastet ganz unwillkürlich nach dem Knauf seines Schwertes, welches, ebenso wie Bogentasche und Bogen, hinten seitlich am Sattel befestigt ist. Der Gutsbesitzer ist ein passabler Schwertkäpfer und ausgezeichneter Bogenschütze, etwas, was jedem der alleine unterwegs ist, gut ansteht. Seine jüngsten Kampferfahrungen beschränken sind aber im Wesentlichen auf die Verteidigung seiner Ländereien zur Zeit der der Nargenüberfälle im Jahr 503 d5Z, den Dämonenangriff im Jahr 505 d5Z, und auf den Schutz seiner Herden, hauptsächlich gegen Wolfsangriffe und Füchse, die es auf das liebe Federvieh abgesehen haben. Gerade bei nimmt der Elb auch gerne einfach die die Schleuder zur Hand, auf deren Handhabung er sich meisterlich versteht, da dies letztlich die Waffe ist, die er alltags für gewöhnlich am häufigsten gebraucht.

Langsam reitet Cináed weiter. Vor der Blockade aus Baumstämmen kann er mehrere Gestalten und ihre Pferde erkennen. Ein Mann ist offenbar gerade dabei eine Frau gegen zwei Angreifer zu verteidigen. Straßenräuber. Ein Hinterhalt also. Ohne lange zu überlegen, kommt Cinaéd den Bedrängten zu Hilfe und bringt die Frau hinter seinem Rücken in Sicherheit, während ihr Begleiter, offenkundig im Schwertkampf geübter als der in dieser Hinsicht etwas eingerostete Shida'ya, die beiden Angreifer in die Flucht schlägt. Oder so scheint es wenigstens.
Den mit einem Mal kommt das Scharmutzel auf einen Schlag zum Erliegen. Die Räuber trollen sich. Die unbekannte Frau, die eben noch scheinbar ängstlich an Cináeds Arm gehangen hat, läuft flink wie ein Reh zu ihrem Pferd und schwingt sich mit einem glockenhellen Lachen in den Sattel, während ihr Gefährte es ihr gleich tut. Der Mann hebt die Hand zum Gruß, und verabschiedet sich mit einem spöttischen "Gehabt Euch wohl!". Schon im nächsten Moment lässt er sein Pferd querfeldein hinter jenem der Frau herpreschen, dabei ein fröhliches Spottlied pfeifend.

Hereingelegt!, stellt Cináed vor Überraschung noch vollkommen betäubt fest, während er den zwei entschwindenen Reitern, zu denen sich nun noch weitere Gestalten gesellen, nachblickt. Hereingelegt wie einen grünen Jungen! Der Gutsbesitzer kann es immer noch nicht ganz fassen. Nach und nach wird er sich vieler kleiner Ungereimtheiten bewusst, die er zuvor ignoriert bzw. nicht wahrgenommen hat. Aber wofür der Aufwand?, fragt er sich. Viel zu holen gibt es bei ihm schließlich nicht—oder etwa doch? Cináed überlegt, kann sich aber beim besten Willen keinen rechten Reim auf die ganze Sache machen, so sehr er sich auch bemüht. Seinem Rimmer ist keiner der fröhlichen Gesellen nahe gekommen, das, da ist sich der Elb Dank des zuweilen etwas aufbrausenden Temperaments des Tieres sicher, hätte er bemerkt. Und weitere Reisesicherheiten sind in die Säume seines Mantels eingenäht. Die meisten seiner Wertsachen befinden sich also glücklicherweise noch dort wo sie sein sollen.
Cináeds Hand fährt unter den Mantel und sucht tatstend nach der Geldkatze an einem Gürtelriemen. Verschwunden! Mit einem Schlag erinnert sich der Gutsbesitzer an die scheinbar ängstliche Berührung einer behandschuhten Hand auf seinem regennassen Mantelarm. Er könnte sich ohrfeigen. Dann fällt ihm noch etwas ein. Hastig sucht er nach der Bronzenadel aus Bograns Kate—auch sie ist verschwunden!

Der Elb kann es nicht fassen. Die Diebin, denn das ist die unbekannte Frau zweifelsohne, hat ganz genau gewusst was sie will. Und zwar von Anfang an, so wie es scheint. Dafür kann es, so stellt der Shida'ya nach einem Moment des Überlegens fest, eigentlich nur eine naheliegende Erklärung geben: sie muss den Vorfall mit der Schankmagd im Tropfenden Krug, der sich am vergangenen Abend ereignet hat, beobachtet haben.
Sogleich versucht Cináed sich alle Gesichter in Erinnerung zu rufen, die er am Vorabend im Schankraum gesehen hat, gibt den Versuch aber recht bald wieder auf. Er kann sich ja nicht einmal mehr richtig an die Gesichter der vier Räuber entsinnen, die ihn soeben hereingelegt haben. Alles ging so schnell, dass er kaum Zeit hatte sich ihren Anblick wirklich einzuprägen oder gar auf markante Details zu achten. Der Schwertkämpfer war vermutlich ein Ildorer—mittelhoher Wuchs, schlanke, kräftige Gestalt, mittelmlodes Haar und schlichte, dunkle, den Witterungsbedingungen angepasste Bekleidung. Was die Frau angeht, so wird sich der Shida'ya bewusst, hat er von ihr noch viel weniger gesehen. Wenn man es genau nimmt, eigentlich nur einen dem Wetter entsprechenden langen, dunklen Reiterumhang inklusive weiter Kapuze, unter welcher sich ihre weibliche Form mehr erahnen als wirklich erkennen hatte lassen, und ein Paar sturmgrauer Augen.

Wütend, hauptsächlich auf sich selbst und seine eigene Dummheit, schwingt Cináed sich wieder in den Sattel, um seine Reise in Richtung Nérac nach fortzusetzen. Es bringt schließlich nichts über vergossene Milch zu trauern, und er ist schließlich selber mit Schuld an dem Vorfall. Hätte er die Nadel am Vorabend nicht so unbedacht im Wirtshaus hervorgeholt, womöglich hätten die Fröhlichen Gesellen ihn unbeschadet vorüberziehen lassen. Cadian, sagt er sich, zur Zeit bist du wahrhaftig ein echter Pechvogel. Der Gedanke entlockt dem Elben ganz ungewollt ein winziges Schmunzeln und er schüttelt sich mit einem lauten befreienden Lachen den Regen aus dem feuchten Haar, bevor er sich die Kapuze seines Mantels, die ihm während des Schamutzels in den Nacken gerutscht ist, wieder über den Kopf zieht. Ja, wenn Cináed es recht bedenkt, hätte alles weitaus schlimmer kommen können. Der Verlust seiner Geldkatze ist ärgerlich, doch zu verschmerzen. Und auch der Diebstahl der Bronzenadel ist zwar bedauerlich, aber im Grunde nicht weiter tragisch, denn sie ist ihm schließlich selbst nur durch Zufall in die Hände gefallen. Alles in allem hat die ganze Geschichte für den Elben somit in seinen Augen einen recht glimpflichen Ausgang genommen. Dass dies eigentlich erst ihr Anfang ist, ahnt er jetzt noch nicht.


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*Briocische Version von Robin Hood
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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3

Friday, January 29th 2016, 3:36am

~ Es regnet, es regnet, es regnet seinen Lauf ~
Und wenn's genug geregnet hat, dann hört's auch wieder auf!

Silberweiß 516

After the rain
You can look to the sky again
The clouds will give way
To the light of the sun

After the rain
You know that you've made it through
And you'll finally see the joy from the pain
After the rain*


Cináed zieht weiter und der Vorfall mit den Fröhlichen Gesellen gerät schnell in Vergessenheit—zumindest fürs Erste. Der Gutsbesitzer nähert sich unaufhaltsam Morayfurt, lässt Äcker und Wiesen hinter sich, um einen kurzen Halt in der Stadt einzulegen, überquert anschließend die Morava und passiert die Feste Ràses. Abermals führt ihn die Große Südstraße durch weitläufiges Kulturland, doch wo in Brioca Äcker und Wiesen sowie Zypressenhaine vorherrschten, dominieren nun Blumenfelder, ganze Wälder aus Obstbäumen, Orangenhaine und immer wieder einzelne Olivenbäume, die wie einsame Wächter den Wegesrand säumen, das Bild der Landschaft. Im Frühjahr, Sommer und Herbst mag hier ein farbenfroher Anblick herrschen, der sowohl das Auge wie das Herz erfreut, doch nun verwäscht Regen die leuchten Farben, überzieht sie mit trübem Grau, welches alles irgendwie stumpf und trostlos erscheinen lässt.

Während sein Rimmer platschend durch riesige Pfützen trabt, fragt Cináed sich einmal mehr nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal, ob er jemals wieder richtig trocken werden wird. Ein Wunder das mir noch keine Schwimmhäute gewachsen sind, stellt er trocken fest. Egal wie oft er auch einen Ruhetag einlegt um zu rasten und seine Kleider, die Packtaschen und das Lederzeug zumindest zu trocknen und einzufetten, seine Mühen werden immer nur von kurzer Dauer belohnt. Dementsprechend langsam kommt der Shida'ya voran. Unter anderen Umständen hätte er Bayon längst erreicht haben können, wäre womöglich vielleicht sogar schon wieder auf dem Rückweg, doch so wie die Dinge liegen, hält er stattdessen gerade erst auf Nèrac zu.

Als Cináed schließlich nur noch etwas weniger als einen halben Tagesritt von der Stadt hat Nebre endlich Erbarmen, legt ihr Regenkleid für eine Weile ab und überlässt für eine Weile Shenrahs Sonnenscheibe das Feld. Der Gutsbesitzer lächelt, als ihn endlich einmal wieder ein paar warme Sonnenstrahlen kitzeln und atmet tief durch. Die Farben der Blumenfelder und Orangenhaine, durch welche die Große Südstraße zur Stadt hin führt mögen vom Regenwetter und der kalten Jahreszeit schwach und gedämpft erscheinen, doch der Regen hat auch die Luft gereinigt, sodass all die Wohlgerüche Nèracs noch klarer und brillianter als sonst zutage treten. Fast scheint es als wäre die Stadt in einzige Wolke aus Wohlgerüchen gehüllt: den Aromen von zarten Blumen- und Fruchtessenzen, Kräutern, Gewürzen und Balsamen, Räucherwerk, Weihrauch und Kerzen, Parfüm und Duftöl. Düfte, die so vermutet Cináed, gewiss so manches Frauenherz mit großer Freude erfüllen.

Einladend wie ein schimmerndes Juwel in mitten matter Farbenpracht heißt Nèrac Cináed in seinen Mauern willkommen. Der warme Schein der Sonne lässt die Gebäude und Mauern aus hellem Kalktuff freundlich und irgendwie verheißungsvoll erscheinen, obschon bei näherer Betrachtung auch der Schmutz und Schlamm schnell wieder mit ins Blickfeld des geneigten Betrachters rückt. Cináed schließt sich den Bauern, Kesselflickern und Händlern, Reisenden, Schaustellern und Spielleuten, Meldereitern, Waldläufern und Spähern an, von denen sich immer mehr auf der Großen Südstraße einfinden je näher er den Stadttoren kommt.
Geduldig stellt er sich den Wachen am Tor, als er um Einlass in die Stadt bittet, beantwortet bereitwillig all ihre Fragen und lässt sie sein weniges Reisegepäck in Augenschein nehmen. Nachdem klar ist, dass sich in seinen Packtaschen keine verzollbaren Handelswaren befinden und es auch sonst nichts zu beanstanden gibt, lassen die Männer den Shida'ya passieren. Cináed beschließt sich zunächst nach einem geeigneten Gasthaus umzusehen und entscheidet anschließend dem Amitari-Tempel der Stadt einen Besuch abzustatten.

Cináed erfragt sich den Weg zum nächsten Wirtshaus und zieht los. In den Straßen wimmelt es nach dem Regen nur so vor Menschen. Einjeder scheint schnell noch ein paar freundliche Sonnenstrahlen erhaschen zu wollen bevor die Nacht herreinbricht und alles in Dunkelheit taucht. Der Gutsbesitzer sieht sich um und genießt den Anblick der ungewohnten Straßen. Zum ersten Mal seit Reisebeginn spürt er, weshalbs sich so mancher zu fernen unbekannten Orten hingezogen fühlt. Sehr schnell wird Cináed sich allerdings auch Nèracs größten Unterschiedes zu Talyra bewusst: wohin er auch blickt, die menschlichen Stadtbewohner dominieren klar das Bild. Dann und wann kommt er mal ein paar Mogbar vorüber, doch die talyrische Vielfalt fehlt in Nérac zweifelsohne. Der junge Halbelb, der gerade eine Lieferung frisch gegerbter Lederhäute ausliefert, fällt dem Gutsbesitzer daher sehr schnell auf. Der Unbekannte ist bleich und ein wenig unterernährt, seine Gewänder sind abgenutzt und von schlechter Qualität, seine Gesichtszüge wirken unter dem strähnigen schwarzbraunen Haar selbst für einen Halbelben überraschend fein—fast schon feminin—und als er mit der Frau, der er die Waren gerade überlässt, spricht, sind sowohl der Klang seiner Stimme als auch seine gesamte Haltung vollkommen unterwürfig. Irgendetwas an diesem Gesamtbild hält Cináeds Blick gefangen, sodass er einen Moment lang stehen bleibt. Viel bekommt der Shida'ya von dem Gespräch zwischen dem Unbekannten und der Frau allerdings nicht mit. Nur ein paar Wortfetzen sowie der Name der Fremden, der ihm im Gedächtnis haften bleibt. Anála Givaudan.

Als der Halbelb, vermutlich der Lehrling oder Gehilfe eines ortsansäßigen Gerbers, wieder ins Gewirr der Straßen eintaucht und Anála Givaudan sich abwendet um zurück in ihr Haus oder Geschäft—das vermutet Cináed zumindest—zu gehen, kreuzt ihr Blick kurz jenen des Shida'yas. Der Gutsbesitzer lächelt unverbindlich, spricht einen Gruß aus, den die Frau lediglich mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken quittiert, und nimmt seinen Weg in Richtung Gasthaus wieder auf. An seinem Ziel angekommen übergibt er seinen Rimmer einem eilfertigen Stallburschen, nimmt sich im Wirtshaus ein Zimmer und lässt sich etwas später in der Schank ein einfaches Abendmahl schmecken. Ganz bewusst hat er sich dabei in einer etwas abgeschiedenen Ecke des Raumes niedergelassen, denn nach dem langen, ermüdenen Ritt ist ihm an ddiesem Abend nicht nach der Gesellschaft Fremder zumute. Stattdessen lauscht er einfach dem Gerede um sich herum, welches hauptsächlich aus Klatsch und Tratsch sowie der Freude über den längst überfälligen Wetterumschwung besteht. Ein Thema scheint die Gemüter der meisten Städter jedoch besonders zu bewegen: der erst unlängst geschehene und bisher noch unaufgeklärte Mord an einer blutjungen Orangenpflückerin mit flammenrotem Haar. Eine tragische Geschichte. Wirklich tragisch. Geradezu haarsträubend. Und einfach unerhörlich. Je mehr Wein und Bier fließen, um so wilder scheinen die Theorien zu werden, die man(n) im Schankraum diskutiert. Da weiß Cináed, der es irgendwann leid ist, dem Gerede noch länger zuzuhören, dass es an der Zeit ist endlich seine Kammer aufzusuchen.


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*Aaron Jeoffrey: After the Rain
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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4

Wednesday, February 3rd 2016, 8:06pm

~ Es war einmal ein Zauberer ~
Kori, Kora, Korinthe

Ende Silberweiß 516

Haunting, taunting, that is the spell of it;
Mocking, baulking, that is the hell of it;
But I'll shoulder my pack in the morning, boys,
And I'm going because I must;
For it's so-long to all
When you answer the call
Of the Wan-der-lust.*


Obwohl das Wetter deutlich besser geworden ist, von der ganzen Pracht Nèracs hat Cináed lediglich einen winzigen Bruchteil zu sehen bekommen. Dafür ist der Shida'ya schlichtweg zur falschen Jahreszeit unterwegs. Dennoch hat er seinen Aufenthalt sehr genossen und wie schon zuvor länger verweilt, als dies geplant war oder gar nötig gewesen wäre. Aber Nèrac hat seinen Besuchern auch zu dieser eher kalten Jahreszeit durchaus so einiges zu bieten und für Cináed hatte die Andersartigkeit der Stadt im Vergleich zu Talyra irgendwie einen besonderen Reiz gehabt. Also war er einige Tage geblieben und hatte sich umgesehen, Straßen und Gassen, Plätze und Märkte erkundigt, Geschäfte, Schenken und Gasthäuser besucht. Und natürlich hatte er die Stadt nicht verlassen können ohne wenigstens ein Duftöl zu erwerben—und ein paar Kerzen, Räucherkügelchen...

...und einen winzigen Flakon edlen Parfüms, erworben von niemand geringerem als Anála Givaudan—auch bekannt als die Nase von Nèrac—der angeblich besten Parfümeurin der Stadt der Düfte. Cináed hatte eigentlich gar nicht vorgehabt ein Parfüm oder ähnliches zu kaufen, aber nach dem kleinen Vorfall auf dem Weg zum Gasthaus war ihm der Name der Frau irgendwie ständig im Kopf herumgespukt, sodass er ihr Geschäft schließlich doch irgendwann aufgesucht hatte. Kaufen hatte er da eigentlich immer noch nichts wollen, aber dem weiblichen Charme und Geschäftssinn der Parfümeurin hatte der in Sachen Frauen doch etwas unbeholfene Schafzüchter nur wenig entgegensetzen können. Und so trägt er nun diesen unnützen Wohlgeruch—mit seiner sonnigen Kopfnote aus Zitrone, Cedrat, Grapefrucht und Mandarine und einer süß-nussigen Herznote aus Ylang-Ylang, welche von einer Basis aus frischem, holzigem Zypressenduft getragen werden—mit sich herum. Wie hatte Anála Givaudan den Duft doch so schön beschriebe: »Dieses Parfüm vereint südliche Frische mit einem Hauch von Nachdenklichkeit...!« Nun, Cináed—der von Düften in etwa soviel Ahnung hat wie ein rhaínländischer Sumpfkrebs, hatte die Parfümeurin mit diesen Worten auf jeden Fall recht nachdenklich bzw. ratlos zurückgelassen.

Nach dieser Geschichte hatte der Shida'ya sich eilends mit neuem Proviant eingedeckt und war schließlich mit einigen Händlern, die nach Liedberg wollten, auf dem Feenpfad endlich nach Bayon und zur Aveyra aufgebrochen. Nach einer Reise, die weitaus länger als nötig gedauert hat, war er schließlich an seinem Ziel angekommen—nach insgesamt fast acht statt lediglich zwei oder drei Siebentagen! Und so wartet der Gutsbesitzer nun allmählich doch etwas ungeduldig darauf, dass irgendeiner der ehrenwerten Magier der kleinen aber feinen Zauberschule am Aveyronsee etwas Zeit für ihn erübrigen kann. Darauf dass Magister Rai'tachar Feuerzunge persönlich mit ihm sprechen wird, wagt Cináed längst nicht mehr zu hoffen, denn bisher hat er von dem Leiter der Zauberschule nur einmal den Rücken zu Gesicht bekommen. Und auch das nur ganz, ganz kurz...

Während er also darauf wartet, dass irgendwann einmal jemand an der Aveyra für ihn Zeit hat, verbringt der magiebegabte Gutsbesitzer seine Tage in Bayon damit die Stadt sowie die Gegend rund um den Aveyronsee zu erkunden. Während entlang der Großen Südstraße und am Ildorel fruchtbares Kulturland und schier endlos erscheinende Blumenfelder dominieren, ist die Landschaft hier nun wieder gänzlich von den dichten Wäldern des südlichen Larisgrüns geprägt, in welchen vor allem Lärchenpinien, Ahorne und Kastanien, Platanen, Ulmen, Birken und Kiefern sowie mächtige Eichenwälder, die hauptsächlich aus Korkeichen bestehen, aufs Prächtigste gedeihen.

Wie es der Zufall nun will, trägt es sich bei einem seiner Ausflüge rund um den See zu, dass Cináed Bekanntschaft mit Odon Maelor schließt. Die beiden Männer verstehen sich sogleich aufs Prächtigste und sitzen noch bis spät in die Nacht hinein bei einem Bier im nächsten Wirtshaus besammen. Als es schließlich an der Zeit ist sich zu verabschieden—Cináed muss zurück zur Aveyra, Odons Weg hingegen führt ihn zurück nach Demarsan—unterbreitet der Waldläufer dem Schafzüchter einen verlockenden Vorschlag: statt wieder den Weg über die Große Südstraße zu nehmen, solle der Shida'ya doch lieber zurück nach Taylra den Weg über Liedberg, Nimzar und Tiefwald nehmen. "Und wenn Ihr schon in der Gegend seit", schlägt Odon Cináed vor, "dann besucht mich doch in meinem Heim an den Rotgoldenseen!" Der Waldläufer nickt bekräftigend. "Demarsan ist nur einen Katzensprung von Liedberg entfernt", erklärt er. "Und Ihr werdet sehen, der Abstecher an die Seen lohnt sich zu jeder Jahreszeit." Cináed reibt sich unentschlossen das Kinn. Odon lacht. "Überlegt es Euch, Ihr seid mir jederzeit willkommen."

Cináed überlegt es sich wirklich, Zeit dafür lassen ihm die Magier der Aveyra mehr als genug. Und als der Shida'ya die Zauberschule endlich wieder verlässt—als waschechter Zauberer noch dazu—schlägt er tatsächlich den Weg gen Westen ein und folgt dem Feenpfad bis nach Liedberg.
Dort angekommen befallen ihn—so nah an den Grenzen zu den Elbenlanden—noch einmal Zweifel, doch schiebt er diese schließlich beiseite. Seine Angelegenheiten in Talyra sind geregelt, es gibt keinen dringenden Grund weshalb er so schnell wie möglich nach Glyn-y-Defaid zurückkehren müsste... und wer kann schon sagen, wann er wieder einmal Gelegenheit haben wird Heim und Hof zu verlassen, wenn er erst wieder auf seinem Gut weilt. Nein, wenn nicht jetzt, wann dann?!, sagt sich der Shida'ya und lenkt seinen Rimmer auf den Weg nach Demarsan.


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*Robert William Service: The Wanderlust
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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5

Wednesday, February 10th 2016, 4:51pm

~ So nimmt das Schicksal seinen Lauf ~
Tanz für mich, tanz für mich!

Anfang Eisfrost 516

Sie dreht sich um, zeigt ihr Gesicht
Schwarze Schatten weichen Licht
Zarte Züge weißer Haut
Seltsam fremd und doch vertraut
Ihr Blick aus Eis spricht einen Bann
Dem ich mich nicht entziehen kann*


Odon nimmt Cináed freudig in seinem Heim auf. Das Land zwischen Demarsan und den Rotgoldenseen und rings um die Seen herum ist wild und schön. Hinter jeder Wegbiegung, und unter jeder Brücke, hinter jedem Busch und Strauch scheint ein neues Geheimnis verborgen zu sein. Auch die Nähe zu den Grenzen der Elbenlande ist überall deutlich spürbar, zumindest für den Shida'ya, und er kann nur schwer gegen die Sehnsucht und das Verlangen ankämpfen sich achtlos in die Wälder zu wagen, um zu den Mondtoren zu ziehen. Wüsste seine Schwester das er so nah ist, gewiss würde sie ihm mit ausreichend Geleitschutz entgegen kommen, ihn abholen... und den verlorenen Sohn freudestrahlend nach Hause führen. Aber so sehr Cináed sich dies einerseits auch wünscht, kann er dies andererseits doch nicht zulassen. Denn tief in seinem Herzen weiß er, dass er, hat er die Grenzen zu den Landen seiner Geburt erst einmal passiert, sie erst in 1.000 Jahren wieder verlassen würde.

Schweigend starrt er auf die ruhigen Wasser der Rotgoldenseen hinaus. Es dämmert schon und Dunkelheit senkt sich allmählich auf die Wälder herab. Die Nacht ist angenehm kühl, nicht kalt, und relativ windstill. Die Mondscheibe sowie die ersten Sterne ziehen schon am Firmament auf und Cináed erhebt sich gerade, um mit seinem Rimmer zu Odons Heimstatt zurückzureiten, als in ein Geräusch dazu veranlasst inne zu halten.
Der Gutsbesitzer lauscht angestrengt, kann die Richtung, aus der das Geräusch kommt, zunächst aber nicht genau ausmachen. Dann aber vermeint er mit einem Mal im Unterholz eine Bewegung zu bemerken. Oder handelt es sich dabei doch nur um eine Sinnestäuschung? Der Shida'ya zögert, beschließt dann aber einem spontanen Impuls folgend der Sache genauer auf den Grund zu gehen.

Da! Da ist es wieder. Cináed folgt dem Geräusch so lautlos wie möglich. Immer wieder bleibt er stehen und lauscht in die Dämmerung hinein bevor er weitergeht. Plötzlich—vollkommen unerwartet—erreicht er den Rand einer mittlerweile Mond beschienen Lichtung. Der Shida'ya bleibt wie angewurzelt stehen und fühlt sich als wäre er geradewegs in einen Traum hineingetaumelt.
Nebeldünste wabern über den Waldboden und kriechen unter Strauchern und Büschen hervor. Im fahlen Mondlicht steht eine hochgewachsene inmitten der Lichtung, die zarten Glieder im Tanz bewegend. Regungslos, ja, wie verzaubert verharrt Cináed an Ort und Stelle, absolut unfähig sich auch nur einen Sekhelrin zu bewegen. Weiß wie Schnee, rot wie Blut und Haar so schwarz wie Ebenholz tanzt sie im Mondschein, sich der Anwesenheit des ungebetenen Beobachters offenbar nicht bewusst. Cináed ist so fasziniert von ihrem Tanz, dem Glanz und Liebreiz ihres Anlitzes, dass er zunächst nicht bemerkt wie sich eine weitere Gestalt aus den Nebelschwaden schält.

Ein Schattenwolf?, denkt er verwirrt, als sein Blick jenen der goldäugigen Bestie kreuzt, doch schnell erkennt er seinen Irrtum. Es ist nur das Licht, welches ihm einen Streich spielt und seine Sinne täuscht. Hell schimmert der Pelz des Silberwolfes als er zu der Tänzerin tritt. Ein morscher Ast knirscht unvermittelt unter dem Gewicht von Cináeds Körper. Sowohl Elbenfrau als auch Wolf schauen alarmiert auf.
Hastig tritt der Shida'ya vor, um sich für sein ungebührliches Eindringen in ihre Privatsphäre zu entschuldigen. Beschwichtigend und zum Zeichen, dass er unbewaffnet ist, hebt er die Arme und streckt die Hände vor, aber vergebens. Die Tänzerin in himmelblauem Kleid stürzt in die Schatten davon, die mit goldenen Sternen bestickten Säume ihres Mantels wirbeln um ihre Beine. Der Silberwolf, nun wieder dunkel und düster wie ein Schatten, springt derweil in die entgegengesetzte Richtung fort. Cináed bleibt keine Zeit zum Überlegen. Er spürt einfach, dass dies DER Augenblick der Entscheidung ist. Ganz intuitiv trifft er seine Wahl... und folgt dem Wolf!

Der heisere Ruf eines Käuzchens lässt den Zauber mit einem Schlag verfliegen. Abrupt bleibt der Shida'ya stehen, der Wolf ist ohnehin längst unauffindbar verschwunden. Benommen reibt sich der Gutsbesitzer die Schläfen. Beim Träumer, was war den das?, fragt er sich und versucht seine wirren Gedanken wieder zu ordnen. Taumelnd sucht er den Weg, den er gekommen ist und geht zurück. Auf der Waldlichtung bleibt er noch einmal kurz stehen. Er will schon weiterlaufen, als ein schwaches Aufblitzen seine Aufmerksamkeit erregt. Halb verdeckt von raschelndem, halb vermodertem Laub ertastet er schließlich zu seinen Füßen einen kleinen Gegenstand und hebt ihn auf. Voller Erstaunen reißt er die Augen weit auf. Die Bronzenadel?!

Hin und her überdenkt Cináed die sonderbare Begebenheit an Odons Herdfeuer ohne sich einen Reim darauf machen zu können. "Hier in der Gegend nennen wir sie Goldstern", erklärt der Waldläufer ihm mit einem Achselzucken. "Keine Ahnung wie der Name lautet, bei dem sie unter den Kheleda'ya gerufen wird." Odon runzelt die Stirn. "Die Sache mit dem Wolf verwundert mich weitmehr...", meint er. "Silberwölfe leben für gewöhnlich in Rudeln, nicht als Einzelgänger..." Cináed nickt abwesend, dreht die wiedergefundene Bronzenadel nachdenklich zwischen seinen Fingern hin und her und mustert ihr Kopfende mit dem filigranen Flügelpaar und den kleinen Türkissplittern eindringlich. "Und was ist hiermit?", will er schließlich wissend und hält Odon das Schmuckstück entgegen. Der Waldläufer schüttelt lachend den Kopf. "Ihr wisst doch", antwortet er beinahe ein wenig kryptisch. "Der Elstern gibt es gar viele...!"


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*Saltatio Mortis: Tanz der Tänze
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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6

Wednesday, February 24th 2016, 6:56pm

~ Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald ~
Wege führ'n zu and'rer Wege Lauf

Mitte Eisfrost 516

Und seufzend werd' ich einmal sicherlich
es dort erzählen, wo die Zeit verweht:
Zwei Waldeswege trennten sich und ich -
ich ging und wählt' den stilleren für mich -
und das hat all mein Leben umgedreht.*


So schön die Zeit an den Rotgoldenseen auch ist, irgendwann kommt der Tag, an dem Cináed seine sieben Sachen packt, Odon Maelor lebewohl wünscht, sich auf den Rücken seines Rimmers schwingt und wieder gen Demarsan reitet. Dort übernachtet ein letztes Mal in einem kleinen heruntergekommenen Gasthaus am Stadtrand, deckt sich mit Vorräten für die Weiterreise ein und zieht schließlich in Richtung Liedberg weiter. Und von dort nach Nimzár. Unterwegs kehrt er, entgegen aller gut gemeinten Ratschläge, in der Schwarzen Stute ein, dem einzigen größere Gasthaus an der Alten Waldstraße zwischen Nimzár und Liedberg. Tatsächlich besitzt die Stute einen mehr als zweifelhaften Ruf. In der vagen Hoffnung mehr über die Bronzenadel und die Elster herauszufinden, lässt der Shida'ya es jedoch auf einen riskanten Versuch ankommen, denn irgendwo hat er unterwegs aufgeschnappt, dass das Gasthaus ein beliebter Hehlertreff sei.

Ob es nun an seinem Auftreten, seiner elbischen Herkunft oder wer-weiß-was noch liegt, Antworten findet der Gutsbesitzer in der Schwarzen Stute allerdings keine.Abgesehen vom Wirt findet ernicht einmal jemanden, der freiwillig auch nur ein Wort mit ihm wechselt. Die wenigen Gäste bleiben unter sich, geben sich mundfaul und verstecken sich demonstrativ hinter ihren Bierkrügen, um jedwedes Gespräch von vorneherein zu unterbinden. Cináed gibt irgendwann auf und verbringt die Nacht in unruhiger Trance, zu wachsam und angespannt um wirklich nächtliche Erholung finden zu können. So kommt es denn auch, dass er sich nach einem kargen Morgenmahl rasch wieder auf den Weg macht um schnell nach Nimzár zu gelangen. Noch eine ganze Weile schaut er immer wieder wachsam über die Schulter zurück, während er der einsamen Straßem folgt. Erst nachdem er das Gasthaus einen halben Tagesritt hinter sich gelassen hat, entspannt sich der Gutsbesitzer allmählich wieder.

Nachdem er seine Vorräte in Nimzár aufgestockt hat und nach Tiefwald weiterzieht, wartet jedoch die nächste Überraschung auf ihn: Schnee. Ernsthaft? Wirklich! In der vergangenen Nacht hat es tatsächlich noch einmal zu schneien begonnen, nachdem die vergangenen Tage fast schon frühlingshaft mild gewesen waren. Nun ja, es schneit nicht wirklich viel, aber je näher Cináed der Heimat—Talyra—kommt, um so dichter wird das lustige Schneeflocken treiben. Und es hört auf lustig zu sein. Es beginnt lästig zu werden. Unterwegs ist auch kaum noch jemand. Die Alte Waldstraße mag nicht der Frostweg sein, aber Schnee ist Schnee, ganz gleich wo er fällt, und wer nicht unbedingt raus muss, der bleibt bei diesem Wetter lieber am heimeligen Feuer sitzen statt sich draußen in der Kälte den A.... llerwertesten abzufrieren.

Cináed macht sich dennoch auf den Weg. Auf dem Rücken seines nach wie vor namenlosen Rimmers kann er wenigstens in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Seit langen einmal wieder begrüßt er die Einsamkeit voll und ganz. Er lässt sich von der Stille einhüllen wie von einem Mantel, lauscht dem Rauschen des Windes in den Bäumen am Rand der Straße und dem leisen Knistern des Schnees, wenn er zu Boden rieselt und anschließend knirschend von Pferdehufen zertreten wird. Cináed lässt den Rimmer etwas schneller reiten und hält die Straße wachsam im Blick. Der Zwischenfall mit den Fröhlichen Gesellen hat ihn vorsichtig werden lassen. Ja, Fröhliche Gesellen, dass mag lustig und harmlos genug klingen, lustig waren sie am Ende jedoch keineswegs. Und wer weiß was für Gesellen am Rand der Waldstraße lauern. Der Shida'ya seufzt, lässt den Rimmer wieder etwas langsamer traben und lässt seine Gedanken zurück zu den Rotgoldenseen, einem Schattenwolf der keiner ist und Augen so grau wie der Abendhimmel schweifen. Es gibt nichts, was er sich vorzuwerfen hätte—eigentlich. Oder vielleicht doch? Immer wieder schleichen sich neue Zweifel an wie wilde Hunde. Hätte er vielleicht doch der Tänzerin statt dem Wolf nacheilen sollen...? Nein!, entschieden schiebt Cináed diesen unerhörlichen Gedanken beiseite. Was er getan hat, war absolut richtig. Jeder hätte sich so verhalten. Wirklich?, neckt ihn eine kleine kichernde Stimme in seinem Hinterkopf leise. Gib endlich Ruhe!, denkt der Elb verstimmt.



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*Robert Frost: The Road Not Taken
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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7

Thursday, March 10th 2016, 4:24am

~ Heimwärts, heimwärts zieht es mich ~
Talyra, ich komme

Anfang Taumond 516

Life is a voyage that is homeward bound.
(Herman Melville)


In Tiefwald angekommen, trifft Cináed eine folgenschwere Entscheidung. Anstatt auf dem Kreuzweg auf direktem Weg nach Talyra zu reiten, setzt er stattdessen über den Melynllyn nach Weidenfurt und somit ins Verdland über. Nachdem er frische Lebensmittel aufgenommen hat begibet er sich in Gesellschaft einiger Händler auf Glyndwr's Weg eine sehr alte Handelsroute, welche von Weidenfurt über Schwarzfels, Verd und Rhosyr nach Caerenion am Frostweg führt. Der Shida'ya ist nicht ganz sicher, was ihn zu dieser Entscheidung getrieben hat. Obwohl er Talyra mittlerweile tatsächlich sehr vermisst, hält ihn ein geheimnisvoller innerer Drang davon ab dorthin zurückzukehren.

Also nimmt er einen weiteren Umweg und das nach wie vor nicht sonderlich berauschende Wetter in Kauf und reitet tapfer bei Schnee, Hagel, Regen und gelegentlichem Sonnenschein durch das Verdland. Die Wälder um ihn herum bestehen hauptsächlich aus Buchen, Eichen, Fichten und Kiefern, vereinzelt auch Sicheltannen und Schwarztannen, Kastanien, Ulmen und Linden. Und Herzbäumen. Junge, alte. Uralte. Mit Gesichtern und ohne. Cináed spürt die Macht der alten Pfade überall um sich herum. Obwohl er den Zwölfen huldigt, statt der Grünen Erdmutter so macht sich der Shida'ya dennoch die Mühe die kleinen und größeren Haine auf seinem Weg zu finden und zu besuchen. Der Zauber der heiligen Orte berührt in zutiefst und nicht selten sitzt er solange auf einem verwitterten Baumstamm oder einem moosbedeckten Stein bis ihm die Kälte so sehr in die Glieder kriecht, dass er weiter muss.

Oft sitzt er so still und regeungslos, dass so scheue Tiere wie Schwarz- und Damwild, Rehe, Wildgeflügel und Waldkaninchen, sowie Liptiks und Eichhörnchen beobachten kann. Sogar ein Luchs kreuzt einmal seinen Weg und der Gutsbesitzer erwischt er sich immer wieder dabei wie er nach Silberwölfen ausschau hält. Oder nein, nicht nach Silberwölfen, einem Wolf. Seinem Wolf. So zieht er langsam bis an den Verdsee, zunächst nach Schwarzfels und von dort weiter nach Verd und schließlich Rhosyr. Als er endlich in Caerenion am Frostweg angelangt, stellt er selbstironisch fest, dass er damals bei seinem Aufbruch genauso gut zur Zauberschule nach Emlyn hätte reiten können, wenn er nun doch noch auf dem Frostweg gelandet ist. Cináed lacht leise, zügelt seinen Rimmer und schlägt stattdessen die Richtung nach Talyra ein. Er spürt: es ist Zeit heim zukehren.

Mit einer Hand fährt er sich über den verwilderten Bart und streicht sich einige wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht. Nicht nur sein Aufenthalt an der Aveyra in Bayon, sondern die gesamte Reise hat ihn für immer verändert—und nicht nur äußerlich. Irgendwie spürt er, dass er sein ganzes bisheriges Leben unterwegs zurückgelassen hat. Oder nein, nicht zurückgelassen, hinter sich gelassen. Endlich ist er bereit Tara gehen zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Auf Glyn-y-Defaid, das immer sein Zuhause sein wird wie er nun weiß. Cináed hat wieder neue Pläne. Träume für die Zukunft. Und er hat erkannt, alles was er sucht, wartet in Talyra auf ihn—nicht in den Elbenlanden oder Wer-weiß-wo-sonst—er muss es nur finden. Lächelnd und mit einem Lied auf den Lippen reitet er den Frostweg hinab. In Gedanken ist er schon in der Stadt und sitzt bei einem schönen dunklen Bier im Grünen Aal oder bei Euron im Kupferkessel, denn das Borgil und seine Frau wieder in der Stadt sind und die Goldene Harfe endlich wieder geöffnet ist, weiß er noch nicht.


Glyn-y-Defaid »
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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