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  • "Cinaed" started this thread

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1

Wednesday, November 18th 2015, 6:49pm

Die geheime Kate

Irgendwo verborgen im Larisgrün—ein Stück südwestlich der Ruinen im Rabenbruch, am südlichen Rande einer kleinen Hügelkette und unweit eines Zufluss zur Sarthe—befindet sich eine winzige, windschiefe Kate im Dickicht. So einsam wie die Hütte gelegen ist, ist ihre bloße Existenz kaum jemandem bekannt, und das sie derzeit bewohnt wird wohl noch wenigeren. Das unscheinbare, windschiefe Gebäude besteht aus einer einzigen einfache Kammer, die lediglich aus Kochstelle, Wohnnische und Schlafstatt besteht. Ein Spinnrad sowie ein ganz gewöhnlicher Webstuhl sind die einzigen nennenswerten Besitztümer, die sich in dem schlichten Raum befinden. Unnötigen Zierrat jedweder Art (oder gar irgendwelche Reichtümer) wird man hier vergeblich suchen. Die Kate ist sauber und ordentlich. Ausreichend Vorräte und Feuerholz für den bevorstehenden Winter sind vorhanden, doch persönliche Gegenstände, die irgendwelche Rückschlüsse auf den oder die gegenwärtigen Bewohner der einsamen Behausung zulassen würden, fehlen.
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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2

Wednesday, November 18th 2015, 7:28pm

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~ Diener eines Geistes ~
Mitte Nebelfrost 515

Cináed erwacht langsam aus seiner Trance. Ein einsamer Sonnenstrahl kitzelt ihn an der Nasenspitze und lässt ihn niesen. Alles ist in sanftes Dämmerlicht gehüllt. Der Morgen hat gerade erst zu grauen begonnen. In der Kate ist es still. Draußen kann man das Rauschen der Bäume im Wind hören, das Krächzen der Krähen. Der Gutsbesitzer sieht sich um. Er ist alleine. Natürlich. Er erhebt sich, steht auf. Eine gewöhnliche Waschschüssel—sie hat einen winzigen Sprung am oberen Rand—und ein einfacher Krug mit Wasser stehen bereit. Der Shida'ya wäscht sich notdürftig, bevor er seine Kleider vom Ende der Bettstatt hebt und sich ankleidet. Sein knurrender Magen lässt ihn den Blick in Richtung Kochstelle wenden. Das Feuer ist zu einer schwachen Glut heruntergebrannt. Jetzt erst wird sich der Elb der Kälte in der Kammer bewusst. Fröstelnd wendet er den Blick wieder ab. Kein Frühstück. Nicht einmal ein alter Kanten Brot und etwas Milch oder Wasser.

Cináed zuckt mit den Achseln und geht zur Tür hinüber. Knarrend öffnet sie sich, als er sie mit der Hand aufstößt, und eine eisige Brise Wind schlägt dem Gutsbesitzer ins Gesicht und zerzaust ihm das Haar. Neben der Tür befindet sich ein schwindend kleiner Stapel mit Feuerholz. Unweit davon wiederum lehnt eine gewöhnliche Axt an einem Spaltklotz. Der Gutsbesitzer geht hinüber und greift nach dem Werkzeug. Den restlichen Morgen verbringt er damit einen riesigen Haufen frischer Holzscheite zu schlagen. Erst als er den Vorrat für angemessen befunden hat, hört er mit seiner Tätigkeit auf. Mittlerweile rückt die Mittagsstunde näher und noch immer ist er völlig allein. Im Unterholz kann man kleinere Tiere und Vögel rascheln hören, mehr nicht. Cináed wischt sich den Schweiß von der Stirn. In einiger Entfernung rauscht Wasser. Der Elb folgt dem Geräusch bis er dessen Quelle erreicht—einen Zufluss zur Sarthe. Am Ufer kniet er nieder, streift sich das Hemd über den Kopf, wäscht sich mit dem eiskalten Wasser Gesicht und Oberkörper und stillt anschließend seinen Durst. Fröstelnd streift er das Hemd wieder über, bevor er zu der kleinen Kate zurückkehrt.

Suchend sieht er sich vor und in der kleinen Hütte um bis er findet, was er sucht: zwei hölzerne Eimer. Mehrmals läuft er zum Fluss zurück, um Wasser zu holen, welches er in hölzernen Fässern sammelt. Als es zu regnen beginnt zieht er sich in die Kate zurück. Er entfacht das Feuer in der Kochstelle und setzt einen Kessel mit Wasser für Tee auf. Unter den Wintervorräten findet er harten Käse, gepökelte Wurst und trockenes Brot. Während er das einfache Mahl auf einer dicken Holzplatte anrichtet summt der Shida'ya eine alte Weise vor sich hin, die ihm mit einem Mal in den Sinn gekommt:

"Deinen Vater hast Du nie gekannt.
Deine Mutter war wie eine Taube.
Sie flog von Ast zu Ast—gleich Eoris Botin
In Mitten der Fluten menschlichen Treibens
Immer auf der Suche nach sicherem Land."*

Zwischendurch streut er ein paar Teeblätter in das Wasser im Kessel und bald schon erfüllt ein angenehmer Duft den Raum. Als die Tür knarrt schaut Cináed sich nicht um. Auch als sich eine schlanke Hand von hinten auf seine rechte Schulter legt, hält er nicht in seiner Tätigkeit inne. “Ihr wart fleißig, min Herr!”, stellt die klare Stimme einer Frau, deren Gestalt dem Blick völlig durch die Schatten in der Kammer verborgen bleibt, fest.

* Lacrimossa: Die Taube (leicht abgewandelt)
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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3

Wednesday, December 2nd 2015, 3:01am

~ Liebe ist so kurz, Vergessen so lang.* ~
Mitte Nebelfrost 515

Der nächste Morgen gleicht dem vorausgegangenen. Auch an diesem Tag erwacht Cináed nur langsam aus seiner Trance. Ein einsamer Sonnenstrahl kitzelt ihn an der Nasenspitze und lässt ihn niesen. Alles ist in sanftes Dämmerlicht gehüllt. Der Morgen hat gerade erst zu grauen begonnen. In der Kate ist es still. Draußen kann man das Rauschen der Bäume im Wind hören, das Krächzen der Krähen. Der Gutsbesitzer sieht sich um. Er ist alleine. Natürlich. Er erhebt sich, steht auf. Eine gewöhnliche Waschschüssel—sie hat einen winzigen Sprung am oberen Rand—und ein einfacher Krug mit Wasser stehen bereit. So wie er sie am Abend zuvor hergerichtet hat. Der Shida'ya wäscht sich notdürftig, bevor er seine Kleider vom Ende der Bettstatt hebt und sich ankleidet. Sein knurrender Magen lässt ihn auch an diesem Morgen den Blick in Richtung Kochstelle wenden. Das Feuer ist über Nacht abermals zu einer schwachen Glut heruntergebrannt. Der Elb wird sich allmählich der Kälte in der Kammer bewusst. Fröstelnd wendet er den Blick wieder ab. Auch sein Morgenmahl fällt so karg aus wie tags zuvor, aber er hat nicht vor die Vorräte unnötig anzutasten, immerhin ist er derjenige, der sie für Brogan hergeschafft hat.

Brogan sollte eigentlich längst zurück sein, denkt Cináed. Wo er nur steckt? Seit das Alter ihm mehr und mehr zu schaffen macht hat der alte Jäger sich mehr und mehr aufs Fallenstellen verlegt. Noch kommt der verschrobene Kauz irgendwie über die Runden, aber der Elb sorgt sich um den Alten. Zu behaupten sie wären Freunde, wäre wohl zuviel des Guten. Brogan ist zu sehr Einzelgänger als das er echte Freundschaften pflegen täte, aber Cináed kann es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren sich nicht ein wenig um den alten Mann zu kümmern, welcher so nah seiner Ländereien lebt. Es erscheint ihm fraglich, dass abgesehen von ihm, Owyn und Rhona sonst noch irgendjemand weiß, wo Brogan fürgewöhnlich haust. Der Alte hält sich von Talyra fern, steuert nur die kleinen Marktflecken im Umland an und pflegt abgesehen davon nach allem was der Shida'ya weiß keine weiteren Kontakte welcher Art auch immer. Warum das so ist, ist dem Gutsbesitzer ein Rätsel, aber er fragt nicht nach. Wenn ihnen die lange Lebensspanne der Elben etwas gelehrt hat, dann, wann es besser ist zu schweigen und einem Mann seine Geheimnisse zu lassen. Und das Bogran Geheimnisse hat, ist offenkundig. Sie umgeben ihn wie ihn sein schwerer speckiger Pelzmantel umhüllt. Männer wie Brogan werden nicht einfach so geboren wie sie sind. Der Lauf der Zeit formt sie. Erschafft sie. Bricht sie. Und zerstört sie manchmal sogar. Doch noch scheint Brogans Zeit dafür nicht gekommen. Nicht wenn Cináed ein Wörtchen mitzureden hat. Nicht wenn die bescheidenen Gaben des Gutsbesitzers den Alten durch einen weiteren Winter bringen.

Cináed seufzt. Er kann nicht länger warten. Er hat bereits zu viel Zeit hier draußen in den Wäldern zugebracht. Natürlich ist ihm klar, dass der Hof bei Owyn, Emrys und Rhona in guten Händen ist. Einmal mehr wird ihm dieser Tagen schmerzlich bewusst wie entbehrlich er doch auf Glyn-y-Defaid geworden ist. Andere Gutsbesitzer würden sich damit möglicherweise zufrieden geben. Sie würden die Füße vor dem prasselnden Kaminfeuer hochlegen, alle Arbeit ihrem Gesinde überlassen und sich damit begnügen das Gold und Silber zu zählen, was in ihrer Goldschatulle klimpert. Den Shida'ya hingegen erfüllt soviel Untätigkeit mit Unbehagen. Niemand scheint ihn noch richtig zu brauchen. Außer Brogan. (Auch wenn dieser dies selbstverständlich niemals aussprechen oder irgendwie andeuten würde.)
In nachdenklicher Stimmung versunken macht Cináed sich auf den Heimweg. Die Frau steht im Schatten einer knorrigen Tanne, welcher den Blick auf ihre bleiche Gestalt fast vollständig verhüllt. “Bis bald, min Herr!”, ruft ihre klare Stimme dem Gutsbesitzer hinterher, doch Cináed schaut sich nicht nach ihr um. Er blickt nicht zu ihr zurück. Nicht einmal für einen kurzen Augenblick. Vielleicht ist es das Rauschen des Windes oder das Krähen der Raben, welches ihn ihre Worte nicht vernehmen lässt. Oder auch etwas ganz anderes...

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*Pablo Neruda, Love: Ten Poems
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4

Wednesday, December 9th 2015, 6:20pm

« Glyn-y-Defaid
~ Vergessen ~
Mitte Nebelfrost 515

Lauf nie vor etwas Unsterblichem davon.
Das erregt seine Aufmerksamkeit.*

Cináed vermag nicht genau zu sagen, was ihn immer wieder an diesen Ort zurückzieht. Vielleicht ist es die friedliche Atmosphäre, die die Kate umgibt, oder ihre Abgeschiedenheit. Wann immer er herkommt fühlt er sich sogleich willkommen. Als hätte ihn jemand voller Freude erwartet. Vielleicht ging es Brogan ähnlich. Vielleicht hatte er die Kate deshalb als Versteck gewählt, weil es ein Platz ist, wie man ihn sonst nur im Märchen findet. Verzaubert, der übrigen Welt entrückt. Eine Zufluchtsort vor der Wirklichkeit. Ein Platz für ungestörtes Glück. Glück, ja, das ist es was Cináed spürt, wenn er auf die winzige Lichtung vor der Kate tritt und das windschiefe Gebäude betrachtet.

Er bindet die graue Stute an einem Baum vor der Kate an und geht hinein. Alles ist so wie er es zurückgelassen hat. Die Kammer ist so spartanisch und unpersönlich eingerichtet wie immer. Nichts deutet darauf hin dass Brogan in den vergangenen Stunden nicht vielleicht doch kurz hier gewesen ist. Und doch ist da zugleich etwas so herzliches, liebevolles und einladenes an diesem Zimmer, dass Cináed es einfach nicht versteht. Der Shida'ya schaut sich um ohne eigentlich zu wissen wonach genau er sucht. Sein Blick wandert ziellos über von der Kochstelle, zur Wohnnische und schließlich zur Schlafstatt. Da ist nichts! Oder? Sein Blick wandert zurück zum Spinnrad, zum Webstuhl. Ganz offenkundig hat Brogan weder das eine noch das andere in die Kate geschafft, er hat überhaupt keine Verwendung dafür. Beides muss schon vor ihm hiergewesen sein, wird Cináed sich zum ersten Mal richtig bewusst. Neugierig geworden tritt er näher.

Vorsichtig streckt er seine Hand nach der Spindel des Spinnrades aus und entfernt behutsam die Spule. Die gesponnene Wolle darauf fühlt sich wunderbar weich an und duftet auch nach all dieser Zeit noch immer angenehm nach Wollwachs. Der vertraute Geruch zaubert Cináed sogleich ein winziges Lächeln aufs Gesicht. Er streckt die Hand aus, um die Spule wieder an ihren Platz zurück zu tun, als er zusammenzuckt. Irgendetwas hat ihn gestochen. Verdutzt dreht er die Spule in seiner Hand hin und her. Da, jetzt sieht er es. Irgendetwas ist unter dem gesponnen Faden versteckt. Vorsichtig rollt der Elb das Garn ab und eine Haarnadel kommt darunter zum Vorschein. Wie kommt die denn dorthin?, wundert sich sich der Gutsbesitzer und wendet die Nadel zwischen zwei Fingern hin und her. Sie besteht aus Bronze, soviel kann Cináed zumindest sagen. Das Kopfende ziert ein filigranes Paar Flügel dessen Spitzen mit kleinen Türkisen verziert sind. Der Gutsbesitzer versteht nicht viel von Schmuck, aber die Arbeit erscheint ihm doch ungewöhnlich.

Behutsam nimmt er das Schmuckstück ansich. Im Augenblick hat er keine Zeit sein Geheimnis zu erkunden. Später vielleicht, sagt er sich und erinnert sich daran, dass Nara irgendwann einmal erwähnt hat, dass Lady Tarascon irgendwo am Marktplatz einen Laden für Edelsteine und Geschmeide führt. Möglicherweise würde sie ihm weiterhelfen können, doch das würde warten müssen, denn Cináed hat nicht vor noch schnell einen Abstecher in die Stadt zu machen bevor er das Umland verlässt. Sein Blick wandert hinüber zum Webstuhl. Auf den ersten Blick ist auch daran nichts außergewöhnliches zu erkennen bis Cináed ein paar unscheinbare Markierungen entdeckt, die seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Suchend schaut er sich nach etwas um mit dem er die Zeichen abzeichnen könnte, kann aber selbstverständlich nichts entdecken. Also rollt er kurzentschlossen den Mantelärmel an seinem linken Arm hoch, nimmt die Haarnadel zur Hand und ritzt mit wenigen Strichen die Markierungen auf seinen Unterarm. Er steckt die Nadel wieder fort, wischt das wenige Blut mit der Hand beiseite und rollt den Ärmel wieder hinab. Später, wenn er Zeit dafür hat, würde er die Zeichen auf ein Stück Pergament oder ähnliches übertragen.

Der Gutsbesitzer sieht sich noch etwas um, kann aber nichts weiter Interessantes mehr entdecken. Schließlich geht er zur Kochstelle hinüber, nimmt sich aus den Vorräten was er braucht und schafft es hinaus zu seiner grauen Stute, die geduldig vor der Kate auf ihn wartet. Er verstaut die Sachen sorgsam in den Satteltaschen, macht das Pferd los und führt es wieder ins Larisgrün hinein. Auch an diesem Tag steht die Frau im Schatten einer knorrigen Tanne, welcher den Blick auf ihre bleiche Gestalt fast vollständig verhüllt. “Gute Reise, min Herr!”, ruft ihre klare Stimme Cináed hinterher, doch wie immer blickt der Gutsbesitzer nicht zu ihr zurück. Langsam und gelassen zieht er von dannen. Auch den unscheinbaren, vom Lauf der Jahre ganz abgetragenen Grabhügel, der unter dem Dickicht verborgen liegt, an welchem er seine Stute vorüber führt, entgeht dem Shida'ya völlig.

??? »
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*Peter S. Beagle, The Last Unicorn
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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