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Narsaen

Stadtbewohner

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Occupation: Waldläuferin / Bognerin

Location: Talyra

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1

Monday, March 16th 2015, 7:29pm

Rückkehr nach Siam

← mit Tyalfen und Aradon aus Meister Arkendirs Haus


Mitte Chòlar (Langschnee) 514

Mit gemischten Gefühlen blickt Narsaên von der mit wogenden, grünen Smaragd- und Süßgräsern gesäumten hügeligen Erhebung hinunter auf die Ebenen von Arnany. Heimat. Es fühlt sich beinahe an, als wäre sie nie fort gewesen. Beinahe. Weit in der Ferne lassen sich die mächtigen Aêlinorsarnaes, die Lebensbäume, erahnen. In wenigen Tagen würde sie in den Armen ihrer wahrscheinlich sehr besorgten Mutter liegen, sich dem vermutlich tadelnden Blick ihres Vaters stellen müssen. Bald. Zuvor jedoch müssen sie die offene Ebene, voll von zahlreichen Arten an Gräsern, Kräutern und wunderschönen Wildblumen, noch ein wenig weiter durchqueren. Die Laikeda’ya lehnt ihren Kopf gegen den großen, schwarzen des Pferdes, dessen Zügel sie in der einen Hand hält. Die andere krault Faênrîl auf ihrer Schulter, während sie auf die beiden Männer wartet. Nur noch wenige Tage und dann würde sie endlich im Schoße des Wandernden Waldes Ruhe finden. Endlich. Hoffentlich.
Narsaên hat die letzten Monde als eine einzige Tortur in Erinnerung. Ein brechendes Herz fühlt sich so furchtbar an. Nie hätte sie gedacht, wie sehr es schmerzen kann. Anfangs tat es sogar mit jedem Herzschlag weh. Obwohl sie es gewusst hat. Obwohl sie Abschied genommen hat. Obwohl Aradon alles tat, sie mit seiner Zuneigung zu trösten und auf andere Gedanken zu bringen. Sie vermisst den Menschensohn so sehr. Sie ist den ganzen Weg über so beschäftigt mit sich selbst und den Gedanken an Aidan gewesen, dass sie die ansonsten staunenswerten Landschaften, die sie auf ihrer Reise durchquerten, gar nicht wirklich wahrgenommen hat – egal, ob sie auf den breiten Reisewegen schritten oder querfeldein wanderten. Weder das Umfeld Talyras noch die wildromantischen Westgebiete Briocas, dessen tiefe, nahezu unberührte Wälder, wie die windumtosten, schroffen und blau schimmernden Hänge der Vendiskrone. Auch nicht Sûrmera mit seinen dichten, wilden Wäldern des südlichen Larisgrüns – selbst für die Gipfel der Erikarberge fern am Horizont hatte sie allerhöchstens einen kurzen Augenaufschlag übrig. Erst das vertrautere Logren ließ sie ihre Sinne für die lichtdurchfluteten, blühenden Azaleen- und Rhododendronwälder, mit endlosen, sanft gewellten Grasebenen, nach der Überquerung des herrlichen Flusses Farnafares, das erste Mal wieder öffnen.
Doch selbst der Anblick der Heimat konnte ihre Sehnsucht nicht mildern. Ihre Tränen hat sie alle bereits in den ersten beiden Siebentagen geweint. Tyalfen und Virinrîl haben sie geduldig ertragen, ertragen müssen, denn sie vor ihnen zu verstecken, war ihr nicht möglich. Einer von beiden war stets in ihrer Nähe, als hätten sie die Befürchtung, sie würde irgendwann einfach wortlos kehrtmachen, weil sie den Schmerz nicht ertragen konnte. Doch Narsaên ist geblieben. Und mit ihnen zurückgekehrt. Die Tränen hatten zwar aufgehört zu fließen, doch ihr Leib hatte auf andere Weise auf ihre Sehnsucht reagiert. Diese elende Übelkeit, die irgendwann einsetzte als die letzten Tränen versiegten, ist fürchterlicher als jede einzelne Träne zuvor. Aber im Gegensatz zu diesen, kann sie dieses flaue und drückende Gefühl und dessen Folgen zumeist vor den Männern verbergen. An manchen Tagen allerdings fühlte sie sich derart gelähmt, dass sie sich erlaubte, sich von Wolfsauge auf Draûgnar führen zu lassen. Den Großteil des Weges aber legte sie wie ihr Bruder und der Waldläufer zu Fuß zurück. Die Übelkeit begleitet sie zwar immer noch, aber allmählich hat Narsaên sich daran gewöhnt. Außerdem betäubt sie wenigstens den Schmerz ihres Herzens ein wenig. Drei Monde. Die Tage ohne Aidan während der Jagd waren nur der erste Vorgeschmack gewesen. Drei Monde ohne ihn liegen hinter ihr. Und eine Ewigkeit ohne ihn vor ihr.
Narsaên blickt über die Schulter, als Aradon wieder auftaucht und ihr Bruder ihm kurz darauf folgt. Zaghaft huschen ihre Augen über Tyalfens Züge. Sie haben kein Wort mehr über Arúen verloren seit sie die Stadt verlassen haben. Er verbirgt es, doch Narsaên weiß, dass auch sie ihn immer noch beschäftigt. Sie sieht es ihm an, wenn er in Gedanken versunken ist und darüber vergisst, dass sie ihn beobachten kann. Aber ihn darauf anzusprechen, scheint ihr wenig sinnvoll. Was könnten sie auch jetzt noch tun? Neben ihr kommen die Männer zum Stehen und teilen die eigentlich wundervolle Aussicht mit ihr, auch wenn sich die Elbin in diesem Augenblick wenig daran erfreuen kann. Eine Weile stehen sie nur schweigend da, bis Virinrîl das Schweigen schließlich bricht. ‚Bald sind wir zu Hause.‘ Sein Arm legt sich um ihre Taille und zieht Narsaên sanft ein Stückchen näher an sich heran, ihr einen Kuss auf die Schläfe zu drücken. Die Elbin schließt die Augen und atmet tief ein. ‚Ja…‘, ist ihre schlichte Antwort. Es ist nicht so, dass sie sich nicht auf zu Hause freut, auf die Vertrautheit des Waldes, auf ihre Familie. Aber es ist ihr einfach noch nicht gelungen, loszulassen. Immer noch nicht. Der Teil ihres Herzens, den sie Aidan versprochen hat, zerrt immer noch zu stark an dem Rest, während sie versucht, es beieinander zu halten.
Tyalfen? Ara?‘, spricht sie die beiden zögerlich an und schlägt die Augen wieder auf, sie über die weite Ebene wandern zu lassen. ‚Erzählt Vater und Mutter bitte nicht…‘ Narsaên schaut bittend zu ihrem Bruder hinüber. ‚Erwähnt ihn bitte nicht…‘ Eindringlich wird ihr Blick auf Tyalfen und lässt erst locker, als er sachte nickt, ohne dass Narsaên sagen könnte, ob ihm ihre Bitte zusagt oder nicht. Dann legt sie den Kopf leicht in den Nacken und sieht zu Aradon auf. Ein aufmunterndes Lächeln, wenn auch ein wenig besorgt, ziert seine Lippen. Rasch bemüht sich auch Narsaên um eines, ein schmales allerdings will es nur werden, ehe sie ihm ihre Lippen entgegen streckt, als er sich vorbeugt, sie zu küssen. Ja. Bald sind sie zu Hause. Und dann würde sie loslassen können.

16. Chòlar (Langschnee) 514

Ein paar Tage später liegt die Waldläuferin in ihrer Mutter Arm, umgeben von dem vertrauten, gigantischen Aêlinorsarna, glaubt sich schon beinahe von all der liebenden Fürsorge erdrückt. Sie könnte schwören, dass selbst der Lebensbaum sie mit rauschenden Blättern und knarzenden Wurzeln begrüßt hat. Fließend geht ihr honiggoldenes Haar in das der Älteren über, dass man gar nicht sagen könnte, welche der sich ineinander windenden Strähnen zu welcher Elbin gehören. Und hatte Narsaên geglaubt, mit Vorwürfen empfangen zu werden, so belehren ihre Eltern sie eines Besseren. Immer wieder versichert ihre Mutter ihr, wie sehr sie ihre Tochter liebe, wie froh sie sei, dass ihre beiden Kinder wieder wohlbehalten daheim sind. Doch als sie Narsaêns Gesicht in ihre Hände rahmt und es dem kritischen Blick, aus den gleichen grünen Tiefen wie die ihrer Kinder, der fürsorglichen Mutter, die sie nun einmal ist, unterzogen wird, kommt die Laikeda’ya nicht umhin anzumerken, wie schmal und blass ihr kleines Mädchen doch geworden sei. Schuldbewusst schlägt Narsaên die Augen nieder, weil sie nicht weiß, was sie erwidern soll. Sie kann ihrer Mutter wohl kaum erzählen, dass ihr Herz sich nach einem Menschen verzehrt, dass der Kummer um den Verlust ihres geliebten Menschen sie so sehr mitnimmt.
Bevor sie jedoch etwas erwidern kann oder ihre Mutter dazu kommt, nachzubohren, schlingen sich starke Arme von hinten schützend um sie, sie zu halten, als wollten sie die Elbin nie wieder freigeben. ‚Du gehst nie wieder ohne ein Wort fort‘, verlangt ihr Vater bestimmt und dennoch gütig, der sich zunächst ihres Bruders und des Waldläufers angenommen hatte, während ihre Mutter sie in ihre Arme schloss. Narsaêns Wange schmiegt sich an die des Laikeda’ya, dessen lange, braune Haare ihre Haut sanft streicheln, als sie über ihre Schulter fallen. Ergriffen von ihres Vaters Worten, die mehr Besorgnis als Vorwurf erklingen lassen, legt sie ihre Hände auf seine, die sie immer noch fest halten. ‚Nie wieder‘, erwidert sie. Doch ihrem Vater ist es nicht genug: ‚Versprich es mir‘, verlangen seine Worte in ihrem Geiste. Die Waldläuferin antwortet ihm nicht sofort. Stattdessen mustert sie das aufmunternd lächelnde Gesicht ihrer Mutter. Dann schließt sie mit einem ergebenen Seufzen die Augen. ‚Versprochen.‘ Ihres Vaters Umarmung wird für einen Augenblick fester, ehe er sie freigibt. Narsaên blickt sich um und entdeckt, dass die rotbraunen Augen ihres Vaters nicht weniger Fürsorge ausstrahlen, als die ihrer Mutter.
Virinrîl nähert sich einen Schritt, im Augenwinkel Narsaêns Aufmerksamkeit zu erlangen und sie mit fragendem Blick anzusehen. Die Elbin weiß sofort, was ihm auf der Seele brennt, ohne dass er es aussprechen müsste. Unsicher huschen ihre Augen zu ihrem Bruder, sich seiner Unterstützung zu vergewissern und gleichzeitig Halt zu suchen. Dann atmet sie tief ein, geht auf Wolfsauge zu und greift nach seiner ausgestreckten Hand, die sie bedächtig an ihn heranzieht. Sie spürt seine Lippen auf ihrer Stirn, hört ihre Mutter überrascht Luft holen und als sie einen Blick zu ihren Eltern hinüber riskiert, hat ihr Vater den Arm um die Taille ihrer Mutter gelegt und beiden ist ein wohlmeinendes Lächeln zu entnehmen. „Das wird aber auch Zeit“, hört sie ihre Mutter noch sagen. Alles, was in den folgenden Augenblicken zwischen Aradon und ihren Eltern an Worten gewechselt wird, nimmt Narsaên aber nicht wirklich wahr. Ihr Haupt ruht an Virinrîls Brust und ihr nichtssagender Blick liegt auf ihrem Bruder, während ihr Geist versucht, die Sehnsucht zu verdrängen. Es würde jetzt sicher besser werden. Jeden Tag ein kleines bisschen mehr.

Vollkommen erschöpft und ausgelaugt hat Narsaên sich am späten Abend zurückgezogen, nach einem ausgiebigen Bade am nahegelegenen See und dem anschließenden gemeinsamen Essen in den gemütlichen Räumlichkeiten des hohlen Aêlinorsarna, der sich schon vor tausenden Zwölfmonden für ihre Familie zu einer wundervollen Behausung geformt hat. Ihre Mutter hat natürlich ihre Leibspeise bereitet, doch irgendwie schmeckte es fad. Auch wenn es eine Weile gedauert hat, hat sie appetitlos artig aufgegessen, denn jedes Mal, wenn sie inne hielt, spürte sie den auffordernd bohrenden Blick ihrer sich sorgenden Mutter auf sich. Kurz angebunden und oft nur einsilbig hat sie auf die Fragen ihrer Eltern geantwortet und den Großteil des Gesprächs ihrem Bruder und dem Waldläufer überlassen. Die beiden Männer hat sie unten bei ihren Eltern zurückgelassen – natürlich nicht, ohne sich mit Blicken zu vergewissern, dass die beiden ihrer Bitte, die sie Tage zuvor ausgesprochen hatte, nachkommen würden, und Virinrîl einen Kuss zu schenken.
Obwohl es noch nicht einmal einen Zwölfmond her ist, hat sie das Gefühl schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr hier auf ihrer Liegestatt in ihrem Raum geruht zu haben. Narsaên starrt an den beruhigend wiegenden, blätterverhangenen Baldachin ihres Bettes, von dessen vier Enden sich windende Äste schützend über sie wölben, oben verzweigen und sich somit zu einem Blätterhimmel schließen. Das Wechselspiel ihrer Gefühle von der innigen Vertrautheit, wieder eins mit der Heimat zu sein, und der gleichzeitig sehnsüchtig zerrenden Leere in ihrem Herzen, lässt sich schwer in Worte fassen. Narsaên dreht sich auf der zwischen den hölzernen Rahmen ihres Bettes gespannten Matte aus Pflanzenfasern und der darauf liegenden ledernen Decke auf die Seite und streckt ihre Hand nach der Gürteltasche auf dem kleinen Nachttischchen, aus sich in- und umeinander windenden Ästen neben ihrer Schlafstatt, aus. Diese Bewegung reut sie im nächsten Augenblick, als sie wieder eine Welle dieser lästigen, drückenden Übelkeit überkommt. Mit den Fingerspitzen an dem Leder ihrer Gürteltasche, hält sie inne und atmet tief durch, während einige hauchzarte Schweißperlen auf ihrer Stirn entstehen. Nach einem weiteren tiefen Atemzug, öffnet sie die Gürteltasche und zieht das Medaillon heraus. Wieder auf dem Rücken liegend öffnet sie die geschnitzte Hornblüte und betrachtet Aidans Antlitz. Seit ihrer Abreise aus Talyra hat sie es nicht wieder umgelegt, aber in dem einen oder anderen unbeobachteten Augenblick, derer es für ihren Geschmack viel zu wenige gegeben hatte, hat sie einen flüchtigen Blick darauf geworfen, als würde es sie ihrem geliebten Menschen wieder ein Stück näher bringen können. Das hat es natürlich nicht, denn tatsächlich ist die Distanz zwischen ihnen mit jedem Schritt größer geworden.
Narsaên seufzt leise und wehmütig bei dem Gedanken an ihn. Ob er sie genau so sehr vermisst wie sie ihn? Ob Aidan dem Versprechen seinem Vater gegenüber wohl schon nachgekommen ist und eine Andere zur Frau genommen hat? Das wäre jetzt der rechte Moment, hier, endlich allein, ihrer Sehnsucht durch Tränen Ausdruck zu verleihen. Doch da ist nichts. Keine Träne, die ihren Blick verklärt. Und das ist gut so. Denn nur einen Herzschlag später schließt sie erschrocken das Medaillon und versteckt es vorsichtig unter ihrem Rücken, als sie jemanden näher kommen hört.
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Tyalfen

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2

Wednesday, March 18th 2015, 1:29pm

Vater ist es sofort aufgefallen, Tyalfen sieht es an seinem Blick, seinen Augen die sich geweitet an die Seinen heften, samt der ungläubigen Frage, die in ihren brennt. Ja es ist wahr, nickt Tyalfen matt und als seines Vaters Blick nicht von ihm ablassen will, greift seine Linke an den Ausschnitt seines Wamses und zieht sich das Leder für einen kurzen Augenblick von der Brust. Naralîns Kuss ist fort, genau wie die güldenen Sprenkel, die sie in seine Augen gezeichnet hatte. Geblieben ist nur die hässliche Narbe. Kann ich für ein Weilchen bei Euch bleiben? Tyalfens Frage soll dem Vater zuvorkommen, dem zweifelsfrei in der Seele brennt zu erfahren, was aus der Suche seines Sohnes nach seiner Gemahlin geworden ist. Doch das hat Zeit, viel Zeit. Hinter ihnen liegt eine beschwerliche Reise, eine Flucht vor dem Winter, der sich bald an ihre Fersen heftete. An den Seelen von Schwester und Bruder zerrte er längst, denn wie grausam kalte Nadelstiche des Frostes wütet die Wehmut in ihren Herzen. Selbst jetzt als er sich Handschuhe und Armschützer abstreift, wollen seine Augen immer noch nach einem silbrigen Band suchen, dass er schon drei Monde nicht mehr besitzt. Es vermisst es, vermisst sie … Arúen.

Natürlich kannst Du das! Willkommen zuhause, mein Sohn. Du wirst hier immer einen Platz haben. Aêrajil schließt seinen Sohn für einen langen Augenblick in die Arme, glücklich seine Kinder wieder bei sich zu haben. Doch er weiß sich auch bei Aradon zu bedanken, der ausgezogen war, seine Tochter heimzuholen und Wort gehalten hatte. So will er dem Waldläufer auch nicht länger nachtragen, Narsaên nicht aufgehalten zu haben. Sie ist wieder da, sie beide sind es und das ist alles, was zählt. Dann muss er seine törichte Ausreißerin endlich auch selbst in die Arme schließen, mag Saliwen die geliebte Tochter auch längst noch nicht freigeben. Nur die Götter und seine Gemahlin wissen, wie sehr er sich um sie gesorgt hatte.

Es gibt nicht ausreichend Worte zu beschreiben, was es Virinîl bedeutet, im Hause Laifaryn wieder willkommen zu sein. Als er ihr Zuhause das letzte Mal betrat, war er es nicht. Wortlos und abweisend hat ihn ihr Vater nur angesehen, als … unwichtig, es soll vergessen sein. Aber es ist nur die erste Hürde und so lächelt er nur scheu unter Aêrajils Dank. Er lässt dem Vater alle Zeit, seine Tochter in die Arme zu schließen. Doch dann tritt er an sie heran und reicht ihr seine Hand. All die Monde hat er sie zerrissen gesehen, anfangs noch suchte ihr Kummer den Weg bitterlicher Tränen, bis sie keine mehr hatte, die geweint werden konnten. Dann begann sich ihr Leib ihrem Kummer zu beugen, dass sie an manchem Tag zu kraftlos war, mit ihnen Schritt zu halten und auf Wildherz reiten musste. Er hatte ihren Bruder gebeten, doch etwas für sie zu tun, ihr etwas zu geben, damit es aufhörte. Tyalfen aber hatte gesagt, dass nur die Zeit, Verständnis und Mitgefühl ihr helfen würden und offensichtlich schien er zu wissen, wovon er sprach. litt an derselben Krankheit, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollte. Inzwischen ist Narsaên ganz blass und schmal geworden. Das muss ein Ende haben. Er will ihr Fels in der Brandung sein, an dem alles zerschellt, was ihr Kummer bereiten will. Er will sie diesen Sterblichen vergessen machen, endgültig. Er zieht sie an sich, als sie seine Hand ergreift und küsst liebevoll ihre bleiche Stirn. Ihre Mutter hat er sofort auf seiner Seite. Nun ja, dem Blick einer Mutter entgeht wohl auch nicht, wenn ein Mann ihrer Tochter zärtlich nachblickt. Bei ihrem Vater ist Virinîl hingegen keineswegs sicher.
Ihr kennt mich schon mein ganzes Leben lang, beginnt der Waldläufer. Und genauso lang kenne ich Eure Tochter. Und als die Zeit kam, den einen oder anderen Blick auf ein Mädchen zu riskieren, hat immer sie meine Augen eingefangen und bald auch mein Herz. Als sie ging, bat ich sie um Erlaubnis, um sie werben zu dürfen. Und nun da sie wiedergekommen ist, ist es an der Zeit, auch Euch endlich um ihre Hand zu bitten. Ich will sie zur Frau, sie und keine Andere. Mit ihr will ich alle Tage durchs Leben gehen, was immer es auch bringen mag. Mit ihr will ich Kinder zeugen und aufwachsen sehen und deren Kinder und Kindeskinder. Mit ihr bin ich bereit für die Ewigkeit. So bitte ich, Aradon aus dem Hause Sirihonfar, das Haus Laifaryn um seine schönste Blüte. Ich bitte Euch um Narsaên.

Aêrajils Blicke ruhen ernst und undurchdringlich auf dem Waldläufer, an dessen Brust sich seine Tochter vertrauensvoll schmiegt und er kann nicht leugnen, ganz und gar nicht erpicht darauf zu sein, sie herzugeben. Sie ist gerade erst heimgekehrt und schon soll er sich mit dem Gedanken vertraut machen, sie einem anderen Mann zu überlassen? Sein kleines Mädchen? Sind sie nicht ein schönes Paar, flüstert seine Gemahlin in seinem Geist und schmiegt sich von Virinrîls Worten ergriffen an seine Seite, dass er innerlich mit den Augen rollt. Frauen! Gut gesprochen hat der junge Mann fürwahr und auch keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Absichten gelassen. Doch bevor er nicht ganz vertraulich mit seiner geliebten Tochter gesprochen hat und sei es nur zu erfahren, wie eilig es ihr mit der Hochzeit überhaupt ist, wird sich Aradon gedulden müssen. Und er wird sich gedulden müssen, denn Narsaên ist völlig erschöpft von der Reise. Gut Aradon, das Haus Laifaryn wird Deine Bitte erhören und sich beratschlagen. In einem Siebentag wirst Du die Entscheidung erfahren. Heute aber sollst Du unser Gast sein und an unserer Tafel speisen.

Lang haben sie beisammen gesessen, gespeist, getrunken, vor allem aber geredet. Tyalfen hat ausführlich von dieser fernen Menschenstadt berichten müssen, über alles, was er unter den Sterblichen erlebt hatte – fast alles. Im Gegensatz zu Aneirin bleibt der Schreinerbursche vollkommen unerwähnt, ganz so wie sich Narsaên erbeten hatte. So erzählt Tyalfen weder vom Tanzabend, noch das er an ein Schandholz gebunden ward. Dies soll auch nicht der Abend sein, seinen Eltern zu erzählen, was im Nar’sarnis geschehen war oder wie es dazu kam. Dafür aber schildert er das Alltagsleben unter den Menschen in bildhaften Worten, dem Zusammenleben mit einem Bäckersohn, der ihm ein enger Freund geworden war, seiner Arbeit im Haus der Heilung und wie er dort eine Tochter des Wandernden Waldes fand. Alana weckt besonders Mutters Neugier. Auch ihr ist seine Veränderung also nicht entgangen. Wie könnte es auch! Und sie alle wussten, was das für ihn und Naralîn bedeutete. Unermüdlich beantwortet Tyalfen ihre Fragen, ahnt, was sie herauszuhören versucht und hütet sich wohlweislich, Arúen auch nur mit einem Sterbenswörtchen zu erwähnen. Eines Tages wird auch sein Herz ihren Namen nicht mehr rufen.

Nicht sonderlich lange, nachdem sich Virinrîl verabschiedet und Narsaên sich zurückgezogen und Vater und Sohn die Weingläser geleert haben, lösen sie die Tafel auf. Mutter belädt ihn mit zwei herrlich dicken, weichen Pelzdecken und bedeutet ihm, solange bei ihnen zu wohnen, wie er nur wolle. Als er jedoch darüber nachdenkt, seine Heimstatt Narsaên und Virinîl mit ihrer Vermählung zu überlassen, sieht sie ihn mit diesem schrecklich besorgten Blick einer Mutter an, der kaum zu ertragen ist.
Leise klopft er an den geschwungenen Durchgang zu Narsaêns Gemach und hebt vielsagend die Arme, über denen die Decken liegen. Kann ich bei Dir schlafen?
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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Narsaen

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3

Thursday, March 19th 2015, 8:35pm

Narsaêns fragender Blick auf ihren Bruder weicht ob seiner Frage einem wohlmeinenden Lächeln. ‚Gerne‘, erwidert sie und erhebt sich, das Medaillon unauffällig mit der Hand greifend, das seinen Weg sofort wieder in die Gürteltasche findet. Als sich die Elbin zu ihrem Bruder umdreht, legt dieser gerade zwei schöne Felldecken auf ihre Schlafstatt. Einen Augenblick lang stehen sie einfach nur da und blicken beide auf die Decken. Dann aber fasst Narsaên sich, legt die Hände auf ihres Bruders Schultern, ihm mit sanften Druck zu bedeuten, sich auf den Rand ihres Bettes zu setzen. Sie selbst kniet sich auf die Matte hinter ihn und beginnt, die wenigen geflochtenen Strähnen in Tyalfens Haar zu entwirren. Wenigstens muss sie das Lächeln nicht aufrechterhalten, denn nach einem Lächeln ist ihr derzeit nicht zumute. Liebevoll fährt sie mit ihren schlanken Fingern zum Abschluss durch sein langes Haar, ehe sie die Arme von hinten um ihn legt und ihre Wange an seine schmiegt. Seine Nähe tut so gut. Vielleicht, weil er nachfühlen kann, wie sie sich fühlt? Vielleicht, weil er vermutlich ganz ähnlich fühlt.
Hilfst du mir?‘, gibt sie ihn gang langsam wieder frei. Auf dem Bett dreht sie sich herum und beginnt eine ihrer Strähnen zu entflechten, während sie das bedächtige Ziehen an der anderen Kopfseite bemerkt, an der Tyalfen arbeitet. Schließlich ist auch ihr Haar frei von jeglichem Schmuck. Und da die Dunkelheit ohnehin bereits heraufgezogen ist und beide abgesehen von ihrem Seelenschmerz auch körperlich erschöpft sind, entkleiden die Geschwister sich und huschen gemeinsam unter die weichen Felldecken. Im Arm ihres Bruders schmiegt Narsaên sich an seinen Leib, ganz so wie früher, wenn er mal bei ihr schlief. Sie hat es immer geliebt, ihn an ihrer Seite zu haben. Denn dann hatte sie immer das Gefühl, dass er ganz allein ihr gehört, nur für sie da ist, während er sonst doch häufig so sehr mit seinen Studien und der Arbeit bei Arkendir beschäftigt gewesen ist. Und heute, so weiß sie, ist nicht er nur für sie da, sondern auch sie für ihn. Da fragt sie sich, ob er sich früher vielleicht auch so gefühlt hat, ohne dass sie es bemerkt hatte.
Obwohl sie erschöpft ist, kann Narsaên lange nicht einschlafen. Stattdessen starrt sie aus geöffneten, müden Augen vor sich hin und ruft sich immer wieder Bilder der vergangenen Monde in Erinnerung, während sie zugleich dem Regen lauscht, dessen Tropfen unaufhörlich auf das Blätterdach des Lebensbaumes prasseln. Sie weiß, dass Tyalfen ebenfalls nicht schläft. Sie spürt es an seiner Atmung, seinen Regungen und seinem Geiste, der mindestens genauso beschäftigt ist wie der ihre. ‚Tyalfen?‘ Seine Finger auf seinem Oberarm zucken kurz ertappt, ehe er mit einem leisen ‚Ja?‘ antwortet. ‚Kann ich dich etwas fragen? Wegen Arúen?‘ Es vergehen drei, vier Herzschläge, ehe ihr Bruder erwidert: ‚Wenn du vor Mutter und Vater ihren Namen niemals erwähnen wirst, erzähle ich dir alles, was du wissen willst.‘ Narsaên dreht den Kopf an seiner Brust so, dass sie ihn ansehen kann und mustert seine zurückblickenden Augen. ‚Niemals‘, verspricht sie, denn sie hatte von ihm selbiges bezüglich Aidan erbeten. Und dann antwortet er auf ihre Fragen und erzählt ihr von seinen Gefühlen von den Hohepriesterin, von den Worten, die ihn aufhorchen ließen, von seinem Vorschlag zu Pferde, von ihrer Ablehnung und von ihrem Namen, ihrem bedeutungsvollen Namen, der Narsaên allmählich verstehen lässt. Deutlich schwingen seine Gefühle dabei mit, den ihren so ähnlich, dass die Elbin sich auf den Bauch dreht und dabei ein Stückchen höher rutscht, um ihren Bruder fest in die Arme zu schließen. Eine ganze Weile liegen sie eng umschlungen beieinander, bis die Erschöpfung sie schließlich übermannt und sie in eine erlösende Ruhe fallen.

17. Chòlar (Langschnee) 514

Irgendwann am Morgen wird die Waldläuferin geweckt. Nicht von jenem neckischen Lichtertanz erster Sonnenstrahlen, denn die haben ihren Weg noch nicht durch den wolkenverhangenen Himmel gefunden. Nein, es ist dieses elendig drückende Gefühl in Narsaêns Brust, das sie unangenehm wachrüttelt. Einige Augenblicke versucht sie sich zusammenzureißen und liegt noch in eine leichte Unruhe verfallen neben ihrem noch in Trance versunkenen Bruder, bis sie sich schließlich aus seinem Arm schälen muss. Eilig streift sie sich ihr ledernes Kleid über und verlässt rasch aber dennoch so gut wie lautlos die Räumlichkeiten. Leise huscht sie über den nassen Waldboden, den der Regen der letzten Nacht benetzt hat, durch den dunst- und nebenverhangenen Wald bis sie schließlich innehält, sich draußen unweit des heimischen Aêlinorsarna zu übergeben, wieder einmal. Seufzend wischt sie sich mit dem Handrücken über den Mund, scharrt Erde und Blätter über ihr Unglück und begibt sich zu diesem Dickicht mit großen, wie Schalen geschwungenen Blättern, in denen sich der Regen gesammelt hat und bereitsteht wie die Waschschale in Aidans Zimmer an jedem Morgen. Mit ihren Händen schöpft sie Wasser, sich den Mund zu waschen und ihr Gesicht mit dieser belebend kühlen Nässe zu benetzen. Dankbar streicht sie über die Blätter, ehe sie sich wieder abwendet, um zurückzukehren, bevor sich ihre Eltern sorgen und beginnen, unangenehme Fragen zu stellen.
Sie stellen keine Fragen, vielleicht haben sie noch nicht einmal bemerkt, dass die Elbin fort war. Nur Virinrîl, der bereits da ist, beäugt sie für einen kurzen Augenblick skeptisch oder besorgt, vielleicht auch auf beide Weisen. Der Kuss, den sie ihm schenkt, kann diesen Blick aber vertreiben. Er soll ihn haben, jeden Kuss, den er sich wünscht, auch wenn sie ganz tief in sich lieber ihren geliebten Menschen küssen würde. Aber jeder Kuss bringt sie dem Waldläufer ein wenig näher, da ist sie sich sicher. Und irgendwann wird sie bestimmt auch diese Hitze und das aufregende Kribbeln bei der Berührung seiner Lippen spüren. Nach dem Frühstück, fad und schal wie schon das Abendessen zuvor, zumindest für Narsaén, sitzt Tyalfen mit Feder und Tinte am Tisch, um seinem Menschenfreund zu schreiben. Wortlos setzt sie sich neben ihren Bruder und liest die Worte mit, die er schreibt. Er schreibt von ihrer langen Reise, die ohne besondere Vorfälle verlaufen ist, schreibt von ihrer sicheren Ankunft und der Neugierde ihrer Eltern auf das Erlebte in der Stadt. Irgendwann blickt Tyalfen fragend auf und ohne, dass er ein Wort aussprechen muss, weiß sie, was er wissen will. Wolfsauges Hand, die sich ausgerechnet in diesem Augenblick auf ihre Schulter legt, als er sie fragt, ob sie mit ihm spazieren gehen möchte, lässt sie Tyalfen gegenüber nur stumm den Kopf schütteln, ehe sie aufsteht und sich abwendet.

Diesen und die kommenden beiden Tage verbringen die Geschwister und Aradon damit, sich von der Reise zu erholen. Jeden Tag kommt der Waldläufer vorbei, um an Narsaêns Seite zu sein. Sie spricht es nicht aus, doch beinahe schon wünscht die Laikeda’ya sich, er bliebe doch gut und gerne den nächsten Tag zu Hause. Sie hat kein Recht dazu, ihn abzuweisen, außerdem meint er es ja nur gut, will sie von ihrer Sehnsucht ablenken. Dabei möchte sie gar nicht viel. Es würde ihr genügen den Tag über am Fenster zu sitzen und dem Regen zuzusehen, der abgesehen von kurzen Pausen stetig fällt, als weine der Himmel an ihrer statt. Er weint nicht wirklich, weiß Narsaên, denn es ist lediglich Regenzeit – Winter, würde man in Talyra sagen. Nur zu gerne würde sie das, was Tyalfen und Aidan ihr als Schnee und Eis beschrieben haben nun mit eigenen Augen sehen. Ob er die ihr nun so ferne Welt wohl schon weiß gezaubert hat?
Gemeinsam mit den Eltern des Hauses Laifaryn nehmen die drei Rückkehrer die regelmäßigen Mahlzeiten ein und verbringen zwischendurch immer wieder Zeit mit ihnen, in denen sie weitere Momente des Lebens in der Stadt mit ihnen teilen. Zwischendurch deswegen, weil Tyalfen fast den gesamten Tag bei Meister Arkendir verbringt, der ihn sicher vom Schopfe bis zum Zeh untersucht und ihn mit Fragen löchert, um genau zu erfahren und zu verstehen, wie ihr Bruder Naralîns Kuss losgeworden ist. Wenn es nach Narsaên ginge, würde sie kein Wort mehr darüber verlieren. Tyalfen hat seine Gemahlin freigegeben und dadurch auch ein ganzes Stück weit sich selbst. Er ist sogar wieder bereit, sein Herz neu zu verschenken. Was könnten sie sich mehr wünschen? Saliwen versucht es alsbald auch bei ihrer Tochter, genau dies zu erfahren. Doch wie versprochen, erwähnt die junge Elbin Arúen mit keinem Wort, verliert sich nicht einmal in Andeutungen. Es ist an ihrem Bruder, von der Hohepriesterin, nein, von Winterwinds Tochter zu erzählen, wenn er es denn wünscht.
Virinrîl nutzt jede Gelegenheit, Narsaên für sich allein zu gewinnen, um gemeinsam mit ihr durch die vertraute Heimat zu schlendern, auf mit ihr auf Draûgnar durch den Regen zu reiten oder einfach nur des Abends beieinander zu liegen und wenn schon keinen klaren Sternenhimmel, so wenigstens die kleinen, quirligen Glühwürmchen unter dem Blätterdach des Waldes zu betrachten. Zumindest, wenn die Waldläuferin sich nicht gerade zurückgezogen hat, um zu ruhen. Und Narsaên ruht viel in diesen Tagen. Nicht immer in erholsamer Trance. Oft liegt sie einfach auch nur da, das geöffnete Medaillon in ihrer Hand, und betrachtet Aidans Antlitz. Sie weiß, dass sie es sich selbst damit nicht gerade einfacher macht. Aber sie kann nicht anders. Außerdem muss sie diese seltenen Momente dafür nutzen. Denn sobald Aradon sie am Abend verlässt, denn in ihrem Heim zu nächtigen kommt nicht in Frage, solange ihr Vater noch nicht über seinen Antrag entschieden hat, so liegt des Nachts ihr Bruder bei ihr, sobald sie sich zurückgezogen hat, stumm die fortwährende Sehnsucht mit ihr zu teilen, ihr Halt zu geben und sich ihres Haltes zu versichern. Da braucht es keine Worte zwischen ihnen.

20. Chòlar (Langschnee) 514

Am Mittag hat Narsaên sich nach dem gemeinsamen Essen, das merkwürdigerweise immer noch so fürchterlich fad schmeckt, wieder zurückgezogen. Sie sei müde, hatte sie rasch angemerkt, nachdem sie den Blick ihres Vater auf sich ruhen spürte. Über irgendetwas wollte er sicher mit ihr reden, so wie er ausgesehen hatte. Aber Narsaên ist nicht nach Reden zumute. Denn Reden bedeutet, sich auch Fragen stellen zu müssen. Fragen, über die sie sich derzeit einfach keine Gedanken machen mag. Fragen, die unangenehm werden könnten. Fragen, die sie dazu nötigen könnten, zu lügen oder zumindest gewisse Tatsachen zu verdrehen. Lieber liegt sie hier auf ihrer Schlafstatt und betrachtet Aidans Antlitz. Wieder einmal. Und sicher nicht zum letzten Mal. Und da ist es schon wieder, diese nervige Übelkeit. Will sie etwa so lange andauern, bis sie endlich in der Lage ist, ihren geliebten Menschen loszulassen? Rasch rutscht sie an den Rand des Bettes und angelt nach der Schale, die sie sicherheitshalber unter ihre Schlafstatt geschoben hat, für Momente wie diesen, in denen sie es nicht mehr rechtzeitig nach draußen schafft. Mit geschicktem Griff fasst sie ihr Haar im Nacken zusammen, gerade noch rechtzeitig. Denn schon will sich die Übelkeit Luft machen. Seufzend wischt Narsaên sich anschließend mit einem Tuch über den Mund und schließt seufzend die Augen, in dem Versuch ihren Körper wieder ein klein wenig zu entspannen.
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Tyalfen

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4

Saturday, March 21st 2015, 11:39am

Geht es Dir immer noch nicht besser? Voller Sorge blickt Tyalfen auf seine Schwester und löst sich schließlich aus dem Durchgang. Er hatte gehofft, nun da die Strapazen der langen Heimreise hinter ihnen liegen und sie die Geborgenheit der Familie und Heimat spürt, würde sich ihr Magen beruhigen und erholen. Aber es bessert sich nicht. Sie gibt sich redlich Mühe, es vor ihm zu verbergen, vor ihnen allen. Doch damit muss jetzt um ihrer selbst Willen Schluss sein. Er darf sie natürlich nicht gegen ihren Willen behandeln. Aber er muss nicht vorgeben, nichts zu bemerken, wenn es ihr nicht hilft und appelliert an ihre Vernunft. Mutter sagt, Du bist auch des Tags schnell müde und ziehst Dich zurück. Liebevoll streicht seine Hand über ihr Haar, als er sich neben sie auf die Bettstatt setzt. Woraus soll Dein Leib auch Kraft schöpfen, wenn er keine Nahrung bei sich behalten kann. Von Luft allein kann er nicht existieren. Quäl Dich nicht länger, Schwesterchen und lass mich nicht tatenlos zusehen, wie Du schwindest. Mit sanftem Druck zwingt er sie, ihn anzusehen und sie wird weder Vorwurf noch Missbilligung auf seinen Zügen finden, nur die Liebe eines Bruders in seinem weichen Blick. Da lehnt sie ihre Wange an seine Schulter und schlingt ihre Arme um ihn – seine tapfere, kleine Schwester. Eine ganze Weile wiegt er sie in seinen Armen so wie früher und bedrängt sie nicht. Sie braucht die Gewissheit. jederzeit Halt und Trost zu finden, wenn sie sich den Dingen stellen soll, die ihr zu schaffen machen. Und sie haben alle Zeit der Welt.
Dann endlich stimmt sie zu, sich untersuchen zu lassen und legt sich folgsam auf ihr Lager. Tyalfen lächelt ihr aufmunternd zu, bevor er die Gnade Aniras zu sich ruft. Und wie er das tut und alle Barrieren seines Geistes fallen lässt, spürt er nur zu deutlich ihre unbezähmbare Sehnsucht nach dem Sterblichen, so stark, dass er länger als gewöhnlich braucht, sich ganz auf die Gabe zu konzentrieren.
Dir fehlt nichts, sagt er schließlich mit scheuem Lächeln und braucht selbst einen Moment, zu fassen, was er gesehen hat. Dass dies so schnell geschehen könnte, damit hat er wahrlich nicht gerechnet. Deinem Leib machen nur die neuen Umstände zu schaffen, ganz sanft legt sich seine warme Hand auf ihren Bauch direkt unter ihrem Nabel und sein Lächeln gewinnt an Zuversicht und Zärtlichkeit. Die Frucht der Liebe wächst unter Deinem Herzen. Mein Schwesterchen, Soris hat Dich mit einem Kind gesegnet.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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Narsaen

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5

Saturday, March 21st 2015, 5:44pm

Mit vor völliger Verblüffung offen stehendem Munde starrt Narsaên ihren Bruder aus unruhigen Augen an, während ihr Geist verarbeitet, was er ihr soeben offenbart hat. Ihr fehlt nichts. Ihr Zustand rührt nicht daher, dass ihr etwas fehlt, nicht daher, dass sie jemanden verloren hat. Nein, stattdessen ist sie mehr als jemals zuvor, hat ihr jemand ein Geschenk gemacht. Jemand… Es ist die Wärme von Tyalfens Hand auf ihrem Bauch, die sie an sich hinabblicken lässt. Ihre Rechte legt sich zögerlich auf seine Hand, woraufhin sie mit fragendem, unsicherem Blick aufschaut. Nur kurz kann sie ihn ansehen, dann streifen ihre Augen umher, sehen nicht wirklich, während sie nach Worten sucht. Noch immer fassungslos beschäftigt sie mehr als der Umstand eine brisante Frage. ‚Ist es… Ich hab… Was…‘ Da schließt sie kurz die Augen, holt tief Luft und fleht innerlich, Tyalfen möge die Antwort kennen. Er ist ein Aniran, er hat es gesehen, das Kind, ihr Kind, ihres und… Flehend ist ihr Blick als sie ihre Augen wieder öffnet und ihren Bruder direkt ansieht. ‚Wessen Kind?
Nur ganz flüchtig glaubt die Elbin auf Tyalfens Gesicht einen Hauch von Überraschung bemerkt zu haben. Aber der Augenblick war so kurz, dass sie sich auch irren mag. Sein tiefes Seufzen allerdings ist nicht zu überhören. Noch immer liegt kein Vorwurf in seinem Blick, als er sie liebevoll anschaut, wenn auch das Lächeln ganz dünn geworden ist, dass sie zu wissen glaubt, dass ihr Bruder es nur ihretwegen aufrechterhält. Seine Hände nehmen ihre Hand und halten die Finger fest um sie geschlossen, als er ihre Finger an seine Lippen führt und sanft küsst. Er habe gesehen, dass sich schon Finger und Zehen bilden, antwortet er ihr nach einer Weile. Und selbst ohne genau zu wissen, wann die beiden Waldläufer beieinander gelegen haben, so weiß er doch sehr genau, wann Wolfsauge in Talyra eintraf. ‚Der Fötus ist zu weit entwickelt, um reinen Elbenblutes zu sein…‘ Bei diesen Worten setzt Narsaên sich rasch auf und bedenkt ihn mit einem Blick, der darum bittet, seine letzte Aussage zu bestätigen, damit sie sicher gehen kann, sich nicht verhört zu haben. ‚Es kann nicht Virirîls Kind sein‘, tut Tyalfen ihr den Gefallen.
Einige Herzschläge lang braucht Narsaên, seine Worte wirklich zu begreifen. Und dann rinnen Tränen über ihre bleichen Wangen. Doch dieses Mal sind keine Tränen der Trauer, nicht der Sehnsucht. Nein, dieses Mal sind es Tränen des Glücks und der Freude. Und endlich zeigen ihre Lippen ein Lächeln, kurz bevor sie schluchzend die Arme um ihren Bruder schlingt, ihn fest an sich zu drücken. ‚Das ist wundervoll‘, findet sie und hat sich seit Monden nicht mehr so erleichtert gefühlt. Sie trägt Aidans Kind, das schönste Geschenk, das ihr geliebter Mensch ihr je hätte machen können. Wenn das kleine Leben in ihr der Grund für ihre Übelkeit ist, dann würde sie es nur allzu gerne ertragen. ‚Wundervoll…‘, wiederholt sie. ‚Das ist…‘ Da erst stutzt sie und starrt ins Leere. Es ist Aidans Kind, Aidans… Doch Aidan ist nicht hier, soll nicht der Mann an ihrer Seite sein. Er soll es nicht sein…
Erschrocken zieht sie sich von ihrem Bruder zurück und springt auf. Wie ein eingepferchtes Wildtier geht sie neben dem Bett auf und ab, die Arme schützend um ihren eigenen Körper geschlungen. ‚Das darf nicht sein… Das geht nicht… Wie soll ich… Was wird er sagen?‘ Längst ist ihre emotionale Barriere der Hilflosigkeit zum Opfer gefallen. ‚Er darf es nicht erfahren‘, bleibt sie vor ihrem Bruder stehen und starrt ihn an. ‚Niemand darf es erfahren‘, fügt sie hinzu und tigert weiter auf und ab. Und während Tyalfen vorsichtig versucht an ihre Vernunft zu appellieren, dass sie es wohl kaum vor ihm und ihren Eltern verbergen könne und auch nicht verbergen dürfe, laufen nun Tränen der Verzweiflung und Hilflosigkeit über ihre Wangen. Bedächtig greift Tyalfen nach ihrer Hand und zieht sie wieder sanft neben sich und in seinen Arm, sie tröstend zu halten und zu beruhigen. „Er darf nicht erfahren… Was wird er sagen…?“, murmelt sie immer wieder, während Tyalfen sie sanft im Arm wiegt. ‚Du muss dich beruhigen. Ich bin bei dir. Niemand wird dir etwas zu Leide tun. Ich gebe auf dich Acht.
Die Tränen und das Schluchzen versiegen nach einigen Augenblicken und ihr Körper in seinem Arm bebt nur noch leicht, als er wagt hinzuzufügen: ‚Aber wir müssen es ihnen sagen. Du musst…‘ ‚Narsaên?‘ Die Elbin versteift sich augenblicklich bei dem Ruf ihrer Mutter und starrt fest auf den Boden ihres Zimmers, als sie ihre Schritte in ihrem Rücken näher kommen hört. ‚Narsaên, Schatz, Virinrîl ist eingetroffen und fragt nach dir.‘ Verzweifelt fest wird der Griff ihrer Hand um die ihres Bruders, als ihre Mutter in dem Durchgang ihres Gemachs zum Stehen kommt. ‚Kind, ist alles in Ordnung?‘ Narsaên spürt, wie Tyalfen über die Schulter zu ihrer beider Mutter blickt, die sicherlich herzerweichend besorgt aussieht. Auch sie muss es wohl spüren. Ihre Hilflosigkeit. ‚Wir kommen gleich…‘, ist es Tyalfen, der ihr antwortet. Saliwen zögert noch einige Augenblicke, ehe sie sich mit einem besorgten Nicken abwendet. Der anschließende Kuss ihres Bruders auf Narsaêns Stirn, vermag zumindest ihre Starre wieder zu lösen. Dann wischt ihr ihr auch noch die letzten Tränen fort. ‚Komm. Besser, wir kümmern uns gleich darum.
Zögerlich und erst nachdem Tyalfen ihr nochmals versichert an ihrer Seite zu sein, erhebt Narsaên sich und lässt sich in seinem Arm hinunter in den gemeinsamen Wohnraum führen, indem nicht nur Virinrîl, sondern auch Mutter und Vater auf sie warten. Narsaên wagt es nicht, auch nur einen von ihnen anzusehen, presst stattdessen die Lippen aufeinander und steht wie erstarrt da. ‚Was fehlt dir, Liebes, dass du weinen musst?‘, kommt ihre Mutter auf sie zu, greift ihre Hände und geht vor ihr in die Hocke, ihren Blick zu suchen. ‚Mutter… ich…‘, schaut Narsaên sie an. Und der tiefbesorgte, aber liebende Blick, den sie trifft, verschlägt ihr die Sprache, so dass sie nur die Hand hebt, sie auf ihren Unterbauch zu legen, ganz so, wie Tyalfen es zuvor getan hat. Ungläubig verfolgen Saliwens Augen diese Geste, blicken wieder zu ihr auf und dann zu Tyalfen. ‚Ist das wahr?‘ Tyalfen nickt. ‚Ja, Soris hat Narsaên mit einem Kind bedacht.‘ Die Ungläubigkeit im Blick ihrer Mutter weicht Freude, ähnlich derer, sie zuvor in ihren eigenen Augen gelegen hatte. Bis… Ja, bis… ‚Ein Kind? Liebling, hast du das gehört? Schatz, das ist ein wunderbares und großzügiges Geschenk. Deswegen solltest du doch nicht weinen‘, schließt ihre Mutter sie in ihre Arme. Narsaên erwidert ihre Umarmung nicht. Stattdessen hebt sie den Blick und schaut zu Vririnrîl, der sie mit der gleichen Frage in seinen Augen anschaut, mit der sie zuvor ihren Bruder bedacht hat. Es ist die Verzweiflung und Hilflosigkeit auf ihren Zügen, gepaart mit einem bedauernden Blick, die ihm seine Frage beantwortet.
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6

Sunday, March 22nd 2015, 12:53pm

Ein Kind? Aber … Virinrîl spürt seinen Puls hochschnellen, so stark, dass er ihn in jeder Faser seines Leibes spürt, bis in seinen Geist, wo er zu einem dumpfen Trommeln wird. Das könnte die Krönung ihrer Liebe sein … seiner Liebe. Aber er ist nicht der alleinige Anwärter auf dieses Glück. Fiebernd starrt er sie an, wartet auf das erlösende Nicken, ein Lächeln, irgendwas ... nur nicht auf dieses Bedauern in ihrem Blick. Was soll das? Was ist das für ein Spiel? Wieso tust Du mir das an?
Saliwen und Aêrajil wechseln ratlose Blicke. Wie sollen sie auch verstehen, was zwischen den Waldläufern vor sich geht. Vor wenigen Tagen bat Aradon sie, um die Hand ihrer Tochter, wich kaum von ihrer Seite und pflegte offenkundig einen weit intimeren Umgang mit Narsaên, als ihnen bekannt war. Wieso nur will er jetzt aber dieses unermesslich kostbare Geschenk, mit dem die Götter diese Verbindung segnen nicht schätzen?
Tyalfen hingegen hat Aradon sehr genau beobachtet und schiebt sich nun zwischen ihn und seine Schwester, da die Anspannung glühend in dessen Augen erwacht. Virinrîl, bitte, tu nichts Unbedachtes. Nichts unbedachtes, ballen sich des Waldläufers Fäuste und schon im nächsten Augenblick bahnt sich dessen Verzweiflung einen Weg an die Oberfläche. Das hättest Du ihr sagen sollen, schmettert er ihrem Bruder zornig entgegen. Sie ist nur Deinetwegen in die Menschenlande gegangen und Du hättest sie behüten müssen. Du hast versagt! Virin… Mein Vater wird nie ein Mischblut in unserer Linie dulden, niemals! Und Du hast es zugelassen. Es gibt nur einen Ausweg! Die beiden Männer sind aufeinander zugegangen und nun packen Aradons Hände unnachgiebig fest Tyalfens Oberarme. Du musst es töten!
Saliwens Augen weiten sich entsetzt, doch gleichzeitig legen sich ihre Arme schützend ihre Tochter, halten sie ganz fest. Sie wagt nicht, auch nur für einen Wimpernschlag den Blick von den Beiden zu nehmen, ihrem Sohn und dem Waldläufer, aber sie will nicht zulassen, dass ihrer Tochter ein Leid geschieht.
Du weißt nicht, was Du da sagst. Beruhige Dich bitte, wir finden eine … Töte es! Das bist Du uns schuldig! Entsetzt stößt Tyalfen den Waldläufer von sich. KOMM ZU DIR, donnert er Wolfsauge so heftig entgegen, dass dieser die Hände an seine Schläfen reißt und wankt. Bitte Virinrîl, hör mir zu. Wir gehen gemeinsam zu Deinen Vater und reden mit ihm. Wir werden einen Weg finden. Langsam lässt der Waldläufer die Hände sinken und sucht Narsaêns Blick. Es liegt etwas auf dessen Zügen, das selbst Tyalfen in diesem Moment den Atem anhalten lässt. Du weißt, was Du tun musst, mahnt Aradon sie allein und dann ist er fort und eine unheilvolle Stille schwer wie ein Fels legt sich über das Haus Laifaryn.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Narsaen

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7

Sunday, March 22nd 2015, 8:59pm

Das Entsetzen steht Narsaên offen ins Gesicht geschrieben, als sie Wolfsauge noch nachblickt, obwohl er schon längst fort ist. Diesen Ausdruck auf seinem Gesicht, die Verzweiflung, der Zorn, die Abscheu. So hat sie ihn in all den hunderten von Zwölfmonden noch nicht gesehen. Niemals zuvor diesen Blick voller Ablehnung. Sie kann es ihm nicht vorhalten und doch kann sie nicht fassen, was für eine grausame Tat er von ihr verlangt und welche Worte er dazu wählte. Töten… Das kleine Leben in ihr töten… Seit wann schätzt er ein Leben so gering? Es muss der Zorn sein, die Enttäuschung, die ihn blind werden und solch unpassende Worte wählen ließ. Es muss einfach so sein. Denn so erkennt sie ihn nicht wieder. Töten… Wie kann er nur so etwas sagen?
Was hatte das zu bedeuten?‘, ist es ihr Vater, der die lange, unbequeme Stille bricht. Immer noch liegen die Arme ihrer Mutter schützend um ihren bebenden Leib. ‚Aêrajil…‘, versucht ihre Mutter ihn mit sanfter und dennoch sorgengetränkter Stimme zu beruhigen. Doch natürlich lässt er sich so schnell nicht abspeisen. ‚Wovon hat der Junge geredet?‘, verlangt er zu wissen. ‚Tyalfen! Narsaên!‘, kommt er schließlich näher. ‚Aêrajil, Liebling…Es gibt nur einen Ausweg.Ein Mischblut?Du muss es töten!Vater…Töte es. ‚Hat dir einer dieser Sterblichen etwas angetan?‘ Starr hält Narsaên den Blick auf die Stelle gerichtet, an der Aradon zuvor gestanden hatte. ‚Narsaên!Du weißt, was du tun musst!Vater, lass uns in Ruhe darüber reden‘, versucht Tyalfen zu intervenieren, als sich Narsaên die Hände auf die Ohren presst. Die Umarmung ihrer Mutter wird fester, als ihre Knie weich werden. Töte es!Narsaên, antworte mir!Töte es! Seine Hand legt sich an ihre Wange und augenblicklich reißt die Elbin sich vom Arm ihrer Mutter los. Töte es!Sylnar…‘, kann sie noch flehen, während sie die Arme nach ihrem Bruder ausstreckt. Dann reißt ihr Geist sie in schützende Dunkelheit und undurchdringliche Stille.

Als sie ihre Augen wieder aufschlägt, wird sie von unsäglichem Kopfschmerz empfangen und braucht einen Augenblick, sich zu orientieren. Blinzelnd wandern ihre Augen umher, nehmen den vertrauten Wohnraum Stück für Stück wahr. Schließlich ist sie bewusst, dass sie auf diesem eleganten Liegestuhl liegt, auf dem sie als kleines Mädchen des Öfteren am Abend mit ihrem Vater gelegen hatte, während sie ihm lauschte, wie er ihr wilde Abenteuergeschichten und lang Vergangenes erzählte. Vater… Suchend huschen ihre Augen umher, ohne dass sich ihr Leib regt. Da sieht sie ihre Familie an dem Tisch sitzen, an dem sie immer speisen.
Ihr Vater, mit dem Rücken zu ihr sitzend, hat die Stirn auf die Hände gestützt und ihrer Mutter Hand liegt auf seinem Oberarm, während sie ihn ansieht. Tyalfen sitzt ihnen aufrecht gegenüber. Seine Züge wirken ruhig, aber ernst. Und als Narsaên langsam mit ihrem Geist nach ihnen tastet, kann sie hören, dass er von ihm erzählt, von ihrem geliebten Menschen, von Aidan… Tyalfen erzählt von der Rauferei auf dem Marktplatz, wie diese ihn an das Schandholz brachte und dass Narsaên sich trotz allem nicht von diesem Menschen hatte abbringen lassen. Aber er erzählt auch, was er zwischen ihnen beobachtet und gespürt hat. Liebe… Aufrichtige Liebe und hier schließlich ergreifende Sehnsucht.
Narsaên schließt die Augen und holt tief Luft, während ihre Hände zu ihrem Unterleib wandern und sich sanft an ihn schmiegen. Sie möchte sich so gern darüber freuen. Es könnte so wundervoll sein. Als sie die Augen wieder öffnet, blickt Tyalfen geradewegs zu ihr herüber. Ausdruckslos schaut sie zurück, während sie wohl wahrnimmt, dass Saliwen immer noch sanft auf Aêrajil einredet, wenngleich sie ihren Geist vor den Worten ihrer Eltern verschließt. Sie will es nicht hören, nicht jetzt. Jetzt sieht sie nur ihres Bruders grüne Tiefen. Er versteht sie. Er weiß, wie sie empfindet.
„Ich will zurück…“ Narsaên bemerkt erst, dass sie diesen Gedanken laut ausgesprochen hat, als sich ihre Eltern zu ihr herumdrehen. Augenblicklich erhebt sich ihre Mutter und kommt zu ihr herüber, sich an ihre Seite zu setzen. Ruhig legt Saliwen die Hände auf die ihrer Tochter, die immer noch auf ihrem Bauch ruhen. „Was hast du gesagt, Schätzchen?“ Hilfesuchend wandert Narsaêns Blick von ihrer Mutter, zu dem undurchdringlichen Blick ihres Vaters hin zu ihrem Bruder. „Ich will zurück… zu ihm“, wiederholt sie, ohne den Blick von Tyalfen zu lassen. „Kommt überhaupt nicht in Frage“, ist es Aêrajil, der sofort antwortet, ehe seine Gemahlin auf törichte Ideen kommen kann. ‚Liebling…‘ ‚Bei den Göttern, nein. Ich gebe meine Tochter nicht so weit fort. Und dann auch noch ein Sterblicher. Ich werde gleich morgen mit dem Haus Sirihonfar reden. Wir werden eine Lösung finden.
Nein!‘, schreckt Narsaên hoch, zieht schützend die Beine an und legt ihre Arme darum. Saliwens Hände auf den Wangen ihrer Tochter lenken ihren entsetzten Blick vom Vater zur Mutter, die sich an einem beschwichtigenden Lächeln versucht, aus dem sie ihre Sorgen allerdings nicht vollständig verbannen kann. ‚Niemand wird dir oder deinem Kind etwas antun, meiner kleiner Schatz‘, haucht sie ihr einen Kuss auf die Stirn. Narsaên senkt den Blick und presst die Lippen aufeinander. Nein, niemand wird ihrem Kind etwas tun. Niemand. Außer… Langsam schwingt sie ihre Beine an ihrer Mutter vorbei über den Rand der Liege und erhebt sich. ‚Ich wäre jetzt gerne für mich…‘ lässt sie die Familie wissen und zieht sich in ihr Zimmer zurück. Dort wirft sie sich auf ihr Bett und weint.

Bis zum Abend hat Narsaên sich nicht mehr sehen lassen, sondern hat auf ihrem Bett gelegen, das Medaillon fest in ihrer Hand, während ihr Geist verzweifelt versuchte, einen Ausweg aus dieser Misere zu finden. Der Ausweg, den Aradon für den einzig möglichen hielt, kommt für sie nicht in Frage. Niemals würde sie es ertragen, das Kind, das aus ihrer Liebe zu dem Menschensohn entstanden ist, ums Leben zu bringen. Ein Leben, das noch gar nicht richtig begonnen hat. Nein, solch eine herzlose Tat könnte sie niemals zulassen. Als ihre Mutter nach ihr sehen will, schickt sie sie fort, ebenso ihren Vater, der es eine Weile später am Abend versucht. Manches Mal vernimmt sie dennoch Schritte, die sich ihrem Raum nähern, die dann aber innehalten, sich versichern, dass sie noch wohlauf ist und dann wieder umkehren. Mal ist es ihre Mutter, mal ihr Vater, hört sie an der Art und Weise, wie sich die beiden bewegen.
Lange nachdem Faêyris ihr Haar gelöst hat und Narsaên vor Erschöpfung nach all den Tränen die Augen zugefallen sind, schreckt sie hoch, als sie die Schritte erst bemerkt, als jemand bereits direkt neben ihr ist. Mit klopfendem Herzen blickt sie ihren Bruder an und lässt sich dann wieder zurück auf das Bett sinken, sich zu beruhigen. Ihn schickt sie nicht fort. Ihn nicht. Auf seine Frage hin, ob er denn bei ihr schlafen dürfe, rückt sie wortlos beiseite, so dass auch er unter der Felldecke Platz findet. Stumm liegen sie beieinander, Narsaên ihm Arm des Bruders und ihre Hand auf seiner Brust. So beieinander liegend sollen sie schließlich Ruhe finden, sodass sie auch nicht mehr die Eltern bemerken, die Arm in Arm im Durchgang stehen und eine Weile ihre Kinder schweigend betrachten, bis es auch sie in ihr Schlafgemach zieht.
Narsaên vermag nicht zu sagen, was sie aufgeweckt hat, vermutlich wieder dieses drückende Gefühl in ihrer Brust. Es ist noch Nacht, als sie sich regt und sich zaghaft aus dem Arm ihres Bruders schält. Einige Momente verharrt sie noch neben ihm, betrachtet seine ruhigen Züge, sicherzugehen, dass er nicht aufwacht. Auf leisen Sohlen stiehlt sie sich aus dem Zimmer, hinunter zum Gemach ihrer Eltern. Auch dort ist alles ruhig. Mehrere Herzschläge lang steht die Elbin nur da und blickt auf ihre Eltern. Schließlich wendet sie sich ab und schleicht in den Wohnraum, sich auf der Liege niederzulassen. Lange starrt sie an die hölzerne Decke des Lebensbaumes und lässt die Gedanken kreisen, geht alle Möglichkeiten durch, die sie sieht. Und keine davon sieht eine Zukunft mit ihrem geliebten Menschen.
Ihr Vater würde sie nicht gehen lassen, das hat er deutlich gemacht. Und selbst wenn sie ohne seine Erlaubnis ginge, so weiß er, wo er sie fände, um sie zurückzuholen. Sie könnten nicht in Talyra bleiben, Aidan und sie. Und wie könnte sie verlangen, dass er auch seine Familie für sie verließ? Und wo sollten sie hin? Abgesehen davon, versprach Aidan seinem Vater bis zum Ende des Zwölfmondes zu heiraten und nun, da der Zwölfmond endet, wird er sein Versprechen gewiss schon eingelöst haben.
Und Aradon? Narsaên schaudert schon allein bei dem Gedanken an seinen kalten Blick, der die Worte begleitete und die deutliche Mahnung, die allein an sie gerichtet war. Er würde das Kind nicht akzeptieren und somit auch sie selbst nicht, denn das Leben des Kindes in ihrem Leib zu beenden steht absolut außer Frage. Narsaên schlägt die Hände vors Gesicht. So verliert sie auch noch den Mann, an dessen Seite sie sich eine Ewigkeit hätte vorstellen können. Und welcher Mann wird sich noch für sie interessieren, wenn sie dieses Kind großziehen wird? Die junge Elbin fühlt sich fürchterlich verloren und schrecklich allein und spürt jeden einzelnen Riss, während ihr Herz auseinanderbricht. Wo ist der Ausweg? Wo ist er nur?
Da hält sie inne und ganz langsam sinken ihre Hände von ihrem Antlitz als sie ihn sieht. Den Ausweg. Den letzten. Den Weg, den ihr Bruder in Erwägung gezogen hatte, sollte seine Suche nach Naralîn in verzweifelter Leere enden. Denn es ist ein Weg, den nur Verzweifelte nehmen, die keine Zukunft sehen. Verzweifelte wie sie. Narsaên erhebt sich und schickt sich an, schon davon zu eilen, als sie noch einmal inne hält. Sie hatte ihrem Vater versprochen, nie wieder ohne ein Wort fortzugehen. Da dreht sie sich um und schreitet in den Raum, in dem Tyalfen seine Papiere liegen hat. Sie nimmt sich eines der Stücke Pergament, greift nach einer Feder und öffnet das Tintenfässchen. Die Feder tänzelt verzweifelt über das Papier, ihren letzten Hilferuf niederzuschreiben. Zwei Worte nur. Zwei Worte, die einer einzigen Person aber alles sagen. Dann ist das Tintenfläschchen wieder verschlossen, die Feder ruht wieder und auf dem großen Tisch im Wohnraum liegt ein Zettel, auf dem die Tinte noch trocknet, als Narsaên den Aêlinorsarna auf nackten Füßen verlässt.
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Tyalfen

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8

Wednesday, March 25th 2015, 9:52pm

21. Chòlar (Langschnee) 514

Es ist ein unheilsschwangerer, spitzer Aufschrei an diesem blutjungen Morgen, der Tyalfen augenblicklich aus den Tiefen elbischer Trance reißt und hochschnellen lässt. Syllanar? AÊRAJIL! TYALFEN! Mutters Rufe schneiden sich so eindringlich durch seinen Geist, dass er sofort von der Bettstatt aufspringt und den Rufen entgegen eilt. Auch Vater hat keine Zeit damit verschwendet, sich anzukleiden. Er ist vor Tyalfen bei Saliwen, die sich schluchzend in ihres Mannes Arme stürzt. Was ist geschehen? Es muss etwas furchtbares sein, denn nur ein einziges Mal hat er seine Mutter so aufgelöst gesehen, dass sie nicht einmal denken kann … oder will. Nur ihre wahnsinnige Angst durchdringt den Raum wie beißender Rauch, der einem den Atem raubt. Vater versucht sie zu beruhigen, wenigstens soweit, dass sie etwas in Erfahrung bringen können, während Tyalfens Augen angestrengt den Raum nach einem Hinweis absuchen. Es geht um Narsaên, soviel ist ihnen klar. Nur was hat sie getan? Oder Aradon?
TYALFEN! Sein Blick kehrt zurück, hin zu Vaters ausgestreckter Hand, die ihm ein kleines Schriftstück reicht. Was bedeutet das? Kehrt sie zu dem Menschen zurück? Folgt sie Aradons Forderung? Hat sie Dir mehr gesagt? Es stehen nur zwei Worte auf diesem Stück Papyrus, zwei Worte die viel Raum für Spekulationen lassen - nur nicht für Tyalfen, der wie gelähmt auf die zittrige Handschrift seiner Schwester starrt – letzter Ausweg. Nein, sie hat mir nichts gesagt, antwortet er ausweichend. Denn diese zwei Worte sagen ihm mehr, als ihm lieb sein kann und hämmern unheilvoll in seinem Geist. Er weiß genau, was sie für sie bedeuten, was sie plant und sie sind nur für ihn allein bestimmt. Es sind Mutters Hände auf seiner Brust, die ihn aus dieser lähmenden Gewissheit lösen. „Bring sie mir zurück“ flüstert sie so tränenerstickt, dass er nur nickt und sich schon abwenden will, als Vaters Hand ihn packt. Wenn Du etwas weißt oder ahnst, musst Du es mir sagen! Ich muss zu ihr, presst Tyalfen nur hervor und entwindet sich Aêrajils hartem Griff. Er hört sie miteinander streiten, Mutter und Vater, dort unten im Wohnraum. Doch er muss sich beeilen, sich eilends ankleiden und überlegen, wie er ihr am schnellsten folgen kann. Er ist sich nicht sicher, ob ihm Wolfsauge Wildherz überlässt, aber er wird es darauf ankommen lassen müssen.
Augenblicke später hastet Tyalfen durchs Geäst, nimmt dankbar die Pfade, die der Wald ihm entgegen streckt, den schnellsten Weg zu Aradons Heimstatt und spürt das Flüstern, dass der Wald ihm vorausschickt. Auch Aradon muss es gespürt haben, denn nur wenige Schritt vor dessen Heimstatt, schwingt sich der Waldläufer vor ihm auf den Ast und schneidet ihm den Weg ab. Forschend aber kalt liegen die glühenden Bernsteinaugen auf ihm, denen Aradon seinen Beinamen verdankt. Genauso kühl und lauernd fragt er: Hast Du es getan? Tyalfen schüttelt den Kopf. Er hat ihr Kind nicht angerührt und wird es niemals tun. Er hat Eide geschworen, Leben zu bewahren. Und noch stärker bindet ihn die Liebe eines Bruders und Onkels, der er sein wird. Es ist sein eigen Fleisch und Blut. Nein, er wird niemals Hand an dieses Kind legen. Bitte Aradon, ich brauche Draûgnar. Narsaên ist fort. Sie … Draûgnar ebenso. Was sagst Du da? Sie hat Draûgnar genommen … gestohlen. Tyalfen keucht entsetzt auf. Die Stute ist schnell, wendig und ausdauernd. Er wird sie niemals einholen können. Er wird zu spät kommen, zu spät. Außer … Arkendir! Ohne eine weitere Erklärung hastet Tyalfen weiter ungeachtet dessen, dass der Waldläufer ihm folgt. Ob um Narsaêns oder seines Pferdes wegen, weiß er nicht zu sagen.
Das Faga ty Ainiriur ist ein verwinkelter Komplex, ein imposantes Rund, sehr alter, ineinander verschlungener Aêlinorsarna, deren unzählige Räumlichkeiten weit hinauf in die Kronen erheben. Die Gemächer samt Studierzimmer der Gelehrten thronen über allen anderen und es kostet wertvolle Zeit, die Ebenen zu erklimmen – Zeit, die sich Tyalfen eigentlich nicht nehmen kann. So hofft er wenigstens nicht auch dieser Weg ist umsonst. Schon zu Füßen der mächtigen Heilstätte ruft er den Meister mit aller Kraft, derer sein Geist fähig ist. Und wird erhört, den Göttern sei Dank. Shadâno Arkendir hört ihn nicht nur, sondern eilt ihm entgegen. Auf einem der langen Flure in luftigen Höhen treffen sie aufeinander. Tyalfen erklärt seinem Lehrmeister in knappen Worten seine Situation, besser gesagt die seiner Schwester gerade so ausreichend, wie Arkendir wissen muss, dass er ihm sein Pferd zur Verfügung stellt, um Narsaên nachreiten zu können. Wenn ein Pferd schneller als Draûgnar ist, dann ist es Arkendirs Falbe. Und der Lehrmeister erkennt die Dringlichkeit der Lage. Er stellt keine Fragen, die Tyalfen unnötig aufhalten und gibt ihm Linn’Vendis, den hohen Feuerbluthengst - ein edles Tier, so muskulös wie leicht gebaut, dessen raumgreifender Schritt Tyalfen zum Vorteil gereichen soll.
Und er schont Linn’Vendis nicht. Sie preschen durch den Wald, dass Aradon ihm unmöglich länger folgen kann. Selbst was er ihm nachruft, erreicht ihn nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle. Alles was zählt ist Narsaên. Linn’Vendis setzt geschickt über Wurzel und Strauch, stürmt blind vertrauend in die Fluchten, die Wald ihnen öffnet und macht seinem Namen alle Ehre – Windkind, so fliegt er dahin. Bald schon durchbrechen sie den Waldsaum. Mit dem Wald verlassen sie allerdings auch dessen Schutz. Aufgebracht von den heulenden Winden der nahen See peitscht der heftige Regen dieser Jahreszeit schonungslos auf sie ein, durchdringt Fell und Kleidung bis auf die Haut, fegt ihnen so ungestüm entgegen, dass sie nicht sonderlich weit schauen können. Narsaên! Immer wieder schickt er ihren Namen voraus, angetrieben von der nackten Angst, die ihm im Nacken sitzt. So sieht er Faênrîl nicht kommen, bemerkt das Käuzchen erst, als es sie aufgeregt umflattert und ruft. Es schreit geradezu nach Hilfe und stürzt sich in halsbrecherischen Manövern unmittelbar vor ihm vom Himmel. Ja verdammt, es geht um Leben und Tod, flucht Tyalfen, denn es bremst Linn’Vendis aus. Nun fliegt schon voraus. Los doch, führ uns! So jagen sie nun zu dritt über das flache Grasland vor der Küste der Jadesee entgegen. Tyalfen hebt die Rechte schützend vor die Augen und späht voraus. Der Regen verwischt die Konturen der Ferne, aber er meint dort vorn einen dunklen Flecken zu erkennen und je näher sie kommen, desto eher mag es an die Gestalt eines Pferdes erinnern. Das dort vorn ist Draûgnar an den Steilklippen vor Nar’Amuris. Tyalfens Puls rast, sein Atem fliegt und Schauer jagen über seine Haut, die nicht vom Seewind herrühren. Linn’Vendis spürt seine Unruhe, wie seine Fersen in den Flanken und der Falbe donnert über das Grasland, als wäre der Dunkle hinter ihm her. Endlich kann er auch Narsaên schmale Gestalt ausmachen – noch! Sie steht ihm abgewandt mit dem Blick aufs endlose Wasser und der Wind zerrt an ihrem langen Haar, wirbelt es wie einen Schleier auf. Sie aber schaut die Klippen hinab auf die schroffen Felsen, über die die Gischt wild schäumend spritzt.
Wenn Du zu lang hinab siehst, ziehen sie Dich in ihre Tiefen. Tyalfen kennt die Wirkung dieses Ortes, weiß genau, wie verlockend er auf verzweifelte Seelen wirkt, wenn der Geist sich erst an den Anblick gewöhnt und die Tiefe ihren Schrecken verliert. Kaum ist er hinter ihr, umschlingen seine Arme ihre Mitte und sein Antlitz schmiegt sich erleichtert an Ihres. Doch auch seine Augen gleiten in den Abgrund, dorthin wo alles enden könnte. Es wäre so einfach und bald hätte die Welt sie Beide vergessen. Ob sie ihn schon vergessen hat – diomait Sira'nôra'?
Ich geh mit Dir, wohin Du willst … in die Schatten … zu den Menschen … irgendwohin. Ich will an Deiner Seite bleiben.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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9

Saturday, March 28th 2015, 12:35am

Unaufhörlich fährt des kalten Windes Hand durch ihr offenes, regengetränktes Haar, hebt und senkt es, lässt es durch ihr Gesicht streifen und wirbelt es umher, streift über ihre nackte Haut, die nicht von dem schlichten, ledernen Kleid verhüllt wird. Jeden einzelnen der unzähligen Regentropfen auf ihrer Haut lässt er sie spüren, lässt sie unerbittlich frieren. Die verzweifelte Laikeda’ya jedoch spürt sie nicht, die Kälte, fühlt sie sie doch ohnehin außen wie innen. Mit starrem Blick auf die bedrohlich aus dem unendlichen Blau, dem weiten, offenen Meer herausragenden Felsen, die gar nicht mehr so beängstigend aussehen wie bei ihrem ersten Blick darauf, lauscht sie dem beschämenden und doch so verlockenden Flüstern, das der tobende Wind an ihr Ohr trägt. Hier könnte alles enden. Nur ein Schritt und sie wird in die Schatten eintauchen, ihre Sorgen, Ängste und ihr auseinanderbrechendes Herz dem Vergessen überlassen.
Zielstrebig und doch mit Bedacht wandern ihre Finger das seidene Band um ihren Hals entlang, bis sie die zarte, aus Horn geschnitzte Rosenknospe ertasten, sie umspielen und sich schließlich um sie schließen. Die Finger ihrer anderen Hand gesellen sich hinzu, heben das Medaillon an und öffnen es schließlich vorsichtig in ihrer gekrümmten Handfläche, für den Augenblick vor dem Regen geschützt. Sehnsüchtig senkt sie den Blick auf sein Antlitz, streicht zärtlich mit den Fingerspitzen darüber. Ein schmales und doch liebevolles Lächeln legt sich auf ihre Lippen. Ihre sehnsüchtigen Tränen werden samt ihrer Spuren vom Regen augenblicklich hinfort gespült. Vorsichtig schließt ihre andere Hand das Medaillon und lässt es wieder zurück auf ihre Brust sinken, womit auch ihr Lächeln wieder schwindet. Ihre Augen wandern über den Rand der Klippe zurück zu von der Gischt wild umspülten Felsen.
Der tosende Wind trägt Draûgnars missbilligendes und dennoch besorgtes Schnauben heran. Die treue Stute hat sie hergeführt, weil Narsaên sie verzweifelt darum gebeten hat. Doch als diese, viel zu spät, erkannte, wohin die Waldläuferin sie geführt hatte, ist sie keinen einzigen Schritt mehr gegangen. Das letzte Stück musste die Elbin allein auf ihren baren Sohlen zurücklegen. Wildherz ist ihr vorsichtig gefolgt und Faênrîl hat verzweifelt versucht sie aufzuhalten. Kreischend hat er sie umschwirrt, sogar versucht sie an ihren Haaren zurück zu zerren. Die Laikeda’ya jedoch hat sich davon nicht aufhalten lassen. Und dann plötzlich war er fort, was die Einsamkeit noch ein wenig weiter wachsen ließ.
Sylnar…‘ Sie wünscht sich so sehr, dass er käme. Dass er sie in den Arm nehmen würde. Dass er ihr sagen würde, dass alles gut würde, dass sie vergessen würde, wenn sie diesen Schritt wagt. Nur einen Schritt. Narsaên schlägt die Hände vor das Gesicht, als ein neuer Schwung Tränen ihre Wangen hinab rinnt, sofort hinfort gespült vom Regen. Im nächsten Augenblick reißt sie den Blick hinauf in den Himmel, dunkel und düster. Kein Lichtblick, nicht ein einziger Hoffnungsschimmer. Ihre Hände schließen sich zu Fäusten und der Blick sinkt zurück über den Rand der Klippen. Einen letzten, tiefen Atemzug will sie sich vor dem allerletzten Schritt gönnen.
<‚Wenn Du zu lang hinab siehst, ziehen sie Dich in ihre Tiefen.‘> Narsaên blickt auf, als sie die Stimme ihres Bruders in ihrem Geiste wahrnimmt. Er ist gekommen. Zu ihr. Ihre Augen wandern zum fernen Horizont und ihre Hände an ihr Herz, umklammern das Medaillon. ‚Ich höre sie flüstern…‘ Im nächsten Moment umschlingen Tyalfens Arme ihre Mitte, schmiegt sich seine Wange an die ihre, wie ihre an seine. Sein gepresster Atem streift über ihre Haut und sein Herz hämmert wild gegen ihren Rücken. Narsaên schließt die Augen, konzentriert sich auf das Hämmern seines Herzens, dass von Herzschlag zu Herzschlag langsamer wird. Und es beruhigt sie, nimmt ihr jegliche Angst vor dem, was denn da kommen mag. <‚Ich geh mit Dir, wohin Du willst … in die Schatten … zu den Menschen … irgendwohin. Ich will an Deiner Seite bleiben.‘> Narsaêns Hände wandern vom Medaillon hinab zu ihres Bruders Händen. Einige Herzschläge lang stehen sie nur schweigend da. ‚Ich… habe dich wohl nie wirklich verstanden‘, wagt sie es schließlich zu sprechen. ‚Aber ich verstehe jetzt.‘ Wie dankbar sie ihm ist. So unendlich dankbar…
Ist es…‘, schwankt ihre Stimme sogar in ihrem Geiste. ‚Ist es wahr, dass einem die Schmerzen genommen werden, dort auf der anderen Seite?‘ Ein schlichtes ‚Ja‘ ist Tyalfens Antwort. ‚Schmerzt es noch? Dein Herz?‘ Wieder bejaht er ihre Frage nach einem Augenblick. ‚Wird es mit der Zeit wenigstens etwas weniger schmerzen?‘ Dieses Mal zögert er so lang, dass Narsaên schon gedenkt, die Frage zu wiederholen. ‚Ich weiß es nicht…‘ Die Waldläuferin starrt hinaus zum Horizont. Ein Leben voller Sehnsucht und einem zerrissenen Herzen oder das Vergessen? Eigentlich sollte ihr die Wahl nicht schwer fallen. Wenn sie die Wahl nur für sich träfe. Tyalfen legt seine Zukunft in ihre Hände. Narsaên schluchzt verzweifelt und die Umarmung ihres Bruders wird noch ein Stückchen fester, untermalt seine Worte, bestätigt, dass er sich ihrer Entscheidung fügen würde. Und obwohl es sie ermutigen könnte, ihre Entscheidung zu fällen und umzusetzen, bewirken seine Worte tief in ihr doch etwas anderes. So lange hat sie darauf geachtet, dass ihr Bruder diesen Weg nicht geht. Dies zu verhindern hat sie ihm doch in die Menschenlande folgen lassen. Und nun soll sie es sein, die ihn mit auf diesen Weg nimmt?
NEIN!‘, stößt sie ihn mit aller Kraft von sich und dem Rand der Klippe fort, folgt ihm sogleich und stürzt in seine Arme. Hemmungslos weint sie an seiner Schulter. „Nicht in die Schatten… Nicht in die Schatten…“, stammelt sie immer wieder. Verzweifelt versucht sie sich an ihm festzuhalten, als ihre Knie weich werden und sie schließlich kraftlos mit ihrem Bruder auf die Knie sinkt. ‚Das habe ich nie für dich gewollt.‘ Tatsächlich hatte sie gehofft, seitdem Tyalfen ihr diesen Ort als seinen letzten Ausweg beschrieben hatte, nie hierher kommen zu müssen. So soll es auch nicht ihr Weg sein. Sie ist noch nicht bereit diesen Weg zu gehen, war es tatsächlich nie. Das Schriftstück, das sie für ihren Bruder zurück ließ, wusste es. Denn es existierte nur, damit er käme, sie zurückzuholen… ‚Und das will ich auch nicht für mein Kind…‘ Denn da ist noch dieses kleine, ungeborene Leben in ihr. Ein Leben, das sie beinahe beendet hätte, noch bevor es begonnen hat. Selbst wenn sie es vergessen hätte, die Götter hätten es sicher nicht… ‚Bringst du…‘, schluchzt sie schließlich. ‚… mich bitte nach Hause?
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Tyalfen

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Sunday, March 29th 2015, 6:22pm

Ja das tun sie … wispern, flüstern, säuseln und singen, diese einhüllenden Stimmen voller Melancholie und entspringen zurückgeworfenen Echos gleich doch nur seiner eigenen Verzweiflung. Er hat sie gehört, als er das erste Mal an diesen Steilklippen stand und auch jetzt wollen sie nicht schweigen. Quäl Dich nicht, Sohn des Morgens, den das Sonnenlicht verschmäht. Unsere Schatten durchdringt kein Schmerz. Hier wartet der stille Frieden, nach dem Du Dich sehnst. Ein einziger Schritt nur in dieser Welt und alle Qual wird enden. Komm zu uns, Sohn des Morgens und fürchte Dich nicht. Ja, er kann sie hören und sie lassen ihn die Tiefe vergessen. Nur ein einziger Schritt und sie wären frei. Frei – welch verzweifelte Seele könnte das nicht verlocken. Tyalfen lockert seinen Griff um seiner Schwester Taille, um nach ihrer Hand zu greifen und neben sie an den Abgrund zu treten, da stößt sie ihn fort. Der falschen Verlockung beraubt, kommt er keuchend allmählich zu sich. Da knien sie eng umschlungen im Regen, doch nicht jeder Tropfen auf seiner Haut ist kalt. Seine Schwester weint so bitterlich an seiner Schulter, dass der eigene Kummer nicht mehr viel zählt. So wie sie das hier nie für ihn wollte, so wenig wollte er, dass sie ihn verstehen lernt, nicht auf diese schreckliche Weise. Und als sie ihn bittet, sie nach hause zu bringen, küsst er ihre Stitn und hebt er sie auf seine Arme, sie zu den Pferden zu tragen. Weder Draûgnar noch Linn’vendis wagen sich an die Klippen und warten in einiger Entfernung unruhig. Der Feuerbluthengst weicht sogar vor ihm zurück, als er sich ihm auf Armeslänge nähert. Erst als er ihm versichert, sie würden heimkehren, lässt er ihn an sich heran, dass er seine Schwester auf dessen Rücken heben kann. Und auch er selbst schwingt sich auf das Windkind und hüllt seine Schwester in seine Arme. Ein wenig mag es helfen, sie zu wärmen und vor Wind und Regen zu schützen. Wenn es nicht hier und jetzt enden soll, muss er sie schleunigst in den Schutz des Waldes bringen, sie und das Ungeborene. Draûgnar wird ihnen ohnehin bereitwillig nach hause folgen.

Wie kann er so etwas nur verlangen, flüstert Narsaên irgendwann und muss nicht mehr sagen, dass Tyalfen nicht wüsste, was genau ihr im Augenblick zu schaffen macht. Aradons Forderung ist auch nur schwer zu begreifen, es sei denn man ist mit den Verhaltensmustern des Geistes in Krisensituationen so vertraut wie ein Aniran. Tyalfen weiß, was tatsächlich dahinter steckt. Er verlangt es, weil sein Verstand nach Bestätigung sucht, sich selbst von Dir abwenden zu wollen, statt hilflos nur mit ansehen zu müssen, wie Du ihm entgleitest. Das macht es ihm erträglicher, schützt seinen Geist, an dem Verlust zu zerbrechen. Es ist blanker Selbsterhaltungstrieb. Diese Überlebensstrategie übt eine Seele schon in jungen Jahren an Kleinigkeiten, so wie junge Hunde spielerisch miteinander raufen, um später im Ernstfallgewappnet zu sein. Du wirst es bald erleben, wenn Du Deinem Kind etwas verbieten musst und es felsenfester Überzeugung behauptet, dass es das doch sowieso nicht will, obwohl ihr Beide es besser wisst. Virinrîl hat gespürt, dass dieses Kind alles ändert, hat instinktiv längst begriffen, dass Dein Platz an Aidans Seite ist, noch bevor Du auszusprechen wagtest, zu ihm zurück zu wollen und noch viel eher, als Dein bornierter Bruder das endlich begreifen wollte ... und nicht nur das.

Aradon ist nicht der Einzige, der reagiert hatte, wie er gar nicht seiner Art entspricht. Arúens Worte schälen sich aus seinen Erinnerungen, Worte die ihn nie losgelassen haben, weil er sie nie begreifen konnte. Sie hatten einfach nicht zu der Frau passen wollen, die er liebt. Und nun ist es tatsächlich der Waldläufer, der ihm zeigt, wie er sie begreifen musste? Seine Gedanken kreisen wild um jenen Augenblick, als er ihr sein Herz zu Füßen legen wollte und er beginnt, die folgenden Augenblicke in einem anderen Licht zu sehen, deutlich ungetrübter von eigenem Entsetzen und Schmerz. Eine kühne Hoffnung flammt in seinem Herzen auf. Was wäre, wenn auch sie nur Bestätigung gesucht hatte, sich von ihm abwenden zu können? Was wenn er keineswegs wie jeder Andere für sie ist? Was wenn seine Liebe ihr mehr bedeutet, als sie sich eingestehen mochte? Wie sonst hätte es diesen einen Moment geben können, bevor all ihre Bedenken erwachten? Es ändert nichts daran, dass sie eine Mitarlyr ist. Aber er muss kein Niemand mehr sein. Nimm deinen Platz in dieser Welt ein, hatte ihn Arkendir aufgefordert und gemeint, dass die Schrecken der Vergangenheit ihn nicht länger zwingen, zu verbergen wer und was er ist. Was wäre … Tyalfen zügelt seine Gedanken. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden!

Willst Du noch immer nach Talyra zurück? Herzschlag um Herzschlag lässt Narsaên verstreichen, ohne etwas zu erwidern, dass es Tyalfen verunsichert. Gestern noch hat seine Schwester fest entschlossen geklungen. Aber sie wird auch kaum grundlos an die Klippen vor Nar’Armuris getreten sein und Aradons Verlangen wirkt bei näherer Betrachtung etwas dünn, ihr derart den Boden unter den Füßen wegzuziehen, nach dem letzten Ausweg zu suchen. Es muss noch etwas geben, das er nicht weiß. Noch nicht, denkt sich Tyalfen im Stillen und lässt sie für den Augenblick gewähren. Denn endlich tauchen sie in den Schutz des Waldes ein und Tyalfen bittet um einen trockenen Platz für die Nacht, nicht irgendeiner Nacht. Heute ist der kürzeste Tag im Jahrestanz. Heute wird sich die Julnacht über sie herabsenken - eine ganz besondere Nacht. Der Wald führt sie an einen kleinen Bachlauf hin zu einem Aurisyamêl, einem Lichtnussbaum, dessen ausladene Wurzeln bachseits weit aus dem Erdreich ragen und von allerlei Schlingpflanzen umwuchert einen guten Lagerplatz abgeben. Dort heißt er Linn’vendis und Draûgnar anzuhalten und hebt seine Schwester vom Pferd. Hier werden wir ruhen. Lass uns Moos für ein weiches Nachtlager, Beeren und Feuerholz sammeln, damit wir uns stärken und wärmen können.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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Tuesday, March 31st 2015, 9:50am

„Die würde ich an deiner Stelle nicht essen, Aidan“, lacht Narsaên. „Es sei denn, du möchtest die nächsten Tage auf dem Abtritt verbringen.“ Augenblicklich und mit einem leichten Entsetzen in den Augen lässt Aidan die frisch gepflückte Beere wieder fallen und nimmt rasch Abstand zu dem reich behangenen Strauch, um stattdessen zu der Waldläuferin zu eilen. „Ich sollte die Auswahl der Beeren wohl lieber dir überlassen“, schmunzelt er bei ihr angekommen und drückt ihr einen Kuss auf die Schläfe. Narsaên lacht und nickt. „Probier‘ die hier“, meint sie und drückt ihm eine saftige Beere zwischen die Lippen. Skeptisch behält der junge Schreiner sie zwischen den Lippen fest und versucht zu der Beere herunter zu schielen, was einfach so zum Schreien aussieht, dass die Laikeda’ya kaum an sich halten kann. „Bisch du dia auch wiaklich sicha?“, presst er nuschelnd hervor. Als Antwort schlingt Narsaên die Arme um seinen Nacken, verschließt seine Lippen mit ihren und schiebt ihm mit der Zunge die Beere in den Mund. „Ganz sicher“, lächelt sie, nimmt ihn bei der Hand, den mit bisher wenigen Beeren gefüllten Korb in der anderen und führt ihn weiter lachend durch das Larisgrün.

In Erinnerungen versunken starrt die Waldläuferin auf die Beere in ihrer Hand. Ein hauchzartes Lächeln liegt auf ihren Lippen, während sie an die ersten Streifzüge durch die Wälder des Larisgrüns mit ihrem geliebten Menschen denkt. Er mag kein Kind des Waldes sein, aber sein Herz ist aufgeschlossen und bereit auch Unbekanntes anzunehmen, so unbekümmert und heiter, dass es in der Lage ist, selbst in dunklen Stunden noch das Licht zu sehen. Ein schwerer Regentropfen, der sich dreister Weise genau auf ihre Nasenspitze herabfallen lässt, reißt sie aus ihren Gedanken und lässt das Lächeln verblassen. Mit dem Handrücken wischt sie sich über Nase und Augen, ehe sich die Tränen, die sich schon wieder in ihnen sammeln, einen Weg über ihre Wangen bahnen können. Dann legt sie die Beere zu den anderen und den ausgegrabenen Wurzeln, in den Schoß ihres Rockes, den sie wie einen Beutel vor sich hält. Ihr Blick wandert hinauf zum Blätterdach des Waldes, sucht nach diesem Lichtblick in der Dunkelheit, die sich wortwörtlich allmählich über sie legt. Doch da ist nichts zu sehen. Die einzigen Lichter, die sie sieht, sind die der Erinnerungen an die erfüllten Tage an seiner Seite. Bekümmert zupft sie weitere Beeren vom Strauch, fragt sich, wie es weiter gehen wird, nun, da sie sich entschieden hat, dass es weitergehen soll. Aidan…
Ein Kitzeln auf ihrem Handrücken lässt sie inne halten und die Beere zwischen ihren Fingern ganz vorsichtig abziehen. Langsam hebt sie ihre Hand vor ihr Antlitz. Völlig unbeweglich sitzt der Falter auf ihrer Hand, die zarten Flügel hochgeklappt, dass er mehr an ein totes Blatt erinnert als an einen Schmetterling. Nur der pummelige, bepelzte und blauschimmernde Körper zeichnet ihn eindeutig als solchen aus. Einige Herzschläge lang betrachtet Narsaên den Falter ebenso regungslos. „Tut mir leid… Ich wollte dich nicht stören, kleiner Freund…“, flüstert sie schließlich. Da senkt das Tier überraschend seine Flügel und der Anblick ihrer Oberseite lässt die Elbin vor Erstaunen den Atem anhalten. Schillernd und farbenprächtig wie ein Regenbogen präsentiert sich der Tyrfarlendari sich ihr, dass Narsaên ganz entzückt den Kopf neigt und den Blick nicht von ihm lassen kann. Und selbst als der Regenbogenschmetterling sich erhebt, blickt sie ihm noch eine ganze Weile nach. ‚Wilder Schmetterling…‘ Aidans dunkle, samtige Stimme lässt sie erschrocken herumfahren und mit den Augen hektisch das dunkle Dickicht absuchen. Im nächsten Augenblick versucht sie, ihr Herz wieder zur Ruhe zu zwingen. Wie töricht, dass sie sich jetzt schon von Erinnerungen irritieren lässt. Und seien sie auch noch so wunderbar…
Langsam schlendert sie ihrem Bruder entgegen, der während seiner Suche nach Feuerholz und Moos immer in Sichtweite geblieben ist. Es wundert die Laikeda’ya selbstverständlich nicht, nachdem, was vor wenigen Stunden beinah geschehen wäre, und es bedrängt sie nicht. Im Gegenteil, sie ist ihm dankbar für seine Fürsorge. Also lässt sie ihn wortlos gewähren, auf sie Acht zu geben, wenn sie selbst es schon nicht hinbekommt. Zurück am Lagerplatz überlässt sie es ihrem Bruder, ein Feuer zu entzünden, während sie die Beeren auf drei große gepflückte Blättern schüttet und sich dann das von Feuchtigkeit durchzogene Lederkleid auszieht, es an einen der Äste ihres überdachten Lagerplatzes zu hängen. Das Moos verteilt sie möglichst dicht beieinander und lässt sich dann so darauf nieder, dass Tyalfen auch noch genügend Platz darauf bleibt. Narsaên zieht Beine an und schlingt ihre Arme um die nackten Knie, stützt ihr Kinn darauf und sieht den langsam aber stetig wachsenden Flammen zu. Auch ihr Bruder entkleidet sich schließlich, als das Feuer soweit brennt. Statt neben seine Schwester, setzt er sich hinter sie, so nah an sie heran, dass sie in seinem Schoß sitzt und ihre nackten Leiber ein wenig einander wärmen können. Narsaên hebt den Kopf von ihren Knien, sich gegen ihres Bruders Brust zu lehnen und ihn seine Arme um sie legen zu lassen. Gemeinsam starren sie in die tanzenden Flammen und teilen die noch zarte Wärme des Feuers, während das Käuzchen in einem der Bäume über ihnen sitzt und seine Freundin ganz genau beobachtet.
Vielleicht können wir nach Logren oder Erryn gehen…‘, durchbrechen Narsaêns Gedanken schließlich die gedankenschwere Stille zwischen ihnen. ‚Das Kind hat es dort womöglich leichter als hier und es ist dennoch nicht so weit fern der Heimat…‘ Aber weit genug weg von denen, die sie und es mit verachtenden Blicken ansehen würden. Tyalfens Haupt, das sich an ihres geschmiegt hat, regt sich zwar sachte, als wolle er etwas erwidern, doch nichts erreicht die Elbin. Dennoch weiß sie, welche Frage ihm auf der Zunge liegt. Die, auf die sie ihm auf dem Pferde keine Antwort gab. Narsaên seufzt tief. ‚Selbst wenn ich nach Talyra zurück wollte… Dort gibt es keinen Platz mehr für mich…‘ Nun hebt sich ihres Bruders Kopf doch und seine Augen sehen sie sicher fragend an. Die Waldläuferin hingegen blickt betrübt in die Flammen. ‚Aidan… Er… Nachdem sein Vater erfahren hatte, dass ich mit dir im Herbst heimgehen würde, wollte er, dass Aidan mich fortschickt, dass er sich ein an…deres Mädchen sucht. Eines, das bei ihm bleiben kann. Eines, das er zur Frau nehmen sollte. Eines, mit dem er eine Zukunft haben würde…‘ Narsaên neigt den Kopf so weit, dass sie ihren Hinterkopf gegen Tyalfens Schulter lehnen kann. Sie war Henning böse gewesen des Gespräches zwischen ihm und seinem Sohn wegen, das sie belauscht hatte. Dabei wollte er seinem Sohn nur das ersparen, was Tyalfen ihr hatte ersparen wollen. ‚Aidan aber wollte mich, so wie ich ihn, solange es uns eben möglich war. Wir wollten ja nicht hören. Wir waren blind.‘ Blind vor Liebe. ‚Sein Vater ließ ihn gewähren, aber Aidan musste ihm etwas versprechen.‘ Narsaêns Unterlippen pressen sich immer wieder aufeinander und ihre Finger spielen mit denen ihres Bruders, den unangenehmen Beigeschmack zu übertünchen. ‚Aidan versprach ihm zu heiraten, sobald ich fort bin. Ohne Widerrede, das Mädchen, das sein Vater ihm auswählen würde. Noch bevor dieser Zwölfmond endet…
Die Laikeda’ya versucht das Schluchzen zu unterdrücken, das ihren Körper dafür beben lässt. Ihre Gedanken überschlagen sich, so dass sie laut sprechen muss, um Tyalfen nicht an ihren wirren Gedankengängen teilhaben zu lassen. „Einen unerreichbaren Traum, nannte er mich“, schluchzt sie und während ihre Linke Halt an ihres Bruders Hand sucht, presst sich ihre Rechte gegen ihre Schläfe, als könne sie ihre Gedanken dadurch beruhigen. „Einen Traum…“ Diese Worte hat sie nicht vergessen. Manchmal wünscht sie sich, diese Monde in Talyra wären nichts weiter als ein Traum, aus dem sie jeden Moment erwachen würde. Dann aber wiederum weiß sie, dass sie vergebens wartet, denn sie vermag nicht zu träumen. ‚Ich kann nicht zurück. Ich könnte es nicht ertragen, ihn in der Nähe zu wissen, aber nicht bei ihm sein zu können. Schlimmer noch mit ansehen zu müssen, wie eine andere Frau den Platz an seiner Seite eingenommen hat. Dass er Kinder mit ihr haben wird, während mein eigenes mich irgendwann nach seinem Vater fragt. Das kann ich weder meinem Kind noch ihm noch mir antun.‘ Tyalfen unterbricht sie nicht, lässt sie ihre Gedanken und Ängste mit ihm teilen, lässt sie weinen und hält sie nur fest, bis sie sich wieder beruhigt hat.
Es vergehen noch einige lange, schweigsame Momente, bis dieses Mal Tyalfens Gedanken durch die Stillen hallen. ‚Und wenn er noch kein Eheversprechen abgelegt hat?‘ Eine Frage, in ihren Worten so schlicht und doch so schwer wiegend, dass Narsaên stutzend innehält und den Kopf hebt, ihren Bruder über die Schulter hinweg mit großen, fragenden Augen anzublicken. ‚Du sagtest, er hat es seinem Vater versprochen. Aber wir wissen nicht, ob er tatsächlich schon eine Andere zur Frau genommen hat.‘ Narsaên richtet sich auf und dreht sich zu ihrem Bruder herum. Sie kann nicht glauben, was er da sagt. Gerade er, der dem Menschen die Eingeweide aus dem Leib reißen wollte, der sich mit ihm geprügelt hat, nur damit er sie nicht weiter anrührte und sie wieder mit nach Hause käme. Ihr Herz fängt an, ihr bis zum Halse zu klopfen, während ihr ungläubiger Blick weiterhin auf ihrem Bruder liegt. Hektik macht sich in ihr breit, als sie endlich begreift, dass er Recht hat. Der Zwölfmond endet in etwa einem Siebentag. Die Chance ist gering, doch die Möglichkeit besteht, dass er noch kein Mädchen zur Frau genommen hat. ‚Ich muss zurück!‘, ist das Erste, das ihr entfährt. ‚Ich muss zurück, so schnell wie möglich.‘ Aufgeregt huscht ihr Blick hin und her, will ihr Körper handeln, ohne wirklich zu wissen, was er tun soll. ‚Nur noch einen Siebentag… Nur noch…‘ Und schon sinkt sie wieder mutlos in sich zusammen.
Ruhig, Schwesterchen‘, zieht Tyalfen sie an sich und küsst liebevoll ihre Stirn. ‚Ordne deine Gedanken. Gehe deine Möglichkeiten in Ruhe durch. Jetzt etwas zu überstürzen lässt dich nur stolpern und bringt dich nicht voran.‘ Narsaên atmet mehrmals tief durch. Das Ohr an ihres Bruders Brust hört sie sein Herz ruhig schlagen, schließt die Augen, ihres wieder zu beruhigen, bis es den gleichen Rhythmus annimmt. Dann öffnet sie ihre Augen wieder. ‚Ich muss herausfinden, ob er bereits ein Ehegelübde abgelegt hat.‘ ‚Und wie kannst du das am schnellsten herausfinden?‘ Die Laikeda’ya atmet tief durch. ‚Einen Brief. Ich muss ihm schreiben. Ihn fragen.‘ Doch dann schüttelt sie den Kopf. ‚Nein, ich kann ihn nicht fragen. Es würde ihn noch mehr zerreißen, wenn ich ihn frage, ob der Platz an seiner Seite noch frei ist… und er es nicht ist…‘ ‚Wem könntest du noch schreiben?‘ Narsaên überlegt kurz. ‚Aneirin… Er kennt Aidan gut und er wird wissen, ob er bereits vermählt ist.‘ ‚Ja, aber wir wissen nicht, ob er noch in der Stadt ist. Er sprach davon, möglicherweise ebenfalls heimzukehren.‘ Einige Herzschläge lang schweigen sie, dann richtet Narsaên sich wieder auf, so dass sie vor Tyalfen kniet. Vorsichtig ist der Blick aus ihren grünen Augen, als sie ihn anblickt. ‚Lady Arúen…‘ Ein zaghaftes Lächeln huscht über Tyalfens Gesicht und er nickt sachte. ‚Aber…‘ ‚Kein Aber. Sie ist die einflussreichste Person in Talyra, die wir kennen. Wenn jemand dir helfen kann, dann ist sie es.‘ Es liegt eine Entschuldigung in ihrem Blick, als ihr wieder bewusst wird, dass auch Tyalfens Herz noch mit sich ringt. Sie umarmt ihren Bruder und drückt ihn ganz fest an sich. ‚Ich bin so froh, dich zu haben, Bruderherz.
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Tyalfen

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Sunday, April 5th 2015, 1:13am

Dabei bist Du es, die mir den Weg zeigt, schließen sich seine Arme eng um seine Schwester, die seine Worte vermutlich gar nicht recht einordnen kann. Aber noch kann er sich nicht erlauben, deutlicher zu sprechen und wird es vielleicht nie. Alles hängt davon ab, ob der Schreinerbursche schon mit einer Anderen vor den Traualtar getreten ist, denn Eines steht unumstößlich fest: Ohne Narsaên wird auch er nicht nach Talyra zurückkehren. Warum nur musste sie sich von allen Sterblichen, denen sie begegnete, auch ausgerechnet in diesen Schürzenjäger verlieben, seufzt er im Stillen. Wenn schon bei einem Sterblichen, dann würde er sie sich entschieden lieber an Aneirins Seite wünschen. Aber hatte er dem geliebten Freund nicht sogar untersagt, Narsaên auch nur eine kleine Freude zu machen? Er hat! Und er erinnert sich genau, befürchtet zu haben, dass auch ihr Herz Aneirins gewinnender Art erliegt. Warum musste dieser Narr auch auf ihn hören? Nun letztlich kennt Tyalfen die Antwort und liebevoll streichen seine Hände über Narsaêns Seiten.

Die Wege der Götter sind unergründlich, Sylanar, aber eine kluge Frau half mir vor gar nicht langer Zeit zu erkennen, dass nichts ohne Sinn geschieht, ganz gleich, ob er sich uns offenbart. Und mag uns der Kelch auch noch so bitter scheinen, den uns die Götter reichen, an seinem Grunde könnte süßer Honig auf uns warten. Gib die Hoffnung nicht auf! Behutsam schiebt er sie von sich, um ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen und lächelt sie aufmunternd an. Hast Du vergessen, welche Nacht sich gerade über Roha senkt? Er hat sie kaum gefragt, da funkelt die Erinnerung in ihren Augen. Wie hätte sie die Nacht der Nächte auch vergessen können, kein Ilfaya könnte das, nur verdrängt ob all ihren Kummers um ihren geliebten Aidan. Wir werden Faê’ra ehren, wie wir es immer taten und ihren Beistand erflehen. Wer wenn nicht unsere geliebte Schutzherrin wird unser Flehen erhören? Hoffnung und Glaube, darauf wollen wir heute Nacht vertrauen. Mit diesen Worten nimmt er ihre Hände zwischen die Seinen und küsst ihre schmalen, klammen Finger. Rück näher ans Feuer, wärm Dich und iss etwas, wenigstens ein kleines bisschen, mahnt er sie ganz sanft und greift nach einer Nuss, die neben dem Moosbett auf dem Boden liegt. Wir werden Faê’ra hier einen Sternenhimmel entzünden. Sie wird es sehen, ganz bestimmt und wird uns hören. Eilig erhebt sich Tyalfen, um den schwindenden Rest des Tageslichtes zu nutzen, so viele Lichtnüsse aufzulesen, wie nur irgend möglich. Ihr aber bedeutet er, vernünftig zu sein, sich aufzuwärmen und etwas zu essen.

Mit einem Mal hört er einen dumpfen Klang, gleich darauf noch einen und weitere, vollkommen rhythmisch nur in verschiedenen Höhen und Tiefen, fast wie … Neugierig richtet er sich auf, zu Narsaên zurück zu blicken, da sieht er sie, wie sie beginnt, den Bewuchs von einem umgestürzten Baumstamm zu zerren. Warst Du das, fragt er verwundert. Da schaut auch sie ihn lächelnd an. Ja, ich habe eine Garamut entdeckt und schlägt mit dem Holz in ihrer Hand noch einmal gegen den toten, hohlen Stamm. Wieder erklingt der dumpfe Klang. Und er klingt so vielversprechend, dass er Tyalfen an die Seite seiner Schwester lockt. Zusammen befreien sie den Stamm von all den kriechenden Gewächsen, die ihn überwuchert haben und lösen die schon abblätternde Rinde mit bloßen Händen. Ein tiefer Spalt klafft in dem Holz, nicht so akkurat wie in den Schlitztrommeln die ihre Instrumentenbauer erschaffen, wobei die Bezeichnung Trommel irreführend ist, denn der tiefe dumpfe Klang wird wie bei einem Gong ohne Membran erzeugt. Als sie den Stamm schließlich auf stabilen, dicken Ästen gelagert haben und ihn Narsaên noch einmal anschlägt, lächeln sie Beide sehr zufrieden. Sie muss nur noch ein wenig nachgebessert werden, um ihrem Gehör Wohlgefallen zu entlocken. Und so zieht Tyalfen sein Messer, den Spalt nachzuarbeiten, während Narsaên beginnt, die Lichtnüsse mit viel Fingerspitzengefühl zwischen zwei Steinen anzuschlagen, gerade soweit, dass die Schale unter Druck soweit auseinander klaffen kann, um einen kleinen Holzspan hineinzuschieben, der das Nussöl aufsaugen wird wie der Docht einer Öllampe. Und genauso wird er brennen. Als schließlich alle Vorbereitungen getroffen sind, erstrahlt ihr Lagerplatz feierlich im Angesicht unzähliger, kleiner Lichter, im großen Rund um das Lagerfeuer als Sinnbild für Narnaras Auge des Nachthimmels im Norden nach der Herrin der Abenddämmerung benannt, dass über Firmament und den Lauf der Sterne wacht. Außerhalb des Kreises leuchten Frostwurm und Schild, die Zeichen für Untergang und Hoffnung, denn so heißt es, eines Tages werde der Frostwurm Grona, den hellsten Stern in des Auges Mitte, den hellsten Stern des Nachthimmels überhaupt verschlingen und der letzte aller Tage wäre vergangen. Allein der Schild könnte dies verhindern. Und so stehen diese Zeichen auch für die Gebete von Schwester und Bruder in dieser besonderen Nacht, für die Wünsche ihrer Herzen, die auf des Messers Schneide stehen.

„Wir glauben an die Macht der Zwölf, ihrer Archonen und ihrer Auserwählten“, kniet Tyalfen mit ausgebreiteten Armen am Feuer, die Augen in den Nachthimmel gehoben und betet zu den Göttern, wie seine Schwester, die vor der Trommel kauert. „Wir glauben an jene, die waren, die sind und die immer sein werden, an die allmächtigen Schöpfer Rohas, Schöpfer der Lüfte und aller Wasser, des Feuers und des Lebens. Wir glauben an die heiligen Gebote der Götter und folgen ihren unverbrüchlichen Gesetzen. Wir glauben an die heiligen Tempel, die heiligen Worte der Macht und die Kräfte des Lichts und halten sie in Ehren.“ Rhythmisch schlägt Narsaên die Trommel an und der Elben Lieder erheben sich dort zu Füßen des Aurisyamêl. Wiegend zu den alten Weisen besingen sie das Hohe Haus Nacht, singen von ihrer Liebe zu Faê’ra, der Allwissenden, der Göttin von Weisheit und Vernunft, denn nichts bedeutet einem Ilfaya mehr als diese, ihre Tugenden, singen von den Legenden aus alten Tagen, die sich um ihre Schutzherrin ranken und vom Schönen Volk bewahrt werden bis ans Ende aller Tage. Und als alle Lobpreisungen gesungen sind und die Trommel verstummt, erhebt sich Narsaên und gleitet an ihres Bruders Seite. Hand in Hand und Herz bei Herz flüstern die Geschwister ihre Wünsche in die tanzenden Flammen, auf das sie mit dem Rauch in den Himmel steigen mögen und das Gehör der Mächte fänden. Aus ihrem Flüstern wird ein Vers, aus ihrem Vers ein Gesang, anders als jene zuvor von einer wilden Leidenschaft ihrer Sehnsüchte getragen bis sie die Macht dieser Nacht erfasst und sie in schierer Ekstase um das Feuer tanzen. Erst als das Letzte ihrer Lichter erlischt, sinken sie erschöpft auf das zusammengetragene Moos und fallen eng umschlungen in die traumlose Trance.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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Sunday, April 5th 2015, 11:15am

22. Chòlar (Langschnee) 514

Nur wenige Stunden nach Sonnenaufgang kann Narsaên spüren, wie ihr heimischer Lebensbaum sein ganzes Sein auf der Suche nach ihr ausstreckt, wie er auch andere Aêlinorsarnaes mit seiner Suche ansteckt. Ihre Hand fasst sich an ihr Herz, als sie begreift, was sie ihren Eltern angetan haben muss, wie sie in der Nacht der Nächte vor Sorge vergangen sind, dass sogar der Wald sich auf die Suche nach ihr macht. ‚Ich bin hier! Ich bin zurück! Ich bin unversehrt!‘, ruft ihr Geist eindringlich hinaus in den Wald, auf dass er die Nachricht an ihren Aêlinorsarna tragen würde, damit dieser ihrer Eltern Sorgen fürs Erste zumindest ein wenig milderte. Die Laikeda’ya vernimmt das aufgeregte Rauschen der sich im Winde wiegenden Blätter und wenn sie ganz genau hinhört, meint sie das Flüstern des Waldes vernehmen zu können, hören zu können wie Blatt um Blatt ihre Nachricht weiterflüstert. Währenddessen sinkt Narsaên vor ihrem Bruder auf Windkind sitzen ein wenig in sich zusammen. Das hat sie ihren Eltern nicht antun wollen. Nicht einen Augenblick lang hat sie über die Konsequenzen ihres unüberlegten Handelns nachgedacht. Beschwichtigend legt Tyalfen die Arme um sie. Ja, nun ließe es sich ohnehin nicht mehr ändern.
Irgendwann hält ihr Bruder Linn’Vendis an, so dass sie herunter steigen kann. Sanft schließt Narsaên den großen Pferdekopf Draûgnars in ihre Arme, die ihnen den ganzen Weg über gehorsam gefolgt ist. ‚Vielen Dank, geliebte Freundin‘, dankt sie ihre mit Worten und Bildern, die sie in ihren Geist schickt, und lässt sie wissen, dass sie sich nun nach Hause wenden darf. Die Stute schnaubt, wirft schließlich das schwarze Haupt in die Höhe und lässt ein lautes Wiehern erklingen. Doch anstatt sofort davon zu galoppieren, macht sie noch einmal einen Schritt auf Narsaên zu und verpasst der Elbin mit ihrem Maul einen kleinen, für ihre Verhältnisse sanften Schubs gegen die Wange. Dann aber wendet sie sich ab, den Weg zurück zur Heimstatt des Waldläufers einzuschlagen. Mit einem dankbaren Lächeln blickt Narsaên der schwarzen Stute nach, ehe sie ihres Bruders Hand ergreift und sich wieder vor ihn auf den Feuerbluthengst setzt, den sie anschließend ebenfalls wieder an die Seite Arkendirs führen.

Wie erwartet können die Geschwister ihre Eltern schon von weitem ausmachen. Und als diese ihnen entgegen eilen, lässt Narsaên die Hand ihres Bruder los, die letzten Schritte schneller zu laufen und ihrer Mutter in die Arme zu stürzen. ‚Es tut mir leid… Es tut mir so leid…‘, krallen sich ihre Finger in das lederne und mit Laub versehene Gewand ihrer Mutter, die sie so fest hält, als befürchte sie, ihre Tochter wieder zu verlieren, sobald sie losließe. ‚Alles ist gut, mein kleiner Schatz. Du bist wieder da und alles ist gut…‘ Und obwohl Saliwen versucht, so gefasst wie nur möglich zu klingen, weiß Narsaên augenblicklich, dass auch über ihrer Mutter Wangen Tränen laufen. ‚Es tut mir so leid…‘, lässt die junge Elbin sie immer wieder wissen. Saliwen lässt sie gewähren, blickt mit tränenreichem Blick auf und schaut ihren Sohn an. Ein leises ‚Danke‘, aber aus tiefstem Herzen, gilt ihm und nur ihm. Er hat ihre Tochter, seine Schwester, wieder sicher heimgeführt. Das ist alles, was zählt.
Narsaên wagt zunächst gar nicht aufzublicken, als sich ihres Vaters Hand in ihre Wange schmiegt. Doch als sie es schließlich tut, liegt da wie schon bei ihrer Heimkehr kein Vorwurf in seinem Blick, nur Erleichterung ob ihrer sicheren Rückkehr. ‚Vater, verzeih mir. Bitte, verzeih mir…‘, streckt sie die Arme, die eben noch ihrer Mutter Nacken umschlangen, nach dem Arm ihres Vaters aus, ihn festzuhalten, während sich ihre Wange in seine Hand schmiegt. Aêrajil erwidert nichts, beugt sich nur herab, ihre Stirn zu küssen und dann seine beiden Frauen in seine starken Arme zu schließen. Saliwen streckt die Hand nach ihrem Sohn aus, ihn heranzuholen. Und wie sie sich alle so dicht beieinander in den Armen liegen, da weint Narsaên vor Erleichterung noch dickere Tränen, bis sie keine mehr hat und sich ihre verweinten Augen erschöpft schließen.

Wenig später sitzt Narsaên zusammen mit ihrer Mutter auf dem Liegestuhl im Wohnraum und pustet vorsichtig über die Oberfläche des heißen Tees in ihrem Becher, die daraufhin kleine Wellen wirft. Bruder und Vater haben in den breiten mit Fell gepolsterten Lehnstühlen gegenüber Platz genommen. Ihre Eltern haben mit keiner Silbe gefragt, wo sie gewesen sind, haben keinerlei Vorwurf erklingen lassen, was sie sich nur dabei gedacht habe. Stattdessen hat ihre Mutter sie beide liebevoll umsorgt, während ihr Vater beim Frühstück eine unbeschwerte Plauderei mit ihrem Bruder begann. Tyalfen hat sich nicht anmerken lassen, ob ihm der Sinn danach steht oder nicht. Dennoch hat er geantwortet und Narsaên hat ihn entschuldigend wie dankbar angesehen, dass er es tat. Nun aber sitzen sie hier und die Laikeda’ya hält verzweifelt den Blick auf ihren Tee gerichtet, das Unausweichliche so lange wie möglich hinaus zu zögern, selbst als die Hand ihrer Mutter über ihr Haar fährt.
Erzähl mir von ihm.‘ Überrascht mustert Narsaên ihrer Mutter Züge und lässt den Becher mit Tee sinken. Mit einem wohlwollenden Lächeln blickt ihre Mutter sie an und legt ihre Hände aufmunternd auf die ihrer Tochter. Narsaêns Blick jedoch gleitet hinüber zu ihrem Vater, der sie ausdruckslos und mit vor der Brust verschränkten Armen ansieht, dann aber mit einem tiefen Seufzen den Blick abwendet. Auch Narsaêns Augen wandern zurück zu Saliwen. ‚Er…‘, neigt Narsaên den Kopf und weiß gar nicht so recht, wo sie anfangen soll. ‚Sein Name ist Aidan. Seine Familie besitzt eine Schreinerei in Talyra, in der er arbeitet. Seine Familie, das sind sein Vater Henning, sein Onkel Randolf und dessen Frau Lorelia…‘, beginnt sie und einmal angefangen von ihm zu reden, jetzt wo sie es endlich darf, werden ihre Züge mit jedem Wort weicher, zeigen ihre Lippen mit jedem Satz ein größer werdendes, sehnsüchtiges Lächeln, funkeln ihre Augen in wohliger Erinnerung an ihren geliebten Menschen.
Sie erzählt von seinem Charme, seinem Humor, wie er ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, ja, wie er sogar auf die Knie fällt, nur, weil sie es verlangt. Sie erzählt von seinem handwerklichen Geschick, seiner musischen Begabung, seinen tänzerischen Fähigkeiten. ‚Er schafft es sogar zugleich zu tanzen und die Fidel zu spielen. Und wie er tanzen kann! Tyalfen hat ihn auch tanzen sehen!‘ Da springt sie auf, stellt den Tee beiseite und tanzt jene Schritte ihres ersten Abends, während sie die Melodie singt, die Aidan auf der Fidel gespielt hatte. Die Melodie, die sie an einen Schmetterling erinnert hatte. So in Erinnerungen schwelgend bemerkt sie nicht den Blick, den ihre Mutter ihrem Vater zuwirft, woraufhin dessen Schultern ergeben ein klein wenig sinken. ‚Und seine Stimme… So dunkel und sanft‘, hält sie inne, als sie Aidan sie wieder einen wilden Schmetterling nennen hört. Da hat sie ihn wieder vor Augen mit seinem anziehenden Blick, glaubt den Griff um ihre Taille wieder zu spüren, der sie an ihn herangezogen hat. ‚Augen, klar wie der blaue Himmel. Lockiges Haar, dunkel wie fruchtbare Erde. Hände, stark und zärtlich. Lippen, fordernd und…
Saliwen!‘, fleht ihr Vater ihre Mutter mit hilfesuchendem Blick an. Saliwen aber lächelt nur und zwinkert ihrer Tochter vielsagend zu, denn das ist etwas, was eine Frau wohl besser versteht als jeder andere. Da erzählt sie von dem Wettkampf der Bogenschützen, wie Aidan und seine Freunde sie unterstützt haben, wie sie schließlich gewann. Unbewusst hat sie die Hände um das Medaillon an ihrem Hals gelegt und drückt es fest an ihr Herz. Da wird ihr Blick plötzlich verlegen und sie wirkt nun mehr wie ein kleines Mädchen, das überlegt mit jemandem ihr kleines, feines Geheimnis zu teilen. ‚Magst du ihn sehen?‘ fragt sie vorsichtig. Doch kaum dass ihre Mutter ihr lächelnd zugenickt hat, streift sie sich das seidene Band über den Kopf, setzt sich wieder neben ihre Mutter und öffnet das Medaillon. Bedächtig reicht sie ihrer Mutter die geschnitzte Hornblüte mit Aidans Antlitz darinnen und starrt gespannt auf ihre Züge. ‚Was für ein hübscher junger Mann…‘, äußert Saliwen daraufhin. ‚Liebling, schau nur‘, erhebt sie sich, schlendert zu Aêrajil herüber, sich auf seinen Schoß zu setzen und den Arm um ihren Mann zu legen. Verzweifelt versucht er mit dem Blick dem Medaillon auszuweichen, das seine Frau ihm vor die Nase hält. Dann aber kann Narsaên sehen, wie er doch einen kurzen Blick auf die winzige Malerei wirft.
Seufzend blickt er auf und Narsaên an, ehe er die Hand nach ihr ausstreckt und sie zu sich bittet. Unsicher wirft diese einen flüchtigen Blick zu Tyalfen, der ihr aufmunternd zunickt. Kaum hat er seiner Tochter Hand ergreifen können, hat Aêrajil sie ebenfalls zu sich auf den Schoß gezogen, legt den Arm um ihre Taille, um seine doch noch so kleine Tochter zu halten. Dann sieht er sie fest an mit diesem undurchdringlichen Blick aus seinen rotbraunen Augen. ‚Du liebst ihn wirklich, diesen… Mann, nicht wahr?‘ Narsaên presst die Lippen aufeinander und es fällt ihr schwer, dem Blick ihres Vaters nicht auszuweichen. Doch weil es um Aidan geht, schafft sie es ihn entschlossen anzusehen. ‚Wie keinen anderen und aus tiefstem Herzen‘, erwidert sie. Sie hatte es sich selbst während der letzten Monde ausreden wollen. Jetzt aber, als sie es sich eingesteht, liegt es so klar vor ihr wie nie zuvor. Aêrajil schließt die Augen und zieht ihr Haupt an seines heran, ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken. ‚Meine Kleine…‘ Weitere Worte bleiben aus. Der Laikeda’ya hält seine Tochter einfach nur fest, als wolle er sie um nichts in der Welt hergeben. Sein kleines Mädchen… Sein kleines Mädchen ist erwachsen geworden, er wollte es nur nicht wahrhaben. ‚Tyalfen?‘, hebt er schließlich den Blick und schaut über ihre Schulter zu seinem Sohn. ‚Du hast diesen Menschen kennengelernt. Ist er… ein guter Mann?‘ Nicht, dass er an der Wahl seiner Tochter zweifeln würde, aber…
Ich muss gestehen, ich wollte ihn nicht wahrhaftig kennen lernen. Ich war blind vor Zorn, weil er nicht von Narsaên lassen wollte. Ich vermag erst jetzt zu verstehen, dass er nicht anders konnte. Und wenn ich ihn rückblickend betrachte, dann muss ich zugeben, dass er Narsaên immer beistand, nicht nur beim Turnier der Bogenschützen. Ich lud sie Beide zum Abendessen in Arkendirs Haus allein zu dem Zweck, ihn neben Aradon einfältig und ungeschickt aussehen zu lassen, damit Narsaên zur Besinnung käme. Ich war überrascht, wie wacker er sich hielt - genau wie bei unserem Zweikampf. Ich habe ihn unzählige Male den Staub der Straße schmecken lassen, aber er stand immer wieder auf und kämpfte um seine Liebe. Und als wir ins Schandholz gezwungen wurden, erschienen seine Freunde, ihm beizustehen. Selbst von mir versuchten sie die Schänder abzulenken, schützten uns mit ihren Leibern und musizierten und sangen, um die aufgebrachte Meute zu besänftigen. Kann ein Mann schlecht sein, der Freunde hat, die in der Not an seine Seite eilen?‘ Angespannt hat Narsaên die Worte ihres Bruders verfolgt. Ja, ihr Bruder hat sich nicht für ihren Menschen erwärmen können, weil er nur das Beste für seine Schwester wollte, wie sie inzwischen weiß und versteht. Doch dieses eine Eingeständnis lässt sie innerlich aufstöhnen, auch wenn jetzt nicht mehr die Zeit sein soll, ihm wegen des Abendessens Vorwürfe zu machen, von dem sie glaubte, es diente der Aussöhnung.
Zurück in die Menschenlande und zu diesem Mann… Ist es das, was du dir wirklich wünscht?‘, sieht ihr Vater zu ihr herunter. Narsaên hat sich schnell wieder gefasst und ihr Blick könnte entschiedener nicht sein. ‚Er ist alles, was ich will…‘ Dann jedoch flackert Unsicherheit in ihrem Blick auf und lässt Aêrajil stutzen. ‚Aber…‘ Und nun erzählt sie ihren Eltern von Aidans Versprechen seinem Vater gegenüber, wie von der winzigen Hoffnung, die die letzte Nacht, die ihr Bruder, in ihr geweckt hat, als sie allen Mut längst verloren glaubte. ‚Es gibt in der Stadt jemandem, dem ich schreiben könnte. Eine…‘ Narsaên hält plötzlich inne, erinnert sich an das Versprechen, das sie ihrem Bruder gab. ‚Eine… Freundin‘, setzt sie rasch nach. ‚Sie könnte für mich herausfinden, ob er bereits vermählt ist… Wenn mir jemand helfen kann, dann ist sie es‘, beendet sie schließlich den Gedanken. Fragend huscht ihr Blick zwischen den Augen ihres Vaters hin und her, die unergründlich auf sie hinabblicken.
Ich habe eine Bedingung…‘ Ihr Herz klopft Narsaên plötzlich bis zum Halse und das Blut pulsiert rauschend in ihren Ohren, als sie gespannt abwartet, dass ihr Vater weiter spricht. ‚Du verlangst von mir, dass ich meine Tochter einem Mann gebe, den ich noch nie getroffen habe, den ich noch nie gesprochen habe. Was seine Tugenden angeht, so kann ich mich nur auf dein Wort und das deines Bruders verlassen…‘ Mit unsicheren, großen Augen starrt Narsaên ihren Vater geradezu an. ‚Bringe du in Erfahrung, ob er sein Versprechen bereits eingelöst hat oder ob sein Vater noch die Richtige sucht. Ist der Platz an seiner Seite noch frei, so will ich mit seinem Vater sprechen, aber… Dein Mensch soll mir beweisen, dass er ein Mann ist, der ein Versprechen in Ehren hält. So soll er es halten und vor den Traualtar treten, ohne zu wissen, wer die Braut ist. Nur, wenn er ein Ehrenmann ist, auf den ich mich verlassen kann, will ich ihm die Hand meiner Tochter geben.‘ Eine winzige Hoffnung geknüpft an eine einzige Bedingung… Und dennoch strahlt Narsaên wie schon lange nicht mehr. Wortlos fällt sie ihrem Vater um den Hals, drückt ihn fest an sich, nur um im nächsten Augenblick ins Arbeitszimmer zu eilen und die sehnsüchtigen Zeilen an Arúen zu schreiben.
Seufzend blickt Aêrajil seiner Tochter nach, bis Saliwen seine Hand ergreift und ihn mit einem zustimmenden Lächeln bedenkt. ‚Unsere Tochter ist eine Frau geworden, Liebling. Wir wussten beide, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem wir sie aus unserer Obhut entlassen müssen.‘ Der Laikeda’ya senkt ergeben das Haupt und lehnt es gegen die Schulter seiner Frau. ‚Zu früh… Viel zu früh… Und dann gleich so weit fort…‘ Da hebt er den Kopf wieder und winkt seinen Sohn heran, sich neben ihn zu setzen. ‚Tyalfen…‘, legt er ihm den Arm um die Schulter. ‚Deine Schwester klammert sich an einen entsetzlich dünnen Halm. Wenn der Brief, den sie erhalten wird, nicht die Antwort enthält, die sie erhofft…‘ Bang blickt er in die Richtung, in die sie verschwunden ist. ‚Gib auf deine Schwester Acht, dass sie nicht wieder auf dumme Gedanken kommt, ja? Niemand erreicht ihr Herz und ihren Geist so eindringlich wie du.‘ Fest drückt er Tyalfen an sich. ‚Ich verlass mich auf dich, Sohn…‘ Auch wenn Aêrajil es sich manchmal anders wünschte, ihr Bruder ist stets derjenige gewesen, der den kleinen Wirbelwind auf den Boden der Tatsachen zurückholen konnte, wo es die Eltern nicht vermochten.
Ihre Entschlossenheit ist beeindruckend wie beängstigend‘, seufzt er schließlich – Aêrajil kann sich nicht erinnern, jemals so viel geseufzt zu haben, wie seit der Rückkehr seiner Kinder. ‚Woher sie das nur hat…‘ Saliwen an seiner anderen Seite lacht leise, dass er sie fragend anschaut. ‚Sie schlägt eben ganz nach dir, Liebling‘, meint sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Langsam runzelt sich Aêrajils Stirn, als sich seine Brauen skeptisch heben. ‚Ich bin nie…‘ ‚…blindlings deinem Herzen gefolgt?‘, unterbricht sie ihn. Ihr belustigter Blick wandert zu ihrem Sohn. ‚Hat er dir jemals erzählt, was ER getan hat, um sich meines Herzens zu versichern?‘ Überrascht blickt Aêrajil seine Frau an. ‚Hast du wirklich geglaubt, ich hätte davon nichts gewusst? Ich bitte dich…‘, lacht sie nun. ‚Saliwen…‘, mahnt er sie mit Stimme und Blick, die ihn daraufhin mit einem Kuss auf die Wange beschwichtigt und ihrem Sohn nur verschwörerisch zuzwinkert, ehe sie sich erhebt, um ihrer Tochter zu folgen. „Frauen…“, murmelt der Laikeda’ya, nachdem auch sie verschwunden ist.

Narsaêns Herz klopft wild vor Aufregung, während sie die Zeilen an Arúen schreibt. Das Flehen an die Götter, ihre Hoffnung wäre nicht umsonst, hallt unaufhörlich durch ihren Geist. Darüber nachzudenken, was sie tun würde, sollte sich ihr Herzenswunsch nicht erfüllen, erlaubt sie sich nicht. Sie würde ohnehin zu keinem Ergebnis kommen. Sie hört die Schritte ihrer Mutter nicht, so sehr ist sie in Gedanken versunken, als sie den Brief wieder und wieder liest, überprüft ob sie angemessene Worte gewählt hat – schließlich hat sie nicht vergessen, wem sie da schreibt – und ob diese Worte Arúen ihr Anliegen trotz der Kürze umfassend darlegen.
Shadâna?‘ Erschrocken zuckt Narsaên zusammen und kann im letzten Moment dem Verlangen widerstehen, den Brief mit der Hand zu verdecken und die noch nicht trockene Tinte zu verwischen. ‚Mutter! Erschrick mich doch bitte nicht so!‘ Fragend blickt ihre Mutter erst auf die Züge ihrer Tochter, dann wieder auf den Brief. ‚Arúen… Das ist ein elbischer Name. Und dieser Titel… Wem schreibst du da, Kind?‘ Narsaên presst sie Lippen immer wieder aufeinander. Sie versprach Tyalfen Arúen nicht zu erwähnen. ‚Einer Hohepriesterin Anukis und… einer Freundin, die uns schon zuvor geholfen hat…‘ Mehr als das. Ohne sie wäre Tyalfen niemals aus den Schatten zurückgekehrt. So viel haben sie ihr zu verdanken. Die junge Elbin erhebt sich dennoch ohne ein weiteres Wort, als sei das Thema damit für sie erledigt, verschließt das Tintenfässchen und stellt es wieder zurück auf seinen Platz.
Da ist mehr, nicht wahr?‘ Narsaên hält kurz inne, ehe sie nach der Feder greift, auch sie wieder zurück in die schlichte, aber dennoch hübsche Holzschachtel zu legen. ‚Ihr glaubt, wir würden es nicht merken. Tyalfen glaubt es. Aber ihr habt uns noch längst nicht alles erzählt…‘ Dann tritt sie an ihre Tochter heran und legt die Arme um sie, nachdem sie ihr vorsichtig das Medaillon wieder umgelegt hat. ‚Auch deinen Bruder bedrückt etwas.‘ Narsaên atmet tief ein und wieder aus. ‚Ich versprach ihm, nicht darüber zu reden. Bitte frag nicht weiter‘, schließt sie die Augen und erwartet ihrer Mutter bohrende Nachfrage. ‚Gut‘, ist die unerwartete Antwort, dass die Laikeda’ya sich zu ihrer Mutter herumdreht, die sogleich das Gesicht ihrer Tochter in ihre Hände rahmt. ‚Ich vertraue euch. Aber wenn er Hilfe benötigt, wenn ich mir Sorgen machen muss, dann sprich bitte mit mir darüber. Ja, mein Kind?‘ Es ist das liebevolle Lächeln Saliwens, das ihre Tochter anrührt und sich in ihre Arme werfen lässt. ‚Ja…

Eine Weile später blickt Narsaên gemeinsam mit Tyalfen dem ersten der Raben nach, die die folgenden Zeilen auf schnellstem Wege nach Talyra in Lady Arúens Hände tragen werden:

Quoted

Verehrte Shadâna Arúen,

in meiner Verzweiflung wende ich mich an Euch, weil ich sonst niemanden weiß. Ich trage Aidans Kind unter meinem Herzen. Aidan aber gelobte seinem Vater, sich noch in diesem Jahrestanz zu vermählen. Bitte bringt für mich in Erfahrung, ob er sein Versprechen schon einlöste. Und wenn ich noch hoffen darf, so flehe ich Euch an, steht uns bei. Ich weiß, ich verlange viel von Euch, doch bitte verhindert, dass er eine Andere vor den Traualtar führt. Es ist meines Vaters Bedingung, dass Aidan das Wort, das er seinem Vater gab, in Ehren hält und sein Versprechen einlöst, will ich zu Nannars Erwachen die Seine werden. Daher darf er von all dem unter keinen Umständen erfahren. Mein Schicksal und das meines Kindes liegen in Euren gütigen Händen.

Die Götter mit Euch
Narsaên aus dem Hause Laifaryn

Hand in Hand schlendern Bruder und Schwester über den feuchten Waldboden vom Rabenhort zurück in Richtung des heimischen Aêlinorsarna. Es ist Narsaên, die auf halben Wege inne hält und ihren Blick durch die Baumkronen schweifen lässt. Sie braucht ihr Zögern Tyalfen gegenüber nicht erklären, denn im nächsten Augenblick landet Virinrîl so gut wie lautlos auf beiden Füßen nur wenige Schritte hinter ihnen. Im Gegensatz zu Tyalfen wendet sie sich nicht sofort um. Tief atmet sie durch und schließt dabei zwei Herzschläge lang die Augen. Als sie wieder aufsieht, blickt sie in ihres Bruder fragenden Blick. Mit einem kurzen schmalen Lächeln drückt sie seine Hand und nickt ihm kaum merklich zu. Selbst wenn sie wollte, sie könnte nicht ewig vor ihm davon laufen. So lässt Tyalfen nach einem kurzen Augenblick des Zögerns ihre Hand fahren und entfernt sich ein gutes Stück weit von den beiden Waldläufern. Allerdings auch nur so weit, dass er beide noch immer genau im Blick hat.
Kalt liegen Aradons Augen auf ihr, als sie sich zu ihm herumdreht, sich dem Unausweichlichen zu stellen. Es würde sie verletzen, tief in ihrem Herzen. Doch Tyalfens Worte hallen in ihrem Geiste wider, reduzieren den reißenden Schmerz auf ein unangenehmes Ziehen. Selbstschutz, versucht Narsaên sich zu erinnern. Langsam nähert der Waldläufer sich ihr. Sein Blick schweift dabei umher, weicht ihr aus, bis er nur einen Schritt von ihr entfernt den Blick hebt und sie mit seinen glühenden, bernsteinfarbenen Augen ansieht als wäre sie eine Fremde. „Ich… bin froh, dass es dir gut geht.“ Eine Stimme wirkt weit entfernt, auch wenn Narsaên erkennt, dass seine Worte Wahrheit tragen. „Du-“ „Ich werde dieses Kind bekommen“, kommt sie ihm zuvor, ehe er seine Forderung wiederholen kann. „Und ich werde es lieben und großziehen.“ Schweigend mustert Wolfsauge ihre Züge, auf denen Entschlossenheit liegt. Zweimal öffnet er den Mund, etwas zu sagen. Dann schlägt er die Lider nieder. „Ich habe dich geliebt… Mein ganzes Leben lang habe ich dich geliebt. Selbst dann noch als dieser… Mensch“, speit er das Wort geradezu aus, „Hand an dich gelegt hatte, dein Herz für sich gewann…“ Er blickt wieder auf und dieses Mal mischt sich Bedauern in die Kühle seines Blickes.
„Aber dieses Kind… Ich könnte es nicht lieben. So sehr ich dich auch liebe, dieses Kind, sein Kind, kann ich nicht lieben. Und schon gar nicht annehmen als das Meine.“ Narsaên schluckt schwer und nun ist es an ihr, den Blick zu senken. „Ich verstehe…“, bringt sie mit rauer, brüchiger Stimme hervor. Sie versucht es ihm so leicht wie möglich zu machen. Und ihn sich von ihr abwenden zu lassen, gehört dazu. Und dennoch tut es weh. Denn sie verliert nicht nur den Mann, den sie womöglich hätte lieben können, sondern auch den Jugendfreund, die vertraute Seele, seit sie denken kann. Unerwartet hebt sich seine Hand an ihre Wange und lässt sie aufschauen. Zärtlich streicht sein Daumen über ihre Unterlippe und in seinem Blick flackert für den Augenblick die Wärme und Vertrautheit auf, mit der er sie sonst angesehen hat. Und da beugt er sich vor und küsst sie… ein letztes Mal… ein Abschiedskuss. Als Narsaên ihre Augen wieder öffnet, ist er fort. Eine Weile noch steht sie da, mit geballten Fäusten, die Nägel so fest in ihre Handinnenfläche krallend, dass es schmerzt. Und sie prägt ihn sich gut ein, den Schmerz. Schließlich aber wendet sie sich ab und lässt sich erneut an der Hand ihres Bruders nach Hause führen. Und dort heißt es: warten…
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Wednesday, April 15th 2015, 8:48pm

1. Kener (Silberweiß) 515

Unaufhörlich prasselt der Regen seit Tagen hernieder, hat selbst das letzte Fleckchen bisher noch trockener Erde im Schutze der Bäume durchnässt. So hartnäckig, langanhaltend wie in jedem Zwölfmond und dennoch hat Narsaên ihn zuvor nie so erdrückend empfunden. Gedankenverloren hockt die Laikeda‘ya am Fenster des Ateliers ihrer Mutter, starrt hinaus in den Wald, ohne ihn tatsächlich zu sehen, lässt sich von dem Plätschern der dicken Regentropfen einlullen und vom regelmäßig wiederkehrenden Donner besänftigen. Regen wie auch Donner wissen ihre Aufregung ob des Wartens auf eine Antwort zu beruhigen. Die unbändige Sehnsucht nach dem Menschen aber, mögen ihr weder sie noch der Wald, trotz all seiner innigen Vertrautheit, nehmen. Die Tage ziehen sich für die Elbin in eine entsetzliche Länge und Narsaên würde am liebsten jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick am Rabenhort sitzen und auf die Antwort Arúens warten. Natürlich weiß sie selbst, dass dies unsinnig wäre und eine Antwort dadurch auch nicht schneller überbracht würde, sofern sie überhaupt eine Antwort erhalten wird. Aber dennoch kann die Elbin nicht anders, als jeden Tag ungeduldig abzuwarten, wenn schon nicht am Hort der Schneeraben, dann eben am Fenster ihres Zimmers oder wie heute in der Arbeitsstube ihrer Mutter. Dort sitzt sie stundenlang und wartet jeden Tag aufs Neue auf Tyalfens Rückkehr von den Treffen mit Meister Arkendir, um sofort sehen zu können, ob er einen Brief bei sich trägt. Er versprach ihr, jeden Tag auf dem Heimweg am Rabenhort vorbeizusehen, während sie ihm im Gegenzug versprechen musste, eine mögliche Antwort nicht ohne ihn zu lesen. Die Laikeda’ya hatte erst gestutzt ob dieser Forderung, doch recht schnell hatte sie verstanden. Sie, ihr Bruder wie ihre Eltern, wollen nicht, dass sie Dummheiten macht, sollte der Brief… sollte die Antwort…
Narsaên schüttelt schwerfällig den Kopf, diese trüben Gedanken zu vertreiben und hebt das Haupt tief seufzend von ihren Armen, die auf dem Fensterbrett ruhten, während sie in der Hand das Medaillon hielt, immer wieder sehnsüchtig Aidans Antlitz zu betrachten. Nun aber legt sie es sich wieder um den Hals und ihre Fingerspitzen streifen noch eine ganze Weile über die geschnitzte Hornblüte. Oh, wenn sie bei den Göttern doch nur einen Wunsch frei hätte… Nur einen einzigen. Das jedoch ist ohnehin mehr als unwahrscheinlich, selbst wenn einer der Zwölf ihr Flehen erhören würde. Denn schließlich gaben sie ihr schon den Bruder zurück, nachdem ihn der Pfad bereits in die Dunkelheit geführt hatte. An ihrer Dankbarkeit gegenüber der Götter ändert ihre Sehnsucht nichts. Bekümmert richtet die Elbin sich auf und streckt die Hände nach der Harfe aus, sie auf ihren rechten Oberschenkel zu hieven und nach ihrer gedankenvollen Pause zu überprüfen, ob sie die Saiten richtig gestimmt hat, wie ihre Mutter sie gebeten hat. Bedächtig legt sie das Harfenknie an ihre Schulter und atmet einmal tief durch. Schon im nächsten Augenblick wandern ihre Fingerspitzen über die Saiten, zupfen einen Ton nach dem anderen. Es dauert nicht lang, da verweben sich die Töne zu einer Melodie, einer Melodie ihres klagenden Herzens, sehnsüchtig, bekümmert und doch inständig hoffend, nur begleitet von dem gleichmäßigen Trommeln des Regens und dem Schlagen des Donners. Tief in das Harfenspiel versunken, bemerkt sie nicht das Eintreten ihrer Mutter, die Narsaên mit wehmütigem Blick beobachtet und der Melodie lauscht, deren Töne zu ihrer Zufriedenheit einwandfrei erklingen, ehe sie sich wieder leise abwendet, nun, da sie sich nach dem Befinden ihrer Tochter erkundigt hat.

[Harfenspiel anhören]

Es sollte nur ein flüchtiger, gedankenverlorener Blick aus dem Fenster sein, sich der vermuteten Stunde zu vergewissern, doch er lässt Narsaêns Finger innehalten und den letzten Ton allmählich verhallen, als sie ihres Bruders Silhouette im Schatten der Bäume ansichtig wird. Gespannt beobachtet sie, wie er rasch näher kommt, ja geradezu in Eile scheint. Sofort beginnt ihr Herz schneller zu klopfen. Keinen der letzten Tage hat er es so eilig gehabt, zu ihr zu kommen. Vorsichtig, aber rasch, hebt sie die Harfe von ihrem Schoß und stellt sie beiseite. Schon drängt es sie hinunter, Tyalfen entgegen. Sie hört ihre Mutter noch nach ihr rufen, doch da hastet sie die Stufen des Aêlinorsarna bereits hinab. Auf halbem Wege hält sie inne, stört sich nicht daran, dass der Regen beginnt sie zu durchnässen, während sie erwartungsvoll zu ihrem Bruder hinunter starrt. Erst als Tyalfen seine Schwester erblickt, verlangsamt sich sein Schritt, bis er schließlich vor ihr zum Stehen kommt. Die vertrauten, grünen Augen blicken unter der Kapuze seines Mantels hervor und sehen sie eindringlich an. Narsaên muss gar nichts sagen oder fragen, da lässt Tyalfen eine lederne Hülse unter seinem Mantel aufblitzen. Nicht irgendeine. Sondern eine, mit dem dunkelgrünen Siegel des Anukistempels.

Saliwen lässt es sich nicht nehmen, ihrem Sohn den regennassen Mantel abzunehmen, nachdem Narsaên mit der Lederhülle in ihrer Hand an ihr vorbeigeeilt ist, ihr Bruder ihr dicht auf den Fersen. Die junge Elbin lässt sich auf das weiche Leder sinken, das auf einer wunderschön verschnörkelten Holzbank liegt, und bricht augenblicklich das Siegel, die Kappe zurückzuschlagen und das zusammengerollte Pergament heraus in ihre Hand gleiten zu lassen. Das Rauschen des Blutes, das ihr aufgeregt schlagendes Herz durch ihre Adern jagt, hallt in ihrem Ohr wieder, während sie auf ihren Namen in hübsch geschwungenen Lettern starrt. Wahrhaftig, der Brief ist für sie, von Arúen, die sehnlichst erwartete Antwort. Doch ist es auch die erhoffte? Mit zittrigen Fingern löst Narsaên den Seidenfaden, der das Pergament zusammenhält. Und doch wagt sie es erst, den Brief zu entrollen, als sich Tyalfens Hand beruhigend auf eine der ihren legt, nachdem er sich neben sie gesetzt hat. Die Laikeda’ya schluckt schwer, doch schließlich wagt sie es, die ersten Zeilen zu lesen.

Quoted from "Arwen"

Ich grüße Euch, Narsaên!

Euer Schreiben hat mich am 26. Langschnee 514 erreicht. Aidans Vater ist mit der Mutter der von ihm gewählten Braut bereits Ende des Amitar bei mir gewesen um Tag und Zeremoniell für die Hochzeit zu besprechen. Das Kranzgeld ist ebenso bereits gezahlt worden, wie Gäste geladen und alles für die Feier in der großen Gildenhalle vorbereitet worden ist. Der Tag für die Vermählung Aidans wurde für den Tag der Herdfeuersegnung festgesetzt.

Mit vor Anspannung weit aufgerissenen Augen starrt Narsaên auf diese Zeilen. Amitar, schon im Amitar hat sein Vater alles geregelt für eine Vermählung zur Herdfeuersegnung. Und die Herdfeuersegnung… war vor zwei Tagen. Mit einem entmutigten, langsamen Kopfschütteln lässt Narsaên den Brief auf ihren Schoß sinken und schließt die Augen, woraufhin Tränen über ihre Wangen laufen. Wenn sie ihren Brief doch nur früher geschrieben hätte. Nein, wäre sie doch bei ihm geblieben. Sie hätte auf ihr Herz hören sollen. Tröstend legt sich ihres Bruders Arm um sie und zieht sie an sich heran. Narsaén spürt den liebevollen Kuss auf ihrer Schläfe und dann Tyalfens Haupt, das sich an ihres schmiegt. Hätte… Wenn… und Aber… ‚Lies weiter…‘, erklingt seine Stimme in ihrem Geiste und die Elbin hat den Eindruck, das darin ein Hauch Zuversicht mitzuschwingen scheint, der sie wohl beruhigen soll. Narsaêns Blick wandert hinab auf das Pergament und es kostet sie Überwindung, den Brief weiter zu lesen.

Quoted from "Arwen"

Vor diesem Hintergrund ist mir die Entscheidung schwer gefallen, ob ich Aidan oder seinen Vater so kurz vor dem gewählten Tag über Euren Brief und das Kind, das Ihr erwartet überhaupt noch in Kenntnis sollte. Letztendlich habe ich mich dazu entschieden, Henning Wulfor eine Übersetzung Eures Schreibens zu geben und ihn entscheiden zu lassen, ob sein Sohn davon erfahren soll.

Nachdem er sich von dem Schock dieser Nachrichten erholt hatte, hat Meister Wulfor einen Weg gefunden, die Hochzeit abzusagen und Euch den Platz an Aidans Seite zu ermöglichen. Dies alles mit dem Wissen und der Unterstützung der jungen Frau, die die Braut hätte sein sollen. Die Einzelheiten mag er Euch selber erzählen, wenn Ihr wieder in Talyra eintrefft.

Die Götter zum Gruße und dass Ama'auts Segen über Eurer Reise liegen möge,
Arúen Liasiranis aus dem Haus Mitarlyr

Ein lautes Schluchzen aus der Tiefe ihres Körpers lässt diesen erbeben, woraufhin sich Narsaêns Blick vor lauter Tränen verklärt. ‚Jetzt wird alles gut, Schwesterchen‘, hört sie Tyalfen noch sagen, ehe sie ihm um den Hals fällt und hemmungslos weint, während er sie ganz fest hält. Und wie sie weint, vor Erleichterung, als alle Anspannung mit einem Male abfällt, vor lauter Glück, dass ihr Flehen tatsächlich und wahrhaftig erhört worden ist. Ihr Kind wird bei seinem Vater aufwachsen können und sie… sie wird den Platz an seiner Seite einnehmen. Sie wird ihn wiedersehen, ihn spüren, ihn lieben, sein ganzes Leben lang. Und es wird wunderbar sein, davon ist die Laikeda'ya fest überzeugt. Narsaêns Augen strahlen geradezu, trotz all der Tränen, als sie aufblickt und ihre Eltern bemerkt – ihre Mutter ganz hingerissen im Arm ihres Vaters, dem anzusehen ist, dass er sich wohl für sie freut, aber sich schwertut, sich mit dem Gedanken anfreuden zu müssen, seine Tochter gehen zu lassen. Ganz fest drückt Narsaên ihren Bruder, löst sich dann aus seinem Arm, drückt ihm den Brief in die Hand und eilt in die Arme ihrer Eltern. Ja, jetzt wird alles gut werden… Endlich.
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Tyalfen

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Thursday, April 16th 2015, 12:48am

Mit einem Mal drückt Narsaên ihm das Pergament in die Hand, Zeilen von ihrer Hand geschrieben, zart geschwungene Linien voller Anmut … wie sie. Selbstvergessen streichen Tyalfen Fingerspitzen hauchzart über die Tinte, über ihren Namenszug und ein schwermütiges Lächeln legt sich auf seine Züge. Er soll sie also wiedersehen - die Winterrose, die im Verborgenen blüht, ein Röslein ihr zur Seite - seinen geliebten Sonnenaufgang. Dafür hat er gebetet in der Nacht aller Nächte … nicht allein um seinetwillen. Möge dies also der Pfad sein, den ihm die Götter zu Füßen legten. Gedankenverloren wandern seine Augen in die ziellose Ferne weit fort von hier zurück ins Larisgrün. Eine Träne schimmert an ihrem rabenschwarzen Wimpernkranz über alabasterheller Haut, funkelt im Zwielicht des Waldes wie ein geschliffener Diamant, so klar und rein ... Arúen. Warum hat er sie nicht geküsst, ihre Lippen mit den Seinen versiegelt und zum Schweigen gebracht, bevor … Warum hat er zugelassen, dass sich diese entsetzliche Mauer zwischen ihnen auftürmt, die ihn nun von ihr trennt. Wird er sie je wieder niederreißen können? Manchmal, wenn er an sie denkt, streicht ein sanfter Schauer über seine Haut, so wie jetzt auch. Wäre es nicht schön, wenn dies so wäre, weil sie auch an ihn dachte? Ob sie es jetzt gerade tut? Oh Arúen mein Sonnenlicht, ich will alles tun, dass Du an meine Liebe glauben kannst. Sind nicht unerschütterliche Glaube und tiefe Liebe die mächtigsten Gaben der Götter, imstande jedes Hindernis zu schleifen und jede Hürde zu überwinden? Bedächtig rollt er das feine Pergament in seinen Händen zusammen und lässt es zurück in die Lederhülse gleiten. Es soll ihn stets daran erinnern, dass Träume wahr werden und auch die unmöglichsten Dinge sich zum Guten wenden können.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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