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Lyall

Stadtbewohner

Posts: 455

Occupation: Magd

Location: Anwesen de Winter

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46

Sunday, January 27th 2019, 7:28pm

~ 28. Beerenreif 518 ~


Pure Geistesgegenwart und eine gehörige Portion Glück bewahren Lyall vor einer gebrochenen Nase, als sich Aneirin so plötzlich aufrichtet, dass sein Schädel nur wenige Sekhel entfernt von ihrem Nasenbein vorbei rauscht. Verdutzt blinzelt die Wargin sich den langsam weichenden Dämmerzustand aus den Augen, während ihr Freund stocksteif und unbeweglich wie eine Puppe vor ihr auf dem Boden sitzt und auf etwas zu starren scheint, das nur er sehen kann. Sie lässt ihm Zeit sich zu orientieren, begiebt sich derweil ihrerseits in einen bequemeren Schneidersitz und mehrere stille Minuten verstreichen, bis sie tatsächlich an einem Zucken seines Körpers sehen kann, wie ihn die bittere Erkenntnis einholt und wiederholt erschüttert. Strahlte sein Körper eben tatsächlich Ruhe und so etwas wie leichte Erholung aus, wurden diese Emotionen von erster Verwirrung bis hin zur Resignation abgelöst und seine erneut herabhängenden Schultern und der gramgebeugte Kopf sprechen ihre eigene Sprache.
Als er damit beginnt sein Bein, welches wohl während seiner Ruhephase eingeschlafen sein musste, zu reiben hat er wieder eine abweisende, barsche Aura um sich, sodass sich Lyall innerlich schon dagegen wappnet, nun bald einen cholerisch schreienden Aneirin beruhigen zu müssen.
Die Finger der Magd des Anwesens de Winter krallen sich angstvoll fest in den Saum ihres Hemdes und ihre Augen folgen jeder Bewegung von Aneirin auf's genaueste, als dieser wie von der Tarantel gestochen aufspringt und zuerst leicht humpelnd, dann jedoch immer forscheren Schrittes durch die Stube läuft. Wie ein gehetztes Tier wirkt er, angespannt und gereizt einen nicht vorhandenen Ausweg suchend.
Jeder Muskel in Lyalls Körper ist angespannt, da sie nicht einschätzen kann, ob sie nun bald fliegendem Porzellan wird ausweichen oder gar Aneirin davon wird abhalten müssen, sich selbst Schaden zuzufügen.
Sein zielloses, gar wirr anmutendes Umherwandern besorgt die Drachenländerin, doch sie wagt es nicht ihn jetzt aufzuhalten. Auf der einen Seite hat sie das Gefühl, dass das Umherlaufen eine Art Übersprungshandlung ist, die den Stress abzubauen imstande ist, welcher den Leib ihres Freundes unverkennbar peinigt, andererseits weiß sie nicht wirklich wie sie diesen vor Wut, Zorn, Trauer und Verzweiflung angefüllten Mann zum Stehen bringen soll, ohne ihn zu verärgern oder weiter zu reizen. Denn in seinen rastlos umherblickenden Augen funkelt es zunehmend wahnhaft fiebrig.

Gerade als sich die Wargin halbwegs an sein nervöses Umherirren gewöhnt hat, schwenkt er plötzlich zu ihr herum und lässt sich mit protestierend knackenden Knien vor sie auf den Boden fallen, dass sie ein erschrockenes Zusammenzucken nicht verhindern kann. Fahrig ergreift er ihre Hände und sieht sie so durchdringend an, dass sein Blick den ihren anzusaugen und festzuhalten scheint. >>„Was soll ich tun?“<<, kommt es nun ebenso flehentlich aus seinem Mund.
Seinen grünen Augen sind unendlich traurig, doch glimmt dort ebenso ein winziger Funke blank strahlender Hoffnung, die nur auf Lyall zu Fußen scheint. Auf ihr und der Antwort, die ihr Freund von ihr so sehnlichst erwartet. Ein dermaßen tiefes Flehen liegt in seinem Blick und ebenso eine Erwartung, gleich eine Art Wunder aus ihrem Munde zu hören, dass Lyall beschämt und betrübt die Augen senken muss, nur um jetzt auf seine Hände niederzublicken, die sich Halt suchend um die ihren geschlossen haben.
Was soll sie ihm nun raten? Was kann sie ihm sagen, was die Last auf seinen Schultern leichter zu werden vermag? Mit einem tiefen Seufzer entlässt sie die Anspannung, die sich nun auch in ihr aufgebaut hat und streicht mit ihren Daumen über seine Handrücken, wagt jedoch nicht aufzublicken. Stattdessen lässt sie ihren bernsteinfarbenen Blick über die angestaubte Einrichtung und die halbvollen Teller schweifen, kann nicht umhin die Wollmäuse unter dem kleinen Beistelltischchen zu bemerken und ihr sind auch nicht die Bartstoppeln auf Aneirins Gesicht entgangen.
Als sie erneut auf seine Hände blickt, beginnt sich langsam ein Gedanke in ihrem Kopf zu formen, von dem sie nur hoffen kann, dass ihr Freund sich darauf einlassen wird. Denn sie ist sicher, dass er das Haus nicht verlassen wollen wird und das müsste er so auch nicht. Sie beginnt zu sprechen bevor sie ihn direkt ansieht, da sie nicht sicher ist den Gedanken aussprechen zu können, während pure Verzweiflung in seinem Blick liegt.
„Wir werden etwas tun. Wenn dein Mädchen zurückkommt, darf es hier nicht mehr so unordentlich sein. Komm!“ sagt sie, steht schwungvoll auf und versucht ihn mit hochzureißen. Doch ihr Arm ruckt durch einen Widerstand gehalten zurück, und dieser Widerstand ist Aneirin. Aus seinen Augen spricht nun allerdings purer Protest sowie unverhohlener Trotz, allerdings hat sie mit diesem schon gerechnet. Ihre Finger entlassen die seinen aus der Umklamerung und sie versucht selbstsicher zu wirken, während sie zum Fenster mit den geschlossenen Läden hinübertritt und diese zu öffnen beginnt. Doch ihr Herz flattert nervös in ihrer Brust, da ihr Freund wie ein Geysir wirkt, dessen Ausbruch längst überfällig ist.
„Los doch! Erstmal müssen wir hier frische Luft hereinlassen!“, sagt sie zum Fenster hingewandt und stößt mit einem kräftigen Ruck die Läden beiseite. Helles Tageslicht und eine frische Brise flutet den Raum, sodass beide ihre Augen vor der blendenden Helligkeit zukneifen, doch gleichzeitig einen tiefen Atemzug der reinen Luft nehmen.
Wie sie erwartet, jedoch insgeheim nicht gehofft hat, hockt Aneirin weiterhin unbeweglich auf dem Fußboden und sein Blick spricht Bände, doch die Wargin lässt ihn nicht zu Wort kommen, sondern bückt sich nun ihrerseits, nimmt sein Gesicht in ihre Hände und sagt aufmunternd: „Und du? Du müsstest dich auch wieder rasieren! So kannst du nicht aussehen, wenn Brianna zurückkehrt. Sie wird ihren Papa gar nicht wiedererkennen!“ Ein gewinnendes Lächeln liegt auf ihren Lippen, doch so überzeugt, wie sie versucht auszusehen, ist sie selbst nicht.
Aneirin macht nicht den Eindruck, dass er sich wirklich dazu überzeugen lassen würde, aus seiner Höhle des Trübsinns hervorzukommen und sie könnte es ihm nicht einmal verdenken. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, auch wenn sie schon mal anfangen sollte ihre Gebete zu sprechen, denn Aneirins pulsierende Halsschlagader und die gespannten Nackenmuskeln, lassen auf kein gutes Ende hoffen...
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

Avatar © by Niniane :soppy:

Aneirin

Stadtbewohner

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Posts: 644

Occupation: Bäcker

Location: Talyra

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47

Saturday, April 27th 2019, 11:33pm

Ist sie eigentlich noch ganz bei Trost? Reißt die Läden des Fensters auf und selbiges dazu, einfach so aus dem Nichts heraus, dass er sich im ersten Moment mit zusammengekniffenen Augen abwendet und Lyall innerlich dafür verflucht. Eigentlich will er sie anfahren, was ihr einfalle, als sie sich zu ihm herunter bückt, doch sie lässt ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Er müsse sich mal wieder rasieren, meint sie, mit den Händen auf seinen Wangen und lächelt ihn dabei an. Er soll sich rasieren? Hat sie überhaupt verstanden, um was es hier geht? Um wen es hier geht? Wie soll ihm das Brianna wieder bringen?
Mehrere Herzschläge lang blickt er sie einfach nur ärgerlich an und beobachtet, wie sie immer krampfhafter versucht, das Lächeln aufrecht zu erhalten bis ihre Mundwinkel vor Anstrengung zu zucken beginnen. Unter anderen Umständen hätte Aneirin das sicherlich als amüsant empfunden. Doch hier und jetzt…
Er nimmt den grimmigen Blick nicht von ihr als er seine Hände hebt und sie fest um ihre Handgelenke legt. Da flackert etwas in ihrem Blick auf, was Aneirin zunächst als Unsicherheit deutet, doch als ihre Augen ganz kurz zu seinen Händen huschen und das Lächeln auf ihren Lippen erstirbt, ist ihm, als wäre es mehr als eine Unsicherheit. Hat sie etwa… Angst? Vor ihm?
Der Bäckermeister schließt die Augen und atmet tief durch und noch bevor er sie wieder öffnet, führt er Lyalls Hände so sachte wie es ihm in diesem Augenblick möglich ist, von seinen Wangen fort und gibt sie dann frei. Als er seine Augen wieder öffnet, sieht er die Wargin nicht an. Stattdessen wendet er sich ohne ein Wort zu verlieren von ihr ab und steht auf.
Rasieren… Sie hat sie ja nicht mehr alle. Warum noch mal hat er sie um eine Aufgabe gebeten? Das war nicht das, was er im Sinn hatte. Er schnaubt leise. Oder hat sie sich dabei etwas gedacht? Oder will sie nur Zeit schinden und ihn beschäftigen, während sie sich überlegt, wie sie Brianna finden können? Brianna wird es wohl herzlich egal sein, ob ihr Vater einen Bart trägt… Oder?
Aneirin hat keine Ahnung, was das soll, setzt sich aber schließlich in Bewegung und trottet äußerst widerwillig zur Treppe, um sich dann halt eben oben zu rasieren. Aber wehe, sie hat keine vernünftige Idee, wenn er damit fertig ist.

„Au…“, flucht Aneirin leise und senkt das Rasiermesser. Wütend funkelt er sein Antlitz im Silber an. War ja klar, dass es ihm beim letzten Zug noch passieren muss. Er donnert das Messer auf den Waschtisch und schnappt sich ein Tuch, Gesicht und Hals zu trocknen und drückt es anschließend auf die kleine, blutende Stelle.
Aus der Kommode zieht er eine frische Tunika und wirft sie neben die Getragene auf das Bett. Unwillkürlich huscht sein Blick dabei zu Briannas Kinderbett unter dem Fenster des Schlafzimmers. Ganz langsam geht er nach einem zögerlichen Augenblick auf das Bettchen zu. Davor bleibt er stehen und sucht mit seinen Augen jeden Winkel der Matratze ab, als müsse er nur lange genug ins Bett schauen und Brianna würde dann wieder darin liegen und alles wäre in Ordnung.
Mutlos sinkt seine Hand, die das Tuch immer noch gegen seine Wange drückt hielt, und schließlich er selbst auf das Fußende seines eigenen Bettes. Das Tuch fällt ihm aus der Hand als er beide Hände ans Gesicht führt, um eben jenes darin zu vergraben.
Avatar © 2013 liegt bei der wundervollen Azra

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