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Colevar

Stadtbewohner

  • "Colevar" started this thread

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

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16

Monday, August 27th 2012, 10:31am

Beerenreif 512, auf dem Weg nach Talyra


>Eine interessante Fragestellung.<
Colevar wirft der Magierin neben sich einen abschätzenden Blick zu. Unbedingt. Ziemlich interessant sogar. Lady Shin hatte sich bisher nicht gerade als sehr mitteilsam erwiesen, doch auch wenn er nicht vorhat, den ganzen Rückweg nach Talyra schweigend zu verbringen, er wird ihr nichts aufdrängen. Wenn sie lieber nur ausweichend von sich sprechen, nichts über ihn wissen und stets an der sicheren Oberfläche belangloser Unterhaltungen bleiben will, dann ist das ihr gutes Recht. Auf diese letzte Frage erhält er allerdings eine ziemlich philosophische Antwort – doch danach hat er nicht gefragt und sie weiß es. Colevar greift hinter sich, löst die Lochaberaxt vom Sattel und steigt vom Pferd. "Und Eure Meinung?" Ihr Blick wandert von ihm zum Baum und wieder zurück. >Ich glaube vieles ist eine durch unserer und anderer Entscheidungen ausgelöste Aneinanderkettung zeitweise sogar vorhersehbarer Zufälle, die wir vielleicht sogar erkennen, oder manche sogar verhindern könnten, wenn wir in der Lage wären weit genug zu sehen, und ich glaube es gibt Wesen die können entgegen uns sehr weit blicken.< "Dann könnte man auch sagen, die geheime Verkettung der Dinge bildet etwas, das manche Zufall nennen, das aber doch unumgänglich ist." Und geändert werden kann. Er zieht sich das Hemd über den Kopf, bindet sein inzwischen ziemlich lang gewordenes Haar im Nacken zusammen und mustert den Baumstamm mit seinen wild in alle Richtungen abstehenden, teilweise gesplitterten, teilweise geknickten Ästen auf der Suche nach dem besten Standort. >Aber was ich glaube ist vermutlich nebensächlich. Die Frage ist wohl eher was glaub ihr? Denkt ihr denn hier schmeißt jemand aus irgendeinem Grund mit Bäumen... oder mit Kutschen?<

"Aye, nun..." Glaubt er noch an Zufälle? Nein, eher nicht. Nicht mehr. Nicht in jenen Angelegenheiten, die wirklich von Bedeutung sind. Nicht nach allem, was er schon erlebt hat, dafür hat er schon viel zu viel gesehen. Nicht nach den letzten vier Jahren. "'Zufall ist ein Wort ohne Sinn. Nichts kann ohne Ursache existieren.'," zitiert er also mit einem unfrohen halben Lächeln einen schon seit langem toten Gelehrten und Philosophen, der ihr als gebildeten Magierin bestens bekannt sein dürfte, ehe der erste, mächtige Schlag der Axt durch die Schlucht hallt und ihm zwischen den Ästen auf dem Baumstamm besseren Platz verschafft. Lady Shin lässt sich derweil auf ihrem Allerwertesten nieder und macht es sich außerhalb der Reichweite umherfliegender Holzsplitter und Rindenstücke im weichen Gras bequem. Von der Ankunft der lang vermissten Schneeeule bekommt er nichts mit, ebenso wenig wie von den begehrlichen Blicken, die auf seiner Kehrseite und ganz allgemein auf seiner nackten Haut ruhen. "Aber wenn Ihr so fragt – ja, allerdings. Allmählich glaube ich, hier schmeißt irgendjemand mit Kutschen und Bäumen." Ich verwette meine linke Hand, dass das nicht der letzte Stolperstein auf dem Weg nach Talyra war. "Ich kann aber nicht sagen wer – außer, dass es sicher nicht die Götter sind." Kluger Junge, meldet sich prompt eine allmählich bekannt werdende Fistelstimme zurück und vor lauter Schreck hätte er beinahe die Axt fallen lassen. Das schwere Blatt gräbt sich einen Sekhel neben seinem Fuß ins Holz und Colevar reißt die Waffe mit einem wütenden Knurren wieder zurück. Verschwinde aus meinem Kopf, wer immer du bist! Beleidigtes Schmollen ist die einzige Antwort, die er erhält. Für einen Moment steht er einfach nur still auf dem Baumstamm, atmet die würzige Waldluft und fragt sich, ob er vielleicht dabei ist, den Verstand zu verlieren. Er kann jede Faser seines Körpers spüren, jeden Tropfen Blut, der in seinen Adern fließt, und die Sonne, die warm seine Haut berührt. Nein, er ist nicht verrückt. Das hier passiert und es passiert ihm. Dann öffnet er die Augen wieder und kalte Entschlossenheit liegt in seinem Blick. Zufall oder nicht – zufällig im reinen Sinne des Begriffes heißt auch nur, dass das ihm widersprechende Gegenteil möglich ist... und wer immer der Herr der Stolpersteine auch sein mag, er hat sich eindeutig mit dem Falschen angelegt.

Für eine ganze Weile ist er zu sehr mit dem Zerhacken eines mächtigen Astes beschäftigt, um sich weiter mit philosophischen Gedanken abzugeben und die Axtschläge dröhnen laut durch die Schlucht. Er braucht eine halbe Ewigkeit, um ein ausreichendes Stück des umgestürzten Baumes von Ästen, Zweigen und Laubwerk zu befreien, so dass eine Lücke entsteht, die den Pferden genug Platz bieten würde und zweimal muss er Filidh zu Hilfe holen, um einen großen Ast von dem Fryslâner aus dem Weg ziehen zu lassen, doch dann ist es geschafft. >Möchtet ihr etwas Wasser zur Abkühlung?< Ihre Stimme ist die reine Unschuld, aber Lady Shins hintergründiges Lächeln hätte ihm eine Warnung sein sollen, dennoch nickt er - und bekommt Wasser. Kaltes Wasser. In Massen. Von oben. Genaugenommen schüttet es plötzlich über seinem Kopf wie aus Kübeln und das nur für ihn allein. Aye. Wassermagierin, schon vergessen? Mit einem leisen Lachen breitet er die Arme aus und genießt den spontanen Wasserfall – immerhin würde er nicht verschwitzt und voller Holzstaub und Dreck weiterreiten müssen, ganz abgesehen davon, dass es eine mehr als willkommene Erfrischung nach der elenden Schinderei ist. Als Shafir, der Wasser offenbar in keiner Form widerstehen kann, auf ihn zu gerannt kommt und dabei von der dunklen Nase bis zum felligen Ende wedelt, und netterweise seine eigene, ganz persönliche Wasserdusche von oben erhält, dicht gefolgt von Reykir, der sich ebenfalls unbedingt ansehen muss, ob es hier vielleicht so etwas wie Spaß zu holen gibt, fackelt Colevar nicht lange. Er beginnt kurzerhand mit beiden eine ausgelassene Balgerei unter spritzenden Wassermassen, die sich in glitzernden Pfützen auf dem Boden sammeln, nur um sofort wieder aufzusteigen, einen Moment über ihren Köpfen zu schweben und wieder herabzuregnen, während Lady Shins Hände unablässig kleine, tanzende Gesten formen und ihr Mund sich sacht bewegt – falls sie irgendwelche Beschwörungsformeln murmelt, gehen sie im allgemeinen Wasserrauschen-Hunde-Chaos-Lachen unter. Sie hören auch erst auf, als sie alle drei klitschnass sind und die Magierin das Spektakel beendet, weil sie sich vor Lachen über die wilden Hopser und Sprünge ihres Bärenhunde-Greises, schon den Bauch und die schmerzenden Rippen halten muss. Den beiden Hunden rinnt das Wasser in Sturzbächen aus dem Fell und Colevar hatte ohnehin nicht mehr nasser werden können, als er es schon gewesen war – aber sie schütteln sich alle drei synchron, dass die Tropfen nur so fliegen, sobald sie in Reichweite Lady Shins sind, was die Magiern zwischen japsendem Gelächter zu leisen Quietschlauten veranlasst und die Eule empört schimpfen lässt – anscheinend hat er schon wieder eine Frau mit einer Menagerie aufgelesen.

"Ich kann Euch nicht sagen", nimmt er das Gespräch von vorhin wieder auf, "wer etwas dagegen hat, dass ich nach Talyra zurückkehre, aber ich versuche es seit drei Jahren. Und wenn ich es aller Widerstände zum Trotz doch einmal schaffe, in die Stadt zu gelangen – was nie einfach war, das könnt Ihr glauben - geschieht irgendetwas, das mich sofort wieder aus ihr... entfernt." Von Calait fern hält, wispert eine Stimme in seinem Inneren, aber diesmal ist es keine verrückte Alte, die ihm irgendetwas einzureden versucht, dieser Gedanke kommt von ihm selbst. Aber warum zum Dunklen? Er wringt sein Haar aus, sucht sich aus seinen Satteltaschen trockene Kleidung zusammen und angelt nach dem Hemd, das die Magierin fürsorglich in Sicherheit gebracht hatte. Sein Blick fällt auf das Kettenhemd, sauber zusammengerollt und festgeschnellt auf dem dick wattierten Gambeson, dann zuckt er mit den Schultern. 'Lieber übervorsichtig, als Bruder Leichtfuß...' Colevar kann wirklich nicht mehr sagen, wie viele hundert Male oder öfter ihm dieser Satz als Junge von Rhordri und Vareyar in der Steinfaust eingebläut worden war, aber Gefahr im Verzug oder nicht, Unwahrscheinlichkeit oder nicht, er würde sich nicht vom Herrn der Stolpersteine mit blankem Arsch erwischen lassen. Schamhaftigkeit mag ein natürliches Empfinden sein, aber seine ist nicht sonderlich ausgeprägt. Er ist in keiner Weise übertrieben freizügig und er würde sein nacktes Fleisch auch nicht auf den Präsentierteller klatschen wollen, aber er würde auch nicht befangen und mit glühenden Wangen hinter ein Gebüsch verschwinden, nur um sich umzuziehen. Abgesehen davon reicht sein Pferd als lebender Wandschirm völlig aus. Colevar schlüpft also in trockene Kleidung und legt auch Gambeson und Kettenhemd an, bindet sich den Waffengurt mit den beiden Dolchen um und schließt sorgsam die Schnallen. So nahe an Talyra irgendwo im Larisgrün auf handfestere Gefahren als Stürme, verunglückte Kutschen oder umgestürzte Bäume zu stoßen ist wirklich unwahrscheinlich – aber es ist möglich. Dann bringt er ihre kleine Reisegesellschaft – von einer Begleitung kann man angesichts ihrer vielen tierischen Gefährten wirklich nicht mehr sprechen – nacheinander über den Baumstamm.

Die Magierin ist noch nicht wieder so sicher auf den Beinen, als dass er sie alleine hinüberklettern lassen würde (ganz abgesehen davon, dass ihr der Stamm bis zu den Hüften reicht) und auch nicht schmerzfrei genug, um auf ihrem Pferd einfach darüber zu springen, wenn sie noch nicht einmal eine schnellere Gangart als Schritt auf Harms Rücken aushält. Für die Hunde ist das Hindernis allerdings kein Problem und für die Pferde auch nicht, so dass sie ihren Ritt endlich fortsetzen können. Stunden später. Wenn das so weiter geht, kommen wir irgendwann um Mitternacht in Talyra an... Er hebt Lady Shin auf ihr Pferd zurück und steigt selbst in den Sattel. "Tut mir einen Gefallen und haltet Augen und Ohren offen, aye?" Colevar wirft einen Blick auf die Eule, die ihre Kreise über ihren Köpfen zieht. Wäre sie als Späher zu gebrauchen? Er hat von einigen Falknern gehört, die auch mit Nachtgreifen arbeiten, aber er selbst hat mit diesen Vögeln keinerlei Erfahrung. "Wer weiß, was uns noch so auf dem Weg erwartet."
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Atevora

Unregistered

17

Monday, August 27th 2012, 6:44pm

Beerenreif 512, auf dem Weg nach Talyra


Man könnte gemeinhin all zu rasch annehmen Atevora wäre nur ein verstockter, verbissener, verbitterter melancholischer Trauerhaken, der nichts von Spaß versteht und nie lachen kann – es stimmt nur nicht.
Sie hat sich von Yasraena schon einmal zu einer herrlich befreiten Kissenschlacht hinreißen lassen, oder ist mit Tane einmal, einfach so weil er meinte das wäre lustig, einen Hügel hinunter gerollt - auch wenn es nur war, damit er aufhört sie zu nerven. Bereut hat sie es jedenfalls nicht.
Niemals hätte sie gedacht, dass sich der 'Blaumanatel außer Dienst' einfach dazu hinreißen lässt mit den Hunden im Wasser ausgelassen herumzutollen, und das Bild das die Drei vor ihren Augen abgeben ist zeitweise einfach nur zu herrlich erheiternd. Wie es ihn nieder wirft weil Reykir auf seinen Rücken wie auf ein Podest hüpft, wie er mit dem brummenden Shafir am Boden herumrollt, quillt die Szene nur so über vor Lebensfreude, die auch die Eismaid schlussendlich mitreißt und für sich gewinnt und die Konzentration ablenkt bis sie den Zauber nicht mehr halten kann.
Mit einem Lächeln, das die Sonne aufgehen ließe, wenn sie nicht schon hoch am Himmel stünde, kommt ihr dann Colevar zusammen mit den Hunden entgegen, die sich natürlich genau dann das Wasser aus dem Fell schütteln, als sie in der richtigen Reichweite sind um Atevora mit einem vollen Wasserschwall zu erwischen. Atevora könnte dabei schwören, dass sich die Drei zuvor gegenseitig wissend und aufeinander abstimmend, boshaft angegrinst haben.
Colevar lacht daraufhin, scheinbar gefällt es ihm wenn die Magierin lustige Quietschlaute von sich gibt, und hält ihr dann mit seinem gewinnenden, vielleicht sogar einem leicht spitzbübischen, Schmunzeln, triefend Nass wie er noch immer ist, die Hand entgegen um ihr hoch zu helfen. Da die Shin auch reichlich mit Wasser gesegnet wurde, ist es ihr vollkommen einerlei, dass seine Haare auf sie herabtropfen - außerdem, sie könnte nicht bestimmen wieso, doch sie findet langes, nasses Haar ohnehin sehr anregend, und so ergreift sie einfach die Hand und lässt sich von dem Herren in die Höhe ziehen. Sie bemerkt dabei, dass Via sich gegenüber dem Mann sehr entspannt und gleichgültig verhält, was sie immer als sehr gutes Zeichen wertet. Sie hätte auch damals beim Lord Commander ihrer Eule vertrauen sollen, anstatt sich ihren eigenen schlechten Erfahrungen und Zweifeln hinzugeben, und damit ein gutes Auskommen schon im Vorhinein zu sabotieren. Mittlerweile hat sie zumindest in diesem Punkt dazugelernt.

Als der Sithechritter sein Haar auswringt, wird er wieder ernster und greift das Gesprächsthema von vorhin wieder auf, das nach all den kleinen seichten Worten so ungeahnt plötzlich eine sehr philosophische Tiefe angenommen hatte, sodass man fast meinen könnte, die Beiden hätten den ganzen Tag nichts anderes getan als Denkarten und Weltbilder auszutauschen. Es ist gut, dass sich Atevora von dem Thema locken ließ, so weiß sie nun, dass auch Colevars Denken scheinbar in etwa in die selbe Richtung was 'Ursache und Wirkung' betrifft geht wie das ihre. Das ist doch eigentlich ein ganz passabler Grundkonsens.
>>"Ich kann Euch nicht sagen"<<, beginnt er also: >>"wer etwas dagegen hat, dass ich nach Talyra zurückkehre, aber ich versuche es seit drei Jahren. Und wenn ich es aller Widerstände zum Trotz doch einmal schaffe, in die Stadt zu gelangen – was nie einfach war, das könnt Ihr glauben - geschieht irgendetwas, das mich sofort wieder aus ihr... entfernt."<<
Drei Jahre.. Das ist eine lange Zeit, und erfordert auch sehr viel Entschlossenheit sich den Widrigkeiten nicht einfach hinzugeben und mit einem resignierenden Schulterzucken und einem Spruch wie 'Was nicht sein soll, soll halt nicht sein.' nachzugeben. Es können nur sehr starke freundschaftliche Banden, oder eine Liebe sein, die ihn über die Hindernisse weiter treiben, oder aber eine ausgemachte Sturheit. Eins von Ersteren und letztes in Kombination. Sturheit kennt auch sie zu gut. Sie ist auch meistens zu apodiktisch um einfach nachzugeben, wenn es nicht nach ihrem Kopf gehen möchte. Hindernisse sind dazu da um überwunden zu werden und nicht um ihnen nachzugeben! Allerdings sorgt zu große Verbissenheit oft für eine Bugwelle, welche das angestrebte Ziel erst weiter weg treiben lässt.
„Drei Jahre sind, gemäß unserer menschlichen Maßstäben eine lange Zeit. Sind es freundschaftliche Banden die Euch nach Talyra zurückziehen und die Euch gegen die Widrigkeiten immer wieder so entschlossen zu Felde ziehen lässt? "

Nach einer Denkpause meint sie weiter: „Mir kommt wieder das Zitat in den Sinn „Nichts kann ohne Ursache existieren.' Ja, Richtig, und manches mal arbeitet zu starke Verbissenheit unseren eigentlichen Zielen erst entgegen. Hätte ich beispielsweise gestern an der Pferdewechselstelle das Angebot eines warmen Bades und des Wildschweinbratens der im Rohr vor sich hin schmorte angenommen, mir Zeit gegönnt, und auch die Ruhe den Aufenthalt zu genießen, und wäre nicht so übereilt aufgebrochen um bald wieder in Talyra zu sein, hätte ich den Wetterumschwung wohl bemerkt. Ich hätte den Wolkenbruch abgewartet und wäre trotz des Wartens vermutlich bald in Talyra. So aber bin ich übereilt aufgebrochen, habe fast mein gesamtes Habe verloren, dafür einige Blessuren geschenkt bekommen, einen Toten zu melden und bin noch immer nicht halb so nah an Talyra als wäre ich nicht so schnell wie möglich weitergereist. Ursache und Wirkung oder eine fast vorhersehbare Aneinanderkettung von Ereignissen? Hattet ihr es ebenso eilig wie ich? Es heißt gleich und gleich gesellt sich gern. Ich würde sagen wir haben uns Beide gefunden die wir gerade nicht das bekommen was wir im Sinn hatten. Ich muss fast zugeben, was auch immer so dreist mit meiner Kutsche warf, irgendwie hat ES Sinn für Humor, und wer weiß, bei all den Verlusten, vielleicht entwickelt sich eine neue Bekanntschaft, anstatt einen Tag früher eine Alte zu Pflegen, sogar als ausgleichender Gewinn? Ich für meinen Teil empfinde Eure Gesellschaft jedenfalls als angenehm.“

Colevar dürfte sich in Gedanken bereits gegen neue Hindernisse Wappnen, anders kann sich Atevora jedenfalls nicht erklären, weshalb er zu seinem Gambeson und seinem Kettenhemd greift, das er sich hinter riesigen Fleischwand von Schlachtross überstreift. Na du unbekanntes Wesen, wie wäre es jetzt mit einem lauten Knall, oder ähnlichen, dass das Pferd erschreckt und davonrasen lässt? Nein? Was auch immer die Hindernisse aufbaut, sie hätte nichts gegen die Hürde gehabt die Pferde lange suchen zu müssen um dafür den Ausgleich bei den körperlichen Einblicken zu bekommen, schließlich hat Colevar bei ihr auch schon alles gesehen. Leider lässt sich die Macht die es vielleicht gibt und hier am Wirken ist nicht erweichen Atevora dies zu gönnen.

Ganz die Umsicht in Person, als die sie den Sithechritter bisher kennengelernt hat, hilft er der Magierin beim Überwinden des Baumes, und dann wieder auf ihr Pferd.

>>"Tut mir einen Gefallen und haltet Augen und Ohren offen, aye? Wer weiß, was uns noch so auf dem Weg erwartet." << Meint Colevar als sie aufbrechen, und Atevora ist so, als hätte sie eine Spur Besorgnis in seiner Stimme vernommen.
„Oh, das klingt spannend.“ Es mag vielleicht seltsam Fehl am Platz wirken, doch der Shin Augen funkeln abenteuerlustig. Sie sollte sich grämen, aber wenn hier wirklich jemand mit Hindernissen wirft und sie rein gar nichts dagegen tun kann als sie auf sich zukommen zu lassen, kann sie ebensogut eine Herausforderung – einen Einladung zu einem Spiel, sehen, die sie natürlich annimmt.
„Ach übrigens, ich fand das Hindernis „Baum“ gewissermaßen sehr erquicklich. Wer weiß, wenn Euch etwas Ärgern möchte, aber wir unsere Verbissenheit ablegen, und uns über die Dinge nicht mehr grämen, vielleicht haben wir, so wie vorhin, sogar Spaß daran. und vielleicht ärgert es sogar wen oder was auch immer, wenn Colevar sich nicht mehr ärgert.

This post has been edited 2 times, last edit by "Atevora" (Aug 27th 2012, 8:25pm) with the following reason: Tipppfääählääär


Lyall

Stadtbewohner

Posts: 462

Occupation: Magd

Location: Anwesen de Winter

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18

Monday, August 27th 2012, 9:58pm

Eine eigenartige Stille empfängt die Wargin, als sie am Waldrand hechelnd zum Stehen kommt. Normalerweise raschelte das Unterholz vor kleinen flinken Wesen und die Baumwipfel waren erfüllt von verschiedenen Vogelrufen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch heute, noch Stunden nach dem Sturm, trauten sich nur wenige Vögel ihre Stimme wieder zu erheben. Warum sollte auch ein Lied die Zerstörung des Sturmes besingen...
Nach Jubeln ist auch ihr selbst nicht zumute. Durch den Sturm hatte das Anwesen ziemlich gelitten und an diversen Stellen Schaden genommen. Immer wieder waren sie alle hin und her gerannt, um Eimer oder sonstige Gefäße zu besorgen, die die durch die Decke tretenden Wassermassen zu bändigen versuchten. Am Ende blieb es bei dem Versuch... Viele Gemälde und auch Möbel mussten wieder in Stand gesetzt werden, die Dielen hatten sich teilweise verzogen und das Dach hatte viele Ziegel verloren. Manche davon hatte Lyall unversehrt aus Beeten, Büschen und Hecken herausziehen können, aber viele lagen nun als zusammengefegter Scherbenhaufen im Hof. Auch das Gesindehaus hatte einige Klappläden verloren, war aber auf den ersten Blick nicht weiter beschädigt. Der Garten würde von den Hinterlassenschaften des Sturmes befreit werden müssen und sicherlich würden auch ein paar Bäume geschnitten werden müssen... doch nicht mehr an diesem Tag.
Nach dieser anstrengenden und deprimierenden Arbeit ist die Wargin erschöpft und sucht Zuflucht und Trost im Larisgrün. Doch auch hier bietet sich ihr ein Bild der Verwüstung mit herabgestürzten Ästen -manche länger als sie selbst-, aufgetürmten Laubhaufen und bedauernswerte Kadaver der Sturmopfer. Wie viele Tiere den Sturm wohl überlebt hatten? Sie betete dafür, dass es nicht viele getroffen hatte.
Mit einem Schnauben, das fast an ein Seufzen erinnert, lässt sie sich in einen leichten Trab fallen und läuft am Waldrand entlang.
Viele Bäume waren vom Sturm abgeknickt oder sogar um ihre eigene Achse verdreht worden, sogar die Rinde hatte der Sturm von einem der Baumriesen abgestreift und in der Gegend verteilt.
Wie ein mahnender Finger ragte der nächste Baum in den Himmel in die Luft zeigend als wollte er im Tode noch auf seinen Peiniger deuten.
Hier im Wald würde sie heute wohl doch keinen Trost finden, doch was hatte sie auch erwartet? Wenn das Anwesen schon ein halbes Trümmerfeld war, was hatte sie sich vorgestellt würde mit dem Wald bei solch einem Orkan geschehen? Schließlich lag er noch offener und exponierter, als ein Haus in der Stadt...
Lyalls Herz wurde bei jedem Schritt schwerer und sie denkt schon daran umzukehren, als sie einen bekannten Geruch aufnimmt. Der süßliche Geruch von Blut mischt sich mit einem tierischen Geruch, den sie schon einmal geschnuppert hatte.
Mit einem hohen Sprung gelangt sie auf einen entwurzelten Baum vor ihr, lässt sich auf seiner anderen Seite herabgleiten und taucht in das zerzauste Dickicht des Waldrandes ein. Sie muss keine drei Schritte gehen, da erkennt sie Kaney, der mit dem Kopf im Bauch einer großen Hirschkuh steckt und es sich ordentlich schmecken lässt. Anfangs ist Lyall vom menschlichen Gefühl des Ekels vereinnahmt, doch nach wenigen Augenblicken sieht ihr tierisches Instinkt und die Wölfin schnuppert interessiert. Langsam nähert sie sich vorsichtig dem großen Wolfsmännchen, der es mit ihrer imposanten Größe jederzeit aufnehmen kann. Sie ist sich nicht sicher, ob er sie auch noch erkennt und als er sie entdeckt und knurrt, bleibt sie respektvoll stehen. Er scheint sie jedoch auch noch nicht vergessen zu haben, da er kurz kläfft und mit dem Schwanz wedelt, als er in ihre Richtung blickt. Kurzentschlossen trabt sie auf ihn zu und begrüßt ihn indem sie seine Schnauze ableckt und ihre Ohren anlegt. Winselnd stubst sie ihn an und reibt ihren Kopf an seinem. Blut bleibt dabei an ihrem Fell hängen und verklebt den Pelz zu kleinen rot glitzernden Stacheln.
In ihrer menschlichen Form wäre Lyall wohl nicht so nahe an den Mann herangetreten und hätte ihn in dieser körperlich nahen Art begrüßt, doch unter Wölfen sah dies schon ganz anders aus.
Wirklich hungrig ist die Schattenwölfin nicht und so setzt sie sich auf ihre Hinterbeine, schnuppert nur kurz am Huf der Hirschkuh, bevor sie sich auf ihren Bauch niederlässt und unentschlossen am hellen Fell des Tieres leckt.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Kaney

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Occupation: SozialFutzi

Location: Dortmund

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19

Friday, August 31st 2012, 2:33pm

Es ist Schwarzfell-Lyall, die aus dem Gebüsch am Waldrand
hervor kommt.Sie leckt ihm die Schnauze, legt die Ohren an und winselt, reibt dann ihren Kopf an seinem. Kaney schnauft, wendet sich dann erst einmal wieder seinem Fressen zu.
Einen Moment lang will er Lyall ankurren, als sie sich auf die Hinterpfoten niederlässt und an dem Hinterbein der Hirschkuh leckt.
Es ist seine Beute, und er ist hungrig, und sie will ihm seine Beute wegnehmen - aber er lässt es sein, denn auch wenn er Lyall erst seit kurzem kennt und ihr erst einmal begegnet ist, irgendwie gehörte sie doch schon zu seinem Rudel. Und das Rudel darf fressen.
Allerdings ist er froh dass sie keinen Hunger zu haben schien, so bleibt mehr für ihn übrig - der Wargenmischling ist immer hungrig und kann Unmengen in sich hineinstopfen. Da hält ihn auch die Anwesenheit von Schwarzfell-Lyall nicht ab. Gierig reißt und zerrt er an dem Fleisch, schlingt Stück für Stück herunter.
Aber irgendwann hat auch er genug, er streckt sich, gähnt.

In seinem Inneren ist er hin und hergerissen. Jetzt, wo er Lyall getroffen hat, würde er lieber mit ihr Laufen. Aber sein Ehrgefühl und Pflichtbewusstsein halten ihn davon ab, er MUSS erst noch einige Anwohner im Larisgrün besuchen.
Aber warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden?
So fordert er Lyall auf, mit ihm zu spielen und sie etwas zu begleiten. Kurz zögert die Wölfin, doch dann wedelt auch sie mit dem Schwanz und folgt dem schwarzfelligen Rüden.

Kurze Zeit später - beide Wölfe mit heraushängenden Zungen, sie waren die gesamte Strecke gemeinsam gelaufen - kommt Kaney an einem weiteren Häuschen an das im Larisgrün steht.
Ein Bauer, der zusammen mit seiner Familie auf einer Lichtung im Larisgrün lebt, und seine Schweine in den Wäldern weiden lässt. Etwas außer Sichtweite des Hauses (und weit genug von den Schweinen entfernt, so dass diese nicht unruhig werden.) bleibt er in seiner wölfischen Gestalt stehen, stellt sich Lyall in den Weg. Sobald die Wölfin stehen bleibt, nickt Kaney und entfernt sich hinter einem Gebüsch, wo er sich in seine menschliche Gestalt zurück verwandelt.
Nackt wie die Götter ihn schufen geht er wieder zu Lyall, kniet sich nieder um auf Augenhöhe mit ihr zu sprechen.
"Ich muss hier etwas besprechen. Warte bitte hier.“ Die wölfische Lyall nickt, wufft leise um zu zeigen, dass sie verstanden hat.

Der Wargenmischling steht auf und begibt sich zu dem Bauern, der gerade dabei ist einige Schäden an dem Dach des Hauses aus zu bessern. Der stört sich nicht an dem nackten Besuch, sondern fängt sofort an zu reden:
>Aaah, Hauptmann Kaney! Das war ein Sturm, hm? Hat uns ordentlich durchgeschüttelt! Wie ist die Situation in Talyra? Ich hoffe, ihr von der Steinfaust hattet nicht zuviel zu tun?<
Kurz blickt Kaney zu dem Waldrand, in dem Lyall auf ihn wartet. Er kann ihre Anwesenheit spüren.
Er ist sich sicher, dass sie gehört hat, wie der Bauer ihn „Hauptmann“ genannt hat, und „ihr von der Steinfaust“ gesagt hat.
Es war also Zeit, mit ihr zu sprechen, darüber, wer er war, was seine Aufgaben waren und dass er Aurian de Winter kannte – und warum die Magierin es für angebracht gehalten hatte, dass die beiden sich von alleine kennenlernen, und nicht einander vorgestellt werden.
Magier denkt er, schüttelt innerlich den Kopf, geht dann aber auf die Fragen des Bauern ein.
„Talyra ist ordentlich nass geworden, viele Schäden, aber vergleichsweise wenige. Einige Häuser wurden zerstört, andere brauchen ein neues Dach… wie sieht es bei dir aus? Hat deine Familie alles gut überstanden? Was macht das Baby?“

Kaney hält dieses Gespräch kurz, kehrt kurz daraufhin in den Wald zurück.
Lyall wartet dort, unsicher von einer Pfote auf die andere tretend. Man erkennt die Verwirrtheit, dass Misstrauen.
„Ich denke, wir müssen reden. Aber nicht hier, der Bauer hat mir einmal einen Knoten in meinem Schwanz angedroht, wenn ich seinen Schweinen irgendwie Angst einjagen würde in meiner wölfischen Gestalt. Das würde er garantiert auch bei dir tun. Suchen wir uns ein stilles Plätzchen, dann reden wir.“

Und so verwandelt er sich in seine wölfische Gestalt, reibt seinen Kopf kurz an ihren, und trabt dann voran zu dem Platz, an dem er mit ihr sprechen will.

Colevar

Stadtbewohner

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Location: Talyra

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20

Saturday, September 1st 2012, 10:10pm

Beerenreif 512, auf dem Weg nach Talyra, irgendwo zwischen Sils Amboss und Zwölfeiechen


Als die Magierin sich erkundigt, ob es freundschaftliche Bande wären, die ihn nach Talyra zurückziehen, nickt er nur, obwohl das nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es gibt einfach kein Wort für das, was ihn mit Calait verbindet. Ist sie eine Freundin? Ganz sicher – die vertrauteste und beste, die er hat. Aber da ist auch noch etwas anderes, etwas, das mit Freundschaft nichts zu tun hat, eher mit... mit... er kann es beim besten Willen nicht erklären, auch sich selbst nicht. Eine Art Absolutheit vielleicht - Calait braucht ihn und er weiß es. Sie hat geschrieben, dass es ihr gut geht. Dass du dir keine Sorgen machen musst. Das stimmt wahrscheinlich sogar, aber es ändert nichts, er muss zu ihr. Lady Shin bringt noch einmal das Zitat zur Sprache und erinnert ihn daran, dass es manchmal besser ist, geduldig zu sein und etwas nicht erzwingen zu wollen, womit sie sicherlich Recht hat – allerdings hatte er schon immer so seine Schwierigkeiten mit höheren Autoritäten (wovon sogar Sithech ein Lied singen kann) und ganz entschieden etwas dagegen, an unsichtbaren Marionettenfäden zu zappeln. >... Ursache und Wirkung oder eine fast vorhersehbare Aneinanderkettung von Ereignissen?<
"Ich glaube, Ihr wart einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort... oder vielleicht zur richtigen Zeit am falschen Ort, sonst wäre ich jetzt ohne nette Reisegesellschaft. Es sei denn natürlich, Ihr habt irgendeiner höheren Macht in die Suppe gespuckt und mein Herr der Stolpersteine und Eurer haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun und gerade trotzdem beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. Aber da wären wir wieder bei der Tatsache, dass es so viele Zufälle gar nicht geben kann, aye?" Die Magierin nickt nachdenklich. >Es heißt gleich und gleich gesellt sich gern. Ich würde sagen wir haben uns Beide gefunden die wir gerade nicht das bekommen was wir im Sinn hatten.<

Colevar prustet leise und schnallt den Waffengurt fest – eine halb ertrunkene Wassermagierin auf seinem Weg war wirklich das letzte, das er im Sinn hätte haben können. Sie hatte es eilig, nach Talyra zu kommen, hat sie gesagt. Genau wie du. "Gleich und gleich, Ihr und ich?" Er meint es in keiner Weise abfällig und so klingt es auch nicht, aber man könnte sich schwerlich zwei unterschiedlichere Menschen vorstellen, als Lady Shin und ihn, auch wenn sie bisher bestens miteinander auskommen. "Aber vielleicht sitzen wir tatsächlich im selben Boot. Vielleicht teilt Ihr jetzt aber auch nur unfreiwillig mein Schicksal mit den Stolpersteinen, einfach weil Ihr bei mir seid. Überlegt Euch das also gut – in meiner Nähe ist es in den letzten Jahren nie sehr friedlich gewesen." Die Magierin zuckt nur mit den Schultern und das interessierte Glitzern in ihren blauen Augen sagt deutlich, dass sie gegen ein wenig Gefahr gar nichts einzuwenden hat. Auch als er sie bittet, wachsam zu bleiben, etwas, das er vollkommen ernst meint, reagiert sie nur sehr gelassen mit der Aussage, das klinge spannend. "Aye? Nicht wahr?" Erwidert er mit einem wölfischen Grinsen, und als sie den Baumstamm passiert haben und ihre Reise endlich fortsetzen, die Schlucht hinter sich lassen und einem schmalen Saumpfad folgen, der sich wie eine Schlange durch den Wald windet, erklärt sie, sie finde – wer auch immer – habe Sinn für Humor. Die Ansicht kann Colevar zwar beim besten Willen nicht teilen, aber er versteht, was sie meint und begnügt sich daher auch nur mit einem Schnauben als Antwort. >..und wer weiß, bei all den Verlusten, vielleicht entwickelt sich eine neue Bekanntschaft, anstatt einen Tag früher eine Alte zu pflegen, sogar als ausgleichender Gewinn? Ich für meinen Teil empfinde Eure Gesellschaft jedenfalls als angenehm.< Vor allem ihre letzten Worte lassen ihn dann doch noch lächeln. Er mag nicht viel von ihr wissen und sie im Grunde gar nicht kennen, doch er hatte Zeit, sie zu beobachten und ihr Verhalten ihm und anderen gegenüber ein wenig einzuschätzen. Aus ihrem Mund, da ist er sich ziemlich sicher, ist das, ganz unabhängig von ihrer misslichen Lage, schon ein ernst gemeintes Kompliment. "Danke."

Eine ganze Weile verläuft ihr Ritt in Richtung Talyra vollkommen ereignislos, sieht man einmal davon ab, dass sie einem Köhler helfen, seinen liegengebliebenen Ochsenkarren wieder flott zu bekommen, was sie weitere zwei Stunden kostet und einer kleinen Schar Waldkätnerkindern helfen, ihre ebenso kleine, verlorene Ziege wieder einzusammeln, die meckernd und prustend vor Empörung in einem Schlammloch steckengeblieben ist und aus eigener Kraft nicht wieder herauskam, was sie beide und die Hunde selbst ordentlich mit Schlamm verziert. Überhaupt müssen sie ganz allgemein ständig alle möglichen kleineren und größeren Hindernisse überwinden, die das gestrige Unwetter großzügig im ganzen Larisgrün verteilt hat – aufgeweichte oder gleich ganz fortgespülte Pfade sind da noch das geringste Problem. Ihr Weg nach Osten gleicht also eher einem wilden Zickzackkurs, weil sie immerzu Erdrutschen ausweichen, unpassierbar gewordene Furten umgehen, weit nach Norden oder Süden reiten oder sich gleich vollkommen neue Saumpfade und Wildwechsel suchen müssen, die wenigstens ungefähr in Richtung Osten führen, um auch nur einigermaßen auf Kurs zu bleiben. Die Dämmerung zieht bereits herauf und die Sonne färbt sich und den gesamten westlichen Himmel flammend rot, als sie Sils Amboss erreichen, das einzige größere Dorf im Umkreis von vier Tausendschritt und eigentlich nur noch einen Katzensprung von Talyra entfernt. Doch zu allem Überfluss stellt Colevar fest, dass bei Filidh vorne rechts ein Eisen locker ist und er muss den Hengst zum örtlichen Schmied bringen, ehe er es verlieren oder sich vertreten würde, was sie eine ganze weitere Stunde kostet. Als auch das erledigt ist, versinkt die Sonne über den Baumwipfeln endgültig im Westen, während die Dunkelheit langsam vom Boden aufsteigt und den Wald durchdringt.

Colevar drängt dennoch darauf, weiterzureiten und die Magierin schließt sich ihm an. Sie hat zwar ohne zu zögern zugestimmt, doch er weiß, dass das ein Zugeständnis an seine Ungeduld ist. Sie hat trotz Schmerzen den ganzen Tag klaglos auf dem Pferderücken ausgehalten und auch wenn es bis Talyra nicht mehr wirklich weit ist, sie hätte wohl lieber die Nacht in Sils Amboss verbracht. Er rechnet ihr hoch an, dass sie trotzdem bereit ist, den Weg fortzusetzen und nimmt sich vor, gut auf sie zu achten. Sollte er das Gefühl bekommen, es wird ihr zu viel, dann würden sie eben rasten, so dass Lady Shin sich ausruhen kann. So nahe an der Stadt kennt er das Larisgrün so gut wie seine eigenen Satteltaschen - selbst wenn sie es nicht bis in die Stadt schaffen sollten, es ist Hochsommer: die Nacht ist warm und lau, der ganze Wald atmet die tagsüber gespeicherte Hitze und Heerscharen von Glühwürmchen tanzen wie flimmernde grüngoldene Lichter durchs Unterholz. Sie teilen sich also hungrig die Reste der kalten, gebackenen Gans, denn sie haben beide seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und brechen dann wieder auf. Die Nacht ist überraschend hell, denn es ist beinahe Vollmond, so dass sie selbst und auch die Pferde genug sehen. Sie folgen einem breiten und zwar ungepflasterten, aber dennoch recht gut befestigten Weg in Richtung Nordosten nach Zwölfeichen, von wo aus sie wieder auf den Kreuzweg kommen sollten – nun, im blassen, silberkühlen Mondlicht ist die Magierin nicht mehr auf den Schutz der Bäume oder zahllose Stoffschichten angewiesen und kann sich wieder freier bewegen. Als Colevar beobachtet, wie sie mit unübersehbarer Erleichterung die Hemdgugel abstreift und die Handschuhe von den zierlichen Fingern zupft, fällt ihm wieder ein, was ihm schon durch den Kopf gegangen war, als sie in Ribérac von Mistress Graeme entführt und so ausgiebig "vermessen" worden war.

"Es gibt da eine alte Geschichte", beginnt er zu erzählen, "dass in der Nähe von Findronach nördlich von Talyra ein Sithechjünger begraben liegen soll. Sein Grab muss irgendwo außerhalb des Dorfes sein, dort, wo vor langer Zeit der Hof stand, von dem er einst abstammte. Er war kein sehr berühmter, aber wohl ein aufrechter Mann, der sein Dasein als Vampir damit verbrachte, Munduskinder zu jagen und vom Larisgrün fernzuhalten. Es war bevor Lady Niniane hier Protektorin wurde - seither hat sich ohnehin keiner von denen mehr blicken lassen, aye? Aber worauf ich eigentlich hinaus will... in den Geschichten heißt es, er habe ein Runenamulett besessen, seinen größten Schatz. Es soll ihm Schutz vor Sonnenlicht verliehen haben – nicht dauerhaft und nicht vollständig, aber ein paarmal am Tag konnte er wohl in der Sonne wandeln, ohne dass er in Flammen aufging. Ich kenne einen Sithechjünger, der schon von ähnlichen Amuletten erzählt hat, es gibt sie wohl tatsächlich, auch wenn sie selten und sehr kostspielig sind. Bei den Blaumänteln war vor einigen Jahren ein Vampir, den wir den Tagwandler nannten - Cleyron, der ebenfalls eines dieser Amulette besaß, nur ein sehr viel mächtigeres. Er konnte bei hellem Sonnenschein herumlaufen wie jeder Sterbliche, es hat ihm nicht das Geringste ausgemacht. Das mit diesem Sithechjünger in Findronach... es ist nur eine alte Geschichte, aber man sagt ja oft, dass viele Legenden einen wahren Kern enthalten. Und mit ein wenig Glück, wer weiß... könnte es sich ja möglicherweise lohnen, bei Gelegenheit einmal in der Nähe des Dorfes auf die Suche nach einem alten Grab zu gehen... wenn man gerade nichts Besseres zu tun hat."
Die Magierin lächelt verschmitzt, was ihre spitzen kleinen Eckzähne besonders gut zur Geltung bringt. "Wenn man nichts Besseres zu tun hat", erwidert sie, doch ihre letzten Worte gehen in einem warnenden Grollen Reykirs unter.

Colevar, der längst gelernt hat, den Reaktionen seines Hundes blind zu vertrauen, denkt gar nicht bewusst "Gefahr", sondern legt sofort den Finger an den Mund, bringt Lady Shin damit zum Verstummen und zügelt Filidh. Im nächsten Moment ist er so still wie ein Schatten aus dem Sattel geglitten und hat beide Pferde vom Weg herunter und hinter ein Schlehdorngestrüpp in den Schutz einer ausladenden Lebenseiche geführt, deren Äste so tief herabhängen, dass ihre äußeren Spitzen mit dem dichten Laub beinahe den Boden berühren. "Lautlos!" Befiehlt er flüsternd und Reykirs Knurren verstummt abrupt. Der ganze Wald ist mit einem Mal so still wie ein Grab und selbst Shafirs allgegenwärtiges Hecheln bricht auf einen leisen Fingerzeig der Magierin hin ab, die ebenfalls vom Pferd steigt. Sie muss nicht fragen, was los ist. Irgendetwas - oder irgendjemand - ist auf dem Pfad vor ihnen. Einen Moment lang lauschen sie beide angestrengt in die Dunkelheit, dann hören sie sie und gleich darauf kann Colevar sie auch riechen, vielleicht vier Schritt von ihnen entfernt. Es sind Männer, fünf oder sechs, und sie riechen nach Unterstadt, jener unverwechselbaren Mischung aus ungewaschenem Körper, Hunger, Kanalisation und einer Mischung aus Verschlagenheit und Verzweiflung. Und sie haben ein Maultier dabei. Er kann durch das Schlehdorndickicht nichts sehen, aber er kann es hören, das Knarren vollbepackter, lederner Satteltaschen und das mürrische, schwere Atmen, immer an der Grenze des Jammerns, das so typisch für ein beladenes Maultier ist. Reykirs Grollen ist vollkommen lautlos, aber Colevar, der dem Hund die Hand in den Nacken gelegt hat, kann es spüren, ein tiefes Vibrieren, das sich von jedem gesträubten Haar des Hundes auf seine Haut zu übertragen scheint und seinen Arm hinaufsummt wie ein Schwarm aufgebrachter Hummeln. Mit der Rechten löst er leise die ledernen Schlaufen, die die Lochaberaxt am Sattel festhalten. Ein Blick zur Magierin neben Reykir zeigt ihm, dass ihr 'Oh, das klingt spannend' von heute Mittag keine leere Phrase gewesen war, denn sie beobachtet den Weg so eindringlich wie er.

"Bereit?" Formt sein Mund lautlos und sie nickt. Er hält fünf Finger in die Höhe, zuckt dann mit den Schultern und hebt noch einmal den Daumen. Fünf oder sechs. Lady Shin nickt wieder, legt die Stirn in Falten und macht eine vage Geste, die wohl "machen wir Halbe-Halbe" bedeuten soll. Colevar nickt und sieht auf Reykir hinunter. Zwei für sie, zwei für dich und einer für den Hund. Vielleicht würden sie überhaupt nicht kämpfen müssen, denn die Männer haben sie bisher nicht bemerkt. Er hat keine Ahnung, ob sie Erfahrung im Kämpfen hat. Nach ihrem Verhalten zu urteilen, hat sie welche, nur... er kennt sie nicht. Er weiß gar nichts von ihr, er kann sich nicht darauf verlassen, dass sie seine 'Eisennadel im Stiefel' sein könnte. Wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, was das ist. Vielleicht würden die Männer einfach weiter ziehen, vielleicht... Ein verirrter Luftzug trägt Reykirs Geruch zu dem Maultier hinüber und ohrenbetäubendes Kreischen erschüttert augenblicklich die Dunkelheit. Vor ihnen explodiert der mondbeschienene Waldweg in einem chaotischen Durcheinander aus rumpelnden Geräuschen, lauten Schreckensrufen und kleinen, blind heranzischenden Geschossen. Colevar ist schon in den Schatten verschwunden, als das Maultier seinen ersten Schrei tut, und dort, wo er eben noch gestanden hat, zittert nur noch die Nachtluft ein wenig.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Atevora

Unregistered

21

Thursday, September 6th 2012, 1:37pm

Beerenreif 512, auf dem Weg nach Talyra, irgendwo zwischen Sils Amboss und Zwölfeiechen


Colevar ist ebenso ungesprächig über sich und seine Beweggründe in die Stadt zu gelangen wie sie selbst und das ist sein gutes Recht. Sie wird keine Frage mehr in die Richtung seiner Privatangelegenheiten stellen. Zu seiner Antwort, die ihr Gleichnis in Frage stellt, geht Atevora nicht ein. Natürlich hat er Recht, sie sind nicht nur im Aussehen sehr unterschiedlich, sondern auch Charakterlich, aber sie hatten die gleiche Absicht, und zwar schnell nach Talyra zu gelangen, gemeint, die sie erst ins selbe Boot geschmissen hat. Sie selbst ist dabei ganz froh darum, dass sein Ruderboot in der Nähe war als ihres im Meer des Lebens gekentert ist. Da kann sie auch gerne eine Zeit lang sein Schicksal teilen und mit ihm zusammen weiter über die Wellen rudern.

Die nächsten Stunden verbringen sie also damit, sich in einem wirren Zickzackkurs, irgendwie vielleicht weiter in Richtung Talyra, quer durch das Larisgrün zu kämpfen. Atevora ist aufgrund dessen, dass sie sich in Colevars Beisein befindet, dabei nicht nur dazu gezwungen einen Köhler mit seinem elenden Karren, sondern auch noch irgendwelchen kleinen Kindern mit ihrer Ziege zu helfen. Tätigkeiten denen sie sonst nie nachgehen würde, schon gar nicht da ihre Kraftreserven am auslaufen sind und ihr mittlerweile alles weh tut. Nungut, die Szene mit der Ziege war auch durchaus ganz Spaßig, vor allem Colevars Blick, als er mit dem zappelnden Paarhufer im Arm, schon halb aus dem Schlammloch draußen war, ausgerutscht ist und sich zusammen mit der Ziege mit voller Breitseite im Schlamm gesult hat. Atevora meinte ein wenig Boshaft, Schlamm sei angeblich gut für die Haut, was sich augenblicklich damit gerecht hat, dass die Erde unter ihren Füßen nachgab und sie ebenfalls in dem Loch gelandet ist. Mit einer frappierenden Ähnlichkeit von zwei Schlammkuchen garniert mit Ziegenhaar sind sie dann weiter geritten, und wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie meinen können Harms Schnauben, als sie auf ihn aufstieg, klang wie ein belustigtes Prusten.

Als sie schließlich in Sils Amboss ankommen, dunkelt es bereits, und Atevora kann sich kaum noch im Sattel halten. Sie hat die gesamte Wegstrecke nicht ein Wort der Beschwerde verkünden lassen, höchstens in Gedanken wild geflucht und es gab mittlerweile keinen Körperteil mehr, der ihr nicht weh tat, mit Ausnahme ihres linken kleinen Zehs vielleicht. Sie würde sehr gerne die Nacht ausruhen und rasten, ihre Wunden lecken, sich und ihre schmerzenden Knochen gedanklich bedauern und erst am nächsten Morgen weiterreiten. Sie hat allerdings stark die Vermutung, dass Colevar dafür nicht zu gewinnen ist. Sie beschließt schon im Vorfeld seinem Wunsch nachzukommen, sollte der sich auftun, und den Rest der Strecke auch noch durchzubeißen soweit es ihr irgendwie möglich ist. Es ist schließlich nicht mehr weit, in der Nacht zu reiten ist angenehmer für sie und außerdem hat sie den Mann schon lange genug aufgehalten, und er hat, trotz seiner unleugbaren mitschwingenden Unruhe nicht schon längst dort zu sein wo er hin möchte, geduldig das langsame Reisetempo ertragen.
Als der Sithechritter sein Pferd zum örtlichen Schmied bringt, um das lockere Hufeisen zu richten, nutzt Atevora die Zeit nicht damit wirklich Rast zu halten, sonden sie meditiert stattdessen um ihre Manareserven wieder möglichst aufzufüllen. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Sie hat Shafirs Pfote, die er sich offenbar bei dem Kutschenunfall tatsächlich ein wenig verletzt hat, denn er belastet sie seit einiger Zeit nicht mehr richtig, vorher noch in ein kühlendes nasses Tuch eingewickelt, und grämte sich ein wenig, dass sie nicht mehr für ihn tun kann. Die kleine Pause die sich durch das lockere Hufeisen ergeben hat war ohnehin längst überfällig für den Bärenhund, denn der sonst so agile Opa liegt die ganze Meditation über nur apathisch wie eine riesige Fellwurst neben der Magierin und rührt die ganze Zeit über nicht einmal seine Öhrchen.

Es kommt also wie erwartet. Colevar drängt zum Aufbruch und Atevora willigt ohne Wenn und Aber sofort ein.
Unterm Vollmond ist der Weg sogar für sie gut zu erkennen, und die Nacht mit den kleinen Lichtpunkten der Glühwürmchen die im Unterholz wie Funken eines Feuers auflodern und wieder verglühen, hätte einem Pärchen manch romantischen Seufzer entlockt, oder zu anderem angestiftet. Sie selbst ist in einer sehr ausgeglichenen Stimmungslage. Für den Hünen neben sich hegt sie keine romantischen Gefühle, obwohl das gemeinsame Mahl fast sowas wie einen verbindenden Charakter angenommen hatte, und obschon sie einen ähnlich verrückten Zickzackkurs wie sie ihn nehmen mussten durch die Wildnis wohl auch irgendwie alleine Vollbracht hätte, ist sie froh um des Blondhaarigen Gesellschaft. Sie ist, nun.. irgendwie erholsam. Sie fühlt sich akzeptiert so wie sie ist, und die laue Nacht in der sie sich der Handschuhe und Gugel entledigen und sich ohne Sorge bewegen kann tut ihr übriges. Sie lächelt trotz ihres schmerzenden Hinters und ihrer steifen Glieder sacht vor sich hin, verstaut ihre Handschuhe und lauscht nebenher mit halben Ohr dem nächtlichen Konzert der Grillen und Zikaden, als Colevar das Wort erhebt.
>>“"Es gibt da eine alte Geschichte.."<< Beginnt er aus heiterem Himmel zu erzählen, und Atevora wendet dem Mann den Blick zu. Sein Gesicht und seine Miene ist in der Vollmond erhellten Dunkelheit nur unklar zu erkennen. Während er weitererzählt wandert der Shin Augenbraue teilweise fragend und teilweise interessiert in die Höhe. Sie hat noch nie von einem Sithechjüngern aus Findronach gehört, aber sie weiß wo Findronach liegt, doch sie fragt sich noch immer worauf der Mann wohl hinaus möchte, weil wie jemand der einfach so in der Nacht mit einer Geschichte rein des Geschichte-erzählens-Willen beginnt, wirkt er nun wirklich nicht. Bei der Erwähnung, dass sich kein Munduskind sich mehr Blicken ließe, muss Atevora schmunzeln, sie schweigt allerdings und denkt sich im Stillen, dass jene, die in der Unterstadt ihr Unwesen treiben, vielleicht schon vor der Protektorin Zeit dort ihr unseliges Dasein fristen. Schließlich kommt Colevar zum Grund seiner Erzählung und der ist wirklich interessant. Ein Runenamulett das vor Tageslicht schützt? Von diesem Tagwandler der Steinfaust hatte sie jedenfalls auch schon gehört, er soll zum Dämonenangriff gegen einen Feuerstier gekämpft haben. Sie hat sich immer gefragt, ob es wohl Heldenmut, Pflichtbewusstsein, oder doch reiner Irrsinn war, der den Vampir zu so etwas bewogen hat. Feuer ist nämlich bekanntermaßen nicht unbedingt eines Vampirs Freund. Sie hat auch Geschichten gehört, dass der Mann unbeschadet in der Sonne wandeln konnte, aber dass dies einem Amulett zu verdanken war, wusste sie nicht. Die Eismaid weiß nicht, ob ihr dieses erwähnte Amulett des Findronacher Vampirs, das womöglich existiert und sich vielleicht sogar in greifbar Nähe befindet, also der Spruch und die Rune, ihr überhaupt nützlich sein könnte. Sie ist immerhin nachweislich kein Vampir. Sie weiß nicht warum Vampire sich an der Sonne zu einem Stück Kohle verwandeln, was diesen Vorgang genau bewirkt, aber bei ihr dürfte es doch eine andere Ursache haben weswegen ihr die Sonne schadet, als jene bei den Blutsaugern, denn sie selbst geht eindeutig nicht in Flammen auf wenn die Sonne sie küsst. Die Sache klingt allerdings tatsächlich interessant. Was hätte sie schon zu verlieren der Geschichte nachzugehen? Sie hat schon so vieles auf ihren Rücken geladen, warum nicht für die gute Abwechslung auch noch Gräber schänden?

Atevora möchte gerade dem Erben von Lyness etwas entgegen, doch das Knurren seines massigen Hundes in Kombination mit dem Finger auf seinem Mund, der Stille bescheidet, lässt sie mitten im Satz verstummen. Ohne ein erklärendes Wort schwingt er sich lautlos von seinem Sattel, nimmt ihr die Zügel aus der Hand und führt sie abseits des Weges hinter ein, wie sie bald feststellt, dorniges Gestrüpp. Den reifenden Beeren am strauchigen Baum nach zu urteilen, könnte es sich um Schlehdorn handeln. Colevars Verhalten nach droht Gefahr und sie beschließt kurzerhand den Instinkten eines erfahrenen Blaumantels zu vertrauen. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Ruft sie sich ins Gedächtnis, steigt ebenfalls von ihrem Pferd ab und gibt Shafir zu verstehen, still zu sein. Der Hund gehorcht auf den Fingerzeig und eine bedrohliche Stille scheint sich um sie herum auszubreiten. Selbst die Grillen, die sich an ihnen nicht störten, beenden ihre Konzerteinlage. Atevora duckt sich und betrachtet aufmerksam den Weg vor ihnen. Sie kann noch nicht sehen, wer ihnen entgegenkommt, aber sie kann die Reisenden bereits hören. Den Lauten nach sind es mehrere und ein kleines Pferd oder ein Esel, wahrscheinlich ein Transporttier, ist bei ihnen. Bevor sie die Silhouetten der herannahenden noch erkennen kann, trägt der laue Abendwind einen ihr allzu bekannten Geruch heran. Es stinkt nach dem Dreck der Kloaken, es stinkt nach dem Unrat der Unterstadt. Schmuggler. Oh, sie kennt das harte Brot des Schmugglerdaseins. Wären nicht einige Jahre dazwischen, könnte sie nun dort dabei sein, wie sie auf dem Weg etwas transportiert, während andere ihr im Gebüsch auflauern. Sie nickt Lorcain zu, als er ihr zu verstehen gibt, dass er fünf oder sechs Personen vermutet, die sich nähern. Dieser eine der näher kommenden Schemen - kommen ihr die Bewegungen nicht irgendwie bekannt vor? Ja, sie ist bereit, aber sie möchte es nicht sein. Ihrem Sinn nach könnten die Schmuggler gut und gerne an ihr vorüber ziehen, was kümmert es sie schon, was sie transportieren? Diebesgut? Giftige Ingredienzien? Gestohlenen Schmuck aus dem die Steine herausgelöst und das Gold eingeschmolzen wird? Ginge es nach ihr, könnten sie ruhig weiterziehen, aber dazu wird es nicht kommen. Dabei denkt sie nicht an den Wind der ungünstig dreht, sondern an die hellen Pferde. Besonders Colevars, das den Männern, wenn sie nicht vollkommen vertrottelt und blind sind, spätestens wenn sie gleichauf wären dank dem Schein des Vollmondes durch die Blätter des Dickichts hindurch wie eine weiße Anschlagtafel entgegen leuchten müsste, und sie weiß aus Erfahrung, dass Leute die gesetzesferne Handlungen durchführen meist erst zuschlagen und dann erst Fragen stellen, und zwar solche wie: ‚wo entsorgen wir die Leichen?’ Aus diesem Grund bedeutet sie dem Blondhaarigen, dass sie sich um die eine Hälfte der möglichen Angreifer kümmert und ihm die andere zur freien Verfügung steht.
Kaum hat Sire Lorcain genickt, wird er von der Nacht verschluckt. Nicht ein verräterisches Geräusch ist da mehr, keine Bewegung im Gras und auch kein Geruch, dabei findet sie, dass Colevar sogar verschwitzt erträglich duftet. Verschwunden wie ein Trugbild das niemals existierte. Atevora kommt nicht einmal mehr dazu, sich groß zu wundern, oder mehr zu tun, als überrascht zu Blinzeln, als auf dem Weg eine höllische Geräuschkulisse losbricht.
Sofort ist alles in ihr im Alarmzustand, ihr Herz pumpt so kräftig das Blut durch ihren Körper, dass sie meinen könnte, jene am Weg müssten es sicher, ebenso wie sie, schlagen hören. Vergessen sind ihre Blessuren, der Schmerz und die müden Glieder, als sie sich rasch zur Seite in die Deckung der dickeren Holzstämme des Dornengebüsches rollt. Sie hört einen Pfeil blind an sich an sich vorbeisausen, spürt etwas an ihrem Oberarm entlang schrammen, ein dumpfes Gefühl von Brennen, das mit dem Herzschlag davon geschwemmt wird und sofort wieder untergeht. Ihr Pferd wiehert schrill, fast panisch auf und stürmt davon, und in all der Aufregung lodern nur vier Gedanken gleichzeitig wie kurze Flammenzungen in ihrem Geist auf. Harm wurde getroffen. Wo sind die Hunde? Wenn sie Colevar wäre, der ausgerüstet mit schwerem Kettenhemd und einer riesigen Axt in den Händen einfach von der Bildfläche der Welt verschwinden, oder sich innerhalb eines Wimpernzuckens woanders hin Teleportieren könnte - sie weiß schließlich nicht was genau zutreffend ist - und die Aufmerksamkeit der Männer eindeutig ausschließlich auf sie gerichtet ist, was täte sie jetzt? Die eine Antwort ist einfach.
Sind die Männer nahe genug?
Atevora konzentriert sich.
Ja, sie sind nahe genug.
Ihr Mund flüstert Worte in die Nacht, ihre Hände formen Gesten und trotz der warmen Sommerluft zieht eine Art Nebel zwischen ihr und den Männern auf. „Verdammt was ist das!“ Zischt die Frage aufgeregt und unbeantwortet durch die monderhellte Finsternis. Der Nebel gibt ihr und den Hunden Deckung. Atevora webt weiter die Stränge der Magie. Sie nehmen Form an, und Eis bedeckt den Boden zu der Schmuggler Füßen, die ihr am nächsten stehen, bevor die Hunde heran sind. Chaos bricht unter den Männern aus, als sie unerwartet von den Flanken und von hinten gleichzeitig attackiert werden. Die Shin hört jemand schlittern, Mann und Bogen zu Boden fallen, Schmerzlaute, Flüche, Schreie, und sie nutzt das Durcheinander und das Aussetzen des Pfeilhagels, um ihre Deckung zu verlassen - sie braucht Blickkontakt.
Der Wasserdampfnebel beginnt sich wieder zu lichten, wird einfach vom Nachtwind auseinander getrieben. Als erstes erkennt sie einen Mann, er liegt am Boden und versucht sich wieder aufzurappeln. Er hat sie ebenfalls entdeckt und zieht im Aufstehen sein Kurzschwert. Eine zweite, kleine Gestalt steht verängstigt herum, unschlüssig ob sie das kleine Messer in der Hand nutzen oder lieber davonlaufen soll. Einer dritter ist bereits tot, er liegt in seinem eigenen Blut und düngt die Erde, während sich ein Vierter einen Schlagabtausch mit Colevar liefert. Ein weiterer wird panisch schreiend von Reykir gerade zu Boden gerissen. Einer steht neben dem, der auf dem Eis ausrutschte, er kam, so wie er dasteht, offenbar ebenfalls ins Schlittern und hat seinen Bogen dabei verloren. Er sieht Atevora und möchte auf sie zustürzen, doch schon wieder schleicht eine Flüsterstimme durch die Dunkelheit, zarte bleiche Finger formen stille Gesten und dampfendes Wasser stürzt ihm aus dem Nichts entgegen. Augenblicklich durchschneidet ein gellender Schrei die Nacht und geht in einem grausamen erstickten Gurgeln unter, als der Mann zu Boden fällt, sich die Hände vor das Gesicht reißt und sich in Schmerzen windet. Seine Haut beginnt sich bereits in großen Blasen aufzuwölben und abzulösen.
Derjenige, der unschlüssig dastand verliert nun gänzlich den Mut, er versucht zu türmen, doch er kommt nicht weit. Shafir springt ihm in den Rücken und der schmale Kerl tut noch zwei stolpernde Schritte und küsst den Boden, während zeitgleich jener, der dank des Eises kurzzeitig mit seinem Hinterteil am Boden landete, Atevora wütend ein „Du; Hexe!“, zusammen mit einem wild entschlossenen Blick, sie aufzuschlitzen, entgegenwirft. Es hört sich fast so an als hätte ihr Gegenüber sie erkannt. Atevora indes denkt sich nur: Verdammt.. . Zu wenig Zeit, zu wenig Mana für einen weiteren, effektiven offensiven Zauber. Nur wenige Schritte und der Kerl ist bei ihr, und wird ihr gnadenlos sein stinkendes, schartiges Schwert in die Rippen bohren. Atevora sieht ihr Ende schon unabwendbar, doch da stürzt plötzlich unter lautem Gezeter Via auf den Mann herab, ganz so als würde sie ihre Jungen in ihrem Nest verteidigen. Der Ansturm des Mannes wird dabei jäh unterbrochen, instinktiv wehrt er die neuerdings anfliegende Eule ab und Atevora nutzt die Gelegenheit, greift zu der ledernen Halteschiene an ihrem Arm, zieht das Wurfmesser heraus, schätzt die Entfernung ab und wirft, als der Mann ihr sein Gesicht wieder halb zudreht. Das Messer findet sein Ziel und bohrt sich durch des Mannes Auge, der mit einem Mal wie ein nasser Sack zusammensackt und zu Boden fällt.

Die Anzahl ernstzunehmender Gegner ist mittlerweile mehr als überschaubar geworden, und so geht Atevora ohne Hast auf den Mann zu, der sich noch immer am Boden vor Schmerzen windet. Seine Haut ist großflächig verbrüht, vor seinem Mund bildet Blut mit jedem qualvoll gurgelndem Atemzug kleine, spritzende, schäumende Bläschen. Er kämpft um Luft. Vermutlich hat er das kochende Wasser eingeatmet, und dieses hat die Luftröhre verbrüht und zu schwellen lassen. Ein Auge ist vollkommen vom blasigen, schwammig verbrühten Gewebe verdeckt, das Zweite starrt weit aufgerissen und gepeinigt zu ihr hoch. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass der Mann überlebt bei dem nur noch ansatzweise zu erahnen ist, wie sein Gesicht wohl einmal aussah. Er wird jämmerlich unter grausamen Schmerzen ersticken. Ungerührt sieht die Eismaid auf das gequälte Wesen zu ihren Füßen herab. Das Leben klammert sich noch an ihn und gibt ihn nicht frei, und doch kann sie nichts tun, um ihm sein unabwendbares Ende zu ersparen. Sie kann nur eines, es erleichtern. So beugt sie sich zu dem armen Tropf herab, zieht ihre Eisennadel, die nicht grundlos in manchen Teilen Rohas „Gnadengeber“ heißt - das Auge weitet sich vor Schreck noch ein weiteres Stück - und stößt die Waffe scheinbar kaltherzig in seine Brust. Es ist Erleichterung, fast ein Zucken von einem Lächeln, als mit der aufkommenden Schwärze des letzten Atemzuges die Schmerzen abebben und das Leben aus dem Körper des Mannes gleitet. Wenn das Leben zur Qual wird, ist der Tod Erlösung...

Mit versteinerter Miene zieht Atevora dem Mann den Dolch wieder aus der Brust, wischt mit zwei lieblosen Bewegungen das Blut an seiner verdreckten Kleidung von der Klinge und steckt den Kettenhemdbrecher zurück an seinen Platz, während ihr Blick schon auf der letzten Gestalt am Boden liegt. Shafir hatte sich nach dem er sie zu Boden warf einfach auf ihn drauf gesetzt, und Reykir hielt ihn mit bedrohlichem Knurren davon ab auch nur auf die Idee kommen zu wollen sich aufzurichten. Langsam erhebt sich die Shin und geht durch die letzten in der Luft hängenden und langsam aufsteigenden Dampffetzen zu dem wimmernden Fliegengewicht hinüber, was ihr ein mehr als nur gespenstisches Aussehen verleiht, während Shafir sofort von seiner Sitzfläche ablässt und ihr entgegen trottet. Der Junge, und ja es ist ein hagerer kleiner verhungerter Lausbub mit etwa 14 Lenzen der gerade am hinübertreten zum Erwachsenenalters ist, dreht sich ängstlich um (was Reykir sogleich noch einen Hauch bedrohlicher knurren lässt), sieht zu ihr hoch, reißt die Augen panisch auf >>“Ceocailin!“<< und zuckt augenblicklich, die Hände schützend nach vorne reißend wieder zusammen. >>„Bi-bitte tut mir nichts!<< Stammelt er unter der Deckung seiner Unterarme hervor.
Der verhungerte, dreckige, kleine arme Tropf vor ihren Füßen leidet Todesängste, er zittert von der Nasenspitze bis zum kleinen Zeh, zwei Finger stehen unnatürlich zur Seite, vermutlich hat er sie sich beim unglücklichen Sturz ausgerenkt, und er hat sich dem Bild weiter vorne nach nicht nur übergeben, sondern dem Geruch hier nach zu urteilen auch in die Hosen gepisst. Außerdem muss Atevora in Gedanken korrigieren: Zwei bekannte Gestalten. Die Shin geht nicht auf das Gestammel des Jugendlichen ein. „Finley?“ Fragt sie nur hörbar irritiert. Zaghaft lässt das Elend am Boden seine Arme wieder sinken und blinzelt zu ihr hoch >>„La-lady Shin?“<< Er erkennt, dass sie nicht die nebelhafte Schreckgestalt aus der Unterstadt ist, die einem angeblich in der Dunkelheit das Blut aus den Adern saugt, aber hat offensichtlich auch vor ihr Angst. „Was hast du unter dem Unterstadtabschaum zu suchen?“
>>“Mam ist krank, w-wir hatten kein G-Geld für was zu Essen, oder einen Heiler. Ich hab versucht Geld aufzutreiben, aber keiner wollte mir Arbeit geben, die haben mich überall davongejagt. U-und da meinte dann jemand er wüsste wie ich rasch an etwas Geld komme..“<< Rattert der Junge hektisch herunter als hätte man ihm einen Dolch an die Kehle gelegt. „Lass mich raten, und dieser jemand war dieser Sadist Teak?“ Atevora zeigt zu dem verlausten Kerl, er mag auch nicht älter als 17 sein, dem das Wurfmesser im Auge steckt, und Finley, der langsam wieder ein wenig Fassung gefunden hatte, oder zumindest nicht mehr vor sich hingestottert hatte, verliert sie sofort wieder. Teak war kurzzeitig der Älterste in der Rattenbande und hatte perfide Freude daran Ratten und Straßenkatzen bei lebendigem Leib zu häuten. Als sich Arron als Anführer der losen Bande herauskristallisierte verschwand Teak in den Untergrund, schließlich wollte er sich von einem einfältigen zwölfjährigen nichts sagen lassen, obwohl Arron mit seinem Alter vermutlich wesentlich mehr Grips besitzt als Teak jemals hätte erlangen können. „Du dummer Junge! Weswegen bist du nicht zu TianShi, oder den Armenspeisungen gegangen? Wozu organisiere ich die denn?“ Prima, nun weint er auch noch..
>>„TianShi ist nicht mehr da.“<< „Wie, sie ist nicht mehr da.?“ >>“Ich weiß nicht, sie ist einfach nicht mehr da!“ Der Bengel klingt verzweifelt und schnäuzt sich herzerweichend in seinen Ärmel. „Mam sagt ihr seid dran Schuld! Sie wollt auch nichts von den Speisungen, sie sagt die sind eine Falle, ihr vergiftet damit die Seele und komm dann Nachts auf einem schwarzen Wolf geritten um sie zu stehlen!“ Atevora bleibt die Kinnlade offen stehen. „Wie, ich.. Was?!“ >>“Sie sagt sie hätte es im Winter mit eigenen Augen gesehen!“<<
„Mir scheint deine Mutter leidet an Gehirnerweichung.“
Colevar hat offenbar inzwischen das Maultier eingefangen und wohl auch das verwirrende Gespräch mit angehört, denn sein Gesichtsausdruck ist, nunja, ein wenig eigenwillig. Sie wird ihm dann vermutlich einiges erklären müssen. „Sire Lorcain, ich weiß ihr seid derzeit nicht im Dienst der Stadtgarde, aber würdet ihr Euch um das Häufchen Elend da annehmen?“ Bevor ich ihm den Hals umdrehe. „Ich muss nach meinem Pferd sehen.“

Innerlich schäumend vor Wut stapft Atevora in Richtung Gebüsch davon. Ja an der Geschichte mit dem Wolf ist vielleicht ein Funken Wahrheit dran, aber daran möchte sie gerade nicht denken. Sie ist verärgert, sie ist frustriert, sie ist enttäuscht. Ja enttäuscht ist der richtige Ausdruck. Oder vielleicht ist Deillusioniert doch die bessere Bezeichnung? Seit Jahren bemüht sie sich von diesen Gerüchten sie wäre das wandelnde Böse auf Erden abzukommen. Sie steckt viel Energie und viele finanzielle Mittel in die Wohltätigkeiten im Fliegengrund, und dann so etwas! Wozu macht sie sich überhaupt die Mühe, warum bemüht sie sich immer noch? Hoffnungslos! Während sie so über die Wiese ihrem Pferd entgegenstapft, fühlt sie wie die Spannung und die Aufregung ihren Körper verlässt, und mit ihr die Erschöpfung und die Wunden des Tages wieder an ihr zu Nagen beginnen. Die Schritte schmerzen, ganz besonders die Hüfte. Hat sie sich zum Beginn der Kampfhandlungen, als sie sich in Deckung gerollt hat, versehentlich auf eine Wurzel, oder einen Stein geworfen? Nein, es ist doch nicht die Hüfte, die am Meisten peinigt, es ist die Seite, dort wo sie sich in der Kutsche schon verletzt hat, oder ist es vielleicht ihr Oberarm? Der Stoff klebt so seltsam feucht an ihrer Haut. Blutet sie?
Atevora nimmt Harms Zügel. Er war nicht sehr weit davon gestürmt, nur wenige Galoppsprünge, doch das Gestrüpp ist hier zu hoch und undurchsichtig, außerdem besteht es gefühlt ausschließlich aus Brennesseln!, alsdass sie ihn hier schon auf Verletzungen untersuchen könnte. Problemlos lässt sich das Pferd auf den Weg führen, doch bei der kurzen Strecke schon lahmt er merklich mit dem linken hinteren Bein. Am Weg macht sich die Magierin daran das Bein näher in Augenschein zu nehmen und sorgt mit ihren magischen Spielchen für etwas besseres Licht. Der Pfeil hatte das Bein glücklicher Weise nicht zur Gänze erwischt, aber die Wunde war dennoch ausreichend tief. Sie sollte Harm besser nicht reiten. Es ist ratsam die Wunde auszuwaschen. Zwei Worte reichen, eine kleine Geste und ein Rinnsal aus Wasser spült sanft den Dreck aus der Verletzung. Mit einem Mal zerfasert das Licht wie bunter Nebel, der Wassersegen endet. Jede Zelle in ihrem Körper scheint gleichzeitig aufzuschreien und eine erbarmungslose Woge aus Erschöpfung bricht über ihr zusammen. Sie möchte sich noch aufrichten, doch die Knie und Muskeln versagen ihr den Dienst. Atevora sackt kraftlos zusammen. Ende des Adrenalinschubes, Ende des Manas, am Ende ihrer Kräfte - sie kann keinen Schritt mehr tun.

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Colevar

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22

Friday, September 7th 2012, 11:46pm

Beerenreif 512, auf dem Weg nach Talyra, irgendwo zwischen Sils Amboss und Zwölfeiechen


So rasch und heftig der Kampf begonnen hatte, so schnell ist er auch vorüber. Colevar war in den Schatten verborgen ans Ende der kleinen Kolonne gehetzt und hatte die Männer dort bereits angegriffen, während sie noch damit beschäftigt waren, Bögen und kleine, leichte Armbrüste in eine Schlehdornhecke abzufeuern – er war nur nicht schnell genug gewesen, um sie vollkommen von der Magierin und den Pferden abzulenken. Seinen ersten Gegner hatte er einfach enthauptet und sich mit dem zweiten einen denkbar kurzen und ziemlich unbefriedigenden Kampf geliefert... unbefriedigend für ihn jedenfalls, denn es war schneller wieder vorbei gewesen, als er gebraucht hätte um seinen eigenen Namen auszusprechen. Er hatte den Mann, der zu ihm herumgewirbelt war und ihn sofort mit zwei Langmessern attackiert hatte, einfach gegen den langen, waagrecht gehaltenen Schaft der Lochaberaxt laufen lassen, ihm das Knie vor das Brustbein gerammt, das mit einem widerlichen Knirschen nach innen gedrückt worden war, während sich die Rippen nach außen gebogen hatten , und ihm dann die gepanzerte Faust so hart ins Gesicht geschmettert, dass überall Zähne, Knochensplitter und Fleischbrocken herumgespritzt waren. Der Mann hatte noch einen Moment pfeifend durch die rote Ruine, die einmal sein Mund gewesen war, geatmet, war hin und hergeschwankt wie ein Schilfrohr und dann einfach nach hinten gekippt und nicht wieder aufgestanden. Auf dem Weg vor ihm, am anderen Ende der Schmugglertruppe, war schäumende Zauberei erwacht, roh und schrecklich, und einen Augenblick lang waren die gellenden Schreie eines Schmugglers durch den Wald gehallt wie das Kreischen einer verbrühten Katze. Ein kurzer Blick hatte ihm offenbart, dass die Magierin jedoch bestens allein zurechtgekommen war, also hatte er sich vergewissert, dass kein Schmuggler mehr auf den Füßen steht, der ihnen noch hätte gefährlich werden können - den Jungen, den Shafir 'besetzt' und Reykir bewacht, zählt er nicht als Gefahr - und sich dann abgewandt, um das noch immer panische Maultier zu beruhigen, das sich wie ein Brummkreisel auf dem Weg um die eigene Achse dreht – sein Führstrick war an einer vorstehenden Wurzel hängen geblieben. Nachdem der Lärm des Kampfes verstummt ist, ist jene absolute Stille über den Wald hereingebrochen, die dem Tod so oft auf dem Fuße folgt, und selbst dem Maultier scheint es ein Sakrileg zu sein, sie zu stören, denn es dreht sich überraschend still für so ein großes, verschrecktes Tier. Es dauert seine Zeit, bis er das Muli davon überzeugen kann, dass er ein gutes Händchen für Pferde hat (was bestimmt auch für ein Maultier gelten wird) und dass die Welt zwar nach kupfrigem Blut und Tod riecht, ihm aber keine Gefahr droht und es jetzt wirklich damit aufhören kann, Schmuggelgut in hohem Bogen im nächtlichen Larisgrün zu verteilen, weil die Last auf seinem Rücken längst verrutscht ist und sich einige Stricke und Schnallen der Packtaschen gelöst haben. Als er das Tier – es muss Angsthase, Taub oder Hasenfuß heißen – endlich soweit hat, kehrt er damit zur Magierin und den Hunden zurück und wird Zeuge einer halben, aber doch noch aufschlussreichen Unterhaltung. Nicht nur, dass Lady Shin den zitternden Milchbart recht gut zu kennen scheint, nein, sie kennt auch seine Mutter und einer der Toten war wohl ebenfalls kein Fremder für sie.

>Du dummer Junge!< Hört er sie schimpfen und kann ihr in Gedanken nur beipflichten. >Weswegen bist du nicht zu TianShi, oder den Armenspeisungen gegangen? Wozu organisiere ich die denn?< Sie faucht wie eine missmutige Katze. Finley zieht den Kopf zwischen die Schultern wie eine verschreckte Schildkröte und kämpft mit Rotz und Tränen. Lady Shin organisiert Armenspeisungen? Die Frau, die schon die Augen verdreht und die Nase gerümpft hatte, weil in Tränen aufgelöste Waldbauernkinder ihre Ziege nicht aus dem Schlamm bekamen? Tian Shi wäre nicht mehr da, erklärt der Bursche schniefend, und das sei alles Lady Shins Schuld, sage seine Mutter. >Sie wollt' auch nichts von den Speisungen, sie sagt, die sind eine Falle, Ihr vergiftet damit die Seele und kommt dann nachts auf einem schwarzen Wolf geritten, um sie zu stehlen!<
"Hmpf!" Colevar hebt schnaubend eine Braue und kämpft mit dem absurden Drang zu lachen - und der Junge zuckt nach einem Blick in sein Gesicht erst recht zusammen, während Lady Shin nur sprachlos vor Schreck den Mund auf und zu klappt. >Wie, ich.. Was?!< Wer, wie er mittlerweile, recht genau weiß, wie wortreich und ausschweifend die Magierin ihre Sätze sonst ausschmückt, der kann ungefähr erahnen, wie fassungslos sie tatsächlich sein muss, wenn ihr derart die Worte fehlen. Irgendwann findet sie ihre Sprache dann allerdings doch wieder: >Sire Lorcain, ich weiß ihr seid derzeit nicht im Dienst der Stadtgarde, aber würdet ihr Euch um das Häufchen Elend da annehmen? Ich muss nach meinem Pferd sehen. <
"Aye."
Lady Shin rauscht davon und rechtschaffener Zorn raucht ihr dabei aus allen Poren. Kaum ist sie zwischen dem Schlehdorn verschwunden, meldet sich eine wohlbekannte Stimme in Colevars Gedanken zurück: 'Schnell. Das ist jetzt die Gelegenheit!'
Für was?
'Na, um sich aus dem Staub zu machen, natürlich! Schnell, bevor die Zauberweberin zurückkommt.'
"Das ist nicht dein Ernst..."
'Doch, mein voller!'
"Nein!"
"Äh... Sire?"
"Was!?"
"Äh... redet... redet Ihr mit... mir, Sire?"
"Nein! Halt die Klappe."
'Pöh!'
Doch nicht du! Obwohl... du auch!

Colevar holt tief und vernehmlich Luft und pfeift nach Filidh, der auch prompt mit einem leisen Wiehern angetrabt kommt, säubert die Lochaberaxt und schnallt sie wieder am Sattel fest. Der Fryslâner hat nicht den kleinsten Kratzer abbekommen, doch Harm hatte nicht so viel Glück, denn als Lady Shin ihn auf den Weg bringt, lahmt er auf der linken Hinterhand und Colevar kann auch erkennen, warum: er hat eine Fleischwunde, wo eine Pfeil- oder Bolzenspitze eine lange, rote Spur im Muskel hinterlassen haben. Allen Göttern sei Dank ist es nur ein Streifschuss, nichts, das nicht wieder heilen würde. Und allen Göttern sei Dank beruhigt Filidhs stoische Gelassenheit auch das Maultier endlich wirklich, das den Kopf senkt , die Nase ins blasse Gras steckt und ungerührt zwischen den Toten zu fressen beginnt, als sei das alles ganz alltäglich und es wäre nicht gerade eben noch vor Angst gestorben. Colevar will sich gerade dem Jungen zuwenden, als die Magierin, die sich, noch immer brodelnd, aber beherrscht, um die Verletzung ihres Pferdes kümmert, plötzlich seufzt. Es ist ein leises Geräusch, nicht mehr als das Atmen des Nachtwindes – und er kann gerade noch einen Schritt auf sie zu machen und den Arm ausstrecken, um sie aufzufangen, bevor sie auf dem Boden aufschlägt.
'Die ist hinüber...'
"Das sehe ich auch."
'Ich hab dir gesagt, du sollst verschwinden. Hab ich's dir nicht gesagt?' Dank der vermuteten drei Zähne, die der "Geist" noch sein Eigen nennt und der altersbrüchigen Stimme, klingt es allerdings eher wie 'Ich hab dir geffagt, du ffollft verffinden...'
Ja-a! Stimmt Colevar zähneknirschend zu und fragt sich, was um Himmels Willen er jetzt bloß mit der bewusstlosen Magierin anfangen soll. Am liebsten hätte er sie und ihren fußlahmen Hund über sein Pferd gelegt wie zwei Mehlsäcke und wäre weitermarschiert, es sind nur noch zehn oder zwölf lächerliche Tausendschritt! 'Ja! Tu das!' Aber Harm ist auch lahm, da sitzt ein schlotternder Junge bewacht von einem grollenden Reykir auf dem Weg, ein mit Schmugglergut bepacktes Maultier frisst den halben Wald kahl und es liegen fünf Leichen um sie herum, die nicht nur zehn Tausendschritt gegen den Wind nach Blut riechen, sondern auch noch nach gekochtem Fleisch, Lady Shins Brühtrog-Zauber sei Dank. Wir müssen hier weg ehe die Wölfe und die Bären auftauchen... Yffern!

"Junge. He, Junge! Wie heißt du? Finley? Steh auf und komm her. Bewegung!" Fügt er hinzu, als der Bengel ihn zuerst nur ungläubig anglotzt. Das bringt Leben in seine magere Gestalt und er springt auf die Füße. "Reykir, lass ihn. Finley, du nimmst das Maultier und Harm. Nein, dieses Pferd hier. Führ' ihn vorsichtig, er lahmt." Der Bursche beeilt sich, folgsam seinen Anweisungen nachzukommen, schweigend vor Schock, aber ganz offensichtlich froh, etwas zu tun zu haben, das nicht unmittelbar etwas mit Kämpfen, Sterben oder augenblicklich im Kerker der Steinfaust zu landen zu tun hat - und sehr erleichtert, endlich aus der unmittelbaren Reichweite von Reykirs Zähnen zu gelangen. Finley sammelt das Maultier ein und eilt an seine Seite, um sich auch Harms anzunehmen. Die Augen hält er dabei jedoch fest auf Colevars Gesicht gerichtet und vermeidet es standhaft, die ohnmächtige Gestalt der Magierin in dessen Arm anzusehen. Ein verirrter Mondstrahl, der Lady Shins Stirn streift, durchleuchtet ihr schneeweißes Haar und lässt ihre Schädelknochen dünn und zerbrechlich erscheinen. Plötzlich wirkt sie sehr verletzlich und ganz sicher nicht wie ein seelenfressendes, schwarze Wölfe reitendes Ungeheuer, das sieht selbst Finley ein - und schluckt zweifelnd.
'Lass sie fallen. Lass sie fallen und lass sie einfach liegen und reite weiter. Jetzt!' Nölt der Großmutter-Geist in Colevars Gedanken, kaum dass er Lady Shin hochheben und über Filidhs Sattel legen will.
Auf keinen Fall!
'Wag es ja nicht! Heb sie nicht auf... lass sie liegen... sei schön brav...'
Das tue ich nicht!
'Nicht anfassen! Nein, nicht doch... nicht! Oi, tzzz! So du wirst nie in Talyra ankommen! Du sollst den Stolpersteinen ausweichen und sie nicht auch noch mit dir herumschleppen und hätscheln!'
Lady Shin ist ein Stolperstein?
'Blitzmerker...'
"Moment mal, das... ich will jetzt kein Wort mehr davon hören! Kein Wort. Mach dich zur Abwechslung lieber nützlich und sag mir, wo ich hier einen sicheren Platz für ein Nachtlager finde!"
"Äh... Sire?"
"Nicht du, Finley und hör auf, mich so anzustarren. Ich rede mit... vergiss es einfach. Reykir, Shafir, zu mir! Machen wir, dass wir hier wegkommen..."

Sechs Stunden später zieht der nächste Morgen herauf und die Sonne steigt langsam über die Wipfel der Bäume. Als sie eine Stunde später vollends aufgegangen ist, ergießt sich ihr Licht als blassgoldene, leuchtende Strahlen durch einen Baldachin ineinander verflochtener Äste, borkeumkleideter Baumriesen und grünem Laub. Colevar lehnt mit dem Rücken an einem Stein, der sich langsam im Morgenlicht erwärmt, hängt seinen verworrenen Gedanken nach und allmählich ist selbst er vor Erschöpfung halb benommen. Er kennt dieses Gefühl nur zu gut – ein merkwürdiges Empfinden hellwachen Bewusstseins, während man sich gleichzeitig vom eigenen Körper losgelöst fühlt. Die Pferde und das Maultier grasen friedlich auf einer kleinen Lichtung neben einem gurgelnden Bachlauf, die Hunde schnüffeln entspannt am Ufer entlang und jung Finley schnarcht an einem fast heruntergebrannten Feuer so laut, als holze er im Traum ganz allein das halbe Larisgrün ab. Sie hatten Glück gehabt und in der vergangenen Nacht unweit des Weges und des Überfalls eine kleine Höhle gefunden... kaum mehr als eine geschützte Nische unter einer überhängenden Felsnase, aber leicht erhöht zwischen ein paar großen Findlingen, windgeschützt und gut zu verteidigen, falls Raubtiere ihrer Spur und dem Blutgeruch folgen sollten, um sich noch einen Nachschlag zu holen oder weitere Schmuggler auftauchen würden. Sie hatten zwar - trotz des hellen Mondlichts - eine halbe Ewigkeit mit dem lahmen Pferd und dem humpelnden Hund hierher gebraucht, aber sie waren heil angekommen. Colevar hatte den Jungen, bewacht von Reykir, zum Holzsammeln geschickt, hatte ein Feuer geschürt, das hell und warm gegen die Dunkelheit gebrannt hatte, hatte Lady Shin ein Lager aus Filidhs Satteldecke, weichem Laub und seinem Umhang bereitet und die immer noch bis zur Besinnungslosigkeit erschöpfte Magierin sanft darauf gebettet, hatte die Pferde versorgt, nach Harms Bein gesehen, festgestellt, dass es tatsächlich nur eine Fleischwunde war und sie noch einmal behutsam mit klarem Wasser ausgewaschen, hatte sich um Shafirs Pfote gekümmert, sie mit Zaubernusssalbe eingerieben und dann den Rest der Nacht hindurch Wache gehalten. Der Großmutter-Geist hatte sich nicht mehr zu Wort gemeldet, aber Colevar kann ihre Präsenz dennoch spüren, irgendwo am Rand seines Verstandes, flüchtig wie das Flattern eines Mottenflügels. Er wird einfach nicht schlau daraus, aber er ist längst über das Stadium hinaus, sich noch über irgendetwas ernsthaft zu wundern.

Calait... sie ist irgendwo in Talyra, die Götter allein wissen, wie es ihr geht und er sitzt hier fest. Einen schier endlosen Moment lang wird seine innere Unruhe so groß, dass er Schwierigkeiten hat zu atmen und die Zähne zusammenbeißen muss, um nicht einfach aufzuspringen, sich Filidh und Reykir zu schnappen und zu reiten, als wären die Neun Höllen hinter ihm her, nur um zu ihr zu kommen. Gleichzeitig nennt er sich selbst einen Narren und kann noch nicht einmal sagen, warum es ihn jetzt, in diesem Augenblick, mit solcher Macht an ihre Seite zieht.
' Manchmal muss man nicht wissen, worum es geht. Manchmal ist es einfach... Schicksal.'
Colevar wirft einen Blick auf Lady Shins weißes Gesicht, trügerisch sanft im Schlaf völliger Erschöpfung und einen weiteren auf Finleys zusammengerollte, schnorchelnde Gestallt auf der anderen Seite des Feuers. "Schicksal, hmpf!" Knurrt er leise. "Bullenscheiße." Wirklich? "Aber beantworte mir eine Frage – was geht dich das eigentlich alles an?"
'Musst du nicht wissen. Reite nach Talyra. Reite jetzt!'
"Ich kann nicht. Ich will es, die Götter wissen, wie sehr, aber..." er weist mit einer allumfassenden Geste auf seinen fußlahmen, reiseunfähigen und außerdem den Schlaf der Gerechten schlafenden Anhang.
'Papperlapapp. Werd' die Stolpersteine los so lange sie noch schlafen!'
"Lady Shin ist kein Stolperstein", erwidert er stur und wider besseren Wissens obendrein. Nie das Pferd belügen! Denk daran! Filidh ist in Hörweite – und die Magierin ist einer, er weiß es längst.
'Bei den guten Geistern hienieden, elf Kinder habe ich geboren und großgezogen, aber keines war so störrisch wie du!'
"Elf Kinder, aye?"
'Lenk nicht ab...'
"Wie alt bist du eigentlich? Du klingst wie eine Urgroßmutter."
'Das fragt man eine Lady nicht!'
"Oh, du bist auch keine Lady."
'Und du bist kein... kein... Äh.Hm.'
"Ich bin kein was...? Mann? Ritter? Gutaussehender Kerl?"
'Mmmpf. Mmpf. Na schön, fein. Eins zu null für dich.'
"Da ich ein Mann, ein Ritter und ein gutaussehender Kerl bin, würde ich sagen drei zu null für..."
'Psst, sie wacht auf!'

Lady Shin regt sich tatsächlich und blinzelt gleich darauf in den hellen Morgen wie ein verschrecktes Käuzchen aus seiner Höhle – er hat allerdings dafür gesorgt, dass sie im Schatten liegt und sich kein Sonnenstrahl an ihr Lager verirren kann. "Guten Morgen. Ihr seid also eine seelenfressende Wolfsreiterin, aye?" Erkundigt er sich mit unüberhörbarer Belustigung in der Stimme. Jung-Finley hatte ihm die halbe Nacht lang ungebeten und ungefragt von allen möglichen und unmöglichen Gerüchten berichtet, die angeblich über die Magierin in Talyra kursieren (vor allem bei den Waschweibern, zu denen auch seine Mutter gehört). Dass Lady Shin ein ganz und gar unheimliches, gefährliches und durch und durch verkommenes Subjekt wäre, von dem man sich besser fernhalte und gegen das alle Waschweiber der Stadt (einschließlich Muttern) immer irgendwelche Schutzzeichen schlügen, wenn sie vorübergehe und man müsse außerdem schnell wegsehen, wenn sie einen ansehe, denn ihr böser Blick lasse einen sonst erstarren. Sie fresse kleine Kinder, sie lasse die Milch sauer werden, sie sei die Erzfeindin des Lord Commanders und aller Blaumäntel, und außerdem gehe sie im Pfirsich ein und aus, das tue schließlich keine anständige Frau, sie wäre Schuld an dem Sturm im Frühjahr, sie habe die arme junge Lady de Winter verhext, sie sei eine Wandlerin, die die Gestalt einer schwarz-weiß gestreiften Eule annehmen könne, sie sei überhaupt kein Mensch und so weiter und so fort. Colevar hatte nur den Kopf geschüttelt und Finley irgendwann mehr oder weniger (eher weniger) freundlich gebeten, die Klappe zu halten, bevor er ihm die Zunge herausschneiden und an die Hunde verfüttern würde. "A-aber Sire!" Hatte der Junge entsetzt gekeucht. "Das dürft Ihr nicht, Ihr seid ein Ritter."
"Willst du darauf wetten? Und im Buch der Götter steht: du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!" Das hatte dem Jungen den Wind aus den Segeln genommen und er war für den Rest der Nacht still geblieben... nun ja, bis er begonnen hatte zu schnarchen. "Harm und Shafir haben sich gut erholt. Harm lahmt noch ein wenig, aber das tut er nur, um dem Wundschmerz auszuweichen", informiert er die Magierin, die sich langsam aufsetzt. "Es gibt leider kein Frühstück, ich konnte nicht auch noch jagen gehen. Harms Bein ist in Ordnung, es fühlt sich weder warm an, noch ist es geschwollen. Euer Fliegengewicht wird er zwar kaum merken, aber Ihr könnt gern mit mir auf Filidh reiten... wenn Ihr überhaupt bereit seid, nach Hause zu reiten, heißt das. Wie fühlt Ihr Euch? Ich meine außer... erschlagen?"
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Atevora

Unregistered

23

Saturday, September 8th 2012, 4:45pm

Wirre Träume suchen sie heim, doch als Stimmen wie von einem Gespräch langsam in Ihn vordringen und zerfasern lassen bleibt keine Erinnerung und auch kein Bild zurück. In ihrem Inneren hängt nur ein wager Hauch von Verlust und Wehmut dunstig wie Nebel den die Sonne am Morgen vertreibt.
Ruckartig reißt sie die Augen auf. Es ist Morgen und sie ist im Freien. Nungut, nicht ganz, sie liegt im Schatten, in einer kleinen Höhle auf einer weichen Lammfelldecke die markant nach Pferd duftet und mit reichlich Stoff bedeckt, und das Einzige was sie im ersten Augenblick denkt ist: Nicht schonwieder. Erleichtert stellt sie fest, dass sie weder nackt ist, noch auf einer Bettpanne liegt.
>>"Guten Morgen. Ihr seid also eine seelenfressende Wolfsreiterin, aye?"<< Begrüßt sie eine bekannte, wohlklingende tiefe Basstimme und sie klingt sehr amüsiert. Atevora ist es nicht. Sie ist nicht glücklich mit den ganzen unsinnigen Reden die über sie verbreitet werden und mit den vielen beleidigenden Namen mit denen man sie bedenkt, auch wenn sie es sich gemeinhin nicht anmerken lässt, sondern ihr Visier herunterklappt und auch noch zum Kampf bläst. „Gelegentlich.“ Antwortet sie selbstironisch wie trübsinnig zugleich. Wie lange war sie Bewusstlos? Wie lange hatte sie geschlafen? Schon wieder bewusstlos. So etwas passiert ihr sonst nicht, wenn sie Zaubert bis kein Funke mehr in ihr ist. Der ganze Tag war einfach zuviel. Sie reitet sonst nie so lange, schon gar nicht in so einer Verfassung, und das Kämpfen war erst Recht keine gute Idee. Besonders grämt sie sich, sich ihre eigene Schwäche eingestehen zu müssen, dass sie etwas nicht aus eigener Kraft bewältigt hat. Atevora schiebt ihre vorübergehende Decke vom Körper. Er hat ihr wieder seinen Umhang geliehen, sie aufopferungsvoll getragen, auf einen warmen Umhang und eine weiche Unterlage verzichtet umhätschelt und umsorgt, , wie ein Vater sein Kind. Es frisst und nagt an ihr, dass sie am liebsten.. Ja, was? Was täte ich denn am Liebsten? Umarmen wäre vielleicht ein guter Ansatz, das tut man normalerweise um Dankbarkeit zu zeigen – aber wie wir wissen versteht Atevora davon nichts, oder laut schreien, brüllen, raunzen, zetern und gegen das Schicksal und die Götter anfluchen wenn man mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, aber auch das ist nicht der Magierin Art. Der Erbe von Lyness gibt ihr derweilen einen Statusbericht. Sie weiß nicht ob sie auf Harm reiten sollte, oder nicht? Sie möchte dem Tier, wenn es schmerzen hat, nicht unbedingt ihre Last aufbürden, aber sie möchte auch nicht mit ihm auf Filidh reiten. Warum gibt jemand seinem Pferd die Bezeichnung für einen Gelehrten? Vermutlich aus dem Selben Grund weshalb jemand einen gutmütigen Ackergaul Harm nennt.
Vielleicht würde sie auf Filidh auch noch vor ihm sitzen, eingeengt zwischen seinen starken Armen mit denen er jeden Schmuggler mit einem Fausthieb das Gesicht zu Brei schlägt und behütet.. wie ein kleines schutzbedürftiges Mädchen. Will sie es wirklich nicht? Sie würde sich gerne diese Schlinge, dieses Messer und diesen scharfkantigen Kochlöffel aus ihrem Inneren ziehen die in ihr so reißen und herum rühren. Sie möchte nicht zugeben, dass sie es Leid ist alleine zu kämpfen, so müde stark zu sein und das Haupt erhoben zu halten. Sie möchte sich auch einmal ausruhen können, umhegt und umsorgt sein, sich gehen lassen? Aber es ist ihr nicht möglich, nicht ohne dass es sich rächt oder rächen würde auf die eine oder andere Art die sie nicht ertragen möchte.
>>“ wenn Ihr überhaupt bereit seid, nach Hause zu reiten, heißt das. Wie fühlt Ihr Euch? Ich meine außer... erschlagen?"<<
Atevora schmunzelt dünn zum Beisatz, aber der Anflug ist rasch wieder verschwunden: „Beschämt, selbstsüchtig, und der Dinge überdrüssig. Danke der Nachfrage und danke für.. alles weitere.." Das war bestimmt wieder etwas was er nicht wirklich wissen wollte, oder wonach er genaugenommen nicht gefragt hatte.Sie erkundigt sich erst gar nicht, obwohl es wohl höflich wäre zurückzufragen, nach seinem Befinden. Sie weiß, er hat so sein liebes Kreuz mit ihr. „Ob ich bereit bin nach Hause zu reiten? Ja ich bin so bereit und entschlossen nach Talyra zu gelangen wie ich es in meinem Zwiespalt sein kann.“ Da ist aber eine Frage die schon ganze Zeit auf ihrer Zunge liegt. Es ist etwas das sie nicht versteht, das sie begreifen möchte, und sie findet es wird endlich an der Zeit es zu wagen die Frage zu stellen. „Aber weshalb nehmt ihr derart Rücksicht auf mich, weswegen seid ihr so altruistisch und.. freundlich zu mir, wenn ihr doch nur nach Talyra möchtet und ich Euch doch nur aufhalte?“

---->Die Goldene Harfe

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Colevar

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24

Sunday, September 9th 2012, 1:33am

Beerenreif 512, auf dem Weg nach Talyra


Ihre Antwort auf seine ironische Frage fällt denkbar knapp aus - kürzer kann man das Wort "gelegentlich" gar nicht mehr aussprechen und Colevar schnieft belustigt. "Na, dann bin ich ja froh, dass Ihr im Augenblick darauf verzichtet und gerade die nette Lady Shin seid." Sie geht nicht weiter darauf ein, aber ihre nächsten Worte sind entwaffnend ehrlich. >Beschämt, selbstsüchtig, und der Dinge überdrüssig. Danke der Nachfrage und danke für.. alles weitere..< Er kann nicht ahnen, was alles in diesem Augenblick in ihr vorgeht und welche Gedanken sich hinter dieser schneeweißen Stirn formen, aber dass etwas an ihr nagt, dass etwas sie umtreibt und sie innerlich hin- und herreißt, sieht er ihr sehr wohl an. Dazu bräuchte man in diesem Augenblick wohl noch nicht einmal besonders feine Sinne. Zum Teil kann er ihr das nachfühlen... sie ist es wohl gewohnt, stark zu sein oder sich zumindest diesen Anschein zu geben, und Schmerz und Schwäche sind immer schlimm für die Starken. Er kommt jedoch nicht dazu, näher darauf einzugehen – und was hätte er auch schon groß sagen können? 'Grämt Euch nicht, bald sind wir in Talyra, Ihr könnt Euch erholen und werdet Euch bald besser fühlen.' Natürlich hätte er das und vielleicht hätten die Worte sogar geholfen, aber er ahnt, dass es nicht so einfach ist. Es ist nicht nur die Lage in der sie jetzt ist, eine kurze Momentaufnahme ihres Lebens, ihre Schwierigkeiten mit sich selbst scheinen tiefer zu gehen. Ein einfaches, aber nichtsdestotrotz vollkommen ehrliches "Keine Ursache", bleibt also seine einzige Antwort auf ihren Dank.
>Ob ich bereit bin nach Hause zu reiten? Ja ich bin so bereit und entschlossen nach Talyra zu gelangen wie ich es in meinem Zwiespalt sein kann. Aber weshalb nehmt ihr derart Rücksicht auf mich, weswegen seid ihr so altruistisch und.. freundlich zu mir, wenn ihr doch nur nach Talyra möchtet und ich Euch doch nur aufhalte?<

"Altruistisch?" Einen Moment lang mustert er ihr Gesicht mit den großen blauen Kinderaugen aufmerksam, dann lächelt er leicht und seine Mundwinkel zucken. "Weshalb denn nicht?"
Sie runzelt die Stirn und zwischen den dünnen Bögen ihrer Brauen erscheint eine steile, kleine Falte.
"Vielleicht habe ich noch eine andere Antwort für Euch, mit der Ihr besser zu Recht kommt, als mit der Vorstellung, dass es auf dieser Welt Menschen und andere Wesen gibt, die nicht selbstsüchtig sind. Wir Ritter leben nach einem Kodex, Lady Shin, der sich der Bund der Tugenden nennt. Es gibt fünf große Tugenden – und unzählige geringere – , doch unter anderem heißt es dort: 'Sei stets willens und bereit, jeder Sache, der du dich verschreibst, alle Taten, die du begehst, alle Missionen, welche du als die deinen ansiehst und allen Pflichten, die du auf dich nimmst, mit aller Kraft zu dienen. Denke nie zuvorderst an dich selbst, sondern stelle das Wohl der anderen über dein eigenes und sei bereit, alle Kraft deines Körpers, alle Stärke deines Willens, alle Schärfe deines Verstandes und die Redlichkeit und die Ehrbarkeit deines Charakters für jede rechtschaffene Seele einzusetzen, die deiner Bedarf oder dich darum bittet.' Das ist die Tugend des Großmuts. Und weiter heißt es noch ' Denn was ihr dem Geringsten tut, das tut ihr den Göttern.' Ihr seht also, ich kann gar nicht anders, sondern bin durch meinen Rittereid gebunden. Könnt Ihr damit besser umgehen, als wenn ich gesagt hätte: weil ich ein Ehrenmann bin, der keine Frau in Not einfach am Wegesrand stehen lässt? Ich wurde nicht dazu erzogen, mich nicht um andere zu kümmern oder mich einen Dreck um andere in Schwierigkeiten zu scheren. So würde ich auch gar nicht sein wollen. Ja, Ihr haltet mich auf – aber dafür könnt Ihr ja nichts, Ihr tut es schließlich nicht mit Absicht." Er steht auf und reicht ihr die Hand, um sie ebenfalls auf die Füße zu ziehen. "Wenn Ihr hinausgeht haltet Euch links und Ihr seid sofort unter den Ästen eines Bergahorns, der reichlich Schatten spendet. Der Bach läuft direkt unter seiner Krone entlang, wenn Ihr wollt, könnt Ihr Euch dort waschen. Ich wecke dieses schnarchende Elend und packe unsere Sachen."

Eine Stunde später sind sie wieder unterwegs, im Schlepptau einen missmutig dreinblickenden Finlay und ein ebenso missmutiges Maultier, dessen Name, wie sie inzwischen erfahren haben, passenderweise Schreihals lautet. Das tut es auch hin und wieder, laut und mit großer Inbrunst. Lady Shin sitzt auf ihrem eigenen Pferd, doch nicht für sehr lange... sie passieren gerade einmal Zwölfeichen, als Harm wieder zu lahmen beginnt und so rasten sie am Rand des Dorfes im Schatten einer ausladenden Henkerseiche und bekommen endlich etwas zwischen die Zähne, nämlich Quellwasser, frisches Brot, ein wenig kalten Braten vom Vortag und gedeckten Brombeerkuchen – sie sind alle drei nicht in der Stimmung für Geselligkeit, weswegen sie die Dorfschenke gemieden und sich nur beim Wirt etwas zu Essen geholt hatten. Hier ist der Wald so dicht und auch der schmale Saumpfad nach Osten überwölbt von den belaubten Ästen der Bäume zu beiden Seiten, dass Lady Shin getrost auf eine vollständige Vermummung verzichten kann und sich mit Hemdgugel, Handschuhen und ihrer Maske begnügt – was nicht gerade dazu beiträgt, Finley von der Menschlichkeit ihrer Person zu überzeugen, aber der Junge ist in dieser Beziehung ohnehin so geprägt, dass es auch nichts genützt hätte, wäre sie splitterfasernackt herumgehüpft und binnen Augenblicken krebsrot angelaufen. Die Magierin ist überhaupt schweigsam und nachdenklich, und ihm die Antwort auf seine Worte vom Morgen noch schuldig geblieben... nicht, weil sie nichts zu sagen gehabt hätte, sondern weil sie noch eine Weile darüber nachdenken zu wollen scheint. Nach ihrer Rast und dem verspäteten Frühstück nimmt Colevar Lady Shin zu sich aufs Pferd, etwas, das ihr zuerst sichtlich unangenehm ist, bis sie sich irgendwann doch entspannt und ein wenig an ihn lehnt, aber sie reden wenig... und um Harm zu schonen kriechen sie auch nur mit der halsbrecherischen Geschwindigkeit einer gichtkranken Schildkröte durch den Wald.

Um Harm außerdem einen Umweg zu ersparen und Lady Shin wenigstens noch ein bisschen Schutz durch die Bäume mit ihrem dichten Laubdach zu gönnen, wenden sie sich von Zwölfeichen aus auch nicht nach Norden auf den Kreuzweg, sondern reiten weiter in Richtung Nordosten, ziehen nördlich an Nachtschatten vorüber und erreichen gegen Mittag endlich die ersten Weiden und Koppeln eines Gestütes, das recht nahe an der Stadt liegt, Waldhof oder Waldhag oder so ähnlich. Olyvar hatte ihm erzählt, dass Ieras jetzt mit seiner Frau und seinem Kind hier leben würde... etwas, das Colevar nur schwer verdaut hatte, denn er hat immer noch den Jungen in Erinnerung, den er vor ein einigen Jahren ein paarmal gesehen hatte – als jungen Mann und Vater hat er Ieras noch nie erlebt. Kunststück. Selbst bevor du zu dieser unsäglichen Reise in den Norden aufgebrochen bist, warst du so gut wie nie in der Stadt selbst... und wenn dann höchstens bei Dancy und den Pfirsichen. Eine halben Tausendschritt vor der Stadt wechselt Lady Shin wieder auf Harms Rücken, wo sie sich besser vor der Sonne schützen kann als eingekeilt zwischen ihn und den hohen Vorderzwiesel seines Sattels, und diesmal beginnt das schwere Pferd auch nicht gleich wieder zu lahmen. Hier stehen keine Bäume mehr, die Schutz spenden würden, denn die Landschaft hier in unmittelbarer Nähe der Stadt ist geprägt von Acker- und Weideland mit vereinzelten kleinen Gehölzen und hohen Hecken zwischen den Wiesen und Feldern, und die talyrische Hochsommersonne meint es an diesem Tag viel zu gut mit ihnen. Die Mittagshitze hat sich wie eine bleierne Glocke über Stadt und Umland gelegt, nicht das allerkleinste Lüftchen regt sich und die Insekten im Gras scheinen die einzigen zu sein, die sich überhaupt noch bewegen – von ihnen einmal abgesehen. Leer und staubig liegt die gepflasterte Straße zum Verder Tor vor ihnen und selbst die Wachen, die sonst aufrecht und wachsam mit ihren Hellbarden bereit stehen, halten sich im Schatten der gewaltigen Mauer, lehnen an den Steinen und schwitzen tapfer vor sich hin. Mittagsruhe ist in den talyrischen Landen kein so weit verbreiteter und sorgsam gepflegter Brauch wie in den südlicheren Herzlanden, wo im Hochsommer zwischen der elften und der sechzehnten Stunde alles Leben still steht und niemand, der bei Verstand ist, irgendwelchen schweißtreibenden Arbeiten nachgeht, doch auch die Talyrer wissen diese Sitte an besonders heißen Tagen zu schätzen.


-> Die Straßen der Stadt
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Lyall

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25

Tuesday, September 11th 2012, 3:24pm

Sein Hunger schien keine Grenzen zu kennen, so hastig und ohne wirklich zu kauen, schlingt der Warg die Beutehappen herunter. Lyall liegt mit dem Kopf auf den Pfoten daneben und beobachtet die Szenerie interessiert. Von der Hirschkuh sind am Ende nicht mehr als ein paar Knochen übrig, doch selbst diese beißt Kaney auf und saugt das weiche Mark heraus. Sein Bauch spannt sich nun sichtbar unter dem Fell und die Wargin ist erstaunt, fragt sie sich doch wann er wohl das letzte mal gefressen haben musste. Ihre menschlichen Überlegungen dazu lauten nur: Wenn er alleine im Wald wohnte, hatte er Hunger leiden müssen? Doch das damalige Mahl, welches sie mit Ragna-Rana zusammen eingenommen hatten, schien nicht von jemandem zu stammen, der Hunger hatte. Oder hatte er das Essen aus Gastfreundschaft geteilt und litt nun?
Doch nun musste auch er satt sein und selbst sein großer Appetit schien besänftigt, als er sich streckt und sie seltsam abschätzend ansieht. Fragend hebt Lyall den Kopf und neigt ihn leicht auf die rechte Seite.
Doch dann ändert sich seine Haltung in eine Einladende-Geste und schwanzwedelnd erhebt sich die Wargin, um auf sein Ansinnen einzugehen.

Sie spielen ein bisschen und tollen herum, springen über heruntergefallene Äste und umgestürzte Baumstümpfe und laufen, bis ihnen die Zungen heraushängen. Wie Kaney so vollgefressen herum toben kann, amüsiert die Wargin. Doch langsam im Laufe des Treibens und Tollens, hat sein Bauchumfang auch schon wieder etwas abgenommen.
Ausgelassen hinter dem Warg hertrabend, wird sie etwas stutzig, als sie ein Bauernhaus erreichen, dass mitten im Wald steht. Sie kann den Geruch von Schweinemist und Menschen riechen, doch Kaney gibt ihr zu verstehen anzuhalten. Leicht nervös sträubt sich das Fell im Nacken der Wargin, doch sie setzt sich artig hin. Kaney verschwindet kurz hinter einem Ginstergebüsch und kommt – zum Erstaunen der Wargin- als Mensch wieder heraus. Unbehaglich rutscht sie auf ihrem Hintern herum und winselt, doch der Mann lässt sich vor ihr nieder und spricht: "Ich muss hier etwas besprechen. Warte bitte hier.''
Einen kurzen Wuff-Laut von sich gebend, sieht sie ihm hinterher, während er zum Haus schlendert. Ganz unbekleidet. Einfach so. Winselnd und nervös gähnend wartet sie ab was passiert. Ein Teil von ihr ist sich relativ sicher, dass der Bauer ihn mit der Mistgabel von seinem Grund und Boden jagen wird. Ein anderer Teil ist eher optimistisch und wartet einfach ab, was passieren könnte. Sie kann nur einen Teil des Mannes erkennen, der hier wohl das Sagen hatte und der Bauer sein musste. Anscheinend hatte etwas schweres das Dach des Häuschens getroffen und der Besitzer war gerade dabei dieses zu reparieren. Und obwohl sie sich sicher war, dass Kaney nicht einfach nackt auf fremder Leute Grund spazieren sollte, schienen sich die beiden gut zu kennen, denn ohne wirklich nach unten zu sehen redet der Bauer schon auf den Wargen ein und begrüßt ihn freundlich. Kaney war wohl öfters in den Wälder unterwegs und besuchte... nackt... Leute.
Die Gesprächsfetzen, die herüber getragen werden lassen sie jedoch aufhorchen. Steinfaust? Hauptmann? Ist er also kein armer Mann, der im Wald lebt, sondern vielleicht sogar ein Edelmann? Kennt er Rhordri und... Aurian? Warum kannte sie ihn dann noch nicht? Sie ist kein Dauergast in der Faust, doch ab und zu brachte sie Aurian einen Korb mit Essen oder besuchte Rhordri. Doch den Wargen hatte sie nie gesehen. Oder auch nur von ihm zu hören bekommen. Warum hatte keine sie beide vorgestellt? Natürlich, er lebte im Wald... das würde erklären, warum sie ihn nicht oft in der Steinfaust oder der Stadt gesehen hatte. Doch warum hatte ihr keiner mitgeteilt, dass noch ein Warg- so nah- existierte? Sie hatte erst durch Ragna erfahren, dass es noch andere wie sie gab. War er etwa... ein schlimmer Mann? Wollte Aurian nicht, dass sie ihn kennen lernte oder kannte? Hatte er böses getan? Aber dann wäre er doch sicherlich nicht in der Steinfaust angestellt... oder doch? Verbüßte er nur eine Strafe?

Unsicher springt die Wargin auf und will schon weglaufen, doch die Aussicht auf Klärung dieser Situation hält sie an Ort und Stelle fest. Unsicher scharrt sie mit den Pfoten, ihre Ohren sind ängstlich nach hinten angelegt.
Aber trotz aller Unsicherheit bleibt sie und es dauert auch nicht lange, da kommt Kaney zurück. Er scheint ihre Anspannung zu spüren und weiß wohl auch genau, warum sie sich so aufführt.
''Ich denke, wir müssen reden. Aber nicht hier, der Bauer hat mir einmal einen Knoten in meinem Schwanz angedroht, wenn ich seinen Schweinen irgendwie Angst einjagen würde in meiner wölfischen Gestalt. Das würde er garantiert auch bei dir tun. Suchen wir uns ein stilles Plätzchen, dann reden wir.''
Winselnd und leise jaulend wartet sie seine Verwandlung ab, lässt seine versöhnliche Geste des Kopfreibens zu und folgt ihm mit ein paar Schritt Abstand.
Während sie ihm bis zu der Stelle folgt, die er auserkoren hat, um mit ihr zu sprechen fliegen allerlei Gedanken durch ihren Kopf. Doch die hauptsächliche Frage ist: Warum kannten sie sich nicht schon früher? Es wussten doch so viele Leute, dass sie sich einsam fühlt als Warg und an manchen Tagen ihre Gabe verflucht hatte, ebenso wie Ealara, die ihr diese Bürde aufgeladen hatte. So viele hatten ihr gut zugesprochen... doch keiner hatte etwas von IHM gesagt... Warum? Was war der Grund?

Vor lauter Grübeleien, wäre sie fast in Kaneys Rückseite geprallt, als dieser stehen bleibt und sie aus ihren Gedanken gerissen wird. Sie stehen auf einer Lichtung, die eingerahmt wird von hochgewachsenen Birken. Keine dieser Bäume scheint Schäden durch den Sturm davongetragen zu haben, nur ein paar Zweige und Äste liegen verstreut auf der Lichtung. Diese scheinen jedoch von den umliegenden Eichen und Buchen zu stammen. Es ist still an diesem Ort, der etwas besonderes zu sein scheint, nur ein paar Insekten im Gras unter ihnen geben leise Laute von sich.
Abwartend sieht sie in seine Augen, die fast die gleiche Farbe wie die ihren haben. Sie weiß nicht ob sie sich verwandeln soll, oder was er genau vorhat. So blickt sie ihn einfach weiter an mit den Gedanken im Kopf, warum keiner ihr von seiner Existenz erzählt hatte.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Kaney

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Location: Dortmund

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26

Thursday, September 20th 2012, 1:42pm

Lyall-Schwarzfell folgt ihm.
Der Wargenmischling ist erleichtert. Er hat befürchtet, dass sie vielleicht flieht, oder ihm irgendwie zeigt, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben will, weil sie ihm nicht mehr vertraut.
Aber sie folgt ihm, und das war jetzt erstmal das wichtigste.
Dann schiebt er ersteinmal die Gedanken über das bevorstehende Gespräch zur Seite, lässt seine wölfischen Instinkten alles ausfüllen und trabt voran, wo ihn seine Pfoten hintragen.

Birken umsäumen eine kleine Lichtung. Hier konnten sie reden, genauso gut wie wo anders. Also bleibt er stehen, etwas zu plötzlich für Lyall-Schwarzfell, die beinahe in ihn hineinläuft. Schwach wedelt er mit seinem Schwanz um zu zeigen, dass ihm dieser Rempler nichts aus macht, aber die schwarzfellige Wölfin starrt ihn nur misstrauisch an.
Der schwarzfellige Wolf seufzt kurz, bewegt sich dann zu einem Gebüsch um sich dort zu verwandeln.Als er zurück auf die Lichtung tritt, steht auch Lyall in ihrer menschlichen Gestalt vor ihm, sie hat es ihm gleichgetan und sich auch verwandelt.
Ihr Gesicht ist errötet, und Kaney erinnert sich daran, dass es der jungen Frau mit den wölfischen Ohren peinlich war, einander nackt zu sehen.
Verlegen lächelt er, kratzt sich am rechten Ohr, setzt sich dann hin, so dass Lyall als sein Gegenüber nicht allzuviel sieht, was ihr vielleicht noch mehr Schamesröte ins Gesicht treiben wird.
Auch Lyall setzt sich schnell hin, starrt ihn weiterhin nur an.
Ich werd wohl den Anfang machen müssen. Naja, was bleibt mir denn auch anderes übrig.

"Ich sollte mich noch einmal vorstellen. Diesmal vollständig. Mein Name ist Kaney, und ich bin der Hauptmann der Spähergarde der Stadtwache von Talyra. Mir gehorchen die Späher, Kundschafter und Hundeführer der Steinfaust. Und somit kenne ich auch die Gardemagierin Aurian de Winter, auf deren Anwesen du arbeitest."
Es kommt kein Laut aus Lyalls Mund, deutlich ist Misstrauen in ihrem Gesicht zu sehen, also redet er weiter.
"Bevor du jetzt denkst, dass ich damals, als wir uns das erste Mal gesehen haben, dir etwas vorgespielt habe und da schon von dir wusste..." Kaney schüttelt den Kopf, kratzt sich wieder verlegen am Nacken. "Ich wusste damals nicht, dass es weitere Warge in Talyra gibt, ich war genauso überrascht wie ihr beide. Ich habe nach unserem Treffen mit Lady Aurian gesprochen, und habe sie genauso gefragt, warum sie mir nicht gesagt hat, dass sie zwei Warge beherbergt."
Einen Moment schweigt er, dann redet er weiter. Und erzählt Lyall, was die Gardemagierin ihm erzählt hat, nachdem er sie gefragt hat, warum ihm niemand von Lyall und Ragna-Rana erzählt hat.
Er erzählt mehrere Minuten lang, ohne dass er von Lyall unterbrochen wird, sie hört weiterhin zu, und langsam verschwindet das Misstrauen aus ihrer Mimik.

"Das war also der Grund, warum Lady Aurian nichts gesagt hat. Ich kann es irgendwie verstehen. Irgendwie auch wieder nicht.... Aurian ist nunmal eine Magierin, und was denen alles so im Kopf herumspukt, dass wissen nur die Götter alleine." Hilflos zuckt Kaney mit den Schultern.
"Es tut mir jedenfalls leid, dass ich mich nicht ordentlich vorgestellt habe, als wir uns kennen gelernt haben. Ich war aufgeregt, und wollte euch nicht verschrecken."
Jetzt schweigt der Wargenmischling. Er hat gesagt, was gesagt werden sollte, und nun war es an Lyall, irgendetwas zu sagen, zu fragen - oder sonstwie zu reagieren.

Faron

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Occupation: Oberster Stallmeister der Steinfaust

Location: Steinfaust, Talyra (Herzlande)

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27

Sunday, November 4th 2012, 10:11pm

~ Anfang Nebelfrost ~
Nordwestlich der Stadt

Müde macht sich Faron auf den Rückweg nach Talyra. Er ist bis in die frühen Morgenstunden hinein in Sternfels – Sternfels im Larisgrün, nicht Sternfels das Fischerdorf am Ildorel – gewesen, um Bauer Maggot bei kalben seiner preisgekrönten Milchkuh Erdbeere zuhelfen. Ein einfacher Freundschaftsdienst, den Faron nur zu gerne auf sich genommen hatte, denn in der letzten Zeit war er selten einmal für längere Zeit aus der Steinfaust herausgekommen. Und auch dann meist nur, um die Weiden und Koppeln der Steinfaustländereien aufzusuchen. Der Faun gähnt herzhaft und trottet langsam am Rand der Feenwasser entlang der Stadt entgegen.

Die kalte Jahreszeit rückt unaufhaltsam näher. Das Larisgrün hat sich in ein buntes Blättermeer verwandelt, welches sich bereits mehr und mehr zu lichten beginnt. Eisige Morgenfröste stehen nun auf der Tagesordnung und auch Faron beginnt die Kälte trotz seines dichten Fells und der festen Kleidung deutlich zu spüren. Er würde sich so bald wie möglich um neue, warme Wintergewänder kümmern müssen. In Gedanken geht er durch, was er benötigen würde und wie viel Gold er dafür ausgeben kann. Sein Sold in der Steinfaust ist gut, außerdem ist er sparsam damit umgegangen, große Ansprüche stellt er ohnehin nicht.

Der Faun lächelt, als er nach dem Beutel tastet, den er an seinem Gürtel befestigt hat. Auch Maggot hat ihm ein paar Münzen zugesteckt, obwohl dies nicht nötig gewesen wäre. Außerdem hat die Frau des Bauern ihm drei warme, duftende Honigbrötchen mit auf den Weg gegeben, frisch aus dem Ofen. Und dann ist da noch das kleine, hölzerne Schlachtross, welches er für Njáll, den jüngsten Sprössling der Tarascon-Familie geschnitzt hat. Er würde es dem Jungen am Jultag schenken. Oder vielleicht auch schon eher, überlegt der Faun. Er könnte dem Jungen ja immer noch ein zweites Pferdchen schnitzen. Oder vielleicht einen brüllenden Bären. Und einen grimmigen Wolf. Faron lacht leise in sich hinein und passiert gähnend den Fuß eines kleinen Hügels auf dessen Spitze eine riesige, knorrige Lebenseiche steht.
Me? I've had so many Names. Old Names that only the Wind and the Trees can pronounce.
I am the Mountain, the Forest and the Earth. I am... I am a Faun.
(Pan's Labyrinth)

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Yakki

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28

Wednesday, November 7th 2012, 10:23am

Mittlerweile ist der Nebelfrost heran und mit ihm die Kälte, Raureif überzieht des Morgens das Gras auf dem Hügel, und das Laub der alten Eiche ist golden-braun – ein interessanter Kontrast zu dem immer dichter werdenden blauen und purpurfarbenen Rauch, der aus einem der oberen Astlöcher quillt. Irgendwo aus dem Erdboden, zwischen den knorrigen Wurzeln des mächtigen Baumes, sind Gepolter und von Husten unterbrochene Flüche zu vernehmen. Kurz darauf springt eine runde, gut verborgene Tür zwischen den Wurzeln auf und eine kleine Gestalt mit einem großen Hut schnellt heraus wie ein Dämon aus der Kiste (gefolgt von weiteren dichten blau-violetten Rauchschwaden), stolpert über die Fussmatte und rollt den Hügel hinunter, fast direkt vor die Füsse eines verblüfften Fauns...

Faron

Stadtbewohner

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Occupation: Oberster Stallmeister der Steinfaust

Location: Steinfaust, Talyra (Herzlande)

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29

Wednesday, November 7th 2012, 6:56pm

Faron ist so Müde und in Gedanken versunken, dass er den blauen und purpurnen Rauch, der aus einem der oberen Astlöcher der knorrigen Lebenszeiche auf dem Hügel über ihm zu quellen scheint, gar nicht bemerkt. Erst lautes Gepolter, welches der Wind vom Hügel zu ihm herabträgt, lässt den Faun aufmerksam werden. Abrupt bleibt er stehen und schaut verwundert zu der alten Lebenseiche hinauf. Angesichts der dichten, bunten Rauchschwaden, die vom Baum aus in den bewölkten Morgenhimmel steigen, runzelt der Oberste Stallmeister der Steinfaust verwundert die Stirn, etwas derartiges ist ihm im Larisgrün eindeutig noch nicht untergekommen. Sicher, in den Tausendwinkelgassen wo es nur so vor verschrobenen Kobold-Alchemisten, magiekundigen Gnomen und ähnlichen sonderbaren Gestalten wimmelt, verwundert ein derartiger Anblick schon lange niemanden mehr – auch ihn nicht. Aber hier draußen, so weit außerhalb der Stadt?

Bevor der Faun seine Verwunderung abschütteln kann, blüht ihm allerdings schon die nächste Überraschung. Irgendetwas geschieht auf dem Hügel. Der Faun, noch zu sehr damit beschäftigt den bunten Rauch zu beobachten, der einen hübschen Kontrast zum herbstlichen, goldbraunen Blätterkleid der Lebenseiche bildet, bemerkt zu spät, dass sich am Fuß des gewaltigen Baumes irgendetwas – oder besser gesagt jemand – regt. Er hört lediglich einen schrillen, spitzen Aufschrei, dann sieht er gerade noch wie etwas – oder jemand – viel zu schnell den Hang des Hügels direkt auf ihn zugekullert kommt. Glücklicherweise ist Faron immerhin geistesgegenwärtig genug dass er einen großen Satz zur Seite tut, bevor die Kugel unmittelbar vor ihm, nur wenige Millimeter von seinen Hufen entfernt, zum liegen kommt. Verdutzt starrt der Faun auf das undefinierbare Etwas vor sich nieder.

Vor lauter Hut ist zunächst nicht viel zu erkennen, den besagter Hut ist riesig. Erstaunlicherweise sitzt er, trotz der holperigen Kugelpartie von der Spitze des Hügels ganz bis den Hang hinunter, immer noch fest auf dem Haupt seines zugehörigen Eigentümers. Ein wenig zerknautscht schaut die Kopfbedeckung zwar aus, aber das kann auch durchaus zu ihrem üblichen Erscheinungsbild gehören. „Äh...“, bringt Faron, immer noch etwas verblüfft und etwas einfallslos, heraus, da er, trotz der unerwarteten Aufregung, nach wie vor relativ müde ist. Langsam beugt er sich zu dem Hut bzw. zu der Gestalt, die sichvermutlich darunter verbirgt, hinab und streckt eine Hand aus, um dem unbekannten Jemand wieder auf die eigenen Füße zu helfen.
Me? I've had so many Names. Old Names that only the Wind and the Trees can pronounce.
I am the Mountain, the Forest and the Earth. I am... I am a Faun.
(Pan's Labyrinth)

Juras

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30

Saturday, November 10th 2012, 7:53pm

Der Nachtmond hat wenige Tage zuvor den Regenmond abgelöst. Zu dieser Zeit des Jahres werden die Stunden zwischen dem Sonnenaufgang und Sonnenuntergang immer kürzer und letzterer hat vor wenigen Minuten begonnen. Die Götter nehmen der Welt das Licht und hüllen sie in eine lange und dunkle Nacht. Der vorher von schleierhaften Wolken verdeckte blaue Himmel ist in ein tiefes Rot getaucht, dessen Schatten gierig die Finger durch die Baumkronen ausstrecken. Die Entscheidung jetzt das Nachtlager aufzuschlagen, ein wärmendes Feuer zu entfachen und ein Kaninchen zu grillen, um danach vielleicht einige Stunden Schlaf zu finden kann zu keinem günstigeren Zeitpunkt getroffen werden. Er gibt der Sonne nicht mehr viel Zeit, dann wird das Larisgrün finster sein. Zu dunkel um allein weiter zu reisen, schon gar nicht durch das Dickicht und zurück auf dem Frostweg warten schon die Halunken. Seit Tagen schon reitet Juras den Frostweg entlang, stets darauf bedacht, der schnurgeraden Straße nach Talyra nicht zu nahe zu kommen. Es ist noch ein Tagesritt über die Handelsstraße, vielleicht zwei sind es durch das Larisgrün.

Onko sinulla jano?“ fragt er sein Pferd als sie beide an eine überschaubare Lichtung kommen. Ein Bach schlängelt sich träge entlang einiger hoher Bäume die viele ihrer Blätter verloren haben. Sein Kiesbett ist breit und flach, das Gras um ihn herum umso saftiger und weicher. Er blickt in die tiefen Augen seines Hengstes und fährt ihm tätschelnd über dessen Nasenbein, was dieser mit einem zufriedenen Schnaufen quittiert.
Graumund gefällt es hier. Genügend Gras und Wasser aus dem Bach hat er auch. schießt es Juras durch den Kopf. Noch einmal sieht er sich prüfend auf der Lichtung um. Ein Lager in der Mitte, überlegt er sich, Das wäre wohl das Sicherste. Außerdem will er kein großes Lagerfeuer machen, nur eine kleine Feuerstelle, etwas Glut, dass soll ihm bereits reichen. In dieser Region ist selbst der Nachtmond wärmer als der Sommermond in Immerfrost es jemals ist und Juras hat einen schweren Pelzumhang im Gepäck.
Es wird schon reichen. Noch eine Nacht. Morgen schon bin ich in Talyra.
E
r bindet Graumund lose an einen der breiten Bäume, so dass der Gaul genügend Freiraum fürs Grasen und Trinken aus dem Bach hat, macht sein Schwert ab und nimmt es an sich. Zwar wird er sich nicht weit von der Lichtung entfernen, im dichten Unterholz wird er schon genügend Brennstoff finden, doch Vorsicht ist auf dieser Route überall geboten. Nur einen Tagesritt von einer so großen Stadt entfernt schleichen mehr Gesetzlose durch die Wälder als er in Immerfrosts Kerkern finden könnte.

Kaum glimmt das kleine Feuer auf der Lichtung, ist von der Sonne Immerlands nichts mehr zu sehen. Ein Kaninchen hat er nicht gefangen, nur eine Eichkatze ist ihm in die Falle getappt. Etwas mager bescheidet er seiner Mahlzeit selbst, doch die Vorfreude auf ein deftiges Mahl in einer der zahllosen Tavernen Talyras jagt jeden Hunger davon. Genauso die Vorfreude auf Gesellschaft. Im Dunkel ist der schwarze Hengst kaum zu sehen, nur seine Umrisse sind im Dimmer des kleinen Feuers zu sehen, lassen erkennen wie er lautlos das nunmehr schwarze Gras abmäht. Wie gerne würde er beherzt in eine saftige Keule beißen, statt mit dem Messer nahezu filigran das wenige Fleisch vom Braten zu fummeln.
Unwillkürlich fallen Juras Gedanken auf die Thundrassar zurück. An der Grenze Immerfrosts war er auf eine ihrer Herden getroffen und gefiel der Matriarchin so gut, dass sie ihn einlud mit ihnen zu ziehen. Ganze zwei Monde begleitete er das Pferdevolk auf dem Frostweg in den Süden. Sie lernten seine Kenntnisse in der Astronomie zu schätzen und schenkten ihm Graumaul zum Abschied. Keine alte Stute, kein Wallach. Graumaul war ein alter Hengst auf dem schon der Anführer dieser Herde geritten war. Nicht mehr der jüngste der Herde aber ein starkes, sicheres und erfahrenes Ross. Und eine große Ehre für den fremden Juras. Die Gastfreundlichkeit dieser Herde will Juras in Ehren halten und sich stets gut um das Pferd kümmern. Der Thunderländer selbst schien aber schon mit dem üppigen Gras des Larisgrün über die Maßen zufrieden und Juras stellt sich zweifelnd die Frage, ob sein prächtiger Gefährte überhaupt Karotten und Hafer so zu schätzen weiß, wie er es von den Rössern Immerfrosts gewöhnt ist.

Er lehnt sich an einen Baum, zieht den dicken Pelzumhang an sich heran und saugt den Geruch der Heimat tief in sich auf, während das Feuer zu einer kaum noch glimmenden Glut verkommen ist. Graumaul grast noch immer, Fledermäuse jagen Pirouetten drehend Insekten in der Luft und Frösche stimmen ein Orchester an, dass jenes der Grillen noch übertönen soll. Soviel Leben im kalten Nachtmond hat Juras sein ganzes Leben noch nicht gesehen. Wenn er recht überlegt auch in keinem anderen Monat. Die Augen fallen zu und Juras versinkt in die Träume an eine freie und gerechte Stadt nicht weit von hier entfernt.

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