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Azra

Stadtbewohner

  • "Azra" started this thread

Posts: 1,058

Occupation: Wirtin der Goldenen Harfe

Location: Talyra

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1

Wednesday, March 5th 2014, 2:53pm

Der Anukistempel

Im Tempelviertel, inmitten der weitläufigen, lichten Haine die sich um den Faeyristempel erstrecken, liegt ein kleiner Wald mit dichterem Baumbestand. Schwarzkiefern und mächtige Buchen sind ungewöhnlich hoch und bilden ein undurchdringliches Laubgewölbe, das den Himmel fast völlig verdeckt. Ein schmaler Pfad führt etwa fünfzig Schritt tief in den Wald hinein und mündet dann unvermittelt in eine Lichtung. Zwei Wolfsstatuen flankieren das Ende dieses Weges zu beiden Seiten, eine aus milchweißem, andere aus mattschwarzem Marmor. Ihre Augen aus Bernstein und Jett scheinen den Pfad mit funkelnder Wachsamkeit zu beobachten - Nachtjäger und Schwarzfell, die steten Begleiter der Anukis, Göttin der Wälder, der Wildtiere, der Jagd, der Kobolde und Feen.

Hinter ihnen erhebt sich das steinerne Rund des Anukistempels: die Außenwände sind mit wundervollen Steinreliefs geschmückt, die in eindrucksvollen Bildern von den Legenden künden, die sich um Anukis und ihre Archonen ranken und sich rund um das ganze Gebäude ziehen. Der Eingang zum Tempel selbst führt über drei flache, breite Stufen hinauf zu einem Tor, das von zwei schlanken Goldbuchen aus gelbgoldenem Erikarmarmor gebildet wird, deren Kronen sich als hochgewölbter Torbogen ineinanderverschlingen.

Das Innere des Tempels ist ein einziger, hoher runder Raum. Er hat keinen Boden, doch duftendes, stets blühendes Smaragdgras bewächst ihn. Schlanke, wie Bäume geformte Säulen tragen das gewölbte Dach, umrankt von weißblühenden Lianen mit herzförmigen, dunklen Blättern. Handtellegroße Schmetterlinge in leuchtenden Farben schwirren in dem Säulenwald umher und saugen Nektar von den großen Blütenkelchen der Lianen. Stets herrscht im Inneren des Anukistempels grünes Zwielicht und goldener Dunst.

Inmitten dieser Lichtung thront die Statue der Anukis, ganz in ein Gewand aus Laub, Lianen und Blütenranken gehüllt. Ihre Augen sind aus faustgroßen, rundgeschliffenen Smaragden und der weiße Alabaster ihrer Haut ist mit Goldstaub überpudert. Zu ihren Füßen, die sich zwischen Gräsern und Farnen verlieren, erhebt sich ein Schwarm Schmetterlingsfeen, die Flügel aus bunter Jade und Kobolde aus Bronze und Stein sind um sie her. So erhaben diese Statue wirkt, sie hat dennoch etwas wildes, geheimnisvolles an sich und stets ist ihr smaragdener Blick wachsam und tief.

Im Rund der Mauer um den Säulenwald sind die Schreine ihrer Archonen eingelassen und deren Abbilder stehen in Wandnischen über kleineren Opferaltären - Nimrod Schattenjäger mit seinem mächtigen Bogen und dem gewaltigen Jagdhorn, daneben Sechmet, deren Unterleib einem Skorpion gleicht, die Herrin der Insekten und Gifte. Hinter Anukis zur Linken der Schrein Tapios, des Herren der Tiere, dessen Bronzestatue einen gewaltigen Höhlenbären zeigt. Neben Tapio, rechts hinter der Göttin, steht Wer, der Wandler mit den gelben Raubtieraugen und schließlich, winzig klein unter den anderen, die Statue von Schnellzunge, Königin der Kobolde und Feen, einem kleinen geflügelten Wesen mit riesigen Augen.


NSC's:

SC

Shu'ra Arúen
Hohepriesterin der Anukis, Vorsteherin des Tempels und Abgesandte des Klerus im Rat der Stadt. Eine Hochelbin aus Lomirion im Grünen Tal von Erryn in den Elbenlanden


NSC:

Eluna
Anukisdienerin im Rang einer Priesterin und Novizenmeisterin, freundlich und grauhaarig sorgt sie mit sanfter Strenge für Zucht und Ordnung in den Reihen der Novizen, Mündel und Winterkinder des Tempels.

Padraig
Ein Geweihter Anukis' und Kräutermeister des Tempels ist lange vor der Zeit ergraut und trägt inzwischen weißes Haar, was ihn deutlich älter wirken lässt als er ist. Er hat ein eher langweiliges Gemüt und blüht (im wahrsten Sinne des Wortes) erst in seinem Kräutergarten, dem Botanikum des Tempels und den botanischen Aufzeichnungen auf.

Ymbert
Er ist ein Gesegneter der Anukis und nicht nur der Cellerar des Tempels. Seiner Aufsicht unterstehen auch jene Novizen und Winterkinder, die über das normale Schreiben hinaus in der Kunst der Scriptoren unterweisen werden, entsprechend hütet er auch die Archive des Tempels.

Melaína
Die Laienschwester ist die Rechte Hand des Cellerars und Scriptorin für diesen ebenso wie für Lady Arúen. Entgegen all ihrer Hoffnungen hat sie nie der Ruf der Wilden Herrin erreicht. Sie stammt aus Tiefwald und gehörte zu den wenigen Überlebenden jenes Dorfes, die nach einem Narg-Überfall im Jahr 503 in den Anukis-Tempel zu Talyra gebracht wurden.

Galbert,
ein etwas ängstlicher Anukisdiener im Rang eines Bruders mit haarlosem Kopf und rosigem Mäusegesicht.

Halyn,
ein Novize mit dem Hang impertinente Fragen zu stellen und leicht zu erröten.
Avatar (c) by Niniane

An Irish taxi driver: "We Irish don't tell lies. We just try hard not to tell the truth."


nyanyanyanyanyanyanyanya.... BAT-CAT! :yell:

You walk me animally on the cookie! - Du gehst mir tierisch auf den Keks! ;D

Arwen

Stadtbewohner

Posts: 1,146

Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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2

Saturday, April 5th 2014, 6:01pm

~ Anfang Sturmwind ~


Bei Tagesanbruch und in den frühen Stunden des jungen Morgens ist die Welt noch nebelverhangen gewesen, aber die Strahlen der Frühlingssonne setzten sich mehr und mehr durch, je weiter der Tag fortschreitet. Es weht ein milder Wind, der nach schwerem, schwarzem Boden sprießendem Grün, den ersten Blüten und Wachstum riecht. Doch die längeren Tage und die immer mehr an Kraft gewinnenden Sonnenstrahlen beeinflussen nicht nur das Wachstum der Pflanzen. Auch die Bewohner Talyras atmen auf. Elben, Menschen, Zwerge, Gnome, Feen, Faune, Oger, welchem Volk auch immer sie angehören mögen, sie alle scheinen das herbeigesehnte Ende eines Winters, der doch nur ein verregneter, matschiger Dauer-Herbst gewesen ist freudig zu begrüßen. Mit jedem Tag, der wird scheinen mehr Fröhlichkeit und Freundlichkeit in die Gesichter der Talyrer zurückzukehren. Und es ist wie in jedem Frühling: Zeit zum Pläneschmieden, Saubermachen und Aufräumen. Der Anukis-Tempel macht da keine Ausnahme.
Die Inventur der Vorräte und aller anderen Bestände ist bereits in den vergangenen Wochen erledigt worden. An diesem Morgen, bei Sonnenaufgang und noch vor der Morgenandacht sitzt Arúen nun mit dem Cellerar und dem Küchenmeister, einem Laienbruder, zusammen und geht mit den beiden die Aufzeichnungen der Vorräte durch. Bei ihnen ist noch Melaína. Die junge Frau lebt seit zehn Jahren im Tempel und entgegen all ihrer Hoffnungen hat der Ruf Anukis' sie nie erreicht. Sie ist zusammen mit den Novizen aufgewachsen, lernte, was sie lernten und blieb als Laienschwester im Tempel, der ihr zum Zuhause geworden war. Im Laufe der letzten Jahre hat sie sich zur rechten Hand des Cellerars entwickelt und so ist sie nun als Scriptorin ebenfalls in dieser keinen Runde anwesend. Es geht um die Planung der Vorräte für das kommende Jahr, um die zu erwartenden Novizen, Findel- und Winterkinder, Vorräte für die Tempelangehörigen, Stoffe und Tuche für Kleidung und Wäsche, Saatgut für die Felder vor der Stadt, die Beihilfen für die Armenspeisung am Fliegengrund, Werkzeuge, Materialien für all die vielen Arbeiten im Tempel, Decken und Matratzen als Ersatz für verschlissene und... und... und. Ein Tempel führt und trägt sich eben nicht von alleine. Und die Versorgung seiner Angehörigen kann nicht dem Zufall überlassen werden, sondern will geplant sein.

Als das Gespräch sich um die Novizen und Winterkinder dreht, kommen sie unweigerlich auch auf die fünf Waisenkinder, die Hauptmann Varin Anfang Langschnee des vergangenen Jahres zusammen mit einigen Spähern der Stadtgarde in den Ruinen eines Dorfes in den Grenzlanden aufgefunden und in den Tempel gebracht hatte. Fünf Kinder zwischen sechs und neun Jahren, die nicht wie die anderen in der Steinfaust hatten bleiben wollen. Fünf völlig verstörte Kinder, die kaum eine Nacht durchschlafen weil Alpträume sie heimsuchen. Fünf Kinder, die bei den Tempelangehörigen die Erinnerungen an jene Dörfler geweckt haben, die der Heerbann Talyras auf dem Weg zur Schlacht gegen die Narge aufgefunden und in die Obhut des Anukistempels hatte bringen lassen. Melaína war damals eine von ihnen gewesen. Und sie ist es nun auch gewesen, die nach den ersten durchwachten und durchweinten Nächten vorgeschlagen hat, den Kindern eine große, gemeinsame Bettstatt herzurichten und sie sich selber jemanden suchen zu lassen, der dort die Nächte bei ihnen verbringt. Ganz gleich ob nun Novizin oder Priester, Tempeldiener oder Küchenmagd, Hauptsache er oder sie hilft ihnen sich sicher zu fühlen. Die Novizenmeisterin ist skeptisch gewesen, ob das helfen würde, und stand mit der Meinung auch nicht ganz alleine da. Aber Melaína hat der Hohepriesterin nach ihrem Vorschlag nur stumm in die Augen gesehen und die beiden Frauen hatten für einen Herzschlag dieselbe Erinnerung geteilt: Der Geist eines verstörten und zu Tode verängstigten Mädchens an den Gestaden des Purpurflusses. Der Geist eines Mädchens, das lieber sterben will, als mit seinen Erinnerungen weiterzuleben. Zehn Jahre sind eine zu kurze Zeit um die Schatten solcher Erinnerungen loszuwerden. Die Elbin hat in stummem Verstehen genickt und ihr Einverständnis mit der Idee erklärt. Und so schläft Melaína nun jede Nacht bei den Kindern, zusammen mit einer der alten Priesterinnen, die von den Kindern als so eine Art Großmutter auserkoren worden ist.
"Wie geht es den Kindern, Melaína? Haben sie noch immer Alpträume?" "Es geht ihnen besser, jeden Tag ein kleinwenig. Die Alpträume sind noch immer da, aber nicht mehr in jeder Nacht. Dafür weinen sie nun tagsüber viel." Die junge Menschenfrau sieht kurz auf den Griffel und die Wachtafel in ihren Händen ehe sie beides auf den Tisch legt, den Blick wieder hebt und weiterspricht. "Das erste Entsetzen, der Schock über das Geschehene lässt nun nach. Und sie sind alle alt genug um zu begreifen, was passiert ist, auch wenn sie nichts gesehen, sondern es nur gehört haben." Sie betont das kleine Wort 'nur' gerade genug, dass jeder der Anwesenden versteht was sie meint: Es 'nur' zu hören, macht es um keinen Deut leichter zu ertragen. "Wissen und Begreifen sind zwei völlig verschiedene Dinge… Sie begreifen erst jetzt ganz langsam, dass außer ihnen niemand von ihren Familien überlebt hat, dass ihr Dorf nicht mehr existiert und sie ganz allein sind. Alle und alles was sie kannten ist fort... Sie werden Zeit brauchen, um sich hier", eine kleine Geste, die den Tempel ebenso meint wie die Stadt Talyra, begleitet die Worte, "zurecht zu finden, um wieder einen Weg zurück ins Leben zu finden."
"Gibt es irgendetwas, das wir noch tun oder einrichten können, um es für sie leichter zu machen? Also außer der gemeinsamen Bettstatt, meine ich..." Die Frage kommt vom Cellerar, doch es ist Arúen, die ihm antwortet, nicht Melaína. "Ich denke nicht, dass ihnen Dinge oder Sachen helfen würden, Bruder Ymbert. Sie brauchen Zeit und Ruhe. Alles andere wird sich dann früher oder später von alleine ergeben." "Zeit..."Man kann der jungen Menschenfrau ansehen, wie bei ihr Erinnerungen noch oben gespült werden. "Vater Thrandar hat einmal zu mir gesagt, dass die Zeit den Göttern ähnlich sei. Sie entstamme demselben Lied wie die Zwölf Mächte und werde erst enden, wenn auch die Götter vergehen würden. Und sie sei allmächtig, denn gegen die Zeit habe nichts und niemand Bestand: Keine Berge, keine Armeen. Und es heißt die Zeit heile alle Wunden. Lasse man einer Sache nur genug Zeit, so erledige sich jedes Problem, jeder Schmerz lasse nach, jede Strapaze finde ein Ende und jeder Verlust Linderung... Aber wenn die Zeit den Göttern ähnlich ist, Frau Arúen, ist dann die Erinnerung ein Werk des Dunklen? Denn Erinnerungen können jede Linderung, die die Zeit bringt wieder zunichtemachen." Der Blick und das leise Seufzen des Cellerars lassen Arúen vermuten, dass die beiden diesen oder ähnliche philosophische Diskurse schon öfter geführt haben und es lässt sie schmunzeln. Aus dem Mädchen hätte eine ausgezeichnete Gelehrte oder Philosophin werden können, wenn sie denn den Mut gefunden hätte, den Tempel zu verlassen. Aber wer weiß, vielleicht doch noch, eines Tages... Die Götter werden wissen, warum sie sie auf diesen Pfad gelenkt haben... "Ich weiß es nicht, Melaína, aber ich glaube nicht, dass die Erinnerungen ein Werk des Dunklen sind - zumindest nicht alle. Denn wenn es sie nicht gäbe, würden auch alle schönen Momente unseres Lebens im Abgrund des Vergessens verschwinden." Die junge Frau sieht nicht wirklich überzeugt aus, auch wenn sie bei den Worten der Elbin kurz nickt.

Für einen kurzen Moment kommt Schweigen auf, als auch Arúens Gedanken sich um Erinnerungen drehen. Allerdings nicht um ihre eigenen, die der Waisenkinder oder um die von Melaína, sondern um die eines anderen Tempelangehörigen. Ein Bote von Lady Shin hat deren Besuch und den des Normanders für den heutigen Morgen nach der Morgenandacht angemeldet. Eingedenk der Erlebnisse von Bruder Galbert vor einigen Jahren bei der denkwürdigen Vermählung eines Nordlords mit einer stadtbekannten Bogenbauerin und Gewinnerin des sommerlichen Bogenturniers, hat sie den Priester für den Vormittag mit einer Aufgabe betraut, die sicherstellen würde, dass der Mann bis zur Mittagsmahlzeit in den staubigen Tiefen des Tempelarchivs beschäftigt wäre. So bleiben alle Beteiligten von der Panikattacke des Priesters verschont, zu der es unweigerlich käme, sollte Bruder Galbert sich unerwartet dem Normander gegenüber sehen.
Nach einem kurzen Moment des Schweigens, in dem jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt, wenden sich alle wieder den Listen und Aufzeichnungen der Inventur zu. Es ist nicht das erste Jahr, in dem diese Gruppe zusammensitz und die ersten Planungen für den kommenden Zwölfmond macht. Es ist auch nicht das erste Treffende in diesem Jahr - und würde vermutlich nicht das letzte bleiben. Entsprechend ruhig und entspannt gehen sie die Sache an. Keiner von ihnen hat erwartet, dass sie an diesem Morgen fertig werden würden. Aber als es an der Tür klopft und einer der Novizen eintritt um daran zu erinnern, dass die Stunde der Andacht naht, sind sie doch erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen ist.
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

3

Sunday, April 6th 2014, 11:07am

Es ist früher Morgen, als Learcan nach einem kurzen Spaziergang das Wäldchen erreicht, in dessen Mitte sich der Tempel der Anukis erhebt. Von Atevora ist noch nichts zu sehen. Aber Learcan ist auch überpünktlich, was man von ihm nicht immer behaupten kann. Heute hat er sich besondere Mühe gegeben, den Barbaren weit hinter sich zu lassen. Er ist sogar frisch rasiert und macht insgesamt einen sehr sauberen und zivilisierten Eindruck.

Während der Normander auf die Shin wartet, hat er genug Zeit sich umzusehen. Zuerst steht er nur stoisch herum und betrachtet gelangweilt zwei Vögel, die in der Nähe gerade mit dem Nestbau beschäftigt sind. Dann sieht er sich etwas weniger gelangweilt die Steinreliefs an den Tempelaußenwänden an, deren Sinn er nicht immer deuten kann, die ihn aber schließlich einmal um den ganzen Tempel herum führen, bis er wieder vor den Eingangsstufen steht.
Mittlerweile müsste der vereinbarte Zeitpunkt erreicht oder gar überschritten sein. Trotzdem lässt der Nordmann keine Spur von Ungeduld erkennen. Learcan blickt dem Kommenden sehr gelassen entgegen. Allerdings auch ohne allzu große Erwartungen. Zwar hat Tiandaril dafür gesorgt, dass das starre Bild, das Learcan von den Elben hatte, aufgeweicht und zum Positiven hin gewandelt wurde. Manch eine Begegnung zuvor hat jedoch dazu geführt, dass er Elben immer noch mit anfänglicher Skepsis begegnet. Dennoch hegt Learcan eine gewisse Hoffnung, dass die Hohepriesterin Arúen ihm in seiner Angelegenheit weiterhelfen kann.
Learcan greift in die Tasche seiner Weste, um sich zu vergewissern, ob der Mondstein dort noch liegt. Normalerweise trägt er ihn nicht so locker in der Westentasche, sondern sehr viel tiefer in seiner Kleidung verborgen. Er hielt es jedoch für unangemessen, im Angesicht einer Hohepriesterin der Anubis erst umständlich in versteckten Taschen seiner Hose danach zu wühlen und schätzt, dass Arúen ihm für diese Weitsicht sicher dankbar wäre.

Plötzlich erzittert die Luft dicht neben Learcan und lässt die feinen Haare an den Armen des Nordmanns zu Berge stehen, als sich wie aus dem Nichts Atevora in einer Art Nebenwölkchen materialisiert. Ein Vorgang, an den sich der Normander sicher in hundert Jahren nicht gewöhnen wird, obwohl es seine Gesichtszüge nun nicht mehr so entgleisen lässt wie beim ersten Mal.
"Guten Morgen, Atevora. Es ist immer ein Vergnügen, dich zu sehen!", sagt er charmant lächelnd und verbeugt sich tief und etwas zu gespielt vor der hübschen Shin. Learcan geht heute gänzlich auf in seiner Rolle des zivilisierten Normanders. Den Nordmann, der sturzbetrunken auf dem Tisch einer Taverne seinen Rausch ausschläft und dabei eine kleine Sabberpfütze auf der Tischplatte hinterlässt, scheint Learcan entweder zuhause in Normand gelassen zu haben oder er ist ihm auf seiner langen Reise unterwegs irgendwo verloren gegangen.
"Wie spreche ich die Hohepriesterin der Anukis am besten an? Einfach mit Lady Arúen?" fragt er Atevora, nachdem sie sich begrüßt haben. Learcan erinnert sich, dass Atevora ihm bei ihrer allerersten Begegnung etwas dazu gesagt hatte, weiß aber nicht mehr genau, was es war.

Atevora

Unregistered

4

Monday, April 7th 2014, 4:36pm

Atevora ist übernächtigt, denn die Nacht war anstrengend und ereignisreich. Auch so fühlt sich die Shin aufgrund des wechselhaften Wetters und wegen des jeden Modens wiederkehrenden Frauenleidens nicht besonders wohl. Sie hat Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, ihr Rücken tut ihr weh und insgesamt wäre sie heute lieber im Bett geblieben. Sie fühlt sich schwach und matt, und alles andere als bei bester Gesundheit. Aber das ist bei ihr genaugenommen auch nicht unbedingt etwas neues. Das sonnige Wetter ist ihr zudem ein Dorn im Auge. Aber gut, auch wenn sie derzeit lieber im Bett bleiben würde, sie hat zugesagt wo zu erscheinen, und ihr Wort gilt. Außerdem hat sie eigene Interessen mehr zu dieser Sache zu erfahren. Da heißt eben die Zähne zusammenzubeißen, und einfach zu tun was getan werden muss. Weinerlichkeiten, sich in Selbstmitleid und Selbstbedauerung suhlen ist schwächlich und darum verachtenswert. Auch wenn sie so etwas von Anderen dulden und es entspannt hinnehmen muss, vor sich würde sie es nicht.

Die Magierin hat sich entschieden den Weg durch das magische Gewirr zu nehmen, und ihren Leibschutz nicht mitzunehmen. Es ist kein Geheimnis, dass die Tempel dieser Stadt, auch jener der Gottheit Anukis, in die Geschehnisse des Nargenkrieges verstrickt war und einige Waisen aufnahm die auch dort blieben. Zwar findet sie kein Verständnis dafür, denn sie versteht nicht was in den Personen vorgeht, aber gut, sie kennt das Resultat. Es würde nur für unnötige Spannungen sorgen, und diese waren ohnehin schon prognostiziert. Nicht nur wegen der geschichtlichen Ereignisse was Normand und die Elben betraf, auch über ihr selbst hing ein dunkler Schatten der Vergangenheit, weshalb sie seit Jahren keinen Fuß in einen Tempel gesetzt hat. Seitdem sie ihre Ausbildung wieder aufgenommen hat wird der Schatten stetig größer und bedrohlicher, sie fühlt es genau. Vermutlich ist es mittlerweile auch einerlei, dass Learcan sie mit ihrem ersten Vornamen anspricht. Wer das wieder aller gehört hat... Soll sie sich weiter verbergen und verstecken, bis alles von selbst über sie hereinbricht? Das sind Fragen die vorerst nicht behandelt werden, sie werden auf Später verschoben.

Ein wenig wundert es sie schon, als sich der Normander, wenn auch etwas gespielt, aber doch nahezu formvollendet vor ihr verbeugt. Der Magierin entkommt ein amüsiertes Kichern. „Oh, entschuldige.“ Sie knickst sogleich ebenso höflich vor ihm, rein aus Spaß an der Freude an dem kleinen Possenspiel. „Das Vergnügen ist ganz Meinerseits.“ Die Shin späht aus tief ins Gesicht gezogener Kapuze zu dem Mann hoch, der sie um einiges überragt und neben dem ihre schmale Gestalt vermutlich fast wie die jenes eines Kindes erscheint. Rein und dieses Mal ehrlich strahlt sie den Mann an, denn dieser hat ihr soeben tatsächlich Freude und Erheiterung beschert. Geistesgegenwärtig erkundigt sich Learcan danach wie er die Hohepriesterin am Besten ansprechen sollte. Ihr wäre es auch Recht gewesen, wenn sie bei ihrer ersten Begegnung bereits über die Informationen verfügt hätte, wie jene die sie nun dem Normander mitteilen kann. „Ja, ganz einfach und unkompliziert mit Lady Arúen. Und Learcan, sei einfach ganz unverfälscht so wie ich dich kennen gelernt habe: freundlich, zuvorkommend, weltoffen und charmant. Sei einfach du selbst.“ Dann wird sie kurz einen Augenblick ernst: „Darf ich dich übrigens drum bitten mich mit meinem anderen Vornamen, also Savena oder bei meinem Spitznamen Shin anzusprechen? Die sind mir lieber als Atevora.“ Ihr ist vollkommen egal was Learcan über ihre Bitte wohl denken mag, vielleicht würde er sie das zu gegebener Zeit fragen. Und wieder webt der Schatten ihrer Vergangenheit ein wenig mehr. Er wird sie einholen, sie kann aber mitunter mitentscheiden wann und in welcher Weise es bekannt wird.
Sie schenkt ihm noch ein liebliches und aufmunterndes Lächeln. „Also dann, lass uns gehen.“

Ihre fehlende körperliche Verfassung hindert sie nicht zielstrebig die Stufen zu betreten. Learcan wäre natürlich nicht er selbst, wenn er nicht die Tür für sie aufhalten würde, und so betreten sie das Innere des Tempels.
Atevora hat keine Ahnung was die Menschen innerhalb dieser Mauern in der Regel empfinden, und wie sie die Atmosphäre wahrnehmen. Vermutlich überkommt sie ein Gefühl von Ehrfurcht, und die Idylle mag ihnen Frieden und Ruhe zu Spenden. Der Magierin ist bestenfalls mulmig zumute. Sie fühlt sich unbehaglich und unwohl, ihr ist fast so als wäre sie hier nicht willkommen. Sie würde am liebsten den Tempel sofort wieder verlassen, aber genaugenommen ergeht es ihr so an den meisten Orten gesellschaftlicher Zusammenkunft. Mit ihrer üblichen Ignoranz und ausdauernden Konsequenz lässt sie sich davon nichts anmerken.

Arwen

Stadtbewohner

Posts: 1,146

Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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5

Tuesday, April 8th 2014, 12:25pm

Die Morgenandacht ist vorüber, und auch die Stunde des Herdfeuers ist schon bis zu ihrer Hälfte fortgeschritten. Arúen sitzt in ihren Räumen am Schreibtisch und geht die Aufzeichnungen der Bestandsinventur durch, die der Cellerar ihr nach dem morgendlichen Gespräch dagelassen hat. Der viel zu warme Winter hat ihnen zwar einiges an Brennholz und Kohlen gespart, dafür steht es um jene Vorräte, die für ihre Lagerung auf Kälte angewiesen sind nicht ganz so gut. Ihnen sind die Erdmieten nur deswegen nicht vollständig weggefault, weil die Elbin jeden Tag Mitglieder der Priesterschaft des Anukis-Tempels vom Novizen bis hin zu ihr selbst damit betraut hat, Kältezauber über die erdmieten und die empfindlichen Vorräte zu legen, um so wenigstens einen Teil von ihnen zu retten. Und der Küchenmeister hatte eben diese vom Verderben bedrohten Vorräte vorrangig in seinen Speiseplan eingebaut. Letztere Maßnahme hatte im Laufe der Siebentage zu abnehmender Begeisterung bei den Mahlzeiten geführt. Aber auch das hat sich mittlerweile gelegt, nachdem die Speisefolge wieder deutlich abwechslungsreicher geworden ist.
Nichtsdestotrotz sehnen sie sich alle nach dem ersten frischen Grün des Frühjahrs, nach frischem Gemüse und Obst. Nicht mehr lange. Der Frühling ist in diesem Jahr so früh dran… wenn nicht noch ein Kälteeinbruch mit Frost und Schnee kommt, dann wachsen in den Wissen und Wäldern bald genug Wildkräuter, dass wir sie für den täglichen Tisch sammeln können. Dann müssen die Novizen auch nicht mehr Kräuterkunde nur anhand alter Zeichnungen und aus Vorträgen lernen. Im Gegensatz zu manch anderem Tempelangehörigen freut die Elbin sich außerdem wie in jedem Jahr auf die Neunkräutersuppe, die der Küchenmeister aus den ersten Ernten der frischen Wildkräuter zubereitet.

Während die Elbin sich mit rascher Hand Notizen zu den Inventurlisten auf einer Wachtafel macht, huscht ihr Bick kurz aus dem Fenster um den Stand der Sonne zu prüfen. Nach der Morgenandacht wollte sie mit dem Nordmann kommen… Nun, die Morgenandacht ist vorbei, das dreifältige Glaubensbekenntnis, das Priester und Gläubige zu ihrem Abschluss im Wechselgesang angestimmt haben, ist längst zwischen den Säulen des Tempels verklungen. Doch von Lady Shin und dem für Arúen noch namenlosen Normander fehlt bisher jede Spur. Shu're Elthevir ist entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten an diesem Tag im Tempel geblieben, nachdem er sie auf dem Herweg begleitet hat, und hat nach der Andacht seinen Posten vor der Tür zu den Räumen der Hohepriesterin bezogen. Die beiden Elben haben darüber kein einziges Wort gewechselt. Arúen ist auch so klar gewesen, dass der Klingentänzer an diesem Tag ihre Sicherheit nicht dem Zufall oder irgendwelchen Schutzzaubern überlassen würde - seien die Zauber auch noch so mächtig. Da bisher weder Tempeldiener noch Novizen die erwarteten Besucher zu den Räumen Arúen geführt und angemeldet haben, bleibt den beiden Elben nichts weiter übrig, als zu warten und der Dinge zu harren, die da denn kommen.
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6

Tuesday, April 8th 2014, 9:30pm

Learcan bemerkt nichts von Atevoras Unpässlichkeiten. Sie lächelt ihn aus ihrer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze offen an. Also ist aus seiner Sicht alles in Ordnung.
Mit gewisser Erleichterung nimmt er zur Kenntnis, dass der Hohepriesterin eine einfache Anrede genügt. Das wird es einfacher machen, als wenn er sie mit "Erlauchtigste" oder ähnlichem ansprechen müsste. "Sei einfach du selbst", rät ihm die Shin noch. Learcan nickt. Na, das dürfte nicht so schwierig sein, denkt er sich und lächelt zurück.

Verwundert zeigt sich Learcan jedoch über Atevoras folgende, ernster vorgetragene Bitte. Sie will nicht Atevora genannt werden? Savena ist ihr lieber?, wiederholt er im Geist ihr Ansinnen. Warum denn das?, fragt er sich und noch während er sich wundert, dämmert ihm eine mögliche Erklärung und seine Stirn zieht sich leicht kraus. Sie hatte sich ihm bei ihrer ersten Begegnung formell mit Savena oder Lady Shin vorgestellt. Erst später, unter dem Einfluss von reichlich Alkohol und in intimer Runde fiel dann der Name Atevora. Vielleicht ihr richtiger Name oder zumindest der, der einen privateren Charakter besitzt. Und nun gedenkt sie also zu der formelleren Anrede zurückzukehren.
Weil Atevora dafür keinen wirklichen Grund nennt, bezieht es Learcan auf sich und ihr immer noch etwas unklares Verhältnis zueinander, das somit wohl geklärt wäre. Denn zusammen mit Atevoras zurückliegender Bitte, ihre intime Zusammenkunft diskret und unerwähnt zu lassen, meint Learcan zu verstehen, was sie ihm eigentlich damit sagen will und er akzeptiert dies. Wenn auch mit einer Spur von Bedauern.
"Ich verstehe. Wie du möchtest...", sagt er und schenkt ihr ein leicht gequältes Lächeln, während er ihr die Tür aufhält und sie gemeinsam den Tempel betreten.

Der Tempel der Anukis ist ein weiteres beeindruckendes Gebäude in Talyra. Staunend betrachtet Learcan das Innere und findet es sehr passend für die Hausherrin, wenn man denn Anukis als solche bezeichnen mag. Viel Grün, Blumen, Schmetterlinge und ein Hauch recht elbisch anmutender kunstvoller Darstellungsweise. Es erinnert Learcan ein wenig an das Haus, in dem er neulich zu Gast war.
Vor dem übergroßen Abbild der Anukis senkt der Normander sein Haupt. Voller Ehrfurcht. Vielleicht auch aus Scham, weil der Beutekrieger in ihm zu vorschnell den Wert der faustgroßen Smaragdaugen überschlagen hat.
Als Learcan sein Haupt wieder hebt, stellt er fest, dass er von einem jungen Tempeldiener unverhohlen angestarrt wird. WAS?, will er schon mehr als unfreundlich fragen, besinnt sich aber rechtzeitig eines Besseren und geht stattdessen sehr entschlossen auf den Mann zu, der daraufhin leicht zurückweicht. Learcan atmet einmal durch und setzt ein freundliches Lächeln auf.

"Wir möchten mit der Herrin des Tempels, Lady Arúen sprechen. Sie erwartet uns. Wärt Ihr so freundlich zu melden, dass Lady Savena und Herr Learcan eingetroffen sind?", fragt er mit ruhiger, tiefer Stimme und beobachtet dann, wie der Mann seiner Bitte nachkommt und davon eilt.

Learcan dreht sich zufrieden lächelnd zu Atevora um. Bisher läuft es doch ganz gut..., denkt er und beäugt dann etwas kritisch mit leicht schräg gelegtem Kopf die kleinen Feen und Kobolde zu Füßen der Anukisstatue.

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Atevora

Unregistered

7

Tuesday, April 8th 2014, 11:26pm

Das leicht schiefe Lächeln von Learcan draußen vor den Toren hat die Magierin nicht deuten können, und es darum nicht weiter beachtet. Sie weiß nichts von dem Missverständnis welches sich hier aufgetan hat. Für jeden anderen wäre es mehr als offensichtlich gewesen. Wer hätte ihr Benehmen schon groß anders gedeutet als Learcan? Doch die Shin ist dafür leider blind.
Im Inneren den Tempels bemerkt Learcan den Novizen als Erstes und geht gleich zielstrebig auf diesen zu. Der nickt nach des Nordmannes Worten auch gleich eifrig und noch während sich Learcan zu ihr umdreht, huscht er auch schon wie ein flinkes Mäuschen davon.
Der Magierin ist in der Zwischenzeit die Aufmerksamkeit entglitten. Sie hat überhaupt keinen Blick für die Architektur, den Zauber und die Schönheit rings, stattdessene reibt sie sich mit ihren behandschuten Fingern ihrer rechten Hand die Schläfen um, oder vielmehr in der Hoffnung den stärker werdenden Kopfschmerz damit zu dämpfen. Als sie merkt, dass sich Learcan wieder zu ihr sieht, nimmt sie rasch die Hand herab damit er nicht erkennen kann, dass es um ihr Wohlbefinden heute nicht bestens bestellt ist. Der Mann zeigt wieder ein Lächeln, dass jenem jener Nacht recht nahe kommt, als er neben ihr lag. Es strahlt Zufriedenheit aus und zur Antwort zucken auch Atevoras Mundwinkel kurz in die Höhe. Nebenher fragt sie sich allerdings, ob sie dem jungen Tempeldiener hätten folgen sollen und ihre Augen richten sich in die Richtung, in die der junge Mann auf schnellen, leisen Sohlen entschwunden ist. Ihre im Raum hängende Frage wird zeitnah beantwortet, als eine weitere Person im Raum erscheint. Der Atem des Alters umwebt die Frau bereits, das Haar ist ergraut, doch insgesamt wirkt sie wohl auf den ersten Blick sympatisch, zumindest auf jene, die auf diese Weise werten.
Die Frau stellt sich als Eluna vor, und gibt bekannt, dass sie Beide zu der Hohepriesterin führen würde.

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Arwen

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Occupation: Hohepriesterin der Anukis

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8

Wednesday, April 9th 2014, 9:15pm

Eigentlich ist Frau Eluna auf dem Weg zu den Schlafräumen der Novizen um nach den erkälteten Mädchen zu sehen, die mit Fieber das Bett hüten. Auf halber Strecke kommt ihr dann allerdings einer der Tempeldiener entgegen. Der Bursche ist erst wenige Siebentage hier im Tempel und kann seine Scheu gegenüber der Elbin die ihm vorsteht noch nicht so recht ablegen. Und die Anwesenheit des elbischen Klingentänzers seit den frühen Morgenstunden weckt bei ihm eher Fast erleichtert wirkt er, als er der Novizenmeisterin begegnet. "Frau Eluna! Bitte… könntet ihr…", der Bursche muss erst einmal tief Luft holen, ehe er flüssig sprechen kann. "Im Tempel sind zwei Besucher, eine Lady Savena und ein Herr Learcan, sie wollen die Erhabene sprechen und sagen, sie würden erwartet. Ich weiß nicht… kann ich sie einfach zu den Räumen der Hohepriesterin führen und anmelden, oder muss ich sie erst anmelden und kann sie dann hinführen?" Die grauhaarige Frau hat schon zahlreiche Novizenjahrgänge mit all ihren Unsicherheiten kommen und aus ihnen herauswachsen sehen. Ein verschüchterter Tempeldiener ist da nichts Ungewöhnliches für sie. "Tolwen! Immer mit der Ruhe", lächelt sie. "Frau Arúen erwartet heute tatsächlich Besucher, also könntest Du sie direkt zu ihren Räumen führen und dann anmelden. Wenn Du nicht weißt, ob der Besuch erwartet wird, führst Du ihn in einen der freien Räume für Gäste und sagst ihr dann, wer gekommen ist um sie zu sprechen. Entweder wird sie dann zu den Gästen gehen, oder Dir auftragen, sie zu ihr zu bringen." Tolwen nickt eifrig, wirkt aber noch immer reichlich unsicher. Kurzerhand drückt sie dem Burschen also die Teekanne in die Hand, die sie für die kranke Novizin bei sich hat. "Bring das zu Melaína in den Schlafraum der Mädchen, sie versorgt die kranken Mädchen und wartet schon auf den Tee. Ich werde gehen und mich um die Besucher kümmern." Mit einem leisen Schmunzeln sieht sie dem Jungen hinterher der beinahe erleichtert wirkt, als er sich die Teekanne schnappt und mit raschen Schritten um die nächste Ecke biegt. Sie strafft sich und macht sich auf den Weg in den Tempel. Die beiden Besucher, denen sie dort gegenübersteht, sind eine eher ungewöhnliche Erscheinung. Der Mann weniger als die Frau. Gut, er ist groß, größer als viele andere Männer, aber Eluna lebt schon viele Jahrzehnte in Talyra und hat mit den alljährlichen Karawanen schon oft Männer aus Normand gesehen. Insofern ist Learcan für sie zwar eine durchaus ansehnliche Erscheinung, aber keine Überraschung. Die Frau ist da schon etwas ganz anderes. Sie ist so blass, dass man sie unter ihrer tiefen Kapuze fast für einen Geist halten könnte. Und wenn ihre alten Augen sie nicht täuschen, sind die Haare, deren Strähnen hervorblitzen tatsächlich schwarz und weiß.

"Lady Savena, Herr Learcan", Frau Eluna neigt freundlich grüßend den Kopf vor den beiden. "Wenn Ihr mir bitte folgen würden. Ich bringe Euch zu Lady Arúen." Mit einer kleinen Geste weist sie den Weg durch den Säulenwald zu einem in den Schatten verborgenen Durchgang, der aus dem Tempel hinaus führt. Es ist nicht weit, ein kurzes Stück über einen Hof mit frisch gerechtem, hellem Kies, dann durch einige Gänge vorbei an den Räumen für Gäste, die Unterrichtsräume für die Novizen und das Scriptorium und dann sind es nur noch wenige Schritte bis zu den Räumen der Hohepriesterin.
Anders als an anderen Tagen liegt der Gang vor den Räumen der Elbin heute nicht ruhig und verlassen da. Neben der Tür, die zu Lady Arúen führt hat an diesem Tag jener Ritter Stellung wie eine Schildwache bezogen und sieht ihnen nun aufmerksam entgegen, der sonst nur auf den Wegen vom und zum Tempel ihr Geleitschutz ist. "Sire Elthevir." Der Elb erwidert den Gruß der Priesterin mit einem Neigen des Kopfes, doch seine Miene bleibt vollkommen unbewegt. "Das sind die Besucher, die Lady Arúen erwartet: Lady Savena und Herr Learcan." Kurz wandert der Blick des Elben über die Frau, die er bisher als Lady Shin kennt und den Mann an ihrer Seite, den Normander. Nicht, dass man es ihm anmerken würde, aber der Mann ist bei weitem nicht das, was er erwartet (oder insgeheim befürchtet) hat. Seine Erscheinung und Haltung entspricht bei weitem nicht dem, was Elthevir bisher von den Männern Normands aus eigener Erfahrung kennt. "Danke, Frau Eluna", die Stimme des Elben ist ruhig und tiefer als man es gemeinhin von einem Elben erwarten würde. Dann wendet er sich an Learcan und Lady Shin. "Bitte wartet einen Moment." Eine knappe Verneigung, die alles andere als unhöflich gemeint ist, dann verlässt er seinen Posten und betritt nach einem kurzen Anklopfen die Räume Arúens.

Die Elbin hat sich schon beim Klopfen von ihrem Platz am Schreibtisch erhoben und der Tür zugewendet. Sie weiß, wen Elthevir anmelden wird und doch ist sie aus unerfindlichen Gründen angespannt. "Shadâna." Der Ehrentitel lässt sie kurz eine Augenbraue fragend nach oben ziehen. Der Klingentänzer weiß, was sie von dieser Anrede hält. Und normalerweise verendet er sie auch nicht. Irgendetwas muss ihn also aus der Fassung gebracht haben. Aber seiner Haltung nach ist es, was auch immer 'es' ist, nichts Bedrohliches. "Lady Shin und der… Normander… sind da. Frau Eluna hat sie hergeführt." Er betont das Wort gerade genug, dass Arúen ihn aufmerksam mustert. Irgendetwas an dem Mann scheint den Elben zu irritieren, er scheint aber nicht gewillt, jetzt mehr dazu zu sagen. "Gut. Dann lasst sie nicht draußen warten, sondern bittet sie herein." Auch wenn Arúen es nicht zugeben oder sich ansehen lassen würde, nach der Reaktion des Klingentänzers ist sie sehr gespannt, was da auf sie zukommt. Sie kann die Stimme Elthevirs durch die halb geöffnete Tür hören. "Lady Shin, Herr Learcan... Lady Arúen erwartet Euch."
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[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

9

Thursday, April 10th 2014, 5:47pm

Eine freundliche, ältere Frau namens Eluna geleitet sie schließlich zu den Räumen der Hohepriesterin. Learcan sieht sich auf dem Weg dorthin interessiert um. Die Tempelanlage ist weitläufiger als er vermutet hatte. Alles wirkt sauber und gut in Schuss. Die schräge Frühlingssonne scheint grell auf den hellen Kies, der unter Learcans Stiefeln knirscht. Hier draußen findet es Learcan angenehmer als in dem etwas überladenen Tempelrund. Ob es seine Begleitung ähnlich empfindet, kann der Normander schlecht einschätzen. Atevora hat ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen und den Blick gesenkt, so dass Learcan ihr Gesicht nicht erkennen kann.

Schließlich scheinen sie ihrem Ziel nahe, denn vor ihnen befindet sich eine Tür mit einem elbischen Wächter davor, den Eluna als Sire Elthevir grüßt. Sire...? Learcan hebt verwundert die Brauen an. Adelige Titel sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, wenn schon jeder Türposten sie trägt..., denkt er sich, mustert den Mann kurz, aber nicht sonderlich interessiert. Er nickt der Frau, die sie hergeführt hat, dankend zu und tauscht mit Atevora einen kurzen Blick. Dann wartet er mit unbewegtem Gesichtsausdruck geduldig ab, bis das nötige Procedere der Ankündigung erledigt ist und Elthrevir ihnen endlich Zugang zu den Räumlichkeiten der Hohepriesterin verschafft.

Entschlossen tritt Learcan ein und geht ein paar Schritte auf die Hohepriesterin zu, die hinter ihrem Schreibtisch steht und ihnen entgegen sieht. In gebührendem Abstand bleibt er stehen und verneigt sich. Ob die Verneigung tief genug ist, kann er allerdings nicht einschätzen.
"Lady Arúen. Habt Dank, dass Ihr Euch die Zeit nehmt, uns zu empfangen", sagt er mit ruhiger Stimme und gestattet es sich erst jetzt, die Elbin näher zu betrachten. Bisher hatte er im Haus der Heilung nur einen kurzen Blick auf sie werfen können. Doch auch aus der Nähe sieht sie nicht weniger vollkommen aus. Ihre Schönheit ist atemberaubend und nimmt wohl jeden Mann gefangen, der ihr begegnet.
Als Learcan Arúen offen in die Augen blickt, die von ähnlicher Farbe wie die seinen sind, berührt ihr Anblick etwas, das tief in seinem Inneren verborgen liegt. Ein ungewohntes Gefühl für den Normander, das er nicht einordnen kann und sogleich für irgendein elbisches Machwerk hält, gegen das es anzukämpfen gilt. Schließlich darf er nicht vergessen, wen er hier vor sich hat. Eine Elbin. Und dazu noch eine der mächtigeren Sorte. Sie wirkt zwar anmutig und wunderschön. Aber das ist sicher nur eine Seite der Medaille. Learcan wappnet sich innerlich und rechnet damit, dass er nur allzu bald die andere Seite zu sehen bekommen wird.

Bei all dem hätte Learcan Atevora fast vergessen. Seit sie den Tempel betreten haben, hat die Shin nicht viele Worte gemacht. Learcan dreht sich zu ihr um und wartet darauf, dass sich die beiden Frauen begrüßen. Er weiß, dass sie sich bereits kennen, aber nicht, wie gut sie miteinander bekannt sind.

Atevora

Unregistered

10

Thursday, April 10th 2014, 6:49pm

Lady Savena? Die Shin öffnet den Mund in der Absicht die Frau zu korrigieren. Ach. Auch egal. Sie schließt ihn allerdings gleich darauf unverrichteter Dinge wieder als sie sich besinnt, dass ihre Korrektur 'Lady Shin' genau so falsch wäre. Lady Prederiañ wäre korrekt. Doch mit diesem Namen kann sie nirgendwo vorstellig werden, und Lady dürfte sie sich wohl auch nicht mehr nennen. Mit einem Mal krallt sich wieder Frustration und Missmut in ihr Herz, als sie sich wieder bewusst wird, welch Nichts sie hier doch ist. Das war einmal anders, sie hatte einen Titel, sie hatte Untergebene und ihr Vater hatte Einfluss, und sie somit ebenfalls. Nichts davon ist übrig geblieben. Doch die Bitterkeit verfliegt so schnell wie sie gekommen war, als ihr bewusst wird, dass sie ihr derzeitiges Leben mit dem Damals nicht mehr tauschen möchte. Sie hat aus dem Vergangenen gelernt, und sie hat einen hohen Preis dafür bezahlt. „Ich danke Euch, das ist sehr freundlich.“ Entgegnet die Magierin der Frau und zeigt zu der Floskel eine wohlmeinend sanfte Miene.

Die Magierin überkommt beinahe ein Gefühl der Erleichterung, als sie die Tempelhalle durch einen Seitengang verlassen. Die Helligkeit und die Sonne hier im Außenbereich empfindet sie allerdings dennoch als überaus störend. Sofort schiebt sie ihr Halstuch vor Mund und die Nase und ihre Kapuze noch ein Stückchen tiefer, sodass sie nicht mehr viel erkennen kann als das was unmittelbar vor ihren Füßen, oder ihrer Nase liegt.

Im Geheimen läge sie jetzt am liebsten in ihrem weichen Bett mit einer Wärmeflasche auf dem Bauch und einem Eisklotz auf der Stirn, und das aus dem Grund weil irgendwelche sadistischen kleinen Wichte gerade Seilziehen mit ihren Gedärmen spielen müssen, oder alternativ mit einem dicken massiven Kochlöffel beständig darin herum rühren. Nicht zu vergessen, dass ihr der Kopf dröhnt und und es heute auch unbedingt so hell sein muss. Elende Sonne.. Dennoch geht sie wacker neben Learcan voran und die Kieselsteine knirschen vernehmlich unter ihren Sohlen, während sie der älteren Dame den Weg entlang, an diversen Gebäuden vorbei folgen.

Ein bekanntes Gesicht empfängt sie kurz vor ihrem Ziel. Es ist Lady Arúens Leibwächter und er steht wie ein unüberwindlicher Schildwall und exzellenter Wachhund mit ernster, unnahbarer Miene vor dem Eingang und mustert Beide mit strengem unergründlichem Blick. Er hat vom Gebaren oft einiges mit dem Lord Commander gemeinsam. Geht ihr durch den Kopf. Lord Tarascorn grüßt jedoch immer. Und das trotz der unterkühlten, oder angespannten Atmosphäre die stets zwischen ihnen liegt. Ob sich das jemals ändern wird? Wenn, dann vermutlich zum schlechteren, und sie hat das Gefühl auch bei Lady Arúens Leibwächter wird sich das ähnlich verhalten. Aber vielleicht überrascht sie die Zukunft mit etwas anderem, als dem was sie befürchtet. Gut träniert und sozialisiert wie die Shin inzwischen ist, verabsäumt sie es trotz ihrer Gedanken glücklicherweise nicht der Frau, dessen Name sie schonwieder vergessen hat, dankbar und mit einem sachtem Lächeln auf den Lippen zuzunicken. Ob es reicht bei der Frau einen gewinnenden Eindruck zu hinterlassen?

Als Herr Elthevir sich in das Gebäude begibt um den Besuch bei seiner Schutzbefohlenen anzukündigen, sieht die Magierin nur kommentarlos zu dem gepflegten Mann aus dem Nordosten empor und zuckt ein wenig ratlos mit den Schultern. Kurz darauf dürfen sie Eintreten. Kaum hat die Magierin den Außenbereich hinter sich gelassen, und ist in den schützenden Schatten von vier Wänden umgeben, schiebt sie wieder das Halstuch herunter und streift sie die Kapuze herab. Natürlich wurden sie vom Leibwächter begleitet, der hinter ihnen die Tür schließt. Atevora kümmert sich jedoch nicht näher um den unnahbaren Schatten, ihre Aufmerksamkeit liegt alleine bei der Hohepriesterin. In ihrer machtumwobenen und doch gütige Ausstrahlung webt das Wissen von jahrtausenden an Erfahrung. Sie flutet jeden Winkel des Raumes und erfüllt selbst der Magierin kalte Seele mit einer Empfindung des Respekts und der Hochachtung.
Obwohl sie sich noch immer erbärmlich fühlt, liegt ein freudiger und freundlicher Ausdruck auf der Magierin Gesicht, während Learcan bereits vor tritt. Er verneigt sich anständig und mit einer sehr exakten geschmeidigen Bewegung, sodass Atevora nicht umhin kommt sofort an Tiandaril zu denken. Ein wenig scheint er in dieser Hinsicht auf Learcan abgefärbt zu haben, und der Gedanke daran lässt sie innerlich in sich hinein schmunzeln.
Als Learcan seine Begrüßung abgeschlossen hat, kickst sie leicht und keineswegs übertrieben tief. Es dient gerade als höfliche und respektsbekundende Geste vor der Hohepriesterin, denn übertriebenes untertäniges und der Etikette angebrachtes Gebaren scheint der Elbin nicht so besonders angenehm zu sein, wenn es anders wäre würde sie mit Erhabene angesprochen werden wollen, und nicht schlicht nur mit Lady Arúen. Die Magierin ist hier vor der Elbe zwar geradezu perfekt in ihrer Rolle und wagt es nicht Schwäche zu zeigen, doch womöglich gelingt es einem derart alten und erfahrenen Individuum, wie Arúen nun einmal eines ist, wahrzunehmen, dass an der Shin etwas anders ist als bei ihren letzten Begegnungen. Den Lippen fehlt es heute an rosiger Farbe und die Eismaid steht weniger aufrecht, der Schritt war weniger dynamisch und energisch, und insgesamt fehlt es ihren Gesten etwas an der forschen und resolut selbstsicheren Energie der letzten zwei Aufeinandertreffen.
„Guten Morgen, Lady Arúen.“ Ertönt der Magierin helle Stimme mit wohl gewählter Freundlichkeit. „Bitte entschuldigt vielmals, dass wir ein wenig später erscheinen als vereinbart. Es ist allein mein Verschulden, Herr Learcan war pünktlich hier und hat bereits auf mich gewartet, während ich.... “ Schuldbewusst klingt sie, als sie zerknirscht zugibt: „...Nun, ich fürchte ich habe heute eindeutig etwas zu gut geschlafen.“

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Arwen

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11

Sunday, April 13th 2014, 2:59pm

Was auch immer Arúen erwartet haben mag, der Mann, der nun als erster ihre Räume betritt und den als Elthevir mit Learcan angesprochen hat, entspricht nur ansatzweise dem Bild, das die Elbin aus eigener Kenntnis von Normandern hat. Zumindest weiß sie jetzt, was Shu're Elthevir so irritiert hat. Der Elb kennt bisher nur einen Normander persönlich: Cron von Tronje, den Gemahl Ninianes. Und an das erste Zusammentreffen der beiden Männer erinnert Arúen sich nur mit Schaudern zurück. Dass die beiden nicht zu den Waffen gegriffen hatten und die Situation nicht im Blutvergießen geendet war, war einzig dem augenblicklichen Eingreifen Ninianes und auch Arúens zu verdanken - und die Schuld lag nicht beim Nordmann. Die Elbin selber kennt genau zwei Männer Normands persönlich: Cron von Tronje und Caewlin von Sturmende. Und auch wenn Learcan alles andere als ein Hänfling ist, im Vergleich mit diesen beiden Männern kann er beim ersten Eindruck leider nur verlieren. Glücklicherweise hat Arúen langjährige Erfahrung damit, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten und sich nichts von ihren Gedanken anmerken zu lassen.

Der Mann hat eine erfrischend forsche Art, den Raum zu betreten. Und in seiner Verneigung liegt lediglich Förmlichkeit, keine Spur von ehrerbietigem Getue, dem sie sonst so oft begegnet und das sie so verabscheut. Entweder ist es so seine Art, oder Lady Shin hat ihm das eine oder andere erzählt. Eingedenk der Veränderung im Verhalten der Shin zwischen ihrem ersten und zweiten Zusammentreffen geht Arúen davon aus, dass die Menschenfrau erfahren oder erkannt hat, welche Umgangsformen Arúen bevorzugt. Die ruhige Stimme Learcans hat einen angenehm dunklen und warmen Klang. Das nächste, was der Elbin auffällt, als der Nordmann ihr offen und direkt in die Augen sieht, ist deren Farbe. Für einen Augenblick bröckelt ihre unergründliche Fassade und ihr Herzschlag gerät ins Stolpern, denn ihr ist, als würde sie in einen Spiegel sehen: Seine Augen haben dieselbe graugrüne Farbe wie ihre eigenen. Etwas Vergleichbares ist ihr in all ihren Zwölfmonden noch nie passiert und sie braucht einen Moment um ihre Fassung wiederzuerlangen. Was ihr im ersten Moment noch völlig entgeht, ist eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft des Mannes: Seine Anwesenheit strengt sie in keiner Weise an. Sonst, wenn Menschen sie aufsuchen um ihren Rat oder ihre Hilfe zu erbitten, sind sie nervös, aufgeregt oder ängstlich. Alles Emotionen die Arúens empathische Sinne strapazieren und sich gegen die abzuschirmen sie Kraft und Konzentration kostet. Bei Learcan spürt sie nichts dergleichen, was sie sich entspannen und erleichtert aufatmen lässt.

Die Begrüßung durch Lady Shin ist auf den ersten Blick nicht anders als bei den letzten Begegnungen auch - sieht man einmal von dem leichten Knicks ab. Auf den zweiten Blick wirkt die Menschenfrau jedoch irgendwie kränklich und noch blasser als ohnehin schon. Wobei Arúen sich da nicht wirklich auf ihr Gefühl verlassen will, dazu ist Lady Shin einfach auch sonst viel zu blass. Aber irgendetwas lässt ihr Gesicht blasser oder blutleerer wirken als sonst. Die Haltung ist gerade und aufrecht wie stets, aber es scheint als strenge es sie diesmal irgendwie an. Und auch von dem forschen, energischen Wesen mit dem die Shin durch das Teehaus in der Nyzemia zu ihrem Tisch in der hinteren Ecke geschritten war, ist kaum etwas zu spüren. Da Arúen jedoch wie stets ihre empathischen Sinne streng abschirmt um nicht versehentlich die Privatsphäre eines anderen zu verletzten, weiß sie nicht, wie es um die Frau tatsächlich steht, sondern hat nur diese vagen Wahrnehmungen und Vermutungen. Und in gegewart des Nordmannes wird sie sicherlich keine Fragen stellen, die Lady Shin in Verlegenheit bringen könnte.

Ihren Platz am Schreibtisch hat Arúen unterdessen verlassen und ist den beiden Sterblichen gegenübergetreten. "Lady Shin, Herr Learcan, die Götter zum Gruße", neigt sie freundlich lächelnd den Kopf zum Gruß vor den beiden und bittet sie dann mit einer sachten Geste zu einer kleinen Sitzgruppe neben dem an diesem Tag kalten Kamin. "Bitte, setzen wir uns doch. Und dann könnt Ihr mir erklären, welches persönliche Rätsel Euch aus Normand in die Herzlande trieb, Herr Learcan, bei dem Euch jemand mit Ayaron-Kenntnissen behilflich sein kann. Lady Shin hat sich da bisher etwas… vage… ausgedrückt." Die Bemerkung der Elbin ist kein Vorwurf, lediglich eine Wiedergabe der Fakten, die Lady Shin ihr in der Harfe genannte hat. Kurz kreuzt ihr Blick den von Shu're Elthevir, der wieder seinen Posten neben der Tür bezogen hat - diesmal allerdings hier drinnen. Shu're Elthevir, ich denke nicht, dass von einem der beiden eine Gefahr für mich ausgeht. Ihr könnt mich mit ihnen alleine lassen. Der Klingentänzer neigt knapp den Kopf vor seiner Dienstherrin und verlässt dann den Raum. Wie es scheint, teilt er ausnahmsweise die Einschätzung Arúens.
Arúen wendet sich wieder ihren Besuchern zu und setzt sich in einen der gepolsterten Stühle mit den hohen Lehnen. Während sie auf die Erklärungen des Normanders wartet, nimmt sie Teeschalen von einem kleinen Beistelltisch und stellt sie vor Lady Shin und sich auf den Tisch im Kreis der Stühle. Ehe sie nach der Teekanne greift sieht sie Learcan an. "Möchtet Ihr auch Tee, oder bevorzugt Ihr Bier? … Ich muss allerdings zugeben, dass es alltags hier im Tempel nur Dünnbier gibt", setzt sie entschuldigend nach.
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12

Thursday, April 17th 2014, 4:26pm

Nur kurz gilt Learcans Aufmerksamkeit Atevora, die vor der Hohepriesterin knickst und ihr leicht verspätetes Eintreffen entschuldigt. Allzu schnell hat der Normander wieder Arúen im Blick. Die Elbin begrüßt sie lächelnd und bittet sie zu einer Sitzgruppe, wo sie alles Nähere besprechen können.
Learcan ist durchaus angetan von Arúen. Nicht nur ihrer Schönheit wegen. Arúen ist weder arrogant noch feindselig. Ihre freundliche, angenehme Art führt dazu, dass sich Learcans Anspannung augenblicklich löst. Die Tatsache, dass der Wachposten den Raum verlässt, tut ein übriges, um ein Klima zu schaffen, in dem Learcan beruhigt sein Anliegen vorbringen kann. Bevor er beginnt, lehnt er jedoch noch das angebotene Bier ab. "Nein danke, Tee genügt mir vollkommen", versichert er mit einem leichten Schmunzeln. Zwar ist unbestritten, dass Learcan für ein Bier (und sei es noch so dünn) jegliches andere Getränk stehen lässt, er will aber keine weiteren Umstände bereiten, sondern lieber gleich zur Sache kommen. Daher nimmt er nun ebenfalls Platz und beginnt mit seinen Erklärungen:

"Ich habe einen Stein in meinem Besitz, der mir Rätsel aufgibt. Er gehörte einst meinem Vater. Einem Mann, den ich nie persönlich kennenlernen durfte." Learcan stockt kurz. Die Geschichte, die hinter seiner Herkunft steht, ist mindestens ebenso rätselhaft wie der Stein selber, gehört aber eigentlich nicht hierher. Darum entscheidet sich Learcan, diesen Teil nicht weiter auszuschmücken, um die Hohepriesterin nicht mit seinen Familienangelegenheiten zu langweilen. "Meine Mutter übergab mir den Stein erst auf ihrem Sterbebett. Leider ohne noch eine Erklärung dazu abgeben zu können", fügt Learcan betrübt hinzu und holt dann besagten Stein aus der Tasche, um ihn Arúen ohne Zögern zu überreichen. Der ovale Mondstein ist vollkommen glatt und glänzt in einer schönen Perlmuttfarbe. Auf den ersten Blick sieht er nicht außergewöhnlich aus, was daran liegt, dass Learcan ihn versehentlich falsch herum übergab, so dass Arúen zuerst die Rückseite betrachtet. "Es sind Runen darauf, die ich nicht deuten kann. Auf der anderen Seite", ergänzt der Normander erklärend, nachdem er seinen Irrtum bemerkt hat.
"Ich glaubte stets, der Stein sei lediglich ein schönes Erinnerungsstück, das nur einen persönlichen Wert besitzt. Trotzdem hielt ich auf meiner Reise immer wieder Ausschau nach irgendetwas, das einen Hinweis auf seine Herkunft liefern könnte. Das brachte mich schließlich in diese Stadt, denn die Bibliothek Talyras ist weithin berühmt. In der Bibliothek fand ich dann auch tatsächlich durch Zufall eine Zeichnung, auf der weitere Steine mit dieser Art Runen abgebildet waren. Sie befand sich in einem alten Buch, das nach Auskunft des dortigen Personals in Ayaron verfasst wurde. Leider war mir kein zweiter Blick in dieses Buch vergönnt, aber ich habe mir die Zeichnung sehr gut eingeprägt.
Lady Savena, die mir bei meinen Nachforschungen eine große Hilfe war, sagte mir, dass Ihr mir hinsichtlich der alten Sprache oder der Runen eventuell weiterhelfen könntet." Letzteres klingt wie eine Frage, während Learcan zuerst mit Atevora einen kurzen Blick wechselt und dann gespannt Arúens Reaktion betrachtet.

"Ich muss noch ergänzen, dass der Stein das Interesse von jemandem geweckt hat, der ihn in seinen Besitz bringen will. Seit ich die Stadt betrat, werde ich verfolgt und die Verfolger werden mittlerweile...-Learcan sucht nach den richtigen Worten- ...aufdringlicher. Wahrscheinlich habe ich den Stein etwas zu unüberlegt herumgezeigt. Daher ist es mein Verschulden, dass sich Lady Shin nicht allzu offen geäußert hat. Ich riet ihr zur Vorsicht in dieser Angelegenheit. Der Stein scheint eine Bedeutung zu haben, die ich noch nicht abschätzen kann. Sicher ist allerdings, dass er Gefahren mit sich bringt." Abermals geht ein dankbarer Blick an Atevora. Wäre sie nicht gewesen, wäre Learcan schließlich nicht hier. Learcan kann nicht wissen, dass ihre Motive nicht ganz so uneigennützig sind, wie er vermutet. Bisher gab es keinen Grund für ihn, der Shin zu misstrauen. Im Gegenteil. Je länger er sie kennt, desto mehr vertraut er ihr. Wenn er wüsste, dass Atevoras Leute sogar einen Teil seiner Verfolger stellen, würde er sicherlich anders reagieren.

Atevora

Unregistered

13

Thursday, April 17th 2014, 8:52pm

Mit einem wohlwollenden Gesichtsausdruck nimmt die Shin Arúens Begrüßung zu Kenntnis, und folgt ihrer Einladung sich auf die gewiesenen Plätze zu setzen. Es ist interessant, dass sie sich nicht erkundigt ob sie Tee wolle, sondern ihr ganz automatisch eine Teeschale hinstellt und einschenkt. Nach ihrer letzten Einladung ins Teehaus erklärt sich der Hohepriesterin Handhabung in diesem Fall aber vermutlich von selbst. Sie hat natürlich wohl erkannt, dass Atevora gerne diverse Aufgüsse schlürft und sie dem Genuss von Sinn und Geistverwirrenden alkoholischen Getränken vorzieht. Dennoch äugt sie nach ihrer letzten Erfahrung beim Kampfkunstmeister etwas kritisch auf den gereichten Tee, und stellt mit ungemeiner Erleichterung fest, dass er nicht von giftgrüner Farbe ist.

Während die Hohepriesterin das Wort an Learcan richtet, zupft die Magierin Finger für Finger am Stoff ihrer Handschuhe um sich dieser zu entledigen und wirkt fast ein wenig gleichmütig zu Arúens Worten, sie hätte sich vage ausgedrückt. In Wahrheit schmunzelt sie spitz in sich hinein. Schweigsam und sich nicht weiter aufdrängend, fast so als wäre sie nicht anwesend, lauscht die Eismaid des Normanders Worte. Während er ausführt, erinnert sie sich sich, dass sich der Mann damals, als sie eine Fragestellung in Richtung seiner Herkunft angesetzt hat, ziemlich bedeckt hielt. Auch jetzt sieht er davon ab als zu ausgreifend auszuführen und zu erzählen. Es ist etwas das Atevora durchaus schätzt. Es sei ihm also zugestanden, außerdem, sie handhabt es schließlich nicht anders. Wen kümmern schon lange Geschichten und Konstrukte zu Personen die man weder kennt noch jemals kennen lernen wird? Im Moment interessierte sie ohnehin nur Gegenständliches. Wer Väterchen und Mütterchen waren, oder welche Kinderstube er genoss sind für sie vollkommen Unerheblich. Es reicht ihr zu wissen wie er sich verhält, welches Können er besitzt, und dass er etwas hat wofür sie sich interessiert. Sie selbst hält sich also bedeckt und im Hintergrund, so wie sie es zumeist zu tun pflegt. Trotzdem ist sie ihm nahe, als wäre sie eine hilfsbereite Bürgerin, sie begleitet und geleitet sie ihn - vielleicht würde er noch sein blaues Wunder erleben. Bei ihr hat alles am Ende seinen Preis. Aber, wer weiß, vielleicht möchte er den ihren sogar gerne zahlen, denn wer behauptet schon, dass ihr Wohl zwangsweise zu seinem Schaden sein muss?

Feilich hat die Magierin für diese Gedanken hat die Magierin gerade wenig Sinn, stattdessen blickt sie ein wenig hölzern vor sich hin, während ihre Arme zwar noch locker, sodass es einfach eine zufällig gewählte bequeme Haltung sein könnte, aber doch schützend vor ihrem Bauch liegen. Es wirkt dennoch nicht so als würde sie dem Gespräch mit voller und ungeteilter Aufmerksamkeit folgen, wohlgleich sie natürlich zuhört und ds gesprochene auch erfasst, schließlich ist es kein Thema das besondere Konzentration erfordert. So sträubt sich auch alles augenblicklich in ihr, als Learcan eine Titulierung und dann ihren Vornamen kombiniert.
<<"Lady Savena, die mir bei meinen Nachforschungen eine große Hilfe war, ">> Wieso ist er wieder so förmlich? Womöglich wegen der Elbe? Als sie merkt, dass er seinen Blick auf sie richtet, reagiert sie, sie kreuzt seinen Blick und ringt sich augenblicklich ein mildes Schmunzeln ab. Er zeichnet vor der Hohepriesterin schließlich gerade ein äußerst angenehmes Bild von ihr und das kann nur in ihrem Sinn sein. Stets zu Diensten. <<"sagte mir, dass Ihr mir hinsichtlich der alten Sprache oder der Runen eventuell weiterhelfen könntet.">>

Als der Normander die Begebenheiten mit seinen Verfolgern mit dem Wort 'aufdringlicher' maßlos herabspielt, ertappt sich die Magierin dabei, dass ihre Augen ruckartig zu ihm huschen. Ihre Augenbrauen rutschen kühn in die Höhe und ein vielsagendes Grinen zuckt über ihre Lippen. Sie bemüht sich nicht einmal zu verbergen, was von seinen Worten hält, also dass sie diese eindeutig als eine Untertreibung befindet. Außerdem neigt sie wohlwollend und edel den Kopf, als Learcan den Grund für ihre vagen Worte gänzlich auf seine Schultern nimmt. Kooperatives Verhalten. Gemäß sachlicher empirischer Erhebungen sind auf längere Sicht Strategien, die auf Kooperation (und Vertrauen) basieren jenen die auf Misstrauen und Defektion beruhen überlegen. Dem gemäß ist es auch für jemanden wie Atevora logisch sinnvoller ebenfalls dem entsprechend zu agieren.
<<“ Ich riet ihr zur Vorsicht in dieser Angelegenheit.“>> Die Magierin ist sich im vollem Umfang bewusst, dass dies so nicht ganz der Wahrheit entspricht. Nungut, überhaupt nicht der Wahrheit, sie hat Arúen angesprochen, bevor der Nordmann in ihrer Wohnung von den Verfolgern erzählte und zur Vorsicht riet. Learcan tilgt hier selbstständig und von sich aus eine mögliche Missgunst, die sie eventuell aufgrund ihrer Verschwiegenheit bei der Hohepriesterin auf sich gezogen hat. Die Shin greift über die Lehne und legt ihre Hand auf Learcans Arm, der ruhig auf der Sessellehne ruht. Sie wird es ihm vergelten. Womöglich wird dies in Zukunft einmal von Bedeutung sein.
Vertraut und liebevoll wirkt ihre Attitüde nach außen hin sicher, ist doch auch ihr Gesichtausdruck lieblich und mit einem Spur von Sorge, ähnlich jenem, den sie in ihrer Wohnung ihm gegenüber schon einmal präsentiert hat. Wer könnte schon ahnen wie wenig dahiner steht? Nebenher ist es der Magierin gelungen ihre mangelhafte Tagesverfassung in den Hintergrund zu drängen. Sie schaut kurz darauf unauffällig zu ihrer Gastgeberin und beäugt im Geheimen jedoch genau welche Reaktion Learcans Worte bei der zeitlosen Schönheit auslösen. „Ich hoffe ihr verzeiht meine diffusen Angaben. Falls ich Euch damit verstimmt habe, so lag es wirklich nicht in meiner Absicht.“ Naja, zumindest das entspricht den Tatsachen und ist absolut korrekt, verstimmen wollte und möchte sie eine derart mächtige und einflussreiche Person auf keinen Fall.
<<„Der Stein scheint eine Bedeutung zu haben, die ich noch nicht abschätzen kann. Sicher ist allerdings, dass er Gefahren mit sich bringt.">>
Und wieder sucht der Normander ihren Blick. Diese wunderschönen grünen Augen. Erstmalig fällt ihr auf, dass sie genau so tief, unergründlich und geheimnisvoll sind wie jene der Hohepriesterin. Der Blick lockt sie so süß. Warum nur? Ihr stand doch nie groß der Sinn nach muskulösen Kriegern die sie um mehrere Kopflängen überragen. Sie war mehr an athletischen Männern interessiert, sehnige schlanke Körper, und auch sehr androgyne Formen. Was hat er an sich, dass es sie nach ihm gieren lässt? Woran liegt es, dass sie ihn für sich haben möchte?

Arwen

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14

Friday, April 18th 2014, 2:48pm

Das Schmunzeln, mit dem der Nordmann erklärt, dass ihm Tee vollkommen reiche, lässt ein Glitzern durch Arúen Augen huschen. Sie vermutet wohl nicht zu Unrecht, dass er eigentlich ein Bier eindeutig bevorzugen würde, es nur nicht ausspricht. Ob aus Höflichkeit, oder weil ihm sein Anliegen derart unter den Nägeln brennt, dass er einfach keine Zeit mehr verlieren will, ehe er es ihr vortragen kann, weiß sie allerdings nicht sagen. Mit einem Lächeln stellt sie auch vor ihm eine Teeschale auf den Tisch. Die blattförmigen Schalen aus hauchdünnem, lackiertem Holz füllt sie aus einer Kanne mit einem hellen, goldfarbenen Tee - nichts außergewöhnliches, lediglich die Hausmischung die der Kräutermeister des Tempels in jedem Jahr in großen Mengen für den täglichen Gebrauch herstellt. Schon im Frühsommer beginnt er mit dem Sammeln und Trocknen der Blätter von Brombeere, Erdbeere, Schwarzer Johannisbeere, Kirsche, Haselnuss und Linde sowie von Queckenwurzeln für Grundmischung. Ergänzt wird das dann je nach Jahreszeit und Geschmack mit feinen getrockneten Früchten wie Erdbeeren oder Hagebutten, mit Äpfeln, Zitronen- und Orangenschalen, mit Kräutern wie kühlender Pfefferminze im Sommer, wärmendem Ingwer, Zimt oder gar Vanille im Winter, Melisse oder Hopfen zur Beruhigung nervöser Geister oder Thymian und Salbei bei Erkältungen. Getrocknete essbare Blüten geben der Mischung Farbe, damit auch das Auge etwas von der Mischung hat. Heute hat Arúen zu einer Mischung mit Melisse und Ingwer gegriffen.

Noch während sie die Schalen füllt und dann mit einer auffordernden Geste auf die kleine Schale mit Honig und ein kleines Kännchen mit Sahne deutet, damit sich jeder nach Geschmack bedienen möge, beginnt Learcan mit seinen Erklärungen, was ihn erst nach Talyra und dann zu Arúen in den Tempel geführt hat. Das kurze Stocken seiner Worte, als er den unbekannten Vater erwähnt und dann den Tod seiner Mutter, lässt die Emotionen ahnen, die für den Nordmann damit verbunden sind. Aber wie schon bei der Begrüßung ist davon für die Priesterin nichts zu spüren, keinerlei kleine, spitze emotionale Pfeile voller Wut, Trauer oder Neugier treffen auf ihre empathischen Sinne. Man könnte fast meinen, er sei von elbischem Blut und habe gelernt, seine Gefühle vor anderen abzuschirmen… Oder können auch Menschen das lernen? Mit dem richtigen Lehrer? Zu gerne würde sie dem Mann die Frage stellen, wo er das gelernt hat und vor allem wie. Dann könnte sie auch den Novizen hier im Tempel das beibringen oder von jemand anderem beibringen lassen. Als der Normander dann ohne Umschweife den Stein aus seiner Westentasche holt und ihn Arúen über den Tischhinweg reicht, sind ihre kurz abschweifenden Gedanken wieder mit voller Aufmerksamkeit bei den Angelegenheiten des Menschen.

Mondsteine sind im Allgemeinen keine besonders exklusiven Edelsteine. Man bekommt sie zwar nicht nachgeworfen, aber sie kosten auch kein Vermögen. Dieses Exemplar ist allerdings ein ausgesprochen schönes und schillerndes Stück mit einem silbrig schimmernden Lichtspiel in seinem Inneren, dass unschwer erkennen lässt, woher diese Steine ihren Namen haben: Sie scheinen in Stein gebanntes Mondlicht zu sein. Der Hinweis Learcans lässt Arúen den Stein in ihrer Hand umdrehen, und nun sieht sie auch die eingravierten Runen. Sie sind von kundiger Hand gefertigt und fügen sich höchst kunstfertig in das schillernde Innenleben des Steins, so als gehörten sie dort hin. Ayaron!
Es kostet sie ihre ganze Selbstbeherrschung, konzentriert den weiteren Worten Learcans zu folgen und sich nicht anmerken zu lassen, wieviele Fragen schlagartig durch ihre Gedanken toben. Als der Normander allerdings berichtet, dass seine Nachforschungen irgendjemandes Aufmerksamkeit erregt haben, der anscheinend versuche den Stein in seinen Besitzt zu bringen und dass er verfolgt werde, lässt das Arúens Aufmerksamkeit augenblicklich in Wachsamkeit umschlagen. "Aufdringlich?... Wie weit ist man schon gegangen? Hat man Euch nur verfolgt oder auch angegriffen?" Sie hat bereits eine vage Vermutung, um was für eine Art Stein es sich handeln könnte, und das lässt sie vorsichtig werden. Dass der Mann verfolgt wird und die Verfolger anscheinend entweder dreist oder dumm genug sind nicht heimlich zu agieren, alarmiert die Elbin - nicht nur um seiner Sicherheit willen. Sie hat zu viele Zwölfmonde kommen und gehen sehen und zu viele Bedrohungen überlebt, um jetzt fahrlässig zu werden.

Kurz wartet sie seine Antwort ab und wendet sich dann wieder dem Stein an sich zu. "Ja, ich denke ich kann Euch weiterhelfen, was die Runen angeht… und auch was den Stein angeht." Sacht streicht sie noch einmal über den Stein und reicht ihn dann dem Normander zurück. Nach einem tiefen Luftholen fährt sie fort. "Die Runen sind in einer alten Sprache geschrieben, einer sehr alten Sprache… Ayaron… die Sprache der Götter. Die Runen auf Eurem Stein sind ein Wort: Shoûrai … es bedeutet 'Zukunft'..." Ehe Arúen fortfährt, füllt sie die unterdessen leeren Teeschalen ihrer Besucher nach.
"Es gibt manchmal Aufzeichnungen und Schriften, deren Inhalt aus den unterschiedlichsten Gründen nicht für die Augen der Allgemeinheit bestimmt ist. Sie werden gut verborgen, gesichert und weggeschlossen. Doch manchmal erscheint dies als nicht ausreichend. Dann werden die Schriften zu Büchern gebunden und mit einem Schließmechanismus gesichert, den nur mehrere Personen zusammen öffnen können und für den es ganz besondere Schlüssel braucht. Es ist nicht oft vorgekommen, aber in einigen wenigen Fällen, bei ganz außergewöhnlichen Büchern waren… sind… Mondsteine diese Schlüssel. Bei den meisten ist der Verbleib des Buches und der dazu gehörigen Schlüssel bekannt. Einige Bücher oder ihre Schlüssel gingen allerdings verloren und gelten als verschollen." Bei dem Gedanken, der Vermutung, die sie nun aussprechen wird ist die Elbin alles andere als gleichmütig, und eine Spur davon ist ihr sogar anzumerken.
"Ich weiß von zwei Büchern, deren Schlüsselsteine seit langer Zeit verschollen sind…" Dass sich eines der zugehörigen Bücher sogar in der sicheren Verwahrung des Hauses der Bücher hier in Talyra befindet, behält sie vorerst lieber für sich. "Ihr sagtet, dass ihr hier im Haus der Bücher auf ein Buch gestoßen seid, in dem Abbildungen von anderen Steinen waren, die Eurem ähneln… Wenn Eure Zeit es erlaubt, würde ich mir dieses Buch gerne noch heute zusammen mit Euch ansehen, Herr Learcan."
Mit einem entschuldigenden Lächeln wendet sie sich an Lady Shin, die dem Gespräch zwischen Elbin und Normander die ganze Zeit lediglich schweigend gefolgt ist und nur gelegentlich mit einem Lächeln oder einer Geste für den Nordmann reagiert hat. "Ich fürchte nur, dass Ihr uns nicht werdet begleiten können, Lady Shin. Sollte sich meine Vermutung bezügliches dieses Steins bestätigen, werden wir einen Teil der Bibliothek betreten müssen, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist - und das auch aus gutem Grund. Herr Learcan wird mich vielleicht begleiten dürfen, da es sein Stein ist, aber selbst das kann ich nicht garantieren, da es nicht in meiner Entscheidungsgewalt liegt."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

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Saturday, April 19th 2014, 2:11pm

Learcans Aussage zu den Verfolgern führt zu einer deutlichen Mimik Atevoras und einer anschließenden Nachfrage seitens der Hohepriesterin. <"Hat man Euch nur verfolgt oder auch angegriffen?">
"Beides. Es gab einen dilettantischen Angriff und nachdem ich wochenlang verfolgt wurde, konnte ich einen der Männer kurzzeitig überwältigen, so dass ich nun Gewissheit habe, dass sie hinter dem Stein her sind. Bisher verlief es recht harmlos, aber nun ist das Versteckspiel vorbei und ich rechne damit, dass sie offensiver vorgehen werden, um ihr Ziel zu erreichen", antwortet er in gelassenem Tonfall, als würde ihn das nicht weiter beunruhigen.

Während Arúen den Stein einer näheren Begutachtung unterzieht, greift Learcan zu der blattförmigen Teeschale. Blattförmig. Natürlich. Auf manche Dinge ist eben doch stets Verlass. Honig und Sahne lässt er jedoch unbeachtet. Ebenso wie Atevoras fürsorgliche Hand auf seinem Arm, die bei seinem Griff nach dem Tee unweigerlich weichen muss. Vorsichtig führt Learcan die Schale zum Mund und nimmt einen kleinen Schluck. Dafür, dass es Tee ist, schmeckt es gar nicht so übel, findet der (durch seinen elbischen und teetrinkenden Mitbewohner in dieser Hinsicht mittlerweile ausreichend gebeutelten) Normander und betrachtet nachdenklich das hauchdünne hölzerne Gefäß, das in seinen großen Händen sehr viel unpassender wirkt als in den zarten Fingern der beiden Frauen.

Als Arúen dann spricht und zu erkennen gibt, dass sie ihm weiterhelfen kann, stellt er den Tee beiseite und beugt sich interessiert vor. Die Runen sind also tatsächlich in Ayaron verfasst. Der Sprache der Götter. Und Arúen beherrscht diese Sprache, denn sie erkennt auf Anhieb die Bedeutung der Runen ohne sie erst irgendwo nachschlagen zu müssen. Das ist beeindruckend. Sehr beeindruckend sogar. Und trotzdem will sich aus unerfindlichen Gründen bei Learcan nicht die Haltung ehrfürchtiger Verehrung gegenüber der Hohepriesterin einstellen, die dieser Frau eigentlich gebührt. Dafür ist sie ihm eindeutig zu sympathisch. Ein Widerspruch, der eigentlich keiner ist und den Learcan selber nicht erklären könnte.

Kritisch beäugt er den Stein, der nun wieder in seiner Hand liegt. "Zukunft..?" wiederholt er kaum hörbar, als würde das bloße Wiederholen des Wortes irgendeine Erklärung dazu offenbaren.
Es wird noch interessanter, als Arúen die Schlüsselsteine erwähnt. Selbst Arúen zeigt nun eine Spur gesteigerten Interesses. Sollte sein Stein wirklich einer jener Schlüsselsteine sein, dann hält Learcan gerade etwas außergewöhnlich Bedeutsames in der Hand. Was wieder einmal die Frage aufwirft, wie es in seinen Besitz kommen konnte und wer sein Vater war.
Zunächst aber gilt es, die Vermutung zu bestätigen. Die Bibliothek soll sie diesem Ziel näher bringen.
"Ich würde gerne so schnell wie möglich dorthin aufbrechen, um mehr zu erfahren", antwortet er deshalb eilig auf Arúens Angebot. Learcan regt sich unbehaglich in seinem Stuhl, als er an seine ersten Besuche in der Bibliothek zurückdenkt. Weil Normander mitunter leicht stur sein können, war er mit dem äußerst grummeligen Ferachan aneinander geraten, der partout nicht auf Learcans Fragen antworten wollte und ihn für einen unwissenden Barbar hielt. Learcan hofft nur, dass es nicht ausgerechnet jener Ferachan ist, der zu entscheiden hat, ob er den geheimen Teil der Bibliothek betreten darf. Maester Kameruk hatte ihm zwar aus gutem Grund ebenfalls den Zutritt verwehrt. Mit ihm war Learcan aber besser zurechtgekommen.
"Dann hoffe ich, dass Maester Kameruk in diesem Fall ein Einsehen hat und mir den Zutritt gewährt", spricht Learcan aus, was ihm zuvor durch den Kopf ging. Seine Miene ist dabei leicht schuldbewusst und deutet darauf hin, dass er diesbezüglich Zweifel hegt. Es würde vielleicht nicht einfach werden. Aber Learcan hofft, dass die Hohepriesterin ihnen Einfluss gelten machen kann und als Fürsprecherin agieren wird. Er sieht zu Atevora und bedauert es, dass sie Arúen und ihn nicht begleiten kann. Gleichzeitig hofft er jedoch auf ihr Verständnis und darauf, dass sie diesem wichtigen Vorhaben nicht im Wege steht.

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