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Colevar

Stadtbewohner

  • "Colevar" started this thread

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

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1

Sunday, September 29th 2013, 7:45pm

In den Norden

Regen, Regen, nichts als Regen....


Irgendwann in Sturmwind und Grünglanz 513

Als sie Nîm erreichen, liegen siebenhundert Tausendschritt auf dem Frostweg hinter ihnen und weitere hundertdreißig Tausendschritt noch vor ihnen, bis sie nach Emlyn gelangen würden - und das seit einem vollen Siebentag grauenvolle, kalte Wetter bleibt grauenvoll und kalt. Der Frostweg ist zwar gepflastert und gut Instand gehalten, und über weite Strecken säumen kleine Dörfer oder Gasthöfe mit Schmieden und Stellmachern seinen Verlauf, so dass sie bisher recht gut vorangekommen waren - doch mehr als dreißig Tausendschritt an einem Tag haben sie selbst bei bestem Reisewetter selten geschafft, meist waren es weniger. Außerdem müssen sie in regelmäßigen Abständen einen Ruhetag einlegen und neuerdings auch noch versuchen, ihre ständig völlig durchnässten Kleider, die aufgeweichten Packtaschen und das Lederzeug so gut es eben geht zu trocknen und frisch einzufetten. Mit anderen Worten – sie kommen nun dank Kälte und Nässe nur noch mehr schlecht als recht voran, und ihr Weg hinauf nach Norden scheint sich endlos hinzuziehen. Die wohlmeinende Gastfreundschaft übereifriger Kohlbauern mit zu vielen heiratsfähigen Töchtern im Haus liegt längst hinter ihnen und seit einigen Tagen haben sie auch nicht immer das Glück, ein freies Zimmer oder auch nur einen Strohsack in einem trockenen Stall zu ergattern, denn dank des miserablen Wetters sind alle Gasthöfe entlang der großen Handelsstraße und sämtliche Dörfer restlos überfüllt mit Reisenden und Kaufleuten, die den Regen lieber aussitzen wollen. Öfter als ihnen lieb ist, müssen sie daher mit Höhlen und anderen natürlichen Unterschlupfen vorlieb nehmen, doch allen Göttern sei Dank kennt Colevar sie alle und das mindestens ebenso gut wie jeden Pflasterstein auf dieser dreimal verfluchten Straße.

Bis Lanberis waren sie noch gut vorangekommen, mehr als gut sogar, denn sie hatten die Stadt Anfang Grünglanz erreicht, die Pferde neu beschlagen lassen, ihre Vorräte aufgefüllt und zwei herrlich faule Tage im bunten, vielsprachigen und aufregenden Lager der Händler vor den Mauern Lanberis verbracht. Zu dieser Zeit war der Frostweg noch voller Reisender gewesen und sie waren mal mit einem Kesselflicker, der sie mit seinen Geschichten unterhalten hatte, mal mit einer Gruppe Spielleute gereist, von denen Calait prompt ein halbes Dutzend neuer Lieder gelernt hatte. Ihnen waren tagtäglich Schausteller mit schreiend bunt bemalten Wägen, geschäftige Handelsreisende, Bräute mit ihrem Gefolge auf dem Weg zu ihren Zukünftigen, eilige Meldereiter und geschwätzige Bauern, die ihre Waren mit gemütlichen Ochsenkarren zum nächsten Markt beförderten, Waldläufer oder Späher dieses oder jenes Lords auf Patrouille begegnet. In Lormont hatten sie sich einem Händlerzug nach Brugia angeschlossen und waren in der relativen Sicherheit einer größeren Gruppe unbehelligt bis nach Lanberis gekommen, auch wenn es dank der schwer beladenen Fuhrwerke nun deutlich langsam vorangegangen war – doch dann hatte der Regen eingesetzt und die Händler waren in der Stadt geblieben, während Calait und er weiter Richtung Nîm gezogen waren. Die kleine Stadt hatte ihre Tore jedoch fest verschlossen gehalten und jeden abgewiesen, der Einlass begehrte – zu viele Reisende hatten schon vor den sintflutartigen Regenfällen Schutz in ihren Mauern gesucht, so dass sie hoffnungslos überfüllt war und selbst vor den Wällen war bereits ein traurig vor sich hin triefendes Zeltlager mit mürrischen und nicht minder triefenden hier gestrandeten Händlern entstanden.

Also ziehen sie weiter, in sämtliche Kleider gehüllt, die sie besitzen, denn es ist nicht nur eindeutig viel zu nass für Mitte Grünglanz, sondern auch noch eiskalt... entschieden zu kalt für den Frühsommer auf jeden Fall. Außerdem schüttet es jetzt seit beinahe zwei vollen Siebentagen auf jene andauernde, trostlose Weise, deren Feuchtigkeit alles durchdringt, selbst Dinge, die man überhaupt nicht dem Regen aussetzt, und einem die Kälte so tief ins Mark treibt, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, sich je wieder warm zu fühlen. Zu allem Überfluss liegen zwischen Nîm und Lanberis einhundertdreißig Tausendschritt menschenleeres Land - auf diesem Abschnitt des Frostwegs beginnt die Wildnis, große Handelsstraße hin oder her, eine Armlänge links und rechts von den Pflastersteinen entfernt. Es gibt keine Gasthöfe mehr und erst recht keine Dörfer, Weiler oder anderen Ansiedlungen, nur schroffe Felsen und Reihen um Reihen dunkel bewaldeter Hügel, die sich schier endlos bis zum Horizont dehnen, während mächtige Tannen und Fichten ihre Äste weit über die Straße breiten und das ohnehin schon trübe Tageslicht im ewigen Dauergrau noch düsterer machen. Wenigstens halten sie den Wind ab. Und etwas Gutes hat der Regen, sieht man von ihren roten, laufenden Nasen und dem andauernden Husten, der sie inzwischen beide heimsucht, so dass sie gelegentlich klingen wie große, bellende Hunde, einmal ab. Es ist nicht möglich, eine Unterhaltung zu führen, wenn man, sobald man nur den Mund aufmacht, Gefahr läuft zu ertrinken, also hat Calait es vorerst aufgegeben, ihm aus der Nase ziehen zu wollen, was mit ihm nicht stimmt.

Er hatte es gut verbergen können, als sie noch in Talyra waren, denn in den letzten Tagen vor Borgils Hochzeit war sie mit tausend anderen Dingen beschäftigt gewesen – vor allem mit gewissen Distelfeen, da sie schließlich mit den Feen- und Koboldbarden, die Safron und Morag verpflichtet hatten, hatte proben müssen und er selbst hatte sich um die letzten Vorbereitungen für ihre Reise gekümmert. Sie hatten sich kaum zu Gesicht bekommen. Doch nun... oben ist immer noch unten. Schwarz ist immer noch Weiß. Richtig ist falsch und falsch ist... noch falscher. Er hatte sich noch so oft sagen können, dass er es nicht zulassen, dass er es im Handumdrehen beenden würde, dass es keine Bedeutung habe und er nicht darauf eingehen müsse, es lässt sich einfach nicht verleugnen. Und jedes Mal, wenn er Calait ansieht... nun, sein Leben ist die Hölle und er ist Amathas der Verfluchte, für alle Zeiten dazu verdammt, einen Felsbrocken unerwiderter Sehnsucht einen Berg hinaufzuschieben, nur um von ihm niedergewalzt zu werden, bevor er die Kuppe erreicht hat. Inzwischen kostet es ihn seine ganze Willenskraft, eine überzeugende Scharade völligen Desinteresses aufzuführen... und er hat keine Ahnung, was er anstellen soll, wenn der Regen aufhört und sie wieder beginnt, ihn mit Fragen zu quälen, auf die er ihr keine ehrliche Antwort geben kann.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

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2

Friday, October 4th 2013, 11:19pm

Regen-, Regentröpfchen, es regnet auf mein Köpfchen...


Irgendwann in Sturmwind und Grünglanz

Es regnet. Schon wieder. Beziehungsweise immer noch. Mit einem Seufzen lehnt sich Calait mit angezogenen Knien seitlich an den Bankrücken, verschränkt ihre Arme auf dem Fenstersims und legt ihr Kinn darauf, ab, so dass ihre Stirn ganz leicht die kühle Milchglasscheibe berührt, gegen welche die nassen Schauer brausen und das Glas in seiner Fassung zittern lassen wie Espenlaub. Immerhin sind wir endlich im Trockenen. Ein leises Seufzen hebt ihre Schultern, als sie an den bisherigen Verlauf ihrer Reise zurückdenkt. Nach fast zehn Tagen Dauerregen besitzen weder Colevar, noch sie, auch nur noch eine einzige, halbewegs trockene Socke. Was auch immer die Archonin Nebre mit ihrem Haar angestellt haben mag, die Wäsche dauert an. Wahrscheinlich hat sie sie aus Eitelkeit mit Honig vollgeschmiert, so wie es die feinen herzländischen Damen tun, und jetzt kriegt sie das Zeug nicht mehr raus. Sogar Calait schlägt das anhaltende trübe Wetter langsam aufs Gemüt, auch wenn überhaupt nur Colevar es ihr anmerkt und er kontert ihren bissigen Humor ganz locker mit trockenem Pragmatismus.

~

Das Wetter hatte nur zwei Siebentage nach ihrem Aufbruch am Morgen nach Azras und Borgils Hochzeit umgeschlagen und noch bevor sie überhaupt auf die Idee gekommen waren, sich unterzustellen, waren sie auch schon triefend nass gewesen . Ihre Lodenmäntel hatten dem Regen immerhin einen halben Tag standgehalten, bevor Calait ihren Umhang von den Schultern gestreift und auf Colevars Nachfrage, was sie denn da tue, geantwortet hatte, noch nässer könne sie nicht werden und der Stoff wiege inzwischen mindestens zwanzig Stein mehr, es sei angenehmer so. Snerra unter ihr hatte sich ebenfalls in regelmässigen Abständen mit einem brummelnden Schnauben über das widrige Wetter beschwert und Shirin war wie ein Häufchen tropfenden Elends mit eingezogenem Schwanz zwischen den Hufen der beiden Pferde hin und her geschlichen, um sich unter deren massigen Leibern vor dem Dauernass zu schützen, nur um jedes Mal, wenn Filidh oder Snerra in eine Pfütze traten, kräftig mit Schlammwasser bespritzt zu werden. Von dem buntgefleckten Fell der Hündin war nichts mehr zu sehen. Sie war einheitlich braun in braun mit einem Hauch von Dunkelbraun gewesen, wohingegen Reykir, der sich durch die herabfallenden Wassermassen überhaupt nicht hatte beeindrucken lassen, einfach nur dunkler geworden war. Ein dunkler, sturmumwitterter Tag war ohne sichtbare Veränderung in eine dunkle, sturmumwitterte Nacht übergegangen, und einzig und allein ihr herzerreissend wehleidig jammerndes Hinterteil hatte Calait bestätigt (versichert! Und zwar noch viel wehleidiger), dass sie mehr als sieben Stunden unterwegs gewesen sein mussten, als Colevar ihr schliesslich blubbernd durch den ganzen Regen, der ihm über die Wangen in den Mund geronnen war, mitgeteilt hatte, dass sie schon bald ein kleines Gasthaus, Unter der Weide, erreichen und dort Halt machen würden . Calait hatte sich übers Gesicht gewischt, die Augen zusammengekniffen und versucht irgendetwas zu hören, dass nicht Regen oder Wind oder Hufe auf gepflasterter, schlammbedeckter Strasse war. Erfolglos. Daher hatte sie nur mit den Schultern gezuckt und war Colevar blindlings durch das stärker werdende Brüllen finsterer Wolkenberge und weissglühender Blitze gefolgt.

Das Frostweggasthaus Unter der Weide hatte sich als winzigkleine Taverne inklusive einer Handvoll an Gästebetten herausgestellt. Eingepfercht zwischen zwei uralten Weiden, deren lange, silberbeblätterte Äste das komplette Reetdachhäuschen vor allzu neugierigen Augen verborgen hielten, fanden müde oder hungrige Wanderer und Reisende ein freundliches kleines Plätzchen, wo sie sich entweder die Finger an dem raumeinnehmenden offenen Kamin wärmen, den Hunger mit frischgebackenem, butterüberzogenem Brot und deftigem Eintopf lindern oder die Füsse etwas hochlegen konnten. Die Besitzerin, eine junge, etwas absonderliche Herzländerin mit einem lauten Lachen und dem Drang zur Geheimniskrämerei, die neben ihrer Arbeit als Wirtin hinter ihrem Haus auch einen kleinen Kräutergarten pflegte, hatte sie herzlich willkommen geheissen. Innerhalb von weniger als drei Augenblicken waren Colvar und Calait nicht nur darüber informiert, wer im Augenblick alles zu Gast war, wie lange das trübe Wetter wohl anhalten würde, was es heute Abend zu essen gab, wieviel ein Zimmer kostete und was das Fleisch in der Suppe mit dem Tod ihres kürzlich verstorbenen Onkels zu tun hatte, sondern sie waren auch direkt zu einem gemütlichen Plätzchen an einem Tisch direkt neben dem Feuer dirigiert, ihre ungemein schweren Mäntel waren zum Trocknen aufgehängt und sie waren unverzüglich mit zwei Bechern heissem Kräuterwein versorgt worden – und Calait hätte schwören können, dass die Frau während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal Luft geholt hatte. Colevar hatte den Schwall an gastfreundlicher Fürsorglichkeit schweigend über sich ergehen lassen, war jedoch, kaum dass die Frau in der Küche verschwunden war, um eine üppiges Abendmahl für ihre Neuankömmlinge vorzubereiten, aufgestanden und im angrenzenden Stall verschwunden, um sich um die Tiere zu kümmern, die er auf die Anweisung eines Knechts in einem angrenzenden Gebäude untergebracht hatte. Es war ein angenehmer Abend und eine angenehme Nacht gewesen. Noch einmal hatten sie den weiteren Verlauf ihrer Reise durchgesprochen, obwohl sie beide jede Einzelheit im Schlaf hätten rezitieren können – und Calait, die Reisen bislang immer als „Einfach der Nase nach“ interpretiert hatte, hatte gelernt, was es bedeutete, wirklich vorbereitet zu sein. Und auf diese Weise, mit mal weniger mal mehr freundlichen Wirten und Wirtinnen, hatten sie sich durch zehn verregnete Tage gekämpft, bis sie schliesslich nach einem Spiessrutenlauf voller alter Bekanntschaften über Meister Merfyn und seine sieben Töchter gestolpert waren.

Über ihren nassen Köpfen hatte sich eine senfgelbe Gewitterfront zusammengezogen, durchstochen von grellem Wetterleuchten, und unter die kontinuierlichen Regenschauer hatten sich abermals heftige Windböen gemischt. Noch etwas tiefer hatte Calait sich über Snerras Hals gebeugt und die Kapuze weiter ins Gesicht gezogen. Um die Richtung hatte sie sich keine Gedanken gemacht, denn Colevar war vorausgeritten und Snerra folgte Filidh blindlings. Nur wenig später hatte Colevar einen Unterschlupf gefunden und drauf bestanden, dort zu bleiben, obwohl sie hätte schwören können, dass sie soeben an einem Bauernhof vorbeigeritten waren. Sie hatte Holzrauch gerochen, sie hatte Ziegen gehört. „Colevar...“
„Nein.“
Etwas irritiert war sie vorerst sitzen geblieben und hatte wissen wollen, ob er schon wisse, dass da hinten ein Bauernhaus steht.
„Nein“, hatte er bestimmt geantwortet: „Da ist kein Haus.“
„Doch, da ist ein Haus. Ich habe Rauch gerochen. Und Ziegen gehört!“
„Da ist kein Haus.“
Sie hatte gerade fragen wollen, warum bei allen guten Geistern er so hartnäckig die Existenz dieses Hofes verleugnete, als eine freudige Stimme hinter ihnen ertönt. Die Hunde hatten kurz angeschlagen, waren aber auf Colevars Befehl hin sofort wieder verstummt.
„Sire!“ Ein gebräuchlicher Titel, wie man ihn in den Herzlanden und auch in vielen anderen Teilen der Welt für Lords und Ritter verwendet, aber irgendwie hatte es geklungen, als ob der Mann Colevar nicht als einen Sire, sondern den Sire erkannt hatte – was ihr bestätigt wurde, als es neben ihr getönt hatte: „Oh nein.“
„Oh nein?“, hatte sie sofort neugierig geworden nachgehakt und das Gesicht in seine Richtung gedreht: „Etwa noch ein alter Bekannter von dir?“ Seit sie aus Talyra aufgebrochen waren, waren sie drei verschiedenen Händlern, mehr als einem Dutzend Bauern, einem Ritter, mehreren Gardisten und einem Trupp Schausteller begegnet, die Colevar allesamt mit seinem Namen begrüsst hatten, und auch die Wirte und Tavernenbesitzer am Rand der Strasse hatten schon beim ersten Blick gewusst, wen sie vor sich hatten. Einer davon hatte sich sogar nach Morren und der verdammten, verfressenen Ziege erkundigt, ein zweiter gefragt, ob er gefunden hätte, wonach er gesucht hatte – und war noch mitten im Satz aus für Calait nicht ersichtlichen, aber verständlichen Gründen schluckend verstummt – und beim Anblick von Snerra hatte einer der Stallburschen totenbleich Reissaus genommen, als wäre er dem Dunklen persönlich begegnet. Mehrmals waren auch spöttelnde Kommentare darüber gefallen, ob der Herr Ritter vielleicht Münzen dazuverdienen müsse, indem er junge Fräuleins auf ihren Reisen begleite, oder ob er vielleicht ein noch lukrativeres Geschäft betreibe. Ein besonders vorlautes Mundwerk, durch Colevar mit einem einzigen, stummen, kalten Blick im halbem Satz zum Verstummen gebracht, hätte sich beinahe nach dem „Preis“ erkundigt.

Und auch der Ziegenbauer (HA!), der durch den strömenden Regen von der Haustür zu ihrem Unterschlupf gewatet war, hatte erst einmal etwas verwirrt gewirkt, als er neben dem altbekannten Ritter schon wieder ein neues Mädel entdeckt hatte. “Irgendwann müsst ihr mir mal erzählen, wie ihr das macht, Sire“, hatte der schmahbäuchige Mann Colevar mit einem breiten Lächeln begrüsst: “Jedes Mal ein schöneres Mädchen an der Seite.“ Die Schmeichelei hatte Calait ein belustigtes Prusten entlockt, denn auch wenn sie sich nicht hatte sehen können, war es ihr nicht schwer gefallen sich vorzustellen, wie sie in diesem Moment ausgesehen hatte – und das war nicht ‚schön‘. Zersaust, verwildert, jämmerlich und heruntergekommen trifft es wohl eher. Der Gedanke, dass Colevar nicht besser ausgesehen hat, hatte sie jedoch über ihren eigenen Zustand hinweggetröstet. Gleich zwei verregnete Vogelscheuchen auf Wanderfahrt. Das sich uns überhaupt noch jemand nähert, ist ein Wunder. Oder vielleicht ist es auch eine ironische Fügung des Schicksals, dass Colevar den Frostweg sechsmal hinauf und hinunter geritten ist. Alles nur damit wir in diesem Regen nie im Freien schlafen müssen. Es hatte lächerlich, fast schon absurd geklungen, sogar in Calaits Ohren, die einiges weiss vom Schicksal und dessen kapriziösen Mätzchen, aber Erheiterung hatte sich keine einstellen wollen. Was, wenn seine ganzen Reisen auf dieser verdammten Strasse tatsächlich einen Sinn haben? Wenn ja... wohin sollen sie führen?

Wohin auch immer, vorerst direkt in das – nichtexistente – Bauernhaus, ins Trockene und vor ein warmes Feuer. Nur allzuschnell hatte Calait herausgefunden, warum Colevar dieses eine Heim unbedingt hatte meiden wollen. Sechs heiratswillige und zu allem entschlossene Töchter waren wohl ein guter Grund um den verregneten, eiskalten Boden einem warmen, gemütlichen Bett vorzuziehen, und irgendwie war sie das Gefühl nicht losgeworden, dass Colevar nur wegen ihr nachgegeben und die Einladung Meister Merfyn angenommen hatte. Sie hatten ihre nassen Kleider gegen trockene eingetauscht, etwas zu Essen und zu Trinken bekommen und hatten am warmen Feuer sitzend, nur mit Geselligkeit bezahlen müssen. Um genau zu sein... hatte Colevar bezahlen müssen. Dass alle sieben Töchter des guten Mannes ihm entweder scheue Blicke unter halb gesenkten Lidern zugeworfen, ihn mit süssen Lächeln umgarnt hatten, oder aber sogar so nahe heran gerückt waren, dass man sich bei Bewegungen zufällig berührte, hatte Calait unmöglich entgehen können. Sie hatte immerhin versucht nicht allzu erheitert auszusehen. Mit nur mässigem Erfolg. Nur die Jüngste, gerade mal sieben Jahre alt, war zwar auch mit Stielaugen an Colevars Lippen gehangen, allerdings hatte das eher an der Geschichte gelegen, die er zum Besten gegeben hatte.

Hin und wieder hatte Calait gespürt, wie eines der Mädchen sie aus dem Augenwinkel verstohlen gemustert, oder ihr sogar offen einen zweifelnden Blick zugeworfen hatte. Sie werden sich fragen, ob ich nur seine Reisegefährtin, seine Bettwärmerin, oder vielleicht sogar mehr bin. Geneigt die unsinnige Eifersucht der jungen Ziegenzüchtertöchter ein wenig anzustacheln, war sie sehr versucht, sich als seine Frau vorzustellen, als der Bauer sich schliesslich erkundigt hatte: „Und ihr seid?“
‚Seine Frau.‘ Es hatte Calait auf der Zunge gelesen, aber sie hatte die Antwort heruntergeschluckt, immerhin hatte sie niemandem an diesem Tisch vorsätzlich zum Weinen bringen wollen. Mit einem freundlichen Lächeln hatte sie Colevars Arm getätschelt und geantwortet: „Mein Name ist Calait und ich bin seine Anstandsdame. Ich passe auf, dass der gute Mann keinen Unsinn anstellt, solange er noch nicht verheiratet ist.“
„Oh“, hatte es ihr daraufhin aus mehreren Mündern sofort hoffnungsvoll entgegen getönt, nur Klein Avera hatte sich zwischen einem Bissen Kohl und einem Schluck verdünntem Wein schmatzend erkundigt, was denn eine Anstandsdame sei. „Eine Art von Sittenwächterin. Moralseharim. Spielverderberin. Ich achte darauf, dass er seine Manieren nicht vergisst und sich gegenüber Damen wie dir“, mit einem Kichern hatte Avera die Hälfte ihres Mundwinhalts über ihrem Brettchen verteilt: „respektvoll verhält und keine unziemlichen Bekanntschaften pflegt. Immerhin ist Colevar ein Ritter. Ausserdem ist er der Kommandant der Lanzengarde der Steinfaust von Talyra und zukünftiger Herr von Lyness. Er sieht umwerfend aus, ist sehr zuvorkommend, kann sogar singen und Holz hackt er wie ein Waldmeister. Es gibt viele Frauen, die ihm verfallen und ihn zu unlauteren Taten verführen wollen, aber wir möchten ja nicht, dass sein guter Ruf“, Dieses rabenschwarze Ding, „unter frivolen Dummheiten leidet, nicht wahr?“ Wahrscheinlich hatte die Kleine nur die Hälfte verstanden, aber sie hatte ganz entschlossen bekräftigt: „Nein!“, und dabei so heftig den Kopf geschüttelt, dass ihre braunen Locken ihrer Schwester, die direkt neben ihr gesessen hatte, ins Gesicht geklatscht waren.

„Könnt ihr auch lesen und schreiben“, hatte nun auch Lorrinde ganz unschuldig wissen wollen, woraufhin Erina sich mit schmeichelnder Süsse empört hatte: „Natürlich kann er lesen und schreiben, du dumme Kuh. Er ist schliesslich ein Ritter“, was Lorrinde ihr mit einem bitterbösen Blick vergolten hatte. Sabina indes hatte die Gunst des Augenblicks sofort ausgenutzt und sich mit klimpernden Wimpern erkundigt, worin er denn noch gut sei. Irgendwo neben sich hatte Calait die Mutter hochrot etwas von „Also Sabina“ stottern hören und hatte sich bildlich vorstellen können, wie purpurrote Flecken über die vollen, fleischigen Wangen der guten Frau getanzt waren.
Es war ein lustiger Abend gewesen, aller direkten und indirekten Brautschau zum Trotz, bis Calait und Colevar sich beinahe synchron erhoben und entschuldigt hatten, es sei spät und sie müssten morgen früh weiter. Ohne jeden Hintergedanken, nur darauf bedacht Colevar davor zu bewahren die ganze Nacht Wache halten zu müssen, damit keines der närrischen Weiber einfach zu ihm unter die Laken schlüpfen konnte – die er dann natürlich, Rittergelöbnise und dämlicher Edelmut, am nächsten Morgen hätte heiraten müssen, um keine Schande über sie zu bringen -, hatte Calait vorgeschlagen sicherheitshalber zusammen in einem Bett zu schlafen...
Er hatte Wache gehalten.
Und Calait sich nicht zum ersten Mal gefragt, was zum Dunklen in ihn gefahren war. Wann er angefangen hatte, sich wie ein zölibatärer Tempelritter zu verhalten (und sie hatte tatsächlich nicht einmal annähernd die leiseste Ahnung gehabt, wie oft er auf der ganzen Reise mit dem Gedanken gespielt hatte, sich in die idyllische Sicherheit dieses Keuschheitsgelübdes zu flüchten und gleichzeitig eine Mauer aus eisigem Schweigen um sich herum zu errichten) .

Allen guten Geistern sei gedankt ohne frischgebackenes Eheweib, dafür mit ein paar Kohlköpfen, waren Colevar und Calait früh am nächsten Morgen weitergezogen und der Regen war ihnen bis Nîm ein treuer Wegbegleiter geblieben. Das anhaltende miserable Wetter hatte die Welt für Calait auf das monotone Rauschen heftiger Regengüsse und das Spiel von Snerras Muskeln, warm und kräftig unter ihren Beinen, beschränkt. Eine Unterhaltung war unmöglich geworden, wollte man nicht stehend ertrinken, weshalb ihr viel zu viel Zeit blieb ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Die sich einerseits im Kreis gejagt und sich in den eigenen Schwanz gebissen hatten, und andererseits in derart abstruse und verrückte Richtungen davongallopiert waren, dass sie immer mal wieder befürchtet hatte den Verstand zu verlieren. Das war allerdings nicht passiert. Schamanen. Turbanschnepfen. Wichtigtuerisches Himmelsgepolter. Goldene Katzen und blinde Singdrosseln. Geisterheimsuchungen. Stolpersteine. Es hatte nur alles noch weniger Sinn ergeben, wenn das überhaupt noch irgendwie möglich gewesen war.
In Nîm, beziehungsweise direkt vor dessen Stadtmauern hatte sie eine unangenehme Überraschung erwartet: Die Stadt hatte ihre Tore aufgrund des ständigen Zustroms von Menschen, die vor dem anhaltenden Regen Schutz gesucht hatten, geschlossen und obwohl es schon dunkel gewesen war und sie beide klitschnass, durchfroren bis auf die Knochen und hundemüde hatten sie sich einen halben Tages- oder in diesem Falle Nachtmarsch weiter zu einem Gasthaus am Wegesrand mühen müssen, dass nicht ebenfalls vollständig und bis auf die hinterletzte Ecke in der Räucherscheune ausgebucht gewesen war. Fünf sehr ungemütliche Stunden später, die sie eingepfercht zwischen einer quietschenden Horde kleiner Ferkel, einer überfürsorglichen Muttersau und den drei Schweinehütenburschen verbracht hatten, hatten sie ein einfaches Morgenmahl zu sich genommen und waren hastig weitergezogen – genauso nass, durchgefroren und müde wie sie angekommen waren.

Kurz nach Nîm waren ihnen die ersten Gerüchte zu Ohren gekommen, dass der Frostweg stellenweise komplett überschwemmt und unpassierbar geworden sei und nur wenige später waren sie den ersten Unglücksraben begegnet, die aufgrund der miserablen Wetterverhältnise hatten kehrtum machen müssen. Sie werden mehrmals gewarnt, dass bereits nach Emlyn kein Durchkommen mehr sei und von Brugia habe man das letzte Mal von vor einem Siebentag irgendetwas gehört. Die berühmte Handelsstadt direkt am Kreuz des Nordens, wo der Rhain den Frostweg schnitt, war den Gerüchten Zufolge regelrecht in den Fluten versunken.
Ob Llaeron nun seine Finger mit im Spiel hatte, oder nicht, war Calait reichlich egal gewesen, als Colevar nur einen Tausendschritt vor Emlyn tatsächlich über noch mehr alte Wegesrandbekanntschaften gestolpert war und sich glatt eine Überfahrt gesichert hatte. Gemeinsam war man in Emlyn eingekehrt, nicht ganz so vollgestopft wie Nîm, dennoch gut gefüllt mit illustrem Volk, das notgedrungen zusammengerückt und sich gegenseitig Langweile und Kälte vertrieben hatte. Dort hatte Colevar ein warhaftig winzigkleines Gasthaus, kaum sichtbar im Schatten einer dreistöckigen Bäckerstube, ausfindig gemacht und Calait hinein gedrängt, die jedoch – zähneklappernd und von Schüttelfrost geplagt aber fest entschlossen – protestiert und grossspurig versichert hatte, sie könne sich selber um Snerra kümmern, nur um dann beim Versuch abzusitzen mit der Eleganz eines nassen Mehlsackes aus dem Sattel zu rutschen und sich auf dem Rücken liegend noch zu wundern, was eigentlich aus ihren Beinen geworden ist. Colevar hatte ihr auf- und ins Trockene geholfen, wo sie es sich mit einem heissen Kräuterwein nahe dem Feuer direkt unter einem der schiefen, schmalen Butzenfenster in der guten Stube gemütlich gemacht hatte.

~

Es ist der nächste Morgen und Calait, viel zu früh viel zu wach, hatte sich auf der Suche nach etwas Essbaren auf leisen Sohlen die Treppe hinunter in die Küche gestohlen, darauf bedacht niemanden zu wecken. Dort war sie glücklicherweise auf den Wirt getroffen, welcher dem grauenhaften Wetter zum Trotz fröhlich den Kochlöffel geschwungen und summenderweise Haferbrei mit süssen Früchten und herrlich duftendem Zimt verdickt hatte.
Das köstliche Frühstück wärmt ihr noch immer den Magen und die Süsse der Früchte klebt ihr zwischen den Zähnen, als sie sich satt und zufrieden wie ein kleines Kätzchen mit einem Bauch voller herrlich sahniger Milch auf die Bank neben die warme Glut zurückzieht, dem Regen lauscht und auf Colevar wartet. Noch heute wollen sie mit Arawn, dem Adamarah, den Colevar auf einen seiner unzähligen Frostwegreisen kennen gelernt und erst vor drei Tagen wieder getroffen hat, und dessen Sippe auf einem Floss in Richtung Westen weiterreisen. Entlang des Rhaíns in das Königreich der Rhaínlande, wo nicht nur noch schlimmere Überschwemmungen, sondern, will man den allwissenden Waschweibern glauben, die jedes hinterletzte Kaff heimsuchen, auch Aufstände und Bürgernot drohen. Sprichwörtlich vom Regen in die Traufe.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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3

Saturday, October 5th 2013, 9:52am

Unten am Fluß...


Irgendwann in Grünglanz und Goldschein 513

"Ich kann Schiffe nicht leiden", knurrt Colevar und beißt die Zähne zusammen. "Ich hasse Schiffe!"
"Es ist ein Floß und kein Schiff", erklärt ihm Arawn zum dritten Mal, mild belustigte Geduld in der Stimme.
"Ich hasse alles, was auf dem Wasser fährt!"
"Auf dem Fluss gibt es keinen Seegang, Freund Colevar. Und die Vorstellung, die nächsten dreihundert Tausendschritt entweder durch Hochwasser zu reiten, dass so tief ist, dass eure Pferde ständig schwimmen müssen oder durch Schlamm zu waten, der so zäh ist, dass man kaum voran kommt, würde ich an deiner Stelle noch viel mehr hassen." Der alte Adamarah lächelt verschmitzt, als habe er einen großartigen Witz gemacht, den außer ihm jedoch niemand so recht versteht (was ihn nur noch mehr freut) und lässt dabei seine zahlreichen Zahnlücken sehen. Seine hellbraune Haut ist mit bronzefarbenen Sommersprossen so übersät, dass kaum ein Fleckchen davon unberührt scheint und von unzähligen dünner, scharf gezeichneter Runzeln so zerknittert wie häufig zerknülltes Seidenpapier. Doch sein schlohweißes Haar ist immer noch voll und dicht, mit einer sanften goldenen Patina, wie es oft bei ehemals rothaarigen oder blonden Menschen im Alter zu sehen ist, und seine grauen Augen blicken so wachsam und listig, wie Colevar sie in Erinnerung hat. Sie sind nicht weit von Emlyn entfernt, irgendwo nordwestlich der Stadt am völlig ausgeuferten Aiterach, den die Regenfälle der letzten Wochen in einen grotesken Strom verwandelt haben... und es regnet immer noch. Auf dem Frostweg ist kein Durchkommen mehr nach Norden, so viel konnten sie in Erfahrung bringen, denn weite Gebiete, durch die die Straße verläuft, sind vom Hochwasser überschwemmt. Von Brugia setzt keine Fähre mehr nach Penllyn über, und in Mechain und Roann hängen zahllose Reisende fest, denn der Mir ist ebenso über die Ufer getreten wie alle anderen Flüsse hier im Norden der Herzlande - und hat obendrein, glaubt man den Gerüchten der allwissenden Waschweiber, die es scheinbar wirklich überall gibt - einen Teil des Frostwegs einfach fortgerissen. Außerdem haben sie beunruhigende Gerüchte gehört, die Straße sei in den Rhaínlanden ohnehin nicht mehr wirklich sicher, denn dort herrschten Unruhen in vielen Landstrichen und es gäbe Aufstände und blutige Scharmützel zwischen Anhängern der Königin und denen ihres Bruders.

In Emlyn hatten Calait und er jedoch allen Göttern sei Dank - wie an vielen Orten entlang des Frostwegs -, alte Bekannte von ihm getroffen. Einige Adamarah vom Clan der Krötenstecher waren vor ein paar Wochen in die Herzlande gekommen, um in Draingarad Bäume für ein neues Floß zu erstehen und es dort auch gleich zu bauen. Das Floß ist, wie sie erfahren, Arawns Mitgift für seine jüngste Tochter und ihre Aussteuer. Nun wollen die Flussleute – Arawn selbst, seine zwei Söhne Banw und Ysgonan, die Alte Duma, die alle nur ehrfürchtig Erste Großmutter nennen und die mit ihnen gekommen war, um das neue Floß zu segnen, nebst deren ältester Tochter, der Jungen Duma (ihrerseits auch schon längst jenseits der Siebzig) - das Gefährt rechtzeitig zu den Hochzeitsfeierlichkeiten nach Westen zur Rhaínmündung bringen, und haben ihnen hilfsbereit angeboten, sie mit zunehmen. Angesichts der Tatsache, dass der Frostweg unpassierbar ist, dass es sie Wochen kosten würde, die überschwemmten Gebiete irgendwie im Norden zu umgehen, und dass ihre weitere Reise durch den Osten der Rhaínlande wohl alles andere als sicher verlaufen würde, hätte Colevar eigentlich drei Runen schlagen und Arawns großzügiges Angebot sofort annehmen müssen. Doch die Aussicht auf einem verdammten Floß einen verdammt viel Hochwasser führenden Fluss hinunter in ein wissen die Götter allein wie verdammt schlimm überschwemmtes Gebiet zu fahren, genügt vollkommen, um ihn mehr als nur einen Augenblick lang zögern zu lassen... er wird ja schon seekrank, wenn er zu lange in ein Wasserglas starrt. Abgesehen davon unterscheidet sich ein Adamarahfloß in vieler Hinsicht von allem, was die meisten anderen Immerländer unter einem solchen Gefährt verstehen würden. Es ist nahezu dreißig Schritt lang und zehn Schritt breit, und besteht aus mehreren Baumstämmen. In der Mitte liegt der Längste, nach außen werden sie immer kürzer und sind zusätzlich abgeschrägt, um den Wasserwiderstand zu verringern. Die Stämme werden durch Querbalken zusammengehalten und in eingekerbten Ringen um das Holz verlaufen die Taue, die sie verbinden. In der Mitte des Floßes thront eine etwas erhöhte Plattform und auf dieser wiederum eine langgestreckte, mit Binsen gedeckte Hütte mit mehreren Räumen, die jedoch im Inneren nur durch wogende, bunte Stoffbahnen abgetrennt sind.

Auf dem Vorderteil des Floßes befinden sich die Viehgatter für Hühner, Ziegen und sogar zwei fette, faule Schweine, die grunzend in einem zerfledderten Weidenkorb herumwühlen sowie die Waren, welche die Adamarah befördern, während am Ende des Floßes eine offene Feuerstelle mit einem eisernen Dreifuß liegt. Zur Fortbewegung und Steuerung dieses abenteuerlichen Gefährtes dienen ein Zweibeinmast mit Segel und Takelage, sowie neun Steckschwerter, welche die Flusskinder Guaras nennen. Außerdem ist die gesamte Deckplattform pechschwarz, während alle Aufbauten, also der Mast, die Segel, alle Taue, Ringe, Riemen und sonstiges schreiend bunt bemalt sind und sich feuerrot, grasgrün, himmelblau, sonnengelb und glühend orange von ihrem dunklen Untergrund abheben. Wie ihre Kleidung... Von Calaits graugrüner Kapuze hingegen tropft der Regen, als sie neben ihn tritt und sich leise an ihn wendet. "Ich dachte, du kennst die Adamarah und bist schon einmal mit ihnen gereist."
"Aye. In den Rhaínlanden. Aber da saß ich auf Filidh, der ihr verdammtes Floß gegen die Flussströmung gezogen hat wie ein Treidelpferd, und bin am Ufer entlang geritten, ich war nicht bei ihnen auf dem Schaukelding."
"Es ist völlig still", wirft Calait bibbernd ein und versucht ein aufmunterndes Lächeln. "Vielleicht wird dir ja gar nicht schlecht."
"Vielleicht", erwidert er in einem Tonfall, der ausdrückt, dass er ihre gut gemeinte Bemerkung zwar zu schätzen weiß, er es aber für unwahrscheinlich hält.
"Aber in der Hütte auf ihrem Floß... da wäre es doch trocken, oder?" Trotz ihres Umhangs, drei wollener Unterröcke und zwei Paar Strümpfen, ist sie schon wieder nass wie eine getauchte Katze und zittert - sie klappert zwar noch nicht mit den Zähnen, aber es fehlt auch nicht mehr viel.
"Aye, du hast Recht. Du... wir müssen aus dem Regen heraus."
Damit ist es entschieden.

Ihre Reise flussabwärts beginnt langsam, denn der Aiterach ist trotz allen Hochwassers ein eher gemütliches Gewässer, das es nicht gerade eilig hat. Für die Nächte legen sie am Ufer an und essen an einem kleinen Feuer, schlafen aber an Bord, denn die Adamarah glauben felsenfest daran, dass die Flussgeister sie nur auf dem Wasser beschützen... abgesehen davon sind sie dort sicherer vor Bären, Wölfen, Schattenkatzen oder Wegelagerern, so einsam diese Wälder auch sein mögen. Das Land entlang des Aiterach ist zwar - wenn auch dünn - besiedelt, und von Emlyn bis Dinllaen mit Dörfern gesäumt, doch die Ufer selbst sind dicht bewaldet, und nur hin und wieder gibt eine Lücke zwischen den Bäumen den Blick auf Waldweiden oder Flachsfelder frei, oder hier und da taucht halb unter dem Laub versteckt ein hölzerner Anlegeplatz auf, jedenfalls dort, wo sich nicht längst weite Wasserflächen ausdehnen, die den halben Wald ertränken zu wollen scheinen. Trotzdem schaffen sie vergleichsweise große Wegstrecken auf dem Wasser, wenn er schätzen müsste würde er sagen mindestens einhundert Tausendschritt am Tag, obwohl sie einfach nur dahingleiten, mühelos und ohne irgendetwas dafür tun zu müssen. Die ersten beiden Tage ist ihm zwar speiübel, aber er muss sich nicht alle Naslang übergeben und kann Arawns Söhnen sogar beim Staken zur Hand gehen, oder sich nützlich machen, wenn es darum geht, treibende Baumstämme aus der Fahrrinne zu schieben oder von den Floßkanten und Ruderstangen fernzuhalten. Immerhin hat er so etwas zu tun – nur des Nachts, wenn es still wird und seine ruhelosen Gedanken keine Beschäftigung finden, suchen ihn wirre Träume heim, die immer seltsamer werden ohne dass er nach dem Erwachen sagen könnte, wo von sie eigentlich handelten. Am dritten Tag ihrer Reise auf dem Fluss erreichen sie Dinllaen, eine recht hoch gelegene Stadt, die von jedem Hochwasser verschont geblieben ist und in der ihn ausnahmsweise einmal niemand kennt. Kunststück, denn sie liegt gut zweihundertvierzig Tausendschritt vom Frostweg entfernt. Sie können zwar ihre Vorräte auf dem Markt noch einmal aufstocken, doch in der einzigen Herberge der Stadt, dem "Kupfertropfen", ist es so voll, dass Calait die Nacht zusammengekauert auf einer Eichenbank im Schankraum verbringt und mit dem Kopf auf seinen Beinen schläft, während er und die Adamarah dem Wirt ihr Essen und das Bier mit Geselligkeit und den Neuigkeiten aus dem Norden bezahlen müssen.

Zwei Tage später lässt der Regen nach und hört schließlich ganz auf. Die dunklen Wolkenburgen, die wochenlang den Himmel verdüstert und beständige Schauer gebracht hatten, reißen auf und sie sehen tatsächlich so etwas wie blauen Himmel, zumindest für eine Weile. Als die Sonne im Westen sinkt, verlassen sie die letzten Ausläufer des Larisgrüns und mit ihnen die Herzlande, und um Mitternacht glänzt der dunkle See um sie herum wie Öl - nun strömt das Wasser schwarz und sanft wie Seide vorüber. Die Adamarah sind dem Aiterach nicht weiter nach Norden hinauf zum Rhaín gefolgt – zu viele Steuern, zu viele Flusspiraten, zu viele Männer der Königin - sondern nach Westen auf ein Meer aus flachem Wasser hinausgefahren, das sie Amurs Wiege nennen... eigentlich eine grüne Tiefebene südlich des Rhaíns, doch bei solchem Hochwasser ein einziger riesiger, flacher See. Colevar sitzt auf dem Vordeck, poliert das schimmernde Blatt der Lochaberaxt mit Arniser Kalk, kann und will nicht schlafen und beobachtet, wie sich das Licht des Mondes auf der spiegelglatten Wasseroberfläche unten Seite an Seite mit dem Floß bewegt, weniger vom Wasser reflektiert als darunter gefangen. Krallen klicken auf den Planken und verkünden Reykirs Ankunft, kurz darauf bohrt sich eine nasse, kalte Schnauze in seinen Nacken und der Hund lässt sich umständlich hinter ihm auf dem Deck nieder. Dann legt er die Nase auf die Pfoten und seufzt abgrundtief - Reykirs Abneigung gegen Flöße, Schiffe und Boote ist beinahe ebenso groß wie seine. "Nun, schläft Calait, hm?" Er krault dem Hund die verstümmelten Reste seiner Ohren und erntet ein zufriedenes Brummen. Hier auf dem Floß kann er sich weder von ihr fernhalten, noch ihren penetranten Fragen entkommen. Abgesehen davon müssen sie sich eine Schlafstatt teilen, also endet er beinahe jede Nacht hier oben in der stillen Einsamkeit, während sich um ihn her friedliche Schläfrigkeit ausbreitet. Wenigstens kann er behaupten, er müsse Wache halten.

Einen Siebentag später bricht ihr letzter Abend auf dem Fluss an, und das schlechte Wetter hat sie wieder. Nachdem sie Amurs Wiege durchquert und Ineen, eine Stadt auf Pfählen, passiert hatten, waren die Adamarah wieder nach Norden hinauf gestakt, eine langwierige, mühevolle Prozedur, die viel Zeit gekostet hatte, ehe sie Drakensward erreicht hatten. Dort waren sie zwei Tage geblieben und dann dem Rhaín flussabwärts zur Küste gefolgt – Colevar kann das Meer schon beinahe riechen, jene einzigartige Mischung aus Salz und Endlosigkeit. Als die Abenddämmerung einsetzt, herrscht zufriedene Ruhe auf dem gesamten Floß und der schwere Sommerregen prasselt dumpf und rhythmisch auf die Planen. Die Adamarah haben Ölhäute über die Viehgatter gespannt, so dass die Tiere vor der ewigen Nässe geschützt sind, und im Inneren der Hütte, das so sehr ihren bunten Zelten gleicht, ist es dank Kohlenpfannen und weicher Pelze und Kissen warm und behaglich. Die Flussleute haben sich längst zurückgezogen, alle bis auf Banw, der das Steuer übernommen hat und Calait packt summend ihre Sachen, denn morgen würden sie die Küste erreichen und das Floß verlassen. Er selbst sitzt im Durchgang nach draußen, die Augen angestrengt auf die Uferlinie gerichtet und hat Reykir neben sich, der ebenso aufmerksam das vorbeigleitende Land mustert. Zur Feier des Tages und ihres bevorstehenden Abschieds am nächsten Morgen, hatte die Junge Duma einen schmackhaften, aber ziemlich scharfen Krebseintopf und Maismehlküchlein zubereitet, von dem ihm jetzt noch der Mund brennt, doch von der Alten Duma haben sie während ihrer ganzen Zeit auf dem Adamarahfloß noch nicht auch nur ein einziges graues Haar zu Gesicht bekommen. Erste Großmutter, war ihnen beschieden worden, verlasse ihr Bett nur noch selten. Umso überraschter ist er, und Calait ergeht es wohl ebenso, als Ysgonan ein wenig verlegen bei ihnen auftaucht und verkündet, Erste Großmutter wünsche die Frau mit den Himmelaugen zu sehen. Jetzt. Und allein.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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4

Wednesday, November 20th 2013, 10:33am

Goldschein 513

Calait ist von dem plötzlichen Ersuchen der Alten Duma tatsächlich genau so überrascht, wie Colevar, zuckt jedoch auf Ysgonans Mitteilung hin nur mit den Schultern und meint: „Natürlich.“ Die Junge Duma hat sich zwar sehr anschaulich über die Älteste der Sippe ausgelassen - und dabei nicht versäumt deren kratzbürstige Ader und karrkharrsches Gemüt hervorzuheben - , aber aus ihrer Stimme hatte nur die Liebe einer Tochter gesprochen, welche den Geistern für jedes Jahr mit ihrer Mutter in inniger Dankbarkeit verbunden ist. Was kann sie nur von mir wollen?, fragt sich Calait, derweil sie Ysgonan in das verschachelte Innere der Flosshütte folgt, eine Hand ganz leicht auf seinen Arm abgelegt, um sich in keinem der Tücher und kunstvoll gewebten Teppiche zu verfangen, welche die einzelnen Räume voneinander trennen. Es ist ungewöhnlich still. Ruhig und auf sehr erfrischende Art und Weise friedlich. Für gewöhnlich scheint sich auf dem Floss das blühende Leben höchstpersönlich aufzuhalten, jetzt aber haben sich die meisten zurückgezogen. Nur das leichte Tappsen ihrer eigenen Ledersohlen auf den Stämmen, Ysgonans Atem und in weiter Ferne ganz dumpf Arawns Stimme begleiten sie durch die immerwährende Schwärze – bis der Adamarah schliesslich im Schritt innehält und das leise Rascheln von Stoff verrät, dass er einen der Vorhänge zur Seite gerafft hat, um ihr den Eintritt zu erleichtern. Mit einer Hand dirigiert er sie behutsam, aber sicher über die unsichtbare Schwelle, dann streift ein leichter Luftzug ihren Nacken und im nächsten Augenblick ist sie allein. Nein, nicht allein. Von irgendwoher tönt ein Geräusch, dem zarten Rascheln hauchdünnen Pergaments nicht unähnlich, wenngleich auch sehr viel regelmässiger und weicher. Irgendwo links brennt ein Feuer und füllt den bereits stickigen Raum mit noch mehr Rauch und Hitze, die Calait in ihrer Weste und ihren langen Röcken plötzlich das Gefühl gibt einen dicken Lederparka über noch viel dickeren Wollstrümpfen zu tragen. Zusammen mit dem durchdringenden Duft nach goldglühender Asche, Myrre, süssem Sandelholz und vielen anderen Kräutern und Hölzern, die Calait nicht benennen kann, füllt es den Raum wie samtschwarze Schatten.

“Ich habe eine Nachricht für dich, Wolkentochter.“ Beinahe wäre Calait zusammengezuckt, als die Alte spricht und in etwa so klingt, als würden ihre Zähne bei jedem Buchstaben über Schleifpapier kratzen. Die wenigen verbliebenen Zähne, die sie noch hat, denn zwischen den Silben und Absätzen schafft sie es tatsächlich wie ein erschöpfter Breitmaulquaker und ein durchlöcherter Blasebalg zu klingen. Vor Calaits innerem Auge entsteht das Bild einer winzigkleinen, fast weisshaarigen Frau, mit mehr Runzeln als ein Winterapfel, einem gekräuselten Mund und einem feisten Blick aus viel zu wachen Augen. Wie Mammin... Moment... Irgendwo in ihrem Hinterkopf kreischt eine dünne Stimme: Nimm dich in Acht, ungefähr so grosse, verhunzelte, dreizahnige Vielfachmutter und Quälgeist auf elf Uhr!, aber die Alte Duma übertönt sie mit mühelos: „Komm näher.“ Es ist noch nicht ganz ein Befehl, aber auch keine Bitte und Calait hat in schmerzhafter Erinnerung, wie gemein kleine, garstige Schrumpfköpfe werden können, wenn man nicht tut, wie geheissen. Ausserdem hat sie nichts vor der Greisin zu befürchten. Eine alte Frau, die mich sprechen möchte. Was kann sie schon wollen? Wahrscheinlich möchte sie mich darüber belehren, dass mein Verhalten gegenüber den Männern untragbar und in jeder Hinsicht liderlich ist, ich mich gefällig benehmen und meinen Platz kennen soll. Aye. Na dann. Innerlich gegen eine Moralpredigt der alten Adamarah gewappnet, macht Calait einen Schritt nach vorne. „Näher.“ Und noch einen. „Noch näher.“ Und einen weiteren, bis sie mit der Stiefelspitze gegen weiche Kissen stösst. „Und jetzt beug dich zu mir runter, damit ich dich besser sehen kann.“ Himmel, am Ende ist das hier eine Brautschau und ich weiss nur noch nichts von meinem Glück. Trotzdem tut Calait der Alten den Gefallen und beugt sich leicht nach vorne, bis sie den Schweiss und den Atem der Frau riechen kann – als die plötzlich aus für Calait völlig unersichtlichen Gründen ungehalten mit der Zunge schnalzt und ganz trocken anmerkt: „Ha. Tatsächlich: Blind.“

Belustigt ob soviel geballter Weisheit auf einem Haufen gibt Calait ein leises Schnauben von sich, dass ihr prompt ein zweites, ungehaltenes „Ts!“ einbringt. Natürlich ist sie blind. Was hat die gute Frau erwartet? Über die Hintergründe der ebenso wunderlichen, wie auch befremdlichen Feststellung – die ja wohl im wahrsten Sinne des Wortes offensichtlich ist – wird Calait nicht aufgeklärt, stattdessen hat sie plötzlich einen Zeigefinger im Gesicht, der ihr gegen die Nasenspitze tickt. „Weisst du Kind, wir Adamarah blicken auf eine lange und ruhmreiche Geschichte als Boten des Westens und des Herzens zurück und ich selber habe mit eigenen Augen unzählige Sagen und Legenden erwachen und sterben sehen...“ „Ich muss meine Definition von ‚unzählig‘ wohl überdenken, da es um deine Augen noch schlechter bestellt steht, als um meine“, erwidert Calait mit gutmütigem Spott, richtet sich aber gleichzeitig sicherheitshalber wieder auf, sonst kneift ihr die Adamarah am Ende noch tadelnd in ihre Wangen. “Werd nicht frech, Mädchen“, krächzt ihr Gegenüber, röchelt ein bisschen, spuckt einmal aus - mit einem kupfernen „Plings“ zielgenau in einen Spucknapf – ehe sie einfach dort fortfährt, wo sie unterbrochen wurde: „...manche davon in die Ewigkeit gemeisselt, andere nur ein Traum Ealaras.“ Eine Legende. Ein Schmunzeln auf den Lippen lauscht Calait erwartungsvoll, denn tatsächlich sind die Adamarah für ihre Erzählkunst sprichwörtlich legendär und sie und Colevar haben über die letzten Tage Geschichten genossen, so reich und bunt und voller Leben, dass es schwer ist, sie von Erinnerungen zu unterscheiden. „Dein Traum ist alt, Mädchen.“ Mein Traum? „So alt, dass der Schicksalsfüger schwer unter ihm geht. Ich weiss, du hast es gespürt, als du endlich entschieden hast aufzuwachen, aber noch kannst du es nicht sehen. Und weil du es nicht sehen kannst, musst du umso besser zuhören.“ Sich unsicher, ob das typischer Adamarahhumor, oder einfach das unsinnige Gesabel einer viel zu alten Legendenweberin ist, bemüht Calait sich um ihre Züge – und ihre Zunge, die schon wieder juckt - und nickt brav: „Ahja.“ Das bereut sie sofort.

„Hörst du zu?“ Faltige, harte Finger schliessen sich so fest um ihre Hände, dass ihr das Blut in den Adern stockt und ein unangenehmes Kribbeln lässt die Härchen auf ihrer Haut überall dort zu Berge stehen, wo brüchigen Nägel drüberkratzen. „Aye“, versichert sie hastig, „Aye, ich höre“, und versucht sich aus dem klauenartigen Griff zu lösen – erfolglos. Die Adamarah zieht sie sogar noch näher und plötzlich will Calait nicht mehr wissen, was die Alte zu erzählen hat. Doch das interessiert die herzlich wenig und anstatt nachzugeben, müht sie sich mit ungeahnter Kraft in die Höhe und flüstert mit bedeutungsschwerer Stimme: „Du wirst aus deiner Heimat fortgerissen werden und den Schatten ins Auge sehen. Calait bist du und Calait wirst du sein, und das wird den Lauf deines Lebens beeinflussen. Du wirst den Schatten ins Auge sehen. Und du musst darauf vorbereitet sein. Wenn du den rechten Gefährten wählst, werdet ihr die Schatten gemeinsam töten und die Liebe finden, von der die Legenden erzählen. Wenn du aber die falsche Wahl triffst, wirst du untergehen. Wir suchen uns nicht aus, was die Götter uns im Leben schicken. Er wird golden sein, wie er es immer war. Er wird den Tod und das Leben bringen, wie er es immer getan hat. Du wirst ihn sehen, aber nicht erkennen. Du wirst es wissen, aber nicht glauben. Und wenn man es dir sagt, wirst du es nicht hören.“ Golden. Das Wort flammt in Calaits Gedächtnis auf, wie Leuchtfeuer. Golden. Goldene Katz. Golden wird er sein. Mammin! Die Erinnerung schält sich aus den Tiefen ihrer Kindheit wie eine bekannte Gestalt aus dichtem Nebel, Konturen verdichten sich, ewiges Grau weicht längst vergessenen Farben und plötzlich sieht sie sich wieder an dem Feuer sitzen , auf Mammins Schoss, gehalten von liebenden Armen und gefangen in der Legende, welche ihre Urgrossmutter zum Besten gegeben hatte. Lía hatte bereits geschlafen, aber Calait war putzmunter und aufgrund längerer Ruhezeit nach hohen Fieber rastlos gewesen und war zwischen den Hütten umher gestreunt, auf der Suche nach Unsinn und Schabernack. Dort hatte Mammin sie aufgegabelt und sich mit ihr in ihre Hütte zurückgezogen, um den Schlaf mit einer langen Geschichte herbeizulocken. Irgendetwas von einer unsterblichen Liebe, welche sogar das kalte Herz des Grauen erweicht hätte. Und dann...Dann hat sie gesagt: Calait, hör mir gut zu. Calait bist du und Calait wirst du sein, und das wird den Lauf deines Lebens beeinflussen... Die exakt gleichen Worte, wie die Adamarah sie soeben gesprochen hat. Als Calait von dem Wissen eingeholt wird, warum sie diesen Abend aus ihrem Leben verbannt hat, entzieht sie sich der Alten Duma ruckartig und beisst sich fest auf die Unterlippe. Mammin starb in dieser Nacht. Während ich in ihren Armen lag und geschlafen habe. Unbeeindruckt von dem abrupten Rückzug, redet die Adamarah unbeirrt weiter auf Calait ein, der endlose Strom ihres Geplappers geht jedoch im Rausch der Bilder, des Vergessenen und des Erinnerten, unter und Calait verspürt nicht die geringste Lust auch nur eine einzige, weitere Silbe aus diesem faltigen Mund hören.

„Danke“, würgt sie unter Mühen nach oben und bemüht sich um ein kleines Nicken: „Für diese... Geschichte.“ Die Alte schiesst keifend in die Senkrechte und wettert: „Es ist KEINE Geschichte! Es ist...“, aber Calait hat sich bereits umgedreht und ist aus dem stickigen Raum geflohen. Die Hände nach vorne gestreckt tastet sie nach einemWeg hinaus, irrt sich mehr als einmal im Vorhang und erntet ein paar deftige Flüche, als ihr taktischer Rückzug einen Umweg über eine Schlafstatt macht. Gerade noch dabei sich zu entschuldigen, gräbt sich plötzlich ein bekannter, haariger, ohrloser Schädel in ihre Kniekehlen. „Reykir, den Geistern sei Dank. Bring mich hinaus, aye?“ Offenbar hat der Hund ihre Not gespürt – oder einfach das Gepolter gehört, welches sie auf ihrem Weg hinaus hinter sich hergezogen hat. Reykir gibt nur ein leises Grummeln von sich und sie könnte schwören, er schüttelt den Kopf ob ihrer absoluten Unfähigkeit auf sich selber aufzupassen. „Zum Glücke habe ich dich und...“
“Alles in Ordnung?“, kommt ihr Colevar in diesem Augenblick entgegen und sie fühlt seinen Blick auf sich – und die Worte ohne Sinn formen sich plötzlich zu einem Gesicht. Seinem Gesicht. Er wird golden sein, wie er es immer war. Er wird den Tod und das Leben bringen, wie er es immer getan hat. „Calait?“ Goldene Katz. Goldenes Haar. Schwer wie glatt wie nasse Seide. Und der Tod ist sein Gefährte. Die besorgte Note in seiner Stimme wird eine Spur eindringlicher, als er näher zu ihr tritt, derweil sie, unfähig sich zu rühren, an Ort und Stelle verharrt wie festgenagelt und sich mit aller Macht gegen die Schlinge sträubt, die sich mitsamt der Erkenntnis um ihren Hals legt. Das ist absurd. Das kann nicht sein. Das ist... Der Satz endet mit ‚unmöglich‘, aber die letzten fünf Jahre haben sie gelehrt, dass es nichts gibt, was unmöglich ist. Sieben Leben wirst du haben, Goldene Katz. Das hat die Turbanschnepfe gesagt. Zu Colevar. Sieben Leben wirst du haben, Goldene Katz. Sechsmal wirst du sterben, ehe es darauf ankommt. Colevar bist du und Colevar wirst du sein. Du wirst an einen Hof kommen, der keiner ist und dann irgendetwas mit seiner Frau. Sie erinnert sich sehr genau an die seltsame Prophezeiung, die Kal Lanar aus Colevars längst vergangenen Tagen in Azurien in die Gegenwart geholt hat. In jener geheimnisvollen Sithechnacht, in der alles angefangen hatte. Aber wenn diese Prophezeiungen irgendetwas miteinander zu tun haben... dann... dann... Sie war ein kleines Mädchen, als Colevar zum ersten Mal damit konfrontiert wurde. Calait bist du und Calait wirst du sein. Und Colevar ist...
Der Mann, der ihr schon fast auf den Zehen steht und sie bestimmt gleich an den Schultern packen und schütteln wird, wenn sie nicht in den nächsten drei Augenblicken ihren verdammten Mund aufmacht. „Zum Dunklen, Calait, sag en...“ „Kal Lanar.“ Es ist das Erstbeste was ihr einfällt und weder wie eine hohle Lüge klingt, noch irgendetwas mit der Wahrheit zu tun hat. Hilflos und absolut unfähig sich zu bewegen, hängt Calait in seinem Griff und hört das Klopfen ihres Herzens hohl in ihrer Brust dröhnen. „Sie hat...“, am liebsten hätte sie die Gänsehaut, die noch immer in ihrem Nacken klebt, abgestreift, wie eine Schlange ihre Haut, stattdessen atmet sie einmal tief durch und schafft es irgendwie abweisend zu klingen:

„Sie hat das zweite Gesicht und von uns geträumt. Sie wollte mich vor dem Feuer warnen, dass ihm in der Nacht vor unserer Hochzeit das Leben kosten würde. Ich glaube sie hat keinen blassen Schimmer, dass diese Warnung zehn Jahre zu spät kommt. Ich habe versucht es ihr zu erklären, aber sie hat nur darauf beharrt: Sei wachsam wenn der glückliche Tag naht, denn die Nacht voller Leid geht ihr voraus.“ Dabei Es fällt ihr fast schon unverschämt leicht, diesen ganzen Nonsens aus leerer Luft und eigenen Erfahrungen zusammenzustückeln, aber wer, wenn nicht Skalden, Barden und Geschichtenerzähler sind die kreativsten Ausredenerfinder und Tatsachenverdreher? Jeder hat seine Talente. Zu ihren zählt es eindeutig Worte zu ihren Gunsten zu biegen, bis der andere genau das hört, was er hören will. Oder zumindest soll. Es fühlt sich an wie Verrat.
Patsch! Ein ordentlicher Klapps aus ihren Hinterkopf lässt Calait zusammenzucken und herumfahren: „Uh!“, aber hinter ihr ist niemand. Jetzt fang ich auch noch an zu halluzinieren...
Nein, meldet sich prompt eine heissgeliebte, aber im Augenblick mehr als unerwünschte Stimme zwischen drei Zahnlücken nicht wirklich hilfreich zu Wort: tust du nicht. Aber verdient hast du’s! Ich habe meine Enkel nicht zu Lügnern erzogen!
„Calait?“
Hastig dreht sich Calait zu Colevar zurück, überlegt sich, ob eine Ohnmacht ausreicht, um ihn von Mammins Anwesenheit abzulenken, entscheidet das härtere Geschütze aufgefahren werden müssen, und grinst für eine Sekunde, bevor schon die ersten Tränen ganz wunschgemäss über ihre Wangen rinnen und ihr damit einen Hauch halb belustigter, halb verzweifelter Traurigkeit verleihen. „Ich...“, schnieft sie, legt ihre Hände über seine und schiebt diese sanft von ihren Schultern: „Ich brauche etwas...“ Verstand?, keift es prompt hinter ihrer Stirn. „... Luft. Bitte.“ Sie kann nicht sehen, ob er wirklich damit einverstanden ist sie gehen zu lassen, und ihr Innerstes ist zu aufgewühlt, um irgendetwas anderes wahrzunehmen, als das Toben und Rasen hinter ihrer Stirn, aber er lässt sie los und mit einem kleinen Nicken wendet sie sich von ihm ab. Ihre Flucht treibt sie bis an den Bug des Flosses, wo sie durch das Wasser abrupt ausgebremst wird. Für den Bruchteil einer Sekunde erwägt sie ein kaltes Bad zu nehmen – und erst wieder aufzutauchen, wenn die Welt in die Waagerechte zurückgekippt ist -, setzt sich stattdessen hin und erinnert sich, dass sie atmen muss. Stimmt. Atmen. Ein. Und. Aus. Und. Ein. Und... MAMMIN!

Mammin lässt sich nicht zweimal bitten, sondern schält ihre Präsenz so rasch aus dem Zwielicht, dass Calait den Verdacht hegt, ihre Grossmutter hat hinter dem Schleier auf die nächstbeste Gelegenheit gelauert. Schätz...
Schätzelchen mich nicht, Mammin. Fährt Calait ihrer Urgrossmutter barsch über den Mund. Du sagst mir jetzt auf der Stelle was los ist! Was hat es mit diesen Prophezeiungen auf sich? Was mischen du und Kal sich ein? Was hat das mit Xinera zu tun? Und komm mir bloss nicht mit ‚Das weiss ich nicht’denn duweisstessehrwohl! DU warst es schliesslich, die mir damals zum ersten Mal gesagt hast: Calait bist du und Calait wirst du sein. Erinnerst du dich? Natürlich erinnerst du dich. Wag es nicht zu behaupten, du würdest dich nicht er... Ein kaum hörbares, schweres Seufzen unterbricht ihren gedanklichen Redefluss abrupt, dann gesteht Mammin ebenso leise: Ich erinnere mich, Calait. Sehr gut sogar. Wer wäre ich das jemals vergessen zu können. Bitterer Schmerz schwingt untergründig in dem Geständnis mit und lässt Calait leise schlucken, aber es ist zu spät. Es gibt kein Zurück mehr. Es gab schon kein zurück mehr, als wir aufgebrochen sind.
Es gab nie ein zurück, Calait. Nicht seit...

Seit wann?

Lange.

Lange ist mir nicht genug. Wie lange?

Tausend Jahre.

Tau... send Jahre...
Das ist eine Zahl, unter der Calait sich überhaupt nichts vorstellen kann. Es klingt erschreckend nach ‚schon immer‘ oder ‚eine halbe Ewigkeit‘.

Du willst mir sagen, dass es diese Prophezeiungen schon seit tau...send Jahren gibt? Wie kann das sein? Damals habe ich nicht gelebt. Und ich bin auf keinen Fall tau...send Jahre alt.

Ja und nein.

Ja und nein? Macht dir das Spass, mich an der Nase herumzuführen?


An dieser Stelle besitzt Mammin tatsächlich den Anstand zu schweigen. Calait indes gibt ein entnervtes Schnauben von sich und entscheidet sich die Sache anders anzugehen, immerhin scheint Mammin durchaus bereit ein paar Fragen mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ – oder beidem – zu beantworten.

Dieser Goldene, von dem in der Prophezeiung die Rede ist. Also in meiner Prophezeiung. Damit ist Colevar gemeint, nicht wahr? Colevar ist der Goldene.

Ja.

Der das Leben und den Tod bringt.

Ja.

Und der mein wahrer Gefährte ist?

Ja!

Nein!

Doch!

Nein!

Doch!

Nein!

Doch!

...
...
...

Calait?

Nein!

Schätzchen, überlass das den Frauen unter uns, die wissen wovon sie reden und lass mich dir versichern, dass...

Ich liebe ihn aber nicht.


Ein Moment lang ist es still, dann: Calait, du..., doch Calait lässt sie gar nicht erst ausreden. Mit einem unterdrückten Aufschrei tritt sie mit dem Fuss ins Nichts und dieses Mal sind die Tränen echt, als sie in Gedanken schreit: Ich liebe ihn nicht! Ich.Liebe.Ihn.NICHT! Nicht so. Und keine verdammte Prophezeiung der Welt kann mich dazu bringen. Er hat Lía geliebt. Wirklich geliebt, aber sie hatte keinen Platz in seinem Leben. Er wird eine andere Frau finden, eine die ihn glücklich macht, die sein Lachen aufleben lässt, seine Bitterkeit umarmt und seine Seele wärmt, aber das bin nicht ich. Ich kann seine Tage füllen, ich kann ihm Trost bieten und ich kann ihn sogar hin und wieder erheitern, ich liebe ihn wie meinen Bruder und der beste Freund, der er ist, aber ich bin nicht... seine Frau. Das werde ich nie sein und ich werde ganz bestimmt nicht die schamlose Dreistigkeit besitzen, es zu versuchen. Niemals werde ich Colevar auf diese Art und Weise verletzen, niemals, habt ihr mich gehört? Ihr alle! Wer auch immer gerade das Kommando führt, der soll jetzt gut zu hören: Keine weiteren Prophezeiungen, keine kryptischen Mitteilungen, keine Einmischung. Weder ich, aber ganz besonders Colevar haben es verdient von irgendwelchem Geistergesocks munter auf dem Weltengeschehen hin und her geschoben zu werden. Verschwindet aus unserem Leben und nehmt eure Prophezeiungen mit!
Die mütterlichen Weisheiten enden abrupt, wie von einem Messer abgeschnitten und für einen sehr langen Augenblick herrscht ausnahmsloses Schweigen zwischen ihnen, bevor Mammin sich verstohlen räuspert und wäre es nicht, dass sie ein Geist ist, hätte Calait das Gefühl gehabt ihre Grossmutter hätte sich ganz nah zu ihrem Ohr hinabgebeugt, beziehungsweise hochgestreckt, um heimlich etwas hineinzuflüstert.
Also gut, Schätzchen. Na gut. Ich werds dir sagen. Hör gut zu, denn dugmrbblmddgggnnnnffffffhhhh... Plötzlicher Frost schwappt über Calaits Schultern, kriecht unter ihre Strümpfe und ihren Umhang und lässt sie kalt... und alleine zurück. Verwirrt hebt sie den Kopf, dreht ihn nach links, dann nach rechts, streckt ihre Sinne in alle Richtungen, aber wo eben noch die unverwechselbare Geisterpräzens ihrer Grossmutter schwebte ist... nichts mehr.
„Mammin?“ Die Antwort ist absolute Stille. Spontaner Ärger kocht in Calait hoch und angriffslustig schüttelt sie dem nachtschwarzen Himmel ihre geballten Fäuste entgegen. „Willst du mich veräppeln?! Mammin! Das... das kannst du nicht machen. Komm auf der Stelle zurück, du feige, alte Schachtel. Sofort! Oder ich schwör dir, ich lass dich von dem nächstbesten Wiesendruiden aus der Zwischenwelt zerren und... und...“ Aber alles halbblaute Zetern und Keifen will nicht helfen. Mammin bleibt verschwunden und nicht einmal so viel wie ein nebulöser Hauch von Geisteranwesenheit bleibt zurück. Noch ein paar Mal verflucht Calait alle Geister und ein paar im Besonderen, ehe sie die Beine anzieht und ihr Kinn auf ihren Knien abstützt.

Die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen bemüht sie sich irgendeine Ordnung in das Chaos zu bringen, welches Mammin und die Alte Duma angerichtet haben. Sowohl in der Kultur der Resande, als auch in der Kultur des Wolkenvolks ist der Glaube an Prophezeiungen fest verankert und Calait, die von ihnen singt und auch erzählt, ist der festen Überzeugung, dass sie existieren – aber sie weiss auch, dass manche nur aus wilden Gerüchten geboren, oder aus dem Mund eines Schwachsinnigen gespuckt werden und nicht jede Prophezeiung hält, was sie verspricht. So muss es auch mit diesen beiden sein. Sie können nicht wahr sein. Mein wahrer Gefährte. Pah. Er behandelt mich wie seine kleine Schwester. Vielleicht wie seine liebste, kleine Schwester, aber bestimmt nicht wie die Frau, die für ihn bestimmt ist. Und ich... Tief durchatmend kehrt Calait ihre Sinne nach Innen und sucht. Sucht nach nur einem einzigen Funken, der ihre eben erst gesprochenen Gedanken Lügen strafen könnte, aber da ist nichts. Sie findet Hingabe und Treue, innige Freundschaft und geschwisterliche Liebe und auch eine ganze Menge gefährlicher Leidenschaft, aber nichts, was der Beschreibung in der Prophezeiung auch nur annähernd gerecht werden würde. Ich liebe ihn nicht. Eine Wahrheit, die sie auf unerfindliche Weise schmerzt, aber der sie deshalb noch lange nicht klein bei geben wird. Nein, ich liebe ihn nicht und das macht diese beiden Prophezeiungen zu dem Schwachsinn, den wir jetzt nicht brauchen können. Das Kinn herausfordernd nach vorne gereckt kämpft Calait sich in die Höhe, ordnet ihre Kleidung und entscheidet sich, dass es an der Zeit ist sich darauf zu konzentrieren, was vor ihnen liegt: eine lange, unangenehme Reise und eine noch viel unangenehmere Familienzusammenkunft.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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Monday, November 25th 2013, 11:14am

Ein Schiff wird kommen...


Es ist ein verregneter, grauer Tag Anfang Sonnenthron - andere Tage scheint dieser völlig ertrunkene Sommer überhaupt nicht mehr zu bieten zu haben - als die Loodiana, das Schiff, das die Adamarah ihnen für die Reise nach Immerfrost ans Herz gelegt hatten, bei Krommerijn anlegt. Colevar hat Calait bei Reykir in der Taverne zurückgelassen, während er selbst draußen im Nebel hin und herwandert, weil er es drinnen in ihrer Nähe nicht aushält, und beobachtet das Anlegen der Karavelle. Mit äußerst gemischten Gefühlen wartet er, bis die Seeleute der Loodiana an Land sind, ehe er den erstbesten Mann der bunt zusammengewürfelten Schar anspricht, der ihm über den Weg läuft. Eine Überfahrt zu arrangieren ist jedoch glücklicherweise tatsächlich so einfach, wie die Flussleute es ihm versprochen hatten und bedarf nur weniger Worte, der Rest ist reines Feilschen. Der Kapitän, ein kleiner, gutmütig aussehender Mann namens Govard mit bärtigem Gesicht und der Figur einer Birne, ist nicht sonderlich misstrauisch und bereit, sie als Passagiere mitzunehmen... und er stellt keine neugierigen Fragen. Allerdings wartet er noch auf eine kleine Lieferung, die er in drei Tagen hier an Bord nehmen will. Hier? Krommerijn ist ein winziger Hafen irgendwo am Südufer des Rhaín zwischen Schelpen und den Ruinen von Sædor, in dem sich Möwe und Seehund geruhsame Nacht wünschen. Es hat einen einzigen halbvermoderten Kai, und auch sonst ist kaum etwas los. Außer jetzt der Loodiana liegen hier nur ein paar Fischerboote vertäut. Colevar hat keine Ahnung von Handelsschifffahrt, aber selbst ihm ist klar, dass es sich bei der 'kleinen Lieferung' höchstwahrscheinlich um Schmuggelgut handelt, das hier, fernab von Zöllnern und Hafeninspekteuren, aufgenommen werden soll. Aber auch er ist freundlich und stellt keine neugierigen Fragen, was ihm ein amüsiertes Zwinkern des Kapitäns und ein Schulterklopfen obendrein einbringt, wobei Govard sich jedoch soweit auf die Zehenspitzen stellen muss, dass er beinahe gegen ihn gekippt wäre. Also heißt es warten. Wieder einmal.

Die Hauptattraktion - und mit Abstand das wichtigste Gebäude des kleinen Fischerdorfes (glaubt man dem Wirt) - ist seine schmuddelige Taverne. Die Krommerijner bezeichnen das Haus zwar mit stolzgeschwellter Brust als "Gasthof", doch der 'Klabauternarr' ist so eng und düster, dass er schon mit den vier ortsansässigen Säufern und der halben Mannschaft der Loodiana aus allen Nähten platzt, von ihnen beiden ganz zu schweigen. Calait und er haben auch das einzige "Gästezimmer", auch wenn Colevar den Verdacht hegt, dass es sich dabei eigentlich um die Kammer der beiden Schankmaiden handelt, die nach ihrer Ankunft hier kurzerhand zu den Schweinen in den Stall ausquartiert worden waren - jedenfalls riechen sie so. Calait hatte sich die ganze Nacht auf der schmutzigen Strohmatratze hin und her gewälzt, und dabei unablässig über verflixte Wanzen geschimpft (oder sich beschwert, ihr sei so kalt). Er hatte ihr seine Decke gegeben (was wohl nicht das gewesen war, was sie hatte erreichen wollen) und mit seinem Umhang auf dem Boden vorliebgenommen. Dabei hatte er zwar sich selbst verflucht und sich wohl zum hundertsten Mal auf dieser Reise geschworen, Templer zu werden, aber wenigstens Abstand gewahrt... und prompt die Bekanntschaft mehrerer Schaben und einer Ratte gemacht. Letztere hatte ihr vorzeitiges Ende jedoch als Mitternachtsimbiss in Reykirs Magen gefunden. Seit zwei Tagen warten sie bereits hier in Krommerrjin auf die Loodiana, und nach ebenso vielen Nächten in diesem Drecksloch von Gasthof erscheint ihm die Aussicht, mehrere Tage auf offener See zu sein längst nur noch halb so furchtbar... trotzdem wird ihm schon beim Anblick der friedlich am Kai schaukelnden, schlanken, zweimastigen Karavelle flau im Magen. Er weiß vielleicht kaum etwas über Schifffahrt, aber selbst er ahnt, dass eine Durchquerung der Bucht von Fa'Sheel hinauf nach Norden in einem kaum mittelgroßen Schiff wie diesem vermutlich auch seetauglichere Gemüter als seines erschüttern würde. Und er ist alles andere als seetauglich. Schon auf dem Adamarahfloß war ihm mehr als einmal speiübel gewesen und das, obwohl sie die allermeiste Zeit auf absolut ruhigem, langsam dahinströmendem Flusswasser verbracht hatten.

Wir hätten in Drakensward einen der Silbermeerfahrer nehmen sollen, auch wenn uns das das Dreifache gekostet hätte... Bei diesem Gedanken verdüstert sich seine Miene. Sie hatten in der lebendigen Hafenstadt am Südufer des Rhaín - das mächtige Fa'Sheel am Nordufer des Flusses, hatten sie alle lieber gemieden - nur kurz Halt gemacht. Die Adamarah hatten ihre Waren getauscht und einige Pakete und Botschaften abgeliefert, und Calait und er selbst hatten die Märkte besucht, ihre Vorräte und Heilmittel aufgestockt, und außerdem allerlei Kleinigkeiten für ihre Familie besorgt, die sie ihnen mitbringen will. Dabei war sie so glücklich und so wunderschön in ihrer freudigen Ausgelassenheit gewesen, dass er all seine Bedenken und jeden einzelnen seiner heroischen Vorsätze, einschließlich der Aussicht auf ein zölibatäres Templerleben (ganz besonders das), um Haaresbreite in den Wind geschlagen, und sie beinahe mitten auf dem Kräutermarkt zwischen durchdringendem Salbeigeruch und dem staubigen Duft getrockneter Kamille geküsst hätte - und zum Dunklen mit dem, was sie davon halten würde. Narr! Narr! Narr! Dann hatten die Flussleute sie hierher geführt - über Land, allen Göttern sei Dank! - noch ein paar Botschaften überbracht, und sie dann hier im Nirgendwo mit der Anweisung zurückgelassen, auf die Loodiana zu warten, die nach Harju in Immerfrost fahren würde. Hmpf! Die Aussicht, über das Meer zu segeln, behagt ihm immer noch überhaupt nicht... und es in einer besseren Nussschale tun zu sollen noch viel weniger. Calait hingegen scheint ihrer Seereise geradezu entgegenzufiebern und ist furchtbar aufgeregt. Wäre sie nicht blind, würde sie vermutlich binnen zweier Tage wie ein Äffchen in den Aufbauten herumklettern und sich häuslich im Krähennest niederlassen.

Als Colevar durch den trüben Nebel zum 'Klabauternarr' zurückkehrt, drückt sie jedenfalls ihre sommersprossige Nase schon an der noch trüberen Fensterscheibe (der einzigen der Spelunke) platt, als wäre sie tatsächlich nicht blind und könne irgendetwas draußen erspähen. Vermutlich dich. Er kann sich noch so viel Mühe geben, ihr nicht zu nahe zu kommen, ihre – natürlich immer rein zufälligen – Berührungen zu vermeiden und auch sonst alles versuchen, um so weit auf Abstand zu gehen wie nur irgend möglich, sie unterläuft all seine Paraden mit der allergrößten Selbstverständlichkeit und ignoriert sein distanziertes Verhalten inzwischen derart penetrant, dass er allmählich davon überzeugt ist, sie reizt ihn mit voller Absicht. Gestern Abend hatte sie sich in der vollen Schankstube einfach auf seinen Schoß gesetzt und unter allgemeinem Beifall frivole Lieder zum Besten gegeben – und er ist sich ziemlich sicher, dass ihre Hüften sich nicht zwingend im Takt ihrer Melodien hätten bewegen müssen. Durchtriebenes kleines Biest! Nachdem sie wochenlang auf alle möglichen Arten versucht hatte, ihm zu entlocken, was bei Mammins Kinnwarze nur in letzter Zeit mit ihm nicht stimme, er hingegen immer verschlossener und wortkarger geworden war, hat sie sich seit ihren Tagen bei den Adamarah nun anscheinend darauf verlegt, es darauf ankommen zu lassen und ihn mit ihrer dreisten Aufdringlichkeit schier um den Verstand zu bringen. Yffern! Verdammt und dreimal verdammt... Vielleicht kommt diese Schiffsreise gerade recht, ganz gleich, wie schlimm es werden würde. Er würde sich die sechs Tage lange Überfahrt nach Harju vermutlich die Seele aus dem Leib kotzen und sich wünschen zu sterben, aber wenigstens würde er sich nicht dauernd nach ihr krank sehnen. Allein für diesen Gedanken hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt.

Die Flut beginnt kurz vor der Stunde des Hahns und der Tidenhub ist - bedingt durch die Trichterwirkung der Rhaínmündung - überraschend groß. Der Himmel ist blassblau und ausnahmsweise völlig wolkenlos, und die Schlammbänke des Ufers erstrecken sich schiefergrau und glänzend jenseits des Hafens. Hatte Colevar sich schon beim Anblick des schlanken, kleinen Schiffes am Kai gefühlt, als habe er etwas gegessen, das er überhaupt nicht vertragen hat, so bricht ihm jetzt, als er auf dem Deck steht, der kalte Schweiß aus und seine Eingeweide fühlen sich an wie ein verknotetes Schlangennest. Filidh und Snerra sind im Frachtraum untergebracht, ihr Gepäck ist verladen und auf der Loodiana herrscht organisiertes Durcheinander. Sie versuchen, niemandem im Weg zu sein, und er geht zwar bereitwillig bei allen Arbeiten zur Hand, die eher Kraft als seemännisches Können erfordern, doch meist steht er einfach nur neben Calait, die er in diesem Gewühl und auf dem ihr noch völlig fremden Schiff schlicht nicht allein lassen kann. Er kann sie dummerweise aber auch nicht wie sonst einfach Reykirs Obhut übergeben, da der Hund jeden zu nahe an ihr vorbeidrängelnden Seemann (und das sind im Augenblick praktisch alle), am liebsten gefressen hätte. Also bleibt er einfach bei ihr, redet sich fleißig ein, das sei nun einmal ein notwendiges Übel und stelle keine Gefahr für seinen Seelenfrieden dar (Ha!), und beobachtet sehnsüchtig die Uferlinie. Schließlich ist alles getan und ihr Aufbruch steht unmittelbar bevor. Mehrere Männer springen auf den Kai, um die Vertäuung zu lösen, Taue werden aufgeschossen (was immer das bedeuten mag) und Luken dichtgemacht. Irgendjemand brüllt mit einer Stimme wie Eisenrost laute Befehle, während sich überall um sie her das Tauwerk strafft und sich mit lautem Flapp! die Segel blähen. Colevar spürt, wie das Deck unter seinen Füßen bebt und wird blass um die Nase. Calait hingegen vibriert wie eine Bogensehne und seufzt so tief, dass er es nicht nur hört, sondern spürt. "Es geht los!" Verkündet sie überflüssigerweise und er nickt grimmig. "Aye." Knapper kann man das Wort nicht mehr aussprechen. Sie prustet leise, legt ihm aber mitfühlend die Hand auf den Arm. "Bring mich nach unten. Ich koche dir heißen Tee aus Alraune, Ingwer und Meerträubel, das hilft angeblich am besten gegen Seekrankheit und du legst dich hin..."
Er kann gerade noch den Kopf schütteln, dann übergibt er sich einmal - das erste Mal von vielen in den folgenden Stunden und Tagen - geräuschvoll über die Reling. Dennoch weigert er sich unter Deck zu gehen, so lange die Küste noch in Sicht ist. Wann immer er also in den nächsten Stunden nicht würgend in graues Wasser starrt, kann er sehen, wie die Rhaínlande allmählich in der Ferne versinken. Man könnte auch sagen: hin und wieder erhascht er einen kurzen Blick auf das schwindende Land.

Drei Stunden später sind die flachen, sandigen Strände endgültig hinter ihnen im Dunst verschwunden und Colevar, der sich inzwischen gut zwei Dutzend Male übergeben hat, lässt sich bereitwillig von einem der Schiffsjungen unter Deck bringen, während Calait sich an seinem Hemdsärmel festhält und etwas von "sturem Kerl" vor sich hin schnaubt. Nun büßt er dafür, dass er sich von den Adamarah zur Fahrt auf diesem Schiff hatte überreden lassen, und das nicht nur wegen seiner Seekrankheit. Die Loodiana ist klein, und außer der des Kapitäns, gibt es nur eine weitere Privatkajüte, die noch dazu in etwa die Größe eines Heringsfasses hat (die einzige Schlafkoje nicht mitgerechnet). Und nicht nur das: trotz seiner anfänglichen Weigerung nach unten zu gehen, hat er sich insgeheim an die Hoffnung geklammert, dass seine Übelkeit vielleicht nachlassen würde, sobald er den Horizont nicht mehr sehen würde, doch dem ist nicht so - kaum haben sie sich in die Enge der Kajüte gezwängt, übergibt er sich schon wieder, diesmal in eine gerade noch von dem Schiffsjungen herbeigezerrte Schüssel. Calait, die sich rasch mit ihrer winzigen Bleibe vertraut gemacht hat, scheucht die hereindrängelnden Hunde zurück auf den Gang und ihn in die Koje, die allerdings aus Platzgründen nicht für einen Mann seiner Größe ausgelegt ist (was allerdings kaum eine Rolle spielt, da er sich ohnehin nur würgend zusammenkrümmt). Sie schnappt sich den Schiffsjungen, Mads, bevor der sich wieder verdrücken kann und heißt ihn, ihr den Weg zur Kombüse zu zeigen und obendrein ihre lederne Tasche mit den Heilkräutern mitzunehmen. Dann schärft sie ihm selbst ein, liegen zu bleiben und die Augen geschlossen zu halten, eine Aussage, die ihn zum Lachen gebracht hätte, wäre ihm nicht so entsetzlich elend. Auch gut - er kann ohnehin überhaupt nichts anderes tun. "Glaubt sie vielleicht ich stehe auf und tanze einen Reel sobald sie außer Sicht ist..." murmelt er mit geschlossenen Augen, doch schon das dazugehörige Fragezeichen, wenn es auch ein rein rhetorisches ist, geht in neuerlichem Würgen und Spucken unter.

Es dauert drei Tage, bis Calaits Tee endlich Wirkung zeigt und das Kotzen aufhört – und einen weiteren, ehe er wieder halbwegs auf den Beinen ist. Immerhin scheint ihr übel riechendes und noch scheußlicher schmeckendes Gebräu aus Ingwer und Meerträubel durchaus zu helfen, denn als er - am vierten Tage auferstanden von den Toten - an Deck wankt, hat er sich nach drei Tagen Dauererbrechen schon seit immerhin fünf Stunden nicht mehr übergeben und verspürt tatsächlich so etwas wie Hunger. Wir danken den Göttern schon für die kleinsten Gaben. Schwach wie ein neugeborenes Kätzchen und blass wie ein Leichentuch, aber auf seinen eigenen Beinen, sitzt er also an der frischen Luft, vermeidet jeden Blick auf Wasserlinie und Horizont und isst brav in Hühnerbrühe getunkten Schiffszwieback. Mehr hat Calait ihm nicht erlaubt. Es hat ihn überhaupt nicht überrascht, dass die Mannschaft sie in der Zwischenzeit nicht nur ohne großes Murren als Schiffsheilkundige akzeptiert hat, sondern längst als eine Art gern geduldetes Maskottchen ansieht. Kapitän Govard hatte ihm erklärt, dass auf kleinen Handelsschiffen meist nicht einmal einfache Barbiere oder Bader mitreisen würden. Für gewöhnlich sind es also entweder der Koch, der Schmied oder deren Frauen, die es übernehmen, die alltäglichen größeren und kleineren Verletzungen der Matrosen oder an Bord ausbrechende Krankheiten zu kurieren, und das oft nicht mit dem gewünschten Erfolg. Die Männer der Loodiana wissen daher ganz genau, was sie an Calait haben und nehmen ihre Dienste gern und ausgiebig in Anspruch... schließlich würden sie alle auf diesen unerwarteten Segen wieder verzichten müssen, sobald ihre Passagiere in vier Tagen in Harju wieder an Land gehen würden. Während er sich also die Seele aus dem Leib gekotzt hatte, war sie neben ihrer Sorge um ihn auch damit beschäftigt gewesen, die üblichen Quetschungen, Prellungen und kleineren Wunden zu versorgen... aber da die Besatzung der Loodiana nur aus etwa gut dreißig Mann besteht, hatte sie damit eher wenig zu tun - ihr anstrengendster Patient war zweifellos er, wie ihm mehrfach versichert wird.

Nachdem er unter Calaits wachsamen Blicken gegessen und auch alles bei sich behalten hat, begeht er den großen Fehler, nach etwas "Richtigem" zu fragen und erntet prompt einen bitterbösen Blick. Dann wird ihm eingeschärft, er bekomme die nächsten paar Tage ganz bestimmt nur Suppe, leichte Kost und vielleicht ein paar in Essig eingelegte Gurken oder, wenn er ganz brav und anständig wäre, auch ein Ale, schließlich habe er drei Tage lang nur gespien und müsse seinen Magen noch schonen. "Hmpf." Ja-a, er war seekrank, aber jetzt ist er wieder auf den Beinen und sein Magen sagt eindeutig etwas anderes als Essiggurken und Ale. Und brav warst du auch noch nie... Kaum dreht sie ihm den Rücken zu, um sich von Mads, dem Schiffsjungen, zu einem ihrer anderen Schützlinge bringen zu lassen, einem Seemann namens Maarten, der sich den Daumen mit einem Marlspieker durchstoßen hatte, macht er sich, begleitet von Reykir auf, das Schiff zu erkunden – und, wenn ihm Sithech gnädig ist, irgendwo etwas Essbares aufzutreiben, das nicht aus Brühe und Eingeweichtem besteht. Er ist immer noch ziemlich wacklig auf den Füßen, aber immerhin, er ist auf den Füßen. Im dunklen Schiffsrumpf sieht Colevar zuerst nach Filidh und Snerra, die ihn mit leisem Schnauben begrüßen und zufrieden an ihren Heurationen knabbern, scheucht eine fette Ratte auf - obwohl die Loodiana ein verhältnismäßig sauberes Schiff ist -, die augenblicklich in Reykirs Magen landet, und findet schließlich, seiner Nase folgend, eine blitzblank gescheuerte Kombüse aus der es verführerisch duftet. Es kostet ihn einige Überredungskunst dem Koch - beim Anblick desselben, der blinkenden Herrlichkeit seines Reiches und dem, was er gerade tut, nämlich ein Stück saftiges Schweinefleisch mit Knoblauch, Pfeffer, Salz und duftendem Kreuzkümmel einzureiben, bekommt Colevar eine vage Ahnung davon, woher Kapitän Govard seine runden Formen hat - etwas anständiges zu Essen abzuschwatzen, aber er schafft es. Das Hochgefühl dieses kleinen Triumphes trägt ihn mitsamt seiner Beute und dem Hund im Schlepptau sogar bis in den hinteren Frachtraum, wo er sich zwischen Fässern mit kostbarem Rhaínwein und vertäuten Ballen rhaínländer Leinens daran macht, das erbeutete Eisbein zu vernichten. Es duftet sogar noch schwach nach dem Weinkraut, in dem es gekocht worden war und er ist so ausgehungert, dass er jeden Eid geschworen hätte, noch nie irgendetwas auch nur annähernd so gutes gegessen zu haben. Anscheinend ist er tatsächlich auf dem Weg der Besserung und hat das Schlimmste hinter sich. Natürlich kommt es, wie es kommen muss und Calait findet ihn. Wie es scheint, hat er das Schlimmste nicht hinter sich, sondern vor sich - ihr Gesichtsausdruck gleicht jedenfalls frappierende dem eines der Racheseharim auf dem Bildnis von Sithechs Hochgericht. Er hat den Mund noch voller Fleisch vom letzten Bissen, also kaut und schluckt er hastig und schafft es sogar noch, das verräterisch angenagte Eisbein hinter seinem Rücken zu verstecken, ehe sie ihn erreicht. Manchmal fragt er sich wirklich, wie sie ihn immer findet, blind wie sie ist.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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Saturday, December 14th 2013, 1:27pm

Sie hätte es wissen müssen. Immerhin hätte sie es genauso gehandhabt. Brav, wenn auch widerwillig den gehorsamen Patienten mimen und kaum dass der Heiler einen Augenblick nicht aufpasst, davonschleichen und sich etwas anderes als trockenen Zwieback zum Beißen suchen. Als sie Colevar weder an Deck, noch in ihrer Kajüte und auch sonst nirgendwo in den Zwischendecks ausmachen kann, weiß sie daher sofort was die Stunde geschlagen hat und steuert zielstrebig die Kombüse an. Die ist sogar für eine Blinde wie sie leicht zu finden, denn alles was sie tun muss ist ihrer Nase und dem herrlichen Duft nach geschmolzener Butter, in Kräuter eingelegtem Fisch und süßem, bestimmt noch warmen Brot folgen. Im Gegensatz zu Colevar gelingt es ihr mit nichts weiter als einem einnehmenden Lächeln – und zwei unübersehbaren Argumenten (natürlich ist hier nur die Rede von ihren schönen blauen Augen) - und einen paar gezuckerten Komplimenten dem Koch die gewünschten Informationen aus der Nase zu ziehen: Colevar ist hier gewesen. Und hat es tatsächlich geschafft sich ein ganzes Eisbein zu ergaunern und das obwohl er keine so schönen... blauen Augen hat. Na warte. "Und wohin ist er verschwunden, Gellert?" "Richtung Frachtraum." Ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen bedankt sie sich bei dem Koch, lobt noch einmal in höchsten Tönen seinen vorzüglichen in Zitrusöl gewendeten Seewolf – an dem sie sich tatsächlich rund essen könnte -, und eilt dann den Gang hinab zur nächsten Stiege, die in den hinteren Laderaum führt. "Colevar?" Keine Antwort. Das einzige Geräusch hier unten ist das schwerfällige Ächzen und Knarzen des Schiffsleibs um sie herum. "Colevar? Ich weiß genau, dass du hier bist." Aber so leicht gibt er nicht auf und mit ausgestreckten Händen tastet sie sich langsam vorwärts, tiefer hinein in das Gewirr aus Fässern, Kisten, Tauen und Säcken. "Warte bis ich dich erwische", droht sie ihm. Wenn ich dich denn verdammt nochmals sehen könnte. Scheiße. "Colevar! Wehe du verschwindest jetzt in den Schatten! Untersteh dich!"

Letztendlich verrät ihn seine hart erkämpfte Beute. Das Eisbein, dessen verführerischer Duft sie zielsicher zu seinem Versteck lotst. "Ha!", zischt Calait, als sich seine Präsenz schließlich unmittelbar vor ihr aus der immerwährenden Dunkelheit schält. Ihr Zeigefinger, dem sie ihm in rechtschaffenem Ärger in die Brust bohren möchte, schießt allerdings ins Leere und einen Moment lang huschen ihre Hände suchend durch die Luft, bis sie endlich Stoff zu fassen kriegen. Zur Sicherheit, nur falls er noch einmal auf den Gedanken kommen sollte, verschwinden zu wollen, krallt sie sich mit ihrer Linken an seinem Hemd fest, reckt sich zu ihren stolzen fünfeinhalb Fuß und schüttelt ihm auch gleich darauf schon ihre kleine Faust unters Kinn. "Du undankbarer Blödmann! Bist du bescheuert? Glaubst du ich hätte dich aus reinem Spaß an der Sache die letzten vier Tage über mit nichts als Tee, Tee und noch mehr Tee abgefüllt? Oder deine Kotze von den Planken gewischt? Nachtwache an deiner Koje gehalten? Hä? Hä?! Hä?!" Sie versucht zwar nach dem Eisbein hinter seinem Rücken zu schnappen, aber das schafft sie dann doch nicht. "Gib es her! Gib es sofort her! Ich hab gesagt gib es her!" Aber er dreht sich nur ganz leicht zur Seite und das Eisbein damit aus ihrer Reichweite.
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Colevar

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Saturday, December 14th 2013, 1:45pm

Undankbarer Blöd... Colevar traut seinen Ohren nicht. Er sieht auf Calait hinunter, sieht in blitzende Augen, zornig fuchtelnde Hände, wogenden Busen - und hin- und hergerissen zwischen Erstaunen, Verärgerung und Belustigung, mischt sich noch etwas ganz anderes, nämlich der Gedanke, dass sie ihn gern bis zum Sankt Nimmerleinstag anfauchen darf, wenn sie dabei jedes mal so aussieht. Er hat keine Ahnung, welcher Dämon ihn reitet, aber die Versuchung, sie zu ärgern, ist einfach zu groß – und wenn er ehrlich ist längst überfällig. "So. Mich heimlich beim Schlafen beobachten... aaahja." Bebend vor Zorn versucht sie, ihm sein Essen fortzunehmen, doch alles, was er tun muss, um sie davon abzuhalten, ist sein Gewicht ein wenig zu verlagern. "Nein."
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Saturday, December 14th 2013, 2:10pm

Für einen Moment ist sie so sprachlos, dass sie nur unartikulierte Geräusche der Empörung herausbringt, bevor sie sie fast schon ehrlich entgeistert wissen will: "Wie 'Nein'? Was heißt hier 'Nein'?!" Colevar, sehr ritterlich, gibt ihr sogar eine Antwort und übersetzt gewissenhaft: "Nein wie: Nein, ich gebe dir mein Essen nicht, Hexchen." Dabei schwingt in seiner Stimme unhörbares Gelächter mit und Calait platzt der Kragen. "Verflucht nochmals!" Wütend stampft sie mit ihrem Fuß auf. Und gleich ein zweites Mal hinterher, einfach weil ihr danach ist, ehe sie abrupt von ihm ablässt – nur um ihm gleich darauf mit beiden Fäusten auf der Brust herum zu trommeln. "Es reicht! Hörst du, es reicht! Ich hab die Schnauze voll. Ich kündige! Du bist der unerträglichste Patient, der mir je untergekommen ist!" Das stimmt nicht, aber das muss sie ihm nicht auf die Nase binden, und überdies ist sie weit über den Punkt der Vernunft hinaus. Und das liegt nicht am Eisbein. "Um ehrlich zu sein bist du unausstehlich, seit wir aus Talyra aufgebrochen sind. Hast du dich mal reden hören? Nein? Ich dich auch nicht!"
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Saturday, December 14th 2013, 2:29pm

"Hmpf!" Schnaubt er und versucht vehement, sich an Verärgerung und Belustigung zu klammern, auch wenn er in Wahrheit ziemlich erschrocken ist. Ernsthaft? Hast du wirklich geglaubt, dass ihr das entgeht? "Vielleicht habe ich ja meine Gründe, Hexchen," entgegnet er so unverfänglich wie möglich, aber er hat keine Ahnung, ob ihm das auch gelingt. "Nur falls du es noch nicht weißt, Roha dreht sich nicht immer nur um dich."
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Saturday, December 14th 2013, 2:30pm

"Roha ist mir scheißegal! Es geht hier um dich", stellt sie klar. Ihr erscheint das auch völlig logisch. "Du ignorierst mich. Du redest nicht mehr mit mir, du schaust mich ja nicht einmal mehr an! Ich muss in der Nacht frieren, weil du dich nicht mehr neben mich legst! Was soll es für Gründe dafür geben? Hab ich die Pocken? Den Flecktyphus? Stink ich?" Tatsächlich hatte sie eines Abends, als er seine Felle einmal mehr auf der anderen Seite des Feuers ausgebreitet hatte, verstohlen an sich geschnuppert. Wohlriechend wie immer.
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Saturday, December 14th 2013, 2:31pm

Es gehe hier um ihn, wird ihm resolut beschieden – und gleich darauf folgt eine lange Aufzählung ihrer Entbehrungen, einschließlich des Vorwurfs kalter Füße, woran selbstverständlich nur er Schuld ist. "Um mich. Ja, genau," knurrt er erbost. "Hörst du dich eigentlich... "
>Hab ich die Pocken? Den Flecktyphus? Stink ich?<
"Was?!" Er hat ehrlich Mühe, ihr zu folgen (und sieht seine eigene Verärgerung im Vorbeigehen noch freundlich winken). Frauen sind ohnehin oft genug ein Buch mit sieben Siegeln, aber Frauen in Rage sind wohl so ziemlich das unverständlichste und irrationalste, das einem Mann begegnen kann. "Nein, du stinkst nicht, Hexchen", versichert er also und merkt leider zu spät, dass der Boden bereits trügerisch wird. Mist verdammt. "Ich habe meine Gründe...."
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Saturday, December 14th 2013, 2:31pm

"Welche denn, hä?"
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Saturday, December 14th 2013, 2:32pm

"Gründe eben." Sehr hilfreich. Wirklich. Bestechende Argumentation! "Aye? Du bist nicht der Nabel Rohas, Calait. Und ich bin keiner deiner dir hinterher hechelnden Verehrer!"
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Saturday, December 14th 2013, 2:33pm

"V.. .Ve.. Vv..." Ihr Mund schnappt auf und zu, wie ein Fisch auf dem Trockenen: "Verehrer? Welche Verehrer denn? Ich hatte seit..." Hastig versucht sie an ihren Fingern nachzuzählen, wie lange er jetzt eigentlich schon bei ihr ist, verhaspelt sich und fragt ganz selbstverständlich: "Wieviel sind zwei und vier? Und drei und fünf?" Ehe ihr einfällt, dass sie wütend auf ihn ist und prompt erneut aufbraust: "Egal! Lange! Keine Verehrer mehr und keine Liebschaften mehr." Das Holzding zählt nicht! "Du vergraulst sie ja alle! Ich werde noch als alte Jungfer enden! Alleine! Nur wegen dir. Niemand sieht mich mehr an, und wenn sich doch mal einer getraut, dann tauchst du auf. Aber du willst mich ja nicht! Dabei kannst du mit den ganzen anderen Weibsbildern auch schäkern, nur mir gegenüber verhältst du dich wie ein verstockter, verdammter, zölibatärer Templer! Hast du irgendeinen Schwur geleistet, von dem ich nichts weiß?" Sie würden den ehrwürdigen Hallen Sithechs einen unrühmlichen Besuch abstatten müssen, wenn dem so ist. Auf der anderen Seite ist es ihr eigentlich gleichgültig, ob er irgendjemandem irgendein Versprechen gegeben hat. Sie hatten immer einen lockeren, nonchalanten, entspannten und vertrauten Umgang miteinander geführt – davon übrig waren nur die Ehrlichkeit und das Vertrauen. Von frivolem Schäkern keine Spur mehr.
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Saturday, December 14th 2013, 2:37pm

"Sechs. Acht."
>Egal! Lange! Keine Verehrer mehr und keine Liebschaften mehr. Du vergraulst sie ja alle!<
"Hmpf," ist alles, was er erwidert, gut so! ist was er denkt, dann verschränkt er demonstrativ die Arme vor der Brust und hört sich mit finsterer Miene an, was sie noch alles zu jammern hat – natürlich, als wäre es in diesem... was auch immer... auch nur einen Herzschlag lang um ihn gegangen. Was sie ihm dann jedoch an den Kopf wirft, erwischt ihn kalt und kommt völlig unerwartet >Aber du willst mich ja nicht! Dabei kannst du mit den ganzen anderen Weibsbildern auch schäkern, nur mir gegenüber verhältst du dich wie ein verstockter, verdammter, zölibatärer Templer!< – und er schnappt zu wie eine Auster. "Du", knurrt er gefährlich leise und spürt, wie der Frost in seinen Körper kriecht, " hast ja keine Ahnung."
Sie reißt in komischer Verzweiflung die Arme hoch und lässt sie wieder fallen, stimmt ihm zu und fordert noch im gleichen Atemzug, er solle ihr genau das dann doch gefälligst endlich sagen. "Also schön. Wie du willst." Er lügt nicht, aber wenn es sein muss, gehen ihm Lügen leicht von den Lippen – diese hier wird ihm die Zunge verbrennen, er weiß es. "Calait, ich..."

Ein jäher Ruf von oben setzt ihrem Gespräch ein abruptes Ende und er war noch nie so dankbar für eine Unterbrechung wie jetzt in diesem Augenblick. Die Loodiana legt sich plötzlich auf die Seite, das Hauptsegel wird eingeholt, und was immer auch der Grund dafür sein mag - dort oben stimmt etwas ganz und gar nicht. Colevar schiebt die immer noch bebende Calait ohne viel Federlesen auf den Gang hinaus und in Richtung des Aufgangs zum Deck, doch ehe sie die Leiter hinaufkrabbelt, dreht sie sich noch einmal zu ihm um und fuchtelt wütend mit dem Zeigefinger vor seiner Kehle herum. "Wir reden später weiter!" Zischt sie, offenbar nicht bereit, ihn jetzt wieder vom Haken zu lassen. "Und dann wirst du mir haargenau erklären, was los ist! Vergiss das nicht. Wir waren bei: 'Calait, ich...'"
Sie finden Kapitän Govard auf dem Achterdeck, wo er mit sorgenvoller Miene einen großen Silbermeerfahrer beobachtet, der direkt auf sie zuhält. Es ist ein Dreimaster, ungefähr viermal so groß wie die Loodiana mit einem regelrechten Wald aus Segeln und Takellage, durch den schwarze Gestalten hüpfen wie Flöhe auf einem Bettlaken.
"Sind das Piraten?" Colevar kann nicht erkennen, wer die Frage gestellt hat, aber die Stimme kommt ihm noch sehr jung vor, also wahrscheinlich Mads, der Schiffsjunge.
"Schlimmer, Kleiner", erwidert Baldred grimmig und Govard nickt, wobei er noch bedrückter aussieht, als sonst. "Die wollen uns entern und bei einer so steifen Brise wie jetzt können wir ihnen auf offener See nicht davonsegeln."

"Was für ein Schiff ist das?" Will Calait wissen, die aufgeschnappt hat, worum es geht, aber natürlich nichts sehen kann. Doch es ist Colevar, der antwortet und dabei das dreimastige Ungetüm nicht aus den Augen lässt. "Ein rhaínländisches Kriegsschiff, Hexchen. Achtzehn Feldschlangen und zwölf Falkonetts Vielleicht solltest du nach unten gehen."
"Vielleicht solltet Ihr auch nach unten gehen", erklärt Kapitän Govard mit einem verzagten Lächeln.
Colevar schüttelt den Kopf. "Lieber stehend sterben. Was mögen sie von uns wollen?"
"Sie wollen uns cabrystanern*, M'lord." Es ist Baldred, der antwortet und missbilligend einen schwarzen Schwall Kautabak ausspuckt. Er nickt zu dem Dreimaster hinüber, der jetzt wie eine Wand vor der Loodiana aufragt. "Sie haben nicht genug Männer. Sieht man an der schlampigen Takellage und auch das Vorderdeck sieht übel aus." Er mustert Colevar von oben bis unten und verkündet schulterzuckend. "Wahrscheinlich kommt Ihr ihnen nicht davon, groß und kräftig wie Ihr seid. Sie wissen ja nicht, was für ein lausiger Seefahrer in Euch steckt, und sie werden es kaum glauben, wenn Ihr es ihnen erzählt."

"Aye", mischt sich Govard bekümmert ein. "Sie können jeden Mann cabrystanern, der wie ein Rhaínländer aussieht und das ist die Hälfte der Mannschaft. Auch Euch. Oder wollt Ihr Euch als Barbar aus Immerfrost ausgeben? Den Herzländer nehmen sie Euch nie und nimmer ab."
Colevar unterdrückt einen Fluch und lässt seinen Blick über das Deck der Loodiana schweifen. Sie ist zwar wendig und bewaffnet, aber mit diesem Ungeheuer kann sie es nicht aufnehmen. Dann fällt sein Blick auf Calait und er spürt das Gewicht der Verantwortung schwer auf seinen Schultern. Sollen sie es versuchen. "Habe ich nicht gesagt, du sollst unter Deck gehen?"
"Hast du," entgegnet sie unbeeindruckt und rührt sich nicht vom Fleck. Stattdessen tritt sie näher zu ihm, so nahe, dass sie ihn beinahe berührt und Reykir beginnt bedrohlich zu knurren, als vom Schiff ein Beiboot zu Wasser gelassen wird. Nur wenige, gespannte Augenblicke später, als das Boot längsseits kommt, zieht Baldred erstaunt eine Braue hoch. "Götter steht uns bei, was ist denn das?", hört Colevar ihn murmeln, als ein Milchbart seine rosigen, noch kaum beflaumten Wangen über die Reling streckt und über das Deck der Loodiana blinzelt wie ein verstörtes Kaninchen. Der junge Mann kann bestenfalls Anfang zwanzig sein, hat ein abgehärmtes Gesicht und kann vor Erschöpfung kaum noch die Augen offen halten. Dennoch erkennt er Kapitän Govard sofort inmitten der grimmig dreinblickenden Seeleute. "Ich bin Maat Hers vom Schiff ihrer Majestät, der Hadewych. Um aller Götter Liebe Willen - habt Ihr einen Heilkundigen an Bord?"

Schenkt man den Worten des Jungen glauben, geriet die Hadewych vor zwei Wochen in ein schweres Gefecht mit einem Piratenschiff, das dreißig Seeleuten das Leben gekostet hatte - einschließlich des Kapitäns, seines Ersten Offiziers und des schiffseigenen Feldschers. Das erklärt zumindest seine Jugend. Vielleicht auch seine Nervosität. Mit einem Schlag die Verantwortung für ein Kriegsschiff mit mindestens dreihundert Mann Besatzung übernehmen zu müssen, hätte auch ganz andere aus der Fassung gebracht. Mehr als zwanzig Männer seien verwundet, zwölf von ihnen schwer, und mindestens acht von denen hätten Fieber und würden an Wundbrand sterben. "Wenn Ihr also einen Heilkundigen an Bord habt..."
"Ich kann helfen", hört er Calait sagen und wäre ihr am liebsten sofort ins Wort gefallen. Reykir hört nicht auf zu knurren, das ist für ihn Grund genug dem Bengel nicht über den Weg zu trauen, doch er beißt sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge. Sie ist eine freie Frau, die tun und lassen kann, was sie will. Außerdem wäre es eine große, eine sehr große Erleichterung, wenn sie ihm nicht dauernd auf den Füßen herumstehen und ihm die Klinge auf die Brust setzen würde, so wie vorhin. Lass sie doch gehen. Vielleicht vergisst sie darüber ja, dass du ihr noch eine Antwort schuldest. "Also schön", hört er sich selbst sagen. "Also schön. Geh, wenn es sein muss. Aber du gehst nicht allein." Es steht außer Frage, dass er sie nicht begleiten kann, jedenfalls nicht in dieser Nussschale und erst recht nicht im Bootsmannsstuhl, will er sich nicht sofort wieder übergeben - und er hat auch nicht die geringste Lust herauszufinden, wie viele Peitschenhiebe ihm vielleicht das Vollkotzen des Decks eines Schiffes ihrer Majestät einbringen würde. Abgesehen davon steht immer noch das mögliche Cabrystanern im Raum, denn weder ihm noch Kapitän Govard oder Baldred sind die abschätzenden Blicke von Maat Hers auf die kräftigen, wohlgenährten Seeleute der Loodiana entgangen.

*immerländischer Ausdruck für schanghaien
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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