You are not logged in.

Dear visitor, welcome to Weltenstadt Forum. If this is your first visit here, please read the Help. It explains in detail how this page works. To use all features of this page, you should consider registering. Please use the registration form, to register here or read more information about the registration process. If you are already registered, please login here.

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

  • Send private message

76

Wednesday, December 9th 2015, 8:00am

Nachhall

15. Grünglanz 514

Sie kommt sich auf eine ganz und gar wundersame und berauschende Art und Weise geschunden vor und hätte überhaupt nichts dagegen, nie wieder aus diesem schwerelosen Zustand, in dem sie sich befindet, aufzutauchen. Sie fühlt sich völlig zerschlagen und absolut knochenlos, aber auch zutiefst erfüllt und glücklich. Den Kopf auf seiner Brust und das kräftige, lebendige Schlagen seines Herzens in ihrem Ohr liegt sie der Länge nach auf ihm, hat ihre Hände unter seinen Rücken geschoben und malt mit ihren Zehen kleine Kreise auf seine Schienbeine. Seine Arme sind um ihre Mitte geschlungen und seine Hände ruhen fest und warm auf ihrem Hintern. Seine Haut glüht immer noch, genau wie ihre und sie kann nicht sagen, wo sie selber aufhört und er anfängt. Die Grenzen zwischen ihnen haben sich aufgelöst, sind in der Hitze des Gefechts im wahrsten Sinne des Wortes zu Asche verbrannt. Wie konnte ich mir nur jemals einbilden, ohne das hier leben zu können. Gerne würde sie den Kopf heben und ihn küssen, aber sie kann sich beim besten Willen keinen Sekhelrin mehr bewegen. Selbst nur ihre Zunge von ihrem Gaumen zu lösen und zu krächzen: "L… lebst du noch?", erfordert übermenschliche Anstrengung. In seiner Brust unter ihrer Wange bewegt sich etwas. Möglich, dass es Gelächter ist. Möglich, dass es keines ist. "Ich… bin mir nicht so sicher", erwidert er nach einer Weile, die Stimme merkwürdig rau. "Frag mich in ein paar Minuten noch einmal. Wenn ich wieder weiß, ob ich noch Lungen habe und wie sie funktionieren."

Es gluckst in ihrer Kehle, aber aus ihrem Mund kommen nur leise Prustgeräusche. "Atmen", souffliert sie sehr hilfreich: "Einfach atmen." Er atmet, tief und als seine Brust sich unter ihr wölbt, hebt er sie, die auf ihm liegt, ein Stück mit an. Mit geschlossenen Augen lauscht sie gebannt auf die Geräusche in seinem Inneren und lächelt zufrieden. Am liebsten wäre sie ihm unter die Haut gekrochen, wünscht sich einen Schlangenleib, damit sie sich um ihn herumwinden kann oder wahlweise ein Dutzend Arme und Beine mehr. So muss sie sich damit begnügen ihre Finger noch ein wenig mehr auszustrecken, um einen halben Sekhel mehr Haut berühren zu können. "Ich kann dich sehen." Ihr fällt erst auf, dass sie ihm nie davon erzählt hat, als sie es ausspricht. Er weiß, dass sie ein feines Gespür für die Auren anderer hat, aber bei ihm ist es mehr und anders, und das will sie ihm erklären. "Meine Welt ist immer dunkel. Natürlich kann ich mir Dinge vorstellen. Räume, Orte, Gegenstände. Sie nehmen Farben und Formen an, aber es sind nicht mehr als Illusionen, Abbilder gebaut aus Erinnerungen. So sehe ich in meiner Blindheit. Aber dich konnte und kann ich sehen. Nicht von Anfang an, aber du hast dich aus dieser allesumfassenden Dunkelheit herausgeschält und bist im Laufe der Zeit immer deutlicher geworden für mich. Zu Beginn warst du nicht mehr als ein formloser Schimmer, aber inzwischen…" Irgendwie schafft sie es jetzt doch den Kopf ein wenig anzuheben und ihn anzusehen und ihre blaugrünen Augen beginnen zu leuchten: "Silberne Linien und tausend Schattierungen. Die Konturen deines Gesichtes, der Zug deines Mundes, manchmal verschwimmt das Bild, dann ist es wieder so klar wie in Marmor gemeißelt." Leise seufzt sie und er kann die Sehnsucht in ihrem Blick erkennen, bevor sie die Worte ausspricht: "Aber das ist nicht mehr genug." Es gelingt ihr, ihre Arme frei zu machen, sich aufzustützen und sich über ihn zu beugen: "Ich will dich sehen. Bis zu diesem Tag hätte es mich nicht umgebracht, wenn ich mein Augenlicht nie wieder zurückgewonnen hätte, aber jetzt…"

Sie hebt eine Hand an seine Wange und legt ihre Stirn an seine: "Ich möchte so gerne sagen: Lass uns nach Hause gehen. Zurück nach Talyra. Bring mich ins Sarthetal, zu deiner Familie. Ich will deinen Vater kennen lernen. Lass uns irgendwo am Wasser ein Haus bauen und Kinder haben. Ein Leben. Lass uns alt werden. Und irgendwann auf einer Hausbank sitzen und unseren Enkeln beim Spielen zuschauen." Der Wunsch füllt ihr Herz, als wäre er schon immer dort gewesen. Als hätte sie sich in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes vorstellen können. "Aber ich kann nicht. Ich habe kein Recht dich um irgendetwas zu bitten, nicht nach allem, was du schon für mich getan hast, aber wenn ich mein Augenlicht wieder haben will, aber vor allem damit wir dieses Leben haben können, bleibt uns keine andere Wahl als über den Frostweg in den Osten zu gehen und uns unserem Schicksal zu stellen."
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

This post has been edited 1 times, last edit by "Azra" (Dec 9th 2015, 8:36pm)


Colevar

Stadtbewohner

  • "Colevar" started this thread

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

  • Send private message

77

Saturday, December 12th 2015, 4:10pm

Geisterstunde

15. Grünglanz 514

Die Nacht ist noch immer monddurchtränkt und sternenklar - sehr hell und bleich, nur dass die Welt jetzt farblos wirkt und alles dahinzutreiben scheint, durch das silbergoldene Licht substanzlos geworden. Die beiden Halbmonde schweben noch so groß und nah über den Bäumen, als bräuchte man nur die Hand ausstrecken, um sie mit den Fingerspitzen zu streifen. Ihr Schein dringt durch das Dach der noch spärlich belaubten, verschlungenen Zweige und der hochgewölbten Äste über ihnen, und taucht die Bäume um die kleine Lichtung zu Füßen der Wasserfälle, auf der sie im taufeuchten Gras liegen, in Säulen dunstigen Lichts und Lachen tiefer, blauer Schatten. Ab und an trägt der sanfte Nachtwind einen feinen Schleier sprühender Gischt vom Fluss herüber, doch es ist nicht kalt – ihnen, noch gefangen im Nachhall dessen, was sie gerade getan haben, ohnehin nicht. Es hat sie beide verwandelt. Sie gezeichnet, verändert und im Innersten gebrandmarkt. Colevar ist sicher, dass Calait blaue Flecken davongetragen hat… und die Male, die ihre Fingernägel auf seinen Schultern hinterlassen haben, brennen noch immer schwach. Aber sie ist sein und er gehört ihr, und nichts, was auch immer ihnen von diesem Moment an geschehen würde, kann daran noch etwas ändern. Als sie ihn irgendwann fragt, ob er noch lebt, lacht er vollkommen lautlos und sein Gelächter versetzt ihren Körper, der immer noch der Länge nach auf seinem liegt, in sanfte Schwingungen. Ihr Herz schlägt gegen seine Rippen, ein kostbares, stetiges Pochen. >Ich kann dich sehen,< tönt es unter seinem Kinn und dann lauscht er ihrer leisen, rauchigen Stimme, die ihm erzählt, wie sie die Welt wahrnimmt und wie sie ihn wahrnimmt, und ihm mit ihren Worten Bilder malt - bis sie den Kopf hebt, ihr Kinn auf seine Brust stützt und ihn ansieht. >Silberne Linien und tausend Schattierungen. Die Konturen deines Gesichtes, der Zug deines Mundes, manchmal verschwimmt das Bild, dann ist es wieder so klar wie in Marmor gemeißelt. Aber das ist nicht mehr genug.< Sie stemmt sich hoch und sieht ihn an, und ihr Lächeln verändert sich. Es verliert nichts von seiner Zärtlichkeit, doch es wird sehr viel sehnsuchtsvoller. >Ich will dich sehen. Bis zu diesem Tag hätte es mich nicht umgebracht, wenn ich mein Augenlicht nie wieder zurückgewonnen hätte, aber jetzt…<
Er hebt eine Hand an ihr Gesicht und fährt mit dem Daumen über ihren Mund, diesen verboten sinnlichen Mund - und vergisst prompt, was er eigentlich sagen wollte. Noch einmal wandelt sich ihr Lächeln, wird schmerzlich, bittersüß und schwer wie Sommerregen, und so wehmütig, dass es ihm die Kehle zuschnürt. Ihre Fingerspitzen berühren sein Gesicht, streichen sanft über seine Haut, finden die neue Narbe auf seiner Wange und verharren einen Herzschlag lang fragend darauf, so dass er sacht nickt - das wortlose Versprechen, ihr alles zu erzählen, was im Norden geschehen war… später. Ihre Geste hat etwas seltsam Eindringliches an sich, ebenso wie ihr Blick, der ihn vollkommen gefangen nimmt. >Ich möchte so gerne sagen: Lass uns nach Hause gehen. Zurück nach Talyra. Bring mich ins Sarthetal, zu deiner Familie. Ich will deinen Vater kennen lernen. Lass uns irgendwo am Wasser ein Haus bauen und Kinder haben. Ein Leben. Lass uns alt werden. Und irgendwann auf einer Hausbank sitzen und unseren Enkeln beim Spielen zuschauen.< Ewigkeiten oder Augenblicke vergehen in einem jener seltenen, kostbaren Momente, die man nie wieder vergisst, ganz gleich, wie alt man werden oder wie viel man erleben mag. Er sieht sie an und wird vollkommen still - selbst der Aufruhr in seinem Inneren und sein schlagendes Herz halten inne. Sie hat ihm gesagt, dass sie ihn liebt und er weiß, dass es die Wahrheit ist, aber das hier ist so viel mehr. >Aber ich kann nicht. Ich habe kein Recht dich um irgendetwas zu bitten, nicht nach allem, was du schon für mich getan hast, aber wenn ich mein Augenlicht wieder haben will, aber vor allem damit wir dieses Leben haben können, bleibt uns keine andere Wahl als über den Frostweg in den Osten zu gehen und uns unserem Schicksal zu stellen.<

"Calait…" Er nimmt ihr Gesicht in beide Hände und küsst sie, sehr sanft, sehr lange und sehr gründlich - gründlich genug, um alle Zweifel auszulöschen. "Du hast jedes Recht, mich um alles zu bitten", flüstert er schließlich, als er ihren Mund freigibt. "Ich will, dass du mich siehst. Ich will, dass du die Welt wieder siehst, das Licht, die Farben. Du sollst das Haus sehen, das wir am Fluss bauen werden. Du sollst unsere Kinder sehen und die Kinder unserer Kinder, wie sie vor der Bank spielen, auf der wir beide sitzen, wenn wir alt und grau sind. Ich will dieses Leben. Und wenn ich dafür einer…" mit einem leicht ironischen Lächeln erinnert er sich an ihre Worte, gesprochen vor mehr als einem Jahr, lange vor dem Beginn ihrer Reise in den Norden "…einem 'hässlichen, miesen, gemeinen Stück Wiesenhexe' entgegentreten muss, dann ist das ein angemessener Preis." Er wird der alten Schamanenschlampe ganz bestimmt nicht den Gefallen tun, und angstvoll von ihr als 'Remorwyen' flüstern. Er wird auch nicht den Fehler begehen, sie zu unterschätzen. Sie mag grausam und mächtig sein - in seinen Augen ist sie vor allem eine geistesgestörte Irre.
"Ein angemessener Preis…" wiederholt Calait heiser und er kann das Unbehagen über ihr Gesicht huschen sehen.
"'Wenn du den rechten Gefährten wählst, werdet ihr den Schatten vernichten'", zitiert er leise und sieht ihr unverwandt in die Augen.
"Aber du bist nicht meine Armee." Ihre Worte mögen scherzhaft sein, aber keiner von ihnen macht Witze.
"Nicht?" Jetzt tanzt eindeutig Belustigung durch seine Augen, aber sie spürt den Ernst unter seinem leichten Tonfall.
"Doch", erwidert sie resigniert und klingt dabei ganz elend. "Und du tust es und tötest sie, und alle, die sich dir sonst noch in den Weg stellen, nur um mir mein Augenlicht wieder zu beschaffen und…"
"Mir war nicht ganz klar", unterbricht er Calait, das Gesicht noch immer ernst, aber einer seiner Mundwinkel zuckt, "dass du mich wie Mammin für Blaeran den Seligen hältst."
"Tue ich auch nicht. Für Cobrin den Priesterkönig vielleicht." Jetzt lacht er wirklich und sie hat keine Ahnung warum, doch ihr ist offenbar überhaupt nicht nach scherzen zumute.
"Und du stirbst vielleicht dabei!" Sie legt die Hand auf seine Brust, als wolle sie das Herz darin beschützen. "Oder ich. Oder wir beide. Die verdammte Prophezeiung sagt nämlich kein Wort davon, was eigentlich mit uns geschieht, wenn wir diesen Schatten vernichten. Ich habe keine Angst um mich. Aber du… ich bin nicht vollständig ohne dich. Und ich kann nicht wieder ein halber Mensch sein, das kann ich nicht ertragen."
Colevar sieht sie lange an, bevor er leise antwortet. "Keiner von uns ist ohne den anderen vollständig. Calait… im letzten Herbst bin ich beinahe gestorben. Ich wollte auch sterben. Ich habe es fast drei Monde lang redlich versucht." Sie senkt den Blick für einen Moment auf ihre Finger, die immer noch über seinem Herzen ruhen. "Und ich wäre mit dir gestorben. Ich hätte es nicht gewusst, aber ich wäre mit dir gestorben."
"Aye", erwidert er und atmet hörbar aus. "Ich weiß. Das war der Grund. Warum ich mich entschieden habe, es doch nicht zu tun. Weil ich weiß, wie es sich angefühlt hat, als ich dachte, du bist tot. Und das würde ich dir nicht antun." Sie senkt Kopf und Blick, und er küsst ihre Stirn, als sie die Nase an seinem Hals vergräbt. "Wir werden dem Schatten ins Auge sehen. Was immer dann auch geschehen mag - wir tun es zusammen. Und wenn es unser Schicksal ist, dabei zu sterben, dann sterben wir zusammen." Einen Moment lang schweigt er und sieht in den endlosen Nachthimmel über ihnen. Millionen kalter Sterne glitzern in seinen überwältigenden, samtschwarzen und indigoblauen Tiefen, und die Luft ist so klar, dass sie wie die beiden Monde allesamt nahe genug scheinen, um sie zu berühren. Über ihnen breitet der Schwan seine Schwingen aus, aber er kann auch das Silberschild und den Bären erkennen - umschwärmt von so vielen kleinen Sternen, dass seine Umrisse kaum auszumachen sind. Der Anblick dieser ewigen Unendlichkeit, die sich über ihnen ausdehnt, so erhaben wie bescheiden, einfach da, Nacht für Nacht, ob man sie nun bewundert oder nicht, die ihre unvergleichliche Pracht so gleichmütig entfaltet, ob für die staunenden Augen von Menschen oder anderen Wesen, oder nur für die schweigenden Berge, die dunklen Wälder, die Kälte oder das Getier, das sich tagsüber verborgen hält, lässt alles andere klein und unbedeutend erscheinen. Und das ist im Grunde ein tröstlicher Gedanke. Was sind schon tausend Jahre im Angesicht der Ewigkeit? Und wenn es die Ewigkeit gibt oder auch nur die Idee der Ewigkeit, dann sind die Ereignisse eines gegebenen Augenblicks weit weniger wichtig – und gleichsam das einzige, was zählt. Dann steht die Zeit still, denn sie verliert ihre Bedeutung. Dann ist alles möglich – selbst das gute Ende einer Geschichte, die mit 'Es war einmal vor tausend Jahren' beginnt.

"Ich glaube nicht, dass wir sterben werden, Calait. Ich weiß nicht, was geschehen wird, aber ich glaube… wir sind füreinander bestimmt. Und für etwas. Etwas, das Größer ist als wir… oder eine Remorwyen."
"Aye", erwidert sie grimmig. "Sterben kommt überhaupt nicht in Frage. Nicht jetzt." Dann ändert sich abrupt ihr Tonfall. "Colevar, was im Winterlager…"
Er hebt die Hand an ihren Mund und berührt ihn sanft mit den Fingerspitzen. "Ich sage nicht, dass mir das nichts ausgemacht hat, denn das tut es. Und ich sage auch nicht, dass ich es nie zur Sprache bringen werde, denn wahrscheinlich werde ich das. Und du ebenso. Was ich aber sage ist, dass es in dieser und in der nächsten Welt nichts gibt, dass dich mir nehmen kann – oder das mich dir nehmen wird. Willst du mir deswegen noch einmal widersprechen?"
"Oh nein", erwidert sie inbrünstig und seine Schultern entspannen sich ein wenig.
"Gut, denn es würde dir auch überhaupt nichts nützen."
Dann wird er unvermittelt ernst, so ernst, wie man nur werden kann und er spricht so leise, wie man nur von einer lebenswichtigen Angelegenheit spricht. "Es gibt Dinge, über die wir reden müssen, Calait. Es gibt Dinge, die ich dir erzählen will. Aber für den Anfang habe ich nur eine einzige Frage: Bist du meine Frau?"
Sie blinzelt überrascht, doch der Brustton der Überzeugung, mit dem sie erwidert natürlich sei sie das, lässt ihn wieder atmen – er hat nicht einmal bemerkt, dass er damit aufgehört hatte. Colevar fängt ihren Blick auf und sie erwidert sein Lächeln, als sich ihre Augen begegnen. "Dann komm mit mir."
Er hilft ihr aufzustehen, angelt nach seiner Hose und reicht ihr sein Hemd, weil sie weder ihre Beinlinge, noch ihre Tunika in der Dunkelheit finden. Es ist so groß, dass sie es wie ein Kleid tragen kann – ein Kleid, das ihr bis zu den Knien geht, dessen Ausschnitt so weit ist, dass er ihr über eine Schulter rutscht und dessen Ärmel sie bis zu den Ellenbogen aufrollen muss. Aber der weiche Stoff schmiegt sich um die Rundung ihrer Hüften und schimmert blass und durchscheinend im Mondlicht. "Dort hinauf." Colevar hat keine Ahnung, woher dieses Wissen auf einmal kommt, er weiß es einfach. Er weiß auch, wo der schmale Saumpfad verläuft, der sie dort hinbringen würde… wo immer 'dort' ist.
"Zum Cromlec'h* ", bestätigt Calait. Ihr geht es offenbar genauso, und sie spüren beide, dass der Ort sie zu sich ruft, an dem vor so langer Zeit alles begonnen hat. Vor tausend Jahren… Dann lächelt sie ein leises, geheimnisvolles Lächeln nur für ihn allein. Er nimmt ihre Hand, ihre Finger verschränken sich mit seinen, und sie folgen gemeinsam dem verschlungenen Weg zwischen Wald und Fluss, der an den Wasserfällen vorbei den Berghang hinaufführt. Es ist nicht weit, auch wenn der Ort sich anfühlt, als läge er fernab von allem, selbst von der Zeit.

Die Steine warten schweigend im Mondlicht, dunkel aufragende, halb verwitterte Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit im silbernen Gras. Manche der grob behauenen Felsblöcke sind zweimal so hoch wie er, manche reichen ihm nicht einmal bis zum Knie, zwei sind umgestürzt, gefällt von den Kräften der Zeit und der Elemente... aber sie markieren noch immer einen Kreis, und aus den Wurzeln des Herzstein in seiner Mitte entspringen die Quellwasser der Virta. Wasser hat immer etwas Lebendiges an sich und eine Gebirgsquelle, die rein aus dem Herzen der Erde entspringt, strahlt ein ganz besonderes Gefühl aus, aber hier ist es mehr. Colevar weiß nicht, wer diese Steine einst aus dem Fels der Berge geschlagen und hier errichtet haben mag… die ersten menschlichen Siedler in diesen Landen oder die Riesen der Altvorderenzeit? Vielleicht standen die Steine schon hier als Wächter eines heiligen Ortes, lange bevor die Sterblichen auch nur ein Gedanke im Lied der Urmutter waren. Aber sie spüren beide, dass an diesem Ort etwas lebt, etwas uraltes und machtvolles, etwas, das selbst älter ist als die Vorstellung von etwas Heiligem. Etwas, das zuhört… und es heißt sie stumm willkommen. In den Narben und Höhlungen des Herzsteins brennen Kerzen in geschmolzenen Lachen von Wachs, ihre Flammen schimmern im Wasser wie flüssiges Feuer und in ihrem Schein wartet Mammin auf sie. Sie sitzt auf einem Felsen am Wasser, zum ersten Mal mehr als nur eine körperlose Stimme, sondern ein blasssilberner Schemen, eine winzige Frau, so alt und gebeugt, dass man sie im ersten Augenblick für einen der Steine selbst halten könnte. Ihr Haar ist weiß, dünn wie Spinnwebfäden und so lang, dass es bis auf den Boden reicht, und ihre von tausend und abertausend dünner Falten und Runzeln überzogene Haut schimmert heller als Knochen. Aber ihre Augen sind die freundlichsten, die man sich vorstellen kann. Sie leuchten ihnen warm entgegen, Geist hin oder her, und ihr breites Lächeln enthüllt drei windschiefe Zähne. "Na endlich!" Werden sie empfangen. "Das hat ja lange genug gedauert – und das, obwohl du die letzten Jahre so enthaltsam wie ein zölibatärer Templer gelebt hast, mein Junge."
Colevar klappt den Mund auf und unverrichteter Dinge wieder zu, während Calait neben ihm auflacht, erheitert, fassungslos und in wilder Freude zugleich. "Mammin", sie kichert immer noch, "Mammin, was…"
"Schusch…" Der faltige Ur-ur-großmuttergeist hebt seine verrunzelte Hand und schwebt auf die Füße. Sie sind bloß, verkrümmt und genauso winzig wie der Rest von ihr. "Wartet. Nur noch einen Augenblick. Sie kommen schon, könnt ihr es nicht fühlen? Sie sind fast da. Dann können wir beginnen."
Beginnen? Er kennt die Antwort auf seine stumme Frage, noch ehe er den Gedanken zu Ende gebracht hat und Calait auch - sie wissen beide, warum sie hier sind, dreihundert Tausendschritt vom nächsten Priester oder Tempel entfernt. Offenbar weiß Mammin es auch - womit weder Calait noch er gerechnet haben, ist die Anwesenheit ihres Geistes. "Wer…" setzt er an und verstummt sofort wieder, denn die Nacht ringsum erbebt. Die ganze Nacht. Das weiche Gras unter ihnen, die uralten Steine, der Wald, die Wasserfälle, der Fluss, der Himmel, die Dunkelheit, die Sterne und ihrer beider Körper. Die Nacht scheint von einem schwachen Pulsieren erfüllt, unhörbar, aber sie spüren es als Prickeln auf ihrer Haut, als Vibration in ihren Muskeln und Knochen. Weißer Nebel steigt aus dem Boden wie Dampf, der die Steine einhüllt, bis es aussieht, als würden sie schweben und der Wind wispert von lange vergessenen Geschichten. Dann wird es sehr still - und nach ein paar atemlosen Herzschlägen entflammt die Stille langsam zu Licht.

Sie kommen, ein Heer geisterhafter Schemen, das sich aus der Dunkelheit unter den Bäumen schält, sich aus Dunst und Tau zu nebelhaften Gestalten formt, die zum Cromlec'h strömen, zwei, drei, acht, ein Dutzend, noch mehr. Sie kommen von allen Seiten, aus den Wäldern, vom Wasserfall, von den Bergen herab - manche so deutlich zu erkennen, wie Mammin, manche nicht mehr als ein fahles Leuchten, aber alle so wirklich wie die Erde unter ihren Füßen. Colevar spürt wie ein leiser Schauer seine Schultern und Arme mit Gänsehaut überzieht. Einen Moment lang hat er das deutliche Gefühl, seine Mutter sei hier, was verwirrend ist, denn sie ist seit fünfundzwanzig Jahren tot. Doch da sind noch mehr, andere – Männer wie er selbst, sehr groß und breitschultrig, in Leder und Pelze gehüllt, kalten Stahl in den Händen, mit hellen Augen und einem harten Lächeln um den Mund… die Geister toter Barbaren, die er nie gekannt hat, deren Namen er nicht weiß, aber dennoch Männer seiner Sippe. Andere der blassen Erscheinungen wirken klein, scheinen in weiße Wolle und weiße Felle gehüllt, mit schwarzem Haar und dunkler Haut, Geister der Wolkenkinder, Calaits Ahnen. Doch vor allen anderen betritt ein vierfüßiger Geist den Steinkreis. Gleich darauf spürt Colevar – spürt tatsächlich! – wie ein pelziger Schädel sein Knie rammt und schnurrend an seinem Bein entlangstreicht. Calait löst sich von ihm und sinkt in die Knie, um lachend und weinend zugleich einen sehr, sehr alten Freund in die Arme zu schließen, und wie in jener bitterkalten Nacht im Langschnee vor langer Zeit am anderen Ende der Welt und in einem ganz anderen Leben, blinzeln goldgelbe, wissende Augen zu ihm auf, als wollten sie sagen: Ah, du. Na, das wurde ja auch Zeit. Schön dich zu sehen. "Pelzgesicht…" 'Dreimal wird dein Herz brechen.' Die Worte waren Bestandteil seiner Prophezeiung und sie haben sich als genauso wahr erwiesen wie alles andere. Einmal hatte Lia sein Herz gebrochen, einmal Calait… und einmal dieser dreimal verdammte Kater, als er mit dem Sterben so lange ausgeharrt hatte, bis er nach Talyra zurückgekehrt war. Jetzt ist er hier und eine ganze Heerschar von Geistern folgt ihm auf den Pfoten. Dann geht ihm auf, warum sie hier sind. Um bei uns zu sein. Jetzt, hier, in dieser Stunde. Als Zeugen.
Aye, wispert eine lautlose Stimme zu seiner Linken und er erkennt sie sofort… er hätte sie überall erkannt, ebenso wie das schwache Glühen zu seiner Rechten, so sacht, dass es kaum als Gestalt auszumachen ist. Karmesin. Petyr. Er muss sie nicht sehen, um zu wissen, dass sie es sind. Sie waren seine geschworenen Brüder. Sie waren mit ihm in den Schlachten zweier Kriege, in den Verliesen von Tinerhir und auf dem langen, langen Weg durch die Wüste. Einmal Olyvars Sieben, immer Olyvars Sieben. Doch da ist noch jemand… seltsam vertraut… irgendwie… wer? Irgendwo hinter sich hört er Calait lachen und Namen ausrufen, von denen er einige schon mehrmals gehört hat, wenn sie wieder einmal versucht hatte, ihm die verworrenen Verwandtschaftsgrade ihrer Sippe zu erklären - Drel, Nevenou, Soaz, Mari, Gid Bi und noch andere, die er nicht kennt. Dann fühlt Colevar eine federleichte Berührung an seiner Schulter, so flüchtig, als habe ihn im Vorübergehen ein Traum gestreift, und plötzlich weiß er, wer der dritte Geist ist, der an seiner Seite geht. Für einen Moment, einen langen Moment, stockt ihm der Atem, brennen ihm Augen und Kehle - und plötzlich ist die Sehnsucht nach ihr so groß, dass es schmerzt. Doch sie hat keinen Körper, den er berühren oder in die Arme schließen könnte. Die schattenhafte Gestalt einer Frau, groß und wunderschön, hat das rotblonde Haar zu einem dicken Zopf geflochten und ihre schrägen, dunkelblauen Katzenaugen über den hohen Wangenknochen fest auf Calait gerichtet, doch sie ist so substanzlos wie Rauch. Ihr Blick wendet sich ihm zu und er spürt ein Dutzend Empfindungen, die sich selbst wie Geister in der stillen Nachtluft bewegen… Rührung, Mitgefühl, Erleichterung, Liebe und Stolz - aber vor allem eine umfassende, überwältigende Wärme. Ihr Geist spricht kein einziges Wort, aber Colevar hat den Klang ihrer Stimme nie vergessen, auch wenn er nur ein kleiner Junge gewesen war, als er ihn zum letzten Mal gehört hat. Er kann ihn auch jetzt hören, klar und deutlich in seinen Gedanken. Nun, du hast sie zwar wahrscheinlich nicht verdient, aber gib dir Mühe, Junge. Er stößt einen leisen, halb erstickten Laut aus, ein Geräusch der Belustigung irgendwo zwischen einem Seufzen und einem Schnauben. "Diolch yn fawr, mam*", ist alles, was er flüstern kann, seine Stimme so heiser, als habe er Rost im Hals. Sämtliche Luft entweicht aus seinen Lungen und als er wieder Atem holt, findet er sich direkt vor Mammin auf ihrem Felsen neben der Quelle wieder.

Sein Blick sucht Calait und als er sie findet, umringt von ihren Geistern, wendet sie sich um und geht ihm entgegen wie verwunschen, als habe er sie berührt oder zu sich gerufen. Ihre nackten Beine, silbrig glänzend wie das Meer im Mondlicht, teilen Nebel und hohes Gras, doch mit dem blass schimmernden weißen Leinen auf ihrer Haut, den dunklen Locken, sie sich feucht vom Nebel wie glänzende Schlangen über ihre Schultern ringeln und ihren Sommerhimmelaugen, die brennend auf ihn gerichtet sind, sieht sie aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Er nimmt ihre schlanken, vernarbten Finger fest in seine, im selben Augenblick, als sie ihre Hände nach ihm ausstreckt. Dann sieht sie vollkommen still zu ihm auf, nur an ihrem Hals pocht eine verborgene Ader unter ihrer Haut. Es spielt keine Rolle, dass sie nicht in einem Tempel stehen und kein Priester anwesend ist. Es spielt keine Rolle, dass sie weder Ringe noch einen Ehekontrakt haben. Es spielt auch keine Rolle, dass sie nur sein Hemd trägt und er überhaupt keines. Sie ist sein und er gehört ihr. Sie stehen auf heiligem Boden, die Elemente - Erde, Feuer, Wasser, Wind – sind um sie her und die Geister ihrer Ahnen, die ihnen lauschen und ihre Worte hören würden. Mammins schemenhafte Gestalt schwebt auf sie zu und er könnte schwören, selbst in dieser körperlosen Form ihre uralten Knochen leise aneinander klappern zu hören. In ihren gekrümmten, altersfleckigen Fingern erscheint ein Messer aus schwarzem Glas, das noch älter aussieht, wie der verschrumpelte Urururgroßmutterngeist selbst, aber glänzt wie dunkles Öl und schärfer ist als jeder Dolch aus Stahl. Die breiten Schnitte, die sie erst Calait, dann ihm selbst quer über den klopfenden Pulsadern zufügt, sind nicht allzu tief, aber sie bluten stark und brennen wie Feuer, bis Mammin ihre beiden Hände, Gelenk auf Gelenk, mit einem schmalen Band seidenweicher, schneeweißer Wolle zusammenbindet. Ihr Blut mischt sich mit seinem und tränkt den hellen Stoff. Dieses Ritual ist älter als jeder Brauch des Zwölfgötterglaubens oder die Feiern der Zusammengabe der Merc'arzoù, wenn zwei der ihren ein Herdfeuer gründen – das hier ist ein Ritual der Ersten Menschen, so archaisch wie berührend. "Du bist Blut von meinem Blut", beginnt er und Calait wiederholt leise, aber vollkommen klar, was er sagt, "und Fleisch von meinem Fleisch. Ich schenke dir meinen Leib, auf dass wir eins sein mögen. Ich schenke dir mein Herz, bis unser Leben enden wird. Solange die Welt bestehen mag, gehört meine Seele dir." Sein Herz füllt sich mit Wärme, die sich in seinem Inneren zusammenballt, die von seinem Kopf bis zu den Füßen strömt und selbst in seinen pochenden Fingerspitzen widerhallt, ein brennendes Sehnen, auf das er ebenso wenig Einfluss hat, wie auf das Auf- und Untergehen der Sonne. "Du bist mein." Er legt seine freie Hand an ihr Gesicht. "Meine Frau." In diesem Augenblick liebt er sie so sehr, dass es schmerzt und ihn halb um den Verstand bringt.
"Ähem", hüstelt ein gewisser Ururgroßmutterngeist entrüstet. "Ich habe noch kein Wort davon gesagt, dass du sie jetzt…"
"Halt die Klappe, Mammin."
Colevar zieht Calait an sich und hebt sie hoch, um sie zu küssen. Mit einer Hand an sie gebunden hat er zwar nur einen Arm frei, aber der genügt vollkommen. Ihr Geschmack überflutet augenblicklich seine Sinne, jedes bebende Nervenende, so berauschend wie nichts sonst auf der Welt, und er ertrinkt in ihrem Kuss. Ein Seufzen entsteigt den Herzen der Geister, vibriert durch die Nachtluft wie der Nachhall einer großen Glocke, ein pulsierendes Summen, so tief, dass sein Klang nicht auszumachen ist, aber sie spüren es durch Mark und Bein. Dann sind sie wieder allein, von einem Herzschlag auf den anderen. Die Stunde der Geister ist vorüber und zurück bleiben nur ein Dolch aus Drachenglas und das Band aus weicher, rotgetränkter weißer Wolle um ihre verschlungenen Hände.

Er hat keine Ahnung, wie sie es schaffen, sich einhändig wie sie sind, aus Hosen und Hemd zu schälen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren oder den hinderlichen Stoff einfach entzwei zu reißen, aber es gelingt ihnen irgendwie und dann hat er sie endlich, wo er sie haben will, nackt und glühend an seinem Körper, von Kopf bis Fuß in Mondlicht getaucht. Sie schlingt Arme und Beine um ihn, ist ihm so nahe, dass er ihren Herzschlag an seiner Haut spüren kann, doch das ist noch nicht annähernd nahe genug. Nicht annähernd. Er küsst sie, gierig, hungrig, fordernd, bis er sie loslassen muss, will er sie nicht ersticken und irgendwo aus seinem Inneren steigt ein leiser, drängender Laut auf, rollt durch seine Kehle und füllt die Nachtluft mit seinem ruhelosen Echo. Der Geruch ihrer Haut füllt seine Nase, seine Lungen, warm wie Erde, klar wie Frühlingsregen und dann tut er, was er ihr vor langer Zeit versprochen hat: er liebt sie, bis sie nicht mehr weiß, wo er aufhört und sie beginnt, bis sie keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen kann und überhaupt kein Ohr mehr dafür hat, was für Laute sie von sich gibt. Aber er hört sie, er fängt jede noch so leise Schwingung auf, bis er weiß, dass sie hoch genug geflogen ist. Bis er sicher ist, dass es sie den Verstand gekostet hat, weil er es fühlen und riechen und auf ihrer Haut schmecken kann. Bis er spürt, dass sie bebt und schwingt wie ein Kristall, der nur noch einen einzigen Atemhauch braucht, um zu zerspringen, bis er weiß, dass sie es keinen Herzschlag länger erträgt, ohne zugrunde zu gehen und er nichts mehr von ihr hört außer 'Bitte'. Dann nimmt er sie, wie er muss und sie teilen sich die Kühle der Nacht und das taufeuchte Gras und den flammenden Sternenhimmel über ihnen.


*Steinkreis
*Danke, Mutter.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

  • Send private message

78

Sunday, January 24th 2016, 12:33am

Aye

16. Grünglanz 514

Als sie irgendwann völlig erschöpft, aber glühend vor Glück ineinander verschlungen auf einem Bett aus plattgewälztem Schattengras und weichen Matten aus Sternenmoos einschlafen ist die Nacht schon fast vorbei und über ihnen ist das Mitternachtsblau des Himmels zu einem lichten Perlengrau verblasst. Calaits letzter Gedanke, träge aber glasklar, ist: Mein Mann.

Die Wege des Träumers führen sie erneut ins Herz des Cromlec'h, dieses Mal aber trägt sie weiche Beinlinge, feste Stiefel und einen wärmenden Kittel aus gegerbtem Leder und der Mann an ihrer Seite ist zwar nicht weniger hochgewachsen als Colevar, doch sichtbar jünger und sein Schädel an den Seiten kahlrasiert, nur ein einzelner Streifen dickes, blondes Haar fällt ihm als Pferdeschwanz bis weit über den Rücken hinab. Herkir, erkennt Calait ihn als den Mann, der Colevar ist und doch nicht ist und wird sich seltsam bewusst, dass sie diese Welt, uralt und doch nie vergangen, ein Traum und doch Wahrheit, gleichzeitig aus eigenen, als auch aus geliehenen Augen sieht. Aus den Himmelsaugen Melains, die sie ist und doch nicht ist und die nun eine Hand nach Herkir ausstreckt und ihn auffordert seine hinein zu legen. Er tut es, schweigend, den Blick fest auf sie gerichtet und zuckt nicht mit der Wimper, als sie in einer fließenden Bewegung eine Klinge aus schimmerndem, schwarzem Glas erst über seine, dann ihre eigene Handinnenfläche führt. Ihr beider Blut vermischt sich und ohne zu zögern, aber mit liebevoller Vorsicht steckt Melain das Messer weg und windet dafür ein Stück gebleichte Wolle um ihre verschlungenen Finger. "Du bist Blut von meinem Blut…", hört Calait sich selber sagen und Herkir spricht ihr nach, kaum hörbar, aber mit bedeutungsvoller Schwere. Er beherrscht ihre Sprache noch immer nicht, kennt die Worte nicht, die er wiederholt, aber er ist sich ihrer Bedeutung bewusst und als Melain endet, hebt er sie hoch und küsst sie. Wie Colevar es getan hat. Dann, ohne sie loszulassen, sieht er sie an und verspricht ihr zu ihr zurückzukehren, sobald er seinen Vater aufgesucht und alle noch offenen Angelegenheiten in seinem Stamm geklärt hat. „Und dann bleibst du bei mir“, wispert Melain als Antwort gegen seine Lippen: „Für immer.“

Mit einem leisen Keuchen schlägt Calait die Augen auf und schnappt nach Luft, Melains letzte Worte wie ein Dolch in ihrem Herzen. Sie hat es geahnt. Dass es ein Abschied für immer sein wird. Dass sie sich erst in der Ewigen Weite wiedersehen werden. Colevar neben ihr, wach geworden durch ihr scharfes Einatmen, stützt sich auf einen Ellbogen auf und legt sanft eine Hand an ihre Wange. "Calait, was ist?" Seine Berührung nimmt dem Schmerz die Schärfe und die Besorgnis in seiner Stimme legt sich wie Balsam über die wunde Stelle, bis nur noch der Nachhall feiner Trauer übrig ist. Ganz selbstverständlich, als ob sie bereits seit Jahren ein gemeinsames Lager teilen (was sie irgendwie, auf eine sehr paradoxe Art und Weise tatsächlich getan haben) und nicht erst seit wenigen Stunden Mann und Frau sind, dreht sich Calait auf die Seite, vergräbt ihr Gesicht unter seinem Kinn und schmiegt sich an seine Brust, suchend nach der Nähe und Wärme seiner nackten Haut. „Ich habe geträumt. Von uns. Wobei.. nicht wirklich von uns“, korrigiert sie und kaut für einen Moment nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum: „Von jenen, die uns vorausgegangen sind. Kannst du dich an sie erinnern?“ Sie kann spüren, wie er den Kopf schüttelt. Die Stoppeln seines Dreitagebarts kratzen über ihren Scheitel und seufzend schmiegt sie sich noch etwas fester an ihn.

„Ich schon. Ich habe schon früher von ihnen geträumt, aber die Bilder waren wirr und haben keinen Sinn ergeben, vor allem deshalb nicht, weil ich sie nicht zuordnen konnte. Eine Weile lang glaubte ich einfach mein untervögelter Verstand würde mir ständig Männer unterjubeln wollen, die dir ähnlich sähen, weil ich so lange mit dir zusammengelebt habe. Ich habe auch nicht von allen geträumt. Nur von Brjánn und Kahna, von Lýsir und Enora und von Herkir und Melain. Aber als du mich geküsst hast, da habe ich sie alle gesehen und mich erinnert. Wusstest du, dass wir schon einmal geheiratet haben?“ Erst schüttelt er den Kopf, dann, zögerlich, nickt er, ehe er kaum merklich mit den Schultern zuckt und erklärt, dass er es nicht wirklich gewusst habe, aber der Cromlec'h sei ihm vertraut gewesen, ebenso ihr Anblick, wie sie ihm gegenüber gestanden hätte, eine Hand blutig an seine gebunden. "Ich träume nicht. Ich erinnere mich. An die Orte, die sie gesehen haben, die Wege, die sie gegangen sind. Ich könnte dir sagen, wo der Eingang zur Höhle liegt, in der Melain und Herkir gelebt haben, solange sie hier waren. Obwohl ich noch nie dort war." „Wie eine Erinnerungstäuschung?“, will sie neugierig wissen und muss einfach lächeln, als er es mit einem 'Aye' bejaht. „Aye“, wiederholt sie und rauschendes Verlangen jagt wie Quecksilber durch ihre Adern. Abrupt beugt sie sich vor, stößt mit ihrer Nase gegen seine, sucht seinen Mund und verschließt ihn mit einem gierigen Kuss, ehe sie ganz und gar atemlos gegen seine Lippen wispert: „Sag… sag es nochmals.“ Sie kann die unterdrückte Erheiterung aus seiner Stimme heraus hören, als er erst fragend, dann, als sie sich langsam über ihn schiebt, mit eindeutig verruchtem Unterton tut wie ihm geheißen – bis ihre Mund praktisch an seinem klebt und kein Platz mehr bleibt für unnütze Worte.

„Wofür war das denn?“, keucht er atemlos, als sie ihn endlich wieder freigibt. „Für das ‚aye‘", antwortet sie, ebenfalls dezent außer Atem. "Das 'aye', das mir während deiner Abwesenheit in meinen täglichen Diskussionen mit Mammin, während der ich versucht habe sie davon zu überzeugen, dass ich nicht die Frau bin, für die mich alle halten, letztendlich immer das Genick gebrochen hat. ‚Bist du dir sicher, dass dir Zufriedenheit genügt?“, ahmt sie Mammins knochige Fistelstimme perfekt nach und verwirft prompt, wie sie es schon einmal getan hat, damals allerdings ernsthaft wütend, die Arme über dem Kopf: „‘Aye, das bin ich!‘“, nur um die glucksende Belustigung, mit der ihre Großmutter daraufhin spöttelnd echot hatte: "'Aye?'" mit einem übertrieben genervten Augenrollen zu unterstreichen. Er lacht und weil sie inzwischen halb auf ihm liegt, kann sie seine Erheiterung gegen ihre nackte Haut vibrieren spüren. "Nur "Zufriedenheit?" Dir? Du bist das unersättlichste kleine Hexchen, das ich…" Prompt setzt sie ihm einen Finger auf die Brust: "Bis zu dem Moment, als du mich geküsst hast, hätte ich Stein und Bein geschworen, dass mir Zufriedenheit genügt!"
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

Stadtbewohner

  • "Colevar" started this thread

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

  • Send private message

79

Sunday, January 24th 2016, 1:32am

Die Götter sind verrückt nach Märchen

16. Grünglanz 514

"Na wie gut", murmelt er zwischen zwei weiteren Küssen, "dass du keinen Meineid schwören musstest." Calait versichert ihm - so glaubhaft ihr das zwischen einem guten Dutzend Küssen mehr gelingt - dass das nicht zähle, schließlich sei sie ja verflucht gewesen und habe es gar nicht besser wissen können, bis…
"Weißt du eigentlich, dass du meinen schönen Plan durchkreuzt hast?" Er nimmt ihr Gesicht in beide Hände und hält sie einen Moment fest, um ihr in die Augen sehen zu können. "Ich hatte vor, dich über die Schulter zu werfen und mit dir davonzureiten, und zu den Neun Höllen mit dem, was du davon gehalten hättest, aber dann bist du in den Pferdeunterstand geplatzt, gerade als ich Filidh und Snerra satteln wollte, und hast mir praktisch an den Kopf geworfen, du würdest mich lieben." Bei der Erinnerung an ihren denkwürdigen Auftritt, geistert noch immer eine Art erheitertes Erstaunen durch seine Stimme. "Keine fünf Minuten vorher hast du mich noch beschimpft wie ein Gossenzwerg und wolltest unbedingt diesen Jäger heiraten." Dann wird er sehr viel ernster, obwohl sein Tonfall noch immer leicht bleibt. "Woher der Sinneswandel? Nicht, dass ich mich darüber beschweren will", versichert er mit einer Mischung aus absoluter Aufrichtigkeit, Neugier und sanftem Spott, die Calait anscheinend sehr zum Lachen findet, denn sie prustet schon wieder leise vor sich hin. "Aber…"

'Na, du hast getan, was du schon längst hättest tun sollen, Dummkopf!' Fährt Mammin dazwischen und klingt dabei sehr selbstzufrieden. Calait und er unterdrücken beide ein entnervtes Schnauben, das der runzlige Ur-ur-großmutterngeist geflissentlich überhört. Was sie dann jedoch zu sagen hat, verschlägt nicht nur ihm selbst, sondern auch Calait für einen Moment lang den Atem. 'Du hast sie geküsst und den letzten Teil des Fluches gebrochen… äh… naja, bis auf die Blindheit ihrer Augen natürlich, aber…'
Colevar dreht Calait ein wenig und setzt sich abrupt auf. "Warte, warte, warte! Ich habe was?"
'Naja, du hast sie geküsst und…'
Calait neben ihm regt sich verwirrt und ihre Finger graben sich so fest in seine, dass ihre Nägel kleine Halbmonde auf seiner Haut hinterlassen - dann spürt er, wie sie unvermittelt nach Luft schnappt und im selben Moment begreift auch er. "Ich habe sie… oh! Oh… Und das hat den Fluch…? Aber… oh! Oh! Oooh…!"

'Natürlich...' Falls ein körperloser Ur-ur-großmutterngeist in geheuchelter Unschuld mit den unsichtbaren Wimpern klimpern kann, dann tut Mammin wohl gerade genau das. 'Was hast du denn gedacht?'
Colevar lässt sich ins weiche Schattengras zurückfallen und blinzelt einen Moment lang sprachlos in den Morgenhimmel. "Oh… oh… Ich glaubte, ich bräuchte… was weiß ich… die acht Stäbe der acht Druiden, das Herz eines Drachen, das Blut einer Jungfrau… Nur küssen?!" Unvermittelt setzt er sich wieder auf, kommt auf die Füße und hilft auch Calait aufzustehen, die ganz instinktiv die Hände nach ihm ausstreckt. "Ich dachte, ich muss das Rahsegel der Djeremajah, die Gebeine des Heiligen Cobrin, Borgils Kellerschlüssel, das Auge Mhyarhukamaos der Goldenen und die Seele eines Dämons finden oder etwas in der Art… dabei hätte ich sie nur zu KÜSSEN brauchen?!"
'Neijaaein…' Nun windet sich selbst Mammin ein wenig. 'Du musstest sie erst lieben. Nur ein Kuss wahrer…'
"Nur küssen?!!"
'Wenn du sie geküsst hättest, bevor du sie geliebt hast, dann hätte sie sich zwar in dich verliebt, aber nie ihre Augenbinde abgenommen, weil sie dich dann doch um jeden Preis vor ihrem angeblich bösen Blick hätte beschützen wollen, und du hättest dich nie in sie verliebt, weil du ihre Seele nicht in ihren Augen hättest sehen können!' Schnappt Mammin in aller Logik und lässt ihn vollkommen fassungslos zurück, während Calait hilflos an seiner Brust kichert. Oder schluchzt. Oder beides. "Märchen", faucht er erbost und drückt sie einen Moment an sich. "Die Götter sind verrückt nach Märchen!"
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

  • Send private message

80

Sunday, January 24th 2016, 12:18pm

Narben

16. Grünglanz 514

"Aye", nickt Calait und wischt sich die Tränen der Verzweiflung, Betroffenheit und des Galgenhumors gleichermaßen von den Wangen: "Aye, das sind sie", und flüchtet sich, weil sie sonst nämlich gleich einem gewissen Gott und seinem durchtriebenen Komplizen von Ur-ur-Großmutter ein paar handfeste Takte erzählt, in tröstenden Pragmatismus. "Hier, ma c'harantez, deine Hose. Hast du Hunger? Ich sterbe vor Hunger. Lass uns frühstücken. Du jagst es, ich brate es." Colevar, in Gedanken wahrscheinlich immer noch damit beschäftigt, sein Gedächtnis nach der ersten Möglichkeit zu durchforschen, bei der er sie hätte küssen können, nickt ein wenig grimmig und brummt: "Ja. Frühstück. Frühstück klingt gut. Fangen und erlegen. Das kann ich. Alles besser, als deine untote Großmutter noch einmal zu erwürgen. Sie ist erwürgt worden, richtig?" 'Friedlich im Schlaf gestorben, mein Junge. Friedlich im Schlaf gestorben!', tönt es prompt aus dem Jenseits, was Calait nur bestätigen kann: "Ist sie. Aber sei versichert, Gelegenheiten hätte es aber genug gegeben. Ehemänner auch." Davon will Mammin überhaupt nichts wissen, aber bevor sie in der Lage ist zum Gegenschlag auszuholen und sie rausfinden, ob ein Sithechritter einen Geist vielleicht doch erwürgen kann, bringt Calait sie mit einem "Kschh!" zum Verstummen: "Du hast für heute genug Unheil angerichtet. Geh... uhm… tun, was du für gewöhnlich so tust. Abgesehen davon uns unbotmäßig zu beobachten!" Tatsächlich zieht Mammin sich prompt ins Totenreich zurück, allerdings nicht ohne ihnen vorher einmal demonstrativ die Zunge rauszustrecken. "Selber bwäh!", dreht Calait ihr gutgelaunt eine Nase, ehe sie auf allen Vieren den Steinkreis auf der Suche nach Colevars Hemd abtastet.

Halblaut vor sich hin fluchend dreht sie gerade eine Ehrenrunde, als sich Reykir durch lautes Hecheln ankündigt, wenige Augenblicke bevor er sie einfach umwirft und vor lauter Wiedersehensfreude unter sich begräbt. Quietschend vor Begeisterung und gleichzeitig ächzend unter Reykirs Gewicht, schlingt sie ihre Arme um dessen Hals, vergräbt ihre Finger fest in seinem Fell und lässt sich willig mit feuchten, nach Blut stinkenden Küssen bedecken. In dem Getümmel bemerkt Calait erst gar nicht, dass Shirin sich fiepend und jaulend dazugesellt, und weil sie sich nicht an Reykir vorbeidrängen kann, einfach auf ihn springt, um ihr das Gesicht lecken zu können. Ganz so als ob auch sie sich mondelang – und nicht nur etwas mehr als einen halben Tag – nicht gesehen hätten. Erst als die kleine Resande an ihrem Rücken hochspringt und mit ihren kurzen, scharfen Krallen rote Striemen zieht, wird sich Calait ihr bewusst und schließt sie prompt in die Umarmung mit ein. "Ah, wie habe ich dich vermisst! Euch!" Es dauert eine Weile, bis es Calait gelingt sich strampelnd unter dem Hundedurcheinander hervor zu winden und sich aufzurichten. Just in diesem Moment kehrt Colevar zurück, am Gürtel zwei Hasen und im Arm ihre Kleider. Noch immer umringt von den Hunden, nimmt Calait Beinlinge, Tunika und Stiefel an sich und entschuldigt sich kurz ans Wasser, um den erlesenen Duft nach frisch erlegtem Wild und Hundespucke von ihrem Gesicht und ihrem Hals zu waschen.

Als sie kurz darauf zurückkehrt, frisch gebadet, wohlduftend und vollständig angezogen, ist Reykir noch immer an ihrer Seite, als ob er befürchte, sie löse sich in Luft auf (oder sein Herrchen käme erneut auf die Idee, ihn auf eine Reise irgendwohin mitzunehmen), sobald er sich auch nur einen Sekhelrin von ihr fortbewege. Sie hat eine Hand auf seinem Schädel abgelegt und lässt sich von ihm führen, obwohl sie den Weg kennt und keiner Orientierungshilfe bedarf. Viel zu lange musste sie ohne seine beruhigende Präsenz ausharren, als dass sie jetzt, wo sie ihn endlich wieder hat, bereit wäre, auch nur für einen Herzschlag freiwillig darauf zu verzichten.
Colevar hat in der Zwischenzeit mit Shirins eifriger Hilfe trockenes Holz für ein Feuer gesammelt und ihr die Beute seines kleinen, morgendlichen Raubzugs in die Wälder Savos auf einen der flachen Steine an der Quelle ausgelegt. Sie findet Büschel triefender Brunnenkresse, eine Handvoll Schneehuhneier, würzigen Bärlauch und zwei Waldhasen. Daraus zaubert Calait mühelos ein wohlschmeckendes, sättigendes Mahl, mit dessen Resten sie auch die Hunde noch füttern können. Filidh sorgt ohnehin selbst für sein Frühstück und tut sich an all dem frischen Frühlingsgras im Steinkreis gütlich.

Genüsslich leckt sich Calait nach dem letzten Bissen die Finger und lehnt sich zufrieden, und zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit völlig entspannt, zurück gegen Colevars Brust – um prompt, als er die Arme um sie legt, nach seiner Hand zu greifen und das letzte Stück seiner Hasenkeule zu ergattern. Dabei streifen ihre Finger die ringförmigen Narben, die unterhalb seines Ellenbogens beginnen und sich bis zum Handgelenk ziehen und verharren auf der Letzten. Dem Ring, der das letzte Mal, als sie sich gesehen hatten, noch nicht dagewesen war. Sithechs Fingerabdrücke, erinnert sie sich an seine vage Erklärung, damals vor Jahren im Schwappenden Krug in Nellim. Sie weiß inzwischen, dass es weniger Fingerabdrücke, sondern mehr Brandzeichen sind und er den ersten Ring dafür bekommen hat, einem sterbenden Kind Barmherzigkeit zu zeigen. Auch ist die Kälte, die manchmal von ihm ausgeht, auf einen dieser Ringe zurückzuführen. Aber weder haben sie seit jenem Morgen im Gasthaus am Frostweg, als sie sich noch kaum kannten, je wieder darüber gesprochen, noch hat er die Kräfte, die in diesen Symbolen schlummern, schon einmal in ihrer direkten Gegenwart eingesetzt. Aber sie kann die Macht spüren, die durch die Ringe fließt und sanft pulsiert. Colevar hat einige neue Narben aus dem Norden mitgebracht. Der Riss in seinem Gesicht, der lange, gerade Schnitt über seinen Rippen, die ausgefransten Kerben in seinem Oberschenkel, vier an der Zahl - aber keine spricht eine so deutliche Sprache, wie der neue Ring auf seinem Arm. Behutsam haucht sie einen Kuss darauf, ehe sie sich an ihn schmiegt und ihn bittet: "Erzähl mir, was im Norden geschehen ist. Erzähl mir alles."
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

Stadtbewohner

  • "Colevar" started this thread

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

  • Send private message

81

Sunday, January 24th 2016, 3:29pm

Der fünfte Ring

16. Grünglanz 514

Calait küsst den letzten, fünften Ring auf seinem Unterarm dicht über dem Handgelenk, dann lehnt sie sich an ihn, ihr Rücken fest an seine Brust geschmiegt, so dass er sie mit seinem ganzen Körper umschließen kann, sie einhüllen kann wie ein warmer, schützender Umhang. >Erzähl mir, was im Norden geschehen ist. Erzähl mir alles<, bittet sie schlicht, also tut er es. Angefangen von ihrer Reise zum Rapuoja, von den Nargen in der Ruine des Dorfes, vom Zerstörten Winterlager, der Verfolgungsjagd in die Berge und allem, was danach im Finsteren Tal und in der Klamm geschehen war. Er lässt nichts weg, er schmückt nichts aus, sondern berichtet in knappen, aber eindringlichen Worten von der Flucht des Schneeadlerstammes und seinem und Winocs Kampf gegen die Narge. Ab und hat hakt Calait nach, wenn ihr etwas nicht sofort klar ist, ab und an drückt sie mitfühlend seinen Arm oder schmiegt sich noch ein wenig enger an ihn und lauscht unverwandt dem, was er zu erzählen hat. Doch als er von seinem letzten Kampf in der Klamm spricht, kann er die wachsende Anspannung in ihr spüren. Als sie begreift, beginnt es in ihr zu gären, ob vor Wut oder Schmerz kann er nicht genau sagen, aber ihre Fingernägel graben sich immer tiefer in seine Haut, während sie seinen Worten folgt - bis er zu seinem letzten Aufeinandertreffen mit dem Ark'alar gelangt. "Du… du… Mab ar c'hast…" zischt sie dann, "hast versucht, dich davonzustehlen!" Das ist eine Feststellung, keine Frage und Colevar atmet hörbar ein und wieder aus, ehe er ihre Hände fest in seine nimmt, bevor sie ihm noch blutige Striemen in die Arme kratzen würde. "Aye", ist alles, was er erwidern kann, denn es ist wahr. Im Glauben, sie für immer verloren zu haben, hatte er tatsächlich versucht, auf diesem Berg zu sterben. Sie gibt einen erstickten Laut von sich und er legt seine Wange auf ihren Scheitel, blass und verletzlich unter dieser wirren Masse dunklen Haars."Pssst. Es ist mir ja nicht gelungen." Dann hört Colevar ihr zorniges Schnauben, wie sie im Brustton der Überzeugung erklärt, Sithech habe ja wohl auch viel zu viel Angst davor, was sie ihm alles antun würde, hätte er das zugelassen, und plötzlich fällt es ihm schwer, nicht einfach los zu prusten. Das irrationale Verlangen zu lachen prickelt in seinem Blut wie Schaumwein.

"Wehe du lachst!" Tönt es an seiner Brust. "Wag es ja nicht…" Sie wirbelt zappelnd zu ihm herum und ohrfeigt ihn tatsächlich, noch ehe er ihre aufgebracht herumfuchtelnden Hände einfangen kann. Doch selbst, als er sie packt und so fest hält, dass sie sich nicht mehr groß bewegen kann, lacht er noch immer. "Das brächtest du fertig", flüstert er schließlich, als das Lachen nicht mehr mit jedem Atemzug durch seine Kehle rollt und meint jedes Wort todernst – und dann kann er sie nur noch küssen, sehr lange und sehr sanft. >Ich weiß, ich sollte mich schrecklich fühlen wegen der anderen, wegen allem, was sie erleiden mussten und all der Toten, aber… ich bin nur erleichtert, dass ich dich wieder habe,< hört er sie schließlich sagen und nickt langsam, bevor er seine Stirn an ihre legt. "Ich weiß. Wenn die ganze Welt, die wir kennen, vergehen würde, wenn alle sterben und untergehen würden, die wir je gekannt haben und die uns etwas bedeuten und nur du würdest mir bleiben, könnte ich damit leben. Ich sage nicht, dass es mir nichts ausmachen würde, aber ich könnte damit leben. Aber dich zu verlieren könnte ich nicht ertragen."
Sie legt den Kopf an seine Schulter und eine Hand auf sein Herz und er lehnt sich an den sonnenwarmen Herzstein in der Mitte des Cromlec'h und hält sie einfach nur fest. Die Stille der Wälder umfängt sie, obwohl es mit dem frühlingstrunkenen Reigen überall im Unterholz und um die Lichtung des Steinkreises eigentlich nicht wirklich still ist, und eine Weile lassen sich einfach von ihr einhüllen.
"Was danach geschehen ist, kann ich dir gar nicht wirklich sagen… außer dass dein völlig verrückter Bruder etwas verdammt Dummes angestellt… und uns alle damit gerettet hat."
>Winoc hat etwas noch Dümmeres getan, als du in dieser Klamm?< Will sie wissen, aber ihr beinahe sanfter Tonfall nimmt den Worten jede Spitze.
"Tasmant ar Khail du."
>Er hat was?!<

"Winoc hat ihn beschworen, aber wie genau er das gemacht hat, kann er wohl selbst nicht sagen. Als der Geist… erwachte, war es, als erhebe sich der ganze Berg. Ich lag in der Schlucht, hörte ein furchtbares Kreischen und sah noch, wie sich der ganze Himmel verdunkelte, dann verlor ich das Bewusstsein. Was dann passierte, konnte mir Winoc erst Wochen später erzählen. Offenbar hat der Geist mich nicht nur vor den herabstürzenden Felsen beschützt, sondern auch aus den Trümmern geborgen, mich zu… ahm… zu den Wolkenkindern in den Felsenkessel gebracht und mich der Heilerin direkt vor die Füße gelegt." Colevar zuckt sacht mit den Schultern. "Dann ist er einfach in den Höhlen verschwunden. Der arme Stamm wusste wohl nicht, worüber er fassungsloser sein sollte: dass der Geist mich gerettet oder dass er ihnen sämtlichen Schauergeschichten zum Trotz rein gar nichts getan hat." Einen Moment schweigen sie beide. Calait, weil sie das Gehörte erst einmal verdauen muss und im Geiste wohl schon die beste Möglichkeit abwägt, ihrem kleinen Bruder im Nachhinein möglichst wirksam noch die Neun Höllen heiß zu machen, und er selbst verloren in Erinnerungen an die Zeit beim Stamm des Schneeadlers… zumindest an jene Zeit, an die er sich überhaupt erinnern kann.
"Es waren Lasayne… du hast sie bei unserer Ankunft kennengelernt… und Winoc, die mich gerettet haben. Ich war schwer verwundet, Calait, wirklich schwer und ich hatte sehr viel Blut verloren, aber das erfuhr ich alles erst im Eisfrostmond. Der Kampf mit den Nargen war irgendwann Anfang Blätterfall und bis zum Silberweiß war ich praktisch ohne Bewusstsein." Seine Stimme ist sehr leise und sehr ernst geworden, während er erzählt, und sein Blick fern, als sähe er gar nicht mehr den Steinkreis und die sonnengesprenkelte Lichtung, sondern etwas ganz anderes.

"Erst hielt mich Lasayne mit Mohnblumensaft in tiefem Schlaf, weil meine Verletzungen zu schwer waren und sie mich nicht anders behandeln konnte. Aber selbst danach kam ich nicht wirklich zu mir. Ich wusste selten, ob ich wach war, oder schlief, ob meine Augen geöffnet oder geschlossen waren. Die meiste Zeit wusste ich nicht einmal meinen Namen. Um mich her war alles Grau. Grau und Scharlachrot. Es gab nur Schmerzen, Calait, nichts sonst. Überhaupt nichts. Manchmal konnte ich mein eigenes Herz hören, so angestrengt, als müsse es mühsam um jeden einzelnen Schlag ringen, aber so laut wie Donner, wie der dumpfe Klang einer Trommel, der mir in den Ohren dröhnte, bis ich mich so dünn und substanzlos fühlte wie eine aufgespannte Haut - und meine Knochen waren ihr Rahmen. Lasayne versorgte meine Wunden, linderte mein Fieber, verabreichte mir eine endlose Folge von Heiltränken – sie hat, glaube ich, sogar deinem Bruder einen seiner Talismane gestohlen, weil es zufällig ein Alenit war. Nach einer Weile… ich weiß nicht, wie viele Wochen vergangen waren… konnte ich die Toten in der Dunkelheit hören, ein endloser Chor klagender Stimmen. Irgendwann konnte ich auch die Totenlichter sehen, aber so sehr ich auch versuchte, sie zu erreichen, es gelang mir nicht - sie blieben immer gleich weit entfernt. Ich konnte nicht bewusst denken, aber wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich Sithech angefleht, mich endlich zu holen. Du kannst dir nicht vorstellen wie entsetzt ich war, als ich dann im Silberweiß zum ersten Mal wieder halbwegs zu mir kam und feststellen musste, dass ich gar nicht tot war." Er lacht freudlos, ein kurzer, bitterer Laut. "Also habe ich versucht, mich aufzugeben und ein Stückweit ist mir das auch gelungen. Die Übelkeit des Mohnblumenrausches wollte einfach nicht mehr weichen – bis ich so gut wie gar nichts mehr aß, und das wenige, das ich zu mir nahm, konnte ich nicht bei mir behalten. Ich wurde schwächer und schwächer, statt stärker und gesünder. Tagsüber schlief ich viel, weil ich nachts keine Ruhe fand.

Nachts kamen Träume, die ich nicht träumen wollte… hauptsächlich Träume von dir. Aber ich wollte auch nicht, dass Lasayne oder Winoc… oder irgendjemand sonst… bei mir blieben. Ich konnte niemandes Gesellschaft ertragen, noch nicht einmal Reykirs. Ich wollte nie wieder jemanden sehen oder mit jemandem sprechen müssen. Einmal hörte ich Lasayne und Winoc streiten. Er wollte wissen, warum sie nicht mehr für mich tun würde und sie hielt ihm vor, sie könne schließlich niemanden retten, der nicht gerettet werden will. Dann hat sie ihn angefleht, mich irgendwie mit Schamanenmagie zu verhexen, damit ich meinen Lebenswillen wieder fände. Am nächsten Tag hat Winoc mit mir gesprochen. Zuerst habe ich seinen Worten überhaupt keine Beachtung geschenkt. Seit ich aufgewacht war, war er ja jeden Tag bei mir gewesen und hatte mir ins Gewissen geredet, aber ich hatte gelernt, seine Stimme einfach nicht mehr zu hören, ganz gleich was er zu sagen gehabt hatte. Ich wollte seine Worte nicht verstehen und mir war ohnehin alles vollkommen einerlei. An diesem Tag war es anders. An diesem Tag versuchte er nicht, mir einzureden, dass ich das alles mit ein wenig gutem Willen schon überstehen würde, dass alles besser werden würde, wenn ich nur wieder auf die Beine käme, dass ich zuversichtlich sein müsse, Hoffnung haben und so fort. Er sagte nur einen einzigen Satz, aber…"
>Was hat er gesagt?<
"Er sagte, wenn ich nicht zu dir zurückkehre, wirst du sterben. Genau genommen hat er gesagt, seine 'verblendete und verfluchte Schwester würde sich selbst das Herz brechen und langsam an ihrem eigenen Unglück zugrunde gehen, jeden Tag ein wenig mehr.' Das hat vollkommen ausgereicht. Lasayne hat mich zwar für die nächsten Wochen gehasst und ich glaube, Winoc musste ihr die Fläschchen mit den Giften abnehmen… nur zur Sicherheit…, aber allmählich kam ich wieder zu Kräften. Danach konnte es mir nicht schnell genug gehen, nur… du weißt selbst, wie der Winter war. Wir sind aufgebrochen, sobald die Schneeschmelze eingesetzt hat und den Rest der Geschichte kennst du.

Dein Bruder", fährt er fort und in seiner Stimme schwingt nicht nur brüderlicher Stolz mit, sondern ganz offene Bewunderung, "hat alles riskiert und etwas wirklich Großes vollbracht. Ihm habe ich auch den fünften - und letzten - Ring zu verdanken." Er hatte ihr erzählt, was in der Klamm geschehen war, aber das noch nicht, nicht in allen Einzelheiten, also tut er es jetzt. Mit einem leisen Lächeln schüttelt er schließlich den Kopf. "Wenn mir noch vor einem Zwölfmond jemand erzählt hätte, ich würde je den Ring der Demut tragen, hätte ich ihn ausgelacht, erst recht, wenn er behauptet hätte, ein kleiner Wolkenvolkschamane würde sie mich lehren. Aber genau das hat Winoc getan. Es mag vielleicht nichts Geringes sein, wenn jemand wie ich sich mit ein paar Nargen anlegt, Calait, aber etwas so besonderes ist es auch nicht. Es war meine Aufgabe als Ritter, die Schwachen zu beschützen und ich habe das Kriegshandwerk und das Kämpfen von klein auf gelernt. Ich bin weder schwach, noch hilflos, noch sonderlich furchtsam. Außerdem war mir damals einfach gleich, ob ich lebte oder starb. Dein Bruder aber hatte Angst und einen übermächtigen Gegner – und trotzdem hat er den Kampf aufgenommen. Als ich dem Ark'alar der Narge sagte, mein Khal'akar hätte mir befohlen, diese Schlucht zu verteidigen und genau das würde ich tun", schnaubt er selbstironisch, "meinte ich das genau so und erhielt den Ring - und ich bekam davon rein gar nichts mit, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon halbtot war." Jetzt lacht er wirklich und sie mit ihm, aber ihre Stimme ist warm, und - wenn auch belegt vor Überraschung - voller Stolz und Zuneigung. >Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet mein kleiner 'nichtsnutziger' Bruder dich Demut lehren würde. Ich bin so stolz auf euch. Auf dich. Ich könnte dich immer noch umbringen, weil du dich einfach davonschleichen und mich allein lassen wolltest, aber…<
"Bevor du dich noch um Kopf und Kragen redest, Hexchen", unterbricht er sie sanft, "solltest du wissen, dass dein Bruder jetzt außerdem ganz offiziell der respektable Gefährte einer äh… ziemlich resoluten, aber liebenswerten Wargin ist. Und außerdem bald Vater."
>Oh, er hat Agrayne tatsächlich… warte, was?<
"Aye, wenn alles gut geht, wirst du im Sonnenthron Tante."
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

This post has been edited 1 times, last edit by "Colevar" (Jan 24th 2016, 7:43pm)


Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

  • Send private message

82

Sunday, January 24th 2016, 5:27pm

Ein Versprechen

16. Grünglanz 514

"Noch ein Baby!", ruft sie aus und erzählt ihm von Maels kleiner Tochter Kousk, die im Winter geboren worden und inzwischen zu einem properen Zehnpfünder herangewachsen war. Noch einen Moment länger schwelgt Calait in aufrichtiger Vorfreude auf eine weitere süße Nichte oder aber einen wackeren Neffen, dann schwindet das Lächeln allmählich von ihren Lippen, als ihre Gedanken von den Kindern ihrer Brüder zu den Kindern, die sie irgendwann mit Colevar haben wird, wandern – und damit einher geht die Erkenntnis, dass sie jetzt nicht schwanger werden darf. Nicht solange Xinera noch atmet. Ein Baby mit auf die Reise in die Ostlande und in den Kampf mit einer Remorwyn zu nehmen kommt einfach nicht in Frage. Es wäre schlicht und ergreifend unverantwortlich und dessen ist sich Calait bewusst. Trotzdem versetzt es ihr einen Stich, dass ihnen nach allem, was sie durchgemacht und durchgestanden haben, dieses Glück noch immer nicht vergönnt ist. "Du weißt, dass ich dir vorerst keine Kinder schenken kann, aye?" Und außerdem ganz dringend ein paar Kräuter besorgen muss, falls…
"Ich weiß. Nicht so lange das miese Stück Wiesenhexe noch lebt", erwidert er und sie kann an seiner Stimme hören, dass er das mindestens so sehr bedauert wie sie. Langsam nickt sie, dann kniet sich vor ihn und nimmt sein Gesicht zwischen ihre Hände: "Aber wenn wir den Schatten ins Auge geblickt und sie vernichtet haben, dann bringst du mich nach Hause… und dann werden wir unsere Kinder haben." "Aye", verspricht er: "Das werden wir. Ich bringe dich nach Hause, Calait. Ich kann dir nicht sagen wann, aber ich verspreche dir, ich bringe dich heim." "Ich weiß", wispert sie und küsst ihn, eine stumme Besiegelung ihrer gegebenen Versprechen.

"Und jetzt", erklärt sie und erhebt sich: "lass uns zum Winterlager zurückkehren. Wir haben noch einiges vor uns, ehe wir in die Ostlande aufbrechen können – und außerdem habe ich einem Bruder die Ohren lang zu ziehen und eine Schwägerin in der Familie willkommen zu heißen." Und ich muss mich bei mindestens drei Dutzend Personen entschuldigen. Lächelnd ob ihres Feuereifers kommt auch Colevar auf die Füße: "Ahm, Calait… dir ist klar, dass es Wochen, ja sogar Monde dauern kann, oder noch länger, ehe wir von Winoc alles in Erfahrung gebracht haben, was wir für unseren Kampf gegen die Remorwyn brauchen werden? Wir haben jetzt Frühling, aber wenn es länger als bis zum Herbst dauern sollte, werden wir auch den nächsten Winter hier verbringen müssen."
"Ich weiß." Sie ist den weiten Weg vom Ostwall bis in die Weidegründe der Resande mehr als einmal gegangen, das erste Mal als junges Mädchen von kaum mehr als zehn Sommern. Es ist eine weite und beschwerliche Reise durch die tiefen Wälder Savos, entlang der Strauchberge in die endlosen Weiten der Llelar Ebene bis zu den Furten des Rhune, durch die unheimlichen Gräberhöhen hinein ins Gräserne Meer. Überall lauern tödliche Gefahren, ob nun in Form hungriger Grymauchbären, aufständischer Faune, Wegelagerer, Goblinhorden, kriegerischer Tharndrakhireiter oder unberechenbaren Wetters und schwerer Stürme. Und spätestens in Flussmarket würden sie Filidh und Snerra zu ihrer eigenen Sicherheit irgendwo unterstellen müssen, weil die zwei sonst am Ende in der Herde irgendeines größenwahnsinnigen Khans enden und Colevar und sie bis zum Kinn eingegraben irgendwo im Nichts ein Festmahl für die Feuerameisen abgeben würden, während Reykir und Shirin beim Versuch sie zu verteidigen von Pfeilen gespickt ihren letzten Atem ausröcheln müssten. Sie selbst als Resande wäre ja relativ sicher. Colevar hingegen ginge nicht einmal als Resande durch, wenn sie ihm die Haare schwarz färben und ihn in das traditionelle Gewand ihres Volkes stecken würde.

"Aber wir können heute anfangen", legt sie schlicht fest, nur um mit einem verschmitzten Grinsen hinzuzufügen: "Außerdem kann ich es nicht erwarten Winocs Gesicht zu sehen, wenn wir ihm sagen, dass er nicht der Einzige ist, der ein Herdfeuer gegründet hat. Oh, und meine Mutter, die wird sich so freuen!" Sie kann sich die überschwängliche Begeisterung Rozenns bildlich ausmalen, vor allem nachdem ihre Mutter mindestens genauso unablässig wie Mammin, wenn auch mit sehr viel mehr Rücksicht auf persönliche Gefühle, versucht hatte, sie von ihren falschen Überzeugungen abzubringen. Und irgendetwas sagt ihr, dass auch ihr Vater mehr als glücklich sein würde. Als Mensch, der felsenfest an das Schicksal glaubt und für den Prophezeiungen ein ungeschriebenes Gesetz sind, wird er obendrein sehr erleichtert sein, von dieser Wendung der Geschichte zu erfahren.
Während Colevar also das Feuer löscht, sucht sie das Wenige zusammen, was sie bei sich haben. An der Quelle, wo Mammin gesessen war, finden ihre tastenden Finger das Messer aus Feuerglas und das Band aus Schneeschafwolle. In diesem Augenblick wird ihr bewusst, was sie das eigentlich in Händen hält. "Colevar…" Er steht neben ihr, noch ehe die letzte Silbe verklungen ist, alarmiert durch ihren Tonfall: "Was ist? Was hast du?" Vorsichtig hält sie ihm das von Blut durchtränkte Stück Stoff und die ebenso blutige Klinge entgegen und kann sehen, wie ein Zittern durch die silbernen Linien seiner Gestalt fährt, als er danach greift und versteht. "Es hat ihr gehört", hört sie ihn sagen und nickt: "Aye. Sie hat es für die Zeremonie mit Herkir benutzt. Und…" Dieses Mal kommt das Wissen unvermittelt, nicht gefiltert durch einen Traum, sondern wie ein Pfeil aus völliger Dunkelheit und Schmerz schießt durch Calaits Rippen, dort wo die Remorwyen Melain die schwarze Klinge ins Fleisch gejagt hatte.

Colevar hält sie, bevor sie zusammensacken kann. So rasch diese unerwartete Pein sie überfallen hatte, ist sie auch wieder vergangen und nach Luft schnappend richtet Calait sich auf, zu gleichen Teilen erschrocken, wie wütend. "Anoushak hat sie damit getötet. Mit ihrem eigenen Dolch." "Mammin hat das bestimmt nicht grundlos zurückgelassen", erwidert Colevar und Calait stimmt ihm zu. Behutsam packt sie sowohl das wollene Band, als auch das Messer in die Packtaschen. "Vielleicht kann Winoc uns sagen, wie uns das nützen soll." Die Geister wissen, sie können jede Hilfe gebrauchen.
"Bevor wir gehen, sing es noch einmal, Calait. Das Lied für den Geist des Wasserfalls. Zum Abschied." Flüchtig verharrt Calait an Ort und Stelle, dann lässt sie sich auf dem gleichen Stein nieder, auf dem vor so langer Zeit einst Melain gesessen war und beginnt zu singen.

"Boñjour deoch plach yaouank, setu me deut dar gêr…"



--> Langschnee 515 Talyra
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

1 user apart from you is browsing this thread:

1 guests

Similar threads