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Colevar

Stadtbewohner

  • "Colevar" started this thread

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

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31

Saturday, May 17th 2014, 3:02pm

Die Geister, die ich rief

>Aye< hört er sie sagen und seine Mundwinkel zucken noch immer, aber sein Herz stolpert ein wenig, was ganz bestimmt einfach lächerlich ist, hat sie doch nur einen Allerweltsausdruck wie ein unbedeutendes, kleines 'aye' benutzt. Lächerlich, zweifellos. Aber... irgendwie ist es ja sein Ausdruck. Und wie oft hast du in den letzten Wochen etwas von "bei allen Geistern" gemurmelt? Er schnaubt leise belustigt und sie fährt fort, dass sie ein Hörnchen sei, ein Nijalkaz. Sie sagt es leichthin und kleidet ihre Antwort in trockenen Humor, aber er kann an ihrer Stimme hören, dass es eine Zeit gegeben haben muss, in der ihr das durchaus zu schaffen gemacht hat. Colevar erinnert sich, wie er Lía zum ersten Mal gesehen hatte, strampelnd unter einem Baumstamm auf der Suche nach Wurzeln und Nüssen, nicht gerade, dass sie sie sich in die Backentaschen gestopft hatte wie ein Hamster. Und dann ihr Wesen, immer geschäftig, immer ein wenig unsicher, linkisch und scheu, so sprunghaft. An ihre huschenden Bewegungen, ihre schnellen, kurzen Blicke, ihre neugierige Art, entwaffnend in ihrer völligen Arglosigkeit - und das Hörnchen erscheint ganz allein vor seinem Inneren Auge. Er erinnert sich sogar an den ersten Blick der Rotatkissa auf Lías nackte Beine, als unterteile sie sie in Gedanken bereits in helles und dunkles Fleisch... Mistress Grau hatte sich schließlich in den Wäldern Savos hauptsächlich von Hörnchen ernährt. Wie anders dagegen Calait, als Lía ihn ins Lager gebracht hatte: aufrecht im Schein des Feuers, jeder Zoll eine selbstbewusste, wachsame und tapfere junge Frau, trotz ihrer Blindheit mit blanken Stahl in der Hand und bereit, ihre und die Haut ihrer Schwester wenn es sein müsste auch krallend und kratzend zu verteidigen, und so teuer wie nur irgend möglich zu verkaufen. Wenn er je eine fauchende Wildkatze mit funkelnden Augen und gesträubtem Pelz gesehen hat, dann sie. "Hmpf", schnaubt er leise und beugt sich zu ihr hinunter, so dass er in ihr Ohr flüstern kann, damit die Felswände ringsum seine Worte nicht zehnfach verstärkt zurückwerfen. "Ich kenne mich weder mit Schamanismus, noch mit Totems aus, Calait, aber ich bin überzeugt davon..." Der Geruch ihrer Haut steigt ihm in die Nase, haarsträubend gut und absolut unwiderstehlich, und er hält abrupt den Atem an, "dass er euch verwechselt hat."
Sie tastet sich voran, als ihre Knie einen Baumstamm berühren, der als Sitzgelegenheit neben der Feuerstelle liegt und nimmt Platz, nur um lächelnd mit der flachen Hand neben sich zu klopfen. Colevar schnappt nach Luft und hustet leise. Er kann sich nicht zu ihr setzen. Nicht sofort, nicht mit diesem Duft in der Nase. Also wendet er sich um, den Blick fest auf die Höhlenwand gerichtet, als habe er dort gerade etwas ungeheuer Interessantes entdeckt. Sind es tanzende Schatten oder tragen die Wände Zeichnungen von... Tieren. Menschen. Jägern. Totems? Vielleicht. Im flackernden Schein der Flammen kann er unzählige dunkle, weiße und rote stilisierte Figuren erkennen. "Wie kann irgendjemand, der dich und Lía gekannt hat, daran zweifeln? Du und Hörnchen? Nicht in diesem Leben und nicht im nächsten, es sei denn morgen geht die Sonne im Westen über der Bucht von Fa'Sheel auf. Wenn ich je eine Wildkatze gesehen habe, Calait, dann dich."
>Pssst... die Toten können uns hören. Gerade hier in dieser Höhle, wo wir ihrer gedenken und ihnen Respekt erweisen.<

Eine seiner Brauen hebt sich süffisant und beinahe hätte er 'na und?' gefragt. Schließlich ist er was er ist, sie ist was sie ist, und Winoc ist ein Schamane. Außerdem hat er ohnehin den Eindruck, dass Mammin ein ziemliches Klatschweib ist, das der versammelten Schar umtriebiger Geister jenseits der Totenlichter immer brühwarm die neuesten Tratschgeschichten aus der Welt der Lebenden erzählt. Insbesondere erzählt sie dabei aus einer geschmacklosen und unglücklichen Abenteuer-Liebes-das-kann-nicht-gut-ausgehen-Geschichte, die hauptsächlich auf einer gewissen Handelsstraße spielt. Woher sonst hätte dieser Kalanarnein-ich-bin-nicht-eifersüchtig-auf-einen-Toten etwas von seinen sieben Leben wissen sollen? Sieben Leben! Die Prophezeiung... Vor lauter Geistern, Ahnen, Schamanenschlampen und Stolpersteinen hätte er das beinahe vergessen. Wenn er sich nur genauer an die Worte der alten Vettel in Arrassigué erinnern könnte, aber immer, wenn er es versucht, fühlt sein Kopf sich an, als sei er voller Spinnweben.
Winocs Stimme materialisiert sich so plötzlich aus den wabernden Schatten hinter dem Feuer wie der ganze Rest von ihm, so dass er Colevar ziemlich abrupt aus seinen verworrenen Gedanken reißt. >Gesprochen von unseren Ahnen. So sehr ich mich auch freue dich wieder zu sehen, C'hoar, ich vermute ihr habt den weiten Weg nicht aus reinen Vermisslichkeiten auf euch genommen.< Die auffordernde Geste von Calaits Schamanenbruder an ihn ist so unmissverständlich, dass Colevar sich seufzend neben Calait auf den Baumstamm setzt, aber sorgsam darauf achtet, ihr nicht allzu nahe zu kommen. >Was genau führt euch zu uns?<
Obwohl er eine halbe Armlänge von ihr entfernt sitzt, spürt er ihre aufwallende Verärgerung so deutlich, als hätte sie sie ihm vorher angekündigt – und anstatt ihrem Bruder zu sagen, warum sie hier sind, schnappt sie eine Gegenfrage über die Flammen hinweg und will wissen, woher er es gewusst habe. Auf seine schlichte Erwiderung reagiert sie allerdings sehr viel überraschter und weitaus zorniger als er, denn Colevar erscheint Mammin als Antwort vollkommen logisch. Da Schamanen meistens nicht mit Glaskugeln und gefälschten Drachenkarten arbeiten - wer hätte es ihm denn sonst verraten sollen? Abgesehen davon hat Calait ihn über die Geschehnisse auf dem Floß belogen - Colevar hat noch immer keine Ahnung davon, was die alte Adamarah ihr gesagt hat, noch weiß er, dass sie das alles als Unmöglichkeit abgetan und nichts davon hatte wissen wollen. Oder dass Mammin ihr reinen Wein einschenken wollte und daraufhin einfach verschwunden war (aus dem Spiel genommen und zum Schweigen gebracht). Ein Seitenblick auf Calait genügt jedoch um zu erkennen, dass es in ihr zu brodeln beginnt wie in einem Kessel kurz vor dem Überkochen. In Gedanken zählt er also lautlos von zehn an rückwärts und kommt tatsächlich bis siebeneinhalb, ehe sie in die Höhe schießt wie ein Springdämon. Und da ist die Wildkatze und fährt prompt ihre Krallen aus - von Hörnchen keine Spur, der Schamane war senil. Ganz sicher.

>Mammin?!< Echot Calait sehr laut und die folgenden Stille hallt unangenehm nach. Selbst das Knistern des Feuers scheint sich verschämt in den Hintergrund drängen zu wollen. >Mammin hat dir gesagt, dass wir kommen? Sie hat keine seherischen Fähigkeiten und der Graue war bestimmt nicht wahnsinnig genug ihr welche in ihrem Tod zu verleihen, also kann sie erst gewusst haben, dass wir in die Berge aufbrechen, als wir aufgebrochen sind...< Ihre sonst so warme, dunkle und leicht rauchige Stimme wird rau vor Empörung und Winoc, der für einen Herzschlag versteinert war, erwacht mit einem hilflosen Schulterzucken wieder zum Leben.
"Calait..." Setzt Colevar an, kommt jedoch nicht weit.
>... und das heißt, sie hat vor nur wenigen Siebentagen mit dir gesprochen!!< Geht sie auf ihren Bruder los, der immerhin den Anstand besitzt, betreten dreinzublicken und unruhig auf seinem eigenen Baumstamm auf der anderen Feuerseite hin und her zu rutschen. >UNS schweigt diese dreizahnige, braune Schachtel aber seit Monden an! Seit Monden! Nachdem sie uns im Herbst letzten Jahres aufgelauert und seither sogar bis ins Bett verfolgt hat, nur um dann klammheimlich eines Nachts genauso plötzlich einfach wieder zu verschwinden!<
"Calait, ich..." glaube nicht, dass Mammin wirklich fort ist. Will er sagen und es stimmt. Er kann sie immer noch spüren... oder wenigstens glaubt er das. Warum sie allerdings so eisern schweigt kann auch er nicht sagen. Doch auch diesmal kommt er nicht dazu, auszureden, denn Calait ist außer sich und prustet wie ein Amurwal.
>Hörst du mich, du scheeläugige Kröte?! Zwölf Monde plagst du uns, verwirrst uns, triezt uns und machst unsere Leben fürchterlich kompliziert, nur um dann sang- und klanglos abzuhauen kaum das es einmal brenzlig wird und JETZT versteckst du feiges Stück dich hinter Winocs Rücken?<
"Calait..." sagt er, doch diesmal so leise, als denke er ihren Namen nur... einfach um ihn in den Mund zu nehmen und auszusprechen.

>Warte bis ICH gestorben bin, dann, hähä, DANN ziehe ich dir deine durchsichtigen Falten lang, du ehrlose, verlogene, rabenhafte…< Sie sucht händeringend nach möglichst adäquaten Schimpfworten und dampft inzwischen vor Zorn. Das ist der Moment, in dem Colevar aufsteht, von hinten die Arme um sie legt, damit sie damit nicht mehr herumrudern und am Ende noch die Ärmel ihrer Tunika in Brand stecken kann, sie hochhebt und vom Rand der Feuergrube zurück zum Baumstamm trägt. Dort setzt er sich wieder, mitsamt Calait, die er einfach auf seinen Schoß nimmt und festhält, einen Arm um sie geschlungen, die Rechte fest auf ihrem Mund. Winocs höchst erstauntes Gesicht quittiert er nur mit einem ironischen Lächeln. "Wir sind unter anderem hier wegen Mammin. Sie ist eurer beider Ahnin – aber sie spukt in meinem Kopf herum. Ungefragt und uneingeladen, seit mehr als einem Jahr. Es ist... es ist keine Besessenheit, au – lass das Hexchen... aber sie sucht mich heim. Nicht, dass sie mich Heimsuchen würde", versucht er zu erklären, muss aber mit einem vagen Schulterzucken aufgeben, weil er beim besten Willen nicht weiß, wie er Mammins Stippvisiten aus der Andernwelt besser beschreiben soll. "Sie... sucht mich nur heim. Uns beide, irgendwie. Sie hat darauf bestanden, dass ich bei Calait sein muss und sie wirft immer wieder mit irgendwelchem kryptischen Kauderwelsch um sich, das niemand versteht. Calait hat gesagt, Ihr würdet mir helfen, also... Hier bin ich – wie werde ich den Dreizahn wieder los?"
"Ich würde dir helfen, Freund Co-le-var, wenn ich könnte. Aber ich bin noch sehr jung. Mein Wissen ist gering und mein Können sehr bescheiden. Ich begehe drei Pfade und bin nur auf einem wirklich weiter gekommen", Winoc lächelt bekümmert und spreizt die Finger in einer komplizierten Geste – als wolle er den bösen Blick abwehren oder ein Schutzzeichen schlagen. "Mit Mammin kann ich dir nicht helfen. Ich kann nur soviel sagen" – er legt die langen Finger aneinander. "Sie ist kein beschworener Geist." Über das Feuer hinweg blicken seine dunklen Augen bedeutsam auf Calait und Colevar. "Sie ist auch kein gerufener Geist und kann daher nicht fortgeschickt werden."
"Aha", erwidert Colevar trocken, der kein Wort versteht und nimmt die Hand von Calaits Mund.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

Stadtbewohner

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32

Tuesday, May 20th 2014, 12:26pm

Beerenreif 513


Status: Es ist kompliziert.

Als er die Hand von ihrem Mund nimmt, beugt sie sich promt auf seinem nach vorne und fixiert ihren Bruder durch die Flammen. „Jaaa?“ Als ihr Bruder daraufhin schon wieder (wieder einmal, immer noch) nichts erwidert, springt sie zappelnd auf und stemmt beide Hände in die Hüfte. „Ja? Und? Wenn du jetzt auch noch mit derselben Geheimniskrämerei anfängst wie Mammin, leg ich dich übers Knie!"
"Tust du nicht", erwidert Winoc vollkommen ungerührt.
"Leg es nicht darauf an, kleiner Bruder! Wir sind für ein paar Antworten hierher gekommen, einen verdammt weiten und langen und gefährlichen Weg – nicht für noch mehr Fragen!"
"Das mag sein, Calait." Jetzt erhebt sich auch der junge Schamane und wieder sind seine Augen uralt im Schein des Feuers – und voller Mitgefühl und Trauer, was Calait natürlich nicht sehen kann. Ganz im Gegensatz zu Colevar. "Aber ich habe keine Antworten für dich."
„Du willst mir also sagen, wir sind diesen verdammt weiten und langen und gefährlichen Weg umsonst gegangen?“ Die Frage schwebt wie ein drohendes Unwetter über ihren Köpfen. Über ihrer aller Köpfe, denn auch Colevars Präsenz neben ihr flackert abrupt auf, wie das lautlose, gelbe Aufflammen eines Blitzes in völliger Dunkelheit. Winoc, nicht erst seit gestern Calaits Bruder und ausserdem bestens bekannt mit dem unbefriedigenden, gar hässlichen Gefühl etwas völlig umsonst getan zu haben, neigt den Kopf leicht zur Seite und erwidert den binden Blick seiner Schwester unerschüttert: „Seid ihr?“
„Wie meinst du das?“ Schnappt Calait bissig, diesem verflixten Frage- Anwortenspielchen bereits ziemlich überdrüssig.
In der darauffolgenden Stille hört sie ihren Bruder tief durchatmen, um dann mit einer Geduld, die seiner jungen Jahre weit voraus ist, fast schon auffordernd zu wiederholen: „Ich kann dir nicht mit Mammin helfen.“
Calaits Zunge ist schneller, als ihr Kopf: „Womit dann?“ Sie hat den Satz allerdings kaum beendet, da fällt ihr siedenheiss ein, dass Mammin tatsächlich nicht der einzige Grund für ihre Reise war. Da war was. Wir haben da ja noch eine Urgrossmutter. „Warte mal... wieviel hat Mammin dir verraten? Was ‚genau‘ weisst du?“

„Das was ich schon immer wusste.“ Winocs Stimme schlägt schlagartig um und der stumme Vorwurft, der unüberhörbar mitschwingt, lässt Calait ganz perplex auf Colevars Schoss zurückplumpsen. Ihr Bruder indes dreht in einer universellen Friedensgeste die Händflächen nach aussen und als er weiterspricht hat er sich wieder gefasst. „Lía hat mir damals, als ihr zu uns zurückgekehrt seid, erzählt, was im Osten bei der Familie deiner Mutter wirklich vorgefallen ist. Du hast geschwiegen und ich kann verstehen wieso, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis du den Willen findest dich dem Fluch zu stellen und deine Kanneveden-Urgrossmutter zu... talañilzar.“ „Konfrontieren“, ergänzt Colevar wie selbstverständlich und Winoc nickt, bevor er sich ebenfalls wieder setzt und seinen Blick für einen Moment in das goldglühende Herz des Feuers richtet. „Ich habe die Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, genutzt und alles in Erfahrung gebracht, was unsere Ahnen, Totems und die Geister dieser Welt über sie wissen könnten.“ Mit ausgestreckten Fingern fährt er über die roten Flammenspitzen und ballt sie zur Faust, als wolle er die Hitze greifen, stattdessen führt er die geschlossene Hand an seinen Mund und wispert leise ein paar bronzeschwere Worte, die gheimnisvoll mit dem Prasseln und Knistern des Feuers verschmelzen.
Calait kann es spüren. Colevar kann es sehen. Für den Bruchteil eines Herzschlags lichten sich die Schatten in der ganzen Höhle und die Kohlezeichnungen auf dem schroffen Fels beginnen in einem warmen Goldton zu pulsieren, blühen auf, während blaugelber Rauch von Winocs Finger in Kringeln zur Decke steigt. Eine Sekunde später ist alles vorbei, die Abbildungen und die Schatten so schwarz und leblos wie immer, aber der Nachhall von Wärme simmert noch immer um sie herum. „Auch sie folgt dem Weg der Ahnen“, erklärt Winoc, als Calait sich schüttelt, wie eine nasse Katze, um die Gänsehaut loszuwerden und leise fragt, was er da getan hat. „Und auch ihre Ahnen haben Ohren. Ich habe nur dafür gesorgt, dass wir unter uns sind und auch bleiben.“

„Sie ist alt“, fährt er fort und Calait fühlt, wie ein seltsames Unbehagen sie bei diesen Worten beschleicht. Denn Xinera ist natürlich alt, mit neunzig Jahren sogar nach jedem erdenklichen immerländischen Massstab – die unsterblichen Völker aussen vor gelassen. Allerdings klingt Winocs ‚alt‘ nicht nach lächerlichen neunzig Sommern. Viele eher nach tausend Jahren. „Ich habe mit Geistern gesprochen, die zu einer Zeit in die Ewige Weite eingegangen sind, als das Königreich Immerfrost nur ein Name auf den Lippen des Webers war und tausende unseres Volkes den Norden bewohnten. Sie haben sogar einen Namen für sie: Remorwyen. Die-tote-Seele-im-lebenden-Körper.“ Tastend rutscht Calait von Colevars Knien, nicht dazu in der Lage auszublenden, was Mammin ihr auf dem Floss der Adamarah über ihre Geschichte erzählt hat. Tausend Jahre. Glücklicherweise entgeht sowohl Winoc, als auch Colevar ihr flüchtiger Schreck und als ihr Bruder den Faden wieder aufgreift, ist nichts mehr davon aus ihrem Gesicht zu entdecken. „Es heisst über sie, dass sie bereits damals eine mächtige Schamanin gewesen sein soll, aber sie sei nicht immer auf dem namenlosen Pfad gewandelt.“
Dieses Mal ist es Colevar, der nachhaken muss. „Namenlose Pfad?“ Er weiss zwar inzwischen mehr über Schamenen und ihr Tun, als ihm lieb ist, aber in ihren Wegen kennt er sich deshalb noch lange nicht aus.
„Es gibt fünf Pfade, die ein Schamene betreten und meistern kann“, holt Winoc geflissentlich aus: „Den Pfad der Ahnen, den Pfad der Geister, den Pfad der Totems, den Pfad der Träume und den namenlosen Pfad. Ich selbst wandle auf dem Pfad der Ahnen, dem Pfad der Totems und dem Pfad der Geister und ich kann damit die Kräfte meiner Vorfahren, der Geister der Natur um uns und die Macht der höchsten und ältesten Tiergeister anrufen und um Hilfe bitten. Über den Pfad der Träume könnte ich das Reich des Träumers betreten und der namenlose Pfad würde mir Macht über Blut, Knochen und Verdorbenheit verleihen. Viele Schamanen meiden den namenlosen Pfad und wer immer ihn beschreitet muss dafür auf den Pfad der Geister und den Pfad der Totems verzichten, da weder das Gefolge des Bärenkönigs, noch die Geister allen Seins sich dem Willen dieses Schamanen beugen würden. Dabei führt der namenlose Pfad nicht zwingend zum Bösen. Er birgt ungeahnte Möglichkeiten und Mächte, so ist es, aber die sind nur so schlecht und falsch wie der Schamane, der sie benutzt. Leider ist es zu oft vorgekommen, dass der Pfad für üble Zwecke missbraucht wurde, bis sich schliesslich Totems und Naturgeister von ihm abgewandt haben. So erging es auch ihr, die einmal auf dem Pfad der Naturgeister gewandelt war. Die alten Wächter der Natur verliessen sie.“

Aufrichtig darum bemüht Winocs Wissen in einen zeitlichen Verlauf zu pressen, der irgendwie Sinn ergibt – was er momentan einfach nicht tut -, fragt Calait: „Du meinst Xinera, also meine Urgrossmutter hat als junge Frau entschieden den Pfad der Naturgeister gegen den namenlosen Pfad einzutauschen.“ Anstatt es brav zu bejahen und den Knoten in ihrem Hirn zu lockern, schüttelt Winoc den Kopf, ehe er nickt und schliesslich mit einem leisen Seufzen die Schultern hochzieht: „Nein. Ja. Jein. Sie war jung, als sie den namenlosen Pfad zum ersten Mal beschritt, aber sie war nicht deine Urgrossmutter. Sie war damals überhaupt nicht mit dir verwandt – und du als Calait noch nicht geboren.“
„Hä?“, bringt Calait die Verwirrung, die sich daraufhin schlagartig ausbreitet, ziemlich genau auf den Punkt und Winoc damit im gleichen Atemzug in Erklärungsnot. „Als ich die Geister anrief, sagten sie mir, dass Remorwyen ebenso viele Gesichter wie Namen getragen hat“, das halblange Haar fällt ihm ins Gesicht, als er sich ein wenig nach vorne lehnt und unmerklich die Stimme senkt: „... ohne dabei den letzten Fluss jemals überquert zu haben.“ Das... erklärt absolut gar nichts. Als ob sie ganz plötzlich von fürchterlichen Kopfschmerzen geplagt würde, verzieht Calait das Gesicht und reibt sich die Schläfen: „Moment. Ich... ich verstehe gar nichts mehr. Also gut. Sie ist also alt. Sehr alt. Älter als sie sowieso schon ist und sie hat diesen und jenen Weg bewandert, bevor sie schliesslich einen anderen Pfad gewählt hat, aber das geschah alles vor unserer Zeit und damals war sie auch nicht meine Urgrossmutter, inzwischen aber schon, ohne wirklich gestorben zu sein, aber eigentlich ist sie gestorben, weil sie hat ja einen neuen Körper erhalten, zu was macht sie das genau?“
„Ein Lich“, spricht Colevar sehr beherrscht und sehr leise und atmet Frost mit jeder Silbe. Hätte Winoc nicht augenblicklich interveniert, Calait ist sich ziemlich sicher die ganze Höhle hätte für eine geraume Weile einen glänzenden Eismantel getragen. „Nein“, widerspricht Winoc jedoch gerade noch rechtzeitig, wobei sein dunkler Blick Colevar fixiert und ein neugieriges Funkeln darin zu erkennen ist. Das Wolkenvolk hat von Rittern und deren Pflichte und Gelübden wenn überhaupt nur gehört und da sie selber weder den Hohen Zwölf noch ihren Hohen Gefährten dienen, wurde bislang noch keiner der ihren dazu aufgerufen den Eid der Ringe abzulegen. Was Colevar genau ist, kann Winoc deshalb nicht bestimmen, aber die Kräfte, die ihm verliehen wurden, erkennt er mühelos als Gaben des Grauen. „Nein“, wiederholt er abermals und fügt mit ehrlichem Bedauern hinzu: „Leider nicht. Wäre sie ein Li-ich, wir nennen sie Koazhañ, die Zurückgekehrten, wäre sie aufgefallen und könnte sich nur schwer unter den Lebenden fortbewegen. Die wenigsten akzeptieren ein derartig widernatürliches Dasein unter ihresgleichen. Nicht einmal ein derart moralisch wandelbares Volk wie das deiner Mutter.“ An dieser Stelle zieht Calait nur leicht eine Augenbraue in die Höhe, nicht aber etwa weil er die Resande damit indirekt (oder für ein Wolkenkind auch ziemlich direkt) beleidigt, sondern weil diese für ihren Bruder so untypisch deutlich geäusserten Ablehnung sie verwundert. Es käme ihr nicht in den Sinn die Aussage ihres Bruders ausgerechnet vor Colevar, der ihr resandisches Blut und die damit verbundenen Gewissensbissenlücken sehr gut kennt, zu leugnen, immerhin besagt ein Sprichwort des Fahrenden Volkes: Lügen ist nur dann erfolgversprechend, wenn dir die Wahrheit nicht in die Zunge beisst. In diesem Fall hätte sie die komplette Zunge eingebüsst.

„Aber sie konnte sich unerkannt durch Roha und die Geschichte bewegen. Weil sie atmet und isst, schläft und heilt, lebt und stirbt wie jeder andere von uns auch. Doch aus irgendeinem Grund, und ich weiss nicht welchen, ich weiss es wirklich nicht, Calait“, bekräftig Winoc im gleichen Satz, als ob er die Unruhe seiner Schwester, die in ihrem Inneren gärt und brodelt, gespürt hätte: „entging sie bislang sowohl dem Flusswächter, als auch dem Grauen Wanderer.“ Als Calait dieses Mal die Hände verwirft, geschieht es mit einer verzweifelten Theatralik, die komisch angemutet hätte, wäre das Gespräch nicht so ernst gewesen. „Das heisst also wir sind den ganzen Weg umsonst gekommen. Über Mammin kannst oder willst du uns nichts erzählen und die Schamanenschlampe, von der wir gerne gewusst hätten, wie wir sie klein kriegen, ist nicht nur nicht klein zu kriegen sondern auch gleich unsterblich.“
„Ich verstehe deine Enttäuschung, Calait, ab...“
„Nein, Winoc, du verstehst es nicht. Du kannst es nicht verstehen. Und eigentlich bin gar nicht ich diejenige, die sich aufregen sollte, sondern Colevar, weil ich nicht quasi die letzten fünf Jahre auf diesem dreimalverhexten Frostweg zugebracht habe, aber du“, womit sie mit ausgestrecktem Zeigefinger zu Colevar herumschwenkt: „bist viel zu beherrscht, um diesem mahlenden Sturm in deinem Inneren nachzugeben, was wahrscheinlich auch gesünder für dich, für mich – vor allem für mich – und alle anderen in einem Umkreis von einigen Tagesschritt Entfernung ist, also zetere ich einfach für uns beide“, ehe sie ihre Aufmerksamkeit bereits wieder auf Winoc richtet und fast schon beherrscht, aber auch sehr ernst festlegt: „Also, wir haben e.i.n.e. Menge auf uns genommen, um hierhin zu kommen, zu dir, und wir möchten jetzt gerne von dir wissen, wie wir diese nicht nur alten und sehr mächtigen, sonder offenbar auch noch unsterblichen Schamanenschlampe dazu kriegen, den Fluch von mir zu nehmen.“
Weder Colevar, noch Winoc lassen sich durch die deutliche Ansage aus der Ruhe bringen, doch keiner von beiden ist wahnsinnig genug den jahrealten Zorn, der Calait überhaupt erst dazu gebracht hat die Augenbinde abzunehmen und der sie viele Tausendschritt in den Norden direkt in diese Höhle getragen hat, zu unterschätzen. Im Gegensatz zu Calait bleibt Winoc dieses Mal sitzen, richtet sich jedoch gerade auf, bis die Flammen Schatten über seine Wangenknochen und auf seine Stirn werfen und sein Gesicht fast schon düster wirken lassen. „Ich glaube nicht, dass es euch an... Möglichkeiten fehlt, sie zu etwas zu zwingen, was sie eigentlich gar nicht tun will, wenn ihr einmal bei ihr seid. Viel wichtiger wird es sein, euch vor ihren Kräften zur schützen, bis ihr bei ihr seid. Gebt mir ein wenig Zeit und ich werde etwas finden. Wenn es sein muss, reise ich mit euch, um ihre dunklen Mächte persönlich abzuwehren.“

Es ist mehr, als jemand anderes ihnen bieten könnte – Auf jeden Fall mehr, als ich nach meinem Auftritt verdient hätte - und mit einem leisen Seufzen schlägt Calait die Lider nieder, umrundet in aller Vorsicht die Feuerstelle und schliesst ihren Bruder in die Arme, noch ehe es ihm in den Sinn kommen kann sich zu erheben. „Danke.“ Erst zögerlich, dann innig erwidert er die Geste und für einen Moment spürt Calait, wie aus dem ehrwürdigen Schamanen einmal mehr ihr kleiner Bruder wird. Der Bruder, der an ihren Rockzipfeln gehangen und mit ihr um Sommerbeeren gestritten hat, der Fische in ihren Fellen versteckt und Honig in seinen Beinlingen geerntet hatte, der sie, als sie blind und hilflos wieder im Ostwall angekommen war, nicht bemitleidet, sondern sogar herausgefordert hatte. Als sie sich schliesslich voneinander lösen wischt Calait ohne Scham die Tränen von ihren Wangen, stellt sich auf die Zehenspitzen und haucht Winoc einen Kuss auf seine Stirn. Im gleichen Moment, als sie sich wieder von ihm abwendet um an Colevars Seite zurück zu kehren, werden die schweren Ledervorhänge am Eingang erneut zur Seite geschoben und die Stimme ihrer Mutter erklingt: „Calait? Entschuldige bitte mein Eindringen, doch es bleibt nicht mehr viel Tageslicht. Falls du mir mit der Wolle zur Hand gehen möchtest...“ „Stimmt! Natürlich, ich komme sofort.“ Mit einer knappen Geste versichert sie sich, dass Winoc gesagt hat, was er zu sagen hatte, der sie daraufhin mit einem leichten Schubbs in den Rücken entlässt. Immer noch fürchterlich verwirrt, aber seltsamerweise gleichzeitig auch bestärkt in ihrem Vornehmen schenkt sie Colevar ein kleines Lächeln, das mehr als alles andere aussagt „Aye, wir schaffen das“ und verschwindet aus der Höhle.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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33

Tuesday, June 24th 2014, 8:19pm

Beerenreif 513


Ein Miststück namens Inari

Calait zum Ausgang zu bringen, wo Rozenn ihre Ziehtochter bereits lächelnd erwartet, ist für ihn so selbstverständlich wie atmen – er denkt überhaupt nicht mehr darüber nach, ihre Hand zu nehmen und sie durch die beständige Dunkelheit ihres Lebens zu lotsen, wenn Reykir gerade nicht Blindenhund spielt oder jemand anderes sich ihrer annimmt. Und für Calait scheint es ebenso natürlich zu sein, denn auch ihre Finger suchen seine, wann immer sie ihn in ihrer Nähe weiß. Es ist nichts, worüber sie beide auch nur ein Wort verlieren müssten. Colevar verschwendet auch keinen Gedanken daran, wie das vielleicht auf andere wirken mag, die sie beide zusammen beobachten – ihm ist es überhaupt nicht bewusst. Doch als er ans Feuer zurückkehrt, erwartet ihn der Schamane mit einem ganz und gar seltsamen Gesichtsausdruck. Dafür weiß er sofort, worauf Winoc anspielt. "Wie... äh... wie hältst du das nur die ganze Zeit aus, Freund Co-le-var?"
"Überhaupt nicht", erwidert er sehr trocken. "Eure Schwester ist ein kleiner Dämon, aufgestiegen aus meiner ganz persönlichen Hölle, um mich zu ruinieren."
Winoc seufzt abgrundtief. "Sie ist adoptiert." Dann lächelt er schief und ein wenig entschuldigend und erklärt schulterzuckend: "Zur Hälfte."
Colevar verschränkt die Arme vor der Brust. "Was habt Ihr ihr nicht gesagt?"
"Ich habe ihr alles gesagt."
"In Ordnung, was habt Ihr mir nicht gesagt?"
"Ich bin sehr neugierig auf das, was du bist, Co-le-var, doch das hat Zeit, nicht wahr?" Erwidert Winoc und lächelt hintergründig. "Und ich verstehe den Respekt, der deinem "Ihr" innewohnt… äh… glaube ich. Doch unter uns ist das nicht nötig. Du musst mich unbedingt bei meinem Namen nennen. Kannst du das für mich tun?"
"Aye, also schön… dann Winoc."

Der junge Schamane öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Dann umrundet er entschlossen die Feuergrube und setzt sich etwa eine Armlänge entfernt zu ihm auf den Baumstamm. Einen Moment lang schweigt er nachdenklich, nur um ihn eindringlich zu mustern, doch dann holt Winoc hörbar Luft, blinzelt entschlossen zu ihm hoch und gibt sich einen Ruck: "Freund Co-le-var, es gibt ein altes Sprichwort meines Volkes, der Merc'arzoù, das besagt: 'Die Seele hätte keinen Regenbogen, wenn die Augen nicht weinen könnten.' Kennt dein Volk diese Weisheit auch?"
"So in etwa... bei uns heißt es, die Augen seien der Spiegel der Seele."
"Das trifft es, glaube ich, sehr gut. Wenn ich dich nun etwas frage, ist es sehr, sehr wichtig, dass du mir die Wahrheit sagst, wenn du mir antwortest." Der feierliche Ernst in Winocs Stimme lässt ihn schlagartig auf der Hut sein, aber Calaits Bruder sieht ihn nur weiterhin eindringlich an. "Du musst die Wahrheit sprechen, Freund Co-le-var, denn die Ahnen hören und die Geister lauschen."
"Ich lüge normalerweise eigentlich nicht, wenn ich nur den Mund aufmache", erwidert er sarkastisch und kann sehen, dass Winoc eine ebenso beschämte wie heftige Antwort bereits auf der Zunge liegt. Doch was immer der Schamane auch erwidern wollte, er schluckt es ungesagt wieder hinunter. "Das muss dann wohl genügen", murmelt er, und diesmal ist es Colevar, der vernehmlich einatmet. "In Ordnung", verspricht er also und klingt zu gleichen Teilen resigniert und versöhnlich. "Ich verspreche, ich werde die Wahrheit sagen."
"Wie lange trägt Calait die Augenbinde nicht mehr?"
Damit hat er nicht gerechnet und legt verwirrt die Stirn in Falten, während Winoc ihn ebenso gespannt wie... mitfühlend? ... beobachtet. Perplex wie er ist, braucht er einen Moment, ehe er nachgerechnet hat und absolut wahrheitsgemäß antwortet: "Drei Monde, vierundzwanzig Tage und etwa dreizehn Stunden."

"Ich verstehe. Und wie lange liebst du sie schon?" Winoc mag blind zugeschlagen haben, aber es ist ein harter, flacher Schlag gewesen, denn Colevar zuckt merklich zusammen. Tausend Jahre. Einen Moment herrscht absolutes Schweigen, dann erwidert er sehr leise, aber vollkommen ruhig: "Drei Monde, vierundzwanzig Tage... und etwa dreizehn Stunden."
"Das ist gut. Ich bin froh!" Er täuscht sich nicht, Winoc klingt unleugbar erleichtert und ein geradezu albern fröhliches Grinsen verwandelt den eben noch höchst mysteriösen Schamanen ihm gegenüber schlagartig wieder in einen grünen Jungen. Colevar traut weder Augen noch Ohren. Gut?! Was soll daran gut... was zum... Doch noch bevor er irgendetwas erwidern oder seiner handfesten Fassungslosigkeit Luft machen kann, kommt Winoc ihm schon mit seiner nächsten bedeutungsschweren Frage zuvor. "Aber, Freund Co-le-var, wie lange kennst du Calait schon?"
"Was? Ernsthaft? Ich… Ahm. Wenn der Sommer zu Ende geht, werden es... fünf Jahre. Aber was hat..."
"Ganz genau!" Triumphiert Winoc und sieht darüber so begeistert aus, als hätte er soeben das Geheimnis Rohas entschlüsselt und deswegen am liebsten laut gejubelt.
"Es reicht!" Knurrt Colevar, dem die Geduld ausgeht und der von kryptischen Andeutungen oder Wortspielerein ebenso sehr genug hat, wie Calait. Doch im Gegensatz zu ihrem feurigen Zorn ist seine Wut eisig und die Temperatur in der Höhle fällt schlagartig unter den Gefrierpunkt. "Ich kann das nicht. Ich kann das nicht mehr." Er atmet so laut und vernehmlich ein und aus, dass es klingt, als zerreiße Tuch und in der plötzlichen Kälte steigt sein Atem wie Nebelwolken auf.

"Vergesst alles, was ich Euch gesagt habe. Ich bin ein guter Lügner, Winoc. Ich bin der größte Lügner Rohas, wenn es sein muss, und meinem Wort ist nicht zu trauen. Wir sind nur hier, weil ich einen Geist loswerden und weil wir in Erfahrung bringen wollten, wie wir einer alten und mächtigen Schamanin am besten das Handwerk legen können... aber Calait hatte wohl Recht: mit Mammin wollt Ihr uns nicht helfen und die andere Urgroßmutter sitzt nicht nur am anderen Ende der verfluchten Immerlande, sie ist auch noch eine Remorwyen! Was immer das eigentlich genau sein soll, es hört sich ziemlich übel an - über tausend Jahre alt und praktisch unbesiegbar? Wie wunderbar! Ich habe also ein weiteres Jahr meines erbärmlichen Lebens auf dieser Drecksstraße verschwendet! Und ich werde zweifellos irgendwann im nächsten Jahr bei dem ebenso erbärmlichen Versuch sterben, Calait ihr Augenlicht irgendwie wieder zu beschaffen. Sehr schön! Ich nehme an, ich habe es wohl nicht anders verdient, denn schließlich kann mir das Leben noch so oft ins Gesicht schlagen und noch so übel mitspielen... ich lerne es einfach nicht mehr." Rayyans Worte kommen ihm wieder in den Sinn, gesprochen vor gut einem halben Jahr im Winter vor ihrem Aufbruch nach Norden... ihm erscheint es wie eine halbe Ewigkeit und aus einem anderen Leben. 'Es ist nicht deine Entscheidung, Colevar. In dieser Hinsicht ist Inari das Miststück aller Miststücke.' Wie wahr – und wie bitter. Oh ja, der kheyriser Junge aus der Legende, an dessen Eingeweiden die Sandviper nagt, hätte in ihm wirklich auf der Stelle einen Seelenverwandten erkannt. Winoc scheint diese Geschichte zwar nicht zu kennen – aber auch er kann es sehen. Und bevor Calaits Bruder noch tiefer in sein sorgsam verborgenes Inneres blicken und Dinge ans Licht zerren würde, die sich hinterher nicht wieder ins vergessene Dunkel sperren lassen würden, verlässt auch Colevar die Höhle der Bilder. Abgesehen davon zittert Winoc längst in der Eiseskälte und klappert vorwurfsvoll mit den Zähnen.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
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Colevar

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Thursday, January 29th 2015, 9:15am

Ein Dutzend Küsse


Einen Siebentag später ist er immer noch Estren, ein Fremder, sie dagegen sind Merc'arzoù, das Volk. Dennoch beginnt er allmählich, seinen Platz unter ihnen zu finden… soweit das einem Eisentragenden eben möglich ist. Er weiß, dass sie sich beim Anblick seiner Waffen immer noch fragen, welchen gefährlichen Mann sie sich da nur in ihr friedliches Lager geholt haben und für manche wird er wohl immer eine Art Ungeheuer bleiben, ganz gleich wie gesittet er sich benimmt. Zwei Siebentage nach ihrer Ankunft im Sommerlager der Freunde des Schneeluchses - oder Zwei-Höhlen-Lager, wie sie es auch nennen -, hatten ihn die Jäger zum ersten Mal eingeladen, sie zu begleiten. Das Wetter war kühl, aber klar und schön und sie waren weit gewandert, bis sie schließlich auf eine Elchfährte gestoßen waren. Kein Tier, das sich für gewöhnlich so hoch oben herumtreibt, aber fette Beute für ein Volk, das sich auf einen langen, harten Winter vorbereitet. Doch es war Colevar allein, der ihn erlegt und Filidh der den größten Teil des Fleisches auf einer improvisierten Schlepptrage aus zwei langen Stangen und einer festen Lederhaut ins Lager zurückgezogen hatte… mit dem Pferd als willigem Helfer hatten sie nichts zurücklassen müssen, noch nicht einmal die gewaltigen Geweihschaufeln. Colevar hatte genau gewusst, dass er hier auf die Probe gestellt worden war… und es war auch klar, dass er den Test mehr als einfach nur gut bestanden hatte. Daraufhin war der Rat der Großmütter an ihn herangetreten und hatte durchblicken lassen, dass er die Händler doch zum alljährlichen Tausch mit den Steinhäuslern nach Muurla begleiten könne… denn mit den Pferden-die-Lasten-tragen müsste nichts von der kostbaren Schneeschafwolle, dem Steinsalz und dem vielen Käse im Sommerlager in den Bergen zurückgelassen werden, man sei in der Lage allerhand nützliches einzutauschen, das der Stamm dringend brauche und vor allem seien die Händler so viel sicherer auf dem langen, gefährlichen Weg in die Täler… die Merc'arzoù sind alles andere als dumm und außerdem opportun. Und zumindest die Großmütter waren einhellig der Meinung, dass man ein waffenstarrendes Ungeheuer ja auch benutzen kann, wenn man schon einmal eines zur Hand hat.

Drei Siebentage nach ihrer Ankunft im Ostwall und unmittelbar vor ihrer Abreise nach Muurla - er würde mit den Händlern gehen, einer Gesandtschaft von einem halben Dutzend Wolkenkindern, während die übrigen Sippen das Sommerlager abbrechen und das Winterlager aufsuchen würden - wird Colevar daher ausgiebig geküsst. Nicht von den Großmüttern, leider auch nicht von irgendwelchen hübschen Wolkentöchtern im heiratsfähigen Alter, und von Calait schon gar nicht. Aber er bekommt zwölf Küsse, einen für jeden Kupferling, den Nia und die kleine Gwen, Rowans jüngste Töchter, ihn kosten würden. Schuld ist Rowan, der dem Treiben mit gespielt finsterer Miene zusieht, daran ganz allein selbst, schließlich hatte er die steinerweichenden Bitten seiner Töchter nach Haarbändern irgendwann mit der Aussage abgeschmettert, sie würden eher den Estren damit erweichen, als ihn - in der selbstverständlichen Annahme, dass die Mädchen sich das nie und nimmer trauen würden (und falls doch, dann würde das eisentragende Ungeheuer den zwei vorwitzigen Gören ganz bestimmt den Schreck ihres Lebens dafür einjagen). Dumm nur, dass Rowan sowohl den Mut seiner Töchter, als auch ihr Verlangen nach Haarbändern gründlich unterschätzt hat und außerdem nicht ahnt, dass das Ungeheuer hin und wieder recht zahm sein kann - wenn es will und man es nett bittet. Und so bekommt dann auch Colevar statt Rowan am Morgen ihres Aufbruchs nach Muurla eine Menge Küsse zum Abschied. Ihr Pakt ist besiegelt und der Handel gilt… und das ganz ohne Dolmetscher. Klein-Gwen ist zwar noch viel zu jung, um schon eine Meinung über Haarbänder zu haben, außer dass man gut darauf herumkauen kann, aber sie küsst ihn dennoch und verziert sein Gesicht mit klebrigen kleinen Schmatzern, die nach Birkenrindenstreifen und Preiselbeeren schmecken. Darra, Rowans Weib und Mutter seiner vielen Kinder, beobachtet das eifrige Treiben ihrer Töchter mit unverhohlener Belustigung. Rowan selbst hingegen grummelt missmutig vor sich hin, das elende Weiberpack an seinem Herdfeuer solle sich gefälligst schämen, es habe nicht nur ihm, dem Vater, das Herz aus dem Leib gerissen, sondern sei auch noch dabei, dem hochverehrten Gast (wann genau diese wundersame Wandlung stattgefunden hat, kann Colevar beim besten Willen nicht sagen) die letzten Münzen aus der Tasche zu ziehen, denn für diesen Tiefländerfirlefanz vergesse es noch jeden Anstand und überhaupt, wo wäre Ru'n nur immer, wenn man ihn e-i-n-m-a-l brauche und…

Colevar kann Mammins zahnloses Altweiberkichern beinahe hören, ignoriert den alten Pilviihmiset und stellt die glucksende Gwen zurück auf ihre stämmigen kurzen Beinchen. "Petra…liv?" Will er wissen. Welche Farbe?
"Limestra," bittet Nia mit leuchtenden Augen und hängt vertrauensvoll an seinem Arm, von Angst keine Spur. "Gas!" kräht derweil Klein-Gwen und umklammert heftig sein linkes Knie.
Nach fast drei Siebentagen im Lager des Schneeluchs-Stammes hat er zwar einen rudimentären Wortschatz zusammen und kann sich mit einfachen Sätzen verständigen, aber das geht dann doch über seine noch sehr vagen Kenntnisse des Tamartuarach hinaus. Er wird jemanden fragen müssen, am besten Calait… doch die hat er den ganzen Tag noch nicht zu sehen bekommen und der letzte Sommervollmond würde bald aufgehen. In seinem Licht, so will es die Wolkenvolktradition, würden die Händler aufbrechen und er mit ihnen. "Verflixtes Weibsstück, " murmelt er und blickt sich suchend um, kann sie jedoch im allgemeinen Chaos eines mehr oder minder geordneten Sommerlagerabbruchs nirgends entdecken – um ihn und die kleine Händlergruppe herrscht ohnehin wildes Durcheinander. Du kannst nicht gehen, ohne dich zu verabschieden. "Also gut. Limestra ha gas", verspricht er den Mädchen feierlich, doch Nia zupft so lange an seinem Umhang herum, bis er sich zu ihr hinunterbeugt, drückt ihm seufzend einen letzten Kuss auf die Wange und verbessert geduldig: "Glas, Co-le-var."
"Gas, gas," echot die kleine Gwenn vergnügt.
"Glas." Kann es so einfach sein? Es ist dasselbe Wort, im Tamartuarach der Wolkenkinder wie im Tamaraeg der Herzlande. Glas… blau. Manchmal ist es so ähnlich und dann wieder…
"Colevar."
Die Dämmerung ist längst hereingebrochen und die felsigen Berggipfel ringsum scheinen die sinkende Sonne wie mit Haken vom Himmel geholt zu haben. Die wenigen Wolken am Horizont sind in lodernde Farben getaucht und über den Hochalmen, auf denen sich der erste Anflug herbstlicher Bronze im sommerlichen Grün zeigt, glüht das Abendlicht. Und für einen Moment, so flüchtig, dass er sich hinterher fragt, ob er sich das nicht nur eingebildet hat, hat er wieder jenes seltsame Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein, in diesem Tal, und sie genauso gesehen zu haben… in der weißen, pelzgefütterten Ledertracht des Wolkenvolkes im Licht eines sterbenden Tages. Sie sieht zu ihm hoch und der Wind erfasst ihr langes Haar, so dass es hinter ihr tanzt wie eine von lodernder Glut erleuchtete Wolke. Es sieht aus wie Tundrafeuer, wenn die Flammen den Himmel aufleuchten lassen und ihn scharlachrot, golden und so dunkel wie Rubinwein zugleich verfärben.

Colevar versucht das raue Gefühl in seiner Kehle loszuwerden und zwingt alle gefährlichen Sehnsüchte entschlossen in die Dunkelheit zurück. "Aye? Oh… gut, dass du kommst. Nia will ein Haarband in der Farbe Limestra, aber ich habe keine Ahnung, was das heißt."
"Purpur," übersetzt sie mit einem Lächeln, das er nicht ganz einordnen kann, doch bevor sie irgendetwas sagen oder tun kann, das ihr - und damit ihm - am Ende noch zum Verhängnis werden würde, zuckt er beschäftigt mit den Schultern und füllt seine Hände und Arme mit den schweren, geflochtenen Packkörben voller Steinsalz. Wenn er noch einen einzigen Herzschlag länger auf ihren Mund starren würde, würde er noch vergessen, dass er sich geschworen hat, nicht und in keiner Weise auf dieses enervierende Was- auch-immer reagieren zu müssen. Gesteh es dir ruhig ein. Du hast noch nicht einmal einen Namen dafür! Es gibt auch keinen. Kein Wort könnte beschreiben, was er fühlt, nicht eines. "Einer von den Jägern hat ein Auge auf dich geworfen", irgendwie gelingt es ihm, kalkuliert herablassend zu klingen und im Stillen dankt er den Göttern, dass ihm das gerade noch rechtzeitig wieder eingefallen ist. "Einer von dem Brendan-Dutzend (neun junge Männer und drei Halbwüchsige im Lager heißen Brendan zu Ehren irgendeines unlängst verstorbenen heldenhaften Jägers des Stammes) aber frag mich nicht welcher, ich kann dir weder das Herdfeuer, noch das Totem sagen. Alles was ich weiß, ist dass er mich überhaupt nicht mehr in Ruhe lassen wollte mit 'Calait dies' und 'Calait jenes'. Sei so gut und erlös den armen Burschen von seiner Neugier, so lange wir weg sind, aye? Du könntest ihn zum Beispiel küssen. Vielleicht erholen sich meine Ohren bis zu unserer Rückkehr dann ja von seinem liebeskranken Gejammer." Seine Stimme verrät nichts als gut polierte, halb amüsierte, halb gelangweilte brüderliche Bosheit und nichts von der nagenden Eifersucht in seinem Herzen. Was für ein… großartiger… großartiger Lügner du doch bist. Sein Magen verwandelt sich dabei allerdings fröhlich in Säure… und hätte er etwas davon geahnt, dass Calait ihn gerade eben noch um ein Haarband bitten und dafür mit gleicher Münze wie Rowans Mädchen hatte bezahlen wollen, hätte er sich wohl am liebsten selbst getreten…. und geohrfeigt… und noch einmal getreten. Im Augenblick sieht Calait allerdings eher aus, als wäre ihn zu treten gerade ein ziemlich verlockender Gedanke, einer, der ihr wohl selbst gerade durch den Kopf geistert. Ihn zu ohrfeigen vielleicht auch. "Ich nehme an, du ahm… willst Lebewohl sagen", gibt er sich also versöhnlicher. "Denk daran, ich nehme Reykir mit mir, du hast also keinen Blindenhund so lange ich weg bin. Kann ich dir irgendetwas aus Muurla mitbringen?" Die 'Liste' ihrer Mutter hat er schon sicher in der Brusttasche seines Hemdes verstaut und er wird Rozenns große Augen, als er nach dem ersten halben Dutzend Wörtern ein Stück Pergament hervorgeholt und einfach aufgeschrieben hatte, was sie alles wollte, nie vergessen. Calait rauscht so nahe an ihn heran, dass sie fast gegen seine Brust läuft. Den alten Colevar, wird ihm bissig beschieden. Der, mit dem man ganz normale Worte wechseln konnte ohne sich dabei jedes Mal gleich eine blutige Nase zu holen. Ihr bitterböser Blick funkelt eindringlich in seinen und sie steht ihm dabei praktisch auf den Füßen. Ihr Mund ist keinen Atemzug mehr entfernt - das ist zu nah für seinen Seelenfrieden, viel zu nah… und unerreichbar fern zu gleich, wie stets. Colevar beißt sich so fest auf die Zunge, dass er Blut schmeckt. Wenn er den Mund geöffnet hätte, um ihr zu antworten… die Götter allein wissen, was herausgekommen wäre. "Mmpf."

Sie wirft die Arme in den Himmel und stapft davon, jeder Zoll eine wütende kleine Wildkatze… und er? Die Arme fest vor der Brust verschränkt um sie nicht zurückzuhalten, sie festzuhalten, über seine Schulter zu werfen und mit ihr irgendwo hin zu verschwinden, wo niemand sie finden würde, dreht Colevar sich halb zur Seite und tritt mit unergründlicher Miene und leeren Händen die Glut in der Feuerstelle aus… und der Wind erfasst die Funken und trägt sie wie Leuchtkäfer in die Dämmerung. Du Narr, du verdammter… Hornochse… du Riesen…idiot…! Als er die Augen wieder öffnet, steht Kaerlagad vor ihm. Sie trägt Hosen aus Schneeschafpelz und einen Überwurf aus Eiselchfellen. Ihre Kapuze aus weichem Oravafell ist mit der Unterwolle von Wisenten gerahmt, warm und golden in der untergehenden Sonne. Was hatte Rozenn vielsagend über die junge Frau gesagt? Für das Vorrecht Kaerlagad - "Der-mit-den-schönen-Augen", soviel Tamartuarach versteht er inzwischen -, Pelze und Felle schenken zu dürfen, stünden die jungen Männer des Stammes von den Räuchergestellen bis zu den Hundepfosten Schlange. Er kann sehen, warum - abgesehen davon hat sie wirklich schöne Augen, groß und schräg wie die einer Katze, sind sie von einem ganz eigenartig hellen, moosigen Grün. Einen Moment lang sieht sie ihn mit ihren schönen Augen an, als wolle auch sie für ein Mitbringsel aus der Stadt der Steinhäusler mit einem Kuss bezahlen - aber dann verändert sich ihr Blick und ihm fällt auf, dass sie wie die anderen für die Reise gekleidet ist und ein Bündel auf dem Rücken verschnürt trägt. Kaerlagad würde sie also begleiten. Colevar nickt ihr zu und dreht sich wieder zu Filidh, um die Körbe mit dem Steinsalz festzuzurren. Da beide Pferde Schlepptragen ziehen, Packkörbe und Satteltaschen tragen, würde er laufen wie alle anderen des kleinen Händlertrupps auch… selbst die Hunde, die Rowan begleiten und auch Reykir tragen Packtaschen voll mit Tauschwaren, ebenso wie jeder Pilviihmiset… nur auf seinem Rücken glänzt blank und kalt das Blatt der Lochaberaxt.
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R.Frost

Calait

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Wednesday, February 4th 2015, 7:30am

Der Winter naht

Ein cremeweisser, von riesigen, weichen, blassgelben Wolken durchzogener Horizont kündigt den ersten Schneefall an, als der dritte Stamm der Grauen Bärin sich für den Aufbruch ins Winterlager vorbereitet. Die Händler sind zusammen mit Colevar vor wenigen Stunden ins Tal nach Muurla aufgebrochen, Mensch, Hund und Pferd schwer gekrümmt unter bergähnlichen Lederlappenstapeln, die man zum Schutz gegen Nässe und Feuchtigkeit in gewachsten Filz gewickelt hat, Bündeln voller Kräuter, Seife, Käse, Fett, Butter, Salz, mehreren Schläuchen Feuerkehl und Dutzenden Säcken voller Schneeschafwolle, die man gegen reine Luxusgüter wie metallene Pfeilspitzen, den einen oder anderen Spiegel und allerlei gepökelten Fleischsorten und Talkräuter eintauschen würde. Zu zwölft haben sie sich aufgemacht, sieben Männer, vier Frauen und ein Mädchen, das schon beim nächsten Sommermarkt anstelle ihrer ergrauenden Mutter ein Teil der Verhandlungen übernehmen soll, und ihr Rückweg in drei Siebentagen wird sie direkt ins Winterlager führen. Dieses befindet sich ungefähr sieben Tage Fußmarsch in Richtung Süden, wenige hundert Schritt unterhalb der Baumgrenze in einem seichten Bergtal an einem fischreichen See. Dort werden sie die strengen und vor allem langen Wintermonde ausharren, die schon bald mit vielen Schritt Schnee und eisiger Kälte über den Ostwall hereinbrechen werden. Calait kann den Winter riechen und freut sich insgeheim auf die klirrenden Frostnächte, die prachtvolle Sternenhimmel und eine klare, vernichtende und zugleich besinnliche Ruhe mit sich bringen, sie sehnt sich praktisch nach ein paar Stunden innerlicher Ausgeglichenheit, doch nichts davon wird ihr gewährt.

Während Colevar immer mehr im Alltag der Merc'arzoù aufgegangen ist und sich einen Platz am Großen Feuer verdient hat, indem er die Jäger in die Wälder begleitete und später beim Abbau des Lagers tatkräftig mithalf, verspürte Calait indes zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl von Nutzlosigkeit. Sie ist gesund und kräftig, sie kann tragen und heben, schleppen und arbeiten, kochen und nähen, aber sie braucht zu fast jeder Zeit jemanden, der sie begleitet und führt, sie mit den benötigten Utensilien versorgt und ihr diese auf Bitte hin reicht. Als dann auch noch das große Packen begann und das Lager langsam aber sicher in einem geordneten Chaos versank, blieb ihr nur sich am Rande des Geschehens zu halten und nicht jedermann im Weg zu stehen. Zwar bemühte sich Rozenn, die ihre Tochter besser kennt als der lieb ist und das unbeschwerte Lächeln, das Calait irgendwann aufsetzt um lästige Fragen zu vermeiden, mühelos durchschaut, ihre Tochter in das Treiben einzubinden. Stundenland ließ sie sie Felle rollen und Lederplanen binden, Tonwaren in mit Kaninchenfell ausgestopfte Bastkörbe stapeln, Beerenbrote und Steinfladen im Dutzend für den weiten Weg ins Tal backen und so viele Kittel und Tuniken und Beinlinge flicken, dass Calait irgendwann scherzhaft jammerte, ihre Mutter würde die Nähte bestimmt vorsätzlich einreißen um sie beschäftigt zu halten, woraufhin Klein-Gwen ganz begeistert bestätigt hatte, dass Tante Rozenn ihr tatsächlich erlaubt hatte immer überall neue Löcher reinzumachen. Daraufhin hatte die Flut an Nähwerk ein abruptes Ende genommen. In Talyra ist ihre Blindheit nicht wirklich ein Hindernis. Sie kennt die Stadt und ihre Straßen wie ihre Rocktaschen – und wenn doch einmal ein Ausflug in den Fliegengrund ansteht trägt sie zur Not immer Borgils rotes Wollknäuel bei sich – und sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit ihrer Stimme und ihren Geschichten. Beides wird hier zwar hochgeschätzt, hat aber wenig praktischen Nutzen und hilft nicht beim täglichen Überleben. Sie konnte nicht einmal die Kinderscharen beschäftigen, denn diese wurden durch ihre Mütter, Tanten und sonstigen weiblichen Verwandten tatkräftig in die Vorbereitungen miteinbezogen. Die Erkenntnis, dass sie als Blinde im Wolkenvolk wahrscheinlich ihr ganzes Leben im Winterlager verweilen würde, irritiert sie mehr, als es sollte

Nur noch viel weniger hatte sie mit der Veränderung umgehen können, die Colevar innerhalb dieser zwei Siebentage durchgemacht hatte und von der sie nicht mehr weiß, als das sie ihr überhaupt nicht gefällt. Waren die scherzhaften Neckereien zwischen ihnen auf der Reise in den Ostwall bereits rar geworden, so hatte die Ankunft ihnen ein endgültiges Ende gesetzt und weder aufrichtige Empörung, noch zornsprühende Blicke, weder Geduld noch Nachsicht hatten den Wall, den Colevar um sich gezogen hatte, bislang durchdringen können. Und wissen die Geister, sie hat es versucht. Hat ihn mit Fragen gelöchert, hat ihm Antworten angeboten, quasi aufgedrängt, hat ihm gedroht und ihn angefleht, ihn beschimpft und ihn unterschwellig herausgefordert, aber der Narr hatte keinen Sekhelrin Boden aufgegeben und sie mit keiner einzigen Silbe in das Problem – das ganz offensichtlich besteht, auch wenn sie es nicht sehen kann und das nicht nur weil sie blind ist – eingeweiht. Die Stunde des Abschieds hatte dem kleinen Narrentanz die Krone aufgesetzt. Bei der Erinnerung an ihren letzten Wortwechsel möchte Calait sich in rechtschaffene Verärgerung flüchten, aber die Wut ist längst verraucht und zurück bleibt nur ein leises Bedauern und eine unerklärliche Furcht, die sie beinahe dazu gebracht hätte dem kleinen Händlerzug hinterher zu laufen (und sich auf den dreihundert Höhenmetern wahrscheinlich göttererbärmlich zu verirren). "Du dummer Mann." Es ist schon lange keine wirkliche Beleidigung mehr, eher eine gut versteckte Entschuldigung, die nur er als solche erkannt hätte. Es tut ihr leid, wie sie reagiert hat, auf der anderen Seite hatte er den Eindruck erweckt es – wieder einmal – auf eine Konfrontation anzulegen.

"Einer von den Jägern hat ein Auge auf dich geworfen", hatte er sie begrüßt, als sie ihn aufgesucht hatte, um sich von ihm zu verabschieden und das in einem Ton, der ihr wie Säure unter die Fingernägel gekrochen war. "Nur einer?", hatte sie prompt schnippisch erwidert, zu gleichen Teilen belustigt wie erbost darüber, dass Colevar sich schon wieder wie ihr großer Bruder aufführte, der er nun einmal nicht war – allen Guten Geistern sei Dank! "Einer von dem Brendan-Dutzend", hatte er ihre eindeutige Provokation mit einem halben Achselzucken abgeschmettert: "aber frag mich nicht welcher, ich kann dir weder das Herdfeuer, noch das Totem sagen. Alles was ich weiß, ist dass er mich überhaupt nicht mehr in Ruhe lassen wollte mit Calait dies und Calait jenes. Sei so gut und erlös den armen Burschen von seiner Neugier, so lange wir weg sind, aye? Du könntest ihn zum Beispiel küssen. Vielleicht erholen sich meine Ohren bis zu unserer Rückkehr dann ja von seinem liebeskranken Gejammer." An dieser Stelle wäre ihr beinahe der Kragen geplatzt: "Küssen soll ich ihn?" Sie hatte sich anstrengen müssen nicht mit den Zähnen zu fletschen – oder sich wahlweise demonstrativ über die Lippen zu lecken - ob soviel unverhohlener Dreistigkeit in weniger als sechs Sätzen. Stattdessen hatte sie sich darauf verlegt leicht mit den Hüften zu wippen und scheinbar mäßig interessiert mit den Schultern zu zucken: "Vielleicht werde ich das tun." Seine blitzeblanke Fassade hatte genau nichts davon wiedergespiegelt, was ihm bei ihren Worten möglicherweise durch den Kopf gegangen war, was nur noch mehr zu ihrer allgemeinen Verärgerung beigetragen hatte.

"Denk daran, ich nehme Reykir mit mir, du hast also keinen Blindenhund so lange ich weg bin. Kann ich dir irgendetwas aus Muurla mitbringen?" Es hatte tausend Dinge gegeben, die sie ihm in diesem Moment hatte sagen wollen und tausend Dinge, die ungesagt zwischen ihnen liegen geblieben waren. 'Du verdammter Hornochse' wäre ein guter Anfang gewesen. 'Vermaledeiter Narr'. Ebenfalls sehr passend. 'Sturer Barbar!' Es hätte den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber nichts davon hätte den gewünschten Effekt gehabt. Er hätte nur mit einem unberührten Schnauben mit den Augen gerollt, die Arme vor der Brust verschränkt und darauf gewartet, dass sie sich ausgetobt hatte. Zum schwarzen Barbaren mit dir Mann, du machst mich fertig. "Den alten Colevar. Du weißt schon, den mit dem man sich normal unterhalten kann, ohne dass man andauernd eine blutige Nase riskiert." Alles, was sie dafür gekriegt hatte, war ein nichtssagendes "Mmpf" gewesen, und weil es ihr dann einfach zu dumm geworden war mit diesem Spielchen, das sie schon seit ihrer Ankunft im Ostwall spielen und dessen Regeln sie immer noch nicht durchschaut hat - und bei dem er hinten und vorne bescheißt, sie weiß es ganz genau! -, hatte sie mit einem wortlosen 'Wirklich?!' die Arme über ihrem Kopf verworfen, auf dem Absatz kehrt gemacht und war gegangen. Sie hatte die Nase gehörig voll gehabt von seinen kapriziösen Mätzchen und seiner grimmigen Stimmung, die einen aus dem Winterschlaf gerissenen Branbären in die Flucht treiben getrieben hätte. Sollte er doch in seinem selbstgemauerten Exil versauern, sie war sich keiner Schuld bewusst, bei allen Geistern, sie weiß noch nicht einmal wie die Anklage lautet. Und trotzdem fehlt er ihr, kaum ist er wenige Stunden fort und alles was ihr bleibt ist die Erinnerung an seine Stimme, die sie lieblos dazu auffordert, den anderen doch zu küssen.

Der Abstieg ins Winterlager über die Nordflanke des Adlerhangs, wie die Wolkenkinder die größte der Schneisen zwischen den Quellen des Virtaa und des Rapuoja nennen, dauert ungefähr einen Siebentag und ist aller Vorbereitungen zum Trotz nicht ungefährlich. Es geht durch schmale Kluften und entlang steiler Abhänge, über tückische Geröllfelder und immergefrorene Gletscherzungen und während der ganzen sieben Tage schneit es unaufhörlich. Für Calait ist jeder einzelne Schritt eine kleine Herausforderung und mehr als einmal rutscht sie aus oder verliert auf einer Eisplatte das Gleichgewicht, obwohl ihre Mutter und ihre Tante sie unaufhörlich flankieren und ihr Vater sie an besonders kritischen Stellen sogar mit einem Seil an ihm und Maél festbindet und Shirin an einer kleinen Leine gleich dazu, denn die Hündin zeigt sich noch weniger bergtauglich als ihre Herrin. Das Colevars Vermutung sich als korrekt herausstellt und einer der Brendans tatsächlich damit anfängt, ihr nach allen Regeln der Kunst den Hof zu machen und das völlig ungeachtet der widrigen Wetterbedingungen und schwierigen örtlichen Begebenheiten, nimmt Calait erst noch gelassen, im Glauben er würde schon damit aufhören, wenn sie ihn nur lange genug ignoriert, doch als er ihr schon am vierten Abend, während sie auf einem breiten Plateau unter einem Vorhang rasten, seine glühende Liebe gesteht, muss sie einsehen, dass Schweigen bei so viel männlicher Überzeugung – sie hat immerhin drei Barthaare gezählt – vielleicht nicht zum Ziel führt. Also nimmt sie ein Stück zur Seite und erklärt ihm mit soviel Feingefühl, wie ihr nach dem langen, anstrengenden Tag noch geblieben ist, dass sie seine Bemühungen sehr zu schätzen wisse und er auch wirklich ein… netter… Mann sei, sie seiner aber leider nicht würdig und obendrein habe sie nicht geplant im Ostwall zu bleiben, sondern würde im Sommer schon wieder nach Talyra aufbrechen. "Dann werde ich mit dir gehen!" Wischt er ihre Argumente ohne einen zweiten Atemzug mit einer Leidenschaft vom Tisch, dass es Schmalz und Herzchen regnet. "Uff, das… das wäre… jetzt hör mal, ich bin keine Frau für dich, ich…"
"Du bist die Einzige für mich!"

"Nein, glaube mir, ich bin nicht die Richtige. Ich", händeringend sucht Calait nach irgendwelchen Ausreden, die ihm seine jugendliche Begierde aus den überaktiven Schenkeln treibt und wechselt hastig die Taktik, als ihr keine einfallen wollen. "Wobei…" Nachdenklich tippt sie sich mit einem Finger gegen die Lippen und wiegt den Kopf erst nach rechts, dann nach links, ehe sie ihn lüstern angrinst: "Du hast doch bestimmt schon eine Menge Erfahrung, nicht wahr?"
"Erfahrung?"
"Du hast doch mit Sicherheit schon kräftig mit deinem Besen gewischt?"
"Ge… was?"
"Mit deinen Eier geschaukelt?"
"W…"
"Einer Frau eine Sahnefüllung verpasst? Eine Furche gezogen? Die stöhnende Statue gemeißelt? Das verbotene Pferd aufgezäumt?" Brendan sinkt in sich zusammen, wie ein Blasebalg, aus dem man die Luft herausgepresst hat, sichtbar überfordert mit den derben Zweideutigkeiten, die ihm Calait ganz ungeniert vor die Füße spuckt, und eilig setzt sie in inbrünstiger Enttäuschung hinterher: "Oooh… wie schade. Weißt du, ich brauche jemanden, der mir ordentlich den Busch kämmt und meine Glocken so sehr zum Klingeln bringt, dass ich Tage danach noch mit krummen Rücken und O-Beinen herumlaufe, aber…. Aber ich verstehe natürlich, wenn dir das…"
"Ich tue es!"
"… ghchnngnggg?!" Es verschlägt ihr derart die Sprache, dass sie sich noch nicht einmal widersetzt, als er ihr beide Hände auf die Schultern legt und ihr todernst und obendrein hoch feierlich versichert: "Ich verstehe dich, Calait, und ich verspreche dir, ich werde der Mann sein, den du brauchst. Schon im nächsten Sommer werde ich dich zu meiner Gefährtin machen und bis dahin werde ich lernen wie man Büsche kämmt und Glocken zum Klingeln bringt! Sei unbesorgt, du wirst nur noch krumm und o-beinig gehen, das schwöre ich bei unseren Ahnen." Allein die Vorstellung, wie der Junge versucht ihre Glocken zum Klingeln zu bringen, überkommt sie spontan der Wunsch in lautes Gelächter auszubrechen (oder sich wahlweise zu übergeben), aber die Ernsthaftigkeit hinter seinen Worten schlägt sie mit Stummheit und dann ist er auch schon auf und davon. "Ihr… Ihr…" Tonlos schnappt Calait nach Luft, gefangen zwischen berstender Erheiterung und bissiger Verzweiflung, dann schüttelt sie ihm auch schon beide Fäuste hinterher und ruft aus: "Männer! Ihr spinnt doch alle!"

"Und Frauen sind die Gleichmut in Person, hm?" Überrascht fährt Calait herum. Eine instinktive Reaktion, die ihr nichts bringt, außer dass werauchimmersichangeschlichenhat sie nun besser sehen kann. Herausfordernd stemmt sie beide Hände in die Hüfte und faucht: "Im Vergleich zu den Männern, die mir in der letzten Zeit das Leben schwer machen? Allerdings!" Ihr unbekanntes Gegenüber lacht und tritt näher an den Fels, wo der beißende Winterwind nicht so stark ist: "Entschuldige meinen Bruder, er ist jung und… nein, jung fasst es ganz gut zusammen."
"Bruder?" Obwohl sie nahezu jeden aus dem Stamm kennt, kann sie die Stimme des Mannes nicht zuordnen, auch wenn sein Lachen das Gefühl schöner Erinnerungen mit sich trägt.
"Du erkennst meine Stimme nicht, hm? Zugegeben, dass letzte Mal, das wir miteinander gesprochen haben, trugst du dein Haar noch in zwei Zöpfen und ich klang wie eine erkältete Krähe. Wobei, wenn ich mich richtig erinnere, habe ich in deiner Nähe nie viel gesprochen – du hast mir ja keine Möglichkeit gelassen." Aus den Tiefen ihres Gedächtnisses driftet ein Bild an die Oberfläche. Ein Gesicht und ein Name und damit verbunden viele Stunden unbeschwerten Gelächters. "Rekevyn!" Ehe der Mann sich versieht, hat Calait ihre Hände tastend vorgestreckt, ihn an seinem fellgefütterten Wams zu sich gezogen und die Arme um seinen Nacken geschlungen: "Beim schwarzen Barbaren! Wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Seit wann bist du wieder zurück?" Ihr Freund aus Kindertagen erwidert die innige Umarmung und hebt sie dazu einfach ein paar Sekhel in die Höhe, obwohl er allerhöchstens eine Handbreit größer ist als sie, doch in seinen Armen und Schultern verbirgt sich die Kraft eines Krommañ, eines Wandlers. "Winoc hat einige von aus in den Norden zum Stamm der Schneeadler geschickt, ich bin vor weniger als einer Stunde gelandet." Ohne ihn wirklich loszulassen, lehnt Calait sich in seinen Armen zurück, zappelt ein wenig mit ihren Füssen und tastet nach seinem Gesicht. Ihre Finger finden harte Kanten und eben Flächen, wo einmal pralle Pausbacken und kindliche Rundungen zu gutgemeintem Spott aufforderten. … nett, stellt sie fest, nicht unangetan von dem, was sie sieht. Als ob Rekevyn ihre anerkennenden Gedanken durchschaut hätte, grinst er ganz unverhohlen: "Ja, du bist auch [i]größer geworden. Und aus deinen Segelohren rausgewachsen…"[/i] Dafür kassiert er einen wohlplatzierten – und ebenso wohlverdienten - Schlag gegen den Hinterkopf, woraufhin er sie lachend wieder auf ihre eigenen Beine zurückstellt.

Es gibt sie nicht oft. Die Momente, in denen sie sich nach ihrem Augenlicht sehnt, doch als er seine Stirn gegen ihre lehnt und die Melodie der vergessenen Worte summt, hätte sie viel darum gegeben den Fluch bereits gebrochen zu haben. So bleibt ihr nur die Geste in der immerwährenden Dunkelheit zu erwidern und ihre Finger in seinem Haar vergraben, das er im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten ihres Volkes noch nie lange getragen hat und das sich verräterisch wie Rabenfedern in alle Richtungen sträubt. "Ich sehe", murmelt sie mit einem belustigten Schnauben, kaum sind die letzten Töne verklungen: "Alle Versuche es zu zähmen sind gescheitert. Wächst es noch immer nicht?" Er schüttelt leicht den Kopf, woraufhin Calait kichernd flüstert: "Deine Mutter muss wahnsinnig werden." "Meine Mutter, meine Großmutter, sämtlicher meiner Tanten… Ich glaube es gibt keine Frau, die sich von meinem Haar nicht schon persönlich angegriffen fühlte." Schmunzelnd windet Calait eine besonders hartnäckige Strähne um ihren Finger: "Ich mag es." Das versteckte Kompliment nimmt Rekevyn schweigend hin und einen Herzschlag lang genießen sie die unverbindliche Zweisamkeit, die sie schon als Kinder geteilt haben und an der die lange Trennung nichts geändert hat, dann löst sich Calait von ihm, lehnt sich gegen die Wand in ihrem Rücken und zuckt entschuldigen mit den Schultern: "Es tut mir leid um Brendan. Es lag nicht in meiner Absicht seine Gefühle zu verletzen." Wobei ihre Gedanken flüchtig zu Varin und Colevar wandern und eine miese, kleine Stimme hinter ihrer Stirn frotzelt, darin sei sie ja offenbar besonders gut. Glücklicherweise scheint es um Brendan nicht ganz so schlimm bestellt und als Rekevyn abwinkt und leichthin erklärt, sie müsse sich keine Gedanken machen, rutscht ihr ein großer Stein vom Herzen. Zurück bleibt nur der halbe Wolkenthron, auf dem in großen, kantigen Buchstaben Colevars Name gemeißelt steht. "Brendan wird darüber hinwegkommen. Letzten Sommer ist er Kaerlagad hinterhergestiegen, den Sommer davor Turani, diesen Winter bist du das Ziel seiner Begierde, im nächsten trifft es vielleicht Nia."
"Davon würde ich ihm abraten. Rowan ist weit weniger nachsichtig, als mein Vater."
"Er hat sich auch nicht durch deinen eisentragenden Gefährten abschrecken lassen…"
"Das ist ein Argument. Moment, was genau meinst du damit? Hat Colevar irgendetwas getan oder gesagt?... vergiss die Frage." So abrupt wie sie in die Höhe geschossen ist, lässt sie sich auch wieder gegen den Felsen zurückfallen. Colevar ist die Art von Mann, die weder Worte noch Taten bedarf, um abschreckend zu wirken. Er tut es einfach und er muss sich dazu nicht einmal besonders anstrengen, erst recht nicht als Eisentragender unter Wolkenkindern. Kopfschüttelnd legt sie den Kopf in den Nacken und will das Thema Colevar schon mit einer energischen Geste vom Plateau wischen, als Rekevyn ihr zuvor kommt, indem er sich spöttelnd erkundigt: "So, du willst also jemanden, der Eier schaukelt und Büsche kämmt. Suchst du eher nach einem Gärtner oder einem Glöckner?"

Brendan sieht tatsächlich davon ab der Mann ihrer Träume zu werden, nachdem sie ein paar klare Takte spricht, wenngleich er sich dabei auch aufführt als hätte sie seinen männlichen Stolz einmal quer durch sämtliche Waschbottiche gezogen und zum Trocknen mitten im Lager aufgehängt. Tief gekränkt zieht er sich an den Rand des Lagers zurück, der einsame Wolf, der sich nie die Blöße geben würde seinen Schmerz mit jemandem zu teilen – was immerhin so lange anhält, bis seine große Schwester ihm einen Becher warme Schafsmilch bringt und ihm tröstend einen Arm um die Schultern legt. Calait fühlt sich schuldig, allerdings nicht etwa weil sie Brendans Träume niederträchtig zerschlagen hat, sondern weil sie sich insgeheim fragt, wie diese Familie zwei derart unterschiedliche Brüder hervorbringen konnte. Der eine ein Milchgesicht und Jammerlappen mit einem Hang zur Theatralik, die jeden Schausteller an die Wand gespielt hätte, der andere ein mutiger Späher mit scharfen Sinnen, einem kühnen Humor und einem nicht zu verachtenden zweideutigen Wesen und das obwohl zwischen den Brüdern weniger als fünf Sommer liegen. Lía und ich sind gleich alt und könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie denkt oft und viel an ihre Schwester, während sie die letzten Höhenmeter ins Winterlager hinter sich lassen. An Lía und an Colevar, den sie aller aufgestauten Gefühle zum Trotz schrecklich vermisst. Mit seinem Fortgehen ist der Winter gekommen und ungefähr so fühlt sich seine Abwesenheit auch an, als ob sie aus der wohligen Wärme einer satten Spätsommersonne in die Schatten getreten ist und egal wie viele Felle sie trägt, es hilft nichts gegen die Kälte in ihrer Brust. Ablenkung findet sich als sie am achten Tag ihrer Reise endlich das Winterlager erreichen, wo die Zurückgebliebenen schon gespannt auf die Ankunft ihrer Familien gewartet haben. Das Wiedersehen bringt Freude und Tränen gleichermaßen, denn weder sind alle vom Berg zurückgekommen, noch haben alle den Sommer überstanden und die ersten Tage simmert die Luft zwischen den Wigwams von all den Geschichten, die man mitgebracht hat und unbedingt miteinander teilen muss, bevor es nahtlos in ein geschäftiges Treiben übergeht, als man damit beginnt Vorkehrungen für viele Monde Schnee und Dunkelheit zu treffen. Die Wigwams werden repariert und instand gesetzt, Felle ausgetauscht, Nähte geflickt, der Boden mit Grasmatten bedeckt, Feuerholz gelagert, die Vorräte trocken gestapelt, Fleisch getrocknet und in speziellen Hütten geräuchert, Fett zu Kerzen gedreht, Schneeschuhe im Dutzend geflochten, sogar ein Unterschlag für die Pferde wird errichtet, wobei Calait Rekevyn, Brendan, ihrem Vater und Maél quasi auf den Füßen steht, um sicher zu stellen, dass die Pferde es warm und kuschelig haben werden. Weder Alt noch Jung scheut die Arbeit, während Winoc und der Rat der Mütter sich auf den Tag des Erntedank vorbereiten, wo der Herbst zur Ruhe gebettet und der Graue Wanderer, Herr über die Toten und die Kälte, König von Winter und Frost, mit Gaben und Geschichten gnädig gestimmt wird.

Der Schnee bricht unter ihren Füssen und schneidet in ihre nackten Sohlen, färbt sich rot mit ihrem Blut, doch sie spürt weder den Frost, der in ihre Haut beißt, noch den brennenden Schmerz, denn sie muss zu ihm, wo auch immer er ist. Also läuft sie weiter, kämpft sich mit schützend vors Gesicht erhobenen Armen durch den Sturm, der die Welt in graue Asche und blitzende Wolken hüllt, und wispert seinen Namen. Wieder und wieder, denn sie weiß, er braucht sie. Sie kann es spüren, seine Sehnsucht, ein schmerzliches, hohles Verlangen, das ihn von innen heraus aufzufressen droht, seine Gedanken und Sinne lähmt und ihn an allem, was er ist und kennt, zweifeln lässt, während er die schlafende Frau in seinem Arm mit einem Blick betrachtet, der ihn selber anwidert. Sie ist sein, aber sie ist falsch. Er weiß es und dieses Wissen treibt ihn in den Wahnsinn. "Lýsir…" Der Wind fährt ihr über den Mund und schneidet ihr das Wort mit solcher Kraft ab, dass sie keuchend zurückweicht. Einen Schritt, noch einen Schritt, noch einen Schr… das Eis unter ihr gibt ein unheilvolles Knirschen von sich, doch das warnende Geräusch verliert sich in einem rollenden Donnern, das über die Hänge hinwegjagt, und dann ist es zu spät und sie fällt.

Es ist der neundundzwanzigste Tag seit Colevar aufgebrochen ist, als Calait aus dem Halbschlaf hochschreckt und schwer atmend die Arme um ihre Brust schlingt, während die eisige Kälte des Traums sie nur ganz allmählich aus seinen Fängen entlässt. Bryntyrch protestiert irgendwo neben ihr unter seinem kleinen Berg an Fellen mit einem schläfrigen Grummeln gegen den kühlen Luftzug, der sich durch ihre abrupte Bewegung unter die Decken geschlichen hat. Mit zittrigen Fingern tastet sie nach ihrer Kleidung und ihren Stiefeln, ehe sie sich auch schon erhebt und aus dem Wigwam flüchtet, fort von dem Geräusch brechender Knochen und dem Geschmack warmen, blubbernden Blutes, fort von der schrecklichen Leere, die mit jedem noch verbliebenen Atemzug tiefer und tiefer in ihre zerschmetterten Gebeine gekrochen war – fort von dem Schicksal, dass sie auseinandergerissen hatte. Es war nur ein Traum. Es war _nur_ ein Traum! Aber das stimmt nicht. Nicht ganz. Sie hat seine Verzweiflung gespürt. Colevars. Nicht Lýsirs. Wer auch immer das ist. Er braucht mich. Die Gewissheit treibt sie hinaus in das gleißende Licht des schneeverwehten Tages. Es ist überraschend ruhig, alle haben sich für die letzten Vorbereitungen für das Fest im großen Langhaus versammelt, dem größten aller Wigwams am nördlichen Ende des Lagers. Weil sie noch vor Sonnenaufgang aufgestanden und sich zusammen mit ihrer Mutter um das Festmahl gekümmert hatte, hatte sie sich am Nachmittag entschieden dem Trubel kurzzeitig zu entfliehen und sich etwas auszuruhen, so dass sie den Abend – der lang und heiter werden würde – in voller Länge genießen kann. Direkt vor dem Eingang zieht sie sich hastig an, schlüpft in ihre mit Schneeschafwolle gefütterten Lederstiefel, ihre Beinlinge, ihre Tunika und ihren alten Fellmantel, dessen Kapuze mit cremeweissem Oravapelz verbrämt ist, und dann läuft sie einfach los, blind und zielsicher wie eine Fledermaus.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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Friday, February 20th 2015, 1:14am

Die Stunde der Heimkehr

Es dauert lange neunundzwanzig Tage, bis die Händler des Wolkenvolkes und mit ihnen Colevar ins Winterlager des Schneeluchsstammes nahe den Quellen der Virta zurückkehren… und er will nur noch Calait wiedersehen. Auch wenn die kurze Reise nach Savo, das wilde Feilschen und Handeln in Muurla und der Aufenthalt unter Menschen, von denen ihn keiner ansieht wie einen gehörnten Dämon, nur weil er ein Kettenhemd und Waffen trägt, durchaus Spaß gemacht haben… Calait zurückzulassen war etwas, das ihm überhaupt nicht hatte schmecken wollen. Sie waren zwei Tage lang in die Wälder Savos hinabgestiegen, weitere zehn nach Muurla gereist, hatten vier Tage in der Stadt selbst verbracht und ihre Waren eingetauscht - die Schneeschafwolle , das Steinsalz, einige seltene Heilkräuter, weißes Leder und natürlich den Schafskäse gegen duftende Seife, die einem nicht die Oberhaut abzieht, wenn man sie benutzt, einige Dutzend Bienenwachskerzen, Säcke voller Buchweizenmehl, Fässer mit Kraut, verschiedene Gewürze sowie mehrere Gallonen Honig - und natürlich Haarbänder. Für Calait hat er außerdem eine laiginer Bodhrán von einem fahrenden Händler erstanden, wie immer eine solche Trommel auch in diesen göttervergessenen Winkel Immerfrosts gelangt sein mag… und er würde nichts lieber tun, als sie darauf spielen zu hören. Sie singen zu hören - oder seinetwegen auch einfach nur ihre Stimme, selbst wenn sie dabei mit ihm schimpfen sollte wie ein Rohrspatz, so wie sie es am Abend ihres Aufbruchs getan hat. Jetzt sind sie auf dem Rückweg und die letzten Tage ihrer Reise, als sie sich durch das noch brüchige Eis kalter Hochmoore und die gefrorene Reifwelt der Bergwälder kämpfen, schwer beladen mit all den Tauschwaren aus der Stadt, ist er tagsüber von nagender Unruhe erfüllt und nachts schläft er kaum noch… und wenn doch, dann handeln seine Träume von Dunkelheit und Eis.

Harter, grauer Schneeregen fällt, undefinierbar in seiner Konsistenz, als sie gegen Mittag des neunundzwanzigsten Tages schließlich das Stammesgebiet des Schneeluchsclans erreichen, und im schneidenden Wind, der von Norden herabweht, liegt eisiger Frost. Ihnen allen wären Regen, Schnee oder Hagel lieber, irgendetwas, das weiß was es ist - und obwohl Rowan nichts von Colevars Unruhe ahnt, treibt er sie alle zur Eile. So tief im Süden Immerfrosts gibt es zwar weder die ewige Mitternachtssonne, noch die lange Dunkelheit des Nordwinters, auch wenn die Weißen Nächte um die Sommersonnenwende wohl zu spüren sind und der lichte Tag im Langschnee keine sechs Stunden andauern dürfte, doch selbst jetzt, Ende des Erntemonds und noch zeitig im Herbst, würde es bereits früh dunkel werden. Die Sonne, ohnehin nicht mehr als ein trübes graues Licht an einem zinngrauen Himmel, wäre zur Stunde der Heimkehr schon gesunken. Vielleicht würde es ihnen sogar gelingen, bis dahin die Langhäuser des Winterlagers zu erreichen, heimzukehren zur Stunde, die dafür vorgesehen ist, an die Wärme der Herdfeuer, zum Lachen der Kinder, in die Arme der Frauen. Nicht zum ersten Mal und bestimmt auch nicht zum letzten Mal fragt Colevar sich mit leiser Wehmut, was er hier eigentlich bei diesem seltsamen kleinen Volk noch tut. Er hat Calait hergebracht und sie ist in Sicherheit bei ihrem Clan, bei ihrer Mutter, ihrem Vater, ihren Brüdern. Mit Mammin kann oder will ihm kein Schamane des Wolkenvolkes helfen und… Du bist es einfach leid, ein Fremder zu sein. Das ist wahr. Remorwyen… wispert eine andere und sehr viel kältere Stimme in seinem Inneren. Ja. Auch das ist wahr und er kann seine Augen davor nicht verschließen. Und höchstwahrscheinlich, meldet sich noch ein dritter und extrem trockener Gedanke zu Wort, wird sich auch das als wahr herausstellen, was du zu Winoc gesagt hast, nämlich dass du irgendwann im nächsten Zwölfmond bei dem erbärmlichen Versuch stirbst, Calait ihr Augenlicht wieder zu beschaffen.

Schicksal, wispert eine weitere Stimme, leise und erschreckend in ihrer eindringlichen Präsenz. Aber noch während seine Gedanken sich sprungbereit halten, um dem Flüstern zu kontern, zucken Fragmente von Erinnerungen durch seinen Geist, die gleichzeitig ihm und einem völlig Fremden zu gehören scheinen. Ein gefrorener Regenbogen, ein Wald silberblauer Bäume, rot und weiß, Blut und Schnee, ein quälender Schmerz voller Sehnsucht, dessen Gewicht und Maß, dessen Nachhall und Preis ihm nur allzu vertraut sind - und nach dem Schmerz eine Einsamkeit, die so grenzenlos ist, dass er sie nicht erträgt. Ein langer Fall, ein Sturz ins Nichts und… 'Das Schicksal drängt', flüstert Mammin und bricht damit unerwartet durch seine Gedanken. Es ist tatsächlich Mammin, nach Wochen der Abwesenheit, er hätte ihre fistelige Altweiberstimme überall erkannt - auch wenn sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten absolut nicht zum Scherzen aufgelegt zu sein scheint.
"Wo bei den neun Höllen warst du?" Zischt er.
'An einem Ort, wo die Mauern aus Dunkelheit sind und die Kanten aus Schmerz, Junge. Und jetzt hör mir zu, hör mir gut zu. Lausch dem Lauscher, wenn er spricht, hörst du, hörst du zu? Das Schicksal drängt. Und jetzt eile dich. Eile!'
"Yffern!" Flucht er halblaut und plötzlich scheint das ganze Schneegestöber ringsum voller ruheloser Geister, die Schleier zum Zwielicht so dünn, dass er die treibenden Totenlichter beinahe sehen kann. Was…? Und dann spürt er sie. Er weiß sofort wer sie ist und schlagartig ist er wieder vierzehn Jahre alt und hört eine Stimme so dünn wie Glas flüstern: 'Umm?'

Rowan sagt etwas, Kaerlagad antwortet, Drel auch und irgendwo rufen die anderen - die Worte der Pilviihmiset dringen dumpf zu ihm durch, doch er kann sie nicht hören. Die Geister flüstern, der Schnee fällt und der Wind betäubt ihn, und in seinem Heulen widerhallt das unregelmäßige, leise Schlagen eines Herzens. Möglich, dass es seines ist - oder ihres. Ringsum steht die Welt still, hält inne, so wie die Zeit damals innegehalten hat, als er am Rand dieses entsetzlichen Abgrundes gekniet war. Colevar steht so still wie der verschneite Bergwald um ihn her, das Gesicht dem fallenden Schnee zugewandt, lässt die Erinnerungen über ihn hinweggleiten, spürt die ohnmächtige Wut und seine eigene Hilflosigkeit als wäre er wieder dort und verdammt das zu tun, was er getan hat. Er spreizt seine Hände und ballt sie zu Fäusten. Große, kräftige Hände voller Schwielen und Narben. Hände, wie gemacht dafür, festzuhalten, was sie einmal berühren. Stark. Stark genug, um einem Mann das Genick zu brechen. Stark genug, um… wie ihr Herz geschlagen hatte, in seiner Hand, zart wie ein Vogelflügel und ebenso schnell. Er atmet langsam und tief, sucht, ringt, kämpft darum, loslassen zu können. Mit größter Anstrengung öffnet er seine Fäuste und dreht die Handflächen himmelwärts. Die Worte formen sich still in seinem Inneren, ganz so, wie er es gewohnt ist… so still, dass er gar nicht bemerkt, dass er sie ausspricht, bis er seine eigene Stimme hört. "Und gedenke der Toten. Nimm sie auf in dein Reich. Richte sie gerecht, bis der letzte aller Tage anbricht. Gewähre ihnen Barmherzigkeit und führe sie nicht in Versuchung, sondern erlöse sie von der Finsternis." Er ist kein Schamane und kein Priester und sein Gebet ist schlicht, aber es besänftigt das Zwielicht - die Totenlichter verblassen und die Geister verstummen.

Colevar widersteht nur mit größter Mühe der Versuchung, sich wie ein nasser Hund zu schütteln und setzt sich entschlossen wieder in Bewegung. Es kann nicht mehr weit sein zum Winterlager und ein Gebet ist nicht genug Trost in der schweigenden Kälte. 'Ich habe dich nie gefragt, wer du bist.' Das waren Calaits Worte, gesprochen vor einer halben Ewigkeit in jenem Gasthaus in Nellim als sie sich noch überhaupt nicht kannten... Sie hat auch seither nie gefragt, denn das musste sie nie. Tief in ihrem Inneren weiß sie genau, wer er ist. 'Das Schicksal drängt' – Mammins Worte, kryptisch wie eh und je. Trotzdem muss er es ihr sagen. Sie muss es wissen und sie muss es aus seinem Mund hören. Das Schicksal drängt. Plötzlich empfindet er mehr als nur Liebe für sie. Mit der Liebe kann er leben ohne ihr nahe zu sein, aber jetzt braucht er Calait. Calait die Vertraute, Calait, die Heilerin… Calait, die Frau. Er hat nie verstanden was so viele Männer, die getötet hatten, mit solcher Macht in die Arme ihrer Frauen trieb… zu ihren eigenen, wenn sie konnten, zu anderen, wenn sie mussten, doch allmählich beginnt er zu begreifen. Vier Stunden später können sie die Dung- und Rindenfeuer des Winterlagers schon in der schneeregenfeuchten Luft riechen - nur noch ein paar hundert Schritt und sie würden die ersten Wigwams, klobige Rundzelte aus verflochtenen Zweigen, gegen die Kälte ausgefüttert mit grober Schafwolle und bedeckt mit geölten Wisent- und Elchhäuten am Rand einer Lichtung sehen können, in deren Mitte sich ein großes Langhaus erhebt. Die bisher enge, dicht gedrängte Formation der Pilviihmiset um ihn her lockert sich in der Erleichterung, es geschafft zu haben, die monotone Anstrengung und die Gefahren ihrer langen Reise gleich hinter sich zu wissen, nicht länger in der Wildnis dahinzutreiben - das Vorwärtsstapfen im unablässigen Heulen des Windes, das Knirschen ihrer ledernen Fußlinge auf Kies, Schnee, Nadeln und Schlamm in der Umarmung aus verschwommenen Grün- und Weißtönen, die sich unter dem endlosen Himmel verlieren.

Calait. Colevar weiß, dass sie kommt, dass sie ihn sucht, einen Herzschlag, bevor sich ihre pelzvermummte Gestalt aus dem Schatten der tief herabhängenden Schwarzfichtenzweige schält und für einen Moment ist er so erleichtert, dass er nicht mehr atmen kann. Reykir erreicht sie als erstes, doch er schiebt nur seine kalte Schnauze in ihre Handfläche und drückt sich an sie, während sie sein Nackenfell zaust und sich dann von dem Hund weiter durch den Schnee auf ihn zuführen lässt. Einen halben Schritt vor ihm hält sie an und sieht zu ihm auf. Er hört Rowan etwas herüberrufen, sieht die anderen an ihnen vorbeiziehen, aber er hat nur Augen für ihr Gesicht. Was immer sie tatsächlich wahrnimmt, wenn sie ihn anblickt, ihre Augen finden immer die Seinen, und auch wenn ihr Blick dabei so blind ist, wie stets, er ist niemals leer. "Was ist los?" Will sie wissen, verwirrt von den Widersprüchlichkeiten, die sie wahrnimmt… die Freude und Zufriedenheit der anderen und die Not in seinem Inneren. "Was ist passiert? Hattet ihr keine gute Reise?"
"Nichts. Doch. Nein." Er schüttelt ruckartig den Kopf. Dann nickt er und der kalte, verschlungene Knoten, den er während der vergangenen Stunden mit sich herumgetragen hat, beginnt langsam, sich zu lösen. Er streckt die Hand aus, um eine verirrte Haarsträhne aus ihrer Stirn zu streichen, doch irgendwie ist die Bewegung damit einfach nicht zu Ende und er zieht sie trotz ihres verblüfften Keuchens und seiner schlammverkrusteten Kleider an sich. Er hält sie fest, sein Herz hämmert laut in seinen Ohren und er kann sie einfach nicht loslassen, bis sie sich sacht aus seiner Umarmung windet. Dann hebt sie langsam die Hand und bewegt sie auf sein Gesicht zu, und er nimmt sie und drückt ihre Handfläche gegen seine Wange. "Komm sofort ins Warme", sie betrachtet ihn sorgenvoll. "Du brauchst etwas Heißes in den Magen. Und einen Schluck Feuerkehl . Einen großen!"
"Nein. Ich kann nicht… ich will… Ja. Nein." Er kann sich nicht entscheiden, was er will. Eigentlich will er überhaupt nichts tun. Außer seine Haut aufreißen, sich aus ihr herausschälen und davonlaufen… und das erscheint ihm einfach nicht machbar. "Calait…" Alarmiert durch die Not in seiner Stimme, packt sie die Pelzverbrämung seines Umhangs. "Was? Was ist? Sag mir sofort, was…"
"Mammin ist wieder da."
"Was?!" Das scheint sie so aus der Fassung zu bringen, dass sie ihn loslässt. "Was hat sie…"
"Sie war nicht allein, als sie… als sie… zu mir kam." Die Erinnerung an das Mädchen, das ihr Herz in seine Hände gegeben hatte, ist achtzehn lange Jahre alt, aber schlagartig wieder so real wie im Augenblick ihres Todes. "Calait…"
"Was? Was denn?" Ihre Stimme ist leise, aber drängend.
"Calait, ich muss dir etwas erzählen. Ich hätte es schon längst tun müssen. Wirst du mich anhören?"
"Du dummer, dummer Mann. Natürlich höre ich dir zu. Komm. Komm jetzt."

Mit der gleichen traumwandlerischen Sicherheit, mit der sie mutterseelenallein aus dem Winterlager gelaufen war, um ihn zu finden, bringt sie ihn dorthin zurück, führt ihn in irgendeinen Wigwam am Rand der Lichtung und drückt ihn sanft, aber nachdrücklich auf einen Stapel weicher Pelze an einer Feuerstelle, in der noch rote Glut zwischen weißer Asche und schwarzverkohltem Holz leuchtet. Es ist dunkel und warm, und niemand außer ihnen ist hier. Sie hatte die anderen mit ein paar knappen Worten auf Abstand gehalten, hatte ein paar Scherze gemacht, sie zu irgendwelchen Festvorbereitungen geschickt, mit denen der restliche Stamm beschäftigt ist und dafür gesorgt, dass Rowans Söhne sich um die Pferde kümmern würden. Sie hat ihn in die Wärme geholt, das Feuer neu geschürt und Teewasser aufgesetzt, als wäre das hier ihr Winterzelt und sie kenne sich bestens darin aus. Aber er kann sehen, das es das nicht ist, weil sie sich bei allem erst mühsam zurechtfinden muss, weil sie sich so vorsichtig bewegen muss, wie eine Verwundete, die Hände stets leicht vorgestreckt, um mögliche Gefahren rechtzeitig zu ertasten, die Schritte unsicher, weil Zehen und Knie nie vor schmerzhaften Hindernissen sicher sind. Das hier ist nicht ihr Herdfeuer, es sind nicht ihre Holzschalen, nicht ihre Teekräuter, nicht ihr heißes Wasser. Es ist nicht ihr Zuhause. "Du kannst nicht blind unter ihnen leben… nicht so, wie du es können müsstest." Sie schüttelt den Kopf, zuckt mit den Schultern und verharrt mitten in der Bewegung, nur um nach einem Augenblick des Zögerns noch einmal den Kopf zu schütteln. "Ich hätte dich nicht allein lassen dürfen."
Ihr Kopf dreht sich in seine Richtung und ihr blinder, sorgenvoller Blick sucht seinen, dunkel und sanft. "Mammin hatte Angst, Calait. Ich weiß nicht warum oder wovor, aber irgendetwas hat ihr… ihr wirklich eine Heidenangst eingejagt. Ich konnte es spüren. Sie sagte… das Schicksal dränge und ich solle… ich solle dem Lauscher lauschen, wenn er spräche. Ich müsse zuhören. Kannst du dir einen Reim darauf machen? Ich kann es nicht." Er nippt an seinem Becher und hustet überrumpelt, als er feststellen muss, dass sie den Tee tatsächlich großzügig mit Feuerkehl gestreckt hat. "Götter, hat jeder Pilviihmiset etwas von dem Dämonenzeug im Zelt oder sind wir im Wigwam der Schwarzbrenner gelandet? Himmel…"

Sie schüttelt den Kopf und sieht ihn nur an, doch das genügt. "Es geschah ganz plötzlich, Calait. Eben noch war ich allein… nun ja, allein mit den anderen… unterwegs im Schneeregen. Es war kalt und niemand hat gesprochen. Wir hingen alle unseren eigenen Gedanken nach und stapften durch den eisigen Schlamm, fragten uns, ob wir es bis Sonnenuntergang ins Winterlager schaffen oder noch eine Nacht im Freien verbringen müssten. Wir waren alle müde, hungrig und durchgefroren, aber Rowan war auch sehr zufrieden. Der Handel war gut, die Tauschgeschäfte erfolgreich, ich habe alles bekommen, was deine Mutter gewollt hat. Die Haarbänder für Rowans Mädchen, ich habe sogar eine verdammte Bodhrán für dich, Sithech allein weiß, wie es die nach Muurla verschlagen hat." Du schindest Zeit. "Der Schneeregen fiel, der Wald ringsum war ganz still. Es war zur Stunde der Ruhe… und im nächsten Augenblick war Mammin da und dann auch… sie. Sie hat mich nie heimgesucht, Calait. Nie. Seit achtzehn Jahren zünde ich jedes Jahr an Allerseelen eine Kerze für sie an, bete für ihre Seele und halte Wache in einem Sithechtempel. Sie ist nie zu mir gekommen. Ich habe sie nie jenseits der Totenlichter gespürt, niemals. Aber heute war sie bei mir." Sie tritt hinter ihn, so dicht, dass er sich an sie lehnen könnte und im nächsten Augenblick spürt er ihre Hände auf seinen Schultern. "Ich weiß nicht, ob Mammin sie… irgendwie mitgebracht hat oder ob sie mich gesucht hat. Ob das alles überhaupt nichts zu bedeuten hat oder ob ich vielleicht verrückt werde, aber… ich muss dir von ihr erzählen. Also hör mich an, aye? Hör dir an, was ich sagen muss. Und dann, Götter im Himmel, bitte sag mir, dass ich…" Sag mir, dass du mich trotzdem lieben würdest, meint er, doch das kann er nicht aussprechen. Ihre Finger lösen das Band, mit dem er sein Haar zusammengehalten hat und beginnen behutsam, Kiefernnadeln und Knoten heraus zu kämmen. "Ihr Name war Ealasaid. So habe ich sie genannt, nur für mich. Damit sie einen Namen hat, verstehst du?" Und dann beginnt er zu erzählen.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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Sunday, March 8th 2015, 2:42pm

Ealasaid

"Ich war vierzehn Jahre alt und der Knappe von Sire Airaud Royan, einem Anukisritter in Sûrmera. Er kämpfte in den Räuberkriegen mit den Targa im Tal von Marmande und in der nördlichen Sagorawüste, also tat ich das auch. Ich hatte mein ganzes Leben unter Kriegern verbracht und das Kämpfen von klein auf gelernt, aber damals war ich nicht mehr als ein grüner Junge. Nun, aye, vielleicht nicht mehr wirklich grün, aber trotz allem nur ein Junge. Ein großer Junge mit einem Schwert, der seine ersten blutigen Scharmützel längst hinter sich hatte und eine große Schlacht ebenfalls, und der gut war. Und wie alle, die zu schnell zu gut werden, hielt ich mich natürlich für unbesiegbar. Olyvar war in jener Schlacht von Bran erwählt worden und hatte seinen ersten Ring bereits erhalten, weil er… er… wie auch immer. Und ich brannte natürlich darauf, mich ebenfalls zu bewähren und große Taten zu vollbringen, darauf, mich würdig zu erweisen. Ich hätte Stein und Bein geschworen, Shenrah würde mich nehmen, und jeder andere, ganz gleich ob Ritter oder Knappe oder einfacher Söldner in Arrassigué und in jedem anderen Heerlager von Shatiljon bis hinunter nach Rahyūt sagte das auch. Schließlich hatte ich in seinem Mond das Licht der Welt erblickt, ein Drachengeborener, blond wie der Sommer und ein Sonnenkind durch und durch, " Colevar lächelt schwach und seine Mundwinkel zucken, unsicher, ob er über die eigene Arroganz von damals lachen oder den Kopf schütteln soll. "Es war ein Tag wie jeder andere in der Wüste. Staubdämonen wirbelten auf unberechenbaren Pfaden über die Dünen und die Weihrauchstraße, auf der wir durch das Grenzland nach Süden ritten. Wir zogen von Oase zu Oase auf dem Weg nach Kharzazate, wo die Kompanie der Unsterblichen Zehntausend auf ihre Marschbefehle wartete. Wir waren zu sechst, eine kleine Patrouille, nur Sire Airaud, ich selbst und zwei weitere Ritter mit ihren Knappen, ein selbst noch recht junger Faêyrisritter mit zwei Ringen, und ein alter Kämpe, ein geschworenes Schwert Sils, der so wettergegerbt und sonnenverbrannt aussah, als habe er nicht nur fünf Jahre, sondern sein halbes Leben in der Sagora und in diesem verdammten Krieg verbracht.

Die große Schlacht war erst wenige Tage her und niemand rechnete mit ernsthaftem Widerstand in der Wüste, obwohl wir wussten, das versprengte Targakrieger überall dort auf dem Rückzug waren oder in den zerklüfteten Wadis ihre Wunden leckten. Wir hatten die Brunnen von Tagrifat und die Oase Kel Darnah hinter uns gelassen, und waren auf dem Weg nach Ras Karaba. Ich weiß noch, dass ich sie zuerst hörte, einen Chor krächzender Rufe, schrill wie Klageweiber. Dann das Schlagen ihrer Flügel, als wir in Sicht kamen und sie aufflogen… Krähen zum größten Teil, aber hier und dort auch riesige schwarze Raben. Es waren so viele, dass der Himmel sich für einen Moment verdunkelte." Sein Blick wandert durch Innere des Wigwams, bis er auf die Laterne aus geschnitzten Knochen fällt, die von einer Zeltstange baumelt. Er starrt in die schwache, flackernde Flamme. "Zwei Tote hingen an einem Baum neben dem Haus… oder das, was von ihnen übrig war. Wir konnten erkennen, dass es ein Mann und eine Frau waren, aber nur an ihren Kleidern. Ich kannte ihre Namen damals nicht, aber ich wusste, wer sie waren. Wir alle wussten es, denn die Grenzpatrouillen waren oft bei ihnen eingekehrt. Sie hatten die Männer im Schatten ihres Palmenhains lagern lassen, ihnen süße Datteln zu essen gebracht, frisches Wasser für sie selbst und ihre Pferde und hin und wieder sogar Tee und Fladenbrot. Diese Menschen waren arm, Calait. Ein Arganbaum, ein paar Dattelpalmen und eine kleine Herde Ziegen waren alles, was sie ihr Eigen nannten. Sie war eine Targa und er ein Herzländer, und sie lebten im götterverlassenen Grenzland entlang der Weihrauchstraße, weil sie weder in Sûrmera noch im Djebel Araq willkommen gewesen wären… aber sie sind immer gastfreundlich zu uns gewesen. Ihr… der Frau… hatte jemand einen Fetzen Pergament ans Bein geheftet, der so blutfleckig und zerrissen gewesen war, dass wir es nur erkannten, weil es so im Wind flatterte. Sire Airaud nahm es ihr ab, warf einen Blick darauf und reichte es an einen der anderen Ritter weiter, aber ich konnte einen Blick darauf werfen. 'Sûrmerische Hure' stand dort." Er lacht, bitter und freudlos und schüttelt den Kopf. "Dabei war ihr Mann nicht einmal aus Sûrmera, er war Ildaler. Dann fragte Sire Airaud nach den Kindern, er sagte, sie hätten Kinder gehabt, mindestens vier, das älteste vielleicht elf. Wir erinnerten uns alle, also begannen wir zu suchen.

Die Asche war schon kalt und wurde vom Wind verstreut, doch der Brandgeruch lag wie eine Dunstglocke über der Oase, verstopfte unsere Lungen und versengte unsere Kehlen, so dass wir selbst wie die Raben klangen, als wir nach ihnen riefen. Wir suchten im Palmenhain, am Brunnen, in den Gattern der Ziegen. Wir riefen beruhigende Worte in der Allgemeinsprache und im alten Hôtha, doch sie wurden alle vom Rascheln der Palmen verschluckt. Ab und an glaubte ich, eine Bewegung im Augenwinkel zu sehen, doch immer, wenn ich mich danach umdrehte, war es nur der Wind zwischen dem Schwertgras oder ein schwankender Copalstrauch. Wir suchten lange, nicht nur in der Oase, sondern auch in den umliegenden Dünen, in einem nahegelegenen Wadi, in der Wüste… doch wir fanden keine Spuren und irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass die Kinder niemals soweit gelaufen wären. Als ich zu den anderen zurückkehrte, schnitten die Ritter die Toten vom Galgen und uns Knappen schickten sie aus, um flache Steine für einen Grabhügel zusammenzutragen. Wir hatten keine Werkzeuge zum Graben, aber wir würden eine flache Mulde ins Geröll scharren können. Das und ein kleiner Steinhügel, den wir darüber schichten würden, um die Aasfresser abzuhalten, das war das Mindeste, was wir für sie tun konnten." Einen Augenblick lang kratzt seine Kehle vor beißendem Rauch und sein Mund schmeckt wieder nach saurer Asche, genauso wie damals. "Im ersten Moment hielt ich sie für einen Stein, halb verborgen unter ein paar Palmwedeln, die gegen die verkohlte Wand der lehmverputzten Hütte geweht worden waren. Einen großen, flachen Stein, wie gemacht für einen Grabhügel. Ich griff mit beiden Händen danach, um ihn aufzuheben, und da bewegte sie sich. Ich weiß nicht mehr, ob ich nach den anderen rief oder ob sie gesehen hatten, was passiert war, aber Sire Airaud war binnen eines Herzschlag bei mir, während ich wie ein Verrückter Geröll und Sand zur Seite schaufelte, um die Kleine aus den verkohlten Holzresten und rauchenden Palmblättern auszugraben. Sie weinte nicht, als ich sie hochhob. Sie jammerte auch nicht, als ich sie in die Arme nahm. Sie gab überhaupt keine Laute von sich, obwohl ihre Kleider und ihr Haar verbrannt waren und ihre Haut so schwarz und aufgesprungen aussah, dass sie tatsächlich aus Stein hätte sein können.

Sie war… etwa vier, vielleicht fünf. Ich hielt sie im Arm und sie sah mich an, zuerst voller Angst, aber dann ruhiger und irgendwann nur noch schicksalsergeben. Ich sprach mit ihr, Sire Airaud sprach mit ihr und auch die anderen flüsterten ihr beruhigende Worte zu… doch auch wenn wir in ihren Augen sehen konnten, dass sie uns verstand, wollte - oder konnte - sie uns keine Antworten geben. Ich träufelte Wasser auf ihre Lippen, aber sie konnte nicht schlucken. Manchmal geriet die Oberfläche ihrer Augen in Bewegung wie ein stiller Teich, über den der Wind hinwegstreicht, doch dann zog es vorbei und sie wurden wieder ausdruckslos. Ich hielt sie und hörte den Faêyrisritter irgendwo beten, leise, eine endlose Litanei, seine Göttin möge ihn erhören und ihm die Gnade eines dritten Ringes gewähren, damit er die Heilkunst erlangen und ihr helfen könnte. Aber Faêyris blieb stumm. Irgendwann fragte Sire Airaud schließlich, ob sie ihren Namen schon erhalten und im Glauben an die Zwölf gesalbt worden sei. Er sprach so sanft mit ihr, wie ich es als sein Knappe nie von ihm gehört hatte, aber mir versetzte es nur einen heftigen Ruck. Ich war so vom Donner gerührt, sie gefunden zu haben, dass ich vollkommen blind für ihren Zustand gewesen war. 'Nid yw o oroesi', sagte er leise auf Tamaraeg, damit sie ihn nicht verstand, aber er sah mich dabei an. Nid yw o oroesi – sie überlebt es nicht. Ich wollte es nicht wahrhaben. Sie konnte nicht den Mord an ihrer Mutter und ihrem Vater und das Feuer überlebt haben, nur um dann unter ein paar Fremden zu sterben. Also schüttelte ich heftig den Kopf. Natürlich würde sie überleben, sagte ich mir. Sie musste einfach überleben. Doch das meiste ihrer Haut war verbrannt und das nackte Fleisch darunter war ganz verkrustet. Hier und da konnte ich sogar die bleichen Kanten ihrer Knochen sehen, wo sie durch Blut und Sehnen schimmerten. Ich konnte auch ihr Herz schlagen sehen, ein durchscheinende, rötliche Wölbung, die in ihrem Brustkorb pulsierte. Sie war so klein, Calait, und so leicht wie ein Vogel. Als sich ihr Mund bewegte, glaubte ich schon, sie würde Sire Airaud antworten, doch alles, was sie flüsterte, war 'Umm'. Es ist Hôtha und bedeutet 'Mutter'. Dann hat sie die Augen geschlossen.

Zuerst dachte ich, wir würden sie mit uns nach Kharzazate nehmen, wo sich die Heiler ihrer annehmen würden, doch der Weg war viel zu weit, es war unmöglich. Dann dachte ich, einer der Ritter oder ein Knappe könnte mein Pferd nehmen, zurück nach Kel Darnah reiten und einen Heilkundigen herholen. Mein Pferd war genauso dürr und ausgemergelt wie alle anderen, aber es war schnell, und Kel Darnah war eine größere Oase, in der es bestimmt einen Heilkundigen geben würde. Aber es war fast ein Tagesritt bis dorthin und noch einmal dieselbe Wegstrecke zurück, und die Sonne war schon ein roter Schleier am westlichen Horizont. Auch das würde sie nicht überleben. Sire Airaud sah mich an und ich spürte wie das Unvermeidliche sich um meine Kehle legte wie eine Schlinge. Dann sah ich die Raben. Die Krähen waren fast alle fort, nur hier und dort flatterten noch welche am Rand der Oase, doch der Arganbaum vor der Lehmhütte war voller großer, schwarzer Raben, drei oder vier Dutzend oder noch mehr. Sie flatterten nicht und krächzten nicht, sie saßen nur da, so still wie Schatten und starrten mich an. Irgendwann spürte ich Sire Airauds Hand auf meiner Schulter. Dann streckte er die Arme aus und sagte mir, ich solle sie ihm geben - doch ich konnte nicht. Ich schüttelte nur den Kopf und sagte, sie gehöre mir, ich würde es selbst tun. Sie war mein, Calait. Ich hätte sie nicht hergeben können, ich hätte sie ebenso wenig jemand anderem überlassen können, wie aufzuhören zu atmen. Irgendjemand, ich glaube der Knappe des Silritters, brachte mir Heiliges Öl und ich salbte sie im Namen der Zwölf. Ich nannte sie Ealasaid, damit sie nicht namenlos sterben würde, und ich weiß noch, wie ich mich fragte, ob das ihrer Mutter wohl gefallen hätte. Sie war so klein. Ich hatte mir tausendmal ausgemalt, wie es sein würde, wenn ich erwählt werden würde, Calait, aber so etwas hätte ich niemals gedacht. Ich konnte überhaupt nicht denken, aber das brauchte ich auch nicht. Ich legte einfach meine Hand über ihren kleinen Mund und ihre winzige Nase und drückte zu. Die Sonne sank hinter den Dünen, die Schatten kamen und der Abendwind raschelte im Laub über mir… aber vielleicht waren das auch die Schwingen der Raben. In der Wüste wird es rasch kalt, wenn die Sonne fort ist und ich weiß noch, dass ich sie gern zugedeckt hätte, damit sie nicht friert, aber ich hatte keine Hand frei. Ich trug nur ein Hemd und einen ledernen Gambeson, und unter der Haut meines Armes konnte ich ihr kleines Herz spüren. Es bebte und schlug wie ein Vogelflügel, setzte ein oder zwei Schläge aus, pochte noch einmal und hörte dann auf. In diesem Augenblick brannte Sithech mir sein Mal auf, und über mir riefen die Raben und hießen mich willkommen. Zwei Siebentage darauf wurde ich in Arrassigué zum Ritter geschlagen. Deshalb halte ich jedes Jahr zu Allerseelen in einem Sithechtempel Wache und zünde eine Kerze für sie an. Wegen Ealasaid."
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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Friday, October 30th 2015, 9:39pm

Falsche Hoffnung

(Erntemond 513)

"Ealasaid."
Colevars Erzählung hat schon vor einer ganzen Weile geendet und in seinem Haar sind keine Nadeln und Blätter mehr zu finden. Auch die Knoten hat sie gelöst, einen nach dem anderen und es fällt längst glatt und schwer seinen Rücken hinab, trotzdem gleiten ihre Finger weiter durch die einzelnen Strähnen. Dann finden sie ihren Weg zu dem Wisentfell, das er in einem Stück als Umhang trägt und lösen geschickt die große Bronzefibel, die es vor seiner Brust zusammen halten. Es ist elend schwer, also streift sie es einfach nur von seinen Schultern. Er schält sich aus dem Wappenrock und sie hilft ihm mit den Schnallen des Kettenhemdes. "Ich bin mir sicher, der Name hätte ihrer Mutter gefallen." Es ist ein schöner Name. Während sie aus dem Kessel über dem Feuer Wasser in eine Schüssel schöpft und Colevar sich das Hemd über den Kopf zieht fragt sie neugierig: "Was bedeutet er?" "'Ich gelobe vor den Göttern'." Sie lächelt, doch als sie vor ihn tritt und ihre Finger über seine Wangen wandern lässt ist davon nichts mehr zu sehen. "Sollte ich mich jemals in der gleichen Lage wiederfinden wie Ealasaid," flüstert sie, zieht ihn an sich und schließt ihn in eine schützende Umarmung: "dann hoffe ich, dass jemand die Barmherzigkeit und die Stärke findet das zu tun, was du getan hast." Ein Teil von ihr ist abgestoßen von der brutalen Kaltblütigkeit mit welcher der Graue Wanderer den Jungen Colevar, vierzehn Jahre alt und nichts weiter im Kopf als Träume von Ruhm und Ehre, für sich beansprucht hat. Der andere Teil ist dem Herren von Tod und Winter dankbar dafür. Weil es Colevar zu dem Mann gemacht hat, der er heute ist und sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen könnte.
Sie birgt seinen Kopf an ihrer Brust und drückt ihn an sich. Für einen Moment spürt sie seinen Widerstand, das Gewicht der Last, die er achtzehn Jahre lang allein mit sich getragen hat. Dann lässt er los. Wie lange sie dort steht und ihn hält kann sie später nicht mehr sagen, doch als er sich langsam von ihr löst, kriecht die Dämmerung bereits aus den Tälern an den Berghängen empor.

Sanft streicht sie ihm das Haar aus dem Gesicht, schenkt ihm ein kleines Lächeln und zupft dann an seinem Bart: "Der muss ab." "Hast du Seifenkraut?" "Bestimmt." Etwas unschlüssig dreht sie den Kopf von rechts nach links und zurück: "Irgendwo… Siehst du einen Kräuterkorb?" Es dauert einen Augenblick, dann hört sie, wie er sich erhebt, ein paar Schritte macht und etwas unter einem Fell hervorholt. Gleich darauf drückt er ihr einen geflochtenen Graskorb in die Hände und ihr steigt der Duft nach einem halben Dutzend verschiedener Kräuter in die Nase, von Blutwurz über Ukonhatut bis hin zu Flockenblumen. Das getrocknete Seifenkraut ist dank ihrem feinen Näschen schnell gefunden und wird mit etwas Wasser und Talg aufgeschäumt. Das Gemisch reicht sie Colevar zusammen mit einem weichen Lederlappen und einem groben Leinentuch. Während er sich wäscht und rasiert holt sie ihm frische Kleider und klärt ihn bei ihrer Rückkehr darüber auf, dass seine Siebensachen zum Kalon Tanoaled, dem Großen Herdfeuer, Winocs Heimstatt und Herz des Winterlagers, gebracht worden sind. "Setz dich, wenn du fertig bist, dann flechte ich dir die Haare. Ihr seid gerade rechtzeitig zur Langen Nacht der Geschichten zurückgekehrt." "Ist das ein Fest?", hört sie ihn fragen, ehe das vertraute 'Katschink' einer großen und massiven Klinge, die über Haut fährt, wieder einsetzt. "Ja, Mabon, die Herbst-Tagundnachtgleiche. Es ist dem Erntedankfest in Talyra sehr ähnlich. Wir danken unseren Ahnen und den Geistern des Berges für die Gaben der Natur und opfern ihnen einen kleinen Teil davon als Zeichen der Wertschätzung. Dazu erzählen wir Geschichten. Alte und Neue. Die Vorbereitungen laufen schon den ganzen Siebentag und seit mindestens fünf… zehn… sieben… na, halt vielen Tagen liegt mir Tante Ysanna mit ihren in Lehm gebackenen Schneehühnern in den Ohren. Die du unbedingt probieren musst, weil sie sind wirklich lecker. Mutter hat eine Unmenge von Preiselbeerküchlein gebacken, wobei von dieser Unmenge nur noch ein Un übrig ist, nachdem Shirin und Bryntyrch sich die Bäuche vollgeschlagen haben. Sitzt du schon?" "Und dieses Fest erfordert geflochtene Haare und ein rasiertes Gesicht?" Er klingt ein ganz kleines bisschen misstrauisch, was ihr ein belustigtes Schnauben und ein aufreizendes: "Nein, das dient ganz allein meinem Vergnügen", entlockt. "Hast du etwa einen Anschlag auf meine Tugend vor?", will er wissen und sie kann das sardonische Lächeln auf seinen Lippen praktisch sehen.

Für einen Moment ist sie derart perplex, dass sie nicht angemessen reagieren kann. Seit der Schiffsreise hat er sich nicht mehr auf das Spiel der kleinen Anzüglichkeiten eingelassen, jeden ihrer Versuche zweideutige Neckereien auszutauschen völlig ignoriert. Dass er jetzt plötzlich wieder darauf eingeht freut sie einerseits, alarmiert sie aber gleichzeitig. "Sieh einer an", schmunzelt sie: "hast du mir etwa den alten Colevar mitgebracht?" Sie bereut ihre Worte, kaum hat sie sie ausgesprochen, denn noch ehe die letzte Silbe verklingt, ist die Unbeschwertheit zwischen ihnen wieder verflogen. Es fühlt sich an, als hätte er ihr die Tür mit der Aufschrift 'zwanglose Tändelei' vor der Nase zugeschlagen. "Nein, Hexchen", sagt er und klingt unerwartet ernst: "Ich habe nur vergessen den Schild hochzunehmen." Den Schild? Es ist das erste Mal, dass er überhaupt so etwas wie eine Erklärung dazu von sich gibt. Eine, die sie verwirrt die Brauen zusammenziehen lässt… bis sie versteht. Und dann ergibt sein Benehmen während der letzten fünf Monde plötzlich Sinn. Bevor sie aber etwas sagen, geschweige denn etwas tun kann, wird die Plane vor dem Eingang zurückgeschlagen und Rozenn tritt aus den Schatten ins Licht, hält aber sofort inne, als sie sich der Anspannung bewusst wird. Für einen Augenblick herrscht betretenes Schweigen, dann richtet sie ihren Blick auf Colevar und fragt im durchaus melodischen, aber nichtsdestotrotz sowohl abgehackt, als auch fließend klingenden Tamartuarach, ob auch alles in Ordnung sei. Calait kann nicht sehen, dass ihre Mutter ihn angesprochen hat und nicht sie, und will ihr schon antworten, als Colevar ihr zuvorkommt: "Ya, mat-tre." Das ist eine Lüge, aber Calait widerspricht nicht, sondern nickt nur. Das anzusprechen hätte bedeutet eine Truhe zu öffnen, die sie gründlich verschlossen hält, weil in ihr ein paar Wahrheiten ruhen, denen sie sich auf Dämon komm heraus nicht stellen will. Unter anderem Mammin, die Alte Duma, gewisse Prophezeiungen und ihr Wissen, ihn nicht zu lieben. Nicht wie eine Frau einen Mann liebt. Obwohl sie sollte. Obwohl sie müsste. Obwohl sie wollte, wenn sie nur könnte. Denn es ist das Einzige, was Sinn machen würde. Aber es ist nicht da und das macht sie wahnsinnig.


'Ya, mat-tre.' – Ja, alles in Ordnung.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

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Saturday, October 31st 2015, 7:52am

Ans Licht gebracht

Erntemond 513

Er hat keine Ahnung, welcher Dämon ihn reitet, ihr das zu sagen und er bereut es augenblicklich, als er das Begreifen in ihren Augen sieht und erkennt, dass er zu viel Preis gegeben hat. Doch Rozenns Auftauchen verhindert jedes weitere Wort und im Hinausgehen fragt er sich, wie man jemandem, der einem eben noch so nahe war wie Calait ihm, von einem Herzschlag auf den anderen wieder so fern sein kann. Als er ihr von Ealasaid erzählt hatte, war sie alles gewesen, das er gebraucht hatte – die Vertraute, die ihn verstand, die Geliebte, die ihn hielt, die Heilerin, die sich seiner Wunden annahm, die Mutter, die ihn segnete, die Priesterin, die ihm die Vergebung erteilte, nach der er gehungert hatte ohne es eigentlich zu wissen. Alles zugleich und doch nichts von all dem. Denn sie ist Calait, seine Calait und doch nicht sein - und daran würde sich auch nichts ändern. Colevar versucht zu atmen, doch sein Herz ist so schwer, als sei es aus Stein. Eine kalte Schnauze schiebt sich besorgt in seine Hand und er lächelt schwach. Obwohl er sehr versucht ist, sich das Wisentfell wieder überzuwerfen und mit Reykir an seiner Seite einfach in den nächtlichen Wald zu verschwinden, folgt er Rozenn durch das merkwürdig stille Lager - Calait ist bereits vorausgeeilt ohne ihn auch nur noch ein einziges Mal anzusehen. Sie steuern auf ein langes Gebäude aus grob behauenen Baumstämmen, Lederhäuten und Pelzen zu, das im Gegensatz zur leeren Dunkelheit um sie her förmlich illuminiert wirkt und er kann den Saum von Calaits alten Fellmantel gerade noch im Lichtschein des Eingangs verschwinden sehen. Feuerschein dringt aus allen Ritzen des Langhauses und unter den Dachsparren hervor, brennende Talglichter erhellen jeden Fußbreit Boden entlang der Wände und bilden bei genauerem Hinsehen kleine, leuchtende Muster. Alles Leben, alle Wärme und Lebendigkeit des Stammes sind hier versammelt und im Inneren herrscht ein unbeschreiblicher Wirrwarr aus Stimmen, Lachen, Kindergeschrei, dem Prasseln des gewaltigen Herdfeuers und dem Klappern von Knochengeschirr.

Rowan und seine Söhne sind bereits vollauf damit beschäftigt, von ihrer Handelsreise nach Muurla zu erzählen und haben eine ansehnliche Zuhörerschaft um sich versammelt, die ihnen mit großen Augen lauscht. Als sie Colevar bemerken, winkt der alte Pilviihmiset ihm so heftig, dass er beinahe die Hälfte seines Hammeleintopfs verschüttet. Auch die Jäger, mit denen er kurz nach ihrer Ankunft im Sommerlager in den Bergen den Elch erlegt hatte, rufen ihn mit lachenden Gesten zu sich, doch noch bevor er sich auf eine der beiden Gruppen zubewegen kann, wird er beinahe von Nia und Gwenn umgerannt, die sich mit leuchtenden Augen ihre Haarbänder abholen. Anschließend wird er unter kleinkindlichem Gebrabbel und einem Wortschwall, den er nicht versteht in Richtung der hinteren Wand davongezerrt, wo auf niedrigen Bänken Körbe, Platten und Töpfe mit Essen bereitstehen, deren Inhalt von einigen Frauen und Mädchen verteilt wird und von den Männern anscheinend sofort versucht werden muss, um die jeweilige Köchin mit angemessenen Komplimenten zu überschütten. Jedem Mann des Schneeluchsstammes ergeht es gleich und sie beziehen ihn einfach mit ein - was ihn ehrlich freut, auch wenn er sich zwischen all den dunkelbraunen und schwarzhaarigen Köpfen, die ihm nicht einmal bis zur Schulter reichen, ein wenig… deplatziert vorkommt. Es ist niemand in Reichweite, der für ihn übersetzen könnte, aber das ist auch gar nicht nötig – Mimik und Gesten sagen genug, und ein Lächeln wird überall verstanden. Also lächelt er bis ihm die Mundwinkel schmerzen und wünscht sich bald, er wäre tatsächlich in den Wald verschwunden, als er die Gelegenheit gehabt hatte. Calait bekommt er kaum zu Gesicht – nur hin und wieder erhascht er einen Blick auf sie, sieht sie mit Bryntyrch über irgendetwas lachen und beobachtet sie für kurze, gestohlene Momente aus der Entfernung, wie so oft in den letzten Monden. Er staunt darüber, wie sinnlich ihr Mund sich verziehen kann, wenn sie mit einem leisen Seufzen den Atem ausstößt. Er sieht mit hoffnungsloser Sehnsucht, wie die weiche, wollene Tunika um ihre Hüften schwingt, wenn sie sich bewegt. Ihren geschmeidigen Rücken, der sich biegt, wenn sie sich hierhin oder dorthin dreht, und fragt sich, was in aller Welt er nur tun soll. Während der ganzen letzten Monde, während all der Zeit, die er damit verbracht hatte, sich einzureden, dass das schlafende Ungeheuer nicht existieren würde, hat es nur Kraft gesammelt. Seit er zum ersten Mal in ihre unverhüllten Augen geblickt hat, ist er ein kranker Mann und das Gift hat sich ausgebreitet. Jetzt ist das Ungeheuer erwacht und es gibt nichts, was er oder irgendjemand sonst dagegen tun könnte. Umgeben von fast zweihundert Menschen ertrinkt er in Einsamkeit, ungesehen und unbemerkt von den anderen. Die Art von Einsamkeit, die einen Mann verschlingen kann.

Irgendwo hinter ihm brandet Gelächter auf, und Colevar lauscht mit halbem Ohr auf Rowans Stimme, der lautstark von Muurla erzählt. Sie - oder besser gesagt er - hatten in der Stadt einige alte Bekannte getroffen…. Aimo und Miska, die Calait und ihn damals halbverhungert mit ihrer altersschwachen Armbrust überfallen wollten, sich jedoch inzwischen prächtig herausgemacht hatten, den "Fetten Lumpu", Wirt des Birkenpfuhls, Muurlas einzigem größeren Gasthof und sogar die baumlange, spindeldürre Gestalt Kerkko Unelmas höchstselbst samt Rauschebart, Knubbelnase und fleckigem Schlapphut (nur diesmal ohne Leistenbruch). Der alte Waldläufer hatte sich derart gefreut ihn wiederzusehen, dass er ganz aus dem Häuschen gewesen war und sämtliche Pilviihmiset in seiner Begleitung genötigt hatte, mit ihnen zu trinken. Da ihr wundersames Wiedersehen ohnehin im Birkenpfuhl stattgefunden hatte, war der Abend jedoch in ein kolossales Besäufnis ausgeartet, infolge dessen sämtliche Tauschhändler des Schneeluchsstammes, ein gewisser Waldläufer, ein halbes Dutzend Soldaten der Muurlagarde, ein Alchemistenlehrling und ein Magister des Elementes Luft nun für…. oh, ungefähr für immer in seiner Schuld stehen würden. Der übrige Stamm will sich jedenfalls schier ausschütten vor Lachen über Rowans wortreiche und wohl auch ziemlich blumige Schilderung der denkwürdigen Ereignisse. Eine Geschichte des vergangenen Sommers jagt die nächste – die Jäger berichten von der Elchjagd, die Großmütter erzählen die Legende, wie Brendan Bärentöter die wilden Geister des Berges Kailhen Hen besänftigte und ein Mann namens Yezek erntet viel Gelächter mit der Geschichte, wie sein Sohn Yudicaél versuchte, den Kí das Schwimmen beizubringen. Colevar versteht allerdings meist nur die Hälfte von dem, was gesprochen wird, denn Ru'n ist nirgends zu sehen und Calait… nun Calait scheint sich bewusst von ihm fernzuhalten, so dass niemand für ihn übersetzt. Nia hüpft an ihm vorbei und drückt ihm einen Becher Birkenbier in die Hand, den er dankbar annimmt, da in dem mit Menschen vollgestopften und von einem gigantischen Feuer erhellten Langhaus inzwischen die Atmosphäre einer überfüllten Schwitzhütte herrscht. Als irgendwann die ersten Trommelklänge einsetzen, sind sie noch leise und es dauert eine Weile, ehe sie von allen bemerkt werden. Der Trommelspieler ist nirgends zu sehen, aber der dumpfe Rhythmus der Schläge erfüllt nach und nach das ganze Langhaus wie das stete, gleichmäßige Pochen eines großen Herzens. Die Pilviihmiset, die noch stehen, suchen sich Sitzplätze zwischen den anderen um das Große Herdfeuer herum, und er selbst zieht sich ein wenig in die Schatten am Rand des Geschehens zurück und beobachtet, was geschieht.
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Sunday, November 1st 2015, 1:56pm

Es war einmal…

Erntemond 513

Dankbar um den Trubel, der sie von seinen Worten und der damit unwiderruflichen Wahrheit ablenkt, lässt sich Calait durch die Masse treiben und heißt jede Gelegenheit, mehr Distanz zwischen ihn und sich und das, was in dem Wigwam geschehen ist, zu bringen, mit gespielt heiterem Gelächter und belanglosen Plaudereien Willkommen. Aber in ihrem Kopf wirbeln ihre Gedanken wie ein träger, mächtiger Strudel unablässig im Kreis und aus seinen Tiefen steigen Erinnerungen empor. Erinnerungen an Momente der flüchtigen Irritation und unausgesprochener oder unbeantworteter Fragen, die im Einzelnen betrachtet wie gelegentliche Ausnahmen wirkten, sich jetzt aber rückblickend nahtlos zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Ich war tatsächlich blind. Es ist eine erschreckend nüchterne Erkenntnis, nur begleitet von einem Hauch zutiefst verbitterter Selbstironie. Näher kann sie es nicht an sich heranlassen, nicht ohne endgültig den Verstand zu verlieren. Und jede Beherrschung obendrein. Doch es ist ein aussichtsloser Kampf und sie spürt wie das Begreifen ganz langsam in Ärger, dann Wut und letztendlich Widerwillen umschlägt. Nur die einsetzenden Trommeln verhindern, dass sie bleibt wo sie ist und sie nicht auf der Stelle wahlweise Colevar, ihren Bruder oder Mammin zwingt Rechenschaft abzulegen und alles ans Licht zu bringen, was ihr verschwiegen wird. Neben ihr steigen Bryntyrch und dessen Freunde, Carioú, Mezec und Riou, grünäugig und schwarzhaarig wie alle direkten Abkömmlinge der (sehr kleinen) Schneehasensippe, voller Begeisterung und Enthusiasmus in das langsame allgemeine Aufstampfen mit ein, das sich nach und nach unter die gleichmäßigen, dumpfen Schläge der Trommeln mischt und diese verstärkt. Das Geräusch rollt durch den Boden, wandert entlang der Balken in die Höhe und jagt summende Schauer durch die gespannten Lederhäute über ihren Köpfen. Calait kann den uralten Rhythmus bis in ihre Knochen wiederhallen spüren und ergibt sich dem Zauber des Geschehens, einfach nur um nicht länger über ihn nachdenken zu müssen.

Aus dem flackernden, goldgrauen Zwielicht, das sich im hinteren Bereich des Kalon Tanoaled um die aus Gras geflochtene und mit dem mächtigen Antlitz der Grauen Bärin bemalten Leder bespannten Trennwand gesammelt hat, wächst ein schmaler, langer Schatten der eine Krone aus verzerrten Dornen trägt und seine langen Arme über die Decke in ihre Richtung wandern lässt. Niemand weicht zurück, keiner fällt aus dem Takt, nur ein paar der kleinen Kinder suchen schüchtern den Schutz ihrer Mütter, als die Klauen sich nach ihnen ausstrecken und ein Hauch von Kälte unter ihre Felle kriecht. Dann weicht der Schatten zurück, schrumpft zusammen und an seiner Stelle tritt Winoc in vollem Ornat in den tanzenden Flammenschein. Er ist in nicht mehr als einen mit simplen Lederschnüren vor der Brust gebundenen Umhang aus Schneeluchspelz, ein Paar schneeweißer Beinlinge und einen ebensolchen Lendenschurz und gekleidet, der als einzige Verzierung einen Besatz von Hermelinschwänzen aufweist. Dafür ist seine Haut mit Mustern und einigen Symbolen aus heiligem Ocker, Färberwaid, weißer Kreide und schwarzer Kohle übersät, die sich bis unter den mächtigen, gebleichten, reich mit Schnitzereien bedeckten Valkoinen Ilvesschädel ziehen, den er auf dem Kopf trägt. Durch die weiße Farbe auf seinen Schläfen und seinen Wangen wirkt es, als ob die Knochen mit seiner Haut verschmolzen wären und im unruhigen Spiel der Schatten ist nicht länger klar, wo das Tier endet und der Mann beginnt. Um seinen Hals, seine Handgelenke und seine Oberarme schlingen sich Lederbänder an denen Zähne und Krallen von allerlei Tieren baumeln und sein Haar hängt in schmalen, geölten Zöpfen, in welche prächtige Federn, bemalte Knochen- und schimmernde Glasperlen eingeflochten wurden, bis weit seinen Rücken hinab. Ein kaum hörbares Murmeln rauscht durch die Menge, die unlängst aufgehört hat zu stampfen und irgendwo neben sich hört Calait ein Mädchen seufzen, zu gleichen Teilen verlangend, wie auch ehrfürchtig.

Der Laut trifft Calait mitten ins Herz und in diesem einen Moment reicht es nicht länger aus, dass sie Winocs Präsenz, seine Macht und sein Wesen so klar spüren kann, als stünde er direkt vor ihr. Sie will ihn sehen. Will dem Mann, zu dem der kleine Junge, den sie bei ihrem letzten Besuch noch in den Schlaf gesungen hat, herangewachsen ist, in die Augen blicken und ihren schwesterlichen Stolz darin gespiegelt wiederfinden. Doch alles was ihr bleibt, ist alle ihre Sinne nach ihm auszustrecken und jedes Geräusch, das seine nackten Füße auf dem irdenen Boden verursachen, jedes Aufwallen seiner Aura in sich aufzunehmen und zu verinnerlichen.

Mit erhobenen Armen tritt Winoc an das Feuer heran und wie schon damals in der Höhle, als sie zum ersten Mal seinen Rat suchten, lässt er seine ausgestreckten Finger über die Flammenspitzen gleiten, fängt die Hitze dazwischen und führt sie an seinen Mund. Wieder versteht niemand die Worte die er in seine geschlossene Faust spricht, doch alle können sehen, wie gleich darauf abertausende Funken wie ein Schwarm Glühwürmchen vom Feuer emporsteigen und Decke und Wände vollständig mit einem hauchdünnen goldenen Schimmer überziehen. Dann legt er den Kopf in den Nacken und schlägt einen tiefen, bronzedunklen Ton an. Der erste Ton des Alten Liedes, von dem aus Altvordererzeit nur die Melodie überliefert wurde und mit dem bereits die ersten Mütter ihre Ahnen angerufen haben. Calait muss ein Schmunzeln unterdrücken, als Bryntyrchs Finger sich unauffällig zwischen ihre winden. Die Kinder des Wolkenvolks sind sich die Anwesenheit von Geistern von Geburt an gewohnt, sie wachsen inmitten längst verstorbener Ahnen und deren Legenden auf und werden gelehrt, dass der Tod nur der verborgene Zugang zur Ewigen Weite ist, wo sie begleitet von ihrem Totem an die Seite ihrer Väter und Mütter, Geschwister und Kinder einkehren. Auch für Calait birgt die Nähe ihrer Ahnen nichts Furchteinflößendes, trotzdem kriecht Gänsehaut über ihre Arme und Schultern, als die Totenseelen dem Ruf des Schamanen folgen und zwischen den Lebenden Platz nehmen, um seinen Worten zu lauschen.

In der Sprache ihres Volkes kündigt er an, eine Geschichte zu erzählen, die seit vielen hundert Jahren von Schamane an Schamane weitergetragen worden war und jeder Generation von Wolkenkindern einmal erzählt wurde. Aus Höflichkeit gegenüber ihrem hochgeschätzten Gast, würde Ru'n die Erzählung außerdem in die Allgemeinsprache übersetzen. Schweigen senkt sich über das Kalon Tanoaled, dann beginnt Winoc zu sprechen: "Die Geschichte beginnt vor mehr als tausend Jahren…"
Acht Worte. Achte Worte hört Calait. Dann versteht sie. Tausend. Das ist, was die Alte Duma auf dem Floß gesagt hat. Was Mammin gesagt hat. Tausend Jahre. Es ist nicht irgendeine Geschichte, die Winoc ihnen erzählt. Es ist ihre Geschichte. Oder zumindest die Geschichte, die Mammin ihr schon seit dieser verflixten Sithechnacht aufzwingen will und gegen die sie sich mit Händen und Füßen wehrt. Die Geschichte, die auf ihn vielleicht sogar zutrifft, in der sie aber keinen Platz hat. Die jeder für offensichtlich hält und die sie nicht sehen kann. Ihr Atem geht schwer und sie hört ihren eigenes Blut unangenehm in ihren Ohren sirren, während Winocs Stimme im Hintergrund zu einem monotonen Murmeln verklingt und Bilder heraufbeschwört aus einer Zeit, die sie nicht erlebt hat und doch kennt und einem Leben, das sie nicht gelebt hat und das doch ihr gehört. Die Menge um sie herum verblassen, die Flammen des Großen Herdfeuers schwinden bis nur noch rauchende Kohlestücke zurückbleiben und Tageslicht flutet den Raum durch aufgedeckte Löcher in der Decke. Kurz ist sie geblendet, dann entdeckt sie die zwei Gestalten, die am Rande der Feuergrube auf weichen Fellen sitzen und die Köpfe in ihre Richtung drehen, kaum dass sie ihr gewahr werden.

"Mein Kind", sagt die Frau, die ihre Mutter ist und die sie doch nie zuvor gesehen hat (die aber verdächtig aussieht wie die junge Version eines gewissen dreizahnigen, faltigen Bratapfels, den sie dafür umso besser kennt). Auf den wettergegerbten Zügen liegt mütterlicher Stolz, aber Calait hat nur Augen für ihn. Neben ihrer Mutter wirkt Herkir wie ein ausgewachsener Riese und das Eisbärenfell, das er trägt, trägt nicht unwesentlich dazu bei. Der Anblick lässt sie lächeln. Als er nach ihrer ausgestreckten Hand greift, um sie zu sich hinunter an seine Seite zu ziehen, verschwinden ihre Finger vollständig zwischen den seinen. Aber seine Berührung ist so sanft und vorsichtig, als würde mit filigranem Tongeschirr hantieren und als er das Fell um sie legt und das Gewicht sich auf ihre Schultern senkt verspürt sie nichts als wohlige Zufriedenheit. Die in ihrer Brust einen Knoten schlägt, als er sagt: "Ich breche morgen auf." "Wann kehrst du zurück", fragt sie und bemüht sich ihre Stimme glatt zu halten. "Im nächsten Frühjahr", antwortet er und sie nickt, obwohl alles in ihr danach schreit, die Arme um seinen Nacken zu schlingen, ihn festzuhalten und ihn anzuflehen nicht zu gehen. Aber er muss gehen, damit er zu ihr zurückkehren und dann bei ihr bleiben kann. Also atmet sie tief durch, verdrängt das Gefühl einer schrecklichen Vorahnung, das sie plagt seit er sie über seinen Plan in Kenntnis gesetzt hat und nickt noch einmal.

Als Calait blinzelt, sind Herkir und ihre Mutter verschwunden. Sie steht wieder inmitten der inzwischen andächtig lauschenden Menge und von irgendwoher dringt Winocs Stimme an ihr Ohr: "… Sein Name war Herkir…" Es ist der Moment, in dem sie auf dem Absatz kehrt macht, sich bis zur Wand vortastet und dann zielstrebig den Ausgang ansteuert. Weil sie es nicht hören kann. Weil es einfach nicht wahr ist.
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Colevar

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Sunday, November 1st 2015, 4:45pm

Ar Galon Digor


Erntemond 513


"Die Geschichte beginnt vor mehr als tausend Jahren zu einer Zeit, welche die Gelehrten der Estrañjour, der Fremden der südlichen Lande, die Zeit der Wirren nennen. Vor jenen Tagen waren die Köpfe der Merc'arzoù noch so zahlreich wie Sterne am nächtlichen Himmel und wir lebten überall in Da vat goañv, den Landen des ewigen Frostes. Es gab viele hundert Stämme der unseren und wir lebten in Frieden und Harmonie miteinander und allem um uns her, während die Geister unserer Ahnen und die mächtigen Totems über uns wachten. Das waren der Frühling und der Sommer der Merc'arzoù. Doch bald schon fiel der erste Schatten auf das Wohl und Wehe unseres Volkes, und unser Herbst brach herein, denn in jenen Tagen kamen die Eisentragenden nach Da vat goañv. Wir teilten bereitwillig unsere Jagdgründe mit ihnen, doch wir fürchteten sie auch, denn sie waren nicht wie wir. Sie waren wie die großen weißen Bären des Nordens, wie die mächtigen Horntiere der Tundren, wie die tödlichen Frostschlangen des Eises… selbst ihre Geister waren wilder und gefährlicher als die unseren. Zunächst waren sie nur wenige, doch sie wurden rasch mehr, so viel mehr… und im Gegensatz zu den Kindern der Wolken lebten sie nicht in Frieden und Einträchtigkeit untereinander. So lernten wir das Gesicht des Krieges kennen, das Gesetz der Blutrache und lange grausame Fehden - und vor all dem floh unser Volk schließlich in den Schutz der Berge, denn die Männer der Merc'arzoù sind mutige Jäger und geschickte Hirten, aber keine Krieger. Mit der Zeit vergaßen wir die Geister der endlosen Wasser, der Wälder der Tiefe und der ewigen Weiten und hörten nur noch die Stimmen der Geister der Berge. Zahllose Sommer und Winter vergingen und das Leid, das unser Volk erfahren hatte, verblasste allmählich. Bald schon waren die Eisentragenden nur noch Schatten in unseren Legenden und wir fanden Frieden in unserer neuen Heimat.

Zu jener Zeit, als diese Geschichte beginnt, deren Wurzeln mehr als tausend Jahre weit reichen, stürzte hoch im Norden der Feuerstern vom Himmel. In jenem Jahr des fallenden Sterns wurde Melain, eine Tochter der Wolken geboren. Melain die Sängerin, wurde sie von ihrem Stamm genannt, ebenso Melain, die Weitwanderin, Melain mit den kühlen Händen oder Melain Himmelauge. Melain ehrte die Ahnen wie alle Wolkenkinder, sie gerbte die Fälle und spann die Wolle wie jede gute Wolkentochter, legte die Schlingen und fing die Forellen mit ihren bloßen Händen aus den Bächen – doch ihr Herz folgte nur seinem eigenen Weg, und immer führte es sie in die Wälder der Tiefe, als suche sie dort etwas, das sie selbst nicht einmal kannte. Weiter und weiter zog sie auf ihren Wanderungen und brachte ihrem Volk nicht selten wichtige Kunde aus der Ferne, von drohenden Gefahren, von anderen Wolkenkindern oder seltsamen Ereignissen. Doch sie hörte auch fremde Geschichten und lauschte fremden Geistern, die seltsame Wünsche und Sehnsüchte in ihr weckten. Melain war von besonderem Wagemut und großer Schönheit, und viele Männer warben um ihre Gunst. Doch sie wies alle Freier ab und blieb für sich, denn keiner von ihnen vermochte es, ihr Herz zu berühren. Darüber war niemand unglücklicher als Melain selbst, denn sie wollte ein Herdfeuer gründen und Kinder gebären wie jede andere Wolkentochter - und schließlich wandte sie sich an die Älteste und bat um Rat. Diese hieß das Mädchen in die tiefen Wälder hinabzusteigen und den Geist der Wasserfälle der vielen Farben zu suchen, der ihr ihren Wunsch vielleicht erfüllen könne. Melain tat wie ihr geheißen ward und als sie den Ort erreichte, bat sie den Geist inständig darum, ihr kaltes Herz zu erwärmen, so dass sie lieben könnte. Doch statt einer Antwort aus der Geisterwelt fand sie an den Ufern der Virta einen der Eisentragenden. Sein Name war Herkir und er war der Sohn des Nachtwanderers, des Anführers der Draugabjarndýr, der Geisterbärenkrieger, die zu jener Zeit in den Wäldern von Savo lebten und alles Gebiet vom Langen Fluss bis zum Kamm aus Eisen für sich beanspruchten. Dieser Stamm war gefürchtet, denn er nannte grausame Berserker sein Eigen und einen erbarmungslosen Häuptling, der außerdem eine mächtige Hexe aus fernen Landen an seiner Seite hatte. All das war Melain wohl bewusst, doch obwohl sie große Angst verspürte, spürte sie auch einen Hauch von Schicksal und brachte sie es nicht übers Herz, ihn dem Grauen zu überlassen. Also versorgte sie seine Wunden, denn sie war eine große Heilkundige. Melain heilte sein Fieber und pflegte ihn gesund, worüber viele Siebentage ins Land gingen und die Zeit der fallenden Blätter hereinbrach. Doch die weiße Kälte sollte kommen, ehe der Eisentragende zum ersten Mal wieder die Augen öffnete und Melain blieb stets an seiner Seite.

Das erste, das er vernahm, als er zu sich kam, war ihre Stimme, die leise Ar Galon Digor sang, das Lied des offenen Herzens, das sie dem Geist der Wasserfälle zum Geschenk gemacht hatte, auf das er ihr ihren Wunsch erfülle. Sieben Tage und Nächte verbrachten Melain und Herkir am Wasserfall der vielen Farben und in dieser Zeit wuchs zwischen ihnen eine Liebe, wie man sie sonst nur in den Geisterliedern uralter Zeiten findet. So begann, was Jahrhunderte und Jahrtausende überdauern sollte, was die Geister mit Frieden erfüllte und den Völkern Hoffnung auf eine neue Zeit und neue Wege brachte. Doch nicht aller Augen blickten mit Wohlwollen auf Melain und Herkir. Denn da gab es eine, die der Neid und die Eifersucht zerfraßen, die den Krieger für sich wollte. Zu jenen Zeiten war ihr Name Anoushak, die Ewige, die mächtige Schamanin Náttars, des Nachtwanderers, des Thane der Draugabjarndýr. Niemand wusste, woher sie kam oder wie viele Jahre sie zählte, obwohl die Lieder jener Zeit ihre Jugend und Schönheit priesen – aber auch ihre Kräfte und ihren Ruhm. Es heißt, sie ziehe die Geister an wie ein Feuer die Falter der Nacht, sie tanze mit den verstorbenen Ahnen jenseits des Schleiers, sie führe die wilde Jagd der Totems in den Nächten des vollen Mondes und träume an der Seite des Träumers selbst. Obwohl sie mächtiger war als alle anderen Schamanen jener Tage, obwohl die Skalden der Eisentragenden ihren Ruhm in Liedern priesen und sogar die ältesten Geister vor ihr das Haupt neigten, war sie nicht zufrieden. Denn das, was sie begehrte, war Herkir und als er sie abwies, vergiftete Eifersucht ihr Herz bis es so schwarz und kalt wurde wie ein Schattenstein. Außer sich vor Zorn schwor Anoushak Melain, dass ihr Glück sich in Leid und bittere Asche wandeln, und sie nichts als Schmerzen und Tod finden sollte, während sie versuchte den Krieger mit einem Zauber an sich zu binden. Doch die Wolkentochter und der Eisentragende sahen den Schatten furchtlos ins Auge und ließen nicht voneinander. Rasend vor Zorn beschwor Anoushak ihre Kräfte und tötete ihre Rivalin, doch als Herkir von Melains Tod erfuhr, wandte er sich in seiner Trauer nicht tröstenden Armen zu, wie Anoushak sich erhofft hatte, sondern stürzte sich von den Klippen der Wasserfälle der vielen Farben, um in der Ewigen Weite wieder mit Melain vereint zu sein.

Dies wäre nichts weiter als das Ende einer bittersüßen und traurigen Geschichte… wenn nicht die Jungfrau, die das Volk der Steinhäusler Inari nennt, sich Melains und Herkirs erbarmt hätte. Sie selbst, so flüstern die Ahnen, wanderte durch das Zwielicht und stieg hinab in das Reich des Grauen Wanderers, um für die beiden zu sprechen. Die Geister erzählen nicht, welche süßen Worte sie wählte oder was sie ihm versprach, doch selbst der Tod ließ sich vom Schicksal der Liebenden erweichen und gewährte ihren Seelen die Rückkehr über die Purpurnen Flüsse. Als Riware die Rabenfrau und Ær Klingenbrecher wurden sie ihren Völkern wiedergeboren - und wieder führte sie das Schicksal zusammen, denn das Schicksal drängt und es bemüht sich stets, ursprünglich vorherbestimmte Wege durchzusetzen. Als Anoushak gewahr wurde, dass Ær niemand anderes war als der wiedergeborene Herkir, da dankte sie dem Grauen und opferte ihm viele Gaben, im Glauben, dass ihr geheimstes Flehen erhört worden war und der Krieger für sie zurückgekehrt war. Sie erkannte die Wahrheit erst, als Ær auf Riware, das Rabenmädchen vom Wolkenvolk traf und ihre Liebe mit der gleichen Leidenschaft entflammte, wie es schon einmal geschehen war, so wie es das Schicksal für sie vorhergesehen hatte. Und Anoushak verzweifelte. In ihrer Verzweiflung beschwor sie alte und mächtige Geister, um in Erfahrung zu bringen, wie der Tod betrogen worden war. Doch als sie hörte, dass es der Graue Wanderer selbst es gewesen war, der die Liebenden zurück in die Welt gesandt hatte, da fluchte sie ihm und seinen Gaben, und schwor bittere Rache. Dies war, so überliefern es die Ahnen, der Moment, in dem sie ihren Fuß zum ersten Mal auf den Pfad ohne Namen setzte und seither hat sie ihn nicht mehr verlassen. Die Geister der Grünen Erdenmutter wandten sich von ihr und die Totems flohen ihre Nähe. Doch sie war längst blind geworden gegen ihr eigenes Tun. Getrieben von schwarzem Zorn und flammendem Hass sprach sie einen uralten und bösartigen Fluch des Blutes, auf dass das Unglück die Liebenden verfolgen solle, damit sie sich nicht mehr fänden, sondern einsam und getrennt vom anderen sterben müssten, voller Kummer und mit leeren Herzen - und wenn der Graue sie siebenmal in die Welt der Lebenden zurückhole. Doch ein solcher Fluch bleibt nicht unbemerkt in den Kreisen der Welt, denn er schlägt Wellen wie ein Kieselstein auf einem Teich und ruft viele dunkle Echos hervor. So dauerte es nicht lange, bis Gedenken und Aussicht, die beiden großen Raben, ihrem Herren die Kunde von Anoushaks Treiben brachten.

Und so gewährte der Graue Wanderer den Liebenden sieben Leben und die Jungfrau schenkte ihnen siebenmal ihre Gunst, so dass sie sich immer finden würden, ganz gleich wie weit voneinander entfernt sie geboren werden und unter welchen Völkern sie aufwachsen würden. Doch auch die Gaben der Götter sind nicht umsonst und haben stets ihren Preis, so auch diese – und als Anoushak des Grauen unerbittliche Stimme vernahm und hörte, wie er ihren Fluch verspottete, da wandte sie sich in ihrem Hass noch dunkleren Mächten zu. Aus den Schwarzen Tiefen beschwor sie ein seelenloses Wesen und bot ihm ihre Seele im Tausch für sieben Leben, denn ihre Rache sollte sich nicht einmal dem Willen derer beugen, welche die Steinhäusler die Götter nennen, sondern die Liebenden bis zu ihrem Ende verfolgen. Doch steht es nicht in der Macht eines Seelenlosen, die Gesetze der Großen Mutter und des ältesten aller Lieder außer Kraft zu setzen – also zeigte das Wesen, welches Anoushak gerufen hatte, ihr einen anderen Weg, den Weg gestohlener Unsterblichkeit. Töchter und Tochtertöchter sollten die Gefäße ihrer Seele werden und sie durch ihre gestohlene Zeit tragen bis ihr Fluch sich erfüllen oder gebrochen werden würde. Grausam und herzlos übernahm sie in den Jahren und Jahrhunderten, die folgten, Mädchen und junge Frauen ihres eigenen Blutes immer dann, wenn sie ihre Zeit nahen fühlte. In deren Körpern lebte sie weiter, gebar wieder Töchter und löschte deren Seelen aus, verzehrt von ihrem Rachedurst. Und ihre böse Saat trug faulige Frucht. Die Geister gaben ihr den Namen Remorwyen, die-tote-Seele-im-lebenden-Körper und sooft die Liebenden wiedergeboren wurden und sich fanden, so oft war sie zur Stelle, um sie in den Tod zu treiben… bis zum heutigen Tage, an dem sechs ihrer sieben Leben aufgebraucht sind. Es ist ihr letztes und das letzte der Liebenden, dasjenige, welches zählen wird, werden sie die Prophezeiung der Geister nicht erfüllen. Denn es waren die Ahnen meiner Sippe, welche begannen, über die Liebenden zu wachen und ihre Geschichte durch die Zeit zu tragen, weitergegeben von einem Schamanen zum anderen. Heute werde ich sie sprechen, die Worte, welche die Geister wispern, wie ich sie vor langer Zeit vernahm.

Sieben Leben hast du, goldene Katze, und sechsmal wirst du sterben, ehe es darauf ankommt. Feuer ist dein Name und Kälte dein Geleit. Auf dem Weg aus Frost wirst du im Schatten wandeln. Lange Jahre wirst du suchen und nicht finden. Wenn du schließlich dein Schicksal triffst, wirst du sein Gesicht nicht sehen, und wenn du ihm folgst, nicht seinen Rücken. Dreimal wird dein Herz brechen. Du wirst dich an einem Hof wiederfinden, der keiner ist und mit einer Frau dort sein, die nicht die deine ist und doch nur dir gehört.

Sieben Leben hast du, Himmelauge, und sechsmal wirst du sterben, ehe es darauf ankommt. Du trägst den Namen eines Kindes und das Totem einer anderen. Du wirst aus deiner Heimat fortgerissen werden und dem Schatten ins Auge sehen. Wenn du den rechten Gefährten wählst, werdet ihr den Schatten vernichten und die Liebe finden, die es sonst nur in Legenden gibt. Er wird golden sein und er wird den Tod und das Leben bringen. Aber wenn du ihn triffst, wirst du ihn nicht erkennen und wenn du ihn erkennst, wirst du ihn nicht sehen. Himmelauge bist du und Himmelauge wirst du sein, und das wird den Lauf deines Lebens beeinflussen.

Aber seid gewarnt, Liebende, denn wo ihr sein werdet, wird auch sie sein und ihr Hass wird euch verfolgen sieben Mal.
"

Colevar stolpert aus dem Langhaus…sieben Leben hast du …und versucht zu atmen, aber der schmerzhafte Druck in seiner Brust ist so groß, dass er glaubt, seine Rippen würden brechen. Er hatte Winocs… Feuer ist dein Name …Geschichte mit wachsendem Misstrauen gelauscht, aber mit einer derartigen Offenbarung hatte er nicht gerechnet. Der Schock kam mit dem Wort Himmelauge… wenn du schließlich dein Schicksal triffst …und nach ihm das Begreifen - und dann gar nichts mehr. Er hatte gehen wollen, ganz gleich wohin, nur fort von Winocs Worten, die sich so sanft und unerbittlich wie Schneegestöber… sein Gesicht nicht sehen …über schutzlosem Land auf ihn herabgesenkt hatten, aber er war unfähig gewesen, sich zu bewegen und einfach zur Salzsäule erstarrt außerhalb des Feuerscheins gestanden bis die letzte Silbe verklungen war. Colevar war immer stark und davon überzeugt, er würde mit allem fertig… die nicht die deine ist …wie sehr hat er sich geirrt. Darauf, so etwas zu hören kann man sich nicht vorbereiten. Man kann sich nicht dagegen wappnen und nicht wehren. Man wird einfach getroffen. Aus dem nichts. Und auf einmal ist nichts mehr, wie es war. Sieben Leben hast du… Er sieht Calait erst, als er fast in sie hineinläuft und als sie herumfährt, kann er sehen, dass es ihr keinen Deut besser geht, als ihm. "Was bei allen Neun Höllen hat dein Bruder getan?"
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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Calait

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Tuesday, November 3rd 2015, 9:53pm

Die falsche Wahrheit

Erntemond 513

Sie versucht, das was geschehen war zu begreifen, aber das Ausmaß der Katastrophe übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Sie haben immer gewusst, von Anfang an, seit der vergangenen Sithechnacht, dass irgendetwas Merkwürdiges vor sich gehen muss. Niemand bekommt so viel Geisterbesuch nur zum Tee. Aber hätte sie damals geahnt, wohin ihr Weg sie geführt hatte und welche Erkenntnis an seinem Ende auf sie wartete, sie wäre in Talyra geblieben. Sie hat den Gedanken kaum zu Ende gebracht und gerade ihren Atem wieder gefunden, ohne das Gefühl zu haben sich gleich übergeben zu müssen, als eine lang vermisste Stimme in ihrem Kopf ertönt: "Ich wollte es dir sagen. Auf dem Floß, erinnerst du dich?" Wut und Frustration wallen in ihr hoch und verebben noch im gleichen Augenblick wieder. Sie hat keine Kraft mehr. "Wir haben so viel Zeit verschwendet, Mammin." "Nein, Schätzchen, dass…" "Colevar hat alles aufgegeben. Er hat alles zurückgelassen, Mammin. Und das völlig umsonst." "Schätzchen…" "Wie konntet ihr uns das antun? Wie konntet ihr mich dazu verleiten ihn hierhin mitzuschleppen, wo es für ihn nichts gibt, außer eine Geschichte die ihm alles verspricht und ihm nichts gibt?" Dieses Mal schweigt Mammin. Sie ist nicht fort. Calait spürt ihre unmittelbare Anwesenheit wie ein regenwarmer Schleier auf ihren Wagen, aber es ist kein Trost. Sie hat keine Ahnung, wie sie das angerichtete Unheil wieder in Ordnung bringen soll und wenn Colevar sie tatsächlich liebt, wenn das tatsächlich der Grund ist, warum er sich vor ihren Neckereien schützen musste, weil sie nur Öl in ein Feuer gekippt hätte, an dem er sich bereits einmal fürchterlich die Finger und das Herz obendrein verbrannt hat, dann besteht die Gefahr, dass es ihn zerstört.

Sie hört ihn einen Herzschlag bevor sie weiß, dass er es ist und will sich nicht umdrehen. Will nicht, dass er ihr Gesicht sieht. Weil sie fürchtet, dass er darin lesen kann, was sie ihm unmöglich sagen kann und es trotzdem tun muss. Er verschafft ihr den Geistern sei Dank eine kleine Gnadenfrist, indem er fassungslos wissen will, was ihr Bruder bei allen Neun Höllen getan habe.
"Den Verstand verloren", erwidert sie hilflos. Dann bricht es aus ihr heraus: "Wie sie alle! Mammin, die Alte Duma, Xinera. Alle verrückt geworden. Irre. Die haben nicht mehr alle Scheite im Feuer! Der ganze Haufen! Ich habe die Schnauze voll von diesen ganzen alten Vetteln, ihren Geschichten, diesen verdammten Träumen und Prophezeiungen." Sie weiß nicht, was sie sonst sagen soll. Sonst tun soll. Es gibt nur die Flucht in die schonungslose Ehrlichkeit. Sie hat ihm nichts anderes mehr zu bieten. Also dreht sie sich um und sieht zu ihm auf: "Ich kenne meine Prophezeiung. Ich kenne deine Prophezeiung und ich kann sie nicht mehr hören. Ich kann das alles nicht mehr hören. Ich kann nicht mehr hören, dass ich dich lieben sollte. Dass wir füreinander bestimmt wären. Schatten, Katzen, sieben Leben, Himmelaugen, erstunken und erlogen. Herkir, Lýsir und Brjánn, Namen die dein Gesicht tragen, aber nicht ich habe sie geliebt. Vergiss alles, was du gehört hast, Colevar. Du bist nicht mein wahrer Gefährte, ich bin nicht die Frau, die dir gehört. Das kann alles gar nicht sein, denn…" Ihre Stimme versagt und sie muss angestrengt Luft holen, bevor sie den Satz beenden kann: "…ich liebe dich nicht. Ich wünschte ich würde und ich habe mich tausend Mal gefragt, warum ich es nicht tue. Es ergibt keinen Sinn, ich weiß. Ich kann es sehen. Aber es ist so. Und ich hatte keine Ahnung, dass du… du…" Es auszusprechen würde es nur schlimmer machen. So bleibt ihr nur ein kaum merkliches Schulterzucken und ein: "Es tut mir leid, Colevar."
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Colevar

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43

Wednesday, November 4th 2015, 3:21pm

Der Sturm zieht auf


Erntemond 513


Wenn ein Sturm heraufzieht, sucht man Schutz. Man will nur das Toben von Gewalten überleben, auf die man keinerlei Einfluss nehmen kann. Man betet zu den Göttern, sie mögen einen sicher auf die andere Seite geleiten, weil man keine Vorstellung von dem hat, was einen dort erwarten mag. Aber was wäre, wenn nach dem Sturm nichts mehr übrig bliebe? Noch während Calait ihm den Rücken kehrt, ihn nicht ansehen will - und er ahnt warum -, erinnert er sich an die Zeit im Branturm, als er nur noch ein Bündel Knochen gewesen war, das mit einer Schnur zusammengehalten wurde. Damals hatte er sich nicht halb so erbärmlich gefühlt wie jetzt. Die Erinnerung an die Steinfaust bringt noch eine andere mit sich. Varin. Colevar hat immer gewusst, was der Mann für ihn empfunden hat, aber da er diese Art von Gefühlen weder erwidern konnte, noch es je wollte, hatte er nie ein Wort darüber verloren. Es ist das, was Varin über Calait gesagt hat. 'Sie liebt dich, Colevar, und niemanden sonst. Auch wenn sie es nicht weiß, wenn sie wach ist. Ich war bei ihr, Stunde um Stunde, als sie tagelang ohne Bewusstsein im Branturm lag, nach dem Sturm. Sie hat immer wieder nach dir gerufen, manchmal hat sie deinen Namen auch nur geflüstert.'

Damals hatte er erwidert, dass das absurd wäre, dass sie höchstwahrscheinlich vom Mohnblumensaft benebelt war, dass es keine Bedeutung habe, doch Varin hatte gnadenlos darauf beharrt. 'Es war der Klang ihrer Stimme, die Art, wie sie es getan hat, Cole. Sie liebt dich, Mann, mein Wort darauf. Warum sie im wachen Zustand davon nichts weiß, darfst du mich allerdings nicht fragen. Und warum du nichts von ihr wissen willst auch nicht…' Das war die reine Wahrheit - damals. Er hätte Stein und Bein geschworen, dass Varin kein Lügner ist, aber offenbar hat er sich getäuscht. Und Calait… Er hat sie jahrelang gekannt und war mondelang an ihrer Seite, ohne jemals auf diese Weise für sie zu empfinden oder auch nur so an sie zu denken. Bis sie die Augenbinde abnahm. Bis er in ihre Augen sehen konnte. Himmelaugen. Der Sturm in seinem Inneren wird so stark, als wolle er ihn im nächsten Moment in tausend Stücke reißen. >Den Verstand verloren< Hört er sie sagen. >Wie sie alle! Mammin, die Alte Duma, Xinera. Alle verrückt geworden. Irre. Die haben nicht mehr alle Scheite im Feuer! Der ganze Haufen! Ich habe die Schnauze voll von diesen ganzen alten Vetteln, ihren Geschichten, diesen verdammten Träumen und Prophezeiungen.< Obwohl er sie nicht berührt, spürt er in ihrem Inneren den gleichen Aufruhr, der auch in ihm tobt, als vibriere sie wie ein Kristall und werfe ein Echo seiner eigenen Agonie zurück. Alte Duma. Das Floß… Er hört die Stimme des Adamarah so deutlich, als stünde er neben ihm und wiederhole seine Worte. 'Erste Großmutter wünscht die Frau mit den Himmelaugen zu sehen. Jetzt. Und allein.' Er erinnert sich auch an Calaits tränenreiche Lügen über Kal Lanar, eine Nacht, ein Feuer und eine Warnung, die angeblich viele Jahre zu spät kam und macht einen Schritt zurück. Aus seinem Mund kommen leise Worte, doch seine Augen sind so kalt wie glatte, leblose Steine. "Du hast es gewusst. Die ganze Zeit. Die ganze Zeit."

Sie spricht weiter als habe sie ihn nicht gehört und vermutlich hat sie das auch nicht, redet von ihrer Prophezeiung und seiner, von Schatten, Katzen, sieben Leben und noch anderen Dingen. Alles was er hört ist das Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren. >Herkir, Lýsir und Brjánn, Namen die dein Gesicht tragen, aber nicht ich habe sie geliebt. Vergiss alles, was du gehört hast, Colevar. Du bist nicht mein wahrer Gefährte, ich bin nicht die Frau, die dir gehört. Das kann alles gar nicht sein, denn…ich liebe dich nicht. Ich wünschte ich würde und ich habe mich tausend Mal gefragt, warum ich es nicht tue. Es ergibt keinen Sinn, ich weiß. Ich kann es sehen. Aber es ist so. Und ich hatte keine Ahnung, dass du… du…Es tut mir leid, Colevar.< In diesem Augenblick spürt er, wie sein Herz ein drittes Mal bricht. Er kann hören, wie es geschieht, ein leiser, sauberer Laut der in der kalten Leere verhallt, die der Sturm als einziges übrig gelassen hat. Dann holt er angestrengt Luft und in der Stille der Nacht klingt sein Atem erschreckend laut. "Ich kann das nicht. Ich kann das nicht länger ertragen. Wir müssen dem ein Ende machen. Wir müssen damit aufhören, Calait, das ist, als wollten wir… Ich ertrage dieses Leben keinen Augenblick länger." Er dreht sich um und lässt sie stehen, auch wenn er keine Ahnung hat, wohin ihn seine Füße tragen sollen.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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Wednesday, November 4th 2015, 5:53pm

Scherben

Erntemond 513

Er bricht. Sie kann es hören. Kann es fühlen. Und überhaupt nichts dagegen tun. Es einfach nur geschehen lassen. Sie ist machtlos. Und so lässt sie ihn gehen. Es ist Winoc, der es verhindert. Er kommt aus dem Langhaus geeilt, Teneyne dicht auf den Fersen, und packt Colevar am Arm, der sich überraschend widerstandslos aufhalten lässt. Dann wendet er sich an seine Schwester und weist sie in einem Ton zurecht, der keine Zweifel daran lässt, dass er von dem, was er sagt, absolut überzeugt ist: "Du liegst falsch."
Im ersten Moment glaubt sie sich verhört zu haben. Im nächsten erstarrt sie innerlich, denn der Zorn, der sie überkommt, ist kalt und verwandelt ihre Stimme in Frost: "Wisst ihr eigentlich, was ihr getan habt?"
"Wir haben nichts getan, Calait", hält er unbeeindruckt dagegen. "Es war euch von jeher vorbestimmt diesen Weg zu gehen und ihr werdet ihn weiter bis zum Ende gehen."
Kälte wird zu brodelnder Hitze und sie holt aus. Winoc versucht nicht einmal auszuweichen, als ihre Hand in sein Gesicht klatscht. Es muss weh getan haben, denn ihre Handfläche brennt wie Feuer, aber er nimmt es stoisch hin. "Wag es nicht", faucht sie ihn an und ringt hektisch nach Luft: "Wag es nicht, oder ich schwöre dir…" Doch er lässt sie nicht einmal ausreden, sondern fährt ihr unbeirrt über den Mund: "Du wirst diesen Weg gehen, wie du es schon sechsmal getan hast und du wirst es mit ihm tun oder sterben." In der Leere, die von Colevar ausgeht, blitzt ein Funke der Verwirrung auf und verschwindet sofort wieder. Hätte sie sein Gesicht sehen können, wäre ihr der Anflug eines Stirnrunzelns nicht entgangen.
Mit der ganzen Kraft die ihr noch geblieben ist, schmettert sie seine Worte ab: "Nein, Winoc. Es ist vorbei. Kein Wort mehr über irgendwelche Prophezeiungen und Flüche, über Schamanenschlampen und unerfüllte Schicksale. Lass uns in Ruhe, wir sind nicht die Liebenden."
"Doch, das seid ihr", widerspricht er vehement: "Du musst nur…", und bricht ab, als hätte man ihm das Wort mit dem Messer abgeschnitten.
"Was?", schnappt sie: "Was muss ich nur?! Sag es mir! Sag mir was ich tun soll!"
Doch er schüttelt einfach nur hilflos den Kopf und sie kann seine Antwort kaum hören, so leise ist sie gesprochen: "Ich kann nicht."
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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Wednesday, November 4th 2015, 8:18pm

Dunkle Schwingen, dunkle Worte

Erntemond 513

Winoc hat den Mund noch nicht geschlossen, als Colevars Hand nach vorn schießt und den Schamanen an der Kehle packt. Im nächsten Moment baumelt der Pilviihmiset einen halben Schritt über dem Boden und starrt aus nächster Nähe in zwei Augen, die so hell und kalt wie Eissplitter in der Dunkelheit lodern. Im Augenblick der Verzweiflung zählt nicht, was richtig oder falsch ist, sondern nur, was einem hilft, weiterzuleben. Colevars Stimme ist leise und abgehackt, aber vollkommen klar. "Mach sofort den Mund auf."
"Kchkch… F-reund Co-le-var…kchch ich… kann…"

Pflatsch!

Der Rabe klatscht mitten unter sie, fällt in einem taumelnden Wirbel dunkler Schwingen im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel und treibt sie auseinander wie eine Schar Hühner, unter die der Habicht fährt. Colevar lässt Winoc los, der unwürdig zu Boden plumpst, doch niemand achtet auf irgendetwas außer auf das Wirrwarr glänzend schwarzer Federn, das sich direkt vor ihren Augen auflöst… verschwimmt… verformt und wieder zusammensetzt und in einen Menschen verwandelt. Colevar hört Teneynes überraschtes Keuchen und Winocs Stoßgebet zu allen Geistern, während Calait schreckerstarrt auf dem Weg kauert und atemlos wissen will, was gerade passiert sei. Niemand antwortet ihr - er kann nicht und die anderen beiden sind schon damit beschäftigt, sich um den Warg zu kümmern. "Ein Rabe ist vom Himmel gefallen", hört er sich selbst schließlich doch murmeln, noch im selben Atemzug bemerkt Teneyne erschrocken etwas von Blut und der offensichtlich verletzte Wandler kommt stöhnend zu sich, nur um übergangslos einen Schwall gehetzter Worte auf Tamartuarach auszustoßen, von denen Colevar nur "Schneeadlerstamm", "Horde" und "Narge" versteht. Er kann noch nicht einmal blinzeln, da steht ihm ein völlig aufgelöster, schreckensbleicher Winoc praktisch auf den Zehen und fleht um seine Hilfe.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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