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Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

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16

Tuesday, February 18th 2014, 9:50pm

Ausser Atem und noch immer bebend vor Wut ob soviel geballter ungeheuerlicher, selbstverständlich absolut unangebrachter, niederträchtig disziplinierter Beherrschtheit auf gerade mal zwei Schritt und ein paar mickrigen Sekheln erreicht Calait das Deck und tritt bis an die Reling, nicht nur um sich an etwas orientieren zu können, sondern auch weil sie genau weiss, dass Colevar sich dem Rand der Karavelle nur nähert, wenn es sich nicht vermeiden lässt – in der letzten Zeit hauptsächlich dann, wenn er mal wieder den Seekranken mimmt. Also im Grunde genommen erschreckend oft für jemanden, dem sich der schon Magen dreht, wenn sich das Wasser in seinem Becher kräuselt. Mit einem aufgebrachten Schnauben fährt sich Calait mit gespreitzten Fingern durch die Locken, zwischen denen das Salz klebt, und fragt sich, was Colevar ihr verschweigt. Wobei sich ihr unweigerlich auch die Frage aufdrängt, ob es irgendetwas mit diesen dämlichen Prophezeiungen zu tun hat. Ob er von ihnen weiss? Hat er gelauscht? Warum macht er nicht einfach seinen Mund auf! Hornochse. Verdammter. Aber dieses Mal wird er ihr nicht davonkommen. Sie waren bei ‚Calait, ich...‘ und exakt dort werden sie weitermachen, sobald der Aufruhr geklärt ist – der offenbar aufgrund eines sich näherndes Schiff ausgebrochen ist. "Sind das Piraten?", hört sie den jungen Mads fragen. Seine Stimme zittert wie das Herz eines kleinen Vogels, der das Unheil kommen sieht. Die von Baldred hingegen ist fest und macht das, was er erwidert, deshalb nur unangenehmer: "Schlimmer, Kleiner. Die wollen uns entern und bei einer so steifen Brise wie jetzt können wir ihnen auf offener See nicht davonsegeln." Was kann schlimmer sein, als ein Haufen goldgieriger, faulzahniger Seeratten?, wundert sie sich und hakt vorsichtig nach, sich der Anspannung der Mannschaft nur allzu bewusst: "Was für ein Schiff ist das?"
"Ein rhaínländisches Kriegsschiff, Hexchen. Acht Feldschlangen und zwölf Falkonetts. Vielleicht solltest du nach unten gehen." Tatsächlich. Viel schlimmer als es der schlimmste Pirat je sein könnte. Calait ist blind wie ein Maulwurf, aber was ihr auf der Reise bis nach Fa’Sheel zu Ohren gekommen ist, reicht völlig aus, um ihr bei Colevars Antwort einen eisigen Schauer den Rücken hinab zu jagen. Auf dem rhaínländischen Thron sitzt eine Verrückte und wenn man den Gerüchten glauben will – von denen es so viele gibt, dass sie gar nicht alle erstunken und erlogen sein können – hat sie einen ebenso wahnsinnigen Haufen um sich geschart. Einer davon der Nauarch der königlichen Flotte, der das Cabrystanern erfunden haben könnte. Plötzlich ist sich Calait nur allzu sehr bewusst, dass sie sich in rhaínländischen Gewässern befinden, wo nur ein Gesetz gilt und zwar das der Rosenkönigin, und manch ein Kapitän der königlichen Flotte mag das zu seinem Vorteil nutzen – in jeder erdenklichen Hinsicht. Trotzdem rührt sie sich nicht, sondern lauscht reglos der Unterhaltung in ihrem Rücken, während welcher auch Colevar aufgefordert wird den Schutz der Unterdecks aufzusuchen – und der Grund, warum sie nicht auf Colevar hört wird klar, als er sich seinerseits ebenfalls weigert sich zu verstecken. Nur um sie dann noch einmal aufzufordern sich zurückzuziehen. „Habe ich nicht gesagt, du sollst unter Deck gehen?"

"Hast du.“ Womit sie sich von der Reling löst, seine Seite sucht und sich immerhin halb hinter ihn schiebt, Reykir wie immer an ihrer Seite. Wenn, dann zusammen. Jetzt kann sie es hören. Das andere Schiff. Es klingt, als würde in weiter Ferne eine riesige Schneeplatte langsam auseinanderbrechen, Stück für Stück für Stück, und fast erwartet Calait den verräterischen, eiskalten Hauch auf ihrer Wange zu spüren, der einer Lawine vorausgeht, doch dieser bleibt aus. Stattdessen rollt aufgeregtes Gemurmel durch die versammelten Matrosen und gleich darauf klackert Holz auf Holz, als eine Strickleiter an der Reling herabgelassen wird. Reykirs Fell sträubt sich wild unter ihren Fingern und sie spürt das Knurren in seiner Kehle warnend gegen ihre Fingerkuppen vibrieren. Ganz im Gegensatz zu einigen der Männer entspannt sich der Hund kein Stück, als sich herausstellt, dass es sich bei ihrem Besucher allerhöchstens um ein haarloses Seerättchen handelt, mit dem sogar Mads fertig geworden wäre. Er klingt derart erschöpft und abgekämpft, dass es Calait wundert, wie er sich auf den Beinen halten kann. Nur mit grösster Anstrengung. Das wird schnell deutlich, als er nach seinem verzweifelten Aufruf nach einem Heilkundigen aufgefordert wird die ganze Geschichte zu erzählen und kommentarlos resigniert. Die Mannschaft der Hadewych hat nicht etwa geplant die Männer der Loodiana zu überfallen. Sie wurden ganz im Gegenteil selbst Opfer einer Bande von mordlustigen Säbelschwingern, die das köngliche Kriegsschiff in einem schlechten und ihre Hérejanne* in einem gar erbärmlichen Zustand zurückgelassen haben.
Calait zögert keinen weiteren Augenblick, als der Junge nach der Erzählung noch einmal bitterlich nach einem Heilkundigen verlangt. "Ich kann helfen.“ Mit zwei Schritt will sie um Reykir herum nach vorne treten, der Hund aber hat andere Pläne und versperrt ihr einfach den Weg. „Reykir, bleib.“ Für gewöhnlich absolut folgsam, ignoriert der Rüde ihren Befehl dieses Mal radikal und setzt sich ihr fast auf die Stiefelspitzen, als sie erneut einen Vorstoss wagt.

Schon im Begriff sich zu Colevar umzudrehen und ihm zu sagen, dass er dem Hund gefälligst keine wortlosen Befehle geben soll, sie könne schliesslich tun und lassen was sie wolle wann immer sie es wolle , als der Reykir zurückruft und ihr erlaubt zu gehen – als ob er in dieser Hinsicht irgendein Mitspracherecht hätte. Hat er nicht. Auch wenn er das geflissentlich ignorieren und sie einfach über die Schulter werfen würde, wenn er wollte, dass sie bliebe. „Hmpf“, kann sie dazu nur sagen, belässt es aber wohlweislich bei diesem kleinen, unauffälligen Empörungsschnauben, ehe sie sich dem Maat zuwendet und ihm mit einem kleinen Lächeln zunickt: „Die Geister mir dir Hers, ich bin Calait. Ich werde mir eure Männer ansehen.“ Möglicherweise hat er bei ihrem Anblick aus Versehen seine Zunge verschluckt, auf jeden Fall bringt er keine anständige Antwort zustande, sondern verhaspelt sich so arg, dass es Calait ein kleines Lachen entlockt. Als es darum geht, wer sie auf die Hadewych begleitet, rühren sich zwei der Matrosen, werden allerdings keinen Herzschlag später von Baldred resolut aus dem Weg geschoben, wobei seine Rechte ganz locker auf dem hässlichen, schartigen Fleischermesser in seinem Gürtel ruht, das den Eindruck erweckt, als hätte es schon so einige lebende Rindviecher zerstückelt. Calait hört den jungen Maat mehrmals schlucken. Zu Recht. Baldred spinnt Seemannsgarn wie eine Meisterweberin Jutesäcke, aber wenn auch nur ein Funke dessen wahr ist, was er laut eigenen Worten erlebt und durchgemacht haben will, dann hat Hers allen Grund sein Gegenstück der Loodiana zu fürchten.

Mit Hers Hilfe schafft sie es unbeschadet bis in das Schaukelbötchen, mit dem er zwischen den Schiffen hin und hergepaddelt ist, und da Baldred das Rudern übernimmt, haben sie die Hadewych binnen weniger Züge erreicht. Auf dem Deck des königlichen Zweimasters herrscht eisernes Schweigen und die Hände, welche Calait unter die Arme greifen, weil sie sich mit den letzten Tritten der Strickleiter abmüht, und ihr auf Deck helfen, sind alles andere als sanft. Doch am meisten schreckt sie das Odeur, das ihr von einigen der Männer entgegen schlägt und nur hin und wieder von der salzigen Seeluft überdeckt wird. Der Gestank nach altem Schweiss, faulem Fleisch und moderndem Holz haftet schwer und klebrig an den Planken und zwischen den Masten. Die Hadewych riecht tatsächlich wie ein Schiff, auf dem ein Kampf stattgefunden hat . Allerdings schmeckt Calait keinen Sieg.
Und dann spürt sie es, nur wenige Sekunden bevor es geschieht. Das ganze Schiff unter ihr spannt sich, wie die Muskeln einer riesigen, schwerfälligen Kreatur kurz bevor sie ihre Beute anfällt, und das Holz unter ihren Füssen krümmt sich mit einem langgezogenen Knarren, das sich zieht und zieht und zieht, bis plötzlich ein Ruck durch den Schiffsbug fährt. „CALAIT!Colevar! Im nächsten Augenblick rauschen über ihrem Kopf die Segel herab und blähen sich nahezu schlagartig in dem kräftigen Ostwind, der sich wie der Sturmtänzer persönlich gegen das feste Tuch stemmt und das Schiff für einen Moment bedenklich krängen lässt. Calait reagiert, ohne auf irgendwelche Aufforderungen zu warten – und steht mit einem Fuss schon auf der Reling, da bekommt einer der Männer ihre Röcke zu fassen und reisst sie zurück und zu Boden. Fluchend will sie sich in die Höhe rappeln, bereit dem nächstbesten ihre Fäuste in die faulenden Zahnstumpen zu schmettern, als jemand seinen Stiefel direkt unterhalb ihres Halses auf ihrer Brust platziert und den Absatz schmerzhaft zwischen die Schlüsselbeine bohrt. „Spar dir deine Kräfte, Mädchen. Es ist vorbei.“ Es klingt tatsächlich wie ein väterlicher Ratschlag, fast schon gut gemeint, würde sein selbstzufriedenes Grinsen den Mann nicht verraten. Zähneknirschend gibt sie nach, nicht ohne ihm ein Giftiges „Du hast ja keine Ahnung“ ins Gesicht zu spucken. Colevar.

„Ich habe Ahnung“, wird ihr gewissenhaft versichert und leider fehlt dabei jeder spöttelnde oder neckende Unterton, der die Lüge - die eine sein muss - als eben diese hätte entlarven können. Calaits Konter fällt kurz und knapp aus: „Schmieriges, verlaustes Piratenpack!“ Dafür erntet sie fast schon erheitertes Gelächter von allen Seiten, ehe Werauchimmererist von ihr ablässt und sie auffordert sich zu eheben. „Schmierig, nein. Verlaust, möglich. Piraten... Aye", bekennt ihr Gegenüber, kaum dass sie wieder halbwegs gerade steht, amüsiert ein, als hätte sie ihn mit einem Ass beim Kartenspielen erwischt und die Leichtigkeit, mit der er ihre Wut hinnimmt, verleiht ihr ungeahnte Kräfte. Ehe jemand sie zurückhalten kann, hat sie ihm bereits ihr Knie wohlplatziert in die goldene Mitte gedonnert. Das ist allerdings das Einzige, was sie erreicht, bevor gleich mehrere Hände sie packen und ein Arm wie ein Baumstamm sich um ihren Hals legt und ihr die Kehle zudrückt. Röchelnd ringt sie um Atem und krallt ihre Nägel in seine Haut, dick wie Schweinsleder, erntet jedoch lediglich ein abfälliges Knurren, bevor derjenige, dessen Nüsse sie geknackt hat, ihr mit zwei gezielten Fausthieben in den Magen die restliche Luft aus den Lungen prügelt. Als sie nur wenig später wieder halbwegs zu sich kommt, hängt sie wie ein Schluck schlechter Rum an der Seite eines Piraten, der sie halb trägt und halb hinter sich herzerrt. Ihre Stiefelspitzen schleifen über den Boden, manchmal, wenn er sich bücken muss, schlagen auch ihre Knie auf dem Holz auf und der Geschmack nach Kupfer liegt schwer in ihrem Mund. Blut. Ich muss mir auf die Zunge gebissen haben. Stellt sie fest, sieht jedoch davon ab ihren ‚Träger‘ davon in Kenntnis zu setzen, dass sie das Bewusstsein zurück erlangt hat. Am Ende verlangt er noch, dass sie auf eigenen Füssen steht, dabei fühlen sich ihre Beine gerade an wie locker gepresste Fleischwürste. Also hält sie den Mund und sagt auch dann noch nichts, als der Kerl, dessen Kreuz mindestens so breit ist, wie das von Borgil, sie achtlos auf einen Stuhl fallen lässt. Hastig tastet sie nach Halt, findet eine Tischkante und klammert sich daran fest, darauf wartend, dass die Welt aufhört zu schwanken. Dann fällt ihr ein, dass sie sich ja auf einem verdammten Schiff befindet. Dummerweise nicht auf dem Richtigen.
Und erst dann wird sie sich gewahr, dass jemand sie beobachtet.

* rhaínländische Bezeichnung für Matrosen der Königlichen Flotte
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

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Colevar

Stadtbewohner

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17

Wednesday, February 19th 2014, 9:21am

Das einzige, was zählt...

Keine halbe Stunde später liegt Colevar keuchend unter einem zentnerschweren, unordentlichen Haufen dreckstarrender Ölplanen der Kreischenden Myrte und flucht lautlos vor sich hin. Es war alles andere als leicht gewesen, unbemerkt an Bord des Piratenschiffes zu gelangen, und als er in den Seilschlaufen der Wanten hing, und versucht hatte, sich zur Reling hinaufzuziehen, war er im schwerer werdenden Seegang immer wieder gegen den Schiffsrumpf geschleudert worden. Am scharfkantigen Bewuchs von Seepocken und Entenmuscheln hatte er sich die rechte Schulter aufgerissen und kann jetzt spüren wie sein Blut warm und klebrig über seine kalte Haut rinnt. Aber er ist hier. Auf demselben Schiff wie Calait. Baldreds Leiche hatte er nicht gesucht – sie hatten von der Loodiana aus gesehen, wie er erstochen und ins Meer geworfen worden war. Aber Calait haben sie fortgezerrt. Sie ist nicht tot. Und sie braucht dich. Sein Hemd ist zerfetzt, er will gar nicht wissen, wie seine rechte Seite aussieht und seine Rippen brennen wie das Feuer der Neun Höllen. Seine Arme fühlen sich an, als wären sie ihm aus den Gelenken gerissen worden und in seinem Daumenballen steckt ein fingerlanger Splitter. Während er versucht, das elende Ding mit den Zähnen zu packen und herauszuziehen, überlegt er fieberhaft. Er wird auf den Einbruch der Dunkelheit warten müssen, bis er sich auf die Suche nach ihr machen kann und bei dem Gedanken daran, dass sie sich noch stundenlang in der Gewalt der Piraten befinden würde, dreht sich ihm aus ganz anderen Gründen als der rollenden, stampfenden See unter dem Schiffsbug der Magen um. Reiß dich zusammen. Sie braucht dich. Die Kreischende Myrte hatte längsseits der Loodiana volle Segel gesetzt und Fahrt aufgenommen, gerade als er an Bord gelangt war - er hatte das knirschende Beben gespürt, das sich durch die Masten, durch alle Planken und das Holz des Rumpfes bis zum Kiel gezogen hatte, als sie Wind gefasst hatte. Dann war sie mitten in den aufziehenden Sturm gesegelt. Noch immer hat er Reykirs verzweifeltes Bellen und Shirins panisches Jaulen auf der Loodiana hinter und unter ihm im Ohr, und die gellenden Schreie Kapitän Govards, der ihm hinterhergebrüllt hatte, ob er verrückt geworden sei, er solle sofort umkehren, sie müssten beidrehen, der Sturm, er könne nichts tun, er würde sich noch umbringen, und wenn nicht er selbst, dann die Seeräuber. Verrückt ist er mit Sicherheit, im Augenblick allerdings eher vor Angst um Calait. Und der Sturm zieht auch nicht mehr auf, er hat sie längst erreicht. Geschissen auf das Beidrehen - und ob er sich hiermit umbringen würde... ja, ziemlich sicher sogar. Aber das alles spielt keine Rolle, denn das einzige, was zählt, ist, dass er sie findet. Wenn sie schon sterben, dann gemeinsam.

Zähneknirschend und blutend bleibt er also in seinem Versteck, doch als es dunkel wird, ist es der Sturm und nicht die Dämmerung, der die Welt in Finsternis hüllt. Der Himmel ist so schwarz geworden wie ein Tintenpfuhl, und die Ränder der sich auftürmenden Wolken glühen gelbgrün und fahl wie Totenfeuer. Colevar kriecht unter den Ölplanen hervor und verschwindet in der nächstbesten offenen Luke unter Deck. Obwohl ihm Govard und auch Baldred alles Mögliche über Schiffe erzählt hatten, fällt es ihm schwer, sich zu orientieren und im Vergleich zu der kleinen, engen Welt der Loodiana, erscheint ihm dieses Piratenschiff wie ein riesiger, dunkler Irrgarten – er weiß beim besten Willen nicht, wie er sich hier zurechtfinden soll. Stunden später schleicht er zum vierten Mal nach achtern und seine Verzweiflung wächst. "Verdammt, Hexchen", zischt er halblaut und duckt sich hinter einen Stapel stinkender Ballen undefinierbaren Inhalts. "Wo steckst du?" Er hatte das ganze Schiff schon dreimal nach ihr abgesucht und bisher war er jedem Kampf aus dem Weg gegangen, doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihn irgendjemand irgendwo entdecken würde. Die Kreischende Myrte hebt und senkt sich inzwischen bedenklich und er fragt sich, wie hoch die Wellen draußen auf dem Silbermeer jetzt wohl sein mögen. Sechs Schritt? Acht? Sein Magen schlingert unerträglich, aber er schiebt jeden Gedanken daran entschlossen beiseite. Kalte Angst nagt an seinem Herzen und eine mörderische Wut auf den rhainländischen Scheißkerl, der ihm Calait direkt vor seiner Nase weggestohlen hatte, brodelt in seinen Eingeweiden. Was hatten sie mit ihr vor? Würden sie...?
Nicht in diesem Leben und nicht im Nächsten, schwört er ihr wortlos, während er in einen dunklen Laderaum hinabsteigt. Ist das hier ein Zwischendeck? Das Unterdeck? Die Bilch? Er kann es nicht sagen. Vielleicht ist es auch die vordere Frachtluke, der Weg zur Kombüse oder das hintere, stinkende Wissen-die-Götter-allein-Was. Bei Sithech, er hasst Schiffe!
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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18

Wednesday, February 19th 2014, 3:38pm

Egal was...

Es ist völlig egal, was sie tun muss, um zu überleben, sie wird es tun – und noch viel mehr. Baldred ist tot und liegt inzwischen wahrscheinlich mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Grund der tobenden See. Sie ist auf sich allein gestellt. "Einverstanden", krächzt sie, hebt den Becher und kippt das saure, dickflüssige Gesöff, das irgendjemand im Wahnsinn als Rotwein bezeichnet hat, auf einen Zug herunter. Scheiße... das mit dem Ohnmächtigsaufen überleg ich mir nochmals. Hinter ihr erschallt raues Gelächter, irgendjemand klopft ihr auf die Schulter, ein anderer kneift ihr in den Hintern und Jansen bleckt seine sieben Holzzähne zu einem Grinsen, das sie nicht sehen muss, damit es ihr sämtliche Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Hätte sie einem Dämon ihre Seele verkauft, das Nest kalter Schlangen könnte sich nicht enger um ihre Eingeweide wringen. Mit wenigen, wenn auch charmanten Worten hatte ihr Entführer sich als Jansen Holzzahn, Kapitän der Kreischenden Myrte vorgestellt und ihr ihre Situation und ihre Möglichkeiten geschildert. Sie wurde tatsächlich an Bord geholt, um sich um die Überlebenden eines Kampfes zwischen den Piraten und der königlichen Flotte zu kümmern, allerdings ohne irgendeinen Hinweis darauf, dass man sie gehen lassen würde, sobald sie ihren Sold erledigt hätte. Um genau zu sein, war Jansen eine überraschend ehrliche Haut und hatte lediglich versprochen sie nicht den Ratten zum Frass vorzuwerfen, im gleichen Atemzug jedoch beiläufig erklärt lädierte Ware sei nur noch halb so viel wert. Und irgendwie wird Calait das ungute Gefühl nicht los, dass diese ganze Geschichte nur ein billiger Vorwand und hanebüchener Schwachsinn obendrein ist und es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Nur was. Das konnte sie trotz wilder Flüche und samtzüngiger Fotzeleien noch nicht in Erfahrung bringen. Mehrmals ruft sie in Gedanken nach Mammin, in der Hoffnung Colevar über den Geist ihrer Großmutter eine Nachricht kommen zu lassen, doch alles, was sie erntet, ist absolutes Schweigen. Jansen ordnet an, sie zu den Verletzten zu bringen, und stellt ihr einen grobschlächtigen Hünen als Sehhilfe zur Seite, der ungefähr so charmant duftet wie in Essig eingelegte Fischinnereien. Er wird ihr als Jóir vorgestellt und ihr wird versichert, dass er sich gut um ihr Wohlergehen sorgen wird, allerdings wirkt es viel eher wie eine Drohung, als eine wohlmeinende Versicherung. Jóir, oder irgendjemand anders, packt sie an der Schulter und dirigiert sie mit einem schmatzenden Zungenschnalzen an den Männern vorbei. Ein knappes "Treppe" rettet sie gerade noch davor die schmalen Holzstiegen, die durch die Luke ins Innere des galleonenähnlichen Schiffes führt, hinunter zu stolpern und sich dabei das Genick zu brechen und sie ist schon halb unter Deck abgetaucht, als durch das Gemurmel und Gelächter der Piraten noch ein: "Und? Ist sie die Richtige?" dringt. Eine mögliche Antwort wird durch den Wind davongetragen und Calait kann sich nicht länger als nötig auf die Verwirrung, welche die Frage stiftet, konzentrieren, denn sie hat vergessen den Mund zu schließen und die Luft, die ihr aus dem Zwischendeck entgegen schlägt, haut sie fast aus den Stiefeln. Mit jedem Schritt wird sie immer mehr zu einer zähen, klebrigen Masse, die sich überall festsetzt, wie tagealter Schweiß und Staub. "Na, nicht so zimperlich hier", brummt es viel zu nah in ihrem Rücken und sie bemüht sich hastig etwas Abstand zu gewinnen, was sich allerdings als komplizierter als erwartet herausstellt, denn überall steht oder liegt irgendetwas, oder befinden sich irgendwelche Ecken, Balken, Stiegen, Fässer, Kanten und unnötiges Gebammsel. Nachdem sie sich zum vierten Mal den großen Zeh und zum zweiten Mal die Finger wund gestoßen hat, zwingt sie sich in Jóirs Nähe zu bleiben und seinen kargen Richtungsanweisungen zu folgen – die sie direkt zur Quelle des infernalen Gestand führen. Wenigstens über die Verletzten haben sie nicht gelogen, geht es Calait durch den Kopf, als sie sich von Hängematte zu Hängematte hangelt, jeden der Verwundeten oder Kranken kurz untersucht und dabei Knochenbrüche, Schnitte und Quetschungen findet, die allesamt unbehandelt und entweder entzündet sind, oder bereits eitern. "Was ist passiert?", will sie wissen, um sich ein besseres Bild davon zu machen, was sie eigentlich behandeln soll, woraufhin sie nur ein lapidares "Die Königinnenflotte" erntet. Nach all der Zeit in den Rhaínlanden klingt der Titel „Königin“ sogar in Calaits Ohren schon wie ein übles Omen und ein leiser Fluch huscht über ihre Lippen. Allerdings nicht, weil die Hérejanne des rosigen Oberbiests die Freibeuter derart zugerichtet haben, sondern weil sie den Rest der verdammten Mannschaft haben davonsegeln lassen. Herrschaftliche Flotte, von wegen. Nicht einmal ein popeliges Piratenschiff kriegen sie versenkt. Aber alles Knurren und Fauchen und Widerstreben bringt nichts. Jansens Ansage war eindeutig, entweder sie kümmert sich um die bereits Halbtoten, oder sie büßt zwar etwas an Wert ein, dafür hat er wieder zufriedene Männer.

Da sie im Gegensatz zu ihrer Schwester aber nicht nur aus Gutherzigkeit, Mitleid und Gnade besteht und ihr Herz sich beim Anblick eines sich im Fieber windenden und im eigenen Schweiß und Erbrochenen windenden Halbstarken, der vielleicht gerade einmal sechzehn Jahre alt ist und dessen Bein wahrscheinlich aussieht, wie eine faulende Feuermelone, nicht automatisch rührt, beabsichtigt Calait das Angebot lediglich zu ihren Gunsten auszunutzen, ohne ihren Teil der Abmachung wirklich zu einzuhalten. Um genau zu sein würde sie den Dunklen tun und auch nur wirklich einen einzigen Finger für diese verseuchte Meute krumm machen. Sollen sie elendig an brennenden Gedärmen verrecken, solange einer lange genug am Leben bleibt, damit ich immer etwas zu tun habe, soll es mir egal sein. Sie wissen nicht, was ich kann. Fachkundig, aber nicht mit der professionellen Entschlossenheit, die ein gelehrter Heilkundiger an den Tag legen würde, fühlt sie die Stirn des Verwundeten, vor dem sie gerade steht, klappt dann erst den improvisierten Wundverband an seiner Schulter zurück und tastet sich nicht unbedingt sanft entlang der rotgeschwollenen Schnittränder. Das Fleisch glüht unter ihren Fingern und als sie sich weiter über Brust und Arm tastete kann sie verdickte Linien spüren, die von einer Blutvergiftung sprechen. "Was für eine Farbe haben die Adern?" "Mir doch egal", knurrt Jóir teilnahmslos und müht sich keinen Sekhelrin von der Stelle, woraufhin Calait nur achtlos mit den Schultern zuckt, sich zur nächsten Hängematte tastete und meint: "Wie auch immer. Ich brauche heißes Wasser. Sauberes Tuch. Und ein scharfes Messer." Jóir lacht nur kehlig auf und erwidert, dass alles, was sie benötige, sich in diesen vier Wänden befände, sie müsse nur suchen. Genervt, aber nicht willig sich mit dem Kerl anzulegen, schnaubt sie leise und verbringt eine ganze Weile nur damit den zum Krankenzelt umfunktionieren Frachtraum auf der Suche nach brauchbaren Heilutensilien zu durchsuchen. Das Jóir nicht viel um seine sterbenden Kameraden gibt, verwundert sie nur geringfügig. Viel eher überrascht es sie, dass man diese Männer noch nicht über Bord geworfen hat, denn zwei Dinge sind offensichtlich: Sie liegen bereits im Sterben, was eine Heilung nahezu ausschließt, selbst wenn man einen Heilkundigen cabrystanert, und mit jedem Tag, den sie länger auf dem Schiff verbringen, wächst die Bedrohung durch Krankheit und Seuchen für den Rest der Mannschaft. Da diese Fasttoten allerdings das Einzige sind, was zwischen einem angenehmen Aufenthalt und einem sehr unangenehmen Aufenthalt liegt, nimmt es Calait in Kauf sich mit irgendetwas zu infizieren. Ihre Bemühungen irgendwo eine saubere Klinge, sauberes Linnen, saubere Wasser... überhaupt irgendetwas sauberes zu finden scheitern kläglich. Sie trödelt noch ein wenig länger, bevor sie sich doch irgendwann zu Jóir bemüht und ihm klar macht, dass wenn er ihr nicht hilft, jeder einzelne in diesem Raum elendig und obendrein überaus qualvoll verrecken würde, woraufhin Jóir die Zähne bleckt – sie kann es genau hören – und erwidert, dann hätte sie zumindest nichts mehr zu tun und sei frei sich anderer Leiden anzunehmen. Die kleine Diskussion endet damit, dass sie ihm droht das Kreischen anzufangen, damit Jansen bei ihnen aufschlägt und die Regeln ihrer kleinen Übereinkunft noch einmal erklärt, und Jóir widerstrebend einwilligt ihr das nötige Heilmaterial zu beschaffen, beziehungsweise ihr den Weg in die Kammern zu zeigen, wo sie findet, was sie braucht. "Ist mir auch Recht." Solang es mich am Leben hält. Und genau das tut sie für die nächsten Stunden. Am Leben bleiben. Sie erfährt doch noch, was eigentlich genau zwischen Piraten und Soldaten passiert ist, zwei der Verletzten nennen ihr sogar einen Namen, andere bleiben stumm oder erwachen trotz der groben Behandlung nicht aus ihrer Bewusstlosigkeit, und irgendwo zwischen dem ewigen Auf und Ab der Wellen, im ewigen Kirren und Ächzen des Holzes um sie herum, verliert sie den Sinn für die Zeit. Sie holt Wasser, wäscht Wunden aus, schneidet Wundränder notdürftig, näht sie schief, sägt faulende Knochen ab, verbindet die traurigen Überbleibsel, richtet Brüche stümperhaft, vollführt mehrere Aderlasse, kratzt Blutkrusten von der Haut und legt kühlende Wickel mit jedem Stofffetzen, der ihr zwischen die Finger kommt und überlegt dabei die ganze Zeit, wie sie Jóir, der ihr immer mal wieder einen dreckigen Kommentar vor die Füße wirft, seine Gurgel durch den verdammten Mund herausreißen könnte. Drei Köpfe grösser und ungefähr viermal so schwer. Vergiss es. Und selbst wenn du es irgendwie schaffen würdest ihn auszuschalten, gäbe es nur noch zweihundert weitere Piraten, denen du entwischen müsstest. Und wenn du entwischt wärst, würdest du auf offenem Meer ins Nirgendwo treiben und einfach jämmerlich ertrinken und niemand würde je erfahren, dass du zweihundertundeinen Piraten ganz alleine zu Kleinholz verarbeitet hast. Nein. Wenn überhaupt, sollte diese närrische Dummheit, und nichts als das wäre es sich mit einunddreißig Piraten anzulegen, auch besungen werden, wozu du am Leben bleiben musst, was wiederum eine Flucht ausschließt. Also keine heroischen Grabesgesänge für dich. Der Galgenhumor verschafft ihr die nötige Stärke sich nicht durch ihre ausweglose Situation zermürben zu lassen und sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren. Und während sie das tut, scheint die Welt außerhalb des faulenden Schiffbauchs zu der Entscheidung gekommen zu sein untergehen zu wollen.
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Colevar

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19

Wednesday, February 19th 2014, 7:11pm

Blut in der Dunkelheit

Als er nach einer gefühlten - und bestimmt auch tatsächlichen - Ewigkeit einen dunklen Laderaum erreicht, erwischt die erste größere Welle die Kreischende Myrte mittschiffs. Colevar verliert von einem Herzschlag auf den anderen den Boden unter den Füßen und fällt in ein Gewirr wild herumschwingender Hängematten und gespannter Seile, wo er verdutzt hängt und sich fragt, wo die Schwerkraft auf einmal abgeblieben ist. Dann kippt die Welt wieder zurück, aber so träge, als würde die Zeit sehr viel langsamer vergehen, während das Schiff sich aufrichtet - unten ist wieder unten, oben wieder oben und er hat sich rettungslos verheddert. Fluchend zieht er eines seiner Messer und schneidet sich kurzerhand frei, während er seinen revoltierenden Magen ein weiteres Mal zurück nach unten zwingt und dann weiter hastet. Er hat jetzt beim besten Willen keine Zeit, sich die Seele aus dem Leib zu kotzen, er muss Calait finden und zwar schnell. Was er tun soll, wenn er sie erst hat, weiß er nicht, aber irgendetwas würde ihm schon einfallen. In den Zwischendecks riecht es wie auf allen Schiffen, die schon eine Weile auf See sind – grauenhaft. Aber es stinkt nicht nur nach faulem Holz, Schweiß, Erbrochenem und Kot, sondern auch nach Blut und Eiter. Und obwohl sich ihm prompt schon wieder der Magen umdreht, hätte er am liebsten gejubelt. Folge einfach dem Gestank der Verwundeten. Dort, wo er am Schlimmsten ist, wirst du sie finden. Die Piraten hatten offensichtlich verletzte Männer – sie wollten wahrscheinlich überhaupt keine Seeleute der Loodiana in ihren Dienst pressen, sondern hatten es von Anfang an auf Calait abgesehen. Sie müssen sie an Deck beobachtet haben, als sie die Schulter des Schiffsjungen genäht hat. Schön und gut, er kann sich nur nicht vorstellen, dass die Seeräuber sie, sobald ihre Verwundeten versorgt wären, unversehrt und mit einer höflichen Entschuldigung auch wieder zurückbringen würden. 'Besten Dank für das Ausleihen Eurer Heilkundigen, Mylord und entschuldigt vielmals die Umstände?' "Mmpf." Nein. Also sieh zu, dass du sie endlich findest! Er ist viel zu sehr mit seinen Sorgen und seiner Angst um sie beschäftigt, als dass er dem beständig zunehmenden Rollen und Schlingern des Schiffes oder dem Ächzen der Takelage oben, das sogar bis in den Bauch der Kreischenden Myrte herab dringt, großartig Beachtung geschenkt hätte, aber allmählich wütet der Sturm da draußen so schlimm, dass Colevar ihn einfach nicht länger ignorieren kann, selbst wenn er gewollt hätte. Trotzdem durchströmt ihn Wärme, denn er weiß jetzt, wo sie sein muss. Er muss nur noch dorthin gelangen... irgendwie. Plötzlich fragt er sich ernsthaft, ob er sie so finden könnte. Indem er einfach durch die Dunkelheit des Schiffbauches wandert und wie die Kinder in den Straßen von Talyra "Wärmer, kälter" spielt... Würde es ihm selbst immer wärmer werden, je näher er ihr käme? Um sie zu finden, kurz bevor er in Flammen aufgehen würde? Er weiß es nicht, dennoch folgt er der vagen Wärme und dem Geruch nach Blut in die Dunkelheit.

Unter seinen Füßen heben und senken sich die Planken jetzt viel heftiger als noch zuvor, und er verliert mehrmals das Gleichgewicht oder wird in den engen Gängen zwischen dem Frachtgut hin und hergeworfen. Mit Unbehagen fragt er sich, wie schlimm es noch werden würde – oder ob sie hier in die Mutter aller Frühjahrsstürme auf dem Silbermeer geraten sind. Zwei Kajüten weiter stolpert ihm Maat Hers – falls das denn sein Name ist - vor die Füße, sehr bleich im mageren, milchbärtigen Gesicht. Der Junge erkennt im Halbdunkel des Schiffsbauches jedoch viel zu spät, dass er einen Eindringling und keinen Kameraden vor sich hat, fletscht die Zähne und tastet nach seinem Dolch, doch er ist zu langsam. Für einen Moment vergisst Colevar seine eigene Übelkeit. "He, was..." hebt Hers Milchbart an, dann weiten sich seine Augen in entsetztem Starren. "Amur bewahr uns!" Entfährt es ihm und sein ohnehin schon fahles Gesicht wird so grün wie eine unreife Stachelbeere. "Was m-m-macht Ihr denn hier?"
"So trifft man sich wieder." Colevars Herz schlägt ihm bis zum Hals, dennoch spricht er gefährlich ruhig und leise. Der Junge tritt bereits den Rückzug an, aber er erwischt ihn am Arm und packt zu, so hart, dass der kleine Milchbart leise aufschreit. "Wo ist sie?"
"Ich w-w-weiß nicht!" Quiekt der Junge zutiefst erschrocken. "Lasst mich! Lasst mich los, oder ich schr..." Er kommt nicht mehr dazu, noch mehr zu sagen, denn in diesem Moment zerquetscht ihn Colevars Rechte die Kehle und drückt unerbittlich zu. Der Milchbart strampelt wild mit den Beinen und umklammert mit hochrotem Kopf seinen Arm.
"Sag es mir auf der Stelle oder ich drehe dir den Hals um!" Er meint jedes Wort und das hört auch der Junge. "U-u-u-..." Er windet sich wie ein Fisch am Haken, doch Colevar lässt erst los, als sein Gesicht eine purpurne Färbung angenommen hat und seine Augen bedrohlich hervorquellen. Der Pirat plumpst zu Boden, keucht und röchelt und bleibt einfach liegen, wo er ist. "Unterdeck! Unterdeck! Bei den Verwundeten ein Deck unter uns..." presst er schließlich hervor, dreht sich um und übergibt sich geräuschvoll. Als er aufblickt und sich die Speichelfäden vom Mund wischt, ist er längst allein in dem schmalen Gang zwischen den Kajüten.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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20

Wednesday, February 19th 2014, 7:38pm

Ein kleiner Dolch und grosse Wut

Schwer schnaufend hievt sie den Eimer mit klarem Süßwasser die schmale Stiege hinauf, wo Jóir ihn entgegen nimmt. "Genug?", brummt er und sie nickt erschöpft, aber mit einem verbissenen Ausdruck auf dem Gesicht. Sie würde sich vor diesen hartgesottenen Mördern, Halsabschneidern und Beuteschindern keine Schwäche erlauben, und wenn sie auf allen Vieren zurück in ihre Ecke kriechen muss. Dankenswerterweise bleibt sie davor verschont, denn Jóir packt sie kurzerhand am Kragen und hebt sie aus dem feuchten Vorratsloch in den Gang hinauf, wo er sie gegen die Wand stellt und ihr unsanft die Wange tätschelt. "Wach bleiben, Schneckchen, wach bleiben." Mit einem kleinen, wütenden Fauchen wischt sie seine Hand zur Seite und tritt nach ihm: "Fick dich." Dummerweise ist sie blind und das dickbauchige Schiff hüpft und schlingert über die Wellen, wie ein kleiner, ruderloser Fischerkahn, weswegen sie nicht nur verfehlt, sondern auch noch ihr Gleichgewicht verliert. Sowohl ihr Kiefer, als auch ihre Knie geben ein protestierendes Knirschen von sich, als sie ungelenk auf dem Holzflur aufschlägt und bei einer nächsten Welle gegen die Wand geworfen wird, ungefähr zum dreißigsten Mal in den letzten zwei Stunden, seit der Sturm die See in einen kochenden und zischenden Dampfkessel verwandelt hat, der spuckend und brodelnd in alle Richtungen gleichzeitig spritzt. Das Wasser kommt von überall. Oben, unten, rechts und links, es drischt und schlägt auf den Bug und das Heck ein und lässt die stolze Galeone wie ein Zierschiffchen über die schritthohen Gischtwellen tanzen und obwohl Calait keinen einzigen Fuß mehr an Deck gesetzt hat, seit man sie zu den Verletzten gebracht hat, ist sie tropfend nass. Irgendwo über ihr lacht Jóir, ein sehr hässliches, feuchtes Geräusch zwischen verfaultem Fleisch und schwarzen Zahnstumpfen hindurch. "Nana, hinlegen kannst du dich später, Schneckchen", gurrt er, so schmierig wie ein in Öl getauchter Fisch, dann landet eine große, schwielige Hand in ihrem Nacken und gleich darauf wird sie unnachgiebig tiefer in die stinkenden Gedärme dieses Höllenschiffs geschoben. Mit ausgestreckten Armen versucht sie das schlimmste Auf und Ab und Hin und Her aufzufangen, aber die Geschwindigkeit, mit welcher die Welt sich dreht und wendet ist tückisch und unberechenbar – und die Umgebung bietet ihr überhaupt keinen Anhaltspunkt, an welchem sie sich hätte orientieren können. Als sie endlich wieder im zweiten Unterdeck ankommen ist in den Eimern nur noch halb so viel Wasser und Calait fühlt sich wie von einer Branhornherde überrannt oder von Sigrun durchgeknetet. Keuchend klammert sie sich an den Türrahmen, wartet bis das Schiff sich nach links neigt und schlingert dann mit zwei hastigen Schritten zu dem Balken, an dem die erste Hängematte befestigt wurde. Das Wasser steht ihr inzwischen bis zur Mitte der Waden und unaufhörlich schwappt neues aus dem Flur und von der Treppe, die nach oben führt, nach. Hastig krallt sie sich in das nasse Holz und beißt hissend die Zähne zusammen, als sich ein Splitter unter einen Nagel bohrt, lässt aber nicht los und verhindert dadurch bei der nächsten Woge rücklings durch den Raum geworfen zu werden, wie loses Frachtgut.
Jòirs Blick folgt ihr, wie sie sich durch die kleine Kajüte hangelt, von einer Hängematte zur nächsten, bis sie Lyssean erreicht hat, einer der wenigen, die keine derben Witze gerissen, oder zwielichtige Angebote zwischen aufgerissenen und ausgetrockneten Lippen hindurch gewürgt, sondern sich einfach nur vorgestellte und sich sogar ganz leise bedankt haben – was überhaupt nichts an Calaits Vorgehen geändert hat. Der Mann kocht im Fieber und wo er sich am Morgen noch wie ein Aal im Netz gewunden hat, liegt er jetzt still und steif und seine Haut fühlt sich an wie klebrige Echsenhaut, glatt und unangenehm kühl. Die Decken sind nass vom Schweiß und vom Wasser, also schiebt sie das Tuch einfach entschlossen zur Seite – und schlägt sich würgend eine Hand vor den Mund, als ihr eine warme Wolke süßem Eitergeruch ins Gesicht schlägt und ihr kurzzeitig die Sinne vernebelt. "Scheiße", gurgelt sie durch die Reste ihres Mageninhalts, den sie gleich darauf geräuschvoll auf dem Boden verteilt. Wieder dieses Lachen, wieder dieser Drang ihm seine Gedärme um die Drecksgurgel zu wickeln und wieder der Knoten in ihrer Brust, es einfach nicht zu schaffen. "Pfuh, ich glaub nich, dass der dich noch braucht. Dann hast du ja endlich Zeit für mich. Komm, Schneckchen, ich bin noch warm und..."
"Ich sagte, fick dich", zischt sie und spuckt Rotz und Kotze in seine Richtung, bevor sie sich mit dem Handrücken über den Mund wischt. Sein polterndes Fluchen verrät ihr, dass sie getroffen hat und dann bekommt sie es auch zu spüren, als er ausholt und sie mit einem ordentlichen rechten Haken von den Füssen holt und zwischen zwei vertäute Kisten befördert. Der Aufschlag auf der Kistenkante verschlägt ihr den Atem und wäre sie nicht blind wie ein Maulwurf, würde ihr spätestens jetzt für einen Moment rabenschwarz vor Augen werden. Mit einem genuschelten, halblauten Fluch auf der Zunge leckt sie sich das Blut von der aufgesprungenen Lippe und kämpft sich entlang der Schiffswand, die sich bedenklich einmal in die eine, einmal in die andere Richtung neigt, in die Höhe. "Wie ein...", schwankend, was nicht nur an dem Sturm liegt, der beständig mehr an Stärke zu gewinnen scheint, dreht sie sich erneut zu Jóir um: "... Mädchen." Probehalber schiebt sie ihren Unterkiefer leicht hin und her, um sich zu versichern, dass er ihr – noch – nichts gebrochen hat, bevor sie mit so viel Spott, wie sie zusammenstottern kann, flötet: "Ein Eunuch könnts mir härter geben." Sie klappt zusammen, als er seine Faust tief in ihrem Magen vergräbt, und der Schock treibt ihr die Tränen in die Augen und die Luft aus den Lungen. Stöhnend hängt sie in seinem Griff, unfähig sich zu wehren, als er sie an den Haaren packt und einmal über den Gang in eine weitere, kleine Kammer schleift. "Das klingt schon viel besser", raunt er ihr heiser ins Ohr und befördert sie mit einem Ruck gegen einen Stapel Kisten, wo er ihr einen Arm ins Kreuz schiebt, damit sie nicht zur Seite entschlüpfen kann. Alles in ihr drängt danach, ihm ein Knie zwischen die Beine zu rammen und Reißaus zu nehmen, aber als sie sich schon anspannt, um genau das zu tun – um sich danach wahrscheinlich blutig prügeln zu lassen – erinnert sie sich. An den Tag im Silberweiß, wo Colevar sie zum ersten Mal aufgefordert hatte, ihn anzugreifen – und sie sehr unelegant im Schnee gelandet war. Nähe, Calait. Nähe wird deinen Gegnern zum Verhängnis. Du hast weder die Kraft, noch die Reichweite, um jemandem auf Abstand gefährlich zu werden, also lass sie zu dir kommen. Nah. Näher. Und dann, wenn du sie riechen kannst und ihre Wärme fühlst, dann stichst du zu. Es scheint ein halbes Leben her, seit Colevar ihr beigebracht hat zu warten. Die Arme runter nehmen, sich zu entspannen, zu atmen und zu warten, bis der Gegner sich sicher wähnt und zuschlägt. Ich hasse Warten. Das Nichtstun war noch nie ihre Stärke, weder damals, noch jetzt, aber Ungeduld ihr Tod. Egal was. Nähe. Gut. Nähe. Ich kann das.

"Worauf wartest du denn jetzt? Kannst du ihn nicht finden?"
"Halt die Fresse, Schlampe."
Die Augen verdrehend, tastet sie nach seinem Gürtel und lässt die Schnalle aufschnappen: "Ich bin alt und grau, bevor du zur Sache kommst." "Du bist jetzt still, oder..." Der Rest seiner Worte geht in einem heiseren Knurren unter, als sie einen Arm um seinen Nacken schlingt, seinen Kopf zu sich herunter zieht und ihren Mund so fest auf seinen presst, dass ihre Zähne übereinander schrammen. Es schmeckt, als ob sie in ein mit faulen Eiern gefülltes Stück saures Fleisch beißen würde und nur mit Müh und Not kann sie verhindern sich erneut zu übergeben. Er schiebt ihre nassen Röcke in die Höhe und ihre Beine auseinander, derweil sie an seinem Hemd zerrt und im Zuge dessen den kleinen, rasiermesserscharfen Munddolch aus seiner Scheide befreit. Er bemerkt den Verlust vorerst nicht und gemessen an der Gier, mit der er über ihre Brüste und ihren Hals herfällt, wird es ihm nicht auffallen, bis... Scheiß auf den unteren Rippenbogen. Als ihre Fingerspitzen über seinen Bauch hinab gleiten, vergräbt er seine Zähne noch schmerzhaft in ihrem Hals und raunt etwas von "tiefer", - Ganz tief. -, im nächsten Augenblick taumelt er brüllend zurück, die Hände fest auf seine edelsten Teile gepresst und wird angesichts des Blutess, das beständig zwischen seinen Fingern hervor quillt bleich wie ein toter Fisch. Ein schneller Läufer ist besser, als ein schlechter Kämpfer. Aber du bist blind und damit der schlechteste Läufer überhaupt. Also zögere nicht. Wieg dich nicht in Sicherheit, wenn du deine Gegner verletzt hast. Erledige sie. So schnell, wie es geht. Sie schnellt vor, das kleine Messer fest in der Linken, und sticht zu, ehe er sich wirklich von seinem Schreck erholen kann. Sie hält sich nicht damit auf, wo sie ihn trifft, oder ob sie überhaupt trifft, sondern springt ihm wie eine Katze ins Gesicht, beißt zu, tritt und rammt die Klinge in sein Fleisch, wo immer sie es findet. Und dann scheint die Welt für einen langen Augenblick jede Form zu verlieren, als das Schiff durch eine riesige Welle getroffen unter kakophonischem Knarren und Grollen wie ein gefällter Baum kippt und Seitenwände kurzerhand zu Fußböden werden. Jóir verliert sein Gleichgewicht und Calait ihres mit ihm und in einem Durcheinander an Armen und Beinen, Blut und Salzwasser krachen sie gegen das Holz und schlittern miteinander über die Schräge, in einem erbitterten Kampf um die Oberhand verstrickt, und landen platschend im Wasser. Er muss sie loslassen, um nicht elendig zu ersaufen, aber obwohl sein Blut warm und klebrig über ihre Finger rinnt, seine Eier infernalisch schmerzen müssen und sie ihn bestimmt schon ein weiteres Dutzend Mal getroffen hat, gibt er nicht nach, bricht er nicht ein, sondern fischt, kaum steht er wieder halbwegs gerade, nach ihrem Armen. "Bis...koazh c'hoazh! Stirb doch einfach! Du wurmverseuchter räudiger Balg einer Hafenhure!" Aber er stirbt nicht, und als seine Finger sich so kalt und hart um ihr Handgelenk schließen, dass der Schmerz sie zwingt das Messer los zu lassen, trifft die Panik sie wie ein Pfeil aus der Dunkelheit. Nein! Mit einem halb erstickten Kreischen versucht sie sich von ihm los zu reißen, aber außer, dass sie sich dabei fast die Schulter auskugelt, hilft es überhaupt nichts. Mit einem Ruck befördert er sie auf ihren Rücken und dann ist er über ihr, sehr schwer und sehr wütend und sie kann gerade noch rechtzeitig die Arme hochwerfen, bevor heißer, weißer Schmerz durch die immerwährende Schwärze zuckt...
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21

Wednesday, February 19th 2014, 9:55pm

Ein dummer, dummer, dummer Mann...

Du hättest ihn umbringen sollen, grollt eine Stimme in seinem Inneren, als Colevar weiter den verwinkelten Gängen zwischen Beutestücken und vertäuten Fässern mit Waltran folgt, die Luke findet und einfach über die Leiterholme nach unten rutscht. Er landet in der Hocke und verharrt einen Moment lauschend. Nichts ist zu hören außer das Ächzen und Knarren der Schiffsplanken, das Donnern der Wellen und das Heulen des Windes, gedämpft, aber laut genug, um einem die Ohren dröhnen zu lassen. Er war noch ein halbes Kind, hält eine andere Stimme dagegen und ein drittes, kaltes Flüstern in seinem Inneren fragt leise: Na und? Colevar hat den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als er Calait fluchen hört. Er ist sicher, es muss Calait sein, denn selbst wenn die Piraten noch andere Frauen an Bord haben, so flucht keine Zweite. >Bis...koazh c'hoazh! Stirb doch einfach! Du wurmverseuchter räudiger Balg einer Hafenhure!< Er schleicht geduckt durch einen langen Korridor, bemerkt den schwachen Lichtschein weiter vorn und gerade als er darauf zu hasten will, trifft eine neuerliche Woge das Schiff. Von einem Herzschlag auf den anderen hat er das Gefühl im Inneren einer gewaltigen, dröhnenden Trommel gefangen zu sein. In dem engen Gang kann er sich nirgendwo festhalten, also wird er herumgeschleudert wie eine getrocknete Erbse in einer Kinderrassel bis er nicht mehr weiß, wo oben und unten, links oder rechts ist. Dann hört er sie schreien, bekommt wieder Boden unter den Füßen und stürzt weiter in eine kleine Kajüte. Ein großer Schatten beugt sich über Calait, die auf ihren Knien liegt und kreischend und fauchend mit ihm ringt, doch im schwachen und außerdem wild hin und her schwankenden Lichtkegel der Laterne kann Colevar nicht viel mehr erkennen. Das leise Knurren, das in seiner Kehle aufsteigt, spürt er mehr, als dass er es hört. Er fühlt keine Wut, keine Furcht, keinen Zweifel, nur die kalte, endgültige Gewissheit, dass er den Mann töten wird, er weiß es. Und der andere weiß es auch. Colevar kann das heraufdämmernde Bewusstsein über den Tod, der ihm bevorsteht, in den weit aufgerissenen Pupillen des Piraten sehen, in denen sich sonst nur die flackernden Flammen der Laterne spiegeln, einen Herzschlag bevor er ihn erreicht.

Dem Mann den Ellenbogen ins Gesicht zu rammen und seinen geifernden Mund in eine zersplitterte, rote Ruine zu verwandeln, während die Wucht des Schlages seinen Kopf nach hinten reißt, sich einmal um ihn herum zu drehen, in seinen Rücken zu gelangen und ihm mit dem anderen Arm das Genick zu brechen ist eine einzige, lange, fließende Bewegung. Colevar lässt den toten Piraten fallen wo er gerade steht und dreht sich zu Calait um, die in eben diesem Augenblick über ihre triefenden Röcke stolpert und sich im inzwischen knietiefen Wasser auf die Füße zurück müht. Dann sieht er nur noch ihre Kehrseite, als sie hastig versucht, die Flucht zu ergreifen. "Calait!" Sie erstarrt und fährt herum, doch noch bevor er sie erreichen kann, erfasst eine weitere Welle das Schiff und wirft sie hilflos unter Deck umher. Colevar kämpft sich durch treibendes Frachtgut und ein Durcheinander verknoteter Hängematten zu ihr durch, bekommt sie endlich zu fassen und wäre beinahe hintüber gekippt, weil sie sich ihm mit solcher Wucht in die Arme wirft, dass sie ihn beinahe von den Füßen holt. "Bist du verwundet?" Er muss sie einfach berühren. Seine Hände tasten mit fliegenden Fingern über jeden Sekhel ihres Körpers, den er erreichen kann, suchend, drängend wie Vogelflügel, um sich zu vergewissern, dass sie unversehrt ist und es ihr gut geht. "Bist du verletzt? Hat er...?"
>Was tust du hier?! Bist du völlig übergeschnappt!< Ihre Finger krallen sich in seinen Hemdkragen und sie versucht tatsächlich, ihn zu durchzurütteln, was ihn absurderweise Lachen lässt. "Sehr wahrscheinlich."
Er fängt ihre Hände ein und drückt sie für einen Moment fest an seine Brust. Dann hätte er sie am liebsten geschüttelt. "Was ich hier tue? Es war doch klar, dass ich dir folgen würde!" Ihr breites und absolut albern glückliches Lächeln ist mit Sicherheit das bezauberndste, das er je gesehen hat und es trifft ihn mitten ins Herz. >Du bist so ein dummer, dummer... wirklich sehr dummer Mann, Colevar, und ich bin so froh, dass du da bist.< Ihre suchenden Hände finden sein zerrissenes Hemd und die Schnitte und Schürfwunden darunter, doch als sie sich auf sein schmerzerfülltes Zischen hin besorgt erkundigt, ob er verletzt wäre, schüttelt er nur den Kopf. "Mir fehlt nichts, nur ein paar Kratzer", versichert er hastig, doch er kann an ihrem Schnauben schon hören, dass sie ihm kein Wort glaubt.

Sie rafft ihre Röcke, steckt sie hoch und will nach seinem aufgerissenen Arm greifen, doch als sie die Hände hebt, sind sie klebrig, nass und rot vor Blut. >Colevar, was...<
"Himmel!" Er starrt entsetzt in ihr verwirrtes Gesicht und die fragend geweiteten Augen. "Das ist nicht mein Blut, Calait, sondern deines!"
Über ihrer rechten Hüfte ist ein tiefer Schnitt unter dem ledernen Mieder, aus dem ihr Blut warm und erschreckend schnell hervorquillt. Es tränkt Hemdsaum und Rockbund in großen, nassen Flecken und im Licht der Öllampe ist es schwarz, nicht rot. Still die Blutung, flüstert ihm sein Instinkt zu, doch da er kein Verbandsmaterial zur Hand hat, reißt er einfach die ohnehin schon in Fetzen hängenden Ärmel von seinem Hemd und faltet das Leinen zu einer weichen Binde. "Das wird wehtun", warnt er leise, und sie nickt und beißt die Zähne zusammen. Er hebt behutsam den Rand der Korsage an, schiebt die dicken Leinenkompressen darunter, presst sie fest auf die Wunde und steckt sie fest so gut er es vermag. "Wir müssen uns später darum kümmern, Hexchen, aye? Das Mieder ist so eng, dass es den Blutfluss zumindest ein wenig abdrücken sollte. Aber zuerst müssen wir von diesem verdammten Ding herunter. Kannst du..." laufen? will er eigentlich fragen, als das Schiff schon wieder in ein Wellental stürzt. Colevar schlingt die Arme um sie, birgt ihren Kopf schützend an seiner Brust als sie erneut den Boden unter den Füßen verlieren, und lässt sie auch dann nicht los, als sie wie Spielzeugpuppen durch die Kajüte geschleudert werden. Als es endlich aufhört, finden sie sich beide im Gang wieder, halb begraben unter wirren Schnüren, Segeltuch und geborstenen Eimern. "Wir müssen an Deck bevor sie wegen dem Sturm die Luken verschalken!"
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22

Thursday, February 20th 2014, 10:08pm

Vom Regen in...

Und dann kommt die Kälte und reißt den Mann mit sich fort. Im einen Moment rebellieren ihre Lungen, weil seine Masse sie zu ersticken droht, dann ist da plötzlich Luft und Leere und alles, was noch an ihn erinnert ein Hauch von Fäule. Keuchend und um Atem ringend rollt sie sich zur Seite, kämpft sich auf alle Viere und hält sich gar nicht erst damit auf sich zu wundern, warum er so plötzlich von ihr abgelassen hat, sondern ergreift die Flucht. Lauf! Hört sie Colevar brüllen. Erst, und dann ruft er plötzlich ihren Namen. Sehr viel lebendiger und näher, als sie sich in ihrem Wunschdenken ausmalen könnte. Ihre solide Panik trägt sie immerhin noch drei weitere Schritt, bevor die Erkenntnis durchsickert, dass es keine Einbildung ist und ihr ihre Ohren auch keinen Narrenstreich spielen. Das kann nicht sein. Es ist unmöglich. Er ist nicht hier. Er war auf der Loodiana Er kann nicht hier sein! Die Hoffnung ist ein langer spitzer Dorn mitten in ihrer Brust und obwohl sie weiß, dass es dumm und närrisch ist und sie wahrscheinlich den geringen Vorsprung kosten wird, den sie sich hart erkämpft hat, zögert sie für eine einzige, lange Sekunde: "Colevar?" Noch bevor er ihr irgendetwas antworten kann – falls er denn da ist, denn wirklich glauben, kann sie es immer noch nicht – kippt die Welt einmal vollständig aus den Angeln. Calait verliert ihr Gleichgewicht, ihre Orientierung und ihren Atem obendrein, dafür schluckt sie jede Menge Wasser und stößt sich auch noch die restlichen zwei Zehen, die bislang unbehelligt geblieben waren, blau. Gurgelnd und spuckend rudert sie mit ihren Armen, bekommt irgendetwas zu fassen, was sich wie ein Türrahmen anfühlt und klammert sich mit aller Kraft daran fest. Raus hier, schreit alles in ihr, aber ihre Ohren hören nicht auf sie. "Calait!" Ihr muss Wasser in die Ohren gelangt sein. Oder sie verliert den Verstand. Aber wenn es sich derart real anfühlt irre zu werden, dann kann der Wahnsinn sie gerne haben. Aber der Wahnsinn bleibt aus. Colevar ist nur noch eine Armlänge von ihr entfernt, da erkennt sie ihn und ihr wird schlagartig bewusst was die seltsame Kälte von Vorhin gewesen sein muss.

Seine Finger schließen sich gerade um ihren Arm, als sie in die Höhe schnellt, ihn anspringt und ihn damit fast umwirft. Er schafft es irgendwie sie gleichzeitig festzuhalten und abzutasten und völlig außer Atem zu fragen, ob sie verwundet sei. Sie schlingt die Beine etwas fester um seine Hüften, lehnt sich zurück, packt ihn am Kragen und schüttelt sein nasses Hemd gehörig durch: "Was tust du hier?! Bist du völlig übergeschnappt!" "Sehr wahrscheinlich." Wird ihr beschieden und das in einem Tonfall, für den er gleich drei Ohrfeigen verdient hätte, bevor er ihre zitternden Finger umfasst und sie noch ein wenig fester hält. "Was ich hier tue? Es war doch klar, dass ich dir folgen würde!" Für einen Herzschlag lang starrt sie ihn an, dann bricht sie in ein blödsinniges Grinsen aus und fängt an zu lachen. Natürlich. Natürlich! Es ist so klar, dass sie sich fragt, wieso sie nicht sofort darauf gekommen ist. Eigentlich hätte sie sich auf Deck hinsetzen und allen Piraten, die irgendetwas von ihr wollten, sagen können: 'Wartet noch fünf Minuten. Er ist gleich da.' "Du bist so ein dummer, dummer... wirklich sehr dummer Mann, Colevar, und ich bin so froh, dass du da bist." Er hat sich noch nie so warm und lebendig angefühlt, wie in diesem Augenblick, und ungeachtet der Tatsache, dass sie sich noch immer an Bord eines Schiffs voller blutdurstiger Piraten befinden und knietief in eiskaltem Salzwasser stehen – und wahrscheinlich entweder bald jämmerlich ersaufen, oder gehäutet und gesalzen am Mast enden – setzt sich ein närrisches Grinsen in ihren Mundwinkeln fest. Zumindest solange, bis ihre Finger zerfetzten Stoff und aufgerissene Haut finden und Colevar scharf Luft holt. "Bist du verletzt?" Natürlich beschwichtigt er rasch: "Mir fehlt nichts, nur ein paar Kratzer", aber sie kennt ihn lange genug um zu wissen, was 'ein paar Kratzer' sind. Er würde auch noch behaupten es wäre nichts, wenn ihm der halbe Arm fehlte. "Ich glaub dir nicht", schnaubt sie und strampelt sich frei: "Lass mich das ansehen." Götterergeben und weil er schon weiss, dass es keinen Sinn hat ihr zu widersprechen, lässt er sie gewähren, woraufhin sie ihre wassertriefenden Röcke hochsteckt, damit sie ihr nicht ständig zwischen die Beine geraten.

Im nächsten Augenblick sucht Entsetzen sie heim, als sie das Blut warm und klebrig an ihren Händen spürt. Kratzer?! "Colevar, was...", setzt sie an, wird aber prompt unterbrochen: "Himmel!" Himmel? So reagiert Colevar für gewöhnlich nicht auf seine eigenen Verletzungen und verwirrt sieht sie zu ihm auf, doch noch bevor er es ausspricht, spürt sie, dass es hier nicht um ihn geht. "Das ist nicht mein Blut, Calait, sondern deines!" "Oh..." Just in diesem Moment lässt der Schock nach und ihre Hüfte fühlt sich an, als hätte jemand mit einem glühenden Schürhaken darin herumgebohrt. "Au!" Es tut tatsächlich weh. Sehr. Ohne Protest lässt sie sich von Colevar versorgen, nickt tapfer, als er sie warnt, dass es weh tun würde, und schluckt den Schmerzensschrei, der ihr auf der Zunge liegt herunter – obwohl er wahrscheinlich einfach vom Tosen des Sturms verschluckt worden wäre. " Kannst du..." laufen?, will er wahrscheinlich wissen, da stellt sich die Kajüte schon wieder auf den Kopf und befördert sie schwungvoll erst gegen die Wanten und dann gegen die Kisten. Colevar hält sie fest und lässt sie auch nicht los, als sie unter Wasser gedrückt werden und sie klammert sich wie ein kleines Äffchen an ihm fest, das Gesicht fest gegen seine Brust gepresst. Das Toben trägt sie in den Gang hinaus, wo sie es nach zwei weiteren Schlenkern endlich zurück auf die Füße schaffen. "Wir müssen an Deck bevor sie wegen dem Sturm die Luken verschalken!" Calait nickt einfach nur, greift nach seiner Hand und läuft los. Den Weg bis zum Aufstieg kennt sie und obwohl sie absolut keine Ahnung hat, wie lange sie schon auf der Kreischenden Myrte ist, wird der Sturm Meer und Schiff wahrscheinlich in brodelnde Dunkelheit und grelle Blitze hüllen. Colevar dürfte zumindest unter Deck fast genauso blind sein wie sie, ganz abgesehen davon, dass er wahrscheinlich nicht auf dem gleichen Weg heruntergekommen ist, wie sie. "Hier entlang. Rechts. Stufen. Links... das andere Links." Auf diese Weise lotst sie ihn durch Gänge und Flure, über Treppen hinauf mitten in das Chaos, wo das Schiff Planke für Planke und Mast für Mast zwischen Wind und Wasser unter ohrenbetäubendem Tosen zermahlen wird.
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Colevar

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23

Thursday, February 20th 2014, 10:23pm

...die Traufe

Sie führt ihn blind durch pechschwarze Finsternis und zum Schneiden dicke Luft, bis sie eine Leiter finden – über ihnen an Deck donnern Schritte, gellen Schreie und Befehle, und überall heult der Sturm wie ein großes, wütendes Tier. Oben herrscht unbeschreibliches Chaos. Regen peitscht ihnen in Sturzbächen entgegen, der Wind reißt sie fast von den Füßen und im grellweißen Licht zuckender Blitze glühen die Sturmwolken hinter den dichten Regenschleiern unheilvoll schwarz und amethystfarben. Donner kracht so laut, als wolle der Himmel bersten und übertönt sogar das Tosen der Wellen und das Kreischen des Windes in den Wanten. Zu seinem allergrößten Erstaunen sehen die Wellen überhaupt nicht so turmhoch und gewaltig aus, wie er nach all dem Herumgeschleudert-Werden unter Deck erwartet hatte... aber immer noch furchterregend genug. Die See schäumt und brodelt, grauweiß und grün, und wirft die Kreischende Myrte hin und her wie ein Spielzeug. Überall um sie her auf dem Deck und in der Takelage wimmelt es vor Piraten, doch niemand schert sich um sie, niemand nimmt Notiz von ihnen. Befehle, mit denen Colevar nichts anfangen kann, werden von einer Seite zur anderen gebrüllt, während er Calait so gut es geht mit seinem Körper vor den Brechern abschirmt, die unablässig über die Reling donnern und das ganze Deck überspülen. 'Bransegel reffen! Aufgeien und Belegen! An den Besanmast!' Er glaubt seinen Augen nicht zu trauen, als er zahllose Männer weit über ihren Köpfen selbst in Wind, Sturm und peitschendem Regen wie graue Affen herumturnen sieht, um die Segel einzuholen. Die nächste Woge, die das Schiff erfasst, reißt ein halbes Dutzend Seeräuber einfach mit sich über Bord, und er drückt Calait an sich und klammert sich mit dem freien Arm an das nächstbeste, das ihm in die Finger kommt. Alles, was nicht fest vertäut ist, rollt längst wild und her und geht über Bord, und die Hälfte dessen, was fest vertäut gewesen war, hat sich schon losgerissen. Auf Händen und Knien rutschen sie über das bockende Deck, und das bebende Schiff unter ihnen stöhnt und ächzt wie ein verwundetes Wesen. Sie haben die Reling noch nicht einmal erreicht, als der Hauptmast mit einem krachenden Splittern bricht, das so laut ist, dass sie es selbst durch das heulende Brüllen des Sturms hören und in einem Durcheinander von zerfetzten Segeln und tausend Tauen, Seilen und Stagen kippt. Dann kreischt die Kreischende Myrte tatsächlich, als sie in einem schier unmöglichen Winkel zur Seite krängt. Sie wird kentern und sinken! "Runter!" Schnappt er voller Entsetzen und streift so schnell es irgend geht seine Stiefel ab, während Calait schon aus ihren Schuhen geschlüpft ist und nun an ihren Röcken zerrt. Dann schnappt er sich ein im Wind peitschendes Stück Seil und trennt es mit dem Messer vom restlichen Tauwerk ab. "Runter vom Schiff!"

Sie springen - und die Welt um sie herum zerbirst in Chaos. Colevar weiß nicht, ob er das Bewusstsein verliert oder einfach nur für einen Augenblick betäubt wird, aber er kommt im Wasser wieder zu sich. Panisch um sich tretend erreicht er die Oberfläche und wird von einer Welle emporgehoben. Irgendetwas schrammt an seinem Bein entlang, etwas anderes kracht gegen seine linke Schläfe und lässt für einen Moment gelbe Lichter am Rand seines Blickfeldes entlangflimmern. Wenigstens hat er das verfluchte Seil noch. "CALAIT!" Spuckend und würgend brüllt er ihren Namen und blickt sich suchend um. "CALAIT!" Trümmer, Wasser, Wogen, Gischt, Grau und Grün und Schwarz, sonst nichts – dann sieht er sie und schnellt mit aller Kraft auf sie zu. Sie klammert sich an ein Stück Holz, das aussieht wie ein Teil der Reling und er hätte beinahe gelacht, über ihr so erstauntes Gesicht, als sie ihn hinter sich spüren kann. Er schlingt das Seil um ihre Taille und bindet es fest, dann knüpft er eine weitere Schlaufe und schlüpft mit den Schultern hinein. "Damit wir uns nicht verlieren", keucht er und drückt kurz ihre Schulter. "Und jetzt schwimm. Weg hier!" Vorerst ist es völlig egal, wohin sie schwimmen, sie müssen nur fort von der Kreischenden Myrte, die beginnt, um den umgestürzten Mast wie um einen ungewollten Anker zu kreisen und dabei immer tiefer gezogen wird. Ungewollter Anker. Anker bedeutet Grund. Grund bedeutet seichtes Wasser. Wie lang war der verdammte Mast? Wie viel ist abgebrochen? Vierzig Schritt? Mehr? Alles? Seine Gedanken rasen. Wenn sie auf die offene See hinausschwimmen oder abgetrieben werden, sind sie verloren. Aber seichtes Wasser bedeutet Küstennähe und Küstennähe bedeutet Leben. Die Worte schwärmen nicht als logische Überlegungen durch seinen Kopf, noch nicht einmal als zusammenhängende Sätze, aber die Erkenntnisse bleiben hängen und mit ihnen unvermittelt Hoffnung. Colevar drängt Calait mit seinem Körper ab, drängt sie weiter - "Schwimm! Schwimm!!" – und sie lässt das gesplitterte Stück Handlauf der Reling los. Sie schwimmt mit ihm, schnellt wie ein Seehund durch die Gischt und folgt blind wie sie ist einfach dem beständigen Zug am Seil um ihre Mitte, das sie beide wie eine Nabelschnur verbindet – in die ungefähre Richtung, in der er die Küste vermutet. Sie waren nicht auf offener See gewesen, als die Piraten Calait von der Loodiana entführt hatten. Der Sturm war aus Westen über sie hereingebrochen und die Kreischende Myrte war nach Osten abgedreht. Die Untiefen der Brandinstroeg haben sie schon hinter sich gelassen, also haben sie eine Chance, dass der Sturm sie noch ein ganzes Stück näher an die Küste gebracht hat.

Wenigstens kommen ihnen die tosenden Wellen diesmal zu Hilfe, weil eine große Woge sie erfasst und ein ganzes Stück weit von dem sinkenden Schiff fortträgt. Auf ihrem Kamm treibend, blickt er sich um und sieht es. Der Himmel über ihnen ist fast schwarz, doch darunter liegt ein gelbgrünes Glühen, vor dem sich die Umrisse des Piratenschiffes für einen Herzschlag lang wie ein Skelett abzeichnen. Eine weitere Woge geht als donnernde Breitseite auf die Kreischende Myrte nieder, und das mächtige Schiff legt sich zur Seite, kentert und sinkt. Die Wogen heben den Bug noch ein letztes Mal, überfluten das Deck, reißen die halbe Takellage mit sich und ziehen beim Rückfluten das Achterdeck unter Wasser. Das Meer brodelt und kocht, dann ist die Myrte verschwunden. Colevar schwimmt schneller während Blitze über das aufgewühlte Silbermeer schießen und der Regen so heftig niedergeht, dass es überhaupt keinen Unterschied macht, ob er seinen Kopf gerade über oder unter Wasser hat. Eine neue Woge baut sich hinter ihnen auf, hebt sie hoch, lässt sie einen Moment lang schweben und trägt sie weiter. Zwischen schäumender Gischt sieht er Wrackteile und Männer des untergegangenen Piratenschiffes treiben. Die Leiche des Milchbarts wirbelt an ihnen vorbei, so nahe, dass er nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um den toten Jungen zu berühren. Der Wind heult jetzt so laut, dass sie selbst den krachenden Donner nur noch als gedämpftes Grollen hören und das Rauschen der Wellen zu seinem leisen Summen verblasst. Halb blind vor Gischt meint Colevar einen Blick auf eine ferne Küste zu erhaschen, dann wieder sieht er nur noch die tosende See um sie her - und wenn die Wellen über ihm zusammenschlagen, sieht er nichts als Wasser. Doch am anderen Ende des rauen Taus, das ihm die Reste seines Hemdes längst durchgescheuert und die Haut um Brust und Schultern blutig gerissen hat, ist Calait und bis jetzt hält sie verbissen durch. Er kann ihr kleines, tröstliches Gewicht dort spüren und das treibt ihn weiter und weiter, bis er über die Grenzen jeder Erschöpfung hinaus ist und nur noch funktioniert. Also schwimmt er in einem endlosen schäumenden Kessel um ihr Leben - und damit auch um seines.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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24

Sunday, February 23rd 2014, 4:09pm

Bis zum letzten Atemzug

Er schwimmt neben ihr, keine zwei Schritt entfernt, mal näher, mal weiter weg, aber mit jeder Welle, die sie nur für den Bruchteil einer Sekunde trennt und das Seil bis zum Zerreißen spannt, muss sie die aufsteigende Panik ihn zu verlieren erneut herunterschlucken. Schwimm. Schwimm. Schwimm! Rotiert es hinter ihrer Stirn, erst laut, dann leise und schließlich gar nicht mehr, aber ihre Arme rudern unaufhörlich weiter, hoch und runter, hoch und runter, hoch und runter, eine Welle nach der nächsten, bis ihre Welt auf die Luft in ihren Lungen und das Seil um ihre Taille zusammengeschrumpft ist. Orientierung gibt es für sie nicht. Sie treibt in einem endlosen See, wo sogar oben und unten gelegentlich fließend ineinander übergehen und manchmal rettet sie nur der Unterschied zwischen Luft und Wasser davor unterzugehen und es nicht einmal zu merken. Vielleicht haben sie bereits zwanzig Meilen zurückgelegt, vielleicht sind sie keine fünfhundert Schritt weiter; irgendwann spürt Calait, wie ihre Arme und Beine mit jedem Schwimmzug bleierner werden, als ob das Wasser durch die Haut in ihren Körper dringt und sie kälter und schwerer werden lässt. Jeder Atemzug kostet sie Kraft, die sie nicht mehr hat und als sie kurzzeitig sinkt, nur um sich nach einem Schreckmoment wieder an die Oberfläche zu kämpfen, gurgelt sie leise: "Colevar. Ich kann nicht mehr." Wieder eine Welle. "Colevar." Sie atmet Wasser, spuckt es aus, tut den nächsten Schlag und atmet noch mehr Wasser. "Colevar." Doch er dreht sich nicht um, sondern schwimmt einfach weiter, Welle um Welle um Welle, und sie strampelt mit kraftloser Verzweiflung, um zu ihm aufzuholen. Er kann mich nicht hören. Noch mehr Wasser. Noch mehr Wellen und mit jedem Sekhel sinkt sie tiefer, bis das Meer überall ist und sie nicht länger weiß, ob sie nach oben, oder nach unten treibt, und mit der Schwärze kommt die Ruhe. Ich schaffe es nicht. Das Wissen was sie erwartet, nämlich der Tod, lässt sie nach dem Seil tasten und den Knoten lösen. Ohne ihr zusätzliches Gewicht würde es Colevar leichter fallen das sichere Ufer zu erreichen. Er würde leben. Und das ist was letztendlich zählt. Mit dem Seil verschwindet auch der Zug um ihre Taille und dann ist da keine Angst mehr und auch kein Schmerz, nur eine Art leises Staunen und das Bedauern, dass sie es ihm nie gesagt hat.
Sie sinkt und sinkt und sinkt, bis ihre Füße irgendwann den weichen, sandigen Meeresgrund berühren.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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25

Sunday, February 23rd 2014, 6:53pm

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod...

Colevar. Er weiß nicht, wie lange er schon schwimmt oder ob er jemals in seinem Leben irgendetwas anderes getan hat. Seine Welt besteht aus grauen Wogen, grauem Regen, grauer See und einer grauen Linie, die am Horizont auf und ab hüpft - und Calait, die er irgendwie dorthin bringen muss. Längst spürt er weder Arme, noch Beine mehr, nur der sachte Zug ihres Körpergewichtes am anderen Ende des Seils macht ihm bewusst, dass er noch am Leben ist. Colevar. Der nächste Zug, der nächste sachte Ruck am Seil. Die graue Linie im grauen Meer, die wieder ein wenig dunkler geworden ist. Täuscht er sich oder tragen die Wellen ihn plötzlich weiter vorwärts als eben noch? Der nächste Zug, der nächste... Ruck bleibt aus. Die Kälte blanken Entsetzens schießt durch seine Adern, viel kälter als das Meer um ihn herum, und mit ihr kommt das Adrenalin, das ihn schlagartig hellwach sein lässt. Für einen Herzschlag kann er sie noch sehen, ihr Gesicht, keine zwei Schritt von ihm entfernt und er brüllt ihren Namen, doch ihre Züge sind so seltsam friedvoll und das macht ihm mehr Angst, als alles andere. "NICHT! CALAIT! Halt dich fest! Du musst..." Sie lächelt ihm noch freundlich zu, dann ist sie weg und er taucht ab. Das Wasser ist so trüb und rau, dass er überhaupt nichts sehen kann, also schießt er blind in die Richtung, in der sie eben noch war, schwimmt mit kräftigen Zügen nach unten, tastet panisch vor sich, neben sich, unter sich...Neinneinneinnein!... bekommt eine schmale, kalte Hand zu fassen und zieht sie an sich. Noch als er sich im Wasser dreht, um zur Oberfläche zurückzuschwimmen und die Beine streckt, berühren seine Füße vollkommen unvermittelt... Sand.

Sand. Grund. Steine. Fester Boden. Colevar stößt sich ab und schnellt empor, nur um zu seiner weiteren absoluten Verblüffung festzustellen, dass er stehen kann. Knapp zwar, aber er kann stehen, jedenfalls bis die nächste Welle ihn erfasst und von den Füßen reißt. "Calait? Calait, bitte. Bitte." Er kämpft sich in die Senkrechte zurück und schüttelt sie sacht, doch sie regt sich nicht. Yffern, er kann noch nicht einmal sagen, ob sie atmet oder nicht. "Calait, atmen! Komm schon, sieh mich an. Sieh mich an, verdammt nochmal!" Er stolpert rückwärts weiter den Strand oder das Ufer...was auch immer... hinauf, während ihr Kopf hin und her rollt, wird noch zweimal von Brechern umgerissen und wieder ein Stück ins Meer gezerrt, erreicht endlich knietiefes Wasser, hievt sie hoch und torkelt weiter, bis er irgendwann die Grenze der donnernden Brandung erreicht, die sich wie ein zorniges Ungeheuer auf das Ufer stürzt. Sie regt sich immer noch nicht, sie ist eiskalt und er hat nichts bei sich, um sie zu wärmen, außer seinen eigenen kälteerstarrten Körper. Er hat keine Ahnung, wo sie sind, ob es ein Fischerdorf oder wenigstens irgendein Haus in der Nähe gibt, er hat nichts, um ihre Wunde zu verbinden und keine Ahnung, was er tun soll, um sie zum Atmen zu bringen. Er sieht weder die Lichter eines Dorfes, noch einer Hütte – nur Felsen, verkrüppelte Föhren und windverwehte Dünen. Und hinter ihm, weit draußen in der Bucht von Fa'Sheel, ist die Dünung so hoch, dass sie aussieht wie heranrollende Berge. Regen peitscht ihm ins Gesicht und Colevar schluckt krampfhaft und versucht, angesichts des einzigen, schrecklichen Gedankens, der ihm noch durch den Kopf geht, nicht den Verstand zu verlieren. Sie.Ist.Nicht.Tot! Er trägt sie in den relativen Schutz der Dünen, die so hoch liegen, dass sie selbst von den weit den Strand hinaufdonnernden Wellen nicht mehr erreicht werden und erst dort lässt er sie behutsam in den nassen Sand sinken.

Das Herz schlägt ihm irgendwo zwischen den Ohren und seine Hände zittern, als er neben ihr auf die Knie fällt und nach dem Puls an ihrem Hals tastet - aber ihre Haut ist so kalt und bleich wie Marmor. Er legt sein Ohr auf ihre Brust und lauscht angestrengt - doch alles, was er hört, ist das Stakkato des Regens und das Fauchen des Windes. Calait tot. Ertrunken. Er dreht sich auf die Seite und erbricht sich, als wolle sein Körper den Gedanken mit Gewalt loswerden, doch mit der Verzweiflung kommt der Zorn. Nein, nein! "Atme!" Er packt sie an den Armen, reißt sie hoch und schüttelt sie so heftig, dass ihre Zähne laut aufeinanderschlagen. "Atme! Atme! Ich lasse dich nicht einfach so sterben, also atme! Du sollst atmen, verdammt nochmal!" Colevar versteht etwas vom Töten, nicht vom Heilen und hat sich in seinem ganzen Leben noch nie so hilflos gefühlt, wie in diesem Augenblick. "Wenn du mir jetzt stirbst, wenn du vor mir stirbst, dann bringe ich dich um", flüstert er, heiser vor Verzweiflung. "Also wag es nicht! Wag es ja nicht, mich allein zu lassen..." Sie hustet einmal, so schwach dass es kaum mehr als das Keuchen eines Kätzchens ist. "Calait?" Er streicht die wirren Locken aus ihrer Stirn, die ihr nass und schwer um den Kopf kleben, und starrt gebannt in ihr milchweißes Gesicht, doch sie regt sich nicht. "Calait! Calait! Zu den Neun Höllen mit dir, du stures Weibsstück, atme jetzt!" Er schüttelt und schüttelt sie, bis sie endlich würgt und spuckt. Dann geht ein Ruck durch ihren Körper und sie speit einen ganzen Schwall salzigen Wassers hervor. Schwindlig vor Erleichterung dreht er ihren Kopf zur Seite, damit sie sich übergeben kann und hält sie so fest, wie er es wagt ohne ihr dabei ein paar Knochen zu brechen. Als der Würgereiz endlich nachlässt, holt sie rasselnd Luft und ihre Lider flattern, einmal, zweimal - aber ihre Augen öffnen sich nicht. Sie atmet weiter, schwer und flach, doch sie atmet... nur wirklich zu sich kommt sie nicht. Colevar weiß nicht, was er tun soll oder wie er ihr helfen kann. Zur Untätigkeit verdammt kann er sie nur festhalten und mit seinem Körper vor Wind und Regen schützen. Für den Moment mag sie atmen, aber sie ist kälter als der Tod und wenn er sie nicht bald irgendwo hinbringen kann, wo es warm und trocken ist, wird sie sicher sterben.

Selbst so am Ende mit seinen Kräften, dass er nicht einmal weiß, wie er je wieder aus dem nassen Sand aufstehen soll, kämpft er sich für sie zurück auf die Füße. Calait hat kann bestenfalls hundertdreißig Pfund wiegen, aber jetzt kommt sie ihm so schwer vor wie ein Mühlstein. Dennoch schleppt er sie weiter durch die Dünen bis an den Rand der verkrüppelten Föhren. Dort findet er im Windschatten eines höheren, grasbewachsenen Sandbuckels eine flache Mulde unter ein paar knorrigen, überhängenden Wurzeln. Es ist eine bestenfalls halbwertige Höhle, und alles andere als ein Dach über dem Kopf, aber es ist besser als gar nichts. Colevar schaufelt den nassen Sand fort so gut es geht, bettet sie behutsam in die Kuhle und schiebt sie an die trockenste Stelle, die er finden kann. Dann bricht er ein paar Äste von den Föhren und verkeilt sie zwischen dem Wurzelwerk des Baumstrunks – es ist ein lausiges, löchriges Dach, aber alles, was er noch Zustande bekommt. Dann kriecht er zu ihr und rollt sich um sie zusammen. Er weiß nicht, wie lange sie sich in der Gewalt des Unwetters befinden. Stunden oder Tage. Er kann unmöglich sagen, ob es noch Tag oder schon Nacht ist. Wann immer er für wenige Augenblicke zu sich kommt, in denen er voller Entsetzen nachsieht, ob Calait noch atmet, ob ihr Herz noch schlägt oder ihre Wunde wieder blutet, und sie dann noch ein wenig fester hält, um sie zu wärmen, ist der Himmel von der gleichen kranken, grüngrauen Färbung, der Wind rauscht mit der gleichen, wütenden Intensität und der Regen prasselt mit der gleichen, unverminderten Heftigkeit nieder. Ob sie leben oder sterben ist ihm längst vollkommen gleichgültig geworden, so lange sie es nur zusammen tun. Er betet selten bewusst, doch nun tut er es, ob er gerade wach ist und zitternd nachsieht, ob sie noch atmet, oder halb bewusstlos neben ihr vor sich hindämmert. Wenn er sich an die Götter wendet, ist es für gewöhnlich eher als suche er nach etwas in seinem Inneren, etwas, das er nicht beschreiben kann, aber immer erkennt... vielleicht eine Art Seelenruhe. Doch jetzt betet er - stumm und eindringlich gleich einem endlosen, flehenden Verlangen in seinem Herzen, in seinen Gedanken, in seiner Seele. Du kannst mir alles nehmen, Sithech. Alles. Aber nicht Calait. Bitte nicht Calait. Bitte nicht. Das letzte, das er halbwegs bei Sinnen wahrnimmt, ehe die Schwärze ihn endgültig zu sich holt, ist das sein eigener Herzschlag sich verlangsamt, dass der Pulsschlag in seinen Fingerspitzen mit dem schwachen Pochen unter ihrer kühlen Haut übereinstimmt, Schlag um Schlag, langsam und stetig. Wenn er auf ein Zeichen gewartet hat, so muss ihm das wohl genügen.
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26

Thursday, February 27th 2014, 10:32pm

Beerenreif 513

Endlich

"Und dann?", piepst Klein-Jylynn, als ihr die Erzählpause zu lange andauert, und sieht mit vor Erwartung leuchtenden Augen zu Colevar auf, der daraufhin Calait anschaut, da er die Frage nicht versteht. Calait lächelt und übersetzt: "Sie möchte wissen, wie es weitergeht", woraufhin Colevar dem Mädchen auf die neugierige Nase stupst und dann in Calaits Richtung deutet: "Das musst du sie fragen. Sie war vor mir wach." Jylynn versteht kein Wort, nickt aber trotzdem – einem über zwei Meter großen Barbaren widerspricht man einfach nicht – und plinkert Calait an, die dieses Mal Allgemeinsprache in Tamartuarach überträgt, wie sie es schon seit ihrer Ankunft im Sommerlager tut. Colevar, der das Tamaraeg der Herzlande beherrscht, kann sich zwar einiges zusammenreimen, da sich die Sprachen ein wenig ähneln, versteht jedoch letztendlich nicht genug um eine wirkliche Unterhaltung mit jemand anderem, außer ihrem Vater und ihren Brüdern, sowie Rowlen, dem einzigen anderen Händler, führen zu können. Auch mit ihrer Mutter kann er sich leider nur bruchstückhaft unterhalten, was der spontanen Herzlichkeit jedoch keinen Abbruch getan hat. Und ihr jüngster Bruder, gerade mal dreizehn und ein fürchterlicher Möchtegern, hat sich von der Sprachbarriere gar nicht erst aufhalten lassen, sondern sich sofort mit Händen und Füßen unterhalten und auch schon die erste Runde auf Filidhs Rücken gedreht. Ohne Worte hat er Colevar inzwischen glaubhaft versichert, dass er eines Tages ein großer Jäger, ein noch größerer Händler und überhaupt der größte Schafszüchter des gesamten Ostwalls werden würde und Colevar hat im Gegenzug – ebenso schweigend, außer einem gelegentlichen "Ah", "Ahja", "Hmh" – erwidert, das werde er ganz bestimmt, wenn er fürs erste bitte seine großen Zehen aus Filidhs Ohren nehmen könnte.
"Stimmt. Ich war vor dir wach. Weil ich auf der Seite des Bettes lag, die Reykir zuerst erreichen konnte", nickt Calait und tauscht einen kurzen Blick mit Colevar, da sie beide wissen, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Zum ersten Mal geweckt wurde sie zwei Tage vorher durch eine panische Fischersfrau, die Angst um ihre Inneneinrichtung hatte, weil der Barbar, den sie so hilfsbereit in ihrem kleinen Häuschen aufgenommen hatte, gefangen in einem Alptraum drauf und dran war alles kurz und klein zu schlagen. Sie hatte Calait eigentlich schlafen und ruhen lassen wollen, aber nachdem sie versucht hatte ihn zu wecken, nur um gerade noch rechtzeitig einem instinktiven Stoß mit dem Ellbogen ausweichen zu können, und an ihrer Wand inzwischen mehrere Bretter lose saßen, war die Verzweiflung groß genug. Calait war gar nicht richtig zu Sinnen gekommen, sondern hatte sich noch halb betäubt vor Erschöpfung und Blutverlust von einer Bettstatt auf die andere fallen lassen, sich zwischen seine Arme geschmiegt, irgendetwas von "Schon gut, schon gut", gemurrt und prompt weitergeschlafen. Von Alpträumen keine Spur mehr – und dann war Reykir aufgetaucht.

"Aber Reykir war doch auf dem Schiff!" Dieses Mal ist es Ammelas, der dazwischen plappert und dabei Reykir zwischen den nichtvorhandenen Ohren krault und mit den Resten aus seiner Schüssel füttert. "Ja", bestätigt Calait: "War er. Du kannst dir also unsere Überraschung und den Schrecken der armen Fischersleute vorstellen, als er plötzlich bei uns aufgetaucht ist und ihren kleinen Hof geentert hat." "Was ist entern?" Tönt es gleich hinterher und Calait muss feststellen, dass nicht nur die Kleinen sie fragend anschauen. "Uhm... wenn Mikha und du Komm ins S... Zelt spielen und ihr keine Mädchen dabei haben wollt, Jylynn aber trotzdem einfach reinkommt und ihr gar nichts dagegen tun könnt, dann hat sie das Zelt geentert." Kaum hat ihr Vater für Colevar übersetzt, lacht der Sithechritter amüsiert. "Und wie hat er euch gefunden? Ist er auch über Bord gesprungen?"
Verschwörerisch lehnt sich Calait ein Stück nach vorne und tippt nun ihrerseits Ammelas gegen die Nase: "Damit." Reykir hebt kurz seinen breiten Schädel, als ob er das Gesagte bejahen wollen, bevor er sich wieder wichtigeren Dingen, nämlich dem Rest der Hammelkeule zwischen seinen Vorderpfoten widmet. "Er muss uns gerochen haben", fährt Calait fort, erntet aber nur noch mehr verständnislose Blicke, da es immer noch nicht erklärt, wie der Hund von der Loodiana in genau das Fischerdörfchen kam, vor welchem sie gestrandet waren. Genau erklären kann Calait das allerdings auch nicht. "Ihr erinnert euch an den Sturm?" Einstimmiges Nicken folgt. "Die Loodiana war weiter nach Norden gesegelt, geriet jedoch ebenfalls in den fürchterlichen Sturm und wurde daraufhin genau wie das Piratenschiff nach Westen abgetrieben. Sie erlitt einige Schäden, so dass der Kapitän notgedrungen den nächstbesten Hafen ansteuern musste und wie es der Zufall wollte, war das genau unser Fischerdörfchen. Kaum war Reykir von Bord, muss er Wind von uns bekommen haben und hat uns gesucht. So kam es, dass wir wieder auf demselben Schiff gelandet sind, auf dem wir eigentlich nach Harju fahren wollten, als hätten wir es nie verlassen."
Zwar benutzt sie das Wörtchen Zufall, aber Calait erscheint es eher wie eine schicksalshafte Fügung – denn mit Zufällen haben sie es nicht besonders, wie die jüngste Vergangenheit schon gezeigt hat. "In Harju sind wir von Bord gegangen und durch Immergrün bis zum Frostweg geritten. Nach den ganzen Abenteuern im Süden war das letzte Stück im Norden schon fast langweilig," womit sie Colevar ein süffisantes Grinsen zuwirft: "aber wir sind dankbar nicht auch noch irgendwelchen mittellosen Heckenrittern, gemeingefährlichen Löwen...", "Was ist ein Löwe?", "Eine sehr, sehr, sehr große Huutokissa, durchtriebenen Händlern, fluchenden Zwergen, auf brautschauseienden Schafzüchtern, leistenbruchgeplagten Waldläufern, verunglückten Magierinnen, waidwunden Rehkitzen, verfressenen Ziegen und großmäuligen Möchtegernknappen oder ähnlichen netten Gesellen begegnet sind." Colevars Antwort besteht aus einem extrem trockenen: "Geh sterben", was Calait mit einem kleinen Luftkuss quittiert. Bei seinem entspannten, fast schon ausgelassenen Benehmen wird ihr warm ums Herz und den Blick nach innen gerichtet lauscht sie dem allgemeinen, so schrecklich vermissten Trubel, während er nun seinerseits unter Einsatz seines gesamten pantomimischen Könnens und unter zahlreichen begeisterten Oh’s und Ah’s aus sperrangelweitoffenen Kindermündern genauer ausführt wieReykir ihn aus seinem Zauberschlaf* geholt hat. Ihr hatte der ohrenlose Zottel in seiner grenzenlose Freude immerhin nur seine feuchtkalte Schnauze den Nacken geschoben.

Warme Finger streichen ihr durchs Haar und mit einem Lächeln lehnt sich Calait ein Stück zur Seite, sucht, und bettet ihren Kopf vorsichtig auf der Schulter ihrer Mutter, die ihre Arme um sie legt und sie einfach festhält. Calait wünscht sich schlagartig wieder vier Jahre alt und nur einen halben Schritt gross sein, um sich auf dem Schoss ihrer Mutter wie ein Kätzchen zusammenrollen zu können, eingehüllt in den innig geliebten Duft nach Schneeschafwolle, Tannenholz und morgenfrischen Tau, der ihrer Mutter eigen ist. Seufzend lässt sie sich in die Sicherheit mütterlicher Nähe und Vertrautheit sinken und murmelt in der Sprache ihres Vaters: „Ihr habt mir gefehlt.“ „Und du uns, mein Mädchen.“ Rozenns Wispern ist sanft wie eine sonnenleichte Frühlingsbriese und zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit findet Calait zur Ruhe. Vertrauensvoll schliesst sie die Augen und beginnt zu erzählen. Zu erzählen, wie es wirklich war. Auf dem Schiff, bei den Piraten, im Sturm zwischen den riesigen Wellen, die sich mit Klauen aus kochender Gischt und Zähnen aus Eiseskälte auf sie gestürzt und beinahe in den Tod gerissen hatten, gefangen von einer Hoffnung, die sprichwörtlich am seidenen Faden hing und dort, dort weder die Kälte, noch die Angst ihr mehr etwas hatten anhaben können. Wo sich das Gras mit einem silbernen Rascheln unter ihren nackten Sohlen gebogen und die Unendlichkeit sie wie tausend Schmetterlingsflügel umschwirrt hatte. „Es war wie in einem Traum“, versucht Calait das Erlebte zu erfassen: „Nicht warm, nicht kalt und es war hell, obwohl keine Sonne vom nebeltrüben Himmel schien. Das Gehen fiel mir so unheimlich leicht, als ob ich über Federn tanzte, und ich konnte sehen. Ich weiss nicht mehr, was ich gesehen habe. Ich glaube es war ein Fluss. Das Ufer fiel seicht ab und ich liess mich an der Böschung nieder und streckte meine Zehen ins Wasser. Es war warm.“ Für einen Herschlag lang hadert sie damit ihrer Mutter irgendwie dieses ‚warm‘ zu verdeutlich. „Nicht warm wie Wasser, das man in einem Kessel übers Feuer gehängt hat. Es fühlte sich an wie Samt, der unter der Frühlingssonne ganz langsam geschmolzen ist. So warm.“ “Das war der Letzte Fluss“, erklärt ihre Mutter leise: “über den uns der Tote bringt, wenn wir den Ruf des Grauen vernommen haben.“ „Es muss ein Traum gewesen sein“, entscheidet Calait: „hätte er mich gerufen, würde ich jetzt nicht hier sitzen.“ Das ihr Bruder Winoc sich bei diesen Worten versteift, entgeht Calait, nicht aber ihrer Mutter und für einen Moment verschwindet das Lächeln aus deren Gesicht – was Calait ebenfalls nicht bemerkt. Was ihr in besagtem Traum noch wiederfahren ist, behält Calait für sich. Von klein auf hatten ihre Träume manche Nacht ein sehr bizarres Eigenleben entwickelt, mit einem Skelett über die Götter und die Welt zu schwatzen und Lebensphilosophien auszutauschen, bevor man sich beim Abschied auch noch auf einen Cofea verabredet ist aber defintiv eine ganz neue Erfahrung. Es muss einfach ein Traum gewesen sein. Das _kann_ einfach nicht der Tote gewesen sein. Oder vielleicht doch? Wer sagt denn, dass der Tote kein Cofea mag?

Es lässt sich nicht ausschliessen und das beunruhigt Calait mehr, als sie zugeben möchte. “Aber du bist zurück gekommen,“ ergreift ihr Bruder das Wort, woraufhin Calait ihren Blick über die wogenden Flammen hinweg auf Colevar richtet, ein silbern schimmernder Schemen in ihrer immerwährenden Dunkelheit... und nickt. Es ist nicht wirklich gelogen. Es ist aber auch nicht die Wahrheit. Es ist viel mehr als das und sie versteht es nicht. Ich habe dich gehört, spricht sie zu ihm und als ob er ihre Gedanken vernommen hätte, hebt er den Kopf und sieht sie an. Du hast mich gerufen. Nein. Du hast verlangt und ich bin einfach deiner Stimme gefolgt. Und ich habe mich nicht einen Moment darüber gewundert, dass du dazu in der Lage bist. Er würde sie überall finden und sie würde immer wissen, dass er kommt. Die Erkenntnis war ihr noch am Ufer des letzten Flusses gekommen, als sie sich vom Tod abgewandt und durch das wogende Gras bis zum Horizont gelaufen und in einen anderen Traum eingekehrt war. Dort hatte ein Mann an einem schneebedeckten Hang auf sie gewartet, halb aufgestützt auf einer riesigen, schartigen Lochaberaxt, von Hals bis Fuss eingepackt in wärmendes Leder und Fell und mit einem sanften Lächeln auf den vernarbten Lippen. Sein kahlrasierter Schädel hatte im Licht der frostblauen Wintersonne geglänzt und an Ohren und Nase hatten Silberringe und Goldstäbe gefunkelt. Sich absolut sicher ihm noch nie zuvor begegnet zu sein, hatte sie ihn begrüssen und nach seinem Namen – und etwas Orientierungshilfe – fragen wollen, stattdessen hatten ihre Füsse sie direkt an seine Brust und in seine Arme getragen. Er hatte sie hochgehoben und geküsst – und wie er sie geküsst hatte. Und sie hatte den Kuss erwidert und so gierig nach seinem Atem gelechzt, dass ihr schwindlig geworden war. Für einen einzigen winzigen Augenblick hatte sie sich in der Leidenschaft verloren, fortgeschwemmt von einer Hitze, die ihr das Fleisch von den Knochen schmolz und nur Asche zurückliess, mit ihm verschmolzen zu einem Schatten, zu einer Seele, zu einem Schlag in Ealaras Ewigkeit. Nur widerwillig hatte sie zugelassen, dass er sie zurück auf ihre eigenen Füsse stellte, obwohl sie ihn noch wenige Sekunden zuvor überhaupt nicht hatte anfassen, geschweige denn derart überfallen wollen. In seinen blauen Augen hatten sich ihre eigenen Gefühle wiedergespiegelt und dahinter, in einem Wirbel aus Eis und Feuer, das heiligen Versprechen für immer ihr und nur ihr zu gehören. „Gefunden“, hatte er weich in einer Sprache gegrollt, die sie nie zuvor gehört und doch sofort verstanden hatte. „Me ʼgar acʼhanout, Brjánn“, hatte sie wiederum in einer Sprache erwidert, die er nicht kannte und nicht hatte kennen müssen, da ihre Liebe zu ihm in ihrer Stimme mitgetanzt und in seinem Herzen widergehallt war.

Der Mann ist ihr noch niemals zuvor begegnet, der Name ‚Brjánn‘ noch nie untergekommen – allerdings als fabelhafter Vorschlag für weitere Blutaxtsprösslinge vermerkt – und die Vehemenz, mit der jeder einzelne Muskel in ihr danach verlangte ihn zu halten und am liebsten nie wieder loszulassen, ist ihr ein absolutes Rätsel. Natürlich hatten gewisse vernachlässigte Stellen ihres Körpers dreist angemerkt, ein paar feuchte Träume seien längst überfällig, wenn sie schon keinen realen… Mann zur Hand hätte, aber sie kennt den Unterschied zwischen primitiver Lust und vollkommener Vereinigung – theoretisch. Gleich darauf war es tatsächlich feucht geworden, allerdings weitaus weniger erotisch, als das sich besagte anatomische Stellen gewünscht hätten, weil Reykirs überschwänglichen Wiedersehensfreude jeder Zurückhaltung entbehrt hatte. Erst sehr viel später war ihr die Ähnlichkeit zwischen besagtem Brjánn und einem gewissen verschwiegenen Sithechritter aufgefallen. ‚Gefunden‘ hatte Brjánn gesagt – und gefunden hatte Colevar sie. Immer. Am Fusse des Ostwalls, in Talyra, bei den Piraten, in einer anderen Welt. Wenn auch nur widerstrebend, hatte sie an die Prophezeiungen gedacht, sich aber mit Händen und Füßen dagegen gesträubt voreilige Schlüsse zu ziehen. Das Band zwischen ihnen war unleugbar stark, aber Liebe war etwas ganz anderes. Etwas, das sie einfach nicht mit Colevar in Verbindung brachte. Nicht so. Geplagt von unzähligen alten, noch immer unbeantworteten und einer Menge neuer, noch gar nicht weiter sortierter Fragen war die Reise von Harju bis nach Muurla abgesehen von mittellosen Heckenrittern, gemeingefährlichen Löwen, durchtriebenen Händlern, fluchenden Zwergen, auf brautschauseienden Schafzüchtern, leistenbruchgeplagten Waldläufern, verunglückten Magierinnen, waidwunden Rehkitzen, verfressenen Ziegen und großmäuligen Möchtegernknappen oder ähnlichen netten Gesellen begegnet nicht ganz so friedlich und harmonisch verlaufen, wie vorgeschoben.
Nachdem sie von Kapitän Govard in Harjua mit den herzlichsten Segenswünschen abgesetzt worden waren, hatten sie sich vor der unwegsamen Reise durch das Immergrün für eine Nacht den Luxus eines weichen Bettes gegönnt und bei einem abendlichen Bier darüber gesprochen, was auf dem Schiff geschehen war – wie es dazu hatte kommen können. Calait hatte Colevar davon berichtet, wie man sie zur Rettung der Verletzten unter Deck gezerrt hatte, obwohl sogar einem Halblaien wie Kapitän Jansen hätte bewusst gewesen sein müssen, dass für seine Männer jede Rettung zu spät kam. Auch setzten sie aus dem, was sie jeweils einzeln in Fetzen auf dem Piratenschiff aufgeschnappt hatten, zusammen, was wirklich mit der Kreischenden Myrte geschehen war. Nämlich, dass die Begegnung mit dem königlichen Kriegsschiff ein unangenehmer und vor allem ungeplanter Zwischenfall gewesen war und man noch versucht hatte dem blutigen Zusammenprall zu entkommen, ein plötzliches Abflauen der Luft der Janeken jedoch in die Segel gespielt hatte.

Erst nach dem dritten Bier hatte Calait ihm allerdings von dem einen Satz erzählt. “Ist sie die Richtige?“ „Es muss überhaupt nichts zu bedeuten haben, es kann auch einfach nur ein komischer Zufall gewesen sein“, hatte sie eingeworfen, dabei aber den Boden ihres leeren Bierkrugs fixiert und irgendwie gehofft, er würde ihre Zweifel einfach zerstreuen – doch Colevar hatte geschwiegen und der verdammte Zufall mit ihm. Die ersten Tage nach ihrem Aufbruch waren sie nur schleppend vorangekommen, da Calait sich aufgrund der Stichwunde an ihrer Hüfte nur kurze Zeit am Stück auf Snerras Rücken hatte halten können, obwohl die Stute schon ganz instinktiv versucht hatte dem krampfhaften Geklammer ihrer Reiterin mit einem besonders weichen Gang entgegen zu wirken. Ich mach das schon, vertrau mir nur und hör auf an meiner Mähne zu zerren, so und anders hätte Snerras regelmässiges Schnauben und Kopfgeschüttel wohl interpretiert werden können, aber jedes kleine Schaukelbewegung hatte neuen Schmerz heraufbeschworen, bis Calait jeder einzelne Muskel gebrannt und Colevar sie vom Pferd heben und vorsichtig irgendwo hatte absetzen müssen. Brav hatte sie zugelassen, dass er sich ganz alleine um alle schweren Arbeiten gekümmert hatte, hatte gleichzeitig aber Hand angelegt, wo immer sich ihr die Möglichkeit geboten hatte, ohne sich zu vorausgaben oder zu überanstrengen. Ihr war sehr daran gelegen gewesen sich nach Bestem Wissen und Gewissen zu schonen, damit die Wunde schnell hatte verheilen können, doch war sie weder sterbenskrank noch tödlich verletzt gewesen und hatte durchaus hier und dort mithelfen können, allen voran beim Kochen – den Göttern sei gedankt, ansonsten wären sie nämlich wahrscheinlich einfach verhungert oder hätten sich ein paar Siebentage lang nur von trockenem Brot, Wasser und ungewürztem, gebratenem Kleinwild ernährt. Der tiefe Schnitt, den Jóir ihr zugefügt hatte, war gut und ohne weitere Komplikationen verheilt, bis nur noch ein leuchtend roter, eineinhalb fingerlanger Wulst übrig geblieben war, den die Zeit zu einem schmalen, hellen Strich verblassen lassen würde. Bis zum Frostweg zurück war die Reise ruhig verlaufen – und sehr still. So still, dass ihnen irgendwann aufgefallen war, das etwas fehlte, nämlich Mammin. Colevar hatte das letzte Mal mit ihr gesprochen, da waren sie noch durch die Hochwasser rund um Nîm gewatet, und Calait hatte ihr auf dem Floss der Adamarah die endgültige Meinung gegeigt, seither ware ihre Urgrossmutter nicht wieder aus den grauen Schleiern des Jenseits aufgetaucht, um ihnen abwechslungsweise kryptische Hinweise und nicht sonderlich hilfreiche Ratschläge zu erteilen – obwohl eine kleine Warnung vor den Piraten nun wirklich nicht zuviel verlangt gewesen wäre, wo sie doch auch sonst immer und überall einmischte, auch dann wenn es keinen ihrer beiden Schützlinge (Opfer) interessierte.

Für den winzigkleinen Bruchteil einer Sekunde hatten sie sich gefragt, ob sie den ganzen weiten und ziemlich beschwerlichen, wenn nicht sogar lebensgefährlichen Weg bis hierin umsonst gegangen, geschwommen, gerannt, geritten waren... nur um jeden weiteren Gedanken in diese Richtung ganz schnell im Keim zu ersticken, sonst hätten sie nämlich Sithechs Hallen entehren und einem gewissen vorlauten, dreizahnigen Geist in der Andernwelt den durchsichtigen Hals umdrehren müssen. So waren sie also gewandert, immer weiter nach Nordwesten, bis sie einmal mehr auf den Weg gestossen waren, der seit bald fünf Jahren immer wieder ihr Leben kreuzte. „Zuhause“, hatte Calait Colevar geneckt und ein Schnauben geerntet, das sowohl gequält, als auch resignierend und darüber hinaus auch noch irgendwie belustigt geklungen hatte. Der Rest ihrer Reise vom Rand des Immergrüns bis nach Muurla war jedoch im Vergleich mit dem, was sie bislang durchgestanden hatten, tatsächlich friedlich verlaufen und je näher sie dem Ostwall gekommen waren, desto unruhiger war Calait geworden vor lauter Vorfreude, bis jede erzwungende Pause sich wie pure Folter angefühlt und sie damit begonnen hatte Colevar mit lauter „Siehst du schon etwas?“, „Sind wir schon da?“, „Wie weit ist es noch?“ auf die Nerven zu gehen – allerdings nur so lange, bis er ihr mit dem Knebel gedroht hatte. Und dann, endlich... waren sie angekommen.


* Immerländisches Äquivalent zu Dornröschenschlaf
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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27

Wednesday, March 12th 2014, 4:29pm

Beerenreif 513, in den Bergen des Ostwalls, nordöstlich von Muurla in Immerfrost


Auf den Hund gekommen

Calait schubst ihn lächelnd ins kalte Wasser – nicht, dass er nicht schwimmen könnte –, überlässt es ihm, ihren kurzen Bericht zu ergänzen... und lehnt sich dann zurück in den Kreis ihrer Familie. Colevar gönnt es ihr, sie hat es verdient nach so langer Zeit unter Fremden endlich in den Armen ihrer Mutter zu liegen und die Nähe ihrer Brüder um sich zu wissen. Dennoch vermisst er sie augenblicklich, als wäre sie irgendwie von ihm abgetrennt worden und säße nicht nur einfach vier Schritt weiter im losen Kreis der übrigen Wolkenkinder, die um das große Feuer in der Mitte ihres Sommerlagers sitzen und leise miteinander tuscheln oder bereits erwartungsvoll lauschen. Es dauert höchstens ein paar Herzschläge, ehe sich die allgemeine Aufmerksamkeit vollends ihm zuwendet und Colevar ist ehrlich dankbar, dass Ru'n ganz selbstverständlich an seiner Seite bleibt - denn er wird einen Dolmetscher brauchen, wenn er all die Fragen beantworten soll, die Calaits bisherige Erzählung aufgeworfen hat. Und wenn er in Bryntyrchs... jedenfalls glaubt er, der Name des Jungen ist Bryntyrch... leuchtendes Gesicht an seiner anderen Seite sieht, wird er wohl vor allem das wundersame Wiedersehen mit Reykir in aller Ausführlichkeit beschreiben müssen. Die übrigen Stammesmitglieder hingegen, vor allem die Fraktion mürrischer Jäger auf der anderen Seite des Feuers, scheint viel eher daran interessiert zu sein, ob ihr Weg durch die Wälder Savos tatsächlich so langweilig war, wie Calait behauptet hat, und wie sie schließlich am Fuß der Berge auf die Späher des Stammes getroffen waren - und natürlich vor allem, warum er, der eisentragende Fremde, nicht nur von ihnen ins Lager geführt, sondern auch noch vom Schamanen des Stammes höchstpersönlich begrüßt worden war wie ein lang erwarteter Besucher. Das würde ihn selbst allerdings auch brennend interessieren. Nachdem Winoc – ihm schwirrt schon der Kopf vor all den fremden und ungewohnten Namen – zu jedermanns Überraschung einschließlich seiner selbst so offen auf ihn zugegangen war, hatte zwar auch bei den allermeisten anderen die Neugier überwogen - und Colevar hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet Calaits Mutter binnen weniger Augenblicke einen Narren an ihm fressen würde -, doch es gibt auch andere Gruppierungen im Lager. Besagte Jäger etwa, die ihn immer noch mustern, als fresse er ganz sicher kleine Kinder, schleppe die Rote Seuche ein (obwohl man ihn sehr gründlich und obendrein auch noch so lange mit heiligen Kräutern geräuchert hatte, das er sich schon vorgekommen war wie ein Schinken) oder treibe es vielleicht sogar mit den armen Schafen, sobald man ihn auch nur einen Herzschlag aus den Augen lasse.

Als er nicht sofort das Wort ergreift, kaum dass Calait geendet hat, die sich inzwischen leise mit ihrer Mutter und ihrem Schamanenbruder unterhält, setzt ein drängender Chor geschnatterter Fragen ein und selbst Ru'n sieht ihn erwartungsvoll an und nickt ihm auffordernd zu – also zuckt er mit den Schultern und beginnt zu erzählen. "Ihr wollt also wissen, wie Reykir uns gefunden hat, ja? In Ordnung. Wir waren nicht weit von einem Fischerdorf an der Nordküste der Rhaínlande gestrandet - und ich war tot. Totsicher. Andererseits taten mir höllisch die Rippen weh, was mir angesichts der Tatsache, dass ich ja ganz bestimmt einfach tot sein musste, doch ein bisschen seltsam vorkam." Ru'n lauscht seinen Worten, dann verzieht sich das wettergegerbte Gesicht von Calaits Vater zu einem belustigten Grinsen und um seine Augen entsteht ein Netz von zahllosen kleinen Fältchen. Colevar wartet, bis der Pilviihmiset das Gesagte wiedergegeben hat und fährt dann fort. "Zwar vertraute ich darauf, dass Sithech... ihr nennt ihn den Grauen... mich mit Verständnis und Gnade empfangen würde, schließlich kennen wir beide uns schon ziemlich lange, aber sicher war ich mir bei dem Leben, das ich geführt habe, auch nicht." Ritter des Todes hin oder her. "Andererseits hielt ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass sich die Qualen der Neun Höllen, sollten sie mich denn erwarten, auf ein paar gebrochene Rippen beschränken würden. Die Andernwelt konnte es allerdings auch nicht sein. Zum einen hatte ich es nicht verdient, mit den Weißen Schiffen zu segeln, zum anderen sah es hier nicht danach aus und zum dritten... ich bezweifelte doch stark, dass der Lohn der Seligen, ebenso wenig wie der der Verdammten, aus ein paar zerschlagenen Rippen bestehen würde. Und viertens und letztens... die Andernwelt riecht garantiert nicht nach Stockfisch. Da lag ich also nun, fest überzeugt, tot und im Reich des Grauen zu sein, und doch ertappte ich mich selbst dabei, wie ich darüber nachdachte, wo und wie schwer ich verletzt war." Nachdem Ru'n übersetzt hat, sieht Colevar viele Gesichter lächeln und er hört sogar das ein oder andere verhaltene Kichern. So ist das also – mit Humor fängt man Wolkenkinder. Ein paar Männer nicken auch verstehend und er glaubt gespannte Neugier in nahezu allen Augenpaaren ringsum zu sehen, aber sicher ist er sich keineswegs. "Mein Schädel brummte wie ein Bienenstock. Meine Rippen brannten. Ich hatte überall Prellungen und Wunden - aber ich hatte schon viel Schlimmeres überstanden, sagte ich mir, und außerdem war ich ja tot, also würde es ohnehin keine Rolle spielen." Yffern! Was bist du doch für ein großartiger Lügner. Du sagst ihnen, ihr und dir selbst, dass es dir nichts ausgemacht hat!

Doch Colevar erinnert sich genau an jenen Morgen nach dem Sturm, als er wieder zu sich gekommen war, und an die wirren Gedanken, die ihm durch den Kopf geschossen waren wie aufgeschreckte Vögel mit dunklen Schwingen, obwohl er nicht einmal wirklich bei Bewusstsein gewesen war. Was noch? Hatte er sich gefragt, und ihr Name hatte durch sein Herz geschnitten und einen Schmerz hinterlassen, der so viel heftiger gewesen war, als ein paar gebrochene Rippen und eine zerschnittene Schulter. Calait. Hätte ihm damals auch nur ein Muskel seines zerschlagenen Körpers gehorcht, hätte er sich vor Pein zusammengekrümmt. Ihm war gewesen, als stünde er neben sich und das einzige, was er gespürt hatte, war eine tiefe Verzweiflung... doch dann hatte er ihre Hand an seiner Schulter gespürt, ihre Wärme, die sich an seine Seite geschmiegt hatte und ihr solides, tröstliches Gewicht dicht neben ihm. So abrupt wie er von seinem Körper getrennt worden war, hatte er sich wieder darin zu Hause gefühlt und Calaits Berührung hatte den Kern aus Eis in seinem Inneren aufgelöst. "Ich weiß nicht, ob ich nach dieser Feststellung einfach wieder einschlief oder noch einmal das Bewusstsein verlor, aber als ich irgendwann später... ich könnte nicht sagen, ob es Stunden oder Tage später waren... aufwachte, wusste ich, dass ich ganz und gar lebendig war, weil mir nämlich jeder Knochen weh tat." Die Gesichter ringsum verziehen sich zu mitfühlenden Grimassen, kaum das Ru'n übersetzt hat, zeigen jedoch auch gespannte Neugier und viele Blicke wandern zwischen Colevar und Reykir hin und her, der seitlich neben und hinter ihm liegt, so dass er sich bequem anlehnen und der Hund seinerseits den Kopf jederzeit auf Colevars Bein betten könnte. Im Augenblick ist Herr Stummelnarbenohr jedoch noch eifrig mit der Hammelkeule beschäftigt, die er zwischen den Pfoten hält und mit seinen mächtigen Zähnen bearbeitet, so dass der massive Knochen nur so kracht. "Außerdem hörte ich draußen ziemlichen Lärm und der wurde immer lauter. Ich sah noch, wie die Fischersfrau, die uns aufgenommen hatte, über mich hinwegblickte und ihr Gesicht eine ganz furchtbar entsetzte Miene annahm, doch dann war Reykir auch schon in der Hütte und sprang auf das Bett." Colevar hatte sich kaum alarmiert aufgerichtet, als er prompt wieder auf die strohgefüllte Matratze zurückgeworfen worden war, weil gut neunzig Stein Hund im wahrsten Sinne des Wortes über ihn gekommen waren wie ein krallenbewehrter, dicht bepelzter Wirbelwind. Draußen waren immer noch Schreie und Rufe zu hören gewesen, doch die gingen schon im wilden Schlabbern von Reykirs Zunge unter, die jeden Sekhelrin seines Gesichts bearbeitet hatte, einschließlich der Innenseite seiner Nase.

"Ich versuchte also den ekstatischen Hund abzuwehren und mich irgendwie aufzusetzen... was nicht ganz einfach war..." Reykir, der genau spürt, dass von ihm die Rede ist, lässt Hammelkeule Hammelkeule sein und schiebt seine nasse Schnauze energisch unter Colevars Arm hindurch. Als sein breiter Kiefer bequem auf dessen Knie liegt, blinzelt er prustend zu ihm hoch, bis sein Herr ihm das dichte, rauchgraue Nackenfell zaust und die Reste seiner verstümmelten Ohren krault – eine Geste, über die Colevar überhaupt nicht nachdenkt, die ihn in den Augen des hundevernarrten Wolkenvolkes jedoch anscheinend gleich noch einmal ein wenig menschlicher und nicht mehr so fremd erscheinen lässt. Immerhin leben hier im Lager Dutzende von Hunden, die alle ein wenig aussehen wie zu klein geratene Plüschwölfe. Viele von ihnen liegen jetzt bei ihren Menschen rund um das große Feuer, nicht anders als Reykir hier bei ihm. Die Pilviihmisethunde beobachten den fremden Rüden zwar dauernd, wenn sie glauben, Reykir beachte sie gerade nicht, doch sie halten zu diesem riesigen, narbigen Eindringling in ihrem Reich sicherheitshalber noch gehörigen Abstand. Der recht treffende Vergleich lässt Colevar lächeln, auch wenn es ein wenig melancholisch gerät. Dir geht's hier genauso wie mir, Kumpel. "Ich war furchtbar froh, ihn zu sehen," gibt er unumwunden zu. "Aber ich fragte mich natürlich, was zur Hölle er mit dem Schiff gemacht hatte - und wie bei allen Göttern er hierher gekommen war. Wie die Loodiana in das Fischerdorf gekommen war, in das man uns gebracht hatte, nachdem die Fischer uns nach dem Sturm mehr tot als lebendig am Strand aufgesammelt hatten, hat Calait euch ja schon erzählt. Nun, bevor ich ihr im Sturm auf dem Meer hinterhergesprungen war, hatte ich Reykir befohlen zu bleiben und er hat mir auch gehorcht... allerdings nur so lange, bis man auf der Loodiana gesehen hat, wie ich im Tauwerk der Kreischenden Myrte hing und hochkletterte. Da hat er versucht, mir hinterherzuspringen, aber irgendein Seemann hat geistesgegenwärtig ein schweres Netz über ihn geworfen und sie haben in unter Deck eingesperrt... jedenfalls so lange, bis sie den Sturm überstanden hatten. Govard und seine Männer dachten, Calait und ich, wir wären beide tot, denn die Wrackteile der Kreischenden Myrte und eine Menge Piratenleichen lagen überall am Strand verstreut, die ganze Küste entlang. Also brachten sie die Hunde und Pferde von Bord, um sie loszuwerden und zu verkaufen, doch kaum war Reykir an Land, nahm er meinen Geruch auf und es gab kein Halten mehr... so hat er uns gefunden und Kapitän Govard und ein paar seiner Matrosen zu uns geführt."
"Mit seiner Nase!" Kräht Klein-Jylynn begeistert, als Calaits Vater seine Worte wiedergegeben hat und tippt sich selbst auf die Nasenspitze wie er es vorhin mit ihr tat - und Colevar lacht leise. "Aye. Genau mit der." Fremde Sprachen zu erlernen ist ihm schon immer leicht gefallen und das Tamartuarach der Wolkenkinder ist – wie viele Sprachen der Ersten Menschen und ihrer Nachfahren – dem alten Tamar ebenso ähnlich wie das Tamaraeg der Herzlande. Natürlich sind die beiden Sprachen längst nicht so leicht miteinander vereinbar, wie es das Tamairge der Drachenlande und das Tamaruinn na hLaigeann Laigins wären, doch sie sind sich ähnlich genug. Er hätte die Worte des Mädchens noch nicht übersetzen können, aber die Gesichter und Körper der Wolkenkinder sind so ausdrucksvoll, dass er vieles von dem, was um ihn her gesprochen wird, bereits erraten kann, obwohl er nur jedes zehnte Wort versteht. Er kann nur bedauern, dass er die Körpersprache nicht ebenso aufschlussreich beherrscht, so dass er stets warten muss, bis Ru'n für ihn übersetzt.

"Die Männer der Loodiana haben sich recht gefreut uns zu sehen, aber sie konnten gar nicht glauben, dass wir noch am Leben waren... und mehr oder weniger wohlauf. Aber Calait hat recht..." in diesem Augenblick spürt er ihren Blick zwischen den Schulterblättern, so deutlich, als habe sie ihn tatsächlich berührt, und für einen Moment dreht er den Kopf und wendet sich zu ihr um. Er sieht sie nicken, offenbar auf irgendetwas, das ihr Bruder – der Schamane – gerade eben zu ihr gesagt hat, doch ihr blinder Blick sucht dabei seinen und findet zielsicher seine Augen. Ja. Die Art, wie sie ihn ansieht, hat ihn aus seiner Erzählung gerissen und selbst als sie den Kopf senkt und sich wieder ihrer Mutter zuwendet, braucht er noch einen Herzschlag, bis er zu seiner Geschichte zurückfindet. "Ah...hm. So sind wir wieder auf dem Schiff gelandet, auf dem wir ohnehin nach Immerfrost fahren wollten, auf der Loodiana."
Eine der Frauen, die zuhört und nicht weit weg von ihm sitzt, sieht ihn direkt an und stellt eine Frage, doch ihre Stimme klingt dabei schon eher erstaunt als misstrauisch. "Kaerlagad will wissen, wie ein... Schf... Sh... Schiff..." selbst Calaits Vater tut sich schwer mit dem ungewohnten Wort in der Allgemeinsprache, vermutlich, weil er in Muurla oder wo immer sie sonst zum Handeln hingehen, wohl nie von einem gehört, geschweige denn je eines gesehen hatte, "einen Namen haben kann." Das scheint ihn selbst auch zu interessieren, denn Ru'n setzt nach, es sei doch nur ein Ding, das auf dem Wasser schwimme wie ein Fischerfloß. Flöße kennen die Wolkenkinder anscheinend, vielleicht von den Immerfrostern. Also ertappt Colevar sich dabei, wie er versucht, dem Stamm der Freunde des Schneeluchses ein Schiff zu erklären... und kommt dabei sogar erstaunlich weit, vor allem, weil er seine grobe Form und seinen Daseinszweck, nämlich auf dem Großen Wasser - das Meer kennen die Wolkeninder anscheinend aus uralten Legenden ihres Volkes - zu schwimmen und nicht unterzugehen, einfach mit einem dünnen Ast in die weiche oberste Schicht des ansonsten festgestampften Erdbodens kratzt. Mit den Bildern können sie viel mehr anfangen, als nur mit bloßen Worten und so drängen sich seine Zuhörer alsbald um sein hin gekritzeltes Werk oder verrenken sich schier die Hälse, um nur ja zu sehen, was ein "Schiff" jetzt eigentlich genau ist. "Aber es ist mehr als nur Kiel, Reling, Planken, Aufbauten, Segel und Tauwerk, vor allem ein altes Schiff, das schon viel gesehen hat. Menschen mögen es aus Holz und Teer, aus Leim, Eisen und Segeltuch gebaut haben, aber es ist auch wie ein großes, lebendiges Wesen, das einen über das endlose Meer trägt."

Er tauscht einen Blick mit Calait, um deren Mund sich bei diesen Worten ein leises Lächeln legt. Die Loodiana war ein zähes, altes Mädchen, doch der Sturm hatte ihr schwer zugesetzt. Sie hatte Schlagseite und etwa einen Fuß Wasser im Kielraum, als sie sie wiedergesehen hatten - und sie brauchte einen neuen Mast, was ein paar Tage in Anspruch nahm, bis der richtige Baum gefunden, gefällt, bearbeitet und eingesetzt war. Seine Rippen und ihre Schnittwunde hatten also ein wenig Zeit zu heilen, bis sie ihre Reise fortsetzen konnten und wieder auf dem Wasser waren. Sie waren mit der Abendflut ausgelaufen und er erinnert sich gut an jene Nacht, als Calait und er nach all dem Erlebten zum ersten Mal wieder auf dem Meer waren, vor allem an die völlige Gegensätzlichkeit des flammenden Sonnenuntergangs zum vorangegangenen Sturm, an die blitzenden Schwärme grüner und silberner Fische und an die glänzenden Farlire, die das Schiff stundenlang begleitet hatten. Wie Zwillingsphönixe aus der Asche hatten sich die zwei Monde aus dem Wasser erhoben, der eine silbrig und riesenhaft, der andere klein und golden. Das Meer war dunkel, und obwohl die Farlire nicht mehr zu sehen waren, hatte er gewusst, dass sie noch da waren und mit der Loodiana Schritt gehalten hatten, die nur so durch das Dunkel dahingeflogen war. Calait hatte die beiden Monde nicht sehen können, aber sie schien ihren Aufgang gespürt zu haben und hatte tief geseufzt, als die riesenhaften Scheiben zum Greifen nah über dem Horizont geschwebt waren. Colevar war zu ihr getreten und in diesem Augenblick hatte er es gewusst. Er hatte es einfach gewusst, so wie er damals gewusst hatte, dass er auf eine sehr starke und sehr geheimnisvolle Weise mit ihr verbunden ist und dass er sie mehr will, als gut für sie beide ist, als sie diese verfluchte Augenbinde abgenommen hatte. Aber eine Frau zu lieben bedeutet etwas ganz anderes, als sie nur zu wollen, selbst wenn das Verlangen stark ist, das zumindest weiß er ganz genau. Er hatte sich geschworen, dass ihm das nie wieder passieren würde, dass Liebe Gift wäre und er diesen Kelch nie wieder trinken würde, nicht noch einmal. Doch obwohl er nicht gewollt hatte, dass es geschieht, obwohl er alles, wirklich alles in seiner Macht stehende dafür getan hatte, es nicht zuzulassen, war es geschehen, einfach so - und es lässt sich auch nicht länger verleugnen. Irgendwo hat er einmal gelesen, dass die meisten Dinge nur geschähen, weil Menschen irgendetwas wollen. Daran mag etwas sein, aber Verlangen ist ein seltsames und erschreckendes Ding, das ganz sicher nicht viel mit freiem Willen zu tun hat. Denn ein Mann mag entscheiden, was er sich nimmt und was er hergibt, was er behält oder verschenkt - aber er nicht, was er will.

Wahr ist auch, dass du alles getan hast, um für die Sicherheit der Frau zu sorgen, die du liebst. Und jetzt ist sie hier und in Sicherheit und wird es nie erfahren. Sie wird es nie erfahren, niemand wird es je erfahren. Als Colevar bei diesen Erinnerungen einen Moment lang schweigt, mustert Ru'n ihn ausgesprochen aufmerksam, beinahe schon scharf, doch als der ältere Pilviihmiset seinen fragenden Blick bemerkt, lächelt er nur breit. Ob Ru'n etwas davon ahnt, wie viel er bei seiner Erzählung auslässt? Mehr als Calait es getan hat. Auch er erwähnt mit keinem Wort, was sie ihm über die Piraten erzählt hatte oder dass ihn wirre und seltsame Träume heimsuchen, seit er seine Füße zurück auf immerfroster Boden gesetzt hat... oder dass Mammin, immerhin einer der Gründe seines Hierseins, sich seit Wochen beharrlich ausschweigt. Calait war ihr Fehlen ebenso aufgefallen, wie ihm selbst, doch im Gegensatz zu ihr meint er, den faltigen alten und irgendwie untoten Dreizahn immer noch spüren zu können... irgendwo am Rand seines Verstandes, wo sie sanft und warm herumstreicht, wie die Berührung einer geliebten Großmutter... oder Urgroßmutter ... Der Gedanke, dass ihn ein Geist begleitet, beunruhigt ihn schon lange nicht mehr, ganz im Gegenteil... unter den gegenwärtigen Umständen findet er die Vorstellung, dass Mammin immer noch bei ihm ist sogar außerordentlich tröstlich. Ob ihr Bruder deshalb nach uns hat Ausschau halten lassen? "Es stimmt, wir... wir haben es ohne größere Zwischenfälle nach Muurla geschafft und dabei weder mittellose Heckenritter, noch gefährliche Löwen, fluchende Zwerge, leistenbruchgeplagte Waldläufer, verunglückte Magierinnen oder durchtriebene Händler getroffen. Doch ganz so langweilig war unsere Reise dann doch nicht." Die Wildnis Savos war so ungeheuerlich in ihren Ausmaßen, wie er sie in Erinnerung hat: graugrüne, nebelverhangene endlose Wälder, dick bemooste Baumstrunke und Äste soweit das Auge reicht, die hohen, aufrechten Stämme der Sumpfkiefern und Fichten so gerade wie die Masten längst versunkener Schiffe und dazwischen knorrige Steineichen und mächtige Baumriesen, deren Kronen zahllose Klafter über ihren Köpfen in einem Wind rauschten, der unten am Boden in einem Meer aus Farnwedeln nicht einmal zu hören war. "Nordöstlich von Ylane wurden wir auf der Straße nämlich von zwei Möchtegern-Wegelagerern aufgehalten. Da sie aber ungefähr neun und zwölf Jahre alt und nur mit einer Armbrust bewaffnet waren, die zu Cobrins Zeiten schon steinalt gewesen sein dürfte und die ihnen ganz sicher um die Ohren geflogen wäre, hätten sie es tatsächlich geschafft, sie abzufeuern, waren wir nicht in Gefahr. Shirin hat einen von ihnen über den Haufen gerannt vor lauter Begeisterung darüber, mitten in der Wildnis ein Kind zu treffen, woraufhin der andere die Armbrust fortgeworfen und Fersengeld gegeben hat. Aber Reykir hat ihn eingefangen und äh... am Hemdsärmel zu uns zurück gezerrt.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir ihnen ein verständliches Wort entlocken konnten, aber etwas von Calaits Kanincheneintopf und ein wenig Fladenbrot hatten wahre Wunder gewirkt. Sie sagten, ihre Namen seien Aimo und Miska, und ihre Eltern wären im Frühjahr gestorben. Der Vater war von der Jagd nicht zurückgekehrt und die Mutter hat ein Kind zur Welt gebracht, was weder sie noch das Baby überlebt hatten. Die Jungen kannten keine Verwandten von ihrer Vaterseite her, aber ihre Mutter sei eine Kirkkonen aus Muurla. Da wir ja ohnehin auf dem Weg dorthin waren, haben wir die beiden Vagabunden mitgenommen, um die Kirkkonens zu suchen und herauszufinden, ob man die zwei dort unterbringen kann. Allen Göttern sei Dank war eine ihrer Tanten die erste, die uns in der Stadt über den Weg lief. Nachdem sie gehört hatte, was geschehen war, hat sie nicht nur die beiden Jungen aufgenommen, sondern uns auch ihre Gastfreundschaft angeboten, und uns mit Proviant und Informationen versorgt. Wir erfuhren, wann die Händler eures Stammes in der Stadt gewesen waren und wo genau wir in den Wäldern östlich von Muurla vielleicht am ehesten auf Späher der Pilviihmiset stoßen würden. Wir waren drei Tage in der Stadt, dann brachen wir in Richtung der Berge auf – und den Rest der Geschichte kennt ihr." Das Wetter war fast ununterbrochen schlecht gewesen, selbst für Immerfrost im Beerenreif. Die Wolken waren so dicht über den Bergen gehangen, dass sie schon an ihrem Fuß im beginnenden Hügelland tagelang durch dichten, kalten Nebel geritten waren. Sie hatten nachts an Stellen geschlafen, die sich als Unterschlupf angeboten hatten, sich in ihre feuchten Kokons aus Pelzen und Decken gehüllt und die wärmenden Hundeleiber dicht bei sich behalten, obwohl sie nass waren und entsprechend auch nach nassem Hund stanken. "Vor zwei Tagen fanden wir Rowan und seine Söhne, dank sei Calaits Katzenjammer... oder besser gesagt, sie fanden uns." Hier schmunzelt selbst die grimmige Jägerfraktion jenseits des Feuers erheitert, die die Geschichte bestimmt schon längst von Rowan und den anderen Spähern gehört hat. Als sie nämlich nach zwei reichlich durchweichten und verregneten Wochen östlich von Muurla endlich den Fuß der Berge - und damit sogar besseres Wetter - erreicht hatten, hatte Calait, kaum dass sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, aus heiterem Himmel damit begonnen, ein im wahrsten Sinne des Wortes erbärmliches Geschrei zu veranstalten. Shirin, so verdutzt wie sie alle, hatte daraus augenblicklich ein steinerweichendes Jaulduett gemacht, und Reykir hatte sich knurrend nach allen Seiten umgeblickt und war hinter jeden Busch geschossen, um die mögliche Ursache für diesen Höllenlärm aufzustöbern und am besten auf der Stelle zu zerfleischen. Natürlich hatte Colevar ihr sofort erschrocken den Mund verschlossen und wissen wollen, ob Calait vielleicht ein kleines Bisschen übergeschnappt war oder warum bei allen Neun Höllen sie auf einmal so abgehackte, schrille Rufe von sich geben würde, aber für einen Herzschlag lang hatte er auch ein ganz und gar merkwürdiges Déjà-Vu, als sei er schon einmal genau hier gestanden, mit ihr an seiner Seite und sie habe dieselben, merkwürdigen Töne von sich gegeben. Er hatte ihr sogar den Mund zugehalten, genau wie eben... nur dass sie nicht sie und er nicht er gewesen war... oder doch? Calait hatte pikiert seine Hand aus ihrem Gesicht gepflückt und ihm dann ungeduldig erklärt, was genau sie da tat – und prompt damit weitergemacht, und zwar so lange (und so schräg), dass er sich fest auf die Zunge hatte beißen müssen, um nicht laut zu lachen. Außerdem hatten einige Wipfel der stolzen immerfroster Fichten ringsum schon verdächtig rosa geschimmert - doch vielleicht war das ja nur der Schein der Abendsonne. Als sie endlich verstummt war, war Colevar sich absolut sicher gewesen, dass inzwischen garantiert jeder Valkoinen Ilves Kater im Umkreis von zweihundert Tausendschritt auf den Weg zu ihr war und auch, dass es in den Wäldern Savos jetzt ein oder zwei Schwarzfichten gab, die durchdringend nach Himbeerpudding rochen und obendrein gelbgrün gestreift mit violetten Punkten waren. Natürlich hatte er umgehend eine todernste Miene aufgesetzt – obwohl sie vermutlich genau gewusst hatte, dass er innerlich immer noch lachte.

Dann hatten sie gewartet, während das Licht langsam verblasst war und sich zwischen den Bäumen zurückgezogen hatte. Um die dicken, bemoosten Stämme hatten sich die Schatten gesammelt und waren an ihnen emporgewandert, während ihre Kronen noch in flüchtige, schimmernde Helligkeit getaucht waren. Das Zwielicht hatte sich ausgebreitet wie die Nacht, die von der Erde zum Himmel aufgestiegen war... einen Augenblick zuvor hatte die Abendsonne, die durch die Eichenblätter gefallen war, Calaits dunkles Haar noch mit Gold und Rot gesprenkelt wie das Fell eines Rehs, dann war es düster geworden und grüne Schatten hatten sie umhüllt. Die Luft unter den Bäumen war so schwer und kühl geworden wie in einem Tempel, halbdunkel und voller Erinnerungen an balsamischen Duft. Colevar hatte es ihr überlassen, sich – bewacht von Reykir - mit Feuerstein und Zunder zu beschäftigen, während er mit Shirin zu einem nahegelegenen Bach gegangen war, um ein paar Forellen für ihr Abendessen zu fangen. Er hatte Glück gehabt und die Fische hatten gut gebissen – es hatte keine knappe Stunde gedauert, bis er mit zwei fetten Regenbogenforellen zu ihr ins Lager zurückkehrt war. In der Zwischenzeit war es so dunkel geworden, dass er sie nur mehr schemenhaft über einem glimmenden Häufchen Reisig kauern sehen konnte, während ein Rauchfaden zwischen ihren schlanken, narbigen Fingern aufgestiegen war. Er hatte ihr die Fische gebracht und Feuerholz gesammelt, während um sie her kleine Frösche quakten und Abendsänger in den Baumkronen riefen. Eine Weile waren sie einfach nur in kameradschaftlichem Schweigen beieinander gesessen, während ihr Feuer hell in der Dunkelheit dieser sanften, verheißungsvollen Sommernacht gebrannt hatte, und er weiß noch, dass er über die stille, aber glühende Vorfreude in ihren Augen – sie war sich absolut sicher, dass die Späher ihres Volkes ihren Ruf gehört hatten – gelächelt hatte, während er sie beobachtete. Dann waren sie gekommen und Reykir hatte sie zuerst gewittert. Da es so dunkel war, hatte Colevar mehr gespürt als gesehen, wie der Hund neben ihm plötzlich den Kopf gehoben und die Ohrstummel gespitzt hatte. Gleich darauf hatte er Filidhs warnendes Schnauben gehört, ein kurzer, harter und prustender Laut. Colevar war aufgestanden, hatte Reykir die Hand auf den Nacken gelegt und sein warnend gesträubtes Fell gespürt, während seine Rechte bereits an seinem Messer lag. Dann war er vollkommen reglos verharrt, was wiederum Calait alarmiert hatte, doch sie waren längst so gut aufeinander eingespielt, dass sie weder gezögert, noch irgendwelche Fragen gestellt hatte. Als sei überhaupt nichts gewesen, war auch sie aufgestanden, hatte die Schuppen der Fische kurz aus ihren Röcken geschüttelt und war dann hinter ihn getreten. Gleich darauf hatte er sie in seinem Rücken gespürt, ruhig, aber wachsam.

"Kannst du etwas sehen?" Hatte sie geflüstert und er hatte die Besorgnis, aber auch die vage Hoffnung in ihrer Stimme gehört. Sie hatten zwar mehr oder weniger darauf gesetzt, von den Spähern ihres Volkes gefunden zu werden, aber ihr Rufen war ja erst zweieinhalb Stunden her... da war es ebenso gut möglich, dass sich gerade etwas ganz anderes im nächtlichen Wald herumtrieb. Colevar hatte sacht den Kopf geschüttelt, doch Reykir hatte noch immer unablässig geknurrt, ein leises, tiefes Grollen, das er kaum hatte hören, aber gut hatte spüren können, weil seine Hand zwischen den Ohren des Hundes gelegen hatte. Reykirs Ausdruck war unverändert warnend geblieben, doch bald war sein großer Kopf mit der bebenden Nase gewandert und etwas Unsichtbarem gefolgt. Es war eine mondlose Nacht gewesen, in der Colevar lediglich die Schemen der Bäume und die beweglichen Schatten der Dunkelheit selbst hatte erkennen können – sonst nichts. Er hatte sie also erst spät entdeckt, und obwohl er einige Männer und Frauen kennt, die durchaus in der Lage sind, sich nahezu lautlos zu bewegen, einschließlich seiner selbst, waren diese drei so geräuschlos wie Geister durch den Wald geglitten. Sie mussten den Feuerschein ihres Lagers längst gesehen haben und die Richtung, in die sie gewollt hatten, war ganz unverkennbar die ihre gewesen - und doch waren sie ebenso plötzlich wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Nur Reykirs beständiges Knurren hatte ihm verraten, dass die Fremden weiterhin in unmittelbarer Nähe sein mussten. "Es sind Menschen. Ich glaube aber nicht, dass es Immerfroster sind, Calait", hatte er ruhig und fest gesprochen – nicht laut, doch auch nicht sonderlich leise, denn er wollte, dass sie ihn hörten. "Komm neben mich in den Feuerschein, Hexchen, damit sie dich sehen. Wenn sie vom Wolkenvolk sind, erkennen sie dich bestimmt. Mir trauen sie jedenfalls gerade nicht über den Weg." Sie hatte ihn schon gewarnt, dass die Wolkenkinder misstrauisch sein würden, wahrscheinlich sogar ängstlich, doch mit einer derartigen Vorsicht hatte er nicht gerechnet. Calait hatte sich also aus dem Schatten hinter ihm gelöst und war ins helle Licht der hochschlagenden Flammen getreten, beide Hände erhoben, die Handflächen nach außen zum Zeichen, dass sie nichts verberge, und hatte dann etwas im Tamartuarach der Pilviihmiset in den dunklen Wald gerufen, das er nicht verstanden hatte - er hatte nur ihren Namen herausgehört. Nur ein paar Herzschläge später hatten sie sich aus der Schwärze unter den Bäumen geschält. Sie waren zu dritt, ein älterer Mann, dessen federngeschmückter Haarschopf reichlich graue Strähnen enthalten hatte und zwei jüngere, der eine vielleicht schon zwanzig, der andere kaum dem Knabenalter entwachsen. Ein Vater und seine Söhne, hatte er vermutet, denn sie ähnelten einander sehr, wenn auch mehr in Körperbau und Ausdruck, als wirklich in den Gesichtszügen. Alle drei waren, zumindest aus seiner Sicht, sehr klein. Sie waren außerdem dünn, doch zäh und mit sehnigen Armen und Beinen. Der Ältere hatte einen Jagdspeer bei sich getragen, sein größerer Sohn einen Bogen, auf den er lässig einen Pfeil aufgelegt hatte, und alle drei hatten Häutemessern an ihren Gürteln. Dennoch hatte Colevar auf den ersten Blick gesehen, dass er Jägern gegenübergestanden war, keinen Kriegern. Er hatte Reykir mit einem leisen Zungenschnalzen bedeutet, still zu sein und die Hand demonstrativ von seinem eigenen Jagdmesser genommen, eine Geste, die ihnen sicher nicht entgangen war, denn sie hatten sich ein wenig entspannt.

Alle drei hatten sie ihn mit großem Misstrauen, Calait hingegen mit lebhaftem Interesse gemustert - dann hatte der Ältere von ihnen zögerlich die Linke gehoben und etwas absolut Unverständliches hervorgeschnarrt. Doch Calait hatte es schon genügt, seine Stimme zu hören, um den Mann zu erkennen. Colevar hatte nicht gewusst – und weiß auch jetzt nicht – ob sie sich je Gedanken über diese erste Begegnung mit den Ihren nach so langer Zeit in der Fremde gemacht hat oder nicht, aber letztlich war sie einfach vorgetreten, das Gesicht des älteren Pilviihmiset hatte in plötzlichem Wiedererkennen aufgeleuchtet und er hatte ihr hocherfreut seine linke Hand auf rechte Schulter gelegt, eine Geste, die sie spontan erwidert hatte. So waren sie auf Rowan und seine Söhne Drel und Gouenou getroffen, die, wie sie bald darauf von ihnen erfahren hatten, von niemand anderem als Calaits Bruder Winoc, dem Schamanen ihres Stammes, ausgesandt worden waren, um nach ihnen zu suchen. Warum hatte Rowan - der die Allgemeinsprache als berühmter Händler seines Stammes mit den Eisentragenden recht gut beherrscht, ihnen jedoch nicht verraten. Diese Nacht hatten sie zu viert in ihrem kleinen Lager verbracht und am nächsten Morgen waren sie in die Berge zum Sommerlager ihres Stammes aufgebrochen - und nun, zwei Tage später und ein paar Stunden nach ihrer Ankunft, sitzt er hier mitten unter ihnen und kommt sich vor wie ein Eindringling. Sie sind noch immer sehr, sehr schüchtern - Schüchtern willst du das nennen? Ernsthaft? - ihm gegenüber, aber es ist nicht zu übersehen, dass er sie auch brennend interessiert – und schließlich hat er Calait zurückgebracht. Ihr Lächeln ist noch ein wenig nervös, wenn sie ihn ansehen, aber sie lächeln... oder zumindest ein paar von ihnen tun das inzwischen. Colevar glaubt zwar nicht, dass man ihn unbeaufsichtigt herumlaufen oder gar mit Kindern - oder Schafen - allein lassen würde, schließlich ist er ein Eisentragender und damit sicher imstande, jederzeit etwas völlig Unerwartetes (und bestimmt blutrünstiges) zu tun, aber ganz allgemein betrachtet, scheint das Eis doch erste Risse zu bekommen. Das liegt allerdings wohl weniger an seinem guten Aussehen, an seinem charmanten Lächeln oder seinen schönen blauen Augen (obwohl die jeden Pilviihmiset, der ihm ins Gesicht sieht, völlig zu faszinieren scheinen). Nein, dafür hatte mehr die fast schon vertrauliche Art gesorgt, wie Calaits Bruder Winoc, der Schamane, ihn begrüßt hatte, als sie das Sommerlager erreicht hatten. Ihre Ankunft hatte verständlicherweise für einigen Aufruhr gesorgt - genaugenommen nach ein paar langen Sekunden völligen Schweigens eigentlich sogar für ein Pandämonium aus Aufschreien, Fragen, Tränen, noch mehr Kreischen, handfester Verwirrung und allgemeinen Lautäußerungen jeden Grades der Aufregung, der Neugier und der Freude von schätzungsweise zweihundert Menschen jeden Alters und Geschlechts.

Der gesamte Stamm der Freunde des Schneeluchses hatte sich wie ein wimmelnder Ameisenschwarm aus einer Ansammlung kegelförmiger Zelte ergossen, die sich, verteilt auf fünf Zeltlager, um die Ufer eines Bergsees gruppierten, der so klar war, dass er den blauen Himmel, die dahinziehenden Wolken und die umliegenden felsigen Gipfel gestochen scharf und glasklar wiederspiegelte. Binnen weniger Herzschläge war Calait umringt von einem lachenden, weinenden - auch ihr waren die Tränen über das Gesicht gelaufen, doch ihre Augen hatten geleuchtet vor Freude -, durcheinanderschnatternden und sich mit Fragen überschlagenden Chaos, anders hatte man es nicht bezeichnen können. Dann hatte sich ein Mann durch die Menge geschoben, der einen langen Stab bei sich getragen hatte, welcher beinahe ebenso groß war, wie er selbst, am unteren Ende ziemlich dick und sich nach oben hin verjüngend. Geschmückt war dieser Stab mit weißen Kranich- und schwarzen Rabenfedern, die sich spiralförmig am oberen Drittel entlang wanden. Der Mann hatte die Menge geteilt wie einst Tymeon Silberschild den Ildorel, aber selbst noch sehr jung gewirkt. Nur in seinen braunen Augen hatte er einen Ausdruck von Weisheit getragen, der weit über seine Jahre hinauszugehen schien - außerdem war er Colevar so dünn, braun und zäh vorgekommen wie sonnengegerbtes Leder. Im Gegensatz zu allen anderen hatte er jedoch nicht zuerst Calait begrüßt, die ohnehin gerade von ihrer Mutter, ihrem Vater und zweien ihrer – nimmt Colevar an – Brüder umringt worden war, sondern direkt auf ihn zugehalten. Alles Gerede ringsum war schlagartig verstummt. Dann hatte er den Arm hochgereckt – zielstrebig, aber auch behutsam, als nähere er sich einem großen, unberechenbaren und möglicherweise auch gefährlichen Tier - und ihm zu seiner allergrößten Überraschung, und zum ebenso großen Erstaunen seines Volkes, die Hand an die rechte Wange gelegt. Er hatte sein Tun mit keinem Wort erklärt, weder ihm noch seiner erstaunten Schwester – er war, wie sich herausstellte, niemand anderes als Winoc, Schamane des Stammes und noch einer von Calaits Brüdern – und auch nicht seinem verwirrten Volk. Dafür hatte er mit lauter Stimme einen ganzen Schwall unverständlicher, aber freundlicher Worte hervorgestoßen, die den übrigen Wolkenkindern nach einem Moment der Verblüffung durchaus recht gewesen zu sein schienen, jedenfalls hatte Colevar zwar eine Menge leicht ratloser, aber keine verärgerten oder unwilligen Mienen entdecken können.

Schließlich hatte Calait sich aus dem Kreis ihrer Familie gelöst und war an seine Seite zurückgekehrt, um ihn vorzustellen... auch bei ihrer kleinen Ansprache hatte er seinen Namen zwar verstanden, sonst jedoch nicht viel, doch sie hatte ihm flüsternd erklärt, dass ihr Bruder Winoc ihn im Namen des Stammes der Freunde des Schneeluchses als Besucher willkommen heiße, dass er ein Gast des Herdfeuers des Geisterbären sei (was immer das bedeuten mag, dafür hatte sie auch keine Erklärung), und dass zu Ehren von ihrer sicherer Rückkehr und um den Ahnen zu danken bei Sonnenuntergang ein Festmahl und eine Art Willkommensfeier am Großen Feuer stattfinden würden. Er war ihrem Vater Ru'n, ihrer Mutter Rozenn, ihren Brüdern Maél und Bryntyrch – der sich auf der Stelle unsterblich in die Pferde verliebt hatte – sowie einer ganzen Reihe mehr oder minder näherer Anverwandter vorgestellt worden, die ihm auch alle aus mehr oder weniger größerer Entfernung zu gewunken hatten – bis auf ihre Mutter, bei der er sich des Eindrucks nicht erwehren hatte können, dass ihn die Frau aller Rituale und Vorsichten ihres Volkes zum Trotz am liebsten umarmt und geküsst hätte. Auch Ru'n ihr Vater war ausgesprochen freundlich gewesen, aber auch so aufmerksam, dass es an Wachsamkeit grenzte – und er war Colevar seither kaum von der Seite gewichen. Das tut er auch jetzt nicht, als Calait und er ihre Reisegeschichte beendet haben und sich tiefschwarze Nacht über das flache Hochtal mit den angrenzenden Almweiden, dem See und dem Sommerlager spannt, während die Flammen des Großen Feuers hochschlagen und ihre Funkenschauer zu den glitzernden Sternen emporschicken. Colevar wird das Gefühl nicht los, dass Ru'n ihm zwar grundsätzlich aufgeschlossen gegenübersteht, ihm jedoch auch nicht nur aus reiner Freundlichkeit als Übersetzer dient. Er hat mehr den Eindruck, der Pilviihmiset beobachte ihn sehr genau und das mit allen Sinnen – nicht unbedingt feindselig, aber auch nicht nur im Bemühen, den Boden für zukünftige Beziehungen zu erkunden. Eher als versuche der Mann... ihn zu durchschauen. Es mag nicht ganz das richtige Wort sein, aber es ist nahe daran. Wie auch immer – ihre lange, lange Reise hat vorerst jedenfalls ein Ende gefunden. Sie sind hier. Im Ostwall. Bei ihrem Stamm – und bei dem Schamanen, der ihm sagen würde, warum der Geist ihrer Ur-ur-großmutter ihn heimsucht... und wie eine alte, bösartige Schamanenschlampe am besten umzubringen wäre. Dafür sind sie schließlich hergekommen.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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28

Thursday, May 15th 2014, 7:02pm

Beerenreif 513


Und täglich grüsst der Schwarzhut...

Das der Schamane, ihr Bruder Winoc, sie bereits seit geraumer Zeit erwartet hat und besser als ihnen lieb ist weiss, warum sie den langen und beschwerlichen Weg (schon wieder) auf sich genommen haben, erfahren sie zwei Tage später, nachdem der erste feierliche Tumult sich gelegt hat und der Alltag wieder seinen gewohnten Gang geht. Die Sippenälteste hatte angedacht Colevar und Calait getrennte Schlafstätten anzubieten, woraufhin zu ihrer aller Überraschung ausgerechnet Ru’n darum ersucht hatte sowohl seine Tochter, als auch den Eisentragenden in seinem und Rozenns Wigwam unterbringen zu dürfen – obwohl es eigentlich Brauch ist, dass nur Gefährten und deren Kinder in einem Zelt wohnen. Calait ist nicht entgangen, dass ihr Vater Colevar eine seltsam diskrete Wachsamkeit entgegen bringt, allerdings ohne dabei auf irgendeine Art und Weise ablehnend zu erscheinen, aber sie schiebt es auf das allgemeingültige Recht eines jeden Vaters unbekannte männliche Begleiter der eigenen Töchter erst einmal als potentielle Freiwild einzustufen, auf das man nach Belieben schiessen darf, sollte sie auch nur einen Hauch von Gefahr ausatmen. Wahrscheinlich will ihr Vater nur sicherstellen, dass Colevar in der Nacht nicht auf dumme Gedanken kommt, wie zum Beispiel über eine der Wolkentöchter herzufallen, oder aber mordend und brandschatzend durch das Lager zu ziehen. Das ihre Mutter den Eisentragenden hingegen am liebsten wie einen lang vermissten Freund in ihre Arme geschlossen hätte und auf das Ersuchen ihres Gefährten hin auch überhaupt keinen Einspruch eingelegt hatte, verwirrt Calait da schon mehr. Nur noch weniger versteht sie die Offenheit, mit der ihr Bruder, der als Schamane dem Stamm als Wegweiser und Hüter, als spirituelles Oberhaupt und weiser Mann dient - und das obwohl er gerade einmal um die zwanzig Sommer zählt - und der in jeder Hinsicht Vorsicht walten lassen muss was den Schutz seines Volkes betrifft Colevar mit einer Geste, die ihn als Freund der Wolkenkinder zeichnet, begrüsst und damit eigentlich schon so gut wie in ihre Familie aufgenommen hat. Natürlich verbleiben viele Stammesmitglieder misstrauisch und verhalten sich sehr zurückhaltend, aber danksei Winocs symbolischen Vertrauensbeweis kann Colevar sich trotz der Tatsache, dass er einem Barbaren nicht unähnlich sieht und die Geschichte der Pilviimiseth nur Schlechtes und Schreckliches von dem Volk der blutrünstigen Nordmänner erzählt, relativ frei innerhalb des Sommerlagers bewegen.

Letztendlich entscheidet Winoc, dass Colevar in seiner Höhle als offizieller Gast des Stammesschamanen am Grossen Feuer schlafen soll, während Calait als ungebundene Frau wieder im Wigwam ihrer Eltern nächtigen und sich zusammen mit ihrem jüngsten Halbbruder Bryntyrch ein Fell teilen wird. Weder für Calait, die es sich gewohnt ist neben (über und auf) Colevar zu schlafen, noch für Bryntyrch, der sich im Schlaf gerne einmal wie ein zappelndes Eichhörnchen benimmt, ein leichtes Unterfangen. Mehrmals dreht sich Calait in der Nacht einfach zur Seite in Erwartung einer breiten, harten Brust, an welcher sie sich einrollen kann und schreckt abrupt in die Höhe, als Bryntyrch ihr als Antwort die spitzen Knie in die Oberschenkel rammt. Als sie am nächsten Morgen erwacht fühlt sie sich ein wenig wie jemand der zwischen zwei tobende Branhornherde geraten ist. Grummelnd und brummelnd pflückt sie Bryntyrchs Zehen aus ihrer Nase und muss feststellen, dass ihr Bruder es irgendwie geschafft hat sich einmal um einen halben Zirkel zu drehen, sich auf sie zu legen und ihr dabei auch noch die Wolldecke zu klauen. „Mwäh...“ Mit wild zersausten Locken und vom Schlaf noch schweren Lidern blinzelt sie aus dem Durcheinander an Fellen, Decken, Armen und Beinen, streckt dort eine Zehe, hier einen Finger und befindet es schliesslich einfach für noch viel zu früh, um überhaupt ans Aufstehen zu denken. Nur noch ein bisschen schlafen.
Wirklich geweckt wird sie letztlich durch den Duft von honiggesüsstem Fladenbrot, der verführerisch ins Wigwaminnere dringt und ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Als sie sich aufsetzt, stellt sie fest, dass sie alleine ist. Weder ihre Eltern, noch ihr Bruder sind zu sehen, nur von Aussen dringt leises Stimmgewirr, gedämpft durch die dicken Lederhäute. Als sie um sich tastet, findet sie neben sich ein Stapel frischer Kleidung. Ihre Eigenen, die sie hier zurückgelassen hat, als sie in den Süden aufgebrochen war. Ein wadenlanger Kittel aus milchheller Schneeschafwolle, der an den Seiten bis zur Hüfte geschlitzt ist, sowie ein Paar Beinlinge aus weich gegerbtem Schafsleder, dazu einfache Lederstiefel und ein reich mit allerlei Edelsteinen bestickter Gurt, der auf dem Markt in Muurla zu einem horrenden Preis verkauft werden könnte. Es würde reichen um sämtliche Wolkenkinder des Ostwalls durch einen sehr langen und sehr harten Winter zu bringen, überlegt Calait, während ihre Finger über brillierende Frostfeuersplitter, glänzende Heliodortropfen und sogar einzelne funkelnde Rauchsaphirstäbchen gleiten. Die Händler ihres Volk sind sich des immensen Wertes dieser Kostbarkeiten durchaus bewusst, vermeiden den Handel jedoch mit voller Absicht, zu gut bekannt mit der Immerfroster Gier. Wüssten die Immerfroster, dass sich ganze Höhlen im Ostwall in die strahlendsten Gaben des Steinkönigs hüllen, die Felsen und Hänge würden schon bald platzen vor lauter raffgierigen Edelsteinschürfern, die auch keinen Halt vor den ältesten und heiligsten Stätten machen würden, um ihren Reichtum zu mehren. Behutsam legt Calait den Gürtel beiseite und greift nach der Tunika, schnuppert daran und lächelt, als sie erkennt dass ihre Mutter getrockneten Lavendel und Silbermoor mit eingefaltet hat, um die Wolle und das Leder frisch zu halten.

Als ob Rozenn das Erwachen ihrer Tochter gespürt hätte, hört Calait gleich darauf ihre Stimme, die sie auffordert aufzustehen, es gäbe in Honig gewendeten Feuerkuchen und Himbeerenkompott. Das lässt sich Calait nicht zweimal sagen. Hastig zieht sie sich an und hüpft, einen Stiefel halb angezogen am Fuss baumelnd, hinaus in die klare Wärme der nichtmehrganzsofrühmorgendlichen Beerenreifsonne – und stolpert beinahe über Bryntyrch, der neben dem Feuer sitzt und mit glänzenden Augen den ersten Feuerkuchen fixiert, um den sich Calait früher schon mit Maél und Winoc gestritten hat. Gegen Bryntyrch schnelle Finger hat sie jedoch keine Chance und hilflos muss sie mitansehen, wie ihr kleiner Bruder seine Zähne im krossen Teig vergräbt und ihr den Bissen provokativ vorkaut. Er ahnt nicht, dass sie sich dafür mit Ameisen in seinen Haaren revanchieren wird. Auch Ru’n, ihr Vater, findet sich zum Frühstück ein und erklärt, dass sowohl Winoc als auch Colevar bereits früh gegessen hätten. Gemeinsam machen sie sich über das aus Pinienkernen- und Hazelnussmehl hergestellte Brot her, tunken es grosszügig in die gestampften Himbeeren und haben schon bald alle dunkelrote Zungen, Lippen und Finger. Die ausgelassene Stimmung lässt auch nicht nach, als Rozenn nach Lía fragt und Calait unverblümt, aber ruhig erklärt, was seit ihrer Ankunft in Talyra vorgefallen ist und das es Lía zurück zu den Resande gezogen hätte.
„Sie hat dich zurück gelassen?“ Obwohl es schon so lange her ist, sind die Worte ihres Vaters ein Stich in ihrer Brust. Aye, hat sie und sie wird nicht zurückkommen. Sie ist fort. „Mhm“, nickt Calait, den Mund voller Himbeeren und zwingt sich den Blick gesenkt zu halten. „Sie sagte, sie hätte einen seltsamen Traum gehabt. Eine Vision und sie könne sie nicht deuten. Irgendetwas mit einem Feuer. Sie sagte die Einzige, die ihr dabei helfen könne, sei ihre Grossmutter.“
„Al gast*?“, platzt es ganz ungeniert aus Bryntyrch heraus, wofür er einen heftigen Schlag gegen den Hinterkopf und eine scharfe Zurechtweisung von seiner Mutter kassiert, die Calait im Schlaf rezitieren könnte. Wie oft hat man ihr gedroht, dass ein Bugel sie irgendwann fressen würde, wenn ihre Zunge weiterhin so lose sässe. Bryntyrch, zu alt um an kleine, grünhäutige Monster mit riesigen Zähnen zu glauben, die es auf ungehorsame Kinder abgesehen haben, aber noch zu jung um sich gegen seine Mutter aufzulehnen, zieht eine Schnute. Calait wartet, bis ihre Mutter ihnen den Rücken zudreht, ehe sie Bryntyrch mit der Schulter leicht anstubbst und ihm verschwörerisch zuflüstert: „Ya, al gauu!“ Prompt fängt auch sie sich eine und wird von ihrer Mutter, die sich in der gleichen Bewegung schon wieder dem Frühstück zugewandt hat, belehrt: „Auch du bist noch nicht zu alt um von einem Bugel gestohlen zu werden, mein liebes Mädchen.“ Doch die Belustigung in ihrer Stimme straft der mahnenden Worte Lügen und nur einen Moment später bricht die kleine Runde in heiteres Gelächter aus.

Calait stibitzt gerade die letzten Krümel aus Bryntyrchs Finger, als Winoc und Colevar zu ihnen stossen. Reykir hält sich an der Seite seines Herren, begegnet den einheimischen Hunden, die hier und dort den Kopf heben, allerdings mit überlegener Gelassenheit. Ganz anders Shirin, die an dem grösseren Mischlingsrüden klebt wie ein Senfpflaster und ihm im Versuch ‚unter ihn zu kriechen‘ regelmässig vor die Pfoten stolpert. Als die alte Resande Calait gewahr wird, wagt sie sich denoch ganz alleine die letzten zwei Schritt bis an die fremden Menschen heran – um genau zu sein flitzt sie mit eingezogenem Schwanz und hängendem Kopf bis an Calaits Seite, landet mit einem Sprung auf deren Schoss und rollt sich freudig winsend dort zusammen. „Angsthase“, prustet Calait und zupft Hundehaare von ihrer Zunge, umarmt die Hündin aber gleichzeitig liebevoll. Mit einer simplen Geste und ein paar wenigen Worten lädt Rozenn Colevar dazu ein ebenfalls Platz zu nehmen und gibt ihm damit als Hüterin der Flammen die Erlaubnis die Wärme ihres Feuers aufzusuchen, wann immer ihm danach beliebt. Es mag wie eine einfache Aufforderung aussehen, in Wahrheit ist es ein Zeichen des Vertrauens, wie es das Wolkenvolk eigentlich nur untereinander gewährt, denn die Feuerstelle ist das Herz ihres Beisammenseins. Um sie herum spielt sich das Leben einer Familie ab, hier wird alles geteilt, alles gegeben, hier trifft man die wichtigsten Entscheidungen und in der Macht der Mutter oder der Mütter liegt es zu bestimmen, mit wem sie diese Gemeinsamkeit teilen wollen. Obwohl Calait ihre Mutter immer als sehr offen und unvoreingenommen erfahren hat, ist ihr die Schnelligkeit mit der ihre Familie sich mit der Tatsache abfindet, dass sie einen blutrünstigen, menschenmordenden, babyverschlingenden Barbaren – oder zumindest einen Nachfahren (nicht weniger blutrünstig und menschenmordend, aber sie hat ihn immerhin noch keine Babys fressen sehen) – in ihr Lager geschleppt hat, ein Rätsel. Yay, sinniert sie mit einer Trockenheit, die über die letzten Monde hôthische Ausmasse angenommen hat, noch mehr ungelöste Fragen. Colevar wird Wasser und etwas Pökelfleisch angeboten, welches er beides dankbar ablehnt, er habe schon gegessen. Flink ist sie in die Höhe geschnellt - Shirin landet mit einem entsetzten Fiepen auf dem Boden und ist gleich darauf unter Reykir verschwunden - und klebt mit ihrer Nase fast schon an seiner Brust: „Guten Morgen! Ich rieche“, schnuppernderweise arbeitet sie sich bis zu seinem Kinn hoch, wozu sie sich allerdings auf die Zehen stellen muss: „ah, Sotdur und Melhoc‘h. Du hast geschlemmt, gib es zu. Noch einen Siebentag länger und mein Essen wird dir vorkommen wie der hinterletzte Bauernfrass... zu was auch immer das deine Kochkünste dann macht.“ Mit einem Finger schiebt er sie ein Stück von sich und kontert mit einer gesunden Portion Selbstironie: “Sie können nicht mieser werden, als sie es schon sind.“ Als Calait daraufhin lachend den Kopf in den Nacken wirft, will Bryntyrch natürlich neugierig wissen, was der Eisenmann mit dem ohrlosen Hund denn gesagt habe und als Calait die kurze Konversation wiederholt, lachen auch ihre Eltern, derweil Winoc sich hinter der Würde eines achtlosen Schulterzuckens versteckt. Bryntyrch hingegen mustert Colevar von oben bis unten und erklärt ihm dann in vollem Ernst: „Das ist schon in Ordnung. Du musst nicht kochen können. Das machen die Frauen.“ Dieses Mal kann sich keiner halten. Ausser Colevar. Der versteht kein Wort.

Es ist so viel geschehen in den fünf Jahren ihrer Abwesenheit , dass Calait den kompletten Tag eigentlich nur damit verbringt sich von Wigwam zu Wigwam zu angeln und sich einmal quer durch sämtliche Sippen zu tratschen, Colevar direkt im Schlepptau, um ihn auch sofort mit jedem Einzelnen des Stammes des Luchses bekannt zu machen. Was nicht wenige, jedoch auch nicht viele sind. Sieben Familien insgesamt, und nahezu alle untereinander irgendwie über eine bis dreihundert Ecken verwandt. Bekannte, Freunde, entfernte und nahe Verwandte und direkte Familie, Calait ist gnadenlos und Colevar quellen die ganzen Verwandschaftsstrukturen schon bald aus den Ohren . „Das sind Turen und Yvein von der Sippe des Lachses, der Sippe meiner Mutter. Ihre Mutter Berhen ist die Schwester von Gid Bi.“
„Gid Bid war die Mutter deiner Mutter?“
„Nein, Mari ist die Mutter von Rozenn. Gid Bi ist die Mutter von Mari, also meine Urgrossmutter. Ihre Mutter war Soaz, welche wiederum die Tochter von Mammin war. Also Gid Bi ist Mammins Enkelin... ich verstehe, das waren zu viele Mütter auf einen Haufen.“
„Aye.“
„Warum vereinfachen wir das Ganze nicht ein wenig und ich stelle dir erstmal die noch lebenden Mitglieder meiner Familie vor?“
„Aye.“
Kichernd hakt sie sich bei ihm unter: „Na dann, nach dir. Einmal zu meinem Bruder Maél.“
Sie finden besagten Bruder hinter seiner Behausung, wo an Hanfschnüren fünf frisch erlegte Kaninchen an einem hölzernen Gerüst baumeln, denen er die Felle abzieht. Calait riecht das frische Blut, welches in kleinen Schüsseln aufgefangen wurde, und hört das charakteristische Ratschen, wenn sich Fell und Haut vom Fleisch löst. „Der Jäger war mit dir“, begrüsst Calait ihren Bruder in ihrer Vaterssprache, da Maél der Allgemeinsprache im Gegensatz zu ihrem Vater nicht mächtig ist. Dieser dreht sich zu ihr um und nur wer zweimal hinsieht erkennt das feine Lächeln in seinen Augen, als er sich die Hände an einem Lederlappen sauber wischt und sie dann in die Arme schliesst. Stirn an Stirn summen sie gemeinsam ein paar leise Takte eines uralten Liedes, dessen Worte schon vor einer Ewigkeit verloren gegangen sind. Maél gleicht in vielerlei Hinsicht viel eher ihrem stillen und besonnenen Vater, als ihrer offenherzigen und sanften Mutter. So geht er mit seinen Gefühlen nicht hausieren und von ihrer Familie ist er der Einzige, der Colevar zumindest ansatzweise das für ihr Volk so typische lebens- und erfahrungsbedingte Misstrauen entgegen bringt – obwohl Winoc sehr deutlich gemacht hat, dass es von Colevar nichts zu befürchten gibt. Das Maél seinen zwei Jahre jüngeren Bruder respektiert und in dessen Funktion als geistiges Oberhaupt achtet weiss Calait, aber sie weiss auch, dass Winoc für immer sein kleiner Bruder bleiben wird und man kleine Brüder vor allem Unheil der Welt und manchmal auch vor sich selbst schützen muss. Die Linke noch auf Maéls Schulter dreht sich Calait zu Colevar um und tastet nach ihm, bis ihre Rechte seinen Arm findet. Lächelnd blickt sie zwischen den beiden Männern hin und her und wechselt fliessend von einer Sprache in die nächste, damit beide sie verstehen: „Colevar, das ist mein Bruder Maél. Maél, das ist Colevar, mein... ewiger Weggefährte. Er hat mich die letzten fünf Jahre nahezu überall hin begleitet und auf mich aufgepasst. Ausserdem schulde ich ihm mein Leben.“

Einen Moment lang wirkt Maél, als würde er die Vorstellung mit nichts weiter als einem knappen Nicken abtun, dann aber löst er sich von Calait und hebt die linke Hand. Bei weitem nicht zu vergleichen mit der innigen Begrüssung, die Winoc Colevar hatte zuteil werden lassen, aber mehr als ein völlig Fremder für gewöhnlich von einem Wolkensohn erwarten könnte. In diesem Moment kündigen Schritte das Nahen anderer an. “Calait!“ „Ancouane!“ Ein glückliches Strahlen im Gesicht begrüsst und umarmt Calait die Neuankömmlinge, lehnt ihre Stirn gegen die der Frau und summt ein paar Takte, derweil sie dem Mann mit einem leisen „Es ist schön euch wieder zu treffen“ die linke Hand auf die rechte Wange legt. Dann tastet sie sich an Colevars Seite zurück und erklärt: „Colevar, das sind Ancuane und Lelnour, die Gefährten meines Bruders. Ancuane, Lelnour, das ist Colevar, mein ewiger Weggefährte.“ Ancuane, eine Wolkenfrau die bereits wesentlich älter aussieht als Maél und Lelnour, hebt nach anfänglichem Zögern ebenfalls die linke Hand, die zuvor auf der deutlichen Wölbung unter ihrem einfachen Lederkittel ruhte. Lelnour hingegen beäugt den Fremden weiterhin aus einer sicheren Entfernung von drei Schritt und macht auch überhaupt keine Anstalten ihm mehr Gastfreundschaft als nötig entgegen zu bringen. „Er ist...“ harmlos, will Calait Lelnour eigentlich erklären, muss sich allerdings eingestehen, dass das eine dreiste Lüge wäre. Unbewaffnet? Wer’s glaubt. Ungefährlich. Nein. Ah! „...nedizepant.“* Demonstrativ tätschelt sie dabei Colevars Arm, um ihre Worte zu verdeutlichen. Lelnour jedoch gibt sich unbeeindruckt von ihrem Vermittlungsversuch, Ancouane indes hebt fragend eine Augenbraue und blinzelt etwas verwirrt und Maél schenkt Colevar erst ein haarfeines, aber deutlich mitfühlendes Grinsen, ehe er ihm auf die Schulter klopft und etwas sagt, das Calait mit einem vorwurfsvollen Zungenschnalzen übersetzt: „Er sagt: Fünf Jahre? Du hast dich tapfer geschlagen.“
Selbstverständlich erkundigt sich auch Maél nach Lías Verbleib, hakt jedoch im Gegensatz zu seinem Vater nicht nach als Calait in wenigen Worten deren Fortgehen schildert – und wirkt auch nicht im Geringsten überrascht. Als er den auffordernden Blick seiner Schwester bemerkt, die ein wenig aussieht wie ein Eichörnchen auf der Lauer, hebt und senkt er die Schultern, eine bedachte, jedoch nicht achtlose Geste: “Lía ist dir überallhin gefolgt, Calait. Jetzt ist sie eben ihren eigenen Weg gegangen.“ Es klingt so simpel, dass es fast schon wieder lächerlich erscheint und im ersten Moment will Calait naserümpfend protestieren, schliesst dann aber besseren Wissens den Mund und weist die Worte vorerst mit einem leichten Kopfschütteln einfach von sich.

Ein wenig Geplauder und ein paar Fragen rund um den anstehenden Nachwuchs später sind Calait und Colevar wieder auf dem gestampften Pfad, der sich zwischen den Wigwams hindurch schlängelt und das ganze Lager in einer Art Zirkel eint.
„Gefährten?“, platzt es da plötzlich aus Colevar heraus und er klingt so herrlich verwirrt, dass Calait lachen muss, ehe sie seine besondere Betonung hinterfragen kann.
“Dein Bruder hat eine Gefährtin, die aber gleichzeitig auch einem anderen gehört?“
„Aye, Maél, Lelnour und Ancuane sind eine Familie. Und bald werde ich Tante. Ich bin ja schon Tante, Savvas, der Erstgeborene meiner Resande Mutter hat ja bereits eine To...“
„Moment, dein Bruder teilt seine Frau?“ Jetzt klingt er sogar ernsthaft konsterniert.
„Aye, wie ich schon sagte, sie bilden eine Familie. Frau ist übrigens der falsche Ausdruck. Ehen gibt es bei uns nicht wirklich. Lediglich eine Art von Versprechen, das Fürsorge und...“
„Du willst mir sagen er duldet, dass ein anderer Mann...“
„Jaha,“ schnappt Calait und rollt mit den Augen ob soviel Unbegreiflichkeit auf zwei Schritt: „und es ist nicht einmal unüblich für mein Volk!“
„... aha.“ Für Colevar hörbar schon.
„Mammin hatte auch mehrere Männer und sie hat sich nie beschwert.“
„Das wollte ich nicht wissen, Hexchen.“
„Wenn ich es mir recht überlege... ich auch nicht.“


Gesichter ziehen vorbei, neue lugen vorsichtig um die Ecke oder blinzeln aus mit Kaninchenfell ausgelegten Weidekörben zu ihnen hinauf. Wer ist gestorben, wer wurde geboren, wer hat seinen Namen erhalten. Offenbar waren die letzten Jahre fruchtbar und die Winter zwar lang, aber gnädig gewesen und vielen der Kinder, von denen Calait sich bei ihrer Abreise verabschiedet hat, hat Winoc bereits ihren wahren Namen offenbart. Einige wurden jedoch nicht alt genug und sind ohne ihren Seelennamen in die Weite eingegangen. Als Calait Colevar erklärt, dass die Kinder des Wolkenvolks im Grunde genommen erst mit fünf bis sieben Jahren den Namen erhalten, den sie für den Rest ihres Lebens tragen, weil viele von ihnen noch vor dieser Zeit aufgrund der rauen Lebensweise sterben, fragt er wie man sie denn bis zu ihrer Taufe rufe.
„Nach einem besonderen Merkmal, ob nun physischer oder charakterlicher Natur. Maéls Gefährtin hat zum Beispiel bereits einen Kosenamen für ihr Ungeborenes: Kousk. Das bedeutet so viel wie ‚ruhiges Gemüt‘ weil das Kleine sich kaum rührt.“
„Und was war dein Kosename?“ Will er natürlich sofort wissen und besitzt immerhin den Anstand gar nicht erst zu versuchen das halbe Grinsen in seinem Mundwinkel zu verstecken: „‘Die, die nie still sitzen kann‘ oder ‚Die deren Stimme Badewasser in Himbeerpudding verwandelt‘?“ Dafür kassiert er einen wohlplatzierten und ebenso wohlverdienten Ellbogen zwischen die Rippen, den er mit einem kleinen Auflachen widerstandslos einsteckt.
„Nein. Calait ist mein Kosename. Das heisst Türkis. Mein gegebener Name, den Wilvoin damals für mich gefunden ist, ist etwas umständlich, sogar für das Wolkenvolk. Er lautet Mellenorzoura, was in ungefähr soviel heisst wie: In-deren-blauen-Augen-sich-der-Norden-spiegelt.“ Leise wiederholt er den Namen und verwandelt harte Konsonanten und lautlose Vokale mit einer unerwarteten Leichtigkeit in einen bronzenen Singsang, wie ihn ausserhalb des Wolkenvolks nicht viele beherrschen. Etwas verdutzt lauscht Calait dem simmernden Nachklang, der wie ein Hauch von Kälte unter ihre Haut kriecht und einen angenehmen Schauer ihren Rücken hinab rinnen lässt. „Hätte ihn jeder so ausgesprochen, hätte ich ihn möglicherweise akzeptiert. Aber Ich habe mich geweigert auf den Namen zu reagieren, also mussten sie irgendwann gezwungenermassen zu Calait zurückwechseln. Viele ruft man auch nur bei ihrem gekürzten Vornamen. Maél zum Beispiel ist lediglich eine Abkürzung für Maélarour ‚Jäger-der-in-der-Nacht-jagt‘. Sein Kosename war“, an dieser Stelle kommt sie nicht umhin zu giggeln, weil der Kindername auf sprichwörtlich süsse Art und Weise den Stand ihres Bruders als angesehener Jäger im Stamm ein wenig untergräbt: „Mel. Das heisst ‚Honig‘. Er konnte seine Finger nicht davon lassen und kann es wahrscheinlich immer noch nicht. Nur noch schlimmer hat es Winoc getroffen. Der hiess Bikazh... Kätzchen. Weil er als Baby nicht geweint, sondern nur gemaunzt hat. Wie du dir vorstellen kannst gab es Kinder, die es gar nicht erwarten konnten alt genug für einen wahren Namen zu werden.“

Natürlich entgeht Colevar auch nicht, dass sich nahezu der komplette Stamm aus gesunden, jungen Männern und Frauen zusammensetzt, wovon ausgenommen der Sippenältesten nur ganz wenige aussehen, als hätten sie mehr als fünfzig Sommer erlebt. „Du willst unbedingt Grossmütter kennen lernen, nicht wahr“, zieht Calait ihn auf, was Colevar sofort vehement und obendrein sehr glaubwürdig bestreitet. Wer kann es ihm verübeln, nachdem er mondelang von einer ebensolchen sogar bis in sein Bett heimgesucht wurde.
Noch immer schmunzelnd klärt sie Colevar über das Winter- und die verschiedenen Sommerlager auf. „Wir befinden uns gerade im letzten Sommerlager. Davor hat der Stamm jedoch bereits zwei bis vier Lager auf verschiedenen Höhen aufgesucht. Manche von ihnen liegen an schwer zugänglichen Stellen, anstrengend zu erreichen für einen gesunden jungen Menschen, lass stehen für jemand Altes oder Gebrechliches. Deshalb haben unsere älteren Stammesmitglieder die Wahl auch den Sommer über im Winterlager zu verweilen. Dieses ist nach wolkenvölklerischen Masstäben gefestigt. Statt in Zelten wohnen wir dort in Wigwamhäusern. Du wirst es sehen, wenn wir es erreichen. In spätestens ein paar Siebentagen, gegen Ende Erntemond, werden wir aufbrechen, dann folgt nämlich schon sehr bald der erste Schnee. Natürlich bleiben auch jedes Jahr ein paar der Jungen und Kräftigen zurück, um unseren Älteren bei den täglichen Arbeiten zur Hand zu gehen. Und auch Frauen, deren Kinder schwach, krank oder verkrüppelt zur Welt kommen, können sich entschliessen die ersten Jahre im Winterlager zu verweilen, bis der Nachwuchs entweder mitgehen, oder alleine zurückbleiben kann. Meine Tante Nevenou, eine Schwester meiner Mutter, ist bis zu ihrem Tod im Winterlager geblieben, weil sie von Geburt an ein schwaches Herz besass. Sie ist jung gestorben, ich glaube sie war sogar noch jünger als ich es jetzt bin.“ Flüchtig versucht Calait herauszufinden, ob das der Wahrheit entspricht, scheitert jedoch an ihren sehr begrenzten rechnerischen Fähigkeiten und zuckt mit den Schultern. „Sie ist auf jeden Fall jung gestorben.“

Gesprochen von Tanten, taucht in diesem Moment eine Schwesters ihres Vaters auf und schließt Calait in eine knochenbrechende Umarmung, heißt ihre Nichte herzlich willkommen und schimpft sie nur einen Wimpernschlag später dafür überhaupt gegangen zu sein und all das mit dem glückseeligen Lächeln einer Frau, die ein lang vermisstes Kind wieder gefunden hat. Und dann, noch ehe Calait ihn vorwarnen kann, hat die stämmige, kleine Frau, die für eine Wolkenfrau ziemlich breite Schultern und auch ebensolche Hüfte besitzt, Colevar mit bernsteindunklem Blick fixiert, wie ein Raubtier seine Beute. „Das ist also der Barbar, den du uns ins Lager geschleppt hast.“
„Er ist kei...“
„Hübsch. Sieht der Rest von ihm unter diesem Pelz so gut aus, wie sein Gesicht vorgibt?“
„Ja. Nein! Moment... was?“
Die feinen Krähenfüsse in den Augenwinkeln ihrer Tante vertiefen sich zu einem listigen Katzenlächeln, das jeder Unschuld entbehrt. „Wenn du tatsächlich so etwas wie Ehre besitzt“, rät Calait Colevar hastig: „dann halt sie besser gut fest.“
Doch Colevar hält gar nichts fest. „Ehre“, kontert er staubtrocken, aber mit einem Unterton, bei dem sich Calaits Nackenhaare sträuben: „wird völlig überbewertet.“ Na sieh einer an, schießt es ihr angenehm überrascht durch den Kopf, derweil sie dem leicht krächzenden Lachen ihrer Tante lauscht: siebentagelang benimmt er sich wie der Templer vom Dienst, aber kaum hat er ein gestandenes Weib vor der Nase... Ich muss also nur fünfzig Jahre älter werden, ein paar Pfunde zulegen, mich ein wenig von der Sonne trocknen lassen und ein paar Zähne ausspucken und schon wird er wieder entspannter werden.
"Darf ich dir vorstellen, das ist meine Tante Tyneyne. Sie ist eine Bärin.“
„Das kann ich sehen.“
„Nein... ich meine, sie ist tatsächlich eine Bärin. Eine Branbärin.“
Obwohl ihre Tante kein Wort versteht, stützt sie demonstrativ ihre Hände in die Hüfte und bringt ihre Überzeugung zum Einsatz, gegen die nicht einmal Calait konkurieren kann. Etwas, das auch Colevar unmöglich ignorieren kann - geschweige denn will.
„... mein Pech, dass die Brunftzeit bereits vorbei ist.“
„Gnädige Geister, sucht euch ein Wigwam!"
Bevor einer der beiden auf die Idee kommen könnte, genau das zu tun, um herauszufinden ob vielleicht mache Branbärinnen nicht auch erst später in die Brunft kommen, eilt Rettung in Form von Calaits Vater herbeit, der kaum bei ihnen angekommen erklärt: „Calait, Colevar, Winoc möcht mit euch sprechen.“

Als Schamane bewohnt Winoc für gewöhnlich sein eigenes Zelt in Form eines riesigen Tipis, in dessen Mitte das Kleine Feuer brennt. Es dient ihm sowohl als Wohnstätte, als auch ritueller Wissens- und Werkhort. Doch dieses Sommerlager liegt direkt an einer zerklüfteten Felswand, löchrig wie ein rhainländer Käse und eine der Höhlen wird bereits seit vielen Jahrhunderten als Versammungsstätte und Vorratskammer genutzt. Für die Dauer ihres Aufenthalts hier geniesst der Schamane das Privileg in der Höhle zu wohnen. Wenn man vom Lager auf die Höhle zuhält, verdecken ein paar monströse, moosüberwachsene Findlinge den Blick auf den Eingang. Als sie die Felsblöcke umrunden, finden sie Winoc im Gespräch mit Rozenn vor, wobei der Inhalt ihres Geflüsters Calait im Vorbeigehen schwesterlich schelmisch grinsen lässt. „Mein Bruder ist verliebt“, erklärt sie Colevar, dem ihr Katzenlächeln nicht entgangen ist und sich nach dem Grund erkundigt. „Seit ich denken kann betet er ein Mädchen vom Stamm des Schneeadlers an. Eine geschickte Jägerin, soviel ich gehört habe, allerdings auch eine Frau, die sich durch ein wenig Räucherwerk nicht sofort beeindrucken lässt. Wilvoin hat ihm viel beigebracht, nicht aber wie man um eine Frau wirbt. Ich glaube auch die Tatsache, dass er besser kochen kann, als jede Frau unseres Stammes, macht ihn nicht unbedingt zu einem begehrten Gefährten – welche Frau steht, was das Kochen anbelangt, schon gerne im Schatten ihres Mannes.“
Vor dem Eingang zur Höhle spannen sich mehrere weissbemalte Lederhäute, auf denen mit Asche und Blut eine riesige Bärin und ihre zwei Welpen abgebildet sind. Mitten auf ihrem massigen Schädel prangt ein Handabdruck als Symbol der Verbindung des Wolkenvolks mit der Grauen Bärin, der Urmutter aller Wolkenvolktotems und den Steinernen Legenden nach die Gefährtin von Tapio Bärenkönig. Derweil Calait ohne viel Federlesen im rauchvernebelten Inneren verschwindet, verweilt Colevar beim Anblick der Malerei einen Moment, woraufhin auch Winoc innehält, sich leicht nach vorne auf seinen Stab stützt und mit verhaltenem Interesse fragt: „Kennt ihr Totems in euren Landen?“


*al gast = die Schlampe
nedizepant = gezähmt
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

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Friday, May 16th 2014, 1:34am

Beerenreif 513


Am Môr a Tir


"Nein..." erwidert Colevar zögernd und sieht zu der stilisierten Bärin auf, ein Schemen aus Rauch, Kohle und Zinnober auf dem weißen Leder. Dann schüttelt er sacht den Kopf, aber es ist eine ebenso unentschlossene Bewegung, wie seine Antwort es gewesen war. Er spürt, wie Calaits Bruder ihn fragend beobachtet, doch er wendet den Blick nicht von dem überlebensgroßen Bärenabbild auf den hellen Lederhäuten, das den Zugang zu einer heiligen Höhle, einen hohen, steinernen Bogen in der Felswand vor ihnen, ausfüllt. Über den Glauben an Zufälle ist er zwar schon sehr, sehr lange hinaus, aber das hier kann einfach nicht wahr sein. "Ich dachte, Euer Stamm ist der des Schneeluchses...?"
"Ja, das stimmt. Aber die Graue Bärin ist die Hüterin aller Totems meines Volkes."
"Graue Bärin?" Auch auf Leder, gemalt mit Asche, Kohle und Blut zeugt das Abbild nicht nur von großer Kunstfertigkeit, sondern auch von respektvollster Verehrung.
"Ja. Sie ist die Gefährtin des Bärenkönigs, des Herren aller Tiergeister und Totems."
"Oh. Ihr meint Tapio, Archon der Anukis?" Es ist verwirrend, wie viele Götter und Archonen in der Glaubenswelt des Wolkenvolkes herumspuken – nur unter anderen und urtümlicheren Namen. Obwohl es Sithech sicher gefällt, als 'Grauer Wanderer' bezeichnet zu werden. Irgendwie ist er das ja auch.
"Ja," nickt Winoc und klingt nicht mehr nur vage neugierig, sondern auf einmal sehr interessiert. "Bei uns nennt man sie wohl die Große Jägerin. Wie auch immer, die Graue Bärin ist das Totem der Merc'arzoù, wie wir uns selbst nennen, aller Wolkenkinder, unseres ganzen Volkes. Aber das Totem dieses Stammes, unser Stammes, ist der Schneeluchs – der übrigens auch das Totem meiner Sippe ist. Es gibt noch andere Stämme mit anderen Stammestotems, noch einen hier im Wall-des-Ostens und drei weitere im Süden, in den Bergen, die die Eisentragenden den Kamm-aus-Eisen nennen. Unser Stamm besteht aus fünf Sippen. Jede Sippe hat natürlich noch ihr Familientotem, so wie jedes Wolkenkind auch sein persönliches Totem besitzt. Ich selbst bin ein schlechtes Beispiel, denn da ich ein Schamane bin, ist mein Totem der Geisterbär. Das Totem meiner Sippe ist aber der Lachs, nicht der Schneeluchs, obwohl es meine Familie ist, denn die Totems wählen... oh... ähem. Beschränken wir uns doch erst einmal auf die persönlichen Totems", Winoc lächelt entschuldigend, aber seine Augen glitzern auch vage amüsiert. "Sie sind sehr wichtig für mein Volk und sagen viel über ihre Träger aus, musst du wissen, Freund Co-le-var. Ru'n, mein Vater, ist Schneehase. Das sind umsichtige, flinke und mutige Tiere, nicht leicht zu erjagen. Meine Mutter Ro'zenn hat als Totem den Ki, und mein Bruder Maél ist Rabe. Bryntyrch aber hat noch kein persönliches Totem, denn das offenbart sich erst, wenn wir den Traumberg aufsuchen und das geschieht für gewöhnlich noch nicht in so jungen Jahren. Calait hingegen ist... ein... Hörnchen-das-fliegt. Ich weiß nicht, wie es in der allgemeinen Zunge heißt."

Colevar - obwohl ein wenig verwirrt von der vielschichtigen und umständlichen Erklärung und keineswegs sicher, ob er den Schamanen auch richtig verstanden hat - beißt sich bei diesen Worten lange und fest auf die Zunge, um nicht laut zu lachen. Man hört seiner Stimme das lautlose Gelächter aber wohl deutlich an, als er schließlich erwidert: "Flughörnchen. Man nennt sie Immerfroster Flughörnchen." Er hatte die possierlichen kleinen Nager in den Wäldern Savos zuhauf beobachtet. Sie sind flinke und geschickte Kletterer, wie alle Baumhörnchen, doch zwischen ihren Vorder- und Hinterbeinen tragen sie seitlich entlang ihrer schlanken, kleinen Körper eine Art pelziger Haut, mit welcher sie nicht eigentlich fliegen, aber doch von Baum zu Baum gleiten können. Trotzdem wäre ein Flughörnchen wohl das letzte Tier, an das er denken würde, wenn er sich Calaits Totem vorstellen müsste, mögen sie auch verspielt und niedlich sein. Sein erster Gedanke wäre Wildkatze - denn sie ist anmutig und geheimnisvoll, anschmiegsam und gefährlich, neugierig, wandelbar, durchaus eitel, eigenwillig, selbstbewusst, freiheitsliebend, sicher nicht auf den Mund gefallen und alles andere als harmlos... Nein, denn wenn man sie in die Ecke drängt, wird sie die Krallen ausfahren und einen bemerkenswerten Kampf liefern.
"Flug-hörn-chen", wiederholt Winoc feierlich, doch auch in seinen Augen glitzert es amüsiert und mit einem mal wirkt er auch so jung, wie er tatsächlich ist. "Es... passt nicht immer... perfekt, " gluckst er leise beim Vergleich seiner Schwester mit dem possierlichen, aber völlig arglosen kleinen Nager, "und ich persönlich glaube ja, Wilvoin, mein Vorgänger als Schamane des Stammes, hat Lía und sie damals verwechselt, aber sie ist... nun ja. Sie ist bestimmt genauso quirlig."
"Quirlig", wiederholt Colevar trocken und stimmt Winoc insgeheim zu – er muss nicht fragen, was das andere Totem gewesen wäre, das ist ihm augenblicklich klar. Selbst er, der keine Ahnung von deren Wirkungsweise oder tatsächlichen Bedeutung hat, hat sofort etwas sehr ähnliches gedacht - und ja: der Schamane muss die beiden verwechselt haben, davon ist er ziemlich überzeugt. Winoc hält die schweren Lederhäute einladend beiseite und weist ihm mit einer Geste den Weg ins halbdunkle, warme Innere, in welchem Calait schon verschwunden war. Colevar holt tief und hörbar Luft und wirft einen letzten Blick auf die blutroten Augen der Aschebärin über ihm. "Mein Volk hat keine Totems, aber einige von uns besitzen vielleicht etwas... Ähnliches. Wappentiere oder Symbole und Farben, die für einen Clan, eine Sippe wenn Ihr so wollt, sehr wichtig sind. Sie haben immer eine ganz bestimmte Bedeutung. Sie stehen für Geschehnisse aus der Vergangenheit und Eigenschaften, die ihnen nachgesagt werden und symbolisieren die Zusammengehörigkeit aller, die sie tragen. Anführer scharen unter diesem Zeichen ihre Männer um sich, Krieger tragen sie auf ihren Schilden und Harnischen, Menschen folgen ihnen und lassen sich von ihnen leiten. Manchmal gehören dazu auch bestimmte Worte." Als er sich an dem so viel kleineren Schamanen vorbei ins Innere der Höhle schiebt, lächelt dieser als habe er soeben eine Wahrheit für sich selbst entdeckt, die niemand außer ihm weiß. "Aber dann habt ihr doch Totems", erklärt er mit größter Selbstverständlichkeit. "Was ist das Tier deiner Sippe, Freund Co-le-var?"

"Ein Bär. Ein goldener Bär auf grünem Grund." Seine Augen brauchen einen Moment, um sich nach der Helle draußen an die schummrige Düsternis zu gewöhnen, aber dann hört er sie von irgendwo weiter hinten rufen. "Calait? Wo steckst du?" Hätte er in diesem Augenblick Winocs erst erschrockenes, dann sehr, sehr selbstzufriedenes Grinsen gesehen, hätte er den jungen Schamanen vermutlich auf der Stelle geschüttelt, um zu erfahren, was das nun wieder zu bedeuten hat, aber da dieser hinter ihm hergeht, hat er keine Ahnung.
"Was sind eure Worte, Freund Co-le-var?"
"Am Môr a Tir. Über Meer und Land. Aber sie sind schon uralt und müssen von den Barbarenvorfahren meiner Sippe stammen. Denn das Sarthetal im Larisgrün, wo mein Clan schon seit hunderten von Jahren zu Hause ist, ist sehr weit weg vom Meer."
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

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30

Saturday, May 17th 2014, 11:04am

Beereinreif 513


Von hinterlistigen Grossmüttern...

"Na endlich", schnaubt Calait, als das Knirschen der schweren Lederhäute die Ankunft der zwei Männer verrät. Ganz allein gelassen hat sie sich entlang der Wände tiefer in das bauchige Herz der Höhle getastet und Regale voller Schalen und Körbe, Kräuterbündel und Knochensammlungen, Decken und Fellen, sowie ganze Säcke mit Schafwolle und aufgetürmten Bahnen gewebter Stoffe gefunden. Für gewöhnlich dient der vordere Teil der Höhle dem ganzen Stamm als Lager, während im hinteren Bereich Vorräte aufbewahrt werden. Allerdings naht das Ende des Sommers und es wurden offenbar bereits Vorbereitungen für die Abreise und den allherbstlichen Tauschhandel in Muurla getroffen. Der Duft nach allen möglichen Bergkräutern liegt in der Luft, durchstochen von dem scharfen Geruch frisch gegerbten Leders. "Worüber habt ihr so lange geredet?", will sie gar nicht neugierig wissen und dreht sich zu Colevar um, der im Gegenzug süffisant erwidert: "Hörnchen? Ernsthaft?" "Was? Oh... Ey!" Ihre Nase zuckt wie eine Wünschelrute durch die Luft, auf der Suche der Petze, die sich ihr Bruder schimpft. Der lächelt jedoch still in sich hinein und gibt keinen Laut von sich, sondern gleitet wortlos an ihr vorbei und ist in die flackernde Dunkelheit jenseits des Feuers eingetaucht, ehe sie ihn zu fassen kriegt. "Aye", benutzt sie Colevars universelle Wortäußerung, die immer genau das auf den Punkt bringt, was man eigentlich sagen möchte ohne dabei irgendetwas auszusagen. "Ich bin ein Hörnchen. Ein Nijalkaz. Das ist zumindest, was Wilvoin behauptet hat... aber er war zu dem Zeitpunkt schon blind und scheintot. Der hätte einen Hirsch nicht mehr von einem Karnickel unterscheiden können. Wir sind uns ziemlich sicher, dass er da etwas verwechselt hat. Aber es hat sich nie aufgeklärt, denn weder Lía noch ich waren jemals auf dem Traumberg, wo die unseren normalerweise ihrem Totem zum ersten Mal begegnen. Aber pssst..." Mit einer kleinen Geste deutet sie auf irgendetwas und nichts über ihren Köpfen: "... die Toten können uns hören. Gerade hier in dieser Höhle, wo wir ihrer gedenken und ihnen Respekt erweisen."

"Gesprochen von unseren Ahnen", so plötzlich wie er verschwunden war, taucht Winoc wieder auf und lädt sie ein, am Feuer Platz zu nehmen. "So sehr ich mich auch freue dich wieder zu sehen, C'hoar, ich vermute ihr habt den weiten Weg nicht aus reinen Vermisslichkeiten auf euch genommen. Was genau führt euch zu uns?"
Calait wartet, bis auch Colevar sich neben ihr auf einem eigens als Sitzgelegenheit gedachten Stück Baumstamm niedergelassen hat. Die Aufforderung ihres Bruders, welche in gewissem Masse Unwissenheit seinerseits voraussetzt, widerspricht der Tatsache, dass er Rowan und dessen Söhne ausgeschickt hat, sie wie verlorene Lämmchen einzusammeln. Er hat nicht nur gewusst, dass sie kommen würden, sondern auch wann genau sie die Berge erreichen und es mag reine Freundlichkeit sein, nicht sofort mit dieser Tür ins Haus zu fallen, aber Calait hat schon eine geraume Weile die Schnauze gehörig voll von kryptischen Andeutungen und spiritueller Geheimniskrämerei. Also spart sie sich langatmige Erklärungen, sondern schwingt sofort drohend den Zaunpfahl: "Woher wusstest du es?" Obwohl zur Wahrheit verpflichtet, kann Winoc unheimlich gut und glaubhaft lügen – wenn er will – und sie erwartet schon fast irgendeine besonders plausible, aber vollkommen nichtssagende Ausrede, die alles erklären wird, ohne dabei wirklich irgendetwas zu erklären. Es würde sie nicht einmal wundern, wenn er ebenfalls einfach nur "Aye" sagen würde. Wobei , wenn sie so drüber nachdenkt, diese Fähigkeiten allen Schamanen zu eigen scheint. Und Urgroßmüttern! Aber was kommt, ist so ehrlich, dass es sie kalt erwischt. "Mammin hat es mir gesagt."

“... Moment..”, blinzelt Calait und bemüht sich redlich die Aussage ihres Bruders nicht als Aufforderung misszuverstehen, ihrer Grossmutter sofort an ihren viel zu langen, transparenten Hals zu springen. Das will ihr aber nicht gelingen und noch ehe Winoc beschwichtigend die Hände heben oder Colevar sie mit seiner stählernen Ruhe zum Sitzenbleiben anhalten könnte, schiesst Calait auch schon in die Höhe und ihr Blick sprüht Zornesfunken. „Mammin?! Mammin hat dir gesagt, dass wir kommen? Sie hat keine seherischen Fähigkeiten und der Graue war bestimmt nicht wahnsinnig genug ihr welche in ihrem Tod zu verleihen, also kann sie erst gewusst haben, dass wir in die Berge aufbrechen, als wir aufgebrochen sind und das“, mit wild schüttelndem Zeigefinger versucht Calait ihren Bruder auf der anderen Seite des Feuers zu fixieren, erwischt dabei allerdings höchstens die zuckenden Schatten an den Wänden: „heisst, sie hat vor nur wenigen Siebentagen mit dir gesprochen!! UNS schweigt diese dreizahnige, braune Schachtel aber seit Monden an! Seit Monden! Nachdem sie uns im Herbst letzten Jahres aufgelauert und seither sogar bis ins Bett verfolgt hat, nur um dann klammheimlich eines Nachts genauso plötzlich einfach wieder zu verschwinden. Hörst du mich, du scheeläugige Kröte?! Zwölf Monde plagst du uns, verwirrst uns, triezt uns und machst unsere Leben fürchterlich kompliziert, nur um dann sang- und klanglos abzuhauen kaum das es einmal brenzlig wird und JETZT versteckst du feiges Stück dich hinter Winocs Rücken? Warte bis ICH gestorben bin, dann, hähä, DANN ziehe ich dir deine durchsichtigen Falten lang, du ehrlose, verlogene, rabenhafte…“ Calait weiss ganz genau, wie sie in diesem Moment aussieht. Wie ein zänkisches Kleinkind, dem man nicht verraten will, was es zum Julstag geschenkt bekommt – aber es ist alles, was sie tun kann, um ihrem Ärger nicht wirklich nachzugeben und diesen heiligen Ort womöglich auf immer und ewig zu entweihen und den Rest ihres Lebens von ihren eigenen im Stolz verletzten, racheerfüllten Ahnen heimgesucht zu werden. Am liebsten hätte sie auch noch trotzig mit dem Fuss aufgestampft, nur um ganz sicher zu gehen, dass ein gewisser Geist weiss wie ernst es ihr mit der Drohung ist, aber ehe sie dazu kommt, steht Colevar plötzlich hinter ihr.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

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