You are not logged in.

Dear visitor, welcome to Weltenstadt Forum. If this is your first visit here, please read the Help. It explains in detail how this page works. To use all features of this page, you should consider registering. Please use the registration form, to register here or read more information about the registration process. If you are already registered, please login here.

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

  • Send private message

16

Sunday, September 9th 2012, 12:25pm

Beerenreif 512

Die Sonne steht hoch am wolkenlosen Mittagshimmel. Eine glänzende Scheibe gehämmerten Kupfers auf blendend blauem Grund, deren Hitze auf Calaits Schultern prickelt und auf ihrem Gesicht brennt und die jede Bewegung zu einer kleinen Qual macht. Der vorhergesagte Regen ist gefallen, wie versprochen – dummerweise hat er es irgendwie versäumt Talyra mit einem Besuch zu beehren, sondern ist elegant um die Stadt und das umliegende Larisgrün herumgetanzt. Ein grauer Schleier in tiefster Nacht zu dumpfem Trommelschlag. Die Stadt hat keinen einzigen Tropfen gesehen und kocht seit Tagen in ihrem eigenen Sud. Und trotzdem gräbt Calait weiter, hebt Hand um Hand um Hand um Hand voller schwarzer Erde aus und ignoriert den Schweiss, der ihr in dünnen Rinnsalen über Stirn, Rücken, Brust und entlang der Innenseite ihrer Schenkel rinnt und überall dort, wo Asche und Kohle ihre Haut schwarz oder grau gefärbt haben, blasse Streifen auf olivgoldener Haut hinterlässt. Auch ihre lederne Weste mit rot und gelb eingefärbten Brandmustern, die vorne mit zwei tauschierten, bronzebeschlagenen Eisenschnallen zugehalten wird, und die Vielfalt bunter Röcke aus dünnem Leinen, allesamt seitlich mit einem schmalen Ledergürtel hochgebunden, sind schmutzig von der nächtlichen Feuerwache und der mühseligen Arbeit zwischen den knorrigen und stark verzweigten Wurzeln der uralten Buche, deren genauso spärliches, wie ausgemergeltes Astwerk – Calait hat den Baumriesen liebevoll ‚kahles Mütterchen‘ getauft - leider nur wenig Schatten spendet. Sogar in ihrem Haar, dass sie in einem unordentlichen Knoten am Hinterkopf zusammengefasst hat, finden sich bleiche Flocken, Grashalme und Dreck. Ein paar einzelne Locken, noch zu kurz – oder zu widerspennstig – um sie zurückzubinden, rahmen ihr Gesicht oder kleben ihr feucht an den Schläfen und auf den Wangen und werden alle naselang hinters Ohr geschoben, nur um wenige Augenblicke später wieder lose herab zu fallen.

Hin und wieder macht Shirin, die neben ihr liegt und ihre braungesprenkelte Schnauze auf ihren Vorderläufen gebettet hat, Anstalten ihr auf den Schoss zu krabbeln, obwohl sie schon vor vielen Jahren viel zu gross und zu schwer dafür geworden ist. Calait bemerkt die Versuche nur am Rande, tätschelt der Hündin zwischendurch geistesabwesend mit erdverschmierten Fingern den Kopf und gräbt weiter. Mit einer Schaufel wäre die Arbeit längst getan – sofern jemand anders das Werkzeug geführt hätte. Dazu hätte sie allerdings irgendjemanden um Hilfe bitten müssen und obwohl sie sich normalerweise nie zu schade ist Varin, Borgil oder einfach dem Nächstbesten, der ihren Weg kreuzt, einen schönen Mund zu machen, damit er ihr zur Hand geht, ist es an diesem Tag alleine an ihr das Loch auszuheben, das Breur als letzte Ruhestätte dienen soll. Er ist alt gewesen. Sagt sie sich, wie sie es sich schon viele Male gesagt hat. Älter als erwartet. Wie auch sein Bruder. Aber die Worte klingen hohl und leer, sogar in ihren Ohren, und können nichts ausrichten gegen das Loch in ihrer Brust. Kal Lanar, Lía, Louan, Traõn, Tanguy, Breur... Die Liste wird länger und länger und manchmal hallen die Namen durch ihren Kopf wie ein Gebet. Ein trauriges Gebet, mit einem Anfang, aber ohne Ende. Lía ist nicht tot. Aber verlassen hat sie mich trotzdem. Sie wird nicht mehr zurückkommen. Nie wieder. Calait kann nicht einmal sagen, wann sie es eingesehen hat. Vielleicht in der Nacht, als Colevar mit ihr auf den kalten Dielen ihres Häuschens gesessen hat, den sterbenden Luchs an seiner Brust, und an Lías Statt ihre Finger festhielt. Möglicherweise als sie das Schutzamulett ihrer Grossmutter in ihrem Zorn in den Ildorel warf, keine Schwester weit und breit, die ihren Frust besänftigte und sie mit einem Lachen aufmunterte. Es kann auch erst gestern Mittag gewesen sein, als sie zum ersten Mal seit ihrer Erblindung ohne Hilfe vom Nordtor bis zur Harfe gelaufen, dabei falsch abgezweigt ist und sich fast auf Nimmerwiedersehen in den Tausendwinkelgassen verirrt hat, weder Hunde noch Schwester an ihrer Seite, um sie sicher durch die Dunkelheit zu geleiten. Es spielt nicht wirklich eine Rolle. Kal Lanar, Lía, Louan, Traõn, Tanguy, Breur...

Sehr zugunsten ihrer Finger ist die Erde hier nicht hart und trocken, wie an vielen anderen Stellen nach den vielen und langen Siebentagen sengender Sommersonne, sondern weich, warm und schwer wie nasses Moos. Es kostet sie trotzdem mehrere Stunden, bis das Grab gross und tief genug ist.
Wortlos kämpft sie sich in die Höhe, streckt die steifen Glieder und hört ihre Knochen knacken, dann tastet sie nach dem grossen Jutesack, in welchen Worrick der Gerber Breurs Überreste gepackt hat. Ein paar dicke, schwarze Fliegen schwirren brummend davon und kreisen über ihrem Kopf, während sie den Sack, gefleckt mit Rostrot und dunklem Braun, an dem verschnürten Ende packt und zum Loch schleift. Sie muss die Fersen in den Boden stemmen und all ihre lächerlichen sechzig Stein in den Zug legen, um den toten Karjakoira, der nur etwas weniger gewogen hat als sie, den halben Schritt bis über die Kante zu zerren.
Die untersten Röcke kleben ihr feucht an den Beinen, als sie es endlich geschafft hat und Breur liegt, wo er liegen soll. Gerne hätte sie ihn verbrannt, wie Louan und Traõn vor ihm, aber aufgrund der anhaltenden Hitze, die sogar die saftigen Grasmatten und den schattenverhangenen, wild und hoch wuchernden Waldrand vor ihrer Tür in goldknisterndes Zunderwerk verwandelt hat, hat sie sich gegen eine Feuerbestattung entschieden. Niemals hätte sie alleine, blind wie sie nun einmal ist, die Flammen und Funken unter Kontrolle halten können – und selbst hätte sie sich dazu durchringen können Varin um Hilfe zu bitten, wäre das Risiko eines Flächenbrands noch zu gross gewesen.
Erde passt viel besser zu ihm. Ruhig und beständig und kraftvoll, auch dann noch, wenn man ihr alles genommen hat. Und sein Geist wird die Ewige Weite finden, egal ob durch das Feuer oder die Erde. Der Geist ist nicht durch Elemente gebunden. Genau wie bei Louan, war sein Tod war absehbar gewesen. Er war mit jedem Tag schwächer geworden, nachdem Traõn, sein Bruder, während des fürchterlichen Frühlingssturms von denselben umstürzenden Bäumen erschlagen worden war, die auch sie und Cináed fast das Leben gekostet hätten. Und am gestrigen Morgen, als sie sich schlaftrunken bis zur Feuerstelle gehangelt hatte, war sie beinahe über ihn gestolpert. Kalt und schwer hatte er dort gelegen, eingeschlafen und nicht wieder erwacht.

„Lauf mit deinem Bruder, Breur. Spring und renn und tob dich aus, wie ein Welpe, jung und stark. Das hast du dir verdient, nachdem du mich Krüppel jahrelang im Trott durch irgendewelche Wildnis oder Grosstädte begleiten musstest.“ Sie ist wieder auf ihre Knie gesunken, aber dieses Mal um das Loch zu füllen. „Im Leben hast du über mich gewacht.“ Hand um Hand schöpft sie Erde und lässt sie in das Grab rieseln. „Und im Tod wirst du über meine Ahnen wachen. Erschreck Drel bitte für mich, würdest du? Und grüss mir Grossmutter und Iarnanic. Und richte Morliuuet aus, dass sie sich die Füsse waschen soll, aye?“ Und während sie sich bei ihm bedankt für all die Jahre voller Freundschaft, denkt sie zurück an den Tag, an dem ihr Vater ihr den fiependen Welpen, eine steingrosse, explodierte Schneeflocke, in die Arme gelegt hat und sie mit der Aufgabe betraute, gut auf ihn aufzupassen. Damals war sie drei oder vier Jahre alt gewesen. Sie hatte hoch und heilig versprochen das winzige, weisse Knäufel, das damals aus noch nicht mehr bestanden hatte als einem grossem, weichem Bauch und fluffigen Ohren, mit ihrem Leben zu beschützen, es zu füttern und mit bestem Wissen und Gewissen zu erziehen und ihr Vater hatte ihr wohlwollend die schwarzen Locken getätschelt.
Als sie sich schliesslich auf eine Wurzel stützt und erhebt, liegt zu ihren Füssen ein kleiner, dunkler Hügel, markiert mit einem schlichten Schieferstein, den sie aus der Mauer gebrochen hat, die ihr Häuschen umringt. „Auf bald, kleiner Bruder“, wispert sie leise und Tränen rahmen ein halbes Lächeln, bevor sie sich in ihr Heim zurückzieht.

Das Halbdunkel liegt still und verlassen. Die Hörnchen sind ausgeflogen, Rouva und auch Nimmersatt haben sich in den kühlen Schatten hinter dem Haus zurückgezogen, von Skar und Vi-Vi hat sie seit Tagen nicht mal mehr einen Flügelschlag zu Ohren bekommen, Eríu hat das schützende Kronengeflecht der höheren Bäume aufgesucht und Noraya verlässt die erfrischende Nässe des Feenwasser nur noch wenn der Hunger sie plagt. Einzig und allein Shirins Krallen klickern leise bei jedem Schritt den sie tut, darüber hinaus sind die Pfoten der Hündin absolut lautlos. Calait verharrt auf der Schwelle, eine Hand noch auf dem Knauf der Tür, der durch viele Finger glatt geschliffen ist wie ein Flusskiesel, und in ihrer Brust flattert ihr Herz, wie ein kleiner Vogel in einem Käfig. Die Unruhe ist da, seit Rearys, eine Priesterin des Lyrtempels, ihr am Hochtag Inaris erklärt hat was für Kräfte in ihr und ihrer Stimme schlummern, zu was sie fähig sein könnte, wenn sie bereit ist die Wege der alten Lieder zu bewandeln. Seit sie weiss, was diese uralte Magie für Macht besitzt und in welcher Form sie sich äussert... und was das für ihr bisheriges Leben zu bedeuten hat. Sie hatte der jungen Priesterin mit aufrichtiger Überraschung und kindlichem Erstaunen gelauscht, hatte ungläubig nachgehakt, ob diese sich auch wirklich sicher sei und noch mehr gestaunt, als Curina, die Harfnermeisterin und Vorsteherin der Singvögelchen im Lyrtempel, geschworen hatte, es sei so, wie Rearys sage. Eine Zaubersängerin. Es fällt ihr noch immer schwer die Wahrheit zu akzeptieren, obwohl sie da ist und war. All die Jahre. Unerkannt. Unbemerkt. Aber offen sichtbar für alle. Sie muss es gewusst haben. Sie _hat_ es gewusst. Und obwohl sie eigentlich erleichert sein sollte, zu wissen, dass die Geschichte um ihre Augen wirklich nur auf dummem Aberglauben beruht, fühlt sie nichts ausser einer tiefgreifenden Verwirrung – und dahinter, schwach, aber drohend, eine Bitterkeit, die nur wenig mehr braucht, um sich in Zorn zu verwandeln. Sie war wütend gewesen, damals am Ufer des Ildorel, als sie den kleinen, knöchernden Anhänger mit dem schwarzen Jett in hohem Bogen im Wasser versenkt hatte, aber das ist nichts gegen das Zucken und Beissen, das jetzt schon in ihr tobt.
Tief atmet sie durch und tritt ein. Shirin an ihrer Seite tastet sie sich bis in ihre Bettkammer, wo sie sich der durchgeschwitzten Kleidung entledigt, sich wäscht, die Haare bürstet – mit fünf Fingern – und anschliessend in neue Röcke, nicht weniger bunt als die zuvor getragenen, und ein ärmelloses, dunkelrotes Hemd schlüpft, das sie um die Taille mit einem breiten, mit Bronze und Kupfer beschlagenen Gürtel bindet.

Das Klimpern ihrer Arm- und Fussbänder, ihrer Ohrringe und der hundert winzigen Glasperlen am Saum ihrer obersten Rockschicht hallt unangenehm laut an den Wänden wieder und obschon es drinnen fast genauso warm ist, wie draussen, friert es Calait. Für einen Moment lässt sie sich auf ihr Bett sinken und vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen, eine müde Geste, die Shirin anlockt. Fest drückt Calait ihre feuchten Wangen in das warme Fell der Resander und lässt sich von der Wärme der Hündin einlullen. „Was hälst du von einer Reise, Kleines?“ Als Antwort leckt Shirin ihr grosszügig Nase und Stirn und mit einem erstickten Kichern packt Calait die Hündin an ihren viel zu grossen Ohren und rangelt ein wenig mit ihr. „In den Osten. Die Drachenlande. Vielleicht Lair Draconis mit seinem Drachenthron und die Carn Draig. Na, würde dir das gefallen?“ Shirin winselt und wufft und trottet neben ihr her, als sie aufsteht, sich Beutel und Gürtel umschnallt und sich anschliessend in Richtung Tempelhain aufmacht, wo sie hofft Rearys und Curina zu treffen. Drachenlande, Azurien, die Sommerinseln. Es gibt tausend Orte, die sie gerne noch besuchen würde. Ich rede am Besten mit Borgil. Er wird einen Weg wissen, wie ich reisen kann, ohne mich an jeder Strassenecke in Gefahr zu bringen. Vielleicht mit der Herbstkarawane.
Ihre Finger gleiten über die grossen, rauen Felsquader, aus denen die Stadtmauer erbaut ist, während sie in Richtung des Nordtors wandert, dort kurz ein Lächeln und ein paar Sätze mit Caitrin, der wachhabenden Offizierein, wechselt, sich bei Sichelzahn nach der Gesundheit seiner Schwester erkundigt und sich dann, vorsichtig und sehr viel langsamer, als noch vor ein paar Tagen mithilfe Breurs, am Rand der Strasse entlang in Richtung Marktplatz bewegt. Die Hitze scheint hier noch schlimmer, gefangen zwischen hellem Pflasterstein und weiss getünchten Häusermauern, und die Feuchtigkeit, die von den Wäldern ringsum über die Mauern gekrochen ist, schwelt schwelt darin wie kochende Luft. Die unmenschlichen Temperaturen haben nur einen Vorteil: die meisten Bewohner Talyras – also die, die so etwas wie Verstand besitzen – haben sich in die schützenden Schatten ihrer eigenen vier Häuserwände zurück gezogen und sogar die breite Nordstrasse liegt nahezu ausgestorben vor ihr. Shirin, nicht darauf trainiert sie zu führen und vor möglichen Hindernissen oder Zusammenstössen zu warnen, schwirrt um sie herum und bringt ihre Herrin mehrere Male fast selber zu Fall. Als Calait schliesslich glaubt bei der richtigen Seitenstrasse angelangt zu sein, hat sie sich deswegen trotzdem ein halbes Dutzend Ellbogen eingefangen, sich das Schienbein an einer Kiste aufgeschürft, wäre beinahe von einem Fass überrollt worden, ist einem Stadtgardisten, der um die Ecke kam, gegen die Brust geprallt, musste sich bei mindestens fünf Leuten entschuldigen und fühlt ihre Zehen nicht mehr, so oft ist sie damit in irgendwelchen Ritzen hängen geblieben.
Und es dauert noch einmal drei weitere Abzweigungen, bis ihr auffällt, dass sie keine Ahnung mehr hat, wo sie eigentlich ist. Ich hätte das Wollknäuel mitnehmen sollen. Dreck.

Zögerlich dreht sie sich nach rechts, dann nach links, eine flache Hand auf der Holzverkleidung des Hauses hinter sich, aus Angst komplett die Orientierung zu verlieren. Ich müsste in der Gasse sein, wo Brynda wohnt. Oder eine direkt daneben? Sie schnuppert in der stickigen Mittagsluft, wie ein Hund, kann aber nichts riechen, was ihr irgendein Indiz über ihren Standort gegeben hätte. Und natürlich ist genau hier und jetzt niemand in Hörweite, den sie hätte um Hilfe bitten können. Die krummen Gassen und schmalen Häuserkluften liegen leer und verlassen vor ihr, als hätten sie jeden Besucher verschluckt. Aus der Ferne und über die Dächer hinweg kann sie dumpfes Brummeln, Murmeln, Sirren, Brodeln und einzelne Wortfetzen vernehmen, ein Durcheinander an Geräuschen, alle viel zu weit weg. Es ist Mittag. Wer wahnsinnig genug ist sich bei dieser sengenden Hitze aus dem Schatten zu wagen, den wird man auf dem Marktplatz finden. Aber es bringt mir auch nichts, hier sitzen zu bleiben. Ich sollte einfach weiter laufen, irgendwann stolpere ich schon jemandem über die Füsse... oder in ihn hinein, das soll mir auch recht se... Das metallische Klappern von Eisen auf Stein, irgendwo vor ihr, hebt sich immer deutlicher vom hintergründigen Stadtrauschen ab und ohne zu zögern – wer weiss, wann der nächste Held vorbei schaut – löst sie sich von der Mauer und tastet sich mit vorgestreckten Armen in die Richtung, in welcher sie das Pferd – bei ihrem Glück reiterlos – vermutet. „He! Halt! Ahm, Hilfe.“
Das Hufgetrappel verstummt abrupt und einen Moment lang fragt sie sich, ob sie den armen Kerl mit ihrem Ausruf so sehr erschreckt hat, dass er auf der Hinterhand kehrt gemacht hat, dann hört sie schwere Schritte und bevor sie sich zurückziehen, den kleinen Munddolch an ihrem Gürtel aus der Scheide ziehen, oder irgendetwas tun kann, greifen warme, starke Hände nach ihren Armen. „Losl...“...assen! Will sie schreien, aber der Ausruf erstickt in ihrer Kehle, zusammen mit dem Schreck ob des plötzlichen Überfalls und zurück bleibt nur ein Gefühl geflügelter Fassungslosigkeit. "Calait. Ich bin hier. Ich bin hier."
Die Kinnlade klappt ihr auf die Brust. Es ist seine Stimme. Ganz sicher. Seine Stimme, seine Hände, seine Präsenz, eine kühle Wärme, wie hundert Schneeflocken, die auf der Haut schmelzen, aber... Es kann nicht sein. Er ist in Lyness. Bei seinem Vater. Einen Herzschlag lang will sie sich aus seinem Griff winden und das Schicksal, ihre Ahnen und wer sonst noch alles seine Finger mit im Spiel hat lauthals verfluchen, was ihnen einfalle sich einen solch derben und bösartigen Scherz mit ihr zu erlauben – aber es ist kein Scherz. Und auch kein Traum, kein böser Zauber, kein Einbildung und keine Fata Morgana. „C... Colevar?“ Quetscht sie irgendwie durch ihre Stimmbänder, die plötzlich in tausend Knoten liegen, und merkt gar nicht, wie ihre Finger sich in den Stoff seines Surcots krallen, so fest, man müsste sie brechen, um ihn von ihr loseisen zu können. Lasst es kein Traum sein. Bitte. Lasst es kein Traum sein. Oh ihr guten Geister, lasst es um Himmels Willen kein Traum sein. Noch etwas fester schliessen sich seine Finger um ihre Arme und ihr Herz, eben noch hilf- und taktlos, findet schlagartig in einen hektischen, aber festen Rythmus zurück – und schlägt ihr bis zum Hals.

"Es tut mir leid, dein Brief... ich bekam ihn erst vor zwei Tagen und ich bin so schnell her geritten wie ich konnte." Tut dir leid? Brief? Vor zwei Tagen? Sie kann nicht folgen und es ist einerlei. Er ist es wirklich. Seine Brust hebt und senkt sich ruckartig unter ihren geballten Fäusten und obwohl sie eigentlich nichts lieber täte, als sein Gesicht zwischen ihre Hände zu nehmen und sich mit ein paar raschen Berührungen versichern, dass es ihm auch wirklich gut geht und ihm nichts fehlt, ist alles was sie zustande bringt sich auf die Unterlippe beissen, ein absolut närrisches Grinsen unterdrücken – und weinen, und sie grinst und weint noch immer, als er sie so fest schüttelt, dass ihre Knochen knirschen.
"Was fällt dir eigentlich ein, dich in eine solche Gefahr zu begeben? Götter im Himmel, ich sollte dich übers Knie legen – allein bei einem Sturm in den Wald zu rennen, blind wie du bist! Hast du die leiseste Ahnung, welche Sorgen ich mir um dich gemacht habe, du hättest sterben können!"[i] Gerne möchte sie den Kopf schütteln, bis ihre Locken in alle Richtungen fliegen, ihm sagen, dass sie lebe und gesund sei - und er ausserdem zwei Monde zu spät für solche Vorwürfe! -, aber was auch immer ihr auf der Zunge liegt bleibt auch genau dort, weil ihr nämlich nur einen Wimpernschlag später die Luft fehlt es auszusprechen. Colevar zieht sie an sich und die fehlende Zurückhaltung raubt ihr den Atem. [i]Völlig egal. Sowas von egal. Calait schmiegt sich an ihn, an die eiserne Kühle seines Kettenhemds unter der dünnen Wolle, drückt ihre Wange an seine Brust, bis die kleinen Ringe durch den Stoff rote Zirkel auf ihre Haut malen, und hätte sich am liebsten an seiner Brust zusammengekringelt, wie ein neugeborenes Katzenjunges. Da sie das nicht kann, weil er zu gross ist, die Schwerkraft dagegen spricht und sie ausserdem kein Kätzchen ist, ringt sie ihre Arme um seine Mitte, flicht ihre Finger durch sein langes, dickes Haar, schwer und feucht wie nasse Seide, und drückt ihn mit aller Kraft an sich, ungeachtet des fehlenden Sauerstoffs. Ich ersticke lieber, als ihn jetzt los zu lassen. Das ist einer von tausend Gedanken, die sich in einem wilden Durcheinander hinter ihrer Stirn tummeln, zusammen mit mindestens genauso vielen Fragen, angefangen bei ‚Wie geht es dir?‘, über ‚Was tust du hier?‘ bis hin zu ‚Hast du sie eigentlich noch alle?‘. Staub und Dreck bröckelt unter ihren Fingern von seinem Umhang , er riecht nach Wald , Regen, tagealtem Nimöl, Schweiss und etwas, das sie nicht sofort erkennt, und sie kann seine Muskeln unter Haut und Stoff brennen fühlen. Er muss geritten sein wie ein Wahnsinniger. Was für ein dummer, dummer Mann. Dumm, vielleicht, aber richtig.

Irgendwie bringt sie trotz Atemlosigkeit ein protestierendes Murren zustande, als seine Arme sich nach einer viel zu kurzen Weile ein bisschen entspannen, allerdings ohne sie wirklich freizugeben. "Tut mir leid. Es tut mir leid, es ist nur... ich bin... " Wispert er kehlig in ihr Haar, drückt einen Kuss auf ihre Stirn, nur um sie danach noch einmal fest an sich zu ziehen. Calait hält ihn einfach weiter fest und sagt gar nichts, stellt lediglich mit Sorge fest, dass er zittert, woraufhin das dämlich traurigfreudige Grinsen von ihren Lippen perlt. Widerwillig löst sie ihre Finger aus den wirren Strähnen aus Gold und Weizen, nur um sie über seine Seite hinauf, unter seinen Armen hindurch zu zwingen und sie zu seinem Hals und federleicht über seine Wangern wandern lassen zu können. Der Schatten eines Barts liegt um sein Kinn und er braucht dringend ein gründliches Bad, aber dort wo vor acht Monden noch eingefallene Wangen und dunkle Ringe lagen findet sie jetzt festes Fleisch und glatte Haut – und sein Lied, damals noch immer brüchig und seltsam eintönig, hat zu neuer Stärke zurück gefunden. Und trotzdem stimmt etwas nicht. Die Gewissheit ist da, mit der gleichen Absolutheit, mit der sie damals auch wusste, dass Lías Melodie endgültig verstummt war – dieses Mal aber kann sie nicht sagen, was es ist und das macht ihr Angst. Hast du dir schon wieder das Herz brechen lassen? Etwa diese Morian? Oder eine andere Maid, die du auf der Strasse aufgelesen hast? Wie nah und fern zugleich sie damit der Wahrheit liegt, kann sie nicht ahnen. "Wo sind die Hunde? Warum bist du hier allein unterwegs?"[/i] Will er wissen und irgendwo – sie hat keine Ahnung wo - findet sie die Willensstärke sich so weit von ihm zu lösen, dass sie den Kopf in den Nacken schieben und zu ihm aufsehen kann, als wolle sie ihn gründlich mustern. Genau das tut sie auch. Auf ihre eigene Art und Weise. Und dann zischt, knurrt, wimmert sie sehr leise, sehr sanft, sehr verärgert und halb erstickt von den Tränen, die dunkle Flecken auf ihrer Augenbinde hinterlassen: „Bald? Bald? Du Dreckskerl.“ Bevor sie ihn auch schon wieder zu sich hinunter zieht, fast reisst, ihr Gesicht an seinem Hals birgt und die Arme so unnachgiebig um seinen Nacken schlingt, dass er sie hochheben müsste, wollte er sich wieder gerade hinstellen. „Du hast dir Sorgen gemacht? Und was ist mit mir? Erst versprichst du mir hoch und heilig bald wieder da zu sein und dann hör ich mondelang nichts von dir. Schon wieder! Das ist wirklich eine ungeheuer miese Angewohnheit von dir, Colevar. Bei allen Ahnen, ich bin diejenige, die dich übers Knie legen sollte!“ Inzwischen haben Freude und Erleichterung über seine Rückkehr die Oberhand gewonnen. Sogar die Trauer um Breur verblasst zu seinem dumpfen Schmerz im Hintergrund angesichts seiner überraschenden Ankunft und sie wird den Dunklen tun und ihm hier und jetzt erzählen, was seit ihrem letzten Brief alles vorgefallen ist. Dafür haben sie später noch Zeit. Vielleicht während dem Besäufnis, das sie ihm noch schuldet. Colevar klingt durch und durch erschöpft und als er sich wieder aufrichtet, schwankt er unmerklich. Instinktiv schiebt sie einen Arm in seinen Rücken, als ob sie ihn mit ihren lächerlichen fünfeinhalb Fuss auffangen könnte, sollten seine Knie ihm den Dienst versagen. „In zwei Tagen nach Talyra geritten. Du... du... dummer, dummer Mann. Komm.“ Ihre Stimme hat jede Schärfe verloren, jeder Ärger, so gerechtfertig er auch gewesen sein mag, ist verflogen und auch ihr Besuch im Lyrtempel hat sie schon längst vergessen. „Lass uns nach Hause gehen. Reiten. Du brauchst ganz dringend ein Bett... und ein Bad. Du stinkst nämlich.“ Dabei rümpft sie demonstrativ ihre Nase, wenn auch nur halbherzig, denn es stört sie im Grunde genommen herzlich wenig. Er könnte in einer Jauchgrube gebadet haben und sie würde ihm noch immer um den Hals fliegen.

Shirin, die schon die ganze Zeit wispelnd und überschäumend vor Wiedersehensfreude um sie herumhüpft, wie ein Springteufelchen auf Rauchkraut, bekommt endlich ihr heiss ersehntes Kopftätscheln, platziert als Dank dafür ihre Pfoten auf seinen Oberschenkeln und versucht an ihm hoch zu springen, um mit ihrer feuchten Zunge sein Gesicht zu erwischen. „Shirin, paouez!“ Die Hündin gehorcht, wenn auch widerwillig und mit einem Blick, der Calait prompt ein schlechtes Gewissen gemacht hätte – hätte sie ihn denn sehen können. Filidh begrüsst sie mit einem leisen Schnauben und sie nimmt sich einen Moment das stolze Tier zwischen den Augen zu kraulen und ihm einen Kuss auf die weichen, rosa Nüstern zu drücken. „Schön dich wieder zu sehen, mein Hübscher.“ Der Hengst holt sie beinahe von den Füssen, als er ihr daraufhin zum Dank seinen massigen Schädel gegen die Brust rammt. Lachend klopft Calait ihm den Hals, wartet bis Colevar im Sattel sitzt, streckt ihm eine Hand entgegen und schwingt sich mit seiner Hilfe hinter ihm auf den Pferderücken. Wie selbstverständlich verschränkt sie ihre Finger vor seinem Bauch und da er alles andere als schmal gebaut ist und ihre Arme nicht sehr lang sind, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als sich an ihn zu lehnen und ihr Gesicht zur Seite gedreht zwischen seine Schulterblätter zu pressen. Und selbst wäre es nicht nötig: Sie muss ihn einfach festhalten. Ganz nah, so dass sie den Schlag seines Herzens selbst durch Knochen, Fleisch, Stoff und Eisen noch fühlt. Sonst löst er sich in Rauch auf. Oder ich wache in meinem Bett auf. Oder ich stelle fest, dass die letzten paar Tage nur ein böses Alkoholdelirium waren und Borgil mich am Shentag wirklich unter den Tisch getrunken hat.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Tiuri

Stadtbewohner

Posts: 38

Occupation: Stadtgardist

Location: Goldene Harfe, Talyra

  • Send private message

17

Sunday, September 9th 2012, 8:11pm

An einem Morgen Mitte Beerenreif

Mit der Hilfe ihrer kleinen Übersetzerin beantwortet ihm die Stumme Frau seine Fragen über ihre Herkunft mit dem ihr eigenen Lächeln. Die ganze Zeit die er bei ihr ist, egal ob sie gerade bestohlen wurde, sich konzentriert oder überlegt wie sie ihre Gedanken in Handzeichen verpacken soll, das Lächeln hat niemals ihre Lippen verlassen. Freundlich sieht sie aus und doch irgendwie zurückhaltend und ein wenig geheimnisvoll. Tiuri muss sich zwingen nicht ihren schönen lächelnden Mund mit den roten Samtlippen anzustarren, sondern sich darauf zu konzentrieren was das Mädchen sagt. Dass sie nicht von einem der azurianischen Völker abstammt ist klar, denn diese Völker sind allesamt dunkelhaarig, aber trotzdem kann Karamaneh in Culuthux geboren sein. Wie sie oder ihre Familie allerdings dort hingelangt sind, ist eine Frage von der er nicht denkt, dass sie ihm zu diesem Zeitpunkt schon zusteht. Die zweite Antwort der jungen Frau lässt ihn kurz die Stirn runzeln, aber er fängt sich schnell wieder um nicht unhöflich zu wirken. So lange es ihr Oheim bestimmt… klingt als würde er seine Verwandten wie Leibeigene behandeln, netter Onkel! Tiuri hat keine Ahnung wie nahe er mit diesem Gedanken der Wahrheit kommt, sondern wundert sich nur darüber, dass es Karamaneh scheinbar in keiner Weise zu stören scheint. Er möchte gerne fragen was sie denn will, ob sie Heimweh hat oder ob es ihr hier gefällt, wird aber von einer kichernden Missandei in seinen Gedanken unterbrochen.
>Meine Sayyida findet, dass Ihr ganz schön viele Fragen stellt. Aber sie meint auch, dass das vermutlich zu Euren Aufgaben gehört... Ihr seid schließlich ein Mann der Stadtwache.< Jetzt lacht auch Tiuri kurz auf, in einer Mischung aus Belustigung und Verlegenheit. Zu seinem Glück wird er niemals rot, sondern fährt sich nur wieder einmal durch das mittlerweile wieder etwas wirre Haar. „Da habt Ihr recht, es ist absolut meine Aufgabe so viel über die Bewohner wie auch die Besucher Talyras zu wissen um so für Recht und Ordnung zu sorgen!“ Ein breites Grinsen liegt auf seinem Gesicht als er antwortet. Bei der Frage des Kindes nach seinem Pferd, streicht er dem Hengst liebevoll über den Hals und durch die dichte schwarze Mähne. Der Schwarze lässt die Geste über sich ergehen schaut Tiuri nur etwas skeptisch an ob diese eklige Sentimentalität noch länger dauern würde. „Njördyr, so heißt er, gehört mir, nicht der Steinfaust. Einige der Gardisten haben eigene Pferde, die meisten groß, wenige so groß wie Njördyr. Ich habe ihn auf einem Pferdemarkt gefunden und weil er eine lange Zeit so schlecht behandelt worden ist, war er ziemlich mies gelaunt und wollte sich von niemandem mehr anfassen lassen, weißt du.“ Noch immer kann Tiuri es gar nicht glauben wie der Hengst sich entwickelt hat und auch nicht, dass Borgil ihm das Pferd gekauft hat anstatt ihm an Ort und Stelle mit der Axt den Kopf von den Schultern zu trennen. Manchmal weiß er ja nicht einmal wie er die ersten Wochen mit Njördyr eigentlich überlebt hat.
Wieder beginnt Karamaneh neben ihm ihre Worte zu zeichnen und aufmerksam beobachtet Tiuri ihre Hände ob er einzelne Handzeichen vielleicht schon wieder erkennen kann, doch sie ist ihm viel zu schnell und bis jetzt kann er alleine kein bisschen abschätzen was sie sagt. Missandei hingegen scheint sie allerdings wie immer ganz gut zu verstehen, wenn sie diesmal auch ein wenig unsicher scheint. >Meine Sayyida wüsste gerne, welchen Rang Ihr in der Steinfaust bekleidet und mit welchen Anliegen man sich gewöhnlich an Euch wendet...Sie sagt, dass ihr aufgefallen ist wie viele Leute Euch zu kennen scheinen. Und sie wüsste gerne woher Ihr stammt, sie war noch nie so weit im Norden.[/i]<
Tiuri lächelt ein wenig schief als er darüber nachdenkt wie er diese Frage eigentlich beantworten soll. Eigentlich gibt es nichts womit sie sich direkt an mich wenden könnte… wozu kann sie schon ausgerechnet Tiuri aus dem 3. Trupp der Reitergarde benötigen? „Ich bin eigentlich Ritter der Reitergarde der Steinfaust, vielleicht werdet ihr nicht unbedingt etwas von mir brauchen, aber es kann nie schaden jemanden zu kennen, der einem vielleicht genau sagen kann an wen man sich wenden muss.“ Über ihre zweite Frage muss er innerlich ein bisschen Lachen, die Herzlande heißen schließlich Herzlande weil sie im Herzen der Immerlande liegen und damit also ziemlich genau in der Mitte und nicht wirklich im Norden. Sie ist also vermutlich noch nie so richtig aus Azurien hinaus gekommen! „Ich stamme eigentlich aus Sûrmera, aber jetzt lebe ich hier mit meiner Familie in der Goldenen Harfe.“ Genauso wenig wie er sie nach ihrer Lebensgeschichte ausfragt, erzählt er ihr auch nicht wirklich etwas über seine eigene. Es wäre auch eine ziemlich lange, verworrene Geschichte und da er außerdem nicht ahnt, dass Karamaneh weiß, dass Borgil ein Zwerg ist und deswegen vielleicht ein wenig verwirrt sein könnte, hält er das für die einfachste Erklärung. „Aber was ist mit Euch“, fragt er jetzt doch nach, weil die Neugierde einfach siegt. „Warum seid Ihr hier her gekommen? Nur weil Euer Oheim das wollte? Gefällt es Euch denn in Talyra oder wollt ihr wieder zurück?“

Colevar

Stadtbewohner

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

  • Send private message

18

Sunday, September 9th 2012, 10:29pm

Beerenreif 512 irgendwo in der Nähe des Nordtores


"Du hast nichts von mir gehört? Hast du meine Briefe nicht bekommen?" Echot er ungläubig, doch die letzten Worte werden zu einem ebenso überraschten wie amüsierten Ächzen, weil sie gleichzeitig mit ihm schimpfen und an ihm kleben kann. Natürlich hebt er sie hoch bis ihre Füße gut einen halben Schritt über dem Boden baumeln und schwelgt einen kurzen Moment lang in dem ebenso bestimmten, wie völlig fremden Gefühl, ihre Nase an seinem Hals, ihre Arme um seinen Nacken – Himmel, sie wird gleich in Ohnmacht fallen, so wie er stinken muss! - nicht mehr so hohl und leer zu sein. Einmal Familie, immer Familie. "Ich habe mindestens vier geschrieben – und nichts von dir gehört. Ich dachte du wärst... ahm... " wütend.
>Das ist wirklich eine ungeheuer miese Angewohnheit von dir, Colevar. Bei allen Ahnen,ich bin diejenige, die dich übers Knie legen sollte!< Die Vorstellung ist so absurd, und seine Erleichterung, dass sie nicht wirklich böse auf ihn ist, dass sie sich ebenso freut, ihn zu sehen wie er sich, wieder bei ihr zu sein, ist so groß, dass das Verlangen laut zu lachen in seinem Blut prickelt wie Perlwein. Möglicherweise ist es ja... besser, dass sie seinen letzten Brief nie erhalten hat. Du warst betrunken wie eine Balliste, als du ihn geschrieben hast, vergiss das nicht! Der Gedanke ist so schnell wieder aus seinem Kopf verschwunden, wie er aufgetaucht war und als er sie behutsam auf die Füße zurückstellt, holt ihn die Erschöpfung der letzten Tage wieder ein. Calait schimpft schon wieder mit ihm, aber seinetwegen kann sie das bis zum Sankt Nimmerleinstag tun, wenn sie dabei jedes Mal so klingt - und so aussieht. >Lass uns nach Hause gehen. Reiten. Du brauchst ganz dringend ein Bett... und ein Bad. Du stinkst nämlich.< Ihre kleine Nase kräuselt sich und diesmal lacht er wirklich. "Aye, wie ein Bär... aber nach Hause klingt gut. Ich schwöre dir, jeder Ort, an dem es ein Bett gibt, kommt dem Himmel schon so nahe, man ihm nur kommen kann. Aber warte... ich muss dir noch jemanden vorstellen."

Er nimmt ihre Hand in seine und pfeift leise. Nur einen Augenblick später führt er ihre Finger sanft an eine feuchte, neugierig schnuppernde Hundenase und lässt sie dann los, damit sie sich mit Reykir bekannt machen kann. "Calait, das ist Reykir." Ihre Finger graben sich in den dichten, grauen Pelz und streicheln behutsam an den Konturen des Hundes entlang, um sein Aussehen und seine Masse abzuschätzen, und sich so ein Bild von ihm zu machen. Reykir ist groß, noch um einiges größer, als es die Karjakoiras gewesen waren, und die waren schon alles andere als klein. Aber da er eine wirre Mischung ist, ist sein Aussehen einzigartig. Auf eine seltsame und überraschend harmonische Weise, vereint er auf seine ganz eigene Art all seine Ahnen... den Falkenswarder, dem er die Größe und Schnelligkeit verdankt, dem Sithechwolf, der das mörderische Gebiss und den dichten, weichen Pelz beigesteuert hat und dem Löwengrimm, von dem er Statur, Masse und den breiten Kopf mitbekam. Es dauert keine vier Herzschläge, ehe sie erschrocken fragt, was mit seinen Ohren passiert wäre und Colevars Mund wird für einen Moment ein dünner Strich. "Er war ein Kampfhund in den Gruben von Brugia." Sie gibt einen Laut von sich, irgendwo zwischen einem Seufzen und einem Schnurren, der nicht nur Colevar in den Magen fährt, sondern auch Reykir, denn es ist der Moment, in dem der ehemalige Grubenhund sein großes Herz an sie verliert und mit der nassen Zunge eifrig – und unter lautem Kichern Calaits – ihr Gesicht bearbeitet. Wer weiß, wie zurückhaltend anderen, erst recht Fremden gegenüber, Reykir normalerweise mit solchen Zuneigungsbeweisen ist , der kann vage erahnen, wie sehr der Hund sie mögen muss... und das nach gefühlten dreißig Herzschlägen. Während Colevar Shirin endlich die mühsam erbettelte und jaulend erheischte Aufmerksamkeit zukommen lässt und die kleine Resanderin vor lauter Aufregung und Wiedersehensfreude vorsichtshalber gleich alle anwesenden, ganz gleich ob zwei- oder vierbeinig, anspringt und mit feuchten Hundeküssen beschenkt, begrüßt Calait Filidh, der sie prompt gegen ihn schubst, weil er seine schweißfeuchte Stirn an ihr reibt wie an einem alten Freund. Das ist sie ja auch.

Als er in den Sattel steigt, merkt er, wie erledigt er tatsächlich ist. Seine Arme und Beine sind so schwer wie Blei, das Kettenhemd wiegt mindestens einen Quader, er spürt jeden einzelnen Knochen im Leib und alles in allem fühlt er sich etwa hundertundneun Jahre alt. Jetzt, da er sie endlich gefunden hat und bei ihr ist, kann er fühlen, wie die ganze Anspannung der letzten Tage aus ihm herausrinnt wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug. Hier sind nur sie und er – er ist für niemanden sonst mehr verantwortlich, nicht der allerkleinste Stolperstein zeigt sich am Horizont und sie sind beide in der relativen Sicherheit Talyras. Zum ersten Mal seit Tagen kann er sich erlauben, die eiserne Disziplin, die ihn hellwach und in beständiger Alarmbereitschaft gehalten hatte, aufzugeben. Die Unruhe, die an ihm genagt und gezerrt und gezogen hatte, ist fort, als habe es sie nie gegeben - in ihrer Gegenwart ist er vollkommen ruhig. Er streckt die Hand aus und zieht sie zu sich auf Filidhs Rücken, wo sie sich an ihn schmiegt, die Arme um seine Mitte legt und die nackten Beine unter den gerafften Röcken baumeln lässt. Vollkommen ruhig? Colevar schließt für einen Moment die Augen und treibt Filidh mit einem leisen Zungenschnalzen vorwärts. Von hier aus zum Nordtor ist es nicht weit – keine hundert Schritt durch drei kleine, verwinkelte, bucklig gepflasterte Gässchen – und so dauert es nicht lange, ehe der Wald sie mit goldgesprenkeltem Halbschatten und angenehmer Kühle nach der Bruthitze Talyras empfängt. Die Hunde sind bald vor ihnen, bald hinter ihnen, schnuppern hier und dort am Rand des Weges oder verschwinden kurz zwischen den Bäumen, nur um gleich darauf wieder irgendwo an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Colevar kämpft unter der bleiernen Erschöpfung noch immer mit handfestem Unglauben. Sie ist hier, bei ihm... er ist hier. Tatsächlich. Es ist kein Traum und keine Einbildung und doch hat er ein wenig Mühe, es tatsächlich zu glauben. "Kneif mich", fordert er leise und sie weiß sofort, was er meint – kann ihn aber dank des Kettenhemdes kaum kneifen, ohne sich die Finger zu brechen, also drückt sie sich nur so fest an ihn, wie sie kann. "Danke." Wirklich und wahrhaftig: kein Traum. Er will so vieles sagen, er hat so vieles zu erzählen und da sind auch noch tausend Fragen, aber im Augenblick will ihm nicht eine davon einfallen – sie summen wie ein aufgebrachter Bienenschwarm in seinem Inneren, so chaotisch, dass er einfach keine einzige, noch nicht einmal die wichtigste, in Worte fassen und stellen kann.


-> Das Häuschen am Waldesrand
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

  • Send private message

19

Monday, September 17th 2012, 8:55pm

Missandei und Karamaneh hören Tiuri aufmerksam zu. Dass der junge Mann Ritter der Reitergarde ist, erfüllt die eine mit Bewunderung und erstaunen, die andere mit großem Interesse. Ihr Begleiter ist nicht einfach nur ein gewöhnlicher Gardist oder Wächter, ein kleines Licht aus den untersten Rängen, nein. Tiuri, Ritter der Reitergarde der Steinfaust, denkt die Malankari, das sollte ich mir merken. Ja, das sollte ich in der Tat... Von einem einfachen Wächter würde sie gewiss das eine oder andere über die Steinfaust in Erfahrung bringen, dessen ist Karamaneh sich sicher, aber ein Ritter kann in jedem Fall weit mehr erzählen, was für Fahd von Interesse sein könnte. Es könnte sich also tatsächlich als lohnend erweisen, Tiuri von der Reitergarde näher kennen zu lernen. Kara unterdrückt ein trauriges Seufzen. Es hätte sie gefreut, den jungen Mann einfach nur so kennen zu lernen, weil er freundlich ist, nett - aber das ist nun nicht mehr möglich. Alles in ihr streubt sich dagegen, die Freundlichkeit des Ritters auszunutzen, doch sie kann sich Fahds "Wünschen" nicht wiedersetzen, nicht solange Zaleh bei ihm ist.

Karamanehs Gedanken schweifen ab und sie hört hört nur mit halbem Ohr zu, als Tiuri ihr erklärt, woher er stammt. Sie wundert sich nicht einmal, als er erzählt, dass er gemeinsam mit seiner Familie in der Goldenen Harfe lebt. Jede Überlegung darüber in welchem Bezug Tiuri zu Borgil, dem Harfenwirt, steht, ist für den Moment vergessen. Erst die Gegenfragen, die ihr Begleiter ihr stellt, holen Kara aus ihren Gedanken zurück. ›Was ist mit Euch?‹, fragend sieht Tiuri die Malankari an. ›Warum seid Ihr hier her gekommen? Nur weil Euer Oheim das wollte? Gefällt es Euch denn in Talyra oder wollt Ihr wieder zurück?‹ Karamaneh nickt bedächtig mit dem Kopf und ist sich zunächst selbst gar nicht darüber im klaren, wie missverständlich dies als Antwort vermutlich wirkt. Das bejahende Nicken kann alles möglich bedeuten: "Ja, Talyra ist schön.", "Ja, ich bin nur auf Wunsch meines Oheims hier.", "Ja, es gefällt mir in Talyra.", "Ja, ich möchte wieder zurück." Als ihr ihr Fehler bewusst wird, lächelt die Malankari entschuldigend und wendet sich an Missandei, damit diese ihre Handzeichen für Tiuri übersetzen kann. "Meine Sayyida sagt, dass es ihr gut in Talyra gefällt. Die meisten Leute, die sie bisher kennen gelernt hat, sind freundlich und hilfsbereit... aber sie hat auch Heimweh... manchmal." Die letzten Worte kommen Missandei stockend und zögernd über die Lippen, so als wäre sich das Mädchen nicht sicher, alle Gesten seiner Herrin richtig gedeutet zu haben.

Karamaneh lächelt. Es ist nicht Missandeis Fehler, dass die Worte nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Heimweh ist eigentlich das falsche Wort für das, was sie empfindet. Heimweh verspürt sie, wenn sie sich an ein kleines, gewöhnliches Fischerdorf an den Stränden der Malankarküste erinnert. Wenn sie an Culuthux denkt, dann verspührt sie vor allem eines: Sehnsucht. Sehnsucht nach Zaleh. Mein Herz. Wie könnte Missandei dieses Gefühl in Worte fassen? Das kleine Mädchen kennt Zaleh nicht, ahnt nicht einmal etwas von ihrer Existenz. Nur an Zaleh zu denken, bereitet Karamaneh bereits unendlichen Schmerz, jemandem von ihr zu erzählen - und sei es die liebe, süße, zarte Missandei - bringt sie einfach nicht über sich.
Tiuris Frage, ob es, abgesehen von ihrem Oheim, noch einen weiteren Grund für ihre Reise nach Talyra gegeben hat, übergeht die Malankari ganz. Was sollte sie darauf auch antworten? Das sie nicht aus freien Stücken so weit gereist ist? Das sie eine Sklavin ist und über ihr Tun und Handeln nicht so frei bestimmen kann wie man es in Talyra gewohnt ist? Nein. Karamaneh unterdrückt den Drang den Kopf zu schütteln und stellt erleichtert fest, dass sie den Platz der Händler erreicht haben und geradewegs auf die Nyzemia zusteuern von wo aus ihnen bereits zwei Männer ihres "Oheims" entgegen geeilt kommen.

"Alles in Ordnung?", erkundigt sich der ältere der beiden Karawanenwächter bei Tiuri, während er und sein jüngerer Gefährte sich zwischen den jungen Ritter und Karamaneh stellen und die Malankari und ihre kleine Dienerin schützend flankieren, ohne sie dabei jedoch groß eines Blickes zu würdigen. "Gab es irgendwelchen Ärger in der Stadt?" Die beiden Wächter warten allerdings kaum eine Antwort ab. Fast schon etwas unhöflich beenden sie das kurze Zusammentreffen, danken dem jungen Gardisten nur oberflächlich dafür, dass er das Mündel ihres Herrn Saif-Al-Qadir sicher zur Nyzemia zurückgeleitet hat, und führen Karamaneh und Missandei ohne das diese sich angemessen verabschieden können, in die große Karawanserei. Die Malankari wirft einen allerletzten entschuldigenden Blick über die Schulter zurück, dann wird die von den Karanwandenwächtern bestimmt durch das Tor der Nyzemia geschoben und ist schon im nächsten Augenblick im Inneren des altehrwürdigen Gebäudes verschwunden.

Die Nyzemia -›
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 2 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 25th 2013, 10:29pm)


Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

  • Send private message

20

Wednesday, September 19th 2012, 11:29pm

‹- Die Nyzemia
Amitaris Hochtag
21. Erntemond 512

Karamaneh kann ihr Glück kaum fassen als Nabil Saif-Al-Qadir ihr schließlich wieder gestattet die Nyzemia zu verlassen, um nach eigenem Belieben in die Stadt zu gehen. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Fürs Erste ist es ihr nur erlaubt sich in Begleitung außerhalb der Mauern der Karawanserei aufzuhalten. Eigens aus diesem Grund hat Nabil ihr einen persönlichen Wächter zugewiesen. Seither ist Ogoun Ogbunabali, ein hünenhafter Nandé mit kahlgeschorenem Haupt und grimmigem Blick, Karamanehs ständiger Schatten. Was der Söldner davon hält vermag die Malankari nur zu raten, denn der Nandé ist mindestens ebenso schweigsam wie sie selbst.
Missandei, Karas kleine Dienerin, fürchtet Ogoun seit sie dem Nandé zum ersten Mal begegnet ist, aber ihre Sayyida empfindet seine stumme Gegenwart als angenehm. Ja, Karamaneh ist – zumindest im Augenblick noch – nur zu gerne bereit ein Stück ihrer geringen Freiheit zu opfern, wenn sie dadurch einen fähigen Beschützer gewinnt. Und daran, dass Ogoun ein ausgezeichner Leibwächter ist, besteht überhaupt kein Zweifel. Wo seine tatsächlichen Loyalitäten und Verpflichtungen liegen, ist Karamaneh bisher allerdings ein Rätsel, weshalb sie dem Nandé nicht mehr Vertrauen schenkt als jedem anderen Mann auch, nämlich gar keines.

Am Tag vor dem Fest zu Ehren der Göttin Amitari verlässt die Malankari schließlich nach langer Zeit endlich wieder die Nyzemia, um sich unter die Menschen auf den Straßen der Stadt zu mischen. Anfänglich hat sie in Erwägung gezogen sich nach Art der Herzländer zu kleiden, um weniger aufzufallen, diese Idee jedoch schnell wieder verworfen. Die der herzländischen Mode entsprechenden Gewänder, die Basma ihr gebracht hat, haben der Südländerin alles andere als gefallen und sie hat sich darin zu allem Überfluss lediglich gefühlt wie ein Narr im Schellenköstum. Also hat sie schließlich aufgegeben sich als Einheimische zu verkleiden und einfach akzeptiert, dass sich ihre Herkunft nicht so einfach unter ein paar Bahnen Stoff verbergen lässt. Ogouns Anwesenheit lässt eine Verkleidung ohnehin sinnlos erscheinen, denn den dunkelhäutigen Nandé als Herzländer auszugeben ist schlichtweg unmöglich.
Also hat sich Karamaneh letztlich für einen schlichten braunen Saree entschieden, dessen einzige Extravaganz aus dezenten Saumstickerein aus sandfarbenem Garn besteht. Passend dazu hat Kara einen sandfarbene Unterrock, Choli und zierliche Ledersandalen angelegt. Auf Schmuck hat sie schweren Herzens vollständig verzichtet, als Ausgleich dafür aber ihr Haar zu einer schönen, eleganten Frisur hochgesteckt und sich wie immer dezent, aber passend geschminkt Alles in allem ist sie mit ihrem Anblick durchaus zufrieden. Vor allem auch, weil nur noch ein sehr geschulter Blick die letzten verblassenden Spuren erkennen kann, die Nabils heftige Schläge im Gesicht der Malankari hinterlassen haben.

Ihr Ziel an diesem warmen, sonnigen Mittag im Frühherbst ist der Marktplatz. Einerseits möchte Kara die Badehäuser zumindest einmal von Außen in Augenschein nehmen, andererseits sehnt sich die Frau von der Malankarküste geradezu danach sich endlich einmal wieder unter Leute zu begeben, sich unter die Menschen auf dem Marktplatz zu mischen und vielleicht einen Becher Bernsteinwein oder Weißen vom Ostufer in der Harfe zu trinken - und das Fest zu Ehren von Amitaris Hochtag scheint dafür die perfekte Gelegenheit zu sein.
Ein möglicher Besuch in dem bekanntesten Gasthaus der Stadt ist selbstredend von Nabil Saif-Al-Qadir gestattet worden. Dem Karawanenhändler kommt der Gedanke das Karamaneh dem Ziehsohn des Harfenwirts möglicherweise ein wenig schöne Augen macht, gar nicht einmal mehr so ungelegen, obwohl er der Sklavin mehr als einmal zur Vorsicht geraten hat, immerhin ist Borgil Blutaxt nicht einfach nur ein gewöhnlicher Schankwirt.
Mit tausend Ratschlägen, Instruktionen und Informationen ausgestattet verlässt Kara schließlich die Nyzemia. Missandei hüpft fröhlich neben ihr her – glücklich darüber endlich wieder einmal mit ihrer Sayyida anstatt mit Basma auf den Markt zu gehen – und Ogoun stapft wie ein finsterer, bedrohlicher Schatten in wenigen Schritten Abstand hinter den beiden her.

Die Goldene Harfe -›
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 2 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 25th 2013, 10:30pm)


Diantha

Professional

Posts: 968

Occupation: Studentin

Location: Nürnberg

  • Send private message

21

Friday, November 16th 2012, 11:35am

Vom Westflügel bis zur Goldenen Harfe
am Abend des 30. Blätterfalls


Olyvar geht von zwei Fehlannahmen aus: Erstens denkt er Diantha glaubt, dass Calait und Colevar derzeit etwas miteinander haben, zweitens geht er davon aus, sie habe sich über Sicherheitsprobleme in ihrem Geschäft keine Gedanken gemacht. Wie jedem, der Colevar und Calait miteinander gesehen hat, ist ihr auch die Verbindung zwischen den beiden aufgefallen – sie mögen sich sehr, necken sich und stehen füreinander ein. Es sind seltsame Bande, mit denen sie verknüpft sind, manchmal wirkt es sehr geschwisterlich, dann wieder nicht. Außerdem ist da auch noch die tragische Liebesgeschichte zwischen Colevar und Lia, die nun einmal Calaits genaues Abbild ist. Diantha hält es zwar durchaus für möglich, dass der Sithechritter und die Sängerin ein Liebespaar werden könnten – irgendwann in ferner Zukunft, aber gewiss nicht jetzt. Die Aussage, dass die beiden auch ohne Olyvar und Diantha Spaß hätten, war wortwörtlich gemeint: Höchstwahrscheinlich unterhält Calait mittlerweile die ganze Harfe und wird, wenn sie zu sehr über die Stränge schlägt von Colevar im Zaun gehalten. Als Olyvar sie also belustigt fragt, ob sie ernsthaft glaubt, dass die beiden miteinander ins Bett steigen und gleich hinzusetzt, er glaube das nicht, verdreht sie nur die Augen und antwortet: „Man kann ja nicht nur im Bett Spaß miteinander haben!“ Ich kann mir jedenfalls auch nicht vorstellen, dass die beiden zusammen in Calaits winziger Hütte leben und ständig Besuch von anderen Bettbekanntschaften bekommen. Das Thema wendet sich den Edelsteinen zu und Olyvar rät seiner Frau, Colevar nach einer Kontaktperson in Lyness zu fragen. Sie nickt, hoffentlich ist diese Person umgänglich, sonst könnte das eine ziemlich komplizierte Angelegenheit werden. Uisdéan scheint ihm auch nicht sonderlich viel zu sagen, bis er sich scheinbar an einen Zwischenfall erinnert. Zum Thema Laden stimmt er Diantha zu: >"Klingt nach einer Möglichkeit. Und eine bessere Lage kannst du dir kaum wünschen."< Sie will ihm zustimmen, doch sie werden von den Kindern unterbrochen und machen sich nun endlich auf den Weg zur Harfe. Die Zwillinge versprechen auf Njáll aufzupassen und so machen sie sich inmitten jeder Menge anderer Geister an diesem nasskalten Abend auf den Weg zur Harfe. Die Straßen sind alles andere als leer, überall sind nach Süßigkeiten gierende Geisterkinder, die sich auf den Weg zu ihren ersten Opfern machen. Sie lächelt beim Anblick ihrer drei Kinder, denn Njáll ist ganz aufgeregt bei der Aussicht, Leute erschrecken zu dürfen. Letztes Jahr war er noch zu klein dafür…

Olyvar nimmt unerwartet das Gespräch von vorhin wieder auf: >"Ich denke vor allem, dass du bald Leibwächter brauchst. Wachen. Zuverlässige Männer oder Frauen, die dein Geschäft beschützen. Die dich beschützen... und deine Ware. Schon mal darüber nachgedacht?"< Bei dieser Frage muss Diantha seufzen, natürlich hatte sie sich auch über ihre Sicherheit, sowie die des Ladens und der Verhandlungen Gedanken gemacht, nur gefallen ihr ihre Optionen nicht. Sie weiß, dass sie sich ihrer Haut erwehren kann: Gegenüber einem Angreifer, der sie unterschätzt. Wie jede Frau, die auf der Straße ge- und überlebt hat, kennt sie ein paar gemeine Tricks und ihre Wurfsterne trägt sie weiterhin bei sich. Doch einer Bande Juwelendiebe hat sie nichts entgegenzusetzen, das ist eine Tatsache. Sich mit einem Trupp Leibwachen auszustatten ist allerdings alles andere als Dianthas Traum schlafloser Nächte. Sie bräuchte zwei oder drei gute, unauffällige Leute, denen sie blind vertrauen kann. Olyvar fährt derweil fort und teilt Diantha so einiges mit, was ihr bewusst ist, zum Beispiel dass die ganze Stadt mittlerweile davon weiß, dass sich in das Edelsteingeschäft einsteigen will und dass nicht alle Bürger gesetzestreu sind. „Das ist mir schon klar und ich habe mich schon ein bisschen umgehört, aber diese Leibwachen müssten Leute sein, denen ich vollkommen vertrauen kann und die muss man erst einmal finden. Für den Laden wäre dann auch eine Nachtwache sehr sinnvoll, denn mein Ziel ist es, dass gerade für die wertvollen Edelsteine und Schmuckstücke die Leute zu mir kommen und ich nicht zu ihnen. Letztes Mal als ich in der Nyzemia war, habe ich ein wenig herumgefragt – aber scheinbar ist es wirklich nicht einfach, vertrauenswürdige Wachen zu bekommen, besonders wenn es um hohe Geldsummen und kostbaren Schmuck geht.“ Sie zuckt mit den Achseln und denkt: Die meisten wirklich vertrauenswürdigen Leute entscheiden sich dann nun einmal gleich dazu, statt Leibwache Stadtwache zu werden. „Kennst du vielleicht jemanden, der in Betracht käme? Vielleicht Verwandte von Stadtwachen oder dergleichen?“
The thing with words is that meaning can twist just like a snake.
(Terry Prachett, Lords and Ladies)

Olyvar

Stadtbewohner

Posts: 163

Occupation: Lord Commander

Location: Steinfaust

  • Send private message

22

Saturday, November 17th 2012, 11:23am

Sithechnacht


Er schüttelt den Kopf auf ihre Frage und seine Gedanken schweifen ab, während er die Kinder beobachtet, die ein paar Schritt voraushüpfen, Njáll immer noch zwischen sich, ganz wie sie es versprochen hatten. Fianryn beugt sich gerade über den blonden Schopf seines Jüngsten hinweg zu ihrem Bruder, um ihm etwas zuzuflüstern und Conn nickt grinsend. Will ich wissen, was sie wieder aushecken? Vermutlich nicht... Dann fällt ihm doch jemand ein... jemand, der bald in Talyra zurück sein würde und vermutlich Arbeit brauchen wird. Vor allem Arbeit, bei der die Möglichkeit besteht, sich neben gutem Lohn hin und wieder ein klein wenig magisch... auszutoben. "Du könntest Rayyan fragen, wenn er wieder in der Stadt ist." Olyvar hütet sich, mehr von seinen Gedanken preiszugeben und stellt fest, dass er das auch gar nicht mehr will. Aye. Einmal am Tag Augenrollen und schnippische Antworten genügen auch vollkommen. Stattdessen konzentriert er sich auf die Kinder und die festlich geschmückten Straßen und versucht, nicht mehr an irgendwelche Dinge zu denken, die etwas mit Ladenräumen und Edelsteinen zu tun haben. Wann immer ihre Gespräche davon handeln, ist alles was er sagt oder tut ohnehin falsch. Es ist kalt, düster und neblig, denn der Mond macht seinem Namen alle Ehre, doch die dunklen Gassen und Straßen und das nasse Kopfsteinpflaster schimmern auch warm von den gelbroten Lichtern der zahllosen ausgehöhlten und mit geschnitzten Fratzen, Mustern, Schutzzeichen und allerlei Symbolik geschmückten Rüben und Kürbisse, die wie leuchtende kleine Wächter auf Türschwellen und an Straßenecken, um Brunnen und auf Fensterbänken stehen. Auch die Nachtfeuerkörbe lodern hell gegen die frühe Herbstdunkelheit.

Auf dem Marktplatz herrscht buntes Treiben, denn bis Mitternacht finden hier die Totentänze statt – die entgegen ihrem schaurigen Namen überhaupt nichts mit Tod und Geistern zu tun haben, sondern eine recht lebendige Angelegenheit sind. Allerdings sind sie den jungen – und nicht mehr ganz so jungen - unverheirateten Burschen und Mädchen oder Frauen vorbehalten, die hier ganz ohne die strengen Blicke ihrer Eltern ungestört unter sich sein können. Am großen Festfeuer stehen schon Körbe mit den Walnüssen vom Vorjahr bereit, die später unter lautem Kreischen und Johlen oder stillem Erröten aller Beteiligten in die Flammen geworfen. Versehen mit den Namen der auserwählten oder heimlich begehrten Liebsten kann man dann, jedenfalls wenn man dem Nussorakel Glauben schenken mag, man am Knacken der Schalen in den Flammen hören, wer wen am besten freien sollte und – vor allem - wann man ihn oder sie dann endlich zum Mann oder zur Frau bekäme. Rund um den Marktplatz reihen sich auch die mit leuchtenden Rübenlaternen und glänzend dunklen Ilex, leuchtenden Vogelbeerzweigen und Weißdorn geschmückten Stände aneinander, die frische Honigfinger, heiße Maronen, gewürzten Wein und gebratene Fleischspieße, Teigfladen mit allerlei pikanten oder süßen Köstlichkeiten und derlei mehr anbieten, doch auch ihr Geschäft würde Schlag Mitternacht ruhen, wie alles Treiben und jede Arbeit, denn dann beginnt Allerseelen, ein stiller Tag, an dem man der Toten und dem Herren über Tod und Winter gedenkt.


->Die Goldene Harfe
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

  • Send private message

23

Sunday, November 18th 2012, 5:48pm

<-- Die Goldene Harfe

Sithechnacht


Die Dunkelheit der Strassen empfängt sie mit der Totenstille, wie sie nur der grauen Nacht gebührt. Silberner Nebel kriecht über die buckligen Pflastersteine und schleicht entlang der Hausmauern in die Höhe, alle Lichter sind erloschen, alle Fenster sind dunkel, nur noch die Kürbisfratzen glühen schemenhaft im Finstern. Das einzige Geräusch ist das leise Knirschen ihrer Ledersohlen auf dem Boden und ab und zu tropft der Nebel von den Dachsimsen. Als Colevar Borgil gefragt hatte, ob sie die Hunde in der Harfe lassen können, hatte sie sich zwar gewundert, aber keine Fragen gestellt. Was auch immer er vorhat, wo auch immer sie hingehen, es wird einen Grund haben – einmal ganz davon abgesehen, dass sie überhaupt nicht müde ist und ihr ein paar Fragen auf der Zunge liegen. Riku. Der Name hat ein Gesicht, ohne dass sie ihn je gesehen hat. Und sie hasst es so sehr, wie man etwas hassen kann, das nur als böser Alptraum in einer anderen Geschichte existiert. Bis heute hat sie Colevar nicht nach seiner Reise gefragt. Bislang war Riku auch nicht mehr als eine böse Erinnerung. Aber das stimmt nicht. Er lebt. In seiner Vergangenheit und dadurch auch in meinem Leben. Ob Riku am Ende überlebt hat oder nicht, das spielt für sie nicht wirklich eine Rolle. Wobei... wenn sie ganz ehrlich ist, hofft sie, dass er tot ist und seine Seele gerade im Nichts verrottet. Nur ändert sein Tod leider nichts daran, dass die Wunden, die er geschlagen hat, vielleicht verheilt sein mögen, aber die Narben noch immer rot und frisch sind.
"Wer ist oder war Riku, Colevar?" Behutsam umschliesst sie seine Linke mit beiden Händen und verschlingt ihre Finger zwischen seinen. "Erzähl sie mir. Die ganze Geschichte."
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Colevar

Stadtbewohner

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

  • Send private message

24

Sunday, November 18th 2012, 5:53pm

Sithechnacht



Sein Atem stockt für einen Augenblick, ehe er langsam und vorsichtig ausatmet, während Calait mit beiden Händen nach seiner Linken greift und ihre Finger fast schützend darum legt. Ein flüchtiges Lächeln geistert über seine Züge. Wie kann man so weiche Haut haben?
Die Bilder aus der Vergangenheit ziehen herauf, und er weiß, wenn er ihr diese Geschichte erzählen soll, muss er zurück auf den Frostweg, zurück auf die kalten Dächer Dunkelscheins, zurück in den Branturm, zurück zu Leid und Tod. Wer ist oder war Riku... Colevar starrt in die Nacht hinaus und seine Augen verändern sich – als hätte er etwas anderes, weit entferntes im Blick, etwas ganz anderes, als die Nacht und den Nebel ringsum oder den silbrigen Reif, der die Mauern der Häuser, die Rinnsteine und das Pflaster mit glitzernder Haut überzieht . Etwas lang Vergangenes und Böses.
"Ich weiß selbst nicht alles," hört er sich sagen und die Frage, ob er ihr das alles anzuvertrauen kann, stellt sich ihm gar nicht - sie ist Calait und es gibt nichts, dass er ihr nicht erzählen würde. "Alles auf einmal zu erzählen, würde uns auch noch in drei Tagen hier stehen lassen. Lass uns einfach sehen, wie weit wir heute kommen, aye?" Sie nickt nur, also fährt er fort. "In Wahrheit ist das eigentlich auch nicht meine Geschichte. Zu Anfang war sie es jedenfalls nicht. Ich war nur einer von vielen Spielern darin... der Läufer in diesem Spiel der Könige, wenn du so willst. Nicht unbedingt ein Bauer, aber auch keine Hauptfigur. Diantha war Rikus Geliebte, bevor sie Immerfrost verließ. Er war schon damals Edelsteinschmuggler, Hehler und ein Dieb. Ich weiß nicht, wie viel sie von seinem wahren Charakter wusste... sie hat mir nicht alles erzählt, bevor ich zum ersten Mal nach Immerfrost ging, nur genug um zu wissen, mit wem ich es zu tun bekommen würde. Sie war noch sehr jung und sie hat ihn geliebt, so viel weiß ich. Er hat ihr etwas Schlimmes angetan," er holt tief Luft und weiß nicht, wie er es in Worte fassen soll. "Ich weiß nicht genau was, sie hat sich nicht sehr in Einzelheiten vertieft, als sie mir von dem Mann erzählt hat, aber er hat ihr ihrer beider Kind mit Gewalt genommen, noch bevor es geboren war und sie konnte nichts dagegen tun. Sie hat es überlebt, ist geflohen und hat Rache geschworen... doch als sie sich stark genug glaubte, es mit ihm und seinen Männern aufnehmen zu können, war er verschwunden. Er hatte damals schon Ärger mit irgendwelchen Gilden in Nachtschimmer und Diantha nahm an, er sei untergetaucht. Auf der Suche nach Riku und ihren Peinigern ist sie schließlich auch in Talyra gelandet. Diese Spur hat sich dann zwar als kalt erwiesen, aber hier ist sie hängengeblieben... " in seinen Mundwinkeln spielt ein halbes Lächeln. "Gestrandete Vagabunden scheint diese Stadt irgendwie an sich zu ziehen wie der Honigtopf die Bienen."

Calait rümpft ihr Näschen und versetzt ihm einen leichten Ellenbogenstoß in die Seite, während sie indigniert behauptet, sie könne er damit ja wohl nicht meinen und sein leises, dunkles Lachen erfüllt die Nebelnacht.
"Aber du weißt ja, wie es heißt", fährt er fort, als sie die verwinkelten Gassen südlich des Marktplatzes hinter sich lassen und in die breite Straße zum Knochenacker einbiegen. "Man begegnet sich immer zweimal im Leben. Diantha wurde Olyvars Frau, doch von dieser ganzen... Geschichte erfuhr er erst, als sie schwanger wurde. Du kennst Olyvar vielleicht noch nicht sehr gut, aber du kannst dir denken, dass er nicht die Art von Mann ist, die eine solche Tat an seiner Frau ungesühnt lassen würde und den Verantwortlichen dafür am Leben. Und Diantha auch nicht die Frau, die so etwas ungestraft mit sich machen ließe."
"Riku", seufzt sie neben ihm und er nickt.
"Aye, Riku. Aber Olyvar ist nun einmal der Lord Commander. Die Zwillinge waren noch so klein und seine Frau schwanger. Er konnte nicht selbst gehen, um Riku aufzustöbern, also..."
"Bist du für ihn gegangen. Er hat dich nicht gefragt. Du hast es angeboten."
"Ja." Einfacher als atmen, leichter als Luft. Nie war ihm das bewusster als in diesem Moment. Vielleicht muss sie die Frage deshalb auch nicht erst stellen. "Niemand außer mir hätte für ihn gehen können, Calait." Er erinnert sich noch gut an jene uisgegeschwängerte Langschneenacht vor fünf Jahren, als Olyvar mit Ced, Varin und ihm in der Halle des Westflügels zusammengesessen war. Ja, er hatte sich angeboten und trotz allem hat er das bis heute nicht einen Herzschlag lang bereut. "Ich bin einer von Olyvars Sieben. Den Namen hat Pumquat aufgebracht, frag mich nicht mehr, wie er genau entstand. Wir waren einmal zu siebt, aber der Kleine Petyr starb bei Liam Cailidh und Karmesin auf der Jagd nach dem Finsteren. Jetzt gibt es nur noch den Narrenkönig, Cinneídinn, Padraig, Pumquat und mich, aber jeder von uns würde für Olyvar durch die Neun Höllen und wieder zurück marschieren." So wie er es für uns getan hat. "Aber diese Geschichte erzähle ich dir ein anderes Mal, Hexchen."


->Sithechtempel
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

  • Send private message

25

Thursday, January 31st 2013, 6:18pm

‹- Die Nyzemia
Auf den Straßen vom Händlertor zum Marktvirtel
Ende Silberweiß/Anfang Eisfrost 513

Vom Händlertor lenkt Karamaneh ihre Schritte zunächst ins Mogbarviertel, anstatt, wie so häufig, den Weg durch die Straßen des Festungsviertels einzuschlagen. Am Rand des Viertels, etwas abseits der großen Hauptstraße, die auf direktem Weg zum Marktplatz führt, schlendert sie an den kleinen Häusern vorüber, die dicht gedrängt beieinander stehen. Ogun folgt ihr in einigem Abstand wie ein dunkler Schatten. Immer wieder kreuzen spielende Mogbarkinder ihren weg. Jungen und Mädchen jeden Alters spielen ringsumher im Schnee, bauen Schneemänner und Schneefrauen, liefern sich empische Schneeballschlachten oder zaubern, sehr zum Missfallen ihrer Mütter, geflügelte Seharim auf die Straßen, indem sie sich rücklings in den Schnee legen und munter mit Armen und Beinen auf und ab rudern. Lächelnd sieht Karamaneh ihnen dabei zu und setzt ihren Weg nur langsam fort. Trotz der makellosen Schneedecke, die alle Häuser ringsumher einhüllt, sieht das Mogbarviertel angenehm farbenfroh aus. Hinter den kleinen Fenstern schimmern bunter Gardienen, bunte Fähnchen flattern an dem einen oder anderen Hausgibel im Wind und die schwarzen Kohlaugen der Schneemänner und -frauen schauen wachsam in die Welt , während an ihren leuchtend roten Möhrennasen lange Eiszapfen im Sonnenschein glitzern.

Es dauert eine Weile bevor Karamaneh und Ogun das Viertel der Mogbar wieder verlassen. Kurz bevor sie den Llarelon überqueren müssen, kehren sie auf die Hauptstraße zurück und gelangen auf diese Weise schließlich ins Brückenviertel, welches noch einmal in Mühlenviertel und Flussgrund unterteilt ist. Die Malankari zieht ihren Mantel enger um die schmalen Schultern und reibt die zarten, dick behandschuhten Hände aneinander. Eigentlich ist es gar nicht sooo kalt. Die Wintersonne scheint und das Schneegestöber längst deutlich nachgelassen, sodass nur noch ein paar Flöckchen vom Himmel herabsegeln. Dennoch, obschon sie sich von Meister Dornenbeutel ganz besonders warme Wintergewänder hat anfertigen lassen, die junge Südländerin friert erbärmlich. Trotzdem beschleunigt Karamenah ihre Schritte nur geringfügig. Der teils eisglatte Untergrund der Straße ist schlüpfrig und immer wieder kommt es vor, dass sie ungewollt ins Rutschen gerät. Eine sonderbare Erfahrung. Neidisch bleibt Kara auf einer schmalen Brücke stehen und zu den Kindern hinab, die auf dem zugefrorenen Kanal darunter munter auf Eiskufen oder einfach nur so hin und her schlittern. Dem Gelächter nach zu urteilen, scheinen die Knirpse sehr viel Spaß zu haben und die Südländerin stellt fest, dass sie sich zu gerne für eine Weile zu ihnen gesellen würde. Plötzlich zuckt sie erschrocken zusammen und reißt die behandschuhten Hände zum Gesicht. Ein verirrter Schneeball hat die Malankari eiskalt erwischt. Ogun ist augenblicklich an der Seite seiner Herrin Seite. Der grimmige Blick des Leibwächters schweift umher und fällt auf ein paar Kinder, die verlegen zu ihnen herüberschauen und rasch die Köpfe senken, als ihre Augen den Blick des Nandé kreuzen.

Ogun wendet sich wieder seiner Herrin zu und hilft ihr fürsorglich dabei, die alten Schneereste von Mantelkragen, Schal und Mütze zu entfernen und Karamaneh nimmt überrascht zur Kenntnis, wie behutsam der sonst so raue und vor allem stolze Nandé doch sein kann. Ein warmes Gefühl beginnt sich in ihr auszubreiten und sie lächelt still in sich hinein. Ein leises Räuspern reißt sie aber schon kurz darauf wieder aus ihren Gedanken. Verwundert schaut Kara auf und an Ogun vorbei auf die Straße. Eines der Kinder, vermutlich das Mutigste unter ihnen, steht in einiger Entfernugn von ihnen und tritt verlegen von einem Bein auf das andere. Schließlich tut der Junge tapfer zwei weitere Schritte vor und stammelt eine unbeholfene Entschuldigung. “'tschuldigung, M'lady”, nuschelt er verschämt. Kara nimmt die höfliche Anrede amüsiert zur Kenntnis. “Wir wollten Euch nicht verletzen... Es ist doch... nichts schlimmes passiert?” Ängstlich sieht der Knabe erst Karamaneh, dann Ogun und schließlich wieder Karamaneh an. Die Malankari schüttelt den Kopf. “Der Sayyida geht es gut”, brummt der Nandé und sieht den Jungen scharf an. “Aber passt absofort besser auf, hört ihr?” Der schmächtige Bengel nickt und murmelt eine hastige Verabschiedung. Karamaneh packt abrupt Oguns Hand. Der Nandé hebt fragend eine Augenbraue. “Halt”, fordert er den Jungen vielleicht eine kleine Spur zu harsch auf. Ängstlich wendet sich der Knabe wieder zu dem Leibwächter und seiner Herrin um. Ogun schaut nach wie vor recht abweisend und finster drein, aber Karamaneh lächelt. Sie deutet auf den Jungen, dann auf den zugefrorenen Kanal und schließlich auf sich. Es dauert ein wenig, bevor der Junge verstanden hat, was sie von ihm will. “Ihr möchtet, dass ich Euch zeige wie man auf dem Eis läuft?”, erkundigt er sich verwirrt. Karamaneh nickt zustimmend.

Wenige Augenblicke später schlittert die Malankari unbeholfen an der Hand des Jungen, welcher sich verlegen als Artair vorgestellt hat, über das Eis des Kanals, während Ogun von der Brücke aus alles mit grimmigen Blick im Auge behält. “Nein, schaut”, erklärt Artair professionell und zeigt Karamaneh was er meint, “so müsst Ihr Euch bewegen.” Er lässt die Hand der Malankari los, läuft ein paar Schritte und kommt schließlich blitzgeschwind zu ihr zurückgeschlittert. Karamaneh nickt und versucht es ihm gleich zu tun. Unsicher schiebt sie erst einen, dann den anderen Fuß vor und stellt erleichtert fest, dass sie noch immer aufrecht steht. Etwas mutiger geworden, macht sie einen weiteren Schritt, dann noch einen und noch einen. Mit jedem kleinen Schritt wird sie etwas selbstsicherer und wagt etwas mehr. Ihr wird wärmer und wärmer. Vor lauter Freude schaut sie lachend zu Ogun auf, hebt die Hand um ihm zu zuwinken... und verliert prompt das Gleichgewicht. Unsanft landet sie auf ihrem Allerwertesten, während die sie umgebende Kinderschar, die immer größer zu werden scheint, schallend lacht. Fröhlich nehmen sie die Dreikäsehochs in die Mitte und bringen ihr geduldig bei, wie sie sich dem glatten, eisigen Element zu stellen hat. Als Karamaneh sich schließlich verabschiedet, um ihren Weg zur Goldenen Harfe endlich wieder fortzusetzen, schaut ihr ein halbes Dutzend enttäuschter Kinderaugen hinterher und noch lange winken die kleinen, bunt behandschuhten Hände ihnen in aus der Ferne nach, als Kara und Ogun durch das allmählich wieder dichter werdende Schneetreiben in Richtung Marktplatz entschwinden.

Die Goldene Harfe -›
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 1 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 25th 2013, 10:30pm)


Atevora

Unregistered

26

Tuesday, February 26th 2013, 4:13pm

Ende Langschnee Anfang Silberweiß


"Es gibt da eine alte Geschichte, dass in der Nähe von Findronach nördlich von Talyra ein Sithechjünger begraben liegen soll. Sein Grab muss irgendwo außerhalb des Dorfes sein, dort, wo vor langer Zeit der Hof stand, von dem er einst abstammte "


Unter dem dicken wollgefütterten Umhang schlingt Atevora ihre Arme um sich und reibt ihre Oberarme. Es ist frostig, und der beißende Wind an diesem noch nahezu nachtdunklen, frühen Morgen kriecht in jede noch so kleine ungeschützte Ritze und macht den beginnenden Tag fast unerträglich, schneidend kalt. Shafir mit seinem dicken bärigen Fell scheint das alles jedoch wenig auszumachen, stattdessen tollt er munter über die verschneite Straße, jagt Via hinterher – welche sich bei der Kälte erst recht besonders Wohl fühlt – und weicht ihren Sturzflügen und Scheinattacken vergnügt aus. Allein Harm, der stoisch die beiden anderen Tiere ignorierend dasteht und gleichmäßig weiße Atemwölkchen aus seinen großen dunkelgrauen Nüstern bläst, scheint von der Witterung eben so wenig angetan zu sein wie das weißhaarige Frauenzimmer neben ihm.
Die Magierin wartet wie vereinbart vor dem Kupferkessel und steigt dabei von einem Bein auf das Andere um die Durchblutung in ihren kalten Zehen anzuregen und mit jedem Wechsel ist sie sich unsicherer ob er tatsächlich kommen wird. Mit jeder verstrichenen Minute legt sich ein Stück mehr diese für sie seltsame, ungewöhnliche Unruhe auf ihr Gemüt. Sie könnte es selbst nicht benennen weshalb ihr die übliche Gelassenheit abhanden gekommen ist, dabei sollte es ihr vollkommen gleichgültig sein ob er erscheint oder nicht, und doch wäre es gelogen würde sie behaupten es wäre so.

Als sie den verräterischen Klang von Hufgeklapper vernimmt, hebt sie erwartungsvoll den Kopf und späht angestrengt über den noch leeren Platz. Obwohl sie die näherkommende Gestalt, die ihr Pferd hinter sich herführt, im spärlichen Licht nur sehr undeutlich, bestenfalls als schemenhaften Umriss ausmachen, geschweige denn ein Gesicht erkennen kann, ist sie sich sicher um wen es sich handelt: Erle.
Bereits vor dem Julfest hat sie begonnen nähere Recherchen zu Runenmagie, Amuletten und diesem ehemaligen Sitechjünger einzuholen der angeblich einst in Findronach gelebt haben sollte, und sie war zu diesem Zweck auch öfters in der Bibliothek zu Besuch. Bald schon hat sie die Neugier von Erle geweckt, der ihr mit Rat und Tat zur Seite stand und auch einem kleinen Ausflug nicht abgeneigt war um die gemeinsamen Erhebungen in Persona nachzuprüfen.
Atevora fand es dabei sehr interessant zu welchen Informationen jemanden Zutritt gewährt wird und wie auskunftsfreudig de Personen sind, wenn dieser - entgegen ihr - einen guten Ruf und die richtige Anstellung und Position inne hat. Erle musste nur erwähnen, dass er im Rahmen seiner Bibliothekartätigkeiten im Haus der Bücher Recherchen durchführe, schon wurden ihm hilfsbereit und bereitwillig Dokumente und Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt, zu welchen Atevora niemals Zugang bekommen hätte, oder diese erst auf anderem Wege mühsam hätte beschaffen müssen.

Zusammen brechen die Beiden zwei Tage nach dem Julfest auf und finden das Grab tatsächlich dort wo es die Aufzeichnungen vermuten ließen, und auch der in Aussicht gestellte Inhalt ist dort. Es lief alles so rasch und ohne Komplikationen ab, dass Atevora schon meint es handle sich um einen bösen Scherz, oder zumindest rechnete sie mit einem gewaltigen Paukenschlag zum Schluss. Aber nichts davon trat ein. Wieder erwarten stürzte das Mausoleum nicht ein, der tote Untote erhob sich nicht aus seiner Ruhestätte, kein Fluch traf sie, auch kein Blitz oder Gotteszorn fuhr auf sie nieder als sie das Objekt aus dem Steinsarg entwendete. Noch nicht einmal als sie die Gruft verließ. Sie hatte mit so viel gerechnet, nur damit nicht. Es war zu einfach, zu leicht und unkompliziert. Erle hatte dagegen freilich wenig einzuwenden. Er empfand den kleinen Tagesausflug ohne Kampfhandlungen und mit einigen passend gesetzten Spannungselementen durchaus anregend. Geschah es womöglich deshalb so spielend, weil sie skurriler, oder ironischer Weise gerade ein Sithechritter zu dem Grabraub angestiftet hatte? Wobei auch schon allein der Umstand, dass ihr Leben durch diesen Ritter des Totengottes gerettet wurde war pure Ironie. Sithech wird wohl schon genau wissen weshalb er sie in seinen Hallen noch nicht begrüßen möchte. Und sie selbst weiß auch ganz genau wie sie als nächstes mit dem „geborgenen“ Schmuckstück zu verfahren hat um zumidest diesem seine Geheimnisse zu Entlocken.


Elf Tage hat sie wartend mit der Marter der Ungewissheit zugebracht. Sie hat sich dabei erwischt wie sie träumend in die Zukunft blickte, Pläne und Wünsche schmiedete und sofort wieder alles als Spinnerei zerschlug. Sie ist sogar des Nachts Grübelnd aus dem Schlaf aufgewacht und hat sich frustriert über sich selbst den Polster über den Kopf gezogen und farbenfroh in ihre Matratze geflucht. Wie ein kleines Mädchen voll Vorfreude auf etwas das vielleicht nie eintritt benimmt sie sich und lässt sich davon den Schlaf rauben!
Als sie endlich die Ergebnisse der Untersuchungen mitgeteilt bekam, konnte sie es noch immer kaum fassen, dachte gar sie wäre noch am Träumen, oder jemand hätte sich ein gemeines Spiel ausgedacht um ihren Mut und ihre Hoffnungen zu verhöhnen und mit eiserner Faust zu zerschlagen. Paranoide Einbildung und nichts weiter, sie könnte sich ob dieser Ängste die an ihr immerzu nagen selbst Ohrfeigen. Wie hatte Azra damals gesagt? Auch sie dürfe Träume und Hoffnungen haben? Irgend etwas in diese Richtung war es.
Wie versprochen hat sie als Erstes nachdem sie die Auskunft über das Schmuckstück herhalten hat Erle aufgesucht und ihm die freudigen Neuigkeiten mitgeteilt und mit ihnen die ganzen Grübeleien und Möglichkeiten die sich damit auftun und so greifbar nah und leicht zu erreichen wirken. Bei den eifrigen Worten flattert der der sonst so kühle Brocken in ihrer Brust aufgeregt wie der Flügelschlag eines Singvogels und ist ihr gleichsam so ungewöhnlich schwer als würde er von einem großen Klumpen erdrückt. Erle hat daraufhin lächelnd ihre Hände genommen und sie darin bestärkt ihren Weg zu gehen und meinte gleichzeitig, er wäre sicher noch da wenn sie zurückkommt, denn er lebe nun schon so lange in Talyra und hätte nicht vor das in absehbarer Zeit zu ändern.

So war die Entscheidung gefallen, sie würde das nächstbeste Schiff nehmen und in Richtung Sorbonn aufbrechen.

Atevora

Unregistered

27

Saturday, March 2nd 2013, 2:06pm

Taumond 513


Kaum aus der Magierakademie zurück in Talyra, lauert Arbeit auf sie. Sie hat schon mit Dringlichkeit auf sie gewartet und sie wurde zu diesem Zweck am Schiffsteg regelrecht von Tane abgefangen und von ihrem Glück in Kenntnis gesetzt. Oder aber vielmehr überrumpelt und vor vollendete Tatsachen gestellt. Zu allem Überdruss überrascht er sie mit einer Aufgabe die sie nicht nur nicht ablehnen kann, sondern wesentlich leichter zu erfüllen gewesen wäre, hätte sie sich ihr sofort annehmen können. Es würde schwierig sein dem Auftrag überhaupt nachkommen und erfolgreich abschließen zu können, gewiss waren bereits alle Spuren kalt und führten nunmehr nur noch ins Nichts. Nie im Leben hätte sie bei so etwas zugesagt, und generell wollte sie diese Art von Tätigkeiten auch nicht mehr ausüben.

Wie sie es hasste durch andere Menschen angreifbar zu sein oder durch Freundschaften keine Wahl zu besitzen, sofern sie ihren eigenen auferlegten Moralkodex nicht als bloße fadenscheinige Richtlinie herabstufen wollte. Täte sie es, wäre es vermutlich, oder eher gewiss, der leichtere Weg, - das heißt zu Beginn - aber auf lange Sicht alles andere als ein Gewinn. Es wäre verrat an ihr und jenen die ihr Vertrauen schenken und die Konsequenzen daraus alles andere als erfreulich und erstrebenswert. Nichtsdestotrotz raunt ihr eine süffisante Stimme in ihrem Inneren verführerisch zu: „Was kümmert es dich? Lass ihn stehen, alleine bist du ohnedies besser dran, hier hast du den Beweis.“ Aber nur für einen kurzen schwachen Moment.
„Blanker Unsinn!“ Unwisch wischt sie das Gesäusel beiseite und verbannt es aus ihren Gedanken. Sie weiß es mittlerweile besser. Es gab so viele Situationen in denen sie sich mehr als glücklich schätzen konnte nicht als einsamer Einsiedler vor sich hin vegetieren zu müssen, Geschehnisse bei denen gerade Tane ohne groß nachzudenken die Ärmel hochgekrämpelt hat und auch seinen Kopf riskierte um den ihren zu schützen, oder vom Blick der Stadtwache fern zu halten. So nickt sie Tane nur bestätigend zu als er mit seinen Ausführungen endet. Sie weiß: Jeder hat seine Vergangenheit die ihnen manches Mal versucht ein Bein zu stellen, aber - ganz gleichgültig ob es sich um sie, oder um jemanden handelt der sich schwer verdient einen Platz in ihrem Leben erkämpft hat - sie würde es gewiss nicht zulassen, dass es ihr gelingt. Auch wenn sie frohgemutes in eine neue Zukunft aufbrechen wollte, und die Schattenwelt und ihre zweischneidigen Tätigkeitsfelder endlich hinter sich zu lassen trachtete, sie würde wieder darin eintauchen, sich der ihr gestellten Aufgabe annehmen und alles tun was nötig war. Und die Aufgabe die ihr gestellt wurde und die es jetzt zu erfüllen galt war denkbar einfach, wie schwer zugleich: Spüre den Mann auf, hole von ihm zurück was entwendet wurde, und liefere den Schuldigen aus, oder töte ihn und deponier eine klare unmissverständliche Botschaft was jemanden blüht der meint sich an den falschen Habseligkeiten frei bedienen zu können.

This post has been edited 1 times, last edit by "Atevora" (Mar 2nd 2013, 2:15pm)


Atevora

Unregistered

28

Friday, March 8th 2013, 5:48pm

Taumond 513


Lange hatte sie den Schritt nicht gewagt, zum Einen aufgrund der Hürden und Erschwernisse die ihre Krankheit mit sich brachte, zum Anderen da sie den Antritt zur Prüfung nicht wagte. Es waren nicht ihre Fähigkeiten die sie sorgten, sondern ihr Herz. Wenn sie durchfällt, würden sie wissen wie es in ihrem Inneren aussieht und die Folgen daraus wollte sie nicht riskieren. Viel später als sie es hätte vermocht, hatte sie den Schritt nun doch gewagt und vor einigen Wochen stellten sich ihre langen Befürchtungen als Unbegründet heraus. Sie hatte den Beweis: Sie war kein schlechter Mensch.
Inzwischen ist sie sich allerdings nicht mehr so sicher. Ist ihnen ein Fehler unterlaufen? Gab es ein kleines Hintertürchen durch das sie hindurch gerutscht ist? Es spricht soviel dafür. “Höchst wahrscheinlich. Von der Magierin zur Magistra und das zu Unrecht.




Am Schiff noch wollte sie so schnell wie irgend möglich Erle aufsuchen und ihm vom erfolgreichen Ausgang der Prüfung künden. Das ist nun bereits eine Woche her und sie fand noch nicht einen Hauch Zeit dafür. Stattdessen drückt sie sich notgedrungen eifrig in dunklen Ecken und zwielichtigen Gegenden herum um Kontakt mit fragwürdigen Personen aufzunehmen und zu pflegen.
Sie hätte zu Beginn schwören können, der Mann den sie zu finden sie gezwungen – Verzeihung - angehalten wurde, hätte nach seiner Dieberei längst die Stadtmauern hinter sich gelassen und wäre in den Weiten des Larisgrüns verschwunden, doch weit gefehlt. Schlimmer noch, um so mehr Puzzelteile sie zusammenzusetzen vermag, um so mehr widerstrebt ihr ihre Aufgabe.
Dalem – so sein Name – ist ein nicht auffallend großer Mann, recht ansehnlich, aber nicht übertrieben hübsch. Er besitzt nussbraunes Haar, grünbraune Augen, und auffällige Hautaufhellungen an der linken Hand sowie an der rechten Seite der Stirn. Dalem ist Ehemannn - seine Frau soll eine blondhaarige Schönheit sein - und Vater eines dreijährigen Sohnes. Bissig hat eine alte, nahezu zahnlose, runzlige Schachtel angemerkt, sie könne nicht verstehen was das schöne Kind bei dem Kerl hielt, sie hätte laut ihr auch einen hübscheren Mann abbekommen können. Atevora zieht nur kommentarlos die Augenbraue in die Höhe, dankt für die Auskunft und zieht sich zurück.
Dalem, so heißt es, soll für Fliegengrund-Verhältnisse durchaus einen finanziellen Polster besessen haben, obwohl keiner im direkten Umfeld erzählen konnte womit genau er seinen Lebensunterhalt bestritt. Kein Wunder, er arbeitete offensichtlich für nicht vorrangig gesetzestreue Bürger. Dalem ist oder war anscheinend nicht dumm, dafür ruhig und ausgeglichen, kein Spieler, kein Säufer, und nicht verschuldet. Bis vor drei Wochen, da kehrte sich das Bild.
Das Haus stand leer und wurde verwüstet. Die Nachbarn wollen Laute von einem Kampf vernommen haben. Seine Familie war seither in der Straße nicht mehr gesehen und auch er selbst war bald verschollen. Nervös soll er zuletzt gewesen sein, und ein wichtiges Geschäft soll er vermasselt und seinem Arbeitgeber um viel Geld gebracht haben. Manche berichten von einem Veilchen und einer gebrochenen Nase, und er versuchte sich Geld bei Bekannten und Freunden und bei anderen Stellen zu leihen. Die Tratschweiber munkeln gar er habe Frau und Kind ermordet und wäre seither auf der Flucht. Seltsam, dass ein Familienmörder bei einem öffentlichen Pfandleier schweren Herzens, Tränennah seinen Ring versetzt haben soll. Der Pfandleiher meinte er könne sich noch gut an den Mann erinnern, er soll so verzweifelt und übel zugerichtet gewirkt haben, dass er ihm mehr für die Gegenstände gab als er es eigentlich mit gutem geschäftlichen Gewissen hätte vertreten können. Mehrfach trieb er sich in diversen Spelunken herum, zuletzt war er sogar aus einer nahe des Handwerksviertels verwiesen worden bevor er verschwand. Er aber verschwand nicht wirklich, seine Spur führte bloß eine Ebene tiefer unter die Stadt.
Bei allen Informationen die ihr zugetragen werden drängt sich der Magierin zunehmend ein Verdacht, fast eine Gewissheit auf, und sie gefällt ihr nicht.

This post has been edited 2 times, last edit by "Atevora" (Mar 24th 2013, 8:26pm)


Atevora

Unregistered

29

Friday, March 8th 2013, 7:51pm

Taumond 513



Einer von Ronans alten Kumpanen erbrachte schließlich den letzten Hinweis.
Es war nicht schwer dem Mann aufzulauern und ihn abzufangen. Jetzt sitzt Dalem gefesselt vor ihnen, jammert, fleht um Gnade und rotzt Blut und Wasser und was er da vor ihr und Ronan zittrig vorstammelt bestätigt ihre Vermutungen. Stotternd winselt er seine Geschichte hervor, von dem geplatzten Geschäft, und dass sein Boss ihn für das entgangene Sümmchen verantwortlich machte. Er hätte ihm alles zurückbezahlt, irgendwie, den Verlust ausgeglichen, wimmert er, doch sein Boss war daran nicht interessiert. Er ließ ihn zusammenschlagen und schmiss ihn aus einer Kutsche auf die matschige Straße. Wie ein geprügelter Hund schleppte er sich nach Hause, doch dort wartete niemand auf ihn, nichts, bloß ein leeres verwüstetes Heim. Frau und Kind waren verschwunden. Der Hehler hatte gar kein Interesse daran Dalem den Verlust abstottern zu lassen und ein weiteres Risiko mit dem „unfähigen Knilch“ einzugehen. Er wollte den entstandenen Verlust minimieren und an das ihm seiner Meinung nach zustehende Geld, und das sofort. Er hatte dazu kurzum Dalems Familie, sein hübsches Frauchen und seinen gesunden Sohnemann entführt und an den Höchstbietenden verkauft wie Vieh. Von einem ehemaligen Kumpel erfuhr er an wen. Dalem bekundet tränentrunken er habe seither versucht das Geld aufzubringen, alles genommen was er greifen konnte, gestohlen und geraubt um seine Familie bei den Unterhändlern wieder freizukaufen, doch die hielten nicht Wort, sie wollten nur immer mehr.

Atevora verlässt mit Ronan die Baracke die ihrem alten Lehrmeisters einst als geheimes Sammellager für seine Besitztümer diente und sich in einem abgelegenen Winkel der Unterstadt befindet und in der Dalem geknebelt als zerstörter Schatten seiner Selbst am Boden hockt. Sie nimmt ihre Maske ab, die sie immer trägt wenn sie keinen redlichen und gesetzestreuen Handlungen nachgeht und erörtert die weitere Vorgehensweise und berät sich mit dem breitschultrigen Schlägertypen. Das was Dalem gestohlen hatte besaß er eindeutig nicht mehr und sie musste herausfinden wo und in wessen Hand es sich nun genau befand. Das bedeutete folglich: Am Ende der Brotkrumensuche wartet eine Neue auf sie um ihre „Dienstleistung“ wider Willen zu vollen Zufriedenheit des Erpressers – Pardon - Auftraggebers erfüllen zu können. Schmuggler, Menschenhändler, Slavenjäger, die Sache wurde weit umfangreicher und gefährlicher als angenommen. Zudem empfand die Shin es noch immer als Rätselt weshalb dieser Blutsauger – Entschuldigung - Auftraggeber so erpicht darauf war seinen Besitz auf Gedeih und Verderb wieder zu erlangen, dass er dazu Tane mit alten Geschichten erpresste um sich somit Atevoras Dienste zu sichern. Den ihr präsentierten Grund, also den ideellen Wert der Gegenstände hat sie ihm nun wirklich nicht abgenommen. Genaugenommen brauchte es sie aber auch nicht zu interessieren. Oder doch?
Während Atevora spricht kann sie dem schrankhaften Mann und Pfirsich-Türsteher ansehen, dass er das geknebelte Häufchen Elend hinter der wurmstichigen Tür lieber laufen lassen, oder ihm sogar lieber noch helfen würde. Sie kann es Ronan nicht verübeln, dass ihm die Geschichte nahe gegangen ist. Ihm hätte es ähnlich ergehen können. Auch wenn er seine Frau schon lange verloren hat, so täte er in einem ähnlichen Fall zumindest auch alles ihm nur irgend mögliche um seine Kinder zurückzubekommen. Nungut, die Magierin ruft sich ins Gedächtnis, dass noch immer die Möglichkeit bestand, dass sich der Mann nur gut inszenierte und die Geschichte genau soviel Substanz besaß wie ein flüchtiger Darmwind. Auch wenn es die Magiern als unwahrscheinlich erachtet, denn seine Ausführungen fügen sich sehr gut ins zuvor umrissene Bild. Dummer Weise weiß sie zu genau, wenn sie ihrem „Auftrag“ nicht nachkam, käme Tane in des Namenlosen Küche, und sollte Dalem in andere Hände fallen und er ebenso auskunftsfreudig zu den unterschiedlichsten Dingen sein wie bei ihnen vorhin, war er auch für Ronan und sie ein zu unsicherer Faktor in der Stadt. Nein, Dalem musste verschwinden. Sie hatte aber mittlerweile ihre eigene Vorstellung auf welche Art und Weise das zu geschehen hatte.

Ein Tag später:
Sie verlangten nur immer mehr, hatte er gesagt. Es ist wieder ein dumpfes Gefühl in ihrem Magen. Es ist wie ein Knoten, der ihre Innereien zusammenzieht und mit scharfen Frostkrallen wieder auseinanderreißt. Sie hütet sich aber tunlichst davor was sie vermutet auszusprechen, als fürchte sie, wenn sie es täte, dem Gedanken damit soviel Macht zu verleihen, dass er zur Bestimmtheit würde.

Wieder stehen sie in der alten Baracke. Das tonnenschwere Gestein das über ihren Köpfen die Decke der Behausung bildet, lastet heute weit schwerer auf ihr und Ronan als sonst und das Gefühl von Beklommenheit hängt träge, ölig und zäh beinahe greifbar in der muffigen Luft. Die arglosen, glücklichen Bürger der schillernden Weltenstadt ober ihnen haben keine Vermutung von den Tragödien die sich hier unten Tag für Tag zutragen, oder diejenigen die es zumindest ahnen sehen gekonnt weg.
Dalem kauert vor ihnen am Boden und zittert am ganzen Leib. Atevora hatte ihm ein Stück in ein sauberes Tuch eingewickeltes Holz in den Mund gestopft auf das er beißen kann, und seine Hand auf einen groben, schweren Holzblock geschnallt. Er vermeidet es sie anzusehen, und blickt aus blutunterlaufenen, feuchten Augen zu ihnen auf, vorbei an der scharfen Schneide ohne in eines der Gesichter über ihm zu sehen. Er wehrt sich nicht. Atevora verspricht ihm alles zu tun um seine Frau und sein Kind zu finden. Dann saust Ronans Axt herab.

-----> Das Larisgrün

This post has been edited 2 times, last edit by "Atevora" (Mar 10th 2013, 6:58pm)


Emerald

Unregistered

30

Tuesday, March 19th 2013, 5:27pm

--> Stadt Talyra - Händlertor


Hinter Emerald ströhmen weiterhin die Händler durch das Tor, beladen mit Körben und Kisten schieben einige die junge Frau beiseite, um sich Platz zu verschaffen. Diese stöhnt, wie sie diese Mengen an Menschen und anderer Völker verabscheute. Sie sehnte sich bereits schon wenigen Minuten hier wieder nach der Ruhe außerhalb dieser Mauern. Besonders störend fand sie auch den Geruch, den so eine große Stadt zwangsweise mit sich führte. Sie hatte zwar schon schlimmeres gesehen und gerochen, aber es reichte aus, um Emerald die Nase rümpfen zu lassen.
Wenn nicht der Gedanke an ein warmes Bett in einer Herberge, ein oder besser noch mehrere Krüge mit Bier und ein saftiges Stück Braten sie locken würde, Emerald wäre gewiss wieder umgekehrt. Außerdem konnte sie hier in der Stadt ihren leeren Geldbeutel gewiss wieder auffüllen...hier würde sich bestimmt irgendwo eine halbwegs erträgliche Arbeit finden.

Die junge Frau macht einen Schritt zur Seite, als ein weiterer Händlerkarren an ihr vorbeifährt und das Maultier ihr fast auf den Fuß tritt. Am Besten, sie ging erst einmal ein kleines Stück weiter, um dem Trubel zu entkommen. Umschauen konnte sie sich dann ja immer noch..
Svea, die schnüffelnd ihre Nase in die Luft reckt, folgt Emerald dicht. Auch dem Hund scheint die Stadt nicht sonderlich zu gefallen. Immer wieder schaut das Tier sich nervös um und kläfft jeden warnend an, der ihm ein Stück zu Nahe kommt.

Endlich erreicht Emerald eine ruhige Seitengasse. Die junge Frau bleibt stehen und streicht Svea kurz über den Kopf. Dann lehnt sie sich an eine Häuserwand und blickt auf die Straße, von der sie gekommen war. Sie würde hier erst einmal bleiben, bis sich das Treiben dort etwas beruhigt hatte. Anschließend würde sie sich auf die Suche nach etwas zu Essen machen...oder eher nach einer Möglichkeit, Geld zu verdienen, um sich dann etwas kaufen zu können.

1 user apart from you is browsing this thread:

1 guests

Similar threads