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Lyona

Stadtbewohner

Posts: 111

Location: Der Turm des Verrückten

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211

Friday, March 13th 2015, 9:33pm

Anfang Taumond, im Haus der Witwe

Es ist eins der größeren Häuser am Rand des Handwerkerviertels, zu dem der Alte sie geschickt hat. Die Witwe des Buchbinders scheint darin verloren zu gehen, trotz all ihrer Beleibtheit. Sie hat sie in ihr Kaminzimmer gebeten, ein gemütlicher, warmer, fast schon stickiger Raum. Die Hausherrin hängt zittrig und überhaupt nicht herrisch in einem Sessel Lyona gegenüber, müde, hilflos, entkräftet von den vergangenen Schrecken.
„Nein... Ich kann dir nicht sagen, wo sie ist. Die Götter mögen es wissen – behüten mögen's die Kleine! – aber ich weiß es nicht...“ So und ähnlich redet sie schon eine gefühlte Stunde. Lyona verliert langsam die Geduld. Natürlich sieht sie den Verband um ihren Kopf, ihre glänzende Stirn, an der die bereits ergrauten Haarsträhnen kleben, weiß, wie sehr sie alles mitgenommen hat. Trotzdem. Sie kann mit dieser Frau, die sich in ihrem eigenen Wohnzimmer verstecken muss, nicht umgehen, geduldig sitzen und zuhören. Sie hat eine Schwester, bestimmt hat die auch einen Mann, die können sich um sie kümmern. Aber wo ist das Mädchen?
„Der Mann...“ Die Frau vor ihr zuckt zusammen. „Der Mann, der Euch angegriffen hat, wie sah er aus? Dass er dunkle Haare hatte, sagtet Ihr schon. Aber könnt Ihr Euch nicht an sein Gesicht erinnern? Versucht es... Bitte.“
„Nun, er war groß...“
Lyona faltet die Hände andersherum.
„Es tut mir leid, dir nicht helfen zu können, aber ich weiß nicht mehr viel.“ Mit einem Seufzen, vielleicht ist es auch ein Stöhnen, fasst die Witwe sich an den Kopf. „Das habe ich auch den beiden Blaumänteln gesagt. Die haben die Kleine zu einer Diebin erklärt.“
Oh, sicher ist sie eine Diebin, denkt sich Lyona im Stillen. Die Straßenkinder sind doch alle Diebe. Ich war es auch. Dass das Mädchen gemeinsam mit dem Mann Edelsteine und Geldkatze geklaut hat, bezweifelt sie aber. Sie kann es sich nicht als Komplizin eines Verbrechers vorstellen.
„Dabei ist sie doch so ein gutes Kind. So ein gold'ges Mädel mit blauen Augen. Dass er ihr bloß nichts tut!“
Kraftlos versucht sich die arme Frau an einem Faustschütteln. Lyona meint Tränen in ihren Augen zu sehen, jetzt hört sie auch ein Schniefen. Ihr schlechtes Gewissen regt sich bei diesem Anblick, regt sich so sehr, dass sie sich auf die Unterlippe beißt und der Frau das bestickte Taschentuch vom Tisch reicht, nach dem diese fahrig tastet. So bald wie möglich möchte sie aus diesem Elendszimmer hinauskommen.
Ein langes Naseputzen muss sie abwarten, dann spricht die Witwe weiter. „Vielleicht ist sie auch entkommen von diesem Kerl... Oh, sicher ist sie hier her zurückgekehrt und dachte, ich wäre tot! Ich verdenk's ihr nicht, dass sie wieder Reißaus nahm.“
Das wäre eine Möglichkeit. Aber warum ist sie dann nicht wieder im Fliegengrund aufgetaucht? Lyona muss sie finden!
„Was gäbe ich darum, zu wissen, wo sie jetzt ist...“ Noch ein Schniefen, gefolgt von einem erneuten Zusammenzucken, dessen Grund Lyona erst nicht erkennen kann, bis die Frau auf den Tisch zwischen ihnen deutet. „Ach, ich nachlässige Gastgeberin, ich! Habe ich glatt vergessen, dir zu sagen, dass du ruhig von den Keksen essen darfst! Nur zu...“ Mit einer zitternden dicken Hand hält sie Lyona die Schüssel vor das Gesicht. „Sie sind schon ein bisschen hart... Für das Goldkind habe ich sie gebacken, aber essen hat es nichts mehr davon können.“ Lyona nimmt ihr schnell die Keksschüssel ab und stellt sie zurück auf den Tisch, während die Gastgeberin in ihren Sessel zurücksinkt. Langsam fragt sie sich wirklich, ob sie vom selben Mädchen sprechen. Ja, goldene – eher dunkelblonde – Locken hat sie, blaue Augen auch, ist dürr und hat gehustet. Aber goldig? Vielleicht hätte sie ihr doch mehr über den Kopf streichen sollen.
„Du musst wissen, ich habe sonst Naschwerk und Kekse recht gern. Zu gern, wie meine Schwester immer sagt. Aber nun... Ich habe einfach keinen Appetit. Ich werde... Ich werde dir welche einpacken. Warte kurz...“
„Ihr müsst nicht meinet--“ Die dicke Witwe müht sich schon auf die Beine.

Wenig später steht Lyona wieder in der Tür, bedankt sich und verabschiedet sich von der von diesem Stück Weg – zwischen Kaminzimmer und Hausflur – beängstigend blass gewordenen Hausherrin. Nun, da sie gleich wieder auf der Straße steht, hat sie ernstlich Mitleid, sie so zurückzulassen. „Soll ich Euch nicht einen Heiler holen, der noch einmal nach Euch sieht?“
„Die Götter mögen dich segnen, mein Kind, aber nein, nein, das ist nicht nötig. Meine Schwester kommt auch gleich, bis dahin werde ich schon überleben, nicht wahr. Wenn du mal wieder vorbeikommen wolltest, das täte mich aber sehr freuen. Besuch habe ich sehr gern. Und du willst jetzt also die Kleine suchen? Ich bete, dass du sie findest, aber dass du auf dich aufpasst! Und wenn du sie gefunden hast, bring sie doch bitte mit zu mir und sag ihr, ich habe immer etwas Gebackenes da und...“ Lyona nickt nur, ohne etwas zu versprechen. Dafür, wie blass sie ist und wie sie zittert, ist die Witwe noch einmal ganz schön redselig geworden. Sie geleitet sie sogar noch zurück zu ihrem Sessel, weil sie ihr Schwanken nicht mit ansehen kann, dann macht sie sich, kaum klüger als vor ihrem Besuch, aber um ein paar harte Kekse reicher, aus dem Staub.

Rayyan

Hänfling

Posts: 129

Occupation: Hexerjäger

Location: Talyra

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212

Wednesday, April 22nd 2015, 8:50pm

cct: Sithechtempel

Eisfrost 512 (Weit nach Mitternacht im Fliegenviertel)

Draußen rieselt der Schnee in kinderhandgroßen, weichen Flocken dicht vom Himmel. Die Spuren, die er gezogen hat, sind bereit wieder verschwunden, obwohl er nicht mehr als eine halbe Stunde in den heiligen Hallen zugebracht haben kann. Kurzzeitig erwägt er eine Taverne nahe des Händlertors aufzusuchen, entscheidet sich dann aber doch für die schäbige Spielunke ums Eck im Fliegenviertel, wo nebst süffigem Rotwein auch ein ganz anständiger Obstschnapps ausgeschenkt wird. Außerdem ist dort für gewöhnlich nicht viel los, allem voran nicht um diese Uhrzeit und trotzdem hält die Wirtin, Mistress Blank, die Tür für Kunden offen. Das Viertel liegt verlassen und dunkel vor ihnen. Außer ein paar streunenden Hunden und zwei wild fauchenden Katzen begegnet ihnen keine Menschenseele, bis sie in die schmale Gasse einbiegen, die zum Schwarzen Esel führt. Dort kauern sich um einen eingedellten Kupferkessel, in welchem ein kleines Feuer brennt, eine Handvoll Gestalten, allesamt rotgesichtig und schmal und eindeutig betrunken. Dazu muss Rayyan die tönerne Flasche nicht sehen, die im Rund gereicht wird. Stumm zieht er den Mantel noch etwas enger um seine Schultern und will an ihnen vorbei treten, als die Flammen sein Gesicht erhellen. Der Mann, der gerade erst einen großen Schluck von WasauchimmeresstinktzehnSchrittgegendenWind genommen hat, bleckt glucksend seine schwarzen Stumpen zu einem entzückten Grinsen und lallt: "Ein Kameeehllficker!" Rayyan hat ihn am Schlafittchen gepackt, gegen die nächste Häuserwand gedonnert und ihm die Faust ins Gesicht getrieben, noch ehe einer der anderen Männer überhaupt so viel wie überrascht blinzeln kann.

Arwen

Stadtbewohner

Posts: 1,148

Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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213

Monday, April 27th 2015, 1:46pm

Eisfrost 515 (Weit nach Mitternacht im Fliegenviertel)



Auf ihr Angebot, etwas trinken zu gehen, reagiert er mit einer stummen Geste, die aber Antwort genug ist. Vor den Toren des Tempels muss Arúen feststellen, dass das Schneetreiben im Laufe des Tages stark zugenommen hat. In dichten Schleiern fallen dicke Flocken und schränken die Sicht deutlich ein. Rayyan wählt seinen Weg mit einer Unbeirrtheit, die die Elbin vermuten lässt, dass er sehr genau weiß wohin er will. Und scheinbar ist es keine der Tavernen am nahen Händlertor, soviel ist ihr aus der gewählten Richtung klar. Wortlos geht sie nebeneinander her, doch wie schon im Sommer ist es kein unangenehmes Schweigen, man lässt sich in stummem Einvernehmen die Privatheit der jeweiligen Gedanken. Der Azurianer führt sie tiefer ins Fliegenviertel hinein, durch menschen- und elbenleere Gassen, vorbei an zerzausten Straßenhunden, die mit eingekniffenen Ruten das Weite suchen und streunenden Katzen, die fauchend ihren Revieranspruch verkünden. Die nächste Gasse, in die sie einbiegen ist schmal - und unerwarteter Weise nicht leer. Eine Gruppe schattenhafter Gestalten schart sich um ein kümmerlich flackerndes Feuer, das unstetes Licht auf die Gesichter wirft. Lallende, unsichere Stimmfetzen verraten, dass es Betrunkene sind, noch ehe sie nach genug sind um die kreisende Tonflasche erkennen oder deren Inhalt riechen zu können. Obwohl der Wind in der schmalen Gasse etwas abgenommen hat, zieht Arúen instinktiv die Kapuze tiefer ins Gesicht und den Mantel enger um die Schultern. Rayyan tut dasselbe als sie an den Männern vorbeigehen. Als sie den Dunstkreis der Betrunkenen passieren, fällt der Schein der von einer Böe angefachten Flammen auf das Gesicht des Azurianers. Und was dann passiert, kommt so unerwartet und geht so schnell, dass Arúen für einige schier endlose Herzschläge nur wie erstarrt da steht.

Schon der erste Fausthieb des Azurianers hat den Betrunken derart heftig getroffen, dass dem das Blut aus der gebrochenen Nase rinnt. Was Rayyan nicht davon abhält, erneut auszuholen. Noch bevor die Saufkumpane des Mannes realisieren, was geschehen ist, kommt in Arúen wieder Leben. "Rayyan! Iye! Ganas-te! Mornas ilme silaû!" Kaum, dass sie ausgesprochen hat, wird ihr bewusst, dass sie unbewusst in ihre Muttersprache gefallen ist und der Magier vermutlich nicht ein Wort davon verstanden hat - von seinem Namen vielleicht einmal angesehen. Mit wenigen raschen Schritten ist sie hinterher und fällt Rayyan in den Arm. "Rayyan! Hör auf!" Sie muss sich anstrengen, um sich seiner Kraft entgegen zu setzen. Und als sie einen Blick auf sein Gesicht und seine Augen erhascht, hat sie zum ersten Mal Angst vor ihm. In seinem Gesicht zeigen sich unverhüllt die ganze Frustration und die ganze, entfesselte Wut, die ihn schon dazu trieb, Sithech in dessen eigenen Tempel zu beleidigen. Doch Angst ist ein Luxus, den sie sich in diesem Moment gerade nicht leisten kann. Zumindest dann nicht, wenn sie Rayyan nicht sehenden Auges in sein Unglück rennen lassen will. "Rayyan! Sieh mich an und… Götterverflucht, hör endlich auf!"
Dummerweise haben unterdessen auch die anderen Trinker kapiert, dass ihr Kumpan gerade verprügelt wird und machen sich daran, ihm beizustehen und ihren Teil zu der brisanten Situation beizutragen.

Während zwei von ihnen mit unsicheren Schritten auf den Azurianer zustreben, packt der dritte Arúen an eben jenem Arm, mit dem sie versucht hat Rayyan von seinem Opfer abzubringen und zieht sie an sich. "Gomm 'er, Puppe, so lange Dein Gamehlficher beschäftigt is', gannssu mir Gesellschaft leissen." Der Kerl stinkt grauenhaft, nach Alkohol, faulenden Zähnen und anderen Dingen, die Arúen lieber gar nicht so genau wissen will. Für einen Herzschlag ist sie wie erstarrt, doch ehe sie sich in vergangenen Erinnerungen verlieren kann, setzen sich Reflexe über ihren Schrecken hinweg, die Elthevir ihr in endlosen Übungsstunden antrainiert hat. Ohne über das Wie oder Warum nachzudenken rammt sie dem stinkenden Kerl ihren Ellenbogen direkt unter das Brustbein, dass es ihm schlagartig den Atem aus den Lungen treibt und er mit einem unterdrückten Keuchen in die Knie bricht, wo er krampfhaft um Luft ringt. Arúen fährt herum und funkelt ihn aus kalten Augen an. "Fass mich nie wieder an." Ihre Stimme ist so kalt wie ihr Blick und in ihrer Stimme liegt ein grollender Unterton, der die Tiefe der Macht ahnen lässt, die sie ebenso reflexhaft zu sich gerufen hat. Sollten die Männer den Wolfskopf Anukis' auf dem Rücken ihres Mantels nicht gesehen (oder im Suff nicht erkannt) haben, spätestens jetzt, wo ihr die Kapuze vom Kopf gezogen wurde und sie den Mantel zurückgeschlagen hat um sich besser bewegen zu können, sind ihr Priestergewand und das Wolfssiegel auf ihrer Stirn unübersehbar. "Rayyan!", Arúen hofft, dass es ihr endlich gelingt, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, "Hör auf und lass den Kerl gehen… Er ist es nicht wert, dass Du Dich seinetwegen ins Unglück stürzt… Rayyan, bitte."


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Rayyan! Iye! Ganas-te! Mornas ilme silaû! = Rayyan! Nein! Hör auf! Du bringst ihn noch um!
Avatar (c) by Niniane

Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

This post has been edited 3 times, last edit by "Arwen" (May 8th 2015, 12:13pm)


Borgil

Stadtbewohner

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

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214

Monday, May 4th 2015, 3:23pm

<- Die Goldene Harfe

Ende Eisfrost 515

Wer würde sich nicht an die uralten Sagen und Legenden erinnern, die von den Helden und ihren Geschichten berichten? Da besiegen die Auserwählten den Drachen, Bettlerjungen werden zu Rittern, Frösche zu Prinzen, die im Zauberschlaf hinter Dornenranken ruhenden Schönheiten werden wach geküsst und zarte, schneeweiße Geschöpfe verlieben sich in narbige, alte Zwergenkrieger und schenken ihnen Kinder. Es war einmal… und dann lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Sagen, Legenden, Märchen. Gute-Nacht-Geschichten für die Kleinen… der Stoff, aus dem die Träume sind. Das Dumme ist nur, dass Märchen nicht wahr werden. Das geschieht nur bei den anderen Geschichten. Bei den schrecklichen Geschichten, die mit bitterkalten, dunklen Nächten beginnen und böse enden. Anscheinend, und das ist ein Naturgesetz, werden nur die schlimmen Träume wahr. Dem, der sich den Satz "…und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage" einfallen ließ, würde Borgil allmählich gern treffen und zwar mit seiner Axt mitten zwischen die Augen. Schmerz hat tausend Gesichter und er kennt sie alle – das leichte Brennen, das dumpfe Pochen, das tiefe, rote Beißen, das Knirschen und Splittern, das Reißen und Zerren – all die gewöhnlichen und furchtbaren, aber alltäglichen Schmerzen, mit denen ein Krieger zu leben lernt, die er entweder verursacht oder erträgt. Aber es gibt auch einen anderen Schmerz, einen, den man nicht annehmen oder ertragen kann, einen so heftigen Schmerz, dass er alles andere verdrängt. Der die ganze Welt verblassen und nichts anderes mehr zurücklässt, als sich selbst. Borgil kann ihn in sich spüren, wartend, lauernd. Er kann fühlen, wie er hinter der Angst und Sorge um Azra wartet, wie er sich bereit macht, wenn seine alte Feindin, die Hoffnung, schwächer wird und sich ergibt. Dann wäre er am Zug. Dann würde er wachsen, sich ausdehnen und allen Raum einnehmen.

Seit Stunden stapft Borgil nun schon hinter Karamanehs schlanker Schattenkatzengestalt her, doch von Azra fehlt jede Spur. Sie haben von hier bis in den Fliegengrund an jedes Haus geklopft, jeden Nachtwächter befragt und zu ihrem Schrecken feststellen müssen, dass Azra nie bei der alten Braga gewesen war. Schon die Patrouille Blaumäntel am Sithechhain, von denen sie sich eigentlich in den Fliegengrund hätte geleiten lassen sollen, hatte sie den ganzen Abend lang nicht gesehen… sie ist nie dort angekommen. Ein Mann, der seinen Feuerkorb befüllt hatte, hatte sie südlich des Marktplatzes im Flussgrund noch gesehen, und ein junger Handwerksbursche, der von einem Stelldichein mit seiner Liebsten auf dem Weg zurück zu seinem Meister war, war ihr auf der Llarelonbrücke begegnet. Beide hatten sich überhaupt nichts dabei gedacht, schließlich kam es oft vor, dass Lady Blutaxt des Nachts noch Besuche machte, hier und dort aushalf, Arzneien zu alten Witwen und stärkende Kräuter zu jungen Müttern oder einen Korb mit Essen zu Familien brachte, die jemanden verloren hatten. Sie hatte gegrüßt und hatte den Eindruck erweckt, guter Dinge zu sein, aber auf jeden Fall, da sind sich Handwerksjunge und Flussgrundbewohner einig, war sie wohlauf. Doch dann, irgendwo im Handwerkerviertel, dessen Straßen und Gassen zu einer Stunde wie dieser in einer kalten Nacht wie heute praktisch ausgestorben sind, war sie verschwunden. Spurlos. Vom Erdboden verschluckt, verpufft, in Luft aufgelöst. Und der schneidende Ostwind, der den fallenden Schnee in glitzernden Schwaden über das bucklige Kopfsteinpflaster treibt, hat längst alle Spuren verweht, wenn es überhaupt je welche gegeben hat.

Zweimal meint Karamaneh, ein lautloser, dunkler Schatten in der Finsternis, etwas zu wittern, prüft die Nachtluft, dreht den pelzigen Kopf mit den runden Ohren hier und dorthin – und gibt beide Male fruchtlos wieder auf. Borgil spürt kalten Schweiß auf seiner Haut und kann seine eigene Angst riechen – sie lauert zusammen mit dem Schmerz auf den Tod seiner Illusionen, aber noch gibt er nicht auf. Sie hatten jeden Hinterhof und jeden Hauseingang, jedes noch so schmale Gässchen, jeden Hühnerstall, jeden Schweinekoben, jeden Vorgarten, alle Brunnen und sämtliche Mauernischen durchsucht, und allen Göttern sei Dank immerhin nirgendwo Azra gefunden, während sie eine Fehlgeburt erlitt. Auch hatte Karamaneh nirgends auch nur den allerkleinsten Blutstropfen wahrgenommen. Es kann ihr einfach nichts geschehen sein. Also klammert er sich an die Hoffnung, dass es irgendeine Erklärung geben muss. Azra muss aufgehalten, hereingebeten, abgelenkt worden sein. Vielleicht war sie auch in eine Sänfte oder Kutsche gestiegen, hatte jemand anderen getroffen, der ihre Hilfe dringender benötigt, als die alte Braga, hatte ein Straßenkind aufgelesen, eine Feuerholzwitwe, irgendjemanden. Irgendeine Erklärung muss es einfach geben, denn so feenhaft ihre Erscheinung auch sein mag, sie kann nicht zu Staub zerfallen sein. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Schwarze Stunde ist längst verstrichen, als sie schließlich zur Harfe zurückkehren, durchgefroren, nass, erschöpft und voller Sorge, doch Borgil hält sich selbst und damit auch Karamaneh eisern zusammen. Noch. Er hat sich eine Frist gesetzt – oder besser gesagt Azra. Er würde warten. Ihr noch Zeit geben. Ein wenig zumindest. Bis zur Stunde der Jungfrau würde er ihr noch Zeit geben, nach Hause zu kommen. Dann erst würde er sich erlauben, vor Sorge wahnsinnig werden. Aber bis dahin würde er funktionieren. Er muss einfach.


-> Die Goldene Harfe

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Rayyan

Hänfling

Posts: 129

Occupation: Hexerjäger

Location: Talyra

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215

Friday, May 8th 2015, 11:13am

Sommerfest 514

Der letzte Wächter, der sich noch schnaufend unter Táhirihs Zauber windet, ist schnell ausgeschaltet und liegt nur wenige Augenblicke später ebenso reg- und leblos wie sein Kumpane auf dem stellenweise geschwärzten Kellerboden, von welchem der unangenehme Geruch nach verkohltem Stein und verbrannter Erde ausgeht. Rayyan tritt sicherheitshalber noch einmal kräftig nach, ehe er sich mit einem finsteren Blick Táhirih zuwendet und die Distanz zwischen ihnen mit zwei großen Schritten überbrückt. Es gibt keine Worte für die Mischung aus Wut und Erleichterung, die bei ihrem Anblick durch seine Eingeweide jagt. Fest schließen sich seine Hände um ihre Schultern und Vorwürfe, Anschuldigungen und Fragen drängeln in seinem Kopf um Vorrang, aber eigentlich muss er sie nicht fragen, was sie hier zu suchen hat und er kann ihr erst Recht nicht vorwerfen, dass sie zu seiner Rettung geeilt ist, denn wäre er an ihrer Stelle gewesen, er hätte genauso gehandelt. Und wenn er ganz ehrlich ist, ist er götterverdammt froh sie zu sehen. Heil, in einem Stück und an seiner Seite. Also hebt er sich den Zorn ob ihrer Dummheit für später auf, nimmt ihre Hand und zieht sie von der Tür weg, wo sich Nathanael in weiser Voraussicht bereits mit Dolch und Brett bewaffnete positioniert hat, um den nächstbesten Gegner gebührend zu begrüßen. Rayyan indes tastet mit seinen Sinnen flüchtig nach dem magischen Gefüge, welches dieses Haus umgibt und erkennt mit einem unterdrückten Fluch, dass die Mauern nicht über das arkane Netz verlassen werden können. Die Treppe ist demnach tatsächlich ihr einziger Fluchtweg.

"Táhirih." Um zu verhindern, dass ihre Gegner, die sich wahrscheinlich an der obersten Stufe schon formieren, hören, was er plant, gibt er seinen Plan über eine simple Geste preis und Táhirih, vielleicht selber keine Diebin, aber lange genug mit ihm unterwegs, erinnert sich daran, was das Handzeichen zu bedeuten hat. Sie nickt, tut ein paar Schritte zurück und beginnt den nächsten Zauber zu weben, während Rayyan sich gegenüber Nathan positioniert, im Falle dass einer der Männer vorpreschen und durch den Nebel brechen würde. Aber offenbar ist die fehlende Sicht für die Männer Grund genug zu abzuwarten. Es sind Magier darunter, sie alle können das arkane Flirren irgendwo über ihren Köpfen spüren, als würde ein Vogel mit seinen Flügen schlagen und die Luft in Bewegung setzen. Zwischen Táhirihs angestrengt gekrümmten Fingern bildet sich indes eine schmale, kaum sichtbare, schimmernde silberne Linie, die hin und her zuckt, sich leicht biegt, sich streckt und während sie nach unten dünner und dünner wird, weitet sie sich oben stetig mehr aus. Schweißperlen glänzen auf Táhirihs Stirn und für einen Moment fragt sich Rayyan, wie viel Mana sie auf dem Weg hierher schon verbraucht hat, schiebt die Sorge dann aber entschlossen von sich. Táhirih ist vielleicht nicht das taktisch klügste Köpfchen, aber sie würde sich in einer Situation wie dieser nicht unnötig vorausgaben, im Wissen, dass damit niemandem geholfen wäre, am allerwenigsten ihm.

Als der Wirbel beinahe schon vom Boden bis zur Decke reicht, beginnen auch Rayyan und Nathan den Sog des Zaubers zu spüren und rasch gleitet Rayyan fort von der Tür in die Ecke, wo die Kraft des Strudels noch nicht so stark ist. Dort presst er sich mit dem Rücken gegen die feuchtkalten Mauern, streckt beide Arme aus und beginnt einen eigenen Zauber zu weben. Auf seinen offenen Handflächen sammelt sich goldener Nebel, aus dessen pulsierender Mitte plötzlich kleine Sandkörnchen hervorquellen – und durch die Kraft des Windes prompt in die Mitte des Wirbels gezogen werden. Der Strudel saugt den unaufhörlichen Strom von Sand gierig in sich auf, bis sich unter das warnende Heulen ein gefährliches Knistern mischt und die weißen, scharfen Schlieren sich zu einem unheilbringenden braun gefärbt haben. Als der kleine Tornado zu einem ausgewachsenen, wenn auch immer noch sehr handlichen Sandsturm herangewachsen ist, geht Rayyan ohne Pause direkt in den nächsten Zauber über. Einer seiner einfachsten Übungen, nicht umsonst haben er und seine Gruppe fast alle Arkane Schach-Wettstreite (eine etwas brutalere, sehr viel lebensnahere und sehr viel weniger statische Version des herkömmlichen Schachs) für sich entschieden. Ein paar Sekunden später bildet sich vor ihrer aller Nasen ein hauchdünnes, blauglänzendes Schild, dass sie zwar nicht vor dem Sog, sehr wohl aber dem Kratzen des Sandes schützt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Gegner auf die gleiche Idee gekommen sind, ist groß, aber sobald Táhirih den Sturm vor sich her die Treppe hinauf schiebt und damit den Nebel gleich mit sich zieht, dürfte trotzdem ein wenig Chaos entstehen. "Los", brüllt er über das Tosen des kammergroßen Sturms hinweg und konzentriert sich darauf Táhirihs Schild zu erneuern, sobald dieser unter den ersten Angriffen brechen sollte.

Calait

Stadtbewohner

Posts: 103

Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

Location: Talyra

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216

Tuesday, January 26th 2016, 10:02am

--> Nordtor



Von Honigfingern, Karnickeln und Quacksalbern

07. Langschnee 515

Zum Abschied winkt Calait dem noch immer namenlosen, jungen Blaumantel zu, als Colevar den Wagen an diesem vorbei durch das nun offene Tor lenkt. Kaum haben sie den Wachturm passiert, lehnt sie sich jedoch an Colevars Schulter und nestelt ihre Arme unter seinen Mantel und um seine Mitte. Sich lange, beschwerliche Reisen seit ihrer Geburt gewohnt und aufgewachsen ohne wirkliche Heimat, ist es für sie nichts Ungewohntes nach Jahren der Abwesenheit wieder an einen altbekannten Ort zurückzukehren, nur um ihn bei der Ankunft vollkommen verändert vorzufinden. Für Colevar hingegen, der im Umland von Talyra geboren wurde und nahezu sein ganzes Leben (ausgenommen der letzten sieben Jahre) im Sarthetal und in der Stadt verbracht hat, dem diese Straßen und seine Bewohner vollkommen vertraut gewesen sind, müssen das veränderte Bild und die unbekannten Gesichter irritieren, vielleicht sogar erschrecken. Weil es ihm vor Augen führt, wie lange er tatsächlich fort war. “Wir sind wieder da”, flüstert sie ihm zu und schiebt ihre Finger unter seinen Wams und über sein Herz, um ihm Halt zu geben: “Du bist Zuhause... Wir sind Zuhause.” Es stimmt, auch wenn sie sich dessen erst in diesem Augenblick wirklich bewusst wird und ganz unvermittelt erfasst sie eine ungeheure Vorfreude, die sie von den Zehen bis zu den Haarspitzen erzittern lässt. Zwar hat sie Colevar bereits vor einigen Jahren, in der Nacht, in der Louãn starb, gesagt, dass sich Talyra schon fast wie ein Zuhause anfühle, aber erst jetzt wird ihr klar, was das eigentlich bedeutet und welche Sehnsucht dahintersteckt. Und dass sie das beinahe verpasst hätte.

Ihr fällt gar nicht auf, wie sich ein fast schon närrisches Grinsen zwischen ihren Ohren spannt, bis Colevar sich amüsiert erkundigt, was denn auf einmal so lustig sei. “Nichts”, gluckst sie, schüttelt den Kopf, dass ihre Locken fliegen und vergräbt lachend ihr Gesicht im Pelz seines Umhangs: “Alles! Beim Schwarzen Barbaren, ma c'harantez, wir sind Zuhause. Zusammen. Nach all den Jahren. Wir haben Hochwasser, Adamarahfloßfahrten durch die sich im Bürgerkrieg befindlichen Rhaínlande, Piraten und Stürme auf dem Silbermeer, gemeingefährliche, minderjährige Wegelagerer, marodierende Nargenbanden, die Verschmelzung zweier Stämme, die Gastfreundschaft eines übereifrigen Advokaten, einen miesepetrigen Magier, zwei völlig verrückte und obendrein klapprige Heckenritter, die Reise durch Gríanàrdan, ein Stelldichein mit Faunen, eine unerwartete Grabplünderung, den Kampf gegen eine uralte, unheimlich mächtige, quasi unsterbliche Schamanenschlampe überlebt und einen ziemlich suspekten Dämon getroffen - und dieser Sommerbengel... der fragt... der fragt dich, ob du Ware zu verzollen hättest. Gut, dass du nicht die Acht Stäbe der Acht Druiden, das Blut einer Jungfrau, das Rahsegel der Djeremajah, die Knochen der Remorwyen und den Rest habe ich vergessen hinten im Wagen hast, wir wären nie durch dieses Tor gekommen…"

Sie lachen beide und es dauert einen Augenblick, bis sie wieder zu Atem kommen, dann streckt Calait prompt die Nase in die Höhe, als sie etwas erschnuppert. "Oh, oh! Riechst du das auch? Sind das nicht… OH! Das sind doch Honigfinger vom Alten Deryn? Der macht die besten Honigfinger im Nordspitz. Siehst du, ob schon Licht brennt im Verkaufsraum? Nein? Och… Könntest du nicht kurz…" Sanft, aber bestimmt legt er einen Arm um sie, um zu verhindern, dass sie ihm am Ende in ihrer Gier einfach vom Kutschbock krabbelt und versichert ihr: "Es gibt bestimmt Honigfinger in der Harfe, Hexchen." "Stimmt", lässt sie sich überzeugen: "in der Harfe gibt es immer Honigfinger. Azra versteckt immer welche für die kleinen Gäste in einem Topf unter der Theke hinter den Bierhumpen. Oh, ich kann es gar nicht erwarten, sie wieder zu sehen. Und Borgil. Und die Kinder. Und überhaupt… Bei welchem Br waren sie zuletzt stehen geblieben? Ah, bei den Zwillingen. Brion und Branon." Leise schnaubend gibt Colevar zu bedenken: "Wer weiß, wie viele Brs inzwischen dazukommen sind. Borgil und Azra sind in dieser Hinsicht ahm… engagiert?" Calait, die sich nicht ganz so diplomatisch ausdrücken kann, prustet völlig unverfroren: "Das ist eine sehr nette Umschreibung dafür, dass sie es treiben wie die Karnickel." Sie kann förmlich sehen, wie Colevar süffisant eine Braue hebt und sie von oben herab mit einem hintergründigen, halben Lächeln mustert: "Da kenne ich noch jemanden."
Sie legt die beiden Zeigefinger an ihren Kopf und bewegt sie sacht vor und zurück: "Siehst du meine Öhrchen zucken, ma c'harantez?", nur um dann mit einem hörbar gefrusteten Grummeln die Hände in den Schoss sinken zu lassen: "Allerdings in letzter Zeit ja eher nicht." Um genau zu sein, schon viel zu lange. Diese Weißkittelschnepfen im Hospital der Heiligen in Blurraent haben doch überhaupt keine Ahnung von der Heilkunst. Von wegen Schonzeit. Quacksalber, allesamt. Glücklicherweise scheint das Schlimmste inzwischen überstanden, was ihr die Hoffnung gibt schon bald wieder auf und unter und nicht nur neben Colevar liegen zu können.

Während der Wagen weiter über die vereisten Pflastersteine in Richtung Großer Marktplatz und Harfe ruckelt, dreht Calait den Kopf von links nach rechts und nimmt jedes Detail in sich auf, dessen sie gewahr werden kann. Ihr Weg führt sie über Cobrins Allee vorbei am Rand des Nordspitzviertels mit seinen unzähligen, teilweise bemalten Fensterläden – "Hörst du das? Der Renmer Marek hat seine verrosteten Scharniere immer noch nicht ausgetauscht." – auf der einen und den von glänzendem Reif überzogenen Schwarzkiefern, Buchen, Silberplatanen und mächtigem Linden des Tempelviertels auf der anderen Seite. Noch hüllen sich die Götterhäuser in nächtliche Stille, denn bis zur Morgenandacht ist es noch ein bisschen hin. Nur die Priester, welche die Stundengebete sprechen und die Novizen, welche die Nachtruhe sicherstellen sollen, werden schon oder immer noch auf sein. Ob Aruna wieder einmal Seelenwache gehalten hat?, wandern Calaits Gedanken kurzzeitig zu dem schwarzäugigen Azadourajungen, der in der Sithechnacht von vor drei Jahren Colevar bei seinem stummen Gebet erst Gesellschaft geleistet hatte, um später in ihren Armen direkt zu Fuße der Statue des Grauen Wanderers einzuschlafen. Sie hofft sehr, dass es dem Kleinen gut geht und seine Mutter wohlbehalten von ihrer Reise zurückgekehrt ist.

Alle fünfzig Schritt passieren sie einen Feuerkorb oder eine Laterne, und sowohl vor der Runenhalle, als auch dem Eingang zu den heiligen Hainen begegnen ihnen weitere Blaumäntel, darunter auch einige altgediente Soldaten, die Colevar erkennen und freudig begrüßen. Zwar zügelt Colevar die Pferde für einen Moment, um ein paar freundliche Wiedersehensfloskeln auszutauschen, lässt sich allerdings nicht länger als nötig aufhalten, denn es ist kalt und sie sind beide, trotz dicker Umhänge, Mäntel und in ihrem Fall zwei Dutzend weicher Decken, ordentlich durchgefroren. Nur wenig später geht es über die Vierviertelkreuzung, wo Tempelviertel, Nordspitz, Tausendwinkelgassen und das Mühlenviertel zusammenfinden, entlang der geschlossenen Häuserfassaden, welche die hundert und tausend winzigen Gässchen und verwinkelten Straßen des gleichnamigen Viertels säumen und dem nicht ganz so geordneten Wirrwarr an Fachwerkhäusern, Lagerhallen, Paarhöfen, Haufenhöfen und Dreiseitenhöfen, die sich um die alte Mühleninsel inmitten des Llaeron und an dessen Ufern angesammelt haben. Calait kann das schwere, gedämpfte Atmen großer Pferdeleiber ausmachen und der Geruch nach warmem Stroh steigt ihr in die Nase, als sie an den Stallungen der Geschwister Alun und Alis vorbeikommen, wo unter anderem auch das besonders freche Exemplar eines Esels haust. "Ob Stoffel noch lebt?", wundert sie sich und nimmt sich vor, es gleich morgen herauszufinden. Vielleicht auch erst übermorgen, immerhin sind sie gerade erst angekommen und werden die nächsten zwei Tage bestimmt damit verbringen zu reden, zu erzählen und in Erfahrung zu bringen, was in ihrer Abwesenheit alles geschehen ist. In Anbetracht dessen, wie viel wir zu erzählen haben und was… wird Stoffel wohl einfach ein wenig länger warten müssen.




--> Die Goldene Harfe
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Lyall

Stadtbewohner

Posts: 458

Occupation: Magd

Location: Anwesen de Winter

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217

Wednesday, February 3rd 2016, 7:59pm

→ Das Anwesen de Winter



~ Mitte Langschnee 515, zur Stunde des Räubers ~


Eine Weile gehen sie schweigend nebeneinander her, jeder in die eigenen Gedanken versunken. Auch kommt es ihr so vor, als würde Aneirin nicht sprechen, damit sie sich in Ruhe an die Situation gewöhnen konnte. Und tatsächlich muss sie zugeben, mit jedem Schritt etwas von ihrer Anspannung hinter sich zu lassen. Und dann ist es tatsächlich Lyall, die das erste Wort ergreift. „Wohin möchtet ihr gehen? Wir...haben gar kein Ziel ausgemacht?“, fragt sie etwas hölzern und hört als erste Antwort Aneirin leise lachen. Verdutzt und mit aufgerichteten Ohren sieht sie zu ihm auf, als er sagt: „Lass uns doch einfach etwas durch die Stadt schlendern. Wir werden uns schon nicht verlaufen! Aber wenn du ein Ziel möchtest... wie wäre es als erstes mit dem Blaupfuhl? Und wenn wir weiter gehen möchten, dann können wir das immer noch tun.“
Der Blaupfuhl also. Nickend willigt sie ein. Wie lange ist sie dort nicht mehr gewesen? Ein oder zwei Zwölfmonde? Da das Anwesen einen eigenen Weg zum Ufer des Ildorel hatte, macht sie sich fast nie die Mühe durch die Stadt in das Larisgrün zu gelangen. Und auch sonst ist sie höchstens an Markttagen in der Stadt anzutreffen. Sie hat das Glück an einem der ruhigen Plätze Talyras zu wohnen und begibt sich nur sehr ungern freiwillig in das bunte und laute Treiben der Stadt.
Dieses Ziel ist so gut wie jedes andere. Schließlich ist gerade der Weg das Ziel, wenn sie ehrlich ist.

Als sie die Stadtmauern passieren, fegt ein heftiger Windstoß durch die Gassen, lässt ihre Umhänge wild flattern und Aneirin sich – wohl aus Reflex – schützend vor sie stellen, bis der Wind abgeflaut ist. Seine und ihre Haare haben sich im Wind stürmisch verwoben, um sich dann wieder ebenso schnell zu trennen. Lächelnd fischt sich nun auch der blonde Mann seine Haare aus dem Gesicht, während Lyall hastig ihre Mähne mit ihrer freien Hand bändigt und scheu ihre Ohren fest an den Kopf anlegt. Geflissentlich nimmt er langsam wieder von ihr Abstand, als er merkt, dass sie mit der Situation hadert und dirigiert sie galant an ihrem Arm wieder in Richtung Stadtmitte.
Lyall ist erleichtert, dass er ihre Grenzen respektiert aber auch zornig auf sich selbst, dass sie ihn immer wieder mit kleinen, aber aussagekräftigen Gesten von sich stößt, obwohl er sich augenscheinlich alle Mühe gibt ihr den Umstand ihres gemeinsamen Spazierengehens so angenehm wie möglich zu machen.
Sie möchte sich ja fallen lassen. Ganz normal sein, so als würde sie hier gerade mit Avila zum Markt laufen und hier und da ein Scherzchen machen. Doch sie kann nicht. Ihre Vorsicht und Zurückhaltung lassen nicht viel Spielraum für übermütige und gar zu offene Worte. Aber sie kann doch nicht die ganze Zeit schweigen? Das wäre mehr als unhöflich. Dann hätte er auch mit einem Baumstamm im Arm hier her wackeln können. Dieser hätte ihn sicher genauso amüsiert und unterhalten.
„Nun...Aneirin... ihr... spielt also auch Laute?“ Offensichtlich, du dumme Gans! „Und ja äh...“
Lyalls mit Stresshormonen geflutetes Hirn fallen gerade keinerlei tiefgründigen Sätze ein und so fragt sie: „Ihr könnt auch mit diesem Instrument etwas... erschaffen?“ Dass sie die Magie hinter jedem Ton hören kann, verschweigt sie jedoch gänzlich.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Aneirin

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218

Saturday, February 6th 2016, 12:19pm

Aneirin hätte ihre kalte, zitternde Hand nur allzu gerne in die seine genommen. Bei dieser Frau allerdings ist Zurückhaltung angesagt. Etwas, das ihm nicht immer unbedingt leicht fällt. Zumindest nicht in der Nähe von schönen Frauen. Und Lyall ist eine solche Frau. Eine, die ihm gefällt. Trotz dieser… Aneirin hat es immerhin geschafft, ihre Ohren schon eine ganze Weile nicht mehr anzusehen. Sie sollen nicht der Grund sein, ihn daran zu hindern, diese Frau näher kennenzulernen. So begnügt der Bäcker sich damit, ihren Arm wenigstens etwas näher an seinen Körper zu drücken. Ob es nun diese Geste ist oder die Tatsache, dass er abwartet, bis sie zuerst das Wort ergreift, Lyall entspannt sie nach und nach Stückchen um Stückchen. Wider Erwarten schätzt er ihre ruhige, zurückhaltende Art an diesem Abend sogar. Es ist eine willkommene Abwechslung zu den offenherzigen, jungen Dingern, die sich selbst gerne reden hören. Ihre Schüchternheit weckt doch tatsächlich so etwas wie einen Beschützerinstinkt in ihm. Und sie scheint es ihm nicht übel zu nehmen als er versucht, sie vor dem Wind zu schützen. Auch wenn er danach rasch wieder von ihr abrückt, um sie nicht in Bedrängnis zu bringen. Es ist ein Balanceakt, ihr nahe zu sein und doch nicht zu nahe zu treten. Eine Herausforderung. Und Aneirin mag Herausforderungen.
Manchmal wirkt sie etwas abwesend und Aneirin würde schwören, dass, wenn er Gedanken lesen könnte, von ihren Grübeleien erschlagen werden würde. So ist es gut, dass er es nicht kann. Solange sie ihm nicht den Eindruck macht, diesen Spaziergang für einen Fehler zu halten, soll sie ruhig ihre Gedankenarbeit fortsetzen, wenn es ihr hilft. Sie haben es weder eilig noch muss er gleich am ersten Abend alles von ihr wissen. So wartet er weiter geduldig und soll schließlich belohnt werden. Ihre Stimme klingt unsicher, stockend und dennoch überwindet sie sich und fragt ihn etwas. Na, das ist doch schon einmal ein Anfang. Lächelnd blickt Aneirin zu ihr hinunter. „Ich spiele Laute und Flöte. Hauptsächlich jedenfalls. Mit anderen Instrumenten habe ich nicht so viel Übung, auch wenn ich den meisten sicher zumindest einige Töne entlocken könnte.“ Da ist er sich relativ sicher. Wenn er auch eingestehen muss, dass Aidans Fidel für ihn schon eine Herausforderung darstellt. Aber er hat ja auch nicht behauptet, jedem Instrument einen geraden Ton entlocken zu können.
<„Ihr könnt auch mit diesem Instrument etwas... erschaffen?“>, möchte Lyall daraufhin wissen. „Du“, antwortet Aneirin zunächst nur. Auf ihren fragenden Blick hin, schmunzelt er, zaubert daraus ein aufmunterndes Lächeln und wiederholt ihre Frage mit anderer Betonung: „Du kannst auch mit diesem Instrument etwas erschaffen…“ Aneirin, den Blick inzwischen wieder nach vorn gerichtet, neigt den Kopf nachdenklich ein klein wenig zur Seite. „Ich kann mit jedem Instrument etwas erschaffen. Ich erschaffe Töne, ich erschaffe Melodien und dadurch wiederum kann ich Stimmungen erschaffen und manchmal sogar einzelne Emotionen.“ Eben das, was ein Musiker bewirken kann, indem er Musik macht. „Das funktioniert natürlich nur, wenn der Zuhörer bereit ist, sich auf meine Musik einzulassen.“ Dass hinter seiner Musik dann und wann etwas mehr steckt als das pure Erschaffen von Tönen, erwähnt er nicht. Es ist für ihn meist nicht relevant, da seine Fähigkeiten bisher nicht einmal ansatzweise an die eines Harfners heranreichen. Ob Rowena etwas daran ändern kann? „Aber deine Frage zielte sicher auf das Vögelchen und die Rose vom Nachmittag ab. Das funktioniert leider nur mit der Flöte.“
Er macht eine kurze Pause, als würde er überlegen. Tatsächlich aber verfolgt er mit seinen Augen den wankenden Gang des offenbar betrunkenen Mannes, der ihnen entgegen torkelt. Für diesen da scheint der Abend bereits zu solch früher Stunde gelaufen. „Warum, kann ich dir allerdings nicht sagen“, setzt Aneirin fort, während er seinen Lyall zugewandten Arm sinken lässt und seine Hand an ihre Seite legt, um sie sanft aber bestimmt an seine andere Körperseite zu dirigieren. Dort legt er seinen anderen Arm um ihre Taille, wenigstens so lang bis sich der Betrunkene dort, wo Lyall eben noch gegangen ist, mit unverständlichem Genuschel und Gestöhne an ihnen vorbeigeschleppt hat. Ohne weiter darauf einzugehen nimmt Aneirin seine Hand von ihrer Taille und bietet ihr wieder wie zuvor seinen Arm an. „Was ist mit dir? Spielst du ein Instrument?“, lächelt er sie sanft an.
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Lyall

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219

Sunday, February 7th 2016, 2:14pm

Auf ihre gestotterte Frage antwortet Aneirin mit einem Lächeln, dass er die Laute sowie die Flöte, die sie ja schon früher an diesem Tag gehört hatte, wohl spielen kann. Und sich auch an anderen Instrumenten versucht hat, diese aber wohl noch nicht ganz beherrscht. Obwohl er zu ihr herunter sieht während er spricht, wirft die Wargin nur einen flüchtigen Blick zu im hinauf und deutet ebenfalls ein Lächeln an. Es ist nicht unhöflich gemeint, aber so nah an ihm... und dann auch noch in seine Augen sehen? Nein. Gerade kann sie nicht in sein freundliches Gesicht sehen. Zuerst muss sie sich damit arrangieren neben ihm her zu laufen, ohne ins Stolpern zu geraten und mit seinem Schritt den Takt zu halten. Zudem hat ihr Körper die Tendenz von ihm abdriften zu wollen, doch der blonde Mann scheint ziemlich gut darin zu sein dies unaufdringlich aber konsequent zu unterbinden, indem er Lyalls Arm mit seinem fixiert und ihn etwas weiter an seinen Körper zieht. Auf ihre zweite Frage allerdings antwortet er plötzlich nur mit einem einzelnen, unzusammenhängenden Wort >>„Du.“<< Irritiert stellt sie ihre Ohren aufmerksam auf, da sie sich auf diese eingeworfene Silbe keinen Reim machen kann. So ist es doch noch an ihr zu ihm aufzusehen, um die Antwort quasi in seinem Gesicht zu suchen, da die Klangfärbung seiner Stimme ihr keinen Aufschluss über den Sinn des Ausspruches gibt. Natürlich treibt ihr sein Lächeln prompt wieder einen Anflug Schamröte in ihr Antlitz, doch diesmal färben sich nur ihre Wangen leicht rosa und nicht ihr ganzer Kopf bis fast zum Hals, wie es noch zu Anfang der Fall gewesen ist.
Er wiederholt das 'Du', betont es diesmal jedoch mehr und hängt noch ihren eben ausgesprochenen Satz hinten an, bevor er seinen Blick von ihrem löst, um wieder auf die Straße vor ihnen zu sehen. Es dauert tatsächlich wieder ein paar Herzschläge, doch dann wird ihr klar, dass er ihr soeben das freundschaftliche Du angeboten hat. Innerlich nickt die Magd und versucht sich dies zu merken. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, wird sie ihn wahrscheinlich doch noch des Öfteren 'Herr' oder 'Ihr' betiteln. Dieser Gewöhnungseffekt ist ihr tatsächlich schwer auszutreiben und es dauerte einige Zeit, bis der Umstand des angebotenen 'Du' endgültig auch noch in ihre letzte Hirnwindung gesickert war.
Da er sein Augenmerk auf die Straße richtet, Lyall ihn jedoch noch ansieht, versucht sie ihn unauffällig von Nahem anzusehen, während er nun auf ihre Frage antwortet. Sie beobachtet, wie seine Lippen sich bewegen, kleine Fältchen auf seinem Gesicht tiefer werden und sich dann wieder glätten, und wie seine Haare im Takt seiner Schritte sacht mitschwingen. >>„Ich kann mit jedem Instrument etwas erschaffen. Ich erschaffe Töne, ich erschaffe Melodien und dadurch wiederum kann ich Stimmungen erschaffen und manchmal sogar einzelne Emotionen. Das funktioniert natürlich nur, wenn der Zuhörer bereit ist, sich auf meine Musik einzulassen.“<<
„Stimmungen?“, fragt sie leise grübelnd. Stimmungen mit Musik erschaffen? Wahrscheinlich meint er, dass mit wehmütigen Tönen auch das Herz der Zuhörer schwer wird und mit frohen Melodien auch die Stimmung steigt. Aber kann das nicht jeder einigermaßen geübte Spieler? Warum klingt der Satz für mich, als würde mehr dahinter stecken? Schließlich kann er Abbilder von Lebewesen und sicher auch anderen Dingen erschaffen. Hmm... wenn sich seine Zuhörer also auf die Musik einlassen. Warum stört mich dieser Satz? Irgendwie habe ich das Gefühl, er kann doch mehr, als er zugibt. Und dieses Prickeln und Blubbern in meinen Ohren. Es war auch da, obwohl er nur gespielt hat. Magie ist also doch vorhanden gewesen? Kurz legt sich ihre Stirn in Falten, als sie versucht in seinem Gesicht eine Regung oder ein mimisches Zucken zu erhaschen, so als würde sie erwarten eine etwaige Lüge oder das Auslassen bestimmter Fakten könnte sich so zeigen. Seltsamerweise kommt ihr die Geschichte des Rattenfängers von Arnis in den Sinn. Hatte dieser nicht die Kinder der dortigen Bevölkerung nur durch ein... ja...Flötenspiel... dazu gebracht ihm zu folgen, als sich die Einwohner von Arnis weigerten ihm den Lohn für das Vertreiben der Ratten zu zahlen? So hat er die Kinder genommen. Kurz blinzelt sie und schüttelt sacht den Kopf. Nein. Das ist einfach zu weit hergeholt. Quatsch. Welch ein vollkommener Blödsinn ihr auch in den Kopf kommt, wenn sie aufgeregt ist! Obwohl Sagen immer einen wahren Kern haben....

Weiter kommt sie mit ihren Gedankengespinsten nicht, da er weiter ausführt: >>„Aber deine Frage zielte sicher auf das Vögelchen und die Rose vom Nachmittag ab. Das funktioniert leider nur mit der Flöte.“<< Da ihre bernsteinfarbenen Augen noch immer auf ihn gerichtet sind, nimmt sie den Betrunkenen vor sich gar nicht wahr. Gerade als sie ihm antworten und wiederholen will, dass sie sein Flötenspiel und natürlich die Magie dahinter sehr schön und aufregend fand und sie sein eingefügtes 'leider' nicht verstehen kann, merkt sie, dass sein Arm unter ihrem hinweg gleitet und den ihrigen freigibt. Verdutzt sieht sie an sich hinab und bemerkt gerade noch, dass Aneirin sich leicht hinter sie abgesetzt hat, als seine Hand in ihr Blickfeld gerät oder besser gesagt seine schlanken aber kräftigen Finger, die sich auf ihre Hüfte legen und plötzlich Druck auf diese ausüben. Völlig perplex sieht sie mit an, wie sich ihr Körper auf diese Berührung hin - einer Marionette gleich, deren Fäden er in den Händen zu halten scheint - leicht nach rechts ausweicht, um den blonden Bäcker nun an der Stelle auftauchen zu lassen, an der sie eben noch selbst gelaufen ist. Dann wiederholt sich das Schauspiel in die andere Richtung, nämlich als sein Arm sich um die andere Seite ihrer Hüfte legt und sie sich danach wieder auf ihrem ursprünglichen Platz, zu seiner Linken, befindet.
Die Stellen, an denen seine Hände sie berührt haben, pochen plötzlich seltsam im Rhythmus ihres Herzens. Die eben noch gedachte Antwort, bleibt sie ihm allerdings schuldig. Mit vor Erstaunen leicht geöffnetem Mund sieht sie zuerst ihre Hüften an und dann wieder zu ihm hinauf. Den Betrunkenen bekommt sie nur am aller äußersten Rand ihrer Wahrnehmung mit und Aneirins so selbstverständlich erscheinende Berührung hatte sie auch ihre teils misstrauischen Gedanken vollkommen vergessen lassen. Sie muss für ihn aussehen wie ein Fisch auf dem Trockenen, als er ihr ein warmes Lächeln schenkt und nun sie fragt: >>„Was ist mit dir? Spielst du ein Instrument?“<<
Aus ihrem immer noch ein paar Sekhel geöffneten Mund dringt erst ein unschlüssiges „Ähm..“, dann klappt ihr Mund jedoch zu, sie schluckt vernehmlich und hakt sich fast schon automatisch bei ihm unter, während sie hastig versucht ihre Gedanken zu sortieren und das Pochen in ihrer Hüftregion zu ignorieren. „Nein.“, sagt sie, um sich anschließend eine Haarsträhne aus dem Mund zu angeln, welche der Wind hinein geweht hat. „Ich meine, nein. Ich spiele kein Instrument. Auf dem Anwesen gibt es, soweit ich weiß, auch keine. Und... irgendwie kam ich nie auf den Gedanken eines zu erlernen. Ich glaube, ich habe auch keine allzu musikalische Ader.“ Es ist nicht so als würde die Wargin keine Musik mögen. Im Gegenteil. Die einzige Musik, die sie jedoch des Öfteren gehört hatte, war die fahrenden Volkes und diese wurde ihr allzu bald zu laut und entnervte sie schnell. Gegen eine schöne Melodie oder ein Lied von einem begabten Musikanten, konnte jedoch keiner etwas einwenden. Leider gab es diese Musik kaum auf der Straße zu hören und die Wargin ist nun auch nicht so versessen auf ein paar Liedchen, als dass sie in diverse Gasthäuser oder Spelunken gehen würde, nur um diese zu hören. Da schreckte sie doch das allgemeine Klientel der Besucher zu sehr ab. Und auch von Theaterbesuchen mit etwaiger musikalischer Untermalung hatte sie genug. Das Stück, welches sie mit Lady Savena angesehen hatte, reichte ihr wahrscheinlich bis an ihr Lebensende. Schauspielerei hin oder her. Wargen, denen man das Hirn durchlöcherte, erheiterten sie nicht wirklich. Bei dem Gedanken an das Geschehen vor nun schon fünf Zwölfmonden schüttelt es sie und Gänsehaut überzieht ihre Arme und lässt sie unangenehm frösteln.
„Singst du eigentlich auch zu deiner Musik?“, lenkt sie ab, um nun doch verstohlen mit ihrer freien Hand ihre Hüften zu untersuchen, als würde sie durch seine Berührung verkohlte Kleidung erwarten. Doch diese ist vom Abendwind kühl und vollkommen intakt. Was hatte sie bitte auch erwartet?
Sie erreichen indes das Marktviertel, als er zu einer Antwort ansetzt.
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Aneirin

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220

Wednesday, February 10th 2016, 9:01pm

Mit einem amüsierten Funkeln in den Augen betrachtet er Lyalls Antlitz, wenn er auch zunächst nicht ganz sicher ist, was genau die junge Frau so aus dem Konzept gebracht haben mag. Auch das Herausfischen des schwarzen Haares aus ihrem leicht offen stehenden Munde untermalt ihre Unsicherheit auf eine hinreißende Art und Weise wie Aneirin sich selbst eingestehen muss. Er ist von sich selbst überrascht, dass sie sein Interesse mit ihrer zurückhaltenden Art derart zu entfesseln weiß – und sich dessen vermutlich noch nicht einmal bewusst ist, denn ihre Schüchternheit wirkt weder gespielt noch aufgesetzt. Er ertappt sich sogar dabei, wie er sie in Gedanken einfach küsst, nur um ihre Reaktion darauf zu genießen. Wenn sie es zuließe, würde er sie so oft und so lange küssen bis sie sich gehen lassen kann, ohne dass er Angst haben muss, ihr Herz bliebe stehen. Noch muss er sich aber sorgen, also heißt es, sich weiterhin geduldig zurückzuhalten. Seltsamerweise macht es Aneirin nichts aus. Schließlich lernt auch er immer noch aus seinen Erfahrungen.
Lyall verneint seine Frage, sie hätte auch noch nie daran gedacht ein Instrument erlernen zu wollen. Sie glaube auch nicht, dass ihre musikalische Begabung ausreiche. Dabei schüttelt sie sich kurz, als wäre ihr der Gedanke zu musizieren unbehaglich. „Wenn du es mal herausfinden und ausprobieren willst, dann sag Bescheid. Ich helfe dir gern dabei“, grinst er und meint es doch vollkommen ernst. „Einer Flöte ein paar Töne zu entlocken ist wahrlich keine Meisterleistung und immerhin schon einmal ein Anfang.“ Er sieht zu ihr herunter und seine Züge gewinnen an weichem Ernst. „Vielleicht macht es dir ja Lust auf mehr, sobald du dich einmal getraut hast.“ Sein Blick verharrt auf ihren Zügen, lässt sich von der bernsteinfarbenen Schönheit ihrer Augen betören und muss nach einigen Herzschlägen mehrmals blinzeln, um sich wieder von ihrem Antlitz zu lösen. Etwas irritiert schaut er wieder nach vorn und muss schließlich über sich schmunzeln.
<„Singst du eigentlich auch zu deiner Musik?“> Das Schmunzeln wird zu einem Lächeln. „Nicht nur zur Musik. Auch ohne“, zwinkert er ihr zu. „Hm… Wenn du möchtest, spiele und singe ich dir gleich gerne etwas vor.“ Kurz ist er versucht, dieses Angebot an eine Bedingung zu knüpfen. Dann aber reißt er sich zusammen. Wegen seiner Ungeduld will er sie ganz sicher nicht vergraulen. Nun geh doch einfach mit dieser hübschen, interessanten Frau an deiner Seite gemütlich spazieren und genieße es. Aneirin würde ergeben seufzen, wenn es nicht zu verräterisch klänge. Also nimmt er sich zusammen, versucht weiterführende Gedanken beiseite zu schieben und führt seine Begleitung zum Blaupfuhl.

→ Der Blaupfuhl
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221

Friday, February 19th 2016, 8:52am

Aus der Gruft in die Faust

Vor ihnen ragen die schützenden Mauern Talyras aus dem morgendlichen Nebel hervor. Dumpfe Geräusche begrüßen die kleine geschundene Gruppe. Wie gewöhnlich ist auch so früh am morgen schon geschäftiges Treiben an den Toren der Stadt. Händler mit ihren schwer beladenen Handkarren stehen in zweiter Reihe während Fuhrwerke einzeln kontrolliert werden von den immer wachsamen Blaumänteln der Stadtwache. Zerwas ist sich sehr wohl bewusst wie sie aussehen müssen in den Augen der Wachen, seit Tagen nicht gewaschen, Ruß und zum teil noch Blutverschmiert würde man sie entweder für Banditen oder Opfer eben jener halten. Sie hatten das besprochen auf dem Weg hierher, auf ihrer Flucht aus den schrecklichen Grüften der Ruinen. Meowin wollte vor gehen, wollte Hilfe holen, er wäre schnell hatte er versichert, doch Zerwas wollte keine Gefahr eingehen, sie würden nicht den klassischen Fehler begehen und sich trennen, nicht nachdem sie alle lebend, wenn auch nicht unverletzt dieser Hölle entkommen waren. Außerdem konnte er und der Wolf nicht alle Kinder tragen.
Auf dem Weg zur Stadt hatten sie beschlossen sich sofort zur Steinfaust zu begeben, der Fährtenleser hatte Zerwas überzeugt das es das beste wäre, das sie dort Schutz und Nahrung bekommen würden, das man sich dort um die Kinder kümmern würde und das der Lord Commander mit Sicherheit von den Vorkommnissen hören wollte. Sie haben schließlich nichts verwerfliches getan,nein sie hatten das böse besiegt und Kinder vor dem sicheren Tot bewahrt. Alles wahre Worte und dennoch hat Zerwas immer ein ungutes Gefühl wenn er mit dem Gesetz in Verbindung gebracht wird, außerdem tut es seinen Ruf nicht gut in der Öffentlichkeit zu stehen. Trotzdem ist er in diesem Fall bereit sich der Verantwortung zu stellen und sei es nur der Kinder willen, die er ob er will oder nicht in sein Herz geschlossen hat. Er muss sichergehen das es der kleinen in seinem Arm gut gehen wird, dafür ist er bereit in allen Einzelheiten über das Geschehene Bericht zu erstatten.
Als sie das Tor erreichen ist der Fährtenleser an seiner Seite und spricht leise aber bestimmt auf eine der Wachen am Tor ein, dieser nickt, bekommt große Augen, nickt wieder und winkt einige Kameraden herbei. Kurze Zeit später sitzen die Gruppe auf einem Wagen der von zwei Pferden gezogen wird und von einem Blaumantel gelenkt wird und nähern sich müde, aber glücklich der mächtigen Steinfaust.
Ich lauf des öfteren Gefahr, zu vergessen wie schön das Leben bisher war.
Söhne Mannheims

Nathanael

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222

Tuesday, February 23rd 2016, 8:17am

In einem schäbigen Wirtshaus

Nachdenklich sitzt der Hexer vor einem großen Humpen Dunkelbier. Den Kopf hat er auf seine linke Hand aufgestützt. Immer wieder fahren die Finger seiner Rechten langsam über den Rand des Steinkruges, verharren kurz, nur um dann wieder ihre Reise weiter aufzunehmen.
Um die frühe Tageszeit ist kaum etwas in der Schänke los. Außer Nathan und dem Wirt sitzt noch ein älteres Weiblein in einer der vielen Sitznischen. Hastig schaufelt die Alte mit einem Gesicht, das Nathan an sein Bettlaken in den frühen Morgenstunden erinnert, einen dampfenden Brei in sich hinein. Ihre Hand zittert ein wenig dabei. Ab und zu tropft der zähflüssige Schleim vom Holzlöffel und landet mit einem großen „Platsch“ neben ihr auf dem Tisch oder auf dem Boden. Das Mütterlein scheint ihre Kleckerei nicht zu bemerken oder es stört sie einfach nicht, denn sie isst unbeirrt weiter. Plötzlich als würde die Alte spüren, dass sie beobachtet wird, wendet sie plötzlich ihren Kopf und wirft Nathan einen kurzen Blick aus trüben Augen zu. Dann öffnete sie den Mund zu einem breiten Grinsen und ein fast zahlloser Mund, gespickt mit drei schwarzen Stümpfen, lacht ihn an.
Nathan verzieht kurz das Gesicht und hebt die Hand zu einem kurzen Gruß. Dann wendet er sich demonstrativ von ihr ab. Scheiße, dass ist das Schicksal, dass uns Menschen irgendwann allemal erwartet. Mit zittrigen Händen und kaum mehr Zähne im Maul, einen Brei löffeln.
Der Hexer zieht seine Stirn kraus. Diese düsteren Gedanken stehen dir nicht! Also, lass es, Hexer. Oh entschuldige, es heißt natürlich Zauberer.

Ein schmales Lächeln wandert über seine Lippen, bevor er sich wieder seinem Bier widmet. Doch so einfach lassen sich die Gedanken in seinem Kopf nicht zähmen. Guter Vorsatz, schlechte Umsetzung. Dabei hat der Morgen an sich ganz gut begonnen. Die Sonne hat ihn geweckt und Kali hat friedlich neben ihm geschlafen. Wenn seine Geliebte tief und fest schläft, ihr Gesicht entspannt ist, ihre Finger mit den langen Nägeln ruhig auf den Laken liegen und sie ihm Schlaf lächelt, dann könnte man fast meinen, sie wäre eine „normale“ Frau. Sieht man von den Tätowierungen im Gesicht und der bleichen Haut mal ab. Nathan kann sie so stundenlang beobachten. Das ruhige Heben und Senken ihres Brustkorbes, das kurze Flackern der Augenlieder. Oft fragt sich der Zauberer, was sie wohl träumen mag, welchem armen Schlucker seine Geliebte in ihren Fantasien gerade die Hölle heiß macht. Egal wer oder was in ihren Träumen vorkommt, mit diesen Männern möchte Nathan definitiv nicht tauschen. Lieber liegt er hier und jetzt mit ihr in die Laken gehüllt in ihrem kleinen Häuschen. Das sind kostbare Augenblicke vollkommenen Friedens, die Nathan genießt, so lange bis Kali die Augen öffnet und der Tag beginnt. Oft erkennt er schon an der Art und Weise wie sie ihn ansieht, ob seine wankelmütige Geliebte guter oder schlechter Stimmung ist. Normalerweise ist das Nathan egal. Mit ihrer schroffen und oft kalten Art kommt er zurecht. Er braucht keine Frau, die ihm ihr Herz zu Füssen legt, die ihn mit Liebe überschüttet und ihm immer Nahe sein will. Kali ist anders, sie ist eine wilde, zickige Piratenbraut und er liebt sie, weil sie so ist. Was die Sache allerdings nicht gerade einfach macht.
Wie zum Beispiel heute nach dem Aufstehen, als sie sich übel gegenseitig angefahren haben. Kali stört schon seit längerem, dass er sich nicht sofort nach ihrer gemeinsamen Rückkehr aus Ambar eine neue, feste Arbeit gesucht hat. Statt wieder am Hafen zu arbeiten, hat sich Nathan voll in die Renovierung des kleinen Häuschens gestürzt, dass sie sich nach ihrer Rückkehr von dem Geld der Malsebior gekauft haben. Er hat das Dach ausgebessert, die Herdstelle erneuert, Schränke und Betten für die Aruna, Zoe und sie beide gebaut. Und ohne sich selbst zu sehr zu loben, ihr gemeinsames Heim ist schön und gemütlich geworden. Selbst Kali sieht das so, auch wenn sie das natürlich ihm gegenüber niemals so offen zugeben würde. Azedourianische Piratenbraut eben! Auf jeden Fall hat Nathan keine Lust, sich von ihr ständig rumkommandieren zu lassen. Wenn sie einen Sklaven will, der ihr die Füße leckt, soll sie sich einen anderen Dummen suchen.

Trotzdem muss er ihr zugestehen, dass sie in gewisser Weise hat Recht hat, wenn auch nur in gewisser. Seine Münzen sind fast aufgebraucht. Über kurz oder lang wird er sich wieder eine Arbeit suchen müssen, ob er will oder nicht, auch wenn er zurzeit mit dem Haus und mit seiner Ausbildung zum Zauberer gut beschäftigt ist. Nathan selbst braucht nicht viel zum Leben - ein nettes Dach über dem Kopf, ab und zu mal ein gutes kühles Bier und eine Frau, die das Bett mit ihm teilt. Was will „Mann“ mehr? Aber Kali ist nicht der Typ Frau, die sich mit einem „einfachen“ Leben zu Frieden gibt. Sie stammt nicht aus einer Bauerfamilie aus dem Norden wie er. Kali kommt aus einer ihm völlig fremden Welt, mit grotesken Ansichten und Regeln und einer Vorstellung von einem „gemeinsamen“ leben, das sich oft überhaupt nicht mit seinem deckt. Ein weiter Anlass für Streit zwischen den beiden. Doch egal wie oft die Fetzen zwischen ihnen beiden fliegen. Nathan weiß was er will und dummerweise, braucht er dazu mehr Münzen, einen ganzen Haufen Münzen. Besonders wenn er wirklich einen Schritt weiter gehen will, was Kalis und seine Beziehung angeht. Kali wird niemals seinem Vorhaben zustimmen, wenn er ihr nicht irgendetwas Großes, Spektakuläres bieten kann.
Scheiße…warum müssen Frauen eigentlich so kompliziert sein!
Grimmig wendet er sich wieder seinem Bierkrug zu und spült seine trockene Kehle mit der dunkelbraunen Flüssigkeit. Die Alte hat inzwischen ihren Brei aufgegessen, wenn man von den Breiklecksen auf dem Boden und Tisch einmal absieht.
Gut und Böse ist eine Frage des Standpunktes

Rayyan

Hänfling

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223

Tuesday, February 23rd 2016, 12:17pm

In einem schäbigen Wirtshaus - 08. Langschnee 515 - Mittag

Zur geschlagenen Stunde der Zunft – und damit für einmal sogar rechtzeitig - betritt auch Rayyan die kleine, schäbige Taverne im Fliegengrund, die wenig Gäste und dafür umso mehr dunkle Ecken und verborgene Nischen vorzuweisen hat. Als Rayyan die dreckige Spielunke das letzte Mal aufgesucht hat, wurde sie noch von Mistress Blank, einem von Altersflecken übersäten Klappergestell und deren Tochter, im Vergleich zu ihrer Mutter ein grotesk fettes Ding mit einer erschlagenden, blonden Haarpracht, geführt, doch als er sich jetzt nach ihr umsieht, starrt ihm hinter der Theke stattdessen ein Brocken von einem Mann, mit Händen so groß wie Wagenräder und einem wirklich gewaltigen Schnurrbart, entgegen. Dabei sieht er so finster drein, dass es Rayyan nicht länger wundert, dass außer Nathanael, den er bereits an einem der Tische erspäht hat, nur noch ein altes, krummes Weiblein im Halbdunkel einer Öllampe Brei in sich hineinschaufelt. Jeder, der durch diese Tür kommt und noch halbwegs bei Verstand ist, macht ja auf den Fersen wieder kehrt. Auch Rayyan erwägt den Zauberer einzusammeln und es sich in der Silbernen Stube nur ein paar Straßen weiter im Hafenviertel gemütlich zu machen, verwirft den Gedanken aber rasch wieder, denn eigentlich ist ihm die Ruhe nur Recht. Also ordert er bei dem Wirt zwei Schnäpse und steuert dann zielstrebig auf Nathan zu, der auch schon aufgestanden ist und ihn lachend in die Arme schließt, was Rayyan mit einem breiten Grinsen innig erwidert.

"As-salamu alayka, Nathan!" Er freut sich aufrichtig den Mann, den er unlängst Freund nennt, nach all der Zeit wohlbehalten wieder zu sehen. Nathanael war nebst Olyvar der Einzige gewesen, den er über seine Abreise ganz allgemein informiert, aber auch über die Gründe aufgeklärt hatte. In Sorbonn, von wo aus er durch das Mondtor nach Narnia gereist war, hatte man ihn noch kurz aufgehalten und sich nach den Fortschritten des ehemaligen Hexers erkundigt. Sein Bericht, sofern man fünf abgehackte Sätze zwischen genauso vielen Schritten als solchen bezeichnen konnte, hatte sie zwar nicht wirklich zufrieden gestellt, aber ihre Neugierde insofern befriedigt, als dass sie ihn und auch Nathan vorerst nicht mehr lästig fallen würden. Dabei hat Rayyan durchaus Verständnis für ihre nicht immer diskrete und kontinuierliche Aufsicht, denn insgesamt kommt es tatsächlich nicht allzu oft vor, dass ein Hexer sich dazu entschließt sein Mana binden zu lassen – und noch seltener verläuft das dafür benötigte Ritual reibungslos. Nathanel ist noch immer bleich und schmal, aber, wie Rayyan schnell erkennt, nicht mehr ganz so dünn und das Haar, das ihm früher wie zerrupfte Rabenfedern vom Kopf stand, hält er jetzt wieder länger und in einem kleinen, aber ordentlichen Zopf zusammengefasst. Freundschaftlich klopft Rayyan ihm auf die Schulter, ehe er sich neben auf einem Stuhl niederlässt, just als der Wirt ihnen zwei fleckige Zinnbecher vor die Nase stellt.

Nathanael

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224

Tuesday, February 23rd 2016, 4:39pm

In einem schäbigen Wirtshaus - 08. Langschnee 515 - Mittag

Mit einem „Na du alter Kameltreiber….“, einer kräftigen Umarmung und heftigem Klopfen auf dem Rücken begrüßt der ehemalige Hexer seinen „Meister“ und Freund Rayyan. „Wurde auch Zeit das du kommst…ich sitze mir hier schon den Arsch platt!“ Lachend lässt sich der sonst eher als mürrischer und wortkarger Geselle bekannte Nathan auf den wackeligen Stuhl zurück fallen. Es ist eine Weile her, seitdem sie sich das Letze Mal gesehen haben, und Nathan brennt darauf von Rayyan auf den neusten Stand gebracht zu werden. Natürlich interessiert ihn, was er bei dem ganzen Magiergesockse in Sorbonn und Narnia so erlebt hat. Ob er Uio in Sorbonn getroffen hat, seinen jungen ehemaligen Hexerzöglin und Schüler. Ja, und er ist begierig darauf zu wissen, ob dieser vermaledeite, nein natürlich hochehrwürdige Magierrat, was seine eigene Zukunft angeht, irgendwelche Entscheidungen getroffen hat. Außerdem gibt es da ja auch noch die gute Klimbim-Hiri und Nathan müsste Lügen, zu behaupten, dass er nicht gespannt ist zu hören, ob Rayyan nun endlich ein Stück weiter gekommen ist, was diese besondere Angelegenheit angeht.

„Wohl bekomms….“, oder so etwas Ähnliches wird zwischen den grauen, speckigen Schnurrbarthaaren herauspresst, als der Wirt den beiden Freunden zwei randvolle Zinnbecher mit einer seltsam geblichen Flüssigkeit auf den Tisch knallt. Misstrauisch schnuppert der Zauber an der Flüssigkeit, die aus einer Mischung aus Pisse, frischgeschnittenem Heu und irgendeinem undefinierbaren Kraut riecht.
„Hm….lecker“, meint er mit einem ironischen Grinsen im Gesicht zu seinem Freund gewandt und hebt den fleckigen Zinnbecher hoch, um ihm zu zuprosten. „Aber wir haben schon schlimmeres getrunken! Also, Ray….auf deine Rückkehr und einem Haufen interessanter Geschichten, die du hoffentlich von deiner Reise im Gepäck hast! Ich kann nämlich mit nicht viel Aufregendem aufwarten. Außer du bist erpicht auf Geschichten von kleinen nervigen Feen, einer bissigen Azadoura und ihrem extrem anhänglichen Sohn und einem angehenden Zauberer, der die Zeit mit Dachdecken und Haus Renovierungen verbringt.“
Die Zwei Zinnbecher knallen aneinander, so dass ein wenig von der gelben Flüssigkeit über den Rand rinnt. Dann kippen die beiden das Gesöff mit einem Zug hinunter. Widerwillen verzieht Nathan sein Gesicht. Der Schnaps riecht nicht nur wie Pisse, er schmeckt auch so und brennt als würde er aus flüssigem, kochendem Stein bestehen.
Gut und Böse ist eine Frage des Standpunktes

Rayyan

Hänfling

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Tuesday, February 23rd 2016, 7:32pm

In einem schäbigen Wirtshaus - 08. Langschnee 515 - Mittag

"Afwan!" Er hat schon vieles getrunken, von Schlammwasser, über verwässertem Schnaps bis zu gepanschtem Bier- in dem alles, aber bestimmt kein Bier enthalten war - aber das Zeug, das der Wirt ihnen hier in zwei dreckigen, eingedellten Zinnbechern vorsetzt, übertrifft mit seinem Aroma nach Katzenpisse und sauren Eiern sogar die vergorene, mit Salz gewürzte Galle einer Ramilthu'bân, die auf dem Diebestreppen in Mar'Varis gerne ausgeschenkt werden. Rayyan verzieht das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und schüttelt sich wie ein nasser Hund und Nathan tut es ihm gleich. "Bin…", krächzt Rayyan und schluckt mehrmals, doch noch immer kratzt das Zeug wie Schurwolle in seiner Kehle "… nicht so sicher, ob ich jemals was Schlimmeres getrunken habe… "

Hastig bestellt er ein einfaches Kupfer für sie beide, um das tote Stinktier auf seiner Zunge runterzuspülen, bevor er Nathan vielsagend angrinst und ihm noch einmal auf die Schulter klopft: "Ajwa, du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich gerade über stinknormale Alltagsgeschichten freuen würde. Hast du Zeit mitgebracht? Gut, weil die wirst du brauchen." Und dann beginnt er ohne weitere Umschweife zu erzählen. Von seinem Aufbuch von vor neun Monden, über seinen Aufenthalt in Sorbonn – wo er tatsächlich auf Uio und dessen inzwischen vollkommen ergrauten Hauptmeister getroffen war (Ja, dem Burschen ging es gut… viel zu gut… aber immerhin hätte er sich nicht wieder aufgeführt, wie ein Liktikäffen – und ja, man hatte nach Nathan gefragt, aber Ruhe gegeben, nachdem Rayyan erklärt hatte, der ehemalige Hexer bemühe sich sehr und sei schon bald bereit seine Zaubererprüfung abzulegen) - und Narnia – wo er erfolgreich seine Prüfung zum Maester abgelegt hatte -, das Treffen mit Calait und Colevar, deren gesamte Geschichte und den langen, ereignisreichen Weg bis in den Osten bis hin zu dem Kampf gegen die Remorwyen und das Geplänkel mit dem Dämon.

Sie sind beim fünften Kupfer – immerhin ansatzweise trinkbar und effektiv gegen tote Stinktiere – angelangt, als er endet und Nathan neben ihm ihn längst anstarrt, als hätte er sich vor dessen Augen in einen rotgesprenkelten, Bälle jonglierenden Ogre verwandelt. "Ajwa", bekräftig Rayyan und lächelt sardonisch: "Würde mir jemand etwas von Schicksal, Prophezeiungen, nicht-ganz-toten-uralten-Schamanenschlampen und freundlichen Dämonen erzählen, ich würd den Scheiß auch nicht glauben, aber ich habe es gesehen, Nathan." Selbst in seinen eigenen Ohren klingt es anach all der Zeit noch immer unglaublich, deshalb wiederholt er, mehr zu sich selbst, als zu Nathan: "Die Geister, die Toten, die Prophezeiungen, der Dämon... Alles wahr." Kopfschüttelnd kippt er den Rest seines Krugs herunter und wischt sich mit dem Ärmel den Schaum vom Mund.

Dann beugt er sich mit einem unheilversprechenden Glitzern in den Augen noch ein wenig mehr zur Seite und knurrt: "Und das ist noch nicht alles. Calait und Colevar sind nicht die Einzigen, die es mit Prophezeiungen zu tun bekommen haben. Um nun etwas über diese Prophezeiungen herauszufinden, braucht man angeblich die Bücher der Prophezeiungen", der wölfische Zug um seinen Mund wird noch etwas breiter: "und rate mal, wo sich eines dieser Bücher angeblich befindet…" Es dauert keine drei Herzschläge, dann wird Nathans sowieso schon bleiches Gesicht weiß wie geronnene Milch und völlig fassungslos will er wissen: "Ne oder? Nicht DIE Bibliothek?!"

"Ajwa", schnalzt Rayyan trocken und plinkert so mitfühlend, wie ein drahtiger, Erdmagier mit wettergegerbtem Gesicht eben mitfühlend plinkern kann, bevor er dem ehemaligen Hexer zum dritten Mal auf die Schulter klopft: "Genau die. Wir brechen morgen auf und du, mein Freund, wirst uns hinbringen - oder der Protektorin des Larisgrüns, du weißt schon, diesem angeblich uralten, unheimlich mächtigen, goldäugigen Spitzohr von einer Hohepriesterin, höchstpersönlich sagen, dass du ihre einzige Möglichkeit das Durcheinander zu entwirren in die Luft gejagt hast."

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