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Raven

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1

Monday, June 18th 2012, 2:13pm

Der Sithechtempel

Dort, wo die Begräbnisstätten mit der Südmauer abschließen, erhebt sich aus dem Silbergras ein wuchtiger, nachtschwarzer Kubus von seltsam mattem Glanz - der Sithech Tempel Talyras. Er erscheint auf den ersten Blick kleiner und weniger imposant als die gewaltigen Bauten des Tempelviertels, auf den zweiten Blick jedoch offenbart sich dem aufmerksamen Betrachter seine ungewöhnliche Einzigartigkeit: die Mauern sind spiegelglatt, doch ihre Schwärze reflektiert kein Licht, scheint es aufzunehmen und zu trinken. Aufwendige, vollkommen symmetrisch veschlungene Muster laufen um den gesamten Tempel, deren Geometrie dem Betrachter fremd erscheint, so daß es schwer ist, ihnen wirklich zu folgen. In sie eingelassen sind hohe, schmale Fenster aus rauchgrauem, bleigefaßtem Glas. Rabenstatuen aus schwarzem Onyx und Achat breiten ihre Flügel um die spitzen Fensterbögen, so unglaublich kunstfertig gearbeitet, daß sie auf den ersten Blick lebendig wirken, im Flug erstarrt.
Breite, mitternachtsdunkle Stufen führen hinauf zu zwei hohen Torflügeln aus anthrazitgrauem Eisenholz. Ihre Beschläge sind aus Bronze und Eisen, den Metallen des Winters, und ihre Schnitzereien zeigen kleine, zarte Totenfalter und mächtige, klauenbewehrte Greife. Über dem Tor spreizt ein riesenhafter Rabe seine Flügel, gleichsam das halbe Mauerwerk überspannend, aus dem selben glatten und lichtschluckenden Stein wie der gesamte Tempel - nur seine Augen schimmern rot, als erfülle sie ein geheimnisvolles, inneres Feuer.
Im Inneren des Tempels herrscht immer Düsternis, denn die schmalen Fenster aus grauem Rauchglas lassen nur wenig Dämmerlicht herein - aber es ist eine warme Dunkelheit, die jeden willkommen zu heißen scheint, der die heiligen Hallen Sithechs betritt.

Zwei Säulenreihen aus Obsidian, Achat und schwarzem Marmor tragen das hohe Dachgewölbe, das sich völlig in der Finsternis verliert. Schwarze Seidenschleier mit zarten, silbrigen Fäden darin verhüllen die Wände hinter den Säulen und teilen die Schreine der Archonen vom Hauptraum des Tempels ab. Dutzend hohe, weiße Kerzen umkränzen in verschlungen geformten Bronzehaltern die Säulen, winden sich in spiralen an ihnen empor und werfen matten, warmen Schein in die Dunkelheit ringsum. Gegenüber des Eingangs erhebt sich hinter einem schlichten Altar, einem einzigen, schwarzen Basaltblock, die hohe Statue Sithechs selbst. Sie zeigt einen asketisch wirkenden Silberelben in rauchgrauem Umhang, das düstere und doch schöne Gesicht von einer Kapuze überschattet. Auf der linken Schulter des Götterbildes sitzt ein Rabe, dessen Augen den Besucher mit eigenartigem Glanz zu mustern scheinen und zu seinen Füßen sammelt sich stets feiner, grauer Nebel.
Hinter den Säulenreihen befinden sich die Schreine von Sithechs Archonen - Kenen, Gebieterin über Eis und Schnee, thront als alabasterweißes Marmorbildnis mit einem Kranz aus Eiskristallen im Haar schneeweiß und leuchtend inmitten der Dunkelheit, zu ihren Füßen ein liegender Irbis.

Das Bildnis Nurms wirkt fast unscheinbar, grau und gütig, doch auf dem kleinen Altar vor der Statue der Archonin liegen stets zahllose Blüten und brennen Dutzende von Lichtern - kleine Opfergaben der Trauernden, die auf ihren Beistand hoffen.
Kyroms Schrein hingegen ist der schwärzeste Ort des Tempels und obwohl nichts an der Dunkelheit hier beängstigend oder kalt wirkt - von der Statue des Purpurtods geht etwas Unheimliches aus. Purpurnes Feuer leckt in den leeren Augenhöhlen des geschnitzten Skeletts aus Ebenholz und hunderte von Totenfaltern flattern in seinem Schrein, das Wispern ihrer Flügel ein unablässiges Flüstern von unabwendbar Kommendem.
Das Bildnis Llaerons ist aus kostbarem Glas und zeigt einen androgynen Elben, dessen linke Hälfte hell und klar erscheint, dessen rechte aber dunkel, rauchig und undurchsichtig wirkt. Flankiert wird er von zwei sitzenden Greifen, die Räucherschalen in ihren Krallen halten. Zu ihm kommen vor allem Seher und Gelehrte, Sterndeuter, die die Zukunft zu ergründen suchen und andere, die etwas über ihr Schicksal erfahren wollen.
Der abgeschiedenste Schrein des Sithechtempels gehört Sarurnir, Herr über Wahnsinn und Krankheit und vor der Statue des Archonen, einem Kobold mit ungleichen Augen und einer goldenen Pestmaske über dem Gesicht quillt der Altar über vor Opfergaben - denn viele versuchen ihn milde zu stimmen oder sind mitleidig mit jenen, die er in seinem Griff hält.




Im Sithechtempel

Ygerne Silberlied
Für eine Menschenfrau ist die Hohepriesterin des Sithech außergewöhnlich groß gewachsen und überragt mit ihren knapp sechs Fuß Körperhöhe so manchen Mann. Sie mag weit über fünfzig Jahresläufe zählen, doch sie wirkt seltsam alterslos und ihre scharf geschnittenen Züge sind von jener reinen, strengen Hoheit, die ein edel geformtes Gesicht im Lauf der Zeit annimmt. Ihr glattes, meist streng nach hinten frisiertes Haar ist von hellem Braun, durchsetzt von silberschimmernden Strähnen, und ihre Augen sind von einem klaren, sehr dunklen Blau. Oft wirkt sie kühl und frostig, wie der Gott, dem sie dient, doch der Eindruck täuscht, und hinter der unergründlichen Fassade verbirgt sich eine zwar stille und besonnene, zugleich aber auch warmherzige und gütige Priesterin.

Khalkhis von Klingenfall
Der Scriptor und Archivar im Tempel des Sithech ist ein äußerst gebildeter Mann und ein Schriftgelehrter mit schier unermesslichem Wissensschatz. Der Immerfroster ist ein Mann des Wortes und beherrscht fließend die meisten Immerländischen Sprachen und unzählige Dialekte, ist bewandert in vielen Wissenschaften und der Historie des Landes. Sein Äußeres ist schlicht und bescheiden und lässt kaum vermuten, welch brillanter Geist sich in dieser unauffälligen Hülle verbirgt. Khalkis, der das sechzigste Lebensjahr schon längst vollendet hat, ist mittelgroß, von eher blasser Gesichtsfarbe, trägt stets schlichte Roben und sein eisgraues Haar recht kurzgeschnitten. Das ungewöhnlichste in seinem ansonsten gewöhnlichen Gesicht sind die Augen, die klar und rein in einem silbrigen Grau erstrahlen.

Skarmendes
Der Novizenmeister und hochgestellte Priester gilt bei seinen Schülern als strenger Lehrherr und wird von vielen wegen seiner oft herrischen Art gefürchtet. Ein gewisser Hochmut liegt in seinen aristokratischen Zügen mit den durchdringend blickenden stahlblauen Augen und der schmalen Nase, die entfernt an einen hakigen Vogelschnabel erinnert. Sein nachtschwarzes Haar, das er zu einem langen Zopf gebunden trägt, zeigt trotz seines fortrgeschrittenen Alters noch keinen Anflug von Grau, und nur die tiefen Furchen in seinem Gesicht und der bittere Zug um seinen schmallippigen Mund lassen auf die wahre Zahl seiner Jahre schließen.

Nechta Graulicht
Nechta, eine Priesterin des Sithech, ist die Oberste der Schweigenden Schwestern und zugleich die Herrin des Gräber. Ihr obliegt es zusammen mit den Grauen Frauen, wie sie auch genannt werden, sich um die Toten zu kümmern, Bestattungen vorzunehmen und die Heiligen Haine des Sithech zu hüten. Nechta Graulicht ist angesichts der schweren Aufgabe, die sie übernommen hat, mit ihren gut dreißig Lenzen noch recht jung an Jahren, und so mancher fragt sich, was eine hübsche, blühende Frau, wie sie eine ist, mehr zu den Toten als zu den Lebenden zieht. Sie ist eine stille Person, mittelgroß und von schlanker Gestalt, das schmale, schöne Gesicht mit den vollen Lippen und den haselnussbraunen Augen wird von einer glänzenden Flut dunklen Haares eingefasst, die sie jedoch stets in einem schmucklosen Zopf versteckt.

Krötenaug und Klageweh
Die beiden Totengräber und Friedhofsdiener sind so unterschiedlich, wie zwei Personen nur sein können. Krötenaug trägt seinen Namen zu recht, denn er hat tatsächlich Glubschaugen, die ihm ständig aus den Höhlen zu quellen drohen. Zudem ist er mit einem Aussehen und einem Gesicht gestraft, das wirklich nur eine Mutter lieben kann. Sein Gesicht ist eine Mischung aus Pfannkuchen und pockennarbiger Kraterlandschaft, eingerahmt von zottigem mausbraunem Haar, das mehr gehäckselt als geschnitten wirkt, und seine Ahnenreihe scheint ein wildes Sammelsurium aller möglichen Rassen zu sein. Groß und plump wie er ist, muss wohl auch ein Oger oder ein Narg eine Rolle gespielt haben, doch als Ausgleich für seine Hässlichkeit wurden ihm ein herzensgutes Wesen und vor allem Bärenkräfte in die Wiege gelegt. Klageweh, sein totengrabender Kollege, reicht ihm gerade mal bis zur Brust und ist auch sonst alles andere als athletisch gebaut. Er ist ein buckliges, kleines Männlein, mit fedrigem weißen Haar, das ständig in alle Richtungen absteht und ihm das Aussehen einer elektrisierten Pusteblume gibt. Mit Krötenaug verbindet ihn ein immerwährender Streit - der Friedhofsriese hält ihn für einen weinerlichen Jammerlappen, während Klageweh seinen überdimensionierten Kollegen einen hirnlosen, tumben Plumpsack schimpft. Doch beide sind sich trotz ihrer Dauerfehde in herzlicher Freundschaft zugetan und einer ist so gut wie nie ohne den anderen anzutreffen.

Brecca, Cruth, Fenora, Eisfalk, Nessel und Kupferkopf - einige Novizen des Tempels

Zoe

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Wednesday, July 4th 2012, 11:12am

Einen Siebentag nach dem Inarifest 512


Den Kopf auf die Hände aufgestützt sitzt Zoe auf dem Sims eines geöffneten Fensters und schaut nach draußen. Vögel zwitschern, Schmetterlinge kreisen durch die Luft und der Wind lässt die Blätter der Bäume im Sithechhain leise Rascheln, doch die junge Fee bekommt davon nichts mit. Stattdessen schaut sie verträumt mit einem glückseligen Ausdruck im Gesicht in die Ferne. Ihre zierlichen Füße baumeln in einem langsamen Rhythmus und ab und zu entfährt ihr ein leiser, aber trotzdem hörbarer Seufzer.
Neben ihr hat sich Rix, die schwarze Rabendame, niedergelassen. Mit schief gelegtem Kopf und äußerst interessiert beobachtet sie die Fee, um in einigen Abständen das Seufzen gekonnt zu imitieren. Doch das scheint Zoe nicht zu stören, stattdessen schließt sie ihre Augen und zaubert ein hinreißendes Lächeln, das selbst einen Stein erweichen würde, auf ihr Gesicht. Fast gleichzeitig wandert eine leichte Röte über ihre Wangen, die schließlich ihre Ohren erreicht und sie nachhaltig zum Glühen bringt. Ein Glühwürmchen wäre wohl sicherlich eifersüchtig auf die Strahlkraft der Feenohren.
Das geht jetzt schon seit Stunden so, doch Zoe selber kommt es so vor, als hätte sie sich gerade erst auf den Sims gesetzt und begonnen an Uio zu denken. Die Zeit ist so unwirklich und unbedeutend.
Uio…
Ein erneutes Seufzen, das Rix prompt mit einem Echo beantwortet.
Zum gefühlten tausendsten Mal an diesem Vormittag driften ihre Gedanken zu ihrem ersten Wiedersehen während des Inarifestes und dem ganz kurzen Treffen am Rande des Sitheches Hains vor ein paar Tagen. Uio hatte leider nicht viel Zeit und sie beide mussten sich viel zu schnell wieder trennen. Aber er hat sie in den Arm genommen und….
Zoes Wangen nehmen spontan die satte Farbe von Klatschmohn an.
Sie haben vereinbart, dass er versucht, so bald wie möglich Zoe wieder zu sehen. Er wird im Sithechhain auf sie warten und sie finden!

Aber hoffentlich erwischt sie Fenora nicht dabei. Der Gedanke an die liebe Novizin, macht Zoes sonst so vor Glück nur so überlaufendes Herz ein ganz klitzekleines bisschen schwerer. Die junge Fee ist völlig schleierhaft, warum Fenora sofort wusste, dass mit Zoe etwas nicht stimmt und besonders woher sie geahnt hat, dass ein Junge dahinter steckt. Drei Tage nach dem Inarifest hat die Novizin Zoe bei Seite genommen und wollte wissen, was mit ihr los sei und wie den der Hübsche heiße, der ihr das Herz gestohlen hat. Zoe ist natürlich vor Schreck ganz blass geworden und hat zu erst versucht alles abzustreiten. Aber Fenora hat gebohrt und gebohrt und schließlich hat die junge, verliebte Fee etwas von einem Keylan gestottert. Oh ja, es ist ihr so schwer gefallen, nicht die ganze Wahrheit über Uio zu erzählen - wer er ist, wo er wohnt, was er macht, wie er aussieht. Sie kann so was einfach nicht so gut, aber sie hat sich bemüht, nur ganz oberflächlich alle Fragen zu beantworten. Immerhin hat sie es Uio versprochen. Doch Fenora hat nicht locker gelassen…und was das schlimmste ist, sie hat gesagt, dass sie mit Kali darüber reden wird und das Zoe ihren“ Keylan“ doch mal mitbringen soll.
Wie soll das den gehen?
Plötzlich schaut Zoe nicht mehr glücklich, sondern ein trauriger Schatten legt sich über ihr Gesicht. Kali und Uio mögen sich überhaupt nicht. Uio lebt in der Unterstadt, Zoe in der Oberstadt, Uio ist ein großer und sie eine Fee….
Zoe seufzt, doch diesmal ist es ein schwerer Seufzer.
Die Fee legt einen Arm um Rix und zieht den verdutzen Raben an sich heran.
„Ach Rix….wenn sich Uio und Kali nur verstehen würden! Dann wäre alles einfacher…“
„Uio, Uio… böser Junge“, krächzt der schwarze Vogel lauthals.
„Psst….nicht so laut!“, ermahnt die Fee den Vogel und hält ihm rasch den Schnabel zu. Doch alleine die Erwähnung des Namens „Uio“ reicht, um ihr erneut ein strahlendes Lächeln auf die Lippen zu zaubern.
Zoe, die Fee die Jeden mag!

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Kali Maya

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3

Friday, July 6th 2012, 9:44pm

~ Circa ½ Siebentage nach dem Inarifest (512 d5Z) ~

Versonnen wendet Kali Maya den Brief, den ein Botenjunge ihr vor einer Weile zusammen mit einem kleinen Präsent überbracht hat, zwischen den Fingern hin und her. Das Schreiben enthält zum einen eine höfliche Entschuldigung von Njucon Aleris, zum anderen ein kleines, charmantes Gedicht aus wohlgesetzten Worten. Die Azadoura lächelt still in sich hinein. Der Buchmaler versteht es durchaus einer Frau zu schmeicheln. Ihr Blick wandert hinüber zu der silbernen Haarspange, die er ihr als Versicherung seiner Wertschätzung hat zukommen lassen, und die mit einem hübschen schwarz-weißem Stein besetzt ist. Kalis Blick wandert weiter zu dem dunkelroten Samt, in den das Schmuckstück eingeschlagen war und der nun offen auf dem Tisch in ihrer Kammer liegt und einen schönen Kontrast zum Silber der Haarspange bildet.

Die Azadoura legt den Brief beiseite und fragt sich, wie lange es wohl dauern wird, bis Njucon das Bildnis, das er ihr versprochen hat, fertiggestellt sein wird. Bei dem Gedanken an das Bild muss die Frau von der Rubinküste lächeln, ruft es doch unweigerlich die Erinnerung an jene süßen Stunden am Smaragdstrand während der Nacht des Inarifests wieder wach. Oh ja, sie das Liebesspiel unter dem sternenklaren Nachthimmel sehr genoßen. Seit Nathan fort ist und vermutlich eingekerkert im Rashan-Gefängnis auf Nirmonar seinem Ende entgegen geht, hat es lange niemanden mehr gegeben, der das Lager mit ihr geteilt hat und sie bereut nicht, was sie getan hat. Der Gedanke an Nathanael schmerzt noch immer auf sonderbare Weise und sie kann sich nicht erklären, weshalb sie den Hexer nicht längst vergessen hat, obwohl sie sich redlich bemüht.

Ihre Finger tasten ganz unbewusst nach der Kette um ihren Hals. Seit das Inarifest vergangen ist, hat sie sich angewöhnt, den Anhänger mit dem grünen Turmalin regelmäßig zu tragen, obschon er meist unter den Tuchen ihrer Novizengewänder verborgen ist. Zwar handelt es sich nicht, auch wenn sie dies vorzugeben versucht, um jenen Turmalin, welchen ihr Nathan aufgrund der Umstände gezwungenermaßen überlasssen hat, dennoch erinnert sie das Schmuckstück an ihn.
Ich solte meine Nachforschungen im Haus der Bücher wieder aufnehmen, überlegt sie nachdenklich. Ob Nathanael überhaupt klar war, was er da in Händen hielt? Wie oft schon hat sie sich diese Frage in den vergangenen Monden gestellt? Nur durch Zufall hat sich ihr im Mondschein das Geheimnis des grünen Steins enthüllt und sie bezweifelt sehr, dass der Hexer es jemals entdeckt hat. Aufgrund der Briefe, die er ebenfalls zurückgelassen hat, und aufgrund ihrer eigenen Nachvorschungen, ist sie sich mittlerweile sicher, dass der Turmalin irgendetwas mit jenen mysteriösen Malsebior zu tun hat, denen Nathan hinterhergejagt zu sein scheint, aber was, das entzieht sich ihrer Kenntnis. Ja, es mag schon sein, dass der Stein einen Teil seines Geheimnisses preisgegeben hat, doch das, was er ihr verraten hat, ist lediglich ein weiteres Rätsel – ein Rätsel, auf das es keine Antwort zu geben scheint.

Missmutig erhebt Kali Maya sich und streicht die Falten ihrer Gewänder glatt. Es ärgert sie, dass ihre Gedanken, ausgehend von der schönen Erinnerung an eine leidenschaftliche Liebesnacht, schließlich bei so düsteren Überlegungen angelangt sind.
Sie verbirgt die Kette wieder unter ihren Gewändern und greift anschließend spontan nach der silbernen Haarspange, die Njucon ihr geschickt hat, und steckt sie sich mit einer geschickten Bewegung gekonnt ins Haar. Wo steckt Zoe nur schon wieder?, denkt sie und eilt aus dem Zimmer. In den vergangenen Tagen hat sie das Feenmädchen kaum zu Gesicht bekommen. Allmählich kann die Azadoura sich nicht mehr völlig dem Gefühl verschließen, dass irgendetwas vor sich geht, von dem sie nichts weiß. Noch etwas, dass ihr Kopfzerbrechen bereitet. Unwirsch schüttelt sie den Kopf und begibt sich auf die Suche...
Das Böse lernt sich leicht, das Gute schwer. (Chin. Sprichwort)
She walks in beauty, like the night. (Lord Byron)

Kali Maya

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Tuesday, August 14th 2012, 8:46pm

~ Circa 2 Siebentage nach dem Inarifest (512 d5Z) ~

Fast zwei Wochen sind seit dem Inarifest vergangen, als ein zweiter Brief von Njucon Aleris im Sithechtempel für Kali Maya abgegeben wird. Auch dieses Schreiben enthält wieder ein kurzes Gedicht, außerdem eine Einladung zum Essen sowie die verlockende Ankündigung, dass das versprochene Gemälde endlich fertiggestellt sei. Die Azadoura kann die Begeisterung, die sie, ob dieser Neuigkeit wie ein leiser Schauer durchrieselt, nicht ganz unterdrücken.

Zwei Tage später ist es soweit. Nachdem Kali ihre Aufgaben wie üblich erfüllt und gegen Spätnachmittag auch erfolgreich beendet hat, begibt sie sich in ihre Kammer, um sich für den gemeinsamen Abend mit Njucon herauszuputzen. Da Zoe mal wieder irgendwo umherschwirrt, wo wissen vermutlich nur sie und die Zwölfgötter allein, lässt sie ihren Sohn Aruna in der Obhut von Fenora zurück. Die jüngere Mitnovizin ist längst Kalis engste Vertraute. Nur ihr ist es zudem zu verdanken, dass die Azadoura weiß, was mit der kleinen Fee los ist. “Sie ist verliebt”, hat Fenora Kali Maya eines stillen Abends im Tempel anvertraut. “Der Junge heißt Keylan, glaube ich.” Kali hatte stumm zugehört und einfach nur genickt. Nachdem Fenora ihr dieses kleine Geheimnis anvertraut hat, ergeben auf einmal ziemlich viele Dinge einen Sinn: Die häufiger werdenden Ausflüge des Feenmädchens, das Funkeln in ihren Augen, die Ungeduld, die sich dann und wann bemerkbar macht, wenn sie einmal doch für längere Zeit nicht aus dem Tempel fort kann...

...Kali Maya versteht die Fee und lässt sie gewähren. Sie gönnt ihr das kleine Glück. Irgendwann würde Zoe sich ihr schon von selbst anvertrauen. Dass das Feenmädchen dies bisher noch nicht getan hat, erfüllt die Azadoura aber auch zusehends mit einem gewissen mütterlichen Misstrauen diesem ominösen Keylan gegenüber. Sicher, die erste Liebe ist aufregend und man möchte sie gerne erst einmal genießen, bevor man sich seinen Eltern anvertraut. Andererseits, sollte man nicht so trunken vor Glück sein, dass man es am liebsten in die ganze Welt hinausposaunen würde? Warum also macht Zoe solch ein Geheimnis um diesen Keylan? Kali Maya kann sich tausend Gründe dafür zurechtlegen – und nicht einer schmeichelt dem unbekannten Jüngling auch nur ein kleines wenig. Ich werde wohl mit ihr reden müssen, stellt die Sithechnovizin fest und schlüpft aus ihrer Novizentracht. Aber erst morgen, entscheidet sie, ersteinmal würde sie jetzt den Abend mit Njucon genießen.

Die Frau von der Rubinküste kleidet sich in ein figurbetontes, mitternachtblaues Gewand mit silbernen Säumen und steckt ihr Haar gekonnt zu einer passenden Frisur auf, die sie mit der hübschen Haarspange feststeckt, welche sie von Njucon Aleris als Geschenk erhalten hat. Anschließend begutachtet sie die wenigen Schmuckstücke, die sie sonst noch so besitzt. Die Turmalinkette wird sie an diesem Abend nicht tragen, denn das Grün des Steins passt unglücklicherweise nicht zu dem dunklen Blau ihres Gewandes. Mit einem leisen Seufzer legt Kali die Kette in die Schatulle zurück, in der sie ihren Schmuck aufbewahrt. Stattdessen entscheidet sie sich schließlich für schlichte, silberne Ohrringe, deren Formen funkelnde Wassertropfen nachahmen, und legt eine eine zarte Silberkette, in der winzige Mondsteinsplitter glitzern, an.
Als die Azadoura sich endlich zurechtgemacht hat, streift sie sich noch rasch einen Umhang aus dunklem, leichtem Sommerstoff über und verlässt anschließend den Tempel, um in die Abenddämmerung hinauszutreten und im Hain des Tempels auf das Eintreffen der Kutsche zu warten, die der Buchmaler zu schicken versprochen hat. Der Brief hat nichts darüber verlauten lassen, wohin die Kutsche sie bringen wird und so ist Kali Maya mittlerweile angemessen neugierig. Njucon Aleris versteht es eine Frau zu umgarnen, soviel ist sicher. Und was noch viel wichtiger ist, er scheint das nötige Gold dafür zu besitzen. Wobei sich bei diesem Gedanken sogleich die Frage stellt, wie ein einfacher Buchmaler an besagtes Gold herangekommen ist?

Kali lächelt verschmitzt. Njucon Aleris ist also ein Mann mit Geheimnissen. Gut. Genau das macht schließlich ein gutes Abenteuer aus. Geheimnisse. Nun, zumindest würde sie sich nicht langweilen. Immer noch zufrieden lächelnd lässt sie sich von dem Fahrer der eingetroffenen Kutsche ins Innere des Gefährts helfen. Während der Mann auf den Kustschbock zurückkehrt, macht es sich die Frau von der Rubinküste bequem. Sie schlägt die Beine leicht übereinander und lässt sich die abendliche Brise um die Nase wehen, während die Kutsche allmählich Fahrt aufnimmt und zügig durch die Straßen der Stadt davonfährt. Ah, wenn sie sich nicht allzu sehr täuscht, dann sind sie in Richtung Nordwesten unterwegs – zum Mühlen- oder zum Westviertel vielleicht?

Die heißen Quellen im Larisgrün »
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Zoe

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Wednesday, August 22nd 2012, 9:12am

Glücklich grinsend sitzt die Fee zusammen mit ihrem Lieblings-Kleinen-Großen Aruna auf den Stufen, die zum Tempel führen. Gemeinsam warten sie auf Kali Maya, die noch im Auftrag des Tempels in der Stadt unterwegs ist. Zoes kleine Beine baumeln wild hin und hier, genauso wie die von Aruna und wenn die junge Fee in die Hände klatscht, tut es ihr Kali Mayas Sohn mit einer Begeisterung gleich, die nur Kleinen-Großen zu Eigen ist.
Wenn Zoe so zurück denkt, ist der heutige Tag ein guter gewesen. Den ganzen Vormittag hat sie mit ihrer Feenfreundin Irisblüte verbracht. Zuerst hieß es ein paar Besorgungen in den Tausendwinkelgassen erledigen, um dann gemeinsam an Zoes ersten eigenen Schuh zu arbeiten. Ja, ihr hört richtig! Die junge Fee ist einen Fingerbreit vor Stolz gewachsen, als ihr Irisblüte mitteilte, dass sie sich ihre Hilfe bei einem neuen Schuhprojekt gut vorstellen könne. Zoe hat selber eine kleine Leiste aus Kork für eine Sandale anfertigen dürfen und hat für ihre Arbeit ein überschwängliches Lob von ihrer Freundin kassiert. Morgen, ja da wird sie daran weiterarbeiten und wer weiß, vielleicht wird aus ihr ja eine ebenso große Schuhkünstlerin wie aus Irisblüte.
Doch das ist erst morgen. Heute ist heute und der Tag, auch wenn er langsam zu neige geht, hält bestimmt noch ein paar schöne Dinge bereit. Da ist sich Zoe sicher!

Versonnen blickt die junge Fee in den Himmel und wie immer, wenn ihre Gedanken ein klitzekleines bisschen treiben lässt, taucht wie ein Wunder Uio in ihrem Kopf auf. Ein breites, seliges Lächeln macht sich auf ihrem Gesicht breit. In ihrer Vorstellung schenkt er ihr sein typisches, freches Grinsen und hält ihr seine Hand hin und sie greift nach seinen Fingern, die sich ganz rau anfühlen. Aber Zoe mag das! Und wie sie das mag! Allein die Vorstellung seiner Hand reicht, um Zoes Gesicht die Farbe einer reifen Tomate annehmen zu lassen. Aber zurück zu Uio. Er steht also da und reicht ihr die Hand. Dann zieht er sie hoch und sagt ihr, dass sie wunder-, wunder-, wunder schön ist, beugt sich zu ihr herunter und…..
Aach….
Zoe seufzt ein bisschen. Ihre Finger fahren über den dicken blauen Fleck an ihrem Hals. Er tut ein bisschen weh, aber nicht schlimm. Uio kann aber auch küssen! Wenn er sein Gesicht an ihrem Hals vergräbt und sie dort küsst, dann hat sie das Gefühl urplötzlich würde die Welt stehen bleiben und ihr Herz schlägt so schnell, dass sie fast Angst davon bekommt. Das letzte Mal war Uio selber aufgeregt, dass hatte zur Folge, dass er plötzlich ein Stück ihres Kleides angekokelt hat. Naja, der Brandfleck ist zum Glück kaum zu sehen, er ist hinten an der Hüfte. Dafür hat ihr linker Flügel ganz schön was abbekommen. Der tut noch doll weh, wenn sie ihn bewegt, besonders beim Fliegen, aber das wird schon wieder. Zoe mag da eigentlich gar nicht weiter darüber nachdenken. Viel lieber denkt sie an ihr nächstes Treffen und….

„Da…da“ Aruna reißt die Fee ruckartig aus ihren Tagträumen. Mit ausgestrecktem Finger deutet er auf eine Person, die den Weg zum Tempel entlang geht. Sie trägt die typischen Gewänder der Novizen des Sithechtempels, hat bleiche, fast weiße Haut und die nachtschwarzen Augen, die Aruna ebenfalls auszeichnen.
Zoe muss mehrmals kurz ihren Kopf schütteln, um Uios Bild aus ihren Gedanken zu vertreiben. Doch dann sieht auch sie, wer sich da den Weg entlang bahnt. „Wenn das nicht deine Mutter ist!“, lacht Zoe. „Los, wer als erstes Kali erreicht.“
Ein Wettrennen! So was lässt sich Aruna nicht zweimal sagen. Gemeinsam stürmen die zwei Freunde auf die Sithechnovizin los und während der eine, kaum dass sie die lang erwartete Peron erreichen, überglücklich an ihrem Rock zieht, flattert die andere fröhlich vor ihrer Nase herum. Gleichzeitig bricht ein Konzert aus disharmonischem Geschnatter los, das auf Kali wie ein Gewitterregen einbricht. Doch das ist nichts Neues, schließlich gehört das Erzählen des täglich Erlebtem zu den gemeinsamen Abendritualen der kleinen Familie.
Während sie also gemeinsam den Tempel betreten und sich in Richtung der Novizengemächer aufmachen, fängt Aruna in gebrochener Kindersprache die Geschichte von einem Ball und dem gemeinsamen Spiel mit Zoe zu erzählen. Seine Ausführungen werden immer wieder von einem bestätigenden Nicken oder einem „Ja, genau so wars!“ von Zoe ausgeschmückt. Die Fee hat sich unterdessen auf der Schulter von Kali bequem gemacht und geschmiegt sich ein bisschen an ihren glatten, warmen Hals.
Kaum hat Aruna seine Geschichte beendet, ist Zoe dran. Mit schief gelegtem Kopf und mit ausschweifender Gestik berichtet sie von ihren Erlebnissen im Wald und in der Schusterei. Sie mag das, dieses Erzählen und es ist so schön, dass sie heute wirklich alles erzählen kann, was sie getan und erlebt hat. Es tut ihr nämlich immer so leid, wenn sie Uio, ähm, nein Keylan getroffen hat und dann Kali aber nichts davon sagen kann. Dabei würde sie doch so gerne. Ja, ja… sie weiß ja, Uio und Kali mögen sich nicht und Uio wird in der Stadt gesucht, deshalb darf keiner von ihren Treffen wissen. Trotzdem ist es schade!
Umso schöner, dass sie heute so viel erzählen kann! Glücklich drückt sie Kali einen zarten Feenschmatzer auf die Wange!
„Und was hast du heute so erlebt?“, fragt sie neugierig.
Zoe, die Fee die Jeden mag!

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Kali Maya

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Tuesday, August 28th 2012, 5:42pm

~ Wenige Tage nach dem Abendessen mit Njucon ~
Spätnachmittags

In der Stadt ist es ausgesprochen voll gewesen. Kali hat keine Ahnung weshalb so viele Leute ausgerechnet an diesem Tag unterwegs gewesen sind, um ihre Besorgungen zu machen, als ob sie sich gegen sie verschworren hätten. Überall hat die Azadoura warten müssen. Erst bei einem Tuchhändler in den Tausendwinkelgassen, dann in der Schusterei von Meister Saemish und in der Töpferrei Lembrandt am Markt, ja sogar bei Idiya Morgant, der Buchbinderin, hatte sie einige Augenblicke warten müssen, bevor die Elbin für sie Zeit gefunden hatte. Kali Maya streicht sich ein paar wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht und geht langsam den Hauptweg durch den Hain zum Sithechtempel entlang, als mit einem Mal Aruna und Zoe auf sie zugerannt kommen und sie stürmisch in Empfang nehmen. Kali seufzt innerlich. Nach einem Tag wie diesem kostet sie das sich täglich wiederholende Ritual einiges an Kraft und vor allem Nerven. Ihre Füße sind schwer, sie hat Hunger und ihr Kopf schmerzt fürchterlich, was gäbe sie jetzt für ein paar Minuten der Ruhe und Stille... aber es soll nicht sein. Aruna und Zoe reden unentwegt auf sie ein und die Azadoura muss sich ziemlich anstrengen, dem munteren Geschnatter zu folgen.

Gemeinsam macht sich das ungleiche Trio auf den Weg in den Tempel und auch Rix gesellt sich zu ihnen, bevor sie im tempelinneren verschwinden und sich in den Teil des Tempels begeben, wo die Räume der Novizen untergebracht sind. Aruna erzählt begeistert von seinem gemeinsamen Spiel mit Zoe und Kali kann nicht umhin stolz zur Kenntnis zu nehmen, wie sehr sich der Wortschatz ihres kleinen Jungen verbessert hat und wie gut es ihm schon gelingt größere Zusammenhänge darzustellen. Zärtlich zerzaust die Azadoura dem Jungen den dunklen Haarschopf.
Dann beginnt Zoe zu berichten. Die Fee hat es sich auf Kalis Schulter bequem gemacht und erzählt ausführlich von ihrem Tag in der Schusterei und den Erlebnissen im Wald. Geduldig hört Kali Maya zu, auch wenn der immer stärker werdene Kopfschmerz sehr an ihrer Konzentration zerrt. Trotzdem wartet sie schweigend bis Zoe ihren Bericht beendet hat, wobei sie dann und wann anerkennend oder zustimmend nickt, wenn es angebracht erscheint.

»Und was hast du heute so erlebt?«, fragt das Feenmädchen schließlich, flattert von Kalis Schulter und sieht die Azadoura fragend an, während sie vor deren Gesicht auf und ab schwebt. Die Frau von der Rubinküste überlegt. “Nichts besonderes”, entgegnet sie schließlich wortkarg, fügt dann aber doch nach einer kurzen Pause einen knappen Bericht von ihrem Tag in der Stadt hinzu und erzählt, wo sie überall gewesen ist, während sie Aruna und Zoe in ihre Kammer führt und die Tür hinter sich schließt. “Ich mache mich nur schnell ein wenig frisch”, erklärt die Azadoura, “dann können wir eine Kleinigkeit Essen gehen.” Sie tritt an ihre Waschschüssel heran und gießt ein wenig kaltes Wasser aus einem Krug in die Schale, um sich das Gesicht zu waschen. Das tut gut. Kali seufzt leise. Der Kopfschmerz pocht immer noch hinter ihren Schläfen, aber immerhin fühlt sie sich nun ein wenig besser. Sie wendet sich wieder zu Zoe und Aruna um und will die beiden schon auffordern ihr in die Küche zu folgen, als ihr ganz unerwartet etwas auffällt. Die Azadoura runzelt die Stirn und tritt näher an Zoe heran, um die kleine Fee etwas genauer in Augenschein nehmen zu können. “Was ist das?”, verlangt Kali zu wissen und deutet dabei auf den hässlichen, blauschillernden Fleck an Zoes Hals. Der blaue Fleck muss schon ein oder zwei Tage alt sein, die Farbe ist kräftig und gut zu sehen. Dann hat Fenora also Recht!, stellt Kali fest, denn sie kann sich ziemlich gut vorstellen, woher der Fleck herrührt – sie ist schließlich selbst einmal jung und unerfahren gewesen...
Das Böse lernt sich leicht, das Gute schwer. (Chin. Sprichwort)
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Zoe

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7

Wednesday, August 29th 2012, 8:50am

Gemeinsam begibt sich die kleine Familie, denn genau das sieht Zoe in Kali Maya, Aruna, Rix und dem Äffchen, in Richtung ihrer Kammer im inneren des Sithechtempels. Während sich Zoe mit einer großen Portion Glückseligkeit im kleinen Herzen auf die gemeinsamen Abendstunden mit Kali und Aruna freut, bekommt sie von den Kopfschmerzen ihrer Ziehmutter nichts mit. Daran ist ihre nur begrenzt funktionierende Empathie bei Großen Schuld. Natürlich hat sie im Laufe der Jahre viel über Große gelernt, aber so richtig gut ist sie immer noch nicht darin geworden, ihre Gefühle richtig zu deuten. Leider, denn ansonsten hätte die junge Fee natürlich Rücksicht auf Kali genommen und sich mit Aruna zurückgezogen, damit ihre Ziehmutter sich ein bisschen Ausruhen und Entspannen kann. Aber da sie davon nichts mitbekommt und Kali öfters mal wortkarg und ein bisschen brummig ist, macht sich Zoe auch keine Gedanken darüber. Stattdessen erfüllt ihr glockengleiches Lachen die kleine Kammer, während Aruna freche Fratzen schneidet, um seine Feenfreundin zum Kichern zu bringen und Kali sich an einer Waschschüssel frischt macht.
Lächelnd fliegt Zoe auf und ab. Ihre kleine, aus ihrer Sicht völlig unbedeutende und auch gar nicht mehr so stark weh tuende Verletzung am Flügel ist ganz vergessen!

Erst Kalis musternder Blick und das trockene: „Was ist das?“, reißen Zoe aus ihrem Spiel. Lächelnd legt sie den Kopf schief und will gerade nachfragen, was denn ihre Ziehmutter meint, da sieht sie schon einen von Kalis langen Fingernägeln in die Richtung ihres Halses wandern und, jetzt muss die junge Fee kurz schlucken, vor dem dicken, blauen Fleck kurz über ihrem Halsansatz halt machen.
Wie an die Wandgenagelt bleibt Zoe in der Luft hängen, ihre blauen Flügel bewegen sich hektisch hin und her und ihre zierliche Hand gleitet gegen ihren Willen zu dem schimmernden Bluterguss an ihrem Hals. Fast gleichzeitig fällt ihr Uio ein - ihr Uio, wie er sich zu ihr herunterbeugt und ihr den Hals küsst. Schlagartig wird Zoe rot. Eine Röte, die in der Mitte ihrer hohen Wangenknochen beginnt, sich dann in ihrem hübschen Gesicht nach oben und nach unten ausweitet, um dann als Krönung ihre spitzen Ohren zum leuchten bringt.
Was soll Zoe Kali nur darauf sagen? Sie hat doch Uio, äh nein Keylan, versprochen niemanden, besonders Kali nichts von ihm zu erzählen!
Zoe senkt den Kopf in der Hoffnung, dass Novizin so nicht sehen kann, wie sehr sie sich dafür schämt, dass sie ein Geheimnis hat. Etwas vor Kali zu verheimlichen ist wirklich schlimm für sie! Bisher hat sie es auch nur ausgehalten, weil sie einfach versucht, hat nicht darüber nachzudenken. Doch das scheint jetzt endgültig vorbei zu sein. Ganz ehrlich, der Gedanke macht der jungen Fee ziemlich Angst!

Mit einem verzweifelten: „Das…äh …das ist nichts“, versucht Zoe ihre Ziehmutter von dem Fleck an ihrem Hals abzulenken, doch ohne Erfolg. Kein Wunder, in so was ist sie auch richtig schlecht. Kalis Augenbrauen wandern für einen kurzem Moment nach oben und Zoe fühlt sich urplötzlich noch kleiner, als sie sich als Fee gegenüber Großen sowieso schon fühlt.
Nichts? Zoe, ich bin nicht blind. Das ist ganz eindeutig ein blauer Fleck, der von einem ziemlich langen und intensiven Kuss herrührt.“
Die Stimme der Sithechnovizin klingt ruhig und kein bisschen wütend, dennoch kommt sich Zoe vor, als würde sie gerade auf einer riesigen Anklagebank sitzen und tausend zu Schlitzen gekniffene Augenpaare sie kritisch mustern.
Vor Schreck reißt die junge Fee den Mund. Sie weiß es! Sie weiß es!, durchzuckt es hektisch ihre Gedanken. Gleichzeitig fühlt sich Zoe so wahnsinnig schuldig, weil sie vor ihrer Ziehmutter ihr Glück mit ihrem Lieblings-Goßen Uio geheim gehalten hat, statt es mit ihr zu teilen, wie sich das in einer guten Familie gehört.
„Ich…ich…“, doch ihren angebrochenen Satz bringt Zoe nicht zu Ende. Ein dicker Kloß sitzt ihr im Hals und sie weiß einfach nicht, was sie ihrer Ziehmutter sagen soll. Irgendwo tief in ihr hört sie Uios verschwörerische Stimme ihr leise ins Ohr flüstern: “Sag ihr einfach du hast dich gestoßen! Na los, die bleiche Made glaubt dir eh alles!“ Doch Zoe ist nicht Uio. Sie kann nicht schummeln und lügen, besonders nicht bei Kali, die sie doch aus ganzen Herzen liebt.
„Ja? Weiter?“
„Ich…weiß nicht…“, druckst das Feenmädchen nervös herum.
„Zoe!“ Kalis Stimme wird ein kleines Quäntchen ungeduldiger und schärfer. Das reicht schon, um die junge Fee völlig aus dem Konzept zu bringen. Zoe kann gar nichts dagegen tun, erste Tränen sammeln sich in ihren Augen und rollen über ihre roten Wangen und echte Verzweiflung steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Ich …und Keylan, wir…wir….haben uns auf dem Inari-fest getroffen und…“, Zoe zieht ihre Nase hoch, „...und ich mag ihn!“
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8

Wednesday, September 5th 2012, 4:39pm

„Na, schon gut“, versucht Kali Maya Zoe zu beruhigen, als der Fee die ersten Tränen in die Augen steigen. Es war sicherlich nicht ihre Absicht das Mädchen zum weinen zu bringen, sie vergisst nur einfach immer wieder, wie sensibel und empfindsam die Fee häufig reagiert. Keylan, denkt sie. Also hat Fenora den Namen richtig in Erinnerung behalten. Die Azadoura runzelt nachdenklich die Stirn. Sie haben sich auf dem Inari-Fest kennengelernt, so sooo... Sie seufzt. Und sie mögen sich! Was für eine Überraschung. Der Sarkasmus schleicht sich selbst in ihre Gedanken ein. Langsam schüttelt sie den Kopf. Sehr viel weiter bringt sie das alles leider auch nicht. Die Azadoura bemüht sich daher um ein wenig mehr Geduld und wartet bis sich das Feenmädchen wieder etwas beruhigt hat, bevor sie weitere Fragen stellt.

„Wie alt ist dieser Keylan denn? Ist er eine Fee wie du?“, hakt Kali schließlich nach. „Wo wohnt er? Wie heißen seine Eltern? Arbeitet er?“ Gewöhnliche Fragen, die vermutlich jede um ihre Tochter besorgte Mutter früher oder später stellen dürfte, schließlich wüssten alle Eltern gerne mit wem ihre Tochter sich die Zeit vertreibt und ob sie sich in guter Gesellschaft befindet oder ob es ratsamer ist, sie – am besten bis ins hohe Alter – wegzuschließen, damit ihr niemand das zarte Herzchen brechen kann. Kali Maya liegen allerdings noch mehr Fragen auf der Zunge. „Wo trefft ihr Euch denn für gewöhnlich?“, fragt sie scheinbar beiläufig und sieht Zoe eindringlich an. „Vielleicht magst du deinen Keylan ja Aruna, Fenora und mir einmal vorstellen. Na, wie wäre das?“ Taktisch geschickt und bemüht diplomatisch bindet die Azadoura ihren Sohn und die junge Sithechnovizin mit in die Unterhaltung ein. Und was ist auch schlimmes dabei? Kali Maya ahnt ja schließlich nicht, zumindest noch nicht, dass Zoes Keylan eigentlich Uio heißt und auf der Straße- und in der Unterstadt lebt, wo er sich mit kleinen Diebstählen und wer weiß was noch über Wasser hält, weil er von den Männern der Steinfaust gesucht wird, da er magisches Talent besitzt, welches er nicht unter Kontrolle hat...

Völlig ohne bösen Hintergedanken schlägt die Azadoura daher vor, dass Zoe ihrem Freund ja einmal den Tempel zeigen könnte. „Aruna würde sich sicherlich freuen, wenn Ihr mit ihm spielen würdet“, ergänzt sie und hat damit sicherlich Recht. Der kleine Azadoura-Junge freut sich immer, wenn er mit anderen spielen kann, zumal es im Sithechtempel keine anderen Kinder gibt und er daher selten genug die Gelegenheit hat, einmal mit jemand anderem als Fenora, Zoe und Rix herumzutollen. Gleichaltrige Freunde wären natürlich noch besser..., überlegt Kali und blickt bei diesem Gedanken ein wenig schuldbewusst zu ihrem Sohn hinüber, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder ganz auf Zoe richtet.
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9

Tuesday, September 11th 2012, 9:16am

Langsam beruhigt sich Zoe. Der Strom an Tränen versiegt, doch das kleine Geschöpf sieht immer noch todunglücklich aus. Ihr Kopf hängt nach unten und ihre langen Ohren leuchten in einem dunklen tomatenrot, während sie still den Fragen ihrer Ziehmutter lauscht.
Wie soll ich all das nur beantworten, ohne Uio zu verraten?
Ihr Herz zieht sich bei dem Gedanken, ihren Lieblings-Großen zu enttäuschen, zu einem schmerzvollen Knäuel in ihrer Brust zusammen. Gequält beißt sich die junge Fee auf ihre Lippen und lässt sich ein bisschen unbeholfen auf dem schmalen Tisch in der Kammer nieder. Dort sitzt sie an der Tischkante, ihre Beine hängen schlapp in der Luft und entgegen ihrer sonst so typischen Art baumeln sie nicht wild und fröhlich hin und her.
Kali Maya kann sie nicht in die Augen schauen, als mit ziemlich leiser Stimme zu ihren ersten Antworten ansetzt: „Kelyan ist…“, doch bevor sie ihren Satz zu Ende bringen kann, bleiben ihr die Worte im Hals stecken. Zum ersten Mal fällt ihr auf, dass sie überhaupt nicht Uios Alter kennt. Es hat nie eine Rolle gespielt, weder für ihn, noch für sie. Unsicher spielt Zoe mit ihren zierlichen Fingern. „Ich weiß nicht wie alt Keylan ist, aber er…er ist ein Großer. Eine Eltern kenne ich nicht und…“
Zoe verstummt. Wenn sie so darüber nachdenkt, dann weiß sie wirklich nur wenig über Uio. Auf jeden Fall nichts über seine Vergangenheit und auch nur ganz wenig über seine Gegenwart. Er redet nur ungern darüber und Zoe hat ihn nie bedrängen wollen.
„Wir treffen uns manchmal in der Stadt, auf den Dächern in der Tausendwinkelgasse oder in der Nähe vom Hain. Ich…ähm…ja, und wo er genau wohnt und was er arbeitet, kann ich gar nicht sagen…“ ihre Stimme wird immer leiser und dünner. Zoe weiß ganz genau, wie dumm und fadenscheinig sich ihre Erklärungen in Kalis Ohren anhören müssen.

Sie schluckt einen dicken Batzen Speichel ihre staubtrockene Kehle herunter, während sie verzweifelt versucht, dem festen Blick ihrer Ziehmutter stand zu halten. Doch der Druck auf ihren schmalen Feenschultern wird immer größer und größer. Natürlich wäre es wunderschön, wenn sie Uio in den Tempel mitnehmen könnte und um nichts Lieberes in der Welt würde sie mit ihm Hand in Hand durch den Hain laufen und ihren Lieblings-Großen Fenora vorstellen. Ja und sie würde gerne gemeinsam mit ihm so wie früher mit Aruna spielen und einen fröhlichen und sorgenfreien Nachmittag verbringen. Das wäre so wunderschön. Doch die Realität sieht anders aus…ganz anders! Je länger sie Kalis Fragen ausgesetzt ist, desto schwerer fällt es ihr, die Lüge um ihren geheimnisvollen Freund aufrecht zu halten. Niemand, der nicht selbst ein höchst aufrechtes und sensibles Wesen wie Zoe ist, kann sich vorstellen, was für eine schreckliche Last es sein kann, diejenigen die du liebst, nicht die volle Wahrheit sagen zu können und gleichzeitig verzweifelt zu versuchen, ein Versprechen, das aus Liebe gegeben wurde, nicht zu brechen.
„Ich kann…ich kann ihn nicht mitbringen…weil…“
Stille
Plötzlich springt die Fee auf und mit einem leisen Plöpp verwandelt sie sich in ihr größeres Konterfei. Ja, Zoe ist die letzten Zwölfmonde ziemlich gewachsen, auch wenn sie in ihrer Großengröße im Vergleich zu hoch gewachsenen Wesen klein, zierlich und fast zerbrechlich wirkt. Fast ungestüm umarmt die junge Fee ihre Ziehmutter und drückt ihr Gesicht an ihre Schulter.
Und da sind sie wieder die Tränen, die sich fast wie von selbst ihren Weg über ihre Wangen bahnen.
„…weil ich mich mit Uio treffe. Uio ist Kelyan. Und Uio ist derjenige, den ich lieb habe.“
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10

Tuesday, September 18th 2012, 4:40pm

Einen Moment lang steht Kali Maya einfach nur regungslos da und starrt Zoe fassungslos an. “Uio?”, echot sie schließlich bedenklich leise. “Uio?!” Ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. “Was sagst du da, Zoe? Du triffst dich heimlich mit Uio?!” Mit jedem weiteren Wort wird ihre Stimme lauter. “Uio wird gesucht, Zoe! Von der Steinfaust, das weißt du!” Die Wut, die in ihr brodelt, ist nicht mehr zu überhören. “Er ist gefährlich!” Die Azadoura fasst das Feenmädchen an den Schultern und schiebt es leicht von sich, um Zoe direkt in die Augen sehen zu können. Sie sieht die Tränen der kleinen Fee, aber sie sieht auch noch etwas anderes. Erstmals fällt ihr Blick auf Zoes Flügel – und Kali entdeckt die Brandverletzung sofort. Eine neue Welle heißer Wut steigt in ihr auf. “Was ist mit deinem Flügel, Zoe?”, fragt sie, ohne tatsächlich eine Antwort zu erwarten, denn die kennt sie sowieso schon. Entschlossen löst sich die Azadoura aus der Umarmung der Fee und sieht sie direkt an. Ihre Stimme ist vollkommen ruhig, als sie erklärt: “Du wirst Uio nicht wiedersehen, hörst du? Nie wieder, haben wir uns verstanden?!” Ungeduldig wartet die Azadoura auf Zoes Reaktion. “Du hast zwei Siebentage lang Hausarrest”, verkündet sie schließlich. “Du darfst weiter in der Schusterei helfen, aber ich möchte, dass du auf direktem Weg dorthin gehst und wieder hierher zurückkehrst. Wenn es sein muss, werde ich dich begleiten!” Kalis Stimme duldet keinen Wiederspruch. Die angeschlagene Härte tut ihr bereits leid, aber sie lässt sich davon nicht von ihrem Entschluss abbringen.

Kali Maya weiß, was man ihr in der Steinfaust über Uio erzählt hat und was Nathan ihr in einem schwachen Moment in seiner Kerkerzelle gebeichtet hat. Der Junge ist gefährlich. De Azadoura wird nicht in die Steinfaust rennen, um den Blaumänteln brühwarm zu berichten, was Zoe ihr gestanden hat. Die Information würde den Männern vermutlich ohnehin nicht groß weiterhelfen, denn im Grunde weiß die Fee schließlich nichts, was zur Ergreifung des starrköpfigen Hexerjungen führen könnte. Kali Maya wird allerdings auch nicht zulassen, dass Uio Zoe weiterhin in Gefahr bringt. Und das er eine Gefahr für das Feenmädchen ist, beweist die Verletzung an Zoes Flügel in Kalis Augen nur allzu deutlich, auch wenn Zoe und vor allem Uio das vermutlich ganz anders sehen...

Nathan war eindeutig zu nachsichtig mit dem Bengel, denkt die Azadoura bitter. Und wohin hat es geführt? Nathan ins Magiergefängnis! Uio in die Unterstadt! Zoe, Aruna und mich in den Sithechtempel! Zornig ballt Kali eine Hand zur Faust. Mit einem Mal vermisst sie Agutrot mit seinen geheimnisvollen, düsteren Hallen und rauen, erbarmungslosen Sitten, Gebräuchen und Traditionen. Täten die Töchter der Sieben Grotten das Urteil über Uio sprechen, ihre Entscheidung wäre eindeutig. Einen Hexer der sich nachweislich nicht unter Kontrolle hat und der eine Ausbildung zum Magier oder Zauberer verweigert, erwartet nur eines: Der Tod! Keine Handeln, kein Feilschen, keine Gnade. Eine Bedrohung der Gemeinschaft muss vernichtet werden – mit Stumpf und Stiel! In den Augen anderer mag dies grausam erscheinen, aber ein Volk, so zahlenmäßig klein wie dass der Azadoura, kann sich keine Nachsicht erlauben. Das schwerste Urteil, das die Töchter der Sieben Grotten für gewöhnlich fällen, ist Verbannung. Jeder Azadoura der stirbt, ist ein Azadoura weniger, der zum Erhalt seines Volkes betragen kann. Aber es gibt auch Ausnahmen. Zum Beispiel Hexer. Jene, die sich nicht unter Kontrolle haben und somit eine Gefahr für ihre Umgebung darstellen, müssen sterben, bevor sie zu Gebrannten werden. So und nicht anders hat man es Kali ihr Leben lang gelehrt.

Die Azadoura sieht den Schmerz in Zoes Augen, aber sie lässt sich davon nicht beirren. “Versprich es mir!”, fordert sie ruhig, aber unnachgiebig. “Du wirst Uio nicht mehr wiedersehen!” Ihr schwarzer Blick durchbohrt die Fee förmlich. Dabei meint Kali Maya es nicht einmal böse. Ihrer Auffassung nach hat sie nur Zoes Wohl im Sinn. Ginge es um Aruna oder ihre Tochter Usha, sie würde kein bisschen anders handeln. Die Härte und Gefühlskälte der Azadoura liegt ihr nach wie vor im Blut und lässt sich nur schwer ablegen. Skarmendes, der Novizenmeister des Tempels, hat es einmal so erklärt: “Du bist so hart und unerbittlich wie Sithech selbst, Kali, doch fehlt dir seine Weisheit! Deshalb bin ich hier... um dich Weisheit zu lehren.”
Aruna, dem die plötzlich entstandene aufgeladene Stimmung nicht entgangen ist, beginnt zu weinen. Ohne den Blick von Zoe zu wenden, nimmt Kali Maya den Jungen auf den Arm. “Ich warte”, erklärt die Azadoura lesie an das Feenmädchen gewandt, während sie ihrem Sohn beschwichtigend über den Hinterkopf streicht. “Wir verlassen diese Kammer erst, wenn ich eine Antwort erhalten haben.”
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Zoe

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11

Thursday, September 20th 2012, 2:35pm

Zoe weiß gar nicht was sie sagen soll. Die deutlichen Worte ihrer „Ziehmutter“, klingen in ihren sensiblen Feenohren noch viel strenger und entrüsteter, als sie eigentlich den Mund von Kali Maya verlassen. Natürlich war es falsch Kali und Fenora nichts von Uio zu erzählen, das ist der jungen Fee schmerzlich bewusst. Aber sie hatte einfach keine andere Wahl. Uio hat sie gebeten, zu niemandem etwas zu sagen, sie musste es ihm sogar versprechen und Zoe, auch wenn sie Uios Vorsicht damals noch für übertrieben gehalten hat, versteht plötzlich was ihr bester Freund gemeint hat.
Unglücklich wandert das Kinn des Feenmädchens an ihre Brust. So muss sie ihrer Ziehmutter wenigstens nicht in die Augen schauen, während diese ihr kurz und knapp und mit einer eindeutigen Vehemenz, die keine Widerworte zulässt, klar macht, dass sie Uio nicht mehr Wiedersehen wird und Hausarrest hat.
Bei den Worten “du wirst Uio nicht wieder sehen“, zuckt Zoe zusammen, denn es fühlt sich fast so an, als würde jemand ihr rasendes Herz in die Hand nehmen und plötzlich ganz fest und schmerzhaft zudrücken. Der Schmerz lässt sogar die angekündigte Bestrafung als unbedeutend verblassen. Zoe spürt wie weitere Tränen über ihre Wangen rollen. Tropfen für Tropfen platschen sie in einem langsamen, unregelmäßigen Rhythmus auf den Boden der Kammer. Doch das Feenmädchen fühlt sich zu benommen, um sie sich aus dem Gesicht zu wischen.
»Versprich es mir! Du wirst Uio nicht mehr wiedersehen!«, fordert Kali die Fee auf. Nachdem Zoe nicht sofort antwortet, fügt nach einer Weile an: »Ich warte. Wir verlassen diese Kammer erst, wenn ich eine Antwort erhalten haben.« Kalis Stimme hat etwas an Schärfe verloren, trotzdem bleibt kein Zweifel, dass ihre Ziehmutter eine eindeutige Antwort von ihr verlangt.

Stille macht sich in der kleinen Kammer breit, in der Arunas leises, aber trotzdem stetiges Schluchzen die einzige Unterbrechung darstellt.
„Es…tut mir leid“, flüstert Zoe schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit, den Kopf immer noch tief gesenkt. „Ich wollte dich nicht wütend machen…ich…hätte dir schon viel früher die Wahrheit sagen sollen, aber…aber ich hatte Angst, dass du und Uio…“ Das Feenmädchen bringt ihren Satz nicht zu ende. Plötzlich weiß sie einfach nicht mehr, wie sie all das, was ihr auf der Seele liegt, Kali begreiflich machen kann. Es dauert eine Weile bis sie schließlich mit brüchiger Stimme weiter sprechen kann. Ihre Wangen sind nass von all den Tränen, aber ihr Mund fühlt sich so trocken an, als hätte sie Staub gegessen.
„Ihr...ihr…seid mir doch beide wichtig. Ich hab euch beide wahnsinnig lieb und manchmal da wünschte ich mir, wir würden wieder gemeinsam mit Nathan im Nevisyoli wohnen und zusammen sein können, wie früher. Ja, ich weiß...das geht nicht mehr, weil Uio gesucht wird und in der Unterstadt leben muss und Nathan irgendwo an einem schlimmen Ort am Ende der Welt gefangen gehalten wird, aber…aber…das ändert doch nichts daran, dass ich euch mag...und zwar alle.“
Zoes Schultern heben sich kurz zu einem schweren Seufzer. Sie fühlt sich so schuldig und gleichzeitig wie eine miese Verräterin. Wenn Uio erfährt, dass sie Kali von ihm erzählt hat, dann wird er sicherlich sauer sein. Vielleicht sogar so wütend, dass er sie gar nichts mehr mit ihr zu tun haben will! Erneut zieht sich ihr Herz zu einem ganz schweren Klumpen in ihrer Brust zusammen.
„Ich…möchte nicht, dass du böse auf mich bist. Das musst du mir bitte, bitte glauben, aber…ich kann dir das Versprechen nicht geben!“ Ihre Beine fühlen sich butterweich an und irgendwie zittern sie auch ein bisschen, als die Fee weiter spricht. Es ist das erste Mal, dass sie es wagt, einem Großen und noch dazu einer ihrer Lieblingsgroßen, nämlich Kali, zu widersprechen. Natürlich wäre es vieeeel einfacher, wenn sie ihre Ziehmutter anschwindeln würde, ihr einfach versprechen würde, was sie von ihr verlangt. Aber Zoe weiß ganz genau, dass sie dieses Versprechen nie einhalten könnte. Und sie mag Kali nicht belügen, nicht mehr!
„Uio ist mein Freud! Er hat mir das Leben gerettet und ich…ich…hatte ihn schon mal verloren und war so glücklich, ihn wieder gefunden zu haben. Ich will ihn nicht noch mal verlieren. Ich weiß…ihr beide mögt euch nicht und Uio macht manchmal ziemlich dumme Dinge, aber trotzdem gehören er und ich einfach zusammen.“ Nur kurz schielt die junge Fee nach oben, bevor sie wieder schuldbewusst und todunglücklich ihren Blick senkt. „Aber...aber…wenn du das möchtest, dann verspreche ich dir, dass ich mich nicht mehr heimlich mit ihm treffen werde. Keine geheimen Verabredungen mehr in der Stadt oder auf den Dächern. Keine Spaziergänge im Hain… Wenn ich ihn sehe, dann erzähle ich dir gleich davon. Keine Schwindeleien mehr. Versprochen!“
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12

Thursday, September 27th 2012, 8:35pm

Vom Inarifest bis Erntemond


Die Zeit vergeht. Der Sommer erhält Einzug in Talyra und neigt sich wieder dem Ende zu. Doch der Fee Zoe kommt es manchmal so vor, als wäre die Zeit plötzlich eingefroren und sie in mitten eines undurchsichtigen Netzes aus Stunden, Tagen und Siebentagen gefangen, wie ein kleine Fliege in mitten eines riesigen Spinnennetzes.
Seit ihrem Gespräch kurz nach dem Inarifest mit Kali hat sich alles verändert, ihr Leben hat sich verändert, ihre Familie hat sich verändert und ein bisschen auch Zoe selbst.
Eigentlich weiß sie selbst gar nicht mehr so genau, was für Worte an diesem schicksalsträchtigen Tag gefallen sind. In ihrem Gedächtnis haben sich statt Sätze und Worte eher Gefühle und Geräusche eingeprägt. Kalis Zorn auf sie, Arunas leises Wimmern und die Scham und die tiefe Traurigkeit, die sich in ihrem Herzen wie eine dicke Schicht festgesetzt hat. Sie wollte Kali nie wütend auf sich machen oder ihre Ziehmutter enttäuschen, genauso wenig wie ihren besten Freund Uio. Doch manchmal, ja manchmal kümmert sich die Realität nicht um die Wünsche einer jungen Fee, manchmal ist die Realität einfach schmerzhaft und bitter und nicht nur voller Freude und Sonnenschein. Eine Erfahrung, die Zoe über die Monde prägt hat.
Die langsam dahinplätschernde Zeit lehrt Zoe, das sie nicht gleichzeitig die Ansprüche Kalis, Uios und ihre eigenen Bedürfnisse in Einklang bringen kann. Kali hat sie für unbestimmte Zeit mit Hausarrest für die Treffen mit Uio bestraft. Zoe darf zwar noch in die Schusterei bei ihrer Feenfreundin Irisblüte arbeiten, doch auf dem Weg dorthin und zurück begleitet sie immer jemand, entweder ist das Kali selbst oder Fenora oder jemand anderes aus dem Sithechtempel. Alleinige Spaziergänge durch die Stadt oder außerhalb des Tempels wurden ihr verboten. Dies alleine ist für so freiheitsliebende Wesen wie Feen eine harte Bestrafung, doch was die Situation für Zoe noch schlimmer macht, ist, dass nun auch Uio wütend auf sie ist. Bei den wenigen hastigen und zufälligen Treffen, die den beiden in den Monden zwischen Inari und Sonnenthron vergönnt waren, ist Uio immer zorniger geworden.
Warum bleibst du überhaupt bei der widerlichen Made? Sie kann dir gar nichts verbieten. Komm mit mir. Ich kümmere mich um dich. Ich habe dich aus den Klauen dieses Unterstadt-Elben befreit. Du gehörst zu mir und nicht zu ihr.
Doch Zoes Antworten konnten auch ihn nicht zufrieden stellen. Er kann nicht verstehen, dass seine Feenfreundin in Kali und Aruna so etwas wie eine Familie sieht, die einen festen Platz in ihrem Herzen haben, genauso wie ein Teil von Zoe immer Uio gehören wird.
Kali gegenüber hat sie diese flüchtigen Begegnungen mit Uio verschwiegen. Sie will einfach nicht, dass ihre Ziehmutter deswegen, wie angedroht, zur Steinfaust geht und meldet, dass sich Uio ab und zu in der Oberstadt herumtreibt. Deshalb schweigt sie lieber.

Schweigen…dies beschreibt treffend die Zeit, die zäh vor sich hin tropft. Zoe wird ruhiger, nachdenklicher, vielleicht auch ein bisschen erwachsener. Die Zeiten, wo sie ausgelassen draußen im Hain Purzelbäume schlug, freudestrahlend Kali und Fenora jeden Abend begrüßte und wilde Spiele spielte, sind nun endgültig vorbei. Stattdessen sitzt nun oft am Fenster ihrer kleinen gemeinsamen Kammer, die Stirn an den Holzrahmen geklebt und lässt ihre Gedanken treiben - zu Uio, den sie so schmerzhaft liebt und vermisst, zu Kali, Aruna und ihren Eltern, die weit, weit weg in ihrem hoffentlich immer noch friedlichen Kobel leben und zu den fröhlichen Tagen, an denen sie noch im Genuss ihrer vollen Freiheit selbst bestimmen durfte, wohin sie wann flog und einfach glücklich war. Kalis Löwentamarin und Rix sind in solchen Tagen ihre steten Begleiter, die mit akrobatischen Sprüngen, frechen Sprüchen und gekonnten Stimmenimitationen versuchen, die Fee ein wenig aufzuheitern, so das manchmal eines dieser zarten und herzerweichenden Lächeln über ihr Gesicht huscht, die selbst in Wesen aus Stein etwas warmes in der Seele auslösen.
Trotz ihrer oft bedrückten Stimmung und zurückgezogenen Art kommt Zoe all ihren Pflichten nach. Liebevoll kümmert sie sich um Kalis Sohn Aruna, der ihr so sehr am Herzen liegt, erscheint pünktlich bei ihren kleinen Diensten, die sie im Tempel übernommen hat und erledigt ihre Arbeiten in der Schusterei. Auch hegt sie keinen Groll gegenüber Kali oder denjenigen, die sie in die Stadt begleiten. Nein, ganz im Gegenteil. Zoe ist sogar glücklich, als sie einige Zeit nach der Auseinandersetzung mit ihrer Ziehmutter spürt, dass auch Kali ihr nicht länger böse ist. Manchmal bringt sie Zoe eine Kleinigkeit aus der Stadt mit oder versucht sie durch andere Dinge etwas aufzuheitern. Aber am meisten freut sich die Fee, wenn Kali ihr einfach ab und zu über die Haare streicht und sie anlächelt, dann hat Zoe das Gefühl, das vielleicht doch noch alles gut wird.
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13

Tuesday, November 6th 2012, 8:46am

- Erntemond 512 –
Abschied

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wieder ändert sich alles. Nachdenklich sitzt die kleine Fee in ihrer gemeinsamen Kammer auf Arunas schmaler Kinderschulter und spielt ein wenig mit seinen schwarzen Haaren. Sie hat ihre Beine angezogen und den Kopf an Arunas Hals abgestützt.
Kali Maya ist unterdessen mit Packen beschäftigt. Mit ernsten und undurchsichtigen Gesicht werden die letzten Sachen auf dem Bett zusammen getragen und schließlich in ihrem Seesack verstaut. Rix und „Fellfreund“, der neugierig zwischen dem kleinen Tisch und dem Bett hin und her springt, verfolgen unterdessen jede ihrer Bewegungen. Der Azadoura ist in keinem Moment anzusehen, das sie wegen ihrer bevorstehenden langen Reise in den Norden nervös oder aufgeregt ist - ganz im Gegenteil zu den restlichen Anwesenden der kleinen Kammer.
Während der Affe unruhige Hüpfer macht, hat es Rix sich auf dem schmalen Fenstersims bequem gemacht und wandert dort mit aufgeplustertem Gefieder auf und ab
„Ich hoffe, du hast dir auch die Hände gewaschen!“, meckert der Rabenvogel mit der erstaunlich genauen Imitation von Fenoras mahnenden Tonfall, den sie manchmal vor dem Essen gegenüber Aruna anschlägt.
„Hast du dir deine Hände gewaschen?“ Ihre Stimme bekommt etwas säuselndes, während die Sithechrabendame den Kopf schieflegt und Kali mit ihren schwarzen Knopfaugen ganz genau mustert. Schließlich nickt der Vogel ein, zweimal und brummelt in der für ihren ehemaligen Herrn Nathanael so typischen, leicht ironischen Stimme: “Braves Mädchen! Braves Mädchen!“
Widerwillen muss Zoe ein bisschen schmunzeln. Das Lächeln tut gut, auch wenn ihr Herz alles andere als vor Glück überfließt. Doch sie hat sich für heute fest vorgenommen, nicht wieder zu weinen. Sie will tapfer sein. Für sich, aber auch für Aruna! Ihr kleiner Freund, versteht noch nicht, dass Kali nicht nur in die Stadt geht, sondern für eine lange Reise aufbricht, auf der sie weder Zoe noch Aruna mitnehmen will und kann. Und ganz ehrlich, wie soll für Kalis kleinen Sohn das Ganze begreiflich sein, wenn sie Fee es selber nicht versteht!
Seufzend schmiegt sie sich ein bisschen enger an den Hals des Jungen, so wie sie es immer bei ihrem besten Freund und Lieblingsgroßen Uio getan hat. Uio… Wie lang ist es nun her, dass die Beiden sich das letzte Mal gesehen haben? Siebentage? Vielleicht sogar schon einen Mond oder länger? Die kleinen zufälligen Treffen, bei denen Uio ihr auflauerte, haben ihr gut getan, auch wenn sie Kali nichts davon erzählen durfte. Sie fanden wegen ihrem Hausarrest sehr selten statt und waren meist kurz und flüchtig. Oft reichte die Zeit für nur einen kleinen, wahnsinnig schönen Kuss, der Zoes Herz vor Freude und Liebe jedes Mal fast zum Platzen brachte.
Allein bei dem Gedanken daran fangen ihre spitzen Feenohren an zu glühen wie zwei feurige Kohlen. Zum Glück ist Kali beschäftigt und hat anderes zu tun, als sich um Zoes rote Ohren und ihren verträumten Gesichtsausdruck zu kümmern. Glück gehabt!

Doch die kostbare Zeit vergeht!
Viel zu schnell ist Kali Seesack gepackt und die Stunde des Abschieds gekommen. Zoe lässt Kalis Sohn den Vortritt und auch wenn der kleine Junge noch nicht alles um ihn herum begreifen kann, so spürt er doch, dass dieser Abschied irgendetwas Besonderes ist. Dennoch sind die Augen des Jungen trocken, als seine Mutter ihn das letzte Mal fest an sich drückt und ihm über die Haare streicht.
Dann ist Zoe dran.
Mit einem leisen Plöpp macht sich das Mädchen groß. Schüchtern steht sie inmitten des Raumes und schaut auf ihre Füße. Nicht weinen! Du hast dir vorgenommen, nicht zu weinen! Trotz diesem Vorsatz spürt sie wie es hinten in ihrer Kehle unangenehm kratzt und ihre Augen ganz nass werden. Bevor aber wirklich Tränen über ihre Wangen rinnen können, lenkt sich die junge Fee tapfer ab.
„Warte bitte kurz“, sagt sie hastig. Schnell wendet sie sich der großen Truhe neben dem Bett zu und wühlt ein wenig darin. Ihre blauen Flügel flattern aufgeregt auf und ab, als sie mit den Fingern über ein in weichen Samt gewickeltes Päckchen gleitet. Ihr Geschenk für ihre Ziehmutter! Kaum hat sie es in den Händen, reicht sie Kali ihren den kleinen Schatz auch schon mit ausgestreckten Armen entgegen.
„Hier, das..das ist für dich!“, flüstert die junge Fee mit belegter Stimme Kali zu, die mit geschickten Fingern die Stoffverpackung löst. Zum Vorschein kommt eine bunte Armkette. Eine kunstvolle Handwerksarbeit, die viele, viele Stunden der Fee Anspruch genommen hat. Kleine Muscheln, Perlen und Steine, sind in einem bunten und farbenfrohen Wechselspiel von Zoe auf einer Schnurr aufgereiht worden und können mehrfach um das Handgelenk gewickelt werden.
„Alle aus dem Tempel haben mitgeholfen. Jeder hat etwas Besonderes für dich gesammelt. Aruna hat drei wunderschöne, winzig kleine Muscheln am Strand gefunden und ich habe einen schwarzen Schillerstein im Hain entdeckt, der mich an dich erinnert hat…und…als ich von allen etwas hatte, habe ich mit Irisblütes Hilfe Löcher in die kleine Geschenke gemacht und sie aufgezogen….Es…es soll dich beschützen auf deiner Reise, weißt du?“, erklärt Zoe mit immer noch gesenkten Kopf. “Egal wo du hingehst! Und…es soll dich an uns alle hier aus dem Tempel erinnern. Es soll dich daran erinnern, dass wir an dich denken…und auf deine Rückkehr warten!“
Mit den letzten Worten überwindet Zoe die Distanz zwischen ihr und ihrer Ziehmutter und umarmt sie so doll es ihre zarten Arme zulassen.

Abschiede…
Immer wieder Abschiede….
Noch immer hat Zoe vor dem Alleine sein und von der Trennung von all denjenigen, die sie von ganzen Herzen liebt, große Angst. Doch diesmal will sie stark sein. Schließlich hat sie es Kali Maya versprochen! Und was man verspricht, dass muss man auch halten! Jawohl!
Zoe, die Fee die Jeden mag!

Colevar

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14

Sunday, November 18th 2012, 6:06pm

<- Die Straßen der Stadt

Sithechnacht


Als sie den Sithechhain betreten, sind die hohen, mächtigen Zypressen nur gespenstisch dunkle Schemen von noch tieferem Schwarz vor dem sternenklaren Nachthimmel. Hier ist es still – ihrer beider Atem und ihre Schritte auf den verschlungenen, bleichen Wegen unter den alten Bäumen, zwischen dem reifbedeckten Silbergras und den Gräbern hindurch, sind die einzigen Geräusche auf der Welt. Calaits Finger schließen sich fester um seine, als er sie an den uralten Grüften aus Marmor und Granit vorbeiführt, von denen einige so prächtig und groß wie kleine Paläste, andere uralt, halb verfallen und längst von Moos überwuchert sind. "Hier entlang." Die Waldreben und wilden Rosen, die sonst hier unter den Bäumen wachsen, sind längst verblüht, die Blumen auf den Gräbern verwelkt. Alles Leben hat sich davongestohlen, um im Verborgenen zu ruhen. Die stille Zeit ist angebrochen, die Haut der Erde, sonst prall vor Leben, hat sich fest zusammengezogen und ist im Frost erstarrt. Doch auf den Grabstätten brennen kleine, goldene Totenlichter, die wie winzige Flammen in der Dunkelheit leuchten, so dass der ganze Sithechhain von sanftem Licht erfüllt ist. Es ist kalt, der Geruch nach Schnee liegt in der Luft und Calaits Hand liegt warm und fest in seiner. "Ich wünschte, du könntest den Tempel sehen." Sie nickt nur schweigend. Er weiß nicht, was sie mit ihren geheimnisvollen Sinnen tatsächlich wahrnehmen, was sie im Inneren sehen oder fühlen kann, aber sie lächelt und drückt sacht seine Finger.

Mitternachtsschwarz und riesenhaft ragt Sithechs hohes Haus vor ihnen in der Nacht auf – mag er auf andere vielleicht fremd und bedrohlich wirken, Colevar spürt nur seine warme, endgültige Dunkelheit, das Geheimnisvolle und Tröstliche, das dieser Ort an sich hat, seine obsidiandunkle Schönheit und die düstere Pracht und Eleganz, die diesem eigenwilligen Bauwerk innewohnt. Und was immer Calait von all dem hier halten mag, sie scheint weder eingeschüchtert, noch abgestoßen von dem, was sie fühlt. Der rubinrote Blick des Raben über dem großen Eisenholztor ruht auf ihnen und heißt sie willkommen, als sie die pechschwarzen Marmorstufen hinaufsteigen und die schweren Torflügel schwingen beinahe wie von selbst und vollkommen lautlos auf, und schließen sich auch ebenso geräuschlos wieder hinter ihnen. Das Hauptschiff des Tempels ist so groß und dunkel, dass man seine wahren Ausmaße nur erahnen kann, trotz der zahllosen weißen Kerzen, die überall an den schlanken Säulen aus düsterem Marmor, lichtlosem Achat und glänzendem Obsidian brennen, und die Luft ist angenehm würzig und süß, erfüllt vom Geruch der Räucherschalen. Still wie Schatten durchschreiten sie die hohe Halle und Calaits lederner Umhang mit dem weißen Pelz leuchtet schimmernd in der Düsternis. Vor dem Alter des Herren über Tod und Winter, des Totenreichs und des langen Schlafes - einem schlichten, schwarzen Basaltblock - und seinem hohen Bildnis dahinter halten sie inne. Colevar richtet den Blick nach oben, bis sie auf dem marmornen Gesicht der Götterstatue mit seiner düsteren, melancholischen Schönheit zur Ruhe kommen. Er kann die Augen unter dem Saum der tiefhängenden, steinernen Kapuze nicht sehen, aber er kann spüren, wie sie ihm in die Seele blicken, wie immer, wenn er hier ist. Sithech ist es auch.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

Stadtbewohner

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Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

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Sunday, November 18th 2012, 6:42pm

Sithechnacht


“Aber diese Geschichte erzähle ich dir ein anderes Mal, Hexchen.“
„Ich kann warten“, erwidert sie schlicht und lächelt. Sie haben noch ein ganzes Leben vor sich, irgendwann wird der richtige Moment schon kommen, völlig egal wie alt und grau und verschrumpelt sie dann sind. Colevar lotst sie sicher durch die Strassen, ohne ihr zu sagen wohin ihre nächtliche Wanderung führt, und als sie das Ziel erreichen, muss er gar nichts mehr sagen. Das Stille, die sich zusammen mit dem Nebel auf die Stadt herabgesenkt hat, verdichtet sich zu wissendem Schweigen und tief atmet Calait den schweren Duft nach nassem Moos, schwarzer Erde und Stein. Auf den Gräbern, zwischen Farn und Gras, schimmern die Flammen hunderter weisser Totenkerzen und der Weg zum Tempel wird gesäumt von vereinzelten Glühwürmchen. "Ich wünschte, du könntest den Tempel sehen." Ich auch, sagt ihr Nicken.
Das Innere des Tempels heisst sie mit der Wärme gelebter Leben willkommen und für einen einzigen, langen Herzschlag ist die Welt des Jenseits so nah, dass sie den Atem der Toten auf ihrem Gesicht spüren kann. Eine zarter Hauch Vergessen und Erinnerung, der ihr einen Schauer über den Rücken tanzen lässt und unbewusst schliessen sich ihre Finger ein wenig fester um Colevars, der sie sicher durch das graue Halbdunkel führt. Das Schweigen zwischen ihnen ist angenehm und bricht auch nicht, als er sie vor dem Altar loslässt, um seine Wache zu beginnen.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...