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Raven

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1

Monday, June 18th 2012, 2:05pm

Das Ufer des Ildorel

Nordöstlich der Weltenstadt, direkt im Schatten der hohen Granitfelsen, liegt das Seeufer, und ein weißer Sandstrand fällt sanft zu einem seichten Ufer ab. Oberhalb des Strandes führt die Uferpromenade, ein schmaler, Oleander und Bougainvilleen gesäumter Weg an den Mauern und Hecken der großen Anwesen des Seeviertels der Stadt vorbei. Die meisten der parkähnlichen Gärten um die Villen der Reichen und Adligen der Stadt haben Pforten, die direkt zum Strand herunter führen und die Nachtfeuer werden auch auf der schmalen Strandpromenade entzündet.
Ab und an wachsen die Bäume auch bis nahe ans Ufer, alte Weiden strecken ihre langen Arme weit hinaus ins dunkelgrüne Wasser, unterbrechen so die lange Strandfläche und unterteilen das Seeufer in mehrere geschützte, kleinere Buchten; hin und wieder führt sogar ein hölzerner Steg hinaus aufs Wasser.

Der Perlenhafen und die Schiffsländen liegen weiter südlich, und im Norden liegt der Smaragdstrand. Der Strand und das Seeufer jedoch bilden einen Platz, der ideal zu sein scheint, wenn jemand ungestört und mit seinen Gedanken allein sein möchte.

Calait

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2

Saturday, November 17th 2012, 1:37am

<-- Das Häuschen am Waldrand

Sithechnacht


Es war einen Versuch wert, aber sie kann nun einmal nicht wie Azra mit grossen, hellen Augen schuldbewusst zu ihm hinaufplinkern. Zum einen, weil sie nicht Azra ist, zum anderen weil sie keine grossen, hellen Augen hat – und wenn man es genau nimmt, bereut sie auch nicht, was sie getan hat. Also zieht sie einfach nur eine Grimasse und spuckt aus, was es auszuspucken gibt: "Das Amulett. Ich habe es nicht an Lía zurückgegeben, sondern in den Ildorel geworfen." Einen Herzschlag lang versucht die Stimme des Gewissens ihr einzureden, dass sie sich gefälligst für ihr Verhalten zu rechtfertigen habe, aber sie schnippt das imaginäre Schuldgefühl einfach von ihrer Schulter und tut gar nichts dergleichen. Stattdessen lehnt sie sich an Colevar. Seine Schulter... na gut, eher seinen Oberarm, und erzählt ihm von den Briefen, die sie über die Jahre von ihrer Schwester bekommen hatte. Von diesen nichtssagenden Linien, wo man nicht einmal etwas zwischen den Zeilen hätte finden können, wenn man sie Buchstabe für Buchstabe auseinandergenommen hätte. Kein Wort über die Vision, kein Wort darüber, wie es ihr ging – auch wenn Calait das nicht unbedingt zu fragen braucht, um es zu wissen -, kein Wort über gar nichts, was eine Rolle gespielt hätte. "Und dann kam ein Brief... was auch immer sie geschrieben hat, ich habe es längst wieder vergessen. Auf jeden Fall stand darin nichts über sie. Einfach nur belangloser Scheiss. Als ich den Brief bei den anderen verstauen wollte, ist mir das Amulett in die Hände gefallen." Sie zieht die Unterlippe zwischen die Zähne und schüttelt dann entschieden den Kopf: "Ich war wütend. Zugegeben. Aber ich glaube ich hätte das Drecksding auch irgendwann in den See geworfen, wäre ich nicht vor Zorn geplatzt. Himmel, warum sollte ich ein Amulett bei mir tragen, dass vor meinem bösen Blick schützen soll! Es tut mir wirklich leid für Lía, aber dieses Ding in meinem Haus" – Borgils Haus, aber das ist Ansichtssache – "nein. Meine liebreizende Grossmutter", sie schafft es die Worte so auszuspucken, dass man genauso gut "dämliche Schlampe" verstehen könnte, "hat mich lange genug manipuliert."
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Colevar

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3

Saturday, November 17th 2012, 1:43am

Sithechnacht


>Das Amulett. Ich habe es nicht an Lía zurückgegeben, sondern in den Ildorel geworfen.<
"Gut," nickt er grimmig. "Und wenn wir dieses vertrocknete alte Schamanenmiststück je erwischen, werfen wir sie hinterher." Sie lächelt tatsächlich, wenn auch ein wenig melancholisch und spricht weiter... erzählt ihm von den Briefen, von ihrer Bedeutungslosigkeit, von der ganzen Farce, welche der Kontakt zu Lía geworden ist. Er hört ihr zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, ohne Fragen zu stellen, ohne sie zu Tadeln – warum sollte er auch? Sie hat absolut Recht und seiner Meinung nach hat sie auch absolut nichts Falsches getan, nichts, wofür sie sich in irgendeiner Weise rechtfertigen müsste. >Es tut mir wirklich leid für Lía, aber dieses Ding in meinem Haus nein. Meine liebreizende Grossmutter hat mich lange genug manipuliert.<
Eine Weile schweigt er und nur das Knirschend es Sandes unter ihren Stiefeln und das leise Rauschen der sachten Brandung des Sees sind zu hören – und das Hecheln und Tappen der Hunde, die vor ihnen durch den geisterhaften Nebel laufen, kaum mehr als graue Schemen im silbernen Dunst der hereinbrechenden Nacht. Die Luft ist klirrend kalt und riecht nach Frost. "Das hat sie", erwidert er irgendwann leise. "Und wir werden das beenden, Calait. Du und ich, aye?"
Sie nickt und er verzieht seine Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. "Du hast keinen bösen Blick, Hexchen. Eine hundsgemeine Zaubersängerinnenstimme, ja, aber keinen bösen Blick. Eigentlich..." er hebt die Hand und zupft sacht an dem Tuch über ihren Augen, dort, wo es ihren schmalen, sommersprossigen Nasenrücken berührt, "wird es langsam Zeit das alte Ding loszuwerden, meinst du nicht? Und ich sage dir noch etwas..." er holt tief und vernehmlich Luft und spricht etwas aus, das sie beide längst wissen. Er schon sehr viel länger, als sie, aber keiner von ihnen hat es je in Worte gefasst und es damit wahr werden lassen. "Lía wird nicht zurückkommen. Du weißt es und ich weiß es. Und... sie war nie für mich bestimmt, Calait. Niemals. Sonst wäre sie jetzt hier, aye?" Eine so einfache, wie lange Zeit bittere, aber unumstößliche Wahrheit, grausam in ihrer simplen Logik. "Also... " er erinnert sich an ihre Worte in jener Nacht, als Louan starb. 'Verzeih mir irgendwann. Dafür, dass ich dir ein Versprechen gegeben habe, dass ich niemals halten konnte.' "Ich verzeihe dir. Das habe ich längst."
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

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4

Saturday, November 17th 2012, 1:45am

Sithechnacht


"Eigentlich..." Es geschieht instinktiv. Sie kann nichts dagegen tun. Als Colevar das Tuch über ihren Augen berührt und für einen Moment ganz sacht anhebt, zuckt ihr Kopf zurück und ihr Herz macht einen Satz in ihre Kehle. Angsthase! Schimpft sie sich und schüttelt sich wie eine nasse Katze, um das Gefühl von plötzlicher Panik wieder los zu werden. Er hat absolut Recht. Und du weisst das schon sehr viel länger als er. Das ist wahr, hilft aber überhaupt nicht gegen schwitzende Hände, Herzrasen und Atemnot. "... wird es langsam Zeit das alte Ding loszuwerden, meinst du nicht? Und ich sage dir noch etwas: Lía wird nicht zurückkommen." Das wiederum weiss er schon sehr viel länger als sie, und wenn sie ganz ehrlich ist, hat sie es zwar inzwischen akzeptiert, aber noch lange nicht wahrhaben wollen. Lía ist noch immer ein Teil ihres Lebens. Ein Teil, den sie niemals und unter keinen Umständen aufgeben möchte, wird, kann, egal wie viele Tausendschritt sie von ihrer Schwester trennen, oder wie sehr diese sich seelisch von ihr entfernt. Ruf mich und ich bin da. Es wird nie anders sein, also warum es versuchen. Es muss nur einen Weg geben dieses unzerbrechliche Band so weit zu strecken, ohne dass es reisst. "Und... sie war nie für mich bestimmt, Calait. Niemals. Sonst wäre sie jetzt hier, aye?" "Aye", nickt sie und lächelt genauso unfroh wie er. Sie haben es beide nicht kommen sehen – und hätten es beide wissen müssen. "Also... " Colevar befreit seinen Arm aus ihrer Umklammerung, nur um ihn ihr gleich darauf um die Schultern zu legen und sie fest an sich zu drücken. Sie schlingt die Arme um seine Mitte und vergräbt ihr Gesicht in seinem Hemd. "Ich verzeihe dir. Das habe ich längst." Für einen Moment lang erstarrt sie. Vergisst zu atmen und hätte vielleicht auch gar nicht mehr damit angefangen, hätten ihre Lungen nicht irgendwann rebelliert. Also schnappt sie nach Luft, gerade genug, damit sie die Zeit hat sich von ihm zu lösen und sich ihm in den Weg zu stellen, so dass er gezwungenermassen anhalten muss. Als ob sie ihn zusätzlich ausbremsen müsste, presst sie beide Hände flach gegen seine Brust und kann gar nichts dagegen tun, dass ihre Finger zittern. "Wirklich?" Er meint es. Natürlich. Er meint alles was er sagt. Sie weiss es. Aber sie muss es einfach noch einmal hören.
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Colevar

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5

Saturday, November 17th 2012, 1:47am

Sithechnacht


Diesmal lächelt er wirklich, dann fängt er ihre bebenden Hände ein und hält sie fest in seinen. "Wirklich." Er drückt einen Kuss auf ihre Stirn und sie lehnt sich einen Moment an ihn – Zeit, die sie braucht, um sich wieder zu sammeln. Er weiß nicht, wie lange sie so im Nebel am Ufer des Ildorel stehen, auf einem verlassenen, düsteren, nebelverhangenen Strand, aber irgendwann kommen die Hunde und umkreisen sie wedelnd und fragend und Colevar atmet tief durch. "Lass uns gehen, aye? Bevor Azra uns die Ohren lang zieht, weil wir zu spät zu ihrem Essen kommen." Sie murmelt etwas davon, dass die Ahnen sie davor nur bewahren sollten und nickt, dann hakt sie sich wieder bei ihm unter und sie setzen ihren Weg fort. Als sie das Seeviertel erreichen, erhellen zahllose ausgehöhlte Rüben und Kürbisse die kalte Herbstdunkelheit mit dem warmen Licht der Kerzen in ihrem Inneren, und mehr als einmal geraten sie auf den Straßen zur Harfe hinauf in die Fänge furchterregend herumspukender Kinderhorden, die von Haus zu Haus ziehen, um nach Süßem zu heischen. In der Goldenen Harfe werden sie bereits erwartet , doch bevor sie zu Azra, die ihnen warm entgegenlächelt, gelangen können, rennt eine Schar von Kindern sie beinahe über den Haufen, die gerade aus der Tür stürzt um sich dem nächtlichen Treiben der Dreikäsehochs auf den Straßen anzuschließen. Eines der Kinder sieht aus wie eine Miniaturausgabe Borgils, zwei andere Rußgesichter winken ihm grüßend und zischen mit einem aufgeregten "Slan lead, brathair m'athar Cole!" an ihm vorbei, ein kleineres, blondes schwarzgesichtiges Gespenst in ihrer Mitte. Dann sind sie fort und Azra bittet sie lachend herein und führt sie ins Ratszimmer der Harfe, wo Diantha und Olyvar bereits mit Borgil warten.


->Die Goldene Harfe
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Calait

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6

Saturday, November 24th 2012, 11:57am

<-- Der Sithechtempel

Sithechnacht


‘Erinnere ihn an sein siebtes Leben.‘ In der zarten Wärme des erste kalten, blassen Nebelmondmorgens sind die Worte nach ihrem Erwachen und der Begegnung mit der Fee Zoe nichts weiter als eine flüchtige Erinnerung und nur die Verwirrung hält sich hartnäckig und verhindert, dass sie es einfach vergessen kann. Was geschieht, wenn ich ihn an sein siebtes Leben erinnere? Und was geschieht, wenn ich es nicht tue? Und was geht hier eigentlich zum Donnergrummel noch einmal vor sich? Das etwas vor sich geht, ist einfach nicht zu übersehen. Nicht einmal für eine Blinde. Die sich um Geisterangelegenheiten normalerweise überhaupt keinen Kopf macht, weil diese einfach zu ihr und ihrer Welt gehören. Nur haben sich ihre Ahnen bislang darauf beschränkt ihr mit geistertypischem Genörgel auf die Nerven zu gehen, sie haben sich aber nie wirklich in ihren Alltag und ihre Entscheidungen eingemischt. Im Grunde genommen, soviel Kenntnis besitzt auch Calait über die Gesetze des Jenseits, ist diesen körperlosen Quälgeistern etwas Derartiges beim Wort des Grauen verboten. Mammin hat sich noch nie irgendetwas verbieten lassen, aber Kal... Wäre es nur Mammin, nun, Mammin ist eben Mammin und wird das für den Rest der Ewigkeit auch bleiben – und sich durch keinen Grauen irgendeines Jenseits davon abhalten lassen ihren Kindern und Kindeskindern das beste Grossmutterrezept gegen Frühjahrsschnupfen zu verraten -, aber Kal hat sich stets davor gehütet ihr soviel wie einen Rat, geschweige denn eine direkte Anweisung zukommen zu lassen. Der einzige Grund, warum sie sich schon fast weigert mit Colevar über Kals seltsame Worte zu reden, ist, weil sie ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt haben. Erinnere ihn an sein siebtes Leben. Was mag das für ein Leben gewesen sein?
„Colevar.“ Er geht neben ihr, gross und schweigend, und bislang noch sehr viel wacher, als sie an diesem Tag noch werden wird. “Aye?“
„Ich soll dich an etwas erinnern.“
“An was denn?“, fragt er und sie fühlt, dass wenn sie es ihm sagt, wenn sie dieses Schweigen bricht und nicht einfach mit einem lapidaren „Ach nichts, vergiss es“ abwinkt – was er sowieso nicht akzeptiert hätte - es keinen Weg zurück mehr gibt. Welcher Weg es auch immer sein soll. Erinnere ihn an sein siebtes Leben. Weise Mutter Bär, lass mich nichts Falsches tun. Nicht bei ihm.
„An dein siebtes Leben.“
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Colevar

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Saturday, November 24th 2012, 12:07pm

Sithechnacht


"An mein..." er bleibt stehen, nimmt ihren Arm, dreht sie zu sich um und sieht sie an, und seine Augen sind in diesem Moment so blau und kalt und scharf wie der See hinter ihm, der den Himmel spiegelt. Ihre Worte bringen eine Erinnerung zurück, die er längst vergessen glaubte... und er will in seinen Erinnerungen genauso wenig in das schäbige, blaue Zelt gehen, wie er es damals mit Siebzehn wollte. Die Hunde sind längst irgendwo vor ihnen im Nebel verschwunden und der kalte Morgenwind schmeckt nach bitterkaltem Frost und blanker, schwarzer Erde, vermischt mit dem Geruch nach Tang und Wasser. Seine Geste ist vollkommen sinnlos, weil sie ihn ohnehin nicht sehen kann – und er nicht ihre Augen unter diesem verfluchten Tuch, aber er tut es trotzdem. Blind oder nicht, er steht ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber und kann wenigstens ihr Mienenspiel beobachten. Im diffusen grauen Licht einer Dämmerung ohne Sonnenaufgang wirkt selbst ihre honigdunkel Haut sehr hell und der weiße Nebel fängt sich als Schleier winziger silberner Perlentropfen auf ihrem rabenschwarzen Haar. "Woher weißt du davon? Wer hat dir das gesagt?" Calait scheint von der Heftigkeit seiner Reaktion kein bisschen überrascht, sie wirkt eher, als habe sie genau damit gerechnet. Er sieht sie lächeln, so sanft und warm, und die Hände heben, die sich auf seine Brust legen... als wolle sie ihn aufhalten. Oder festhalten. Oder beides.

Aus irgendeinem Grund weiß er, dass ihr die Worte ebenso zu schaffen machen, wie ihm. Sie erzählt es ihm und er schüttelt den Kopf wie ein Mann, der aus einem Traum erwacht. Eine ganze Weile schweigen sie beide und setzen ihren Weg fort, ihre Fußspuren eine lange, schnurgerade Fährte im feuchten Sand... zwei Linien, die eine groß und schwer, die andere klein und leicht. Wie zwei Linien im Leben, die sich gekreuzt haben, sich wieder trennten, einander folgten, sich wieder begegneten, sich verloren, suchten und wieder fanden... und nun hier am Ufer des Ildorel nebeneinander verlaufen. Irgendetwas an diesem Gleichnis weckt seine Aufmerksamkeit, ohne dass er sagen könnte was, ohne dass er bewusst darüber nachdenken würde, ohne dass er Einfluss darauf hätte. Aber da ist etwas, er kann es so deutlich spüren wie den Druck ihrer Hände, etwas Wichtiges. Etwas von kolossaler Bedeutung. Etwas, das er nicht ergründen, nicht benennen und nicht erfassen kann. "Irgendetwas stimmt hier nicht, Calait", hört er sich selbst sagen und weiß, dass es die Wahrheit ist. "Ich meine das alles." Er weiß beim besten Willen nicht, wie er seine Bestürzung in Worte fassen soll. "Nicht nur deine Vergangenheit, der Fluch und diese ganze Geschichte mit Lía. Die Geister, die dich an Dinge erinnern, von denen sie nichts wissen dürften oder Mammin in meinem Kopf. Du hättest sie hören sollen, als ich von Lyness hierher ritt, sie konnte mich gar nicht schnell genug zu dir führen. Nicht nur dich und mich, und dieses... "dieses was auch immer es ist.. "Alles. Diese Stolpersteine, die uns mit Gewalt auseinanderhalten, wenn wir uns auch nur für einen Augenblick aus den Augen verlieren. In was sind wir da hineingeraten? Wo führt das hin? Was hat das zu bedeuten?"
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Calait

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Saturday, November 24th 2012, 4:42pm

Sithechnacht


Das Leben, wie sie es kennt und schätzt und liebt und gerne bis ans Ende ihrer Tage gelebt hätte, schwankt, als Colevar neben ihr schlagartig erstarrt und sie zwingt anzuhalten. "An mein..." "... siebtes Leben", beendet sie den Satz leise und jedes Wort fühlt sich an, wie ein erster Schritt auf einem über Nacht zugefrorener Teich, und sie hegt die dumpfe Befürchtung, dass sie sich in naher Zukunft noch sehr oft wie ein Bambi auf Eis vorkommen wird. Ich hätte Moran besser zuhören sollen. Was hatte sie uns über Botschaften der Ahnen erzählt? Wann muss man die ernst nehmen? Das Mammin als Geist jemanden heimsucht ist in ungefähr so, als ob man sich Läuse einfängt. Unangenehm, aber letztendlich harmlos, und mit einem Eimer Essigwasser zu beheben. Oder mit der freundlichen Bitte, sie solle sich jetzt auf der Stelle verziehen, man habe keine Lust auf ihr nervtötendes Geschwafel. Kal Lanar kehrt seit acht Jahren nur einmal im Zwölfmond in der Nacht des Grauen in der Stunde des Wolfs in das Reich der Lebenden zurück. Bislang ging sie davon aus, er täte es für sie. Jetzt ist sie sich dessen überhaupt nicht mehr sicher. Gesprochen von... "Woher weißt du davon? Wer hat dir das gesagt?" Seine Verwirrung spiegelt ihre wieder und die Erkenntnis, dass sie gemeinsam in diesem morschen Kahn auf einem unbekannten Meer schippern, gibt ihr Kraft – und lässt die ferne Ahnung eines heraufziehenden Sturms in ihr vorerst zur Ruhe kommen. Colevar aber bebt. Nicht äusserlich. Äusserlich ist er still und kalt wie der Marmor, aus dem die Statue des Grauen im Tempel gehauen war, aber innerlich singt das Blut in seinen Adern. Also hebt sie die Hände und legt diese behutsam auf seine Brust, wo unter nebelfeuchter Schurwolle, auf welcher der Bär von Lyness aufgestickt ist, und gebleichtem Leinen sein warmes Fleisch liegt. Ihr beider Atem malt silberne Kringel in die Luft und erst als sie spürt, wie er nachgibt und die Verbindung zu ihr zulässt, beantwortet sie seine Frage. "Erinnerst du dich an Kal Lanar?" Natürlich tut er das. Sein Gedächtnis ist im Gegensatz zu ihrem ausgezeichnet. "Er erscheint in jeder Samainnacht seit er gestorben ist in der Stunde des Wolfs. Bislang haben wir..." Sie zuckt mit den Schultern. "... nur geredet. Über alles und nichts. Bislang dachte ich, er wolle sich einfach nur vergewissern, dass es mir gut gehe." Sein Wort halten. "Aber gestern hat er mich, kurz bevor er wieder verschwand, dazu aufgefordert, dich an dein siebtes Leben zu erinnern." Der Sand unter ihren Sohlen knirscht leise, als sie das Gewicht von einem Fuss auf den anderen verlagert und ein wenig näher tritt, bis der Nebel zwischen ihnen warm und weich wird. Die Erklärung bringt keine Milderung, sondern nur noch mehr Fragen, und Calait kann es ihm seine Bestürzung nicht verübeln.

Er mag dann ein Mann sein, der mit den Geistern durch das Zwielicht wandelt, das Leben in der einen, den Tod in der anderen Hand, aber von einer schrecklich lebendigen toten Familie mit wirren Rätselaufgaben betraut zu werden gehört mit Sicherheit nicht zu seinem Alltag. "Irgendetwas stimmt hier nicht, Calait. Ich meine das alles." Mit einem kleinen Nicken lehnt sie ihren Kopf nach vorne, bis ihre Stirn ganz leicht auf seinem Surcot aufliegt. Er hat Recht. Irgendwie. Sie weiss nur nicht wie. "Nicht nur deine Vergangenheit, der Fluch und diese ganze Geschichte mit Lía. Die Geister, die dich an Dinge erinnern, von denen sie nichts wissen dürften oder Mammin in meinem Kopf. Du hättest sie hören sollen, als ich von Lyness hierher ritt, sie konnte mich gar nicht schnell genug zu dir führen." Jetzt hebt sie doch reichlich verwirrt den Kopf und blinzelt unter dem Tuch zu ihm hinauf. Bislang weiss sie nur, dass Mammin in seinem Kopf herumspukt. Er hat ihr noch nicht erzählt, seit wann genau sie ihn heimsucht und wie genau diese Heimsuchungen aussehen. Bislang ging Calait von der harmlosen Annahme aus, dass Mammin sich einfach nur einen Spass mit ihm erlaubt. Aber wenn sie ihm kryptische Anweisungen gibt, die mich betreffen, und Kal Lanar mir kryptischen Anweisungen gibt, die ihn betreffen... Der Gedanke verfängt sich irgendwo, an einem Punkt, den sie nicht greifen kann, egal wie sehr sie sich anstrengt, und mit einem leisen Schnauben verzieht sie das Gesicht, derweil Colevar fortfährt: "Nicht nur dich und mich, und dieses... " Dieses? Hellhörig geworden spitzt sie die Ohren. Colevar scheint mehr zu wissen oder zu ahnen, als sie, kann es aber dummerweise genauso wenig in verständliche Sätze fassen. "Alles." Das trifft es ganz gut. Wovon auch immer er redet. "Diese Stolpersteine," ... Moment... "die uns mit Gewalt auseinanderhalten, wenn wir uns auch nur für einen Augenblick aus den Augen verlieren." Stolpersteine? "In was sind wir da hineingeraten? Wo führt das hin? Was hat das zu bedeuten?"
"Ksch!" Hastig wedelt sie mit ihren Händen vor seinem Gesicht herum, reichlich verwirrt durch all die Fragen, die er hat – und die prompt auch zu ihren werden. Die Stirn in angestrengte Falten gelegt, versucht sie das Durcheinander so weit zu ordnen, dass sie zumindest einen gewissen Überblick gewinnen kann, scheitert allerdings kläglich und wackelt gleich nochmals mit ihren Fingern, als sie ihn geräuschvoll einatmen hört, damit er bloss still ist. "Moment... Moment... Stolpersteine!... Nein, vergessen wir die Stolpersteine für einen Moment. Siebtes Leben. Bleiben wir bei siebtes Leben. Was wusste Kal Lanar, was er nicht hätte wissen sollen? Worum geht es bei diesem siebten Leben?"
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Colevar

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9

Saturday, November 24th 2012, 7:39pm

Sithechnacht


"Vor zwölf Jahren in Azurien, an Olyvars letztem Abend in Arrassigué, waren Karmesin, Rayyan, Olyvar und ich bei einer Wahrsagerin," beginnt er leise und lässt die alte Erinnerungen an die vier dummen Jungen, die sie gewesen waren, kaum mehr als Kinder, an ein altes Weib und ein schäbiges, geflicktes Zelt in sich aufsteigen, in dem es nach Tod gerochen hatte. Er sieht sie wieder vor sich, wie sie gewesen waren, sie vier – jung, so jung, in ihren dünnen, braunen Umhängen, stinkend nach Wein und dem billigen Parfum der Huren, bei denen sie vorher gewesen waren, trunken und ausgelassen von der Siegesfeier im Heerlager. "Es war eine verrückte Nacht. Wir waren alle betrunken. Das Heer lagerte zu Füßen der Stadt und der Festung, ein Meer von Pavillons und Zelten und bejubelte seinen letzten Sieg in den Räuberkriegen. Olyvars und Karmesins Zeit in Azurien war zu Ende, sie wollten am nächsten Morgen zurück nach Norden und nach Hause aufbrechen, und wir... hatten ihren Abschied gefeiert. Wir hatten die Knappen und Marketenderinnen, die Trosshuren und die azurianischen Gaukler und Straßenhändler über die Hexe reden hören, wie alle anderen im Heerlager. Du weißt schon, solchen Unsinn, dass sie Träume deuten und aus den Linien der Hände lesen könne. Sie würde Zaubertränke brauen und habe den bösen Blick und all so etwas. Karmesin behauptete außerdem steif und fest, sie sei jung und wunderschön, und allein das hätte vollkommen ausgereicht, uns zu ihrem Zelt zu ziehen wie die Motten ins Licht." Er schüttelt den Kopf. "Olyvar wollte nicht. Er sagte, er glaube nicht an solchen Mondschneckenunsinn." Er war der Klügere. Wir hätten alle auf ihn hören sollen. Sie lacht leise über das seltsame Wort und er macht eine Kopfbewegung, die sowohl ein Nicken, als auch das Gegenteil sein könnte. "Aye. Mondschneckenunsinn. Ich wollte auch nicht, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, warum. Aber Karmesin ließ nicht locker und Rayyan wollte unbedingt wissen, wie jung und schön diese Hexe tatsächlich war, also suchten wir ihr verdammtes Zelt. Es war ganz am Ende des Lagers. Wir mussten weit laufen, ehe wir es fanden und unsere Fackeln waren längst erloschen." In seiner Erinnerung sind die Pavillons des Heerlagers nur noch Schatten, die Ritter und ihre Pferde Wesen aus Nebel und Rauch. "In ihrem Zelt roch es nach Gewürzen, Kräutern und Räucherwerk, aber auch irgendwie kalt, wie... wie ein offenes Grab im Winter. Ich weiß noch, wie düster es war. Das einzige Licht kam von einem Kohlebecken, das aussah, wie ein Löwenkopf, und das Zelt mit einem trüben roten Glühen füllte, aber kaum die Schatten vertrieb." In diesem Licht haben die Zeltwände wie frisch abgezogene Häute ausgesehen. Vielleicht waren sie es ja auch. Im Inneren.


"Die Hexe schlief, als wir eintraten... oder ich sollte wohl besser sagen, hineintorkelten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie Ray geflucht hat, als sich herausstellte, dass sie alles andere als jung und wunderschön war. Davon ist sie auch aufgewacht und hat uns gesagt, wir sollten verschwinden. Aber nun waren wir schon einmal da und alles war so seltsam dort. Sie hatte eine gläserne Kugel so groß wie eine Schweineblase, die auf einem kleinen Tisch stand. Drachenkarten aus lackiertem Holz. Getrocknete Frösche in flachen Bronzeschalen. Überall hingen oder lagen mumifizierte Tiere herum. Und es roch nach Traumkraut. Also trat Karmesin mit dem Fuß gegen ihr Bett. Er sagte ihr, sie solle aufstehen, wir wären hier, um unsere Zukunft zu wissen. Sie hat uns zum zweiten Mal weggeschickt, aber jung und dumm – und betrunken - wie wir waren, bestanden wir darauf. 'Verschwindet!' Hat sie gekrächzt. Sie war alt, bestimmt die älteste Frau, die ich je gesehen habe, bevor Mammin in meinen Gedanken aufgekreuzt ist." Die Hexe war alt... "Sie war so verschrumpelt wie ein Winterapfel. Klein wie eine Mogbar und sie hatte mehr Warzen, als eine Erdkröte. Sie hatte fast keinen Zahn mehr im Mund, ihre Wangen waren eingefallen und ihr Haar nur noch ein dünner weißer Schleier auf ihrem fleckigen Schädel." Doch das unheimlichste waren ihre Augen. "Sie warnte uns ein drittes Mal, wir wären dumme Sommerjungen und das hier sei nichts für uns. Aber natürlich haben wir nicht auf sie gehört. Sie legte Karmesin die Karten und prophezeite ihm ein langes Leben. Er starb vor ein paar Jahren und er war noch keine dreißig Jahre alt. Ray las sie aus der Hand und sagte ihm eine große Zukunft und noch größeren Reichtum voraus – der Mann ist so bettelarm wie eine Tempelmaus. Ich weiß nicht, was sie Olyvar zugeraunt hat... ich glaube keiner von uns hat es gehört außer ihm selbst. Aber dann ging sie an mir vorbei... oder wollte es, aber irgendwie blieb sie auf einmal stehen, direkt vor mir. Ihre Augen waren ganz milchig und blind vom Alter, und ihr Blick war kalt und fischbauchweiß. Ich dachte, sie will mir vielleicht auch aus der Hand lesen, aber sie hat mich nur am Arm gepackt. Ihre Finger fühlten sich an wie Knochen, doch sie war stark – viel stärker, als ein so kleines, dürres, altes Weib eigentlich hätte sein dürfen. Ich hätte mich nicht losreißen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Dann hat sie mit einer Stimme gesprochen, die sich überhaupt nicht mehr wie ihre dünne Altweiberstimme angehört hat, sondern dunkler und irgendwie so, als sprächen viele Stimmen auf einmal. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, was sie gesagt hat, aber ich weiß, dass es der allergrößte Mondschneckenunsinn war, den du dir nur vorstellen kannst. Sie sagte: Sieben Leben hast du, goldene Katze. Sechsmal wirst du sterben, ehe es darauf ankommt. Und dann noch mehr, irgendetwas von schattigen Höfen, die keine sind oder so ähnlich und langen Suchen an fernen Orten. Und noch irgendetwas über Schicksale. Es ist zwölf Jahre her. Ich habe ihr damals kein Wort geglaubt und jetzt tue ich es noch viel weniger. Karmesin ist tot. Rayyan ist kein reicher Mann." Und Olyvar? Was hat sie ihm gesagt? "Und wie bei allen Neun Höllen weiß der Geist deines toten Geliebten davon? Und warum erinnert er mich ausgerechnet an solche Bullenscheiße?"
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R.Frost

Calait

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Saturday, November 24th 2012, 8:07pm

Sithechnacht


Dürre, ausgemergelte, faltige, kleine Hexen scheinen sich mit Vorliebe in Colevars Leben einzumischen, fällt Calait auf, während sie seiner Geschichte lauscht. Rayyan. Schon wieder. Hat er nicht mit Olyvar über diesen Rayyan gesprochen? Und Karmesin. Der zu Olyvars Sieben gehörte. Aber Rayyan nicht. Es ist seltsam. Obwohl sie einander schon so viele Jahre kennen, haben sie nie mehr miteinander geredet, als in den letzten Siebentagen. Wann denn? Wir haben uns ja nie länger gesehen, als ein paar Tage am Stück. Trotzdem ist es anders. Auf der Reise von Immerfrost nach Talyra hätten sich hunderte Momente angeboten, Colevar ein wenig auf den Zahn zu fühlen, aber sie hatte sich davor gehütet ihm so viel wie seinen vollen Namen zu entlocken – den sie schlussendlich auch erst bei ihrer Ankunft in Talyra erfahren hatten, wie so einiges andere. Ihn kennen tut sie schon eine Weile, aber erst seit gestern weiss sie und was sie an Neugierde besitzt, ist sofort geweckt, als Colevar anfängt über Azurien zu erzählen. Von einem Meer an Zelten, die wie glühende Pilze aus dem Sand wachsen, und einem feiernden Heer, trunken von seinem Sieg, und von vier jungen... sehr jungen Soldaten, die nichts Besseres zu tun gehabt hatten, als alkoholgeschwängert mitten in der Nacht irgendeine hässliche, alte Turbanschnepfe mit Glaskugel zu ärgern. Obwohl sie Colevar nie leichtsinnig, geschweige denn doof miterlebt hat, kann sie sich ihn mühelos als siebzehnjähriger Schürzenjäger verbildlichen – und bedauert es einen Moment lang zutiefst, dass sie sich damals nicht schon über den Weg gelaufen sind. Dann wäre alles anders gekommen. Davon ist sie überzeugt. Und wir hätten es krachen lassen. Das weiss sie.
"Ihre Augen waren ganz milchig und blind vom Alter, und ihr Blick war kalt und fischbauchweiß." Was mehr Menschen wüssten, was man mit ein wenig Traumkraut und Milchhaut alles so anstellen kann, würde so mancher geheimnisvolle blinde Seher sehr viel schneller das Weite suchen müssen. Aber selbst wäre sie nur eine fingerfertige Hochstaplerin gewesen und hätte eigentlich die Augen eines Königadlers gehabt, es hätte nichts an der Gewissheit geändert, dass die Frau Colevar unangenehm überrascht hat. "Ich dachte, sie will mir vielleicht auch aus der Hand lesen, aber sie hat mich nur am Arm gepackt. Ihre Finger fühlten sich an wie Knochen, doch sie war stark – viel stärker, als ein so kleines, dürres, altes Weib eigentlich hätte sein dürfen. Ich hätte mich nicht losreißen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Dann hat sie mit einer Stimme gesprochen, die sich überhaupt nicht mehr wie ihre dünne Altweiberstimme angehört hat, sondern dunkler und irgendwie so, als sprächen viele Stimmen auf einmal. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, was sie gesagt hat, aber ich weiß, dass es der allergrößte Mondschneckenunsinn war, den du dir nur vorstellen kannst." Mondschneckenunsinn. Das muss ich mir unbedingt merken!

Dass viele, die das zweite Gesicht besitzen, auch gute Lügner und noch bessere Schausteller sind, ist kein Geheimnis – von irgendetwas muss man ja leben, wenn der Träumer sich mal wieder rarmacht mit seinen Gaben. Es sieht ganz so aus, als ob Colevar an eben eine solche Aushilfsseherin geraten sei, die hundertmal am Tag für bares Kupfer irgendwelchen Stuss von sich gibt und nur ein einziges Mal auch wirklich sieht, was sie behauptet in der Zukunft zu erkennen. Calaits eigenes zweites Gesicht – das sehr faul und ziemlich zickig obendrein ist – macht sich nur alle halbe Jahrzehnte bemerkbar und auch dann nur in Form von Träumen und nicht als tatsächliche Visionen, was es nur noch schwerer macht, sie als solche zu erkennen. "Sie sagte: 'Sieben Leben hast du, goldene Katze. Sechsmal wirst du sterben, ehe es darauf ankommt.' Und dann noch mehr, irgendetwas von schattigen Höfen, die keine sind oder so ähnlich und langen Suchen..." Es klingt tatsächlich wie ausgemachter Mondschneckenunsinn. Wirres Gebrabbel und kryptische Satzfragmente, die man so einander reiht, dass sie, wenn man sich lange genug den Kopf darüber zerbricht, vielleicht irgendwann zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwie Sinn ergeben könnten. "Schattige Höfe und goldene Katzen, das ist sogar für eine Scharlatanin arg weit hergeholt", schnauft Calait kopfschüttelnd und streicht sich mit gespreizten Fingern die Locken aus dem Gesicht. Schattige Höfe und goldene Katzen, wer denkt sich denn so einen... Unsinn... golden... Das Wort hallt nach, leise und schwach, es ist nicht Colevars Echo, sondern wird von vielen Stimmen in unterschiedlichen Erinnerungen gesprochen. Es sind Augenblicke vor langer Zeit, undefiniert und verschwommen, bis auf das eine Wort, das sich klar und deutlich aus der grauen Masse hervorhebt. Verdammt nochmals, ich habe mich wahrscheinlich hundertmal mit irgendjemandem über irgendetwas Goldenes unterhalten. Zum schwarzen Barbaren mit diesem Schwachsinn! Entschieden bringt sie die wenig hilfreichen Wiederholungen zum Verstummen und löst sich ein Stück von Colevar, woraufhin dieser einmal tief durchatmet und seinem Ärger Luft macht. "Und wie bei allen Neun Höllen weiß der Geist deines toten Geliebten davon? Und warum erinnert er mich ausgerechnet an solche Bullenscheiße?"
"Ich habe keine Ahnung", gesteht sie und hebt in einer Geste, die komplette Ahnungslosigkeit problemlos mit aufrichtig echauffiertem Mitgefühl kombiniert, die Arme. "Ich habe _absolut_ keine Ahnung. Ich weiss nur, dass Kal Lanar kein Mann war und ist, der sich grundlos in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Und dass er es tut, macht mir eine Scheissangst." Jetzt muss sie einmal tief durchatmen. Ganz tief. Dann tastet sie zielsicher nach seinen Händen und legt den Kopf so weit in den Nacken, dass er ihr Gesicht sehen kann. "Aber wir werden herausfinden, was es mit diesem ganzen... Mondschneckenunsinn auf sich hat! Und danach jagen wir sämtliche Geister zum Grauen, aye?"
"Aye." Erwidert Colevar, ehe er herzhaft gähnt und sie damit zum Lachen bringt. "Aye, aber erst Morgen. Wenn du geschlafen hast. Los, ab ins Bett mit dir." 'Irgendwo über ihr ertönt unverständliches Gebrummel, also dreht sie ihn einfach um und schiebt – bis er irgendwann fragt, ob er vielleicht die Richtungsanweisungen übernehmen solle, und auf ihr unschuldiges "Hm?" hin nur anmerkt, dass sie gleich nasse Füsse kriegen würden. "Oh... hm...hmmm..." "Nicht jetzt. Sei ein liebes Hexchen." "Na gut... "

--> Hexenhäuschen am Waldrand
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

Uio

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11

Thursday, December 12th 2013, 10:45am

(RPG in der Unterstadt geht noch weiter. Andere Zeit anderer Ort)


Der zweite Tag in Talyra brach an ohne das Uio es bemerkte. In der Unterstadt gibt es keine Sonne, die den Tag erhellt und die Menschen aus den Häusern zur Arbeit lockt. Es ist bereits der dritte Tag angebochen, die Straßen voll als Uio sich aus der Unterstadt aufmacht, um nun seine Freundin zu besuchen. Das Wetter hat sich gebessert. Es ist ein schöner Tag. Zu warm für diesen Mond und sogar ein paar Stellen am Himmel sind blau und die Wolken eher weiss anstatt grau. Dieser Tag verspricht ihm, mehr Glück zu beschehren. So hat die Fee in die kleinen Laden ihn nicht verraten und Uios auftauchen, ist für Zoe eine echte Überraschung. Er hat fast vergessen wie federleicht sie ist, wie zart, weich und...wunderschön. Fröhlich lachend fliegt sie plötzlich menschengroß, in seine Arme und schmiegt sich an ihn. Uio atmet ihren Duft gierig ein und streicht ihr mit einer Hand durch die Haare.

Breit und schelmisch grinsend trotz seiner Blessuren von der Prügelei in der Unterstadt zaubert er eine auf dem Markt erstandene rote Blume hinter seinem Rücken hervor und hält sie Zoe entgegen.
"Für die schönste Fee der Welt!"

Wenige Minuten später schlendern die beiden durch die Straßen der Stadt in Richtung Strand. Uio erzählt seiner, ja genau, SEINER Zoe von seinem Leben auf der Akademie, seinen neuen Freunden und ist natürlich neugierig zu erfahren, was die Fee alles so erlebt hat und was für ihn ganz wichtig ist, wie Zoe zu Kali steht.
Es gab eine Zeit, da gab es nur Zoe und ihn. Sie beide waren durch alles gagangen, was sich ihnen in den Weg legte. Nichts hätte sie trennen können. Und nun Leben sie von einander getrennt, damit könnte Uio ganz vielleicht Leben, wenn da nicht die wäre, die ihn vor die Tür setzte und sich heimlich fies und hinterhältig ins Herz von seiner Freundin geschlichen hat. Aber Uio weiss, Zoe gehört zu ihm! Ganz klar, ohne Zweifel und das würde sie niemals ändern!
Am Strand angekommen zieht er sie näher an sich heran und küsst sie sanft. "Ich lass dich nicht wieder los."
sagt er schmunzelnd, packt sie dann, hebt sie etwas hoch und dreht sich mit ihr ein paarmal. Beide Lachen ausgelassen und lassen sich dann in den kühlen Sand fallen. Uio wickelt sie vorsichtig mit in seinen Mantel ein und zieht sie auf sich, um sie dann zu umarmen. "So wird dir nicht kalt." , grinst er frech. Was er bisher von Zoe hörte war zu seiner Zufriedenheit. Ganz besonders, dass Kali nicht in Talyra ist. Sie ist auf Reise genau wie Nathan. Soll sie und am besten nie wiederkommen. So entscheidet Uio sich nach Gespräch, Lachen und vielen Küssen sie zu fragen.
"Sag mal," beginnt er und schaut sie lächelnd an, "ich möchte das du mit nach Sorbonn kommst. Dort wird es dir gefallen und du musst nicht mehr hier alleine in Talya bleiben. Wir wären zusammen, wie früher...naja fast wie früher!" Uio grinst und denkt nicht im entferntesten daran, dass diese Idee Zoe nicht gefallen könnte. Er rechnet mit einer freudigen Umarmung und sowas wie: >Warum hast du mich nicht schon eher abgeholt<.
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Zoe

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12

Thursday, December 19th 2013, 8:58am

Freudestrahlend liegt Zoe an Uio gekuschelt im Sand. Die Wangen und die Ohrenspitzen vor Glückseligkeit gerötet hält sie in ihrer großen Form die schwielige Hand von Uio. So sehr hat sie sich gewünscht, dass er wieder zurück nach Talyra kommt und jetzt ist er endlich da. Immer wieder linst sie zur Seite, um ihren Großen-Freund besser betrachten zu können. Er sieht gut aus - gesund, nicht hungrig und irgendwie zufrieden. Das ist gut, findet die Fee. Ich hab‘ mir immer gewünscht, dass es ihm in dieser Akademie gefällt….
Für Zoe könnte der Tag endlos so weiter gehen und nicht nur dieser sondern auch alle anderen, soooooo glücklich ist sie
"Sag mal“, meint Uio nach einer Weile, "…ich möchte, dass du mit nach Sorbonn kommst. Dort wird es dir gefallen und du musst nicht mehr hier alleine in Talya bleiben. Wir wären zusammen, wie früher...naja fast wie früher!"
„Nach Sorbonn?“ Zoe schaut kurz auf und legt nachdenklich ihren Kopf schief. Eigentlich ja eine gute Idee, die ihr Lieblings-Uio da hat. Es würde sie brennend interessieren, wie Uio da lebt, wie seine Freunde so sind, die die Akademie aussieht, was er täglich lernen muss, in welchem Bett er schläft, wo er täglich ist isst, was Sorbonn für eine wundersame Stadt ist, welche Geschäfte es in den Gasse gibt…achja.so viel gäbe es zu entdecken…doch…
Das Bild von Aruna erscheint vor ihrem inneren Auge und mit ihm seine Mutter Kali, der sie versprochen hat auf den Jungen aufzupassen. Der kleine Große mit den schwarzen Augen lächelt in ihrem Kopf Zoe mit seinem zuckersüßem Kinderlächeln an und streckt seine Arme nach ihr aus...und sofort muss die Fee auch ein klitzekleines bisschen Grinsen, weil sie den Jungen und Kali eben auch doll lieb hat.
„Oh ja, ich komm dich in Sorbonn bestimmt besuchen, Uio, das ist eine tolle Idee! Ich möchte genau wissen, wie und wo du lebst. Das wird bestimmt lustig.“ Zoe richtet sich ein bisschen auf und schenkt Uio ein überglückliches Feenlächeln. „Das machen wir, wenn Kali und Nathi wieder da sind. Dann ist Aruna auch nicht mehr alleine und ich kann hier auch mal weg. Ich muss dann vorher aber mit Irisblüte reden. Weißt du, ich hab dir ja erzählt, dass ich fleißig in der Schusterei arbeite und Irisblüte sagt, ich wäre richtig gut in meiner Arbeit. Ich möchte nicht, dass sie Schwierigkeiten im Laden bekommt, wenn ich mal weg bin. Vielleicht kannst du mich ja abholen, wenn Kali und Nathi wieder da sind. Dann können wir hier in Talyra ein paar schöne Tage gemeinsam verbringen. Nathi freut sich bestimmt dich wieder zu sehen…und Kali….“ Die Fee zögert ein bisschen, als sie an Kali Maya, ihre Ziehmutter, denkt. Natürlich weiß sie, dass Kali Uio nicht so mag, aber….aber, wenn Kali sieht was für ein großer und toller Magier aus Uio geworden ist, dann wird sie ihre Meinung sicherlich ändern. „Kali…wird bestimmt auch verstehen, dass wir zusammen gehören. Dann fahren du und ich gemeinsam nach Sorbonn und ich schau mir alles an und ich bring dann Aruna gaaaaaaanz viele Geschenke von unserer Reise mit. Oh Uio,…“, begeistert von ihrer Idee klatscht die Fee in die Hände, „das wird bestimmt wunderschön.“
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Uio

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13

Sunday, December 22nd 2013, 2:39pm

Als Zoe so beginnt zu erzählen, grinst Uio breit bis ihm schließlich bei dem Namen Kali das Lächeln vergeht. Gerade will er etwas sagen, doch Zoe ist noch nicht fertig und erzählt von ihren Verpflichtungen und Absprachen, die sich treffen muss, wenn sie weggeht und schließlich von Nathan, der sich auch freuen würde ihn zu sehen. Uio seufzt. Das hat er sich einfacher vorgestellt. Zoe klebt mehr im Fangnetz von Kali als er dachte. Nicht nur das, er muss erkennen, dass sie sich was Eigenes aufgebaut hat und das ihm vorzieht. "Besuch...", sagt er deshalb nur monoton zwischen ihrem Redeschwall und seufzt erneut.
Er ist also jemand, den man besucht, nicht jemand, mit dem man zusammen ist. Ja Uio, denkt er sich, sieh der Wahrheit ins Auge.
>"...und Kali…Kali…wird bestimmt auch verstehen, dass wir zusammen gehören."< Im Gegensatz zu dir frag ich sie da nicht nach Erlaubnis und es ist mir egal, was sie versteht oder nicht!, denkt er mürrisch und verzieht kurz das Gesicht. Schnell atmet er tief durch und versucht wenigstens einigermaßen normal zu gucken, während Zoe unbeirrt weiterplappert.
>" Dann fahren du und ich gemeinsam nach Sorbonn und ich schau mir alles an und ich bring dann Aruna gaaaaaaanz viele Geschenke von unserer Reise mit. Oh Uio,…das wird bestimmt wunderschön.“
Stille...das Wasser des Ildorells rauscht leise und der Wind zaust an seinen Haaren. Verloren Uio!, zischt eine fiese Stimme in seinem Kopf. Mühsam versucht er zu lächeln.
"Ja...das wid bestimmt...schön..." , sagt er tonlos und nimmt sie einfach in die Arme. Wie konnte das alles nur passieren. Wie kann eine Frau die so kalt und herzlos ist, sie so an sich binden, dass Zoe sie ihm vorzieht?
Auf einmal ist sich Uio nicht mehr sicher, ob er Zoe zu Besuch mit nach Sorbonn nehmen oder was auch immer geschehen wird. Eines steht jedoch fest, sie wird nicht mit ihm kommen. Sie wird ihn nur besuchen und zwar erst dann wenn Kali wieder da ist.
Uios wunsch Kali wiederzusehen, hält sich in Genzen. Vielmehr hat er nicht vor, sie "wiederzusehen". Die Alte kann ihm gestoheln bleiben und soll von ihm aus verrecken.
"Tja...dann!", versucht Uio das Gespäch umzulenken. "Was hast du heute noch so zu tun?"
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Zoe

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14

Wednesday, January 8th 2014, 8:13am

Ganz eng kuschelt sich Zoe an ihrem besten-und-liebsten-großen-Freund. Wie schön das ist, hier im Sand zu liegen und Uios schnellen Herzschlag zu hören. Der Wind rauscht über die Dünen und wirbelt ab und zu ein bisschen Sand auf, der in kleinen Spiralen über die verstreuten Grasbüschel fliegt. Ganz unterschiedliche Muster entstehen, jede schöne als die andere. Eine der roten widerspenstigen Haarsträhnen Uios kitzelt sie in der Nase und lässt die groß gemachte Fee ein bisschen kichern.
Ganz im Hier und Jetzt und jeden noch so kleinen Moment mit Uio genießend liegt die Fee da. Das Uios Gedanken ganz wo anders sind, merkt Zoe gar nicht, denn Großen-Gefühle zu lesen, ist ihr schon immer schwer gefallen und das hat sich auch nach all den Jahren in Talyra nicht verändert.
„Das ist einfach wunderschön, dass du jetzt da bist!“, sagt sie bestimmt und drückt dem rothaarigen angehenden Magier eine süßen Feenkuß auf die Wange.
„"Tja...dann!“, kommt nach einer Weile der Stille aus Uios Mund, „Was hast du heute noch so zu tun?“
„Heute? Heute?...“ Die Fee mit den leuchtend blau-weißen Flügeln richtet sich auf und stemmt gespielt entrüstet ihre Hände in die Hüften. „ Glaubst du, wenn mein Lieblings-Uio sich mal wieder zuhause blicken lässt, dann hab ich irgendwas vor? Irisblüte hat mir frei geben und im Tempel…na da passt Fenora auf Aruna auf.“ Mit dem strahlensten Feenlächeln im Gesicht beugt sich Zoe über Uio und streichelt ihm liebevoll über die Wange. „Das heißt dieser herrliche Tag gehört ganz uns!“
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Lyall

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Thursday, January 9th 2014, 8:42pm

Gähnend streckt Lyall ihre schmerzenden Glieder und erhebt sich langsam.
Sie hatte diese Nacht nicht gut geschlafen, gepeinigt von Träumen an ihre verstorbene Mutter und die Umstände, die zu ihrem Tod geführt hatten. Daher hatte sie beschlossen schon früher aufzustehen und ihr Tagwerk im Anwesen zu beginnen. So hat sie schon Feuerholz gehackt und die Scheite anschließend ordentlich neben der Feuerstelle in der Küche aufgeschichtet, quietschende Tür- und Fensterscharniere geölt, die tierischen Mitbewohner gefüttert und nach Apfelgribs gesehen. Jetzt ist sie gerade dabei die großen Rosenstöcke im Garten des Anwesens mit Fichten- und Tannenzweigen gegen die kommende Kälte und einem zu frühen Austrieb zu schützen. Dicht an dicht hat die Wargin die immergrünen Zweige zwischen die Rosenäste gestopft und den ein oder anderen Kratzer davongetragen. Doch diese Pflanzen sind Avilas ganzer Stolz und Lyall bemüht sich alles ordentlich winterfest zu machen, so wie sie es einen Winter zuvor von der Großmagd gelernt hatte.
Prüfend zupft sie hier und da ein paar Zweige zurecht und blickt dann zum Himmel. Grau hängen die Wolken schon seit Tagen über der Stadt, doch sie scheinen sich lichten zu wollen, erblickt die Drachenländerin doch ab und zu einen Hauch von Blau.
Grübelnd senkt sie den Kopf und kaut nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum.
Bis zum Frühstück blieb mindestens noch eine Stunde. Diese könnte sie doch nutzen, um sich ein bisschen die Pfoten zu vertreten und ihre vom Arbeiten in der hockenden Position steifen Glieder zu lockern? Auch sieht es derzeit nicht nach Regen aus, sodass Lyall geschwind zum Gesindehaus läuft, sich in ihrer Kammer entkleidet und wandelt.
An der Türschwelle bleibt sie jedoch stehen. Winselnd und unentschlossen fragt sie sich, ob sie so ohne Bescheid zu sagen einfach gehen sollte. Doch Avila würde ihre abgelegte Kleidung sicher finden und ganz bestimmt wissen, dass Lyall nur kurz das Anwesen verlassen hatte und bald wieder da war. Und sicher würde vor dem Frühstück keiner explizit nach ihr suchen.

Freudig springt die Wölfin über den Hof und in den angrenzenden Garten hinein. Sie folgt dem immer schmaler werdenden Pfad aus weißem Kies. Ihr Ziel ist die Pforte hinter dem Haupthaus, die in den hohen Zaun eingelassen ist, der das Anwesen umgibt. Besser gesagt ist ihr genaues Ziel der Strand dahinter.
Auf der Uferpromenade stehend schnuppert sie die klare Luft, die angefüllt ist vom nassen Geruch wasserumspülter Steine und dem leicht faulig anmutenden Geruch der Algen.
Kurz überlegt sie, ob sie in Richtung Wald laufen und Kaney einen Besuch abstatten sollte, entscheidet sich jedoch dagegen. Sie wird weiter in Richtung Stadt laufen, immer nahe am Wasser, um das angespülte Treibgut nach interessanten Dingen zu durchsuchen. Hier hatte sie schon ein Stück Treibholz in Form eines Herzens gefunden, welches sie Avila zu ihrem Geburtstag schenken will, zusammen mit einem ganz durchsichtigen, etwa daumengroßen Stein, der möglicherweise nichts wert ist und nur aus - durch den Wellengang rund geschliffenes - Glas einer alten Flasche besteht. Doch der Stein sieht in den Augen der Wargin schön aus, brach das Licht in allen Regenbogenfarben und sie hatte ihn just in dem Moment gefunden, als sie an ein Geschenk für Avila gedacht hatte. Vielleicht würde sie heute wieder etwas Nettes finden.

Den Strand hinabtrabend hält sie die Nase immer dicht über dem Sand, saugt interessiert jeden Geruch auf und erschnüffelt so die Duftnuancen der verschiedenen Personen und Tieren, die sich in den letzten Tagen hier aufgehalten hatten.
Ab und zu springt sie mit beiden Pfoten voran in das kalte Wasser und versucht nahe kommende Fischlein zu fangen. Wirklich viel Mühe gibt sie sich nicht dabei, es ist eher spielerischer Natur.
Als ein vielversprechend wirkender Treibguthaufen vor ihr auftaucht beäugt sie ihn von allen Seiten und schiebt die gröbsten Teile - Holzplanken und Segeltuchfezten – beiseite. Doch zu ihrer Enttäuschung beinhaltet ihr Fund hauptsächlich Holz, Stofffetzen, ineinander verschlungene Stücke Tang und Fischernetz sowie eine verbeulte alte Öllampe ohne Glas. Missmutig scharrt sie im Sand nach kleineren Fundstücken, findet jedoch bis auf ein paar kaputte Muschelschalen nichts von Interesse.
Und so macht sie sich wieder auf den Weg, immer am Wasser entlang.
Eine frische Brise kommt auf, der sie freudig ihre Nase entgegen reckt, dem Gekrächz der Seevögel lauscht und dann wie angewurzelt stehen bleibt. Unter all den Gerüchen der Stadt und des Sees liegt ein Geruch den sie zu kennen scheint, aber noch nicht einordnen kann. Noch ist der Duft zu undeutlich und schwach, zu kraftlos, um sich gegen die viel schwereren Gerüche nach Fisch und Algen zu erheben. Und doch lässt er ihr Fell zu Berge stehen. Prüfend riecht und schmeckt sie die Luft.
Sie kennt den Geruch und er erinnert sie an nichts Gutes, im Gegenteil. Doch woher? Ihr Interesse ist jedoch größer als ihre Angst und so unterdrückt sie die in ihr aufkeimende Panik.
Langsam läuft sie den Strand hoch, weg vom Wasser und folgt ihm dann wieder Richtung Stadt. Der Sandstrand macht vor ihr eine leichte Kurve und eine alte Weide versperrt von ihrem Platz aus die Sicht auf den weiteren Strandverlauf.
Den Baum langsam umrundend kann sie zwei Gestalten weit vor ihr im Sand erkennen. Es scheint ein Pärchen zu sein. Nichts ungewöhnliches.
Von ihrer erhöhten Position aus, kann sie zwischen die hier recht niedrigen Dünen sehen, die der Wind jeden Tag aufs neue an eine andere Stelle wandern lässt.
Eng umschlungen liegen sie da, eingewickelt in den Mantel des Mannes. Immer wieder wirbelt der Wind den trockenen Sand am Scheitelpunkt der Sandhügel auf, sodass ihre Sicht auf die Beiden getrübt wird und sie nicht klar erkennen kann um wen es sich handelt. Sie will sich schon abwenden und ihre Angst abtun, als der Wind abermals dreht und ihr nun unverkennbar den Geruch und auch Gesprächsfetzen zuträgt.
Wie vom Blitz getroffen steht sie hochbeinig und stocksteif da. Sie kann es kaum glauben.
Es ist Uio und Zoe. Nicht nur der Wind rauscht jetzt in ihren Ohren, sondern auch eine beginnende Ohnmacht, die sie jedoch energisch abschüttelt. Obwohl sie am liebsten wegrennen würde und diesen Ort und vor allem diese Person zu verlassen, kann sie es nicht. Alte und verdrängte Bilder ziehen vorbei, martern ihr Hirn mit Eindrücken und Emotionen, die sie kaum aushalten kann. Ihr Mund beginnt plötzlich wieder zu brennen und flüssiges Feuer ergießt sich in ihren Rachen. Fast wahnsinnig vor Angst schnappt sie wild in die Luft, als würde sie imaginäre Fliegen jagen, nur um dieses entsetzliche Gefühl und die Phantomschmerzen loszuwerden. Winselnd reibt sie ihre Fänge an ihrem Vorderbein, bis die nicht wirklich existierenden Schmerzen nachlassen.
Vollkommen überrumpelt von dieser Begebenheit weiß Lyall nicht was sie machen soll. Zumindest von einer der beiden Personen hatte sie gehofft, dass sie Talyra verlassen hatte oder zumindest in irgendeine dunkle Ecke verschwunden war und nie wieder gesehen werden würde.
Unmerklich sucht sie die weiteren Dünen nach dem schwarzhaarigen Mann ab, der Lady Aurian angegriffen hatte. Doch sie kann ihn nirgends entdecken und auch der Wind erzählt ihr nur von zwei Anwesenden.
Uio... Wie hatte sie gehofft diesen Namen nie wieder hören zu müssen! Und jetzt? Jetzt musste sie ihn auch noch sehen! Wäre sie doch nur zu Kaney gegangen...
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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This post has been edited 1 times, last edit by "Lyall" (Jan 9th 2014, 8:51pm)


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