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Rayyan

Hänfling

  • "Rayyan" started this thread

Posts: 129

Occupation: Hexerjäger

Location: Talyra

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16

Sunday, November 18th 2012, 11:23pm

Ich bin so tot.
Er würde sich so gerne die Haare raufen, leider sind sie noch nicht lang genug dafür.
Ich bin ja so tot. Er wird mich vierteilen, den Mantikoras zum Frass vorwerfen, mich von einem Dreihorn zertrampeln lassen, häuten, kastrieren und das nicht in dieser Reihenfolge.
"Hast du eigentlich eine Ahnung, was du angerichtet hast? Hast du? Hast.Du?" Bei jedem Wort knirschen seine Zähne und es ist ein Wunder, dass er noch kein Feuer atmet. "Nein! Natürlich nicht! Wie auch! Bei Sarunirs schimmligem Arsch, du solltest gar nicht hier sein! Du solltest in Mar'varis in deinem verdammten Serail hocken, dir deine verdammten Fingernägel färben und dich mit nichts anderem beschäftigen, als mit den Fragen welchen reichen, gut aussehenden, anständigen , verdammten Prinzen heirate ich und welches verdammte kandierte Konfekt stopfe ich mir als nächstes in meinen verdammten vorlauten Mund!" Ich bin tot. Ich bin ja sooooo tot. Ich kann den Geruch der Verwesung schon riechen. Bei allen Göt... Moment, was? Mitkommen?
Erst jetzt sickern ihre letzten Worte vollständig zu seinem Bewusstsein durch und das Entsetzen folgt ihnen auf dem Fusse. "Nein!", schnappt er mit einer resoluten wegwischenden Handbewegung und schüttelt entschieden den Kopf: "Vergiss es! Du bleibst hier, in Sorbonn, wo dein Vater dich einsammeln kann. UndhöraufderStelleaufmichsoanzusehen! Das zieht nicht." Sie rollt die Zehen ein, er weiß es genau! Und diese tränenfeuchten Augen, das bebende Kinn... Hart. Steinhart. Zwergenhart. In seinem Kopf spielen seine Gedanken Ringelpiez mit Anfassen, alle durcheinander, alle im Kreis und alle drehen sie sich um die Frage, wie er Táhirih so schnell wie möglich auf ein Schiff in den Süden verfrachten kann, ohne dabei Schienbeine, Augäpfel oder Kronjuwelen einzubüssen. Entweder er bringt mich um, oder sie bringt mich um. Ich bin ein Tausendschönchen. Ein Tausendschönchen. Ein verficktes Tausendschönchen in der verfickten Wüste. Ich bin vor allem ein geficktes Tausendschönchen. Immerfrost klingt plötzlich gar nicht mehr so übel. Im Gegenteil. Es klingt sehr verlocken. Vor allem klingt es weit, weit weg. Und am besten bleiben sie einfach gleich da.

Noch immer reichlich geschockt, aber leider unfähig im Augenblick irgendetwas an seiner Situation zu ändern, legt er kurz den Kopf in den Nacken und fragt sich, wie er in diesen Narrentanz hineingeraten ist. Das weisst du _ganz_ genau. Wie konnte er auch ernsthaft glauben, dass Táhirih für einmal das tun würde, was man ihr sagt. Hat sie noch nie. Wird sie auch jetzt nicht. Wir besorgen also besser Wintermäntel für vier. Tot bin ich sowieso, ob ich sie jetzt mitnehme oder hier lasse. Dann nehme ich sie lieber mit und das kleine Miststück wird mich wohl entschädigen.
Er legt ihr eine Hand in den Rücken und schiebt sie vorwärts. "Dann tausch die Seidenstrümpfe mal besser gegen Wollsocken ein. Wir sind auf dem Weg nach Nirmonar." In ein paar wenigen, kurzen Sätzen erzählt er ihr von Nathanael, dem Hexerprozess, seinem Auftrag, seinem ewiglangen Aufenthalt in der Unterstadt Talyras und Uios Rolle in dem ganzen Chaos. Er lässt Keeshar aus, er lässt die Hure aus, er lässt Lys aus und er erwähnt mit keinem Wort, wie es ihm dort unten ergangen ist, aber als er fertig ist und sie beide vor dem grossen, schmiedeisernen Tor der Arkana stehen, legt Táhirih zwar die feine Haut auf ihrem Nasenrücken in kleine, angewiderte Fältchen, verbeisst sich aber jeden Kommentar darüber, dass er ja auch unbedingt in diesen Auftrag einwilligen musste. Das es ihr auf der Zunge liegt, weiss er einfach. Warum auch immer (und wie auch immer), sie sind zusammen gross geworden und wissen mehr übereinander, als über sich selbst, und auch wenn er glaubt, dass eine Stimme völlig neutral und nüchtern klingt, kann sie die Wut hören, die unterschwelig darin mitschwingt.
„Weisst du, ob Meister Llýr anwesend ist?“ Fragt er, um sich von dem verstörend wohltuenden Wissen abzulenken, dass er ihr auch nach all der Zeit getrennt noch immer nichts vormachen kann. Sie schüttelt den Kopf, die Finger ihrer Rechten noch immer an ihrer Schulter, wo der Sari gerissen ist. Für den Bruchteil eines Augenblicks legt er seine Hand, gross, dunkel und rau wie Sandpapier schützend über Ihre und sieht sie an, dann wendet er sich den Wächtern zu, die ihn bislang nur mit mässigem Interesse beachtet haben, jetzt allerdings einen Schritt nach vorne treten und sich nach seinem Anliegen erkundigen. Es verwundert ihn immer wieder aufs Neue, wie diese Männer den Überblick behalten können bei all den fremden Gesichtern, die tagtäglich durch dieses Tor strömen. Manche bleiben, manche nicht und manche kehren zwar in die Arkana ein, verlassen sie aber seltsamerweise nie wieder.

Uio in Sorbonn zu melden stellt sich als unkomplizierte Aufgabe heraus, da Meister LLlýr, Magoraes der Arkana Sorbonn, bereits über ihre Ankunft informiert worden war. Rayyan ist dem schlanken Herzländer bislang noch nie persönlich begegnet und ihn überrascht dessen freundliche, aber angenehm zurückhaltende Art, mit der er sie beide in seinem Kontor empfängt und sich nach seinem Anliegen erkundigt. Da der Erzmagier inzwischen wahrscheinlich schon weiss, wohin er unterwegs ist (Rayyan wirft einen spekulativen Blick in Richtung eines grossen, alten Sithechrabens, der ihn von der Fensterbank her böse anstarrt), überspringt er die Reise an sich kurzerhand und kommt auf das eigentliche Problem zu sprechen, nämlich den temperamentvollen, ungezügelten, streitlustigen, hormongetriebenen Junghexer in seinem Gepäck. Meister LLlýr, der hinter einem massiven Tisch aus Eiche mit Eibenintarsien und Kupferbeschlägen sitzt, hat die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, die langen, sehr schlanken Hänge gegeneinander gelegt und tippt sich nachdenklich gegen die Unterlippe. Obwohl er bestimmt mehr als fünfzig Sommer gesehen hat, trägt er noch immer das Gesicht eines gut aussehenden Mannes Mitte Dreissig, mit einem lächelnden Mund und gütigen, grauen Augen (die immer irgendwie wissend in die Welt schauen).
„Ihr bringt mir also Ärger ins Haus.“ Fasst Meister LLlýr Rayyans kurze und wenig schmeichelhafte Beschreibung des Hexers in einem noch kürzeren und noch viel weniger schmeichelhaften Satz zusammen und Rayyan nickt nur knapp zur Bestätigung, dass Uio genau das bedeutet. Ärger. Glücklicherweise ist Meister LLlýr nicht erst seit gestern Magoraes von Sorbonn und wenn irgendjemand Ärger in all seinen verrücktesten und unglaublichsten Definitionen kennt, dann ist es der Leiter einer Arkana, die im Volksmund auch gerne mit einem Alchemielabor vollgestopft mit Feuerhexern verglichen wird. Hier gibt es Ärger, wie man ihn nirgendwo sonst in den gesamten Immerlanden findet (und dann noch viel mehr).
„Er untersteht eurer Verantwortung, Meister Lleyal.“ Stellt Meister LLlýr klar und Rayyan nickt erneut. Damit hat er bereits gerechnet und die Beschränkungen, die folgen, überraschen ihn ebenfalls nicht. „Das vierte und das fünfte Stockwerk sind ihm verboten, ebenso der komplette Westflügel und die Bibliothek im Ostflügel, sowie der grosse Übungssaal im Südflügel. Ich werde die Lehrerschaft über seine Anwesenheit informieren, damit Sie es an die Schüler weitergeben können. Ich möchte ihn, solange er sich in meiner Arkana aufhält, unter ständiger Aufsicht, allerdings gehe ich nicht davon aus, dass es euch möglich ist ihn jeden Tag vierundzwanzig Stunden im Auge zu behalten.“
„Nicht wenn er es überleben soll“, gesteht Rayyan trocken ein: „Aber ich weiss jemand, der das für mich übernehmen kann. Ist Meryl von Dunkelschein noch immer Schülerin an eurer Arkana?“ Als der Name Meryl von Dunkelschein fällt, lehnt Meister LLlýr sich mit einem unergründlichen halben Schmunzeln in den Mundwinkeln zurück und hebt spekulativ eine Augenbraue. „Sie ist. Aber ich dachte der Junge solle es überleben?“
Achtlos zuckt Rayyan mit den Schultern und erhebt sich: „Ajwa. Soll er. Wird er. Sie macht das schon. Und wenn sie ihm auch noch ein wenig Anstand einbläut, soll es mir nur recht sein.“ Ihm ist es relativ egal, was Meryl tun muss, um die Fronten zu klären, solange sie dabei die Arkana stehen lässt (und seinen Ruf nicht komplett ruiniert).
Er hätte es besser wissen müssen.

Immerhin schafft es Uio beinahe einen Siebentag sich aus jedweger Art von Schwierigkeiten herauszuhalten, und Rayyan findet die Zeit sich um seine eigene Ausbildung zu kümmern, derweil der Hexer, wie versprochen, auf Knien die Treppen und Flure der Arkana blitzeblank bohnert. Zusammen mit Táhirih verbringt Rayyan viele Stunden in einem der unzähligen kleinen Übungszimmer, wo sie gemeinsam die Magisterzauber durchackern. Er muss feststellen, dass ihn die Zeit in der Unterstadt, als er sich zugunsten seines Hexerdeckmantels angewöhnte hatte in der Allgemeinsprache zu zaubern, fast um die Hälfte seines Arkanumvokabular gebracht hat. Zu seinem Glück hat Táhirih überhaupt keine Schwierigkeiten damit die klobigen Sprachbrocken, die sich in seinem Mund immer anfühlen wie besonders klebrige Zuckerbollen, die einem beinahe die Zähne aus dem Kiefer reissen, korrekt zu intonieren, und mit einer Seharimgeduld (die ihn mehr überrascht als alles andere) geht sie mit ihm Wort für Wort die Zaubersprüche der neuen und alten Zauber durch, bis er nach knapp einem Siebentag, zehn Litern mit Honig versüsstem Wasser für die gereizte Kehle und einem ganzen Haufen derber Flüche den ersten Magisterzauber in anständigem und verständlichem Arkanum zustande bringt. Und während sie sich gegenseitig bei ihren Lehren zur Hand (oder zu Wort) gehen, reden sie. Um genau zu sein redet Táhirih und Rayyan wirft hin und wieder einen Kommentar dazwischen. Sie lässt ihn und stellt keine Fragen, und er ist froh darüber. Er ist noch nicht bereit über die Unterstadt zu reden. Über den Panther, über Keeshar, über Lys. Vor allem über Lys. Über Lys, die ihn mochte. Über Lys, die sich um ihn kümmerte. Über Lys, die starb, bevor er sie an Deck ins Tageslicht bringen konnte. Über eine Frau, die es verdient gehabt hätte, gerettet zu werden, aber er hatte ja unbedingt einem egoistischen Drecksack hinterher jagen müssen, den er besser sofort bei ihrem ersten Zusammentreffen im nächsten Kanal ertränkt hätte.
Jeden Morgen und jeden Abend ruft Rayyan Uio zu sich und arbeitet mit ihm an seiner Konzentration und seiner Entspannung und im Gegensatz zu früher zeigt der Hexer sich sogar bereit zu lernen. Meryl, die eingewilligt hat auf den undankbaren Kerl aufzupassen und ihn vor grösseren Dummheiten zu bewahren, begleitet ihn pflichtbewusst sogar zu seinen täglichen Lektionen mit Rayyan, wo sie dann auf der Fensterbank herumlümmelt, die nackten Füsse baumeln lässt und sich ihren Büchern widmet. Der trügerische Frieden dauert immerhin ganze acht Tagen, dann macht Uio genau das, was Rayyan prophezeit hat: Ärger.

Er kann den Ärger schon riechen, lange bevor er ihn sehen kann. Es duftet nach Rauch, Staub und Seifenlauge mit einem Hauch von Zitrone, und als er sich dem Ort des Geschehens nähert, wird das Ausmass der Zerstörung schnell deutlich. Ein paar der teuren, azurianischen Wandteppiche kokeln noch nach, während an den Stellen wo keine hingen, die ehemals weiss gekalkten Wände schwarze Zirkel aufweisen, in deren Mitte kleine Löcher im Putz prangen. Die einzelnen Teile der Rüstung von Haldarim dem Edlen liegen wild verstreut um den umgekippten Sockel herum, dazwischen glänzen verräterische Wasserpfützen und als Rayyan um die Ecke biegt, muss er aufpassen nicht auf einer Eisspur auszurutschen. Das Bild der Verwüstung wird komplettiert durch die Verursacher, die in zwei kleinen Gruppen, zusammengedrängt wie kleine Herden verschreckter, aber wütender Ziegen, an je einem Ende des Ganges stehen und sich über aufgebrochene Marmorfliesen, herabgestürzte Kerzenleuchter, mit Frost überzogene Heldenstatuen, zerrissenen Gobelins und den rauchenden Überresten der mühsam gestalteten Planetarien der Erstsemester feindselige Blicke zuwerfen. Lieber Sithech, wenn du mich töten möchtest, tu es doch bitte einfach, ja? Schick mir keine Hexer, die weniger Verstand haben als in eine leere Hazelnussschale passt, und verschon mich um Himmels Willen von irgendwelchen verrückt gewordenen Weibern. Lass mich im Ildorel ertrinken, in der Wüste verdursten, von einem Normander erschlagen werden, aber mach es einfach. Bitte. Und wenn wir schon dabei sind, sag Colevar ich hätte ihn wirklich gerne in Talyra getroffen, ajwa?
Sowohl Uio, als auch Meryl, mussten ordentlich Prügel einstecken. Uio hat ein blaues Auge, blutet aus einer kleinen Platzwunde direkt über der Schläfe und ist tropfend nass von Kopf bis Fuss, derweil Meryl einen Arm in der Schlinge trägt und sich immer wieder über die aufgeschlagene Lippe leckt und dabei so triumphierend dreinschaut, dass man meinen könnte, sie hätte gerade die angreifenden Barbarenhorden von Asgrim Blodaxe eigenhändig und ganz alleine in die Flucht geschlagen. Zugegeben, die anderen sehen schlimmer aus und der herbeigeeilte Heilkundige renkt gerade einem schreienden Jungen die Schulter wieder ein. Direkt daneben steht Lehrmeister Gralon, der wahrscheinlich rechtzeitig vor Ort war um Schlimmeres zu verhindern. Ausgerechnet. Als der Maester Rayyan gewahr wird, wird seine sauertöpfische Miene noch verkniffener und es blitzt in den fiesen, schlitzförmigen Augen. "Natürlich", näselt es mit einer Stimme schleimig wie Froschlaich und reckt das spitze Kinn in die Höhe: "wer könnte auch sonst für so ein Desaster verantwortlich sein, ausser... "Sag es. Sag es. Bitte. Gib mir einen Grund. Aber Gralon tut ihm den Gefallen nicht, wahrscheinlich weil er sich noch zu genau daran erinnert, wie er kopfüber aus dem Fenster hing, die Robe ihm über den Kopf rutschte und jedermann seine gestreiften Unterhosen sehen konnte (und weil er ganz genau weiss, dass Rayyan es wieder tun würde.) "...Meister Lleyal."

"Gralon", begrüsst Rayyan den Mann mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfnicken, bevor er sich an Uio und Meryl wendet, die Arme vor der Brust verschränkt und die beiden und ihre zerschlissene Erscheinung mustert. "Sagte ich nicht, du sollst aufpassen, dass er keinen Ärger macht?"
"Hat er auch nicht!" Empört sich Meryl sofort, weist mit ihrem gesunden Arm anklagend auf den kümmerlichen Haufen dessen, was einmal eine streitlüsterne Truppe hexerfeindlicher Besserwisser gewesen sein muss. "DIE haben angefangen! Sie haben ihn gereizt und beschimpft und er hat sie mehrmals gewarnt, sie sollen damit aufhören, bev..."
"Sie lügt!" Schrillts von der anderen Seite und Rayyan sieht ein junges, blondes Mädchen in etwas, das einmal eine Novizenuniform gewesen sein muss und jetzt an einen zerrissenen Kartoffelsack erinnert, mit einer riesigen Beule auf der Stirn, einem blutig aufgekratzten Gesicht und ein paar kahlen Stellen am Kopf, zu ihnen hinüberhinken, blanke Mordlust in den schlitzförmigen blauen Augen, die verblüffende Ähnlichkeit mit denen von Lehrmeister Gralon aufweisen. Allerdings hat er keinen Arm frei für Madame Sauertopf, denn Meryl will die Anschuldigung natürlich nicht einfach so auf sich sitzen lassen, und macht prompt Anstalten sich kopfüber in den nächsten handfesten Streit zu stürzen. "Das stimmt nicht!" "Woah, hier geblieben, kleine Nemira. Zieh deine Krallen wieder ein, es gibt keine Stelle mehr in ihrem Gesicht, die du noch nicht zerkratzt hast." Er erwischt sie am Kuttenzipfel, muss allerdings erstaunlich viel Kraft aufwenden, um dieses kleine dürre Etwas von Raufbold davon abzuhalten, der anderen an die Gurgel zu gehen (die beim Anblick des schnaufenden und hufescharrenden Kampfkobolds sicherheitshalber doch wieder ein paar Schritte zurückweicht).
"Ich verlange eine Entschuldigung!" Fordert Streifenhosengralon und legt dem blonden Mädchen eine Hand auf die Schulter. "Dein Hexer wird meine Tochter auf der Stelle um Verzeihung bitten und..."
"Den Dunklen wird er tun."
Schlagartig kehrt völlige Stille ein. Sogar der Junge, der eben noch heulend seinen wieder eingerenkten Arm gegen seine Brust gedrückt hat, vergisst sein Leiden für einen Augenblick und blinzelt durch seine Tränen hindurch zwischen den zwei Erwachsenen hin und her. Gralon indes läuft zornrot an, wie ein Dampfkessel kurz vor dem Zerspringen, aber Rayyan lässt ihn gar nicht erst zu Wort kommen. "Uio und Meryl werden zusammen mit deinem liebenswerten Töchterlein und deren Freunden das Chaos beseitigen, das sie angerichtet haben, aber er wird sich nicht entschuldigen. Nicht mit einem _einzigen_ Wort.“ Dann dreht er sich auch schon wieder zu Uio und Meryl um, packt beide im Nacken und treibt sie mit einem leichten Schubs vorwärts. "Los. Und kein Wort."

An diesem Abend sitzen sie zu viert, Uio, Táhirih, Meryl und er selber, im ‚Tanzenden Zauberer‘ und schlagen sich die Bäuche mit kandierten Äpfeln, süssem Kohlrabieintopf und in Preiselbeerenmarmelade eingelegten Honigbrötchen voll, und als sich Meryl löffel- und messerschwingend auf ihren Stuhl stellt und von ihrem Kampf gegen Madame Sauertopf und deren sieben Zwergen berichtet, geht erheitertes Gelächter durch die Runde. Sogar Rayyan ringt die sehr eindrückliche Darbietung ein schiefes Grinsen ab. Die Geschichte verbreitet sich wie ein Lauffeuer und schon am nächsten Tag ist Uio, als einfacher Hexer bereits eine Attraktion, zu einer kleinen Berühmtheit geworden (der man allerdings besser aus dem Weg geht, ausser man möchte genauso enden, wie Sauertopf). Alle fünf Schritt linst also ab sofort eine kleine Schar neugieriger Magielehrlinge um die Ecke, nur um sich in alle Winde zu zerstreuen, sobald man einen Schritt auf sie zumacht. Rayyan kann nicht sagen, ob Uio die teils ängstlichen, teils bewundernden Blicke gefallen, oder ob ihm das ständige „Ahh...“ und „Ohhh...“ aus weit aufgeklappten Kindermündern auf die Nerven geht, aber da der Bursche keine Anstalten macht, dem nächstbesten Schaulustigen an die Gurgel zu springen, lässt er die Lehrlinge und Novizen, teilweise sogar noch Adepten, gewähren. Meryl, die inbrünstig erklärt hat, es sei ihre Pflicht Uio weiterhin zu beschützen, greift immer rechtzeitig ein, um besonders impertinente Gaffer mit ein paar bösen Blicken zu vertreiben und als der Zeitpunkt der Abreise gekommen ist, könnte Rayyan schwören, dass sich zwischen den beiden jungen Menschen so etwas wie eine Freundschaft entwickelt hat. Auf jeden Fall verpasst Meryl Uio eine knochenbrechende Umarmung zum Abschied, drückt ihm einen Kuss auf die Wange und warnt ihn unter der Androhung von Prügel davor sich ohne sie mit irgendjemandem anzulegen, verspricht ihm zu schreiben (er solle gefälligst lesen lernen) und wünscht ihm alles, alles Gute, ehe sie es plötzlich fürchterlich eilig hat. Nur ein paar hastig weggewischte Tränen verraten den wahren Grund für ihren überstürzten Aufbruch.

Das Mondtor von Sorbonn liegt tief verborgen in den Eingeweiden der mächtigen Klippen, auf denen die Burg thront. Meister Viersturm, der Hüter des Mondtors, führt sie Tunnel um Tunnel, gewundene Treppe um gewundene Treppe weiter hinab in die Dunkelheit. Táhirih läuft vor ihm, eine zarte Hand vorsichtshalber leicht zur Seite gestreckt, um sich zur Not am nackten Fels abstützen zu können. Rayyan kann unmöglich sagen, wie tief sie unter der Erde sind, obwohl er es eigentlich ziemlich genau weiss. Uio und Táhirih dürften inzwischen komplett die Orientierung verloren haben, doch selbst ihm als Erdmagier fällt es schwer das Lied seines Elementes hier in der Nähe einer so hohen Konzentration des Arkanen Netzes zu hören. Er hat das Gefühl schon Stunden zu laufen, dann biegen sie um die letzte Wegkehrung und plötzlich weitet sich der Gang zu einer unterirdischen Grotte von wahrhaft gigantischen Ausmassen. Eine Kathedrale aus blauem Licht und schimmernden Tropfsteinen, die wie Eiszapfen aus milchhellem Perlmutt, zartem Rosenquarz und nassem Ilcorin von der hohen, gewölbten Decke hängen und wie lange, spitze Kegel aus dem Boden wachsen und den See, der sicher die Hälfte der Höhle einnimmt, mit Schilf wie Himmelsstein säumen. Meister Viersturm führt sie auf einem breiten, mit Sand bedecktem Pfad zwischen den Stalagmiten hindurch, bis ans Ufer des Wassers, das glatt und schwarz wie der Mitternachtshimmel vor ihnen liegt. Genau in der Mitte des Sees erhebt sich eine kleines Eiland aus grauem Fels und darauf, ein Ring glänzenden Silbers, steht das Tor. Es liegt ein Floss bereit, auf dem bequem zehn Menschen oder drei Pferde (aber mit Sicherheit nicht Táhirihs ganzes Gepäck) Platz gefunden hätten, und als sie sich alle darauf eingefunden haben, fährt es wie von Geisterhand geschoben los. Als Rayyan einen flüchtigen Blick über den Rand hinaus in das pechschwarze Nichts wirft, stellt er wieder einmal mit Unbehagen fest, dass sich keine einzige Welle auf der Wasseroberfläche kräuselt. Es kursieren die wildesten Gerüchte darüber, wen oder was diese Wasser beheimaten und wenn Rayyan nicht völlig falsch liegt, sind sie alle wahr. Abgesehen von dem Dämon. Aber sogar dafür würde ich nicht meine Hand ins Feuer legen. Es heisst nicht umsonst, die Mauern von Rixa würden fallen, bevor ein Unbefugter sich auch nur auf soviel wie hundert Schritt dem Mondtor von Sorbonn nähern könnte. In Rixa hingegen behaupten die Templer natürlich, ehe würden alle Mondtore fallen, bevor ihre Mauern eingenommen werden könnten.
Seit dem Sturm einer dämonischen Legion auf das Mondtor der Weissen Arkana zu Kap Taret, der in der völligen Zerstörung der magischen Akademie und dem grausamen Tod hunderter magiekundiger Gelehrter endete, werden die verbliebenen sechs Mondtore besser bewacht, als das legendäre Erddrachenauge. In Hólar muss man fliegen können, um das Tor zu erreichen, in Serathie beschützt der Atem eines Drachen den Eingang, Talikath wird von tosenden Wasserfällen verborgen, die magische Barriere um das Elbenreich verhindert jeden Durchbruch nach Imraseth, auf Nirmonar würden sogar Dämonen erfrieren und um an das Mondtor von Narnia heranzukommen, müsste man erst einmal die Arkana finden.

Das Holz knirscht leise, als es sich über den Fels schiebt, der unter ihren Füssen ganz leicht zu pulsieren scheint und Rayyan weiss, dass er sich warm und spiegelglatt anfühlt, wenn man ihn anfasst, obwohl er kalt und rau aussieht. Einen Fuss noch auf der Fähre hilft er Táhirih sicher aufs Trockene, die sich nach einem kurzen Wortgefecht davon hat überzeugen lassen, dass ihre Seidensaris für Immerfroster Temperaturen denkbar ungeeignet sind, egal wie oft sie den Stoff um ihre Schultern wickelt. Stattdessen müht sie sich jetzt mit einem halben Dutzend Röcken aus feinster Moorschnuckenwolle ab. Er hat keine Ahnung, wo sie das Kleid aufgetrieben hat (oder welchen Preis sie dafür zahlen musste), aber die azurblaue Farbe betont ihre Augen und der Schnitt schmeichelt ihrer Figur mehr, als nötig gewesen wäre. Dankenswerterweise es ist nebenbei auch noch hochgeschlossen, hat lange Ärmel und hält warm. Dazu gesellen sich Strümpfe in der passenden Farbe und ihre kleinen Füsse stecken in kniehohen Stiefel aus mit Kaninchenfell gefüttertem Wildleder. Er und Uio tragen Unterkleidung aus Wolle, Hosen und Hemden aus doppelt genähtem Leinen und darüber Tuniken aus kratzigem Loden mit hohem Kragen. Erst auf Nirmonar werden sich dicke Pelzmäntel, gefütterte Handschuhe und Mützen dazugesellen, um die beissende Kälte, die sie auf dem Weg zum Gefängnis erwarten wird, auszusperren.
Meister Viersturm geleitet sie über die Felsen hinauf, bis auf wenige Schritt an das Mondtor heran. Es ist ein kreisrunder, flacher Ring aus einem blau schimmernden Metall, dessen Name und Ursprung niemals die Hallen der Götter verlassen haben. Die Oberfläche ist ganz fein mit dicht verschlungenen Ziselierungen überzogen. Ob es sich bei den Mustern um ewig vergessene Schriftzeichen, arkane Symbole oder einfach nur kunstfertige Ornamente handelt, wissen nur Xinahoa, die den Magiekundigen dieser Welt die Mondtore vor langer, sehr langer Zeit zum Geschenk machte, und Sil, aus dessen Esse die Ringe stammen. Links und rechts neben dem Portal steht jeweils ein Hüter, eine Frau und ein Mann, sie alt, er jung, die auf eine kleine Geste von Meister Viersturm hin beide ihre Hände flach auf das geheimnisvolle Metall legen. Drei Herzschläge lang geschieht nichts, dann, plötzlich, lösen sich unter ihren Fingern kleine Wellen silbernen Lichts. Träge gleiten Sie über den perfekt runden Ring, werden grösser und grösser, bis sie in fünf Schritt Höhe irgendwo im schummrig blauen Zwielicht über ihren Köpfen aufeinander treffen und sich von dort in Bächen aus flüssigem Mondlicht in die Leere des Tores ergiessen. Das Silber wabert und leckt durch die Luft, wie dichte Regenschauer über eine Glasscheibe, und breitet sich immer weiter aus, bis die gesamte Fläche innerhalb des Ringes davon bedeckt ist und der Durchang in das arkane Netz sich wie ein altersblinder Spiegel vor ihnen aus dem milchgrauen Dunkel der Grotte erhebt.

Rayyan steht bei diesem Anblick schon lange nicht mehr der Mund offen, dafür hat er die Tore viel zu oft erwachen sehen, aber ihn ergreift noch immer die gleiche überwältigende Ehrfurcht, wie am Tag seiner allerersten Reise. Und was sie hinter dieser Scheibe aus Sternenschimmer erwartet, lässt sich nicht in allen Sprachen der Immerlande beschreiben.
Also sagt er nur „Komm“, legt Uio eine Hand auf die Schulter und führt den jungen Mann auf das Portal zu, bis die nur noch wenige Sekhelrin sie von der makellos glatten Oberfläche trennen. „Wir laufen gemeinsam hindurch. Lass mich nicht los, sonst verlierst du uns vielleicht.“ Mit seiner freien Hand umschliesst er Táhiris beringte Finger und für einen Augenblick treffen sich ihre Blicke. Lass mich nicht los. Sagt seiner. Niemals... Idiot. Sagt der Ihre, dann holt Rayyan sich bei Meister Viersturm die Bestätigung, dass sie hindurch treten dürfen... und taucht ein ins lebendige Quecksilber.
Die Welt, wie sie sie kennen, hört auf zu existieren und alles, was einmal logisch erschien, verliert seine Bedeutung, als die Ewigkeit sich vor ihnen in abertausenden Farben manifestiert. Vor ihnen breitet sich die Endlosigkeit in glühenden Schlieren von Kornblumenblau, Sonnengelb, Orange, Purpur, Lapislazuli, Grün, Zinnober, Anthrazit, Azur, Ocker, Erdbraun und Feuerrot aus. Dazwischen blühen Flecken aus blendendem Schneeweiss und alles verschlingendem Pechschwarz. Alles windet sich die in einem trägen Wirbel um einen unsichtbaren Punkt, und wechselt Ort und Form so schnell, dass das Auge dem Schauspiel nur mit Mühe folgen kann. Magie. Überall. Man kann nach ihr greifen, sie anfassen, sie streicheln, sie festhalten. Man kann sie atmen, sie schmecken, sie trinken. Sie ist allgegenwärtig und bringt das Mana in jedem einzelnen von ihnen zum Kochen. Sie hat kein Ende und keinen Anfang, kein Oben und kein Unten und erst recht kein Rechts und kein Links. Nur ein Vor und ein Zurück, entlang eines hauchfünnen Fadens flüssigen Lichts, der sich vor ihnen durch das Chaos dieser vielleicht ursprünglichsten aller Kräfte schlängelt und ihnen den Weg weist.
Rayyan lässt den Wechsel auf sich wirken und wartet bis der Aufruhr in seinem Magen sich wieder ein wenig gelegt hat, bevor er probeweise einen Schritt nach vorne macht (über einen unsichtbaren Boden hinweg, der den Eindruck vermittelt, es würde unendlich weit nach unten gehen). Táhirih neben ihm tut es ihm gleich, nur Uio bleibt stehen und als Rayyan sich umdreht, stielt sich ein halbes Schmunzeln auf seine Lippen. Den Unterkiefer auf der Brust, die Augen so gross wie Wagenräder und ein ganz und gar hingerissener Ausdruck auf dem immer missmutigen Gesicht, sieht Uio genauso aus, wie jeder aussieht, der zum ersten Mal in das Magiegewirr eintaucht, welches, unsichtbar für das normale Auge, nahezu die kompletten Immerlande überzieht. Absolute Faszination und endloses Erstaunen kämpfen um die Vorherrschaft auf seinen Zügen und es dauert einen Moment, bis er irgendwann so etwas Ähnliches wie ein ungläubiges Gurgeln zustande bringt.

„Entferne dich nicht mehr als zwei Schritt von uns. Wenn du den Weg verlässt, verlässt du das Netz. Wo du es verlässt, unter der Erde, über der Erde, wie weit über dem Boden kann man nie genau sagen. Die einzigen stabilen Verbindungen sind die Wege zwischen den Mondtoren.“ Abgesehen von Rayyans sehr knapper Einführung in die Materie des Magischen Netzes reisen sie schweigend. Nicht nur, weil Uio sowieso nichts anderes hervorbringt, ausser ein gelegentliches „Oh...“ oder „Woah...“, auch Rayyan und Táhirih geniessen das Schauspiel in stiller (Drei)-Zweisamkeit. Es sind diese Momente, während denen Rayyan vergessen kann, dass er nie ein Magier werden wollte. Hier, wo seine Kräfte allumfassend und seinen Möglichkeiten nahezu keine Grenzen gesetzt sind, fühlt er sich besonders. Hier weiss er, wer er ist und was er kann (noch mehr, als das er das normalerweise schon tut).
Als sie keine halbe Stunde später die Hälfte der Wegstrecke bereits hinter sich gebracht haben, ohne wirklich Distanz zurück gelegt zu haben, deutet Rayyan auf einen Knoten im Lichtfaden, von dem aus in zwei verschiedene Richtung weitere blasse Linien wegführen. „Das ist ein grosser Netzknoten. Hier könnten wir abbiegen, wenn wir auf dem Weg nach Serathie wären und man uns einlassen würde. Wie du siehst“, mit einem Kopfnicken in das Gewirr vor Ihnen, wo sich ein Teil ihres ‚roten‘ Fadens abrupt in einer sich bewegenden Farbenwand verliert, verdeutlicht Rayyan, was er meint, „gibt es keinen Durchgang. Wenn man ein Mondtor öffnet, muss man sich für einen Zielort entscheiden und nur diesen Zielort kannst du erreichen. Komm.“ Sie biegen um eine Kurve. Zumindest scheint das Chaos so etwas wie eine Kurve zu machen, auch wenn die Sinne keine wahrnehmen, und laufen gemessenen Schrittes weiter. Selbst ein Erzmagier, der mithilfe eines eigenen Zaubers viele Tausendschritt durch das Magische Netz reisen kann, wird hier immer auf der Hut sein und auf seine Füsse achten, denn so leicht wie man eintreten kann, so leicht fliegt man raus. Manchmal auch nur stückweise. Oder gar nicht. Unzählige sollen sich im arkanen Gewirr bereits verirrt und nie wieder zurückgekehrt sein. Eine gute Orientierung hat noch keinem Magier geschadet, wie ein altes Sprichwort besagt.

Und dann sind sie da. Von einem Schritt zum nächsten lassen sie die Farben hinter sich und treten durch eine unsichtbare Wand in eine kalte, schwarze Halle. Sie ist nicht annähernd so gross wie die Grotte in Sorbonn, sondern gerade hoch und breit genug, damit wenige Sekhelrin den Metallrahmen des Tores von den alten Mauern trennen. Rayyan streckt gerade noch rechtzeitig die Hand aus, um Uio daran zu hindern, kopfüber die drei zerbrochenen Stufen hinab zu stolpern. Für den Bruchteil einer Sekunde glüht die Dunkelheit vor ihnen noch silbrig blau, dann erlischt das Mondtor in ihrem Rücken und vollkommene Schwärze umspült sie.
„Meister Lleyal, Hexer Uio und Meisterin Sher Nava’i.“
Táhirihs Stimme hallt wider, erst stark und weich, dann schwah und zittrig, bis die Stille sie völlig verschluckt. Die Antwort besteht aus unverständlichem Gemurmel, dann fangen Fackeln entlang der Mauern Feuer, eine nach der anderen, und bringen die Schatten zum Leben. Zwei Männer und eine Frau schälen sich aus einem Gang, der gut verborgen hinter einem kleinen Berg an Trümmern liegt und streifen ihre Kapuzen vom Kopf, als sie näher kommen. Die Frau ist klein, vielleicht etwas mehr als fünf Schritt, hat ein zartes Gesicht und wirkt bis auf ihre grünen, ausdruckslosen Augen sehr jung. Sie, wie auch ihre Männer (sie atmet Autorität wie andere Menschen Luft) sind in dicke Pelze, gehärtetes Leder und schwere Wollumhänge gehüllt. „Meisterin Sher Nava’i, Meister Lleyal, Hexer Uio.“ Die Frau nickt jedem einzelnen von ihnen zu und lächelt leicht. „Ich bin Meisterin Kennoacha, Kommandantin der Eisgarde von Nirmonar und Hüterin des Mondtores. Wir haben euch bereits erwartet. Bitte folgt mir. Meister Lleyal, auf ein Wort.“ Rayyan, mit den heiklen Stufen vertraut, geht voraus und hilft Táhirih anschliessend über eine aufgebrochene Bodenplatte hinweg, die senkrecht aus dem felsigen Untergrund ragt und die halbe Treppe unter sich begraben hat. Das wahre Ausmass der Verwüstung wird durch das Spiel von Licht und Dunkelheit verschleiert, aber überall ragen scharfkantige Schemen aus dem Zwielicht und hier und dort lassen sich Krater in den Mauern erkennen, dürftig aufgefüllt mit Stein und Lehm.
Táhirih und Uio laufen nebeneinander, direkt gefolgt von den Männern, derweil Rayyan Meisterin Kennoachas Aufforderung nachkommt und an ihrer Seite voraus geht. Die fast zwei Köpfe kleinere Wächterin zieht eine Pergamentrolle unter ihrem Mantel hervor und reicht ihn weiter: „Nathanaels Freilassung. Bereits gezeichnet. Er wird gerade in den Westtrakt gebracht. Werdet ihr gleich zurückreisen, oder möchtet ihr erst mit ihm reden?“
„Reden.“ Erwidert Rayyan und schiebt das Dokument ungeöffnet durch seinen Gürtel, wo es bei jedem Schritt leise knistert. In Uios Anwesenheit möchte er nicht mehr als nötig über Nathanael sprechen, denn er weiss nicht, in welchem Zustand sich der schwarzhaarige Hexer befindet. Ob es ihn überhaupt noch gibt.

Sie lassen ein endloses Gewirr an Gängen hinter sich, alle fensterlos und lang und kalt, bis sie in eine kleine Kammer gelangen, wo entlang der Wände verschiedene Mäntel und Pelze aufgehängt sind und sich in zwei kleinen Truhen Fell und Leder stapeln. Rayyan, der die Prozedur bereits kennt, nimmt sich einen Mantel ungefähr in seiner Grösse und bedient sich an Fellen, Handschuhen und Mütze, bis er aussieht wie ein fettes Wombat mit Winterpelz und ihm reichlich warm geworden ist. Erinner dich an die Wärme, wenn es raus geht. Denkt er grimmig und wartet, bis Uio und Táhirih es ihm gleich getan haben. Das dauert eine Weile, denn Táhirih findet erst keinen Mantel in ihrer Grösse, dann stimmt die Farbe nicht, schliesslich gibt es keine passenden Handschuhe und eine Mütze kommt gar nicht in Frage, sonst würde man sich ja die Frisur ruinieren. Meisterin Kennoacha lässt sich von dem Gemecker nicht einmal ansatzweise aus der Ruhe bringen, sondern erzählt Táhirih nur mit Seharimgeduld etwas von abgefrorenen Ohren und Frostbeulen auf der Stirn und siehe da, schon trägt auch Madame Samtschühchenmitdiamantenschnürsenkel einen turmartigen Hut aus irgendeinem verlausten, grauen Fell, der ihr fast bis auf die Nase rutscht.
Das, was an Wärme noch da war, erstirbt als einer der Männer eine schwere Holztür aufschiebt und eine Bise, schärfer und eisiger als Chóls Atem, durch den Raum gleitet und den Stein unter ihren Füssen nahezu augenblicklich mit einem Feld glänzender Eisblumen überzieht. Obwohl Rayyan sich fest in seinen Mantel eingewickelt hat, fühlt er wie die Kälte ihm unter Pelz, Wolle, Stoff und Fell kriecht. Direkt in sein Fleisch und seine Knochen, und als sie die Kammer verlassen und in das Schneetreiben eintauchen, vergessen sie, wie Wärme sich eigentlich anfühlt.
Der Schnee fällt so dicht, dass man die eigene Hand vor Augen nicht sehen kann. Sie wandern durch eine graue Masse, völlig blind und das einzige, woran man sich festhalten kann, ist der Rücken seines Vordermannes. Immer wieder wirft Rayyan einen kurzen Blick durch zusammengekniffene Augen über die Schulter, um sicher zu gehen, dass Táhirih direkt hinter ihm ist. Uio, der hinter Táhirih tapfer durch den Schnee stapft, kann er schon nicht mehr erkennen. Zu ihrem Glück weiss Meisterin Kennoacha ganz genau wo es lang geht und Rayyan vermutet, sie hätte den Weg auch mit verbundenen Augen noch finden können. Blind zu sein wäre hier kein Nachteil. Stellt er trocken fest und schnauft weisse Wolken in die weisse Luft.

Es ist ihm unmöglich zu sagen, ob sie hundert Tausendschritt oder nur zwanzig Fuss zurück gelegt haben (und eigentlich ist es ihm auch völlig egal), als Meisterin Kennoacha vor ihm plötzlich verschwindet und er gleich darauf in einer grösseren Halle steht, in deren Mitte in einem riesigen, viereckigen Steinbecken ein Feuer brennt, so hoch, dass die Spitzen seiner Flammen die Decke schwarz malen. Erleichert schüttelt Rayyan sich einmal wie ein nasser Hund, um den Schnee auf Schultern und Kopf los zu werden. Meisterin Kennoacha und auch die Männer folgen seinem Beispiel, und er könnte schwören, dass die kleine Frau ihn einen Moment lang eingehend mustert. Obwohl ihre Züge glatt sind wie polierter Marmor, fällt es ihm leicht zu erraten, mit welcher Frage sie sich gerade beschäftigt, aber er wird den Dunklen tun und auch nur mit einem Wimpernzucken darauf eingehen.
Er hat zehn Jahre nicht darüber geredet. Er wird jetzt nicht damit anfangen.
Nachdem sie Mäntel, Pelze und Felle auf einen Tisch direkt neben den Eingang gelegt haben, erklärt Meisterin Kennoacha ihnen, dass Táhirih und Uio herzlich Willkommen seien, sich in der Küche, dem einzigen Ort auf der ganzen Insel, dem so etwas wie Gemütlichkeit anhaftet, die zitternden Finger zu wärmen und sich den kalten Magen mit heissem Met und einem deftigen Eintopf zu füllen. „Meister Rayyan, wenn ihr mir folgen würdet.“ Schliesst sie und deutet auf eine weitere Tür auf der anderen Seite der Halle, von wo aus weitere Gänge in den Ost- und Westtrakt führen. Das Gefängnis liegt noch ein ganzes Stück weiter weg, inmitten einer Rashanansammlung, deren Auswirkungen sich glücklicherweise nicht bis in Gesindekammern, Aufenthaltsräume und Wohnquartiere der hier lebenden Wächter erstrecken. Das Haupthaus der Bewohner von Nirmonar, ausgenommen der Gefangenen, steht in der Nähe des Mondtores auf der westlichen Hälfte der Insel. Das Gefängnis und die Kammern der Insassen befinden sich auf der östlichen Hälfte. Unterirdische Tunnel verbinden beide und verhindern, dass eine von der anderen aufgrund des unberechenbaren Wetters oder meterhohem Schnee abgeschnitten wird.
Ohne ein weiteres Wort der Erklärung lässt Rayyan seine Gefährten bei den beiden Wächtern zurück und folgt Meisterin Kennoacha, sich die steif gefrorenen Finger reibend. Zehn Mäntel könnten diese Dreckskälte nicht vertreiben. Den Göttern sei dank beherbergt Nirmonar auch mehrere Feuermagier, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als im Westtrakt gegen den immerwährenden Frost zu kämpfen. Sie passieren auf dem Weg drei grosse und mehrere kleine Feuerkörbe, sowie zwei Frauen, die mit einfachen Zaubern gemeinsam einen Schlafsaal heizen.
Auch in der Halle, in die man ihn bringt, ist es angenehm warm und vor einem brennenden Kamin stehen auf einem massiven Holztisch zwei Becher und ein Krug dampfenden Weines. Von Nathanael noch keine Spur. Als ob Meisterin Kennoacha seine Gedanken erraten hätte, weist sie auf die Bank und zieht sich gleichzeitig schon wieder zurück: „Er wird gleich gebracht. Wenn ihr etwas braucht, ruft. Eines der Mädchen wird sich dann darum kümmern.“ Mit einem stummen Nicken gibt er ihr zu verstehen, dass er begriffen hat, dann wartet er, bis sie die Tür hinter sich zugezogen hat, ehe er näher an den Tisch tritt, sich kurzerhand einen Becher mit dem heissen Getränk füllt und den Inhalt in drei grossen Schlucken hinunterstürzt. Der Wein verbrennt ihm den Mund und den Rachen, aber die Hitze, die ihm explosionsartig durch den Torso schiesst, verdrängt den Schmerz sofort.

Gemächlich lässt er sich auf die Bank sinken und seinen Blick durch die kahle Halle gleiten, bis er in den Flammen hängen bleibt, die über die steinernen Innenseiten des monströsen Kamins lecken und sich in ihrem knisternden Tanz immer wieder zu einem Trugbild aus kühn geschwungenen Linien, weichem Fleisch und langem, wallenden Haar formen, wunderschön und zart wie geschmolzenes Glas und gleichzeitig so anmassend und gefährlich und so verdammt verwirrend. Seit er Táhirih in Sorbonn getroffen und sie sich in ihrer typisch eigensinnigen Arroganz weder durch Vernunft noch Drohung davon hatte abbringen lassen, ihm an diesen kalten, dunklen Ort aus Stein und Eis zu folgen, fragt er sich, was für ein Ende diese Geschichte nehmen wird. Der Nemir ist kein Mann, der verzeiht. Und er selber ist kein Mann, der sein Wort bricht. Lügner. Tönt es schon wieder in seinem Kopf, und die Wut darüber, dass es stimmt, ist rot und heiss. Einmal ganz abgesehen von seinem Stolz, der wutschnaubend und mit den Hufen scharrend wie ein aufgebrachtes Azurianisches Dreihorn im Kreis galloppiert. Dann knarrt hinter ihm eine Tür in den Angeln und als er sich erhebt und umdreht entdeckt er auf der anderen Seite der kleinen Halle zwei Männer. Einer davon ein Wächter in dickem, weissem Pelz und gehärtetem Bartrobbenleder, mit einem unterarmlangen Dolch am Gürtel und einer Peitsche aufgerollt auf dem Rücken. Rayyan erkennt den Mann, dessen Gemüt mitunter genauso grobschlächtig werden kann, wie sein Gesicht, und der schon seit vielen Jahren auf Nirmonar dient. Er war jung gewesen, als Rayyan angekommen war. Frisch aus dem Haus der Wächter und ganze Moosmatten hatten hinter seinen abstehenden Ohren gewuchert, aber zehn Zwölfmonde an diesem Ort, hatten ihm das jungenhafte Grinsen von den Lippen geschliffen und ihn innerlich und äusserlich abgehärtet. Nirmonar ist grau und kalt und erbarmungslos, und so sind auch seine Wärter. Der Mann indes sieht Rayyan an und in dessen sturmgrauen Augen findet er nichts, ausser seiner eigenen Spiegelung. Es ist, als würden sie sich zum ersten Mal begegnen, aber Rayyan erinnert sich genau, immerhin hat er sich zweimal mit dem bulligen Aufseher angelegt und dafür mehrere Siebentage in einer sehr kleinen und immerzu dunklen Zelle tief unter der Erde verbracht.

Schwarzeseel, wie die Gefangenen den Wächter, der eigentlich Daryion von Siebenheim heisst, getauft haben, schiebt den Hexer vorwärts, in Rayyans Richtung, bis nur noch zwei Armlängen sie trennen. Nathanael geht leicht gebeugt und zieht seine Füsse nach, ganz vorsichtig, immer suchend, um bloss keinen falschen Schritt zu tun, und die Hände hat er vor die eingefallene Brust gehoben, wo er an seinen schwarzen Fingernägeln knibbelt. Erst im letzten Augenblick scheint ihm aufzufallen, dass der Raum nicht leer ist und ruckartig reisst er den Kopf in die Höhe, einen Ausdruck lauernder Panik auf den Zügen. Rayyan kann regelrecht mitverfolgen, wie Nathanael in seinem Gedächtnis hektisch nach einem Namen kramt, von dem er weiss, dass er ihn kennen müsste, aber Mana ist nicht das Einzige, was Rashan einem Magiekundigen stiehlt. Sein stetiger Einfluss sickert wie zähflüssiges Pech durch das Gehirn, bis man das Gefühl hat der Kopf würde einem explodieren, nur um eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass der unerträgliche Druck verschwunden ist, zusammen mit allem, woran man sich festhalten wollte. Erst der Kampf, dann die Resignation und jenen, denen Soris hold ist, folgt als Letztes das Vergessen. Die weniger Glücklichen enden im Wahnsinn.
Schwarzeseel lässt Nathanael stehen und wendet sich in höflichem Ton an Rayyan: „Meister Lleyal, ihr bringt ihn zum Tor?“ Der Mann sieht ihn an und unbehagliches Erstaunen streicht mit langen, knochen Fingern über Rayyans Nacken. Er weiss sogar ganz genau wer ich bin. Drei Herzschläge lang stehen sich die beiden Männer gegenüber, zwischen sich eine Masse unausgesprochener Erinnerungen und unterdrückter Gefühle, niemals erloschen, niemals gelebt, und der Hexer scheint beinahe vergessen, da löst sich Rayyan mit einem unmerklichen Ruck aus der Vergangenheit und nickt: „Ajwa.“
Der Wächter verneigt sich brüsk und geht. Rayyan sieht ihm hinterher, bis der Mann die Tür fest hinter sich geschlossen hat, dann weist er auf die Bank neben und die Becher und den Krug mit verdünntem Wein auf dem Tisch. "Setz dich und trink. Der Wein ist noch warm. Und dann frag." Denn Fragen hat jeder, der die Insel verlässt, und wenn es nur ein verzweifeltes: 'Und nun?' ist.

Nathanael

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17

Monday, November 19th 2012, 1:07pm

Nathanael kann nicht einmal sagen, mit was er gerechnet hat. In seinem Kopf gab es keine Vorstellungen über den Tag, die Stunde, den Moment, an dem sich die Türen des Eiskerkers für ihn wieder öffnen würden. Und je näher er von dem bulligen Wärter in Richtung des schwarzen Schattens, der sich vor dem Kamin erhebt, gedrückt wird, desto unsicher werden die Schritte des hageren Gefangenen. Jede Berührung seiner durch Holz und Wollfilz geschützten Füße auf dem kalten Steinboden der Halle ist ein Weg in eine ungewisse Welt, von der Nathanael „Schwarzhaar“ schon lange nicht mehr weiß, ob sie jemals wieder die seine sein wird.
Das Rashan-Gefängnis auf Nirmonar – eine kalte Hölle aus Frost und Eis, mit einer eigenen bildhaften Sprache, die Alltagswörter aus wärmeren Zeiten ihre ursprünglichen Bedeutungen entreißt und eigenmächtig ihren eisigen Stempel aufdrückt. Eine Sprache, blank und schonungslos wie scharfgeschliffener Stahl, mit ganz neuen Begriffen für Dinge, die außerhalb der Eiswelt keine Rolle spielen. Hier werden aus magiebegabten Verbrechern, aus ehemaligen Magiern und Hexern, neue Wesen geformt. Dann wenn der Fleischdieb mit Hilfe von Hunger und Müdigkeit von den Gefangenen nur noch Knochen und der Manadieb nur noch eine verdorrte Seele übrig lässt, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Seelenlosen das Tageslicht erblicken. Sie sind keine strahlenden Kinder, geboren aus der Liebe und Wärme ihrer stolzen Eltern. Nein, es sind vernarbte Wesen, dünne Schatten und schemenhafte Konturen, die von den kalten Wänden des Rashan-Gefängnisses gefangen gehalten werden. Als Nathan vor die fremde Gestalt tritt, fühlt er sich auf eine beklemmende Art und Weise genauso wie ein Neugeborenes, nackt, schutzlos und völlig dem Willen von Anderem ausgeliefert.
Das flackernde Feuer des Kamins spendet angenehme Wärme und wirft immer wieder helle Flecken über die Gestalt, die sich von dem einzigen Mobiliar des großen Raumes, den massiven Steintisch samt Bänken erhoben hat. Hektisch wandern Nathans blaue Augen über die braungebrannten Gesichtszüge des Mannes, die ihm seltsam bekannt vorkommen. Nebelhafte Erinnerungsfetzten ziehen vor seinem inneren Auge vorbei, bis er schließlich sein Gegenüber als Mitglied des Magischen Rates und einen seiner Richter verorten kann. Der Magier namens Rayyan….
Für einen Moment hält Nathan inne. Er sucht nach irgendeinem Gefühl, das von den Erinnerungen an seine Tage der Gefangenschaft in Talyra und seine Verhandlung in ihm wachgerufen wird. Doch da ist nichts, auf das er sich stützen könnte. Keine Wut und auch kein Hass.

"Setz dich und trink. Der Wein ist noch warm. Und dann frag", fordert ihn Rayyan ohne große Umschweife oder Erklärungen auf. Er weist in Richtung des Tisches, auf dem zwei Becher und ein Krug stehen.
Nathan kommt der Aufforderung nach. Einfach aus dem Grund, weil Sitzen immer besser als ermüdendes Stehen ist und er sowieso keine Ahnung hat, was jetzt als Nächstes auf ihn zukommt. Langsam lässt er sich auf der Steinbank nieder. Das prasselnde Feuer zieht in seine kalten, steifen Glieder und löst ein wenig die innere aber auch äußere Anspannung. Trotzdem sind seine Bewegungen, als er nach dem Krug mit warmen Wein greift und sich einen Becher voll einschenkt, abgehakt und nur zögernd, so als könne sein Körper noch nicht glauben, dass er sich nicht mehr im Gefangenschaft befindet. Kaum hat er den Becher an die Lippen gesetzt, wird der Wein in gierigen Schlucken getrunken. Hunger und Durst sind die steten Begleiter der Eiswelt, die Nathan fast zwei Zwölfmonde gefangen hielt. Zu viel zum Sterben, zu wenig zu Leben. Wie Feuer brennt sich die warme Flüssigkeit seine Kehle hinab und entzündet in seinem Magen ein wahres Feuerwerk an Hitze, das sich fast im selben Moment in seinem Kopf breit macht. Auch wenn der Wein stark verdünnt ist, sein Inhalt reicht um Nathans Kopf sofort zu benebeln und mit einer angenehmen Mattheit zu erfüllen.
Fragen…
Der Gefangene schließt kurz die Augen. Einmal weil ihm vom Wein schwindelig ist und anderseits weil in seinem Kopf ein Hornissenschwarm an Ängsten und Vermutungen viele kleine Löcher in seine Hirnmasse beißen, der es ihm fast unmöglich macht, einen klaren Gedanken zu fassen.
Ein müdes Lächeln liegt auf seinem Gesicht, als er schließlich nach einer Weile der Stille den Blick hebt, um die Augen seines Gegenübers zu suchen.
„Mein Kopf ist voller Fragen. Wo hin meine Reise geht, was aus mir wird, wer ich eigentlich bin...aber das sind alles Fragen, die ich nur selbst beantworten kann.“
Nathan hält kurz inne, während er sich mit den Fingern über den kurz geschoren Schädel fährt. Das Knistern der brennenden Holzscheite im Kamin ist das einzige Geräusch in der großen, sonst leeren Eingangshalle.
„Jetzt da ich diesen Ort verlassen kann…was …ist mit dem Manadieb...dem Rashan“, korrigiert sich Nathan. Es ist seltsam, plötzlich mit einem Außenstehenden zu reden, der nicht Teil der Eishölle und ihrer Sprache aus Kälte und Einsamkeit ist. „Ich meine damit,…kehren nach so langer Zeit meine magischen Fähigkeiten zurück und ….und kann ich damit überhaupt noch umgehen?“
Der Gedanke, dass er nun in die Welt jenseits von Eis und Forst entlassen wird und kurze Zeit später wieder seinen Weg hierher zurück findet, weil er diesmal statt aus Absicht aus mangelnder Übung und Können gegen die Gesetze des Codex Magica verstößt, hat etwas skurriles, ja fast lächerliches und gleichzeitig beängstigendes an sich.
„Und werde ich wieder nach Talyra zurückkehren dürfen?“
Gut und Böse ist eine Frage des Standpunktes

Rayyan

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18

Wednesday, November 21st 2012, 8:51pm

„Mein Kopf ist voller Fragen. Wo hin meine Reise geht, was aus mir wird, wer ich eigentlich bin...aber das sind alles Fragen, die ich nur selbst beantworten kann.“
Nicht verrückt. Es ist eine extrem nüchterne Feststellung, die jedem Mitgefühl entbehrt, Rayyan aber innerlich erleichtert durchatmen lässt. Er hat bis zu diesem Augenblick nicht ahnen können, in welchem Zustand Nathanael ihm gegenüber treten würde, und es war nicht sein Plan gewesen, Uio, labil und leichtsinnig wie der junge Hexer ist, mit seinem ehemaligen Meister zu vereinen, sollte dieser seinen Verstand eingebüsst haben (was er davon besass). „Jetzt da ich diesen Ort verlassen kann…was …ist mit dem Manadieb...dem Rashan", will Nathanael wissen. „Ich meine damit,…kehren nach so langer Zeit meine magischen Fähigkeiten zurück und ….und kann ich damit überhaupt noch umgehen?“
„Du kannst.“ Er sieht keinen Sinn darin, den Hexer mit Samthandschuhen anzufassen oder ihn mit Wahreiten zu verschonen, die er ohnehin erfahren muss und wird. Wenn nicht von ihm, dann durch Erfahrung. "Vermutlich hast du dir durch die Zeit hier in Nirmonar etwa fünf Jahre Lebenszeit ohne Wahnsinn erkauft. Nicht, dass das ein Trost wäre, aber vielleicht bedeutet es dir ja irgendwann doch etwas. Deine Kräfte werden zurückkehren und du wirst wieder mit ihnen umgehen können wie früher. Wahrscheinlich sogar etwas besser als vorher, weil dein Mana in den vergangenen Jahren weniger geworden ist. Der Manadieb heisst nicht umsonst so. " Er hatte auch zwei Jahre hart schuften müssen, bevor er es wieder ausgeglichen gehabt hatte, aber bei Hexern, die ihr Mana noch nicht gebunden haben, dauert es für gewöhnlich weniger lang.
Beide haben ihre Becher geleert und Nathanael sieht nicht aus, als ob er noch einen Tropfen mehr vertragen würde, also schenkt Rayyan nur sich selber noch einmal grosszügig nach, trinkt und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Bwah, dieser Dreckswürzwein schmeckt noch immer genauso scheisse wie damals.
„Und werde ich wieder nach Talyra zurückkehren dürfen?“
Rayyan nickt und hebt den Blick. Sein Gegenüber ist weiss wie der Bauch eines Fischs, aber er könnte schwören die Nachricht hat den glasigen Ausdruck in den schwarzen Augen zumindest kurz aufglühen lassen. "Ajwa. Lord Commander Tarascon lässt dir ausrichten, dass du jederzeit nach Talyra zurückkehren kannst. Deine Entscheidung. Du hast deine Zeit abgesessen, damit hat sich die Sache für die Garde erledigt. Was den Hohen Magischen Rat betrifft: Du kannst gehen wohin du willst. Aber sei dir über eines im Klaren, Nathanael." Dieses Mal wartet er, bis der Hexer ihn ansieht und er sich dessen Aufmerksamkeit gewiss sein kann. "Wenn du noch einmal Scheisse baust, gibt es für dich kein Nirmonar mehr.“ Er ist immerhin so nett dem Hexer einen Moment zu geben, um das Gehörte zu verarbeiten, und sich selber noch einen grossen Schluck von diesem wirklich unglaublich hässlichen Wein zu gönnen, ehe er sich ein Stück zurücklehnt und die Hände in einer offenen Geste ausbreitet: „Schon einmal darüber nachgedacht Zauberer oder Magier zu werden? Ein, zwei Jahre an einer Zauberschule, bei einem Lehrmeister oder eine Arkana und du entgehst dem sicheren Tod. Ich weiss, ihr Hexer wollt das immer nie hören, alles Ammenmärchen, blablabla... aber es ist nun einmal so."

Uio

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19

Thursday, November 22nd 2012, 6:51pm

Auf und ab...Auf und ab...das Leben ist ein ständiges Auf und ab. Ein Meer der Gefühle ... unberechenbar! Einige schaffen es besser, sich vor diesen launischen Energien abzuschotten, andere weniger. Uio, der junge Hexer, ehemaliger Dieb, Straßenjunge und Handlanger hat sich an manchen Tagen unter Kontrolle und an manchen überhaubt nicht. Wenn Gefühle Farben sind, sind Tage an denen es keinen Stress gibt, er sich gut fühlt und nicht das Gefühl hat, fehl am Platze zu sein, blau glitzernd mit leichten grünem Schimmern, die ihn an Zoe erinnern würden. Tage, von denen es mehr, zu viele gibt, an denen er leicht reizbar ist, sein Mana in seinen Adern pulsiert und kocht, es ihn überreden will es heraus zu lassen, erst verlockend warm oange-rot bis sie dann ein Knäul aus allen Farben werden, zu einem schweren braunen Knoten, der über einer glühenden Kohle brennt und sich schnell in einen dieser unkontrollierbaren Feuerbälle verwandeln kann.
Uio seufzt schwer und bringt seinen immer noch vor kälte zitternden Körper dazu, sich an den Tisch zu setzen, auf dem Becher und Schalen bereit stehen mit warm Dampfenden gefüllt.
Schon vor Beginn derReise war er angespannt und sehr still. Erst bei der Reise durch das Mondtor löste sich vor Erstaunen und Fazination der innere Knoten etwas auf. Nach der Reise duch das Tor und all dem was er dort gesehen und gefühlt hat, ist seine Aufmerksamkeit erschöft. Kälte ist etwas, was er schon immer hasste. Und die Kälte, die ihn hier erwartete, darauf war er nicht vorbereitet. Nur mit den Gedanken :
Weitergehen, Uio, los weiter...immer weiter. noch einen Schritt, komm weiter!
überwand er diese Eishölle dort draußen, die plötzlich keinen Anfang und kein Ende zu haben schien.
Aber jetzt langsam, wo die Wäme wieder in seinen Körper schleicht, sein Kopf leer und er sich grenzenlos überfordet und erschöpft fühlt, schleichen sich die Gedanken wieder in seinen Kopf und wollen ihn befüllen.
NATHAN!
Still sitzt er da und nimmt nichts, um sich herum wahr. Er zittert immernoch, der Kälte oder des Umstandes wegen, weshalb ER hier ist? Das vermag weder er noch jemand anderes sagen...
UNKRAUT VERGEHT NICHT!

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Nathanael

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20

Friday, November 23rd 2012, 8:00am

In der großen Eingangshalle des Rashan-Gefängnisses auf Nirmonar


Nathan hört seinem Gegenüber still zu. Die Informationen, die in Rayyans kurzen und prägnanten Antworten liegen, versickern in seinen Hirnwindungen wie Wasser in einem rissigen, ausgedörrten Boden.
Seine Magie - die Kraft der Energie, wird wieder zu ihm zurückkehren. Er wird sie kontrollieren können und der Lord Commander gestattet ihm, zurück nach Talyra zu kehren.
Die schmalen Finger des Gefangenen spielen gedankenverloren mit dem Rand des leeren Bechers, während er versucht, die volle Bedeutung von Rayyans Worten zu begreifen. Das der braungebrannte Mann dabei wie selbstverständlich Begriffe der kalten und schonungslosen Eissprache des Gefängnisses wie „Manadieb“ benutzt, dringt nicht in sein Bewusstseins. Nathans zäh dahinfließende und weingeschwängerte Gedanken werden von etwas anderem angezogen. Nach Talyra zurückkehren…. Er hat sie verflucht diese Stadt - ihre Größe, Stickigkeit, Enge und ihre für seinen Geschmack viel zu hohe Anzahl an Bewohnern. Ja, er hat sie verflucht und beschimpft, immer und immer wieder. Trotzdem fügen Rayyans schlichte Worte dem dicken Panzer aus Eis um sein Herz ein paar haarfeine Risse zu. Und das liegt nicht nur an Kali, Uio und all den Anderen, denen er sich in Talyra verbunden fühlt. Es ist seltsam, aber wenn es jemals einen Ort gab, der für Nathan, den heimatlosen Herumtreiber, so etwas wie ein zuhause war, dann diese laute, große Stadt.
„Was den Hohen Magischen Rat betrifft.“ Rayyans erneut einsetzende Stimme holt Nathan abrupt zurück ins Hier und Jetzt und fordert seine Aufmerksamkeit.
„Du kannst gehen wohin du willst. Aber sei dir über eines im Klaren, Nathanael. Wenn du noch einmal Scheisse baust, gibt es für dich kein Nirmonar mehr.“
Für einen kurzen Moment halten Nathans Finger am Becher still und seine blauen und Rayyans braune Augen treffen sich. Meine letzte Chance. Ein missglückter Zauber, ein Fehltritt, ein willentlicher Angriff und das war‘s…für immer! Die Stirn in Falten gelegt, nickt er einfach. Ein schlichtes Zeichen, dass er die Tragweite von Rayyans Warnung verstanden hat. Mehr ist nicht nötig zwischen ihm und seinem ehemaligen Richter.
Rayyan greift nach dem Becher und trinkt mit großen Schlucken, bevor er weiter spricht: „Schon einmal darüber nachgedacht Zauberer oder Magier zu werden? Ein, zwei Jahre an einer Zauberschule, bei einem Lehrmeister oder eine Arkana und du entgehst dem sicheren Tod. Ich weiss, ihr Hexer wollt das immer nie hören, alles Ammenmärchen, blablabla... aber es ist nun einmal so."

„Nein, habe ich nicht“, antwortet Nathan nach einem Augenblick der Stille. „Im Grunde genommen weiß ich nicht einmal, was es bedeutet ein Zauberer oder ein Magier zu sein.“ Zauberer und Magier, das waren in Nathans Welt Beschimpfungen und Flüche für diejenigen Magiebegabten, die einen anderen Weg, als den eines freien Hexers gewählt hatten. Zauberer, waren armselige, bemitleidenswerte Kreaturen ohne Macht, nur mit einem kümmerlichen Funken Magie ausgestattet und Magier, verhasste und hochnäsige Unterdrücker alles Wilden und Ungebändigten.
Sein Blick wandert zum Kamin. Das Feuer züngelt an den Holzscheiten entlang und wirft flackernde Schatten über Nathans bleiches Gesicht. „Das hat nie eine Rolle gespielt….früher…“
Früher, ja da glaubte Nathan, dass die Geschichten über wahnsinnige Hexer nur eine Lüge der Magier waren, um Hexer zu manipulieren und zu unterdrücken. Damals war er noch Nathanael, der stolze Hexer gewesen, frei, hochmütig und voller Wut und Zorn. Doch nun? Hier im Rashan-Gefägnis hat er viele geflüsterte Gespräche über Hexer und ihr unvermeidbares Schicksal belauscht. Immer schwang aufrechte Angst und Furcht in den Stimmen der Gefangenen mit und niemals der fahle Geschmack einer Lüge. Nathan hat sich während all dieser Zeit unter dem gnadenlosen Einfluss des Fleisch- und Manadiebes keine Gedanken über die Bedeutung und Konsequenzen der Gespräche für sein Leben gemacht, genauso wenig wie über seine Zukunft. Erst jetzt da seine Worte langsam die trockene Kehle verlassen, bemerkt er überrascht, dass sich etwas an seinem Blick auf sich, aber auch auf die Welt der Magie geändert hat. Und nicht nur das, seine sonst so brüchige Stimme bekommt eine ungewohnte Klarheit und Bestimmtheit, als er anfügt:
„Aber eins weiß ich sicher,…ich habe nicht den Eiskerker überlebt, um irgendwann als Gebrannter zu enden!“
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Rayyan

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21

Saturday, November 24th 2012, 8:20pm

„Aber eins weiß ich sicher,…ich habe nicht den Eiskerker überlebt, um irgendwann als Gebrannter zu enden!“ Die Gewissheit ist ein leises Knacken in einer winterfrosterstarrten Welt, wo nach vielen Jahren Eis und Schnee und Kälte endlich die Schmelze eingesetzt hat. Nathanael will leben und er will jetzt damit anfangen. "Das ist ein Wort." Beschliesst Rayyan, giesst ihnen beiden noch einmal einen Schluck ein und hebt den Becher: "Fī ṣiḥatik!" Das macht den Wein zwar nicht besser, aber entspannt die Situation merklich. Noch einen Schluck und ich kann ihn durchs Mondtor tragen. Fällt Rayyan dabei unweigerlich auf, als er Nathanael genauer mustert. Der Mann macht einen sehr verlotterten und verlorenen Eindruck für jemanden, der für ein relativ leichtes Verbrechen eingesessen hat. Wer weiss, wie er sich aufgeführt hat. Die Wächter waren zu einem Grossteil aufrichtige und ehrbare Männer, nicht zu Grausamkeit oder Unehrlichkeit erzogen, aber wie überall, gab es auch in Nirmonar solche und solche. Und Nathan war anscheinend nur an solche geraten. Oder hat sich das zumindest so fest eingeredet, dass er es auch geglaubt hat. Es ist einerlei. Er ist frei und sie gehen jetzt. "Ich erkläre dir auf dem Rückweg, was es bedeutet ein Zauberer oder Magier zu werden. Erst einmal verschwinden wir irgendwohin wo es warm ist." Rayyan hat sich bereits halb erhoben, als ihm noch etwas einfällt. "Da ist noch jemand, der dich gerne sehen würde, aber ich wollte dich nicht unvorbereitet auf ihn treffen lassen. Ich habe Uio gefunden. Es geht ihm gut." Zu gut. "Er wollte mitkommen, um dich abzuholen, aber es ist deine Entscheidung, ob du ihn sehen möchtest... kannst. Ich würde völlig verstehen, wenn nicht. Der Bengel ist eine Plage."

Nathanael

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22

Sunday, November 25th 2012, 11:28am

Nathanael folgt Rayyans Beispiel und schüttet den warmen Wein mit einem großen Schluck die Kehle hinunter. Er muss ein, zweimal den Kopf schütteln, um einigermaßen klar sehen und denken zu können. Doch das ist nebensächlich. Der Alkohol ist wie eine willkommene zweite Wärmequelle in seinem Bauch, die zusätzlich zu den prasselnden Holzscheiten im Kamin den Gefangenen nach einer gefühlten Ewigkeit der Eiszeit endlich etwas auftaut.
"Ich erkläre dir auf dem Rückweg, was es bedeutet ein Zauberer oder Magier zu werden. Erst einmal verschwinden wir irgendwohin wo es warm ist."
Warm. Ein schmales, kaum erkennbares Lächeln huscht über Nathans Gesicht.
„Ja, das klingt gut!“ Schwankend drückt er sich am massiven Steintisch nach oben, was eine wahre Kunst darstellt, denn seine Beine fühlen sich wie wassergesättigter Lehm an, viel zu weich um seinen knochigen Leib zu tragen. Doch bevor die beiden Männer den Tisch verlassen und dem ersehnten Ausgang entgegen gehen können, hält Rayyan plötzlich inne.
"Da ist noch jemand, der dich gerne sehen würde, aber ich wollte dich nicht unvorbereitet auf ihn treffen lassen. Ich habe Uio gefunden. Es geht ihm gut."
Uio! Für einen kurzen Moment hat der blassgesichtige Gefangene mit den blauen Augen das Gefühl, als würden ihm die wackeligen Füße vom Boden weggezogen. Unwillkürlich krallen sich Nathans Finger an der Tischkante fest. UIO!! Ein waagerechter Strich auf der Steinwand seiner Gefängniszelle. Ein waagerechter Strich mit jeweils drei schrägen und parallel übereinander ausgerichteten Strichen, die rechts und links wie kleine Flammen nach oben züngeln. Uio, der Feuerjunge, sein Schüler.
„Er…er ist …hier?“
Ein kurzes Nicken.
“Er wollte mitkommen, um dich abzuholen, aber es ist deine Entscheidung, ob du ihn sehen möchtest... kannst. Ich würde völlig verstehen, wenn nicht. Der Bengel ist eine Plage."
Seine in Wein eingebetteten Hirnwindungen tun sich schwer, diese Information aufzunehmen. Noch viel schwerer tut sich sein Herz, die mit Rayyans wenigen Worten verbundene Bedeutung wirklich zu glauben. Wo ist hier? Hier auf Nirmonar? Bilder zucken an seinem inneren Auge vorbei. Die vielen unzähligen Gedanken und Sorgen, die er sich um den Lümmel gemacht hat. Immer wiederkehrende Fragen, die ihn die Zeit im Eiskerker über geplagt haben, wie es Uio wohl ergangen ist, seitdem sie getrennt wurden, ob er seine Magie im Griff hat und sein Leben.
„Ja…ich will ihn sehn!“
Die Stirn in Falten gelegt, sieht er Rayan an. Der nächste Gedanke, der ihn jedoch durchzuckt, jagt ihm trotz Wein und Feuer einen kurzen eiskalten Schauer den Rücken hinunter.
„Er ist aber nicht hier weil er etwas angestellt hat... oder? Er darf den Eiskerker mit uns wieder verlassen!?!“
Angestellt. Kaum haben seine Worte seinen Mund verlassen, wandert Nathans rechter Mundwinkel zu einem schmalen Lächeln nach hoben. Natürlich hat Uio etwas angestellt. Der Junge müsste sich die letzten Zwölfmonden schon stark verändert haben, wenn er nicht mehr die Schwierigkeiten anziehen würde, wie Hundedreck die Fliegen. Und Rayyans düsterer Blick spricht Bände. Nathan nickt einfach, das er verstanden hat. Dann richtet er sich auf und löst sich vom Tisch.
„Lass uns gehen…Ich will diesen Ort hinter mich lassen!“
Gut und Böse ist eine Frage des Standpunktes

Nathanael

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23

Tuesday, November 27th 2012, 9:28am

Leicht benommen und mit unsicheren Schritten folgt Nathanael Rayyan aus der großen Eingangshalle hinaus. Bevor er die geöffnete Holztür durchschreitet, dreht sich der ehemalige Gefangene noch einmal um. Die knochigen Finger an den Rahmen geklammert, gleitet sein Blick durch die erleuchtete Halle, in der alles begann. Und in diesem Moment, da seine Augen unstet hin und her zucken und sämtliche Details des kargen Raumes aufsaugen wie ein trockener Schwamm, begreift er endlich, dass er wirklich diesen Ort verlassen wird.
Jetzt! Und so die Götter wollen für immer!
Seine Finger krallen sich etwas fester in den Stein und für ein paar Augenblicke hält er einfach völlig starr inne, um dieses unbeschreibliche Gefühl der Erkenntnis einmal quer durch seinen Körper fluten zu lassen. Vom Kopf bis in seine von der Kälte tauben Füße.
Freiheit, das sind sechs Striche, die sich strahlenförmig von dem punktförmigen Zentrum, das sie gefangen gehalten hat, wegbewegen.
Er seufzt einmal tief, dann lassen seine klammen Finger den Türrahmen los und er verlässt die Welt aus Minen, Eis und Hunger, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Gänge ziehen an ihm vorbei. Später einmal, wenn er über diesen Tag nachdenkt, wird ihm kaum eine Erinnerung an den Weg in den Wirtschaftstrakt geblieben sein. Es ist wie ein dunkler Tunnel, der ihn verschluckt und erst wieder in der angenehm, warme Atmosphäre einer Küche ausspuckt. Der Duft von Essen, etwas Heißem und Gebratenem, steigt ihm in die Nase und lässt ihn schlagartig den Magen zusammenziehen. Es riecht verführerisch und so ganz anders, als der geschmacklose Brei aus einem farblosen, undefinierbaren Getreide, den die Gefangene Tag ein Tag aus vorgesetzt bekommen haben - zu viel zum Sterben, zu wenig um in einer Welt der stetigen Kälte und harten Arbeit gut leben zu können. Bilder aller möglichen Art von Speisen ziehen an seinem geistigen Auge vorbei und hinterlassen eine Begierde, die nur Lebewesen, die dem Hunger, dem harten Griff des Fleischdiebes, ausgesetzt waren, wirklich verstehen können.
Doch während Nathans Arme sich schützend um seinen vor Hunger schmerzenden Magen legen, fällt sein Blick auf den Rotschopf, der den Kopf auf die Hände aufgestützt auf einer der Bänke sitzt. Uio…und sein unstillbarer Hunger ist für einen Moment vergessen.

Rayyans kratzige Stimme und ein kurzes und knappes: „Táhirih!“ erklingt hinter Nathan und eine exotisch aussehende Frau gelangt erst jetzt, da sie sich erhebt und mit Rayyan gemeinsam die Küche verlässt, in Nathans Wahrnehmung. Doch weder sie, noch sein Richter interessieren den ausgezehrten Mann dessen Augen immer noch wie gebannt auf den Besitzer eines wirren Schopf roter Haare liegen, der seltsam entrückt und irgendwie auch überfordert und hilflos wirkt in seiner zusammengekauerten Haltung. In diesem Moment hebt auch Uio seinen Kopf und die Blicke des Meisters und seines ehemaligen Schülers treffen sich seit über zwei Zwölfmonden das erste Mal.
Er ist erwachsen geworden!
Immer wenn Nathan an den Feuerbengel dachte, hatte er den frechen, vorlauten Lümmel vor seinem inneren Auge gesehen. Einen schmutzigen Dreikäsehoch mit breiten Grinsen und einem kindlichen, runden Gesicht. Der junge Mann, der nun aufrecht als hätte er einen Besen verschluckt vor ihm sitzt, ist fast erwachsen. Sein Kinn ist breiter geworden, das Gesicht länglicher und ein heller Flaum bedeckt die Wangen.
Du warst lange weg, stellt Nathan trocken fest. Es sind die Kinder, die einem zeigen wie die Zeit vergeht. Und das Gefühl für die Zeit ist eines der ersten Dinge, die der Manadieb den Gefangenen aus ihren Körpern und Köpfen reißt und gierig verschlingt.
Langsam geht Nathan auf jungen Mann zu. Seine Stiefel aus dickem Wollfilz und Holz klappern auf dem Steinboden. Uio hat sich inzwischen erhoben. Unsicher wandern die Hände des Rotschopfes die Oberschenkel entlang, als suchten sie einen Ort an dem sie sich festhalten können. Nun da Uio steht, fällt Nathan auf, dass sich nur sein Gesicht verändert hat. Nein, Uio ist richtig gehend in die Höhe geschossen! Es wird nicht mehr lang dauern, dann wird er Nathans Körpergröße erreicht haben.
Kopfschüttelnd hebt Nathan seine Hand und legt sie mit der Handkante voran auf seinen Brustkorb.
„So groß warst du, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Verdammt…wenn du weiter wächst, werde ich bald zu dir aufschauen müssen!“
Ein Nathan typisches Lächeln wandert über sein blasses Gesicht, das trotz den eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen an den Mann, der er früher einmal war, erinnert. Sein Blick ist auf den auf den Steinboden der Küche starrenden jungen Mann gerichtet, bei dem in diesem Moment durch den drahtigen und fast erwachsenen Körper, der kleine junge Uio durchschimmert. So wie ihn Nathan vor einer gefühlten Ewigkeit kennenlernte, jung, einsam und hilflos. Dann macht er einen weiteren Schritt auf Uio zu und nimmt ihn seine Arme, ruckartig und fest. Nathan hat nicht viel Kraft, die Arbeit in den Minen, der Mana-und Fleischdieb haben ihn ausgezehrt, trotzdem halten sie den stocksteif dastehenden Jungen so fest wie ihm möglich.
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Uio

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24

Thursday, November 29th 2012, 10:43am

Still ist es, nur das beständige Knistern des Feuers, das Kratzen des Löffels in Uios Hand, der die Schalenwand berührt, sich scharbend daran macht noch etwas von dem Inhalt zu finden und aufzuladen, unterbrechen das wortlose Schweigen. Weder Uio noch Tahirih haben seit ihrer Ankunft hier einen Ton miteinander gesprochen. Vermutlich spührt die Magierin, das Uio zu sehr mit sich und der näherrückenden Situation beschäftigt ist, als das er sich gern unterhalten würde...möchte.
Der Löffel findet nach einer gefühlten Ewigkeit den Weg zum Mund und entläd dort seine Ladung, um anschließend wieder unnötig lange in der Schale seine Bahnen zu ziehen. Den Kopf so voll und dann wieder so leer, versucht sich Uio zusammenzureißen und erinnert sich an sein Vorhaben. Die Aussicht, dass es gleich, irgendwann gleich soweit ist, lässt ihn immer mal wieder leicht, nicht zu offensichtlich, aber dennoch tief ein, gefolgt von einem Seufzen, wieder ausatmen.

Schließlich legt er den Löffel aus der Hand und stützt seinen Kopf auf seine Hände. Wie lang dauert das noch? Das ist die reinste Folter!, denkt er und versucht sich zu beruhigen, nicht nervös aufzuspingen und im Raum auf und ab zu gehen.

Dann ist es soweit. Uio wird unangenhem heiß und kalt, als er die Schitte hört und ist nicht in der Lage seinen Kopf zu heben. Gleich öffnet sich die Tür, saust es durch seinen Kopf. Rayyan und...Nathanael werden herein kommen und.... Uio schluckt und fixiert nervös einen kleinen Krümel auf dem Tisch vor ihm. Während sich seine Gefühle unangenehm darum streiten, was er jetzt fühlen soll - Angst, Freude, Aufregung, Unsicherheit, stark sein, gefasst sein - betreten die beiden ungleichen Männer den Raum. Rayyans Stimme durchbricht die Stille und Tahirih und er lassen die beiden Hexer allein zurück. Ehemals Schüler und Meister verharren in ihrer Position, schauen sich an und die Zeit scheint sich für Uio endlos auszudehnen.
Uio, gerade um Fassung kämpfend, schluckt einen klebrigen Batzen Spucke hinunter und hebt langsam den Kopf. Er hat sich diese Situation schon oft vogestellt, sich Nathan vorgestellt, sich und das was er sagen will, aber all seine Gedanken und das, was er sich vorgenommen hat, verblassen genau in dem Moment, wo sich seine braunen Augen mit den hellblauen Augen des Mannes dort treffen.
Das Herz des jungen Hexers zieht sich einen Herzschlag schmerzhaft zusammen. Nathan, der charistmatische Hexer, hat mehr Ähnlichkeit mit einem verlotterten, heruntergekommenen Unterstädter, als mit dem Mann, den Uio einmal seinen Meister genannt hat.
Seine Hände plötzlich schweißnass, reibt er an seiner Hose ab und steht auf. Reiß dich zusammen, verdammt! Mit wenigen Schritten stehen sie nun voreinander. Uio schaut auf den Boden, als würde dort stehen, was er sagen könnte, wollte! Er sucht nach den Wörtern, die ihm wichtig sind zu sagen, die gesagt werden müssen, die er schon so lange mit sich herum trägt! Doch Nathan kommt ihm zuvor.
>„So groß warst du, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Verdammt…wenn du weiter wächst, werde ich bald zu dir aufschauen müssen!“<
Nathans Lächeln sieht er nicht, doch er spürt die eigenartige Wärme, die von ihm ausgeht, obwohl er seinem Aussehen nach nur noch Kälte in sich tragen müsste. Gerade will er anfangen seine Gedanken zu ordnen, etwas sagen, da wird er geschnappt und einfach in den Arm genommen. Uio ist so verdutzt, dass er wieder nichts mehr sagen kann und einfach stocksteif dasteht. Niemals hatte er damit gerechnet! Mit Vorwürfen oder Fragen, aber damit...nein!
Es dauert eine Weile bis die Angespannte Köperhaltung aus dem jungen Hexer entweicht und dieser sich dann langsam mehr und mehr an sein Gegenüber lehnt und schließlich langsam, ganz langsam seinen Kopf an seine Schulter kippt.

"Es...tut...mir leid." kommt es leise aus Uios trockener Kehle. Jetzt hätte er gern etwas von dem warmen Met auf dem Tisch, der jetzt bestimmt nicht mehr so warm ist, wie vorhin als er ihn nicht wollte. "Es...ist alles meine Schuld gewesen! Und ich war zu feige...dafür einzustehen."
Nathan schiebt Uio eine Armlänge von sich weg und mustert ihn ganz genau. Und dann fragt er:
"Was meinst du mit, es war alles meine Schuld??"
"Was ich damit meine?," antwortet Uio iritiert und versucht Nathan Blick standzuhalten, "Ich bin schuld das...du hier bist... warst!" Ihm ist schlecht, alles deht sich in ihm und grämt sich so sehr, das er nun doch seinen Blick von Nathan abwendet. Er nimmt nocheinmal anlauf, versucht sich zu sortieren. Schafft es aber nicht den Mann anzusehen der ihn ebennoch umarmte. Er deht sich seitlich weg und ballt die Fäuste.
"Ich hab dir nichts als ärger eingebracht. Wäre ich nicht gewesen hätte es diese verkakte Sache am Strand nicht gegeben." Platzt es viel energischer als eben noch die gebrochenen Worte aus ihm heraus.Und all das was darauf geschehen ist auch nicht! Los sag schon das ich Schuld habe, ich ein nichtsnutz bin...nur ärger bringe und es besser ist wenn wir getennte Wege gehen. Rayyan wird dir das sicher auch gesagt haben! Seine Schuldgefühle vermischen sich mit der plötzlich aufkeimenden Wut auf sich und alle die irgendwie mit der Sache zu tun haben.Mürrisch verzieht er das Gesicht und beißt die Zähne zusammen, etwas das Rayyan schon sehr gut von ihm kennt aber Nathan wohl so in der Form noch nicht an dem einstigen frech grinsenden Jungen gesehen hat.
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Nathanael

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25

Sunday, December 2nd 2012, 11:55am

Nathan seufzt - tief und schwer. Schuld, Ärger, verkackte Sache am Strand, um Verzeihung bitten… ehrlich gesagt, könnte sich Nathan in diesen Augenblick etwas anderes vorstellen, als mit seinem ehemaligen Schüler eine Grundsatzdiskussion über Schuld und Sühne zu führen. Sein Kopf ist müde, sein geschundener Körper noch viel mehr und die Wärme in der Küche kriecht in seine Knochen und er füllt sie mit einer angenehmen Mattigkeit, die in ihm den schlichten Wunsch nach einem Sitzplatz, etwas Warmes zu Essen und zu Trinken und einem leicht dahinplätscherndem Gespräch wachruft.
Doch Uio nicht so sieht aus, als könnte er seine brodelnde Energie noch einen Moment länger zügeln. Die Hände zu Fäusten geballt steht er junge Mann vor ihm und auf seinem Gesicht liegt ein verkniffener Ausdruck, den Nathan so noch nie bei Uio, dem kleinen Straßenlümmel, gesehen hat.
Also gut…
Er seufzt noch einmal und lässt sich dann auf die Bank plumpsen. Mit der Hand deutet er Uio gegenüber von ihm Platz zu nehmen. Wenigstens sitzen!
„Entschuldigung angenommen“, sagt er schlicht, während er sich mit der Hand über den kurzgeschorenen Schädel fährt. Stille legt sich über die Beiden, in der Nathan mühsam seine trägen Gedanken sortiert, bevor nach einer gefühlten Ewigkeit weiterspricht: „und es tut mir ebenfalls leid. Wir haben beide Fehler gemacht. Ich und du. An diesem verkackten Tag am Strand und auch davor. Aber wir leben noch…das ist vielleicht nicht viel, aber mehr als ich mir noch vor Stunden jemals erhofft hätte. Also….“
Er hebt den Kopf und schaut seinen immer noch stocksteif dasitzenden ehemaligen Schüler mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an.
„Wie ist es dir die letzten Jahre ergangen? Ich habe oft an dich gedacht…Erzähl mir von dir!“
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26

Sunday, December 2nd 2012, 9:30pm

Die ausgemergelte Gestalt names Nathanael vor ihm lässt sich seufzend auf die Bank nieder. Uio voller umherwirbelnder Gefühle, die um die Herrschaft kämpfen, steht da und schaut ihn einfach an, als er das kurze "Entschuldigung angenommen" heraus bringt. Der junge Hexer sucht nach Worten, wird aber dieser nicht fündig. Nathan unterbricht erst nach unangenehmer langer Ruhe zwischen ihnen das Schweigen.
>„und es tut mir ebenfalls leid. Wir haben beide Fehler gemacht. Ich und du. An diesem verkackten Tag am Strand und auch davor. Aber wir leben noch…das ist vielleicht nicht viel, aber mehr als ich mir noch vor Stunden jemals erhofft hätte. Also….“<
Also was?, schießt es Uio durch seine Gedanken. Die haben dir echt ganz schön zugesetzt hier! Uio hört aus diesen Worten mehr, als nur das Nathan die Schuld teilen und Uio das Gewissen erleichtern möchte. Er vermutet, dass man auch ihm diese Magierweißheiten eingetrichtert hat, so dass nichts mehr von dem rebellischen Hexer übrig ist.
>„Wie ist es dir die letzten Jahre ergangen? Ich habe oft an dich gedacht…Erzähl mir von dir!“ <, unterbricht Nathan seine Gedanken und überrascht Uio wieder ungeahnt.
Von mir...Scheiße! Uio´s Erstaunen über diese Frage ist so offensichtlich, dass man sie offensichtlich in seinem Gesicht ablesen kann. Fakt ist, das Nathans letzte Jahre nicht etwas sind, worüber er jetzt gerade reden möchte und Uio es auch nicht wirklich wissen will, seine Fantasie ist groß genug, um eins und eins zusammen zu zählen, was passiert sein muss, um aus jemanden das zu machen, was da vor ihm sitzt.

"Ich...", beginnt er, als er sich wieder gefasst hat und es in seinem Hirn rattert, WAS er nun WIE seinem ehemaligen Meister erzählt, "... habe mich in die Unterstadt geschleppt. Fast wär ich verreckt...!" hätte mich Keeshar nicht gefunden "...bin ich aber nicht! Mich kriegt keiner so schnell klein! Straßenjungs sind zäh!" Das anfängliche Zögern und Unsichere auch die Anspannung verschwindet immer mehr. Uio redet sich warm und grinst feist.
"Ich hatte Arbeit und ein Dach über dem Kopf, bis der Magier mich gefunden und auf ein Schiff verschleppt hat. Scheiße...ja, ich wusste, als ich ihn das erste Mal sah, dass mit dem Kerl was nicht stimmt. Egal, die Schifffahrt war beschissen! Ich hasse Wasser und diesen Codex, der hing mir irgendwann zum Hals raus!" Eine kurze Pause entsteht als er versucht zu sortieren, was er als nächstes sagen will und was besser nicht. Kesshar verschweigt er ihm erstmal besser und auch das er Arbeiten nachging, die ihm nicht gefallen werden. "Also... " ,setzt er schnell an bevor Nathan etwas fragen oder entgegnen kann, "dann in Sorbonn. Das ist ein merkwürdiges Fleckchen. In dieser Magierschule habe ich erstmal klargestellt das Hexer sich nicht alles gefallen lassen." Setzt er einen drauf. Nathans Reaktion ist ein kritisches Augenbrauen zucken. "Lesen und schreiben habe ich gelernt und Zoe hab ich wiedergetroffen!" Schiebt er schnell nach und muss unweigerlich an die kleine Fee denken. Ein Lächeln stielt sich auf sein Gesicht, als er an ihre weiche, zarte Haut denkt. Er schiebt das Bild, was sich langsam aufbauen will, aber schnell beiseite und widmet sich wieder Nathan.
"Ähm, ja und nun bin ich hier. Ich...dachte eingentlich... ich hab oft an das alles gedacht und daran wie ... ach, Rattendreck! Wir leben und es geht irgendwie weiter!" Uio beendet seine Rede mit einen Seufzen und setzt sich Nathan gegenüber auf die Holzbank. Er hofft inständig, dass sich der Hexer mit dem erzählten zufrieden gibt...zumindest voerst! Es wird sicher noch genug Zeit für Einzelheiten geben...aber nicht hier und jetzt. Zielsicher nimmt er einen Becher und den Krug. Er braucht jetzt ganz dringend was zu trinken! Egal ob warm oder kalt hauptsache etwas Flüssigkeit in der Kehle am besten etwas Alkoholisches!
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Nathanael

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27

Tuesday, December 4th 2012, 2:06pm

Uios offensichtliches Erstaunen über Nathans Frage nach seinen Erlebnissen der letzten Zwölfmonde lässt den abgemagerten Mann ein wenig schmunzeln. Den Kopf auf die Hände abgestützt, hört er dem Jungen mit den dunkelroten Haaren zu. Ab und zu nickt er oder stellt die eine oder andere Nachfrage. Aber im Großen und Ganzen ist Nathan einfach froh, dass Gespräch vor sich hin plätschern zu lassen. Zwar sind die vielen Lücken in Uios oberflächlichen Ausführungen selbst für einen Mann in seinem Zustand kaum überhörbar, doch Nathan ist viel zu müde, viel zu überrannt von den Ereignissen der letzten Stunden, um ihre Unterhaltung aktiv steuern zu können.
Irgendwo in den tiefen seiner Hirnwindungen speichert er einige Punkte, die ihn interessieren und stutzig werden lassen, ab. Er nimmt sich vor irgendwann, wenn er sich wieder besser fühlt, nachzuhaken. Doch jetzt sitzt er erst einmal nur da. Manchmal schließt er die Augen, manchmal sieht er seinen ehemaligen Schüler direkt an.
Die wenigen Fragen die er stellt, betreffen das Leben in der Stadt, besondere Erlebnisse und Personen, um die Nathans Gedanken in seiner Zeit im Eiskerker immer wieder kreisten. Bruchstückhaft fährt er von Uio, dass er keinen Kontakt mehr zu Sewfried, dem Küfer und seiner Familie hatte. Sein Verhältnis zu Kali scheint ebenfalls nicht besonders positiver Natur gewesen zu sein und das ist noch ziemlich beschönigend formuliert. Die wenigen Worte, die Uio über sie verliert, presst er mit wutverzerrter Stimme zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Immerhin erwähnt er, dass die Fee und Kali gemeinsam im Tempel des Sithechs leben und das Kali aus Gründen, zu denen sich Uio nicht näher äußert, ihm den Kontakt zu Zoe verboten hat.
Nathan seufzt. Kali und Uio haben sich NIE gut verstanden. Eh ein Wunder das sie mich nicht aus dem Nevisyoli samt dem kleinen Rotzlöffel rausgeschmissen hat!

Als Uio sich einen Becher voll des verheißungsvoll duftenden Mets hastig die Kehle hinunterschüttet, fällt Nathans Blick zum ersten Mal auf die Hand des jungen Mannes. Die Hand mit den abgebissenen Fingern. Er muss nicht nachfragen, um zu wissen, welchem Ereignis der Verlust seiner Finger geschuldet ist. Zu gut kann er sich an die Aussage von Lyall, der Magd und Wargin, am Tag seiner Verhandlung erinnern.
Müde reibt er sich über die Augen…
Viele Fehler…Viele Verluste.
„Weißt du, Zoe hat sich viel zu sehr von der bl…von IHR beeinflussen lassen. Scheiße man…ich will doch nur…“, setzt Uio nach einem weiteren großen Schluck Met an, als ein leises Quietschen der Tür in ihren Angeln ihn mitten im Satz innehalten lässt. Fast gleichzeitig legt sich ein düsterer Blick auf Uios Gesicht und seine übriggebliebenen Finger umklammern den Becher eine Spur fester.
Mit dem Öffnen der Tür zieht ein kalter Lufthauch durch die Küche, der Nathan kurz frösteln lässt und seine Nackenhaare aufstellt. Er muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Rayyan den Raum betreten hat. Uios verkniffenes Gesicht, der stur auf seinen Becher gerichtete Blick und das gegrummelte „hmpf“ sprechen Bände! Was immer zwischen den Beiden vorgefallen sein mag, sie hatten definitiv keinen guten Start, dass kann selbst Nathan, der nun wahrlich nicht zu den großen „Empathen“ zählt, erkennen.
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28

Monday, January 21st 2013, 1:35pm

Überfahrt von Sorbonn nach Talyra - Silberweiß 513


Der Wind zerrt an den breiten Segeln der Karavelle, die in einem ewigen auf und ab die Wellen hoch und runter reitet, während das brodelnde Wasser in einer dünnen eiskalten Gischt über das Deck des Drei-Masters spritzt. Seit einem Siebentag schiebt sich das Schiff samt seinen Passagieren mühsam seinen Weg von Sorbonn nach Talyra vorwärts. Endlich, denn die Winterstürme des Ildorels sind dieses Jahr hart und immer wieder wurde das Auslaufen des Schiffes von Sorbonn verzögert. Nathanael ist froh, dass die Zeit des Wartens ein Ende gefunden hat. Nicht dass er die Seefahrerei liebt, doch Sorbonn war nur als Zwischenstation gedacht, aus der Widerwillen nun doch mehr als ein Viertel-Zwölfmond wurde.
Kopfschüttelnd fährt sich Nathan über sein struppiges Haar. Nass und kalt klebt es an seinem Kopf, nun schon ein gutes Stück länger als nach seiner Entlassung aus der ewigen Eishölle Nirmonars. Es ist immer noch schwarz und fest, doch hat es seit seiner Gefangenschaft seine glatte und samtige Struktur verloren und neigt nun dazu, sich in Kringeln zu legen. Vielleicht eine Auswirkung des Rashan, vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon.
Eine neue Welle zwingt die Karavelle noch oben und peitscht wie tausend dünne Nadeln den Regen in Nathans Gesicht. Seine Hände umklammern die Reling. Den Blick hat er weit in das graue Einerlei aus Himmel und schäumendem Wasser gerichtet. Die meisten Passagiere haben sich unter Deck zurückgezogen, dort wo es warm und trocken ist. Doch Nathan sehnt sich nicht nach Gesellschaft, noch fürchtet er den kalten Wind und das Wasser. Wer Nirmonar kennt, für den hat der Winter hier am Ildorel den Schrecken verloren.
Nirmonar…nein, Nathan hat keine Lust an das Rashangefängnis zu denken. Vielmehr zwingt er seine Gedanken nach vorne, in Richtung seines Zieles, Talyra, die Stadt in der alles begann und endete. Es ist ein seltsames Gefühl, nach so langer Zeit wieder zurück zu kehren und doch rührt sich in der Unsicherheit auch ein wenig Freude und Sehnsucht in seinem Herzen.
Es wird Zeit! Zeit für einen Neuanfang!

Den ersten Schritt in diese Richtung hat er schon in Sorbonn getan. Es hat einige Zeit gedauert bis sein Körper und auch sein Geist wieder so weit hergestellt waren, dass er sich mit wichtigeren Fragen als Schlafen, Essen, Trinken und wieder Schlafen, Essen, Trinken auseinandersetzen konnte. Fragen, die seine und auch Uios Zukunft betrafen. Rayyan, ließ ihm den Freiraum, den er brauchte, um wieder mit sich selbst und der Freiheit zurecht zu kommen. Dann verschaffte ihm der wortkarge Mann den Zugang in die Arkana Sorbonns, ein wahrlich imposanter Bau, der einen Großteil der kleinen Stadt ausmacht. Wer hätte gedacht, dass er, Nathanael, der Hexer, sich einmal in einer Magierakademie aufhalten würde. Freiwillig! Um zu lernen!
Noch immer muss er bei dem Gedanken ein wenig Schmunzeln. Doch der Blick auf die Welt kann sich ändern, wenn das Wesen, das dahinter steht, nicht mehr dasselbe ist. Das erste Mal in seinem Leben hörte er Magiern richtig zu - Rayyans kurzen Sätzen, aber auch den längeren, meist ausschweifenden Ausführungen der anderen Magier der Akademie. Der Sand rieselte viele Male durch das Stundenglas, in denen Nathan auf einem Stuhl saß und aufmerksam den Geschichten über Hexer, Magier und Zauberer lauschte. Dann stellte er Fragen, viele Fragen, auf die es manchmal schwer war die richtigen Antworten zu finden. Was wird aus mir, wenn ich mich entschließe Hexer zu bleiben? Was bedeutet es, ein Magier zu sein? Warum werden aus Hexern irgendwann Gebrannte?
Ein ganzer Mond verging, bevor Nathan endlich die Entscheidung traf, sein „Hexerdasein“ hinter sich zu lassen und sich dem Ritual der Manareduktion zu unterziehen. Der schwarzhaarige Mann denkt nicht gerne an dieses langatmige und widerliche Ritual zurück. Noch viel weniger mag er sich an das schmerzhafte Gefühl erinnern, an diesen Augenblick, an dem er seine Magie, die er erst seit kurzem wieder ein Teil seines Leben geworden war, endgültig verlor. Doch wer Nirmonar überlebt hat, überlebt auch die Manareduktion. Nur noch ein winziger Teil seiner früheren magischen Stärke und Kraft blieb als Ergebnis des Rituals zurück. Ein kleiner Funke, schwach und ungeformt. Armselig, hätte er früher dazu gesagt, damals, als er noch Nathanael, der stolze und mächtige Hexer gewesen war. Doch dieser Mann ist fort. Die Veränderungen, die im Rashangefägnis seinen Anfang genommen haben, finden in Sorbonn ihr jähes Ende und an Stelle des Hexers, tritt nun ein Mann, der bereit ist, künftig ein unbedeutender und machtloser Zauberer zu werden. Über die Aussicht eine einjährige Ausbildung über sich ergehen zu lassen, ist Nathan nicht begeistert. Doch er fügt sich den Regeln des Codexes. Was bleibt ihm auch anderes übrig?
Zu Nathans großer Überraschung hat Rayyan ihm angeboten, ihn in Talyra auszubilden und sein Lehrer zu werden. Nathan hat keine Ahnung, was der Anlass für diesen ungewöhnlichen Vorschlag ist. In seinen Augen ist Rayyan weder ein großer Menschenfreund noch der „geduldige“ und zum Lehrer berufene Typ Mann, der es als seine Aufgabe ansieht, Magiebegabte zu unterstützen und auszubilden. Ein Blinder kann sehen, dass Uio und Rayyan kein gutes Verhältnis hatten. So wundert es Nathan noch viel mehr, dass Rayyans sich nun den nächsten „Hexer“ für ein Jahr ans Bein binden will. Doch schon kurze Zeit später beschließt er, die Grübelei über Rayyans Beweggründe sein zu lassen. Schließlich bringt es nichts. Stattdessen nimmt er kurz vor ihrer Abreise Rayyans Vorschlag mit einem Handschlag an, der aus dem entlassenen Gefangenen, einen „Zauberlehrling“ macht.

Ein schmales Lächeln wandert über sein Gesicht.
Nathan, der Zauberschüler. Ist das Leben nicht manchmal grotesk?
Aus ihm, dem erwachsenen Mann, wird wieder ein Lehrling und sein ehemaliger Schüler, der junge Feuerbengel, ja, aus ihm wird wohl irgendwann ein Magier werden.
Uio. Wie es ihm wohl ergeht?…
Des Öfteren, seitdem sie Sorbonn verlassen haben, gleiten seine Gedanken zu dem Rotschopf, der mit einem muffigen Gesichtsausdruck und mit verschränkten Armen am Pier stand. Nur kurz hob er den Arm, um sich von seinem ehemaligen Meister zu verabschieden. Die Trennung ist ihm offensichtlich schwer gefallen - genauso wie Nathan. Doch die Entscheidung war die Richtige, zu mindestens was das angeht, ist er sich sicher. Hexer zu bleiben, wäre für Uio fatal gewesen. Über kurz oder lang, wäre junge Hitzkopf mit dem aufbrausenden Temperament in Konflikt mit dem Codex geraten und dann?
Nein…Uio darf nicht dort hin! Nicht nach Nirmonar. Es reicht wenn einer von uns dort zwei Zwölfmonde seines Lebens verschwenden musste!
Es hat Nathan viele geduldige und manchmal auch hitzige Gespräche mit dem Dreikäsehoch gekostet, um ihn davon überzeugen, dass sein Leben, so wie es bisher geführt hat, keine Perspektive bietet. Immer wieder hat Uio von der kleinen Fee, Zoe, erzählt, seiner „Liebe“ zu ihr und dass Kali ihm verboten hat sie zu sehen. Dank Zoe war es schließlich nicht schwer Uio zu verdeutlichen, dass ein gemeinsames Leben mit einem explosiven „Hexer“, der sich in der Unterstadt sein Geld auf illegale Weise verdient, nichts für eine Fee wie Zoe ist. Missmutig musste auch Uio das schließlich einsehen. Für eine kurze Zeit hatte Nathan gehofft, Uio würde auch den Weg eines Zauberers wählen, doch der Junge hatte kein Interesse daran, sich in seiner Macht und Magie beschränken zu lassen.
„Wenn ich schon nach den Regeln von diesen beschissenen Magiern leben muss, ja, dann so wie ich das will! Ich lass mir doch nicht von denen sagen, wie viel Mana ich haben darf! Spinnen die oder was?! Ne, wenn dann werd ich einer von ihnen und dann mach ICH die Regeln!“
Nur zu gut erinnert er sich an das breite Grinsen in Uios kantigem Gesicht und das Funken in seinen Augen, als er Nathan seine Entscheidung letztendlich mitteilte. Für Zoe hat er ihm einen Brief mitgeben. Er musste ihm hoch und heilig versprechen, den Brief direkt der Fee zu übergeben und ja nicht Kali gegenüber ein Wort darüber zu verlieren. Obwohl er die ganze Heimlichtuerei ziemlich albern findet, hat er Uio das geforderte Versprechen geben.

Nachdenklich schüttelt er den Kopf, während die Karavelle im Wind hin und her geworfen wird. Die Segel im Wind gebläht, schaukelt das Schiff immer weiter Richtung Talyra, dem Ziel seiner Reise. Die Überfahrt wird noch einige Tage dauern, doch Nathan ist dankbar für die Zeit, die ihm bleibt, um sich auf die Ankunft und seine zukünftigen Aufgaben vorzubereiten.
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