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1

Dienstag, 26. Juni 2012, 10:48

Totes End

Im Osten der Unterstadt befindet sich ein Viertel das von allen nur "Totes End" genannt wird.

Den Gerüchten nach ist das "Tote End" der letzte betretbare Bereich der
Unterstadt, alles was weiter im Osten liegt ist nicht betretbar oder zu
verschüttet.

Im Toten End stehen verschiedene Gebäude.
Teilweise recht gut erhaltene Hütten aus den frühen Zeiten Talyras,
teilweise Holzverschläge. Teilweise wurden Spalten im Fels wohnlich
ausgebaut.
Inmitten dieser Ansammlung von Häusern unter der Erde lebt der übliche Abschaum der Unterstadt.

Diebe, Schmuggler und Huren leben beieinander, dazwischen Krüppel,
Obdachlose und Straßenkinder. Sie alle haben im Toten End eine
Möglichkeit um einen weiteren Tag zu überleben gefunden


2

Dienstag, 26. Juni 2012, 10:51

Ein Cardosser namens Keeshar ist der Herrscher des Toten End. Ihm gehorchen die Kriminellen, folgen seinen Befehlen.

Und nicht nur die Männer gehorchen Keeshar. Auch die meisten Frauen und Kinder sind ihm treu ergeben, denn Keeshar behandelt seine Gefolgsleute mit ausgesprochener Höflichkeit und Rücksichtsnahme –wenn es ihm nützt.

Mitten in dem Viertel namens „Totes End“ steht ein Haus, dass schon vor Urzeiten an der Oberstadt gestanden hat, bis es nach und nach in der Erde versank. Und genau in diesem Haus hat Keeshar sein Heim aufgeschlagen.
Das Haus besitzt Mauern aus armdicken Granitsteinen und mit Eisenstangen vergitterten Fenstern. Die Türen sind aus dicken Eichenbrettern gezimmert worden. Es besitzt zwei Stockwerke und ein Dach, und nur die Götter wissen, wie es so lange stehen bleiben konnte, während eine neue Stadt über der alten errichtet wurde.
Das Haus hatte mehrere kleinere Zimmer, in denen Keeshar die Handlanger unterbringen konnte, denen er genug vertraute, im Keller lagerte der Rothaarige verschiedene Gegenstände, von Hehlerware über Waffen bis hin
zu auf ehrlichem Weg gekauften Gegenständen.
In der oberen Etage wohnte Keeshar selber in zwei aneinanderliegenden Räumen, von denen der hintere mit dem Dachboden durch eine einfache Leiter verbunden war.
Das Haus hatte auch einige Besonderheiten, von denen bis auf Keeshar niemand wusste – ein Fluchttunnel im Warenlager des Kellers, gerade hoch genug, dass ein Mann sich dort hindurch zwängen konnte und eine Ausstiegsluke in dem Dach, das aus Eichenschindeln gebaut worden war.

Uio

Stadtbewohner

Beiträge: 75

Beruf: ehemaliger Handlanger, Dieb und Hexer! Seit anfang 513 Magierlehrling

Wohnort: Arkana zu Sorbonn

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3

Mittwoch, 11. Juli 2012, 09:21

Keylans/Uios Behausung im Ostviertel/ Toten End

- Mehr als einen Siebentag nach Inari -

Mit einem verträumten Blick und dem dazugehörigen breiten Lächeln hockt der junge Hexer auf dem Steinboden seiner Behausung und dreht ziemlich umständlich einen Lappen durch eine Menge Wasser und verkohlte Übereste. Eigendlich müsste er fluchen, schimpfen oder sonst etwas. Aber irgendwie ist ihm nicht danach. Warum auch immer hat sich dieser blöde Stuhl entzündet, das Feuer ist auf den Tisch übergegangen und das mit dem Feuer aus...oder dann letztentlich das Löschen mit Wasser hat so lang gedauert, das nicht mehr viel von dem Mobilar übrig ist, außer verkohlte Reste und Asche, die in dem vielen Wasser einen schwarzgrauen Brei abgeben. Naja, denkt Keylan /Uio, das ist ja nicht sooooo wild. Erstens hat keiner gesehen, es ist auch nicht wirklich etwas passiert und aufregen nützt ja nix...so..., schenkt er diesem "kleinen" Hexerunfall", wie er die häufiger werdenden Missgeschicke in der letzten Zeit tituliet, nur einen Gedanken, bevor wieder dieses wunderschöne Gesicht, diese glänzenden Augen, die frechen und wirklich schicken kurzen Haare, ihre leicht aufgeregt flattenden Flügel und und...ja diese ,die seinen Namen freudig ruft, all seine Gedanken und jede einzelne Hirnwindung in seinem Kopf einnimmt.
ZOE!
Uio seufzt verzückt und wischelt ohne viel Nutzen in dem Matsch herum.
Gestern hat er sie getroffen, im Hain, dort wo sie sich verabredet haben und er versprochen hat, sobald er abends Zeit hat, dort hinzukommen und sie zu finden. Es war so unbeschreiblich schön. Keine Spur davon, dass Uio einmal Angst vor dem Totenakker gehabt hatte. Neee, Uio hat da vielleicht Angst, aber Keylan nicht! Die Kinderscheckgeschichten und Gespinste sind längst Geschichte. Und dann, wenn er Zoe, sein Feenmädchen mit dem süßen Geruch in seinen Armen hat und sie küsst, dann, ja dann könnte er auch auf einem Misthaufen stehen oder rings herum die Welt in tasend Scherben zerspringen, es wäre eine Nichtigkeit!

Ein Geräusch an der Tür, außen, lässt ihn aufhorchen.
"Keylan?"
Mißt Gregor!
"Was?", schnell springt er auf und geht rutschend über den Aschematschboden zur Tür, um sich von Innen an diese zu lehnen. Er hat kein Interesse daran, dass irgednwer das Chaos hier sieht und es seinem Boss erzählt. Auch wenn der Mann dort draußen, sowas wie ein Kumpel ist, ist er in erster Linie Keeshars Mann und Getreuer.
"Hast du vergessen wir müssen los?", erklingt die tiefe Männerstimme von draußen.
Kake, Pisse verdammte..., flucht er. Natürlich hat er es vergessen. Das wird er aber niemandem auf die Nase binden! Schon gar nicht, dass er an ein...sein Mädchen die ganze Zeit verträumt denkt! Das geht niemanden was an!!!
"Äähm, nein hab ich nicht, ich komm nach, wir treffen uns vor Kees Haus! Ich hab gepennt und brauch nicht lang!", ruft er raus, hört ein Grummeln und Schritte die sich entfernen.
"Rattendreck.", flucht er leise und schaut auf den pampigen Boden. Im Eiltempo schnappt er sich den Eimer und den Lappen, wischt auf und wingt den Lappen aus. Sobald der erste Eimer voll ist stößt er mit dem Fuß die Tür auf und kippt das Aschewasser draußen in eine Ecke. Das wiederholt er einige Male bis er den letzten Rest einfach in eine Ecke seines Zimmers schiebt und seine alte Kleidung drüber wirft.
"So eine verfluchte ...", schimpft er lauthals ziemlich schmutzige Wörter als er feststellt, dass er selbst auch voller Asche und Dreck ist. Schnell wäscht er sich am Brunnen, schaut nochmal in sein Zimmer, dass nur noch mit einer brennenden dicken Kerzen auf dem Boden, dem Wäschehaufen, der die verkohlten Holzbeine von Tisch und Stuhl bedeckt und sein teilweise nasses Schlaflager beinhaltet, schnappt sich den Nathanmantel vom Haken an der Wand und pustet die Kerze aus.

>>In den Straßen der Stadt >>
UNKRAUT VERGEHT NICHT!

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(c) by Niniane

4

Freitag, 10. August 2012, 10:55

Irgendwann, als Keeshar endlich im Toten End ankommt, hat sogar er Probleme damit den überlangen Hexer zu tragen. Aber er hält durch, bis er an sein Gebiet kommt, und pfeift sich dort als allererstes einige helfende Hände heran.
Der Hexer – zu seinem Glück ist er immer noch ohnmächtig – wird direkt zu Keeshars eigenem Heim getragen.
„Hol den einarmigen Reda. Er soll seinen Helfer mitbringen, es gibt hier Arbeit.“ Einer der Männer, die noch kurz zuvor den Hexer getragen haben, eilt los, während Keeshar sich den Hexer genauer anschaut und eine erste Versorgung der Wunden vornimmt.
Die Wunde an der Seite des Hexers sieht im ersten Moment am schlimmsten aus.
Keeshar hat während er selbst auf Reisen war, öfters schonmal Fisch gefangen, und diesen dann auch mit einem Messer filetiert – diese Wunde sah recht ähnlich aus. „Recht ähnlich“, weil Keeshar eigentlich ein scharfes Messer benutzt um ein ordentlich geschnittenes Filetstück zu bekommen. Diese Wunde war eher gerissen als geschnitten worden.
Seufzend drückt Keeshar ein Stück sauberes Verbandstuch auf die Wunde. Hinter ihm öffnet sich knarzend die Tür und Tjes, Keeshars rechte Hand im Toten End tritt ein.
>Ich habe gehört, dass du… Abfälle aus den Gruben eingesammelt und hergebracht hast, Boss.< spricht der kahlköpfige Mann mit einem abwertenden Blick auf diesen blutenden Riesen.
Keeshar schnaubt. Anderen Männern hätte er einen solchen Kommentar nicht durchgehen lassen, aber bei Tjes war das was anderes.
Die beiden Männer kannten sich seit Jahren und waren sich gegenseitig treu ergeben, und so durfte Tjes auch seine Meinung offen kund tun – wenn sie unter sich waren.

„Ich habe die Hoffnung, dass es sich hierbei um wertvollen Abfall handelt…“ >soweit ich weiß, hast du genug bezahlt, also handelt es sich jetzt schon auf jeden Fall um wertvollen Abfall, Boss…<
Hart lacht Keeshar auf, während er eine weitere blutende Wunde des Hexers versorgt.
„Da hast du recht. Wir sollten diesen Hexer aber so gut wie möglich versorgen lassen, damit er uns dieses Geld – und mehr – wieder einbringt.
Er muss irgendwo unterkommen, wenn er wieder auf den Beinen ist. Ich will ihn nicht auf Dauer hier im Haus wohnen haben.“
Tjes nickt, grinst und zeigt sein schadhaftes Gebiss. >Ich habe da so eine Idee, wo ich ihn unterbringen kann. Oh, da ist Reda.“
Der Einäugige nickt, bittet den Heiler aus der Unterstadt hinein und überlässt dem fachkundigeren Alten die weitere Versorgung des Verletzten.
Mehrere teils schwere, teils leichte Schnittwunden, zwei angeknackste Rippen, zwei gebrochene Rippen, eine geplatzte Lippe und ein angebrochener Ellenbogen sind – neben unterschiedlichsten Prellungen – das Ergebnis des Kampfs in der Grube, wie Reda schnell feststellt.
Ungefähr zwei Stunden später liegt der Hexer mit vielen Verbänden an allen möglichen Körperstellen auf der Pritsche, während die sichtbare Haut langsam die unterschiedlichsten Farbtöne annimmt. Reda hatte ihm einen Heil- und Schlaftrunk eingeflößt, hat einige Tränke und Kräuter hinterlassen und weitere Anweisungen an eine der Frauen gegeben, die sich nun erst einmal weiter um den Hexer kümmern wird.

Keeshar sitzt teetrinkend in seinem Zimmer und führt seine Geschäftsbücher. Tjes kommt mit einem kurzen Klopfen hinein, berichtet dann: >Ich denke, dein Abfall wird bei Lys unterkommen können.<
Keeshar nickt nur ohne aufzublicken.
Schon will Tjes das Zimmer wieder verlassen um sich weiteren Geschäften zu widmen, als Keeshar doch noch einmal die Stimme erhebt: „Tjes! Sorg bitte dafür, dass Keylan weiß, dass er demnächst nicht mehr hierhin kommen soll, sondern dass er sich mit Benner in Verbindung setzen soll, wenn er was von mir will. Benner wird ihn auch ansprechen, wenn ich etwas von ihm will.
Ich will nicht, dass unser Hexerlein mit dem Hexer zusammentrifft. Nicht solange ich nicht weiß, was ich von dem Kerl zu halten habe. Sag außerdem den anderen was ihnen blüht, wenn sie sich dem Hexer dort unten gegenüber wegen Keylan verplappern.“
Tjes nickt leicht, schleimig grinsend. Oh ja, er wird den Männern mit den düstersten Farben erklären, was passiert wenn sie nicht aufpassen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Keeshar« (10. August 2012, 11:04)


Rayyan

Hänfling

Beiträge: 130

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

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5

Freitag, 10. August 2012, 11:08

~ Sonnenthron 512 ~


„Was ist passiert?“ Die Besorgnis in ihrer Stimme hat die gleiche Wirkung auf seine Selbstbeherrschung wie ein Fässchen Loa’s Öl auf ein Kartenhäuschen und wütend pfeffert er seine Tasche in eine Ecke, wo sich ihr Inhalt mit dumpfem Gepolter über den fleckigen Flur verteilt. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass dich das nichts angeht?!“, raunzt er sie an und der Frust der letzten Wochen klebt an seinen Worten wie Pech. Lys zuckt unter dem verbalen Peitschenhieb erschrocken zusammen, bevor sie eine Entschuldigung nach oben stammelt und sich beeilt die Unordnung zu beseitigen. Wie das personifizierte schlechte Gewissen wirft sie sich vor ihm auf die Knie, klaubt Äpfel, Birnen und Brot vom Boden und gibt sich alle Mühe die verräterischen Tränen vor ihm zu verbergen. Natürlich erfolglos. Normalerweise lassen ihre grossen, traurigen Augen ihn zur Besinnung kommen, heute möchte er sie packen, schütteln und anbrüllen, bis sie aufhört ihn so anzusehen. Fluchend pflügt er durch den Raum, greift das Nächstbeste, was ihm zwischen die Finger kommt – einen ihrer Schemmel – und schmettert ihn gegen die Wand, wo er in seine Einzelteile zerfällt und ein faustgrosses Loch in die wurmzerfressenen Bretter schlägt. Wut, Verbitterung und eine gehörige Portion Unzufriedenheit, mit der er einfach nichts anzufangen weiss, machen ihm und auch ihr das Leben saurer, als es hier unten sowieso schon ist. Und wenn sich dann auch noch schlechte Tage dazugesellen, an denen ihm die Unterstadtdecke fast auf den Kopf stürzt, weil ihm die Zeit zwischen seinen Fingern hindurchsickert wie Knochenstaub, muss sie aufpassen, um durch seinen Groll auf das Drecksloch, den Hohen Magischen Rat, den verlausten Rotzbengel, aber vor allem auf sich selbst nicht erschlagen zu werden. So auch heute. Heute war ein götterverflucht miserabler Tag gewesen.

Kühle, zitternde Finger reissen ihn aus dem Strudel rabenschwarzer Gedanken, und als sein sich Blick klärt und die Welt nicht länger nur aus rotem Nebel besteht, steht sie vor ihm, die Hände ruhen sanft auf seinen Wangen, und in ihren frühlingsgrünen Augen, die immerzu fiebrig glänzen, findet er williges Verständnis. ‚Erzähl es mir‘, sagt sie, ohne das ein Wort über ihre Lippen kommt, und er tut es. Er beginnt zu reden. Erzählt ihr von dem Auftrag, den Tjes ihm und fünf weiteren Männern, darunter auch Jory und Droschkenkarl, der eine ein schlechter Dieb und Feigling, der andere ein Muskelberg mit einer krankhaften Vorliebe für Schmerzen, erteilt hat. Von der lachhaften Einfachheit, die ihnen schlussendlich fast das Leben gekostet hätte, von diesem dummen Jungen, der hatte Held spielen wollen und davon, wie Droschkenkarl ihm seine glorreiche Idee, ein paar bis an die Zähne bewaffneter Schmuggler ausspionieren zu wollen, aus dem sommerblonden Schädel geprügelt hatte. Wie Jory währenddessen das Weite gesucht hatte, weil ihm die Sache zu heiss geworden war, und wie er durch seine Flucht einen ganzen Trupp patroullierender Blaumäntel auf das Geschehen aufmerksam gemacht hatte. Er berichtet ihr von dem Kampf, der unweigerlich folgen musste, von dem etwas älteren Gardisten, knorrig und fest entschlossen diesem Saupack das Handwerk zu legen, mit dem er in ein Handgemenge geraten war und wie er ihn mit einem einfachen Fesselzauber ausser Gefecht gesetzt hatte, ohne ihn zu verletzen, nur damit Droschkenkarl ihm mit seiner Keule in der nächsten Sekunde beinahe das Genick, aber auf jeden fall die Schulter brechen konnte. Er redet und redet und redet, so viel und so lange, wie seit Jahren nicht mehr, und als er nach einer schieren Ewigkeit wieder halbwegs zu sich kommt, wird ihm gewahr, dass er nicht mehr steht, sondern auf einem Stuhl sitzt, nur noch eine Hose anhat und Lys ihm mit einem feuchten Lappen die Blutsprenkel von Gesicht und Hals wischt.

Unter halbgeschlossenen Lidern hinweg betrachtet er sie, wie sie das Tuch in das inzwischen rosa verfärbte Wasser tunkt und es auswringt, die Knöchel ihrer Finger graue, scharfkantige Flecken unter der ungesund bleichen Haut. Die Zeit und die Unterstadt sind nicht nett zu ihr gewesen und mit jedem Tag der vergeht wird sie magerer und schwächer, egal wieviel deftigen Eintopf sie hinunter würgt. Magister, wie der Heilkundige aus der Oberstadt, der auf Keeshars Wunsch hin das Totes End alle paar Monde aufsucht, gerufen wird, gibt ihr kein Jahr mehr. Noch bevor der Winter anbricht. Die Gewissheit ist da, ohne das Rayyan weiss woher sie kommt, aber sie lässt sich nicht wieder verscheuchen. Im Grunde genommen ist sie schon tot. Sie weiss es nur noch nicht. Erst dann bemerkt er die stummen Tränen, die von ihrem Kiefer tropfen und runde dunkle Flecken auf ihrem braunen Leinenkleid hinterlassen. Vorsichtig schliessen sich seine Finger um ihr Handgelenk, das nur aus trockener Haut und glaszarten Knochen zu bestehen scheint. Ihr glänzender Blick richtet sich erst auf seine Finger, wandert dann entlang der schwarzen Linien seiner Tattowierung in die Höhe und verharrt schliesslich unsicher unterhalb seines Kinns, als fehle ihr die Kraft für die letzten fünfzehn Sekhel. „Droschkenkarl ist tot?“ Ihre Stimme ist das einzig Lebendige, das ihr noch geblieben ist. Tief für eine Frau und rauchig warm verspricht sie herzliches Gelächter und schönen Gesang, aber singen hat er sie noch nie gehört und auch ihr Lachen ist ein seltenes Geschenk. „Ajwa“, bestätigt er fast tonlos und obwohl es ihm nicht schade ist um den Mann, haftet seinem Tod ein bitterer Nachgeschmack an. Ich hätte ihn sofort aufhalten müssen. Mich zu erkennen geben müssen. Irgendetwas tun müssen. Allahi Yekhrib beitak! Verdammt, Olyvar. Zweifel drohen ihn zu übermannen und mit einem leisen Stöhnen vergräbt er sein Gesicht in seinen Händen, woraufhin Lys ihre Arme so weit möglich um seine Schultern schlägt und halb erstickt vor Erleichterung gegen seine Stirn wispert: „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“

Er weiss, dass ihre Angst um ihn aufrichtig ist. Genauso ihre Erleichterung, wenn er einen Auftrag beinahe unbeschadet übersteht, die fast schon mädchenhafte Freude, wenn er ihr etwas vom Wolfsmarkt mitbringt, ihr mitfühlendes Lächeln, wenn er wieder eine Niederlage eingestehen muss, ihre Tränen, wenn er sich in seinem Missmut verliert. Alles an ihr ist aufrichtig, und genau deshalb fühlt es sich so verdammt falsch an.
Es ist inzwischen fast vier Monde her, seit Keeshar ihn ungefragt in ihrer halb zerfallenen, windschiefen Baracke am Rand des Totes End einquartiert hat. Vor langer, langer Zeit einmal muss es ein herrschaftliches Gutshaus gewesen sein, mit strahlend weiss gekalkten Wänden, weitläufigen Zimmern mit kunstvollen Stuckarbeiten an der Decke, wuchtigem, rotgeölten Holzwerk, Fenstern aus eingerahmtem Buntglas und Reet auf dem Dach, so grün und dick wie Frühlingsmoosmatten. Überdauert haben nur ein verlottertes, hohes Giebeldach, mächtige, rauchschwarze Tragebalken und ein monströser steinerner Kamin. Die kniehohe Grundmauer aus Schiefer und Flussspat sind überwuchert von schimmelndem Klimmauf, der sich tief in jede Ritze und jede Spalte gefressen hat, und blühende Veilchenbeete haben einem trüben Geflecht aus Graufarn und Selighalm Platz gemacht.
Der geringe Widerstand, mit dem er von ihrer Seite aus gerechnet hatte, war ausgeblieben. Anstatt ihr Häuschen mit Krallen und Zähnen zu verteidigen, hatte sie Keeshar nur müde angesehen und gefragt, ob sie gehen müsse. Der Pockennarbige hatte die fleischigen Lippen über gelbe Zahnreihen geschoben und verneint, das Ganze allerdings in einem Ton getan der untergründig noch eine für Rayyan damals nicht verständliche Botschaft übermittelt hatte. Im nächsten Atemzug hatte er ihren köstlichen Eintopf und ihre flinken Finger gelobt und behauptet, dass sie beide sicherlich wunderbar miteinander harmonieren würden. Anstatt den unerwarteten Gast daraufhin zu akzeptieren, hatte die dürre Morländerin ihren Kopf gedreht, ohne wirklich seinen Blick zu suchen, und hatte ihn gefragt, ob sie gehen müsse, ungeachtet Keeshars Feststellung dem sei nicht so. Inzwischen weiss er, dass ‚Ja‘ vielleicht nicht die richtige, aber sehr wohl die gnädigere Antwort gewesen wäre, denn es wird der Tag kommen, an dem er diesen vermaledeiten Bengel findet und an die Oberfläche zurückkehren wird. Ohne sie. Manchmal beschleicht ihn die Vermutung, dass sie schon lange weiss, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist, und dann wiederum freut sie sich so offen über seine Anwesenheit, dass er den Gedanken für unmöglich hält.

Ein paar Mal hat er erwogen mit ihr zu reden und ehrlich zu sein, was die Dauer und den Grund seines Aufenthalts betrifft, den Gedanken aber jedes Mal sofort wieder verworfen. Sie ist und bleibt eine von Keeshars Frauen. Ihm verdankt sie ein Dach über dem Kopf, ihr täglich Brot und Schutz vor dem Schicksal, das die meisten ihrer Art hier unten ereilt, und Rayyan kennt den Wert dieser Gaben und die Loyalität, die man sich damit erkaufen kann. Sie würde ihn und seine Sache verraten, aus dem einfachen Grund weil es richtig wäre es zu tun. So bleibt ihm auch dieses Mal nichts anderes übrig als sie im Unwissen zu lassen und zu hoffen die Angelegenheit schnell hinter sich zu bringen.
Gerade will er sich erheben und sich hinter seinen arkanen Schriften vergraben, als jemand an der Tür klopft und Lys‘ immerbleiches Gesicht weiss wird wie ein frisch gebleichtes Totenlaken. Sanft aber bestimmt löst Rayyan sich aus ihrer Umarmung, steht auf und zieht sie in die Höhe, der Zug um seinen Mund eher finster, als wirklich besorgt. Keeshar wird wissen wollen, was passiert ist.
Tjes, Keeshars zahnlose rechte Hand, steht vor der Tür und teilt Rayyan mit, dass Keeshar ihn im Haupthaus erwarte. Ton und Mimik geben nichts über den Hintergrund des Befehls preis und Rayyan bleibt nichts anderes übrig als sich dem Pockennarbigen blind zu stellen. Lys reicht ihm eine saubere Robe und seinen Waffengurt, an welchem ein unterarmlanger Dolch baumelt, und er zieht beides an, bevor an Tjes vorbei ins Freie tritt.
Wenig später steht er in Keeshars Büro, ein kleines, karg eingerichtetes Zimmer mit einem wuchtigen, grob gezimmerten Holztisch, zwei Stühlen und einem Regal auf dem ein halbes Dutzend Bücher unter einem Staubschleier verlottern, und sieht ungerührt auf das blutige Bündel Mensch hinab, das einmal Jory gewesen sein muss. Der Dieb liegt gekrümmt in seiner eigenen Pisse und einer immer grösser werdenden roten Lache auf den fleckigen Dielen, presst die mehrfach gebrochenen Finger schützend gegen seine Brust und zieht pfeifend die Luft durch zerschlagene Zähne und eine zertrümmerte Nase, das Gesicht eine unerkenntliche braunblaue Masse. Neben ihm steht Glückskatz und massiert sich die blutigen Knöchel einer Hand, die mehr und mehr aufgeht wie ein Hefeteigbrötchen im Ofen, das zufriedene Lächeln zwei glänzende Zahnreihen im fahlen Kerzenlicht. Sein alkoholgetrübter Blick schwankt zwischen dem wimmernden Jory und Keeshar, der hinter dem Tisch sitzt und an die leere Wand starrt, hin und her und er sieht aus, als hätte es ihm Spass gemacht den Dieb zu einem Klumpen Fleisch zu verarbeiten. Seit Berl, sein bester Freund, bei einer Auseinandersetzung mit einer konkurrierenden Schmugglerbande vor nicht ganz einem Jahreslauf ums Leben gekommen ist, gibt der Mann sich alle naselang die Kante, um sich nicht mit Trauer und Verlust auseinander setzen zu müssen. Scheint als hätte Keeshar ein Ventil für die aufgestockten Gefühle gefunden. Jorys erbärmlicher Zustand weckt bei Rayyan kein Mitleid. Wäre Glückskatz ihm nicht zuvor gekommen, hätte er dem feigen Hund höchstselbst jeden Knochen im Leib gebrochen, angefangen bei seinem kleinen Zeh.

„Wo ist die Ware?“ Keeshars kehliges Knurren klingt wie eine schartige Klinge, die durch Frost sägt und Rayyan spürt wie sich ihm die Haare auf den Armen aufstellen. Das es mit dem Herr des Totes End mehr auf sich hat, als seine äusserliche Erscheinung vortäuschen will, vermutet Rayyan schon seit seinem ersten Tag als magischer Handlanger, aber hier und jetzt ist die namenlose Bedrohung, die von dem Pockennarbigen ausgeht, fast schon greifbar.
Wie ein Krieger vorsichtshalber eine Hand auf den Knauf seines Schwertes legen würde, ruft Rayyan sich einen arkanen Spruch ins Gedächtnis. Dann antwortet er wahrheitsgetreu: „Sicher.“ Und verschränkt die Arme vor der Brust, ohne den Blick von dem Dieb vor seinen Füssen zu nehmen, dessen flacher Atem immer mehr in ein ungesundes Rasseln übergeht.
„Marek behauptet Droschenkarls Tod wäre deine Schuld.“ Dieses Mal ist es Tjes, der spricht, und ein harter Glanz tritt in Rayyans Augen, ehe er unumwunden zugibt: „Awja. So ist es.“ Sein Zauber hatte den völlig überraschten Kanalhund mit einem halbes Dutzend rasiermesserscharfer Steinsplitter in Brust und Gesicht ins Hafenbecken stürzen lassen. Pockennarbes Miene bleibt leer, wie in Bronze gegossen, aber zwischen Glückskatz schmalen Brauen bildet sich eine steile Falte und Tjes schluckt ein glucksendes Räuspern hinunter: „Achso? Bestimmt gibt es auch dieses Mal einen guten Grund.“ Die beiden Männer sind sich seit ihrem ersten Wortwechsel, der sehr einseitig und sehr desinteressiert ausgefallen war, über alle Masse hinaus unsympathisch und wäre nicht Keeshar, hätte einer dem anderen schon längst im Schlaf die Kehle durchgeschnitten.
„Ajwa.“ Bestätigt Rayyan, äusserlich die eherne Ruhe. In ihm aber brodelt es gewaltig. „Er wollte einen Blaumantel umbringen.“ Weitere Erklärungen sind überflüssig. Jeder von ihnen kann sich in Farbe ausmalen, was der Tod eines Stadtgardisten für die Unterstadt und auch das Totes End bedeutet hätte. Scharen an Blaumänteln, langatmige Untersuchungen, regelmässigere Kontrollen, Verhaftungen, unterstadtinterne Unruhen, Revierkämpfe und Probleme mit Nurio, der es überhaupt nicht schätzt, wenn jemand ihm die Steinfaust auf den Hals hetzt.

Rayyan kann nicht sehen, wie Tjes, der in seinem Rücken steht, Glückskatz unmerklich zunickt, doch der Alkohol macht den normalerweise assassinenhaften Mann langsam und noch bevor er sich halb von der Wand gelöst hat und zum Schlag ausholen kann, hat Rayyan ihn am Kragen gepackt und in die Höhe gehoben, bis seine schlamm- und blutbespritzten Stiefelspitzen über den unebenen Holzboden schaben. „Ah...“ Tönt es erschrocken und verwirrt von Tjes neuerwählten Schläger und Rayyan kann selbst durch den Gestank hindurch Glückskatzs Angst riechen. Keeshar hat das Geschehen in der Grube zu seinem persönlichen Vorteil ausgenutzt und grosszügig mit Rayyans Ruf als wilder Hagazussa gekleckert, ihn mittels blutiger, fast schon kranker Gerüchte sogar grosszügig gefördert. Inzwischen weiss der hinterletzte Köter, dass Keeshar sich einen Hexer als Haustier hält, mit dem Jungen vielleicht sogar zwei, wodurch das Totes End nahezu unantastbar wurde, und Rayyan gleichzeitig so bekannt wie ein gepunkteter Drache mit sieben Flügeln. Im Totes End geht man ihm für gewöhnlich aus dem Weg, beziehungsweise tut, was er sagt wenn er etwas sagt, was er nicht Keeshar, sondern einem seiner weniger intelligenten Handlanger zu verdanken hat – mit dessen verrotendem Schädel die Kinder eine Weile lang Ball gespielt haben. Der Pockennarbige, alles andere als erfreut über den Verlust eines Mannes, egal wie wenig er wert war, hatte ihn aufgesucht, ihm zu seinem warnenden Beispiel gratuliert, nur um ihn nach einem Schluck Wein mit dem gleichen schiefen Grinsen darauf aufmerksam zu machen, dass er keine Köpfe sammle, allerdings eine Kollektion beginnen würde, sollte es Rayyan noch einmal in den Sinn kommen ihn um einen Mitarbeiter zu erleichtern. Droschkenkarl ist der zweite Mann, der auf seine Kosten geht, aber in diesem Fall hat man (der Hohe Magische Rat, Uio, Olyvar, Droschkenkarl, das verdammte Schicksal) ihm keine Wahl gelassen, und er wird den Dunklen tun und als Prügelknabe herhalten.

Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von »Rayyan« (10. August 2012, 11:25)


6

Freitag, 10. August 2012, 22:04

Die letzten Siebentage waren anstrengend für Keeshars Laune. Nichts lief wirklich so, wie es sollte.
Angefangen hatte es mit dem Unwetter das über Talyra hineingebrochen war. Mehrere Dämme am Ildorell waren gebrochen und das Wasser hatte sich seinen Weg nach unten gesucht.
Innerhalb von wenigen Stunden, nein, Minuten waren die östlichen Bereiche der Unterstadt, Bereiche die nur aus verschütteten Tunneln besteht, mit einer schwarzen, dreckigen Brühe überflutet worden.
Dann war das Wasser weiter gestiegen, hatte nach und nach mehr Platz eingenommen.
Keeshar war zu diesem Zeitpunkt selber in den östlichen Tunneln unterwegs gewesen und beinahe hätte ihn das Wasser wie anderen Unterstadtbewohnern das Leben gekostet.
Allerdings kam Keeshar aus Cardossa das am Meer der Ruhe lag. Und als ein solcher Küstenbewohner hatte Keeshar einiges an Wissen über Sturmfluten.
Sobald ihm die ersten Ratten panisch über die Füße liefen, ihn absolut ignorierten und nur quiekend in Richtung Westen flohen, wusste er dass er von dem Ort weg musste.
Er hatte die Beute, die er in den Tunneln verstecken wollte, fallen gelassen und war losgerannt Richtung Ausgang.
Aber der Einäugige hatte nicht aufgepasst, hat eine falsche Abzweigung innerhalb des Tunnellabyrhints genommen, war plötzlich in einer Sackgasse gefangen während hinter ihm das Wasser kam.
Letztendlich verdankte Keeshar sein Leben den Ratten, die zwischen Felsspalten verschwanden und von dort weiterflohen, und seiner Gabe die Gestalt einer Schlange anzunehmen.
Er hasste diese Gestalt, verabscheute sie. Aber diese Gestalt war die einzige Möglichkeit am Leben zu bleiben.
Und so hatte er sich verwandelt, viel zu schnell, so dass die Verwandlung noch mehr schmerzte als so schon, und war kriechend den Ratten gefolgt.
Er hatte überlebt.
Und er hatte die nächsten Tage unter Nebenwirkungen gelitten, sein Körper wehrte sich gegen die überschnelle Verwandlung, er hatte Probleme mit seinen Sinnen, weil die Sinne der Schlange so dermaßen anders sind, und er musste aufpassen, dass er nicht mitten vor seinen Leuten anfing zu züngeln.
Oh wie er die Schlangengestalt hasste.

Viele andere Bewohner des Toten Ends hatten nicht überlebt, waren jämmerlich ersoffen. Tunnel waren überflutet und zerstört worden, genauso einzelne „Häuser“. Stinkender Schlamm hatte sich festgesetzt.
Und das Tote End mit seiner östlichen Position, so nahe am Ildorell, war besonders hart getroffen worden.
Keeshar hatte daraufhin verschiedene Maßnahmen ergriffen, hatte dafür gesorgt dass das Tote End so gut es geht gesäubert wird – oder dass zumindest die angeschwemmten Leichen verbrannt werden und die wenigen Grundwasserzugänge im Toten End gereinigt werden. Der Herrscher über das Tote End will keine Krankheiten haben, die die Bewohner im Toten End noch weiter reduzieren. Allerdings murrten verschiedene Leute im Toten End, sie verstanden nicht, wieso sie die Leichen einsammeln und verbrennen sollten, wertvolles trockenes Feuerholz vergeuden sollten.

Der Hexerlehrling Keylan hatte dem Einäugigen ebenfalls Nerven und gute Laune geraubt.
Der Bengel hatte natürlich mitbekommen, dass ein anderer, älterer Hexer bei Keeshar aufgetaucht war.
Erst hatte Keylan herumgebockt. Hatte die Anwesenheit missmutig ignoriert, hatte den anderen Hexer mit keinem Wort erwähnt. War dann wütend geworden, weil er dachte Keeshar würde ihm den anderen Hexer verheimlichen wollen, weil Keeshar dafür sorgte, dass sich die beiden nicht treffen konnten, was nur ging, weil Keylan nicht in Keeshars Versteck auftauchen durfte. Die Wut hatte sich bei dem Hexerbengel gezeigt, indem seine Wohnung öfters gebrannt hatte.
Dann hatte Keylan weiter gebockt, hatte die Anwesenheit von dem Hexer weiter ignoriert und wurde sogar gegenüber Keeshar aufmüpfig wenn es um dieses eine Thema ging.
Dieses Verhalten störte Keeshar gewaltig.
Er hatte seine Gründe, aber das wollte der Rotzbengel nicht einsehen.
Und auch ansonsten kostete Keylan Nerven und verschlechterte die Laune des Rothaarigen.
Anscheinend glaubte Keylan, dass Keeshar es nicht mitbekommt, dass Keylan nicht mehr so übt, wie er es zu Beginn ihrer Geschäftsbeziehung hoch und heilig versprochen hatte. Regelmäßig brennt es bei Keylan, und der Bursche verschwindet dümmlich grinsend irgendwo in der Unterstadt oder sogar immer öffter in Richtung Oberstadt.
Bei anderen jungen Männern in Keylans Alter hätte Keeshar eine ordentliche Tracht Prügel eingesetzt, um jemanden wieder zu Verstand zu bringen – aber bei Keylan stand das anders. Der Hexer war zu wertvoll um ihn durch Prügeln zu verschrecken – und außerdem hatte Keeshar keine Lust darauf, selber angesteckt zu werden.

An diesem Tag war Keeshars Laune auf einem neuen Tiefpunkt angelangt.
Dabei hatte der Tag in der Unterstadt eigentlich ganz gut angefangen. Er hatte dem Hexer (der seinen wahren Namen nie verraten hatte, und deshalb auch einfach „Hexer“ genannt wurde) und vier anderen Männern einen einfachen Auftrag gegeben.
„Geht zum Ildorell und trefft euch mit dem Fischer, nehmt die Ware, und bringt sie dann über den Blaupfuhl weiter zu dem Kontaktmann der dort wartet.“
Eine einfach Aufgabe.
Und dann war irgendetwas schief gelaufen.
Marek, einer der beauftragten Männern, war mit blutenden Wunden zu Keeshar gekommen, hatte außer Atem erzählt, was passiert war.
Anscheinend gab es direkt nach der Übergabe der Ware Probleme, um die sich Droschkenkarl auf seine gewohnte Art und Weise kümmern wollte – er verprügelte einen Zeugen, der irgendetwas Auffälliges gesehen hatte.
Diese Prügelei hatte Jory Angst eingejagt, und er war geflüchtet.
Keeshar fluchte, als er diesen Teil der Geschichte hörte, über seine eigene Gutmütigkeit. Jory war ein schlechter Dieb, der zu schnell die Nerven verlor und dadurch schon mehrfach fast beim Taschendiebstahl und sonstigen Diebstählen erwischt worden war.
Keeshar hatte die Hoffnung gehabt, dass Jory vielleicht beim Schmuggeln mehr Nerven bewies, immerhin handelte es sich nur um einen einfachen Auftrag.
Stattdessen war Jory feige geflohen, obwohl er wusste dass er sich zusammenreißen sollte, war in eine BlaumantelPatrouille hineingerannt.
Gut, das war Pech. Keeshar hätte Jory wegen dieser Feigheit einige Schläge verabreicht, und die Sache wäre gegessen gewesen.
Aber dass Jory dann weiter geflohen ist, obwohl sich ein Kampf zwischen dem Hexer, Marek, Droschkenkarl und Smeugan auf der einen, und dem Trupp Blaumänteln auf der anderen Seite entwickelt hatte – das war unverzeihlich. Man ließ seine Kumpanen nicht in Stich.
Sobald Keeshar davon erfuhr, schickte er Glückskatz los um Jory zu finden und hierhin zu bringen. Glückskatz schwankte los.
Ein normaler Mann hätte mit soviel Alkohol im Blut kaum Glück gehabt um Jory zu finden – aber Glückskatz hatte seinen Namen nicht umsonst.

Dann hat Marek weiter erzählt, gerät ins Stocken, während er von dem Kampf erzählt hat.
Wie ein älterer Blaumantel vom Hexer mit Hilfe eines Zaubers kampfunfähig gemacht wurde. Wie Droschkenkarl dem Blaumantel mit seinem Totschläger eins aufs Genick geben wollte.
Keeshar kneift einen Moment sein Auge zusammen, woraufhin Marek zu Reden aufhört.
„Weiter! Was ist passiert?“ Eine fast unbeschreibbare Kälte ist in Keeshars Stimme zu hören.
>Droschkenkarl ist tot. Und es ist die Schuld des Hexers. Wir Anderen konnten gerade noch so fliehen.< kommt es Marek leise über die Lippen.
Keeshar knurrt laut auf.
„TJES!“
Die rechte Hand Keeshars hat vor der Tür gewartet, hat auch mitgehört was besprochen wurde.
„Hol mir den Hexer!“
>Jawohl Boss, einmal den Ab…. eh, den Hexer, Boss!<
„Und du, Marek, geh nach unten, lass deine Wunden versorgen, wir sprechen später.“

Wenige Minuten später bringt Glückskatz Jory zu Keeshar.
Jory zittert am ganzen Leib, seine rechte Augenbraue blutet.Mit zusammengekniffenen Auge sieht Keeshar den Beutel den Glückskatz trägt.
Glückskatz beantwortet die unausgesprochene Frage: > Er wollte abhauen.<
Jetzt reicht es Keeshar. Der Einäugige verzieh viel. Wenn jemand seine Strafe bekommen hatte, bekam jeder von Keeshars Männern eine zweite Chance.
Aber wenn man vor der gerechten Strafe floh…
Stumm geht Keeshar auf den zitternden Jory zu, deutlich sind die Kiefernmuskeln zu sehen, denn Keeshar ist angespannt, knirscht beinahe mit den Zähnen.
„Ich hätte dir sehr viel verziehen, Jory. Aber nicht, dass du abhauen wolltest.“
Ohne ein weiteres Wort schlägt Keeshar zu, mitten ins Gesicht, so dass Jory beinahe an die hinter ihm liegende Wand fliegt. Die Nase ist eindeutig gebrochen, blutet.
Dann nickt Keeshar nur noch Glückskatz zu, der seine Knöchel knacken lässt und sich an diese blutige, bestrafende Arbeit macht.
Der Einäugige setzt sich hin, starrt die Wand an, während Glückskatz immer und immer wieder zuschlägt.
Eigentlich ist es nicht Keeshars Art, diese Art von Arbeit Handlangern machen zu lassen. Er kümmert sich lieber selbst um diese Art von Problemen.
Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass er sich heute bei Jory nicht zurückhalten, nicht aufhören könnte. Also war es besser, wenn Glückskatz diese Arbeit übernahm. Jory sollte immerhin eine Chance haben zu überleben.

Weitere Minuten vergehen, es ist still, abgesehen von den Schreien und Wimmern, dem Brechen der Knochen.
„Das reicht!“ erklärt Keeshar bestimmt, als der Geruch von Urin in seine Nase steigt. Glückskatz will nochmal zuschlagen, aber dann knurrt Keeshar: „ES REICHT!“
Missmutig hört Glückskatz auf, lässt sein Opfer am Boden liegen.
Es klopft, die Tür öffnet sich. Tjes kommt zusammen mit dem Hexer hinein.
Keine Regung ist in dem Gesicht des Tättowierten zu sehen, er scheint ruhig und gelassen – ein Umstand, den Keeshar so kaum von seinen Untergebenen gewohnt ist.
Aber gut, der Hexer war sowieso so ganz anders, als seine anderen Untergebenen.

„Wo ist die Ware?“ grollt Keeshar, dessen Stimme rauh wie grobes Schmiergelpapier ist.
Erst das Geschäft. Wenn der Hexer die Ware verloren hat, und die Ware der Steinfaust eventuell in die Hände gefallen ist… dann würden Köpfe rollen. Oder andere Gliedmaßen.
>Sicher.< Ist die einzige Antwort des Hexers, und sie klingt ehrlich. Wenigstens etwas.
>Marek behauptet Droschenkarls Tod wäre deine Schuld.< spricht Tjes weiter und gibt Keeshar so einen Moment um sich zu beruhigen, sich wieder zu fassen.
>Awja. So ist es.<
Eine kurze, ehrliche Antwort. Keeshar gefällt sie. Er ist sich sicher, dass der Hexer nicht vor seiner Strafe fliehen würde, sondern sie ruhig, gelassen erwartet und über sich ergehen lässt.
Tjes hingegen stimmt ein leichtes Räuspern an. Dass ihm die Antwort von „Abfall“ nicht gefällt, war klar.
>Achso? Bestimmt gibt es auch dieses Mal einen guten Grund.<
Immer noch ist der Hexer die Ruhe selbst.
>Ajwa. Er wollte einen Blaumantel umbringen.<
Jetzt zieht Keeshar schnaubend Luft ein.
Droschkenkarl wollte. Er hat also nicht?
Was, wenn er es doch geschafft hat? Der Mord an einem Blaumantel konnte üble Konsequenzen haben. Keeshar konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Lordcommander hier in der Unterstadt hineinmarschiert, weitere Untersuchungen befiehlt, dafür sorgt dass Geschäfte nicht stattfinden können und dass die Unterstadtratten wieder wissen, wo ihr Platz ist.
Die ganzen Verhaftungen die es dann geben würde, würden für Rangkämpfe sorgen, für Krieg, und der wäre dann in der gesamten Unterstadt…

Keeshar ist in seinen eigenen Gedanken gefangen und abgelenkt, auch er bemerkt nicht wie Tjes Glückskatz einen lautlosen Befehl erteilt.
Aber diesmal hat Glückskatz das Glück verlassen, noch während er ausholt um Tjes Befehl auszuführen fährt der Hexer herum und hebt den wesentlich kleineren Angreifer am Kragen in die Höhe.
Keeshar bleibt auf seinem Stuhl sitzen, während Glückskatz zappelnd versucht loszukommen, und Tjes stocksteif, aber sonst ungerührt, den Hexer beobachtet.
Das beeindruckt Tjes schon etwas bemerkt Keeshar mit einem schnellen Blick auf seinen ersten Handlanger.
„Hexer, lass Glückskatz bitte runter.“
Die ganze Zeit hat Keeshar geknurrt und gebrüllt – jetzt ist seine Stimme vergleichsweise ruhig, klingt fast müde.
Zögernd kommt der tättowierte Riese diesem Wunsch nach, kaum berührt Glückskatz mit den Füßen den Boden, geht der Handlanger wieder in Angriffsposition, aber diesmal pfeift ihn Tjes sofort zurück – er hat seinen Fehler erkannt, dass Keeshar nicht will, dass der Hexer angegriffen wird.
>Boss?< fragt Tjes fragend.
Keeshar winkt nur mit der Hand. „Geht. Nehmt Jory mit, und bringt ihn nach oben. Nein, Hexer, du nicht. Wir müssen noch miteinander sprechen. “
Mit bösen Blicken in die Richtung vom Hexer verlassen Tjes und Glückskatz den verprügelten Jory tragend das Zimmer. Jory würde, so geprügelt wie er ist, an irgendeinem Ort an der Oberstadt ausgesetzt werden. Wenn er Glück hatte, konnte er sich irgendwohin verkriechen und dann von dannen ziehen. Wenn er weniger Glück hatte, fand ihn ein Blaumantel, und die machten dann mit dem Dieb und Schmuggler, was die Stadtwache wohl mit so einem Objekt machte. Und wenn Jory ganz viel Pech hatte, krepierte er einfach. So war das Leben.

„Lass uns Wein bringen!“ brüllt Keeshar noch hinterher, ehe sich die Tür ganz schließt.
Stumm zeigt Keeshar auf den Stuhl an der anderen Seite des Tischs, wartet bis der Hexer sich dort hinsetzt.
„Entschuldige Tjes vorschnelles Reagieren. Ich werde nachher mit ihm und Glückskatz sprechen, damit sowas nicht wieder vorkommt. Und jetzt erzähl du mir, was passiert ist.“
Und der Hexer erzählt. Wie Jory weggerannt war, wie die Blaumäntel dazugestoßen waren. Der Kampf und der ältere Gardist der seine Arbeit besonders gut machen wollte.
Wie der Hexer den Gardisten mit einem Zauber fesselte, so dass er sich nicht mehr bewegen konnte.
Und wie Droschkenkarl mit einem Prügel auf den kampfunfähigen Gardisten einschlagen wollte. Ein Schlag, der mit großer Sicherheit tödlich hätte enden können.
Kurz erklärt der Hexer, wie Droschkenkarl gestorben ist, aufgespießt von Steinsplittern und dann in das Hafenbecken gestürzt ist.

Schweigend hört Keeshar zu.
„Die Ware ist sicher?“
Der Hexer nickt.
„Immerhin. Du bist dafür verantwortlich, dass die Ware so schnell wie möglich bei dem Kontaktmann angelangt, Nach eil, nicht wahr?“
Der Hexer nickt, und der Einäugige kommt zu dem Problem der Bestrafung zurück.
„Dir ist klar, dass du für die Tötung von Droschkenkarl bezahlen musst? Ich kann nicht zulassen, dass sich meine Männer gegenseitig umbringen, auch wenn es letztendlich… hmm.. eine gute Entscheidung war diese Gefahrenquelle zu beseitigen.“
Der Hexer nickt nur, schweigt. Er erwartet wirklich gelassen seine Bestrafung.
„Ich kann mir vorstellen, dass Droschkenkarls Familie Blut forden würde. Er hat aber keine Familie. Also wird kein Blut fließen müssen, weil es niemand einfordert. Keine Kinder, die du unterstützen müsstest… Ich würde sagen, du bezahlst die Beerdigung von Droschkenkarl.“
Der Hexer zieht eine Augenbraue hoch, schweigt ansonsten weiter.
Keeshar redet weiter: „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir irgendwelche Überreste in die Hände bekommen, immerhin war gerade Ebbe, oder?“
Ein kurzes, dreckiges Lachen kommt in Keeshar hoch.
Eine Strafe, die keine Strafe war.
Auch wenn er in dieser Nacht zwei Handlanger verloren hatte, immerhin war die Ware in Sicherheit, und ein so großer Verlust waren Droschkenkarl und Jory – ein gehirnloser Schläger und ein feiger Dieb – nicht.
Dafür hatte der Hexer mehr Weitsicht und Mut gezeigt, als es andere Handlanger tun würden.

Eine Frau bringt ein Tablett mit Wein, Wasser und Bechern herein. Sie macht einen Knicks (oder zumindest das, was sie für einen Knicks hält), und verlässt dass Zimmer wieder.
„Bedien dich.“ Keeshar deutet auf die Weinkaraffe, mischt sich selber einen verdünnten Wein zusammen.Er wollte nüchtern bleiben.
„Ich wollte dich sowieso einmal sprechen, Hexer. Wie lange bist du jetzt schon hier unten? Bei mir bist du für ungefähr vier Monde. Und noch nie hast du mir erzählt, wie es dich aus Azurien hierhin nach Talyra und in die Unterstadt verschlagen hat. Wie du zum Anführer deiner Ratten geworden bist. Wie du in die Gruben gelandet bist.“
Keeshar blickt sein Gegenüber an. In seinem Gesicht ist echte Neugier zu sehen. Kein vorgetäuschtes Interesse um irgendwelche Informationen zu bekommen.
Keeshar will mehr über den Mann wissen, der da vor ihm sitzt, der sich weiterhin um „seine Jungs“ kümmert und der auch Lys ehrenvoll behandelt – und das ganz ohne dass Keeshar ihm dieses Verhalten erklären musste. Was brachte diesen Mann von Ehre - als solchen sah Keeshar den Magiebegabten an - in dieses Sündenpfuhl der Unterstadt?
Der Hexer mustert Keeshar, runzelt die Stirn einen Moment lang. Dann, langsam, beginnt er zu erzählen.

Rayyan

Hänfling

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Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

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7

Montag, 13. August 2012, 02:44

Als Rayyan dämmert worauf die ‚Strafe‘ hinausläuft zuckt es in seinen Mundwinkeln, bis ein wölfische Grinsen irgendwann fast sein Gesicht teilt und nur nicht bis zum Hinterkopf reicht, weil die Ohren im Weg sind. Keeshar stellt damit einmal mehr seinen scharfen Verstand und seine gefährliche Intelligenz unter Beweis, verfeinert das Ganze aber noch zusätzlich mit einem guten Schuss Galgenhumor und wird Rayyan dadurch sofort ein ganzes Stück sympathischer. Vor vier Monden ist er in die Dienste des Pockennarbigen getreten und hat seither zu unterschiedlichen Begebenheiten festgestellt, dass der Anführer des Totes End in vielerlei Hinsicht ein Mann ist, der sich den Respekt, den ihm seine Männer und Frauen entgegen bringen, mit Blut und Schweiss über Jahre hinweg erarbeitet und in diesem Sinne auch redlich verdient hat. Vor zehn oder mehr Jahren hätte dieser Mann ein Vorbild sein können. „Ajwa“, akzeptiert Rayyan seine Strafe und lacht ein kurzes, trockenes, aber ehrliches Lachen und fühlt zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie Zufriedenheit. Fehlt nur noch etwas Sonne und Sand und ich fühle mich wie Zuhause.

Eine Frau, Mauren, sofern ihn nicht alles täuscht, balanciert ein Tablett mit einer irdenen Weinkaraffe, einem grossen Krug Wasser und zwei Bechern in den Raum und stellt alles vor ihnen auf dem Tisch ab, um sich dann mit einer schiefen Verbeugung sofort wieder zu entfernen. Gewisse Angewohnheiten, unter anderem sich die Wangen voll zu stopfen wie ein Azurianisches Streifenhörnchen, sobald man die Gelegenheit dazu erhält, sind ihm als ehemaligen Strassenjungen in Fleisch und Blut übergegangen und auch die komfortablen Jahre an der Akademie, wo Nahrung und Trinken im Überfluss vorhanden gewesen sind, haben diesen instinktiven Drang nur wenig gemässigt. So langt er auch dieses Mal zu, bevor Keeshar ihn auffordert sich zu bedienen, und giesst sich einen Becher mit vollmundigem Rotem aus den sonnenverwöhnten Hügeln Ceresdors voll, Schmuggelgut der letzten Lieferung. Den kräuterlastigen Geschmack schon auf der Zunge bleibt ihm der Schluck in der Kehle stecken, weil Keeshar das Thema wechselt und zwar so abrupt und gründlich, dass es ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlägt. „Ich wollte dich sowieso einmal sprechen, Hexer. Wie lange bist du jetzt schon hier unten? Bei mir bist du für ungefähr vier Monde. Und noch nie hast du mir erzählt, wie es dich aus Azurien hierhin nach Talyra und in die Unterstadt verschlagen hat. Wie du zum Anführer deiner Ratten geworden bist. Wie du in die Gruben gelandet bist.“ Ah, xara! Das hat ihm jetzt gerade noch gefehlt. Aufrichtiges Interesse von jemandem, der tagtäglich mit Schwindlern, Scharlatanen und Lügnern paktiert und sich nicht lumpen lassen wird von den wenigen Brocken an Hintergrund, die Rayyan sich mit Olyvars Hilfe zurecht gelegt hat. Halbherzige Nachforschungen hätten sie mühelos stand halten können, für ein vertrautes Gespräch unter vier Augen, und nichts anderes erwartet Keeshar, reichen sie bei Weitem nicht aus.

„Sechzehn Monde.“ Sechzehn götterverdammte Monde, dreizehn götterverdammte Tage und viereinhalb götterverdammte Stunden. Für einen Moment muss er sich gegen den Wahnsinn wehren, der hinter diesen Worten verborgen liegt und ein Lachen, hohl und nichtssagend wie das Knacken eines toten Asts, kratzt ihn im Rachen. Die Lust auf Wein ist ihm gründlich vergangen und sein Gesicht eine Maske erschöpfter Verzweiflung, als er den Becher auf den Tisch zurück stellt und sich in den Stuhl sinken lässt. ‘Lügen ist die Kunst die Wahrheit zu sagen, ohne dass es jemand merkt.‘ Sein alter Herr hätte sich schon vor vielen, vielen Jahren im Steinbruch den Rücken krumm geschuftet, wäre es nicht, dass er die zerische Zunge fast genauso gut beherrscht, wie das Hôtha (und seine Finger selbst gichtkrank und steif Liktik noch alle Ehre machen). Die Wahrheit. Warum nicht.
„Ich stamme aus Mar’Varis. Dort bin ich aufgewachsen. Erst ein halbstarker Strassenlümmel, später ein Dieb und Tausendsassa. Das ich magisch begabt war gereichte mir in der Gosse eher zum Nachteil.“ Es ist wenig hilfreich den Boden zum Beben zu bringen nur weil einem die Nerven plagen, wenn man versucht sich auf Zehenspitzen unbemerkt an eine Geldkatze und dessen Besitzer heranzuschleichen. „Ich wollte diese Kräfte nicht, aber bei meinem Gemüt war das so eine Sache mit dem Wollen.“ Ob Keeshar Verstand von der arkanen Magie hat, und wenn ja wieviel, kann Rayyan nur erraten, also erzählt er einfach und geht davon aus, dass der Pockennarbige nachhakt, wenn er etwas nicht versteht. „Ich war zehn, als ein Sucher auf mich aufmerksam wurde und mich über die Magische Gesellschaft, Hexer und Magier, den Codex Magica und den Ursprung und das Ausmass meiner Kräfte informierte. Am Ende versuchte er mich von der Dringlichkeit einer Ausbildung zu überzeugen... und scheiterte. Ich wollte mein Mädchen nicht alleine zurück lassen.“ Es ist soviel Wahrheit, wie Rayyan erträgt, und ganz kurz erlaubt er sich in mitternachtsschwarzem Haar, blauen Augen und einem immerspöttelnden Lächeln zu versinken, bevor er Tahirih entschieden aus seinen Gedanken verbannt.

„Der Tod eines unschuldigen Orangenverkäufers hat mir ein Jahr auf Nirmonar eingebracht.“ “Dem Magiergefängnis?“ „Ajwa. Dort habe ich mir geschworen mich niemals wieder von Magiern richten zu lassen.“ Es ist leicht dahingesagt, denn es stimmt aufs Wort. Er hatte sich damals fest vorgenommen sich niemals wieder den Regeln dieses elitären, machthungrigen Kreis aus Zauberpfuschern zu beugen, der ihn zu einem ganzen Zwölfmond Hunger auf Wärme an einem Ort fernab seiner Vorstellungskraft verdammt hat. Wieder einmal war es Tahirih (mit Hilfe seines Bruders) gewesen, die ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihm den Kopf auf den Schultern gerade gerückt hatten. Und, sehr zum Vorteil seiner Erzählung, ist es auch Tahirihs Schuld, dass er sich nach Talyra aufgemacht hat und in diesem Sinne, irgendwie, ebenso, dass er hier unten, in diesem Loch gelandet ist. Ah, ich leg sie übers Knie. Aber es gibt ihm die Möglichkeit weiterhin die Wahrheit zu erzählen... ohne sie zu erzählen. „Meine Reise von Mar’Varis nach Talyra geht auf Kosten einer Frau. Meine Anwesenheit hier“, er hebt weder den Blick, noch spreizt er seine Arme, um zu verdeutlichen, was er damit meint, aber sein schwarzer Blick wird wenn möglich noch dunkler: „ebenfalls. Und was meine Ratten betrifft...“ Rhun, Tommen, Kobold, Fionntan, von allen nur Fion gerufen, Oisin und Puppengesicht, das einzige Mädchen, eine Bande von Freunden, allesamt grauhäutige Gerippe im Alter zwischen sechs und zwölf. „Die sind mir zugelaufen.“ Bei der Erinnerung an seine erste Begegnung mit den fünf Kindern kehrt ein halbes Grinsen auf sein Gesicht zurück, auch wenn es kaum mehr ist als ein in die Länge ziehen der Lippen. Kobold, ein für sein Alter sehr kleiner, sehr sommersprossiger und sehr blonder Bengel von sieben Jahren und bester Dieb der Fünf, hatte versucht ihn um sein Bares zu erleichtern und dabei die erste, und einzige, Regel des Langfingerhandwerks ignoriert: Nie einen anderen Dieb bestehlen, ausser er ist tot.

„Zugelaufen? Normalerweise vertreibt man Ratten, die sich der eigenen Wohnung breit machen und dann auch noch die Nahrung stehlen. Wieso gibst du dich mit diesen Ratten ab?“ Forschend sieht Rayyan den Pockennarbigen über den Tisch hinweg an, wie der einen Schluck von seinem Wein nimmt, und erwidert achselzuckend: „Warum nicht? Ein paar Augen und Ohren mehr schaden an einem Ort wie diesem nie, und alles was es mich kostet sind eine warme Mahlzeit am Tag und das Versprechen ihnen Ärger von den kleinen Hälsen zu halten.“ Was sie zu seinem Glück meistens ganz von alleine schaffen, weswegen er, abgesehen von einem Gang zum Heiler wegen eines gebrochenen Fingers, noch nie in die Situation geraten ist sich als Retter in der Not aufspielen zu müssen. Eine Weile lang kehrt Stille ein zwischen den beiden Männern, keine unangenehme, bis Keeshar irgendwann nachhakt: „Und die Gruben?“
Ajwa, die Gruben. Wie könnte er die vergessen. Seine Knochen sind wieder zusammen gewachsen, die blauen Flecken verblasst und sein Schädel hat keinen nachhaltigen Schaden von seinem Kampf mit dem Nandé davongetragen, nur die hässlich breitflächige, rote Narbe, wo sein Gegner ihm ein Stück Fleisch von den Rippen geschabt hat, juckt hin und wieder und erinnert ihn daran, wie knapp er Sithech und dessen ewigem Reich entkommen ist. Was ihn dazu gebracht hat dieses Risiko einzugehen ist bestürzend einfach. „Verzweiflung.“ Der Wein wandert zurück zwischen seine Finger und er leert den Becher in einem Zug, bevor er vervollständigt: „Verzweiflung, Frust und Wut haben mich in die Grube getrieben.“

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Rayyan« (14. August 2012, 21:18)


8

Montag, 13. August 2012, 22:20

Während der vergangenen Monde hat Keeshar bemerkt, dass der Hexer kein Freund großer und vieler Worte ist. Und das bleibt auch so, während er langsam zu erzählen beginnt.
>Sechzehn Monde< beginnt er auf die Frage, wie lange er hier unten bereits ist.und diese Antwort deckt sich mit dem, was Keeshar selber über Hexer herausgefunden hat.
Seine Vergangenheit scheint ein schwieriges Thema zu sein wie es scheint, denn der Hexer, der eben noch den Wein in sich hineingeschüttet hat wie ein Verdurstender in der Wüste, stellt nun den Becher an die Seite, sackt erschöpft auf seinem Stuhl zusammen.
>Ich stamme aus Mar’Varis. Dort bin ich aufgewachsen. Erst ein halbstarker Strassenlümmel, später ein Dieb und Tausendsassa. Das ich magisch begabt war gereichte mir in der Gosse eher zum Nachteil.<
Keeshar muss an seine eigene Kindheit denken. Nachdem sein Dorf durch die Pockenkrankheit ausgerottet worden war, hatte er bei einem fahrenden Händler gelebt – bis er sich das erste Mal verwandelt hat. Danach war er verstoßen worden, musste übers Land ziehen bis er nach Cardossa kam. Dort war er selbst zuerst als „Straßenlümmel“ herumgestreunt
Er hatte Glück gehabt, dass er seine Fähigkeiten soweit unter Kontrolle hatte, dass er sich nicht bei jeder Aufregung in einen jungen Bären verwandelte – aber er konnte verstehen, was der Hexer mit diesem Nachteil in der Gosse meinte.
>Ich wollte diese Kräfte nicht, aber bei meinem Gemüt war das so eine Sache mit dem Wollen. Ich war zehn, als ein Sucher auf mich aufmerksam wurde und mich über die Magische Gesellschaft, Hexer und Magier, den Codex Magica und den Ursprung und das Ausmass meiner Kräfte informierte. Am Ende versuchte er mich von der Dringlichkeit einer Ausbildung zu überzeugen... und scheiterte. Ich wollte mein Mädchen nicht alleine zurück lassen.<
Keeshar hat nur ein Grundwissen über die Magie. Sucher, Codex Magica…. Der Einäugige weiß nicht genau, was es damit auf sich hat, aber er kann sich ungefähr vorstellen. Ungefähr genug, um nicht nachfragen zu müssen.
Ihn hat kein „Sucher“ gefunden – er war selber zu dem höchsten Mann in der Cardosser Unterwelt marschiert und hat seine Dienste angeboten.
>Der Tod eines unschuldigen Orangenverkäufers hat mir ein Jahr auf Nirmonar eingebracht.< Dieses Wort, Nirmonar, sagt Keeshar irgendetwas. „Dem Magiergefängnis?“ harkt er nach, und der Hexer bestätigt. >Ajwa. Dort habe ich mir geschworen mich niemals wieder von Magiern richten zu lassen.<
Keeshar nickt. Wenn ein Dieb im Kerker sitzt, und ihm das Angebot gemacht werden würde zur Steinfaust zu wechseln, ein Blaumantel zu werden… welcher Dieb würde das mit sich machen lassen?

>Meine Reise von Mar’Varis nach Talyra geht auf Kosten einer Frau. Meine Anwesenheit hier ebenfalls.<
Frauen. Keeshar konnte nicht verstehen, wieso ein Mann sich so sehr auf eine Frau einlassen konnte. Er selbst hatte noch nie wegen einer Frau irgendetwas machen müssen.
Das lag aber auch daran, dass Keeshar in dieser Beziehung zu Frauen ein emotionaler Krüppel war. Er ließ keine Frau an sich heran, denn welche Frau wollte schon etwas von ihm, der hässlich wie die Nacht ist. Nur eine Frau, die auch seine Macht will. Keine Frau konnte ihn lieben. So sind zumindest Keeshars festgefahrene Gedanken. Deshalb kaufte er sich lieber seine Frauen, bezahlte für körperliche Leidenschaft, und verbannte dann alle weiteren Gedanken über Frauen aus seinem Kopf.
> Und was meine Ratten betrifft... Die sind mir zugelaufen.<
Keeshar lacht über diesen Ausdruck.
Es hatte einige Zeit gedauert, bis der Hexer seine Ratten mit ins Tote End gebracht hatte. Eines Tages war er zu Keeshar gekommen und hatte angefragt, ob der Rothaarige Interesse an einigen aufgeweckten und Klugen Köpfen hat. Keeshar hatte. Und seitdem lebten die Ratten des Hexers auch im Toten End.
„Zugelaufen? Normalerweise vertreibt man Ratten, die sich der eigenen Wohnung breit machen und dann auch noch die Nahrung stehlen. Wieso gibst du dich mit diesen Ratten ab?“ fragt Keeshar provozierend. Jetzt kamen sie langsam zu dem Thema, das dem Rothaarigen besonders am Herzen liegt, und gespannt wartet er die Antwort ab.
>Warum nicht? Ein paar Augen und Ohren mehr schaden an einem Ort wie diesem nie, und alles was es mich kostet sind eine warme Mahlzeit am Tag und das Versprechen ihnen Ärger von den kleinen Hälsen zu halten.<
Keeshar nickt. Ja, das konnte er nachvollziehen. Und diese Antwort gab genügend Informationen, mit denen Keeshar weiter arbeiten konnte.
Einen Moment lang schweigen die Männer, gehen ihren jeweils eigenen Gedanken nach.
Fehlt nur noch eine wichtige Frage: „Und die Gruben?“
>Verzweiflung.< antwortet der Hexer kurz ab, trinkt dann seinen Wein mit einmal aus.
>Verzweiflung, Frust und Wut haben mich in die Grube getrieben.<
Keeshar mustert sein Gegenüber einen langen Moment lang.
Der Boss des Toten End glaubt dem Hexer, sein Gefühl sagt ihm, dass dieser Mann nicht log.
Aber jemand, der wegen Verzweiflung, Frust und Wut in die Gruben geht, zu einem Kampf auf Leben und Tod… war derjenige für seine Pläne geeignet?
Aber habe ich irgendeine andere Wahl?

Langsam gießt sich Keeshar einen Becher Wein ein, diesmal ohne irgendwelches Wasser, trinkt einen Schluck.
Nein, habe ich nicht.
„Gut, Butter bei die Fische.“ Beginnt Keeshar, stellt den Becher zur Seite, beugt sich nach vorne und verschränkt erst einmal die Finger ineinander.
„Du hast dich hier in den letzten Monden gut eingelebt, hast gezeigt, was du kannst, hast Weitblick bewiesen. Ich habe eine neue Aufgabe für dich.“
Wieder reagiert der Hexer, indem er nicht reagiert. Er schaut Keeshar nur fragend an und wartet ab.
„Ich denke du hast bemerkt, dass ich von Magie kaum Ahnung habe. Aber ich besitze genug Ahnung um zu wissen, dass sie gefährlich sein kann, wenn man sie nicht bändigen kann. Und genau da liegt mein Problem.
Weißt du, Hexer, auch ich habe meine Geheimnisse hier unten.“
Keeshar lacht auf.
„Natürlich weißt du das. Aber eines meiner Geheimnisse will ich dir jetzt verraten. Du bist nicht der einzige Hexer hier unten.“
Der Hexer hebt eine Augenbraue, fragt aber ansonsten immer noch nichts, hört weiter zu.
„Hier im Toten End lebt ein junger Hexer. Ein Rotzbengel, versucht das Feuer zu beherrschen. Und das ist das Problem. Er VERSUCHT es. Und in den letzten Wochen klappt das für meinen Geschmack viel zu selten.
Ich habe versucht, ihm bei dieser Beherrschung zu helfen, so gut ich kann. Aber wie bereits gesagt, ich habe kaum Ahnung von Magie.
Aber du hast diese Ahnung. Du weißt, was ein Hexer tun muss, um seine Magie zu beherrschen. Und du wirst das meinem kleinen Hexer beibringen.“

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Keeshar« (14. August 2012, 21:21)


Rayyan

Hänfling

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Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

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9

Samstag, 18. August 2012, 01:18

Keeshar zeigt nicht grundlos Interesse, auch wenn Rayyan die Fragen für längst überfällig hält, immerhin arbeitet er schon fast vier Monde für den Mann, ohne bislang auch nur ein zweites Mal nach seinem Namen gefragt worden zu sein. Er reagiert auf Hexer, warum sich also die Mühe machen und auf Formalitäten bestehen.
„Gut, Butter bei die Fische.“ Zuguterletzt schwenkt Keeshar also doch noch ein und gesteht, dass seine Neugierde einem Zweck dient und Rayyan ausserdem nicht der einzige sei, der Geheimnisse hüte. Was du nicht sagst. Er nimmt den Themenwechsel gelassen, lehnt sich zurück und versucht zu vergessen, was er dem Pockennarbigen über seine Vergangenheit erzählt hat. „Du hast dich hier in den letzten Monden gut eingelebt, hast gezeigt, was du kannst, hast Weitblick bewiesen. Ich habe eine neue Aufgabe für dich.“ Abwechslung. Denkt sich Rayyan trocken und hebt eine kantige Augenbraue, ist aber schlagartig hellwach, als Keeshar gleich darauf wieder auf Magie zu sprechen kommt, dieses Mal allerdings in Verbindung mit einem Problem, das ihn plage. „...Weißt du, Hexer, auch ich habe meine Geheimnisse hier unten.“ Darauf verwette ich Sarurnirs schimmligen Arsch. Geheimnisse sind das gefährlichste und teuerste Gut mit dem die Unterstadt lockt, dabei findet man sie hier unten sprichwörtlich an jeder Strassenecke, zwischen allen Mauerritzen, hinter jedem Brettverschlag und in jedem Bett, sei es nur ein bisschen Stroh auf dem Boden. Es gibt nichts was teurer und gefährlicher gehandelt wird und was einen Käufer leichter in Sauuras Küche bringen kann. Das Lachen des anderen zerrt an seinen Nerven.

„Natürlich weißt du das. Aber eines meiner Geheimnisse will ich dir jetzt verraten. Du bist nicht der einzige Hexer hier unten.“ Die bereits nach oben gezogene Braue rutscht noch ein Stück höher, ansonsten zuckt er nicht mit der Wimper, denn er hegt die gerechtfertigte Befürchtung seine Miene könnte ihn in diesem Moment, so kurz vor seinem Ziel, verraten. Ausser Keeshar schüttelt einen dritten, ihm bislang noch unbekannten Hexer aus dem Ärmel, muss es sich bei dem anderen um den rothaarigen Feuerlümmel halten, den er seit sechzehn Monden sucht. Sechzehn Monde, dreizehn Tage und viereinhalb Stunde. Mit jedem weiteren Wort aus Keeshars fleischigem Mund verstärkt sich sein Verdacht und wächst seine Hoffnung, aber zur völligen Erlösung fehlt ihm die endgültige Bestätigung. Er muss den Jungen sehen, direkt vor sich, und sich vergewissern, dass ihm kein anderer Rotzbengel, der sich zufälligerweise auch grossspurig Feuerhexer schimpft, untergejubelt wird, denn noch einmal, und das schwört er sich in genau diesem Augenblick, wird er nicht in dieses Loch zurückkehren.
„...Aber du hast diese Ahnung. Du weißt, was ein Hexer tun muss, um seine Magie zu beherrschen. Und du wirst das meinem kleinen Hexer beibringen.“ Obwohl er sich lieber breit grinsend noch einen Wein eingeschenkt und dem nicht anwesenden Olyvar mit einem triumphierenden Grinsen zugeprostet hätte, zwingt er sich zu Gleichgültigkeit und Desinteresse. „Werde ich?“ Fragt er mit einer Spur von kühlem Spott in seiner Stimme. Wie wahr, er hat Weitsicht bewiesen, aber auch sein Starrsinn ist Keeshar inzwischen ein Begriff. Gemächlich setzt er sich etwas bequemer hin, dreht den leeren Becher zwischen seinen Fingern und lässt seinen Gegenüber derweil nicht aus den Augen. Keeshar erwidert seinen Blick ungerührt und tut, als hätte er den überheblichen Kommentar einfach überhört.
„Ein Rotzbengel sagst du.“ Der Pockennarbige nickt. „Der ein Feuerhexer sein will.“ Wieder ein Nicken. „Es aber nicht geschissen kriegt.“ Und noch ein Nicken. Endlich! Ein kaltes Glitzern schleicht sich in Rayyans Augen und ein wenig schmeichelhaftes Grinsen zerrt an seinen Mundwinkeln. „Ajwa. Etwas Abwechslung kann nicht schaden. Erzähl mir mehr von dem Jungen."

10

Montag, 20. August 2012, 17:54

>Werde ich?< fragt der Hexer, und ein unterdrücktes Lachen ist in seiner Stimme zu hören.
Oh ja, du wirst, oder ich finde eine andere nette Aufgabe für dich. Latrinen herbei hexen - notfalls für die gesamte Unterstadt - wird dann das angenehmste sein, was ich für dich finden werde denkt sich der Einäugige, während er äußerlich nur mit einem leichten Lächeln nickt und den Spott in der Stimme seines Gegenübers ignoriert.
>Ein Rotzbengel sagst du.<
Keeshar nickt. Ja, man konnte Keylan als Rotzbengel bezeichnen. Sicherlich, er erledigte seine Arbeit, aber in letzter Zeit war der Bursche zu frech gewesen. Als Keeshar mit dem jungen Hexer über den Erd-Hexer sprechen wollte, hatte Keylan besseres zu tun gehabt, hatte sich uninteressiert gegeben, hatte ihm, den Herrscher über das Tote End Vorwürfe gemacht, weil er sich so sehr zurückgezogen hatte.
Keeshar hatte es dem jungen Burschen in Ruhe erklären wollen, aber Keylan hatte auf stur geschaltet, und hatte sehr abrupt das Thema gewechselt.
Wie du willst - hatte sich der Pockennarbige gedacht, und als Keylan einen Tag später angekommen war, um nun doch über den Hexer zu reden, hatte Keeshar keine Lust mehr gehabt, irgendwas mit dem jungen Hexer über dieses Thema zu bereden.
Außerdem hatte sich Keylan vor einigen Tagen mit einem anderen jungen Mann aus dem Toten End geprügelt... keiner von beiden wollte sagen, worum diese Prügelei genau gegangen ist...
>Der ein Feuerhexer sein will.< reißt ihn die Stimme des Hexers aus seinen Gedanken. Wieder nickt Keeshar.
>Es aber nicht geschissen kriegt.< Eigentlich wollte Keeshar diese Aussage verbesser. "Er kriegt Dünnpfiff hin. Und mal kackt er hart wie Steine. Und dann... dann kommt nur mal wieder heiße Luft raus" Aber das wären dann doch zu ausgeschmückte Beschreibungen für den ach so wortkargen Hexer. Also nick er nur erneut.
Endlich reagiert Hexer in einer für Keeshar angemessene Art und Weise.
Es glitzert in den schwarzen Augen, dann grinst der Mann, und Keeshar hat das Gefühl, dass es Keylan leicht bereuen wird, dass dieser Mann zu seinem Lehrer werden wird. >Ajwa. Etwas Abwechslung kann nicht schaden. Erzähl mir mehr von dem Jungen.<

Und so erzählt er. Natürlich nicht alles. Aber genug, damit der Hexer sich ein Bild von dem Burschen machen kann.
Der Einäugige erzählt, wie lange der Bursche schon hier unten ist. Dass Dass es gesünder für ihn ist, wenn er sich oben nicht blicken lässt, aber das Keylan zur Zeit nicht erkennt, was gut für ihn ist, weil er sich doch alleine aufmacht in die Oberstadt. (Gleichzeitig macht er aber auch dem Hexer nochmal klar, dass es IHM nicht gut tun würde, wenn irgendwelche Informationen über den jungen Hexer an die Oberfläche gelangen würden. Hierzu hatte der Tättowierte nur einmal kurz genickt.)
"Dagegen habe ich eigentlich nichts. Er ist jung, muss sich die Hörner abstoßen. Du kennst das genauso gut wie ich, dass man in dem Alter Scheiße baut.
Aber bei mir zumindest hat diese Scheiße allerhöchstens in einer Prügelei, oder mit dem Spiel: "Wer schneidet seinem Gegner zuerst ein bisschen Haut von dem Körper ab" geendet. Wenn Keylan da oben in dunkelbraune Scheiße gerät, zündet er gleich ausversehen ein ganzes Haus an. Das sorgt nur für Ärger. Und den Ärger kann ich nicht gebrauchen!"
Das stimmte so. Keeshar konnte es nicht gebrauchen, wenn die Stadtwache oder sonstige Leute in der Oberstadt wieder aufmerksam auf Keylan werden. Aber genauso gut weiß er um die Konsequenzen für Keylan, wenn dieser mit seiner Magie doch mal zu sehr über die Strenge schlägt. Dieses Magiergefängnis ist da eine der harmlosesten Konsequenzen.
Und auch wenn Keeshar das niemals laut zugeben würde, vor niemandem - ihm hing doch was an diesem Rotzbengel, der ihm doch mit seiner Lebensgeschichte so ähnlich war, er wollte nicht, dass Keylan mit diesen Konsequenzen leben musste.
"Ich denke, dass Keylan... hmm.. nicht damit einverstanden ist, dass ich dich als seinen neuen Lehrmeister vor seine Nase setze." Keeshar lacht rauh und knurrend auf. "Nicht einverstanden sein" ist stark untertrieben.
"Du wirst dich da also mit einem noch größeren Sturkopf herumschlagen müssen. Er sagt, er hat einen Meister, und braucht keinen anderen, er schafft das alleine. Ich werde mit ihm zuerst reden, aber mach dich da auf etwas gefasst."
Keeshar erzählt von den Übungen, die der Bursche macht - oder gemacht hat - und von den Konzentrationsübungen, von denen einige Übungen von Keeshar selber stammen. (Das Keeshar solche, teilweise komplizierten Übungen selber beherrschte, band er dem Hexer aber nun doch nicht auf die Nase)

Und so machen sich die beiden Männer auf zu der Unterkunft von Keylan, weit am Rand vom Toten End, weit abseits von den allzu stark belebten Gegenden.
Als Keeshar sich dem Haus nähert, wittert er schon den Geruch von verbranntem Holz, verbranntem Stein... verbrannter Ratte. Wieder war etwas in Flammen aufgegangen, immerhin kein Mensch.
Außerhalb des Lichts, das Keeshars Fackel spendet, bewegt sich etwas, und ein verkrüppelter, alter Mann kommt zu Keeshar heran gekrochen. Dieser Mann gehört zu den Ärmsten der Armen in der Unterstadt, er schafft es nicht einmal, sich eine eigene Bleibe zu besetzen, muss von dem Leben, was andere Wegwerfen - und das ist in der Unterstadt sehr wenig.
>Sire.< jammert der Mann, seine Sprache klingt falsch, verwaschen - was mit daran liegt, dass sein Kiefer mehrfach gebrochen war, und nicht gut zusammengewachsen ist.
Den Kopf tief im Dreck gebeugt, nähert sich der Alte weiter Keeshar, der ruhig stehen bleibt und dem Hexer mit einem Handzeichen zu verstehen gibt, dass er nicht reagieren muss.
>Sire, ich habe aufgepasst, wie ihr es mir aufgetragen habt, Sire, der Bursche, er war wieder unterwegs, und ist dann wieder in seine Bleibe zurückgegangen, Sire. Und dann, dann wurde es Hell, ganz hell, und es brannte in dem Haus... schon wieder... Oh, nein Sire, ich sage nichts gegen euern Hexerlehrling, bitte versteht mich nicht falsch, falls das so geklungen hat, Sire, aber...<
"Schon gut, Alter, Ich verstehe. Hier, Nimm dies für deine Bemühungen!"
Ohne ein weiteres Wort zu sagen wirft Keeshar eine kleine Münze vor die Füße des Krüppels, der sich mit seinem Oberkörper auf die Münze wirft und nicht glauben kann, welches Glück ihm heute gesonnen war.
"Du hast es gehört, Hexer. Es hat schon wieder gebrannt. Ich denke, dass ist für uns ganz hilfreich, wenn er etwas erschöpft ist." Ich habe keine Lust, selber angesteckt zu werden. Auch noch Brandnarben im Gesicht, das brauch ich wahrlich nicht.

Keeshar öffnet die Tür zu Keylans Heim, ohne vorher anzuklopfen. Warum sollte er, dieses Haus stand auf seinem Gebiet, und mit seinen Verhaltensweisen der letzten Tage hatte Keylan sich zuviel geleistet, um auf diese Geste der Höflichkeit von Keeshars Seite hoffen zu dürfen.
Und so sehen die beiden Männer von Eingang der Tür aus, wie Keylan einen verbrannten, durch Wasser gelöschten Strohsack zur Seite räumt - wieder einmal hatte der junge Hexer es geschafft, sein eigenes Bett in Flammen aufgehen zu lassen.

Uio

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11

Dienstag, 21. August 2012, 11:50

"Scheiße verdammt, Mann, noch nie was von anklopfen gehört!", keift Keylan es einfach heraus, ohne auch nur zu erahnen, wer da gerade ohne anzuklopfen in seine vier Wände getreten kommt. Es ist ihm auch so was von egal, wer das ist. Er hasst es, wenn einer meint, mal bei ihm herein zu kommen und das grade genau dann, wenn er dabei ist die Spuren seiner missglückten Manakontrolle zu beseitigen. Der Letzte hatte einen leeren Krug schneller als ihm lieb war, an den Kopf bekommen. Und damit konnte er noch froh sein, hatte er Vince klargemacht.

Er ist gereizt und das nicht zu knapp. Diese ganze Heimlichtuerei und die Tatsache das Keeshar, der Mann der ihm das Leben gerettet hat, der ihm ein Dach über dem Kopf und Arbeit gibt und er dachte, dass sie Beide irgendwas besonderes verbindet, ihn so in die Ecke stellt und nicht nur andere Tätigkeiten mehr Beachtung schenkt, sondern was viel schlimmer ist, diesem plötzlich aus der Versenkung aufgetauchtem Hexer mehr Aufmerksamkeit als ihm zu kommen lässt , macht ihn schon seit mehreren Siebentagen in vielerlei Hinsicht unausstehlich launisch. Dazu kommt, dass es mit Zoe auch nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Die kleine Fee...ja, sie ist so zart und weich und wunderschön!
Das ist es aber nicht! Sie ist so...so verdammt zerbrechlich und wehleidig. Das würde Uio ihr nie sagen, aber Keylan lag es schon das ein oder andere Mal auf der Zunge, als sie ein wehleidiges "aua" ausstieß wie er sie einfach nur leidenschaftlich umarmt oder ihren Hals küsste. Die Folge waren mehrere blaue Flecken und wenn es ganz schlecht lief und er dieses verfickte Mana nicht im Griff hatte, die ein oder andere Brandblase auf ihrer hübschen Haut. Danach waren die Treffen weniger...stürmisch. Sie hatten zusammengehockt und Händchen gehalten. Mal ein Kuss...ein kleiner Feenkuss. Uio traute sich nicht mehr sie anzufassen, weil er ihr nicht wehtun wollte und wenn sie ihn dann küsste, überkam es in...manchmal...
Aber damit wäre er fertig geworden. Ganz sicher! Das alles hätten sie hinbekommen. Doch dann passierte es. Die bleiche Made hatte Zoe unter Druck gesetzt, so dass sie alles ausplapperte, wer er war und dass sie sich heimlich trafen. Die Tragödie nahm ihrem Lauf. Kali Maya verbot Zoe den Kontakt zu ihm. Wenn er daran denkt, verzieht er gehässig die Mundwinkel, sie war zu feige, es ihm zu sagen und sperrte Zoe weg. Und Zoe...sie ist einfach zu weich, zart und gut für diese Welt! Sie ist hin und her gerissen...
Es ist schon eine ganze Weile her, dass er Zoe gesehen hat. Die schwarzäugige Sithechschlange ist wachsam und Zoe sehr ängstlich. Am liebsten würde er dieses einfältigen Schlampe mal gehörig die Meinung einbrennen, aber das ist keine gute Idee. Wahrlich nicht. Also muss er sich mit seltenen Treffen und kurzen Begegnungen begnügen. Das stinkt ihm gewaltig. Mehr noch als der Gestank der Unterstadt, seinem Zuhause.

Mitten in der Umdrehung und der eigentlichen Aktion, nämlich das er etwas nach dem ungebeteten Gast werfen will, hält er inne und wirkt kurz erschrocken, als er Keeshar erkennt, fängt sich aber schnell und lässt das Wurfgeschoss, ein Holzstück, hinter seinem Rücken verschwinden. Mit der anderen Hand wischt er lässig eine Strähne aus dem Gesicht, während seine Augen kurz den Hexer streifen und sich eindeutige Abscheu für einige Sekunden auf seinem Gesicht breit macht.
Beim Pickel am Arsch des Dunklen was will DER hier?
Schnell kommt Wut in ihm hoch, die er beschließt zu ignorieren genau wie diesen Typen.
Soll sich Kees sich mit dem abgeben und den an seinem Rockzipfel rumschleppen!
Dann fixiert er Keeshar, beginnt zu grinsen und sagt salopp dahin, als wäre nichts gewesen und der Hexer gar nicht anwesend:
"Ach... he Boss, hab Euch garnicht bemerkt. Ich bin gerade... etwas beschäftigt, kann ich etwas für Euch tun?!" Das typische schelmische Grinsen und diese flapsige Art und Weise, die der junge Hexer an den Tag legt überspielt seine unterschwellige Gefühlsmischung aus Wut und Aufregung. Klar weiß er, dass er sich gegenüber Keeshar im Ton vergriffen hat, aber das ist nicht das erste Mal. Dazu ist der Zeitpunkt alles andere als günstig. Sein Boss mag es nicht wenn er seine Feuerspielchen nicht unter Kontrolle hat und ihm ist klar das es mindestens einen Spruch dazu geben wird. Damit wird er fertig, er hat sich im Griff! Davon ist zumindest Uio/Keylan fest überzeugt. So kleine Ausrutscher gibt es eben mal! Keeshar soll sagen was er will, ihm einen Auftrag geben und dann mit seinem "geliebten neuen Freund" verschwinden.
Wäre Keeshar allein zu ihm gekommen wäre das alles anders. Vielleicht, nein sogar bestimmt hätte er sich über seinen Besuch gefreut, aber so? Die Anwesenheit des Mannes, den sie bescheuerter weise einfach nur "Hexer" nennen macht ihn nervös und wütend. Und das mehr als er zugeben will.
Er beschließt, während er dastseht und wartet was sein Boss zu sagen hat, egal was kommt den "Hexer" nicht auch nur einen Herzschlag zu beachten. Er wird so tun, als wäre er gar nicht da.
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12

Mittwoch, 22. August 2012, 17:51

>Scheiße verdammt, Mann, noch nie was von anklopfen gehört!< faucht Keylan in die Richtung der Tür, ohne bemerkt zu haben, wer dort steht.
Gleichzeitig greift er nach einem Holzscheit dass den letzten Brand überstanden hat, und Keeshar ist sich sicher, dass das Holzstück jeden Moment in seine Richtung fliegen wird.
Ob Vince auf die Art und Weise die Wunde an seiner Stirn bekommen hat? denkt der Einäugige, während seine Augenbraue langsam in die Höhe wandert. Dass es Streit zwischen den beiden jungen Burschen gab, hatte er mitbekommen. Und er hatte nichts dagegen, wenn kleine Streitigkeiten unter den Männern an sich geregelt wird. Somit war er diesem Vorfall nicht weiter nachgegangen.
Während er jetzt aber den jungen Hexer so begutachtet, wie dieser auf dem Boden hockte um aufzuräumen, dabei ganz schnell den Holzscheit hinterm Rücken versteckt… wie Keylans Gesichtszüge als er den Hexer sieht entgleisen… und wie der Bursche im nächsten Moment absolut unschuldig und gewohnt schelmisch reinblickt und eine Entschuldigung stammelt.. in diesem Moment bereut Keeshar einige Taten aus seiner und Keylans gemeinsamen Vergangenheit.
Ich hätte da vielleicht dochmal mehr nachfragen sollen, was denn los ist...
>Ach... he Boss, hab Euch garnicht bemerkt. Ich bin gerade... etwas beschäftigt, kann ich etwas für Euch tun?!<

Eine Ader an der Schläfe des Pockennarbigen beginnt verdächtig zu pochen, und bevor er weiter reagiert, atmet er erst einmal tieeeeef ein. Er will jetzt nicht die Beherrschung verlieren…
„Hexer, wartest du bitte einen Moment?“
Noch bevor seine Begleitung irgendwas antworten kann – mehr als ein „Ja“ oder „hmm“ hätte er vermutlich eh nicht gesagt – schließt Keeshar die Tür direkt vor der Nase des Hexers und lässt diesen draußen stehen.
Wortlos nähert sich Keeshar dem Jungen, dann schlägt er zu, mit der flachen Hand verabreicht er Keylan eine Ohrfeige.
Für einen so jungen Menschen wie Keylan mag diese Ohrfeige schwer sein, es knallt einmal laut als die Handfläche die Wange berührt. Allerdings hatte sich Keeshar sehr zurückgehalten – er hätte durchaus mehr Kraft in diesen Schlag legen können, wenn er gewollt hätte.
Dann beginnt er zu sprechen, gefährlich leise, mit einem stetig vibrierenden Knurren in der Stimme.
„Du verhälst dich wie ein Kind, Keylan. Glaubst du, ich merke nicht dass du Probleme mit dem Feuer hast? Wie häufig hast du in den letzten Siebentagen etwas in Brand gesetzt? Viermal? Du hast mir als wir uns kennenlernten versprochen, dass du morgens und Abends deine Übungen machst. Davon bekomme ich nichts mit, weil du dich viel zu häufig draußen herumtreibst.“
>Ich muss nur mehr üben, ich bin nicht bescheuert und ein Kind schon gar nicht! Ich...< weiter kommt Keylan mit seinem keifenden Tonfall nicht, der Pockennarbige holt ohne zu zögern, ohne mit der Wimper zu zucken, wieder aus und schlägt noch einmal zu.
Mit offenem Mund steht Keylan da, kann es wohl nicht fassen, dass er geschlagen worden ist. Keeshar spricht weiter, ohne auf diese kleine Unterbrechung zu reagieren.
„Und um auf das Thema „draußen“ zu kommen… was bildest du dir eigentlich ein? Die Männer und Frauen vom Toten End haben den Mund gehalten, haben dich geschützt als diese Magierin der Stadtwache hier war. Keiner von Ihnen hat dich verpfiffen. Das hat diesen Menschen hier unten sehr viel Kraft, und sehr viel Mut gekostet, einem Blaumantel-Magier zu wiederstehen. Und du? Dankst du es ihnen? Nein, du zündelst hier herum, bringst hier Leute in Gefahr, rennst regelmäßig nach oben, dorthin wo man dich viel eher findet als hier unten. Dann wäre jede Bemühung der Leute vom Toten End vergebens.
Ich bin auch von dir enttäuscht. Glaubst du wirklich, dass ich dich nach all dem, was ich mit dir gemacht habe, damals im Versteck, dich jetzt einfach fallen lasse?“
>Nein ich... ,< stammelt Keylan, und sofort schlägt Keylan wieder mit der flachen Hand zu, so dass der Kopf zur Seite fliegt.
Keylan schweigt, sich die gerötete Wange haltend.
Keeshar schnaubt, spricht dann weiter. Das Knurren verschwindet aus der Stimme des Einäugigen, und wenn vorher auch nach draußen hin zu hören war, was Keeshar gesagt hatte, so spricht Keeshar nun leise genug, dass nur Keylan versteht, was gesagt wird.
„Hälst du mich für so dumm dass ich mir nicht genau überlege, warum du dich eine Zeit lang von mir und dem Hexer zurückhalten sollst… Dass das alles Grundlos war? Du enttäuscht mich wirklich.“
Wieder versucht Keylan etwas zu erwidern, ein >"Verdammt NEIN ich halte Euch nicht für dumm!< kommt grade noch so aus dem Mund des jungen Hexers.
Diesmal braucht Keeshar nur die Hand zu erheben, und Keylan zuckt zusammen und ist still.
Gut so, geht doch.
Leicht schüttelt Keeshar den Kopf, spricht dann wieder etwas lauter, so dass auch Hexer vor der Tür, wenn er mag, wieder mithören kann.
„Und jetzt hörst du mir zu, Bursche. Du brauchst Hilfe beim Beherrschen deiner Magie. Und ich will, dass du dir diese Hilfe vom Hexer holst! Er wird mit dir zusammen üben, bis du deine Magie besser beherrschen kannst! Und bis dahin, schränkst du deine Besuche nach draußen etwas ein!“
Diese Worte dulden keinen Widerspruch. Ein Funkeln in dem Auge des Rothaarigen ist wie eine Warnung zu erkennen.
Allerdings kann Keylan auch aus dem letzten Satz etwas heraushören. Keeshar sagte: „Schränke deine Besuche nach draußen etwas mehr ein“ und nicht: „stelle sie sofort ganz ein.“
Solange Keylan brav mit dem Hexer zusammen trainierte, wollte der Einäugige dem jungen Hexer diese Freiheit doch noch gönnen – solange der junge Hexer auf sich aufpassen, und keine weitere Scheiße mehr bauen würde.

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Montag, 27. August 2012, 14:35

Unweigerlich muss der Junge in dessen Unterkunft Kesshar und der "Hexer" so ungefragt hereingeplatzt sind grinsen, als sein Boss den ungebetenen Gast die Tür vor der Nase zumacht und bittet draußen zu warten. Ja warte da und am besten kommst du nicht noch Mal rein! denkt sich Uio/Keylan gehässig und wird von der ersten Ohrfeige Kesshars unsanft aus seinen Gedanken geholt. Was zum Henker soll das?, doch bevor er auch nur ein Wort sagen kann, beginnt Keeshar gefährlich leise, knurrend ihn zurecht zu weisen. Uio/Keylan versteht die Welt nicht mehr. Was sagt Keeshar da? Er benimmt sich wie ein Kind? Er wird sauer und versucht mit einer patzigen Antwort zu kontern, was ihm die zweite Ohrfeige einbringt. Fassungslos steht der junge Hexer da. In ihm brodelt es, seine Atmung geht schnell und er muss alles an Köperbeherrschung aufbringen, um nicht laut rum zuschreihen oder doch noch etwas zu werfen. Sein Mana ist für heute verbraucht, ansonsten würde es wohl spätestens jetzt in der Steinhütte brennen. Aber dann denkt Uio/Keylan nicht.
Kees ist enttäuscht von ihm und bringt dies nun mit deutlichen Worten und Gesten vor.
Uios/Keylans Zorn nimmt ab und, nein so hat er das nie gewollt. Er weiß genau, was los war, und was ER für ihn getan hat. Das will er klarstellen. Doch sein Boss lässt ihn nicht zu Wort kommen. Eine weitere Ohrfeige klatscht auf seine Wange, die jetzt brennt und schmerzt. Wieder flammt Wut in dem Jungen auf. Wut darüber, das Kees ihn nicht erklären lässt, ihm nicht zuhört und einiges völlig falsch versteht! Keeshars Worte werden leiser und er kommt näher an ihn heran. Im Gegensatz zu ihm, macht sich sein Boss Gedanken darum, was evtl. ungebetene Ohren vom diesem Gespräch mithören und was nicht.
Kees spricht weiter. Und dann...dann kommt der Hexer in seinen Worten zur Sprache. Uios/Keylans Augen verengen sich zu schlitzen. Was genau meint er damit? Zurückhalten? Er soll und kann mit dem Hexer tun was er will, solange er von ihm fernbleibt, ist es ihm schnurzpipegal!!! Er reißt sich zusammen und wird doch immer wütender bei dem was Kees sagt. Er würde ihn für dumm halten?
Nun kann der junge Hexer nicht an sich halten und noch einmal versucht er dem Rothaarigen Bandenchef vom Toten End zu erklären, was ihn ihm vorgeht...vergebens. Nur das er ihn nicht für dumm hält, bring er heraus. Es genügt das Kees die Hand erhebt, dass ihm der Rest seiner Worte im Hals stecken bleiben und er plötzlich zusammenzuckt. Die Ohrfeige bleibt aus. Uio/Keylan schluckt seine Worte herunter. Kees will sie nicht hören... er ist der Boss, denkt er bitter und hört was SEIN BOSS ihm da wieder etwas lauter auferlegt.
>„Und jetzt hörst du mir zu, Bursche. Du brauchst Hilfe beim Beherrschen deiner Magie. Und ich will, dass du dir diese Hilfe vom Hexer holst! Er wird mit dir zusammen üben, bis du deine Magie besser beherrschen kannst! Und bis dahin, schränkst du deine Besuche nach draußen etwas ein!“<

Kein Wort kommt über seine Lippen. Sein ganzer Körper bebt, seine eine Faust ballt sich während die andere, die Wange eben noch haltend, sich verkrampft und er sich dann durch die Haare fährt. Seine Zähne beißt er zornig aufeinander und seine Augen funkeln widerwillig über das, was Kees da gerade gesagt hat. Er sieht ihn nicht an, nein er kann diesem Blick gerade nicht stand halten. Seine Augen suchen auf dem Boden irgendwas, an das sie sich grade festhalten kann. Ablenkung? Ja vielleicht! Er weiß, was er Kees schuldet und das er derjenige ist, der nicht nur ihm sagt, wo es langgeht. Uio/Keylan hat große Mühe, seine Gefühle im Zaum zu halten. Durch seinen Kopf gehen so viele patzige Antworten, so viele Sachen, die er ihm jetzt am liebsten an den Kopf werfen würde. Flüche, Schimpfwörter...aber auch das Wissen, egal was er jetzt sagt, dass Kees ihm wieder eine runterhauen wird und ...es nichts ändern würde. Was Keeshar sagt, ist hier Gesetz...auch für ihn. Also steht er da sichtlich nicht erfreut, darüber was er ihm sagte und hofft Keeshar verschwindet durch die Tür, durch die er eben hereinkam und nimmt seinen Scheiß-Hexer mit. Über die genaue Konsequenz dessen, was Kees eben sagte, denkt er nicht weiter nach, noch nicht. Nur eines ist klar, das sich nichts ändert daran wie er diesem angeblichen Hexer gegenübertritt...mit Nichtachtung!
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Rayyan

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14

Freitag, 31. August 2012, 11:48

Sonnenthron


Tatsächlich. Ein Rotzbengel.
Rayyan lehnt an einer hüfthohen Mauer aus verwittertem Schiefer, die irgendwann einen Garten gesäumt hat oder Teil einer Häuserwand war, inzwischen aber nichts weiter schützt als noch mehr alten, moos- und farnüberwucherten Stein. Mit verschränkten Armen starrt er auf die Tür, durch deren Holz dumpf Keeshars Stimme nach Aussen dringt, erst lautstarkes Gepolter und wütendes Gebrüll, danach hohles Gemurmel und verstohlenes Geflüster, und sein Entschluss verhärtet sich mit jedem verständlichen und unverständlichen Wort.
Der Blick, mit welchem Uio ihn bedacht hat, hätte ihn auf der Stelle in eine blubbernden Lache gelbgrüner Schleimmasse verwandeln müssen, so viel Verachtung hat darin gelegen. Unverdiente Verachtung, denn Rayyan kann sich nicht erinnern dem Jungen irgendetwas getan zu haben (was für eine Überraschung, wo sie sich noch nie begegnet sind). Noch nicht. Der Plan, der langsam in seinem Kopf heranreift, gefällt ihm. Viel besser als die Aussicht die nächsten sechs Siebentage, oder mehr, damit zu verbringen, das Vertrauen dieses vorlauten und respektlosen Jungen mit Honigzunge und geheuchelter Geduld zu gewinnen. Hoffentlich kann Oly eines seiner Schiffe entbehren.
Bislang lag es nicht in seiner Absicht Talyra nach seinem erholsamen Aufenthalt in der Unterstadt sofort wieder zu verlassen, andererseits bietet ihm der Abstecher nach Immerfrost die Möglichkeit auf Narnia einen Zwischenhalt einzulegen und sich für die nächste Prüfung anzumelden. Und Nathanael und Uio würden endlich mehr von der Welt der, von ihnen so sehr verhassten, Magier zu Gesicht bekommen, als nur strenge Regeln, dunkle Zellen und eine Wand aus Ablehnung und Misstrauen. Beide, weiss Rayyan jetzt, sind verblendet und wie viele ihrer Art zu sehr in ihren Vorurteilen gefangen, als dass sie ohne guten Grund, geschweige denn freiwillig auch nur einen einzigen Schritt zugeben würden. Nathanaels Vergangenheit rechtfertigt ein solch intolerantes und engstirniges Verhalten. Uio aber... Ein eingebildeter, vorlauter Rotzbengel. Fast möchte Rayyan den Kopf schütteln, verärgert, ohne jedweges Mitgefühl und gelangweilt. Mit Sicherheit hat der Junge viel durchgemacht. Das Leben als Dieb und Taugenichts ist kein Zuckerschlecken, aber seine einzige Erfahrung mit gelehrten Magiekundigen liegt im Umgang mit Adeptin Dewinter, und die hat ihn, sofern sie nicht eine sehr viel bessere Lügnerin ist, als sie vorgibt zu sein (und das traut Rayyan ihr nicht zu), liebevoll umsorgt und versucht ihm zu helfen.

Als die Tür zu der windschiefen Baracke, die Keeshar Uio als Unterkunft zur Verfügung gestellt hat, aufschwingt und das halbdunkle Innere den pockennarbigen Besitzer des Totes End ausspuckt, löst Rayyan sich von dem feuchten Stein und folgt dem Handwink seines vorübergehenden Auftraggebers. Die Hütte empfängt ihn mit trockener Wärme und dem Geruch nach Rauch und nassem Holz und wären nicht der Nebel, der das komplette Zimmer mit Grau füllt, hätte er es sogar als angenehm beschrieben. Er muss den Kopf einziehen, um nicht gegen den Türbalken zu stossen, und die Dielen knarren altersmorsch unter seinen Füssen, aber insgesamt ist es sauber und gemütlich.
Er wird von etwas mehr als sechseinhalb Fuss unterdrückter Wut, übermässig viel kindischem Trotz, verletztem Stolz und unverhohlener Antipathie begrüsst. Uio hält sich die rechte Wange, wo unter seinen Fingern rote Flecken auf seiner überraschend dunklen Haut wachsen und obwohl er nicht weint, glänzt es in seinen Augen verräterisch. Mitleid stellt sich bei Rayyan keines ein. Der Junge hat sich benommen wie ein verwöhnter Palastbengel gegenüber ungehorsamen Sklaven und wäre Keeshar nicht als Erster eingetreten, dazu braucht Rayyan kein Hellseher zu sein, hätte er einem unterarmlangen Holzscheit ausweichen müssen. Die Abreibung, die Uio dafür kassiert hat, ist wohlverdient gewesen und obendrein mit Samthandschuhen ausgeführt worden, der Möchtegernhexer soll sich also hüten ihn anzusehen, als wäre es alles seine Schuld. Die Ohrfeigen scheinen ihm nicht gereicht zu haben. Der Junge gehört übers Knie gelegt und kräftig verdroschen. Rayyan nimmt sich vor genau das nachzuholen, sollte Uio ihm dafür irgendwann, ob noch hier unten oder auf dem Schiff, Anlass dazu geben (und irgendetwas sagt ihm, dass ihm oft genug die Gelegenheit dazu geboten werden wird).
Sein Blick, schwarz und nichtssagend, schweift von dem Holzscheit in Uios Hand, zu der angekokelten Matratze, die noch immer leicht raucht, und schliesslich zurück zu dem Jungen, der zwar aussehen mag, wie ein junger Erwachsener, aber alles anderes als einer ist. Wie kann jemand, so grosspurig und dumm, als Hexer so lange hier unten überlebt haben? Soris muss regelmässig sein Bett teilen.
Unvefroren wie immer hält Rayyan sich nicht lange mit irgendwelchen Formalitäten auf, sondern kommt direkt zum Punkt: „Vor Sonnenaufgang in meinem Haus. Sei pünktlich und bring Mana und Hunger mit.“ Ganz kurz versichert er sich, dass Keeshar nicht noch etwas zu sagen hat, dann verlässt er Uios Heim und macht sich auf die teuer bezahlte Schmuggelware an den Mann zu bringen.

Rayyan

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Montag, 17. September 2012, 23:42

Der Junge sitzt ihm gegenüber, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick starr(sinnig) auf die Tischplatte vor sich gerichtet. Hätte Rayyan ein feineres Gespür für Humor, würde er sich bei Uio im Plauderton erkundigen, was der Tisch ihm so unglaublich Spannendes zu erzählen habe. Stattdessen hält er ihn mit seinem Blick fest und schweigt. Wie er es die letzten paar Tage schon getan hat, seit der ehemalige Strassenlümmel das erste Mal bei ihm aufgekreuzt ist und die ersten drei seiner Fragen rigoros ignoriert hat, und wie er es wahrscheinlich tun wird, bis... Nur noch dreizehn Tage. Nur noch dreizehn Tage. Nur.Noch.Dreizehn.Tage. Rayyan zählt, seit er zusammen mit Olyvar den frühstmöglichen Abreisetermin errechnet hat. Im Vergleich zu den eineinhalb Jahren, die hinter ihm liegen, scheinen die dreizehn Tage, die er noch vor sich hat, fast lächerlich. Ihm aber kommen sie vor wie eine halbe Ewigkeit.
Uio verschanzt sich hinter einer Mauer (mindestens genauso hoch, breit und eisig wie Serasshers Wall im Norden) aus offener Ablehnung, verletztem Stolz und, zugegebenermassen bemerkenswerter, Dickköpfigkeit. Dagegen ist ein Eisenzwerg die Nachgiebigkeit in Person. Es soll ihm recht sein. Er hat kein Problem damit, wenn sie sich dreizehn Tage lang anschweigen und dem Nichtstun frönen. Im Grunde genommen ist er Uio sogar dankbar für dessen uneinsichtiges Benehmen. Dadurch erspart er sich noch mehr Verstösse gegen den Codex Magica, bei dessen Gesetze es einem gelehrten Magiekundigen auf Strafe verboten ist einem Hexer irgendetwas beizbringen.
Rayyan greift nach der Karaffe mit verdünntem Wein, die Lys ihnen zusammen mit zwei Bechern vor die Nasen gestellt hat. Uios respektloses Benehmen beschränkt sich dankenswerterweise nur auf seine Person. Gegenüber der Morländerin ist er freundlich und ganz der wohlerzogene junge Mann, den man ihm auf den ersten (und auch auf den zweiten und dritten) Blick gar nicht zutrauen würde. Er grüsst sie mit einem Lächeln, fragt hin und wieder wie es ihr geht, lobt ihr Essen, bedankt sich für den Wein und geht ihr sogar zur Hand, wenn sie sich mit dem schweren, gusseisernen Kessel oder einem Stapel Holzscheite abmüht. Lys wird von Tag zu Tag sichtbar schwächer. Inzwischen reichen zwei Happen und sie ist satt. Ein dritter und sie übergibt sich. Die Haut spannt sich wie durchsichtiges Pergament über die scharfen Konturen ihrer Knochen und ihr ehemals glänzendes, mahagoniedunkles Haar hängt ihr in weissen, spröden Fäden um die eingefallenen Wangen. Manchmal verliert sie die Kontrolle über ihre Blase und seit er sie bei seiner Rückkehr zweimal bewusstlos vorgefunden hat, drückt er dem vierzähnigen Piet regelmässig ein paar Kupfer in die schiefen Finger, um auf sie aufzupassen, wenn seine Anwesenheit bei einer Arbeit gefragt ist und er sie dadurch alleine lassen muss. Sie hält sich tapfer, aber was auch immer in ihrem Körper wütet, ist eindeutiger mächtiger als ihr Wille zu Überleben.

Auch den nächsten Tag verbringen sie nach den drei Standartfragen in einträchtigem Schweigen. Wie auch den Tag danach. Und den Tag danach. Hin und wieder reisst dem Jungen die Hutschnur und er sucht fluchend das Weite und ganz selten wagt er es überhaupt nicht aufzutauchen. Diese Unsitte gewöhnt er sich allerdings genauso schnell wieder ab, wie an, da Rayyan sich gar nicht erst persönlich um eine angemessene Strafe bemüht, sondern einfach bei Keeshar Bericht erstattet und Uio gnadenlos verpetzt.
„Wie geht es voran?“
„Nicht.“
„Nicht.“ Echot Keeshar, seine Stimme kühl und glatt wie Immerfroster Spinnenseide. „Wie ‚nicht‘?“
„Nicht. Und so wird es bleiben wenn du ihn weiterhin wie die Prinzessin auf der Erbse behandelst.“
Der unverfrorene Ton schmeckt Keeshar gar nicht und bringt Rayyan zwei lange Tage in den tiefsten Untiefen der Kanalisation ein. Ein Ort von dem sich sogar die Ratten fernhalten. Bis zu den Knien in einer undefinierbaren, schleimigzähen Masse, deren Gestank ihm sämtliche Riechzellen wegätzt, erschafft er auf Keeshars Geheiss hin und sehr zu Tjes Schadenfreude neue Durchgänge und verschliesst alte, halb eingefallene oder schlicht zu riskant gewordene Tunnel. Immer mit dabei Naslos. Die vielleicht älteste aller Kanalratten und unter dem faulenden Fleisch, dem Schimmel, der wie Pelz aus seiner Haut spriesst, und den hundert Drecklagen aus verschiedenen Jahrzehnten nach all der Zeit in der Dunkelheit weniger Mann, als Kreatur. Er teilt sein Brot und sein Wasser mit dem wandelnden Buckel und lauscht schweigend dessen geschnatterten Geschichten über Riesenwürmer und Echsensklaven, über Dracheneier und Unterstadtkönige.
Nach drei Tagen (und einem sehr langen Bad zusammen mit einer gezopften Bürste und der rausten Kernseife, die Lys hatte auftreiben konnte ) findet er den Jungen pünktlich auf den Sonnenstrahl auf seiner Schwelle vor. Die Ohren vor Wut so rot wie sein Haar, in den Augen blanke Mordlust und noch immer schweigend, aber anwesend, weil Keeshar ihm kurzerhand _sämtliche_ Ausflüge an die Oberfläche gestrichen hat, mit der Drohung ihm einen Aufpasser auf den Hals zu hetzen, sollte er nicht spuren.
Wieder stellt Rayyan die gleichen drei Fragen.
„Was ist arkane Magie? Wo liegt der Unterschied zwischen einem Magier und einem Hexer? Was bedeutet Kontrolle für einen Magiebegabten?“
Wieder erhält er keine Antwort. So geht es weiter, bis der letzte Morgen von Rayyans Exil endlich angebrochen ist.

Ein Klopfen kündigt Uios Ankunft an. Für einmal nicht vor Mittag, sondern spät abends, da Rayyan die hellen Stunden genutzt hat um mit Olyvar im Schutz des Inaritempels noch einmal die Details seiner Reise zu besprechen und die letzten Vorbereitungen zu treffen. Olyvar müsste auf dem Weg sein. Er kann noch nicht wirklich fassen, dass es endlich so weit ist, und der Gedanke in Kürze endlich wieder Mond und Sonne auf der Haut zu spüren hat etwas Märchenhaftes, als ob sein Aufenthalt in der Unterstadt nur ein langer, sehr lebendiger Alptraum gewesen ist und er gerade dabei aufzuwachen, noch nicht ganz sicher, wo Fantasie aufhört und Realität anfängt.
„Rein.“ Fordert Rayyan kurz angebunden, ohne sich umzudrehen. Er steht mit dem Rücken zum Eingang, hat die Hände im Kreuz verschränkt und den Blick auf das Feuer im Kamin gerichtet. Die Angeln quietschen leise, als der Hexer flugs eintritt, die Türe hinter sich schliesst, kurz verharrt, und sich dann grusslos auf den gleichen Stuhl setzt, auf dem er immer sitzt. Rayyan sieht Uio nicht einmal an, als er schliesslich von den Flammen ablässt und sich ihm gegenüber niederlässt. Zwischen ihnen ein Krug Wasser, zwei Becher süssen Schlehwein von den sonnenverwöhnten Weinbergterassen Fearann o'Bàn Féiths in Ceresdor und... Schweigen.
Rayyan ignoriert Uios Anstrengung seinem Blick auszuweichen und mustert ihn. Das leicht rundliche Gesicht, den weichen Mund, die braunen Augen voller Trotz, die Kieferlinie, bedeckt von ein paar einzelnen braunen Stoppeln, die noch etwas verloren wirken auf den vollen Wangen. Die breiten Schultern, die drahtige Brust und die viel zu langen Arme und Beine mit den viel zu grossen Füssen und Händen gehören ganz eindeutig einem jungen Mann, dem er vielleicht irgendwann sogar in die Augen sehen kann. Aber das Gesicht bleibt das eines Kindes. Mit zwei Fingern angelt Rayyan nach seinem Becher und nimmt einen tiefen Schluck. Der Wein schmeckt nach überreifen Beeren, süss und sauer zugleich, Honig und drückender Sommerhitze und hat die passende Farbe: ein im schummrigen Licht der Öllampen und des Herdfeuers purpurrot schimmerndes Gold, so dunkel, man könnte meinen man trinke flüssige Bronze. Es ist ein edler Tropfen, der Keeshar gutes Silber eingebracht hat. Ein Wein, den auch Uio mag, wie Rayyan nach mehreren Versuchen herausgefunden hat. Für den Jungen hätte es allerdings auch süsser Weisser von den Nebrinorthares, süsser Perlwein aus dem Verdland oder irgendein anderer Wein sein können, solange er nur süss ist. Na los. Trink endlich. Dummerweise macht der Junge überhaupt keine Anstalten zu trinken, weder jetzt, noch später. Eine Stunde vergeht, während welcher das Feuer zu glühenden Kohlen und grauer Asche zerfällt, ohne dass der Junge sich auch nur soviel wie einen Sekhelrin bewegt hat. Eigentlich müsste ich ihm gratulieren für seine Selbstbeherrschung und die Fortschritte, die er mit seinen Entspannungsübungen gemacht hat. Das Uio heimlich übt liegt auf der Hand, denn seit Keeshar ihn gezwungen hat bei Rayyan in die Lehre zu gehen, hat er keine einzige Matratze mehr abgefackelt. Weder seine eigene, noch die eines anderen. Zehn Minuten später und Rayyan geht die Geduld aus. Ajwa, dann eben anders. Sein Becher ist längst leer, also schenkt er sich Wasser ein und setzt zu einem Trinkspruch an: „Lys liegt im Sterben. Vielleicht heute Abend, vielleicht morgen.“ Für einen Herzschlag lässt Uio seinen Schild aus aufgesetzter Gleichgültigkeit sinken und erwidert seinen Blick... schuldbewusst? Unsicher? Mitfühlend? Rayyan weiss es nicht. Egal. Er hebt sein Wasser um anzustossen: „Auf Lys.“
Ein langer Moment zieht dahin... dann greift Uio nach seinem Wein, wiederholt leise: „Auf Lys“, stösst an und stürzt den Inhalt bis auf den letzten Tropfen hinunter. Rayyan tut es ihm gleich und versteckt damit erfolgreich ein wölfisches Grinsen.

Kaum sind die Becher leer und der Augenblick seltener Einigkeit vorbei zieht der Junge auch schon wieder wie eine Schildkröte bei Gefahr den Kopf ein und nimmt sein in-die-Leere-starren wieder auf. Es dauert allerdings nicht lange bis ihm immer öfters die Augen zufallen, bis ihm dämmert, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Leicht schwankend langt er nach der Tischkante, verfehlt sie und zieht überrascht die Stirn kraus, ein halbes: „Was...“ auf der Zungenspitze.
Dann werden seine Züge weich und glatt wie aufgegangener Teig und er rutscht er vom Stuhl und schlägt mit einem dumpfen Poltern auf dem Boden auf. Der mit Schlafmohn versetzte Weinbecher rollt aus seinen kraftlosen Fingern und hinterlässt eine dunkle Spur auf dem Holz. Rayyan bleibt noch einen Augenblick sitzen und blickt auf den leer gewordenen Platz vor ihm, im Wissen, dass es seine letzten ruhigen Momente vor einer sehr turbulenten und wahrscheinlich wenig erfreulichen Reise sein werden. Dann erhebt er sich, durquert das Zimmer mit vier grossen Schritten, geht vor dem Feuer im Kamin auf die Knie, löst eine der altersdunklen Dielen aus ihrer Verankerung und fördert ein grob geschnitztes Holzkästchen ans Licht, das vernehmlich klimpert, als er es zum Tisch zurück trägt. Dort stellt er es ab, legt einen mit grünem Wachs versiegelten Brief daneben, der an Keeshar addressiert ist, und trinkt den Rest seines Wasser. Es widerspricht seiner Art den Pockennarbigen mit ein paar zwar ehrlichen, aber immer noch leeren Floskeln und den geschuldeten Münzen (und ein paar extra für die Umstände) abzuspeisen, aber etwas sagt ihm, dass ein offenes Gespräch unter vier Augen nicht den gewünschten Effekt gehabt hätte. Wie man es auch dreht und wendet, er hintergeht den Mann, der ihn vor einem ziemlich unrühmlichen Ende am Rand der Gruben gerettet und ihn auf direktem Weg zu seinem eigentlichen Ziel verholfen hat, und er tut es mit voller Absicht. Sollten ihre Wege sich noch einmal kreuzen, da macht sich Rayyan nichts vor, wird er mit Blut für seinen Verrat büssen müssen. Bleibt nur die Frage wieviel Blut. Die Vorstellung eines zornschnaubenden Keeshars, der ihm erst die Nase bricht und ihn danach mit einem scheelen Blick und einem Grinsen, schief wie der Turm von Ildala, zu einem Humpen Kvassi frisch aus Immerfrost einlädt, lässt ihn die Zähne blecken.

Die zerlumpte Robe gegen Hemd, Hose, Weste und Umhang zu tauschen dauert nicht länger als ein paar Minuten und mit einem letzten Blick auf das zusammengefaltete Pergament, die Tinte nur ein schwarzer Strich auf hellem Untergrund, hievt er sich den bewusstlosen Jungen der Einfachheit halber wie einen Mehlsack quer über die Schultern. Er wird zetern und toben und mir die Schienbeine blau treten, aber er wird zuhören und er wird lernen.
Mit seiner schlaffen Fracht kämpft er sich die schmale Stiege zum Schlafzimmer hoch, wo Lys schläft und hin und wieder ein leises Wimmern von sich gibt. Ihre Stirn ist von einem dünnen Film glitzernder Schweisstropfen überzogen und obwohl er ihr regelmässig Wasser eingeflösst hat, sind ihre Lippen blutig aufgerissen durch die Hitze, die sie atmet. „Lys, wach auf.“ Behutsam legt er eine Hand auf ihre Schulter und schüttelt sie sanft, bis sie irgendwann schwerfällig den Kopf dreht und unter halbgesenkten Lidern schläfrig zu ihm aufblinzelt. Sie ist nicht wirklich wach, aber das stört nicht, solange sie nur ein paar wenige Schritt alleine läuft. „Steh auf, wir gehen.“ Noch einen Moment länger irrt ihr fieberkranker Blick über seine Erscheinung und registriert weder seine veränderte Gewandung, noch den Jungen, der knochenlos über seiner Schulter hängt, dann schiebt sie die Decken zurück und kommt mit seiner Unterstützung schwankend auf ihren eigenen Füssen zu stehen. Umständlich rafft er zwei dünne Laken vom Bett und wickelt sie darin ein, denn da es ihm nicht möglich ist sich direkt aufs Schiff zu teleportieren, hat er mit Olyvar in der Gasse, die zum Hinterhof des Grünen Aals führt, ein Treffen vereinbart. Von dort aus aus sind es nur noch ein paar Hunderschritt bis zur Nordstern, der zweimastigen Karavelle von Kapitän Narson. Ein trockener Husten schüttelt Lys von den nackten Füssen bis zur knochigen Brust und er muss sie festhalten, will er nicht riskieren, dass sie kraftlos in sich zusammensackt. Irgendwann hat sich ihr Atem wieder ein wenig beruhigt und er kann seinen Arm unter ihren Achseln hindurch schieben, ohne ihr die Luft abzuschnüren. „Nur ein paar Schritt.“ Es ist zweifelhaft, ob sie versteht was vor sich geht, aber sie lässt es willig mit sich geschehen, schmiegt sich vertrauensvoll an ihn und schiebt brav einen Fuss vor den anderen, als er sie ein Stück in die Mitte des Raumes dirigiert. Dort lehnt er sich ein wenig nach vorne, damit Uio ihm nicht von den Schultern rutscht, während er mit seinen Händen die für den Zauber benötigten Gesten vollführt. „Magicā syll eleamentyr...“ Langsam breitet er die Arme seitlich so weit aus, wie er kann, ohne dass Lys ihr kaum vorhandenes Gleichgewicht verliert, und dreht die Handinnenflächen nach oben. Irgendwo, ganz tief in seinem Inneren, beginnt seine magische Kraft zu vibrieren. Ein langgezogener, kupferheller Ton, spinnfädenzart und gleichzeitig eisklar. “ Akua...“ Ein dumpfes Pochen mischt sich darunter und das Blut in seinen Adern wird warm, während der Raum um ihn herum etwas an Schärfe verliert. „Fýra...“ Konzentriert lässt er seine Finger unsichtbaren Linien entlang gleiten. Hinauf und hinab, gekreuzt und parallel und die Farben um ihn herum gewinnen an Intensität. „Eorda...“ Die Kanten, Spitzen und Ecken, die er in der Luft hinterlässt, füllen sich mit flüssigem Sonnenlicht... „Aira...“ ... und vereinen sich mit einem Zischen zu einem Dreiergeflecht von Dreiecken, dem Symbol der arkanen Magie. „Megin...“ Eine seiner Hände legt sich schützend über Lys‘ Augen und die eigenen hält er fest geschlossen, als er seine Rechte, zur Faust geballt, ausstreckt und in das schwebende Gebilde flirrender arkaner Kraft eintauchen lässt: „... arairan craeftlǣst.“ Die Luft vor seiner Nase beginnt zu knistern, dann zucken weissglühende Blitze durch das von ihm gemalte Netz und plötzlich bricht das Bild vor ihm auf, als ob man eine Leinwand in zwei Hälften reisst, und Licht in allen Farben Rohas bricht aus dem Loch in Raum und Zeit in die winzige Kammer und flutet sie mit augenbrennender Helligkeit.

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