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Olyvar

Stadtbewohner

  • "Olyvar" started this thread

Posts: 163

Occupation: Lord Commander

Location: Steinfaust

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1

Wednesday, June 20th 2012, 11:05am

Westflügel der Steinfaust

Im äußersten Westflügel der Steinfaust liegen - am Ende eines hohen, langen Ganges, der auch am Solar des Lord Commanders vorbeiführt - die Privatgemächer Olyvars und Dianthas von Tarascon. Dieser Gang ist mit schmalen Bogenfenstern hinaus zum Inneren Zwinger versehen und des Nachts von zahlreichen Fackeln in eisernen Wandhaltern erhellt und endet schließlich vor einer breiten, hohen Tür aus eisenbeschlagener polierter Steineiche in deren Mitte ein schlanker Anklopfer in Form eines stilisierten Blattes prangt.

Öffnet man diese Tür, gelangt man in eine kleine Vorhalle, etwa fünf Schritt breit und drei Schritt lang. Ihre verputzten Wände sind halbhoch mit honigfarbenen Holzkassetten verkleidet und darüber befinden sich eiserne Haken in geschwungenen Formen für Umhänge, Mäntel und Capes. Zwischen den Haken wechseln sich an den Wänden Laternen mit Borden und Ablagen ab, und an der rechten Längswand lädt eine Bank aus sandgescheuertem Holz mit geschnitzter Rückenlehne und weichen Kissen zum Sitzen ein. An der gegenüberliegenden Längswand ist ein Alkoven mit einem tief gesetzten, breiten Fenster das auf den Inneren Zwinger hinausgeht. An der Wand gegenüber dem Eingang ist eine weitere Tür aus hellem, mit Intarsien verziertem Eichenholz, die in eine sicherlich zwanzig Schritt lange und zehn Schritt breite Säulenhalle führt, die eine hohe Decke mit offenem Dachgebälk trägt.

Die Wände der großen Halle sind in einem warmen, verblichenen Pergamentgelb gestrichen. Sechs wuchtige Säulen aus altersbleichem, silbergrauem Steineichenholz tragen die Decke. Ihre Kapitelle gehen nahtlos in die offenen Dachbalken über und sie sind von unten bis oben über und über mit verschlungenen Mustern verziert. Der Boden der Halle ist aus glatten, hellen Natursteinplatten, doch anstatt mit Binsen ist er mit dicken azurianischen Teppichen in dunklen Blau-, hellen Elfenbein- und zarten Silbertönen ausgelegt.

Durch mehrere, hoch gesetzte Bogenfenster an der linken Längsseite fällt genug Licht ein, so dass der Raum trotz der Säulen mit ihren wuchtigen Schnitzereien und des verwaschenen, pergamentfarbenen Tons der Wände selbst an düsteren Tagen immer hell wirkt. Die Halle hat schon wegen ihrer Größe zwei imposante Kamine, einen sehr breiten in der kurzen Wand der Stirnseite gegenüber dem Eingang, und einen etwas kleineren an der rechten Längswand.

Beide Kamine besitzen verschwenderisch üppig gestaltete Rahmen aus hellem Stein und werden eingefasst von Weinranken und Rosen, Seharim und Ältesten Wesen, springenden Hirschen, Feen, Laub und Kobolden - ein wenig skurril und absonderlich im Detail, vor allem da die Kobolde mit den merkwürdigsten Dingen beschäftigt sind -, aber durchaus schön anzusehen. An der Stirnseite der Halle, ein ganzes Stück links neben dem Großen Kamin, geht eine weitere, mit Intarsien verzierte Tür aus hellem Holz ab, an der rechten Längswand der Halle zu beiden Seiten des Kamins befinden sich ebenfalls zwei Türen, die in die angrenzenden Räume des Westflügels führen.

Im vorderen Teil der Halle, zwischen den mächtigen grauen Säulen, steht ein langer Tisch umgeben von hochlehnigen Stühlen aus dem gleichen hellen Holz, in dem alle Möbel der Halle gehalten sind. Über dem Tisch hängt an einer Eisenkette von einem der Balken des Dachgewölbes ein sehr schlichter runder, eiserner Kronleuchter, auf dem zwölf dicke, elfenbeinfarbene Kerzen prangen. An den Wänden links und rechts des Eingangs und unter den hoch gesetzten Fenstern an der linken Längsseite finden sich halbhohe Geschirrschränke und Wandborde aus gewachstem, honigfarbenem Pinienholz mit schmiedeeisernen Beschlägen und Griffen, in welchen Steingut, kostbares Glas, Silber, Kelche, Tischwäsche und Geschirr aufbewahrt werden. Um diesen, den vorderen, Teil der Halle bei förmlichen Anlässen vom Wohnbereich des Lord Commanders und seiner Familie abzutrennen, können vom hohen Gebälk der Decke aus drei schwere Gobelins zwischen den Säulen herabgelassen werden. Hauptsächlich in sattem Blau und glänzendem Silber gehalten, dienen sie mit ihren märchenhaften Motiven voller Sagengestalten und Fabelwesen zum einen als beeindruckender Schmuck, zum anderen sind sie aber auch so dick, dass sie sich hervorragend als Raumteiler eignen. Im Alltag sind sie in der Regel hochgezogen.

Im hinteren Teil der Halle, zwischen den hinteren Säulen und dem großen Kamin, finden sich unter einem zweiten, schlichten Eisenkronleuchter zwei niedrige, aber ausladende azurianische Diwane. Sie sind bezogen mit rötlichem Kamelleder und belegt mit blausilbernen Kissen und weichen, hellen Pelzen. Zwischen ihnen steht ein kniehoher azurianischer Tisch mit nach innen gebogenen Füßen und feinen Intarsien aus Elfenbein an den Seiten. Auch hier bieten Kassettenschränke und Holztruhen an den Wänden Platz für Kinderspielzeug und Decken, Schnitzwerkzeug und allerlei Alltagsgerätschaften, außerdem stehen an der rechten Längswand zwei schmale hohe Regale mit etwa zwei Dutzend kostbaren ledergebundenen Büchern jeder Form und Größe. Allgegenwärtig sind tagsüber auf den Diwanen, dem Tisch oder dem Boden auch noch hölzerne Bauklötze, Stock-und-Ball, Kreisel, Rasseln und Flickenpüppchen, Marionetten, Murmeln und kleine Tiere aus Kastanien und anderen Nüssen (letztere mehr oder minder bunt bemalt oder von Hundezähnen an gekaut) - auch wenn das Spielzeugchaos der Kinder allabendlich wieder ordentlich in die dafür vorgesehenen Kisten und Körbe geräumt wird.

Ein - durch drei Kinder mittlerweile arg mitgenommener, aber einst prächtiger - Kamelsattel mit ziemlich ramponierten Nähten und abgewetztem Leder steht neben dem Kamin und ein kostbares Schachspiel aus Ebenholz, Elfenbein und Perlmutt hat seinen Platz auf einer der höheren Kommoden, in sicherer Entfernung von allen neugierigen Kinderhänden. Anmutig geschwungene Öllampen aus bemaltem Ziegenleder spenden warmes Licht, das sich auf blanken Waffen an den Wänden spiegelt oder auf alten Gobelins, die Geschichten von Cobrin dem Priester und seinen Rittern erzählen, die Farben zum Leuchten bringt. Kunstvoll bemalte Kharsifziegel und fremdartige Masken aus Azurien an den Wänden, Rotholzschnitzereien aus Tarascon, eine uralte, bemalte Bodhran und eine immerfroster Bandurka, Kerzenständer aus poliertem Speckstein, Schatullen aus Holz, Perlmutt und Silber, Rauchwerkschalen und duftendes Honigweingras in glasierten Tontöpfen geben der Halle trotz ihrer Größe etwas sehr behagliches.

Die Tür an der Stirnseite der großen Kaminhalle führt durch einen kurzen Gang und eine halbrunde Steintreppe hinauf in ein Schlafgemach, dessen Erkerfenster an der Stirnseite nach Norden und an der Längswand nach Westen gehen und über Wehrgänge und Festungsmauern hinweg weit über das Larisgrün hinausblicken. Die bleigefassten Fensterscheiben sind facettiert, die inneren Rahmen aus goldbraunem Holz und mit ebenso üppigen Schnitzereien und Mustern versehen wie die Säulen und Kamine der Großen Halle - und die Fensternischen in den dicken Festungsmauern so breit, dass man bequem auf ihnen sitzen kann. An der Türwand ist rechts neben dem Eingang ein halbhoch gemauerter, offener Kamin, dessen steinerne Einfassung zierliche Blattornamente aufweist, flankiert von zwei hohen, aber schmalen, mit Fächern und Laden versehenen Wäschekommoden aus dunkel glänzendem, fein gemaserten Walnussholz.

Gegenüber dem Nordfenster wird die Längswand von einem breiten Himmelbett auf einem niedrigen Podest eingenommen. Seine wuchtigen und doch eleganten Pfosten, die ein sanft geschwungenes Dach gleich einem lichten Baldachin tragen, bestehen aus in sich gedrehten Säulen mit Einlegearbeiten aus graugrünem Marmor und Moosachat, gehalten von geschnitzten Ranken. Das hochgezogene Betthaupt und das geschwungene Fußende sind ebenso üppig, doch mit klaren Linien verziert und lassen die Maserung des feinen Nussbaumholzes wirken. Ein Schrank aus dem gleichen Holz, sowie eine mit Intarsien aus Rosenachat verzierte Truhe vervollständigen die Einrichtung des Schlafgemachs. Der Boden besteht hier aus glänzenden Dielen sehr dunklen Holzes und ist mit weichen Wolfspelzen und einem großen, silbergrauen Fell vor dem Kamin versehen. Die Wände sind schlicht und weiß getüncht und, wie in der Halle auch, mit - wenn auch kleineren - Gobelins geschmückt. Am Kopfende des Bettes, über dem hoch gezogenen Haupt, zeigt ein kunstvoll bestickter, mit Silbergarn gefasster Wandteppich das Wappen der Tarascons, den weißen Hirschen, silberweiß auf dunkelblauem Grund.


Die erste Tür, die von der Großen Halle auf der rechten Längsseite abgeht, führt zu einem zwölf Schritt langen und recht breiten Gang, dessen Wände unverputzt, doch dafür halbhoch mit Holz vertäfelt sind. Gleich rechts im Gang führt eine gewendelte Steintreppe in ein achteckiges Erkerturmzimmer hinauf und drei weitere Türen auf der rechten Seite führen zu einem Gastgemach und drei weiteren, hellen Räumen, den Kinderzimmern. Links gehen schmälere Spitzbogentüren zu kleineren Kammern und einem Waffenraum ab. Zwischen den Türen stehen Korbtruhen und halbhohe Kommoden, in denen Wäsche, Leinen, Leder, Umhänge und ähnliches verstaut ist. Am Ende des Ganges ist eine Holztür mit Eisenbeschlägen und einem runden, bleigefasstes Bernsteinglasfenster, die zu einer überdachten, holzgeschnitzten Laube führt, die auf einem allseits ummauerten, grünen Innenhof blickt. Die Laube ist klein, hängt wie ein Bienennest am Mauerwerk und ihre wundervollen Schnitzereien sind zu zwei Dritteln überrankt von Blauregen - aber sie bietet Platz für zwei Stühle und einen kleinen Tisch aus Korbgeflecht. An der linken Seite der Laube lässt sich eine Wand öffnen und eine lange, von Witterung und Alter verblichene Holzstiege mit Handlauf geht in den ummauerten Garten hinab. Der rechteckige Innenhof ist nicht sehr groß, aber auch nicht klein, mit Gras bewachsen, ein paar uralte Obstbäume in seiner Mitte spenden Schatten und an den Mauern entlang ranken sich wild wuchernde Himbeeren.

Das Turmzimmer ist ein hoher Raum. Es besitzt acht Wände und sechs schmale, tief sitzende Fenster. Die Decke reicht bis unter das spitze Turmdach und die wuchtigen Balken dort sind mit holzgeschnitzten Tiergesichtern geschmückt. Gegenüber dem Eingang steht ein breites Bett aus dunklem Holz mit gedrehten Pfosten und einem Baldachin aus buttergelben Gazeschleiern. Unter einigen der Fenster finden sich Kleidertruhen und die beiden fensterlosen Wände werden von zwei Seidenteppichen geschmückt. Der eine ist ganz in rauchigem Grau-, Schwarz-, Bronze- und Goldtönen gehalten und zeigt einen hohen, erloschenen Vulkankegel mit steilen Flanken umgeben von einem Wald rotblättriger Bäume, der andere ist vornehmlich mit Blau, Grün und Silber bestickt und zeigt eine vieltürmige Stadt zwischen Hügeln, über der silberne Drachen kreisen.

Das Gemach für Gäste ist schlicht, doch elegant gehalten: ein kheyrisischer Teppich bedeckt den Boden aus glänzenden, dunklen Dielen, die Wände sind weiß verputzt und werden von einigen alten, verblichenen Wandfresken geschmückt. Ein Bett, eine Kommode und ein Wäscheschrank aus rötlichem Holz, ein Waschtisch und ein geflochtene Korbtruhe aus verschiedenfarbigen Gräsern vervollständigen die Einrichtung.

Die beiden Zimmer der Zwillinge und der Raum Njalls, sind in einem warmen hellen orangegelb getüncht. Um die breiten, halbrunden Bogenfenster - in jedem Zimmer je zwei an den Längswänden - zeigen bunte Wandmalereien zart schillernde Feen, grinsende Kobolde, Thymeon Silberschild auf seinem weißen Pferd in seiner glänzenden Rüstung, ein Elbenschiff, das mit geblähten Segeln über ein stilles, blaues Meer gleitet, Caidfaêr und Lorfaêr, Drachen, die über einen Morgenhimmel dahin ziehen, einen Frosch mit einer goldenen Krone und einer goldenen Kugel und andere Gestalten aus der geheimnisvollen Welt immerlandscher Legenden. Die Möbel in den Kinderzimmern sind aus hellem, sandgescheuertem Holz, ebenso wie die Bodendielen, die mit weichen Lammfellen und dicken, hellen Wollteppichen ausgelegt sind. In jedem Raum stehen ein Bett, eine Kommode, ein Wäscheschrank und ein paar Kisten mit Spielzeug, sonst jedoch noch nicht viel, auch wenn Connavar und Fianryn allmählich anfangen, eigene Schätze in ihre Räume zu schleppen und sie dort in allen möglichen Behältnissen aufzuheben und Njálls Zimmer ein buntes Sammelsurium von holzgeschnitztem, buntbemaltem Spielzeug enthält.

Gegenüber den Kinderzimmern liegt neben den Kammern ein weiterer Raum, ein kleineres Zimmer, das einfach, aber gemütlich eingerichtet wurde, und ein breites Bett mit Baldachin, einen Waschtisch, eine Truhe mit Bronzebeschlägen und einen hellen Kassettenschrank mit Intarsien aus Mooreiche beherbergt. Den Steinboden bedecken statt Binsen einige weiche Felle und vor dem schmalen Bogenfenster steht ein Schreibpult mit einem hochlehnigen Stuhl. Dieses Zimmer beherbergt Brenainn Blutaxt, den Knappen des Lord Commanders, der während Olyvars Reise in den Süden jedoch in den Mannschaftsquartieren untergebracht ist.

Die zweite Tür, die von der Großen Halle des Westflügels abgeht, führt ebenfalls in einen Gang, dieser jedoch ist ganz anderer Art: schmal und gewunden mit eisernen Fackelhaltern an den Wänden, endet er nach etwa fünfundzwanzig Schritt an einer gewendelte Steintreppe, die zu einem der überdachten Wehrgänge und von dort aus auf den Inneren Zwinger der Steinfaust hinunter führt. Gerüchte besagen, von diesem Gang führe irgendwo ein Geheimtunnel in andere Bereiche der Festung, doch ob etwas Wahres daran ist, weiß niemand zu sagen - und wenn doch, schweigt man sich darüber aus.
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Diantha

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2

Monday, October 8th 2012, 2:55pm

Tag des Inarifests


Zu ihrem Glück bekommen Diantha und Olyvar Calait doch noch zu hören, obwohl sie schon auf dem Rückweg waren. Zunächst klingt ihre Stimme noch sehr wohlklingend und voll, doch dann erlangt sie ein Eigenleben, wie Diantha es erst wenige Male gehört hat. Sie gibt die Geschichte des „Geheimnisvollen Fremden“ nicht nur wieder indem sie die Noten und den Rhythmus trifft, sondern sie bringt sie zum Leben, lässt etwas in ihnen erklingen, das sich über den ganzen Marktplatz ausbreitet und reihenweise den Zuhörern Gänsehaus über den Rücken wandern lässt, als würden die Töne etwas in ihren Herzen zum Klingen bringen. Fasziniert schaut Diantha auf das Gesicht der wunderschönen Blinden und versucht daraus zu lesen, ob der Frau bewusst ist, was sie gerade tut. Prompt fragt Olyvar von der Seite, ob Diantha etwas bemerkt habe, doch die schüttelt nur den Kopf, sie überlegt noch immer, ob sie sich das einbildet oder ob Calait tatsächlich etwas mit der Menge macht, was nur wenige Sänge können. Doch sie braucht nicht mehr lange zu überlegen, denn schließlich zeigt sich der Beweis nur zu deutlich: Ein Bild, erschaffen von Magie, das nach kurzer Zeit wieder verschwindet, als wäre es nie da gewesen und sich dadurch nur noch mehr in das Gedächtnis der Betrachter einbrennt. Wenn Diantha es nicht schon einmal gesehen hätte, vermutlich wäre sie auch so verwundert und erstaunt wie der Großteil der Menge, ja auf manchen Gesichtern ist schon fast Angst abzulesen.
Die Immerfrosterin wirft einen kurzen Blick auf ihren Ehemann und der scheint dasselbe zu denken, wie sie: Es gibt nur eine Erklärung, Calaits Stimme muss magische Macht besitzen. Diantha hat noch nicht oft Darbietungen von Zaubersängern gesehen, einmal war sie bei einer in Nachtschimmer dabei, als Riku sie als hübsch ausstaffierte Begleitung mit auf eine Art Ball genommen hatte. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie die zerbrechlich wirkende Frau groß angekündigt worden war und den ganzen Saal mit einer wehmütigen Ode an ihre Heimat in Tränen hatte ausbrechen lassen. Nur ein einziger der hinterhältigen, zwielichtigen Händler hatte sich dem Zauber entziehen können und der war ein Zwerg gewesen, dementsprechend ungern wurde von dem Zeitpunkt an über diesen Abend geredet. Sie bringen die menschlichen Gefühle in uns hervor, selbst wenn sie tief vergraben sind. Schließlich verklingt das Lied und das letzte Trugbild verwischt in der Luft, dann bleibt es noch für einen Moment totenstill, bis der erste zu klatschen beginnt. Prompt brandet ein solcher Begeisterungssturm auf, dass Calait sogar zusammenzuckt, als hätte sie ganz vergessen, wo sie ist und auf jeden Fall nicht mit einer solchen Resonanz gerechnet. Eine Priesterin hat sich auf dem Weg zu der Sängerin gemacht, sie ist an ihrer Kleidung gut zu erkennen und wird schon dafür sorgen, dass Calait nicht von ihrem Publikum überrollt wird.
Olyvar fasst nach Dianthas Hand und schlägt vor nach Haus zu gehen, doch sie lächelt nur zu ihm hoch und flüstert ihm ins Ohr, dass sie einen besseren Ort kennt, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Ohne weitere Verzögerung machen sie sich auf den Weg ein Pferd zu besorgen um einen ganz besonderen Herzbaum im Larisgrün zu suchen. Natürlich wäre es einfacher, es sich in ihrem Schlafgemach bequem zu machen, doch hin und wieder ist der einfache Weg nicht der richtige, manchmal muss man etwas Aufwand und Mühe betreiben. Es hat sich vieles in den letzten Wochen verändert, es wird sich auch noch einiges in der Zukunft verändern, doch eins wird sich nicht ändern: Die Liebe zu ihrem Ehemann wird nicht verfliegen, sie hat sich seit jenem Inarifest vor fünf Jahren, als er um ihre Hand anhielt, nur noch vertieft und verfestigt. Sicherlich, manchmal ärgert Diantha sich über ihn, hin und wieder missverstehen sie sich, doch das ändert nichts daran, dass sie zueinander gehören und ein Leben ohne den anderen unvorstellbar geworden ist. In dieser Gewissheit feiern sie ihr ganz persönliches Inarifest an einem verwunschenen Ort im Larisgrün, werden eins unter dem endlosen Himmelszelt und bewacht von dem Herzbaum mit dem versteckten Gesicht.



Von Grünglanz bis Blätterfall


Für Diantha vergeht die Zeit nach dem Inarifest im Flug, sie ist angefüllt mit dem Auswendiglernen fremder Edelsteinen, mit den Tücken der Buchführung und den vielen kleinen, alltäglichen Problemen eines Schmuck- und Edelsteinhändlers, mit denen sie so nicht gerechnet hätte. Ihr wird immer klarer, dass es nicht nur am Verhandlungsgeschick und der Kalkulation liegt, ob jemand ein erfolgreicher Händler ist, sondern man braucht auch vielfältige Kontakte, besonders bei ihrem Unternehmen: Man sollte die ansässigen Gold- und Silberschmiede am besten beim Vornamen kennen und wissen, wer ein guter Schmucksteinfasser, Graveur und Vergolder ist. Auch jeder Schätzer oder Schätzmeister hat sein Spezialgebiet, das man so genau kennen sollte, wie die Karawanenführer mit ihren kleinen Schwächen und Vorlieben. Die Immerfrosterin hatte sich so viele neue Gesichter und Namen merken müssen, dass ihr der Kopf noch immer ein wenig davon raucht. Leif war ihr dabei eine unfassbare Hilfe gewesen, dem alten Schätzer liegt es fern sie als künftige Konkurrenz anzusehen. Als sie einmal danach fragte, hatte er nur gelacht und ihr erklärt sie hätte zwar Talent, aber nicht so viel, dass sie ihm seine seit Jahrzehnten treuen Kunden abspenstig machen würde, außerdem sei ihr vorrangiges Ziel ja auch nicht als Schätzerin zu arbeiten. Sie hatte ihm zugestimmt und war sehr erleichtert gewesen – es gibt nichts Besseres als unter einem Haufen undurchsichtiger, übertrieben freundlicher neuer Bekanntschaften einen Freund zu wissen, auf den man sich verlassen kann.
Ende Sonnenthron war es dann schließlich soweit gewesen: Diantha hatte an der ersten Prüfung ihres Lebens teilgenommen und in den Wochen und Tagen zuvor die halbe Steinfaust wahnsinnig gemacht. Niemand hatte so recht verstanden, warum sie sich so schrecklich aufgeregt hatte und beinah jedem, der sich länger als eine Minute mit ihr unterhalten hatte, einen dicken Stapel mit Bildern und Beschreibungen von Edelsteinen in die Hand gedrückt, um sie abzufragen. Auch wenn ihr jeder versicherte, dass sie die Prüfung ganz gewiss bestehen würde und doch ohnehin schon alle Eigenschaften, Vorkommen, Preise und magischen Besonderheiten auswendig könne, so war sie doch ein reines Nervenbündel. Wenn man noch nie an einer Prüfung in irgendeiner Form teilgenommen hat, dann neigt man dazu, sich zu unterschätzen und sich einzureden, man sei ohnehin zu schlecht. Bei Diantha kam hinzu, dass ihr so manch einer unterstellte, sie meine es gar nicht ernst mit dem Beruf, sondern mache es zum Zeitvertreib, dementsprechend gut wollte sie auch abschneiden. Da konnte Morna noch so oft sagen, dass diese Prüfung nun auch nicht von allzu überragender Wichtigkeit sei und man sie zur Not auch wiederholen konnte. Nichts davon konnte die Immerfrosterin überzeugen, sie wollte es allen beweisen – am meisten wohl sich selbst, auch wenn sie das nie laut gesagt hätte. Einzig und allein Olyvar konnte zu ihr vordringen und sie dazu bringen, sich wieder ein wenig zu beruhigen, er begleitete sie auch zu dem Prüfungstermin im Gildenhaus und hielt sie davon ab, im letzten Moment doch noch die Flucht zu ergreifen. Dank ihm hatte sie sich ihrer Herausforderung gestellt und war natürlich ohne Probleme und mit nur einem kleinen, verzeihbaren Fehler durch die Prüfung gekommen. Zuhause war sie erwartet worden, Morna und Rhordri waren mit einer Torte vorbeigekommen und sie hatten gefeiert. Zu sehen, wie sehr alle um sie herum sie unterstützen und wertschätzen hatte Diantha beflügelt. Als sie am folgenden Tag Leif davon erzählt hatte, war die Begeisterung allerdings geringer gewesen, er hatte nur mit den Schultern gezuckt und festgestellt, dass er nie an ihrem Bestehen gezweifelt hatte. Im Anschluss hatten sie darüber geredet, wie es mit Dianthas Plan weitergehen solle und er hatte ihr davon abgeraten, sofort einen Laden zu eröffnen. Sie kenne noch zu wenige Leute und habe noch nicht genug Erfahrung beim Ankauf von Edelsteinen gesammelt, doch er wusste, zu wem er sie schicken konnte.

Diantha hatte daraufhin den Beerenreif und den Erntemond damit verbracht, einem alten Freund von Leif, Glyn, bei seiner Buchhaltung und in seinem Laden zu helfen. In Glyns Schmuckladen gibt es zwar nur wenig Schmuck mit Edelsteinen, er vertreibt, was sein Bruder der Goldschmied herstellt. Außerdem betätigt sich Glyn auch als Vergolder, er hat große Freude daran für hübsche adlige Damen Figuren oder Bilderrahmen mit Blattgold zu verzieren. Es war ein guter Vorschlag von Leif ein paar Erfahrungen bei Glyn zu sammeln, denn er ist vollkommen anders als der zuverlässige, zurückhaltende Schätzer: Glyn ist gerne laut, weiß wie man feiert, doch hinter der aufbrausenden, lustigen Persönlichkeit steckt auch ein knallharter Feilscher. Es ist absolut faszinierend, was dieser pausbäckige, lebhafte Mann sich für Geschichten zu den einzelnen Schmuckstücken ausdenkt und was ihm alles einfällt, sie zu preisen. Es ist ein wahres Theaterstück, wenn er einen Kunden gefunden hat, der verhandeln möchte und dem Händler gewachsen ist. Da wird wild gestikuliert, aufeinander eingeredet, gezetert man werde in den Ruin getrieben, die Behauptungen des anderen abgewiegelt oder ins Lächerliche gezogen, geschimpft, geseufzt und schließlich per Handschlag der Kauf besiegelt.
Was aber noch viel bewundernswerter ist, wie gut seine Menschenkenntnis ist: Glyn sieht jedem schon während er die Ladentür auch nur aufmacht an, was er möchte und wie viel er dafür ausgeben kann. Er bringt der Immerfrosterin bei auf Kleinigkeiten zu achten. Nur dass er ein edler Umhang trägt, sagt noch nicht viel über einen Käufer aus, es lohnt sich zu schauen, wie er ihn trägt, wie er auftritt. Ist er sehr vorsichtig damit und fährt immer wieder sacht mit der Hand darüber, dann wurde lange gespart um ihn sich leisten zu können, das heißt dieser Käufer leistet sich zwar Teures und schätzt es, muss dafür aber sparen. Der Einstiegspreis sollte also nicht zu hoch sein, um ihn nicht zu verschrecken und er wird nicht mehr zahlen, als er muss. Sieht der Umhang aus wie neu, aber der Besitzer trägt ihn mit Selbstverständlichkeit und Nachlässigkeit und benutzt ihn vorrangig, um sich in Pose zu stellen, dann spricht viel dafür, dass der Träger zu viel Geld hat, er wird nur schätzen, was viel wert ist, man sollte mit einem hohen Einstiegspreis die Verhandlung beginnen und er zahlt auch mehr, als ein Schmuckstück wert ist. Ein ganz anderer Fall ist der Umhangträger, dessen Umhang einmal sehr wertvoll gewesen sein muss, auch mit Selbstverständlichkeit getragen wird, aber seinen früheren Glanz verloren hat. Das könnte ein verarmter Adliger sein, der vorrangig von seinem Namen lebt und sich darum herumdrücken wollen wird, den ganzen Kaufpreis auf einmal zu bezahlen. Es gibt noch viele andere Varianten und auch nicht jede von Glyns Einschätzungen stimmt hundertprozentig, aber es ist eine hervorragende Übung für Diantha.
Auch bei den Büchern lernt sie viel von Glyn, der tatsächlich seine Abrechnungen alle selber macht, obwohl er sich problemlos einen Buchhalter zulegen könnte. „Sobald man seine Bücher nicht mehr selber führt, gehört einem der eigene Laden nicht mehr“, behauptet er gerne und lacht über seine Konkurrenten. Er lässt es sich auch nicht nehmen Diantha ordentlich für ihre Arbeit zu belohnen und jede Woche einmal versucht er sie davon zu überzeugen, dass sie gar nicht wirklich einen eigenen Laden aufmachen möchte, sondern viel besser dran wäre, bei ihm als Schätzerin und als seine rechte Hand zu arbeiten. Mittlerweile ist es für die beiden zu einem Spiel geworden, Glyn stellt die ganzen Vorteile da, versucht Diantha mit Geldangeboten und kruden Versprechungen zu überzeugen, aber ihr fallen immer genug Gründe ein, um ihn abzuschmettern.

Mitte Erntemond zieht allerdings etwas anderes Dianthas Aufmerksamkeit in Anspruch als Edelsteine oder Schmuck: Bei einem gleichwohl waghalsigen wie auch dämlichen Kunststück zu Pferd stürzten die Zwillinge und verletzten sich, wenn auch nicht allzu schwer. Im Nachhineingesehen hatte Soris wohl über die beiden Kinder gewacht, denn als sie endlich mit der Sprache herausrückten, stellte sich heraus, dass sich versuchten während des Reitens die Pferde zu tauschen. Wie auch immer sie auf die Idee gekommen sein mochten, es hatte dazu geführt, dass für Fianryn mit ihrer geprellten Schulter und für Connavar mit den großflächigen Schürfwunden an seinen Beinen erst einmal keine wilde Reiterei in Aussicht stand. Sie erholten sich rasch von ihren Verletzungen, aber das Donnerwetter, dass ihnen ihr unüberlegtes Verhalten eingebracht hat, wirkt auch Anfang Blätterfall noch nach, als Diantha gerade von Glyns Laden nach Hause kommt. Es ist ein sonniger, aber dennoch kalter Tag, sodass der Händler der Immerfrosterin vorgeschlagen hatte, an dem Nachmittag etwas mit ihren Kindern zu unternehmen und ihrem Ehemann die freudige Neuigkeit zu erzählen, von der sie erfahren hat. Auf dem Rückweg hat Diantha noch Njáll von Morna abgeholt, der davon anfangs nicht allzu begeistert war, sich dann aber doch überreden lassen konnte. Kaum hat sie die Halle betreten, wird sie auch schon von einem begeisterten Hund und zwei übermütigen Siebenjährigen begrüßt. In ein paar Tagen werden sie schon acht!
„Mama, wir wollen ausreiten!“, „Das Wetter ist zu schön um herumzusitzen!“, „Wir passen auch auf jeden Fall auf und machen keine Kunststücke, versprochen!“, reden die beiden wild durcheinander und Diantha hebt abwehrend die Hände.
„Lasst mich erst einmal zuhause ankommen. Habt ihr schon etwas gegessen?“, will sie wissen. Die beiden nicken und brummeln etwas von Kürbissuppe. „Ich habe einen Bärenhunger, das kann ich euch verraten. Außerdem habe ich gute Neuigkeiten, aber die erzähl ich euch dann, wenn Olyvar hier ist.“
Fianryn macht sich auf den Weg ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder etwas von besagter Suppe und frisches Brot zu besorgen und kaum ist sie wieder da, möchte sie natürlich wissen: „Und was ist jetzt mit dem Ausritt?“
Diantha seufzt. „Erst einmal möchte ich in Ruhe essen und dann können wir darüber reden, ob wir nicht zusammen ausreiten sollen.“ Die Begeisterung hält sich in Grenzen, aber lieber mit Anhang ausreiten als gar nicht, als warten die Zwillinge gespannt darauf, dass Mutter und Bruder endlich fertig mit dem Essen werden.

Doch dazu kommt es gar nicht, denn es klopft an der Tür und nach dem „Herein!“ steckt ein Botenjunge seinen Kopf durch die Tür. „Mylady Tarascon, der Lord schickt mich, ich soll fragen, ob Ihr wohl in seinem Solar vorbeischauen könntet. Er könnte Eure…“ Kurz überlegt der Junge, dann versucht er das unbekannte Wort auszusprechen: „… Experise oder so gebrauchen.“ Oha, worum mag es da wohl gehen? Hin und wieder ist in einem so großen Gebäude wie der Steinfaust das Wissen eines Edelsteinschätzers von Nutzen, doch in der Regel ist es nicht sehr dringend. Von daher macht es Diantha natürlich neugierig, worum es hier gehen kann – es verwundert sie hingegen wenig, dass Olyvar weiß, dass sie früher als erwartet wieder in der Steinfaust ist, das hat ihm sicherlich ein Blaumantel mitgeteilt. „Ich mache mich gleich auf den Weg“, antwortet sie dem Jungen, isst rasch ihre Suppe auf und bittet die Zwillinge dafür zu sorgen, dass Njáll aufisst. „Es dauert gewiss nicht lange“, antwortet sie, als die Zwillinge unzufrieden fragen, was denn nun mit dem Ausritt sei. Sie wirft sich noch schnell ihre Jacke über, dann macht sie sich auf den Weg zum Solar. Noch bevor sie die Tür öffnet hört sie, dass Olyvar mit jemandem redet und erkennt die Stimme natürlich sofort. Sie beeilt sich in den Raum zu kommen und verkündet sofort: „Colevar, so schön dich zu sehen! Wie geht es dir?“
The thing with words is that meaning can twist just like a snake.
(Terry Prachett, Lords and Ladies)

Diantha

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3

Wednesday, October 31st 2012, 3:37pm

~Am frühen Abend der Sithechnacht~

Diantha ist allerbester Laune, sie hat überpünktlich das beinah Unglaubliche geschafft: Vor ihr stehen drei frisch gewaschene, wohlriechende Kinder mit frisch gekämmtem Haar und ordentlicher Kleidung. Die Begeisterung von Fianryn, Connavar und Njáll hält sich dafür zwar in Grenzen, doch das ignoriert die Immerfrosterin geflissentlich. Besonders Njáll hat sich während des Badens aufgeführt wie ein zu klein geratenes, verschnupftes Branhorn und bewiesen, dass er seine Stimmbänder offensichtlich von seinem Vater geerbt hat. Meistens ist der Kleine zwar ein wahrer Sonnenschein, aber wenn sich einmal sein Trotzkopf einschaltet, dann ist Hopfen und Malz verloren und es klingt, als würde er in allen neun Höllen gleichzeitig schmoren. „So, jetzt muss ich mich nur noch umziehen und dann sind wir so weit. Hoffentlich kann sich euer Vater auch bald von der Arbeit loseisen und es kommt nicht wieder etwas dazwischen.“ Inari hat gereicht. „Ihr hab den Auftrag dafür zu sorgen, dass weder ihr, noch Njáll dreckig werdet, verstanden?“ Augenrollend nicken die Zwillinge und hocken sich zu ihrem Bruder, der sich noch immer mit ziemlich sauertöpfischer Miene daran macht, einen Korb mit Bauklötzen über den Boden der großen Halle so auszuleeren, dass die Klötze sich möglichst gut verteilen. Mit einem halb belustigten, halb resignierten Seufzen macht sich Diantha auf den Weg sich mit der nächsten Frage zu beschäftigen, nämlich was sie an diesem Abend anziehen soll. Da die Immerfrosterin ein recht praktischer Mensch ist, entschließt sie sich dazu, etwas zu tragen was vor allem bequem ist: Das Resultat besteht aus einer ihrer neuen Hose, einer wunderschönen honigfarbenen Tunika mit zahlreichen Stickereien und ihrem besten Gürtel. Die Schnalle hat sie erst seit Kurzem: In ihrer Mitte befindet sich ein runder Sarafan, umgeben von feinen Verzierungen, die stilisierte Ranken und Blätter darstellen. Dann werden noch rasch die Haare gekämmt und zu einem Zopf geflochten, ein flüchtiger Blick in den Spiegel geworfen und schon ist sie im Begriff wieder das Schlafgemach zu verlassen. Genau in dem Moment öffnet Olyvar in großer Eile die Tür und als sie ihn so sieht, noch mit tropfendem Haar – er muss wohl einen Hochgeschwindigkeitsabstecher zu den Badehäusern gemacht haben – muss sie lachen. Er will sich gerade ein frisches Hemd aus dem Schrank holen, als Diantha beschließt ihn davon abzuhalten und ihm dazu die Arme um den Hals legt, sein Gesicht zu sich herabzieht, damit sie ihn überschwänglich küssen kann und danach atemlos verkündet: „Ich glaube das wird ein großartiger Abend!“
The thing with words is that meaning can twist just like a snake.
(Terry Prachett, Lords and Ladies)

Olyvar

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4

Monday, November 5th 2012, 7:22am

31. Blätterfall 512, am frühen Abend der Sithechnacht


Olyvar, frisch rasiert, aber noch nass und erhitzt von einem kurzen und hastigen, aber effektiven Besuch in den Badehäusern nach zwei schweißtreibenden Stunden mit den neuen Rekruten unten auf den Waffenhöfen, die bald ihren Einheiten zugeteilt werden sollen, hetzt ins Schlafgemach auf der Suche nach passender und vor allem trockener Kleidung für heute Abend, wo sie von Colevar in die Harfe eingeladen wurden, als er dort seiner Frau in die Arme läuft, die es - dem ausgiebigen Kuss nach zu urteilen jedenfalls, mit dem sie ihn empfängt – überhaupt nicht eilig zu haben scheint und das, obwohl sie reichlich spät dran sind. "Hoppla." Er lächelt hintergründig und sieht mit einer fragend erhobenen Braue auf sie hinunter. >Ich glaube das wird ein großartiger Abend!< "Aye, wenn du so weitermachst auf jeden Fall, aber dann wird nichts aus dem Essen und die Kinder werden uns hassen, weil wir sie um ihr Apfel oder Streich gebracht haben." Sie lässt ihn los und er angelt nach einem frischen Hemd aus dem Schrank, während er mit dem anderen Arm schon aus dem alten schlüpft. Er hatte sich in den Badehäusern nur schnell die alten Sachen übergeworfen, um nicht splitterfasernackt und nur mit einem Tuch um die Hüften über die eisigen Zwinger in den Bergfried zurückeilen zu müssen und ist froh, aus den stinkenden, verschwitzen Sachen zu kommen. "Ach, übrigens Kinder... wem gehören die, die unten in der Halle stehen? Meine können es nicht sein, sie sind zu sauber." Und sie machen alle drei Gesichter wie sieben Tage Regenwetter... Diantha versichert ihm grinsend, das wären sehr wohl seine, so sähen sie nämlich unter dem ganzen Dreck aus, den sie sonst immer mit sich herumschleppen würden und er lächelt. "Ah ja?" Er versteht zwar beim besten Willen nicht, warum sie sich die Mühe überhaupt gemacht hat, schließlich würden sie sich gleich alle drei Ruß ins Gesicht schmieren und sich gegenseitig möglichst furchterregende Grimassen aufmalen, um am Sithechabend am Marktplatz mit den anderen von Haus zu Haus und Stand zu Stand zu ziehen, um nach Naschereien und Äpfeln zu heischen (oder fürchterliche Kinderstreiche anzudrohen, falls man sie nicht mit Süßem besänftige, wie böse Geister das nun einmal zu tun pflegen), aber er wird sich hüten, auch nur ein Sterbenswörtchen deswegen zu sagen. "Mein Haar muss noch ein bisschen trockener werden," murmelt er, als ihm der erste kalte Tropfen aus den nassen, langen Strähnen in den Nacken rinnt und reibt es so gut es geht mit einem ledernen Tuch trocken, während er seine Stiefel, einen Gürtel, die Geldkatze und die langen Messer zusammensucht. "Was waren das eigentlich für Neuigkeiten, die du mir angekündigt und noch nicht erzählt hast?" Sie hatte da etwas verlauten lassen, aber dann war er mit Cedric nach Brioca aufgebrochen, um Bryja nach Hause zu holen und sie hatten noch nicht darüber gesprochen. "Und ich glaube, ich habe auch welche für dich, aber das wird sich heute Abend zeigen. Also, erzähl mal, was hat sich getan an der Frontlinie der Schlacht um den Edelsteinhandel?"
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Diantha

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Thursday, November 8th 2012, 5:02pm

Olyvar wirkt angenehm überrascht, als er so liebevoll empfangen wird und stimmt ihr zu, dass es ein guter Abend werden würde, sofern sie ihn denn wieder losließe. Diantha tut ihm den Gefallen, damit ihr Mann sich anziehen kann und scherzt mit ihm währenddessen über die sauberen Kinder. Vielleicht ist es manch einem unverständlich, dass sie saubere Kinder haben will, wenn diese doch als Geister verkleidet um die Häuser ziehen – doch für Diantha ist klar: Nur weil die drei gruselig aussehen werden, müssen sie nicht auch so riechen! Olyvar kennt sie gut genug, um diese Frage gar nicht erst zu stellen und so stellt er fest, dass sein Haar noch ein wenig Zeit zum Trocknen brauch. „Ich glaube nicht, dass Colevar und Calait uns so schrecklich vermissen werden.“ Dass die beiden sich gut verstehen und viel Spaß miteinander haben weiß schließlich jeder, der Augen im Kopf hat. Als Olyvar schließlich alles beisammen hat, was er braucht fragt er Diantha nach den Neuigkeiten, die sie ihm schon länger erzählen wollte. >„ Also, erzähl mal, was hat sich getan an der Frontlinie der Schlacht um den Edelsteinhandel?"< Warum nicht jetzt?, denkt sie bei sich. „Nur einen Moment“; bittet sie, dann öffnet sie die Tür zum Schlafgemach und ruft zu den Kindern runter, dass sie anfangen können sich ihre Geistergesichter aufzumalen, sie habe Ruß in einer Schale auf eine Kommode in der großen Halle gestellt. Dann zieht sie Olyvar zu einer der tiefen Fensternischen, auf denen man angenehm sitzen kann. „In Ordnung, wo fang ich am besten an…“, versucht Diantha ihre durcheinander geratenden Gedanken zu ordnen, dann entscheidet sie sich für ihren großen Erfolg: „Colevars Elimarine wurden mir förmlich aus den Händen gerissen und ich konnte sie für einen hervorragenden Preis verkaufen. Ich wurde diese Woche auch schon dreimal gefragt, wann denn der Nachschub käme, deshalb muss ich ihn unbedingt nachher danach fragen.“ Ich geh mal davon aus nächstes Frühjahr, aber wer weiß…
Diantha zögert kurz, schaut ihren Mann an, der ihr aufmerksam zuhört und verkündet: „Aber die noch spannendere Nachricht ist, dass ich einen Laden in Aussicht habe! Es ist der Laden eines alten Edelsteinschleifers, Uisdean Ceallaigh, vielleicht hast du den Namen mal gehört…“ Angeblich ist Uisdean in Talyra ein ziemliches Urgestein, aber ob Olyvar schon einmal von ihm gehört hat, weiß sie nicht. Für sie war der Namen jedenfalls bis vor kurzem noch kein Begriff. „Jedenfalls ist Uisdean schon länger nicht mehr bei guter Gesundheit und seine Frau hat ihm ein Ultimatum gestellt: Entweder hört er bis zum Jahresende auf zu arbeiten oder sie verlässt ihn. Seitdem hat er versucht seine beiden Söhne zu überreden den Laden zu übernehmen, aber keiner von beiden hat Interesse daran. Der Ältere hat erst vor zwei Jahren selbst ein Geschäft in Wegesend eröffnet und der Jüngere heiratet im Frühjahr in eine Händlerfamilie in Dartanjan ein. Und jetzt ist Uisdean auf der Suche nach jemandem, der sein Geschäft zuverlässig weiterführen würde.“ Und wie auch immer hat Glyn das sofort mitbekommen – offensichtlich will er mir wirklich helfen. „Die Lage des Ladens ist hervorragend, im Norden des Marktplatzes, es kommen immer viele Leute daran vorbei und er ist auch recht groß. Allerdings ist er nicht mehr in besonders gutem Zustand, Uisdean hat in den letzten Jahren kaum noch etwas reparieren lassen und wollte keine fremden Handwerker dort haben. Es ist noch nichts in trockenen Tüchern, wir haben auch etwas verschiedene Vorstellungen, aber es sieht ganz gut aus und ich dachte, du solltest das wissen.“ Schon während sie es sagt klingt der Teil mit den Vorstellungen etwas schwammig, also setzt sie rasch noch hinterher: „Uisdean hätte es gerne, wenn also so bliebe, wie es schon immer war. Ich bin aber nun mal keine Edelsteinschleiferin und würde mehr als geschliffene Edelsteine verkaufen wollen, außerdem ist der ganze Laden meiner Ansicht nach altmodisch und etwas heruntergekommen. Glyn hat mir aber versichert, dass er zwar ein knurriger Knochen ist, mich aber eindeutig mag, sonst hätte er gar nicht mit mir gesprochen. Außerdem hat Uisdean selbst gesagt, den Laden endgültig zu schließen wäre für ihn ein absoluter Weltuntergang. Nächste Woche gehe ich noch einmal zu ihm, er wollte in Ruhe über die ganze Sache nachdenken.“ Aufgeregt schaut sie Olyvar an: „Was denkst du davon?“
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Olyvar

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Monday, November 12th 2012, 5:38pm

Als sie von ihm zurücktritt, um ihm nicht im Weg zu stehen, während er seine Sachen zusammensucht, bemerkt sie flüchtig, Colevar und Calait würden sie nicht sehr vermissen und der amüsierte Unterton in ihrer Stimme lässt Olyvar aufhorchen. "Glaubst du ernsthaft, dass sie miteinander ins Bett steigen?" Er schnaubt belustigt. Es ist allgemein bekannt, wo Colevar wohnt, seit er wieder in der Stadt ist und Olyvar hatte genau gesehen, wen Calait mit ihrem Gesang am Inarifest heraufbeschworen hatte, was die Spatzen natürlich so einiges von den Dächern flöten lässt, trotzdem... Nein, er schüttelt den Kopf. "Ich nicht." Er kennt Calait nicht sonderlich gut, aber nach allem, was er von ihr weiß und gesehen hat, tändelt sie nur zu gern. Aber er kennt Colevar, sowohl den Mann, der er einmal war, als auch den, der er jetzt ist. Aye, und er ist vieles, aber kein harmloser Kirschenpflücker, den sich eine Frau nur zum Zeitvertreib in ihren Garten holt, nicht einmal eine wie Calait. Olyvar hängt das lederne Tuch über einen der Bettpfosten und schnallt den Gürtel mit den beiden Langmessern um. Nein, vermutlich fällt er gleich den ganzen Baum. > Nur einen Moment... < Sie ruft den Kindern in der Halle unten zu, sie könnten sich jetzt alle in Rußgeister verwandeln und führt ihn dann zu einem der tiefgesetzten, bleigefassten Fenster. >Colevars Elimarine wurden mir förmlich aus den Händen gerissen und ich konnte sie für einen hervorragenden Preis verkaufen. Ich wurde diese Woche auch schon dreimal gefragt, wann denn der Nachschub käme, deshalb muss ich ihn unbedingt nachher danach fragen.< "Hat er nicht gesagt, sie hätten eine ganze Lagerstätte oder Mine entdeckt? Dann werden sie sie auch abbauen, oder nicht? Vielleicht fragst du ihn am besten, an wen genau in Lyness du dich wegen der Steine wenden musst, wenn er... " Olyvar zuckt mit den Schultern. "Du weißt schon... auf seinen alten Freund, den Frostweg, zurückkehrt." Sie nickt gedankenverloren und Olyvar ist schon versucht, aus reiner Neugier zu fragen, wie viel genau denn ein "hervorragender Preis" ist, wenn es um Elimarine geht, als ihm etwas einfällt. Aber noch bevor er sie fragen kann, ob sie etwa ganz allein ausgezogen war, die Steine zu verkaufen und allein mit einem Solchen Haufen Geld in der Börse durch die Stadt gelaufen war, ob sie Colevar das Gold für die Steine heute Abend etwa schon übergeben will und wie sie sich solche Geschäfte in Zukunft vorstellt, spricht Diantha schon weiter und erzählt ihm von den Räumen, die sie in Aussicht hat. Der Name des Edelsteinschleifers sagt Olyvar auf Anhieb nichts, aber er bewegt sich für gewöhnlich auch nicht in Schmuckhändlerkreisen – noch wäre er ein so guter Kunde, was Edelsteine angeht, als dass ihm die talyrischen Größen in diesem Bereich ein Begriff sein müssten. Allerdings weiß er, wen sie meinen muss, als sie die Lage von Uisdeans Edelsteinschleiferei beschreibt. "Aye. Der komische alte Kauz. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich erinnere mich, dass er vor Jahren einmal... Schwierigkeiten hatte."

>Außerdem hat Uisdean selbst gesagt, den Laden endgültig zu schließen wäre für ihn ein absoluter Weltuntergang. Nächste Woche gehe ich noch einmal zu ihm, er wollte in Ruhe über die ganze Sache nachdenken. Was denkst du?< "Klingt nach einer Möglichkeit. Und eine bessere Lage kannst du dir kaum wünschen." Dreistimmiges Geschrei aus der Halle und wildes Kreischen verraten, dass die "Geister" sie erwarten und sein Haar ist auch trocken, also bindet er es im Nacken zusammen, schnappt sich den Schwertgurt und den pelzgefütterten Umhang, und sie verlassen ihr Schlafgemach, nur um von drei wildgewordenen Schwärzlingen in Empfang genommen zu werden, die sie unter Johlen und Zischen aus dem Westflügel treiben, ein jeder von ihnen bewaffnet mit einem groooßen Korb, der sich hoffentlich bald mit Zuckerwerk und Äpfeln, Nüssen, kandierten Früchten und süßem Gebäck füllen wird. "Ihr seht wahrhaft furchterregend aus... nein, a chuisle, schmier deine Rußnase nicht an meinen Umhang, geh mit deiner Schwester. Fian, pass auf, dass er nicht verloren geht, aye?" "Wir hüten ihn wie unsere Augäpfel, Da!" Wird ihm augenrollend versichert und die Zwillinge nehmen Njáll in ihre Mitte. Olyvar pfeift nach Koira und so verlassen sie den Bergfried der Steinfaust, überqueren den Inneren Zwinger der Festung, wandern an hell lodernden Nachtfeuerkörben vorbei, die gegen die Dunkelheit, den Nebel und die Kälte anbrennen, grüßen im Vorübergehen andere Blaumäntel und Heerscharen kreischender Botenkinder, die ebenfalls ausziehen, um in der Stadt nach Süßem zu heischen oder Streiche anzudrohen, falls sie leer ausgehen und verlassen die Steinfaust in Richtung Harfe. "Ich denke vor allem," nimmt Olyvar ihr Gespräch wieder auf. "Dass du bald Leibwächter brauchst. Wachen. Zuverlässige Männer oder Frauen, die dein Geschäft beschützen. Die dich beschützen... und deine Ware. Schon mal darüber nachgedacht?" So wie er sie kennt, hat sie all die Konsequenzen, die sich in Zukunft ergeben könnten – nicht nur aus ihren Geschäften, auch aus der Tatsache, dass sie nun einmal die Frau des Lord Commanders ist - noch gar nicht bedacht. "Edelsteine sind kostbare Waren. Du wirst sehr viel Gold und Silber zur Verfügung haben müssen, um deine Geschäfte zu tätigen. Und du wirst sehr viel Geld mit dir herumtragen, wenn du etwas... verkaufst, aye? Dass du im Edelsteingeschäft tätig sein wirst, weiß inzwischen die ganze Stadt. Gut für dich, natürlich, denn das bringt dir Kunden. Aber was ist mit jenen, die keine gesetzestreuen, aufrechten Bürger sind?"
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Olyvar

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Saturday, May 10th 2014, 8:58pm

<- Die heißen Quellen im Larisgrün

Irgendwann im Taumond 514

Vom alles andere als zweisamen Stelldichein mit Atevora zurück im Westflügel – samt Riss im Gefüge der Wirklichkeit, hellem Lichtschimmer, funkelndem Farbspektakel und einem zornentbrannt vor sich hin keifenden Pumquat, der in einem fort schimpft, die habe sie ja wohl nicht mehr alle am Sträußchen, er zitiere sie vor den hohen magischen Rat, Olyvar sei viel zu sanftmütig und zu geduldig, wie lange er sich das eigentlich noch gefallen lassen wolle und so weiter und so fort – wird der Lord Commander der Steinfaust bereits von Brenainn erwartet, der, kaum hat Olyvar Pumquat auf seiner linken Schulter um Schweigen gebeten, im Stechschritt neben ihm hereilt und dabei einen Rattenschwanz von Nachrichten los wird: die Kämmerer haben für die alljährliche, anstehende Inventur alles vorbereitet, fünfundzwanzig neue Rekruten warten darauf, im Sturmwind ihren Eid abzulegen, sieben für die Indigogarde, fünf zu den Kämmerern, Stallburschen und für die Küche, drei zu den Bogenschützen, fünf zur Maulwurfsgarde, zwei zu den Spähern, drei zur schweren Reiterei, Maester Ballabar gehe es wieder besser, der uralte Heilkundige sei heute Morgen sogar aufgestanden und habe sich von seinem Gehilfen ein wenig herumführen lassen, aus Rhayader war ein Rabe eingetroffen, leider schlechte Nachrichten, Rhordri habe den Stadtrat bereits informiert, wieder ein Überfall aus dem Nichts auf eine kleine Handelsgesellschaft, fünf Kaufleute aus Draingarad und dem Verdland tot – erschlagen -, die Wagen geplündert, kaum Spuren, keine Zeugen, Xacbeart Rífbardán bittet erneut um mehr Männer (was Olyvar mit einem verärgerten Schnauben quittiert, schließlich hat er ihm im Winter erst zwei Trupps geschickt), Feorna war hier gewesen - seine ehemalige Kindermagd erwartet inzwischen ihr viertes Kind, fühlt sich offenbar pudelwohl und steckt voller Tatendrang – und hat einen Korb mit duftendem Gebäck vorbeigebracht, von dem Brenainn, ritterlich wie er ist, immerhin nur die Hälfte allein verdrückt hat, während Conn, Fianryn und Niall sich der anderen Hälfte angenommen hatten. Aber er (Brenainn) habe ihm (Olyvar) heldenhaft und unter Aufbietung all seiner Kräfte immerhin eine ganze (!) Quarkschnecke gerettet. Fragliches Gebäckteil wird ihm daraufhin auch prompt unter die Nase gehalten, allerdings ist es ziemlich zerkrümelt und obendrein großzügig mit Hundehaaren garniert, schließlich hatte er Koira bei den Kindern gelassen, ehe er in… nun ja, in die Schlangengrube marschiert war.

Pumquat brodelt deswegen noch immer vor sich hin, doch Olyvar hat weder Zeit noch Lust, sich auch nur einen Herzschlag länger als unbedingt notwendig über die Magierin zu ärgern, das ist es ihm wirklich nicht wert. Er setzt Pumquat also ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren auf Brenainns Schulter ab und schließt beiden mit einem knappen, unfrohen Lächeln die Tür zu seinem Schlafgemach vor der Nase zu. Wenn er in sein Inneres lauscht, ist dort erstaunlich wenig Verärgerung, eher eine Art… Resignation. Und eine leise, belustigte Stimme, die flüstert: Ich hab's dir doch gesagt! Olyvar tauscht Jäger- mit Lord Commander-Kleidung, verstaut das Amulett, das er unter dem Hemd getragen hat, wieder an seinem Platz in der silberbeschlagenen Schatulle und kehrt zu seinem halb neugierigen, halb besorgten Knappen und dem grummelnden Koboldmagier zurück. Brenainn ist offensichtlich von Pumquat ins Bild gesetzt worden, denn Borgils Sohn sieht ihn ein wenig zweifelnd und ganz bekümmert an. "Was habt Ihr… äh… ich meine, was wollt Ihr jetzt tun, M'lord?"
"Was man so tut, wenn man auf einer breiten, leeren Straße in den einzigen Scheißehaufen tritt. Lass uns gehen, Pumquat. Wir müssen heute noch einiges andere erledigen, aye?"
"Aye, M'lord. Wohin zuerst?"
"Zu Karamaneh, sie muss wissen, was heute besprochen wurde und was sie erwartet. Dann zu Borgil, er muss einiges für mich in Erfahrung bringen. Anschließend zu Rayyan in den Branturm, wie ich gehört habe, ist er wieder auf den Beinen – er bringt mich um, wenn ich ihn zu so etwas nicht mitnehme. Und du Brenainn, ruf mir Dúma, Balain und Gu leòr zur Stunde des Lohns in meinem Solar zusammen, sie müssen etwas für mich auskundschaften. Und wenn meine Frau zurück ist, richte ihr aus, ich bin zum Abendmahl hier und erkläre ihr dann alles, aye? Soll ich deinem Da vielleicht irgendetwas ausrichten?"
"M'lord, bitte, bitte sagt meinem Da nichts von… Ihr wisst schon. Und meiner Mutter auch nicht!"
"Keine Sorge, Kleiner. Ich schweige wie ein Grab."


->Der Felsenkessel
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Diantha

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Saturday, August 16th 2014, 12:04am

~ Am ersten Tag des Sommerfestes~


Mit langsamen, sanften Strichen fährt die Bürste durch Unmengen feinen Haars, obwohl schon längst kein einziger Knoten mehr zu finden ist. Fianryn hat schönes Haar, in sanften Wellen fällt es hellbraun mit einem leichten roten Schimmer ein ganzes Stück über ihre Schultern. Auch wenn Diantha früher nie damit gerechnet hätte, so macht es ihr jetzt doch überraschend viel Spaß mit ihrer Tochter solch mädchenhafte Dinge zu tun, auch wenn sie nach wie vor nicht besonders gut darin ist. Ihr ist durchaus bewusst, dass wenn Fianryn einen komplizierten, verschlungenen Zopf hätte haben wollen, sie zu Morna gegangen wäre, doch das ist sie nicht. Also flicht Diantha ihr mit höchster Konzentration und größter Anstrengung einen einfachen Fischgrätenzopf und betrachtet im Anschluss ihr Werk. Perfekt ist was anderes, aber als Fianryn sich im Spiegel betrachtet, wirkt sie ganz zufrieden damit. „Kannst du auch noch ein paar Blüten feststecken?“, möchte sie von ihrer Mutter wissen, die nickt. Woher auch immer hat Fianryn ein paar hübsche Lilienblüten aufgetrieben, von denen ihr Diantha eine am Ansatz des Zopfes mit einigen Haarnadeln befestigt. „Jetzt lass dich mal anschauen!“, fordert sie dann Fianryn auf, die sich natürlich nicht zweimal bitten lässt und sich langsam vor ihrer Mutter in der Mitte ihres Zimmers im Kreis dreht. Von Morna hat sie zum Sommerfest ein wunderhübsches dunkelgrünes Sommerkleid genäht bekommen, das von der schmalen Taille in einem Tellerrock bis über die Knie fällt. An dem Rocksaum, dem Ärmelsaum und den schmalen Trägern sind silbern-grüne Zierborten angebracht, auf denen stilisierte Kornblumen abgebildet sind. Noch sieht das Mädchen aus wie ein Kind, doch je mehr sie in letzter Zeit wächst, desto mehr lässt sich erahnen, was für eine Schönheit sie wohl mal werden wird. Das zunehmende Alter lässt sich auch an Dingen bemerken wie eben dem Wunsch, dass Fianryn sich mit Diantha für das Fest einkleiden wollte und Connavar mit seinem Vater, Brenainn natürlich im Schlepptau. Dem Männerbund hatte sich ohne groß zu überlegen auch Njáll angeschlossen, vermutlich in Hoffnung auf eine Piratengeschichte, wie er sie im Moment so liebt.

„Wunderschön“, stellt die Immerfrosterin fest, als sie ihre Tochter betrachtet und von ihrem kleinen Bruder erntet sie sogar einen kurzen Applaus. Das Mädchen lacht und scheint dann kurz gedankenverloren in den Spiegel zu schauen, als Diantha das kleine Döschen hervorzieht, sie das sie verborgen gehalten hat, hinter das Mädchen tritt und ihr eine zarte Silberkette mit einem Tropfenanhänger aus Bergkristall umhängt. Es ist kein wertvolles Schmuckstück, sodass es kein Untergang wäre, wenn Fianryn es verliert, doch das Mädchen ist begeistert. „Für mich? Danke!“ Strahlend betrachtet sie sich, die Kette und ihr Kleid im Spiegel und ihr Strahlen ist das pure Glück. Auch wenn Fianryn im Alltag nicht allzu oft Kleider oder Röcke trägt, so scheint sie sich darin trotzdem immer wohlzufühlen, etwas das Diantha nur schwer nachvollziehen kann. Sie selbst wird zu diesem Fest kein Kleid tragen, auch wenn sie weiß, dass Azra vermutlich enttäuscht sein wird. Stattdessen hat sie eine angenehm leichte Hose aus hellem Stoff und ein elegantes Oberteil gewählt, welches vorne bis zur Mitte des Oberschenkels, auf der Rückseite der Beine jedoch bis zu den Kniekehlen. An sich ist das Oberteil schlicht und fällt elegant, Dianthas schmale Statur betonend, doch am Dekolleté findet sich eine breite Borte, die wie eine Kette an den Seiten schmaler zuläuft und über und über mit zarten Stickereien und einigen kleinen Kristallen bestickt ist. Die Immerfrosterin hatte es nach einem Geschäftstermin mit einem südländischen Händler in der Nymzemia gesehen und war sofort begeistert gewesen – natürlich auch über die Aussicht bei einem festlichen Anlass angemessen gekleidet zu sein ohne über Rockbahnen zu stolpern. „Sind wir dann so weit?“, fragt Diantha liebevoll und Fianryn nickt. „Dann lass uns mal sehen ob die Herren auch fertig sind.“
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Karamaneh

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Thursday, February 11th 2016, 2:30am

{Mitte Silberweiß 516}
Zwei Schwestern
Auftakt

Die Stunde des Marktes ist schon halb vergangen, als Karamaneh die Steinfaust erreicht. Die Männer, die am Tor Wache haben, kennen sie und erkundigen sich höflich, was sie zu dieser Stunde in die Feste führt. Der Grund ist schnell genannt und die zwei Blaumäntel winken sogleich einen vorüberhuschenden Botenjungen heran, der die Malankari zum Westflügel geleiten soll. Mit ein paar freundlichen Gesten bedankt sich Karamaneh und folgt dem Kind. Der für einen Augenblick leicht entrückt dreinschauenden Blicke, mit denen ihr die beiden Männer noch eine unerhörlich lange Sekunde (oder auch zwei) hinterherschauen, ist sie sich dabei nicht bewusst.

Der Weg, den der Junge die Malankari entlang führt, ist ihr zwar nicht unbekannt, doch Karamaneh ist so sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, dass sie ihn kaum wahr nimmt und nicht ein einziges Mal nach links noch nach rechts schaut. Erst als sie am Solar des Lord Commanders vorüberkommen schaut sie kurz durch die schmalen Bogenfenster des Ganges hinaus auf den Inneren Zwinger. Der Botenjunge betätigt geschäftig den schlanken Anklopfer, der in Form eines stilisierten Blattes auf der mit eisenbeschlagenen Steineichentür befestigt ist, die zu den Privatgemächern des Lord Commanders führen und die Malankari wartet geduldig darauf das der Junge hineingerufen wird.

Lange muss sie nicht warten, die Antwort auf das Pochen folgt kaum fünf Herzschläge später, und der Botenjunge schlüpft hastig durch die Tür. Durch die schwere Tür vermag Karamaneh keinerlei Stimmen auszumachen, nur vages Gemurmel. Als die Tür unerwartet wieder aufschwingt zuckt sie daher leicht zusammen, noch immer zu sehr von ihren eigenen Gedanken abgelenkt, um auf die leisesten Geräusche um sich her zu achten. “Der Lord Commander erwartet Euch, M'lady”, nuschelt der Botenjunge, als er wieder zu Karamaneh in den Gang hinausgetreten ist und die Malankari nickt ihm dankend zu. Wortlos tritt sie an dem Jungen vorbei durch die noch offen stehende Tür und in die kleine Vorhalle dahinter. Alles ist ruhig und friedlich. Diantha Tarascon geht vermutlich ihren Geschäften in der Stadt nach und der Uhrzeit nach zu urteilen dürften die Kinder in der Tempelschule weilen.

Karamaneh löst langsam die Schließen ihres schweren Pelzmantel, um diesen von den schlanken Schultern zu streifen und auf einem der eigens dafür vorgesehenen Haken an der Wand zu platzieren, als sie von einem Geräusch an der gegenüberliegenden Tür, welche in eine breite Säulenhalle mit hohem Dachgebälk führt, abgelenkt wird. Eine Bewegung und ein Schatten, gefolgt von einer hochgewachsenen Gestalt, verraten rasch, weshalb das Klopfen des kleinen Botenjungen kurz zuvor so rasch beantwortet wurde. Höflich und lächelnd wie stets hebt Karamaneh die Hand zu einer eleganten Geste des Grußes und neigt leicht den Kopf.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

Olyvar

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Thursday, February 11th 2016, 3:42pm

Verdauungsschwierigkeiten

Mitte Silberweiß

Olyvar ist mehr als erstaunt, ausgerechnet Karamaneh als Besucherin gemeldet zu bekommen und schickt den Botenjungen postwendend zu ihr zurück, sie hereinzubitten. Sie hatten sich im vergangenen Zwölfmond zwar hin und wieder gesehen, wenn er mit Brenainn den Baum am Smaragdstrand besucht hatte, damit der Junge seine Geschwister und Ziehgeschwister sehen und ein wenig Zeit mit ihnen hatte verbringen können, aber er kann sich nicht erinnern, bei diesen seltenen Gelegenheiten mehr als ein halbes Dutzend Worte und vielleicht doppelt so viele Gesten mit ihr gewechselt zu haben. Auch der Unterricht in ihrer wortlosen Zeichensprache war dank der umwälzenden Ereignisse der letzten Monde und Jahre einfach nicht weitergeführt worden. Laut Niniane war Karamaneh im letzten Dreivierteljahr wohl immer stiller geworden und hatte sich sehr in sich zurückgezogen – und wer hatte es ihr verdenken wollen? Nach allem, was sie erlebt hatte auch noch einen Teil der Familie zu verlieren, die sie und Missandei aufgenommen und ihnen ein Zuhause gegeben hatte, hätte wohl jeden den Boden unter den Füßen verlieren lassen. Olyvar ist sich auch nicht so sicher, ob sie ihn schon vollkommen wiedergefunden hat, nun, da Azra zurück ist und das Leben in der Harfe allmählich wieder seinen gewohnten Gang geht… er hat sie ja erlebt in jener Nacht, als Calait und Colevar zurückgekehrt waren und ihnen allen diese haarsträubende Geschichte erzählt hatten. Karamaneh hatte kein Wort gesprochen und kaum eine Geste oder einen Blick mit irgendjemandem außer Niniane, Borgil und Azra gewechselt. Und ohne etwas davon zu ahnen, ergeht es ihm nicht viel anders als ihr noch vor kurzem… auch er braucht vermutlich noch eine ganze Weile, ehe er die Geschichten, die er im Langschnee in der Harfe zu hören bekam und all die mysteriösen Dinge, die sie offenbart hatten, auch tatsächlich verdaut hat. Wenn ihm das je gelingen sollte, denn offenbar ist er der Einzige, der diesem ganzen Prophezeiungshumbug mit Misstrauen begegnet… oder, wenn er ehrlich ist, ihn für ausgemachten Schwachsinn hält. Er ist ja bereit zuzugestehen, dass einige Tempel tatsächlich Orakel besitzen und er würde keinem Priester die Macht der Drachenkarten absprechen, aber das? Die Alte von Arrassigué war ganz sicher eine Scharlatanin und im Weissagen auch nicht besser als Madame Lasairiona mit ihren gezinkten Tarotkarten im Hafen… Und doch sitzt du hier und wühlst dich durch… einerlei.

Mit einem Lächeln erwidert er ihren stummen Gruß – diese Geste war die erste, die sie ihm damals beigebracht hat, aber er benutzt auch Worte. "Fàilte, Karamaneh, bitte… kommt herein." Dann führt Olyvar sie in die kleine Halle, den Hauptraum des Westflügels. Im gesamten hinteren Teil des hohen, rechteckigen Raumes, vor allem auf dem langen Tisch vor dem Kamin, in dem gegen die feuchte Silberweißkälte draußen ein Feuer prasselt, sieht es aus, als sei gerade eben eine Schar aufgeregter Skriptore und Gelehrter hindurchgefegt, und habe alle Schriftrollen und Pergamente, Papyrusbündel, ledergebundenen Bücher, Tierhäute und sonstiges Geschriebene in wilder Hast fallenlassen, nur um auf dem Rückweg gleich noch einmal vorbeizukommen und alles erneut durcheinanderzuwirbeln: hier stapeln sich dicke, ledergebundene Folianten, dort sind mehrere Pergamente neben- und übereinander ausgerollt, Schriftrollen und ihre Behälter, überzogen von dicken Staubschichten, türmen sich am einen Ende des Tisches, während am anderen mehrere eisenbeschlagene Truhen mit geöffneten Deckeln ihren Inhalt offenbaren, der aus mit kostbaren Steinen, Silber und Goldintarsien geschmückten Büchern besteht, von denen die meisten aussehen, als wären sie so schwer wie ein guter Amboss (und vermutlich sind sie das auch)… und in den vier Kisten auf dem Boden, in sicherer Entfernung vom Feuer, damit kein Funke sie erreichen kann, sind die losen Seiten, die aus ihren Büchern herausgefallen waren. Eines ist sicher, irgendein Buchbinder der Stadt verdient sich in den nächsten Wochen eine goldene Nase… Inmitten des ganzen Durcheinanders thront Katze auf einem staubigen Pergamentstapel wie ein unbeteiligter Zeuge im Auge des Sturms und mustert missbilligend diese unschöne Veränderung in ihrem sonst eher aufgeräumten Zuhause. "Entschuldigt das Chaos… ich durchforste in Ninianes Auftrag die Archive der Steinfaust nach Hinweisen auf Bücher der Prophezeiungen."

Olyvar ist müde und sein Nacken schmerzt vom vielen Sitzen und der gebeugten Haltung über uralten Schriften - er hatte sich die halbe Nacht mit den Aufzeichnungen Kastellan Riwals von Ffestiniog um die Ohren geschlagen, der irgendwann im zweiten Jahrhundert des Fünften Zeitalters als Schreiber dem damaligen Lord Commander der Stadtgarde Aleister Coinmagil gedient hatte. Für jeden Tag der siebenjährigen Dienstzeit des einstigen Lord Commanders gab es eine Seite, und jeder Eintrag begann offensichtlich mit den Worten: 'Lord Alester Coinmagil erhob sich im Morgengrauen und entleerte seinen Darm auf dem Abort' – außer dem letzten, der lautete: 'Lord Aleister Coinmagil war, wie es sich erwies, im Lauf der Nacht verschieden.' "Bitte setzt Euch", er weist auf einen freien Stuhl vor dem Kamin, "und sagt mir, was Euch zu mir führt."
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Wednesday, February 17th 2016, 5:22pm

{Mitte Silberweiß 516}
Der leere Käfig
Kleine Vögel

Wortlos nimmt Karamaneh das Durcheinander aus Pergamentrollen und Folianten, Schriftrollen und losen Blattsammlungen, schweren, in festes Leder gebundenen Büchern und gegärbten Tierhäuten zur Kenntnis. Sie nickt nur bedächtig, als der Lord Commander das herrschende Chaos entschuldigt. Es gelingt es ihr sogar das sanfte Lächeln zu wahren, welches stets auf ihren Lippen ruht als Olyvar sie mit seinen Worten daran erinnert, was Calait und Colevar zu berichten hatten. Was sie von alldem hält, was die beiden ihnen erzählt hatten, vermag sie bis heute nicht genau zu sagen. Scharlatane, die sich mit falschen Weissagungen eine goldene Nase verdienen, gibt es zu Hauf. Die reichen, gelangweilten Damen von Culuthux ziehen sie immer wieder gerne zu Rate, um sich die Zeit zu vertreiben. Anderswo geht es sicher ähnlich zu. Aber als Kind Ealaras zweifelt Karamaneh nicht einen Moment lang an der Macht und Weisheit der Druiden und Schamanen... und der der Ahnen.

Im Vorbeigehen streicht sie Katze gedankenverloren über das rauchgraue Fell und lässt sich auf dem dargebotenen freien Stuhl vor dem Kamin nieder. Der Lord Commander wirkt müde und sitchlich erschöpft, geradeso als habe er die ganze Nacht in Gesellschaft all der staubigen Papiere und Schriften verbracht, die sie nun umgeben. Sogleich bekommt die Malankari ein schlechtes Gewissen, weil sie Olyvar nun auch noch mit ihren eigenen Sorgen belässtigt. "Ich brauche Euren Rat", beantwortet sie seine Frage daher zögernd, ja fast schon entschuldigend, und verfällt für einen Moment wieder in Schweigen. Tonlos erklärt sie schließlich: "Ich habe Nachricht aus Azurien erhalten." Borgils Vögelchen flattern erst seit kurzem wieder zuverlässig. Wäre Azra nicht verschwunden, hätten sie womöglich schon viel eher Kunde aus Culuthux gebracht, aber wer vermag das jetzt noch mit Gewissheit zu sagen? Und es spielt ohnehin keine Rolle. Was geschehen ist, ist nun einmal geschehen. Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern, die Zukunft vielleicht schon... wenn Karamaneh schnell handelt.

"Meine Schwester...", setzt sie an, doch die nächsten Worte bleiben der Malankari im Halse stecken. Stattdessen zieht sie das unscheinbare Pergament, welches ihr seit der Nacht des Jahreswechsels schlaflose, tränenreiche Nächte beschehrt, zwischen den Falten ihres Gewandes hervor und reicht es Olyvar langsam. Bisher kennt außer ihr nur Borgil den knappen Inhalt des Schreiben. Und gleich auch Olyvar. Die Botschaft ist simpel genug: 'Der einsame Vogel ist aus dem Käfig verschwunden. Seine Spur verliert sich im Sand.' Mehr nicht. Keine Erklärung weshalb oder warum. Nichts näheres zum wann oder wohin. Zaleh kann schon vor mehreren Monden oder erst seit wenigen Siebentagen verschwunden sein. Auch ob sie noch lebt oder längst tot ist, wissen nur Ealara und die Ahnen allein. Nun fällt es dir Malankari doch—vielleicht zum ersten Mal—sichtlich schwer ihre lächelnde Maske zu wahren und die bitteren Tränen zurückzuhalten, die sie nur in der Einsamkeit des Waldes oder der Dunkelheit ihrer Kammer zu vergießen wagt. Vor Talyra, vor dem Felsenkessel, diente ihr Dasein nur einem einzigen Zweck: dem, das Leben ihrer Schwester zu schützen. Und sie hat versagt. Kläglich versagt. Zaleh ist verschwunden. Vielleicht sogar tot. Welchen Sinn besitzt ihr eigenes Leben ohne sie noch? Karamaneh bleibt keine Wahl. Sie muss ihre Schwester finden. Und sei es nur um nicht mehr mit dieser unerträglichen Ungewissheit leben zu müssen.
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Olyvar

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12

Thursday, February 18th 2016, 10:37am

Wann brechen wir auf?

Mitte Silberweiß


Einige wenige Momente lang ist Karamaneh wie immer – schön, schweigsam, sanft und absolut unergründlich. Doch ihre Maske vornehmer Zurückhaltung bröckelt schon, als sie ihm antwortet und Olyvar weiß augenblicklich, worum es gehen muss, noch bevor sie es ausspricht. >Ich brauche Euren Rat. Ich habe Nachricht aus Azurien erhalten. Meine Schwester…< Sie reicht ihm einen schmalen Bogen honigfarbenen, papierartigen Pergaments – nicht die feinste Qualität, aber doch sehr gut, vermutlich aus einer Schafshaut gefertigt, sorgfältig mit Bimsstein geglättet und mit Kreide gebleicht. "Der einsame Vogel ist aus dem Käfig verschwunden. Seine Spur verliert sich im Sand", liest er halblaut, dann hebt er den Blick und sieht die Malankari an. Es ist lange her, dass sie über Zaleh gesprochen hatten, an jenem Tag in der Steinfaust vor den Ereignissen im Felsenkessel – diese Begegnung, die als Verhör zweier Fremder mit einem Griffinstein begonnen, und mit seltsam unerwartetem, gegenseitigem Vertrauen und dem zaghaften Beginn einer Freundschaft geendet hatte. 'Niemand kann mir helfen…' Hatte sie damals gesagt und er hatte erwidert, er könne es und er würde es auch tun, wenn sie ihn nur ließe. Damals hatte sie sein Angebot angenommen - und er hatte ihr ein Versprechen gegeben. Nun ist sie hier. "Wann brechen wir auf?" Ihm ist klar, dass es noch viele Dinge zu klären gibt, dass sie sich vorbereiten müssen, eine Reiseroute wählen, sich für ein Vorgehen entscheiden und dass sie vermutlich noch ein paar Hände und Augen mehr benötigen werden - aber er hat das Gefühl, das hier muss sie zuerst hören: die absolut vorbehaltlose Bereitschaft, zu seinem Wort von damals zu stehen, keine Fragen zu stellen und nicht zu zögern. Er sieht, wie ihr Lächeln zittert, die hellen Augen in Tränen schwimmen, ohne dass sie fließen, weil sie sie noch mit aller Macht zurückhält, also steht er auf, holt ihr wortlos ein Tuch aus weichem Batist und drückt kurz und sanft ihre Schulter, als er es ihr reicht. "Weint ruhig, wenn Euch danach ist, Karamaneh. Ihr müsst diese Last nicht mehr allein tragen." Dann richtet sich sein Blick wieder auf das Pergament und er liest die knappen Worte noch einmal. "Hat das eines von Borgils Vögelchen geschickt?" Sie nickt nur und Olyvars Stirn legt sich nachdenklich in Falten. "Hm. 'Der einsame Vogel ist aus dem Käfig verschwunden'… verschwunden, nicht geflohen, nicht entführt, nicht fortgebracht", überlegt er. "Das könnte bedeuten, man weiß nur, dass sie nicht mehr in Culuthux ist - und zwar nicht aus eigenem Zutun oder durch die Hand Dritter. Vielleicht ist es sogar noch wörtlicher gemeint und bedeutet, Fahd hat sie tatsächlich heimlich verschwinden lassen… aber das würde heißen, er ahnt etwas, oder? Und wenn ja, woher? Oder nimmt er sie mit, weil er selbst irgendwo hin verschwinden muss?

Und dann der andere Satz: 'Seine Spur verliert sich im Sand'. Könnte ebenso wörtlich gemeint sein und auf die Wüsten hinweisen… das hieße Osten, in die Sahil Sahyun, denn westlich von Culuthux liegen die Großen Savannen und Nördlich und Südlich am Blutfluss die anderen großen Städte…" Sein Blick wandert zu Karamaneh zurück, der ihr Entschluss wie ihre Hoffnung, und wenn es nur die auf Gewissheit ist, ins Gesicht geschrieben stehen - und er weiß, dass ihr ebenso klar ist, wie ihm, dass sie nach Azurien müssen, wollen sie die Wahrheit heraus- und... vielleicht, wenn ihnen die Götter beistehen... sogar Zaleh selbst finden. "Wir werden ein paar zusätzliche Hände, Augen und Ohren brauchen…" seine Finger trommeln ungeduldig auf seinen Oberschenkel, während er im Geiste die in Frage kommenden Männer durchgeht. Sie müssen wenige bleiben… vielleicht noch zwei oder drei andere, nicht mehr. Es ist eine persönliche Sache… sowohl für Karamaneh, als auch für ihn selbst. Er agiert hier nicht als Lord Commander und es braucht eine besondere Art von Mann, sich blind in irgendwelche Wüsten zu wagen und gegebenenfalls mit einem azurianischen Prinzen anzulegen. Sie dürfen nicht allzu sehr auffallen, aber sie müssen sich notfalls auch gegen Räuber, wilde Tiere oder Sklavenhändler zur Wehr setzen können. "Rayyan", schlägt er vor, denn der Magier ist der erste, der ihm in den Sinn kommt. "Sobald er zurück ist." Nicht nur er sucht auf Ninianes Geheiß hin in den Archiven der Steinfaust nach uralten Büchern oder Aufzeichnungen, der Magier war praktisch noch im Langschnee zusammen mit diesem Zauberer und irgendjemandem, den die Protektorin ihnen mitgeschickt hatte, nach Norden aufgebrochen, aus irgendeiner verschütteten Bibliothek irgendein ein seit Jahrhunderten verschollenes Buch zu holen. Rayyan wird in spätestens einem, vielleicht zwei Siebentagen zurückerwartet, und der Magier hätte auch nichts dagegen, Talyra sofort wieder zu verlassen und sich in ein neues Abenteuer zu stürzen, da ist Olyvar sich ziemlich sicher. Damit er die Zeit totschlagen kann, bis Tahiri nach Talyra zurückkehrt… wenn sie zurückkehrt. Er würde schrecklich gern Colevar fragen, doch angesichts von Calaits Zustand verwirft er diesen Gedanken sofort wieder. "Der Narrenkönig", überlegt er weiter. "Ich vertraue ihm blind und er stammt aus Azurien. Und noch jemand… vielleicht jemand mit ein paar speziellen Fähigkeiten…" Nicht noch ein Blaumantel - Rhordri würde ihm den Kopf abreißen, noch mehr, als er es ohnehin schon tut wird. Ihm fallen ein oder zwei andere ein, die in Frage kämen und die gut sind, obwohl diese Art von Suche eigentlich nicht ihrem... Metier entspricht. "Darüber muss ich noch nachdenken."
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

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Karamaneh

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13

Friday, February 19th 2016, 4:30am

{Mitte Silberweiß 516}
Ein Tuch aus Batist
Hoffnung

Ihre zitternden Finger halten das weiche Tuch aus Batist, ja, krallen sich regelrecht darin fest, aber Karamaneh hält die Tränen weiter tapfer zurück. ›Wann brechen wir auf?‹ Nur vier knappe Worte, aber für die Malankari bedeuten sie in diesem Augenblick die Welt. Auf dem Weg zur Steinfaust hat sie nicht ein einziges Mal zu hoffen gewagt, dass der Lord Commander sich seines einstigen Versprechens entsinnen würde. Der Griffinstein hatte zwar die Aufrichtigkeit seiner Worte bezeugt, aber das war damals. Und was an einem Tag der Wahrheit entspricht, kann schon am nächsten Lüge sein. Denn wer weiß schon am Abend, was der neue Morgen ihm abverlangen wird? Die Zeit verändert jeden. Und Karamaneh hat bisher noch keinen Mann getroffen, der seine Versprechen gehalten hätte. Sowohl Allardh Ulairis, als auch Brioc Coinmagil (und all die anderen vor ihnen) hatten ihr das Blaue vom Himmel versprochen—und allen war von Anfang an klar gewesen, was diese Versprechen und Schwüre wert waren.

Doch dies hier ist anders. ›Niemand kann mir helfen‹ hatte sie gesagt. ›Ich kann es‹, hatte er geantwortet. ›Ich weiß, Ihr glaubt das nicht, aber ich kann es. Und ich werde es tun, wenn Ihr mich nur lasst. Selbst wenn Ihr mir nicht helfen wollt oder könnt, wenn Ihr meine Bitte abschlagt, die Steinfaust zu unterstützen, Nabil und seinen Menschenschindern das Handwerk zu legen, ich werde Euch helfen.‹ Und der Lord Commander steht zu seinem Wort. Er speist sie nicht mit irgendwelchen vorgetäuschten Freundlichkeiten ab. Oder redet sich mit aalglatten Ausreden heraus. ›Wann brechen wir auf?‹—diese Worte schließen ihn ein. Die Malankari hatte die vage Hoffnung gehegt, er würde ihr vielleicht ein oder zwei seiner Blaumäntel zum Schutz mitgeben. Oder ihr zumindest ein paar vertrauensvolle Männer empfehlen, die sich für Gold anheuern lassen. Das er sie persönlich begleitet. Nein, damit hat sie nicht gerechnet. Immerhin ist er nicht irgendwer, sondern der Lord Commander der Steinfaust. Und sie haben schließlich alle schmerzlich erleben müssen, was es bedeutet, wenn die Stadt ohne Borgil Blutaxt auskommen muss. Außerdem hat er eine Frau, Kinder. Das alles einfach zurückzulassen bloss um zwei Frauen zu helfen, von denen er die eine kaum und die andere gar nicht kennt, darum hätte Olyvar niemals bitten können. Stattdessen tut er es freiwillig.

Die neu aufkeimende Hoffnung, die die Hoffnungslosigkeit in ihrem Herzen langsam verdrängt, wächst und wächst je mehr Olyvar spricht. Aber einige seiner Worte machen ihr auch Angst. Große Angst sogar. Was wenn Fahd wirklich etwas ahnt? Was, wenn Nabil überlebt hat, irgendwie? Wenn er nach Culuthux zurückgekehrt ist und Fahd darüber aufgeklärt hat, dass sie ihn seid Monden mit falschen Botschaften versorgt? Diese und andere Gedanken wirbeln nur so in ihrem Kopf umher, aber sie spricht sie vorerst nicht aus. Nein, entscheidet sie schließlich. Das ist absurd. Selbst wenn Nabil überlebt hätte, er wäre wohl nicht zu Fahd zurückgekehrt, um ein Versagen—sein Versagen—einzugestehen. Karamaneh faltet rastlos das Tuch in ihren Händen zusammen und wieder auseinander und konzentriert sich wieder darauf was Olyvar sagt, welcher bereits dazu übergegangen ist, zu überlegen, welche Männer für ihr Unterfangen am Besten geeignet wären. ›Rayyan‹, schlägt er vor und Karamaneh nickt wie selbstverständlich. Ja, für den azurianischen Magier wäre die Reise quasi ein Heimspiel. Auch die Wahl des Narrenkönigs, der ebenfalls aus Azurien stammt, erscheint der Malankari daher naheliegend.

“Wann erwartet Ihr Rayyan zurück?”, fragt Karamaneh heiser, als der Lord Commander schließlich mit seinen ersten Überlegungen fertig ist. Am liebsten würde sie sofort aufbrechen, noch an diesem Tag, auch wenn ihr selbstverständlich klar ist, dass dies unmöglich ist. “Was kann ich tun?” Fragend schaut die Malankari Olyvar an, als ihr klar wird, dass sie absolut keine Ahnung hat wie man ein Unterfangen wie dieses auf die Beine stellt. Sie hat ja nicht einmal eine Ahnung wie man gewöhnliche Reisevorbereitungen trifft—Aufgaben wie diese vielen im Palast der Winde niedereren Sklaven und Bediensteten zu, nicht aber ihr. Sie selbst weiß bestenfalls wie man eine Reisetruhe mit Gewändern befüllt. Verlegen betrachtet sie das Batisttuch in ihren Händen und dann den feinen, kostspieligen Stoff ihres Kleides, welcher in sanften cocoabraunen Bahnen ihre schlanken Beine umschmeichelt. Echte Ceredorer Seide! Sie werden Gold brauchen, wenn sie nach Süden wollen. Olyvar sei Dank muss sie zwar keine Söldner anheuern, aber auch Proviant, Schiffspassagen, Reittiere und Unterkünfte wollen von irgendetwas bezahlt sein.

Karamaneh beginnt zu lächeln, als ein Entschluss in ihr zu reifen beginnt. Nabils Verschwinden hat sie keineswegs mittellos zurückgelassen, und Dank Borgils geschäftsmännischer Weitsicht braucht sie sich diesbezüglich auch keine großen Sorgen machen. Aber, und dies wird ihr in diesem Moment zum ersten Mal so richtig bewusst, ein fast genauso großes—wenn nicht sogar noch größeres—Vermögen trägt sie tagtäglich mit sich herum. Und zwar nicht nur in Form seidener Kleider, nein. Der frühmorgendliche Vorfall auf dem Fischmarkt fällt ihr wieder ein. Ja, auch ihr Mantel, der nun an einem Haken in der Vorhalle von Olyvars Privatgemächern hängt, und aus weichem, schimmerndem Bärenmaderpelz gefertigt ist, ist gewiss ein stattliches Sümmchen wert.
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Olyvar

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14

Friday, February 19th 2016, 10:57am

Ihr werdet nie und nimmer als Junge durchgehen...

Mitte Silberweiß

"Bald. In spätestens zwei Siebentagen sollte er zurück sein", erwidert Olyvar auf Karamanehs Frage und die angestrengte Rauheit ihrer Stimme berührt ihn ein ums andere Mal – nicht einmal weil sie so zerbrochen und harsch klingt wie zersprungenes Glas, sondern weil man darunter immer noch eine vage Ahnung ihres einstigen Timbres hören kann wie ein leises Echo eines lang vergangenen Wohlklangs. >Was kann ich tun?< Sie sieht ihn an und ihre Ahnungslosigkeit spiegelt sich ebenso deutlich auf ihrem Gesicht, wie ihre Entschlossenheit, sich nützlich zu machen. Olyvar ahnt nichts von der Richtung, in der ihre Gedanken wandern - und hätte er etwas davon geahnt, hätte er vermutlich erwidert, dass Borgil kaum zulassen wird, dass sie auch nur einen Kupferling für dieses Unterfangen ausgibt. Er kennt den Zwerg – Borgil zählt Karamaneh samt ihrem eigenen Mündel Missandei längst zu seiner wachsenden Kinderschar, und betrachtet sie vermutlich ganz als seine eigene Tochter und die Kleine als seine erste Enkelin. Prinzessin und Fröschelein… ich glaube, so nennt er sie immer noch. Als ob er dulden wollen wird, dass sie etwas von dem Geld antastet, das ihr aus Nabils Nachlass als Entschädigung gezahlt wurde, wenn er davon Wind bekommt… Nun, das ist eine Angelegenheit zwischen Karamaneh und ihrem bärtigen, axtschwingenden Ziehvater. Olyvar hegt zwar die leise Befürchtung, dass Borgil auf die Idee kommen könnte, Karamaneh selbst nach Azurien begleiten zu wollen, und so gern er den Zwerg auch hat und so sehr er ihn zu schätzen weiß, aber Heimlichkeit und Unauffälligkeit gehören nicht zu seinen Stärken. Allen Göttern sei Dank ist das ein Ding der Unmöglichkeit - Talyra kann nicht noch einmal für längere Zeit auf den Zwerg verzichten, ohne dass dessen Ohrenbläsereien weiter geführt werden, er hat ein wenige Monde altes Baby zu Hause, Calait und Colevar unter seinem Dach, den Stadtrat wieder auf Kurs zu bringen und ganz nebenbei noch eine Menge geheimnisvoller Dinge herauszufinden - und Borgil weiß das auch alles. Nein, der Zwerg wird sich mit uns als Begleiter für Karamaneh begnügen müssen. Aber das heißt nicht, dass er nicht helfen kann…

"Ihr könnt mit Borgil sprechen und ihn nach seinen azurianischen Vögelchen fragen – damit wir wissen, an wen wir uns wenden und wem wir vertrauen können. Das wäre auf jeden Fall mehr als hilfreich. Und Ihr müsst Euch vorbereiten. Ich würde vorschlagen, wir tarnen uns als Reisende und nehmen ein Schiff nach Ildala, das ist vermutlich die schnellste und sicherste Art, in den Süden zu kommen." Aus einer eisenbeschlagenen Truhe an der Längswand der kleinen Halle des Westflügels holt er eine zusammengerollte Karte, breitet sie auf dem Tisch über den Papierbündeln und Schriftstücken aus, und beschwert die Enden mit Tintenfässchen, Büchern und einem Schaber zum Glätten von Pergament. Es ist eine recht genaue Karte der Immerlande, obwohl sie vor allem nach Norden, Osten und im äußersten Südosten und -westen einige blinde Flecken enthält oder bestenfalls kryptische Hinweise auf dortige Lande und auch die Küstenlinien alles andere als genau eingezeichnet sind. Aber Immerfrost, die Rhaínlande die Herzlande, weite Teile Azuriens, das meiste von Ardun, die Drachenlande, Laigin und andere bekanntere Teile Rohas sind vorhanden. "Hier sind wir." Er tippt auf einen kleinen Fleck am Rande eines gewaltigen Sees im Herzen des abgebildeten Kontinents mit seinen vagen Grenzen und Ausmaßen. "Das ist Talyra. Und dort unten…" sein schwieliger Zeigefinger fährt quer über den See zur Mündung eines breiten Flusses, "ist die Stadt Ildala. Von dort aus könnten wir eine Flussdschunke bis Caer Torrelobar, hier", er tippt auf einen weiteren Punkt südlich an jenem Fluss, der sich als blaues Band in einem schmalen, grünen Streifen durch endlose goldgelbe Leere auf der Karte bis zum Südmeer hinab windet, "nehmen. Dort würde ich den Bar el-Atbár verlassen und im Schutz einer Handelskarawane auf der Shakh, der Großen Südstraße, weiterreisen. Wir werden Reitmeharas brauchen… oder Pferde, je nachdem wie rasch wir vorankommen wollen, was wir bezahlen können und wie trocken es ist. Wir wären im Eisfrost dort, das bedeutet Trockenzeit, doch das sollte uns nicht kümmern müssen, solange wir auf der Shakh sind. Rayyan und der Narrenkönig sind Azurianer und fallen nicht weiter auf. Ich selbst kann mich während wir unterwegs sind als einfacher Heckenritter ausgeben und Ihr…" er mustert ihre wahrlich alles andere als unauffällige Erscheinung und zuckt beinahe verlegen mit den Schultern.

"Ich weiß, dass Ihr diese Reise in der anderen Richtung schon einmal gemacht habt, aber vermutlich unter ganz anderen Umständen, nicht wahr? Gibt es eine Möglichkeit Euch… nun ja... zu… tarnen? Ihr werdet nie und nimmer als Junge durchgehen, aber vielleicht könnt Ihr Euer Haar färben… oder Euch eine Perücke anfertigen lassen? Irgendetwas unauffälliges, schwarz oder braun. Und was den Rest angeht…" er überlegt kurz und mustert sie dabei immer noch nachdenklich. Es ist leider wahr - sie mag schlank und athletisch sein, aber sie ist eindeutig zu weiblich um sie mit ein paar festen Brustbandagen und weiten Hosen in etwas auch nur ansatzweise Jünglingartiges zu verwandeln. Und selbst wenn das gelänge - sie trüge immer noch Mädchenwimpern, Mädchenaugen und ein Seharimgesicht mit einer Haut so glatt wie Alabaster. "Entweder, wir tarnen Euch als wohlhabende Dame aus den Herzlanden, die im Schutz gekaufter Schwerter und Wachen - das wären dann wir – nach Süden reist… oder aber als Abenteurerin, vielleicht als Schurkin, die mit einer Truppe von Glücksrittern und Taugenichtsen auf der Suche nach lohnenden Aufträgen umherzieht. Für was immer Ihr Euch entscheidet, wir müssen es glaubhaft darstellen können, also was meint Ihr? Was wäre die bessere Tarnung?"
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Karamaneh

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15

Wednesday, February 24th 2016, 5:30pm

{Mitte Silberweiß 516}
Eine alte Weisheit besagt, ...
...hüte deine Geheimnisse

Karamaneh nickt, als Olyvar ihr rät mit Borgil zu sprechen und sich nach seinen azurianischen Vögelchen zu erkunden. Bei dieser Gelegenheit könnte sie den Zwerg auch gleich fragen, ob er ihr helfen kann einen Teil ihrer Besitztümer zu Gold zu machen, um die Reise in den Süden zu finanzieren. Niemals würde die junge Frau auf den Gedanken kommen Borgil nach Gold zu fragen. Bis heute erfüllt es sie mit unendlicher Dankbarkeit mit welch uneingeschränkter Großzügigkeit der Wirt und seine Frau Missandei und sie bei sich aufgenommen haben, mehr kann sie einfach nicht von ihm erbitten. Aufmerksam betrachtet sie die Karte, die der Lord Commander aus einer eisenbeschlagenen Truhe hervorholt und auf dem Tisch zwischen ihnen ausbreitet, um mögliche Reiserouten zu diskutieren. Die Malankari nickt immer wieder bestättigend, als der Drachenländer ihr auf der Karte den Weg zeigt, den er zu nehmen vorschlägt, bevor er sie auf ein weiteres Problem aufmerksam macht.

›Ich weiß, dass Ihr diese Reise in der anderen Richtung schon einmal gemacht habt, aber vermutlich unter ganz anderen Umständen, nicht wahr?‹ Karamaneh lächelt verhalten. “Ja”, bestättigt sie leise. Olyvar nickt verständnisvoll. ›Gibt es eine Möglichkeit Euch… nun ja… zu… tarnen?‹, hakt er nach und führt sogleich mehrere Möglichkeiten an, die ihm in den Sinn kommen. Die Malankari hört ihm schweigend zu, und auch wenn sie sich mit ihrer Antwort etwas Zeit lässt, so fällt ihre die Entscheidung doch nicht schwer. Eine reisende Schurkin? Nein, in diese Rolle kann und will sie beim besten Willen nicht schlüpfen. Ja, sie ist sich sogar ziemlich sicher, dass sie sie niemals wirklich glaubhaft darstellen kann, nicht wenn es tatsächlich darauf ankommt. Jemanden im Auftrage Fahds zu hintergehen und zu betrügen, ist für sie etwas vollkommen anderes als es aus freigewählten Stücken zu tun. Würde Borgil sie im Rahmen eines Auftrages darum bitten, oder auch Olyvar, sie würde ohne mit der Wimpern tun, was von ihr verlangt wird, doch dies hier ist anders. Dies hier ist etwas absolut persönliches und wenn es eine andere Möglichkeit gibt, wenn sie wählen kann, dann...

“Die wohlhabende Dame”, entscheidet sie. “Vielleicht nicht die unauffälligste Wahl, aber sicher die glaubhaftere...” Die Malankari lächelt. “Eine alte Weisheit besagt, man sollte immer so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben wie man kann.” Die Rolle würde ihr keine große Verstellung abverlangen. Als Mündel eines reichen Karawanenhändlers war sie nach Talyra gekommen, als Tochter eines wohlhabenden Händlers kann sie auch wieder nach Azurien zurückkehren. Und wenn es wirklich einmal darauf ankommt, dass sie unerkannt bleibt… “Außerdem kann ich mich im äußersten Notfall immer noch verwandeln.” Sie sieht den Lord Commander an und kann die Frage bereits auf seinem Gesicht ablesen, bevor die Worte seine Lippen verlassen. Wie alle anderen, die von ihrer Wargennatur wissen, weiß er bisher nur über die Sgàilcat bescheid. Abwehrend hebt die Malankari eine Hand. “Nicht in die Schattenkatze”, kommt sie der ausstehenden Frage hastig zuvor. “Etwas… passenderes… belassen wir es vorerst dabei. Bitte?” Geradezu flehend schaut sie Olyvar an, entschuldigend und entschlossen zugleich, nicht bereit ihr kleines hässliches Geheimnis zu verraten, solange dies nicht wirklich notwendig ist. Die junge Frau richtet sich auf. “Ich werde mit Borgil sprechen”, erklärt sie verlegen. “Kann ich sonst noch etwas tun? Was werdet Ihr unternehmen?”
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