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Niniane

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16

Monday, April 17th 2017, 8:33pm

Schatten der Vergangenheit

Winter 516/517

Während Niniane den Milchtopf aufsetzt und streng überwacht – es wäre nicht das erste Mal, dass ihr selbiger überkocht und sie dann eine Stunde lang den neuen Herd (ihr ganzer Stolz, ein wahres Ungetüm mit Wasserschiff, geräumigem Bratraum und einem Doppelzug unter dem Backrohr, das einfach tut was es soll und nicht wahlweise alles verkohlt oder innen einfach roh belässt) schrubben darf – beginnt Rialinn zu erzählen. Ihre Erklärungen sind recht ausführlich, so dass Niniane ohne Umschweife erfährt, wo der Schuh drückt, während das Mädchen bedächtig rührt, bis das Bienenwachs ordentlich zerschmolzen ist. Sie ist auch nicht wirklich überrascht, jedenfalls nicht davon. Wenn sie ehrlich ist, hat Niniane sich schon seit längerem immer wieder einmal gefragt, wann die Sprache wohl auf Hodor… oder Falcon… kommen würde. Was sie allerdings ziemlich überrascht ist die Tatsache, dass sie hier zwischen Honigmilch und Ringelblumensalben ganz nebenbei von Arúens Hochzeitsplänen erfährt… doch Rialinns Anliegen klingt viel zu ernst, um das Mädchen jetzt mit großen Augen zu unterbrechen und ein halbes Dutzend Fragen nach einer Verlobung zu stellen, abgesehen davon ist Arúens kleine Tochter eigentlich kein Plappermäulchen. Sie muss gedacht haben, ich wüsste es längst. Im Normalfall wäre dem wohl auch so, doch sie hatte in den letzten Wochen und Monden aus verschiedenen Gründen stets nur kurz - und bei den wenigen Stadtratssitzungen, auf denen sie gewesen war, sogar nur zwischen Tür und Angel - mit der Anukispriesterin gesprochen… sie waren beide überhaupt nicht dazu gekommen, großartig persönliche Belange auszutauschen. Sieh einer an… Fürs erste hält sie also ihre eigene Neugier im Zaum und lauscht weiter mit ruhigen, goldenen Augen Rialinns Ausführungen über den Streit mit den Kindern, dem Gespräch mit ihrer Mutter… und seufzt innerlich, voller Mitgefühl für Arúen, aber auch für Falcon und natürlich für Rialinn, dieses Kind, das es nie gegeben hätte, wären nicht heilige Schwüre gebrochen und schließlich aufgelöst und andere gesprochen, getauscht und gebrochen… und wieder aufgelöst worden. Als Arúens Tochter, die der Priesterin so ähnlich sieht, als sei sie eine kleinere Ausgabe ihrer Mutter, schließlich endet, zerreibt Niniane gedankenverloren Blüten und Kräuter zwischen ihren Fingern, um sie in verschiedenen Mischungen bald in das eine, bald in das andere Tiegelchen zu geben. "Ach, Feuerkätzchen…" diesen Kosenamen hat Niniane schon lange für Rialinn, die das eine im Namen trägt und unter dem Stern des Feuertigers geboren wurde, "das sind schwierige Fragen, mit denen du zu mir kommst. Aber ich will sie dir beantworten, so gut ich kann, auch wenn ich keine einfachen Antworten für dich habe und weit ausholen muss, damit du die Zusammenhänge begreifst. Ja, ich habe deinen Vater Hodor gekannt. Falcon haben ihn die Menschen genannt. Unter diesem Namen kam er vor… lass mich nachdenken… vor etwa sechszehn Jahren auch nach Talyra. Er war ein Templer der Anukis. Und er war dein Vater, denn Beides ist richtig. Dein Vater, Falcon… oder Hodor… wuchs auf den Himmelsinseln als Mündel deines Großvaters Tianrivo auf und wurde, soweit ich weiß, schon früh zu einem Klingentänzer der Anukis… einem Ritter, wie die Sterblichen sagen würden. Nur ein Ritter kann sich auch zum Templer weihen lassen, verstehst du? Aber damals gab es unter den Schönen noch keine Templer, diese besonderen Streiter der Zwölf Mächte sind erst viele, viele Jahrhunderte später unter den Sterblichen entstanden… zu den Zeiten ihres Zweiten Imperiums.

Dein Vater war schon immer sehr gläubig und hat Anukis mit seiner ganzen Kraft gedient… und er war auch dem Haus deines Großvaters, dem Haus Mitarlyr, in dem er aufgewachsen war, loyal und treu ergeben. Sein eigenes Haus, die AnCus… nun, sie waren schon damals ehrgeizig und andersdenkend. Sehr auf ihren Aufstieg bedacht und in gewisser Weise skrupellos. Aber sie waren angesehen und königstreu. Niemand hätte je gedacht, dass… doch davon später. Wie auch immer, dein Vater und deine Mutter standen sich schon auf den Himmelsinseln sehr nahe, doch auch wenn sie sich damals bereits geliebt haben mögen – sie waren nur Freunde, nicht mehr. Während der Schiffsjahre verloren sie sich aus den Augen und Falcon… nachdem die Elben die Gestade der Immerlande erreicht und ihre Reiche gegründet hatten, durchwanderte er die Immerlande und lebte lange Zeit unter den Sterblichen, während deine Mutter… ich weiß nicht, wie viel du über Winterwinds Fluch weist, den wir vor deiner Geburt gebrochen haben, und ich beantworte dir auch gern jede Frage dazu, aber einstweilen muss dir genügen, dass deine Mutter in jenen Jahren sehr damit zu kämpfen hatte. Falcon hingegen… nun, er hatte sich schon auf den Himmelsinseln mehr oder weniger mit seinem eigenen Vater überworfen und als die Elben in die Immerlande kamen, hat er sich gänzlich von der Politik seines Hauses losgesagt. Im Gegensatz zu vielen anderen unseres Volkes, hat er die Menschen schon immer verstanden und ihre Art zu leben wohl auch sehr geschätzt, also verließ er die Elbenlande. Damals waren sie nicht hinter Zauber und Blendwerk verborgen, und so tief im Nebel versunken, als gehörten sie schon nicht mehr richtig zu dieser Welt. Hodor… Falcon… wurde rasch ein Templer und er zählte vermutlich zu den ersten Templern der Schönen überhaupt. Templer weihen ihr Leben und all ihre Kraft den Göttern und sprechen dafür - unter anderem - das Gelöbnis des Zölibats, dass sie sich keine Frau nehmen und keine Kinder zeugen wollen, so lange ihre heilige Pflicht und ihr damit verbundener Dienst als Templer andauert." Die Ringelblumensalben sind fertig und Niniane verschließt jeden Tiegel sorgsam und deckt sie dann mit einem dunklen Tuch ab. "Aber man kann diese Schwüre auch wieder lösen, sie gelten nicht selbstverständlich für ein Leben lang. Die meisten Sterblichen verpflichten sich für zwölf Jahre auf diese Weise. Dann erneuern sie ihre Templereide… oder werden wieder zu den Rittern, die sie auch vorher schon waren. Manche verpflichten sich ihr Leben lang, doch ein Muss ist das nicht. Dasselbe gilt für die Elben, auch wenn sich die meisten der wenigen Schönen, die sich dem Templerdasein weihen, wohl für sehr viel länger in den heiligen Dienst der Tempel stellen… sie leben ja auch sehr viel länger. Wie auch immer, dein Vater kam als Templer und im Auftrag des Anukistempels nach Talyra. Hier traf er deine Mutter wieder… und sie verliebten sich oder erneuerten ihre Liebe von einst, wie auch immer." Sie zuckt sanft mit den Schultern und krümelt Melissenblätter in geschmolzenes Bienenwachs, während Rialinn an ihrer Milch nippt und ihr unverwandt lauscht. "Arúen litt noch immer unter dem Fluch Winterwinds, doch sie wollten ihn brechen, denn sie wünschten sich ein Kind. Deine Mutter war deinem Vater wichtiger als sein Dienst an der Göttin oder sein Templerdasein, also beendete er es. Aber er hat viele Jahrhunderte als Templer gelebt und… Ich weiß nicht, ob er seinem Zölibatsgelübde wirklich vollkommen treu blieb, so lange es noch Bestand hatte, aber als er Arúen geheiratet und dich gezeugt hat, mein Feuerkätzchen, war er ein Klingentänzer der Anukis und kein Templer. Ich selbst stand neben ihm im Kreis der Eide, als die Templer ihn in Ehren und mit Dankbarkeit aus dem Dienst entlassen haben… und ich nahm ihn in meinen und gab ihm Iorfaêr, als er mit deiner Mutter sein eigenes Haus gegründet hat, weil er mit den An Cus nichts zu tun haben wollte… das Haus Lyr'Aris. Es bestand nur wenige Wochen, denn nach Wegesend…" ihre Augen verdunkeln sich und ihre Stimme wird sehr, sehr sanft, "nach all dem, was dort geschehen war und was seine eigenen Verwandten getan hatten, Elben, von denen er sich losgesagt und mit denen er nichts zu tun hatte, die er aber natürlich dennoch sein ganzes Leben lang gekannt und sicher früher auch geliebt hat…" Niniane schweigt kurz, weil sie hier an einige sehr heikle und schmerzhafte Ereignisse der Vergangenheit rühren muss, Rialinn bei aller Verständigkeit doch erst zwölfeinhalb Sommer zählt und sie nicht weiß, ob - und wenn ja, was genau - Arúen ihrer Tochter darüber vielleicht bereits erzählt haben mag oder auch nicht. Dann wedelt sie mit ihrer schlanken, nach Melisse duftenden Hand vor ihrem Gesicht, als wolle sie einen Gedanken verscheuchen.

"Ich kann mit dir nicht über alle Ereignisse in Wegesend sprechen, Rialinn, weil mir das nicht zusteht… das ist Sache deiner Mutter, also frag mich nicht nach Einzelheiten. Dein Vater und sie sind dort in einen Hinterhalt der Roten Falken geraten. Doch dein Onkel Cron, ich selbst, Caewlin von Sturmende, der Druide Mottenfaenger, eine Diebin und Phelan, ein befreundeter Waldläufer, wir kamen ihnen zu Hilfe und konnten sie befreien. Wir haben dort mit den AnCus gekämpft und wir haben einige von ihnen getötet – doch nicht alle. Aber Falcon verschwand aus dem Gasthaus, als wir noch alle damit beschäftigt waren, unsere Wunden zu verbinden und uns um Arúen zu kümmern. Silver hat ihn fortgebracht, auf seinen eigenen Wunsch hin, und die Gründe dafür erfuhr ich erst eine ganze Weile später. Auf dem Rückweg entdeckten wir, dass Arúen vergiftet worden war und brachten sie – und damit auch dich, denn sie trug dich schon unter ihrem Herzen – in meinen Baum. Wir konnten sie heilen, ihr das Gegenmittel noch rechtzeitig verabreichen. Doch etwa zwei Wochen nach Wegesend - dein Onkel Gildin war inzwischen eingetroffen, um Arúen und Falcon vor den Kriegern der AnCu zu warnen, aber zu spät - hatten wir noch immer kein Wort von Hodor gehört, und so fasste deine Mutter den Entschluss, ihre Ehe mit deinem Vater auflösen zu lassen und mit dir, sobald du geboren wärst, in das Haus ihres Vaters zurückzukehren. So endete das Haus Lyr'Aris, noch bevor es überhaupt wirklich entstanden war und der Orden der Chronisten löschte es wieder aus der Asarid'Ashara Veaes, noch bevor sein Name wirklich eingraviert worden war." Als Niniane diesmal mit den Schultern zuckt, liegt in der Geste etwas eindeutig Bedauerndes. "Als das geschehen war, kam dein Vater ein letztes Mal zu meinem Baum. Es war mitten in der Nacht und er sprach nur mit mir, aber… " Niniane unterbricht ihr Tun, wischt sich die Kräuterreste von den Fingern und greift nach Rialinns Händen. "Ich kann dir nur sagen, dass es ihn selbst sehr geschmerzt hat, deine Mutter und dich in dieser Nacht in Wegesend verlassen zu haben. Er hat versucht, sein Handeln zu erklären und er hat mehrere Gründe genannt, und auch wenn ich ihn nicht in allem verstand, so bedauerte ich ihn doch und empfand Mitleid mit ihm. Zum einen war seine Scham über das Tun seines Hauses, seiner Blutsverwandten, so groß, dass er glaubte, Arúen nie wieder unter die Augen treten zu können. Zum anderen hat er sich die Schuld an den Ereignissen gegeben, denn es war sein Einfall gewesen, in Wegesend Rast zu machen, wo Arúen und er überfallen worden waren. Außerdem war er überzeugt, Schande auf sich geladen zu haben, weil es ihm nicht möglich gewesen war, deine Mutter zu beschützen, etwas, das er nicht nur ihr, sondern auch deinem Großvater geschworen hatte. Tyalo AnCu, der Anführer der Roten Falken, hatte ihn in Wegesend mit allem möglichen gequält, aber vor allem hatte er Zweifel in sein Herz gesät – böse Zweifel. Falcon war schon immer ein Mann, der geneigt war, an sich selbst zu zweifeln und das war den AnCus wohl bekannt, also nutzten sie es aus. In dieser Stunde war er überzeugt davon, sich an Anukis versündigt zu haben, weil er sein Templerdasein aufgegeben hatte, dass es ihm nie bestimmt war, ein Gemahl und ein Vater zu sein. Doch er glaubte auch, dass er sich ebenso an deiner Mutter versündigt habe, weil er sie verlassen und ihr damit das Herz gebrochen hatte… Das wiederum hat ihn gebrochen. Manche Wunden, Rialinn, sind so tief, dass man sie nicht heilen kann, und ich glaube, sowohl deine Mutter, als auch dein Vater, trugen in Wegesend solche Wunden davon. Aber ich denke auch, dass weder er noch sie schuld an irgendetwas waren – wenn jemand Schuld an all den Ereignissen von damals trug, dann die Roten Falken, die all das getan hatten. Falcon… Hodor… er war innerlich sehr zerrissen von Reue, Scham, Schuld und Schmerz. Er sagte mir in jener Nacht, er wolle Talyra verlassen und in die Faê'ranathares zurückkehren… doch ich ließ ihn nicht. Ich fürchtete, dass seine Schuldgefühle so groß waren, dass er den Tod suchen könnte… wie recht ich damit hatte, erfuhr ich erst nach Liam Cailidh.

Also überredete ich ihn, zu den Templern zurückzukehren. Ich erinnerte ihn daran, dass er mir immer noch zur Treue verpflichtet war, schließlich hatte ich ihn als Vasallen und Herrn des Hauses Lyr'Aris angenommen. Also gab ich ihm Iorfaêr ein zweites Mal – er hatte es in Wegesend zurückgelassen – , sprach ihn frei und sandte ihn in den Shenrahtempel, wo er seine Templereide erneuert hat, diesmal für immer. Ich war froh darum, als ich es erfuhr. Ich dachte, eine Aufgabe wie diese würde ihm über seinen Schmerz hinweghelfen, würde seinem Leben einen Sinn geben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings nicht, dass ein paar hundert marodierender Narge bereits auf dem Marsch nach Süden waren und bald in die talyrischen Lande einfallen würden. Dann kam die Schlacht von Liam Cailidh und dein Vater fiel in diesem Kampf. Deshalb war Falcon… Hodor… Lyr'Aris beides: ein Templer und dein Vater. Doch als Falcon der Templer oder schlicht als der "Anukistempler" war er überall in Talyra bekannt, und der Name blieb ihm auch, als er, wenn auch nur für kurze Zeit, wieder ein Klingentänzer und der Gemahl deiner Mutter war. Und wenn dieser Blödmann Hilmar sich nächstes Mal solche Frechheiten herausnimmt, dann erinnere ihn daran, dass dein Vater vielleicht ein Templer war, aber seiner ganz sicher einmal eine Kröte in einem Einmachglas mit Leiter." Sie lächelt ein vielsagendes Katzengrinsen und drückt leicht Rialinns Hände. "Ich muss es wissen. Es war eines meiner Einmachgläser."
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Rialinn

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17

Monday, May 1st 2017, 4:07pm

Schweigend und mit gebannter Aufmerksamkeit folgt Rialinn den Erklärungen ihrer Tante ohne jede Zwischenfrage. Einiges davon hat sie schon mal von ihrer Mutter oder von einem ihrer Onkel gehört, manch anderes hört sie zum ersten Mal und bei manchem spricht Niniane es nicht aus, aber das Elbenkind ahnt, dass da mehr ist als die Waldläuferin gerade in Worte fassen will - oder vielmehr kann. Und da ist all ihrer Wissbegier zum Trotz das sichere Gefühl, dass es nicht der Tag ist um nach den Einzelheiten von Wegesend zu fragen. Alles in allem ist es auch so schon eine ziemlich traurige Geschichte, die sie da zu hören bekommt. Das ändert aber nichts daran, dass das Mädchen am Ende doch auflacht, als ihre Tante die Kröte im Einmachglas erwähnt. "Weiß Du, Tante Nan, ich kenne je bestimmt nicht alle Zauber der Priester, aber DER ist bestimmt der lustigste… naja, zumindest für alle außer den im Glas", gluckst das Mädchen ehe es den letzten Schluck von seiner Honigmilch nimmt. Doch die Heiterkeit ist ebenso schnell wieder verflogen wie sie gekommen ist, während Rialinn über all das eben gehörte nachdenkt und die Menge an zum Teil neuen Informationen nach und nach in Gedanken durchgeht.

"Von Winterwinds Fluch habe ich schon gehört. Mama hat mir davon erzählt, als Andovar letzten Zwölfmond mal meinte, dass es ihn auch nach all den Jahren noch immer verblüffen würde, wie sehr die Töchter von Winterwinds Blut ihren Müttern ähneln würde. Ich fand das merkwürdig, weil es für mich vollkommen normal ist, dass ich aussehe wie Mama… Aber es war schon irgendwie merkwürdig, davon zu hören, dass Großmutter sich auf den Himmelsinseln einem so mächtigen Dämon entgegen gestellt hat und was dann passiert ist. Der Fluch, ihr Tod bei der Geburt von meiner Mutter und dass der Fluch des Dämons dann auf sie übergegangen ist. Das ist alles so lange her, dass ich mir den Zeitraum gar nicht richtig vorstellen kann. Egal wie ich es auch versuche.
Erst habe ich nicht verstanden, warum Großmutter sich dem Dämon alleine entgegengestellt und niemanden zur Hilfe geholt hat. Eama meinte, dass sie das auch erst sehr spät verstanden hat. Es habe etwas damit zu tun, sich seiner eigenen Stärke sicher genug zu sein, dass man andere nicht nur um Hilfe bitten sondern sie auch annehmen kann. Auch davon, wie ihr geholfen habt den Fluch zu brechen hat sie mir erzählt. Weißt Du, was sie gesagt hat, als ich meinte, dass ich nicht den Mut gehabt hätte, mich mit dem Dämon anzulegen?... Dass es einfach ist mutig zu sein, wenn man keine andere Wahl mehr hat." Rialinn schweigt eine Weile, als sie wie schon so oft für einen Moment über diesen Satz ihrer Mutter nachdenkt. Sie glaubt zwar, mittlerweile den tieferen Sinn dahinter verstanden zu haben, aber aus irgendeinem Grund scheinen ihre Gedanken immer mal wieder daran kleben zu bleiben wie an Honig.
"Was hast Du damit gemeint, dass meine Mutter damals sehr mit dem Fluch zu kämpfen hatte? Davon hat sie nämlich nicht erzählt, was genau der Fluch für Folgen hatte, nur dass es ihn gibt. Naja, gut, ich habe auch nicht gefragt, aber Mama weiß doch, wie neugierig ich bin." Den letzten Satz begleitet ein kleines, fast schon schuldbewusstes Lächeln. Rialinn weiß nur zu gut, dass es von ihr heißt, sie würde jedem Löcher in den Bauch fragen. Etwas, das sie genau genommen bei ihrer Tante jetzt gerade ja auch tut.

Und ehe die Protektorin dazu kommt, ihr zu antworten, fällt Rialinn noch etwas ganz anderes ein. "Hat Mama Dir eigentlich je davon erzählt, dass ich als ich noch ganz klein war, mal so krank war, dass ich im Fieber von Roten Falken geredet habe, die mich ihr wegnehmen wollen?" Und dann ist da gleich noch eine Frage, die sich weigert, unausgesprochen zu bleiben. "Du hast von Wunden gesprochen, die nicht heilen können… Damit sind nicht solche gemeint, wie Anirani sie heilen können, oder? Du meinst damit Wunden in der Seele, nicht wahr? Deswegen war Mama auch so traurig als ich sie nach meinem Vater gefragt habe…" Mag das Mädchen auch manchmal mit seiner Neugier über das Ziel hinaus schießen, so besitzt es doch auch ausgeprägte empathische Sinne, die manchmal mehr wahrnehmen als ihrer Mutter lieb ist.
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Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Niniane

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18

Wednesday, May 3rd 2017, 10:30am

Fragen über Fragen

Winter 516/517

Niniane lauscht Rialinn, während sie ihre Kochutensilien forträumt und abwäscht, und einen Moment lang glaubt sie schreien zu müssen, wenn sie noch einmal die Worte Winterwinds Blut, Fluch oder Dämon in einem Satz hören muss. Der Fluch ist seit Jahren gebrochen – Arúen hatte darum gekämpft, sich davon zu befreien, damit auch Rialinn davon frei wäre. Sie ist doch nur ein kleines Mädchen, das von ganz anderen Dingen reden und schon gar nicht über solche Fragen nachdenken müssen sollte… Aber das ist die Krux der Elben, nicht wahr? Immer in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben, wie sehr sie sich auch bemühen… selbst du, Arúen, wo du so darum kämpfst, kannst dich nicht ganz befreien. Und dein Kind muss ja auch immer alles bis ins letzte Detail ergründen… also schön… Als sie sich wieder zu der Kleinen setzt, hätte sie am liebsten erwidert, dass Winterwind wohl kaum eine andere Wahl gehabt hatte - der Dämon auf den Himmelsinseln hatte sich gewiss nicht erst artig vorgestellt und der Anukispriesterin dann eine schriftliche Einladung zum Duell geschickt oder ihr alle Zeit der Welt gelassen, irgendwelche Hilfe um sich zu scharen. Und während alle Welt auf den Tian'Sidha damit beschäftigt war, dem Ratschluss der Götter zu lauschen, hat niemand auf die Späher des Dunklen geachtet, die er… einerlei… Wenn Arúen es vorgezogen hat, ihrer Tochter eine so philosophische Antwort auf die Frage nach dem 'Warum allein?' zu geben, steht es ihr nicht zu, das in Frage zu stellen. Ihre Freundin wird ihre Gründe dafür haben und Rialinn wahrscheinlich auch nicht mit blutigen Erzählungen aus den furchtbaren Jahrzehnten vor dem Krieg der Götter schrecken wollen. In den Aufzeichnungen des Ordens der Chronisten beginnt der Krieg der Götter auf den Himmelsinseln zeitgleich mit dem Krieg der Unheiligen Legionen hier in den Immerlanden im Jahr 1987 des Dritten Zeitalters. Doch im Grunde hatte er auf den Tian'Sidha bereits in dem Moment begonnen, als der Dunkle seinen Fuß in den Ring der Götter gesetzt hatte. Niemals hätte er ihren Richtspruch anerkannt… Einigen der Schönen war das in jenen Tagen schon klar gewesen, doch… 'Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken vor deinem eigenen Auge erkennst du nicht.' Das trifft, wie sie sehr wohl weiß, manchmal sogar auf die Götter selbst zu. Jetzt wirst du selbst philosophisch. Und das gehört nicht auch noch hierher. Sie lächelt Rialinn zu, auch wenn es vielleicht ein wenig melancholisch gerät.

"Ach, Feuerkätzchen… diese Jahre vor dem Krieg der Götter auf den Himmelsinseln, jene Tage, als deine Großmutter dem Dämon begegnete, waren dunkel und gefährlich. Einige von uns ahnten und fürchteten, dass etwas kommt, dass ein Sturm heraufzieht, aber wir hätten uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausmalen können, wie furchtbar es werden würde. Und alle schöpften Hoffnung, als der Dunkle in den Ring der Götter gebracht wurde, und sie über ihn zu Gericht saßen. Aber er hatte nicht vor, sich ihrem Urteil je zu beugen. Derart abgelenkt, bemerkten die Elben diejenigen seiner Diener nicht oder nicht gleich, die er in ihre Lande geschickt hatte, um seine Augen und Ohren zu sein, und zu verderben, wen sie konnten. Vielleicht war es Vorsehung – vielleicht war deine Großmutter aber auch einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort, Rialinn. Und deine Mama… Arúen… hatte mit dem Dämon schließlich keine Wahl, als tapfer zu sein, weil sie mit dir schwanger war. Und weil sie dich auch da schon sehr geliebt hat, obwohl du noch nicht auf der Welt warst, hat sie den Mut aufgebracht, für dein Leben zu kämpfen. Aber du darfst nicht glauben, sie hätte ihre Lebensjahre vorher damit zugebracht, vor diesem Fluch davonzulaufen oder ihn zu ignorieren. Sie – und auch dein Vater, Falcon – haben sehr lange nach Mitteln und Wegen gesucht, und dem ganzen Wissen, das nötig war. Flüche sind tückisch und sie zu brechen, ist es oft noch mehr – es hat viele, viele Jahre gebraucht, alles über ihn in Erfahrung zu bringen und noch länger, die nötigen… wie soll ich sagen… Mittel in die Hände zu bekommen. Bücher… den Stein… und uns, Morgana und mich. Denn es waren drei verschiedene Priesterinnen drei verschiedener Völker nötig, und sie alle mussten Kinder unter ihren Herzen tragen. Solcherart war der Fluch… verworren, gesponnen wie ein schwarzes Netz mit zahllosen Strängen und - ohne, dass irgendjemand es hätte ahnen können - gebunden an eine bestimmte Zeit dazu. Doch als diese Zeit gekommen war, waren wir bereit und der Dämon hatte nicht die geringste Chance."
>Was hast Du damit gemeint, dass meine Mutter damals sehr mit dem Fluch zu kämpfen hatte? Davon hat sie nämlich nicht erzählt, was genau der Fluch für Folgen hatte, nur dass es ihn gibt. Naja, gut, ich habe auch nicht gefragt, aber Mama weiß doch, wie neugierig ich bin.<
"Ja, das bist du, Feuerkätzchen. Aber es steht mir nicht zu, die Geheimnisse deiner Mutter auszuplaudern. Ich glaube nicht, dass sie dir bewusst etwas verheimlichen möchte, Schätzchen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie damit noch warten will, bist du ein wenig älter bist, als jetzt. Du weißt schon mehr über solche Dinge, als du in deinem Alter eigentlich wissen solltest, du kannst dir also denken, dass Folgen und Auswirkungen von Flüchen alles andere als angenehm sind. Arúen hat eine lange Zeit, selbst nach elbischen Maßstäben eine lange Zeit, unter ihm gelitten. Manchmal war es schwerer für sie als zu anderen Zeiten. Und das ist alles, was ich dir dazu sagen kann."

Ehe die Protektorin dazu kommt, ihrerseits ein paar Fragen zu stellen, fällt Rialinn noch etwas ganz anderes ein. >Hat Mama Dir eigentlich je davon erzählt, dass ich als ich noch ganz klein war, mal so krank war, dass ich im Fieber von Roten Falken geredet habe, die mich ihr wegnehmen wollen?<
"Nein, das hat sie nicht," erwidert Niniane und es gelingt ihr, unbefangen zu lächeln, obwohl sich in ihrem Inneren ein kleiner, kalten Knoten bildet. Lasst sie nicht auch noch die Gabe der Vorsehung haben. Lass sie einfach unbekümmert und in Frieden groß werden… "Aber der Rote Falke war das Wappen der AnCus und es ist nicht verwunderlich, dass du sein Abbild gefürchtet hast. Kleine Kinder bekommen mehr mit, als man ihnen gemeinhin zutraut, vor allem unterschwellige Gefühle."
>Du hast von Wunden gesprochen, die nicht heilen können… Damit sind nicht solche gemeint, wie Anirani sie heilen können, oder? Du meinst damit Wunden in der Seele, nicht wahr? Deswegen war Mama auch so traurig als ich sie nach meinem Vater gefragt habe…<
"Ja, Feuerkätzchen. Das hast du ziemlich richtig erkannt. Auch Anirani können nicht alles heilen, Rialinn. Ihren Kräften sind Grenzen gesetzt. Manchmal – es ist selten, aber es kommt vor – sind Verletzungen zu schwer, Wunden bluten zu stark oder Krankheiten sind zu weit fortgeschritten. Aber du hast Recht, von solchen habe ich nicht gesprochen. Deine Mutter wird sich vermutlich noch lange mit einer unbestimmten Traurigkeit an deinen Vater erinnern, aber ich glaube, irgendwann wird sie auch wieder mit einem Lächeln an ihn denken können. Er hatte seine Fehler, wie ihn jedes Wesen hat. Ich selbst, auch du, sogar deine Mama oder Tyalfen oder dein Großvater. Aber er hatte auch viele gute Eigenschaften – deine ungeheure Neugier hast du zweifellos von ihm, den Wissensdurst von deiner Mutter. Du kannst auch unbefangen sein, so wie er. Und auch wenn du Arúen sehr ähnlich siehst, so wie sie ihrer Mutter ähnlich sieht… du hast auch etwas von ihm. Hier…" sie berührt Rialinns Gesicht mit kühlen, sanften Fingerspitzen genau an der Stelle zwischen ihren Brauen, wo ihre Nase beginnt und spürt - Was war das? - ein leichtes Prickeln auf der Haut "Deine Brauen sind mehr wie seine geformt und deine Nase wird, wenn du groß bist, vielleicht ein wenig mehr wie seine werden." Sie bringt Rialinn noch einen Becher Milch, und schenkt sich selbst eine Tasse dampfenden Cofea ein. "Aber jetzt hätte ich auch ein paar Fragen an dich, Schätzchen, vor allem eine." Sie lächelt ihr Katzenlächeln und sieht Rialinn aus glitzernden Augen an. "Deine Mama und der Aniran wollen heiraten? Wann? Und seit wann sind sie verlobt?"
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Rialinn

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19

Saturday, May 6th 2017, 8:44am

Rialinn hört mehr als aufmerksam zu, als ihre Tante von den Himmelsinseln und der Zeit vor dem Krieg der Götter erzählt - genau genommen hängt sie wie gebannt an den Lippen Ninianes. Ihre Mutter oder auch ihre Onkel werden immer sehr wortkarg und ausweichend, wenn das Mädchen aus reiner Neugier (oder welchen anderen Gründen auch immer) danach fragt. Und im Grunde sagen sie dasselbe wie die Elbin, der sie jetzt gegenüber sitzt: Es waren dunkle und gefährliche Zeiten. Eine Vergangenheit, die alle schlicht froh sind überlebt zu haben. Eine Vergangenheit, an die sich kaum ein Elb gerne erinnert. Für einige Herzschläge hat das Mädchen so etwas wie Schuldgefühle, weil ihre Tante sich nun ihretwegen an jene Zeiten erinnern muss, doch die werden rasch wieder von ihrer Wissbegier verdrängt.

>Vielleicht war es Vorsehung – vielleicht war deine Großmutter aber auch einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort, Rialinn. Und deine Mama… Arúen… hatte mit dem Dämon schließlich keine Wahl, als tapfer zu sein, weil sie mit dir schwanger war. Und weil sie dich auch da schon sehr geliebt hat, obwohl du noch nicht auf der Welt warst, hat sie den Mut aufgebracht, für dein Leben zu kämpfen..<

Dazu kann das Feuerkind nur nicken, denn es passt zu dem, was ihre Mutter mal gesagt hat, dass es einfach ist mutig zu sein, wenn man keine Wahl mehr hat. Und eine Wahl hatte ihre Mutter nicht mehr, als sie schwanger war, soviel ist Rialinn klar. Was ihre Großmutter angeht, ist das Mädchen insgeheim der Ansicht, dass es Vorsehung gewesen sein muss. Ihr kindlicher Glaube an die Macht der Götter ist zwar beileibe noch nicht so gefestigt wie der ihrer Mutter oder anderer Diener der Zwölf. Aber sie hat einmal gehört, wie Melaína und der Bruder Cellerar darüber geredet haben, dass nichts auf Roha ohne Grund geschehe und dass die Götter einem nie mehr aufbürden, als man auch bewältigen könne. Und zusammen mit Rialinns Glauben an die Allmacht der Götter ergibt das die (für sie) logische Konsequenz, dass die Götter wollten, dass Amithra damals auf den Dämon getroffen ist. Dass das auch bedeuten würde, dass die Götter auch all das Leid gewollt haben müssen, das daraus entstanden ist, verdrängt ihr Kinderherz einfach.


>Aber du darfst nicht glauben, sie hätte ihre Lebensjahre vorher damit zugebracht, vor diesem Fluch davonzulaufen oder ihn zu ignorieren.<

Fast hätte Rialinn empört geschnauft. Als ob ihre Mutter überhaupt dazu in der Lage wäre, vor irgendetwas davonzulaufen und so etwas wie den Fluch zu ignorieren - oder überhaupt etwas zu tun oder zu lassen, bloß weil es für sie bequemer wäre. Dazu kennt sie ihre Mutter und deren unerbittliche Selbstdisziplin einfach schon zu gut. So bleibt es aber bei einem wissenden Heben der Augenbraue, das für ein zwölfjähriges Kind viel zu erwachsen wirkt.

>Ich glaube nicht, dass sie dir bewusst etwas verheimlichen möchte, Schätzchen, aber ich kann mir vorstellen, dass sie damit noch warten will, bist du ein wenig älter bist, als jetzt. Du weißt schon mehr über solche Dinge, als du in deinem Alter eigentlich wissen solltest.<

Da ist er wieder, dieser Hinweis, dass sie dafür noch nicht alt genug ist. Bei anderen Gelegenheiten führt dieser Hinweis dazu, dass Rialinn nur noch hartnäckiger nachfragt. Nicht so an diesem Tag. Aus irgendeinem Grund akzeptiert sie dieses Mal den Hinweis auf ihr Alter oder genauer ihre Jugend und die Tatsache, dass sie schon mehr wisse, als sie wissen sollte.

>Kleine Kinder bekommen mehr mit, als man ihnen gemeinhin zutraut.<

Jetzt muss Rialinn zum ersten Mal an diesem Nachmittag grinsen. "Sowas ähnliches sagt Mama auch immer: Dass Kinder mehr mitbekommen, als Erwachsene ihnen zutrauen… oder als ihnen lieb ist." Auf die Idee, ihre Tante könne sich Sorgen wegen einer Sehergabe machen, kommt sie nicht. Wie auch, denn von der gelegentlichen Gabe ihres Großvaters weiß sie nichts. Das, was Niniane ihr dann noch sagt bewegt sie mehr, als das Mädchen grade aussprechen wollen würde. Aber es setzt sich in ihrem Herzen fest. Sie hat den Templer, ihren natürlichen Vater nie kennengelernt, und da ist dieser unbewusste Wunsch, dass ihre Mutter tatsächlich irgendwann ohne Traurigkeit und mit einem Lächeln an ihn zurückdenken kann.

Während sie sich unterhalten haben, haben die kleine und die große Elbin nebenher auch die restlichen Küchenutensilien abgetrocknet und in die Regale und Schränke geräumt. Den Becher mit Honigmilch hat Rialinn auch geleert. Als die letzte Schüssel ihren Platz gefunden hat, füllt Niniane ihr den Becher mit heißer Honigmilch auf und gießt sich selber einen Becher mit diesem dunklen, bitter riechenden Gebräu ein, bei dem das Mädchen ausnahmsweise einmal nichts dagegen hat, dass ihre Mutter der Ansicht ist, dass sie für Cofea noch zu jung sei. Mit ihren Bechern in der Hand wechseln die beiden Elbinnen aus der Küche in den großen Wohnraum, wo Shugorn auf einer Stuhllehne sitzt und bei ihrem Erscheinen augenblicklich die Federn und Perlen in Rialinns Haaren begehrlich ins Auge fasst.

Die Frage Ninianes nach der Verlobung und der Hochzeit von Arúen und Tyalfen bringt Rialinn dann allerdings etwas aus dem Konzept. Ihr war nicht bewusst, dass die Waldläuferin davon noch nichts weiß. Immerhin ist sie die engste Freundin ihrer Mutter. Sie ist wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass ihre Tante davon weiß. Entsprechend erstaunt erwidert sie das so vertraute Katzenlächeln und den Blick aus goldenen Augen. "Ähm… Ja, sie wollen heiraten, aber erst im nächsten Zwölfjahr. Großvater hat uns dazu nach Lomirion eingeladen. Verlobt haben sie sich eigentlich schon in der Inarinacht, haben sie mir erzählt, aber gefeiert haben wir die Verlobung erst letzten Sommer, als Gildin und Andovar da waren. Das war unglaublich schön, weil… nachdem Mama und Tyalfen einander versprochen haben, dass sie einander vor den Gesetzen der Elben und Götter heiraten werden, ist Tyalfen vor mir auf die Knie gegangen und hat mich gefragt, ob ich dann wenn er meine Mama zur Frau nimmt auch ganz offiziell seine Tochter sein und seinen Namen tragen will."

Auch wenn sie sich eigentlich ziemlich sicher ist, dass weder die Verlobung noch die Hochzeit ein Geheimnis sind oder sein sollen, spielen die Finger ihrer freien Hand trotzdem verlegen mit einigen Karten, die auf dem Tisch am Kamin liegen und blättern durch die Bilder, während sie ihrer Tante antwortet.
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Niniane

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Sunday, May 7th 2017, 7:33pm

Arhamâ
(Shidar; "Schicksal", unter elbischen Priestern auch Bezeichnung für das Fatid der Drachenkarten)

Winter 516/517

The tarot is fate, said the Gypsy Queen
And she beckoned me, to glimpse my future she'd seen
She said, do you see what I see? Be careful to choose
Be careful what you wish for, 'cause it may come true
When I lay the card down will it turn up the fool?
Will it turn up sorrow? If it does then you lose (W.A.S.P, The Gypsy meets the boy)


Niniane bemerkt Rialinns Empörung wohl - nicht nur an ihrer erhobenen Braue - doch sie schüttelt nur sacht den Kopf. Das Mädchen kennt seine Mutter nur als machtvolle Anukispriesterin, die stets Herrin jeder Lebenslage ist und bewundert sie vermutlich grenzenlos – und das darf sie auch. Doch Arúen hatte immerhin viele, viele Jahrhunderte lang mit diesem unseligen Fluch gelebt, ohne irgendetwas dagegen zu tun – nicht, weil sie nicht gewollt hätte, sondern weil sie es schlicht nicht konnte, und nur daran hatte Niniane einfach keinerlei Zweifel aufkommen lassen wollen. Drei Frauen, den Göttern geweiht, drei Mütter… erinnert sie sich. Sicher, Arúen hatte immer dagegen gekämpft und mit seinen Auswirkungen auch, aber sie hatte durchaus auch versucht, den Fluch wann immer es ihr möglich gewesen war, wann immer ihr das Leben ein wenig Frieden und ruhige Tage voller Gleichmaß geschenkt hatte, wenigstens für eine Weile zu vergessen. Und wie jeder Kampf, der so lange währt, war es nicht immer ein tagtägliches Ringen gewesen - es hatte Waffenstillstände und Atempausen gegeben, auch wenn das Unglücksschwert ständig über ihrem Kopf gehangen war. Doch von diesen Dingen weiß Rialinn noch nichts oder nicht genug - auch nicht, dass es Dinge gibt, die weit über die Kräfte ihrer Mutter gehen oder dass Selbstdisziplin, Arúens zweiter Vorname und an sich sicher eine löbliche Eigenschaft, nur bis zu einem gewissen Grad gesund ist. Als die Küche aufgeräumt ist und die fertigen Salben in ihren kleinen Tiegeln unter dunklen Tüchern ruhen, zieht sie mit Rialinn - samt Honigmilch und Cofea, verfeinert mit ein wenig Rahm und kostbarem Zucker von den fernen, fernen Sommerinseln - ins Kaminzimmer um. Dort ist dann Niniane endlich ihrerseits mit dem Fragenstellen dran und Rialinn, die ernstlich verwundert scheint, dass sie von den Hochzeitsplänen noch nichts gewusst hat, macht große Augen und furcht die kleine Stirn. "Deine Mutter und ich haben uns in den letzten Monden zwar ein paarmal zu Gesicht bekommen, aber immer nur sehr kurz, und alles, was wir besprechen konnten, waren irgendwelche dringenden Ratsangelegenheiten," erklärt sie dem Mädchen. "Mein Name ist Hase, ich weiß noch von gar nichts. Du kannst mir also alles brühwarm erzählen und ganz dick dabei auftragen, ja?" Rialinn lässt sich von ihrem Verschwörerton gern anstecken, schließlich weiß die Kleine genau, dass – wenn es jemanden gibt, der ihrer Mutter alles Glück Rohas in Liebesdingen wünscht – es bestimmt Niniane ist.

>Ähm… Ja, sie wollen heiraten, aber erst im nächsten Zwölfjahr. Großvater hat uns dazu nach Lomirion eingeladen. Verlobt haben sie sich eigentlich schon in der Inarinacht, haben sie mir erzählt, aber gefeiert haben wir die Verlobung erst letzten Sommer, als Gildin und Andovar da waren< beginnt Rialinn und ihre Finger streichen dabei gedankenverloren über den Stapel Drachenkarten, die Niniane im üblichen Durcheinander aus Briefen, Büchern und Schreibutensilien auf dem Tischchen hatte liegenlassen. Sie sieht, wie Rialinns schmale Hände die verschlungenen Muster der Kartenrücken nachfahren und meint irgendwo in ihrem Hinterkopf ganz schwach ein klirrendes Geräusch zu vernehmen, als ob etwas Kleines, Metallisches über eine harte Oberfläche hüpft. Ihre Fingerspitzen prickeln sacht. >Das war unglaublich schön, weil… nachdem Mama und Tyalfen einander versprochen haben, dass sie einander vor den Gesetzen der Elben und Götter heiraten werden<, plappert das Mädchen ihr gegenüber weiter, >… ist Tyalfen vor mir auf die Knie gegangen und hat mich gefragt, ob ich dann wenn er meine Mama zur Frau nimmt auch ganz offiziell seine Tochter sein und seinen Namen tragen will.< Niniane macht eine vage Handbewegung und legt den Kopf ganz leicht schräg. "Hörst du etwas, Rialinn?"
Die kleine lauscht einen Moment in die Stille des Baumes, dann schüttelt sie den Kopf und erwidert, sie höre nur das Prasseln des Feuers im Kamin und den sachten Wind draußen. "Hmm..." Das Geräusch, bleibt noch einen Moment, ein summendes Klirren, als ob eine Münze sich drehe, und verhallt dann, ungehört wie es scheint, von Rialinn, doch sie…
'Möchtest du das, Rialinn? Zum Haus des Aniran gehören, zu einem Laikeda'ya-Haus?' hätte sie eigentlich fragen wollen – hätte es fragen sollen. Stattdessen hört sie sich selbst sagen: "Nimm die Karten, Feuerkätzchen, und misch sie durch."

Das Mädchen tut wie ihr geheißen – ausnahmsweise einmal ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen. Sie hat ein wenig Mühe die recht großen, stabilen Drachenkarten in ihren kleinen Händen zu halten, doch es gelingt ihr. Soweit Niniane weiß, beherrscht Arúen das Arhamâ nicht, obwohl sie einen wundervollen Satz uralter Karten von den Tian'Sidha besitzt, nämlich die ihrer Mutter. "Jetzt gib sie mir." Rialinn reicht ihr den Stapel und die Karten scheinen ihr zuzuwinken wie ein alter Freund. Sie greift mit einem vagen Stirnrunzeln nach ihnen, doch dann zögert sie im letzten Moment. Es ist Monde her – fast zwei Jahresläufe um genau zu sein. Vielleicht hätten die Karten einiges von den seltsamen, den erschreckenden wie den wunderbaren, wenn auch vollkommen unerklärlichen Ereignissen, die in dieser Zeit geschehen waren, vorhergesagt, und vielleicht hatte sie im Geheimen, ganz tief in ihrem Inneren, diesen Verdacht schon die ganze Zeit gehegt. Du warst schon immer gut darin, etwas halsstarrig zu leugnen… und nun sei nicht albern, es geht hier um ein kleines Mädchen, nicht um jahrhundertealte Prophezeiungen, Wiedergeburten und Schicksale, Blutflüche, gestohlene Erbschätze, Dämonen... Niniane ruft ihre davoneilenden Gedanken zur Ordnung und ihre Augen richten sich wieder auf den Kartenstapel. Wie von selbst strömt eine Woge ihrer Macht in ihren Körper – das Arhamâ ruft sie, und sie wird lesen, was gelesen werden muss, also unterdrückt sie die in ihr aufwallende Unruhe und nimmt die Karten. Niniane sieht, wie ihre Hand kaum merklich zittert, als sie sich um den Stapel schließt und spürt, wie die Kühle der lackierten Holzkarten in ihre Finger dringt, ihre Arme hinaufkriecht. Dann fächert sie den Stapel behutsam auf.
"Zieh nacheinander sechs Karten und leg sie verdeckt vor dich auf den Tisch."
Rialinn wählt mit großer Sorgfalt ihre Karten und breitet sie auf der Tischplatte aus, und Niniane kann das schwache Pulsieren der Macht in ihnen spüren, noch während sie die übrigen auf dem Stapel ausrichtet. "Ich lege nur das Kleine Rad, ein einfaches Blatt. Das Thema ist nicht festgelegt, denn du hast dem Arhamâ ja keine Frage gestellt. Die Karten werden uns also mit ihren Offenbarungen einfach… überraschen." Sie nimmt die erste Karte, die Rialinn ausgewählt hat und platziert sie, noch immer verdeckt, in der Mitte. Die zweite legt Niniane quer über diese erste Karte, die übrigen vier richtet sie der Reihe nach und im Uhrzeigersinn nach den vier Himmelsrichtungen aus. "Wollen wir beginnen?"
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Rialinn

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21

Monday, May 8th 2017, 5:25pm

Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.
(Johannes 3, 8 )

Winter 516/517


Ein wenig irritiert es Rialinn schon, als Niniane erst mit der Hand wedelt und dann den Kopf schräg legt, während sie von Tyalfens Frage an sie bei der Verlobung erzählt. Und dann die Frage, ob sie etwas hört, die scheint irgendwie auch nicht zu ihrem Gespräch zu passen, ganz so als sei ihre Tante mit den Gedanken auf anderen Pfaden unterwegs. Aber da das Kind weiß, dass die Sinne der Waldläuferin um einiges feiner sind als ihre eigenen, lauscht es wie gefragt aufmerksam. Doch da ist nichts, also zumindest nichts, das da nicht hätte sein sollen oder die leicht irritierte Miene ihrer Tante erklären würde. "Nein, da ist nichts, Tante Nan, nur das Prasseln des Feuers im Kamin und der Wind, der draußen um den Baum streicht." Eigentlich hätte das Mädchen erwartet, dass ihre Tante sie fragt, ob sie das denn will, die Tochter Tyalfens werden. Immerhin ist das auch die Frage gewesen, die ihr Onkel ihr noch am Abend der Feier gestellt hat. Ziemlich überflüssig, wie Rialinn insgeheim meint, denn schließlich hatte sie die Frage des Aniran ja mit einem freudestrahlenden 'Ja' beantwortet. Sie mag den Smaragdelben, fühlt sie bei und mit ihm sicher und behütet. Und der Gedanke, dass er dann richtig ihr Vater sein wird, gefällt ihr, scheint eine Lücke zu füllen, derer sie sich immer vage bewusst gewesen ist, die sie aber nie hatte zuordnen können. Die Hochzeit ihrer Eltern scheint aber ohnehin nicht mehr das Thema ihrer Unterhaltung zu sein. Was auch immer ihre Tante eben abgelenkt hat, es dauert an, denn Niniane fordert sie auf, die Karten, mit denen ihre Finger eben noch eher unbewusst gespielt haben, zu nehmen und zu mischen.

Zu überrascht um eine ihrer berühmt-berüchtigten Fragen zu stellen, tut Rialinn wie geheißen. Sie stellt ihren Becher mit der Milch auf den Tisch und nimmt den Kartensatz in die Hand. Das ist nicht ganz einfach, immerhin sind die lackierten Karten aus dünnem Holz deutlich dicker und stabiler als normale Spielkarten, die obendrein kaum in Drittel der Größe dieser ganz besonderen Karten haben. Sie kennt diese Karten, einen Satz Drachenarten oder zumindest einen ähnlichen Satz. Ihre Mutter besitzt ebenfalls einen, auch wenn der in den Mustern der Rückseiten und den eigentlichen Bildern älter und auf eine urtümliche Art elbischer aussieht. Sie hat die Anukispriesterin auch schon die Karten legen - und darüber verzweifeln - sehen.
"Ich habe Mama schon zugesehen, wenn sie versucht hat, die Drachenkarten zu legen… es hat nie funktioniert… Die Karten und ihre Zeichen haben sich ständig verändert und sind nicht zur Ruhe gekommen", erzählt sie leise, während sie den Stapel nach dem Mischen an Niniane zurückgibt. Gespannt und aufmerksam verfolgt das Elbenmädchen jede Handbewegung und jeden Blick im Tun ihrer Tante. Plötzlich ändert sich auch etwas in der Atmosphäre um sie herum, ein Kribbeln liegt in der Luft. Rialinn ist davon nicht erstaunt, es fühlt sich genauso an, wie wenn ihre Mutter die Macht Anukis' zu sich ruft und das ist ihr seit frühesten Kindertagen so vertraut, dass es sie eher beruhigt denn erschreckt.

> Zieh nacheinander sechs Karten und leg sie verdeckt vor dich auf den Tisch. <

Wie geheißen wählt Rialinn sechs Karten aus dem aufgefächerten Stapel in der Hand der Shenrahpriesterin. So, mit der Rückseite nach oben sehen die Karten alle gleich aus, doch das Mädchen lässt konzentriert die linke Hand darüber gleiten. Sorgfältig trifft sie ihre Wahl und wüsste doch nicht zu sagen, warum sie diese und nicht jene Karte nimmt. Schließlich liegen sechs Karten auf der inzwischen freigeräumten Tischplatte.

> Ich lege nur das Kleine Rad, ein einfaches Blatt. Das Thema ist nicht festgelegt, denn du hast dem Arhamâ ja keine Frage gestellt. Die Karten werden uns also mit ihren Offenbarungen einfach… überraschen. <

Wie gebannt sieht sie zu, als Niniane die Karten in der gezogenen Reihenfolge nimmt und noch immer verdeckt in einem Muster anordnet. Die beiden ersten liegen übereinander wie ein Kreuz, welches das Zentrum bildet, die anderen vier weisen in die vier Himmelsrichtungen. Auf die Frage, ob sie beginnen wollen, nickt Rialinn erst nur stumm. "Ich bin aufgeregt…", flüstert sie dann leise. Eigentlich mag sie Überraschung, aber aus einem Grund, den sie nicht erklären kann, klopft ihr das Herz jetzt vor Aufregung bis in den Hals, als die erste Karte, die unterste im zentralen Kreuz aufgedeckt wird
Avatar (c) Niniane

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Niniane

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Tuesday, May 9th 2017, 7:27pm

All in

Winter 516/517

I never got into magic - but the magic got into me.

Well, who's that writin'? John the Revelator
Who's that writin'? John the Revelator
Who's that writin'? John the Revelator
Wrote the book of the seven seals…

Tell me what's John writin'? Ask the Revelator
What's John writin'? Ask the Revelator
What's John writin'? Ask the Revelator
A book of the seven seals… (Traditional gospel blues call and response song)


Niniane hört nur mit halbem Ohr, was Rialinn flüstert, sie ist zu sehr damit beschäftigt, auf den noch immer schwachen Klang in ihrem Kopf zu lauschen, den sie wohl auch noch einige Zeit hören würde, davon ist sie fest überzeugt. Metall… oder etwas Metallisches… dreht und dreht sich… Doch die Karten liegen aus und rufen mit vertrauter Kühle und dem Gefühl von großer Bedeutung nach ihr, und Rialinn lächelt arglos zu ihr auf. Niniane atmet seufzend aus und ihre Augen schließen sich von selbst. Sie bewegt die Rechte über dem ausgelegten Kleinen Rad ohne es zu berühren, und die quer über der ersten Karte liegende hebt sich wie von Geisterhand bewegt und schwebt über dem Tisch und dem verdeckten Blatt. Dann dreht sie die erste Karte um. "Die Hohepriesterin." Eine hohe Karte und eine machtvolle Eröffnung… als wolle ihr Fatid ihr gleich zu Beginn entgegenschleudern: Hier hast du deine Antwort! Doch eine Antwort macht nur Sinn auf eine Frage - und es wurde keine Frage gestellt.
"Meine Mama", hört sie Rialinn seufzen und kann es dem Mädchen nicht verdenken. Welcher Gedanke wäre naheliegender? Doch die ganze Aufmachung der Karte ist mehr als seltsam und Niniane studiert mit wachsender Unruhe die gemalte Figur. Ihr Haar ist dunkel, ihre Haut sehr hell und ihre Gestalt eindeutig elbisch. Sie blickt zu Boden, so dass ihr Gesicht nicht zu erkennen ist - doch das muss sie auch nicht um zu wissen, dass hier weder Arúen, noch Amithra dargestellt sind. Zu jung. Viel zu jung. Fast noch ein Kind. Und doch trägt dieses Mädchen das Gewand und den Mantel einer Hohepriesterin. An ihren Handgelenken sitzen Eisen, von denen rauchige, ätherische Ketten mit zerrissenen Enden in die Dunkelheit des Hintergrunds davontreiben, und sie wandelt barfuß über Dornenranken, schwarz und tot, welche die gesamte untere Hälfte der Karte einnehmen - wofür diese stehen, weiß Niniane sofort. Auf Dornen sollst du in die Andernwelt wandern… Die schmalen Hände des Mädchens sind vor dem jungfräulichen Leib gefaltet und halten eine einzelne lachsrote Rose mit einer Blüte, nicht mehr geschlossen, doch auch noch nicht ganz geöffnet, noch nicht voll erblüht. Zwei weitere austreibenden Knospen, kaum Ahnungen zwischen den grünen Blättern, sitzen an ihrem schlanken Stiel. Auf der Stirn der Kindfrau aber glüht eine kleine, smaragdgrüne Flamme. Wie leicht, diese für das Zeichen von Anukis zu deuten, doch je länger Niniane hinsieht, desto sicherer ist sie, dass etwas ganz Anderes gemeint ist. "Eine Renairisrose!" Quietscht Rialinn mit einem verzückten Lächeln und sprudelt hervor, dass Tyalfen ihrer Mutter nach seiner Rückkehr aus Siam wochenlang Blumen geschickt habe, immer mit einer Renairisrose und immer mit geheimnisvollen, kleinen Kärtchen in den duftenden Sträußen. "Mama hat sie alle aufgehoben… die getrockneten Rosen und die Karten", flüstert das Mädchen, noch immer voll Faszination über die Drachenkarten gebeugt. "Sie bewahrt sie in ihrem Schmuckkästchen auf wie Schätze."
"Das sind sie ja auch," flüstert Niniane zurück und unterdrückt trotz ihrer Unruhe ein Lächeln. Soso… ein romantischer Aniran also. Tyalfen aus dem Haus Laifaryn war zwar ein einziges Mal bei ihr gewesen, um ihr… nun, vermutlich um ihr, als das was sie ist, seine Aufwartung zu machen, aber sie hat den Laikeda'ya seither nicht wieder gesehen, bestenfalls hin und wieder aus der Ferne an Arúens Seite, und nie mehr mit ihm gesprochen. Ihre Kenntnisse über den Mann beschränken sich auf das Wissen um seinen Namen (Tyalfen aus dem Haus Laifaryn), seine Herkunft (er ist ein Laikeda'ya aus Siam) und seines Heilerdaseins (er ist ein Aniran welchen Ranges auch immer). Nun, offensichtlich hat er etwas für Rosen übrig. Arúen hat ihm die Ehe versprochen und Rialinn mag ihn. Sehr sogar. Muss du noch mehr über den Mann wissen? Nein. Ihr Blick kehrt zu Gimel zurück und bleibt an der winzigen, grünen Flamme hängen. Laifaryn… lai… laikeda… faryn… Laiceda Pharyn… Der Name seines Hauses, oder das, was der Schliff der Jahrhunderte und Jahrtausende aus ihm gemacht haben, entstammt nicht dem Shidar, er ist älter… Tyalfens Haus mag kein hohes Haus der Laikeda'ya sein, aber es ist alt. So alt, dass sein Name aus einer Zeit stammt, als die Elben noch zu Füßen der Götter durch das Zwielicht wandelten und im Ayaron zu ihnen sangen. Laifaryn. Laiceda Pharyn. Die Smaragdflamme.

Ihre Ahnung, das grüne Mal habe nichts mit Anukis zu tun bestätigt sich damit, doch auch sonst enthält die Karte keinen Hinweis auf ein irgendein Hohes Haus der Götter: der Mantel um die schmalen Schultern ist unleugbar der einer Hohepriesterin, doch er ist sehr neutral gehalten, ebenso wie ihr Gewand. Ganz und gar keine unerwartete Karte, bedenkt man Rialinns Abstammung. Doch sie ist so düster, die Stimmung beinahe unheimlich. Auf die Vergangenheit, den Fluch gemünzt? Oder… auf etwas Anderes? Das Buch als Sinnbild göttlicher Weisheit ist nicht zu sehen und Niniane vermisst auch noch einiges andere, das für gewöhnlich in irgendeiner symbolhaften Form bei Gimel zu finden ist. Doch was sie mit noch viel mehr vager Unruhe erfüllt ist die Tatsache, dass jeder eindeutige Hinweis auf das Hohe Haus Wildnis fehlt. Was soll das Versteckspiel, Anukis? Wenn ein Hohes Haus dieses Kind beruft, dann doch wohl deines… In der Dunkelheit über dem Kopf der Novizin schwebt ein Schatten, den Niniane nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen kann, eine vage Andeutung, die verschwindet, sobald sie die Stelle genauer betrachtet. Irgendwo in ihrem Hinterkopf erklingt das Echo eines Flüsterns. Die Macht der Karten pulsiert, und Niniane kann schwach die Präsenzen in ihrem Gewirr spüren, die Aufmerksamkeit darin. Du gibst die Wahrheit also nicht preis? Doch in ihren Gedanken flüstert bereits die geisterhafte Antwort: Weil du dir selbst noch nicht sicher bist? Oder weil du nicht weißt, wer sonst noch vielleicht zusieht...? Zwischen Ninianes scharf gezeichneten Brauen erscheint eine steile Falte, dann fällt ihr etwas Anderes ins Auge, kaum zu sehen unter den schwarzen Ranken zu Füßen dieses Kindes im Mantel einer Hohepriesterin, über das sie dahingeht, wie über die Dornen. Es sind Felder und Linien, weiß und schwarz… Ein Schachbrett? Als nehme eine Spielfigur ihren Platz ein. Irgendetwas bleibt an diesem Gedanken kleben, aber sie kann beim besten Willen nicht sagen was.
"Was ist mit der zweiten Karte?" Hört sie Rialinn fragen. Für das Mädchen steht die Hohepriesterin für ihre Mutter und ist damit schon in den Hintergrund gerückt, tatsächlich hat sie kaum mehr als einen flüchtigen Blick auf die Gestalt selbst geworfen, viel wichtiger war ihr die Rose erschienen und das, was sie dazu zu erzählen hatte. "Gleich, Feuerkätzchen. Doch sieh her, siehst du die grüne Flamme, hier auf ihrer Stirn? Das ist nicht das Zeichen der wilden Herrin, mein Schatz. Ich glaube, es steht für das Haus Laifaryn, denn der Name bedeutet… oder hat es vor sehr, sehr langer Zeit einmal… 'Smaragdflamme'. Es ist aus dem Ayaron. Vielleicht sagt dir die Karte, dass ihr zu Tyalfens Haus gehören werdet, deine Mutter und du." Das ist zwar meilenweit entfernt von der vollen Wahrheit, aber es ist keine Lüge und wenn Anukis darauf besteht, sich in Geheimnisse zu hüllen, wird sie das auch tun. Rialinns Strahlen auf diese Worte hin lässt keinen Zweifel daran, dass sie sie nichts Anderes wünschen würde, und Niniane nickt kaum merklich. Ein wenig Laikeda'ya-Wildheit, davon ist sie überzeugt, würde den Mitarlyrs nur guttun. Ich hätte zu gern Tianrivos Gesicht gesehen, als…
"Tante Nan… die zweite Karte!"
"Ah, ja. Natürlich." Sie lässt die Kreuzkarte immer noch schweben und hat es nicht einmal gemerkt. Jetzt schnippt sie sie fast nachlässig auf das ausgelegte Blatt und sie fällt aufgedeckt über die der Hohepriesterin. Niniane stockt der Atem. Eine neutrale Karte, sicher, doch…

"Kaph. Das Rad des Schicksals. Vorsehung. Der Weg, der bestimmt ist, aber er liegt im Schatten." Und er liegt quer. Ist deshalb kein Hinweis auf ein Hohes Haus auf Gimel? Meistens erscheint Kaph als Kompass, versammelt die vier Grundelemente und dazu Symbole für die Freiheit des Willens, für Weisheit und Vorsicht um sich… doch diesmal nicht. Diesmal ist Kaph das zwölfspeichige Rad, der Kreis der Götter, gigantisch wie die Achsen Rohas selbst, und wird von Soris, der Glücksmaid und Llaeron, dem Schicksalsfüger, lächerlich klein gegenüber seinen gewaltigen Ausmaßen, über wabernde dunkle Schemen bewegt. Soris ist oben, links des Rades, die Kraft des Glücks, das zieht anstatt zu stoßen, während Llaeron, die treibende Kraft des Schicksals rechts des Rades, es voran drängt… doch sein umwölkter Blick geht nach unten, in die wogenden Schatten. Der Gesichtsausdruck von Soris, wie stets in Gestalt einer Fee mit alabasterheller Haut und schillernden Flügeln, ist weich, fast zärtlich, eine neue Facette, die darauf hinweist, welches Gleichgewicht gerade vorherrscht. Doch Llaeron… Ein weiteres Detail fällt Niniane ins Auge, das sie bisher noch gar nicht gesehen hatte: die rechte Hand des Schicksalsfügers liegt am Rad und stößt es vorwärts, in der Linken jedoch hält er eine Spindel, die zu Boden tanzt und wieder emporsteigt, unaufhörlich, die Fäden spinnt, welche selbst in die Dunkelheit hinabreichen, tausende Fäden. Und Llaerons Stränge verflechten sich zu einem eigenartigen Irrgarten und umstricken die Schatten wieder und wieder… Und aus diesem Labyrinth aus Schatten steigt etwas empor, winzige, glühende Funken und grauweiße Flocken, die sich beinahe sanft über die Dunkelheit auf dem Pfad des Rades legen, wie… ist das etwa Asche?
"Soris und Llaeron bestimmen doch unser aller Schicksal," erklärt Rialinn und klingt wie eine Autorität, so dass Niniane ein belustigtes Schniefen von sich gibt. Sie kann sich gut vorstellen, von wem das Mädchen diesen Satz und den dazugehörigen Tonfall aufgeschnappt hat. Eluna, die Novizenmeisterin im Anukistempel.
"Und die nächste Karte?" Will sie wissen und ein "Wann verraten denn die Karten etwas über mich?" spricht sie zwar nicht aus, aber es klingt trotzdem mit.
Niniane wendet sich der ersten Karte des Kreises selbst zu, der Karte links, und als sie sie umdreht, ist sie nicht wirklich überrascht, sie genauso ungewöhnlich zu finden, wie die ersten beiden schon. Was hast du erwartet? Dass Rialinn, die Tochter Arúens, die Enkeltochter Winterwinds und das Kind eines Templers ein ganz und gar gewöhnliches Leben führen wird? Das zu glauben, wäre naiv. "Maid der Schwerter," erklärt sie leise. "Feuerkind."
"Oh… steht die für mich?"
"Ich glaube schon."
"Sie ist aber… ahm… ich meine… "
"Ja, ich sehe, was du meinst."
Ein dunkelhaariges, hellhäutiges – und sicher auch grünäugiges – Elbenmädchen in moosgrüner Kleidung trägt Federn und Perlen im Haar und reitet einen Feuertiger durch eine allumfassende Dunkelheit, der mit seinem flammenden Pelz die gesamte untere Hälfte der Karte in Brand steckt, während die obere vollkommen in düsteren Schatten verschwimmt. Die Figur des Kindes ist ein unverkennbares und ziemlich genaues Abbild Rialinns und hält ein Schwert. Natürlich, die 'Maid der Schwerter'. Auf den zweiten Blick wird Niniane klar, dass das Mädchen den Tiger nicht reitet, sondern von ihm getragen wird. Sie thront auf seinen Schultern und sieht sehr klein auf seiner gewaltigen Gestalt aus, wirkt beinahe ein wenig verloren… doch das mag vielleicht schlicht seiner übermächtigen Präsenz geschuldet sein. Das Schwert, das sie trägt, hat sie nicht gegürtet, sondern hält es an Heft und Spitze vor sich, als wolle sie es jemand anderem darbringen, als trage sie es… jemandem voran? Wenn dem so ist, kann Niniane nicht erkennen, wer das sein soll, denn hinter ihr und dem Tiger sind nichts als Rauch und wabernde Schatten. Es ist nicht ihre Waffe. Die Augen des Flammentigers brennen lauernd, fixierend, in ihren forschenden Blick. Feuerzungen lecken aus seinem Fell, Funken sprühen aus seinen mörderischen Pranken. "Tiger, Tiger, Flammenpracht…" zitiert sie leise, beinahe amüsiert und Rialinn murmelt ohne aufzublicken ein atemloses "Washastdugesagt?" hervor, vollkommen im Bann dieser – ihrer – Drachenkarte. Offenbar ist sie zu dem Schluss gekommen, dass sie das ganze wunderbar aufregend findet.

"Es ist ein altes Gedicht. König Tissanar von Merlâron hat es vor langer Zeit geschrieben, als die Waldelben auf die Sommerinseln kamen und zum ersten Mal Feuertiger sahen.

'Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Waldungen der Nacht:
Welcher Götter Aug' und Hand
wagten deiner Schrecken Brand?

In welch’ Himmeln, ungeheuer,
schmolzen Deiner Augen Feuer?
Auf welch’ Flügeln, unbenannt,
flog der, der ergriff den Brand?'"*


"Das ist schön. Und so passend… ich meine… er ist wirklich schön, der Feuertiger. Aufregend. Aber er sieht auch gefährlich aus. Wild. So wie Feuer auch sein kann, oder Tante Nan? Und das bin ich, da auf dem Tiger, nicht wahr?" Ihre Augen funkeln ob dieser Erkenntnis und Niniane beschließt, die Karte ebenfalls als etwas Gutes zu sehen. Der Feuertiger kann einen Verbündeten oder einen Gegner symbolisieren, aber er steht zweifellos für Rialinns Geburtsmond, den Sonnenthron. Am wahrscheinlichsten ist er weder Freund noch Feind – er ist einfach nur dort draußen, unberechenbar und mit sich selbst beschäftigt.
"Ja", erwidert sie. "Diese Karte, die Jungfer der Schwerter, steht für dich. Man nennt sie auch das Kind des Feuers, zumal wenn die Jungfer so jung in Erscheinung tritt. Wie dein Name - Rialinn. Sie zeigt dir dein Element, das Feuer. Feuertiger sind jedoch magische Wesen und stehen für die Liebe. Und aus Liebe wurdest du geboren – auch wenn unser gestreifter Freund hier eher aussieht, als wäre er gerade im Auftrag Voshoras unterwegs. Was hast du vor, Feuerkätzchen? Eine Laufbahn als Brandmeisterin einschlagen?"
Jetzt errötet Rialinn unter Ninianes liebevollen Spötteleien doch ein wenig und schüttelt sacht den Kopf. "Nein, nein. Vielleicht werde ich ja Anukis' dienen, so wie Mama. Oder ich werde Anirana. Oder Waldläuferin, wie du. Oder ich reite Pferde ein, ich bin so gut im Sattel geworden, Tante Nan." Beim Stichwort reiten wird der Blick des Mädchens unwillkürlich wieder von dem Tiger angezogen, neben dem als Reittier wohl jedes noch so feine Pferdchen verblasst. "Was ist das da unten in den Flammen?"
Niniane beugt sich vor und sieht, was zuvor nicht zu erkennen war – in der lodernden Glut hüpfen und tanzen schemenhafte Umrisse, und nach einer Weile kann sie auch erkennen, was es ist: Brennende Schiffe. Und aus ihrem lichterloh in Flammen stehenden Aufbauten, aus ihren Masten und Wanten, tanzen Funkenschauer empor und fließen als glühende Schlieren und feurige Tropfen in die Pranken des Tigers… oder fließen die Brände von ihm herab? Feuertiger mögen magische Wesen sein, der Legende nach in der Nacht der Weinenden Sterne aus einer glühenden Begegnung Loas und Inairs geboren, und eigentlich die Liebe symbolisieren, doch dieser hier erscheint ihr nicht wie wärmendes Herzensfeuer, noch nicht einmal wie die hochschlagenden Flammen der Leidenschaft - dieser hier ist eine Urgewalt, der ungezügelte, lodernde Brand, die reine Glut, wunderbar anzuschauen und zugleich erschreckend in seiner wilden, beinahe grausamen Schönheit. Niemand könnte ihm entkommen. Niemand. Feuerkind, geboren im Sonnenthron im Zeichen des Feuertigers, von Loa geküsste Maid der Schwerter… geht Niniane durch den Kopf. Dann kommt ihr ein noch viel kühnerer Gedanke: Mischt sich etwa Loa hier ein und demonstriert ihre Kraft? Erinnert sie Anukis daran, dass die Wildnis kein verbrieftes Recht auf Rialinn hat, nur weil ihre Mutter und ihre Großmutter dem Hohen Haus dieser Göttin dienten? Möglich – doch die Macht, die sie deutlich auch in dieser Karte spürt, hüllt sich ebenso eisern in Schweigen. Sie bleibt, was sie ist, ohne ihre Geheimnisse preiszugeben. "Hm," brummt Rialinn enttäuscht. "Jetzt ist es weg und ich kann nichts mehr erkennen. Hast du gesehen, was es war?"
"Schiffe. Ich glaube, es waren Schiffe."
"Ich verspreche, ich werde nie ein Schiff anzünden!"
"Oh, gut. Sehr löblich von dir."

Damit deckt Niniane die nächste Karte auf, die oberste des Kreises. Jod, die Harpiye. Noch eine hohe Karte aus dem Haus der Trümpfe. Sonst meist eine der geheimnisvollsten und widersprüchlichsten Karten im Fatid, ist ihre Bedeutung hier so klar wie ihre Darstellung, das Gefühl, das mit ihrem Aufdecken einhergeht, beinahe – aber nur beinahe - beruhigend: eine Harpiye schwebt mit weit ausgebreiteten Schwingen durch einen nächtlichen Himmel. Sie ist allein, doch sie ist nicht einsam, sie ist nur… im Flug. "Zeit der Wache. Zeit der Reife, des Erwachsenwerdens. Des Findens deines Selbst, der Erkenntnis," murmelt sie gedankenverloren, aber vollkommen sicher, beinahe wie zu sich selbst. Wovon sie nicht spricht, ist die Position, die Jod hier einnimmt – als wolle sie dem schicksalsträchtigen Kreuz im Kreisinneren spotten, der machtvollen Eröffnung des Fatids so seinen Biss nehmen. Als wolle sie sagen: Seht her, alles ist noch in Bewegung, nichts ist in Stein gemeißelt, nichts entschieden. Das Feuerkind ist noch so jung, seine Ausformung liegt noch Jahrhunderte in der Zukunft, es sucht noch seinen Weg. Ohne von Rialinn aufgefordert werden zu müssen, wendet sie sich der Karte zur Rechten des gelegten Kreises zu und spürt augenblicklich die Kühle unter ihren Fingern. Koph, die Monde, und damit schon die vierte hohe Karte aus dem Kadjen. Allmählich kommt Niniane sich vor, als würde sie hier ein Schachspiel ungeachtet aller Regeln mit einer Rochade eröffnen. Voll und rund scheinen Lorfaêr und Caidfaêr in vertrauter Zweisamkeit aus einem dunklen Nachthimmel, in dessen schier überwältigenden, blauschwarzen Tiefen Millionen heller Sterne glitzern. Niniane kann keine einzelnen Sternbilder ausmachen – es scheint überhaupt keine ihr bekannten Konstellationen in diesem Himmel zu geben, also mag das auch nicht von Bedeutung sein. Sie konzentriert sich ganz auf ihre Gefühle beim Anblick dieser ewigen Unendlichkeit, die ihre unvergleichliche Pracht so selbstlos entfaltet, so demütig, so erhaben - einfach existent, ob man sie nun bewundert oder nicht. Sie könnte die Karte, und die Ruhe, die sie ausstrahlt, als einen Fixpunkt in diesem Spiel des Fatids deuten, aber irgendwie widerstrebt es ihr, das zu tun. "Die Monde symbolisieren zu gleichen Teilen Wandel und Gleichmaß, auch Heilung, denn ihre Veränderung ist rhythmisch und immer gleichbleibend… vom Neumond, zum Halbmond, zum Vollmond und wieder zurück, um von neuem zu beginnen. Sie stehen auch für das Maß aller Dinge, denn nach ihren Zyklen messen wir die Zeit, sie bestimmen den Verlauf der Monde, der Jahre, der Jahrhunderte…" hört sie sich sagen. "Weil sie hier im Kreis nach der Harpiye auftauchen, denke ich, sie stehen für einen kontinuierlichen Wandel und eine Zeit der Ruhe." Oder aber… nun…tja. Nachdem Anukis vor allem durch offensichtliche Abwesenheit glänzt und Loa möglicherweise ihren Feuertiger ins Spiel gebracht hat, und die Monde zwar all das symbolisieren, was Niniane brav aufgezählt hat, aber auch der Trumpf des Hohen Hauses Nacht im Fatid sind… könnte man sie ebenso gut als einen Fingerzeig der Göttin Faêyris ansehen. Mmpf, wenn, dann sind sie zu nichts anderem hier, als um vollends Verwirrung zu stiften! Grollt sie innerlich, denn auch im Licht der neu aufgedeckten Karten verändert sich Gimel keinen Deut. Natürlich schweigt sich Koph dazu genauso aus, wie schon die Maid der Schwerter.
"Und die letzte?" Von solch trockenen Theorien und kryptischen Deutungen ganz offensichtlich staubig, öder, völlig langweiliger Drachenkarten wie der letzten beiden, hält das Mädchen im Moment wohl nicht allzu viel. Angesichts des Feuertigers auch kein Wunder… wahrscheinlich hat sie gehofft, gleich noch den Ritter der Stäbe und einen feuerspeienden Drachen in ihrem Kreis zu finden. Oder wenigstens einen klitzekleinen Dämon, den sie mit ihrem Tiger fressen kann… Sie dreht die Karte mit einem nachsichtigen Lächeln um, und während Rialinn eine enttäuschte Schnute zieht, setzt Niniane umgehend ihre gleichmütigste Miene auf. Nichts in ihrem Gesicht verrät etwas von ihren Gedanken. Cobrin, Troilus und Cassandra! Wieder eine Trumpfkarte des Kadjen, und das in einem so einfachen Blatt – das gesamte kleine Rad, das sie gelegt hatte, besteht ja nur aus sechs Karten. Alle außer einer - die Maid der Schwerter - sind Trumpfkarten des Großen Geheimnisses, Gimel, Kaph, Jod, Koph und nun… Die letzte Karte zeigt zwar nicht Aijin, den Dämon, auch wenn Niniane sein Auftauchen in diesem seltsamen Fatid nicht mehr gewundert hätte, aber ein Schauer rinnt ihr dennoch über den Rücken. Es ist Pe, der Turm.
"Ach…" murmelt Rialinn, offensichtlich etwas enttäuscht von diesem unrühmlichen Ausgang, dabei hatte es doch so vielversprechend begonnen.
"Ja," Niniane nickt, als könne man da einfach nichts tun und zuckt nur leicht mit den Schultern. "Veränderung. Bestimmt unser aller Leben so wie Soris und Llaeron, hm?"


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Rialinn

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23

Sunday, May 14th 2017, 5:52pm

Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts.
(Goethe)


Winter 516/517

Wenn die Neugier sich auf ernsthafte Dinge richtet, dann nennt man sie Wissensdrang.
(Marie v. Ebner-Eschenbach)





Es ist kaum überraschend für Rialinn, dass die erste aufgedeckte Karte eine Hohepriesterin zeigt. Mama ist der erste, spontane Gedanke, der sich bei allem, was ihre Tante ihr zu der Karte sagt nur noch verfestigt. Die Rose, deren reale Pendants ihre Mutter wie Schätze hütet, das was Niniane ihr über Tyalfen und den Namen seines Hauses sagt, all das ist für das Kind absolut stimmig. Und der Hinweis, dass die Karte darauf hinweisen könne, dass Rialinn und Arúen bald zum Hause Tyalfens gehören werden, entzündet ein strahlendes Lächeln.
Smaragdflamme… ein wenig gedankenverloren nickt sie bei der Übersetzung des Namen von Tyalfens Haus. Die Schlussfolgerung, wie weit die Wurzeln des Hauses Laifaryn folglich zurückreichen müssen, zieht sie aber nicht. Mehrere Zeitalter sind für ein Kind von lediglich zwölf Jahreskreisen einfach eine zu große und zu abstrakte Zeitspanne. Sie platzt nicht immer vor Begeisterung, wenn ihre Mutter sie das Ayaron lehrt. Es gibt Sprachen, die deutlich einfacher zu erlernen sind. Und Vergleichsmöglichkeiten neben dem Shidar und der Allgemeinen Handelssprache hat sie bei dem kailafarschen Sprachgewirr ihrer Freunde mehr als genug: Fianryn und Connavar mit dem Tamairge ihres Vaters und dem Pakkakieli Dianthas. Shaerela und Leir mit dem Landsmål ihres Vaters. Und seit einiger Zeit dann auch noch Kaya, die immer mal wieder in kurze Brocken des Kalaallisut verfällt - auch wenn das in Rialinns Ohren klingt, als sei es ähnlich schwierig zu erlernen wie Ayaron. Nur kurz driften die Gedanken des Mädchens so ab, denn so selbstverständlich wie das Erscheinen der Hohepriesterin auf der ersten Karte für sie ist, so neugierig ist sie doch auf die weiteren Karten. Also erinnert sie ihre Tante an die noch immer über der Tischplatte schwebende zweite Karte.

Das Rad des Schicksals. Für das Kind sind die Karte und die Bedeutungen, die Niniane dazu aufzählt eher langweilig. Von all den Feinheiten und Besonderheiten, die ihre Tante so fesseln, bemerkt sie nur die wenigsten. Deuten kann sie die schon gar nicht, immerhin ist sie keine Priesterin. Und selbst von denen sind nicht alle mit der Gabe, dem Talent gesegnet, die Drachenkarten legen und deuten zu können. Immerhin erkennt sie das zwölfspeichige Rad, den Kreis der Götter, ähnliche Abbildungen hat sie im Tempel bereits gesehen. Und sie erkennt die beiden abgebildeten Archonen. "Soris und Llaeron bestimmen doch unser aller Schicksal", zitiert sie einen häufigen Ausspruch der Novizenmeisterin des Anukistempels und verliert damit auch schon das Interesse an dieser Karte. "Und die nächste Karte?", fragt sie stattdessen in der Hoffnung, dass die endlich etwas über sie verraten würde.
Und sie wird nicht enttäuscht. Die 'Maid der Schwerter' - eindeutiger könnte keine Karte sich als die ihre offenbaren, als dass sie direkt ihren Namen trägt und das Tier ihres Geburtsmondes zeigt: Das Feuerkind, Rialinn, auf dem Rücken eines Feuertigers. Trotzdem fragt sie nach, ob diese Karte für sie selber steht, denn das Bild ist… merkwürdig ist nicht das Wort, dass das Mädchen sucht. Seltsam eindeutig und dann doch auch wieder nicht. Beeindruckend. Erschreckend. Nichts davon will ihr wirklich passend erscheinend, denn irgendwie ist es von allem etwas. Das Abbild auf der Karte scheint mehr als eindeutig sie selber zu zeigen. Das Gesicht, die schwarzen Haare, Federn und Perlen in feinen Zöpfen. Und erst der Feuertiger, mit seinem Fell, dessen lodernde Farbe eine Mischung der Fellfarben jener beiden Pferde zu sein scheint, die sie sonst reitet: Noro, der Fuchshengst und Faêna, ihre goldfarbene Stute mit silbernem Schweif und Mähne. Doch obwohl er nur ein Bild auf einer lackierten Karte ist, wirkt dieser Feuertiger groß und mächtig. Rialinn hat nie zuvor von Feuertigern gehört oder auch nur ein Bild gesehen, insofern hat sie keine Ahnung, wie groß diese imposanten Tiere tatsächlich werden können und dass selbst Noro, der eine mehr als dominante Ausstrahlung hat, neben einem solchen Tier "zerbrechlich" wirken würde. Genauso wie sie selber auf dem Tiger wirkt.

"Tiger, Tiger, Flammenpracht…" Die leisen Worte Ninianes lenken immerhin etwas von ihrer Aufmerksamkeit von 'ihrer' Karte zurück zu ihrer Tante. Er hat grüne Augen… genau wie ich… Für einen schwindenden Moment wispert die Frage durch ihren Geist, ob sie wirklich jemals in der Lage sein würde, solch ein schönes, mächtiges Tier zu reiten. "Washastdugesagt?", fragt sie atemlos, den Blick noch immer wie gebannt auf die Augen des Feuertigers gerichtet. "Es ist ein altes Gedicht. König Tissanar von Merlâron hat es vor langer Zeit geschrieben, als die Waldelben auf die Sommerinseln kamen und zum ersten Mal Feuertiger sahen." Erst will sie die Augen verdrehen, als die Waldläuferin ein Gedicht erwähnt, Dichtkunst gehört nicht wirklich zu ihren Vorlieben, doch als die dann den ganzen Text des Gedichtes rezitiert ist sie davon fast ebenso gefangen wie von dem Bild auf der Karte.

>Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Waldungen der Nacht:
Welcher Götter Aug' und Hand
wagten deiner Schrecken Brand?

In welch’ Himmeln, ungeheuer,
schmolzen Deiner Augen Feuer?
Auf welch’ Flügeln, unbenannt,
flog der, der ergriff den Brand?<


Alles andere, was Niniane ihr zu dieser Karte erzählt, bestärkt nur Rialinns Glauben, dass es IHRE ganz persönliche Karte ist. Und die scherzhaften Fragen der Waldläuferin zu ihren Zukunftsplänen nehmen dem Augenblick all das Bedrohliche und Unheilschwangere, das in den Flammen, brennenden Schiffen und der Ungewissheit der restlichen Karten liegt. Sofort ist das Mädchen bloß wieder ein ganz normales Kind von zwölf Jahren, als sie über mögliche Berufe in der Zukunft spekuliert, die sich für sie um die Berufungen ihrer Eltern und Jener drehen, die sie am besten kennt: Priesterin, Anirana, Waldläuferin oder Zureiterin. Und nein, Brandmeisterin wolle sie gewiss nicht werden und auch keine Schiffe anzünden.

Die nächste Karte zeigt eines der vier ältesten Wesen Rohas, eine Harpyie, und die Erklärungen Ninianes dazu klingen in den Kinderohren in ihrer Normalität unglaublich banal: Zeit der Wache. Zeit der Reife, des Erwachsenwerdens. Des Findens deines Selbst, der Erkenntnis... Sicher alles Dinge, die ihr in der Zukunft bevorstehen. Aber sie ist eben auch von elbischem Blut, insofern wird das mit der Reife und dem Erwachsenwerden noch einige Dekaden auf sich warten lassen. Diese Karte ist also nicht einmal annähernd so spannend für das Kind wie die mit dem Feuertiger.
Immerhin muss sie Niniane nicht erst auffordern, die nächste Karte aufzudecken. Auch die beiden Monde sind eher unspektakulär in den Bedeutungen, die ihr umgehend aufgezählt werden. Aber das Bild gefällt Rialinn. "Das ist wunderschön… es erinnert mich daran, als ich im Herbst mit Mama und Papa zur Jagd gewesen bin. Wir haben nachts nicht auf dem Boden geruht, sondern in Hängematten hoch oben in den Bäumen. Da standen auch die Vollmonde am Himmel und die Sterne haben fast genauso gefunkelt wie auf diesem Bild…" Kurz erzählt sie noch von ihrem Jagderfolg, dem Hasen, den sie selber mit Pfeil und Bogen erlegt hatte, doch ihr Blick huscht dabei immerwieder über den Tisch und das noch unvollständig aufgedeckte kleine Rad. "Und die letzte?" Neugier ist eben doch ihr zweiter Vorname. Ihre unter Familie und Freunden schon sprichwörtliche Wissbegier wird auch prompt befriedigt, als Niniane die letzte Karte aufdeckt
Rialinn hat den Drachenkarten vielleicht keine Frage gestellt, zumindest nicht laut. Das musste sie aber womöglich auch gar nicht. Ihr ganzer Besuch bei Niniane hat sich schließlich um die ausgesprochenen Fragen nach ihrem Vater gedreht. Ihrem natürlichen Vater, korrigiert sie sich selber insgeheim, denn sie hat den Templer nie kennengelernt und es ist Tyalfen, für den sie wie für einen Vater empfindet. Und dass der ausgesprochenen Frage nach dem 'Woher komme ich?' die unausgesprochene nach dem 'Wohin gehe ich?' folgt, ist nicht überraschend.

"Ach…" Das Ergebnis der letzten Karte ist jedoch eher enttäuschend, was sie auch nicht verheimlicht. Auf der Schnute, die sie zieht könnte eine ganze Spatzenfamilie Platz finden. "Ja, Veränderung. Bestimmt unser aller Leben so wie Soris und Llaeron, hm?" "Hmmmphh… jaaa, schon, aber… ach ich weiß auch nicht…" Eigentlich hätte sie nun wohl fragen sollen, was die Karten alle zusammen denn nun für sie und ihre Zukunft bedeutet. Das will sie auch, eigentlich, irgendwie.
Aber dann fällt ihr Blick wieder auf die Karte mit dem Feuertiger und lenkt ihre Gedanken prompt wieder in eine andere Richtung. "Reiten die Sarna'ya auf den Sommerinseln wirklich auf Feuertigern?" Allein der Gedanke, dass so etwas überhaupt möglich wäre lässt sie atemlos klingen. "Wenn das magische Tiere sind, kann man die überhaupt einfach so reiten? Oder ist das wie bei den Mondwölfen oder den Windpferden?" Dass hinter all diesen Fragen Rialinns die heimliche (und reichlich kindlich-abenteuerlustige) Hoffnung steckt, ob die Karten bedeuten, dass sie wirklich irgendwann einen Feuertiger als Reittier hätte, dass ein solches Tier sie sich zum Gefährten wählen könnte, würde sie nicht auszusprechen wagen. Sie wagt es ja nicht einmal das vor sich selber in Gedanken einzugestehen. "Gibt es Feuertiger nur auf den Sommerinseln oder auch anderswo in den Immerlanden? Wie weit sind die Sommerinseln eigentlich von hier, von Talyra weg?" Vorsichtig, behutsam streicht sie mit der Fingerspitze über das Bild, fast als wolle sie das flammende Fell des Tieres streicheln.


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24

Monday, May 15th 2017, 5:34pm

Tiger, Tiger, Flammenpracht

Winter 516/517

Doch mit des Geschickes Mächten
ist kein ew'ger Bund zu flechten,
und das Unglück schreitet schnell… (Friedrich Schiller, Die Glocke)


>Hmmmphh… jaaa, schon,< gibt ihr Rialinn widerstrebend Recht und klingt immer noch hörbar ernüchtert. >Aber… ach ich weiß auch nicht…< Doch ihre Enttäuschung währt nur so lange, bis sie wieder 'ihre' Karte betrachtet und je länger sie die Maid der Schwerter ansieht, desto schneller sind die langweiligen anderen Drachenkarten vergessen, desto funkelnder wird ihr Blick. Eigentlich hätte Niniane ahnen können, was gleich über sie hereinbricht – ein original Rialinn-ich-muss-alles-wissen-und-am-besten-sofort-Fragenmarathon nämlich, dem die Waldläuferin mit wachsender, wenn auch liebevoller Belustigung lauscht. >Reiten die Sarna'ya auf den Sommerinseln wirklich auf Feuertigern? Wenn das magische Tiere sind, kann man die überhaupt einfach so reiten? Oder ist das wie bei den Mondwölfen oder den Windpferden?< Niniane hört den Tonfall sehnsüchtiger Abenteuerlust, der in der Stimme des Mädchens mitschwingt und schüttelt lächelnd den Kopf, doch sie kommt gar nicht dazu, irgendwelche Antworten zu formulieren, denn die Fragestunde ist noch nicht beendet. >Gibt es Feuertiger nur auf den Sommerinseln oder auch anderswo in den Immerlanden? Wie weit sind die Sommerinseln eigentlich von hier, von Talyra weg?<
Niniane lacht leise und hebt beide Hände, die Handflächen nach außen, zum Zeichen, dass sie sich ergibt. "Nein, die Sarnis'aya - nicht Sarna'ya mein Schatz -, reiten nicht auf Feuertigern, jedenfalls nicht generell. Vielleicht tun es einige wenige von ihnen ab und an, wenn ein Feuertiger ihnen ein Freund geworden ist und ihnen für eine gewisse Zeit treu zur Seite steht, aber im Allgemeinen sind diese Wesen keine dauerhaften Gefährten für Elben oder Menschen. Sie können sprechen, wie viele magische Wesen, und sind sehr loyale Freunde, aber sie sind eigentlich keine Reittiere und anders als Mondwölfe oder Gischtrösser gehen sie dauerhafte Bindungen nur unter ihresgleichen ein. Das Gedicht von König Tissanar, von dem ich dir gerade erzählt habe, geht noch weiter – möchtest du den Rest auch hören?" Natürlich möchte Rialinn das: hätte Niniane dem Mädchen etwas über feuertigersche Verdauungssäfte erzählen können und wollen, hätte sie vermutlich sogar das brennend interessiert. "Also gut, das ganze Gedicht lautet so:

'Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Waldungen der Nacht:
Welcher Götter Aug' und Hand
wagten deiner Schrecken Brand?

In welch’ Himmeln, ungeheuer,
schmolzen Deiner Augen Feuer?
Auf welch’ Flügeln, unbenannt,
flog der, der ergriff den Brand?

Welcher Schulter Können wand
Deines Herzens Sehnenstrang?
Wer, als Herzens Schlag begann,
Pranken, Klauen sich ersann?

Welches Erz und Hammer fand
In welcher Esse den Verstand?
Welcher Amboss, welche Welt
Deine Flammenschrecken hält?

Als der Sterne Speer herab
Tränen unsrem Himmel gab,
Sah lächelnd Sie ihr Werk vor sich?
Schuf Sie, die auch das Lamm schuf, dich?

Tiger, Tiger, Flammenpracht
In den Waldungen der Nacht:
Welcher Götter Aug' und Hand
wagten deiner Schrecken Brand?*


Du siehst also, selbst die Sarnis'aya haben ein bisschen mehr als nur gesunden Respekt vor diesen Wesen. Aber es gibt Legenden, die erzählen, dass die Waldelben auf den Sommerinseln auf den großen Berg-Bánánachs und sechsbeinige Helheste reiten würden – nur weiß niemand, ob daran auch etwas Wahres ist." Niniane legt einen Finger an die Schläfe, als müsse sie nachdenken. "Zuzutrauen wäre es ihnen jedenfalls. Sie sind recht wild, noch wilder als die Laikeda'ya, diese Waldelben auf Merlâron. Aber nein, man kann Feuertiger nicht 'einfach so reiten'." Sie hat nicht das Herz, dem Mädchen zu erklären, dass der Feuertiger auf ihrer Karte wahrscheinlich eher symbolischen als wortwörtlichen Charakter hat, doch das ist nicht der einzige Grund, warum Niniane hierzu schweigt – es könnte nämlich, wenn es auch ziemlich unwahrscheinlich ist, ebenso gut sein, dass der flammende Streifenkater absolut buchstäblich gemeint ist. Wahrscheinlich wird er Fünkchen heißen… "Und es ist auch nicht ganz so wie bei Mondwölfen und Windpferden. Und was deine anderen Fragen angeht… ja, Feuertiger gibt es nur auf den Sommerinseln und die sind sehr, sehr weit weg. Viele, viele tausend Tausendschritt. Wenn jemand von Talyra aus dort hinreisen wollen würde, wäre er viele Monde unterwegs – zu Lande und mit dem Schiff. Aber jetzt erzähl mal, Feuerkätzchen… du hast gesagt, deine Mama und Tyalfen wollen in Lomirion heiraten?" Sie muss dem Mädchen nicht erklären, dass alle ihre Freunde in Talyra und auch sie selbst bei diesem Ereignis dann nicht anwesend sein werden. Wenn sie ehrlich ist, versetzt ihr der Gedanke etwas mehr als nur einen kleinen Stich des Bedauerns. Sie wäre gern an Arúens Seite gewesen, wenn die Anukispriesterin sich vermählt. Sie wird schon ihre Gründe haben, sagt sie sich, kann aber nicht verhindern, dass eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf prompt nachfragt: Sie – oder ihr Vater? "Haben sie schon einen Tag festgelegt? Und wo genau wollen sie die Hochzeit halten? In Lomirion selbst oder in Elar'Daemar?"


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25

Saturday, May 27th 2017, 10:51am

Berg-Bánánachs und sechsbeinige Helheste – Rialinns Kopf ruckt augenblicklich nach oben und ein fragendes Glitzern huscht durch strahlende Augen. Diese unbekannten Tiere wecken natürlich prompt ihre Neugier, klingen die Namen doch nach mindestens so beeindruckenden Tieren wie ein Feuertiger. Aber ehe sie die nächste Salve mit Fragen abfeuern kann, wird ihre Aufmerksamkeit schon im nächsten Moment davon abgelenkt, dass Niniane erwähnt, die Sarnisa'ya wären noch wilder als die Laikeda'ya. "Tyalfen hat schon oft gesagt, an mir sei eine Laikeda'ya verloren gegangen. Und Mama meint dann meistens, dass ich das Feuer eben nicht nur im Namen tragen würde", erzählt das Mädchen schmunzelnd, "Ist das, weil ich im Zeichen des Feuertigers geboren wurde? Oder wurde ich in seinem Zeichen geboren, weil nur das Sternzeichen zu dem passt wie ich bin?" Für einen Moment zieht die Karte des Fatid ihren Blick wieder an und die durchaus philosophische Überlegung, ob nun der Geburtsmond ihr Wesen oder ihr Wesen den Mond bestimmt hat in dessen Zeichen sie geboren werden soll gerät in den Hintergrund, kaum dass sie aufgekommen ist.

>Aber jetzt erzähl mal, Feuerkätzchen… du hast gesagt, deine Mama und Tyalfen wollen in Lomirion heiraten? Haben sie schon einen Tag festgelegt? Und wo genau wollen sie die Hochzeit halten? In Lomirion selbst oder in Elar'Daemar?<

"Du kannst genauso viele Fragen stellen wie ich", grinst Rialinn ihre Tante naseweis an. "Nein, einen genauen Tag gibt es glaube ich noch nicht. Großvater hat uns zum nächsten Zwölfjahr nach Lomirion eingeladen und sobald wir dort sind soll auch die Hochzeit auf Mita'Rôin sein. Ich bin mir da aber nicht sicher, weil …" Der Blick des Mädchens wandert für einen Moment unsicher durch den Raum, über den Tisch und die Karten, den Kamin und ihre inzwischen leeren Becher ohne all das wirklich wahrzunehmen. Sie weiß nicht, ob sie das, was ihr auf der Zunge liegt und was sich im Sommer auf Vinyamar abgespielt hatte, erzählen kann. Es hat zwar niemand gesagt, dass sie darüber nicht reden soll, aber sie hat manches eben auch nur eher durch Zufall oder mit halbem Ohr beziehungsweise halbem Gedanken mitbekommen. Schließlich trifft sie den Entschluss, dass die Waldläuferin immerhin die beste Freundin ihrer Mutter ist und es bestimmt in Ordnung geht, wenn sie ihr davon erzählt.

"Sie haben fast nie darüber geredet, wenn ich dabei war, also die Erwachsenen… Mama, Tyalfen, Gildin und Andovar. Und die ersten Tage, nachdem Gildin und Andovar endlich da waren, sind Mama und Gildin auch ganz seltsam miteinander umgegangen. Andovar hat das genauso bemerkt wie ich und dann immer nur den Kopf geschüttelt. Aber gleichzeitig sah er aus, als würde er heimlich drüber lachen wollen. Warum sie so waren hat er mir nicht sagen wollen, selbst als ich gefragt habe." Hier zieht sie eine beleidigte Schnute, weil Andovar sie damit aufgezogen hatte, dass sie ihm ja damals bei seiner Suche nach dem der Arúen die Blumen schickt auch erst nicht hatte helfen wollen. "Das hat sich alles erst wieder geändert, nachdem ein Rabe mit einem Brief von Großvater gekommen ist. Aber ich weiß nicht, was er geschrieben hat. Mama hat mir nur gesagt, dass er mich grüßen lässt. Es ist so schade, dass die Hochzeit noch so lange hin ist und dass keiner von hier dabei sein wird. Alle unsere Freunde sind doch hier… Und auch zur Verlobungsfeier war keiner von euch dabei." Trauer und Bedauern flackern im Blick des Mädchens auf, als ihre Erinnerungen zur Feier im Sommer zurückwandern, so schön die auch gewesen ist. Gedankenverloren dreht sie ihren Becher in der Hand ehe sie weiterspricht.
"Ich hab' gefragt, warum wir denn niemanden von unseren Freunden einladen, also wenigstens zur Verlobungsfeier. Onkel Gildin hat das mitbekommen und gemeint Eama und Eamo sollen doch einfach alle ihre Freunde dazu einladen. Mama hat ihn angesehen, als ob… Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, Tante Nan… Sie ist sehr ruhig geworden und hat ihn sehr lange angesehen ohne was zu sagen, mit diesem Gesicht, das sie nur dann macht wenn sie 'Die Hohepriesterin' sein muss. Und dann hat sie ihn gefragt, was sie ihren Freunden denn dann sagen solle, wenn jemand nach dem Ort und dem Tag für die Hochzeit fragt und warum die nicht in Talyra gefeiert wird. Den Grund für alles könne sie ja wohl niemandem erzählen. Ich weiß aber nicht, was sie damit gemeint hat oder warum sie das nicht erzählen kann." Dann richtet sich der Blick des Mädchens spekulativ auf ihre Tante und sie legt den Kopf zur Seite als ihr eine Idee kommt, die Funken in ihren Augen blitzen lässt. "Vielleicht kannst Du sie ja überreden, dass wir eine zweite Feier hier zuhause machen, wenn wir wieder zurück sind…"


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26

Sunday, May 28th 2017, 10:25pm

What's written in the stars…

Winter 516/517

Some nights, I look up at the stars,
So bright, yet far away.
I know by morning they'll be gone
But I wish that they would stay.

I'd stare at them all day and night,
I'd make myself a chart.
Their shape, their size, their stories too,
I'd learn them all by heart.

For they say our future's in the stars;
Its written with their light
On the inky black of empty space,
Where it echoes in the night.

Who will I be, I want to ask
But they're much too far away
That even if they answered me,
I wouldn't hear the words they'd say.

But I'll wait and watch them every night
For endless spots of time
Until I learn to see their words
And their secret becomes mine... (Unknown)


Niniane nippt an ihrem kalt gewordenen Cofea und stört sich nicht weiter daran – das passiert ihr schließlich andauernd. Dann jedoch zuckt sie mit den Schultern. "Das kann ich dir nicht genau sagen, ich bin keine Gelehrte, was die Sternenkunde angeht. Die Sternendeuter der Zentauren des alten Assuaran haben seitenweise Abhandlungen über Astrologie und die Bedeutung der Sternzeichen geschrieben. Sie ordneten die zwölf Monde den zwölf Göttern zu, je nachdem, welches der zwölf großen Gestirne zu welcher Zeit am hellsten strahlte, was sie als Zeichen deuteten. Ihren Lehren zufolge bestimmen die Sterne, unter welchen man geboren wird, gewisse Charaktereigenschaften und Eigenheiten, Wesenszüge, wenn man so will. Daran mag etwas Wahres sein, aber sicher ist es nicht alles. All diese Dinge werden ja auch maßgeblich von den Erfahrungen, die man in seinem Leben sammelt, beeinflusst, von anderen Wesen, von Ereignissen, vom Schicksal… nicht nur von den Sternen. Aber ein zentaurischer Sternendeuter würde dir jetzt sagen, dass du, weil du im Sonnenthron unter Loas Feuersternen geboren wurdest, als Sternzeichen den Feuertiger besitzt – ein machtvolles Zeichen und ein gutes Omen. Und selbstverständlich kann ich genauso viele Fragen stellen wie du, mein Feuerkätzchen," grinst sie über den Rand ihrer Cofeatasse hinweg. "Ohne Neugier kommt man schließlich zu nichts."
Sie hört Rialinns Ausführungen zu, dass es noch kein festgesetztes Datum gäbe und die Hochzeit auf Mita'Rôin stattfinden soll, doch dann zaudert sie kurz und Niniane spürt augenblicklich ihren Ernst und ihre unbestimmten Zweifel.
>Sie haben fast nie darüber geredet, wenn ich dabei war, also die Erwachsenen… Mama, Tyalfen, Gildin und Andovar. Und die ersten Tage, nachdem Gildin und Andovar endlich da waren, sind Mama und Gildin auch ganz seltsam miteinander umgegangen. Andovar hat das genauso bemerkt wie ich und dann immer nur den Kopf geschüttelt. Aber gleichzeitig sah er aus, als würde er heimlich drüber lachen wollen. Warum sie so waren hat er mir nicht sagen wollen, selbst als ich gefragt habe.<
Niniane verdreht die Augen ein wenig, als wolle sie sagen 'Erwachsene…!' und Rialinns Schmollmund stimmt ihr zu.
>Das hat sich alles erst wieder geändert, nachdem ein Rabe mit einem Brief von Großvater gekommen ist. Aber ich weiß nicht, was er geschrieben hat. Mama hat mir nur gesagt, dass er mich grüßen lässt. Es ist so schade, dass die Hochzeit noch so lange hin ist und dass keiner von hier dabei sein wird. Alle unsere Freunde sind doch hier… Und auch zur Verlobungsfeier war keiner von euch dabei.<

"Ja, das finde ich auch sehr schade. Ich wäre gern dabei gewesen, und ich wäre auch gern dabei, wenn deine Mutter heiratet. Sie ist meine Freundin." Einen Moment lang teilen die große Halbelbin und die kleine Hochelbin ihr Bedauern über diese Tatsache, doch Niniane kann nichts daran ändern. >Ich hab' gefragt, warum wir denn niemanden von unseren Freunden einladen, also wenigstens zur Verlobungsfeier. Onkel Gildin hat das mitbekommen und gemeint Eama und Eamo sollen doch einfach alle ihre Freunde dazu einladen. Mama hat ihn angesehen, als ob… Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, Tante Nan… Sie ist sehr ruhig geworden und hat ihn sehr lange angesehen ohne was zu sagen, mit diesem Gesicht, das sie nur dann macht, wenn sie 'Die Hohepriesterin' sein muss. Und dann hat sie ihn gefragt, was sie ihren Freunden denn dann sagen solle, wenn jemand nach dem Ort und dem Tag für die Hochzeit fragt und warum die nicht in Talyra gefeiert wird. Den Grund für alles könne sie ja wohl niemandem erzählen. Ich weiß aber nicht, was sie damit gemeint hat oder warum sie das nicht erzählen kann.<
"Das weiß ich auch nicht, Feuerkätzchen," erwidert Niniane nachdenklich und zwischen ihren scharf gezeichneten, weinroten Brauen erscheint eine steile, kleine Falte, als sie sich vornimmt, Arúen in den nächsten Tagen einen Besuch abzustatten. "Aber ich werde sie bestimmt danach fragen, wenn ich sie das nächste Mal sehe." Daran, dass nur Elben oder Elbenblütige in die Elbenlande reisen können, kann es nicht allein liegen, das ist allgemein bekannt und jeder ihrer menschlichen, koboldschen, zwergischen oder feenhaften Freunde hier in Talyra weiß das auch. Was also stand in diesem Brief von Tianrivo? Oder andersherum gefragt, was hat diese kontrollsüchtige Glucke von einem überbesorgten Vater, der sich seit dreitausendundirgendetwas Jahren schlicht weigert zu akzeptieren, dass seine Tochter längst erwachsen ist und ihre eigenen Entscheidungen trifft, wieder angestellt? Die Frage, ob er versucht hat, sich irgendwie in diese Hochzeit oder gar in die Wahl von Arúens Bräutigam einzumischen, stellt sich ihr gar nicht. Natürlich hat er das getan – sie kennt Tianrivo Avidarlyr aus dem Hause Mitarlyr schließlich lange und gut genug. Herrje, Morgenstern. Du solltest allmählich einen anderen Weg finden, deiner Tochter zu zeigen, dass du sie liebst. Wirklich! Rialinn sieht sie an und mit einem Mal bekommt der waldgrüne Blick der Kleinen etwas eindeutig Erwartungsvolles. >Vielleicht kannst Du sie ja überreden, dass wir eine zweite Feier hier zuhause machen, wenn wir wieder zurück sind…<
"Das," stimmt Niniane ihr zu, "ist ein hervorragender Einfall. Aber das bleibt unser Geheimnis. Wir sagen ihr und Tyalfen nichts davon, sondern überraschen sie mit einer Feier – was meinst du?"
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Rialinn

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27

Monday, June 26th 2017, 10:48am

Dass ihre Tante (und Niniane ist für Rialinn eine, denn einen Unterschied zwischen Tanten und Onkeln mit oder ohne Blutsverwandtschaft hat sie noch nie gemacht) auf die Idee einer zweiten Hochzeitsfeier hier in Talyra mit all ihren Freunden eingeht, lässt das Elbenmädchen lächeln. Und der Vorschlag, diesen Plan geheim zu halten und Arúen und Tyalfen damit zu überraschen, lässt ihre Augen vor Begeisterung strahlen als habe jemand darin kleine Sonnen entzündet. "O ja! Eine Überraschungsfeier!" Fast könnte man meinen, das Mädchen würde sofort anfangen unruhig auf seinem Platz herum zu rutschen vor lauter Begeisterung und Tatendrang. Auch wenn man da sicher nicht so ganz falsch liegt, kann Rialinn sich dann doch beherrschen - so gerade eben. Auch wenn ihr schlagartig tausend und eine Frage rund um die Überraschungshochzeitsfeier für ihre Eltern durch den Kopf gehen. Doch gleich der nächste Gedanke dämpft ihren Tatendrang und ihre Begeisterung schlagartig. "Tante Nan… Ich habe doch aber keine Ahnung, an was man bei einer Hochzeitsfeier alles denken muss", kommt es ungewohnt kleinlaut von dem Mädchen und das begeisterte Leuchten in ihrem Blick verblasst langsam wieder.
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Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
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Niniane

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28

Monday, June 26th 2017, 12:12pm

Verschwörung vor dem Feuer

Winter 516/517

"Nun fürs erste würde ich nicht so weit gehen, deiner Mutter eine zweite Hochzeitszeremonie auszurichten," erwidert Niniane behutsam – für sie als Priesterin kein allzu weit hergeholter Gedanke, wobei sie sich gleichzeitig fragt, wer Arúen und ihren Laikeda'ya wohl in Lomirion trauen würde. Doch sie will ihrer Freundin auf gar keinen Fall das Gefühl geben, sie nehme ihre Eheschließung fernab von ihrem Leben hier in Talyra nicht ganz ernst oder, noch schlimmer, nehme es ihr irgendwie übel… Dann steht sie auf, um sich eine Tasse frischen, heißen Cofeas aus der Küche zu holen. "Möchtest du noch etwas, Feuerkätzchen?"
Rialinn möchte, wie sich herausstellt, hat aber eher Hunger, als Verlangen auf noch mehr heiße Milch mit Honig und folgt ihr. Da auch Ninianes Magen leise Hungergeräusche von sich gibt, richten sich die große Halb- und die kleine Hochelbin kurzerhand einen kalten Imbiss bestehend aus hartgekochten Eiern, frischem Buttermilchbrot, geräucherter Forelle, eingelegtem, würzigem Sommergemüse und kaltem Hühnchen vom Vorabend. Bewaffnet mit zwei blätterförmigen Tellern, Besteck und einem Krug kaltem Malzbier aus der Vorratskammer, kehren sie ins Kaminzimmer zurück, machen es sich diesmal vor dem knisternden Feuer gemütlich und setzen ihr Gespräch fort. "Eine Heirat – eine Hochzeitszeremonie – ist ein heiliges Sakrament und ich kann mir vorstellen, dass deine Mutter und Tyalfen ihre Eheschließung als etwas ganz Besonderes und Einzigartiges in ihren Gedanken behalten wollen. Aber eine zweite Feier hier in Talyra, mit all ihren Freunden, das würde ihnen wohl beiden gefallen. Vielleicht etwas ganz zwangloses, Schönes – einfach ein geselliges Beisammensein im Kreis derer, die sie mögen, kennen und schätzen, mit gutem Essen, Trinken und Musik zum Tanzen, an einem schönen, verzauberten Ort – ohne jedes steife Zeremoniell oder hochtrabende Feierlichkeiten." Sie legt den Kopf leicht schräg und mustert Rialinn. "Nicht auf Vinyamar - Cassandra soll schließlich mittanzen und mitfeiern können, nicht wahr? Und mein Baum dürfte zu klein sein, aber meine Lichtung kann ich gern anbieten. Ich kenne auch noch ein oder zwei Plätze, die in Frage kämen und ich kenne da zwei Distelfeen, die überall ganz wunderbare Feste ausrichten können. Borgil würde sicher gern für Essen und Trinken sorgen. Was glaubst du denn, würde deine Mama sich wünschen? Und Tyalfen? Was könnte ihm gefallen? Und wen müssen wir eigentlich alles einladen?"
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29

Thursday, June 29th 2017, 9:46pm

Winter 516/517


"Oh ja, so eine Feier würden ihnen bestimmt gefallen", nickt Rialinn entschieden, während sie die Gräten aus der geräucherten Forelle auf dem Teller zwischen ihr und Niniane entfernt. "Sie waren beide traurig, weil die Hochzeit nicht hier zuhause gefeiert wird… auch wenn ich einfach nicht verstehe, warum sie dann nicht Großvater hierher eingeladen haben, damit wir alle hier feiern… Erwachsen zu sein scheint irgendwie ziemlich kompliziert zu sein." Dieser Gedanke ist so plötzlich da und ausgesprochen, dass das Mädchen kurz selber darüber stolpert ehe sie es in der für sie typischen Art mit einem Schulterzucken abtut. Immerhin ist sie noch lange nicht erwachsenen, kann sich das also etwas einfacher machen und mit ihrer Tante Ideen für die Überraschungshochzeitsfeier ihrer Eltern sammeln.

"Ja, Cassandra und Ullmar sollen auch mitfeiern. Aber ich fürchte, Cassandra wäre… enttäuscht… wenn sie so gar nichts dazu beitragen darf." Das Wort 'beleidigt' verkneift das Feuerkind sich, aber bei ihrem Schmunzeln ist klar, was sie eigentlich meint - immerhin kennt Niniane die Oberste Magd Vinyamars gut genug. "Und wenn Cassandra was für die Feier kochen oder backen lassen, dann will Esta bestimmt auch was machen." Hier kann sich das Elbenkind dann ein Augenrollen nicht ganz verkneifen, denn die Wirtschafterin des Hauses in dem Tyalfen seiner Berufung als Aniran nachgeht steht dem vinyamarschen Hausdrachen in rein gar nichts nach.
"Hier auf Deiner Lichtung wäre es bestimmt schön, aber vielleicht sind die anderen Plätze die Du kennst ja noch schöner… Distelfeen? Sind das die, die auch die Hochzeit von Azra und Borgil hergerichtet haben?"

Auf die Frage, was ihren Eltern wohl für die Feier gefallen würde, muss Rialinn einen Moment nachdenken. "Naja, sowas wie Du gesagt hast: Eine fröhliche Feier. Kein Zeremoniell oder sowas steifes mit lauter Förmlichkeiten, wo alle aussehen, als hätten sie einen Besenstiel verschluckt und sich keiner traut zu lachen, zu singen oder zu tanzen. Tolles Essen und Trinken. Musik. Tanz. So ähnlich wie die Tanzabende in der Schreinerei bei Narsaên und Aidan, da gehen sie gerne zusammen mit Aneirin hin… und ich passe dann auf Brianna und Nardain auf." Es ist unschwer zu hören, dass das Mädchen das Kinderhüten beileibe nicht als lästige Pflicht empfindet sondern es gerne tut.
"Und die müssen wir natürlich auch alle einladen. Also Narsaên und Aidan mit Nardain, dann auch Lorelia, Henning und Randolf, Aneirin und Brianna, Gudrid… die sind auch in der Sithechnacht alle bei uns zum Feiern gewesen… Dann Du, Cron, Shaerela und Leir natürlich", grinst sie ihre Tante frech an, ehe sie die Aufzählung fortsetzt. "Borgil und Azra mit allen." Die stetig wachsende Schar der Blutaxt-Kinder aufzuzählen würde eine gefühlte Ewigkeit dauern und liefe doch Gefahr nicht vollständig zu sein. "Connavar und Fianryn mit Olyvar, Diantha und Njáll… Ich würde auch gerne Kaya dabei haben, aber ich weiß nicht ob sie sich mit so vielen fremden Leuten wohlfühlen würde oder ob sie kommen würde, wenn Shu're Shalhor auch käme und dann seine Förmlichkeiten zuhause lässt." Ein Gedanke, der mit den Gästen rein gar nichts zu tun hat, reißt Rialinn aus ihrer Aufzählung. "Und eine Torte! So eine Torte wie Azra und Borgil sie hatten, die war unglaublich." Sprunghaft wie sie manchmal eben ist, kehrt sie im nächsten Atemzug schon zur möglichen Gästeliste zurück. "habe ich jemanden vergessen, Tante Nan? Du kennst ihre Freunde doch auch." Tyalfen ist für das Mädchen mittlerweile ein derart vertrauter und gewohnter Teil ihres Lebens, dass ihr gar nicht bewusst ist, dass die Halbelbin und der Smaragdelb sich genau genommen noch nicht wirklich kennen, geschweige denn, dass sie eine Freundschaft verbinden würde, wie es mit Arúen ist.
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Sunday, July 2nd 2017, 12:55am

What could possibly go wrong?

Winter 516/517

Das versteht auch Niniane nicht – es wäre so viel einfacher für alle Beteiligten und es ist ja auch nicht so, als hätte Arúen in den Elbenlanden Dutzende von engen Freunden, die sie unbedingt auf ihrer Hochzeit tanzen würde sehen wollen. Vielleicht liegt es an Tyalfens Familie, mutmaßt sie kurz, verwirft jedoch auch diesen Gedanken beinahe sofort wieder. Immerhin waren sie zur Hochzeit ihrer Tochter mit diesem Schreinerlümmel angereist, da würden sie für ihren Sohn doch wohl auch nach Talyra kommen. Nein, wahrscheinlicher wollte Tianrivo es so haben und hat darauf bestanden oder etwas in der Art. "Verstehen sich Cassandra und diese Esta denn? Oder sind sie sich spinnefeind? Wenn sie sich gut vertragen, könnte man sie bitten, die Torte gemeinsam zu machen… vielleicht verrät uns Sigrun, Borgils Köchin, ja das Rezept." Sie legt den Finger an die Wange und denkt nach – denkt laut – "Hm… meine Lichtung wäre schön und eine bessere Lage würden wir kaum finden. Alles ist nah genug, es gibt ausreichend Platz, einen – was wichtig ist – Abtritt, und alles, was man vielleicht doch braucht oder vergessen hat, wäre rasch zur Hand oder schnell erreichbar. Am kleinen See, wo Borgil und Azra zum zweiten Mal geheiratet haben, ist es natürlich auch… nein, dort lieber nicht. Unten am Smaragdstrand…" dann fällt ihr ein, dass Arúen und Rialinn dort irgendwo überfallen worden waren und sie rückt auch davon wieder ab. Steinkreis und Hohes Herz kommen auch weniger in Frage, schließlich sind sie der Grünen Erdenmutter geweiht. Und andere verwunschene Plätze, die sie kennt, sind einfach zu weit weg. "Hmhmhm…" seufzt sie schließlich leise, "ich glaube, ich halte meine Lichtung für den besten Ort. Oder kennst du noch einen? Vielleicht irgendeinen, der für die beiden eine Bedeutung hat? Er darf nur nicht allzu weit weg sein." Sie nimmt sich kaltes Hühnchen, würzigen Ziegenkäse und ein wenig Brot. Der Name Wulfor ist ihr zwar im Zusammenhang mit Handwerkerviertel und Schreinerarbeiten vom Hörensagen her bekannt, doch sie gehört nicht zu deren Kundschaft und hat von einzelnen Personen der Familie noch nie etwas gehört. Auch der Name Aneirin - ach, der Bäcker - sagt ihr wenig. Den hat sie immerhin schon ein oder zweimal zu Gesicht bekommen, als Azra seine kleine Tochter umsorgt hatte, weil ihre Mutter, eine Wargin, bei der Geburt in der Harfe gestorben war. >Ich würde auch gerne Kaya dabei haben,< setzt Rialinn ihre Aufzählung fort, >aber ich weiß nicht ob sie sich mit so vielen fremden Leuten wohlfühlen würde oder ob sie kommen würde, wenn Shu're Shalhor auch käme und dann seine Förmlichkeiten zuhause lässt.<

"Shu're Shalhor wie in Shalhor aus dem Hause Danjafaên?" Hakt sie nach und zwischen ihren Brauen erscheint eine feine, scharf gezeichnete Falte. Arúens Tochter nickt ein wenig verwundert und Niniane verzieht das Gesicht zu einer säuerlichen Grimasse. Und da ist er, der vermaledeite Haken, den jedes größere Unterfangen früher oder später zu brauchen scheint. Unbedingt. Ohne Haken geht es wohl einfach nicht. Sie hat nicht gewusst, dass Arúen – und offensichtlich ihre ganze Familie – mit dem Windelben bekannt ist oder ihn inzwischen vielleicht gar zu ihren Freunden zählt. Es würde sie auch schwer verwundern, wenn Arúen von der Hakensache weiß. Rialinn tut es jedenfalls nicht. Es war doch nur eine Frage der Zeit, schließlich gibt es so viele von uns nun auch nicht in Talyra. Shalhor lebt seit hundertfünfzig Jahren hier, und wenn er das auch sehr zurückgezogen tut, früher oder später musste Arúen irgendwo auf den Rhaskeda'ya treffen… Doch sie schüttelt nur schwach den Kopf und ignoriert – für den Moment – Rialinns fragenden Blick. >Und eine Torte! So eine Torte wie Azra und Borgil sie hatten, die war unglaublich.< Sie hat keine Ahnung mehr, was für eine Torte Azra und Borgil hatten – sie hat soweit sie sich erinnern kann, nicht ein Stück davon zu Gesicht bekommen und weiß nur, wer sie gebacken hatte. Stattdessen war sie mit Calait, Colevar, Olyvar und ein paar Zwergen ein klitzekleines Bisschen im Hamadat ertrunken. >Habe ich jemanden vergessen, Tante Nan? Du kennst ihre Freunde doch auch.< Tja – offensichtlich nicht halb so gut, wie das Mädchen annimmt. "Ich kenne ja noch nicht einmal den Bräutigam wirklich," erwidert sie amüsiert und ein belustigtes Funkeln tanzt durch ihre goldenen Augen, wenn auch nur für einen Moment. "Was Shu're Shalhor angeht… also… ahm… den können wir nicht einladen," sie schüttelt bedauernd den Kopf und sieht Rialinn an, die natürlich verständnislos dreinblickt. "Nicht, wenn du willst, das Borgil und Azra und der ganze übrige Blutaxtclan aus der Harfe kommt. Und wenn du Shalhor einlädst, brauchst du Borgil gar nicht erst zu fragen. Er wird nicht kommen. Keiner aus der Harfe wird auch nur so viel wie seinen Zeh auf ein Fest setzen, auf dem der Rhaskeda'ya ist. Sigrun wird ihr Tortenrezept nicht herausrücken. Und weil ich Borgils beste Freundin bin und der Windelb sich in dieser Sache einfach unmöglich benimmt, werden auch weder Cron, noch Shaerela, noch Leir oder ich da sein. Du siehst also… wir haben ein Problem hier, Feuerkätzchen."
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