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Arwen

Stadtbewohner

Posts: 1,152

Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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151

Wednesday, December 30th 2015, 2:31pm

Fast scheint es Arúen, als sei der Bursche kaum durch die Tür getreten, als er auch schon zu ihnen zurückkehrt und sie in den Solar von Rhordri führt. Die Begrüßung ist geprägt vom gegenseitigen Respekt der Elbin und des Kastellans der Steinfaust, dabei aber alles andere als steif oder übertrieben förmlich. Allerdings ist es an diesem Morgen auch nicht ganz so gelöst wie bei andere Begegnungen - und das liegt an Elbin wie Mensch gleichermaßen.
Sie ist hierhergekommen um ihre Aussage zu den Ereignissen vor zwei Tagen am Smaragdstrand zu Protokoll zu geben. Um das zu tun, muss Arúen die Erinnerungen zulassen, mit denen abzufinden ihr noch immer alles andere als leicht fällt. Also tut sie, was ihr in zahllosen Jahrhunderten zu einer Art zweiten Natur geworden ist: Sie versteckt sich hinter einer Maske aus Disziplin. Allerdings kostet es sie an diesem Tag einen großen Teil ihrer Kraft und Konzentration, mehr als sonst. Auch ihre empathischen Sinne für sich zu behalten, sie vor und gegen andere abzuschirmen gelingt ihr längst nicht so gut wie sonst. Und dass sie sich einem aufgewühlten Kastellan gegenüber sieht, der längst kein so gleichmütig unbewegtes Gesicht zur Schau trägt wie sein Lord Commander, macht es für Arúen auch nicht einfacher. Mit einem heimlichen, tiefen Durchatmen wappnet sie sich gegen den feinen Nadelregen, der auf ihr empathische Wahrnehmung einprasselt und zwingt sich dazu, ihr Lächeln nicht zu verlieren. Dass ihnen Tee gebracht wird erleichtert es immerhin etwas, verschafft es ihnen beiden doch Zeit und Gelegenheit sich zu fangen. Insgeheim fragt Arúen sich, was den Kastellan wohl so aufgebracht haben mag, immerhin kennt sie ihn bisher nur als ruhigen und besonnenen Mann, der nur schwer aus der Ruhe zu bringen ist. Den Mann offen zu fragen käme ihr aber trotzdem nicht in den Sinn, das wäre viel zu aufdringlich in ihren Augen. Anzudeuten, dass es ihr nicht entgangen ist und es dann Rhordri zu überlassen, ob und wie er darauf eingehen will, das entspricht schon eher ihrem Wesen.

"Sire Rhordri, die Götter zum Gruße", das Lächeln, das das Neigen ihres Kopfes begleitet ist ehrlich erfreut und erreicht auch ihre Augen. "Ja, ich will meine Aussage machen. Gestern war ich leider nicht in… in der Verfassung, hierher zu kommen um das zu tun." Eine sachte, entschuldigende Geste begleitet ihre Worte. "Aber falls ich ungelegen komme, kann ich das gerne auch zu einer anderen Zeit tun." Als der Kastellan den gefangenen AnCu erwähnt, entgleitet ihr kurz die Maske eines gefassten Lächelns und bekommt etwas Zittriges. "Das… das ist gut zu wissen… Auch wenn ich nichts anderes erwartet hätte." Zu der Information, dass Olyvar bereits eine Botschaft an Niniane geschickt hat lässt Arúen dagegen erleichtert aufatmen. Sie weiß es also bereits und ist morgen zurück, gut. Paradoxer Weise ist ihr der Gedanke, dass auch die Protektorin vermutlich Einzelheiten wird wissen wollen kein Unbehagen. Wobei, so paradox ist es nun auch wieder nicht, wenn Arúen näher darüber nachdenkt. Niniane ist Hohepriesterin wie sie selbst. Sie würde auch ohne Worte und Erklärungen verstehen, was die Shida'ya getan hatte - und was es für ihr Seelenleben bedeutet.

Doch zunächst muss Auen sich jetzt auf das konzentrieren, weswegen sie hierhergekommen ist: Ihre Aussage zum Überfall.

Ihre Stimme ist leise und sie stockt immerwieder, während sie Rhordri berichtet, was sich am vorvergangenen Tag am Smaragdstrand abgespielt hat. Vor welche Entscheidungen sie sich gestellt sah. Was die AnCu Rialinn angetan hatten und wie Arúen schließlich den einen von ihnen getötet hatte. Von dem, was sich zwischen ihrer Rückwandlung und dem Eintreffen am Nordtor ereignet hat, kann sie ihm allerdings fast gar nichts berichten. Aus purem Selbstschutz, um nicht an dem was sie getan hatte zu zerbrechen, hatte sie alles um sich ausgeblendet und sich mit jeder Faser ihres Seins auf Rialinn konzentriert. Einmal, als sie besonders lange zwischen ihren Worten stockt, streckt Elthevir besorgt seine Gedanken nach ihr aus. Shu'ra, bitte… mutet Euch nicht zu viel zu. Doch sie schüttelt nur stumm den Kopf, während ihre Finger sich so fest um den Teebecher legen, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten. Sie muss und will das hier und jetzt hinter sich bringen, damit sie damit abschließen und es hinter sich lassen kann. "Anirano Tyalfen war den Göttern sei Dank am Nordtor als wir dort eintrafen. Er hat Rialinns Verletzung versorgt und konnte ihr Ohr retten. Falls Ihr genauere Angaben zum Umfang ihrer… und meiner… Verletzungen braucht, kann er Euch Auskunft geben."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Rhordri

Stadtbewohner

Posts: 41

Occupation: Kastellan der Steinfaust

Location: Talyra

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152

Wednesday, December 30th 2015, 4:46pm

5. Beerenreif 515

In der Halle des Kastellans

Von dem kurzen Unbehagen Lady Arúens bekommt Rhordri nicht viel mit außer dass es ihm auffällt – dass er der Grund dafür ist, oder besser gesagt, seine latente Unruhe ob der erhaltenen Nachricht oder noch besser gesagt, das Unvermögen der Elbin, ihre empathischen Sinne im Zaum zu halten - etwas, das die allermeisten Elben auch in ungewöhnlichen Situationen auch noch mit traumwandlerischer Sicherheit beherrschen, weil sie sich schließlich seit frühester Kindheit (und das sind nicht selten Jahrhunderte oder gar Jahrtausende) darin üben - auf den Gedanken kommt Rhordri überhaupt nicht. Aber der Moment geht vorüber, der Tee scheint sie zu entspannen und er ist ja auch wirklich kein Fremder für die Elbin. Sie haben zwar nicht oft wirklich persönlich und direkt miteinander zu tun, aber man begegnet sich doch häufig auf dem Weg zu oder von Stadtratssitzungen, hier in der Steinfaust, in allerlei offiziellen oder halboffiziellen Angelegenheiten und natürlich im Tempel, schließlich ist er ein religiöser Mensch, seine Morna erst Recht, und alle seine acht Töchter ebenfalls - zwei davon haben sogar im Anukistempel ihr Eheversprechen abgegeben. Wie auch immer, sie beide als Freunde zu bezeichnen wäre vielleicht etwas weit vorgegriffen und außerdem würde Rhordri so etwas Unbotmäßiges ja nicht einmal im Traum einfallen angesichts ihrer äh… nun ja, der Tatsache, dass sie eine Hohepriesterin und eine wissen die Götter allein wie alte Elbin ist, aber sie sind, bedingt durch die Ämter, die sie nun einmal innehaben, auch etwas mehr als nur sich gegenseitig freundlich gesonnene Bekannte.

Rhordri (in der Gegenwart schöner Frauen, die außerdem Hohepriesterinnen und wissen die Götter allein wie alte Elbinnen sind) immer ein wenig befangen, rutscht ein wenig auf seinem Stuhl hin und her und ihm kommt der Gedanke, dass er sich paradoxerweise in Lady Ninianes Gegenwart nie so fühlt. Die Protektorin ist wunderschön, uralt und noch einiges mehr als nur eine Elbin oder Halbelbin, und außerdem ja auch noch aus deren verflixtem Königshaus, und trotzdem kann sie in der Küche seiner Morna sitzen und tratschen wie jede andere Frau auch. Ihr kann man bedenkenlos die Hand reichen, man kann ein Schwätzchen mit ihr halten, scherzen, an einem heißen Tag im Harfengarten sogar ein kühles Bier mit ihrtrinken (hat er schon getan), und sich alles andere als unwohl dabei fühlen. Lady Niniane schafft es merkwürdigerweise immer wieder, einen sowohl ganz und gar vergessen zu lassen, welchem Wesen man da gegenübersitzt, als auch einen unvermittelt und schlagartig wieder daran zu erinnern. Als Lady Arúen ihren Bericht zum Überfall auf sie und ihre Tochter abgibt, lässt Rhordri alles, was sie zu Protokoll gibt, fein säuberlich niederschreiben und hört ihr aufmerksam, aber ohne sie auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen zu. Da er keine Ahnung hat und auch nicht nachfragt, dass es für die Elbin das erste Mal gewesen war, diesen Zauber ihres Hohen Hauses anzurufen und somit auch nichts von ihren Schwierigkeiten damit und mit den Konsequenzen ihres Tuns weiß, nimmt er ihre Worte vollkommen gelassen hin. Und selbst wenn er auch nur den blassesten Schimmer von ihren Gedanken geahnt hätte, hätte er sie nur beglückwünscht dazu, ihre Tochter gerettet zu haben und sie keineswegs verurteilt… diese An Cu Elben – aus welchen Löchern auch immer sie gekrochen sein mögen – haben ihr Schicksal selbst heraufbeschworen und bekommen, was sie verdient haben, jedenfalls seiner Meinung nach.

Rhordri kann natürlich an ihrem Verhalten und ihrer Art zu erzählen sehen und hören, dass das alles schrecklich für sie gewesen sein muss. Ebenso kann er sich denken, dass es ihr schwer fällt, alles so genau wiederzugeben, und er ist voller Mitgefühl für sie. Doch hier und jetzt ist er vor allem der Kastellan der Steinfaust, der seine Pflicht zu tun hat und er hofft, dass seine Ruhe und souveräne Ausstrahlung ihr die nötige Sicherheit geben, hier offen über alles sprechen zu können. Er wertet nicht, er urteilt nicht, er stellt keine Fragen außer zu Tathergängen – was er aber in diesem Fall gar nicht muss, denn sie widerspricht sich selbst kein einziges Mal – und er sieht sie auch nicht anders an als vorhin noch. >Anirano Tyalfen war den Göttern sei Dank am Nordtor als wir dort eintrafen. Er hat Rialinns Verletzung versorgt und konnte ihr Ohr retten. Falls Ihr genauere Angaben zum Umfang ihrer… und meiner… Verletzungen braucht, kann er Euch Auskunft geben.< "Nein, das wird nicht nötig sein, M'lady. Der Lord Commander wollte den Tathergang protokolliert haben und das ist nun geschehen, ich werde ihm die Niederschrift nachher hinaufbringen lassen. Ihr müsst nur hier unterschreiben und Shu're Elthevir als Euer Zeuge ebenfalls. Wollt Ihr noch zu Olyvar gehen? Er wird sich sicher freuen, Euch wieder auf den Beinen zu sehen."
"You can easily judge the character of a man by how he treats those who can do nothing for him."

Malcolm S. Forbes.

Arwen

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Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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153

Tuesday, January 5th 2016, 7:00am

So schwer es Arúen auch fallen mag die Ereignisse wieder an sich heran zu lassen und dem Kastellan der Steinfaust einen möglichst detaillierten Bericht zu geben, so einfach macht Rhordri es ihr zur gleichen Zeit. Seine souveräne und sachliche Art hilft ihr, sich ebenfalls einzig und allein auf die Fakten zu konzentrieren und die emotionale Seite der Angelegenheit auszublenden - zumindest für den Moment. Seine ruhige und mitfühlende Art schafft es sogar, dass sie die Fassung auch dann nicht verliert als sie ihren Kampf in Werwolfgestalt beschreibt und wie sie den AnCu getötet hat. Dass sich an seinem Blick, der unverändert aufmerksam auf ihr liegt nicht das Geringste ändert, sich keine Skepsis, Schrecken oder gar Abneigung zeigt, tut sicherlich seinen Teil dazu. Sogar den Scriptor, der schweigsam nur wenig neben dem Kastellan sitzt und akribisch jedes Wort mitschreibt vergisst sie beinahe. Auch der ist einzig auf seine Aufgabe konzentriert und lässt sich weder ansehen noch anmerken, was er von all dem halten mag was ihm zu Ohren kommt. Das gleichmäßige, feine Kratzen der Feder auf dem Pergament hat etwas Beruhigendes und fast ist Arúen versucht sich einzureden, dass sie mit den geschriebenen Worten auch die Erinnerungen auf die Tintenstriche reduzieren und so aus ihrem Leben verbannen könnte. Natürlich weiß sie, dass das in Wirklichkeit nicht geht - aber ein paar Momente illusorischer Hoffnung wird sie sich wohl gönnen dürfen.

Und dann ist es vorbei. Sie hat alles berichtet, an das sie sich erinnern kann und das auch so detailliert wie es ihr irgend möglich ist.

Ihre Aussage scheint jedoch alle Fragen des Kastellans beantwortet zu haben. Oder vielmehr die Fragen des Lord Commanders, wie Rhordri erklärt als er erklärt, dass weitere Auskünfte des Anirans zu den Verletzungen nicht nötig wären. Der Lord Commander habe nur den Tathergang protokolliert haben wollen und das sei hiermit ja nun geschehen. Sowohl Arúen als auch Shu're Elthevir unterschreiben die Aussage. Während Rhordri das Pergament ebenfalls gegenzeichnet leeren die beiden Elben ein letztes Mal ihre Teebecher und von Arúen fällt die unterschwellige Anspannung ab, die sie die ganze Zeit steif und extrem aufrecht auf der vorderen Kante ihres Stuhls hat sitzen lassen. Es ist noch nicht vorbei. Wirklich vorbei würde es erst sein, wenn der letzte AnCu sich Sithech und damit dem letzten Richter und dessen Urteil würde stellen müssen. Aber schon jetzt würde er keine Gefahr mehr für Arúen oder Rialinn oder irgendjemanden sonst der ihr am Herzen liegt darstellen. Und die Erleichterung, die sie bei diesem Wissen empfindet, lässt die Elbin sich innerlich und äußerlich entspannen. Auch ihr Lächeln bekommt etwas Befreites, vertreibt das Grau aus ihren Augen und verändert so ihre ganze Ausstrahlung.

Nachdem er über den Überfall in Kenntnis gesetzt worden war, hatte Olyvar bereits am selben Abend Vinyamar aufgesucht, als Freund nicht als Lord Commander, um sich nach Arúen und Rialinn zu erkundigen. Andovar hatte ihn allerdings ebensowenig zu ihr gelassen, wie jeden anderen abgesehen von dem Aniran. Immerhin hatte der Klingentänzer ihm versichert, dass es den beiden Elbinnen den Umständen entsprechend gehe, sie in der Obhut eines Aniran seien und vorerst vor allem Ruhe bräuchten.
"Ja, falls Olyvar Zeit hat, würde ich gerne zu ihm gehen." Sie sind hier quasi unter sich und einander seit Jahren bekannt und durchaus vertraut, da sieht Arúen keine Notwendigkeit für das Beharren auf Titeln und Förmlichkeiten - auch wenn Rhordri ihr gegenüber eisern an der förmlichen Anrede festhält. "Und Rhordri, bitte… lasst endlich das Mylady weg", bittet sie mit einem Lächeln, "wenigstens dann, wenn wir nicht in der Öffentlichkeit sind."
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Rhordri

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Occupation: Kastellan der Steinfaust

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154

Tuesday, January 5th 2016, 4:17pm

5. Beerenreif 515

In der Halle des Kastellans

>Ja, falls Olyvar Zeit hat, würde ich gerne zu ihm gehen.< Im Verlauf ihres Gesprächs… oder besser ihres Redens, denn gesprochen haben sie ja nicht, sie hat erzählt, er hat zugehört… hat sich die Elbin sichtlich entspannt und wirkt seltsam befreit, als habe es ihr trotz allem geholfen, das Geschehene noch einmal selbst in Worte zu fassen, hervorzuholen, in ihren Erinnerungen vorüberziehen… und dann loszulassen. Rhordri gestattet sich ein Lächeln und nickt. "Ich bin mir sicher, er wird Zeit für Euch finden, M'lady. Er war besorgt, Euch nicht selbst gesprochen zu haben, aber nun seid Ihr ja hier." Was sie dann noch hinzufügt, kommt gänzlich unerwartet, und als sie ihn bittet, doch endlich im Privaten das Mylady wegzulassen, sperrt Rhordri in etwa so entgeistert Mund und Nase auf, als hätte Lady Arúen ihn gerade um ein splitterfasernacktes, mitternächtliches Stelldichein auf dem nächsten Inarifest gebeten. Mit rotgefärbten Füßen. "Uhm? Ohm! Hm", brummt er und kratzt sich in höchster Verlegenheit den Bart. "Das wäre… also das… nein, das geht doch einfach nicht, das wäre ja… nein, undenkbar, also… wirklich einfach… nein. Es tut mir außerordentlich leid, Euch eine Bitte abschlagen zu müssen, aber… aber…" er rudert ein wenig hilflos mit den tellergroßen Händen in der Luft herum und hat nicht den blassesten Schimmer, wie er sich da jetzt herausmanövrieren soll, ohne unhöflich zu wirken. "Das gehört sich einfach nicht!" Schließt er dann, als sei damit alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt und für ihn ist es das auch. Cassandra, eine anständige Frau von noch anständigerem Verstand würde ihm - und das völlig zu Recht! - ja die Hölle heiß machen, wenn sie wüsste, dass er M'lady nicht ansprechen würde, wie es sich gehört … und sie würde es spätestens am nächsten Markttag erfahren, ließe er sich zu einer derartigen Respektlosigkeit hinreißen. Morna würde ihn fragen, ob er vielleicht den Verstand verloren habe und ihm die Ohren lang ziehen! Er würde noch auf der harten Ofenbank schlafen müssen! Herrje… Er mag ja der Kastellan der Steinfaust sein (aber diese Stellung hat er sich hart, sehr hart erarbeitet) und als solcher ständig mit dem Adel, den Hochgeborenen, dem geweihten Klerus und anderen Würdenträgern, ob verdient oder nicht, zu tun haben, aber die da oben sind nun einmal die da oben. Wissen die Götter allein wie alte Elbenhohepriesterinnen, von elbischem Adel und aus dem geweihten Klerus, sind vermutlich noch einmal etwas ganz anderes als nur "die da oben". Er ist nur ein einfacher Kerl aus dem Fliegengrund, der es weit gebracht hat, aber dennoch… wenn er seinen eigenen Leuten und denen da oben und allen dazwischen auch ein guter Kastellan sein will, dann muss er die Grenzen, die offensichtlichen wie die subtilen, fest im Auge behalten. Sie hat also ganz Recht – er wird eisern an der förmlichen Anrede festhalten, denn ob Lady Arúen respektvolle Distanz wünscht oder für überflüssig hält, für ihn ist sie wichtig. "Bitte, M'lady, seid mir nicht böse, aber das kann ich einfach nicht. Wollt Ihr nun zu Olyvar gehen? Dann rufe ich einen Burschen herein, der Euch zum Westflügel hinaufbringt." Natürlich kennt Lady Arúen den Weg bestens, aber sie kennt auch die Gepflogenheiten der Steinfaust - abgesehen von ein, zwei Ausnahmen bewegt sich niemand, der keinen blauen Mantel trägt, unbegleitet innerhalb dieser Mauern. Manchmal, fällt Rhordri ein und er denkt an Schussel, kann man ja noch nicht einmal jemanden, der einen Blauen Mantel trägt, hier allein herumlaufen lassen.
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Malcolm S. Forbes.

Arwen

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155

Thursday, January 7th 2016, 6:47am

Welche Reaktion auch immer Arúen auf ihr Angebot erwartet hat, dass es den Kastellan der Steinfaust in solche Verlegenheit bringt, dass er sie entgeistert für einige Herzschläge gar mit offenem Mund anstarrt, hätte sie nicht gedacht. Nichts liegt ihr ferner, als Rhordri in solche Nöte zu bringen. Es gehört sich nicht... ein innerliches Seufzen begleitet die Gedanken der Elbin, als sie sich insgeheim fragt, warum die Götter sie immer an einen Platz stellen, der sie von andere abgrenzt. Erst ist er der Fluch gewesen, der andere auf Distanz hielt (oder sie selber Distanz wahren ließ, um die anderen zu schützen). Und nun ist es die Berufung zu den Hohen Weihen Anukis', die den Anlass für Distanz bildet, eine zumeist respektvolle Distanz, zugegeben, aber immernoch Distanz, so als würde sie nicht dazugehören - oder dürfe es nicht. Aber sie akzeptiert die Worte und die Entscheidung des Kastellans. "Ich bin Euch nicht böse, Sire Rhordri", eine sachte Geste voller Verständnis begleitet ihre Worte, auch wenn ihr Lächeln ihre Enttäuschung nicht ganz verbergen kann. Seine Frage, ob sie nun zu Olyvar wolle, kommt der Elbin fast vor, als wolle er sich von ihrer Anwesenheit befreien. Und so nickt sie lediglich, erhebt sich mit ruhigen, gefassten Abschiedsworten und wartet dann schweigend während der Kastellan einen Burschen herbeiruft.

Lange müssen sie nicht warten. Was auch kein Wunder ist, immerhin braucht der Kastellan im Laufe eines Tages des Öfteren eines der Botenkinder für Nachrichten, Botengänge oder eben auch um Besucher durch die Steinfaust zu führen. Und so befinden sich immer einige Botenkinder in Rufweite seines Solars. Der sommersprossige Rotschopf, der sie auch hierher geführt hat erscheint binnen Herzschlägen und nickt nur knapp als er den Auftrag erhält, die Elben zum Solar des Lord Commanders zu bringen.

Der Weg von der Halle des Kastellans zum Solar Olyvars von Tarascon ist Arúen gut bekannt, immerhin ist sie nicht zum ersten mal hier, besucht sie Olyvar, Diantha und deren Kinder doch regelmäßig alleine oder auch mit Rialinn. Und von diesen Besuchen ist ihr längst vertraut, dass sie wie jeder andere Besucher auch immer von einem der Botenkinder durch die Steinfaust begleitet wird. Der Gang im Westflügel der ist leer und während die Schritte des Rotschopfes an den Mauern ein schwaches Echo erzeugen sind die Schritte der Elben auf weichen Sohlen nahezu unhörbar. Die Tür zu den Privatgemächern liegt nur wenige Schritte den Gang weiter hinunter, doch ungeachtet der frühen Stunde hält der Knabe auf die beiden Männer im Blau der Stadtgarde zu, die vor dem Solar des Lord Commanders Wache stehen. Einer der Männer verlässt seinen Posten um Arúen anzumelden und Shu're Elthevir nutzt die Gelegenheit Arúen stumm mitzuteilen, dass er sich zurückziehen und bei den Pferden auf sie warten würde. Und als der Blaumantel die Tür für Arúen öffnet, damit sie eintreten kann bittet der Klingentänzer den Rotschopf, ihn zurück auf den Äußeren Zwinger zu den Pferden zu bringen.

Das Bild, das sich Arúen im Solar bietet, vertreibt augenblicklich das Grübeln, mit dem sie Rhordri verlassen hat und lässt sie leise lachen. Olyvar ist trotz der frühen Stunde nicht alleine in seinem Solar sondern in Gesellschaft sämtlicher seiner drei Kinder (alle ebenso erschreckend munter wie Rialinn am Morgen), dazu noch die dunkelbraune Hündin (die gerade die Augen zukneift und sich von Fianryn die Ohren kraulen lässt) und die rauchgraue Katze (die sich vor Njálls übermütigen Kuscheleien hinter einer Truhe in Sicherheit bringt). "Olyvar, guten Morgen", begrüßt sie den Lord Commander, kommt aber nicht weiter, weil die drei Kinder sie natürlich erkennen, sofort wissen wollen ob Rialinn auch kommt und es mit einem enttäuschten 'ooochh' quittieren, als Arúen erklärt, dass sie ohne ihre Tochter gekommen sei.
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Olyvar

Stadtbewohner

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Occupation: Lord Commander

Location: Steinfaust

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156

Thursday, January 21st 2016, 9:42am

5. Beerenreif 515

Im Solar des Lord Commanders

Olyvar sitzt an seinem Schreibtisch und klopft vollkommen gedankenverloren mit dem Federkiel auf eine lederne Mappe, den Brief, dessen Inhalt seinen armen Kastellan in solchen Aufruhr versetzt hatte, noch immer in den Händen. Er hat ihn jetzt zum vierten Mal gelesen und in seinen eigenen Gedanken herrscht eine beinahe ebensolch wirre Mischung aus ungeheurer Erleichterung und nervöser Beunruhigung wie in Rhordris. Er wird etwas unternehmen müssen, und zwar schnell. Genau genommen hat er das ja schon getan – Niniane ist wegen des Überfalls auf Arúen ohnehin schon auf dem Rückweg nach Talyra und Brenainn hat die Neuigkeit heute Morgen als allererster erfahren. Jetzt sitzt der Junge in seinem Gemach im Westflügel und weint sich höchstwahrscheinlich die Trauer und den Schmerz der vergangenen Monde, und seine insgeheimen Schuldgefühle von der Seele – schließlich hatte er, furchtbar vernünftig für sein Alter, die felsenfeste Überzeugung seines jüngeren Bruders nicht wirklich geteilt und seinen Vater für… nun, für gelinde gesagt nicht mehr ganz bei Verstand gehalten. Und wie unberechenbar und gefährlich ein von Sinnen gewesener Borgil sein konnte, hatten sie hautnah miterlebt. Ich weiß nicht, was er damals getan hätte, wäre Brenainn nicht dazwischen gegangen. Götter im Himmel, ich hätte die Armbruster einsetzen müssen… Was dann geschehen wäre, will er sich nicht einmal ausmalen. Hör auf jetzt noch Dämonen an die Wand zu malen! Es ist nicht geschehen… und jetzt wird auch nichts mehr dergleichen geschehen. Alles wird wieder ins Lot kommen. Er wird zurückkommen und die Harfe wird wieder öffnen. Die Vögelchen werden wieder zwitschern, die Händler werden sich nicht mehr zieren und der Rat wird sich beruhigen. Und die Kinder… Karamaneh und Niniane hatten getan, was sie konnten: Borgils gesamte Kinderschar, die leiblichen wie die angenommenen - abgesehen von Tiuri natürlich - waren bei der Protektorin untergekommen, und hatten seit Azras Verschwinden im vergangenen Winter dort gelebt. Jetzt würden sie vielleicht…
Gourchien Großspeer, heute eine seiner Solarwachen, meldet, Lady Arúen sei hier und reißt Olyvar damit unvermittelt aus seinen Gedanken. Der Brief, den er immer noch in der Hand hat, hatte ihn von dem Attentat auf die Anukispriesterin und ihre Tochter abgelenkt, und auch wenn er schon weiß, dass sowohl sie, als auch Rialinn mehr oder minder wohlauf sind und auch in der Obhut eines Heilers waren, ist es doch etwas ganz anderes, das auch mit eigenen Augen zu sehen.

Arúen kann kaum ein "Guten Morgen" von sich geben, als sie auch schon von den Kindern bestürmt wird und nach einem allgemeinen kurzfristigen Begrüßungschaos aus Hund, Katze, Njáll, den Zwillingen und ihm selbst, schickt Olyvar die ganze Meute (ausgenommen der Katze, die verschnupft auf seinen Schreibtisch springt, sich in einem Fleck Sonnenlicht zusammenrollt und demonstrativ die Augen schließt, um diesen ungehörigen Morgen für eine Weile auszusperren) hinaus, die Zwinger unsicher zu machen aber dabei ja nichts Blödes anzustellen. Sie haben wie alle talyrischen und vermutlich alle herzländischen Kinder zu dieser Zeit im Jahr – von der Heumahd bis zu den Sternreigentänzen – keinen Unterricht und damit den lieben langen Tag Zeit, sich Unfug einfallen zu lassen (was sie auch reichlich ausnutzen). Als sie allein sind und Ruhe einkehrt, fasst er Arúen genauer ins Auge – sie sieht mitgenommen aus, müde vor allem. Aber längst nicht so schlimm, wie er erwartet hat. Nicht wirklich wie eine Frau, die etwas Schreckliches erlebt hat und darunter noch immer leidet. Keineswegs wie ein Opfer. Genaugenommen sieht sie auf merkwürdige Weise anders aus… aber nicht unbedingt auf alarmierende Art. "Wie geht's dir? Und Rialinn?" So schlicht die Fragen sein mögen, sein Tonfall ist es nicht und sie beinhalten alles, was wichtig ist. Er will wissen, wie es ihr und der Kleinen wirklich geht, schließlich hat er sich furchtbare Sorgen um sie gemacht, als er davon erfahren hatte. Er kennt Arúen seit Jahren, sie sind Freunde. Natürlich hatte er alles stehen und liegen gelassen, und war nach Vinyamar geeilt, um nach ihnen zu sehen – und er war mit denkbar knappen Worten der Erklärung wieder fortgeschickt worden. Dann hatte man ihm den einzigen überlebenden Ancu-Elben überlassen und das war es gewesen. Er weiß, dass sie bei Rhordri war, um ihre Aussage zu machen, und sie muss nicht wiederholen, was sie dem Kastellan erzählt hat, denn das wird er in ihrem Bericht selbst lesen können. Aber das sind die Tatsachen, die nackten Fakten dessen, was geschehen ist. Aber wenn sie reden will, über das Wichtige, das Verborgene, was in ihrem Inneren vorgeht, wie ihr zumute ist oder was auch immer, wird er hier sein und ihr zuhören. Und wenn sie nur hier ist, um über das sonnige Beerenreifwetter zu plaudern, dann würden sie eben Cofea trinken und das tun. Dann fällt ihm siedend heiß die Nachricht ein und er schwenkt sacht den Brief in seiner Hand. "Ich habe hier Neuigkeiten, die dich interessieren werden. Aber davon später. Setz dich erst einmal. Cofea?"
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Arwen

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157

Sunday, January 24th 2016, 8:47pm

Das Begrüßungsdurcheinander ist laut, vielstimmig, chaotisch - und so herrlich normal und alltäglich, fern von uralten Verschwörungen, Verrätern und Schrecken, dass Arúen es nicht nur über sich ergehen lässt, sondern es genießt. Für einen Moment, Herzschläge nur, ruht ihr Blick noch auf der Tür, die sich hinter den Kindern geschlossen hat und sie lauscht auf die klingende Stille, die sich nun im Solar ausbreitet. Dann richtet sich ihre ganze Aufmerksamkeit auf Olyvar und sie stellt sich dem Blick, mit dem er sie prüfend mustert. Die Elbin weiß, was er sieht - und was er nicht sieht, was er nicht sehen kann. Die letzten äußerlichen Spuren ihrer Wandlung während des Überfalls sind bereits gestern verblasst. Die feinen Narben, dort wo sie im Kampf verletzt worden war, sind unter ihren Kleidern verborgen. Und die tiefsten Spuren haben die Ereignisse bei ihr ohnehin nicht körperlich hinterlassen. Sieht man einmal davon ab, dass das Grau aus ihren Augen bis auf einen feinen Rand um die Pupille verschwunden ist und sie nun von einem tiefen Grün sind, wie Waldmoos

Seine Frage… Fünf Worte nur, und doch liegt in ihnen und in Olyvars Stimme so viel Unausgesprochenes. Auch, dass es der Freund ist, der fragt, nicht der Lord Commander. Mit einem Lächeln nimmt sie den angebotenen Cofea, nimmt dem Gebräu mit Milch und Zucker seine Bitterkeit, und setzt sich dann auf den angebotenen Platz. "Es tut mir leid, dass sie Dich so abgewiesen haben, als Du da warst. Ich habe erst gestern davon erfahren. Vorher war ich… ich war nicht in der Lage, mehr an mich heran zu lassen, als mich um Rialinn zu kümmern." Ungeachtet ihrer Worte ist ihre ganze Haltung und Mimik um einiges entspannter, als vorhin bei Rhordri.

"Rialinn geht es gut." Arúen nimmt einen Schluck von ihrem Cofea und sieht auf die sich kräuselnde Oberfläche in ihrem Becher, als suche sie nach der Antwort auf eine noch unausgesprochene Frage. "Es geht ihr so gut, dass ich nicht weiß, ob ich es erstaunlich oder beängstigend finden soll." In der Stimme der Elbin spielen Zweifel und Erleichterung munter Haschen. "Tyalfen… der Aniran", setzt sie kurz erklärend nach, "konnte ihr Ohr retten. Bis auf eine haarfeine Narbe ist nichts davon zu sehen, was dieser -" So melodisch das Shidar aus den Mund eines Elben sonst auch klingen mag, die zornig zischenden Worte, die aus Arúen herausbrechen ehe sie sich fassen kann, lassen keinen Zweifel daran, dass sie den Angreifer gerade nicht mit Ehrentiteln bedenkt. "was dieser dreckige Verräter ihr angetan hat." Wieder nimmt sie einen Schluck aus ihrem Becher um Zeit zu schinden.
"Es scheint bei ihr auch keine Ängste hinterlassen zu haben, was sie erlebt und mitangesehen hat… Weißt Du, wenn ich ehrlich bin, ist es genau DAS, was mir Sorgen macht: Ich kann nicht einschätzen, ob sie es bloß verdrängt und es sie dann später umso schlimmer quälen wird. Oder ob es ihr wirklich keine Angst gemacht hat zu sehen, wie ich meine Gestalt gewandelt und den AnCu getötet habe… Götter... Sie ist erst elf! Sie ist doch noch ein Kind! Kein Kind sollte so etwas erleben müssen." Und in einer perfekten Welt sollte das auch kein Erwachsener… Aber die Welt ist nun einmal nicht perfekt… Über diese Frage hatten die drei Erwachsenen, Andovar, Tyalfen und Arúen, schon am Vortag geredet und waren zu keiner wirklichen Antwort gekommen.

"Und ob ihre Mutter ihr dabei die beste Hilfe ist, weiß ich auch nicht." Nicht gerade das einfachste Eingeständnis für Arúen. "Denn wie es scheint, macht mir die Angelegenheit mehr zu schaffen als meiner Tochter." Die Gefühle der Elbin lediglich als ambivalent zu bezeichnen, wäre geschönt. "Man sollte doch meinen, in meinem Alter hätte ich langsam gelernt, mit sowas umzugehen… Tja, wie es aussieht, ist dem nicht so. Auf der einen Seite ist da dieses Gefühl der Erleichterung, die Hoffnung, dass das nun wirklich die Letzten gewesen sind, dass die Verräter der AnCu endlich Vergangenheit sind. Dann die Genugtuung, es dieses Mal selber gewesen zu sein, und die Verräter für ihre Untaten bezahlt haben zu lassen. Und im selben Moment ist da diese kleine gemeine Stimme ist, die behauptet jemanden zu töten DÜRFE mir keine Genugtuung bereiten, egal was er getan hat." Unruhig dreht Arúen den Becher zwischen ihren Händen hin und her. Der Cofea darin ist längst kalt, aber das würde sie vermutlich nicht mal merken, wenn sie noch etwas trinken würde.
"Ich habe diesen Zauber nicht das erste Mal benutzt", fährt sie mit leiser Stimme fort. "Aber es ist eine Sache, Wers Geschenk zu erbitten während Anukis einen prüft oder um einen Werwolf durch das Ritual der Gnade zu begleiten." Olyvar kann sich vermutlich noch daran erinnern, dass sie vor einigen Jahren während der Mordserie eines Nekromanten nach Verd gerufen worden war um dort dieses Ritual durchzuführen nachdem ein ungebannter Werwolf dort Opfer gefordert und seinen Fluch weitergegeben hatte. "Oder ob man es benutzt um… um… Götter, ich bin Priesterin und keine Kämpferin. Selbst in der Werwolfgestalt hätte ich keine Chance gegen einen ausgebildeten Klingentänzer gehabt, den Hass und Rachsucht treiben und der absolut nichts zu verlieren hat. Um Rialinn zu retten musste ich den Instinkten des Werwolfs die Kontrolle im Kampf überlassen. Aber dem Werwolf die Kontrolle zu überlassen ist… entsetzlich…" Allein die Erinnerungen an diesen Moment lässt die Stimme der Elbin zu vibrieren. "Ich weiß nicht, ob Du Dir vorstellen kannst, wie das ist, wenn man die Kontrolle über sich und sein Handeln auf diese Art und Weise und in diesem Umfang aufgibt." Ihr Blick sucht den des Mannes vor sich, sucht darin nach Verstehen, nach Begreifen ehe sie fortfährt.
"Aber Angst davor zu haben oder zu zögern war ein Luxus, den ich mir nicht leisten konnte. Wenn ich das getan hätte, wäre ich tot gewesen… und Rialinn wäre mit mir gestorben. Irgendwann hatte ich ihn dann am Boden. Und ein Werwolf braucht keine Waffen um zu töten." Es auszusprechen, was sie getan hat um den AnCu zu töten, bringt Arúen nicht über sich. Das braucht sie aber auch nicht. Olyvar wird die Berichte kennen und wissen, dass dem einen die Kehle herausgerissen wurde. "Im Gegensatz zu Rialinn finde ich nachts keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sind die Erinnerungen wieder da."

Die Katze auf Olyvars Schreibtisch öffnet erst das eine Auge und dann das andere, als der Sonnenfleck wandert. Ihrer Wärme beraubt erhebt das Tier sich und springt vom Schreibtisch direkt auf Arúens Schoß, wo sie sich wieder einrollt. So aus ihren Worten gerissen, kann Arúen erst nur irritiert auf die Pelzkugel schauen. Dann tut sie, was mit sachtem Treteln eingefordert wird: Ihre Hand streicht über das weiche Fell, krault Kopf und Ohren und die Katze fängt wie auf Befehl an zu schnurren. Die Schwingungen steigen aus der Kehle in ihre Finger, ein Vibrieren voller Zufriedenheit und Vertrauen, so ergreifend schön und beruhigend wie die Musik von Seharimchören

"Lass uns von Erfreulicherem reden… Du hast Neuigkeiten erwähnt."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
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Rayyan

Hänfling

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Tuesday, January 26th 2016, 6:54pm

--> Baum am Smaragdstrand



Hunetzmümmwiatugohenenhafmme

07. Langschnee 515

Eigentlich eilt sein Botengang nicht. Calait und Colevar sind in Sicherheit und es droht ihnen keine unmittelbare Gefahr. Aber nicht nur will er Olyvar keinen Moment länger als unbedingt nötig im Ungewissen lassen, er kann auch, aller Wiedersehensfreude und Erleichterung ob Calaits Genesung zum Trotz, das Gefühl nicht abschütteln, dass das alles erst der Anfang war. Als stünden sie an einem weiten, verlassenen Strand und eine mächtige Welle sei über sie hereingebrochen, der sie gerade noch so trotzen konnten. Doch dahinter, noch nicht mehr als ein fahler, krank grüngelber Schatten, der sich aus dem Meer erhebt und langsam den Horizont verschluckt, rollt ein Sturm heran. Er ist nun wahrlich kein götterfürchtiger Mann, nicht einmal diese abenteuerliche Reise quer durch eine tausend Jahre alte Legende und der Kampf gegen eine unsterbliche Dämonenpaktiererin haben ihn Demut gelehrt, und sollte Llaeron jemals auf den Gedanken kommen sich in seine weltlichen Belange einmischen zu wollen, würde er den Haderlump mit seinen eigenen Schicksalsfaden erwürgen, aber er kann einfach nicht leugnen, dass Colevar und Calait von den Göttern erwählt wurden. Nur von wem? Und zu was? Sithech hatte definitiv seine Finger mit im Spiel und auch der Schicksalsfüger hatte kräftig mitgemischt, und wenn der Herr über Tod und Kälte und sein Archon so eng zusammenspannen, kann es einfach nichts Gutes bedeuten. Dieser Gedanke treibt ihn an und lässt ihn darauf verzichten, sich über offizielle Wege anzukündigen. Stattdessen betritt er Olyvars Solar direkt über das Gewirr. (Wie er es grundsätzlich immer tut, nur normalerweise aus sehr viel profaneren Gründen, unter anderem seiner angeborenen Abneigung gegenüber jeder Art von Befehlskette.)

Und weil er ungleich Pumquat seine Ankunft nicht mit dem charakteristischen 'Plopp' einer großen, öligen Seifenblase ankündigt, weiß Oly schon, dass er es ist, noch bevor er aus dem glühenden Riss zwischen den Welten getreten ist. Sein Freund sitzt hinter dem massiven Eichentisch, der den Raum dominiert und auf dem zwischen Türme aus Papier, Pergament und Wachstäfelchen eine Platte voll mit noch ofenwarmen Brötchen, aufgeschnittener Schinken, einem Viertelrund Käse, ein Korb mit Honigfingern und gesalzener Butter steht. Aus einer bauchigen Kanne dringt außerdem der Duft nach frisch aufgebrühtem Cofea. Für einen Moment fühlt sich Rayyan an den Morgen seiner Ankunft zurückversetzt, als er das Solar zum allerersten Mal betreten und ebenfalls mitten in Olyvars Frühstück hineingeplatzt war. Auch Olyvar scheint an jenes erstes Zusammentreffen in Talyra im Silberweiß vor vier Jahren denken zu müssen, denn ohne die Cofeatasse vor seiner Nase sinken zu lassen, meint er: "Hallo Rayyan, komm doch rein, setz dich doch, nimm dir einen Honigfinger. Du riechst das doch." Es schwingt eindeutige Erleichterung und Freude ihn wohlbehalten wiederzusehen in seiner Stimme mit, doch direkt dahinter drängen sich die Frage nach Colevar, die Hoffnung, dass es dem Sithechritter gut gehe und die lähmende Angst, es könnte nicht so sein.

"Es geht ihm gut", erlöst Rayyan Olyvar aus der quälenden Ungewissheit, angelt über den Tisch nach Olyvars Cofeatasse, stürzt den Inhalt hinunter, schnappt sich den ganzen Korb mit den Honigfingern, stopft einen in seinen Mund und sagt selig kauend: "Hunetzmümmwiatugohenenhafmme," schluckt und wiederholt: "Harfe." Von der unbotmäßigen Eile schlagartig alarmiert will Olyvar wissen, warum und was mit Calait wäre. Rayyan, der schon wieder vor dem noch pulsierenden Tor ins magische Gewebe steht, grinst über beide Ohren: "Der geht es auch gut. Und dem Baby auch. Komm jetzt." Olyvar steht bereits auf den Füßen und folgt ihm, noch ehe er zu Ende gesprochen hat. "Oh, gut. Welches Kind?" "Das, das noch zur Welt kommt, bevor du die beiden wiedersiehst, wenn du dich jetzt nicht beeilst", drängt Rayyan und sie verschwinden im farbenfrohen Flirren des Netzes, gerade als die schwere Solartür aufschwingt und ein atemloser junger Rekrut namens Vron vom Nordtor hereinplatzt und verkündet: "Lord Comander! Lord Comander, Sire Colevar ist wieder da!... Äh… Lord Comander?"




--> Goldene Harfe

Olyvar

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Tuesday, January 26th 2016, 10:44pm

5. Beerenreif 515

Im Solar des Lord Commanders

Während sie gemeinsam Cofea trinken und der Morgen dabei fortschreitet, spricht Arúen vornehmlich über Rialinn, und Olyvar lässt sie reden, lässt ihr Zeit, die Worte zu finden und zu entscheiden, was sie ihm erzählen will und was lieber nicht. Doch sie ist sehr offen und je mehr Sätze aus ihrem Mund kommen, desto ehrlicher scheint sie auch mit sich selbst zu werden. Er kennt die Anukispriesterin - die Priesterin, die Stadträtin und auch die Frau - nun schon eine ganze Weile und er hat schon einige offene Gespräche mit ihr geführt, aber ein solches bisher noch nicht. Dennoch fühlt es sich weder merkwürdig, noch beklemmend an, im Gegenteil. Ab und an kann sie ihm wohl ansehen, dass er zu dem ein oder anderen, das sie preisgibt, etwas zu sagen hat, aber wann immer ihr Blick fragend und ihr Tonfall zögernd wird, macht er nur eine sachte Bewegung, die wortlose Aufforderung, fortzufahren und erst auszureden, während er seinen Cofea – im Gegensatz zu ihrem rabenschwarz und herrlich bitter – in kleinen, behutsamen Schlucken trinkt und ihr unverwandt zuhört. Also fährt sie fort, spricht von ihren Ängsten und Befürchtungen… wozu sie gezwungen war, von der Verwirrung über ihre widerstreitenden Gefühle… und von ihrer Schuld. >Aber dem Werwolf die Kontrolle zu überlassen ist… entsetzlich. Ich weiß nicht, ob Du Dir vorstellen kannst, wie das ist, wenn man die Kontrolle über sich und sein Handeln auf diese Art und Weise und in diesem Umfang aufgibt.<

Das weiß er sogar nur zu gut und sie kann das wortlose Verstehen – und Verständnis – auch in seinen Augen sehen, als ihr Blick den seinen sucht, denn er lässt es sie sehen und sie damit wissen, dass er mehr als nur eine vage Ahnung davon hat, wie sich so etwas anfühlt. >Aber Angst davor zu haben oder zu zögern war ein Luxus, den ich mir leisten konnte. Wenn ich das getan hätte, wäre ich tot gewesen… und Rialinn wäre mit mir gestorben. Irgendwann hatte ich ihn dann am Boden. Und ein Werwolf braucht keine Waffen um zu töten.< Sie hat Recht – sie muss nicht aussprechen, was sie getan hat, aber er braucht auch nicht erst den Bericht zu lesen, um sich das ausmalen zu können. Werwölfe haben Reißzähne und Klauen, er kann sich denken, was geschehen sein muss. Abgesehen davon kennt er selbst ein paar - wenn auch nicht viele. Sie haben zwar alle das Ritual der Beherrschung vollzogen, aber dennoch… genug von ihnen setzen ihre Werwolfgestalt gezielt ein: als Wächter, als Späher… sogar als Soldaten, wenn auch nicht unter den Blaumänteln. Und er kennt natürlich mehr als nur einige Geschichten über sie, immerhin sind sie hier in den Herzlanden. Aber sie ist kein Werwolf, jedenfalls nicht wirklich. Olyvar wartet geduldig, bis sie zu Ende gesprochen hat, sortiert seine eigenen Gedanken und legt sich die Worte seiner Antwort zurecht, während er sich selbst noch einmal Cofea nachschenkt. Doch als sie ihn auffordert, doch lieber von etwas Erfreulicherem zu reden und ihr die Neuigkeiten zu erzählen, schüttelt er zunächst einmal nur sacht den Kopf. "Gleich, a charaid. Aber zuerst…" Die Katze ist vom Schreibtisch auf ihren Schoß hinübergewechselt und schnurrt sich unter ihren streichelnden Fingern die Seele aus dem Leib, ein sonores, brummendes Geräusch, das den ganzen Raum mit einer gewissen Ruhe und Behaglichkeit erfüllt.

"Zunächst einmal – du hast dein Kind beschützt. Daran ist nichts verwerfliches, ganz gleich, wie du es getan hast. Wenn es darum geht, diejenigen zu beschützen, die man liebt, dann handelt man einfach, nach eil?" Er lächelt leicht und ein wenig melancholisch. "Aber es sollte einem nie leicht fallen, ganz gleich, was ein Gegner – oder ein Feind – getan hat. Ich sage nicht, dass es einem immer leidtun muss, aber leicht fallen? Nein. Dafür ist das Töten zu einfach und es gibt genug, die es viel zu leichtfertig tun. Ich weiß sehr genau, wie es dir gegangen sein muss. Wir Branritter…" er hält kurz inne, nimmt einen Schluck und zuckt dann vage mit den Schultern, "wir Branritter haben besondere Fähigkeiten, wie alle von den Göttern berufene Krieger, das weißt du. Falcon muss ein Ritter Anukis' gewesen sein, bevor er ihr Templer wurde … oder Klingentänzer, wie ihr Elben uns nennt. Doch er war ein Streiter Anukis', so wie du ihre Priesterin bist. Anukis, die Herrin der Wildnis", schnaubt er leise und gedankenverloren. "Die Wildnis ist weder gut, noch böse, weder licht, noch dunkel. Sie ist einfach. Sie kann wunderschön und sanft wie ein Feenschmetterling sein und zugleich tödlich wie ein Grymauch auf der Jagd. Du sagst, du hast dich dem Instinkt überlassen, aber der Instinkt eines Werwolfes ist auch nichts anderes als der eines jeden Raubtieres. Du hast getötet, um dein Junges zu beschützen wie jede Wölfin es getan hätte und du hattest keine andere Wahl. Dafür musst du dich meiner Meinung nach weder rechtfertigen, noch dir Vorwürfe machen. Ich kenne dich und deine grundsätzlich sanfte Art inzwischen recht gut, aber du bist eine Priesterin Anukis' – keine sehr sanfte Herrin, wenn du mich fragst." Er legt den Kopf leicht schräg und mustert sie einen Moment nachdenklich. "Und was Rialinn angeht, kann ich dir nur den Rat geben, offen mit ihr darüber zu sprechen. Du sagst, sie sei erst elf und noch ein Kind, und damit hast du natürlich recht, aber Arúen… sie weiß doch, wem du dienst. Die Magie der Götter ist ein Teil ihrer Welt und ihres Lebens – ebenso wie Warge und Werwölfe, Halbnarge und Kobolde, Oger und noch ganz andere Wesen. Sie ist ja nicht in der friedlichen Abgeschiedenheit der Elbenlande aufgewachsen, sondern hier und du weißt selbst, wem man alles auf den Straßen dieser Stadt begegnen kann." Er schweigt einen Moment lang, dann ziehen sich seine scharf geschnittenen Brauen fragend zusammen. "Weiß sie, ich meine hat sie begriffen, dass du der Werwolf warst?"
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Arwen

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Saturday, January 30th 2016, 4:58pm

5. Beerenreif 515

Im Solar des Lord Commanders

Der Versuch, das Thema zu wechseln schlägt komplett fehl. Olyvar verschiebt die angekündigten Neuigkeiten mit einem knappen 'gleich' auf später. Wirklich angenommen hat Arúen ohnehin nicht, dass diese Taktik funktionieren würde, nicht bei einem Mann wie ihm. Er ist nicht der Typ, der ein unangenehmes Thema meidet oder sich in banale Gemeinplätze flüchtet bloß weil es bequemer ist. Er meint was er sagt, eine Eigenschaft, die sie an ihm sehr schätzt, auch wenn es sie gerade jetzt dazu zwingt sich ihrem noch immer aufgewühlten Gefühlsleben zu stellen.

Genau wie Tyalfen am Morgen zuvor erklärt er, dass sie ihr Kind beschützt habe und dass das 'WIE' dabei erst einmal keine Rolle spiele. >Aber es sollte einem nie leicht fallen, ganz gleich, was ein Gegner – oder ein Feind – getan hat. Ich sage nicht, dass es einem immer leidtun muss, aber leicht fallen? Nein. Dafür ist das Töten zu einfach und es gibt genug, die es viel zu leichtfertig tun< "Ich habe auch früher schon töten und es war nie leicht. Das war es auch dieses Mal nicht. Aber ich konnte bisher immer das Leben bedauern, das ich nehmen musste um mich oder andere, die meiner Obhut anvertraut waren zu schützen. Aber dieses Mal… kann ich das einfach nicht. Dass es mir nicht leid tut, diesen Elben getötet zu haben, nachdem was er Rialinn angetan hat, damit kann ich leben. Aber dass ich losgelöst von der Person nicht das verlorene Leben bedauern kann, das… ist… irritierend…" Ihr will kein anderes, passenderes Wort in der Allgemeinsprache einfallen um den Wust an Gefühlen, den diese Tatsache in ihr auslöst zu beschreiben und so begleitet ein vages, entschuldigendes Schulterzucken das letzte Wort.
Als Olyvar von den besonderen Fähigkeiten der Ritter und Klingentänzer spricht und dabei erwähnt, dass er ein Branritter ist, weiten sich Arúens Pupillen kurz. Sie wusste bisher nicht, welche der Zwölf Mächte ihn berufen hat, sie waren in all den Jahren nie in einer Situation gewesen, in der dieses Wissen wichtig gewesen wäre. Und im Zusammenhang mit dem, was Arúen über ihre Wandlung erzählt hat, ist ihr auch klar, auf welche Gabe er anspielt. "Ja, ich weiß, was Du meinst… Shu're Andovar ist mein Ziehbruder und ein Klingentänzer Brans."

"Oh, Du bist nicht der erste, der diese offensichtliche Diskrepanz zwischen meinem sanften Wesen und dem meiner Herrin auffällig findet. Da befindest Du Dich in der guten Gesellschaft meiner gesamten Familie." Zum ersten Mal an diesem Morgen schleicht sich ein offenes Lächeln in Arúens Gesicht und vertreibt die Anspannung daraus. "Ich habe mir bisher nie wirklich Gedanken darum gemacht, sondern es einfach hingenommen. So wie es Priester gibt, die sich mehr zu dem einen oder dem anderen Archonen berufen fühlen, verkörpern unterschiedliche Priester eben auch unterschiedliche Aspekte Anukis'. Zumindest habe ich das bisher angenommen. Als Anukis mich damals in ihren Dienst gerufen hat, sagte Sie, dass alles was ich je können oder wissen müsste bereits in mir ruht und es würde erwachen, wenn ich es brauche." Jetzt bekommt ihr Blick wieder etwas Unstetes und ruht für Herzschläge auf der Katze in ihrem Schoß, die sich langsam aber sicher schnurrend wegdöst ehe sie weiterspricht. "Irgendetwas ist vorgestern mit mir passiert. Und ich meine nicht die Wandlung und den Kampf. Irgendetwas in mir ist zerbrochen… nein… aufgebrochen trifft es glaube ich besser. Bis auf die letzten zwölf Jahre habe ich mein ganzes Leben unter dem Fluch gelebt." So lange wie Arúen und Olyvar sich nun schon kennen, hatte sie ihm irgendwann auch von Winterwinds Fluch erzählt - nachdem er gebrochen war wohlgemerkt. "Wollte ich mich und alle anderen in meiner Nähe nicht permanent in Gefahr bringen, musste ich meine Emotionen stets und ständig unter Kontrolle halten oder sie besser gleich gar nicht zulassen. Also habe ich mehr als bloß die sprichwörtlichen '8 Mauern' um sie errichtet. Und selbst nachdem der Fluch gebrochen war… Götter… diese permanente Selbstbeherrschung ist mir im Laufe der Zeit einfach zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber als der Kerl… Rialinns Kreischen und das Blut… das hat gereicht um binnen eines Herzschlags alle Mauern, die ich je errichtet hatte zu vernichten. Und das was damit freigesetzt wurde war alles, aber ganz bestimmt nicht sanft. Ich hatte keine Ahnung, dass in Wut und Zorn eine solche Kraft liegen kann. Und wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, erschreckt es mich noch immer. Und die Mauern, an die ich so gewöhnt gewesen bin wollen sich irgendwie auch nicht wieder aufrichten lassen… Wie es scheint, ist meine wilde Herrin der Ansicht, es sei an der Zeit gewesen, dass eine weitere Seite in mir erwacht. Jetzt muss ich nur erst noch lernen, damit umzugehen" Das Lächeln, das den letzten Satz begleitet ist verwirrt, ängstlich, verlegen und erleichtert zugleich. Eine ähnliche Unterhaltung hatte Arúen gestern schon mit Andovar und Tyalfen geführt. Seltsamerweise fällt es ihr mit Olyvar irgendwie leichter als das auszusprechen obwohl er ihr ungeachtet aller Freundschaft nicht so nahe steht wie die beiden Elben - oder vielleicht auch gerade deshalb. Wobei Andovar ganz wie Olyvar eben den Vergleich mit der Wölfin die ihr Junges verteidigt benutzt hat.

"Ja, Rialinn weiß wem ich diene und sie ist auch jeden Tag mit mir im Tempel, und das nicht bloß für den Unterricht dort." Es braucht tatsächlich erst Olyvars Worte um Arúen wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass das, was für sie und ihre Tochter in Talyra, auf den Straßen der Stadt und im Umland so selbstverständlich ist - nämlich eben die erwähnten Oger, Kobolde, Warge, Faune - für andere Elben (und nicht nur Elbenkinder) bloß Figuren aus Geschichten und Legenden sind. Wenn überhaupt. "Ich vergesse selbst nur zu oft, wie sehr sich unser Leben hier von den Elbenlanden unterscheidet", kann sie sich ein fast schon schuldbewusstes Schmunzeln nicht verkneifen. "Rialinn kennt Kaney, wir haben ihn schon öfter im Wald getroffen, auch in seiner Wolfgestalt, und sie hat auch schon gesehen wie er seine Gestalt wechselt... Weiß Rialinn, dass ich der Werwolf war? Ja, ich denke schon." Gedankenverloren nimmt Arúen einen Schluck aus ihrem Becher und schüttelt sich prompt. Cofea ist schon heiß nicht unbedingt ihr Lieblingsgetränk (selbst nicht mit Rahm und Zucker), aber kalt ist er erstrecht nicht ihr Geschmack. "Ich glaube nicht, dass sie mitbekommen hat, wie ich mich in den Werwolf verwandelt habe. Der AnCu hatte ihr gerade erst das Ohr fast abgeschnitten und der Mondwolf hatte sie ihm entrissen um sie in Sicherheit zu bringen. Außer den rasenden Schmerzen wird sie in dem Moment kaum etwas anderes mehr wahrgenommen haben. Aber hinterher, als es vorbei und Andovar da war… doch, ihr ist bewusst gewesen, dass ich der Werwolf war. Sie hat zu Andovar gesagt, dass sie ihre Mama zurück will… und mir dabei in die Augen gesehen… Und sie hat zugesehen, wie ich mich zurückverwandelt habe. Sie hatte Angst vor der Andersgestalt, ja, aber als ich meine eigene Gestalt zurück hatte, hat Rialinn sich regelrecht in meine Arme geflüchtet. Und die beiden letzten Nächte hat sie bei mir geschlafen. Vielleicht mache ich mir wirklich zu viele unnötige Sorgen… Ich rede mit ihr," nimmt die Elbin sich fest vor, ohne zu wissen, dass sie das Gespräch letztendlich erst im Herbst während Rialinns erstem Jagdausflug führen wird (und sie sich in dieser Angelegenheit tatsächlich vollkommen grundlos Sorgen um Rialinn gemacht hat).
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Olyvar

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Tuesday, February 9th 2016, 10:50pm

5. Beerenreif 515

Im Solar des Lord Commanders

"Es ist nie einfach, unbekannte und erschreckende Seiten an sich selbst zu entdecken. Man blickt in den Spiegel und sieht jemanden, der einem fremd ist, den man gar nicht zu kennen glaubt", erwidert er leise, aber auch gleichmütig wie jemand, der diese Art von Kampf schon hinter sich hat und im Großen und Ganzen mit sich im Reinen ist. Seinen Frieden mit Bran hat er längst gemacht und inzwischen passen dieser Gott und er so gut zueinander wie ein altes Paar Stiefel, die genau an den richtigen Stellen Risse haben… aber er erinnert sich gut, wie er sich zu anfangs gefühlt hat, als nicht Shenrah, sondern der Herr des Hohen Hauses Krieg ihn für sich beansprucht hatte… als würde man mit der festen Überzeugung, ein rechtschaffener Mensch zu sein in den Spiegel blicken und stattdessen ein Ungeheuer darin erkennen. Als Arúen schließlich endet, lächelt er leise. "Ich denke wirklich, du machst dir unnötig Sorgen… aber Eltern, die ihre Kinder lieben, können da wohl nicht aus ihrer Haut, ich kenne das. Rialinn ist ein kluges Mädchen und nicht sonderlich furchtsam, sie wird das bestimmt gut verkraften. Und was dich angeht – lass dir Zeit. Du musst nicht von heute auf morgen mit den Veränderungen zurechtkommen können. Solche Dinge brauchen immer ihre Zeit. Sieh dir in Ruhe an, was du kannst, was du bist – und entscheide, was du sein möchtest und wie. Die Götter mögen uns ihre Zeichen aufgebrannt haben, aber wir haben immer noch unseren freien Willen. Wir können entscheiden… ich glaube, letztlich ist es immer eine Entscheidung, ob bewusst, oder unbewusst. Was man annimmt und zulässt und was nicht." Eine Weile schweigen sie und genießen die noch erträgliche Wärme der Sonne, die jetzt so hoch gestiegen ist, dass sie die großen, bleigefassten Scheiben völlig entflammt hat und sein ganzes Solar mit Licht und dem Versprechen auf einen sommerheißen Beerenreiftag füllt. Es hatte keine Sonnenfeuerfeierlichkeiten gegeben, nicht nach Azras Verschwinden und Borgils Aufbruch wissen die Götter wohin, aber die Sternreigentänze stehen unmittelbar bevor, das Heu ist eingebracht und das Korn steht vielerorts schon goldgelb und reif auf den Feldern. Wenigstens Sonne und Regen waren uns gewogen dieses Jahr. Sein Blick fällt auf Arúens dezent zur Seite geschobenen Becher. "Möchtest du lieber Tee? Dort in der Kanne auf dem Stövchen, ich hatte für die Kinder welchen heraufschicken lassen. Es ist aber nur Blüten- und Früchtetee. Und was die Neuigkeiten angeht… sie sind wirklich erfreulich. Sehr sogar. Sitzt du gut?" Er sieht sie an, seine Augen glitzern und sein Mund verzieht sich ganz ohne sein Zutun zu einem breiten Lächeln. "Azra lebt. Borgil hat sie gefunden."
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Thursday, February 11th 2016, 12:56pm

"Ja, ich weiß, was Du meinst", erwidert die Elbin das Lächeln Olyvars. Insgeheim kann sie sich aber des Gefühls nicht erwehren, dass sie nicht endlos Zeit haben wird, um sich zu entscheiden wieviel von dieser neuen Seite sie in ihrem Leben zulassen will. Die Vergangenheit hat ihr mehr als einmal gezeigt, dass die Götter nichts, aber auch rein gar nichts vollkommen ohne Grund geschehen lassen. Egal. Mit der ihr eigenen Rigorosität schiebt Arúen den Gedanken vorerst beiseite, der würde später auch noch da sein um ihm nachzugehen. Für einige Momente breitet sich zwischen ihr und Olyvar Schweigen aus, doch es ist nicht unangenehm. Ihr Vater hatte einmal gesagt 'Mit wem man nicht schweigen kann, mit dem sollte man auch nicht reden'. Der Lord Commander gehört zu jenen, mit denen Arúen beides kann: Schweigen und Reden.

Seinem aufmerksamen Blick entgeht dabei nicht, dass sie den Becher mit dem kalten Rest Cofea zur Seite gestellt hat. Mit einer sachten Geste und einem entschuldigenden Lächeln bestätigt sie dann seine Vermutung, dass sie lieber Tee nimmt und erhebt sich kurz um sich einen frischen Becher zu nehmen und diesen mit dem Tee zu füllen, der eigentlich für die Kinder gedacht gewesen ist. Dass sie dabei die Katze behutsam von ihrem Schoß hebt, wird von der ob der unbotmäßigen Störung mit einem beleidigten Laut irgendwo zwischen Fauchen und Maunzen quittiert, ehe das Tier sich in die tiefe Fensterhöhlung zurückzieht um dort demonstrativ nach draußen zu sehen. Der Tee ist deutlich mehr nach Arúens Geschmack als Cofea und für einige Herzschläge spürt sie dem Geschmack nach Malvenblüten, Apfelschalen und Johannisbeerblättern mit geschlossenen Augen hinterher, ehe Olyvars mit seinen Worten erreicht, dass sie augenblicklich mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei ihm ist. Und sich sicherheitshalber wieder setzt obwohl das breite Lächeln des Lord Commanders zusammen mit dem Glitzern in den stahlgrauen Augen eigentlich schon ankündigt, dass es sich um sehr erfreuliche Neuigkeiten handeln muss.

>Azra lebt. Borgil hat sie gefunden.<

"Azra… WAS?" Nicht gerade, dass sie sich an ihrem Tee verschluckt, aber Arúen ist von der Eröffnung vollkommen überrumpelt und blinzelt ein paar Mal überrascht wie eine Eule, die man am hellichten Morgen aus ihrem Nest geschüttelt hat. Die Elbin braucht einige Momente, ehe sie den wüsten Schwall an Fragen nach dem WER-WIE-WO-WAS, der schlagartig hochkocht zumindest ansatzweise sortiert bekommt und dann ihre Gedanken dazu zwingen kann, diese auch in wenigstens einigermaßen verständliche (und sinnvolle) Worte zu fassen.

"Borgil hat Azra gefunden und sie lebt?", muss sie sich dann aber doch noch einmal vergewissern. Viel Hoffnung hatte Arúen schon kurz nach dem Verschwinden der Harfenwirtin nicht mehr gehabt. Und mit dem Auffinden ihres Mantels war dann auch der letzte Funke noch erloschen. Sie hatte wie viele andere auch, die Borgils Frau und deren enge Bindung an ihre Familie und insbesondere die Kinder je erlebt hatten, nicht mehr geglaubt, dass Azra leben würde. Die Priesterin hätte jeden Eid geschworen, dass nur Götter oder Dämonen eine lebende Azra so lange von ihren Kindern und ihrem Mann hätten fernhalten können. Und weder für die Anwesenheit oder das Eingreifen der einen wie der anderen hatte es irgendwelche Anzeichen gegeben. "Wo hat er sie gefunden? Wie geht es ihr?" Wie es Borgil geht, muss sie nicht fragen. Er hat Azra lebend zurück, das sagt eigentlich schon alles. Mit Schaudern denkt sie an den Zustand des Zwerges zurück, ehe er… Nein, vergiss es, denk nicht daran zurück, das ist jetzt nur noch Geschichte… "Was ist passiert? … Wann kommen sie zurück?... Brenainn weiß es schon, oder?... Und Niniane?"
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Olyvar

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Thursday, February 11th 2016, 5:25pm

5. Beerenreif 515

Im Solar des Lord Commanders


>Azra… WAS?< Olyvars Grinsen wird so breit, dass ihm die Haut über den Wangen spannt, aber er kann einfach nicht damit aufhören… und auf Arúens Gesicht die eigene, fassungslose Erleichterung und Verwirrung noch einmal gespiegelt zu sehen und diese Hochstimmung über die Neuigkeiten, die schon seit dem Morgen dicht unter der Oberfläche in ihm simmert, endlich mit jemandem teilen zu können - abgesehen von Brenainn und Rhordri - erfüllt ihn zutiefst mit Genugtuung.
>Borgil hat Azra gefunden und sie lebt?< Er nickt und grinst noch breiter. "Aye." Und dann prasselt der Fragenschwall auf ihn ein, den er schon erwartet hat, doch er wartet geduldig, bis Arúen zu einem Ende kommt – andernfalls wäre er vermutlich auch bei jedem zweiten Wort von einer neuerlichen Frage unterbrochen worden. "Lyall… die Wargin, Aurian De Winters Magd, kennst du sie? Sie hat Azras Spuren bis nach Brioca verfolgt und dort haben Borgil, Tiuri und sie Azra gefunden. Ich weiß selbst noch nichts genaues, Arúen, nur, dass sie am Leben und zumindest körperlich auch mehr oder weniger unversehrt ist. Borgil hat sich darüber nicht näher ausgelassen. Irgendetwas scheint nicht ganz in Ordnung zu sein, aber das ist ja nach all der Zeit auch nicht wirklich verwunderlich. Was passiert ist oder warum sie so lange verschwunden war, und was sie überhaupt in Brioca zu suchen hatte… von all dem schreibt er kein Wort und auch mit allem anderen hält er sich sehr bedeckt. Tiuri ist offenbar verwundet worden, wenn auch nicht allzu gefährlich, und Azra sei nicht reisefähig, weswegen sie alle noch eine Weile in Brioca bleiben. Wir sollen uns aber keine Sorgen machen, alles komme wieder ins Lot und er versuche, bis Ende Nebelmond wieder hier zu sein. Brenainn weiß es schon, er war der erste, der es erfahren hat… er sitzt gerade im Westflügel und verdaut die Nachricht, du weißt ja, wie er war und… dass er seine Mutter für tot hielt." Wie wir alle… oder fast alle. "Hier ist sein Brief, lies selbst..."

"Und Niniane wird es erfahren, sobald sie hier aufschlägt, ich habe ihr bereits einen Raben gesandt. Was für Nachrichten… trotz Borgils Herumgeunke… endlich einmal gute Nachrichten sind genau das, was wir nach diesen letzten Monden jetzt brauchen, wenn du mich fragst…" Natürlich fragt er sich ebenso wie Arúen was bei allen Göttern nur geschehen sein mochte, aber für den Augenblick zumindest ist er auch zum ersten Mal seit langer Zeit endlich einmal wieder halbwegs zufrieden mit sich und der Welt. Seit zu langer Zeit… genauer gesagt hatte er seit Borgils mysteriösem Verschwinden aus der Stadt - nachdem die totgeglaubte Azra urplötzlich gesehen worden sein sollte und auch schon in den düsteren Wochen zuvor, als man sie sicher für ermordet gehalten hatte -, kaum ruhige Tage erlebt. Olyvar wusste zwar schon immer, wie wichtig Borgil und seine Informationen, für den Stadtrat im Besonderen und Talyra im Allgemeinen waren, aber dass der unerwartete Wegfall all der kleinen Augen und Ohren, die stets im Dienst der Stadt tätig gewesen waren, Talyra derart blind und taub machen würde, damit hätte niemand gerechnet, selbst er nicht. Nur Niniane hatte es kommen sehen – und die Protektorin hatte den Rat gewarnt. Sie war die einzige… aber sie ist schließlich auch die einzige, die etwas von den Ausmaßen von Borgils Spinnennetz mit all seinen Fäden wusste. Hören wollten weder Tallard, noch die alte Gwyned (das einzige Mal, solange er zurückdenken kann, dass die beiden sich einig waren) und auch Uliaris hatte großspurig versichert, man würde schon mit allem fertig werden, schließlich - bei allem gebotenen Respekt und er schätze Borgil sehr - handele es sich hier doch nur um einen einzelnen Zwerg, möge der auch reich und mit jedermann gut bekannt sein. Selbst als Niniane, Arúen und er sie alle gewarnt hatten, das nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, hatte man nicht unbedingt auf sie hören wollen.

Doch schon im Taumond hatte es begonnen, das Inarifest war ausgefallen und auch ein Sommerfest hatte es nicht gegeben. Überfälle auf Reisende waren sprunghaft angestiegen, sowohl auf der Nordstraße, als auch am Kreuzweg. Die Unruhen an den Nordgrenzen hatten sich innerhalb weniger Wochen von Rhayader auf Merthyr ausgeweitet, und obwohl der Stadtrat den Fürsten beider Lehen Einheiten von Blaumänteln als Verstärkung ihrer Hausmächte geschickt hatte, dauern die Überfälle und Grenzscharmützel weiterhin an und niemand vermag bisher herauszufinden, wer genau eigentlich dahinter steckt – gríanàrdische Truppen, von wem auch immer angeheuerte Söldner, marodierende Deserteure aus den Rhaínlanden, in deren Osten nach wie vor Chaos herrscht, oder vielleicht doch nur Charbert von Nameira und seine Bruderschaft der Tapferen Kameraden. Zwischen den hohen Häusern Darragh, Blaenafon und dem grenznahen briocanischen Haus Finvarra gab es schon seit Anfang Sonnenthron ernsthafte Schwierigkeiten wegen einer von langer Hand geplanten, dafür aber sehr abrupt geplatzten Heirat, in der Unterstadt ist seit zwei Siebentagen etwa zu allem Überfluss ein offener Bandenkrieg zwischen Yorath Eisenhand und Torren Weißauge im Gang - eine Tatsache, die ihn als Lord Commander eigentlich froh stimmen müsste, schließlich dezimiert sich hier gerade gefährlicher Abschaum von ganz allein, doch leider zieht es Kreise, die bis ins Gerberviertel und in den Fliegengrund reichen und schon ein Dutzend oder mehr unschuldige Opfer gefordert haben. Und nun haben sich auch noch ein paar An Cú Elben fröhlich im Larisgrün herumgetrieben und Arúen überfallen...

Mehrere kleinere und ein paar größere Handelshäuser Ildalas, Blurraents, Sûrmeras und der Nebrinôrthares hatten bestürzt über die Ereignisse zwar höflich, aber unmissverständlich erklärt, sie würden nur und ausschließlich mit Borgil Blutaxt ihre Geschäfte abwickeln (und dabei ging es, wie Lystrato zähneknirschend eingestehen musste, um keine kleinen Summen) und so lange der Zwerg nicht in Talyra weile, sähen sie sich gezwungen, jedweden Handel auszusetzen und andere Häfen anzulaufen, das halbe Handwerkerviertel, das halbe Marktviertel und gut und gern zwei Drittel des Flussgrundes hatten angefangen, ihre Pachtzinsen in Ermangelung einer Alternative in der Steinfaust abliefern zu wollen, doch Rhordri hatte sich rundweg geweigert dafür geradezustehen und Halla wollte auch nichts in Borgils Namen annehmen - und für die erwarteten Gegenleistungen wie notwendige Instandsetzungen oder Einlagen könne sie schon gar nicht Verantwortung tragen. Doch wenigstens hier war eine Lösung gefunden worden, denn Niniane hatte es übernommen, sich darum zu kümmern, nachdem der Zwerg auf und davon war um einem winzigen, und nach Olyvars insgeheimer Meinung auch vergeblichen, Hoffnungsschimmer nachzujagen. "Bis zum Nebelmond müssen wir also noch ohne ihn auskommen und das wird hart genug, aber er wird wiederkommen, Arúen. Und Azra auch."
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Arwen

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Friday, February 12th 2016, 1:05pm

Das Lächeln im Gesicht Olyvars wird mit jedem Herzschlag und jedem fassungslosen Wort Arúens breiter. Aber lacht sie nicht aus, sondern es ist einfach seine Reaktion auf diese kaum noch zu erhoffen gewagte, erleichternde, befreiende, schlicht unglaubliche und doch so wundervolle Nachricht. Wie geistesabwesend nimmt Arúen den Brief entgegen, den Olyvar ihr reicht. Doch dazu, ihn zu lesen kommt sie erstmal nicht, sondern lässt die Hand mit dem Pergament unbeachtet auf ihren Schoß sinken, während sie wie gebannt seinen Worten folgt. Bei der Erwähnung Lyalls nickt sie kurz. Zwar kennt Arúen die Wargin nicht persönlich, aber sie hat von ihr gehört und wenn sie sich recht erinnert, sie auch einmal aus der Ferne gesehen.

"Wir sollen uns keine Sorgen machen? Keine… WAS denkt Borgil denn, was wir all die Monde getan haben? Dass es uns kalt gelassen hat, als wir Azra tot glaubten und dann als er… denkt er, das hat uns alle kalt gelassen?" Aaargh… hmpf… nicht aufregen… einatmen… ausatmen… ganz ruhig… ein… aus… alles wird gut… ein… aus… Nur so gerade eben gelingt es der Elbin, ihre Fassungslosigkeit über Borgil nicht völlig entgleisen zu lassen und sich wieder zusammenzureißen. "Er versucht bis Ende des Nebelmondes wieder zurück zu sein?" Nun überfliegt sie doch den Brief des Harfenwirtes und die vage Art und Weise, wie er manches formuliert (und die Tatsache, dass er manches gleich gar nicht erst erwähnt) ist durchaus dazu angetan, Arúen sich aller guten Nachrichten zum Trotz Sorgen machen zu lassen. Noch mehr Sorgen als die vergangenen Monde ohnehin schon gebracht hatten. Sie weiß es nicht, aber ihr gehen dieselben Gedanke und Erinnerungen durch den Kopf wie dem Lord Commander.
Die ganze Geschichte hatte nur zu deutlich gezeigt, wie abhängig Talyra von Borgil und all seinen Vögelchen ist, wie verletzlich und angreifbar ohne ihn. Sie hatte es ebenso wie Olyvar und Niniane schon früh gesehen und den Stadtrat gewarnt, sie hatten mit Seharimszungen auf die andere eingeredet, doch sie waren nur auf taube Ohren gestoßen. Aber alle die nicht hatten hören wollen, hatten es im Laufe der Wochen und Monde auf die bittere Art lernen müssen.

"Ja, das werden noch harte Siebentage. Aber ich verspreche Dir, wenn er am letzten Tag des Nebelmonds nicht die Stadttore passiert hat, mache ich mich persönlich nach Brioca auf den Weg und wenn es sein muss, bitte ich die Anukis-Templer aus Verd um Geleitschutz um Borgil, Azra und die anderen sicher und heil zurück nach Talyra zu bringen… Wir werden die Julnacht nicht in derselben Trauer und Ungewissheit verbringen wie Inaris und Shenrahs Hochtage… Götter, ich werde mehr als nur ein Dankgebet sprechen, wenn sie alle heil zurück sind." Gedankenverloren leert sie ihren Teebecher, während sie den Brief ein weiteres Mal liest. "Wann willst Du es den anderen sagen?" Dass dieses 'wann' erst sein wird, nachdem Niniane zurück ist und es weiß, davon geht Arúen stillschweigend aus. "Willst Du es dem Stadtrat nur im Geheimen sagen, bis wir sicher wissen, wann Borgil hier eintreffen wird?" Die Elbin fragt nicht ohne Grund, immerhin bestünde das Risiko, dass die Unruhen in den talyrischen Umlanden (und in der Unterstadt) sich noch ausweiten, weil die Beteiligten vor der Rückkehr des Eisenzwerges noch möglichst weitreichende und unumkehrbare Tatsachen zu ihren eigenen Gunsten geschaffen haben wollen.

Bei unumkehrbaren Tatsachen kommt Arúen aber gleich noch ein anderer Gedanke, der nichts mit Borgil oder Azra zu tun hat. "Apropos 'etwas sicher wissen'… Der gefangene AnCu… wurde er schon verhört? Waren die drei die letzten Verräter oder sind da noch immer welche, um die ich mir Gedanken machen muss?" Und dann ist da noch die Frage, wann der Kerl vor Gericht gestellt werden würde, die sich offen in Arúens Augen abzeichnet.
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Olyvar

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Friday, February 12th 2016, 3:05pm

5. Beerenreif 515


Im Solar des Lord Commanders

Arúen reagiert in etwa so wie Rhordri auf die gute Kunde, auch wenn Olyvar von der Bestürzung seines Kastellans bisher noch nichts mitbekommen hat – und sie hört sich sogar genauso fassungslos an, wenn auch mit sehr viel lieblicherer Stimme.
"Aye", stimmt er ihr zu, nachdem sie den ersten Schock hinter sich hat und ihm beipflichtet, dass es harte Siebentage bis zum Nebelmond werden würden. Niemand weiß das besser als sie beide, schließlich versuchen sie seit Borgils Verschwinden diese Stadt so gut es geht irgendwie vor größerem Schaden zu bewahren. Natürlich hatten sie Hilfe – Lystrato, die Kaufmannsgilde, sämtliche Blaumäntel und der versammelte Klerus inklusive der Shenrahtempler, aber trotzdem… mit einem derart sorglosen Stadtrat, ohne Borgils Vögelchen nahezu blind und taub und den ganzen Schwierigkeiten, war das alles andere als ein Spaziergang gewesen und würde bis zum Beginn des Winters höchstwahrscheinlich auch nicht leichter werden. > Aber ich verspreche Dir, wenn er am letzten Tag des Nebelmonds nicht die Stadttore passiert hat, mache ich mich persönlich nach Brioca auf den Weg und wenn es sein muss, bitte ich die Anukis-Templer aus Verd um Geleitschutz um Borgil, Azra und die anderen sicher und heil zurück nach Talyra zu bringen…< Olyvar hätte gelacht, wenn es nicht so todernst gewesen wäre, doch Arúens nachfolgende Worte lassen selbst sein närrisches Lächeln allmählich verblassen. "Ich weiß. Uns allen, die wir uns ihre Freunde nennen und die wir sie kennen… uns ging es nicht anders. Natürlich macht man sich dank Borgils unnachahmlicher Auskunftsbereitschaft erst recht Sorgen, aber ich glaube ihm auch, wenn er sagt, dass alles wieder gut werden wird… oder zumindest ins Lot kommen wird. Ins Lot kommen wäre schon ganz wunderbar, wenn du mich fragst."

>Wann willst du es den anderen sagen?<
"Nicht bevor Niniane hier ist. Ich musste es Brenainn sagen, natürlich, ich konnte ihn nicht im Ungewissen lassen und ich bin mir sicher, dass er bald auftauchen und zu seinen Geschwistern gehen wollen wird, um es ihnen zu erzählen. Karamaneh und Cron sind mit ihnen im Baum am Smaragdstrand, Niniane musste sich in Schattenjägerangelegenheiten mit Kalam und einigen vom Orden der Jäger irgendwo am Kreuzweg treffen. Ich hatte ihr einen Raben wegen der An Cú-Sache geschickt, sobald ich davon erfahren hatte und sie wird im Lauf der Nacht oder morgen bei Tagesanbruch hier eintreffen. Sie muss es zuerst wissen. Rhordri hat Order, morgen zur Stunde der Ruhe die Offiziere in Kenntnis zu setzen, aber nur, damit sie notfalls für Ordnung sorgen können, wenn… sie werden es nicht herumtratschen."
>Willst Du es dem Stadtrat nur im Geheimen sagen, bis wir sicher wissen, wann Borgil hier eintreffen wird?<
"Das wäre wohl das Klügste, denke ich. Andererseits… wenn Borgils äh… "Vögelchen" von der baldigen Rückkehr ihres… nun, was auch immer er für sie ist, erfahren, werden sie vielleicht von ganz allein wieder anfangen zu lauschen und zu singen. Aber nein… nein, ich denke, das ganze vorerst so vertraulich zu behandeln wie möglich wäre besser."
>Apropos 'etwas sicher wissen'… Der gefangene AnCu… wurde er schon verhört? Waren die drei die letzten Verräter oder sind da noch immer welche, um die ich mir Gedanken machen muss?<
"Ich habe ihn verhört. Er war der letzte." Er sieht die unausgesprochene Frage nach dem Weitergang des Ganzen in ihren Augen und schüttelt sacht den Kopf. "Glaubst du ernsthaft, Niniane lässt etwas von ihm übrig, das man vor ein Gericht stellen könnte?" Erwidert er leise, aber alles andere als bedauernd. "Ich nicht."
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

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