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Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

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481

Monday, December 3rd 2018, 1:34am

Bargains, bargains, El-ahrairah

I'd agree with you, but then we'd both be wrong (TFR)

When people act like they don't care – believe them. They don't.

- an einem vertrackten Nachmittag im Nebelmond -


>Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?<
Natürlich sträubt Shalhor sich wie der sprichwörtliche Dämon vor dem viel zitiertem Weihwasser und Borgil seufzt innerlich. Das musste ja so kommen. Jeder der Azra kennenlernt, erkennt ihr Wesen… und der Elb hätte es dank seiner empathischen Sinne noch viel leichter, als jeder Sterbliche zu sehen, was und wie sie wirklich ist. Niniane hat es nach fünf Minuten erkannt, ebenso Arúen. Aber offensichtlich glaubt der Hörr ja anscheinend auch, dass zwei Hohepriesterinnen (und eine davon ein Götterkind) von seiner kleinen Frau an der Nase herumgeführt werden können. Wäre es nicht so bitter ernst und nicht so lächerlich zugleich, er hätte niemals einen solchen Versuch unternommen… allerdings fällt ihm auch wirklich nichts anderes ein, um den verdammten Sturschädel irgendwie überzeugen zu können, dass er mit seinen ganzen Annahmen und Anschuldigungen, Verdächtigungen und Ansichten vollkommen auf dem Holzweg ist… und diese dämliche Sache kann ja nicht ewig so weitergehen, das geht jetzt schon was… vierzehn, fünfzehn Jahre? Irgendwann ist es dann einmal gut.
Shalhor denkt da jedoch anscheinend ganz anders.
>Sag doch gleich, dass Du auch keinen blassen Schimmer hast, was das sein soll. Sei dennoch bedankt und gesegnete Jultage Dir.<
"Ich weiß genau, was die Flammenblüte ist," erwidert Borgil, dem die letzten Worte wie blanker Hohn vorkommen. Er muss wohl kein Hellseher sein, um zu ahnen, was der Rhaskeda'ya denkt, doch alles, was ihm in den Sinn kommt, ist das Sprichwort über den Wald und das Hineinschreien und das Echo. Fast ist er versucht zu sagen: 'Gib doch einfach zu, dass dir die Knie aneinander schlottern wie die Schellen an einem Tambourin.' Wahrscheinlich nicht einmal so sehr aus Angst vor der ach so gemeingefährlichen Shebaruc, aber Göttererbarmen, was, wenn sich herausstellen sollte, dass er die ganze Zeit Unrecht gehabt hat? Doch plötzlich ist Borgil es leid. Er ist es so sehr leid. Bisher hat er tatsächlich irgendwo in seinem verschrumpelten alten Zwergenherz geglaubt, dass der Windelb irgendwann einfach ein Einsehen haben muss, dass er Azra irgendwann kennen und schätzen lernen würde wie jeder andere auch, der seiner Frau begegnet. Jetzt dämmert ihm zum ersten Mal in fünfzehn Jahren, dass Shalhor wohl einfach nicht der Freund war, den er zu haben geglaubt hat. Den Mann, der jetzt an seinem Tresen steht erkennt er jedenfalls nicht wieder - und das, was er erkennt, will er nicht als Freund haben. Borgil ist nicht wütend, nicht einmal mehr aufgebracht oder entrüstet oder polternd oder sonst etwas. Er ist ganz ruhig und sehr endgültig. "Lux Flammenblüte ist eine Fee und arbeitet in der Orchidee. Oder auch nicht mehr, wenn Sigourney sie jetzt hat. Und jetzt verschwinde."
Er wartet nicht mehr ab um zu sehen, was der Elb tut oder sagt oder auch nicht, sondern schnappt sich eine Flasche Normander Feuerwein aus dem Regal und stapft in Richtung seines Kontors davon. Er ist viel zu nüchtern für diesen verdammten Scheißtag.

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Shalhor

Stadtbewohner

Posts: 139

Occupation: Schiffbauer / Reeder

Location: Talyra

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482

Monday, December 3rd 2018, 3:52pm

- an einem vertrackten Nachmittag im Nebelmond -

Shalhor wüsste nicht zu sagen, welche Worte er zum Abschied erwartet hätte, ob er überhaupt noch etwas zu erwarten hatte, beleibe aber nicht das, was Borgil dann tatsächlich zum Besten gibt. Zwergenhumor hin oder her, dass hier ist nicht mehr lustig und seiner Lordschaft Geduld stößt an ihre Grenzen.
Mit einem überaus frustrierten "ach ja?" wenden sich seine Augen vom Harfenwirt ab und heften sich stoisch an den Mantelverschluss, der sich warum auch immer gegen seine Hände sträubt. Es reicht, Borgil! Ich hab verstanden, dass ich nicht mehr Dein Freund bin und Du hattest Deinen Spaß, hast mich vorgeführt ... gefickt, um das Kind mit Deinen Worten beim Namen zu nennen und kannst es nun auch wieder gut sein lassen. Ich belästige Dich ganz sicher nie wieder. Shalhor ist es leid, nach dem hingeworfenen Köder zu schnappen, um doch nur wieder in die Pfanne gehauen zu werden. Ob es ihm nun schmeckt oder nicht, Borgil sieht eben keinen Grund, ihm zu helfen, die guten, alten Tage in Freundschaft und gegenseitiger Wertschätzung sind endgültig dahin und er hat hier nichts, rein gar nichts mehr zu suchen. Leb wohl, Zwerg.

Doch so einfach will ihn Borgil nicht gehen lassen. Shalhor soll nur gerade einmal einen Schritt vom Tresen fortkommen, da tischt ihm der Harfenwirt des Rätsels Lösung auf? Einfach so? Eine Fee? Als Hure? Warum nicht gleich ein Irrlicht? Misstrauisch verharrt der Elb und wendet nur sein Haupt so halb wie halbherzig zurück, um mit dem nächsten Satz schon zu erkennen, dass er sich gerade einen Fauxpas wider zwergischer Etikette leisten wollte. Den gediegenen Rauswurf hätte er natürlich noch abwarten müssen! Mein Fehler... Aber darüber mag seine Lordschaft nur mehr noch den Kopf schütteln und tut wie ihm geheißen ... verschwinden.
Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug!

Avatar © 2015 gewichtelt by Niniane, der Bezaubernden

Kalam

Stadtbewohner

Posts: 81

Occupation: Sithechjünger a.D.

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483

Thursday, December 20th 2018, 1:07pm

← Die Tausendwinkelgassen

Deck the Halls

Anfang Langschnee 518

The season's upon us, it's that time of year
Brandy and eggnog, there's plenty of cheer
There's lights on the trees and there's wreaths to be hung
There's mischief and mayhem and songs to be sung
There's bells and there's holly, the kids are gung-ho
True loves finds a kiss beneath fresh mistletoe
Some families are messed up while others are fine
If you think yours is crazy... well you should see mine (Dropkick Murphys; The Season's upon us)


Sie kämpfen sich am Rand des Gewühls auf dem Mittwintermarkt bis zur Goldenen Harfe durch, doch auch die ist so voll, dass nicht nur der Große Schankraum, sondern auch Jungfernkammer, Wespennest, Braustube und Ratszimmer schier aus allen Nähten platzen wollen. Borgil, Bræn, Heledd und Jojeen wirbeln hinter dem Tresen wie die Brummkreisel, um Getränke einzuschenken, sämtliche Schankmägde und Küchenjungen, welche in der Harfe beschäftigt sind, rennen wie die Hasen zwischen den vollbesetzten Tischen, um alle Bestellungen aufzunehmen oder auszutragen, und die Gerüche nach Wildragout, Braten, gewürztem Wein, Winterbier, so dick und stark, dass man es mit dem Messer schneiden kann, Eintopf, Pilzsuppe, Eierpunsch, Grog und süßen Waffeln, Zimt, Anis und Nelken wabern durch die ganze Harfe und vermischen sich mit den Düften des allgegenwärtigen Wintergrüns, der Tannenzapfen und des aromatischen Pfeifenrauchs. Von Azra und den kleineren Harfenkindern ist nirgendwo etwas zu sehen, aber vermutlich ist auch sie im Anbau oder irgendwo andernorts im Gasthaus schwer beschäftigt. Angesichts dieses Trubels und Ansturms in der Harfe tun sie eben, was gute Töchter, Enkelinnen und Schwiegersöhne so tun, wenn Not am Mann ist: anstatt sich einen Platz zu suchen (wenn sie überhaupt einen finden würden) und sich auch noch bedienen zu lassen, krempeln sie die Ärmel hoch und helfen aus. Karamaneh bringt Reisig und Amarya in den Anbau hinüber, wo ja irgendjemand auf die Zwillinge, Brevær, Braiden und Azaira achten muss, was entweder Azra selbst oder eine ihrer Mägde tun würde, Missandei schlüpft zu Borgil und den anderen hinter den Tresen, und er selbst wird augenblicklich von Rimeon eingespannt, mit ihm leere Fässer zu entsorgen und gegen volle aus den Lagerräumen oder den Kellern auszutauschen oder sonstige schwere Arbeiten zu verrichten, zu denen Borgil im Augenblick gerade nicht kommt, weil der Zwerg vollauf damit beschäftigt ist, halb Talyra und ein dreiviertel der übrigen Herzlande zu verköstigen, vor dem Verdursten zu retten oder irgendwo unterzubringen. Dreimal müssen Rimeon und er randalierende Betrunkene vor die Tür setzen und in der Diaspora der halb gefrorenen Pferdetränke ausnüchtern, eine Schar stockbesoffener Briocaer lassen sie gar nicht erst ein, und zweimal erwischen sie die Zwillinge, die immer noch niemand auseinanderhalten kann außer ihrer Mutter (ein Jahr älter, aber kein Bisschen weiser als an ihrem berühmt-berüchtigten fünften Namenstag), dabei, wie sie vorhaben, wahlweise den Abtritt im Hof oder den großen Julbock im Harfengarten in die Luft zu sprengen, nehmen ihnen sämtliche Miniaturfetzer, Knallkröten und Sprengfrösche ab, die sie finden können und schleifen sie an ihren knallroten Ohren zu einem erbosten Borgil (der stöhnt, er könne ihnen doch nicht schon wieder den Hintern versohlen) oder der leicht verzweifelten Kindermagd zurück. Kalam hat in der Zeit, in der sie hier gelebt haben, schon einige turbulente Abende in der Harfe erlebt, aber derart voll und brummend vor Betriebsamkeit hat er das Gasthaus noch nicht gesehen - die Harfe muss bis auf die letzte Besenkammer unter dem Dach mit Wintergästen vollgestopft sein und die Mittwintermarktbesucher tun ihr übriges. Es dauert fast zwei Stunden, ehe die Nebenräume wie das Ratszimmer und die Braustube sich allmählich leeren und es wieder ruhiger wird, und noch einmal eine Stunde, ehe sie selbst Zeit finden, sich zu setzen und etwas zu essen. Wie durch Zauberhand oder auf ein geheimes Signal hin (oder als würden sie es einfach riechen) finden sich plötzlich alle Familienmitglieder am großen Tisch neben dem Kamin in der Schankstube ein, an dem sie immer sitzen, wenn sie hier zusammenkommen und nicht im Anbau sind. Rimeon und Jojeen, der im Frühjahr die Harfe verlassen und auf die Akademie gehen wird, Heledd, Bræn, Braiden und Brevær, Brion und Branon, die so unschuldig drein blinzeln wie zwei Krüge mit frisch geschlagener Sahne (was ihnen niemand abnimmt), Azra und Klein-Azaira, die schon fleißig krabbelt und sich ständig windet, weil es ihr auf dem Schoß ihrer Mutter viel zu langweilig ist, Reisig, Missandei, Karamaneh und er selbst. Nur Zaleh, Brenainn und Tiuri fehlen, und wir wären alle zusammen. Mit diesen Gedanken im Herzen und einem merkwürdigen Ziehen in der Brust lehnt Kalam sich zurück, und beobachtet zufrieden das Treiben am Tisch und lauscht den vielstimmigen, durcheinanderwirbelnden Gesprächen über dies und das und jenes: Jojeens Aufregung über die bevorstehende Reise im Taumond, Azras Tränen darüber (zu gleichen Teilen Stolz, Freude und Schmerz), Rimeons sturem Beharren darauf, erst in zwei Jahren – und keinen Tag früher - nach Blurraent zu einem der zwergischen Meisterschmiede dort zu gehen, anstatt im kommenden Frühjahr, wozu Borgil ihn drängt, Brions und Branons heilige (und völlig wertlose) Versprechen, nie wieder zu versuchen, irgendetwas in die Luft zu sprengen, Missandeis und Heledds Jungmädchenfachsimpeleien über das Karussell am Marktplatz, Breværs und Braidens Kleinkindergeplapper darüber, ob 'Komm-in-die-Burg' oder das Treiben einer Schweineblase das bessere Spiel wäre (Reisig ist hier eindeutig für 'Andernwelt und Unterwelt', kann die anderen aber nicht von einem Hopse-Spiel überzeugen), Bræn, der jüngst das Kartenzinken für sich entdeckt hat und jeden zu einer Partie Diamantrücken überreden möchte und Amarya, die bald mit Azaira auf deren Spieldecke sitzt und mit der Jüngeren einträchtig bunte Bauklötze hin- und herschiebt.

"… Dunkelgold? Was willst er denn daraus machen?" (Borgil)
"… einen Ring, Schatz." (Azra)
"...nein, nein, nein. Drei Schwerter und zwei Schilde zählen mehr als eine Münze, ein Juwel und..." (Bræn)
"… häh? Aber Schneemädel..." (Borgil)
"… so wie er auch schon einen aus Eisen, aus Silber und aus Gold gemach hat, zum Üben. Nein, Azairaschatz, wir bewerfen niemanden mit Bauklötzen! Heledd, kannst du... besorg' einfach welches, Borgil." (Azra)
"… mein Fohlen ist das schönste von allen und es wird genauso schnell wie Ajala, bestimmt. Barria ist auch..." (Missandei)
"… eine neue Puppe mit einem Seidenkleid und..." (Heledd)
"… Fetzer... versteckt... Knallfrosch und dann..." (Brion oder Branon)
"… kawawuh uhm... nein, nein, wir sprengen nichts, Da! Ehrenwort!" (Branon oder Brion)
"… das will ich euch auch geraten haben ihr Feuerteufel!" (Borgil)
"… und dann hat Brenainn... und Rimeon hat... und Fianryn ist... und dann..." (Bræn)
"… aber nein, bekannte irrationale Zahlen sind die Eulersche Zahl und die Kreisahl, die darüber hinaus transzendent sind..." (Jojeen)
"… Amarya läuft jetzt, hast du das noch nicht gesehen?" (Karamaneh, erstaunt)
"… nein, wann denn? Ich war den ganzen Abend damit beschäftigt, das neueste Experiment der Zwillinge zu beseitigen, aber bei Azaira wird es auch nicht mehr lang dauern. Komm zu Amma, Amaryaschatz!" (Azra, strahlend)
"Amma! Amma! Amma!" (Amarya)
"Nein!" (Braiden) - "Doch!" (Brevær) - "Nein!" (Braiden) - "Doch!" (Brevær) - "Nein!" (Braiden) - "Doch!" (Brevær) -"Nein!" (Braiden) - "Doch!" (Brevær)
"… schluss damit ihr zwei, es wird nicht um einen Hefekloß gestritten, es ist genug für alle da!" (Missandei in Vertretung von Azra)
"… nein, ich gehe nicht unter die Goldschmiede, Da. Es kann nur nicht schaden, wenn ich auch das kann, aye?" (Rimeon, erschöpft geduldig)
"… hier, Kalam, halt die kleine Kröte mit ihrer Axt für einen Moment, ja? Schon gut, schon gut, ich verstehe nur immer noch nicht, warum..." (Borgil)
"Gläh?" (Azaira auf seinem Arm)
"… Da! Da! Können wir heute hier bleiben und bei Heledd schlafen? Wir sind auch gaaaaaanz brav!" (Reisig, hoffnungsvoll)
"Heute nicht, a leannan. Ihr beide müsst morgen mit mir in den Trunkenen Troll, zwei Kätzchen aussuchen." (Er selbst, Klein-Azaira an ihren Vater zurückreichend)
Zweistimmiges Freudengeheul (Missandei und Reisig, ununterscheidbar)
"...sonst tanzen die Mäuse euch auf dem Tisch!" (Heledd, altklug)
"...Mausi? Wo? Amya Mausi sehen!" (Amarya, fordernd auf Azras Schoß)
"Nein, kein Mausi. Heledd hat einen Scherz gemacht." (Karamaneh, schon wieder lächelnd als hüte sie und nur sie allein ein wundervolles Geheimnis)
Es vergeht kein Tag, an dem Kalam nicht aus tiefstem Herzen dankbar für die Seinen, seine Frau und seine Kinder wäre – aber jeder Besuch in der Harfe und Stunden wie diese erinnern sowohl Karamaneh, als auch ihn selbst immer wieder daran, dass sie auch Teil einer größeren Sippe sind, dass sie zu einer kostbaren, vielköpfigen, lauten, chaotischen, liebenswerten, zutiefst loyalen und einander herzlich zugetanen Großfamilie gehören, die keinen Unterschied zwischen leiblichen und angenommenen Kindern macht, die sie lieben und für sie einstehen, so wie sie es auch mit ihnen tun. Für Waisen wie sie beide ist das ein unfassbar wertvolles Geschenk und Kalam staunt einmal mehr darüber, wie sehr sein Leben sich geändert hat. Manchmal staunt er so sehr, dass er sich mit leisem Unbehagen fragt, ob er vielleicht träumt, ob das alles vielleicht nichts weiter als eine Illusion ist, die sein Verstand ihm vorgaukelt und er nicht in Wahrheit irgendwo in einem kalten, kalten Grab liegt und noch immer ein Dasein als untoter Sithechjünger fristet. Doch wenn es ein Traum ist, dann würde er einfach die Augen geschlossen halten und jeden töten, der versucht, ihn zu wecken.

Als sie gegessen haben, verschwindet Karamaneh noch einmal in die Nacht hinaus – begleitet von Rimeon, worauf Kalam angesichts all der Fremden in der Stadt, dem Trubel auf den Straßen und den zahllosen Beutelschneidern, Taschendieben und sonstigen Gaunern, die sich zweifellos in der Menge herumtreiben würden besteht – um, wie sie sagt, noch ein paar Besorgungen zu erledigen, von denen er nichts wissen darf, und Azra schließt sich ihr prompt an, worauf Borgil, Jojeen und er selbst die jüngeren Blutaxt-Kinder in ihre Betten stecken und Missandei bestimmt fünfmal das Lied vom Henkersbaum für die immer blutrünstigen Zwillinge singen muss, bevor sie endlich Ruhe geben. Danach kehren Borgil und er in die Schankstube zurück, wo es endgültig ruhiger geworden ist – nur die Hausgäste sitzen an den Tischen und verzehren ihr Nachtmahl, doch es sind immer noch so viele, vor allem Reisende und Kaufleute, dass Kalam sich ausrechnen kann, dass die Harfe über den Winter wohl ausgebucht sein dürfte. Nachdem er sich vergewissert hat, dass man im Schankraum für den Moment auch ohne ihn bestens zurecht kommt, und es Braen endlich gelungen ist, Jojeen, Heledd Missandei und Reisig dazu zu bringen, Diamantrücken mit ihm zu spielen (es geht hoch her an ihrem Tisch, auch wenn sie nur um versilberte und vergoldete Bucheckern spielen), stopft Borgil sich eine Pfeife und setzt sich zu ihm. Ihre Frauen sind einkaufen, noch dazu gemeinsam und sie wissen aus Erfahrung, dass das noch ein Weilchen dauern kann.
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

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484

Thursday, December 20th 2018, 10:32pm

All I want for Jultime
Is You (and You, and You)

Jultime, Jultime is near
Time for toys and time for cheer
I've been good, but I can't last
Hurry Jultime, hurry fast
I can hardly stand the wait
Please Jultime, don't be late
(Kacey Musgraves)

{Anfang Langschnee 518}


Mit kalten Fingerspitzen und roten Wangen, aber überaus zufrieden mit ihrer Ausbeute kehren Kara und Azra (begleitet von Rimeon) irgendwann wieder in die Harfe zurück. Eigentlich, ja, eigentlich hätten sie noch länger auf dem Marktplatz bleiben und zwischen all den zahlreichen wundervollen Ständen und Buden herumstöbern können, doch es ist spät und sie müssen noch Heim, immerhin hat Kalam Missandei und Reisig versprochen sie am nächsten Tag zum Trunkenen Troll mitzunehmen, damit sie zwei Kätzchen aussuchen können.
Karamaneh lächelt dankbar. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte sie nicht einmal zu hoffen gewagt, wieder eine richtige Familie ihr eigen nennen zu dürfen. Damals, als schwarze Segel sie zu fernen Ufern fortgetragen hatten, hatte sie diese Hoffnung schweren Herzens an den grünen Gestaden der Malankar-Küsten zurückgelassen. Doch die Sehnsucht nach einer Familie hatte sie nie losgelassen. Und dann war sie, allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, wahr geworden. Auf geheimnisvolle Weise hatte das Schicksal sie zuerst nach Talyra und zu Borgil und Azra geführt und schließlich Kalam in ihr Leben treten lassen. Sie hatte ihn gefürchtet, sich gleichzeitig aber auch wie magisch zu ihm hingezogen gefühlt. Damals, im Eisfrost hatte es begonnen und jetzt ist sie hier. Auf dem Weg zurück zu ihm und ihr Herz überschlägt sich vor Freude. Es spielt keine Rolle wie lange sie fort gewesen sein mag—eine Minute, eine Stunde, einen Tag—die Sehnsucht ist immer die Gleiche.

Dankbar nimmt sie Rimeon einen Teil ihrer Einkäufe ab und erklärt ihm, wo er die übrigen ablegen soll, damit sie sie bei ihrem Aufbruch nicht vergessen würden. Ihr Geschenk an Kalam, welches sie bei Meister Dornenbeutel abgeholt hat, ist sicher verwahrt. Passend dazu hat sie noch eine Kleinigkeit besorgt, die sie eher zufällig beim Durchstöbern des Weidenkörbchens voller Kinderfäustlinge entdeckt hatte. Dann sind da noch ein paar Kleinigkeiten für die Mädchen und Azaira und eine Winzigkeit für das Neugeborene von Ælla und Olyvar, dessen Geburt alle schon voller Erwartung entgegen fiebern. Zwischen all diesen Kleinkind und Babysachen fallen die winzige geschnitzte Rassel in Form eines sich windenen Drachens sowie die passend dazu verzierten Schühchen und die Haube aus rotgoldenem Seidenbatist, die sie ganz zu Letzt (und glücklicherweise unbemerkt von einer anderweitig beschäftigten Azra) bei einer alten runzeligen Mogbar-Frau mit einem breiten freundlichen Gesicht voller lustiger Lachfalten erstanden hat, kaum auf. Karamaneh überlegt nur kurz, bevor sie die Sachen in einem kleinen rotgefärbten Leinenbeutelchen verschwinden lässt, welches ihr die Mogbar als kleines zusätzliches Dankeschön zu ihrem Einkauf dazugelegt hat. Der Beutel besitzt sogar eine passende, goldene Kordel, die passende Geschenkverpackung also. Gut gelaunt verstaut Kara ihn sicher in einer ihrer weiten Manteltaschen und macht sich dann mit den anderen auf die Suche nach ihrer Familie.

Sie finden sie im Schankraum, wo noch immer eifrig Diamantrücken gespielt wird und eigentlich niemand damit aufhören möchte, entweder, weil er gerade eine Glückssträhne hat, die er oder sie unbedingt noch fortsetzen möchte. Oder aber weil sich jemand einfach nicht geschlagen geben kann und immer noch eine weitere Runde fordert, um das Blatt möglicherweise doch noch zu wenden. Eine letzte Runde wird den großen kleinen Spielern noch gegönnt und so lässt Kara sich bereitwillig auf Kalams Schoss und in seine Arme ziehen und küssen. Natürlich bemerkt er dabei auch den versteckten Inhalt ihrer Manteltaschen, da sie den Mantel zwar geöffnet, aber nicht abgelegt hat—immerhin wollen sie bald heimwärtsreiten. “Für dich. Ein verfrühtes Mittwintergeschenk”, erklärt die Malankari lächelnd, als sie den fragenden Blick ihres Mannes bemerkt. “Du kannst es später öffnen, wenn wir wieder daheim sind.” Zufrieden schmiegt sie sich an Kalams Schulter. Fast ihr ganzes Leben lang musste Karamaneh ein Geheimnis nach dem anderen bewahren und dieses bis zum Julfest zu wahren, wäre ihr ein leichtes. Und genau deshalb, zieht sie stattdessen vor, es mit ihrem Mann schon vorher zu teilen. Eine Überrraschung für den Rest der Familie, an welcher sie sich für eine Weile ganz alleine erfreuen können würden.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

485

Wednesday, January 16th 2019, 10:55pm

24. Siltha im Jahre 518, zur Stunde des Jägers

So stoisch sich der Fro'gar zuerst einen Weg zur Theke gebahnt hatte, so möglichst schnell auch wieder aus dieser ihm in seinem momentanen Befinden zu lauten wie zu qierligen Umgebung wieder heraus zu kommen, so wenig ist ihm Letztere zu erwirken vergönnt. »Hallo…« »Ich w-« »Bitte, ich…« »Moment mal, i-« »Oy!« Keine Chance! Und er kann den Bediensteten dieses Hauses nicht einmal einen Vorwurf daraus machen, prasseln die Bestellungen doch von überall her auf sie ein, wie ein heftiger Hagelsturm in einem herbstlichen Unwetter, derweil sie dermaßen schwer mit Tellern, Krügen, Speiseplatten, Weinschläuchen und vielem mehr beladen sind, das Dar schwören wollte, sie müssten Zwergenblut in sich tragen, unter den großen Lasten nicht längst zusammengebrochen zu sein. So kommt es, dass er sich schließlich am Rand der großen Theke in eine Ecke gedrängt sieht, da er nicht gewillt ist, mit den anderen Besuchern dieses Gasthauses ernstlich um die Aufmerksamkeit der Bediensteten zu streiten. Insbesondere da ihm das Getümmel mit jedem Atemzug mehr und mehr auf den Geist geht, dass er inzwischen schon schwer versucht ist das Ringen, bzw. Streiten um die Aufmerksamkeit der Bediensteten wörtlich zu nehmen. Das ist auch der Hauptgrund, dass Dar nicht umgehend den Versuch unternimmt, einfach wieder aus der Goldenen Harfe zu verschwinden. Ruhig Junge, gaaaaanz ruhig! Wenn du dich wortwörtlich hier raus kämpfst, wird das mit dem Seelenwässerchen so schnell sicher nichts mehr in dieser Stadt. Oder schlimmer noch, du findest dich von den Blaumänteln in eine zugige Zelle verfrachtet, statt etwa in deiner Unterkunft im Pfirsich die Ruhe zu finden, die es gerade braucht. Müde schließen sich seine Augen und er zählt ruhig und langsam bis zehn. Wenigstens scheint Dar inzwischen offensichtlich so dermaßen… angespannt, dass die rempelnde und fröhliche Gästeschar einen gewissen, nun ja … Sicherheitsabstand, rein intuitiv schon, zu ihm einzuhalten beginnt.

Die Erinnerung an seine Zeit in der Siechengrube an der Südmauer der Stadt drängt sich ob des Tumultes immer mehr in den Vordergrund. Die Erinnerung an die regelrecht infernalischen Schreie, die seine Ohren malträtiert hatten, Dar glaubt sie beinahe wieder hören zu können! Fahrig wischt er sich die plötzlich schweißfeuchten Hände an der linnenen Hose trocken. Tief atmend hebt und senkt sich der schwere Brustkorb der dunkle Gestalt am Rand der Theke. Einatmen und ausatmen, einatmen und ausatmen… und langsam schließlich, mit jedem Atemzug, werden die Schrei, oder vielmehr seine Erinnerung an die akustischen Echos unsäglichen Leides aus jener Vergangenheit, leiser und leiser, wandeln sich zu jovialem Lachen und dem normalen Geschnatter zurück, das in einem so gut besuchten Gasthaus nun einmal gang und gäbe ist. Doch wenn er sich jetzt durch das Gewühl wieder nach draußen zu drängen versucht, er würde vermutlich schon auf halbem Wege aus der Haut fahren und zum Berserker. Wenn er andererseits aber noch länger in diesem Lärm und Tumult hier drinnen ausharren muss… »Oh, verflucht seist du, Shalhor! Das hast du doch mit Absicht gemacht.« Leise knurrend stößt Dar diese, zumindest den Fluch betreffend, nicht ganz ernst gemeinten Worte in Zardakh hervor. Aber das konnte natürlich nicht sein. Wie sollte Shalhor von seiner Zeit in der Siechengrube und den Auswirkungen dessen auf ihn bitte wissen und wie könnte Shalhor, ohne dieses Wissen, auch nur erahnen, was dieser Gasthausbesuch gerade mit ihm anstellte? Dar hatte es ja noch nicht einmal selbst geahnt, wäre er sonst doch kaum so leichtsinnig durch die Tür hier herein marschiert. Und doch ist es der Elb, wegen dem er jetzt überhaupt nur hier ist.

Der erhoffte Schluck Heimat, ein winziger Becher Dusharrenmrtva, mehr könnte Dar sich so oder so momentan nicht leisten, er ist längst vergessen. Raus Junge, einfach nur raus hier. versucht Dar sich gedanklich anzufeuern. Und schließlich, als er seine Atmung wieder halbwegs unter Kontrolle wähnt, stößt er sich kraftvoll von der Wand in seinem Rücken ab, fokussiert den Blick auf den fernen Ausgang, versucht die Menschen, und anderen Völker, all das Gedränge, Geschubse und Gelache hier, aus seinem Geiste zu verbannen. Es ist nicht anders, als damals, als du dich durch die Stromschnellen oberhalb des Siebenfalls zum Felsen Stummelfinger kämpfen musstest um das Silbermoos dort für den Lehrmeister zu ernten, versucht Dar sich das Bewusstsein um den Tumult um ihn her zu nehmen. Du musst dich einfach nur langsam und ruhig durch die Strömung kämpfen. Das Mantra noch nicht einmal zweimal zuende gedacht habend, fühlt er auch schon einen spitzen Absatz ihm durch das dicke Stiefelleder leicht abgedämpft auf seinen Fußrücken herniederdrücken und gleich darauf eine ihm durch das Haar wuschelnde Hand. „Ups, war das Euer Fuß? Verzeiht, hab euch gar nicht gesehen, kleiner Mann!“ Kichernd, leicht angetrunken, wie vermutlich sich alkoholischen Nachschub beschaffen wollend, ist die Menschenfrau auch schon an ihm vorüber um mit einem „Ups, 'tschuldigung!“ dem nächsten, übernächsten und wohl auch noch überübernächsten Gast in der einen oder anderen Weise so auf die Füße zu steigen. Und mit einem Grollen um seine Beherrschung ringend, findet Dar sich alsbald drum wieder in jener einsamen Ecke neben dem langen Tresen wieder. »Soso, so leicht, wie bei der Stromschnelle damals am Siebenfall?« schilt Dar sich zornig leise in Zardakh. War das nicht da, wo du beinahe über die Kante des ersten Falls in den dir damit wohl sicher gewesen seienden Tod gestürzt bist, ehe du – beim zweiten Versuch dann erst und unter Berücksichtigung der Strömung bloß – den Weg schließich doch noch gefunden hattest?

Also wieder tief einatmen, zur Ruhe kommen (als wenn das so einfach wäre) und die Leute, dazu auf einen der Barhocker steigend, beobachten! Wer geht wo lang, wo geht es vielleicht ‘mit der Strömung’ auch wieder gen Ausgang? Es musste doch verdammt noch eins möglich sein, ohne Blutvergießen wieder hier raus zu kommen! Den dreimal verfluchten Dusharrenmrtva kann er sich ja entweder zu einer ruhigeren Stunde nochmals zu ordern versuchen, oder – besser noch – er lässt per Boten nachfrage, ob es das und falls ja, zu welchen Preisen, überhaupt zu erstehen gibt. Also heißt es jetzt erst einmal, sich in das Gewühl zu seiner Rechten zu drängen, wo er sich ‘mit dem Strom’ gen Mittelgang und von dort leicht wieder zum Ausgang treiben lassen können sollte. Er hatte beim ersten Versuch gerade sicherlich einfach nur den Fehler gemacht, den gleichen Weg hinaus, wie zuvor hinein gewählt zu haben. Einmal also, mehr oder minder, mit dem Strom, das andere Mal… Mehrere Male noch atmet Dar erneut tief ein und wieder aus, ehe er sich mit frischer Zuversicht erneut von der Wand abstößt. Würde doch mit dem Schlafenden zugehen, wenn er jüngst erst die Unterstadt erfolgreich überlebt hatte nur um hier in der Goldenen Harfe nun sein Ende zu finden, auf immerdar vom rettenden Ausgang abgeschnitten. Mit dem Mut der Verzweifelten wendet Dar sich drum nun nach Rechts, in Richtung des dichtesten Tumults vor der Theke. Doch wenn seine Beobachtungen ihn nicht getrogen haben, wird er nach besagtem Tumult, links in Richtung des dunklen mittleren Stützbalkens und von dort fast wie von selbst zum Ausgang gelangen können. Nun ja,und falls nicht? Mit etwas Glück werden amoklaufende Zwerge in dieser Stadt ja, zur Beruhigung oder auch Strafe, zuerst einmal in das dunkelste, ruhigste und tiefste Verlies der ganzen Steinfaust gestopft? Denn das ist es eigentlich, was er gerade braucht: Ruhe, Dunkelheit und mindestens zehn Fuß massiven Fels zwischen sich und der Himmelsleere!

Nur noch drei Schritte, dann bis du direkt vor der Theke. Jedem der von dort wieder weg will, wird mehr als gerne Platz gemacht, also alles bestens. Danach musst du dann eigentlich nur noch mit dem Strom der Besucher zur Tür dich treiben lassen, und gut ist's. Wobei der Plan für seinen Geschmack gerade weit zu sehr an eben jenem kleinen ‘eigentlich’ hängt, mit dem alles Andere steht und fällt…
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

This post has been edited 8 times, last edit by "Dar" (Jan 22nd 2019, 8:32pm)


Lyall

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Posts: 455

Occupation: Magd

Location: Anwesen de Winter

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486

Wednesday, January 23rd 2019, 9:04pm

~ 2. Langschnee 518, Mittwintermarkt ~



See you all in church.
Just kidding, meet you at the bar.
unknown



<-- Die Tausendwinkelgassen



Zurück auf dem Marktplatz fühlt es sich für die Wargin an, als könnte sie wieder freier atmen und sogleich nimmt sie einen tiefen Zug der kalten klaren Luft. Wie ein Drache stößt Lyall die weißen Wölkchen aus ihren Nasenlöchern aus, als die nun angewärmte Luft ihre Lungen wieder verlässt, blickt dann zu Cináed empor und hakt sich lächelnd erneut bei ihm ein. Die Bedenken von eben, gerade noch stark und überaus präsent, versucht sie in sich einzuschließen, wie sie es schon seit längerem tat. Sie kann ihm einfach nicht von ihren Gedanken und Gefühlen erzählen. Zumindest noch nicht.
Hintereinander haben sie beide das Nadelöhr, welches der Eingang zu den Tausendwinkelgassen im Kupferkessel bildet, passieren müssen, denn der Strom an Besuchern hatte nicht eine Minute lang nachgelassen. Einige Zeit hat es gedauert, bis sie eine Lücke zwischen den Leibern hatten ausnutzen können, um erneut auf den Marktplatz zu gelangen.
Ihr Weg führt sie nun direkt zur Goldenen Harfe, oder besser gesagt er würde sie ohne Umwege dorthin geführt haben, hätte Lyall nicht einen alles in allem recht unauffälligen Stand mit einer seltsamen Aufschrift entdeckt, die die Drachenländerin so gar nicht zuordnen kann. Das Wort Fruchtleder steht in dicken, schön geschwungenen schwarzen Lettern auf einem rustikalen und unbearbeiteten Holzbrett, an dessen Seiten noch die Rinde des Baumes als dunkelgraue, rauhe Umrahmung zu erkennen ist.
Cináed kann nicht anders, als der plötzlich abbiegenden Lyall kurz stolpernd zu folgen, welche sich für ihr abruptes Manöver sogleich entschuldigt, jedoch nicht von ihrem eingeschlagenen Kurs abweicht.
In der Auslage befinden sich hauchdünne durchsichtige Quadrate (jeweils eine Unterarmlänge lang und hoch), die wie buntes Glas aussehen und auf die Wargin ebenso zerbrechlich wirken. Doch an den Rändern fehlen hier und da schon ein paar Ecken, dort, wo ein oder zwei Kostproben abgeschnitten worden waren. Darunter kann die Wargin bräunliches Papier entdecken, auf das die Masse aufgebracht wurde. Kleine Kerne und teilweise auch Stücke von Fruchtschalen lassen zum Teil tatsächlich erahnen, dass es sich um Obst handeln muss. Wenn auch in einer recht planierten und gestreckten Form. Denn zweifelsfrei kann sie die kleinen gelben Kernchen von Erdbeeren sowie Himbeeren in der ansonsten recht glatt wirkenden Oberfläche erkennen.
Die braunhaarige Frau hinter der Auslage, deren leicht spitze Ohren sie als Halbelbin entlarven, ist sofort Feuer und Flamme und beginnt augenblicklich Lyall das Verfahren zu erklären, als diese mit echtem Interesse danach fragt. Pürierte Früchte, zum Teil mit Honig verfeinert, werden auf Papier aufgestrichen und im Ofen getrocknet. Dieser muss offen sein und es dauert schon seine guten drei bis vier Stunden, bis sich alle Restfeuchtigkeit verflüchtigt hat. Dadurch ergibt sich eine feste, plattenartige Struktur, die jedoch trotzdem biegsam bleibt, sodass es im entferntesten Sinn Leder ähnelt.
Cináed und sie dürfen ebenfalls kosten und auch wenn die kleinen Locken, zu denen die abgetrennten „Lederstreifen“ aufgerollt werden, nicht gerade günstig zu erstehen sind, erwirbt die Wargin Waldbeerlocken für ihren Geliebten sowie ein paar Erdbeerlocken für sich selbst. Das Kauen fällt im ersten Moment etwas schwer, kleben die Zähne beim daraufbeißen recht fest aufeinander, doch gutes Durchkauen bekommt die Masse recht schnell weich geknetet.
Noch nie hat Lyall Erdbeeren so spät im Jahr gegessen und der Geschmack ist durch das Trocknen intensiviert worden, sodass der Preis durchaus gerechtfertigt ist. Auch Cin ist begeistert und sie nehmen sich vor sich an die Herstellung solch eines Leders vielleicht sogar selbst einmal zu wagen, wenn die entsprechenden Früchte wieder Saison haben.

Mit dem Kopf auf Cins Schulter gelegt flanieren sie in ein leises Gespräch vertieft an den Ständen entlang und teilen sich die Nascherei, bis das kleine Papiertütchen leer ist. Doch es befindet sich noch genug Fruchtmasse an Lyalls Zähnen, welche sie lutschend versucht abzuschaben (es ist wirklich hartnäckig), während das Paar die letzten Meter zum Gasthaus hin überbrückt.
Vor diesem ist zwar auch eine Menge los, doch nicht so viel, wie die Wargin angenommen hatte. Hier und da stehen zwar ein paar Leute mit ihren Getränken in Grüppchen zusammen, doch ein wirklicher Andrang herrscht nicht.
Zumindest glaubt die Wargin das, bis sie die Tür öffnet und eintreten will. Die Harfe ist gerammelt voll und das einzige was sie sehen kann, ist eine Wand aus Rücken und Hinterköpfen, die direkt hinter der Türschwelle undurchdringlich vor ihr aufragt. Nun weiß sie warum niemand vor der Harfe gestanden hat. Weil einfach schon jeder der hineinpasste darinnen ist und alle weiteren Gäste wahrscheinlich postwendend kehrt gemacht hatten, um ihr Glück später erneut zu versuchen
Verdutzt macht sie ebenfalls einen Schritt zurück, hält die Tür jedoch offen und lässt einen Moment lang die angeneme Luft (wenn auch etwas abgestanden und schal) über sich hinwegwaschen, was ihr allerdings prompt von einem der Harfenbesucher ein „Tür zu, es zieht!“ beschert.
„Bist du sicher, dass wir dort hineinkommen?“, fragt sie unsicher an ihren Gefährten gewandt und lässt den Türgriff aus ihren Fingern gleiten. Dort ist sowieso gerade kein Durchkommen. „Sollen wir kurz warten? Vielleicht haben ja bald alle einen Platz oder gibt es noch einen anderen Weg hinein, den wir nehmen könnten?“
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Tuesday, April 16th 2019, 5:12pm

~ Frequenters of Taverns ~
2. Langschnee 518


There is no such joy in the tavern as upon the road thereto.
(Cormac McCarthy)

Cináed nickt. “Komm, lass es uns uns durch den Eingang in der Jungfernkammer versuchen”, erklärt er und führt Lyall vom Haupteingang durch den verschneiten Harfengarten zum Nebeneingang des Gasthauses. Sie müssen sich durch hohe Schneeberge kämpfen und versinken immer wieder Knietief, denn der Harfengarten wird im Winter nur notdürftig geräumt, wenn überhaupt. Aber der Weg ist zum Glück ohnehin nur kurz und der Platz vorm Großen Tor und der Weg zum Eingang in der Jungfernkammer sind ordentlich geräumt und so klopfen sie sich rasch den Schnee von Beinlingen und Stiefeln bevor Cináed Lyall galant die Tür aufhält, damit sie ins Warme huschen kann.

Selbstverständlich ist es auch in der Jungernkammer voll und wie es scheint sind die meisten Plätze belegt, aber der Gutsbesitzer und seine Verlobte finden Platz am Tisch eines Kerzenziehers aus dem Handwerkerviertel, den Cináed gut kennt, da sein Hof den Großteil seiner Kerzen von dem Mann bezieht. Hamish MacLean, wie er sich Lyall höflich gegenüber vorstellt, ist ein gutmütiger breitschultriger Mann mit kastanienbraunem Haar, struppigem Vollbart im Gesicht und lustigen Sommersprossen auf der weinroten Nase. Auch die übrige Gesellschaft am Tisch, allesamt Männer und Frauen aus dem Handwerkerviertel der Stadt, ist freundlich und gut gelaunt und heißt die beiden Neuankömmlinge herzlich in ihrer Runde willkommen. Cináed wird sofort in irgendwelche Fachsimpeleien hineingezogen, aber auch Lyall sieht sich schnell mit fröhlichem Geplänkel konfroniert. Die Gespräche kreisen den üblichen Klatsch und Tratsch, um das bevorstehende Julfest, den ungewöhnlich verschneiten Winter, die damit verbundenen Freuden und Sorgen und was den Frauen und Männern in der Runde noch so in den Sinn kommt.

Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, warmes Bier und heißer Honigwein machen die Runde ebenso wie allerlei deftige Speisen, die die Wirtshausgäste bei guter Laune halten. Leider hat dies aber auch zur Folge, dass Cináed und Lyall nur wenig Gelegenheit haben, ein paar ruhige Worte miteinander zu wechseln. So verstreichen die Stunden in lustiger Geselligkeit und ohne das sie es richtig merken verrinnt die Zeit bis zum Abend in Windeseile. Die kleine Runde löst sich nach und nach auf, einer nach dem anderen verabschiedet sich und auch Cináed und Lyall beschließen sich wieder auf den Markt hinaus zu begeben. Die Harfe ist immer noch brechend voll, aber der Gutsbesitzer lässt es sich dennoch nicht nehmen ein paar freundschaftliche Worte mit Borgil zu wechseln, bevor Lyall und er sich wieder auf den Weg hinaus in die Kälte begeben.

Da es bereits dunkelt kehren sie dem Julmarkt den Rücken zu und begeben sich auf den Weg zurück zum Anwesen, da Cináed noch ein gutes Stück Weg zurück nach Glyn-y-Defaid vor sich hat. Dennoch hat das Paar es nicht eilig und schlendert stattdessen Hand in Hand durch die verschneite Nacht. Hinter ihnen verklingt der Trubel auf dem Marktplatz allmählich, während über ihnen die ersten Sterne am Firmament aufblitzen. Cináed seufzt. “Am liebsten würde ich dich einfach mitnehmen”, murmelt er in Lyalls Ohr während er sanft einen Arm um ihre Schulter legt und sie an sich zieht. “Nicht mehr lange”, erwidert sie lächelnd und der Elb seufzt. “Nur schade, dass wir Aurian offenbar verpasst.” Er seufzt. Sie hatten sich nach dem Verlassen der Harfe noch einmal auf dem Markt nach der Halbelbe umgesehen, aber in dem Gedränge war es einfach unmöglich gewesen sie ausfindig zu machen. Ebenso gut hätten sie eine Nadel im Heuhaufen suchen können. Nun, sie würden ein anderes Mal mit Aurian sprechen. “Ich komme einfach in zwei Tagen noch einmal im Anwesen vorbei”, meint Cináed schließlich. Damit ist das Thema erst einmal beendet und die beiden wenden sich rasch wieder anderen Dingen zu, bis sie schließlich an ihrem Ziel angelangen und es Zeit wird Abschied zu nehmen. Es wird ein langer Abschied, voller zärtlicher Worte und sehnsüchtiger Küsse. Trotzdem lässt sich die Trennung irgendwann nicht länger hinauszögern und Cináed lenkt seinen Rimmer nachdenklich zur Stadt hinaus in Richtung Glyn-y-Defaid.
"Who's Zed?" "Zed's dead, baby. Zed's dead." (Quentin Tarantino, Pulp Fiction)

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