You are not logged in.

Dear visitor, welcome to Weltenstadt Forum. If this is your first visit here, please read the Help. It explains in detail how this page works. To use all features of this page, you should consider registering. Please use the registration form, to register here or read more information about the registration process. If you are already registered, please login here.

Feorl

Unregistered

31

Sunday, August 19th 2012, 7:30pm

Feorl spielt nervös mit seinen Händen und meidet den Blick des Zwergen, so gut es geht. Wieso schaut der Wirt denn so überrascht? Oh, hab ich etwa etwas im Gesicht kleben? Dann fragt er mich auch noch, ob ich baden möchte - wahrscheinlich stinke ich zum Himmel. Oh, jetzt herrscht peinliches Schweigen ... ich muss etwas sagen!
"Ahhh..."
Verdammt, bei den Göttern, das war sehr intelligent. Oh, der Wirt schaut immer verwunderter - wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Runenwirker bin. Mein Vater hat schon immer gesagt, dass ich es als Runenwirker zu nichts bringen würde, und dass die Leute so einen Tagedieb, der nichts macht außer schreiben, malen und lesen, niemals ernst nehmen würden. Jetzt fange ich auch noch an zu schwitzen...

Feorl atmet tief durch und schafft es sogar, seine Hände ruhig zu halten, fixiert den Zwerg mit seinem Blick und antwortet: "Ich … ich würde gerne baden, die Dienste einer Waschfrau in Anspruch nehmen. Hunger habe ich im Moment keinen, aber ein Morgenmahl wäre sehr freundlich. Wenn ich es mir recht überlege, auch ein Abendmahl. Und ein Bad ist jetzt genau das, was ich brauche. Aber darf ich Euch ein Paar Fragen stellen? Könntet Ihr mir erklären, wo ich Pergament und Federkiele kaufen kann und..." Feorl schaut an dem Zwerg vorbei auf die Wand über ihm, wo in die Balken eine Helm-Rune eingearbeitet ist, dann beginnt er zu murmeln: "Helm, die Beschützerin, schwierig in der Herstellung, schützt bei richtiger Anwendung vor praktisch allem, wofür ein Gastwirt so etwas braucht ..."
Er richtet seinen Blick wieder auf den Zwerg und fährt fort: "... vielleicht den Weg zur Runenhalle weisen."

Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

  • Send private message

32

Saturday, September 1st 2012, 10:52pm

Sein Gegenüber knetet unaufhörlich die feinen, weißen Gelehrtenfinger und weicht Borgils Blick beständig aus. Was hat der denn? Herrje... hab ich vielleicht noch einen Fleck auf der Nase? Noch Blutspritzer im Gesicht? Borgil ist sich ziemlich sicher, sauber gewaschen zu sein und bemüht sich um sein freundlichstes Lächeln, was ihn in etwa aussehen lässt wie einen hungrigen Hai.
>Aaaaaaah!< Macht auch prompt der junge Mann und auf seiner Stirn beginnt es verdächtig zu glänzen. Sil-an-seiner-Esse-gnädig, der sieht ja aus, als wolle er gleich Reißaus nehmen! Borgil versucht sich an einem aufmunternd-ermutigenden Räuspern und schafft es prompt, dabei wie ein verärgerter Branbär zu klingen. Kurz erwägt er angesichts seines vor Nervosität bald bibbernden Gastes nach Azra zu rufen, entscheidet sich dann aber dagegen. Am Ende würde seine Frau dem armen Kerl noch viel mehr Angst einjagen.
Irgendwo scheint der Runenwirker in Ausbildung... Feorl, er hat gesagt, sein Name sei Feorl... ein wenig Mumm zu finden, denn schon im nächsten Moment sieht er Borgil direkt in die Augen und rattert dann in atemberaubender Geschwindigkeit einen ganzen Rattenschwanz von Wünschen und Fragen herunter, ehe ihn etwas hinter Borgil kurzfristig ausbremst. Oha, er hat die Helm-Rune entdeckt.
"Also, junger Mann, ein Bad lässt sich einrichten. Aber die Dienste der Waschfrau sind für Eure Wäsche, wollt's nur gesagt haben. Morgenmahl und Abendmahl, ist notiert. Und was Eure Fragen angeht, all das Zeug bekommt ihr wohl am ehesten in den Tausendwinkelgassen, da kauft Eurereins für gewöhnlich ein. Da findet Ihr sicherlich auch noch allerhand anderen nützlichen Kram. Geht durch den Kupferkessel, der Eingang ist an der rückwärtigen Wand. Folgt einfach dem erstbesten Spitzhut, damit meine ich natürlich ehrwürdigen Zauberer, der durchgeht, aye, dann könnt Ihr's gar nicht verfehlen." Mit hochgezogener Braue beobachtet Borgil, wie Jung-Feorl in seinen nicht vorhandenen Bart etwas über die Rune an einem der Balken in seinem Rücken murmelt und nickt dann. "Ja-a. " Wofür ein Gastwirt so etwas braucht, soso. "Mein Spülwasser hier hat dauernd nach irgendwelchen Wassermagiern verlangt und mir sind reihenweise die Mägde davongelaufen. Ende der Geschichte. Zur Runor geht's nach Norden. Einfach der größten Straße vom Marktplatz zum Nordtor folgen. Sie liegt rechterhand hinter den Tausendwinkelgassen. Da wo's im Hof dauernd kracht und brennt. Ihr könnt nicht daran vorbeilaufen."

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Atevora

Unregistered

33

Monday, September 10th 2012, 12:19pm

<----Das Larisgrün


Beerenreif 512



Seine Worte geben einen kurzen Einblick in das was ein Ritter sein sollte, oder was ihn ausmacht, und er hat recht, mit der zweiten Antwort käme sie besser zu Recht, das heißt mit der Aussage, dass er dazu gezwungen wäre wegen eines Eides. Doch die Geschichte hat einen Haken. Eer Umstand einen Eid zu leisten, zwingt einem noch lange nicht dazu ihn immer zu erfüllen. Es gibt genügend Eidbrecher die es beweisen.

Es ist schwer das Tun und Handeln von jemanden zu akzeptieren und vor allem zu begreifen die den eigenen Erfahrungen, und Erziehung so konträr sind, dass sie mit ihrer ganzen Sicht der Welt kollidieren. Der Aufruhr in ihrem Inneren wird stärker es ist etwas das sich nur schwer beschreiben oder in Worte fassen ließe, es ist als laufe etwas Sturm gegen eine taube, verschlingende Blockade.
Atevora legt ihre Stirn grübelnd in Falten - sie muss nachdenken.
Ohne ihm etwas zu entgegnen, lässt sie sich von ihm aufhelfen und bemerkt dabei zum ersten Mal wie klein und zart ihre Hand im Vergleich zu der seinen ist. Sie könnte vielleicht einen seiner Finger wie einen Stock umschließen, mehr aber nicht.
Dass sie die Möglichkeit hat sich zu waschen, lässt sie natürlich nicht ungenutzt. Sie hatte den Hinweis nur mit einem Nicken quittiert und sich dann zu dem kleinen Bach begeben, während sich in ihre Grübelein und den Versuch etwas zu begreifen, was ihrem eigenen Wesen so fern ist, auch noch das Erkennen gemischt wie aufmerksam der Blondhaarige Mann wirklich ist. Ihr fällt zudem erst jetzt, als sie sein Bild wieder vor Augen ruft, auf wie erschöpft er eigentlich gewirkt hatte. Hatte er nicht geschlafen? Wenn noch weitere kraft zehrende Zwischenfälle auf sie warten sollten, würde sie ihn zur Rast schicken, bevor er sich ebenso unklug und dumm übernimmt wie sie sich selbst.

Bei ihrer raschen Wäsche bemerkt sie einige weitere Stellen an ihrem Körper die sich ungesund bläulich verfärben. Zum Teil weil sie sich gestern noch zusätzlich verletzt hat, und zum anderen Teil waren die Verletzungen vom Kutschenunfall so tief im Gewebe, dass der Bluterguss erst jetzt an der Oberfläche sichtbar wird. Auch ihr Arm ist verletzt, ein Bolzen oder ein Pfeil hat ihr Fleisch am Oberarm aufgerissen, doch Colevar hatte ihn offenbar nottürftig mit einer Salbe versorgt, welche die Blutung gestillt hat. Wenn sie in der Stadt ist, sollte sie die Wunde von einem Heiler inspizieren lassen, sie sieht aus als würde sie die restliche Wegstrecke sicher wieder zu bluten beginnen und genäht werden müssen. Generell, vermutlich ist ihr Körper gleichermaßen in verschiedenen Blautönen wie mit verletzlicher weißer Haut bedeckt, und sie ist froh darum, dass Colevar es nicht sehen kann. Vermutlich würde er noch mehr Entgegenkommen zeigen als er es ohnehin die ganze Zeit über bereits tut, und sie sich deshalb noch schwächlicher und erbärmlicher fühlen als jetzt schon. Warum nehmt ihr auf mich Rücksicht, hatte sie gefragt. Warum denn nicht.. hatte er lächelnd geantwortet.

Der Tag verspricht noch heißer zu werden als der vorherige. Bereits als sie aufbrechen brennt die Sonne mit einer unbarmherzigen Stärke herab die nur einen kleinen, seichten Vorgeschmack auf den weiteren Tag darstellt.
Sie kommen an ein kleines Dorf, das die Shin wie auch – wenn sie sich genau entsinnt -die Höhle in der sie entkräftet übernachtet hat nicht gänzlich unbekannt ist, aber es ist sehr lange her, dass sie hier in der Gegend herumgestreift war, damals in Begleitung eines schrecklich aufbrausenden Zentauren. Sie besorgen sich in dem kleinen dörflichen Wirtshaus etwas Wegzehrung und brechen wieder auf. Sie kommen allerdings nicht weit. Harm schmerzt die Wunde, die er Nachts davongetragen hatte wieder mehr, und sie muss sich eingestehen, dass es besser ist von ihm abzusteigen. Sie halten Rast und speisen gemeinsam, doch Harm lahmt auch nach der Pause noch.
Zuerst wollte Atevora, wenn sie auf ihrem ach so edlen grauen Schlachtross nicht reiten kann, eben zu Fuß weitergehen und es führen. Da ihr die Hüfte Probleme bereitet und sich ihr Körper generell so anfühlt als bestünde er aus einem einzigen riesigen Blutergussfleck zusammengehalten mit reichlich übersäuerten oder gezerrten und geprellten Muskeln, machen ihre Bemühungen zu Fuß zu gehen einen sehr erbärmlichen und mitleiderregenden Eindruck. Schon nach wenigen Schritten sieht sie es selbst ein, und nimmt des Totenritters abermaliges Angebot mit ihm auf seinem Pferd zu reiten an. Die Magierin ist sogar schmal und dünn genug, dass sie noch relativ erträglich bequem zusammen mit dem Hünen auf dem großen Sattel passt, und zierlich genug, dass sie ihn beim Reiten nicht sonderlich behindert. Unwohl fühlt sie ich dennoch, vor allem elendig Hilfsbedürftig und schwach. Finleys Blicke die immer wieder auf ihrer Gestalt ruhen tragen dabei nicht sonderlich zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Sie hätte nicht schlecht Lust an ihm die Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten auszulassen die er ihr wohl bei jedem Seitenblick in Gedanken andichtet und ihrem Wesen zuschreibt. Er sollte jetzt besser zusammen mit den anderen im Dreck liegen und verfaulen, dann könnte sein Gestus ihr nicht mehr die ohnehin schon labile Laune vergiften.
Bei den Gedanken verkrampft sie sich innerlich. Weswegen überkommt sie überhaupt das Bedürfnis und der Wunsch zu so etwas? Finley tut nichts was so etwas wirklich verdienen oder rechtfertigen würde. Die Gedanken spinnen weiter und kommen wieder bei den Worten des Erbes von Lyness am Morgen an. Colevar hilft den Menschen und anderen Wesen aus tiefster Überzeugung, mit vollem Herzen da er es für richtig erachtet, da ihm das Leben und das Schicksal und deren Wohlergehen nahe gehen. Und wie ist es bei ihr? Weswegen betreibt sie die Armenspeisung? Geht hinab in die Kanalisation um den Fettfischern zu helfen? Die Fettfischer sind ihr vollkommen gleichgültig, ob sie leben oder sterben kümmert sie im Grunde nicht, sie ekelt sich sogar vor dem Gestank den sie abgeben, davor von ihnen berührt zu werden. Sie geht nur hinab, schlägt den Ekel nur nieder und lässt ihnen bemüht Menschlichkeit ohne Ablehnung nur zukommen, weil diese keine Schutzzeichen in der Luft schlagen nur weil sie Vorübergeht, weil manche wirklich froh darum sind, weil sie sich freuen, dass sie da ist, dass es sie gibt und weil sie mit ihrer Dankbarkeit und den Informationen die sie anhand dessen, was sie aus den Kloaken fischen nützlich sind. Es ist Erholung einerseits vom sonstigen ablehnenden Alltag, andererseits kühle Berechnung und gemeinsam es ist pure Selbstsucht. Weshalb ist es ihr so Gleichgültig wenn ein Leben endet, jemand leidet, oder trauert? Mitgefühl, Anteilnahme, weswegen sind es für sie so schrecklich hohle Begriffe deren Bedeutung sich ihr nicht erschließen?
Der blondhaarige ist so gänzlich anders als sie.

Irgendwann, nach einem längeren Kampf mit sich selbst verschwindet das Unbehagen mit Colevar so nahe zusammen auf dem Pferd zu sitzen. Irgendwann tut es gut den starken Mann hinter sich zu spüren und sich an ihn einfach anlehnen zu können wobei sie sich seltsamer Weise bald schon gar nicht mehr beengt, sondern so ungewohnt sicher und befreit zu fühlt. Dass sie sich zurücklehnt scheint dem Mann überdies trotz der drückenden Hitze auch nichts auszumachen.

Kurz vor der Stadt steigt sie wieder auf ihren grauen Klepper auf. Sie liefern in der sengenden Hitze des Tages den dummen Jungen samt Schmugglergut bei den Wachen ab und informieren sie über diverse Gegebenheiten. Sie selbst wird darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie noch eine Vermisstenanzeige für den erwähnten Kutscher abgeben wird müssen, der vermutlich auch irgendwo im Larisgrün von Tieren angenagt wird, und wo und bei wem sie das tun kann.
Atevora ist froh, als sie endlich an der Harfe ankommt, zu der sie Colevar freundlicherweise noch geleitet hat. Sie hätte die brütende und drückende Hitze unter den vielen Stoffschichten, und mit dem stickigen Tuch vor der Nase, kaum noch länger ausgehalten.
Er hilft ihr sogar noch dabei ihr Pferd in den Stall zu führen, damit die Stallburschen sich dort darum kümmern und betreten dann Beide reichlich niedergekämpft die Gaststube, wobei man der Magierin angeschlagenen Zustand gerade nur an der Körperhaltung und der Art wie sie sich bewegt ablesen kann, denn ihr Gesicht wird von der Maske und dem Tuch weiterhin verdeckt und ihr übriger Körper wird vom Umhang und der tief heruntergezogenen Kapuze versteckt.

Die Harfe ist ungewöhnlich leer, die Eismaid kann sich kaum erinnern jemals so wenig Leute in der Gaststube gesehen zu haben, mit Ausnahme natürlich zu einer sehr unseligen Stunde. Die Luft im Inneren des Gasthauses ist stickig und angefüllt mit allerhand angenehmen und weniger angenehmen Gerüchen, wie alten Rauch, Schweiß, verschüttetem Bier und eben dem herrlichen Duft der Speisen die hier serviert werden. Die Gesichter der der meisten Anwesenden drehen sich sofort zum Eingang und Mustern das eigenwillige Pärchen. Die eine, oder andere Stirn runzelt sich Fragend als der Blick an der Shin hängen bleibt. Einer schüttelt sogar verständnislos den Kopf, wie jemand bei so einer drückenden Hitze, die auch in der Schankstube zäh in der Luft hängt und alle Bewegungen breiig und schwer werden lässt, herrscht, derart vermummt umherstreifen kann, bevor er ihn wieder wegdreht um seine Aufmerksamkeit dem Bierkrug vor sich zu widmen.

Atevora indes streift sich die Kapuze vom Haupt und zieht das Tuch, welches die untere Gesichtshälfte verhüllte, herab. Dabei entdeckt sie des Wirten roten Haarschopf, der hinter dem Tresen gerade damit beschäftigt zu sein scheint ein Getränk für einen der wenigen Kunden auszuschenken und geht zusammen mit Colevar auf ihn zu.

Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

  • Send private message

34

Friday, September 21st 2012, 9:36pm

Ende Beerenreif 512


Selbst in der Harfe, und das will etwas heißen, denn ihre Mauern sind dick und halten für gewöhnlich im Sommer die Hitze draußen und im Winter die Wärme drinnen, ist es heute unerträglich – und wegen der glutheißen Sonne lohnt es sich noch nicht einmal die Fenster aufzumachen, denn in Talyra regt sich kein Lüftchen. Die Hitze steht in den Straßen und Gassen, schmilzt flimmernd auf den Pflastersteinen und hat sich über den Plätzen und Häusern niedergelassen wie eine Glucke auf ihrem Nest. Borgil sperrt Mund und Nase auf, als Colevar Lorcain die Schankstube der Harfe betritt und aussieht, als habe er die letzten Tage in Wald und Wildnis verbracht, von seiner vermummten Begleiterin ganz zu schweigen. Im ersten Augenblick hat er keine Ahnung, wer sie ist – er glaubt nur, dass unter all diesen Stoffbahnen eine Frau steckt – aber dann, gerade als sie beginnt, Maske und Tücher abzulegen, kommt ihm jemand in den Sinn, der bei Sonnenschein jedes Mal so ein Versteckspiel aufführen muss und sein Verdacht wird prompt bestätigt. "Sire Lorcain, Lady Shin... " Er blickt vom einen zur anderen und wieder zurück und dank des Größenunterschiedes muss sein armes Genick dabei ganz schöne Verrenkungen vollführen. Aber er kann an ihren erschöpften Gesichtern und den alarmierenden Mienen auch erkennen, dass die beiden nicht unbedingt hier sind, weil sie – aus welchen Gründen auch immer – beschlossen hatten, ein kaltes Bier miteinander zu trinken. Woher kennen die zwei sich überhaupt? Soweit ich weiß, war er in Lyness im Sarthetal und Atevora auf Reisen... "Was ist denn... geschehen? Herrje, ihr beide seht aus, als hättet ihr euch im Schlamm gewälzt und dann in einem Kiefernwald geschlafen..." Setzt er an, wird jedoch von dem Sithechritter prompt unterbrochen, der etwas von einem Sturm, einem Kutschenunfall, einem katastrophalen Rückweg, nächtlichen Schmugglern im Larisgrün und einer verwundeten Lady Shin erzählt, allerdings so knapp, dass Borgil kaum mehr als die wichtigen Schlagwörter mitbekommt. Dass der junge Lorcain es mehr als eilig hat und ihm irgendetwas furchtbar unter den Nägeln brennt, ist nicht zu übersehen, also nickt der Zwerg nur. "Jaja, schon verstanden, Ihr müsst weiter. Lasst A...hrmähm Lady Shin nur bei mir, ich kümmere mich um alles. Ihr Pferd ist schon im Stall? Wie, auch verletzt? In Ordnung, in Ordnung. Ich schicke nach Mealla. Für die Lady und den Gaul. Aye, natürlich – und jetzt fort mit Euch, was immer Euch auch solche Hummeln im Hintern beschert."

Er erntet ein müdes, aber nichtsdestotrotz unverschämt jungenhaftes Grinsen von Colevar und ein erschöpftes Lächeln von Lady Shin für seine Worte, doch der Sithechritter nimmt sich immerhin noch Zeit für ein paar Abschiedsworte an die Magierin – die Borgil höchst interessant findet, auch wenn er sie nicht versteht (oder gerade deswegen) – dann ist er verschwunden und mit ihm auch das raumfüllende Gefühl drängender Eile. Borgil dreht sich eben zu Atevora um, um etwas schlauer aus "Sturm", "Kutschenunfall" und "Schmuggler im Wald" zu werden, als er realisiert, dass die Wassermagierin stehend erledigt ist und sich kaum noch auf den Beinen halten kann, auch wenn sie sich tapfer am Tresen festhält und bemüht, möglichst gerade zu stehen. "Ach du Schreck, Mädel, mach doch den Mund auf! Kommt... ihr braucht dringend ein Bad und ein Bett und einen Heiler, eh? Ich sorge für alles drei, aber erst wollen wir Euch mal ein Zimmer geben. " Er bugsiert Atevora behutsam auf einen nahestehenden Stuhl, eilt hinter den Tresen um einen Zimmerschlüssel zu holen, schnappt sich die erstbeste Schankmagd, die ihm über den Weg läuft und gibt ihr kurze, knappe Anweisungen – ein Bad richten, einen Botenjungen zur Steinfaust wegen einem Heiler schicken, eine Schale heiße Brühe für die Magierin bringen und so fort. Dann fällt ihm siedend heiß der Brief Yasraenas ein und Borgil stockt. Er hat keine Ahnung, was seine Magd – oder vielleicht ehemalige Magd – dazu veranlasst hatte, die Harfe und ganz Talyra bei Nacht und Nebel und ohne irgendeine nähere Erklärung zu verlassen, aber kurz nachdem Lady Shin im Frühsommer auf ihre 'Geschäftsreise' aufgebrochen war, war auch Yasraena verschwunden. Alles, was sie ihm und Azra gesagt hatte, war dass es wichtig und persönlich war und sie keine Ahnung habe, wann sie wieder nach Talyra zurückkommen könne... und natürlich, dass sie einen Brief für die Magierin hinterlassen habe. "Kommt, ich bringe Euch auf Euer Zimmer. Aber wenn Ihr dann gebadet und ein wenig gegessen habt, und ein Heiler Euch versorgt hat, muss ich mit Euch sprechen, aye? Schickt eines der Mädchen zu mir, wenn Ihr soweit seid. "

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Atevora

Unregistered

35

Saturday, September 22nd 2012, 7:28pm

Ende Beerenreif 512


Als Borgil zu den Neuankömmlingen schaut, wirkt er im ersten Moment so, als würde er einen Geist sehen. Die Eismaid merkt davon nichts, sie war gerade dabei sich der Ledermaske zu entledigen, und sich dabei einige ihrer weißen Haare auszureißen, die sich um die Lederbänder gewickelt und verknotet hatten.
Kaum hat der Zwerg den Moment der Überraschung überwunden, werden Colevar und sie auch prompt vom Wirt begrüßt, der seinen Kopf ordentlich in den Nacken legen muss um dem Hünen von Lord ins Gesicht sehen zu können. >"Was ist denn... geschehen?"< Setzt er kommunikativ fort, wobei seine Stimmlage in Atevoras Ohren wie eine Mischung aus Sorge, Betroffenheit, und sogar einen Anflug von entgeistertem Entsetzt-sein, anhört. >“Herrje, ihr Beide seht aus, als hättet ihr euch im Schlamm gewälzt und dann in einem Kiefernwald geschlafen..."< Damit liegt er gar nicht einmal so falsch, stellt Atevora zerknirscht fest und schnaubt unfroh. Was Borgil auch immer noch so an Vermutungen hätte vorbringen wollen, er kommt nicht mehr dazu. Colevar so gar nicht in Plauderstimmung und dem sichtlichen Verlangen schnell wieder seinen Weg fortzusetzen getrieben, unterbricht den Wirten und umreißt kurz angebunden und mit so wenigen verbindenden Wörtern dazwischen die Eckdaten der letzten Tage, dass es anstatt der zwei, oder drei Sätzen gut und gerne nur eine Stichpunktaufzählung hätte sein können. Atevora schmunzelt dabei nur müde vor sich hin, da sie vermutet, dass Sire Lorcains Ausführungen vermutlich mehr als nur unbefriedigend für den Wirten sind, und kämpft nebenher mit dem nicht erfüllbaren Bedürfnis sich sofort in die Eiswüsten Immerfrosts zu teleportieren und sich dort willig mit ausgebreiteten Armen in den weichen frostigen Schnee plumpsen zu lassen. Stattdessen aber hält sie sich wacker am Tresen fest um nicht dem Abschnitt mit dem fallen lassen doch noch nachzukommen. Auch wenn sie sich so müde und ausgelaugt fühlt, dass sie nichts lieber täte als sich auf der Stelle irgendwo hinzulegen: die glatten Holzdielen der Harfe wirken auf sie hinblicklich ihres körperlich geschundenen Zustandes dann doch noch nicht einladend genug dazu. Aber vermutlich fehlt nicht mehr viel bis sie diese Ansicht nachjustiert und ändert.
Wortkarg, und für das Umfeld vermutlich wenig aufschlussreich, bishin fast schon kryptisch, verabschiedet sich Colevar von ihr, und bietet sich ihr noch freundlich als Weggesellschaft an, sollte sie daran denken dem nachzugehen ob an der erwähnten Geschichte etwas dran ist. Dann ist Sire Lorcain mitsamt seinem gewinnenden Lächeln verschwunden, und die Unruhe und der in der Luft hängende, raumfüllende Drang zur Eile mit ihm.

Atevora ist gerade dabei gedankenverloren mit der nächst stehenden Sitzgelegenheit zu liebäugeln, und sich dabei zu fragen, ob sie ihre Erinnerungen täuschen, oder die Entfernungen zwischen Tresen und den Stühlen schon immer so schier unerreichbar weit waren, oder ob sich der Raum um sie herum gar gerade auf magische Weise in die weite zu zerrt. Bevor sie die Überlegung noch zu irgend einem befriedigenden Ende gebracht hat, hat Borgil geistesgegenwärtig auch schon erspäht, dass die Shin nur noch ziemlich wackelig auf ihren schmalen Beinchen steht. >"Ach du Schreck, Mädel, mach doch den Mund auf!“< Der Tonfall kommt Atevora neben der Besorgnis darin auch ein wenig tadelnd vor, aber das könnte sie sich auch gerade einbilden. Die Magierin verlautbart so gut wie nie, dass ihr etwas fehlt, oder es ihr nicht gut geht, und in Momenten wie diesen hat sie ohnehin nicht die Kraft um vor sich hin zu jammern. Sie ist zu sehr damit beschäftigt noch irgendwie zu funktionieren. Sie ist allerdings noch geistig rege genug um die Reihenfolge der Dinge die sie notwendig hätte zu bemerken. Zuerst das Bad, dann das Bett. Ja, durchgeschwitzt wie sie ist, riecht sie höchst wahrscheinlich momentan nicht so angenehm wie sie es gerne hätte, aber zum Glück wohl noch nicht so schlimm, dass alle Anwesenden sofort aus dem Raum flüchten und nach Luft japsend ins Freie stürzen würden. Das ist schon einmal beruhigend. >"Kommt... ihr braucht dringend ein Bad und ein Bett und einen Heiler, eh? Ich sorge für alles drei, aber erst wollen wir Euch mal ein Zimmer geben."< Schon wird sie von einem umsichtigen Zwergen gestützt, der natürlich seine kräftigen Hände dort platziert wo es im Augenblick besonders ungünstig ist. Augenblicklich verzieht die Magierin ihr Gesicht zur schmerzverzerrten Grimasse. Borgil merkt auch sofort, dass er sich wohl eine Stelle zum Anpacken ausgesucht hat, die er hätte meiden sollen, und seine Hand rutscht an einen anderen Platz, nur.. ohne sonderlichen Erfolg. Es ist aber derzeit nicht unbedingt leicht eine Stelle an Atevoras Leib zu finden der nicht eine Farbe hat, die er besser nicht haben sollte.

Nach wenigen Schritten, die Atevora wie die Reise von Immerfrost nach Talyra vorkommen, lässt sie sich behutsam auf dem stabilen Stuhl nieder, und ist froh einen Tisch vor sich, und eine Lehne hinter sich zu haben, dass sie irgendwie und möglichst ohne Arbeitsaufwand ihres eigenen Stütz- und Muskelapparates auf der Sitzfläche herumlümmeln kann.
Während Borgil hinter den Tresen huscht, die nächstbeste Magd in Beschlag nimmt und diverse Anweisungen zu Dienstleistungen gibt - jene die Magierin im Moment gar nicht entgeltlich begleichen kann, da sie gerade eben eindeutig nicht einen Heller bei sich hat - sitzt Atevora kraftlos zurückgelehnt am Sessel. Ihre Hände hängen schlaff herab, der Kopf ist zurückgelegt, und sie starrt blicklos an die Decke. Sie ist froh darum, dass – unter anderem - dieser Druck und die Hast die Colevar unweigerlich mit seinem inneren Drängen rasch an sein Ziel zu gelangen, mehr oder weniger unterschwellig verbreitet hat endlich von ihr abfällt. Sie lässt sich nicht gerne von anderen hetzen, sie gibt sich lieber ihr eigenes Tempo im Leben vor. Denke nie zuvorderst an dich selbst, sonder sei bereit, alle Kraft deines Körpers, alle Stärke deines Willens, alle Schärfe deines Verstandes und die Redlichkeit und die Ehrbarkeit Charakters für jede rechtschaffene Seele einzusetzen, die deiner Bedarf oder dich darum bittet.
Atevora zieht geräuschvoll die Luft durch die Nase ein und stößt sie wieder aus. So oft sie den Satz seit den Morgenstunden im Geist schon wiederholt hat, und wie sie es auch dreht und wendet, sie ist vieles, aber wohl kaum eine rechtschaffene Seele. Er hätte mit gutem Gewissen seinen eigenen Wünschen und Ansinnen nachgehen können, anstatt sich ihretwegen zurückzuhalten. Die ganze Tortur der letzten Tage hinterlässt alles andere als einen süßen Nachgeschmack. Es ist sogar mehr als bitter. Selbstsucht.. Nein, nicht nur. Ja, natürlich, insgeheim wollte sie die Gesellschaft von dem Mann nicht missen, weil sie ihr insgeheim mehr Ruhe brachte als die Unruhe, die von ihm Ausging, auffressen konnte. Aber das war es nicht weshalb an diesem Morgen beteuert hat er könne guten Gewissens ohne sie weiter reiten. Er hätte ihr nicht geglaubt, dass sie sich im Wald bestens zurechtfindet, sie in mehr als akzeptabler Verfassung ist und den Weg völlig ohne Probleme mit einem lahmenden Gaul, einem naseweisen dummen Bengel und einem mit Schmugglergut vollgepackten Maultier problemlos allein bewältigt. Aber was hätte sie dem Blaumantel - auch wenn er vorübergehend außer Dienst ist – sonst als Begründung sagen sollen weshalb er besser ohne sie weiterziehen sollte? Zugeben, dass sie vieles nur nicht rechtschaffen ist? Ja, aber sicher doch..
Ach..
Die Eismaid seufzt in Gedanken unerfreut vor sich hin. Man kann ihr vieles nachsagen, aber im Grunde bemüht sie sich, vor allem bei dem was sie spricht, immer um Ehrlichkeit, das heißt so weit wie es ihr in den diversen Bereichen möglich ist. Natürlich, sie hatte Colevar nicht angelogen. Sie hatte sich stattdessen nach seinen Ausführungen in ausgesprochenes Schweigen gehüllt, aber diese Unterlassung, die gesamte Zeit die sie geteilt haben, kommt ihr wie eine riesige Lüge vor, und sie ist es auch. Es ist ein Grund mehr weshalb sie besser zum größten Teil für sich bleibt, dann braucht sie sich nicht mit einem solchen inneren Zwiespalt herumschlagen.
Die Magierin würde jetzt gerne ihre Gedanken mit Yasraena teilen und sich etwas Luft verschaffen, doch sie hat der Elbe Pferd nicht im Stall gesehen, das heißt sie ist womöglich ausreiten, muss Besorgungen für Borgil unternehmen, oder sie verdient sich mit Hilfe ihres edlen Rosses und seiner Deckhengsttätigkeit gerade wieder etwas dazu. Dass die Elbe schon länger nicht mehr in der Harfe arbeitet ahnt Atevora noch nicht.

Nach einer kurzen Weile taucht Borgil wieder in Atevoras Blickfeld auf. >"Kommt, ich bringe Euch auf Euer Zimmer.“
Mit den Worten hievt sich die Magierin träge von ihrem Sitzplatz hoch, sodass sich der Zwerg beinahe wieder dazu genötigt fühlt ihr helfend zur Hand zu gehen. Mit einer gemäßigten Handbewegung gibt sie dem Wirt allerdings zu verstehen, dass sie sich in der Lage fühlt wieder ohne fremde Hilfe aufzustehen und den Weg zum Zimmer zu bewältigen.
„Aber wenn Ihr dann gebadet und ein wenig gegessen habt, und ein Heiler Euch versorgt hat, muss ich mit Euch sprechen, aye? Schickt eines der Mädchen zu mir, wenn Ihr soweit seid. "<
Das klingt alarmierend ernst. Ratlos schieben sich Atevoras Augenbrauen zusammmen. Sie kann sich keinen Reim daraus machen was der Wirt mit ihr wichtiges zu besprechen hätte. War womöglich in ihrer Abwesenheit irgend etwas geschehen wofür sie die Verantwortung übernehmen muss? Etwas mit ihren nicht so ganz gesetzeskonformen Tätigkeiten hat es relativ sicher nicht zu tun, sonst hätte die ganze Szene hier vollkommen anders ausgesehen, und dass Borgil ihre Dienste in diesen Dingen in Anspruch nehmen möchte vermutet sie auch eher nicht. Geht es vielleicht um die abermalige Hochzeit mit Azra? Atevora war lange unterwegs, sie weiß nicht einmal ob sie die Feierlichkeiten nicht womöglich schon verpasst hat. Die Shin ist allerdings zu müde um sich all zu lange damit zu beschäftigen weswegen der Wirt sie wohl näher sprechen möchte, darum nickt sie nur und bestätigt wortreich wie immer mit einem: „Gewiss.“

So folgt sie also Borgil nach, hoch zum Zimmer und macht dabei ordentlich Gebrauch von Geländern und Wänden an denen sie sich abstützen und gut aufrecht halten kann. Ein wenig besorgt schieben sich dabei seine Augenbrauen zusammen und er schüttelt auch einmal den Kopf, vermutlich wegen Atevoras Starrsinn und falschen Stolz. Nachdem er ihr die Schlüssel in die Hand gedrückt hat kassiert er von der Magierin ein leises „Danke“ die dabei fast einen niedlich, lieblich hilfsbedürftigen Gesamteindruck erwecken könnte, dann dreht er sich um, um wieder in die Schankstube zu gehen. „Herr Blutaxt?“ Der Zwerg wendet sich wieder der Magierin zu. Ihr ist es zuvor in der Schankstube nicht entgangen, dass sie der Wirt ganz anders ansprechen wollte, und genaugenommen ist es auch einerlei ob es ihm herausgerutscht wäre, oder nicht. Azra purzelt der Name in aller Öffentlichkeit öfter heraus und bisher ist ihr deswegen die Welt nicht auf den Kopf gefallen, oder der nächste Meuchelmörder an die Kehle gesprungen. „Ihr könnt mich auch gerne beim Vornamen nennen.“

Augenblicke später sitzt Atevora ruhig auf der Bettkante und lauscht den Geräuschen am Gang. Die Holzbretter ächzen verräterisch, als der Zuber ins Zimmer getragen wird, und die Mägde und Knechte Kübel für Kübel warmes Badewasser heranschleppen. Theoretisch hätten die Frauen und Männer nicht so schwer schleppen müssen, Atevora könnte in kurzer Zeit den Zuber selbst auffüllen. Unter Borgils Dach war das allerdings keine besonders gute Idee, und in Anbetracht ihrer eigenen Verfassung sowieso nicht. Zum Schluss hätte sie vermutlich anstatt die Wanne zu füllen nur versehentlich das Zimmer geflutet und sie vermutet stark, dass Borgil darüber nicht besonders erfreut wäre.
Zwischen den Bemühungen die Wanne zu füllen, kommt Nalla ins Zimmer und reicht der Shin eine Schüssel warmer Brühe, und auch ein ziemlich langer Knecht trägt ihr sparsames Gepäck in das Gemach, der nach einem kurzen Nicken wieder verschwindet. Als der Zuber mit dem letzten Eimer gefüllt ist, bittet sie eine der Frauen ihr dabei behilflich zu sein sich aus ihrer Gewandung zu schälen. Der Frau ist anzusehen, dass sie sich fragt wozu Atevora die Hilfe benötigt. Womöglich gehen ihr aber auch aufgrund der vielen Gerüchte zu der Magierin auch völlig andere Gedanken durch den Kopf. Noch während sie der Magierin dabei Hilft die Kleidung über den Kopf zu schälen und die vielen Prellungen und Schürfwunden sieht reißt sie erschrocken Mund und Augen auf.
Mit mitleidigem Blick hilft sie Atevora auch noch dabei in die Wanne zu steigen und gibt dann zu verstehen, dass sie jederzeit nach ihr rufen könne, wenn sie etwas benötigt.

Atevora

Unregistered

36

Sunday, September 23rd 2012, 11:45pm

Ende Beerenreif 512



Mit einem genüsslichen Seufzen lässt sich Atevora in das Wasser gleiten. Es gibt doch nichts besseres als ein wohl temperiertes Bad um angeschlagene Nerven zu beruhigen und alte Lebensgeister aufs neue zu Wecken, oder einen seligen Schlaf vorzubereiten - wobei der Schlaf, zugegeben, noch ein wenig auf sich warten lassen würde. Im Moment ist es allerdings unbedeutend, dass sie sich nach dem Wasser nicht sofort in das weiche Bett fallen lassen kann, das ihr gerade so verführerisch zuflüstert und ihr süße und lockende Versprechungen zuraunt. Auch das neuerlich brennende Aufbegehren ihrer Wunden ist vollkommen einerlei, im Augenblick ist alles was ihren Geist und ihre Sinne füllt der zarte Duft der Seife, und das Gefühl des Badewassers, welches ihren Körper umschmeichelt und den Schlamm und Dreck der letzten Tage hinfort wäscht.

Gerade als ihr die Magd von vorhin, Meliann ist wohl ihr Name, aus der Wanne hilft, und Atevora abgetrocknet und noch mit feuchtem Haar in ihre ersten Kleidungsstücke schlüpft, klopft es an der Tür und die Heilerin der Steinfaust betritt das Gemach. Gewissenhaft begutachtet sie der Magierin Blessuren und versorgt die Schwersten von ihnen. Atevora fühlt sich, trotz der drückenden Wärme im Raum, dabei so seltsam an den Winter mit dem Blaupfuhlvorfall zurückerinnert, in dem sie ebenfalls von Mealla verarztet wurde. Die Magierin und Mealla unterhalten sich nicht wirklich, das Gespräch beschränkt sich auf ein knappes und sachliches Frage und Antwortspiel zur Art der Verletzungen. Nach einer höflichen Verabschiedung verlässt Mealla die Magierin wieder, um sich auch die Wunde von Harm genauer anzusehen. Die Shin begleitet sie dazu nicht, sie vertraut der Heilerin, dass sie ihr nicht mehr in Rechnung stellen würde, als sie an Arbeitsaufwand hatte, zudem war es bereits äußerst Entgegenkommend, dass sie die soeben in Anspruch genommenen Dienste auch später begleichen kann. Die Magierin würde also die nächsten Tage bei der Steinfaust vorbeisehen und dort verlässlich ihre Schulden bezahlen.
Für eine kurze Dauer bleibt Atevora also allein im Zimmer zurück, aber wirklich nur für eine leidlich kurze, bevor Melianns Gestalt im Türrahmen auftaucht: >“Miss Mealla meinte ihr wünscht etwas?“< Atevora nickt: „Herr Blutaxt wollte mit mir wohl unter vier Augen sprechen. Möchtet ihr ihm bitte ausrichten ich wäre nun soweit?“

Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

  • Send private message

37

Tuesday, September 25th 2012, 9:09pm

‹ Die Straßen der Stadt
Amitaris Hochtag
21. Erntemond 512

Das schöne, sonnige Herbstwetter hat Karamaneh die tatsächlichen herrschenden Temperaturen völlig falsch einschätzen lassen. Im Sonnenschein ist es draußen zwar angenehm warm und mild, aber nur solange kein Wind geht oder man nicht in den Schatten tritt. Anfangs fällt der Malankari die Herbstfrische nicht weiter unangenehm auf, aber irgendwann beginnt die Frau aus dem Süden, die normalerweise deutlich höhere Temperaturen gewohnt ist, doch etwas zu frösteln. Missandei zuliebe lässt sie sich jedoch zunächst nichts anmerken, denn das Mädchen ist so begeistert von all den Eindrücken, die auf sie einströmen, dass sie die kühle Herbstluft im Gegensatz zu ihrer Sayyida gar nicht bemerkt. Aufgeregt führt die kleine Ashanínka Karamaneh von einem Stand zum nächsten, erklärt die Bedeutung der unterschiedlichen Gebäude am Markt, die Basma sie gelehrt hat, und weist ihrer Sayyida schließlich auch den Weg zu den prunkvollen Badehäusern hinüber.

Flankiert von dem wuchtigen Bau der Stadthalle und dem hohen, schmalen Speicherhaus, welches den Kupferkessel beherbergt, ragt das prächtige Gebäude aus milchweißem Marmor vor ihnen auf und seine goldenen Kupeldächer glänzen strahlend im Sonnenschein. Staunend steht Karamaneh am Fuß der flachen Stufen, die zum imposanten Haupteingang des Bauwerks führen, und bestaunt die meisterliche Architektur, welche sich ihr darbietet. Dass die Badehäuser alt sind, erkennt sie auf einen Blick, denn der auffällige Baustil verweist eindeutig auf imperiale Zeiten. Die Säulen und der Vorderbau, welche die Treppe schützen, sind mit wundervollen Steinmetzarbeiten verziert worden, dann und wann durchbrochen von schimmernden Mosaiken in Grün, Gold und Blau. Kunstvoll gemeißelte Reliefs schmücken die gesamte Fassade. Karamaneh hebt den Kopf und schaut bewundernd in die Höhe, um die schlanken, weißen Türme der Badehäuser zu bestaunen, die wie spitze Nadeln in den Himmel ragen.

Missandei ist die Stufen zum Eingangsportal bereits empor gelaufen, ruft ihrer Sayyida aufgeregt etwas zu und winkt sie ungeduldig zu sich. Lächelnd folgt Karamaneh der Aufforderung ihrer kleinen Dienerin und steigt die Treppe empor, während Ogoun an ihrem Fuß stehen bleibt und den beiden nur mit wachsamen Blicken folgt.
Missa führt Kara aufgeregt von einem Mosaik und Relief zum nächsten. Sie zeigt auf Nixen und Seedrachen, Wasserschlangen, kämpfende Meerungeheuer und phantastische Fabelwesen. Bild für Bild reiht sich eine Geschichte an die andere. Missandei kann sich gar nicht genug sattsehen. Die kleine Ashanínka ist hingerissen von den exotischen Geschöpfen, die sie in den Darstellungen an der Fassade der Badehäuser entdeckt. Das Meer und all die Wesen, die darin leben – ganz gleich ob real oder erfunden – erfüllen das Mädchen, welches noch nie einen echten Ozean gesehen hat, mit kindlicher Faszination. Aber auch Karamaneh ist völlig verzückt von dem was sie seiht. Hingerissen schaut sie sich die Darstellungen von schillernden Fischen und kreisenden Seevögeln an und denkt wehmütig an ihr kleines Heimatdorf an der Malankarküste zurück. Es ist nicht viel, was ihr noch aus jender Zeit in Erinnerung geblieben ist, aber den Duft des Meeres, den Geschmack von Salzes auf ihren Lippen und den Klang der rauschenden See wird sie niemals vergessen.

Ein bläuliches Funkeln zieht Karas Aufmerksamkeit auf sich. Die Frau aus dem Süden blinzelt, geht zögernd ein, zwei Schritte in die entsprechende Richtung und beugt sich vor. Ein winziger Mosaikstein hat sich aus der Fassade gelöst und liegt direkt zu ihren Füßen. Karamaneh bückt sich, streckt die hand aus und hebt ihn auf. Der blaue Stein ist glatt, absolut geometrisch geschnitten und als sie ihn gegen das Licht der Sonne hellt, vermeint sie die Wellen des Meeres in seinem Inneren sehen zu können. Lächelnd lässt Karamaneh ihre hand wieder sinken, umschließt den Mosaikstein sacht mit ihren Fingern und unterdrückt ein leichtes Frösteln, als eine kühle Brise ihr ins Gesicht schlägt. Suchend schaut sie sich nach Missandei um, gibt dem Mädchen zu verstehen, dass sie gehen möchte und steigt die Treppe der Badehäuser wieder hinab. Neben Ogoun bleibt sie stehen und wartet geduldig, bis auch Missandei wieder bei ihnen ist. Karamaneh gibt Missandei zu verstehen, dass sie nun gerne zur Goldenen Harfe gehen würde und das Mädchen weist seiner Sayyida fröhlich den Weg.

Den kurzen Weg von den Badehäusern vorbei an der Stadthalle zur Harfe zurückzulegen erweist sich jedoch als gar nicht so einfach. Da an diesem Tag Amitaris Hochtag gefeiert wird, herrscht auf dem Marktplatz noch mehr Betrieb als gewöhnlich. Überall sind Buden und Stände, aber auch Tische und Bänke aufgebaut, und die Feierenden sitzen und stehen herum, während sie reden, essen und trinken. Äußerst mühsam bahnen sich Missandei und Karamaneh daher ihren Weg durch die Menge, wobei Ogoun sich als ausgezeichnete Hilfe herausstellt, denn die meisten Leute weichen dem grimmig dreinschauenden Nandé bereits freiwillig aus, sobald er auf sie zusteuert.
Am Gasthaus angelangt atmet Karamaneh erleichtert auf, aber nur kurz. Auch im Harfengarten ist es ebenso voll wie auf dem Marktplatz selbst und die Eingangstür des Gasthauses steht niemals still. Ständig strömen Leute an Kara vorüber, die entweder aus dem Gasthof hinaus oder hinein gelangen wollen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee ausgerechnet heute hierher zu kommen, stellt die Frau von der Malankarküste fest und überlegt kurz, ob sie nicht umkehren und lieber ein anderes Mal wieder kommen soll. Eine kühle Brise scheucht diesen Gedanken jedoch schnell beiseite. Gänsehaut macht sich auf ihren Armen breit und rasch bedeutet Kara Ogoun die Tür zu öffnen, damit Missandei und sie ungehindert das Innere der Goldenen Harfe betreten können.

Die kommenden und die gehenden Harfengäste machen Ogoun Platz, Missandei schlüpft hastig an dem Nandé vorbei in die großen Schankstube der Harfe und Karamaneh folgt dem Mädchen eilends. Im Inneren des Gasthauses angelangt bleibt sie allerdings sogleich wieder wie angewurzelt stehen. Einerseits weil die anwesende Menge ein zügiges Vorankommen unmöglich macht, andererseits weil sie von dem Anblick, der sie erwartet, so überrascht ist, dass sie sich erst einmal in aller Ruhe umschauen muss: Dominiert wird der Raum von einer gewaltigen, hölzernen Theke, die über und über mit Schnitzereien versehenen ist, sowie einem gewaltigen Kamin. Überall stehen Tische und Bänke bereit und soweit Karamaneh es sehen kann, ist kein einziges freies Plätzchen mehr zu finden. Darüber macht sie sich in diesem Augenblick allerdings keine Gedanken und bewundert stattdessen die gediegene Einrichtung – zwergisch-schwer mit klaren, geraden und kantigen Formen. Ringsumher erklingen fröhliche Stimmen und ausgelassenes Gelächter. Ogoun baut sich lautlos hinter Karamaneh auf und die Malankari verspürt einen Anflug von Dankbarkeit, als sie seine Nähe schließlich bemerkt. Inmitten all dieser fremden, feiernden Leute fühlt sie sich ziemlich verloren und fehl am Platz. Auch das sie angenommen hat Tiuri hier womöglich einfach Mal eben so über den Weg zu laufen, erscheint ihr angesichts des brechend vollen Gasthauses plötzlich ziemlich albern. Karamaneh zuckt leicht mit den Achseln, dann strafft sie den Rücken, richtet sich gerade auf und schaut sich entschlossen nach dem besten Weg zur Theke um. Wenn sie nun schon einmal da ist, kann sie zumindest einen Becher Bernsteinwein leeren, bevor sie wieder zur Nyzemia zurückkehrt.

Mit Ogouns Hilfe kämpft Kara sich und Missandei den Weg bis an die Theke der Schankstube frei. Ein paar missmutige Stimmen werden laut als der Nandé unsanft ein paar Leute zur Seite schiebt, aber das Murren verstummt rasch wieder als Ogoun seinen düsteren Blick umherschweifen lässt. Karamaneh hebt Missandei in die Höhe und setzt das Mädchen auf einen großen, hölzernen Hocker, der just in diesem Augenblick frei geworden ist, damit die kleine Ashanínka überhaupt über die wuchtige Theke schauen kann. Mit ein paar kurzen Handzeichen gibt die Malankari dem Mädchen anschließend zu verstehen, was es bestellen soll. Missa nickt. Allerdings ist es gar nicht so einfach für die Kleine sich in diesem lauten Stimmengewirr bemerkbar zu machen. Sie versucht es mehrfach, doch jedes Mal geht ihre zarte Stimme in dem herrschenden Lärm vollkommen unter und die Personen hinter der Theke – ein Zwerg, vermutlich der Wirt, und zwei dralle Schankmaiden – scheinen sie zudem zunächst völlig zu übersehen. Karamaneh wirft Ogoun einen bittenden Blick zu und der Ausdruck auf dem Gesicht des hünenhaften Nandé wird gleich noch etwas grimmiger, schließlich nickt er jedoch. "WIRT!" Die dunkle, raue Stimme Ogouns, deren südländischer Akzent unverkennbar ist, übertönt das Stimmengewirr spielend und für den Bruchteil weniger Sekunden tritt beinah vollkommene Stille ein, die allerdings schon im nächsten Moment wieder verflogen ist.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 3 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 25th 2013, 10:41pm)


Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

  • Send private message

38

Saturday, September 29th 2012, 3:50pm

Ende Beerenreif, in Atevoras Zimmer


Es dauert eine ganze Weile, ehe die Magierin von Mealla versorgt wurde, ihr Bad genommen hat und bereit ist, mit ihm zu reden – der Nachmittag ist jedenfalls schon einige Zeit fortgeschritten und die drückende Hitze keinen Deut besser geworden. Borgil hat keinerlei Schwierigkeiten damit – als Angehöriger eines Volkes, das praktisch an Schmiedefeuern, glühenden Essen und Hochöfen entstand, von den Feuern, die im Leib Rohas brennen, ganz zu schweigen, macht ihm übermäßige Wärme nicht das geringste aus. Das kann man von diesem Gang jetzt aber nicht behaupten... Einen Moment lang steht er noch vor der Zimmertür der Magierin, den dünnen, buttergelben Umschlag in den schwieligen Händen, der zwischen seinen knochenharten, breiten Fingern noch viel feiner und filigraner aussieht, als er es ohnehin ist. Teures, handgeschöpftes Papier, das noch die zarten Blüten und Fasermuster der Pflanzen aufweist, aus denen es gemacht wurde... kein billiges Hadernpapier, kein geschabtes, grobes Pergament. Das Material fühlt sich so glatt und kühl wie Seide an. Sie wird trotzdem nicht gerade glücklich sein...

Er hat keine Ahnung, was in dem Brief steht und es geht ihn auch überhaupt nichts an, aber er weiß schließlich, wie Yasraena die Harfe und Talyra verlassen hatte... in drängender Hast und Eile, mit kaum mehr als drei Worten der Erklärung auf den blassen, zu einem blutleeren Strich zusammengepressten Lippen. Sie hat sich gerade noch genug Zeit genommen, Atevora zu schreiben. Och, jetzt reiß dich zusammen, alter Zwerg und bring ihr das verdammte Ding schon endlich! Borgil seufzt tief, klopft behutsam und tritt dann ein. Die Magierin sitzt auf der Bettstatt, sauber, aber reichlich erschöpft. "Ich habe hier etwas für Euch, einen Brief von Yasraena, den sie für Euch hier zurückgelassen hat. Sie musste Talyra verlassen, kurz nachdem Ihr selbst zu Eurer Reise aufgebrochen wart und konnte Euch nirgends erreichen, also... hat sie diese Botschaft für Euch bei mir und Azra gelassen. Es war ihr sehr wichtig, dass Ihr den Brief persönlich erhaltet und ich musste ihr versprechen, ihn Euch selbst zu geben. Hier..." er legt den Brief so behutsam wie ein rohes Ei neben die Magierin auf das Bett. "Sie äh... sie konnte nicht sagen, wann sie zurückkehrt. Ah... wollt Ihr, dass ich bleibe oder soll ich Euch allein lassen, damit Ihr... uhm... ihn allein lesen könnt?"

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Atevora

Unregistered

39

Sunday, September 30th 2012, 3:08pm

Ende Beerenreif, in Atevoras Gast-Zimmer


Die Shin wartet geduldig auf der Kante des Bettes und lauscht träge den ruhigen Atemzügen des dösenden Hundes. Er war nur mit letzter Kraft ins Zimmer getrottet und gleich darauf erschöpft in der Ecke zusammengebrochen. Auch für ihn war dieser letzte Abschnitt der Reise einfach zu viel und auch sie selbst spürt wie die Müdigkeit unbarmherzig an ihren Gliedern zerrt und jede Bewegung langsam und beschwerlich werden lässt.
Die Eismaid blinzelt verschlafen, selbst Shafirs gleichmäßiges Ein- und Ausatmen wirk auf sie einlullend, als sie ein Knarzen am Flur wahrnimmt. Sie wendet ihren Kopf langsam zur Tür hin, und meint schon es sich eingebildet zu haben, als es dann doch leise an der Tür klopft. „Ja, herein.“ So verhalten und behutsam wie das Klopfen klang, passt es nicht zu Borgil und Atevora rechnet mit dem Eintreten eines Zimmermädchen, welches ihr womöglich ausrichtet, dass Herr Blutaxt im Moment verhindert sei und etwas später komme, oder ihr mitteilt sie solle doch bitte nach unten kommen. Überraschender Weise betritt doch der erwartete Wirt das Gastzimmer.
Er hält einen Brief in seinen großen Pranken und macht auf sie einen zerknirschten und niedergeschlagenen Eindruck. Die Shin hat noch Zeit fragend die Augenbrauen zusammenzuschrieben als er näher tritt. „Was..?“ ist denn los? „Stimmt etwas nicht Herr Blutaxt?“
Noch immer wirkt Borgil bedrückt und bekümmert und er hält das Briefkuvert so vorsichtig in seinen Händen als handle es sich dabei um ein Stück hauchdünnes, fragiles Glas bei dem er fürchtet es könnte unter seinen astdicken schwieligen Fingern jederzeit in abertausend Scherben zersplittern.
Seine raue polternde Stimme wirkt für seine zwergischen Verhältnisse eigenwillig behutsam und leise als er das Wort an sie richtet:
>"Ich habe hier etwas für Euch, einen Brief von Yasraena,“ Ein Brief? Wieso ein Brief? >"den sie für Euch hier zurückgelassen hat."< Zurückgelassen?... Atevora wirkt nicht als würde ihr schon dämmern, oder vielmehr begreifen wollen was seine Worte andeuten, oder zu bedeuten haben. Verständnislos sieht sie ihm in die kohlrabenschwarzen Augen die wie alles verschlingende Abgründe zu ihr zurückblicken. Aber so langsam erkämpft sich das Verstehen unerbittlich seinen Platz. Wie.. sie ist nicht nur ausreiten?
>"Sie musste Talyra verlassen, kurz nachdem Ihr selbst zu Eurer Reise aufgebrochen wart und konnte Euch nirgends erreichen, also... hat sie diese Botschaft für Euch bei mir und Azra gelassen. "< Atevoras Miene ändert sich vom Konsterniert, zu einer aufgelösten verwaschenen Maske - der Mund leicht geöffnet - fast wie das Gesicht einer Toten, bei der kein Muskel mehr einen Dienst tut. Nur ihre Augen, die von des Zwergen Gesicht zu dem rechteckigen Papierstück gleiten, zerstören das Bild der Totenmaske. Der Magierin ist mit einem Mal so als würde jemand nach ihrem Herz und Brustkorb greifen, und beides mit aller Macht zusammenpressen, sodass sie Mühe hat zu Atmen und Luft in ihre Lungen zu bekommen. Der plötzliche Kloß in ihrem Hals, der auf ihre Kehle drückt, dass sie kaum noch schlucken kann, erleichtert ihre Bemühungen auch nicht. Die Shin möchte nicht wahr haben was sie hier gehört hat, Borgil treibt nur einen üblen Spaß mit ihr, rächt sich nur an ihr wegen irgendetwas.. Der Gedanke ist vollkommen absurd, und dennoch keimt er auf, nur um gleich wieder hoffnungslos zu verdorren. Nein, gewiss nicht, nein, aber sie träumt bloß, sie träumt nur, bestimmt. Dabei weiß sie ganz genau, sie träumt eindeutig nicht. >"Es war ihr sehr wichtig, dass Ihr den Brief persönlich erhaltet und ich musste ihr versprechen, ihn Euch selbst zu geben. Hier..."<
Ihre Augen folgen Borgils Hand, wie er unvorstellbar vorsichtig das rechteckige Papier neben ihr auf das Bett legt. Fassungslosigkeit, Entsetzen, Schwermut, Bestürzung, Hoffnungslosigkeit, Zorn, Hass, Verbitterung und Verdrängung kämpfen in ihrem Inneren um das Vorrecht, sodass es alles um sie herum betäubt, jedes Geräusch, jede Bewegung; in Atevora ist alles totenstill und gleichzeitig so laut, dass es ihr in den Ohren dröhnt. Sie registriert nicht mehr, dass der Wirt noch etwas zu ihr Spricht, sie etwas gefragt hat, da ist nur noch dieser Brief auf dem Bett der ihr stumm etwas entgegenschreit. Wie in trance greift die Magierin nach dem Umschlag und zieht mit spitzen Fingern den Inhalt erhaus. Ihre Augen huschen gehetzt über die Zeilen. Es wirkt fast so, als hätte sie den Brief nicht gelesen, sondern nur kurz auf die Zeilen geblickt um sich zu vergewissen, dass das Geschriebene auch wirklich Yasraenas Schriftbild entspricht. Yasraenas Schrift war klar, und kühn die Linien zart größtenteils entschlossen, zwischendurch jedoch gedrängter, fast kummervoll. Es war dem Schriftbild anzusehen, dass es ihr schwer viel den Brief zu schreiben. Die Worte waren ehrlich, nicht erzwungen, oder geziert, doch in den Zeilen stand, wenn auch mit vielen Worten der Entschuldigung und Traurigkeit, nicht mehr als ihr der Zwerg schon erzählte. Sie erwähnt, dass sie zurück in die Elbenlande müsse und nicht wisse wann, sogar zwischen den Zeilen _ob sie überhaupt_ zurückkäme, aber mit keinem Wort das genaue Warum, nur, dass es ihr unbeschreiblich Leid täte.
Kraftlos und unendlich langsam lässt Atevora das Schriftstück auf ihren Schoß sinken. Einen Atemzug lag starrt die Shin ins Nichts, dann klettern ihre Augen sacht in die Höhe zum Zwerg. Fast wirkt es als schaue sie ihn nicht direkt an, sondern mit matt und leblos mit glasigem Blick geradewegs durch ihn hindurch.
Sie begreift. Beim Erwachen schon war es da, dieses unbestimmte Gefühl von Melancholie, und von „verlassen-sein“. Hatte sie es insgeheim schon gewusst? Die ganzen Ereignisse der letzten Tage erscheinen plötzlich so zwecklos, Brecks Tod so sinnlos und unnötig.
Mit einem Mal ist sie froh um Borgils Gegenwart, und gleichzeitig ist ihr seine Anwesenheit so schrecklich unangenehm und Quälend, dass sie am liebsten sofort flüchten und aus dem Fester stürzen würde, ihn aus dem Zimmer schicken, und alleine sein will, obwohl sie nicht alleine sein möchte.
Die Magierin öffnet den Mund um etwas zu sagen, doch im selben Moment sind ihr die Worte entglitten. Wortlos wendet sie den Blick vom Zwergen ab und zieht das Schriftstück von ihrem Schoß auf das Bett. Schwer atmend schüttelt Atevora unterbewusst, den Kopf. Dann bin ich also wieder alleine.. Frostige Klauen greifen nach ihrer Brust und senden kalte Wellen ihren Rücken hinab, dass ihr trotz der Hitze im Raum beinahe fröstelt. „Denkt Ihr ..“ sie war mit mir glücklich? Nein das war sie nicht. Wegen ihr war sie oft zornig auf die Stadt, kam in Schwierigkeiten und wurde ausgegrenzt. Ihre Gesellschaft war nie gut für die Elbe. Ob sie zurückkommt? Vermutlich nicht. Es war wohl ohnedies immer nur eine Zeit mit Ablaufdatum. Elben sind ewigjung und ihre eigene Zeit ist so kurz. Kaum jemand vom schönen Volk bleibt bei den Menschen, wenn diese beginnen in der Zeit zu welken. Es ist besser so, für Yasraena, vielleicht sogar für sie selbst. Abermals schüttelt Atevora sacht den Kopf als hätte sie die Frage, oder die Fragen die sie stellen wollte sich selbst verneint. „Ausgeträumt.“

This post has been edited 1 times, last edit by "Atevora" (Sep 30th 2012, 8:00pm)


Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

  • Send private message

40

Sunday, September 30th 2012, 4:48pm

~ Amitaris Hochtag ~
21. Erntemond 512


>WIRT!< Borgil wirft der Schwarzhaut einen denkbar kurzen und missbilligenden Blick zu, vollkommen unbeeindruckt von finsterer Miene und grimmigem Blick, während er den Bierkrug, den er gerade aus dem Fass mit Verder Kupfer füllt, noch zu Ende zapft und ignoriert die kurze Grabesstille in der überfüllten Harfe. Seine Gäste, zumindest die Stammgäste, wissen ganz genau, was es bedeutet, wenn ihm einer patzig kommt, daher nehmen sie zwar ihre Gespräche wieder auf, bleiben aber aufmerksam... nicht, dass ihnen am Ende noch etwas entgehen würde. Borgil entgeht auch nichts, schon gar nicht die Tatsache, dass der Gesichtsausdruck des Nandé gleich noch einmal drohender wird (was Borgil kalt lässt), noch das kleine Mädchen neben ihm (das Borgil nicht kalt lässt, sondern ihm ein breites Lächeln entlockt), welches sich mit ebenso großen Augen umblickt, wie die (zugegebenermaßen) umwerfend schöne Frau auf ihrer anderen Seite. Die ist eindeutig azurianisch gekleidet, aber genauso zweifelsfrei nicht azurianischer Herkunft und im schräg einfallenden Licht, das ihre geschwungenen Lippen, ihre Nasenspitze und einen Teil ihres hohen, runden Wangenknochen berührt, entdeckt er noch etwas... etwas, das ihm überhaupt nicht gefällt. Wenn Borgil etwas weiß, dann wie der Abdruck einer Männerfaust im Gesicht einer Frau aussieht und welche Spuren Schläge dort hinterlassen, auch wenn sie noch so verblasst sind. Hmpf! Ein kaltes Glitzern geht durch seine schwarzen Augen, aber an seiner unbewegten Miene ändert sich nicht das Geringste, als er großzügig Honig um seine Stimmbänder schmiert und sich dann an den überdimensionierten Gorillai wendet.

"So, nun zu Euch, schwarze Perle. Ich nehme an, Ihr habt Augen im Kopf und seht selbst was hier los ist, aye? Also schlage ich vor, entweder, Ihr schnappt Euch ein paar Krüge, geht meinen Schankmädchen zur Hand und verteilt das Bier hier an die Durstigen, die schon vor Euch da waren, oder Ihr übt Euch in der Geduld, an der es Euch mangelt, aye?" Erklärt er freundlich, aber unmissverständlich. Gib mir einen Grund. Einen einzigen schiefen Blick und ich prügele dich quer über den Marktplatz... Dann sieht er das kleine Mädchen an, dessen Augen inzwischen so rund wie Kupferlinge geworden sind. "Und du, Schätzchen? Was willst du haben, eh? Eine kühle Mandelmilch? Ein wenig Dünnbier oder süßen Cider? Und Mylady? Was darf es für Euch sein?" Laut den Gesetzen von Ûr, die auch in Talyra noch gültig sind, hat ein Mann nur dann das Recht, seine Frau zu züchtigen, wenn sie etwas wirklich Schlimmes oder Verwerfliches getan hatte, doch die beiden sehen in seinen Augen wirklich nicht aus, als seien sie vermählt, geschweige denn, dass die kleine Prinzessin ihrer beider Kind sein könnte. Was immer der Nandé mit der goldhaarigen Schönheit zu tun hat, ihr Geliebter ist er nicht. Ihr Ehemann schon gar nicht. Und vermutlich auch nicht derjenige welche, der ihr ins Gesicht geschlagen hat, sonst säße sie jetzt kaum hier und wenn doch, wären die Abdrücke auf ihrer Wange außerdem zweimal so groß, wie sie es sind. Nein, die Faust des Mannes, deren Abdruck dort noch zu erahnen ist, war wesentlich kleiner als die des schwarzen Riesen.

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

  • Send private message

41

Monday, October 1st 2012, 8:35pm

Amitaris Hochtag
21. Erntemond 512

Ogoun zuckt nicht einmal mit der Wimper, als er dem Wirt mit einem einzigen Wort antwortet: “Yé.” Verstanden – mehr entgegnet der Nandé nicht. Er macht keinerlei Anstalten das offensichtliche Missverständnis aufzuklären, denn wenn Ogoun eines besitzt, dann ist dies Geduld. Aber der Südländer sucht keinen Streit und respektiert einen gestandenen Mann, der ehrlich und geradeheraus sagt was er denkt, wenn er ihm begegnet. “Sayyida”, brummt der Nandé an Karamaneh gewandt, neigt respektvoll das Haupt und zieht sich anschließend wenige Schritte in den Hintergrund zurück, da er – für ihn absolut selbstverständlich – nicht mit Karamaneh und Missandei trinken wird.
Das kleine Mädchen und die Malankari werfen dem dunkelhäutigen Mann beinahe zeitgleich einen entschuldigenden Blick zu. Der düstere Ausdruck auf dem Gesicht des Leibwächters hat Kara deutlich zu verstehen gegeben, dass Ogoun es vorgezogen hätte, wenn er nicht für Missandei und sie hätte sprechen zu müssen, und das er stattdessen lieber weiter in seiner Rolle als schweigsamer Schatten verharrt hätte. Karamanehs flache, erhobene Hand formt eine einfache Gebärde indem sie sie mit ausgestreckten, zusammenliegenden Fingern von sich Weg in Richtung Ogoun klappt – Danke. Der Nandé nickt ihr abermals zu, als Zeichen dass er verstanden hat, und tritt dann noch einen Schritt zurück. Nun, nachdem Karamaneh und Missandei die Aufmerksamkeit des Wirtes genießen, zieht Ogoun es vor sich wieder ganz seiner eigentlichen Aufgabe zu widmen – nämlich für die Sicherheit der Malankari zu sorgen. Auch ihm ist keinesfalls entgangen was Borgils erfahrener Blick sogleich bemerkt hat, und auch er weiß bisher nicht – ebensowenig wie der Zwerg –, wer für die Misshandlung seiner Schutzbefohlenen verantwortlich ist. Gewiss ist für den Nandé allerdings, dass er sicherstellen wird, dass sich etwas derartiges – zumindest während seiner Anwesenheit – nicht wiederholen kann.

Missandei und Karamaneh wenden sich derweil wieder dem Harfenwirt zu. “Meine Sayyida würde gerne... Wein aus Beeren... trinken”, erklärt das kleine Mädchen zögerlich und wirft Kara einen unsicheren, fragenden Blick zu. Die Malankari nickt bestättigend und wiederholt die entsprechenden Gebärden noch einmal. Flink bewegen sich ihre Finger durch die Luft. “Beerenwein?”, wiederholt Missa noch immer etwas zögerlich, dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Mit strahlenden Augen sieht die Kleine Borgil an und ergänzt: “Und ich darf Mandelmilch trinken, wenn ich mag.” Das Missandei MAG, ist mehr als offensichlich. Die Ashanínka wirft kurz einen Blick über die Schulter zurück zu dem Nandé, der regungslos in einiger Entfernung abwartet und die Szene geduldig mit wachsamen Augen beobachtet. “Ogoun wird nicht mit uns trinken”, verkündet das Mädchen überflüßigerweise. Die finstere Miene des südländischen Leibwächters verändert sich bei der Erwähnung seines Namens nicht einen Augenblick, und Karamaneh, die den hochgewachsenen, dunkelhäutigen Mann in diesem Moment verstohlen aus den Augenwinkeln heraus mustert, fragt sich ganz unwillkürlich, ob Ogoun überhaupt in der Lage ist zu lächeln. Vielleicht hat er es verlernt... so wie ich vergessen habe wie man NICHT lächelt. Der Gedanke ist sonderbar, erscheint ihr aber auch irgendwie... logisch.

Die Frau von der Malankarküste wendet ihre Aufmerksamkeit wieder Missandei und Borgil zu. Die Freundlichkeit des Zwerges überrascht sie und erweckt irgendwie... Vertrauen. Abermals malen Karas Finger eine längere Zeichenfolge in die Luft. Missa runzelt angestrengt die Stirn, während sie jede einzelne Handbewegung ihrer Herrin genau verfolgt, um auch ja alles richtig zu verstehen und keinen Fehler zu machen. Ein amüsiertes Lächeln umspielt Karamanehs Lippen, als sie merkt mit welcher Ernsthaftigkeit die kleine Ashanínka bei der Sache ist. “Meine Sayyida sagt, sie... wüsste gerne wie es... Tiuri geht”, erklärt Missandei schließlich, als sie sich wieder Borgil umdreht. “Sie weiß, dass Ihr ihn kennt... und sie hofft, dass Ihr ihm etwas... ausrichten... könnt. Meine Sayyida... würde sich gerne... für die Unhöflichkeit der... Männer ihres... Oheims entschuldigen. Es war sehr... nett von Tiuri uns... zubegleiten...” Bei den letzten Worten nickt das Mädchen bekräftigend. Voller Inbrunst fügt die Kleine hinzu: “...aber sein Pferd ist unheimlich! Wisst Ihr, dass es blaue Augen hat?!” Absolute Verwunderung schwingt in Missas Stimme mit. “Wie ein Dämon...” Wo auch immer das Mädchen diesen alten, unsinnigen Aberglauben aufgeschnappt hat, er hat sich Missa scheinbar tief eingeprägt. Mit großen, runden Rehaugen schaut die Kleine Borgil an.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 1 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 25th 2013, 10:42pm)


Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

  • Send private message

42

Monday, October 1st 2012, 9:18pm

Ende Beerenreif, in Atevoras Gast-Zimmer


>Ausgeträumt...< Atevoras Haut ist ohnehin schon so weiß wie frisch gestärkte Bettwäsche aus reinstem Linnen, damit kann sie praktisch überhaupt nicht mehr erbleichen, schließlich gibt es kein weißer als weiß – aber ihre ansonsten rosigen Lippen werden erschreckend blass, fast bläulich, ihre bis zur Perfektion beherrschte Maske zerspringt in tausend Scherben und ihre Augen sind vor Schrecken und Kummer so groß geworden, dass um die Iris das Weiße zu sehen ist. Sie sieht hinreichend besorgniserregend aus, dass Borgil ohne auch nur einen Wimpernschlag zu zögern an ihre Seite eilt, ihre eisigen Füße auf das Bett stellt und ihre Beine anwinkelt. "Steck den Kopf zwischen die Knie, bis der Schock ein wenig nachlässt", befiehlt er und klingt zwar sanft, aber auch sehr bestimmt. Sie tut es gleichwohl, wenn auch wie in Trance und er ist sich wirklich nicht sicher, ob sie ihn überhaupt gehört hat oder einfach nur mechanisch auf seine Anweisungen reagiert. Den Kopf zwischen den Knien schließt sie die Augen und eine Weile warten sie beide darauf, dass das klamme Gefühl in ihrem Gesicht verschwindet und sie nicht mehr so aussieht, als könne sie jeden Augenblick in Ohnmacht fallen. "Es tut mir so leid..." bemerkt er ebenso ehrlich wie unbeholfen und wünscht sich verflixt nochmal, Azra wäre hier, die in solchen Dingen zehntausendmal besser ist, als er. Er ist ein alter, raubeiniger Zwerg ohne jedes Feingefühl, verdammt nochmal, also ganz sicher der absolut richtige, um der Magierin jetzt beizustehen. Byfandarr... "Vielleicht ... uh... kommt sie ja... zurück, " erklärt er also tapfer und tätschelt mitfühlend Atevoras eiskalte Hand. "Kann ich irgendetwas für Euch tun? Euch etwas bringen? Habt Ihr Lust, Euch zu betrinken? Dann leiste ich Euch gern dabei Gesellschaft. Ich habe da noch eine Flasche Bernsteinwein aus Ardun..."

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Borgil

Stadtbewohner

  • "Borgil" started this thread

Posts: 104

Occupation: Wirt der Goldenen Harfe

Location: Talyra

  • Send private message

43

Tuesday, October 2nd 2012, 9:23am

~ Amitaris Hochtag ~
21. Erntemond 512



Kaum zieht der Nandé – Ogoun, wie Borgil bald erfährt – sich nach einem knappen Grunzen der (nehmen wir einmal an) Zustimmung ein paar Schritt weit zurück, bekommt Borgil eine der denkwürdigsten Bestellungen zu hören und zu sehen, die je bei ihm abgegeben wurden (und das waren wirklich nicht wenige). Die exotische goldhaarige Fremde spricht nämlich kein einziges Wort, aber ihre Hände vollführen einen Tanz aus Gesten und Bewegungen, gerichtet an das kleine Mädchen neben ihr, die das ganze Fingerkauderwelsch – Borgil ist völlig fasziniert davon, hat aber keinen Namen dafür, auch wenn es ihn irgendwie an die lautlose Gestensprache der Schurken erinnert – bestens zu verstehen scheint. Und prompt übersetzt: >Meine Sayyida würde gerne... Wein aus Beeren... trinken.< Erklärt die Kleine, scheint von der Wortwahl aber verwirrt und vergewissert sich noch einmal. Allerdings leuchtet ihr hübsches Gesichtchen deutlich und begeistert, als sie hinzufügt, sie dürfe Mandelmilch bekommen. Borgil lächelt breit und ist entzückt – Welpen, Jungfrauen und kleine Kinder verfehlen es zwar nie, sein Granitherz anzurühren, aber dieses kulleräugige Fröschelein an seinem Tresen ist einfach hinreißend. "Ich nehme an, du magst Mandelmilch, aye? Kommt sofort, Prinzessin." Er dreht sich kurz um und steckt seinen Kopf durch die Durchreiche in die Küche, um selbige dort bei der Köchin zu ordern, dann wendet er sich wieder an die kleine Südländerin. "Was für Beerenwein mag deine Sayyida denn haben? Wein aus Himbeeren oder Sonnenbeeren? Pflaumen? Brombeeren? Erdbeeren? Persimonen?" Borgil macht ein ratloses Gesicht und kratzt sich nachdenklich den narbigen Schädel. "Ich weiß gar nicht, ob das Beeren sind. Ich glaub's fast nicht. Nun ja... wenn Mylady sich entschieden hat, dann..." Die "Sayyida" spricht zwar schon wieder mit ihren Händen, aber sie entscheidet keineswegs die Beerenfrage.
>Meine Sayyida sagt, sie... wüsste gerne wie es... Tiuri geht,< dolmetscht das Mädchen. >Sie weiß, dass Ihr ihn kennt... und sie hofft, dass Ihr ihm etwas... ausrichten... könnt. Meine Sayyida... würde sich gerne... für die Unhöflichkeit der... Männer ihres... Oheims entschuldigen. Es war sehr... nett von Tiuri uns... zu begleiten...<
Jetzt geht Borgil ein Licht auf und er nickt bedächtig. DAS ist also die geheimnisvolle Stumme, von der der halbe Fischmarkt gesprochen hat und die dann an der Nyzemia abgeführt wurde, als hätte sie etwas verbrochen! Ich wette ein Fass Rubinwein, dass das Veilchen auf ihrer Wange genau daher kommt! Und der Bengel hat kein Wort darüber verloren, dass sie so hübsch und hell wie ein Sonnenthronmorgen ist, tz!


"Tja, meinem Jungen geht es gut," erwidert Borgil und wendet sich dabei mehr an die Frau, als an das Mädchen. Obwohl Frau vielleicht auch bei ihr ein wenig übertrieben ist. Sie ist jung. In Gedanken spielt er dabei schon damit, die geheimnisvolle Fremde mit den verblassten Prügelspuren im Gesicht einfach direkt und rundheraus zu fragen, ob er den Frauenschläger vielleicht für sie einen Kopf kürzer machen darf, aber trotzdem ist der väterliche Stolz in seiner Stimme praktisch unüberhörbar - wie immer, wenn es um einen seiner Söhne geht, und das ist Tiuri für ihn nicht weniger als seine leiblichen. Was für ein rätselhaftes Geschöpf... Rätselhaftes Geschöpf hin oder her, hören kann sie jedenfalls, auch wenn sie nicht sprechen kann oder will, denn sie lauscht ihm aufmerksam. "Jedenfalls tat es das heute Morgen noch, als ich ihn zum letzten Mal gesehen hab'," versichert er. Die Fremde lächelt leicht und auch die Kleine nickt und lächelt ebenso, aber dann werden ihre Augen schon wieder riesengroß, als ihr siedend heiß etwas einzufallen scheint, das sie ziemlich aus der Fassung bringt: >... aber sein Pferd ist unheimlich! Wisst Ihr, dass es blaue Augen hat?! Wie ein Dämon...<
"Ach du heilige Rhiap", Borgil muss sich kurz auf die Zunge beißen, um ein Lachen zu unterdrücken. "Njördyr, so heißt das Pferd, kann zwar ganz schön unheimlich werden, aber er ist kein Dämon." Er wirft der Begleiterin des Mädchens einen Blick zu, doch diese scheint die Ansichten der Kleinen nicht unbedingt zu teilen. Oder sie versteckt es gut. "Es gibt manchmal Pferde mit blauen Augen, weißt du. Manche haben auch nur eines, die sehen lustig aus, wie Harlekins. Ich kenne da einen Kobold, der hat ganz bunte Augen und ist ein lieber Kerl, obwohl er ziemlich schräg aussieht... wie auch immer, man sollte nicht immer nach dem Äußeren gehen, aye? Schau mich an. Ich bin das beste Beispiel, denn ich sehe ja auch nicht gerade sehr nett, vertrauenerweckend und harmlos aus, aber du fürchtest dich kein bisschen vor mir, nicht wahr? Genau", grinst er, als sie kichert. Dann kommt die Mandelmilch und darüber sind – zumindest für den Moment – alle möglicherweise dämonischen Pferde vergessen. "Weil du ein kluges Mädchen bist. Wie heißt du eigentlich, Schätzchen?"

Brenainn: Hast du Mama gefragt?
Borgil: Jungchen, ich bin über vierhundert Jahre alt, ich war Himmelswächter, Abenteurer, Söldner und Kriegsherr, ich führe dieses Gasthaus seit mehr als zweihundert Jahren und ich bin Veteran zahlloser Schlachten... natürlich habe ich deine Mutter gefragt!


Badassery
is bringing knives to a gunfight.
Then winning.

Atevora

Unregistered

44

Tuesday, October 2nd 2012, 8:05pm

Ende Beerenreif, in Atevoras Gast-Zimmer


Ohne die Worte wirklich zu erfassen, leistet sie der Anweisung mechanisch folge. Da sitzt sie nun mit angewinkelten Beinen und flachem Atem wie ein Unfallopfer und könnte nicht sagen wie viel Zeit verstrichen ist, bis die wie immer polternd raue Bassstimme des Wirten an ihr dringt. Sie öffnet die Augen wieder und linst zwischen dem Vorhang ihrer Haare vor ihrem Gesicht hindurch zu dem Zwerg neben sich.>> "Es tut mir so leid... Vielleicht ... uh... kommt sie ja... zurück.<<
Mit trockenem Mund schluckt sie schwer und es wirkt im ersten Augenblick so, als antworte sie darauf überhaupt nichts, nicht einmal mit einem Nicken oder Kopfschütteln. „Vielleicht..“ Ist das Einzige das ihr bei den Worten durch den Kopf geht und was sie dann doch noch mit beschlagener Stimme abwesend antwortet. Gleichzeitig glaubt sie nicht daran, sie meint vielmehr – woher auch immer, denn besonders viel Intuition besaß sie nie – zu wissen, dass die Elbe nicht wieder kommen wird. Im Grunde ist es auch einerlei ob vielleicht, möglicherweise etwas sein könnte, entscheidend ist, was derzeit ist oder eben nicht ist. Auf wage Hoffnung lässt sich nicht bauen.. Nebenher erinnert sie sich skurriler Weise an ein Gedicht, das sie erst kürzlich las.
- Hoffnung. -*
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt,
Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt nach allen Zonen;
Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen!
Die Zeilen mögen schon zutreffen, ihrer Hoffnung wurden wie es scheint jedoch die Flügel gestutzt. So selten lässt sie ihre Deckung fallen und wenn doch, bleibt sie am Ende dennoch wieder einsam zurück. Da sind sie wieder ihre alten Begleiter, Bitterkeit, Frust und kalter Groll, sie beginnen die Schlacht in ihrem Inneren zu gewinnen. Sie ist wieder alleine. Sie muss lernen damit zurecht zu kommen.
>> "Kann ich irgendetwas für Euch tun? Euch etwas bringen?“<< Reißt sie Borgils Stimme aus ihrem immer düsterer werdenden Gedankenstrudel, der ihr mit seinen groben Pranken mitfühlend das bleiche Händchen tätschelt und ihr klar macht, dass sie womöglich nicht ganz so allein ist wie sie zuerst dachte. Er sitzt hier, dabei sind sie nicht miteinander befreundet, sie kennen sich sogar kaum, und womöglich könnten er sie, würde er sie näher kennen, nicht einmal leiden. Das Gefühl der Einsamkeit vertreibt es aber, oder genau darum nicht, auf eine verdrehte Art und Weise wird sie davon sogar noch genährt. Er ist vermutlich zu jedem freundlich, umsichtig und bemüht der sich ihm gegenüber nichts zu Schulden kommen ließ, eben weil er es so beschlossen hat. Ein perfekter Gastwirt. Sie ist nicht so blauäugig zu glauben, dass mehr dahinter stünde als das. Sie ist kaum ein Mensch, der sein Leben wirklich bereichert und dessen Gesellschaft er genießt und sie selbst würde es nicht zugeben, aber sie hat noch immer nicht nur Respekt, sondern eine gewisse Portion Furcht vor Borgil. Er ist zu wohlhabend, zu einflussreich und es fehlt ihm auch nicht an nötiger Entschlossenheit, oder sogar roher Gewalt, sollte er sich herausgefordert fühlen. Er ist jemand dem es leicht fiele eine Existenz zu zerstören wenn er es wollte, und ganz gleich ob er sie manches Mal an jemand Väterliches in ihrer Vergangenheit erinnert, davor fürchtet sich Atevora insgeheim mehr als sie Yasraenas Abschied bedrückt. Der Magierin wird klar, es gibt nichts was der Wirt sagen könnte womit er sie erreichen würde, nichts was er tun könnte dass es ihr besser geht, denn er sitzt ihr zwar nahe, aber ist trotzdem viel zu weit von ihr entfernt.
>> „Habt Ihr Lust, Euch zu betrinken? Dann leiste ich Euch gern dabei Gesellschaft. Ich habe da noch eine Flasche Bernsteinwein aus Ardun..."<< Seine Frage zerschlägt die aufkommende Erkenntnis und bevor sie es noch verhindern kann, entringt sich ein bitteres, leises Lachen ihrer Kehle, dem es an jeglichem Humor fehlt. Das letzte Mal als sie wissentlich zu tief ins Glas geschaut hat, war nach dem Blumenball, und die ganze Gesichte ging nun in letzter Konsequent eindeutig nicht besonders glücklich aus, und dabei denkt Atevora ganz gewiss nicht an die Prügel die sie diese Nacht einstecken musste.
„Ein Besäufnis? Mit mir? Heute? Ich wäre im Koma bevor Euch der Alkohol noch in der Nase kitzelt.“ Außerdem löst es keine Probleme, es schafft nur für den nächsten Tag Kopfschmerzen und derer hat sie von der großen Beule an ihrem Kopf noch genügend. Wenn sie genauer darüber nachdenkt: selbstzerostörerisches Verhalten ist bei ihr nun nicht unbedingt was neues. „Wobei, eigentlich.. warum nicht?“



* Goethe »Urworte. Orphisch«

This post has been edited 1 times, last edit by "Atevora" (Oct 2nd 2012, 8:26pm)


Karamaneh

Stadtbewohner

Posts: 212

Occupation: Femme fatale

Location: Feenwasserbucht

  • Send private message

45

Wednesday, October 3rd 2012, 8:59pm

Amitaris Hochtag
21. Erntemond 512

Missandei hängt förmlich an Borgils Lippen und saugt jedes einzelne Wort des Wirtes auf wie ein trockener Schwamm Wasser. ›...man sollte nicht immer nach dem Äußeren gehen, aye? Schau mich an. Ich bin das beste Beispiel, denn ich sehe ja auch nicht gerade sehr nett, vertrauenerweckend und harmlos aus, aber du fürchtest dich kein bisschen vor mir, nicht wahr?‹, erklärt der Zwerg Missandei und das Mädchen kichert und nickt zustimmend. Auch Karamaneh muss lächeln. Borgil Blutaxt sieht in der Tat nicht aus wie ein gewöhnlicher Schankwirt – bierbäuchig ung rotwangig – sondern eher wie ein alter Krieger oder Söldner. Die Art wie er sein flammenrotes Haar trägt oder die lange, tiefe Narbe, die sich über seine Gesichtshälfte zieht, wirken abenteuerlich und auch bedrohlich und die Malankari zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass es dem Wirt ein leichtes wäre, sich mit dem deutlich größeren Ogoun im Kampf zu messen. Nun, wo sie dem berühmten Borgil tatsächlich gegenüber steht, versteht sie mit einem Mal, weshalb Nabil einerseits gerne so viel wie möglich über den Besitzer der Goldenen Harfe in Erfahrung bringen möchte und weshalb er ihn andererseits auch irgendwie zu fürchten scheint. Sie selbst füchtet sich auch, allerdings nicht vor Borgil, obwohl sie dies vielleicht auch tun sollte. Nein, die Angst rührt von etwas anderem her.
Während sie Missandei und den Zwergen beobachtet, spürt sie deutlich, dass er ein durch und durch gutes Herz hat. Und ich würde hierher geschickt um das auszunutzen. Der Gedanke erfüllt Karamaneh mit großem Kummer. Wie alle Malankari ist sie von Natur aus sanftmütig und friedliebend, garstige Lügen, böse Listen und hinterhältige Intrigen kämen ihr von allein niemals in den Sinn. Doch genau deshalb ist sie nach Talyra geschickt worden. Vielleicht hat Prinz Fahd sie auch mit aus eben diesen Gründen zu seinem Schoßtierchen heranzuziehen wollen. Wer würde schon in einer Malankari eine Bedrohung sehen? Noch dazu einem seharimgesichtigen, blutjungen Ding wie Karamaneh, das bereits vor Kummer zu sterben droht, wenn es einen kleinen Vogel mit gebrochenem Flügel sieht.

Missandeis Mandelmilch kommt und erinnert Karamaneh schließlich daran, dass sie sich ja noch für einen Beerenwein entscheiden muss. Da das Mädchen noch damit beschäftigt ist, dem Wirt ihren Namen zu verraten, bleibt der Malankari zum Glück noch etwas Zeit zum Überlegen. ›Genau, weil du ein kluges Mädchen bist. Wie heißt du eigentlich Schätzchen?‹ Missandei bekommt vor Verlegenheit ganz rote Apfelbäckchen, als der Zwerg sie Schätzchen nennt. So hat sie noch nie jemand genannt, schon gar nicht Prinzessin. Und das jemand lobt wie klug sie doch ist, hat sie bisher auch noch nicht erlebt. Für Borgil mag es nichts besonderes sein, er weiß es vielleicht nicht einmal, aber er hat das kleine Mädchenherz gerade im Sturm erobert. “Missa... Missandei... Ich heiße Missandei”, stammelt die kleine Ashanínka und wird gleich noch ein wenig röter. “Und meine Sayyida heißt Karamneh”, fügt sie in leisem Flüsterton an. “Und sie ist wirklich eine Prinzessin.” Das Mädchen lächelt stolz. Kara schüttelt hastig den Kopf und macht eine abwehrende Geste. Missandei weiß es nicht besser. Natürlich. Dem Mädchen muss Karamaneh einfach wie eine Prinzessin erscheinen, auch wenn die Frau von der Malankarküste genau das Gegenteil davon ist. Hastig geben ihre Finger der Kleinen ein paar Zeichen. Die schwarzlockige Ashanínka runzelt verwundert die Stirn und nickt. Was auch immer Kara gerade gesagt hat, hat das Mädchen offensichtlich verwirrt, auch wenn sicherlich kein einziges böses Wort darunter war. Missandei wendet sich wieder Borgil zu und auch Karamaneh schaut den Wirt an. “Meine Sayyida sagt... sie würde gerne Euren Wein aus... Sommer... -beeren probieren”, erklärt das Mädchen fröhlich. “Ich glaube, sie vermisst den Sommer”, fügt sie in verschwörerischem Tonfall hinzu. “Wo wir herkommen, ist es immer warm wie im Sommer.” Missandei kichert erheitert und Karamaneh stimmt nach einem kurzen Moment des Erstaunens mit ein.

Während sie so dastehen und gemeinsam fröhlich sind, merkt Kara mit einem Mal, wie gerne sie in diesem Augenblick selbst sprechen würde. Alles wäre so viel einfacher. Sie bräuchte weder Missandei noch Ogoun um ihre Wünsche zu äußern und sich verständlich zu machen. Sicher, es gibt auch noch andere Möglichkeiten, aber sie hat weder eine kleine Schiefer- noch eine Wachstafel zur Hand, erst recht kein Pergament und Tinte. Der Wirt wäre sicherlich auch wenig erfreut, wenn sie versuchen würde mit einer Haarnadel oder einem Messer Worte in seine schöne, blankpolierte Theke zu ritzen. Und einfach mit einem Kalkstein auf das Straßenpflaster zu schreiben, so wie sie es für Tiuri getan hat, ist in der Harfe auch nicht möglich. Eine ungewohnte Situation für die Malankari. Bisher hat sie es nie als großes Hindernis empfunden nicht zu sprechen. Mit einer Sklavin wird selten eine längere Konversation begonnen. Auch auf den Festen, Feiern und Empfängen, zu denen Fahd sie mitgenommen oder geschickt hat, hatte sie nie reden müssen, nur lächeln – und zuhören! Später hatte sie einfach immer aufgeschrieben, was sie in Erfahrung bringen konnte...
Das hier ist anders. Wie kann sie Fragen stellen ohne zu sprechen? Sie braucht Missandei und fühlt sich plötzlich schuldig das Mädchen auf diese Weise zu benutzen. Ich ziehe sie unweigerlich in dieses schmutziges Spiel mit hinein. Erst Zaleh und jetzt Missandei. Die Unterhaltung mit Borgil mag harmlos sein, aber würde das immer so sein? Früher oder später würde Missandei Worte hören, die nicht für ihre Ohren bestimmt sind, und Dinge wissen, die ein kleines Mädchen nicht wissen dürfte. Ich muss einen Weg finden, um sie zu beschützen, entscheidet Karamaneh, während sie Missandei dabei beobachtet wie sie glücklich an ihrer Mandelmilch nippt. Karas Blick wandert zu Borgil hinüber. Sie erinnert sich an den Stolz, der in seiner Stimme mitgeschwungen ist, als er von Tiuri erzählt hat. Mein Junge, hat er gesagt... wie ein richtiger Vater... ob er Tiuri an Sohnes Statt bei sich aufgenommen hat?, fragt sie sich. Jetzt, wo sie Borgil kennt, würde sie das nicht mehr überraschen. Ich muss mehr wissen..., entscheidet sie. Wenn wirklich etwas Wahres an dem, was man sich in der Stadt über den Harfenwirt erzählt und was Nabil ihr gesagt hat, dran ist, dann könnte sie vielleicht wirklich eine Möglichkeit finden, um Missandei zu schützen...
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

This post has been edited 1 times, last edit by "Karamaneh" (Jun 25th 2013, 10:43pm)


2 users apart from you are browsing this thread:

2 guests

Similar threads