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Colevar

Stadtbewohner

Posts: 137

Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

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16

Sunday, November 18th 2012, 6:54pm

Sithechnacht


Calait löst sich von seiner Seite und wandert langsam in den Schatten umher, während er seinen Platz vor dem Altar einnimmt. Er nimmt die Lochaberaxt von seinem Rücken und stellt sie behutsam vor sich, das breite Blatt und die tödliche Dornspitze auf dem Boden, das eisenbeschlagene Ende des langen Schafts unter seinen übereinandergelegten Händen. "Herr des Todes und des Winters in deinem Reich der Schatten, geheiligt sei dein Name, denn du wartest am Ende aller Wege und kommst zu uns allen", beginnt er leise und schließt die Augen. Hier betet er zu Sithech, aber gleichsam auch zu seiner Mutter, zu den Herzbäumen, die im Sarthetal ihre endlose Wacht halten und dem Leben selbst, das sich im Wald bewegt und im Nachtwind flüstert – und zu den Geistern, die wie wispernde Schemen hier im warmen, dunklen Mutterschoß des Totentempels warten. "Ich bin dein Schwert und dein Schild, und hier beginnt meine Wache. Sie soll nicht enden vor dem Morgengrauen. Ich gedenke der Seelen, die ich zu dir geschickt habe und all jener, die ihnen noch folgen werden. Nimm sie auf in dein Reich. Geleite sie sicher über die Purpurnen Flüsse jenseits der Totenlichter. Richte sie gerecht, bis der Tag kommen wird, an welchem selbst dem Tod keine Herrschaft mehr bleiben soll. Gewähre ihnen Gnade und Barmherzigkeit. Denn du wartest am Ende aller Wege und kommst zu uns allen." Und vergib mir meine Schuld... Er weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, in der er so verharrt, versunken in Gedanken, aber irgendwann durchbricht das leise Tapsen kleiner, nackter Füße die tröstliche Stille und in den Schatten hinter den Säulen bewegt sich etwas. Nur einen Herzschlag später schält sich ein kleiner Junge aus dem zarten grauen Dunst. Er ist barfuß und trägt nur ein Schlafkittelchen, und das dichte, schwarze Haar steht ihm in wilden Stacheln von der hellen Stirn ab. Außerdem schleppt er eine armdicke Altarkerze vor seinem runden Bäuchlein her, die beinahe so lang ist, wie er selbst. Selbstvergessen müht er seine Last zum Altar und bemerkt Colevar, der sich ganz still hält, überhaupt nicht. Umständlich und ganz ernsthaft rückt der Winzling die schwere Kerze zurecht, bis sie so steht, wie er es für richtig hält. Dann blinzelt er grinsend zu Sithechs steinernem Abbild hinauf, gluckst leise und schenkt dem Gott von Tod und Winter ein kleines, verschwörerisches Winken. Der Junge zeigt keine Spur von Scheu oder Angst, und Colevar, der die Szene lächelnd beobachtet, könnte schwören die Götterstatue winkt zurück. Dann faltet der Knirps die kleinen Hände andächtig vor seinem Bauch und ein Moment verstreicht schweigend. Colevar, der sich fragt, wo das Kind auf einmal mitten in der Nacht im Sithechtempel herkommt, noch dazu nur im Hemdchen und mit schlafwirrem Haar, mustert den Jungen aufmerksam. Er mag vielleicht drei oder höchstens vier Jahre alt sein, hat ein hübsches, aber selbst hier in der warmen Düsternis auffallend blasses Gesicht, mit großen, runden und vollkommen dunklen Augen - ohne erkennbare Iris oder Pupille. Seine Ohren sind spitz und sein ehrfürchtiger, ernster Kleinkindereifer hat etwas sehr Anrührendes an sich. Kein Menschenkind. Zart und blass wie ein Schatten. Aber wo bei Sithechs Raben gehört er hin?

Dem Kleinen scheint aufzufallen, dass seine Kerze zwar endlich dort steht , wo sie soll, aber sein Schlafkittelchen keine Taschen besitzt, in denen Zündhölzer stecken könnten, also blickt er sich suchend um, ob er nicht irgendwo eine erreichbare brennende Seelenkerze findet, und sein Blick fällt auf das breite Blatt der Lochaberaxt, keine dreißig Sekhel von seinen blanken Zehen und nackten Füßchen entfernt. Die dunklen Augen werden groß und größer, als sein Blick an der Waffe empor zu Colevar wandert und höher und höher hinauf, bis er ihm endlich ins Gesicht sieht. "Uhhh!" Piepst er. "Du bist aba groß."
"Hm. Ich bin Colevar. Und wer bist du?"
"A-aruna. So heiß ich. Der Tempel is' aber zu. Es ist doch Nacht, alle schlafen!"
"Aye. Wenn alle schlafen, was machst du denn dann hier?"
"Hm. Ich wohn' hier."
"Hmhm. Ich auch."
"Hab dich aba noch nie gesehen."
"Ich bin schon groß und nicht mehr so oft zu Hause."
"Ach so."
"Was hast du denn mit der Kerze vor, Aruna?"
"Die will ich anzünden. Für meine Mama. Meine Mama ist auf einer langen Reise. Ganz weit weg."
"Ah", Colevar nickt ernsthaft. "Das ist sehr aufmerksam von dir. Soll ich dir vielleicht mit der Kerze helfen?"
"Ja," piepst der Zwerg und nach einem Moment des Überlegens fügt er noch ein eiliges "Bitte" hinzu, vermutlich, weil er sich gerade noch rechtzeitig daran erinnert, dass die Großen einen immer erinnern, man soll "bitte" und "danke" sagen. Colevar legt behutsam die schwere, lange Axt beiseite und nimmt die Kerze, die der Kleine so mühevoll hergeschleppt hatte. Dann hält er seine freie Hand Aruna entgegen. "Dann komm." Sie gehen gemeinsam zu einer der Säulen, wobei Colevar seine so viel größeren Schritte ganz selbstverständlich Arunas Trippelgeschwindigkeit anpasst. Dann nimmt er den Jungen kurzerhand auf den Arm, damit er 'mithelfen' kann, die schwere Altarkerze zu entzünden und erschrickt fast über das zarte Fliegengewicht des Kindes. Er hatte schon kleine Kinder auf dem Arm, wenn auch nicht oft, aber dieses hier erscheint ihm doch ungewohnt leicht und feinknochig für sein Alter. "So, vorsichtig jetzt, damit wir kein heißes Wachs verschütten." Aruna nickt und atmet sogar nur noch ganz, ganz leicht, um die Flamme nicht allzu sehr zum Flackern zu bringen. Sie tragen die Kerze gemeinsam zum Altar, das heißt, Colevar trägt den Jungen und die Kerze, aber Aruna hält sie fest mit beiden Händen, die kaum groß genug sind, sie zu umspannen. "Bereit?" Er hält den Jungen über den Alter, passt auf, dass sein kleines Gesicht der heißen Flamme nicht zu nahe kommt und stützt mit der freien Hand ein wenig die wild schwankende Kerze, bis Aruna sie sicher platziert hat. "Aye, genau da steht sie gut." Einen Moment betrachten sie Arunas Werk mit der gebührenden Bewunderung, dann stellt Colevar den Kleinen auf den Boden zurück.

"Und was machst du jetzt?"
"Ich halte Wache."
"Warum?"
"Ich bin ein Ritter Sithechs, Aruna, und diese Nacht heute ist ihm heilig", erklärt Colevar sanft und der Junge nickt ernst. Offenbar ist ihm das bewusst oder die Großen hatten es ihm erzählt. Wenn er hier lebt, kann ihm das auch nicht entgangen sein, ganz gleich, wie klein er noch sein mag. "Ich komme hierher, um Wache für eine Seele zu halten, die schon lange bei Sithech ist."
"Welche Seele?"
"Die eines Mädchens, das ich einmal gekannt habe."
"Oh. War sie nett?"
"Das weiß ich nicht. Aber ich glaube schon."
"Warum weißt du das denn nicht?"
"Sie ist gestorben, bevor ich sie richtig kennenlernen konnte."
"Ach so. Das ist aba blöd."
"Ja", kann Colevar dem Kleinen nur beipflichten und weiß nicht, ob er lachen oder fluchen soll über diesen neunmalklugen Naseweis. "Ganz schön blöd." So kann man es auch ausdrücken.
"Kann ich mitmachen?"
"Bist du denn nicht müde?"
Der Kleine schüttelt wild den Kopf und Colevar kann nichts anderes tun, als mit einer sehr seltsamen Mischung aus Rührung, Faszination und belustigter Bestürzung die Axt wieder aufzunehmen und einen halben Schritt zur Seite zu treten, damit Aruna sich neben ihn stellen kann. Darum bemüht, alles richtig zu machen, stellt er sich in Ermangelung einer eigenen Waffe, die ganz offensichtlich zu diesem sogenannten Wachehalten dazugehört, einfach vor Colevar und hinter die Axt, und umschließt den Schaft mit beiden Händen. "So?"
"Aye. Genauso. Pass auf, wir drehen sie ein bisschen, damit dir nichts passiert." Er wendet die Lochaberaxt ein wenig, so dass Aruna auf keinen Fall mit dem rasiermesserscharf geschliffenen Blatt oder einem der spitzen Dornen in Berührung kommen kann.

"Was jetzt?"
"Jetzt halten wir Wache."
"Und wie geht das?"
"Wir bleiben wach, während andere schlafen. Wir erinnern uns, wenn andere vielleicht vergessen. Wir beten zu Sithech und passen gut auf, dass keiner Seele, die uns lieb ist, etwas geschieht."
"Kann ich auch auf meine Mama aufpassen? Die ist ja nicht tot. Aber... weit weg. "
"Natürlich, Kleiner. Das ist gut. Das ist sogar sehr gut."
Etwa fünf Minuten stehen sie so zusammen ganz still unter Sithechs Statue, dann gähnt Aruna zum ersten Mal. Noch einmal zwei Minuten späterlässt er die Axt los und reibt sich die Augen. Eine weitere Minute verstreicht, ehe er sich an Colevars Schienbeine lehnt und ihm praktisch auf den Stiefeln steht.
"Aruna? Schläfst du schon?"
"Hmhm!" Wird ihm mit hastigem Kopfschütteln versichert, doch er kann das Gähnen in der dünnen Kinderstimme schon hören – und Calaits Lachen, das zwischen den Säulen hinter ihnen laut wird.
Das reißt Aruna noch einmal aus seiner Schlaftrunkenheit und er späht neugierig an Colevar vorbei in die Dunkelheit, um nachzusehen, wer da ihre Wache stört. Calait schlendert aus den Schatten und Aruna beäugt sie misstrauisch, während er sich – sicherheitshalber – mit einer Hand an Colevars Schienbein festhält. Calait winkt in die ungefähre Richtung der Kleinkinderstimme, gesellt sich zu ihnen und fragt leise, ob sie auch mitmachen dürfe. Aruna mustert die ihm fremde Frau mit dem komischen Tuch um den Kopf und seine Stirn legt sich nachdenklich in Falten. Dann zuckt er mit den Schultern, blinzelt zu Colevar hoch und flüstert: "Sind Mädchen beim Wachehalten erlaubt?"
"Ich weiß nicht", erwidert er ebenso leise, wohl wissend, dass Calait jedes Wort hören kann. "Was meinst du denn?"
"Hm. Vielleicht", Aruna gähnt schon wieder, diesmal ziemlich ausführlich und zeigt dabei eine Reihe kleiner, blendend weißer Perlenzähnchen. "Tante Fen sagt, Sithech ist für alle da."
"Aye, das ist er. Und ich glaube, sie ist nett. Lassen wir sie mitmachen."
"Na gut. Ich bin Aruna. " Er wechselt die Seiten und späht an Colevars anderem Bein vorbei, schon etwas neugieriger, aber ohne seine sichere Position ganz aufzugeben, während der Sithechritter sich lange und fest auf die Zunge beißt, um nicht zu lachen. "Und wer bist du?"
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Calait

Stadtbewohner

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Occupation: Gelegenheitsgauklerin und Dritteklasseheilkundige

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17

Sunday, November 18th 2012, 7:48pm

Sithechnacht


Sie hört das leise Knirschen, als er seine Lochaberaxt auf die Steinfliesen stellt, das feine Knirschen seiner Lederhosen, als er in die Knie geht und dann füllen seine Worte die Stille der Halle. Sie lauscht dem Inhalt nur mit halbem Ohr, denn das Gebet ist ihr fremd und die Art und Weise, wie Colevar dem Grauen gegenübertritt, viel zu förmlich, aber die Hingabe in seiner Stimme bannt sie und für einen Moment verliert sie ihn in dem grauen Schatten des Einen, der über die Sterbenden und die Toten wacht. Seine Präsenz scheint einfach aufzugehen in dem Zwielicht, an das er glaubt und für das er kämpft, und obwohl sie am liebsten die Hand nach ihm ausstrecken und ihn festhalten würde, nur um sicher zu gehen, dass er nicht wirklich verschwunden ist, wartet sie einfach nur ab - und verspricht Sithech das Leben, den Tod und den Untod zur Hölle zu machen, sollte es ihm in den Sinn kommen ihr Colevar wegzunehmen. Ich brauche ihn. Der Gedanke kommt ihr so selbstverständlich und ist so schnell wieder verschwunden, dass sie unter dem Tuch überrascht die Augen zusammenkneift. Natürlich brauche ich ihn. Mit wem soll ich sonst meiner Grossmutter Feuer unterm Arsch machen? Aber das ist es nicht. Es ist mehr. Sie kann nur beim besten Willen nicht sagen was genau dieses ‘mehr‘ sein soll. Noch mehr ‚mehr‘ und wir fressen uns gegenseitig bei lebendigem Leib. Als ob jemand heimlich ihren Gedanken gelauscht hätte, ertönt hinter ihr leises Gelächter, fein und zart wie ein Band winzigkleiner Silberglöckchen. ‘Und warum tust du es nicht? Du willst es doch.‘ Will die Lachende wissen und ihre Stimme ist wie der Frühlingswind, lang vergangen und gern erinnert. Weil ich es bereuen würde, erwidert Calait der Toten mit einem halben Grinsen, ohne sich auch nur einen Augenblick über die Anwesenheit des Geistes zu wundern. In dieser Nacht stehen die Tore zur Ewigen Weite in beide Richtungen offen und wie Lebende in das Reich der Toten einkehren können, so können die Toten für ein paar kostbare Stunden unter den Lebenden verweilen.

Calait kann sie hören. Die Besucher aus der Ewigen Weite, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen an diesem Ort eingefunden haben. Sie sind das Wispern in den Schatten und das Knistern in der Luft. Vorsichtig schlendert sie durch die die Dunkelheit, die Hände tastend von sich gestreckt, um nicht mit einer Statue, einer Säule, der Aussenmauer oder irgendein einem anderen Betenden zusammenzustossen. Aber die Tempelhalle liegt abgesehen von seinen körperlosen Besuchern leer und verlassen vor ihr und als sie zum ersten Mal etwas berührt, ist es kühl und glatt und unbeweglich. Vorsichtig gleiten ihre Finger über kunstvoll gemeisselte Linien und Ecken, hinauf, bis sie erst einen Arm, dann einen Hals und schliesstlich ein Gesicht erkennen kann. Um Kinn und Nase zu erreichen muss Sie sich auf die Zehenspitzen stellen, und obwohl der Marmor, aus dem die Büste geschlagen wurde, sich kalt anfühlt, liegt das Lächeln warm und mitfühlend auf den steinernen Lippen. Wer sie wohl ist? Von den Archonen weiss Calait noch weniger, als von den Göttern. Sheilar der Träumer und Llaeron der Schicksalsfüger sind ihr ein Begriff, und seit sie Borgil und Azra kennt, kann Sie auch den beim Wolkenvolk hochgeehrten alten Geister Trauer und Vergessen einen weiteren Namen zuorden: Nurm und Kyrom – danksei Borgil schleicht sich vor allem der knochige Arsch von Letzterem immer öfters in ihre Flüche. Gemächlich läuft sie weiter, durch die graue Nacht des Tempels, und denkt an ihre Familie, die sich zur letzten Stunde des letzten Tages unter dem mondlosen Nachthimmel in der heiligen Stätte versammelt und in trauter Runde ihren Ahnen gedenkt und sie um ihren Segen bitten wird. Die Vorstellung, wie Winoc zum ersten Mal die Totenklage spricht, oder Bryntyrch zusammen mit anderen jungen Männern als weiss bemalte Schrecken mit Speeren und Handbeilen bewaffnet durch die Stille der verschneiten Wälder streifen auf der Jagd nach dem Grauen Bär, der Mutter all ihrer Vorfahren, macht ihr Lächeln weich und warm und traurig und für einen Herzschlag lang wird die Sehnsucht nach ihrer Familie nahezu unerträglich gross. Und mit der Sehnsucht kommt er. Hayatih. Ihr Gedanke ist nicht mehr als eine gehauchte Bitte, aber er hört sie, wie er sie immer hört an diesem Tag zu dieser Zeit, und er folgt ihrem Ruf. Das ist wirklich der letzte Ort, an dem ich dich erwartet hätte, begrüsst er sie mit leichtem Spott und sie kann das Grinsen auf seinem Gesicht ganz genau sehen. „Was soll das denn heissen?“, will sie wissen und hebt fragend eine Augenbraue, schwer darum bemüht einen besonders pikierten Eindruck zu hinterlassen, aber er kennt sie viel zu gut und lacht nur. Und sie lacht mit, froh darüber, dass er gekommen ist.

Und wer ist er?
„Er?“ Für einen Moment kann sie ihm nicht folgen... und als sie erkennt, nach wem er fragt, muss sie über sich selber den Kopf schütteln. Es ist inzwischen schon so selbstverständlich, dass Colevar bei ihr ist, dass sie gar nicht weiter darüber nachdenkt. „Sein Name ist Colevar.“
Colevar. Ayuwa. Und wer ist er?
“Ich wüsste nicht, dass dich das was angeht, Hayatih.“
Das sind ja ganz neue Töne... Habiybe.
„Bäh!“ Nicht sonderlich angetan durch den zuckersüssen Kosenamen, der soviel wie ‚Schätzchen’ bedeutet und den er nur immer dann benutzt, wenn er sie ärgern möchte, streckt sie ihm die Zunge heraus und läuft weiter. Er folgt ihr schweigend, seine Präsenz voller Erinnerungen an heisse Sommernächte und frische Wintermorgen, an in Gras gegarte Pferdebrocken und Sonnenschein zwischen gespreitzten Fingern. Sie denkt gerne, aber ohne Wehmut an ihre gemeinsame Zeit zurück, und er verlangt es nicht von ihr.
Sag es. Seine Forderung ergibt erst einen Sinn, als ihr endlich selber klar wird, warum sie ihn gerufen hat, und einen Augenblick lang verflucht sie die Allwissenheit der Toten, vor denen kein Geheimnis sicher ist und die immer alles schon wissen, bevor man selber überhaupt darüber nachdenkt. Sag es, Calait. Wiederholt er leise, aber bestimmt und sie fasst sich ein Herz – und kämpft mit aller Kraft gegen einen riesigen Wall an Schuldgefühlen, der auf sie herabzustürzen und mitzureissen droht: „Es war nicht meine Schuld, das du gestorben bist.“
Schlaues Mädchen. Der Spott in seiner Stimme ist warm und voller Liebe und bringt die schmerzlich erhoffte Erleichterung, von der sie lange, lange Zeit glaubte, sie würde gar nicht existieren. Erst als ihre Lungen schmerzlich zittern, merkt sie, dass sie die Luft angehalten hat und geräuschvoll atmet sie aus. Ich bin für dich gestorben, Calait, aber nicht wegen dir. Meine Zeit war gekommen. Wäre es nicht das Feuer gewesen, hätte mich irgendeine Grünglanzgrippe dahingerafft, aber die Ahnen gaben meinem Tod eine Bedeutung. Ich konnte mein Leben ohne Reue hinter mir lassen und jetzt, wo du endlich zu verstehen beginnst, kann ich gehen.
„Du wirst nicht wieder zurückkehren, nicht wahr?“
Sein Lächeln füllt ihre Sinne wie goldener Sommerregen: Nur noch einmal. Wenn du den Schatten ins Auge blickst. Und jetzt, Calait, geh, und erinnere Colevar an sein siebtes Leben.
„W.. was?!“

Verschwunden. Stellt sie dezent überrumpelt fest und ist sich nicht sicher, ob sie eher verärgert, verwirrt oder... auf der Hut sein soll. „An sein siebtes Leben? BeidendreiVerflixten, was soll das denn jetzt schon wieder heissen?“ Sie kann damit überhaupt nichts anfangen, aber irgendwie scheinen in der letzten Zeit sämtliche ihrer Ahnen – oder sonstwelche Geisterbekanntschaften – plötzlich verrückt zu spielen. „Ich sage ihm gar nichts! Hast du mich gehört! Kal, Mammin, was soll dieser Unfug?“ Aber obwohl die beiden sich wahrscheinlich im richtigen Leben nicht wirklich hätten leiden können, schweigen sie in diesem Fall in verräterischer Zweisamkeit. „Hmpf. Zum Grauen mit euch und euren kryptischen Andeutungen“, grummelt sie und beschliesst für den Rest der Nacht an Colevars Seite zurückzukehren.
Die allerdings, wie sie feststellen muss, bereits durch einen anderen kleinen Tempelbesucher in Beschlag genommen wurde.
"Aruna? Schläfst du schon?", erkundigt sich Colevar so sanft, als hauche er gegen spinnwebdünnes Glas.
“Hmhm!“, wird ihm inbrünstig, wenn auch arg müde beteuert, woraufhin es immerhin ganze zwanzig Augenblicke dauert, bevor der Junge erneut das Gähnen anfängt. Sie muss sich hart auf die Zunge beissen, um nicht laut aufzulachen, aber ihr unterdrücktes Glucksen verrät ihre Anwesenheit und prompt gilt ihr alle Aufmerksamkeit. Gemächlich schlendert sie, die Hände sicherheitshalber wieder leicht von sich gestreckt, entlang des steinernen Mantelsaums der Sithechstatue und um den Altar herum, wo sie innehält und in die ungefähre Richtung des kleinen Wächters winkt: "Hallo. Darf ich beim Wachehalten mitmachen?" Der kleine Junge nimmt sie ganz genau unter die Lupe, ehe er bei Colevar leise nachfragt, ob Mädchen denn überhaupt erlaubt seien.

"Ich weiß nicht. Was meinst du denn?",gibt der die Frage zurück, woraufhin der Winzling erneut herzhaft gähnt: "Hm. Vielleicht. Tante Fen sagt, Sithech ist für alle da." Diese Aussage lässt sie schmunzeln. Wer wenn nicht der Graue ist für alle da. Das sagt auch Colevar, woraufhin man ihr grosszügig gewährt an der Wache teilzunehmen. "Na gut. Ich bin Aruna. Und wer bist du?"
Mit einem kleinen Knicks und einem Lächeln stellt Calait sich vor: "Freut mich dich kennen zu lernen, Aruna. Ich bin Calait. Vielen Dank, dass ich mit euch Wache halten darf." Auf leisen Sohlen läuft sie an Colevar und seinem kleinen Klotz am Bein vorbei zum Altar, tastet nach dessen Rand, lässt sich nieder und lehnt sich an den Basaltblock in ihrem Rücken.
Es dauert keine drei Augenblicke, da will Aruna von Colevar wissen, ob man während der Wache sitzen dürfe. "Aye, darf man. Möchtest du dich denn lieber setzen, Aruna?" Colevar schafft es die Frage so klingen zu lassen, als habe es überhaupt nichts damit zu tun, dass der Junge schon wieder gähnt. Erst gibt es energisches Kopfschütteln, dann – einmal Gähnen später – geht das Schütteln nahtlos in ein Nicken über. "Dann setz dich doch zu ihr." Schlägt Colevar vor und Aruna tappst hinter der Lochaberaxt hervor. Sie hält den Mantel auf und klopft neben sich auf den Boden, was der Junge, den es bestimmt schon frieren muss, sich nicht zweimal sagen lässt. Eilig kriecht er an ihre Seite, wo er sich, genau wie sie mit dem Rücken an den Altar lehnt und die Beine lang ausstreckt, doch kaum schlägt sie das pelzgefütterte Leder um seine schmalen Schultern, kriecht er erst so dicht an ihre Seite, als wolle er ihr gleich unter die Weste schlüpfen, und dann, weil er sich einfach nicht näher drängen kann, klettert er einfach auf ihren Schoss, frimelt seine nackten Zehen zwischen ihre Beine und den Stoff ihrer Röcke und rollt sich an ihrer Brust zusammen wie eine kleine Katze, das kleine Gesicht vertrauenvoll an ihrem Hals geborgen, wo sie den Rhythmus seiner Atmung in feinen, kleinen Stössen auf ihrer Haut spürt. Leise summend wickelt sie sich einfach mit dem winzigen Tempelbesucher zusammen in den Mantel und wiegt ihn ganz leicht hin und her, im Takt eines Liedes, das älter ist als der Tod:

„Grossmutter, sag mir, was höre ich klagen?
Es ist nur der wind, Kind, der Wind, der da weht...
Grossmutter, es klingt, wie um Abschied zu sagen.
Es ist nur das scheidende Jahr, das vergeht...

Grossmutter, sag mir, was bedeutet dies Schweigen?
Der Frost schlägt die Kinder der Erde in Acht...
Wo sind die Blumen, die nirgends sich zeigen?
Sie schlafen im Boden, der Bär hält die Wacht.“

Bereits bei der zweiten Strophe wird der kleine, warme Leib an ihrer Brust schwer und knochenlos und ein kleines, langgezogenes Schnurcheln verrät, dass der Kleine soeben eingeschlafen ist. In der Mitte der Vierten kann auch Calait ein Gähnen nicht mehr wirklich unterdrücken, also zieht sie Aruna etwas näher und legt sich einfach gleich mit ihm zusammen zur Seite, wo der sich prompt noch einmal mit einem schläfrigen Schmatzen strampelnderweise an sie schmiegt und in Umarmung und Umhang kuschelt. „Gute Nacht, Colevar“, murmelt sie leise und schenkt ihrem schweigenden Bär ein kleines Lächeln über Arunas seidenweichen Haarschopf hinweg.
... enjoy the little things in life for one day they will be the big things ...

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Colevar

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18

Monday, November 19th 2012, 10:56pm

Sithechnacht


Um Mitternacht werden die Schatten zwischen den Säulen lebendig, als Priester und Novizen des Sithechtempels zum Gebet hereinströmen, schweigend und fast selbst wie Geister in der nur von goldenem Kerzenschein erhellten Düsternis. Ygerne selbst führt die lange Prozession aus den Schatten an, den Hohepriesterinnenmantel aus hunderten und tausenden schwarzer Rabenfedern um die Schultern, und als sie ihn sieht, verändert ein warmes Lächeln ihre sonst so strengen Züge. Sie ist alt geworden. Darüber erschrickt er fast, denn manchmal vergisst er, wie lange er fort gewesen ist. Ihr Gesicht ist immer noch schön und edel, wie er es in Erinnerung hat, aber das haselnussbraune Haar durchzieht mehr Grau als früher, und um ihre Augen bilden sich hundert feine Fältchen, als sie lächelnd vorbeizieht. Hinter ihr folgen die Priester und Novizen, sehr viel schlichter und meist in schwarze Roben und Umhänge gekleidet, gegürtet mit grauen geflochten Riemen, ein jeder seine Seelenkerze bei sich, um sie im Tempel zu entzünden. Die Grauen Frauen, die schweigenden Dienerinnen des Todes, folgen zuletzt, von Kopf bis Fuß in anthrazitfarbene Roben gehüllt, und ihre langen Umhänge mit den weiten Kapuzen überschatten ihre verschleierten Gesichter... doch alle ziehen hinter Ygerne her im Kreis durch den Tempel und beten in jedem Schrein, um allen Aspekten der Göttlichkeit Sithechs zu huldigen. Jedem Archon bringen sie ein Opfer dar und singen ihm zu Ehren mit süßen, feierlichen Stimmen. Colevar schließt die Augen und lauscht ihnen, öffnet sie jedoch wieder, als sich Calait zu seinen Füßen kurz regt. Sie ruht auf seinem Umhang und hält Aruna im Arm, warm und sicher unter ihrem Mantel geborgen, der so vertrauensvoll schläft, wie nur kleine Kinder es können und der sich selbst von den Gesängen nicht stören lässt. Im Schlaf ist ihr sonst so gefährlich lebendiges Gesicht friedlich, weich und entspannt. Und hier liegt sie und schläft, dem Tod zu Füßen. Irgendwo meint er ein leises Lachen zu hören, das zwischen den Säulen widerhallt und die Schatten narrt, aber vielleicht ist es auch nur das Echo des sachten Gelächters in seinem Inneren. Er kann nicht sagen, wann die Gebete enden, doch als sie vorüber sind und der Tempel sich leert, kehrt wieder Stille ein und nur die Kerzenflammen schweben in der Dunkelheit wie ein schimmernder Wall aus brennenden Sternen.

Seit seiner ersten Nachtwache sind Jahre vergangen. Seither hatte es viele gegeben, doch in dieser besonderen Nacht, der Sithechnacht, der Nacht aller Seelen, in der sich die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Toten öffnen, hält er immer in einem Tempel Sithechs Wache. Allerseelen... aber du bist hier, um über eine zu wachen. Seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit, wie immer in einer solchen Nacht, zurück zu jenen Tagen, in denen all das begonnen hatte. Damals... Er war jung gewesen, erst vierzehn. So jung. Er hatte weder Kettenhemd, noch Rüstung getragen, nur ein schlichtes, weißes Gewand. Das Hemd eines Büßers. Der Sithechtempel von Arrassigué, in dem er die Nacht verbracht hatte, war noch nicht einmal ein Drittel so groß gewesen, wie auch nur ein einziges Seitenschiff dieses Hauses des Totengottes, aber in seiner Dunkelheit hatte seine dünne weiße Tunika geleuchtet wie ein Stern im Mantel der Nacht. Colevar hatte Sithech, dem Gott der ihn erwählt hatte, sein Schwert und seine Rüstung voller Groll zu Füßen gelegt und war mit bitterer Enttäuschung auf dem rauen Steinboden vor der Götterstatue niedergekniet. Seine erste, lange Nachtwache hatte er kochend vor Wut aufgenommen, doch als der Morgen gedämmert hatte, waren seine Knie wund und blutig gewesen und sein Zorn weitgehend verraucht. "Alle Ritter müssen bluten, Junge", hatte Sire Airaud Royan gesagt. "Blut ist ihr Versprechen und das einzige, was ihnen sicher ist." Beim ersten Tageslicht hatte er ihm die Klinge behutsam auf die Schulter gelegt, ein Schwert so scharf, dass sogar diese sanfte Berührung durch Colevars Gewand geschnitten hatte. Wieder hatte er geblutet, doch gespürt hatte er nichts. Ein Ritter war er schon an jenem unheilvollen Tag einen halben Mondlauf zuvor geworden, als sie die niedergebrannten Häuser im Grenzland gefunden hatten. Als Sithech ihm inmitten der wirbelnden grauen Asche und des beißenden Rauchs sein Mal aufgebrannt, und den Jungen, der er gewesen war, als Ritter des Todes für sich beansprucht hatte. Er war zum Ritter geworden dafür, dass er starr vor Entsetzen und Mitleid gesagt hatte 'Sie gehört mir' - und getan hatte, was getan werden musste. Jene Nacht im Tempel von Arrassigué war nur das Ritual des Ritterschlages, nachdem er seinen ersten Ring schon erhalten hatte, und doch war sie von Bedeutung: ein Junge hatte sich niedergekniet, ein Ritter hatte sich erhoben. Dann hatte Sire Royan ihm den Eid abgenommen und seine gepanzerte Rechte hatte ihm den Mund aufgerissen, als er ihm ins Gesicht geschlagen hatte, den letzten Schlag, den ein Ritter unerwidert lassen würde. 'Das ist, damit du nicht vergisst.' Dafür hatte er zum dritten und letzten Mal an diesem Morgen geblutet. Er hatte nicht vergessen. Die Erinnerungen - und der Schmerz, der ihn ihnen lebt – sind siebzehn lange Jahre alt, und doch sind sie noch immer scharf und tief. Sie ist immer noch bei ihm, Ealasaid. Er wusste nicht, wie sie hieß oder ob sie überhaupt schon einen Namen hatte und er hat es auch nie erfahren, also hat er sie so genannt, nur für sich, um ihrem kleinen Gesicht die Würde eines Namens zu geben. Und wie passend er gewählt hatte. Ealasaid... 'ich gelobe vor den Göttern'. Jede Sithechnacht seit siebzehn Jahren entzündet er eine Kerze für sie im Tempel und hält Wache über ihrer Seele. Das ist er ihr schuldig. Und sich. Und Sithech, der ihn immer erwartet. Nein, er hat nicht vergessen. Doch all das hat sich vor langer Zeit zugetragen und der Junge, der er einmal gewesen war, ist genauso tot wie das Kind.

Die Stunden vergehen und Colevar hält Wache, während andere schlafen - ganz wie er es Aruna gesagt hatte. Allein mit dem Flüstern der Geister, hält er stumme Zwiesprache mit den Schatten. Manchmal heben sie sich auch lautlos, dann wirbeln Bilder auf, gehen durch die angespannte Stille seines Körpers und hören im Herzen auf zu sein. Er lässt seine Gedanken einfach wandern - zu vergangenem, ebenso wie zu gegenwärtigem... und auch zu etwas, das so lange Zeit aus seinem Leben verschwunden war, dass er es im ersten Moment überhaupt nicht erkennt, weil es ihm fremd geworden ist: eine Zukunft. Der Weg vor ihm mag im Dunkeln liegen und unklar sein, aber immerhin gibt es wieder so etwas wie einen Weg, den er gehen kann.
Etwas, wofür du dankbar sein solltest. Wispert eine Stimme. Sie ist leise, warm und tief, aber er erkennt sie sofort und antwortet mit einem verzogenen, halben Lächeln. Aye, wir danken den Göttern ja schon für die kleinsten Gaben.
Aufsässig wie immer, mein kleiner Narr.
Ihr wolltet mich so haben.
Wohl wahr. Und nie um eine Antwort verlegen. Dann gehe ich nun wohl besser den kleinen Magierlümmel töten. Er hat mich so inbrünstig darum gebeten.
Lasst Rayyan in Ruhe. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.
Das sagst du mir?
Ich weiß es. Und Ihr wisst es auch.
Ich glaube ja, im Augenblick würde er wirklich lieber sterben. Aber er hätte dich gern in Talyra getroffen.

Als die Dämmerung schließlich kommt, hätte sie ihn beinahe überrascht. "Calait." Er spricht so leise wie ein Mann, der aus einem Traum erwacht, aber vielleicht tut er das ja auch und ihr Name hallt in der stillen Leere des Tempels wider, bis er zu einem Wispern verklingt. Calaitlaitlaitlaitlaitlaitlait... Sie blinzelt. Graues Zwielicht fällt durch die hohen, schmalen Bogenfenster in der Tempelkuppel und füllt das Hauptschiff mit diffusem Grau – viel heller wird es hier im Haus des Totengottes auch nicht werden. Aber die Novizen würden bald hereinkommen, um süßes Drachenblut und Copal in den Räucherschalen für die Morgenandacht zu verbrennen und für sie wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Colevar will sie gerade bitten, den Jungen aufzuwecken, damit sie ihn zu der Novizin oder Priesterin bringen können, der er heute Nacht entwischt sein muss – irgendjemand hier muss ja für ihn verantwortlich sein – als zwischen den Säulen etwas Kleines hervorflattert. Etwas, das laut und leicht verzweifelt Arunas Namen ruft. Calait richtet sich ein wenig auf und dreht den Kopf hin und her, um die unbekannte Stimme zu orten. "Er ist hier!" Ruft sie halblaut, um den Jungen nicht zu stören, und eine zarte Fee mit heller Haut, weichem, braunen Distelflaumhaar und schimmernd blauen Flügeln sirrt aus dem Dämmerlicht, so hastig, dass sie wie eine flüchtende Schwalbe um die Säulen manövrieren muss, um nicht dagegen zu fliegen. Colevar neigt leicht den Kopf. "Alles in Ordnung. Es geht ihm gut, er schläft." Er geht ein paar Schritte, dehnt und streckt die vom langen Stehen taub und gefühllos gewordenen Muskeln und hilft Calait dann aufzustehen. Sie hat den Jungen, der sich nur so langsam regt wie eine verschlafene kleine Schildkröte und sich traumverloren die Augen reibt, in ihren Mantel gewickelt, also legt er ihr seinen Umhang um die Schultern. "Ich bin Colevar von Lyness, das ist Calait", stellt er vor, während die Fee sie umschwirrt. "Aruna kam in der Nacht in den Tempel, um für seine Mutter Wache zu halten, die auf einer Reise ist, wie er uns erzählt hat. Dabei ist er eingeschlafen."
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice, I think I know enough of hate
To say that for destruction ice is also great - and would suffice.
R.Frost

Zoe

Stadtbewohner

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Occupation: kleiner Sonnenschein

Location: Sithechtempel

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19

Tuesday, November 20th 2012, 4:47pm

Am frühen Morgen nach der Sithechnacht


Die Sonne hat noch nicht den Horizont berührt, als Zoe, die Fee, sich müde in Kalis großem Bett räkelt. Begleitet von einem herzhaften Feengähner richtet sich das zierliche Wesen auf und reckt und streckt sich ausgiebig. Erst beim zweiten genüsslichem Durchstrecken des Armes und einem genuschelten: „Guten Morgen, Aruna….“, stellt die Fee überrascht fest, dass der angesprochene Junge gar nicht neben ihr im Bett gekuschelt liegt. Die Stelle wo ihr Klein-Großer-Freund schlafen sollte, ist plötzlich leer und die Bettdecke achtlos bei Seite geschoben. Dabei kann sie sich genau erinnern, dass sie gestern, wie jeden Abend seit Kali Mayas Abreise, in seine Hand gebettet eingeschlafen ist.
Halt… Zoe schüttelt so hastig den Kopf, dass sich ihre kurzen dunkelblonden Haare aufstellen. Zur Sicherheit kneift sie die Augen fest zu. Sie träumt bestimmt noch. Genau! Das ist nur so ein dummer Alptraum, weil sie sich doch jetzt um Aruna kümmert, während Kali Maya auf ihrer Reise nach Norden ist und sie natürlich alles richtig machen möchte. Und deshalb hat sie so ein bisschen Angst, dass sie die verantwortungsvolle Aufgabe nicht gut genug erfüllt. Das ist ganz normal, besonders wenn so ein kleines geflügeltes Wesen wie es Zoe ist, einen Kleinen-Großen als Schützling hat. Sie kneift ihre Augen noch ein bisschen fester zusammen und reißt sie dann wieder auf. Doch Aruna liegt trotzdem nicht neben ihr!
Jetzt wird Zoe richtig bleich. Hastig flattert die Fee vom Bett, so wie ist, in ihrem dünnen, weißen Nachtgewand ohne Ärmel und barfuß. Akribisch durchsucht sie jede Ecke der kleinen Kammers, fliegt unter den Tisch und schaut sogar hinter der Truhe nach, doch während Rix und der Fellfreund zusammengekuschelt auf dem schmalen Fenstersims tief und fest schlafen, ist von Aruna keine Spur zu sehen.
Oh, nein…
Ihr kleines Gehirn spult plötzlich eine albtraumhafte Kutschfahrt von schlimmen Geschehnissen ab, die ihrem Klein-Großen-Freund zugestoßen sein könnten, während sie friedlich und nichts ahnend geschlafen hat. Und dabei hat sie Kali doch und heilig und bei allem was ihr lieb und Recht ist, geschworen auf Aruna aufzupassen. In diesem Moment erscheint Kali vor ihrem geistigen Auge, die mit unbewegtem, fast eingefrorenem Gesichtsausdruck die kleine Fee mustert und enttäuscht mit dem Kopf schüttelt.
Oh, nein, oh nein...

Ihre Augen wandern unruhig hin und her, als sie plötzlich voller Entsetzten feststellt, dass die Tür ihrer Kammer einen verräterischen Spalt offen ist. Ein Spalt, der gestern Nacht vor dem Einschlafen definitiv noch nicht dagewesen ist. Ein leichter Anflug von Übelkeit steigt in ihr auf und wie ein Pfeil, der von einem Langbogen abgeschossen wurde, fliegt Zoe durch die offene Tür in den Gang.
„Aurna?“
Stille.
„Aurna?“
Wieder nichts.
Zoe blickt sich noch einmal unsicher um, dann beginnt ihre verzweifelte Suche durch die Tempelanlage. Vorbei an vielen Säulen, Kammern und Nischen, an Novizen und Priestern, die trotz der frühen Stunde geschäftig ihren Aufgaben nachgehen. Doch niemand hat Kalis Sohn gesehen, niemand kann der besorgten Fee helfen, so sehr sie auch im Wirtschaftstrakt und den anliegenden Kammern der Priester und Novizen sucht. Erst als letzten Ort flattert sie dem heiligen Zentrum der Anlage, dem eigentlichen Tempel, entgegen. Ganz ehrlich, Zoe wäre nie auf die Idee gekommen, das Aruna sich zwischen all den Altären und Säulen zu einer „Wache“ zurückgezogen hat.
Ihr Herz schlägt im Rhythmus ihrer hektisch flatternden Flügel, als ihr stetes Rufen nach Aruna endlich halblaut erwidert wird und sie sich neben zwei fremden Großen wiederfindet - einem blonden Mann und einer dunkelhaarigen Frau, die einen völlig verschlafen dreinschauenden Aruna in ihren Armen hält.
Es geht ihm gut! Ist der erste Gedanke, der dem kleinen geflügelten Wesen durch den Kopf zuckt, gefolgt von einem tiefen Gefühl von Scham. Kali hat ihr vertraut, sie hat Zoe ihren größten Schatz, nämlich ihren Sohn anvertraut und sie hat nicht richtig auf ihn aufgepasst. Das ist das Schlimmste, was passieren konnte! Zum Glück haben diese zwei fremden Großen in gefunden und gut behandelt, ihn warm in einen Mantel gehüllt, während sie dummes Ding im warmen Bett geschlafen hat.
Unglücklich schluckt Zoe einen dicken Kloß im Hals herunter. Eigentlich wollte sie sich erst heute Nachmittag groß machen, um Brecca, Fenora und den anderen Novizen beim Säubern der Kerzenständer und anderen Arbeiten, die im Zuge der Sithechnacht angefallen sind, zu helfen. Aber nach all der Aufregung ist ihr das jetzt egal. Mit einem leisen, magischen Plöpp wechselt die Fee in eine menschliche Größe und steht barfuß und nur in ihrem Nachthemd bekleidet vor den beiden Fremden. Doch die beiden Großen bemerkt sie gar nicht richtig. Sie hat nur Augen für ihren Klein-Großen-Freund Aruna, der nun auch endlich die großgewordene Fee Zoe ansieht und sich geschickt aus den Armen der dunkelhaarigen Schönen windet.
„Seui…“, ruft er und breitet seine Arme aus. Auf seinem verschlafenen Kinder-Großen-Gesicht steht echte Freude geschrieben.
„Ja…ich bin da. Aber wo warst du nur! Ich habe dich die ganze Zeit gesucht.“
Zoe geht in die Knie und kaum hat die große Schönheit Kalis Jungen auf den Boden gesetzt, tapst er schon in die geöffneten Arme der großgewordenen Fee. Mit aller Kraft umarmt sie ihren Freund und drückt ihn an sich. Ihre blauen Flügel flattern ohne Unterlass, während Aruna Zoe einen dicken Kinder-Großen-Schmatzer auf ihre rechte Wange gibt und sich dann an sie kuschelt.
„Du darfst nicht einfach nachts verschwinden, hörst du? Ich hab mir furchtbare Sorgen gemacht!“
Vorsichtig schiebt sie den Jungen ein bisschen von sich und schaut ihn, so streng es ihr möglich ist, an.
„War garnich wech. War nur hier Kerze anmachen für Mama…und Wache machen!“
Leicht schuldbewusst linst der Kleine durch ein paar schwarze Haarsträhnen erst zu den beiden Großen, dann zu Zoe, bevor er wieder sein Gesicht an ihrer Schulter vergräbt.
Eigentlich sollte sie furchtbar böse auf Aruna sein, aber wenn Zoe ehrlich ist, dann ist sie einfach nur froh, dass es ihm gut geht. Zärtlich fährt sie dem Jungen durch sein strubbeliges, schwarzes Haar. Bis ihr mit einem Schlag bewusst wird, dass Aruna und sie ja gar nicht alleine sind! Ihr Blick wandert nach oben zu den beiden Großen, die sie und Aruna betrachten. Wie unhöflich von mir! Ich habe die Beiden nicht einmal begrüßt, obwohl sie sich so nett um Aruna gekümmert haben.
Wenn sie sich nicht sowieso schon so wahnsinnig schämen würde, dann würde sie es spätestens jetzt tun. Zoe schluckt ein bisschen und richtet sich dann rasch auf. Aruna fest an der Hand, macht sie einen kleinen, schüchternen Knicks. Den Blick wieder auf den Boden geheftet und mit einem Satz hochroter Ohren, die man selbst im fahlen Dämmerlicht der Kerzen leuchten sehen kann, sagt sie: „ Es…es tut mir leid, dass ich so unhöflich war. Ich…äh…ich heiße…Zoe und ich möchte mich bedanken, dass Ihr Euch Aruna angenommen habt…ich…ich habe wohl nicht richtig auf ihn aufgepasst!“ Die letzten Worte verlassen mit einer großen Traurigkeit und Enttäuschung ihren Mund.
Unsicher hebt ein wenig den Kopf und um die beiden Großen anzusehen und zu überprüfen, ob sie wegen ihrem ungebührlichen Benehmen wütend sind.
Zoe, die Fee die Jeden mag!

Colevar

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Occupation: Sithechritter

Location: Talyra

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20

Thursday, November 22nd 2012, 8:20pm

Ein nachsichtiges Lächeln zuckt in seinen Mundwinkeln, als die immer noch winzige Fee – selbst wenn sie sich menschliche Gestalt gibt, kann sie kaum größer sein als Azra, Borgils Frau – mit Aruna schimpft und sich dabei bemüht, ein möglichst unnachgiebiges Gesicht zu machen, auch wenn sie eher aussieht, als wäre sie furchtbar unglücklich, dass ihr der Knirps überhaupt entwischt war - und als würde sie sich dafür auch sehr viel schuldiger fühlen, als Aruna. Die Fee wirkt selbst noch sehr jung, kaum älter als vielleicht vierzehn oder fünfzehn Sommer. Ist sie etwa ganz allein für Aruna verantwortlich? Calait und er tauschen einen leise amüsierten Blick und warten geduldig, bis die Fee sich wieder soweit gefangen hat, dass sie auch noch etwas anderes bemerkt, als nur den Jungen in ihren Armen und prompt rot bis zu den Spitzen ihrer Ohren und dem Ansatz ihres kurzen, hellbraunen Haares wird. Einen Moment scheint sie nicht zu wissen, was tun, also stellt sie den Kleinen auf den Boden, knickst und fixiert fest den dunklen, blanken Marmorboden des Tempels. > Es… es tut mir leid, dass ich so unhöflich war. Ich… äh… ich heiße… Zoe und ich möchte mich bedanken, dass Ihr Euch Aruna angenommen habt… ich… ich habe wohl nicht richtig auf ihn aufgepasst!< Wie sehr ihr das zu schaffen macht, ist nicht zu überhören und Colevar hebt die Hand, als könne er ihre Worte aufhalten. "Gern geschehen", erwidert er und lächelt warm. "Aruna war mir eine große Hilfe bei meiner Nachtwache," versichert er ernsthaft und nickt dem Jungen leicht zu. "Er vermisst nur seine Mutter, Zoe." Der exotische Name fühlt sich ungewohnt auf seiner Zunge an, aber er klingt wirklich hübsch. Müsste er ihn schreiben, müsste er jedoch wahrscheinlich passen. Seui? Sui? Soey? Er kann es beim besten Willen nicht sagen, geschweige denn, dass er ihn schon einmal irgendwo gehört hätte. Wahrscheinlich ist es die Abkürzung für irgendeinen langen und komplizierten Feennamen, den außer ihr ohnehin niemand richtig aussprechen könnte... "Er kam in den Tempel, weil er eine Kerze für sie anzünden wollte. Wir haben ihm damit geholfen und Calait hat gut auf ihn acht gegeben."

Calait neben ihm nickt freundlich und lächelt so breit und beruhigend wie sie nur kann, während auch sie dem Feenmädchen versichert, dass wirklich alles in bester Ordnung wäre und es ihr gar nichts ausgemacht habe. „Mach dir keine Gedanken, Zoe, wir haben gern auf ihn aufgepasst. Aber jetzt müssen wir gehen. Wir müssen unsere Hunde noch aus der Goldenen Harfe holen, die Morgenandacht beginnt gleich und wir haben noch einen weiten Weg bis nach Hause.“ Er lächelt Aruna zu und stupst ihn leicht an, der neben der Fee steht und zu ihm hochschielt. „Es hat mich wirklich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen, Aruna. Aber wenn du das nächste Mal in den Tempel kommen willst, um für deine Mutter zu beten oder eine Kerze für sie aufzustellen, dann nimm Zoe doch mit. Vielleicht vermisst sie sie ja auch.“ Aruna nickt tapfer, aber Traurigkeit malt sich auf dem blassen, schmalen Kindergesicht, als Colevar vom Gehen spricht. „Wir sehen uns bestimmt wieder. Ich werde noch öfter in den Tempel kommen, solange wir in Talyra sind. Sithech und ich, wir... sind alte Bekannte.“ Damit verabschieden sie sich von der Fee und dem kleinen Jungen mit den schwarzen Augen und der weißen Haut, jedoch nicht bevor Aruna ihm nicht das hohe und heilige Versprechen abgenommen hat, ihn auch wirklich wirklich zu besuchen, wenn er in den Tempel käme. Dann verlassen sie das Haus des Totengottes und werden draußen von grauer Herbstkälte und noch grauerem Nebel empfangen - und von der gespenstischen Ruhe eines stillen Hohen Festtages. Heute würde es in Talyra kein geschäftiges Treiben und keine lauten Stimmen geben, kein Handeln oder Feilschen, keine singenden Waschfrauen am Llarelon, keine herumflitzenden Botenjungen, die mit ihren Nachrichten von hier nach dort laufen. Sie holen die Hunde aus der Harfe, doch selbst dort ist heute alles ruhig und dunkel, auch wenn der Duft frischen Brotteigs durch die Küche und die Schankstube zieht, und verschwinden dann in Richtung Seeufer aus der Stadt, um in Calaits Häuschen zurück zu kehren. Und während sie schweigend nebeneinander am nassen, dunstverhangenen Strand entlang nach Norden wandern, stellt Colevar leise erstaunt fest, dass sich dieses winzige, verwinkelte windschiefe Ding schon viel mehr wie zu Hause anfühlt, als es Llwyfanen Llawr je getan hat.
Some say the world will end in fire. Some say in ice.
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R.Frost

Nathanael

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Location: Bavaria

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21

Saturday, January 26th 2013, 4:41pm

Silberweiß 513
Im Sithechtempel – kurz nach Nathanaels Rückkehr nach Talyra


Missmutig verzieht Nathanael sein Gesicht. Der Besuch im Sithechtempel verläuft anders, als er sich erhofft hatte. Im dämmrigen Licht der Kerzen wartet Nathan auf die Rückkehr des Priesters, der ihm versprochen hat die kleine Fee, Zoe, zu holen. Die Person, die er eigentlich sprechen wollte, hält sich zur Zeit nicht im Tempel auf.
Kali ist also seit Herbst auf Reisen….hmpf. Nicht das Nathan erwartet hat, das seine ehemalige Geliebte ihn bei seiner Rückkehr mit Freudentränen und Liebeschwüren auf den Lippen in die Arme fallen würde. Nein dafür kennt er Kali Maya zu gut, als unnützen Hoffnungen hinterher zu jagen. Doch trotz seiner nüchternen Einschätzung hat er sich nach den vielen Monden Einsamkeit und Entbehrung einfach danach gesehnt, endlich wieder in ihr liebreizend überhebliches Gesicht und die undurchsichtigen Augen blicken zu dürfen. Auch wenn dieses, zu mindestens von seiner Seite lang ersehnte Treffen, vermutlich ziemlich unterkühlt abgelaufen wär – Kali ist schließlich kein „normales, liebendes Weib“ - es wäre wenigstens ein Wiedersehen gewesen. Nun bleibt ihm nichts anderes übrig, als weiter zu warten und zu warten und zu warten…
Nathan seufzt. Ich hasse warten!
Ein leises Quietschen reißt Nathan aus seinen Gedanken und lässt ihn Aufsehen. Aus den Augenwinkeln sieht er ein kleines, schwebendes Etwas wie geölter Blitz durch den spärlich erleuchtenden Gang flitzen, das erst halt macht, als es schon fast seine Nasenspitze erreicht hat. Ein zartes Gesicht, umrahmt von kurzen flauschigen Haaren hebt und senkt sich vor seinem Kopf. Die grünschimmernden Augen weitaufgerissen und die Hände vor den geöffneten Mund gelegt, flattert die Fee vor ihm auf und ab. Ihre Flügel schlagen in einem schnellen Rhythmus, der es fast unmöglich macht, die einzelnen Flügelschläge zu erkennen.
„Schön dich zu sehen, Zoe.“
„Nath...an…ael?“
Die Stimme, der wirklich hübschen Fee, wie Nathan feststellt, klingt unüberhörbar überrascht.
„Wer sonst!“, antwortet er schmunzelnd.
Einen Augenblick flattert die völlig fassungslose Fee vor seinem Gesicht hin und her, dann stößt sie hellen Glücksquitscher aus gefolgt von:
„NATHI….. Nathi, du bist wieder da! Du bist wieder da. Du bist wieder da….“
Bevor sich der schwarzhaarige Mann versieht, hat Zoe sich schon auf seiner Schulter nieder gelassen und ihr Gesicht fest an seine Wange gepresst.
„Endlich bist du wieder da….“
Sein Lächeln wird breiter und Nathan müsste schon ziemlich dreist lügen, würde er behaupten, Zoes Wiedersehensfreude würde sein Herz nicht berühren und mit Wärme füllen. Sanft streicht er dem Feenwesen auf seiner Schulter über das flauschige kurze Haar. Seine Hand wirkt groß und rau neben dieser zierlichen, jungen Frau in Miniaturausgabe.
„Immer noch Nathan...bitte…“, stellt er nach einem Augenblick der Stille grinsend fest „…ohne i.“
„Ach….wie kannst du in einem so wundervollen Augenblick wie diesen, nur so….so……“ die Fee hebt ihren Kopf und linst ihn von unten her an.
„Ja?“
„so…nathanig sein…“ Ein leises, glockengleiches Kichern dringt an Ohr, in das Nathan schließlich kopfschüttelnd einstimmt. Eine Weile Lachen die Fee und der Große mit den dichten, schwarzen Haaren gemeinsam vor sich hin, bevor Nathan vorsichtig Zoe von seiner Schulter pflückt und sie prüfend vor sein Gesicht hält.
„Du bist erwachsen geworden. Fast kann man dich eine Frau nennen.“
„Und du bist...ganz dünn und blass geworden“, antwortet Zoe nach mit schief gelegtem Kopf und einer großen Sorgenfalte auf der Stirn.
„Mir geht es gut, Zoe. Mach dir keine Gedanken. Ich bin hier…und das ist das einzige, was zählt!“
„Aber seit wann bist du wieder in Talyra und wo…wo genau warst du. Ich meine… da, wo man dich eingesperrt hat, wie war es da? War es schlimm? Doll schlimm? Hast du da nicht mehr viel essen mögen, weil du jetzt so dünn bist? Hattest du keinen Hunger mehr? Waren denn da auch noch andere wie du? Oder warst du ganz alleine? Oh nein…wie schrecklich...ganz alleine eingesperrt sein. Nein, oh nein, du warst nicht alleine oder? Ich habe immer an dich gedacht und hab…
Mit einem bestimmten „Zoe!“ unterbricht Nathan den aufgeregten Frageschwall der Fee auf seiner Hand, die sofort beschämt ihren Kopf senkt, so dass ihr Kinn die Brust berührt.
„Tut mir leid…ich wollte dich nicht mit meinen Fragen überrumpeln. Ich…ich bin nur so über, über, über glücklich, dass du wieder da bist!“
„Ist schon in Ordnung. Was hältst du davon, wenn wir uns irgendwo in Ruhe hinsetzten und dann erzählen wir uns gegenseitig von unseren Erlebnissen…hm?“
Zu mindestens von einigen Erlebnissen. Nathan hat nicht vor, Zoe mit seinem Leben auf Nirmonar zu belasten, trotzdem gibt es einige Dinge, die er der Fee zu berichten hat. Eines davon wäre zum Beispiel das Schicksal von Uio, doch dazu später. Nathan hat keine Lust mit der Fee mitten im Tempel, wo er das Gefühl hat, das selbst die Wände Ohren haben, über Uio und seine eigene Verurteilung zu reden.
Zoe nickt mehrmals zustimmend: „Ja das machen wir“. Bevor sie sich von seiner Hand erhebt, haucht sie ihm noch einen zuckersüßen Feenkuss auf die Wange „Wir haben uns ganz vieeeeeeel zu erzählen!“

Und wirklich viele Stunden ziehen ins Land, in denen Nathan und Zoe gemeinsam auf dem Bett in Kali Mayas kleiner Kammer sitzen. Nun ja, gemeinsam stimmt nicht ganz. Zoe sitzt auf Nathans rechten Bein, während dieser es sich auf dem Bett bequem gemacht hat. Betrübt hat Zoe ihm berichtet, dass sie sich heute schon einmal „groß gemacht hat“ und ihn deshalb gar nicht richtig umarmen kann. Für Nathan spielt das jedoch keine Rolle, ob groß oder klein, eine völlig aufgelöste Fee zu trösten, das stellt für den schwarzhaarigen Hexer, pardon neuerdings natürlich Zauberer, keine leichte Aufgabe dar. Immer wieder beben Zoes zierliche Schultern im Einklang mit den herzzerreißenden Schluchzern. Uios Brief, der neben der Fee unpassend groß wirkt, liegt auf Nathanaels Schoß.
Was soll er ihr auch schon groß sagen. Das alles wieder gut wird?
Eine Lüge. Uio wird Magier, irgendwo am anderen Ende des Ildorel, weit weg. Wer weiß schon wie lange seine Ausbildung dauern wird. Außerdem wie soll das denn mit den Beiden bitte funktionieren? Ein Mensch und eine Fee, die einander lieben - was für eine schwachsinnige Idee! Uio ist kein Heiliger, irgendwann wird er seine Lust mit einer Frau befriedigen wollen und dann soll ihm diese kleine Fee zu Willen sein, die einmal am Tag sich für ein paar Stunden in ein Wesen in Mädchengröße verwandeln kann? Man, man…kein Wunder, Kali, das du den beiden den Kontakt verboten hast. Vermutlich hätte ich das gleiche getan!
Doch alle diese Gedanken nützen nichts, um das Häuflein Elend auf seinem Schoß wieder zu beruhigen.
Seufzend fährt Nathan Zoe immer wieder über ihr flauschiges Haar. Das ist das einzige was er tun kann. Aruna, Kalis Sohn, sitzt vor seinen Füßen auf dem Boden. Ab und zu lässt er einen Ball hin und her Rollen, doch die meisten Zeit starrt er mit seinen nachtschwarzen Augen nach oben und blickt betrübt auf die Fee. Der Junge ist still und zurückhaltend. Kein Wunder, wie Nathan findet, vermutlich kann er sich nicht einmal mehr an ihn erinnern. Zwei Zwölfmonde sind eine lange, lange Zeit und schließlich sind es die Kinder, die einem auf erschreckende Weise die eigene Abwesenheit verdeutlichen.
Das Kali ihn hier einfach zurück gelassen hat? Dabei dachte ich immer Frauen hätten eine enge Bindung zu ihren Kindern. So kann man sich täuschen. Nachdenklich zuckt er mit den Schultern. Sei‘s drum, sie ist weg und seine Münzen und sein spärliches Hab und Gut, was er bei ihr zurück gelassen hat vermutlich auch. Um die Münzen geht es ihm nicht einmal, viel eher interessiert ihn der verbleib seiner Tasche und eines gewissen Steins, den man ihm anvertraut hat. Sein Verlust wiegt schwer, verdammt schwer. Doch noch gibt Nathan die Hoffnung nicht auf. Kali war sicherlich nicht so dumm seinen Besitz, ohne ihn vorher genauestens unter die Lupe zu nehmen, einfach im Nevisyoli zurück zu lassen. Vielleicht hat sie ja die Tasche samt Stein entdeckt und an sich genommen, ohne Zoe etwas davon zu erzählen.
Von Zoe erfahre ich nichts. Ich werde mich wohl also gedulden müssen.
Nathan seufzt erneut auf. Während seine rechte Hand die Fee so vorsichtig es ihm möglich ist an ihn drückt, zeichnet die andere ein Symbol auf das Laken – ein Dreieck, die eine Seite leer, die andere ausgefüllt.
Kali…
Gut und Böse ist eine Frage des Standpunktes

This post has been edited 1 times, last edit by "Nathanael" (Jan 26th 2013, 5:10pm)