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Lyall

Stadtbewohner

Posts: 458

Occupation: Magd

Location: Anwesen de Winter

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46

Sunday, January 27th 2019, 7:28pm

~ 28. Beerenreif 518 ~


Pure Geistesgegenwart und eine gehörige Portion Glück bewahren Lyall vor einer gebrochenen Nase, als sich Aneirin so plötzlich aufrichtet, dass sein Schädel nur wenige Sekhel entfernt von ihrem Nasenbein vorbei rauscht. Verdutzt blinzelt die Wargin sich den langsam weichenden Dämmerzustand aus den Augen, während ihr Freund stocksteif und unbeweglich wie eine Puppe vor ihr auf dem Boden sitzt und auf etwas zu starren scheint, das nur er sehen kann. Sie lässt ihm Zeit sich zu orientieren, begiebt sich derweil ihrerseits in einen bequemeren Schneidersitz und mehrere stille Minuten verstreichen, bis sie tatsächlich an einem Zucken seines Körpers sehen kann, wie ihn die bittere Erkenntnis einholt und wiederholt erschüttert. Strahlte sein Körper eben tatsächlich Ruhe und so etwas wie leichte Erholung aus, wurden diese Emotionen von erster Verwirrung bis hin zur Resignation abgelöst und seine erneut herabhängenden Schultern und der gramgebeugte Kopf sprechen ihre eigene Sprache.
Als er damit beginnt sein Bein, welches wohl während seiner Ruhephase eingeschlafen sein musste, zu reiben hat er wieder eine abweisende, barsche Aura um sich, sodass sich Lyall innerlich schon dagegen wappnet, nun bald einen cholerisch schreienden Aneirin beruhigen zu müssen.
Die Finger der Magd des Anwesens de Winter krallen sich angstvoll fest in den Saum ihres Hemdes und ihre Augen folgen jeder Bewegung von Aneirin auf's genaueste, als dieser wie von der Tarantel gestochen aufspringt und zuerst leicht humpelnd, dann jedoch immer forscheren Schrittes durch die Stube läuft. Wie ein gehetztes Tier wirkt er, angespannt und gereizt einen nicht vorhandenen Ausweg suchend.
Jeder Muskel in Lyalls Körper ist angespannt, da sie nicht einschätzen kann, ob sie nun bald fliegendem Porzellan wird ausweichen oder gar Aneirin davon wird abhalten müssen, sich selbst Schaden zuzufügen.
Sein zielloses, gar wirr anmutendes Umherwandern besorgt die Drachenländerin, doch sie wagt es nicht ihn jetzt aufzuhalten. Auf der einen Seite hat sie das Gefühl, dass das Umherlaufen eine Art Übersprungshandlung ist, die den Stress abzubauen imstande ist, welcher den Leib ihres Freundes unverkennbar peinigt, andererseits weiß sie nicht wirklich wie sie diesen vor Wut, Zorn, Trauer und Verzweiflung angefüllten Mann zum Stehen bringen soll, ohne ihn zu verärgern oder weiter zu reizen. Denn in seinen rastlos umherblickenden Augen funkelt es zunehmend wahnhaft fiebrig.

Gerade als sich die Wargin halbwegs an sein nervöses Umherirren gewöhnt hat, schwenkt er plötzlich zu ihr herum und lässt sich mit protestierend knackenden Knien vor sie auf den Boden fallen, dass sie ein erschrockenes Zusammenzucken nicht verhindern kann. Fahrig ergreift er ihre Hände und sieht sie so durchdringend an, dass sein Blick den ihren anzusaugen und festzuhalten scheint. >>„Was soll ich tun?“<<, kommt es nun ebenso flehentlich aus seinem Mund.
Seinen grünen Augen sind unendlich traurig, doch glimmt dort ebenso ein winziger Funke blank strahlender Hoffnung, die nur auf Lyall zu Fußen scheint. Auf ihr und der Antwort, die ihr Freund von ihr so sehnlichst erwartet. Ein dermaßen tiefes Flehen liegt in seinem Blick und ebenso eine Erwartung, gleich eine Art Wunder aus ihrem Munde zu hören, dass Lyall beschämt und betrübt die Augen senken muss, nur um jetzt auf seine Hände niederzublicken, die sich Halt suchend um die ihren geschlossen haben.
Was soll sie ihm nun raten? Was kann sie ihm sagen, was die Last auf seinen Schultern leichter zu werden vermag? Mit einem tiefen Seufzer entlässt sie die Anspannung, die sich nun auch in ihr aufgebaut hat und streicht mit ihren Daumen über seine Handrücken, wagt jedoch nicht aufzublicken. Stattdessen lässt sie ihren bernsteinfarbenen Blick über die angestaubte Einrichtung und die halbvollen Teller schweifen, kann nicht umhin die Wollmäuse unter dem kleinen Beistelltischchen zu bemerken und ihr sind auch nicht die Bartstoppeln auf Aneirins Gesicht entgangen.
Als sie erneut auf seine Hände blickt, beginnt sich langsam ein Gedanke in ihrem Kopf zu formen, von dem sie nur hoffen kann, dass ihr Freund sich darauf einlassen wird. Denn sie ist sicher, dass er das Haus nicht verlassen wollen wird und das müsste er so auch nicht. Sie beginnt zu sprechen bevor sie ihn direkt ansieht, da sie nicht sicher ist den Gedanken aussprechen zu können, während pure Verzweiflung in seinem Blick liegt.
„Wir werden etwas tun. Wenn dein Mädchen zurückkommt, darf es hier nicht mehr so unordentlich sein. Komm!“ sagt sie, steht schwungvoll auf und versucht ihn mit hochzureißen. Doch ihr Arm ruckt durch einen Widerstand gehalten zurück, und dieser Widerstand ist Aneirin. Aus seinen Augen spricht nun allerdings purer Protest sowie unverhohlener Trotz, allerdings hat sie mit diesem schon gerechnet. Ihre Finger entlassen die seinen aus der Umklamerung und sie versucht selbstsicher zu wirken, während sie zum Fenster mit den geschlossenen Läden hinübertritt und diese zu öffnen beginnt. Doch ihr Herz flattert nervös in ihrer Brust, da ihr Freund wie ein Geysir wirkt, dessen Ausbruch längst überfällig ist.
„Los doch! Erstmal müssen wir hier frische Luft hereinlassen!“, sagt sie zum Fenster hingewandt und stößt mit einem kräftigen Ruck die Läden beiseite. Helles Tageslicht und eine frische Brise flutet den Raum, sodass beide ihre Augen vor der blendenden Helligkeit zukneifen, doch gleichzeitig einen tiefen Atemzug der reinen Luft nehmen.
Wie sie erwartet, jedoch insgeheim nicht gehofft hat, hockt Aneirin weiterhin unbeweglich auf dem Fußboden und sein Blick spricht Bände, doch die Wargin lässt ihn nicht zu Wort kommen, sondern bückt sich nun ihrerseits, nimmt sein Gesicht in ihre Hände und sagt aufmunternd: „Und du? Du müsstest dich auch wieder rasieren! So kannst du nicht aussehen, wenn Brianna zurückkehrt. Sie wird ihren Papa gar nicht wiedererkennen!“ Ein gewinnendes Lächeln liegt auf ihren Lippen, doch so überzeugt, wie sie versucht auszusehen, ist sie selbst nicht.
Aneirin macht nicht den Eindruck, dass er sich wirklich dazu überzeugen lassen würde, aus seiner Höhle des Trübsinns hervorzukommen und sie könnte es ihm nicht einmal verdenken. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, auch wenn sie schon mal anfangen sollte ihre Gebete zu sprechen, denn Aneirins pulsierende Halsschlagader und die gespannten Nackenmuskeln, lassen auf kein gutes Ende hoffen...
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Aneirin

Stadtbewohner

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47

Saturday, April 27th 2019, 11:33pm

Ist sie eigentlich noch ganz bei Trost? Reißt die Läden des Fensters auf und selbiges dazu, einfach so aus dem Nichts heraus, dass er sich im ersten Moment mit zusammengekniffenen Augen abwendet und Lyall innerlich dafür verflucht. Eigentlich will er sie anfahren, was ihr einfalle, als sie sich zu ihm herunter bückt, doch sie lässt ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Er müsse sich mal wieder rasieren, meint sie, mit den Händen auf seinen Wangen und lächelt ihn dabei an. Er soll sich rasieren? Hat sie überhaupt verstanden, um was es hier geht? Um wen es hier geht? Wie soll ihm das Brianna wieder bringen?
Mehrere Herzschläge lang blickt er sie einfach nur ärgerlich an und beobachtet, wie sie immer krampfhafter versucht, das Lächeln aufrecht zu erhalten bis ihre Mundwinkel vor Anstrengung zu zucken beginnen. Unter anderen Umständen hätte Aneirin das sicherlich als amüsant empfunden. Doch hier und jetzt…
Er nimmt den grimmigen Blick nicht von ihr als er seine Hände hebt und sie fest um ihre Handgelenke legt. Da flackert etwas in ihrem Blick auf, was Aneirin zunächst als Unsicherheit deutet, doch als ihre Augen ganz kurz zu seinen Händen huschen und das Lächeln auf ihren Lippen erstirbt, ist ihm, als wäre es mehr als eine Unsicherheit. Hat sie etwa… Angst? Vor ihm?
Der Bäckermeister schließt die Augen und atmet tief durch und noch bevor er sie wieder öffnet, führt er Lyalls Hände so sachte wie es ihm in diesem Augenblick möglich ist, von seinen Wangen fort und gibt sie dann frei. Als er seine Augen wieder öffnet, sieht er die Wargin nicht an. Stattdessen wendet er sich ohne ein Wort zu verlieren von ihr ab und steht auf.
Rasieren… Sie hat sie ja nicht mehr alle. Warum noch mal hat er sie um eine Aufgabe gebeten? Das war nicht das, was er im Sinn hatte. Er schnaubt leise. Oder hat sie sich dabei etwas gedacht? Oder will sie nur Zeit schinden und ihn beschäftigen, während sie sich überlegt, wie sie Brianna finden können? Brianna wird es wohl herzlich egal sein, ob ihr Vater einen Bart trägt… Oder?
Aneirin hat keine Ahnung, was das soll, setzt sich aber schließlich in Bewegung und trottet äußerst widerwillig zur Treppe, um sich dann halt eben oben zu rasieren. Aber wehe, sie hat keine vernünftige Idee, wenn er damit fertig ist.

„Au…“, flucht Aneirin leise und senkt das Rasiermesser. Wütend funkelt er sein Antlitz im Silber an. War ja klar, dass es ihm beim letzten Zug noch passieren muss. Er donnert das Messer auf den Waschtisch und schnappt sich ein Tuch, Gesicht und Hals zu trocknen und drückt es anschließend auf die kleine, blutende Stelle.
Aus der Kommode zieht er eine frische Tunika und wirft sie neben die Getragene auf das Bett. Unwillkürlich huscht sein Blick dabei zu Briannas Kinderbett unter dem Fenster des Schlafzimmers. Ganz langsam geht er nach einem zögerlichen Augenblick auf das Bettchen zu. Davor bleibt er stehen und sucht mit seinen Augen jeden Winkel der Matratze ab, als müsse er nur lange genug ins Bett schauen und Brianna würde dann wieder darin liegen und alles wäre in Ordnung.
Mutlos sinkt seine Hand, die das Tuch immer noch gegen seine Wange drückt hielt, und schließlich er selbst auf das Fußende seines eigenen Bettes. Das Tuch fällt ihm aus der Hand als er beide Hände ans Gesicht führt, um eben jenes darin zu vergraben.
Avatar © 2013 liegt bei der wundervollen Azra

Lyall

Stadtbewohner

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48

Thursday, September 12th 2019, 9:10pm

~ 28. Beerenreif 518 ~


Unverhohlener Zorn blitzt ihr aus seinen Augen entgegen. Aufkeimende Wut brandet harsch gegen eine derzeit noch standhaltende seelische Mauer, die Aneirin noch davon abhält die Wargin herrisch anzufahren oder sogar wie von Sinnen lauthals zu schreien. Doch Lyall meint in seinem Blick zu lesen, dass diese Mauer aus Sympathie für sie und ihrer beider langer Freundschaft feine Risse bekommt, und langsam zu bröckeln beginnt. Es ist mehr als offensichtlich, dass er schwer mit sich zu kämpfen hat die Worte nicht auszusprechen, welche ihm auf der Zunge liegen. Die Drachenländerin weiß jedoch seine angespannte Körperhaltung sowie die verkrampften Gesichtsmuskeln sehr wohl zu deuten. Offenbar hatte sie sich etwas zu weit mit ihrer Ansprache – die eigentlich hätte ermutigend wirken sollen – aus dem Fenster gelehnt und den Halt verloren. Der Boden der Tatsachen nähert sich nun mit rasender Geschwindigkeit und es würde ein harter Aufprall werden.
Ihre Augen huschen über sein Antlitz, auf der Suche nach Hoffnung und einem Aufkeimen von Lebensmut, doch das unbarmherzige Tageslicht lässt seine fahle Haut aschgrau wirken, tief gefurcht von Sorgen- und auch Zornesfalten, die sich mit jeder Sekunde tiefer eingraben. Lyalls Knie beginnen zu schmerzen, sein Bart sticht ihr wie Dornen in die Handflächen und ihre Mundwinkel zucken unter der Anstrengung des erzwungenen Lächelns, doch sie merkt dies nur am Rande. Zu sehr ist sie damit beschäftigt aus der Haltung ihres Gegenübers zu lesen, seine nächsten Regungen vorauszusehen und darauf schnellstmöglich regieren zu können. Denn sie kann nicht umhin sich wie ein Kaninchen zu fühlen, welches vor Furcht erstarrt vor dem Fuchs kauert, verzweifelnd versuchend keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um eine fatale, todbringende Reaktion des Jägers herauszufordern. In seinen Augen brennt solch ein widernatürliches Feuer aus Wut und Zorn, dass es ihr schwerfällt ihren Freund Aneirin wiederzuerkennen.
Der Wargin ist durchaus bewusst, dass er in einer extremen Situation gefangen ist... einem schrecklichen Zustand aus auferlegter Untätigkeit und nervenaufreibender Ungewissheit... einem Warten auf vielleicht die schlimmste Nachricht, welche Eltern erhalten können. Bei Ea's Gnade... bewahre uns! Nichtsdestotrotz hatte sie in ihrer Naivität tatsächlich geglaubt ihn aus seiner Lethargie reißen zu können, ihm Hoffnung zu schenken und ihm eine Stütze zu sein. Stattdessen hatte sie Abwehr erzeugt und ihn wahrscheinlich zusätzlich aufgeregt. Doch Lyall kann... nein sie will auch nicht daran denken, dass jemand dem kleinen, süßen Mädchen etwas angetan haben konnte. Diesen schauerlichen Weg der Vermutung würden ihre Gedanken nicht gehen.

Als sich der Bäcker doch aus seiner Erstarrung löst und zu regen beginnt, zuckt Lyall vor Schreck zusammen, doch ihr bleibt fast das Herz im Leibe stehen, als seine kalten Finger sich wie Eisenschellen um ihre Handgelenke legen. Sein Griff ist fest, wirkt dadurch bedrohlich und ihr Lächeln erstirbt unter der eisigen Berührung. Nur mit viel Willenskraft kann sie sich gegen den ersten panischen Impuls ihres Körpers stemmen, sich ruckartig von ihm zu befreien. Es ist nur ein kurzer Moment in dem Furcht ihren Körper lähmt und Lyall nicht überrascht gewesen wäre, wenn er Lyall aus Verzweiflung geschüttelt oder zumindest aus vollem Halse seinen Gefühlen Luft gemacht hätte, sodass es in ihren Ohren nur so klingelte. Nein, sie rechnet tatsächlich schon fast damit, dass er seine Beherrschung verliert und ihre Muskeln spannen sich unwillkürlich an, um gegen alles was da kommen mag gewappnet zu sein. Aber auf dem Zenit angekommen, flaut die hoch aufgetürmte Welle aus überschäumendem Ärger plötzlich ab und rollt harmlos über sie hinweg, als ihr Freund den Blickkontakt plötzlich abbricht und kurz darauf auch ihre Hände freigibt.
Sein Haupt ist gesenkt und der blonde Vorhang aus Haaren verdeckt sein Gesicht wie ein Trauerschleier. Die Lethargie ist erneut in ihn hineingekrochen und lässt seine Schultern wieder hoffnungslos zusammenfallen. Da die Wargin es in diesem Moment nicht wagt Aneirin anzufassen, nutzt sie die Zeit um aufzuatmen. Allerdings lässt sie ihre Vorsicht nicht ganz fallen, denn echte Besorgnis ist ihr in die Glieder gefahren und lässt sie erschaudern. In seinen Augen lag eine solche Entschlossenheit und in seiner Umklammerung eine Kraft, dass es ihre Knie weich werden ließ.

Stumm bleibt sie am Boden hocken, folgt seinen steifen Bewegungen mit ihren bernsteinfarbenen Augen, während er sich vollends erhebt und lustlos in den ersten Stock schlurft.
Mit einem Stoßseufzer macht sie sich Luft; die Anspannung und Ratlosigkeit will sich jedoch nicht so leicht abschütteln lassen. Während sie dem Knarren der Bodendielen im Stockwerk über ihr lauscht und Aneirin herumwerkeln hört (offenbar ist er doch ihrer Bitte gefolgt und rasiert sich tatsächlich; Lyall kann es kaum glauben), steht sie mit vor Steifigkeit protestierend knackenden Knien auch vom Boden auf und setzt sich nun ihrerseits in den Sessel des Bäckers. Ihr Blick wandert zum Fenster und dann hinaus an einen ungewissen Punkt in der Ferne, während sie verzagt und erschöpft in das weiche Polster der Rückenlehne einsinkt. Ihr Kopf ist voller Gedanken, die sie nicht zu greifen vermag. Sie fühlt sich unsagbar leer und nutzlos, ist mit ihrem Rat am Ende. Alles was sie geben konnte, hat sie gegeben. Alles was sie sagen konnte, hat sie gesagt. Und doch weiß sie, dass es nicht reicht. Aneirin musste den ersten Schritt tun, die Hoffnung spüren, die sie ihm zu geben versucht und auch die helfenden Hände ergreifen, die ihm entgegengestreckt werden. Die Wargin kann sich jedoch vorstellen, wie alleine er sich trotz allem fühlen musste. Denn den Schmerz kann ihm keiner nehmen, er kann ihn nicht teilen oder abstreifen, wie eine Schlange ihre zu eng gewordene Haut. In seiner Seele und seinen Gedanken ist er so bitterlich alleine und da er niemanden an sich ran lässt, befürchtet Lyall ein böses Ende.
Verdrossen zieht sie ihre Lippen zwischen die Zähne und gibt sie wieder frei, kneift sich mit zwei Fingern in die Nasenwurzel und seufzt erneut laut auf. Sie hat wirklich Angst um Aneirin, von dem sie nicht gedacht hätte, dass er sich dem Strudel aus Trübsal und Bitterkeit jemals hingeben würde. Er wirkt ihr beinahme fremd. So kennt sie ihren Freund nicht. Aber die Situation, in der sich ihr Freund gerade befindet, ist einfach... unbeschreiblich schrecklich und die Wargin wüsste nicht einmal von sich selbst, wie sie an seiner Statt reagieren würde.
Ich würde vollkommen durchdrehen. Ich würde wahrscheinlich ebenso an meiner Trauer zugrunde gehen. Oh Ea...wenn Cináed etwas zustoßen würde... Ein Schaudern durchfährt ihren Körper und es fröstelt sie, trotz des angenehmen Lüftchens vom Fenster her. Wenn sie ehrlich ist, hat sie keine Ahnung was sie ihm noch raten soll. Geschweige denn, wie sie ihm noch helfen kann. Sie würde alles tun, um das er sie bat. Das hatte sie ihm versprochen und war mehr als selbstverständlich. Aber wenn es nicht reicht; wenn sie auch ihn enttäuschen muss? Sie hatte so selbstsicher von Hoffnung gesprochen, versicherte ihm, dass er nur vertrauen müsste... doch auf was? Auf sie? Wenn die Blaumäntel bis jetzt keine Spur hatten, wie konnte sie dann von Nutzen sein? Ich werde selbst nochmal die Stelle untersuchen, wenn er es möchte. Vielleicht finde ich ja doch etwas. Und wenn nicht? Wenn das letzte Fünkchen Hoffnung, welches sie so krampfhaft in ihm am Leben zu erhalten versucht, durch ihr Versagen in ihm erstarb? „Große Mutter, steh uns bei...“ Es würde schrecklich werden. Ein ums andere Mal. Bis...ja.. bis... Bis Brianna gefunden wird, natürlich., spricht eine stoische Stimme in ihrem Kopf und Lyall ist mehr als gewillt ihr aller Widrigkeiten zum Trotz zu glauben.

Jede bittere und verzweifelte Emotion, die sie sich vorstellen kann, hatte sich eben noch in diesem Raum konzentriert und die Drachenländerin will kurz die Augen schließen, sich für ein paar Minuten abschotten, um zu Atem zu kommen, da bemerkt sie, dass es im ersten Stock vollkommen still geworden ist.
Alarmiert springt sie auf und hätte dabei fast das kleine Tischchen mit der halbvollen Schale umgerissen. In zwei Sätzen ist sie am Fuße der Treppe und ruft ein unsicheres „Aneirin? Ist alles in Ordnung?“ nach oben, während sie energisch versucht den Gedanken eines blutüberströmten Rasiermessers an seinem Hals zu verdrängen.
Als nach ein paar rasenden Herzschlägen keine Antwort ertönt (ihr Blut rauscht so laut in ihren Ohren, dass sie sich gar nicht sicher ist, ob sie eine Antwort von ihm tatsächlich hören würde), erklimmt sie die ersten Stufen auf wackligen Beinen. „Aneirin? Ich... ich komme jetzt hoch.“
Wie ein Mantra wiederholt sich der Satz Mach nichts dummes, mach nichts dummes, mach nichts dummes... in ihrem Kopf, während sie Stufe um Stufe höher steigt und ihren unsicheren Gang mit schweißnassen Händen am Geländer zu stabilisieren versucht.
Das obere Stockwerk ist lichtdurchflutet, hier sind die Läden nicht vor die Fenster gezogen worden, sodass sie Aneirin nach kurzem umher schauen auf seinem Bett sitzend erblickt. Oh bei Ea... da bist du ja!, und sendet ein inneres Stoßgebet zu der großen Mutter. Ihre Schritte führen sie nun rascher zu ihm, auch wenn sie vorerst scheu an der Türschwelle zu seinem Schlafzimmer stehen bleibt und sich ihre nassen, zitternden Hände an ihren Hosenbeinen trocknet. Augenscheinlich fehlt ihm nichts, kein Blut ist zu sehen und das Rasiermesser liegt harmlos auf der Kommode. „Hier bist du also. Warum antwortest du nicht?“ Doch die Erleichterung hält nur kurz und ihr Herz wird fast augenblicklich wieder schwer. Das leere Bettchen und das Häufchen Elend vor ihr, treiben ihr die Tränen in die Augen und ihre Kehle schnürt sich schmerzhaft zu. Das Bild, das sich ihr bietet, ist einfach zu traurig. Sie möchte ihren Freund mit ihrem Kummer nicht noch verzweifelter machen und so weint sie im Stillen heiße Tränen, wischt sich dann ziemlich undamenhaft mit ihrem Hemdärmel über die Nase und schnieft leise, bevor sie sich wortlos neben ihn setzt. Sie hört sein Herz schmerzhaft schnell schlagen, doch an seinem Atem erkennt sie, dass er nicht weint. Wahrscheinlich ist er über diesen Punkt schon längst hinaus, an dem Tränen Erleichterung versprechen.

Mit traurig hängenden Ohren harrt sie an seiner Seite aus, lässt den Blick ziellos umherwandern (vermeidet jedoch zurück zu Briannas Bett zu schauen) und zupft abwesend den Kragen eines der neben ihr liegenden Hemden zurecht. Was soll sie nur sagen? Ihr fehlen die Worte für solch eine Situation. Sie muss sich eingestehen, dass sie überfordert ist. Und auch, dass sie eine Heidenangst hat Aneirin wieder wütend zu machen. Gerne würde sie ihn umarmen, sagen, dass alles wieder gut wird... aber das hat sie schon und es hatte keinen guten Ausgang genommen. Was, bei Eas grünem Blut, konnte nur mit Brianna geschehen sein? Was?
Hatte sie sich verlaufen?
Doch die Wargin glaubt nicht, dass das kleine Mädchen sich freiwillig von ihrem Vater entfernen würde.
Wurde sie aus dem Wagen geschleudert und lag bewusstlos im Wald?
Nein, die Späher und Gardisten hätten sie längst gefunden.
Und wenn sie eine Kopfverletzung sowie einen Schock erlitten hatte und dadurch verwirrt und ängstlich in den Wald gelaufen war?
Auch unwahrscheinlich. Kaney hätte ihre Spur sicher gefunden.
Aber was kann passiert sein, dass jemand spurlos verschwindet? Ohne einen Hinweis auf den Verbleib zu hinterlassen?
Das kann niemand. Wer soll so etwas können? Vor allem kein kleines unbedarftes Mädchen.
Kaum hat sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, da erstarrt sie und ihr wird heiß und kalt zugleich. Ein kleines Mädchen würde dies nicht können. Aber jemand der magiebegabt ist könnte dies durchaus. Kann es wirklich sein, dass jemand die Bewusstlosigkeit Aneirins sowie die Hilflosigkeit des Mädchens absolut skrupellos ausgenutzt hatte?
Übelkeit steigt in ihr auf, sodass sie geräuschvoll schluckt, um den plötzlich bitteren Geschmack aus ihrem Mund zu vertreiben. Ihre Hände ballt sie immer wieder zu Fäusten, denn jegliches Gefühl ist aus ihnen gewichen. Schlussendlich sind ihre Gedanken doch den schwarzen Weg gewandert und zeigten ihr Schreckensbilder, die sie erschaudern lassen. Sie will diesen Gedanken nicht in ihrem Kopf haben, will ihn nicht aussprechen oder ihren Freund damit noch mehr verunsichern und doch bahnen sich die Worte unaufhaltsam einen Weg über ihre Lippen. Als müsste sie diesen Gedanken ausformulieren. Denn tief im Herzen hofft sie, dass Aneirin ihr, allein schon aufgrund der Abwegigkeit dieser Überlegung, wehement widersprechen und somit ihre Beführchtung zerschlagen wird. Mit bleichem Gesicht und starrem Blick flüstert sie kaum hörbar in den Raum hinein: „Was, wenn sie entführt wurde?“
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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