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Arwen

Stadtbewohner

Posts: 1,147

Occupation: Hohepriesterin der Anukis

Location: Vinyamar

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91

Sunday, July 21st 2019, 6:31pm

Erst tut ich nichts in Aneirins Geist, absolut nichts. Einmal abgesehen davon, dass er sich unter dem Lied innerlich zu entspannen beginnt. Das ist zwar auch so etwas wie ein Erfolg, aber nicht der, auf den Arwen gehofft hat. Dann, nach und nach mischen sich Bilder unter das Lied. Männer und Frauen zusammen um ein Feuer über dem ein Kessel hängt. Er muss jemanden getroffen haben, mit dem er ein Stück zusammen gereist ist, Leute mit denen er zusammen für die Nacht gelagert hat. Freude ist zu spüren, Begeisterung, die Liebe zu seiner Tochter und die Freude an ihrer Freude.
Dann endet das Lied, die Bilder versiegen und der junge Mann versucht sofort, sie mit Gewalt festzuhalten und nach mehr zu suchen. Wie schon zuvor muss sie den Freund ermahnen, es nicht mit Gewalt zu versuchen sondern sich auf das Atmen zu konzentrieren und sich wieder zu entspannen. Aneirin versucht es auch, doch es gelingt ihm nicht wirklich. "Ganz ruhig, Aneirin. Wir geben noch nicht auf. Ich gebe noch nicht auf", versichert sie ihm mit sanfter Stimme. "Sing weiter, egal was, es muss nicht das selbe Lied sein. Sing, was immer Dir in den Sinn kommt. Es beruhigt Dich und entspannt Deinen Geist. Dann kann ich es wagen, tiefer zu suchen." Hoffnung klingt offen in ihrer Stimme mit, denn eben war da genau das, worauf sie gehofft hatte: Zwischen den aufkommenden Erinnerungsfetzen begann sich eine Art schimmernder Pfad zu bilden, wie Mondlicht auf nebelfeuchtem Gras. So wie damals, als Calyras Lieder für sie einen Pfad zur Seele von Melaína gezeichnet hatte, vorbei an den Schatten und dem Grauen der Erinnerungen.

Sie kann Aneirin das Zögern ansehen, das sie im selben Herzschlag auch spürt, ehe sich sein Geist im nächsten fast schon verbissen zur Hoffnung zwingt. Nach einem Moment nickt er ein wenig abgehackt und Unruhe huscht wie ein Schwarm Irrlichter durch seinen Geist, als er nach einem Lied sucht. "Nicht nachdenken, Aneirin, es geht nicht um Verstand. Hör auf Dein Herz, sing, was immer Dir in den Sinn kommt. Tanzlieder, Kinderlieder oder auch Briannas Schlaflied, ganz gleich was."

Es dauert nur wenige Augenblicke, dann beginnt der junge Bäckermeister zu singen. In dem Maße, wie er sich einfach der Melodie und der Musik überlässt, gewinnt seine Stimme an Kraft und Intensität, so wie das Herz eines Kranken mit der Genesung an Kraft gewinnt. Und dann kommt eine bisher nicht erreichte Ruhe über seinen Geist und er öffnet sich der Elbin jetzt wirklich. Silberhell, klar wie Glas und rein wie frisch gefallener Schnee weben Töne und Worte einen Pfad, der sie verbindet und es der Priesterin erlaubt sich losgelöst von seinen Erinnerungen im Geist Aneirins zu bewegen. Die Worte des Liedes sind nicht wirklich von Bedeutung, ihr Klang ist es. Arúen hat ihre Augen noch immer geöffnet du auf Aneirins Gesicht gerichtet, doch ihr Blick geht auf einen unbestimmten Punkt in der Unendlichkeit, in der Unendlichkeit von Seele und Geist eines vertrauten Freundes. Bilder flackern auf, mischen sich mit Gefühlen. Einige sind so schnell wieder verschwunden, wie sie auftauchen. Andere festigen sich, werden klarer und intensiver.

Da ist ein fahrender Händler, mit zwei schweren Zugpferden vor dem Wagen. Ein gedrungener Mann mit freundlichem Lächeln und offenen Augen, der Vater und Tochter zu sich winkt und dann Brianna hilft, zu ihm auf den Kutschbock zu klettern. Erschöpfung wandelt sich in Erleichterung, als die unerwartete Mitfahrgelegenheit sich in Bewegung setzt.
Dann ist da wieder der Lagerplatz, die Runde am Feuer und Aneirin hat die Laute in der einen Hand und Brianna im anderen Arm. Entspanne Freude, dann Staunen und etwas, das sich wie Unglaube anfühlt als die Mitlagernden auf ihn einreden. Brianna, die begeistert auf und ab springt und heftig nickt.
Ein anderer Tag. Es ist sonnig und warm. Viele Leute in festlicher Kleidung, alle sind fröhlich, es wird getanzt und gelacht. Auch Aneirin spielt und singt, tanzt und lacht. Brianna strahlt ihren Vater glücklich an. Der für Aneirin früher so typische Frohsinn überstrahlt diese Erinnerungen.
Plötzlich ist da eine andere Erinnerung, die das fröhliche Fest verdrängt. Eine Frau mit langem, braunem Haar. Sie lächelt Brianna an und redet mit Aneirin, doch der ist schlagartig alles andere als fröhlich und in Feierlaune.

An diesem Punkt beginnt Arúen, sich wieder aus dem Geist Aneirins zurückzuziehen, langsam und behutsam und in dem Maße, wie das Lied sich dem Ende nähert. Als der letzte Ton verklungen ist, gehrt Aneirins Geist wieder ihm ganz alleine. Für einen kurzen Moment liegt Schweigen zwischen ihnen beiden, doch es ist kein unangenehmes Schweigen. Da sie sich vorstellen kann, wie ungeduldig der Freund wissen will, ob und was sie gefunden hat, beginnt sie zu erzählen und zu beschreiben, was sie gesehen hat und welche Gefühle für Aneirin mit den Bilder verbunden gewesen sind.
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Aneirin

Stadtbewohner

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Occupation: Bäcker

Location: Talyra

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92

Monday, July 29th 2019, 11:07pm

Aneirin spürt wie Arúen sich ganz behutsam aus seinem Geiste zurückzieht und schlägt die Augen auf, unterbricht seinen Gesang dabei aber nicht. Obwohl die Hohepriesterin sich nicht rührt, hat er das Gefühl, sie entferne sich ein ganzes Stück von ihm und seine Hände mögen die ihren für einen Augenblick etwas fester halten. Er will sie nicht aufhalten und doch es fühlt sich der Moment ihres Rückzugs aus diesem intimen Beisammensein an, als würde sie ihn im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Und allein möchte er doch schon lange nicht mehr sein.
Ein Hauch Bedauern schimmert in seinen Blick als sich schließlich auch ihre Hände von einander lösen. Doch als er sich bewusst wird, was Arúens Rückzug aus seinem Geiste bedeuten könnte, ist das Bedauern rasch vergessen und weicht intensiver Aufmerksamkeit, die nun umgehend wieder auf ihr ruht. Seine Ungeduld kann er kaum verbergen, während er darauf wartet, dass Arúen ihm erzählt, was sie an Erinnerungen gefunden hat.
Kaum dass Arúen begonnen hat, ihm von den Bildern und den wahrgenommenen Gefühlen zu erzählen, steht er auf und schlendert grübelnd durch den Raum, während er still ihren Worten lauscht, ohne sie zu unterbrechen, und sich gleichzeitig versucht an die von ihr beschriebenen Szenen zu erinnern und somit ihren Worten zu folgen.
Er erinnert sich, so glaubt er zumindest. Die Bilder, die sie beschreibt, tauchen erneut in seinem Geiste auf, setzen sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Der Lagerplatz am Rande des Frostwegs, das gemeinsame Singen mit bisher unbekannten Männern und Frau, Brianna, tanzend und lachend. Schließlich fragt Helmar ihn, ob er nicht auf seiner Hochzeit singen könne, denn der, den sie eigens für diesen Tag angefragt hatten, ‚Der ist die nächsten Tage nicht zu gebrauchen. Kotzt und scheißt sich die Seele aus dem Leib…‘ Und die Hochzeit sei schließlich schon in zwei Tagen.
So in Gedanken versunken hat Aneirin noch gar nicht bemerkt, dass Arúen mit ihrem Bericht schon längst geendet hat und schweigend wie geduldig auf eine Reaktion seinerseits wartet. Ebenso wenig, dass er mit verschränkten Armen vor einem Gemälde stehen geblieben ist und es anstarrt, ohne es tatsächlich zu sehen.
„Brianna hatte so viel Spaß auf der Hochzeit“, murmelt er schließlich halblaut und gedanklich noch tief in seinen Erinnerungen.
„Hochzeit?“
Von Arúens Stimme aus seinen Gedanken gerissen wendet er sich zunächst ein wenig zerstreut zu der Shida’ya um und mustert sie, während er seine Gedanken rasch zu ordnen beginnt. Natürlich kann sie noch nicht wissen, was er unlängst erinnert hat.
„Ja… Sie baten mich darum auf dieser Hochzeit zu spielen und zu singen. Es hätte aber bedeutet, ein paar Tage später heimzukehren, so kurz vor dem Ziel, weswegen ich Brianna die Entscheidung überließ. Natürlich wollte sie…“, lächelt Aneirin bei der Erinnerung an Briannas Begeisterung. Und Helmar, der Bräutigam, war ihm sogar augenblicklich um den Hals gefallen, so erleichtert ist er gewesen.
Arúens Stimme klingt sanft als sie vorsichtig nachfragt: „Und erinnerst du dich, wo diese Hochzeit stattgefunden hat?“
Etwas wie ein zögerliches, kaum merkliches Nicken ist für die nächsten Herzschläge Aneirins einzige Antwort, während er in seinem Geiste nach entsprechenden Erinnerungen sucht, um seine Eingebung zu bestätigen, ohne, dass ihm etwas Konkretes in den Sinn kommen will. Und doch glaubt er, es zu wissen und erwidert ihr trotz fehlender Erinnerung mit fester Stimme:
„Findmor.“
Avatar © 2013 liegt bei der wundervollen Azra

This post has been edited 1 times, last edit by "Aneirin" (Jul 30th 2019, 9:42pm)


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