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Lyall

Stadtbewohner

Posts: 458

Occupation: Magd

Location: Anwesen de Winter

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361

Sunday, July 2nd 2017, 7:43pm

~ im Blätterfall 516 ~

Als ihre Pfoten die Wargin wieder zurück auf die Lichtung tragen ist Lyall so voller Begeisterung und Euphorie, dass sie gar nicht gleich anhalten kann, sondern in einem immer langsamer werdendem Trab einen großen Bogen über die lichte Grasfläche läuft, einen Halbmond um Cináeds mittlerweile im Gras liegende Gestalt ziehend. Ihr Herz schlägt kräftig in ihrer Brust, nicht nur wegen dem langen Lauf, sondern vor allem wegen der immer tiefer reichenden Zuneigung für ihren Gefährten. Die letzten Stunden waren wie ein wunderschöner Traum gewesen, den die Wargin mit offenen Augen hatte träumen dürfen. Dieser Lauf hatte sie noch enger zusammengeschweißt und ihr offenbart, dass ihr Gefährte und sie sich auch ohne nur ein Wort zu sprechen verstehen, selbst wenn sie gewandelt ist. Sie waren in vollkommenem Einklang gewesen, hatten die Schönheit der Natur zusammen genießen können und Lyall hatte sich noch mehr darin bestätigt gefühlt, dass dieser Mann zu ihr gehörte, wie sie zu ihm. Er war wie ihr Schatten gewesen, und sie wie seiner, eine Einheit, eine Seele.

Als sie zu ihm aufschließt und in sein erschöpftes, aber zufrieden lächelndes Gesicht blickt, kann sie nicht anders, als kurz leise zu winseln, um ihm dann mit einem liebevollen Lecken quer über sein Gesicht, ihre Liebe zu beweisen. Lachend wehrt er sich gespielt, dreht seinen Kopf zur Seite, damit sie ihn nicht erwischen kann, während sie einen Schritt zurück macht und ihn erneut ansieht. Vereinzelte Sonnenstrahlen durchbrechen das Blätterdach mit goldenen Fingern, welche sich in den rauchgrünen Augen des Elben spiegeln und diese wie von Funken sprühen lassen. Sein Lächeln wird abermals breiter, als er bemerkt, dass sie ihn mustert und verschmitzt zwinkert er ihr zu, während er seine Arme hinter seinen Kopf verschränkt und sich bequemer hinlegt. Sie kann sich jeden Tag neu in Cináed verlieben, jeden Tag etwas an ihm entdecken, was ihn aufregend und noch liebenswerter macht. Die Wargin hätte nie gedacht, dass ihr diese einzige und wahrhaftige Liebe jemals zuteil werden würde und doch... hier ist sie, liegt vor ihr im sich sanft wiegenden Gras der Lichtung.
Ein kurzes Wedeln mit ihrem Schwanz und ein Nasenstüber später, hat sie es sich auf Cináeds Brust bequem gemacht, blickt ihn aus großen Wolfsaugen an und winselt so herzerweichend, dass er beginnt über ihren Kopf zu streicheln und Lyall damit augenblicklich in den siebten Himmel emporschießt. Wäre sie eine Katze, würde sie laut schnurrend ihr Wohlgefallen bekunden, doch als Wolf beschränkt sie sich darauf aus halb geschlossenen Augen auf ihren Liebsten zu blicken und dann und wann ihren Kopf in sein Hand zu drücken. All zulange bleibt sie jedoch nicht auf ihm liegen, da sie als Schattenwolf doch ein recht beachtliches Gewicht hat, sondern lässt sich zögerlich herabgleiten, während sie ihre Rückwandlung beginnt. Diese geht wesentlich schneller von statten und nur ein paar Augenblicke später liegt Lyall neben ihrem Elb, kuschelt sich an ihn, ihren Kopf auf seine rechte Schulter gebettet.
Keiner von beiden spricht ein Wort, wagt diese stille Zweisamkeit zu durchbrechen. Lyall lauscht dem Atem des Elben, wie sein Blut durch deinen Körper pulsiert und stellt sich vor, dass ihre Herzen im Einklang schlagen, während sie mit ihrem Zeigefinger auf Cináeds Brust das Schattenmuster des Blätterdachs über ihnen nach malt. Ewig hätte sie so liegen können, ihrem Liebsten und den Vögeln über ihnen lauschend, doch langsam aber stetig zieht die Dämmerung herauf und mit ihr eine klamme Feuchtigkeit, die sich nach und nach als Tau auf den Halmen der Gräser um sie herum absetzt. Doch noch ist die Wargin nicht gewillt diesen stillen Ort, der gerade nur ihnen allein gehört, zu verlassen und die Zeit, die ihr hier mit Cináed bleibt möchte sie voll auskosten. Vorsichtig nimmt sie seine linke Hand in ihre Rechte, hebt sie auf ihre Augenhöhe an und zieht die feinen Linien auf seiner Handfläche mit ihrem Daumen nach, fährt über die Handballen und verschränkt ihre Finger dann kurz mit den Seinen. Wie viele Jahre diese Hände schon arbeiten, was sie alles berührt und erschaffen haben mögen? Wie zärtlich, aber auch kraftvoll und mächtig sie sein können? Versonnen dreht sie seine Hand, löst ihre Finger, streicht über die grimmigen Narben an seinem Handgelenk, bevor sie einen Kuss in seine Handfläche drückt. Nie wieder soll er allein seelische Lasten tragen müssen und daran fast zerbrechen. Sie will versuchen für ihn da zu sein, so gut sie kann. Jeden Tag. Jede Minute, jede Sekunde.
„Cináed...“, haucht sie seinen Namen in die abendliche Stille. „Cináed...ich...“, wiederholt sie erneut, hebt ihren Kopf, damit sie ihm in die Augen sehen kann. „Ich möchte nicht mehr ohne dich sein. Ich... ich möchte...neben dir einschlafen... und aufwachen. Möchte an deinem Leben teilhaben und immer für dich da sein... Nicht nur zeitweise und auf Distanz. Wenn... wenn du das natürlich auch möchtest.“ Forschend blickt sie ihn an, doch er antwortet nicht gleich bemerkt er doch, dass Lyall noch etwas auf dem Herzen hat.
„Ich... sorge mich aber auch um Lady Aurian, Avila und Apfelgribs. Wenn ich gehe... was wird dann mit der Arbeit? Wer soll ihnen dann helfen? Und... nun... es sind doch meine Freundinnen... Würde ich sie nicht im Stich lassen? Ich habe Angst, dass sie... sich dann irgendwie...wie soll ich das sagen...gekränkt fühlen?“ Und dann nichts mehr mit mir zu tun haben wollen..., denk sie sich im Stillen, spricht es jedoch nicht aus. Sie hofft, dass ihr Gefährte die Zwickmühle, trotz ihrer holprigen Erklärungsversuche, versteht.
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

Avatar © by Niniane :soppy:

This post has been edited 2 times, last edit by "Lyall" (Jul 3rd 2017, 4:23pm)


Bryja

Stadtbewohner

Posts: 9

Occupation: Tochter

Location: Steinfaust

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362

Friday, September 15th 2017, 10:27am

Mitte Goldschein - Irgendwo im Larisgrün

> Es ist in Ordnung. Wenn du weinen musst, dann wein. Ich werde es keinem verraten. Versprochen.< Sie glaubt Brenainn ohne groß darüber nachzudenken; wenn sie die Zeit hätte, sich darüber Gedanken zu machen, würde es sie vermutlich erstaunen. Aber sie kann die Ernsthaftigkeit hinter seinen Worten und die Vorsicht, mit der er sie an der Schulter berührt, als das erkennen was sie sind und fühlt sich tatsächlich gleich besser. Das blonde Mädchen schluckt den Kloß in ihrem Hals herunter, blinzelt die Tränen fort und versucht sich dann an einem Lächeln. „Danke Brenainn. Aber ich will nicht weinen; es hilft ja doch nichts.“
Für einen Moment sehen die beiden sich einfach nur an, ehe Bryjas noch etwas bemühtes Lächeln auch auf Brenainn überspringt. Sie kann spüren, wie die Anspannung, die den Jungen noch kurz zuvor ergriffen hatte, abflaut. Es erleichtert das Mädchen ungemein das sie es gerade noch geschafft hatte, nicht loszuheulen. Denn das letzte was Bryja wollen würde, wäre die Tatsache, dass der junge Blutaxt- Spross sie mit verheultem Gesicht in Erinnerung behält. Vor allem wenn ich in wenigen Wochen in den Inari- Tempel wechseln soll. Dieser Gedanke kommt unerwartet und weckt erneut die Erinnerungen an den Streit den sie deswegen am Morgen mit ihrem Vater gehabt hatte. Sie erwartet beinahe, dass die Wut und die Verzweiflung die sie mit Lamm in den Wald getrieben hatten wieder hochkommen, doch zu ihrem eigenen Erstaunen bleibt sie ruhig. Oh.

Brenainn, der ihrem Mienenspiel aufmerksam gefolgt ist und doch nichts von ihren Gedanken ahnt, reißt sie schließlich mit einem kleinen Räuspern aus ihren Überlegungen. >Lass uns aufbrechen. Möchtest du auf Merlin aufsteigen?< Für einen Augenblick ist sie versucht, sein Angebot anzunehmen, aber dann schüttelt sie den Kopf. Das Bild der geretteten Dame die von ihrem Recken auf seinem Pferd heimgeführt wird, erscheint ihr für diese Situation doch etwas kitschig und zu viel des Guten. Der Junge nimmt ihre stumme Antwort genauso stumm mit einem kurzen Nicken entgegen und führt sein Pferd neben Lamm. >Wir müssen dort entlang.<
Als sie nach etwa zwei Minuten schweigendem Gehen erst auf einen breiteren Weg stoßen, sich dort nach rechts wenden, um nach weiteren fünf Minuten auf die große Straße einzubiegen, möchte Bryja am Liebsten im Erdboden versinken. Das hätte sie wirklich selbst schaffen sollen. Das Mädchen wirft Brenainn einen raschen Blick zu, aber der Junge wirkt lediglich aufmerksam. Wenigstens rollt er nicht mit den Augen über meine Dummheit… oder wenn, tut er es nur innerlich.
Sie kommen gut voran und jetzt wo sie dank der Breite der Straße nebeneinander herlaufen können, versucht Bryja krampfhaft sich Themen zu überlegen, über die sie sprechen könnten. Doch so sehr sie sich auch bemüht, ihr will beim besten Willen nichts einfallen, von dem sie glaubt, dass es Brenainn interessieren könnte.

363

Thursday, April 4th 2019, 11:51pm

Eines eisig kalten Morgens, spät im Siltha, im 518. Jahr des V. Zeitalters ... vom Pfirsich aus Talyra herkommend:

Dar hatte sich wohl vorgenommen früh aufzustehen und zum Faêyris-Tempel zu gehen, Bittertrank nicht warten zu lassen. Doch offensichtlich hatten Bittertrank und Dar unterschiedliche Vorstellungen davon, was f r ü h genau meinte. >Dar!< – „…“ – >DAR!< „Hm?“ – >Besuch, im Hof!< Sich mit einem Birkenzweig die Zähne reinigend stapft Gurvan indest stumm wieder die Treppe zur Küche hinauf, derweil Dar sich ob der verspürten Müdigkeit ernstlich fragt, ob der Mensch schon aufgestanden ist, oder sich nicht vielmehr bettfein erst macht. Doch auch das hat man ihn von früh auf gefragt: Wenn wer nach einem Heiler verlangt, hat man kein Recht sich die Decke wieder über den Kopf zu ziehen und auf später das Gegenüber zu vertrösten. Also, grummelnd und leise fluchend, quält sich der Fro'gar aus dem viel zu warmen weichen Bett, gönnt sich eine kurze Wäsche an der am Abend noch von ihm bereitgestellten Waschschüssel um darauf frieren, ernstlich wach und lauter fluchend sich die für den kommenden Tag auch bereitgelegte Kleidung überzustreifen. „Wie spä-“ beginnt er, die Küche betretend, wie Annest gewandt, die indes nicht minder schlaftrunken noch nicht einmal das Feuer im Ofen wieder angefacht habend, mürrisch ihn unterbricht. >Die Stunde der Gefangenen ist noch nicht mal um und wenn ich nicht zu wohlerzogen wäre schlecht über Priester zu sprechen … Du solltest wirklich mehr Wert auf deine Gesellschaft legen!< murrt Annest um ob der Absurdität des soeben Gesagten dann plötzlich doch in ein heiteres Gelächter auszubrechen. >Du weißt wie ich es meine.< erwidert die alte Köchin schmunzelnd, doch Dar kann nicht umhin, mit seinem typisch sardonischen Lächeln traurig den Kopf zu schütteln. „Ich fürchte, das Heiler, schon von Berufswegen, keinen Deut besser sind, in dieser Beziehung!“ Eine ob dieser Worte reichlich nachdenklich zurücklassende Annest zurücklassend, die sich nun doch noch dem erkalteten Ofen umwendet, tritt Dar durch den Flur in den Hinterhof hinaus, nur um neben der angekündigten Enttäuschung, Bittertrank, zwei weitere unerwartete, wie weit weniger liebsame Überraschungen noch zu erblicken!

„Pferde?“ Bittertrank lacht im Dunkel der Nacht vergnügt. >Aber nicht doch! Das sind Ponys n-< „Ich laufe!“ >Nein, Herr Zwerg, das wirst du nicht.< Leise, freundlich, ja beinahe schon eine Spur zu vergnüglich antwortet Bittertrank dem sich nun gleich dreimal mehr zurück in sein weiches warmes Bett zurückwünschendem Zwerg. – „Ich kann nicht reiten!“ – >Dann fängst du heute Nacht an es zu lernen!< – „Ich bin zu schwer, bin ein Steingeborener, ich …“ – >Dagda ist ein halbes Kaltblut Nachkomme starker Rückepferde, Dagda kann dich tragen und< – „Aber“ – >Keine Widerrede!< Plötzlich schwingt ein schneidender kalter Ton in Bittertranks Stimme mit, eine Autorität, die Dar so bisher an dem sommersprossigen verwilderten Rotschopf nie erlebt,noch diesem auch nur im Entferntesten zugetraut hätte. „… und wie genau komm ich da rauf?“ Bittertrank lässt sich aus dem Sattel gleiten, tritt neben Dar und führt ihn an das für ihn gedachte Pony, ihm dabei einen kleinen Apfel in die Hand drückend. >Als erstes einmal stellt ihr beide euch anander anständig vor. Danach üben wir das Aufsteigen, bis ich es zufrieden bin. Danach dann reiten wir los.< und etwa versöhnlicher noch: >Als Heiler wirst du schnell zu den kranken müssen. Dies ist ein Prüfung, die zwar nicht die Schule, wohl aber das Leben abverlangt. Bestehe sie oder lasse in Zukunft Andere für dein Unvermögen leiden, schlimmstenfalls sogar sterben.< Mehr braucht es nicht Dars Widerspruch gänzlich zum Verstummen zu bringen.

Die Stunde der Jungfrau war schon reichlich fortgeschritten, als Dar und Bittertrank, eine Schar schallend lachender Pfirsichbewohner im Hinterhof hinter sich zurücklassend langsam gen Nordtor reiten. >Bittertrank, bist du das?<>Aye-aye Airetach … ich und Dar, ein Schüler des Tempels.< Wache Augen schauen Dar entgegen. Eine Geste verlangt die selbst zu dieser frühen Stunde tief in die Stirn gezogene Hutkrempe anzuheben. Ein scharfes Einatmen zeugt von der Wirkung des von einer nahen Fackel ihm in die Augen strahlenden Lichts, respektive dessen Reflexes. Doch scheint Dar angekündigt gewesen zu sein, weswegen ab dieser unkontrollierten Reaktion keine weiteren Anfeindungen erfolgt. Der Kommandant oder ist es doch eine Kommandantin eher, befieht die Mannpforte zu öffnen. Der Stimme nach ist es eine Frau, dem Äußeren nach hingegen… aber egal! Kaum sind sie durch das Tor, dimmt Bittertrank seine Laterne und träufelt sich etwas in die Augen. >Schwarze Tollkirsche, für die restlichen Nachtstunden.< Danach muss Dar den leichten Trab (und das richtige Stürzen) und darauf dann (sturzfrei und irgendwie leichter gar) den Galopp erlernen, bis sie zwischen die ersten Bäume kommen und – sehr zu Dars Erleichterung bald zu Fuß, die Ponys führend, zwischen mächtigen Stämme einherschreiten. Fortwährend erklärt Bittertrank dem Zwergen, was der Wald – selbst zu dieser kalten, wie dem Winter immer näher kommenden Jahreszeit so alles bereit hält. >Wenn dich der Hunger in der Wildnis plagt, kannst das Innere dieser Pflanze essen – LEG DAS MESSER WEG! Ich sagte, wenn dich der Hunger, sprich die Not plagt.< „Aber wenn ich jetzt schon koste, wissend die richtige Pflanze vor mir zu haben, kann ich auch am Geschmack später erk- was?“ Irritiert betrachtet Dar den kopfschüttelnden Kräuterkundigen. „Bin ich denn nicht hier um zu lernen?“ Schwer seufzt Bittertrank! >Vielleicht sollte ich dich als Erstes den Respekt vor der Natur lehren, ehe du noch aus lauter Arroganz einen Waltschrat oder eine Dryade gar, wider dich aufbringst.< – „Einen was oder eine was?“ Nun endgültig fassungslos blickt Bittertrank auf den Zwergen hinab. >Du scherzt!< – „Nein?“ und so kommt es, das Dar, das Messer nicht mehr anrührend, an diesem Morgen nicht nur von Heilpflanzen, -erden, -mineralien und auch nützliche Insekten und sonstigen Tieren erfährt, gräbt, aber nicht ausgräbt, findet, aber nicht einsammelt, riecht und schmeckt, aber nicht probiert, von Wesen schließlich auch erfährt, die er, erzählte ihm nicht ein allseits respektierter Priester mit ernster Stimme davon, entweder für Ausgeburten einer allzu blühenden Phantasie, oder aber als sich für etwas anderes ausgebende Dämonen wohl nur gehalten hätte.

Als schließlich die Sonne über die Baumkronen sich erhebend zu ihnen herab strahlt, Dar und Bittertrank gönnen sich gerade ein ausgiebiges Frühstück, runzelt der Wirrschopf plötzlich die Stirn. >Wir sind nicht mehr alleine!< wispert der Priester leise. „Schrate, oder Dryaden vielleicht?“ Dar kann sich eine leise Faszination ob des bis dhierhin Vernommenen nicht verkneifen, doch Bittertrank schüttelt nur kaum merklich den Kopf, ewidert leise: >Wenn ja, würden wir beide sie sicherlich nicht bemerkt haben, noch sie die Vögel zum Verstummen bringen!< Und tatsächlich: Als Dar und Bittertrank schließlich zum Frühstück innehaltend sich niedergelassen hatten, war der stets in einer gewissen Entfernung verbliebene Gesang der Waldvögel näher und näher gekommen, bis ein regelrechtes Morgenkonzert um sie herum erklungen war. Nun aber: Stille, um nicht zu sagen, Totenstille… Ganz langsam greift Dar sich in eine Tasche, dabei möglichst unauffällig, wie weiter zu Frühstücken vorgebend und holt erst die Schleuder und dann einen schweren Flusskiesel hervor. „Gibt es hier gefährliche Tiere?“ Bittertrank erwidert Dars leise Frage mit einem bitteren Lachen. >Ja, aber was im Wald lebt, würde die Tiere nicht so vollständig zum verst-< ein leises Rascheln in Dars Rücken lässt Dar nur mit Mühe ein erkennbares Zusammenfahren unterdrücken. >Deine Waffe ist bereit?< Dar nickt schwach. – >Dann halte dich bereit<, flüstert Bittertrank um lauter dann zu vermelden, >Muss mal austreten. Bin gleich wieder da.< und – vom dem verdächtigen Rascheln in Dars Rücken fort – nach links zwischen zwei mächtige Baumstämmen zu verschwinden.
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

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364

Sunday, April 7th 2019, 10:18am

Wie auf glühenden Kohlen harrt Dar der weiteren Ereignisse, sich dabei sehr wohl gewiss seiend, das ihm kein halbwegs aufmerksamer Beobachter den unbekümmerten Zwergen gerade abnehmen dürfte. Doch noch immer umschwebt eine eisige Stille die kleine Lichtung, auf der Bittertrank und er sich für eine kleine Rast niedergelassen hatte. Dann plötzlich erklingt ein Laut, beinahe wie das Quieken eines abgestochenen Schweins, doch noch bevor der Zwerg sich, wie vorgenommen in Deckung werfen kann, erschallt dann auch schon Bittertranks zornige Stimme: >ERKLÄRT EUCH!<, und der offenkundige Zorn in seinen Worten, lassen Dar die Muskeln entspannen und den Sprung in die nahen Büsche, zumindest für den Augenblick doch, vergessen. Ein lautes Rascheln von dem Strauchwerk in seinem Rücken erklingt und Bittertrank tritt mit zwei Menschen, die er jeweils an einem Ohr gepackt hat, als wären es nichts weiter als zwei Lausbuben, die unerlaubt in seinem ihm heiligen Tempelgarten geräubert hätten. Ein Grinsen und aber auch ernstliche Sorge wettstreiten auf des Fro‘gars Zügen, als Bittertrank die Beiden schließlich, keine zwei Schritt von ihm entfernt, aus dem schmerzlichen Griff wohl entlässt und nochmals mit, für sein jugendlich beinahe noch wirkendes Auftreten, schier unglaublicher Autorität wiederholt fordert: >Erklärt euch!< Erst als Dar einen Blick auf die Gesichter der beiden Menschen zu werfen vermag, verliert die ganze Situation indes an der ihr innegewohnt habenden Komik. Das sind nicht die Züge zweier ertappter Lausbuben. Bittere und nackte Angst ist es vielmehr, die Dar aus panisch aufgerissenen Augen entgegenstrahlen und diese Angst gilt mitnichten dem sie ertappt habenden Priester, denn vielmehr ihm – Dar daselbst! „Bittertrank, bitte – lass sie reden.“ Wie unter Peitschenschlägen fahren die beiden Menschen ob dieser Worte zusammen, beinahe so, als hätte sich ein die Götter lästernder frevlerische Fluch von des Zwergen gifttriefenden Lippen gelöst und nicht diese einfache Bitte und auch der Priester bemerkt nun endlich die schier hündische Angst der Menschen – wie auch deren Ursprung. Kurz zögert der Kräutermeister, zwischen Zwerg und Menschen hin und her blickend. Dann, nach seinem noch beinahe gänzlich vollen Trinkschlauch greifend, wendet er sich – Dar diesen reichend – an den Zwerg. >Dort hinten, du kannst es nicht überhören, ist ein kleiner Wasserlauf. Fülle mir den Schlauch darin doch bitte auf, ja?<

Nachdenklich blickt Dar darauf auf den Schlauch, von dessen Weil ihm Bittertrank unterwegs schon zu kosten gegeben hat, zögerte aber der stummen Aufforderung Folge zu leisten, Bittertrank mit den beiden Menschen kurz alleine zu lassen. >Ich kenne diesen da. Das ist Berlen, Buttas Sohn. Es droht mir keine Gefahr von diesen beiden.< Ein panisches Keuchen, war von Berlens Lippen gefahren, als Bittertrank dem Zwerg dessen Herkunft verriet. Die unbeschreibliche Panik, die in dieser einzigen Regung mitschwang, macht schließlich auch dem Fro‘gar klar, das was auch immer der Grund für dieses Verhalten ist, mit ihm als Auslöser eben dieses Verhaltens, eine auch nur zu irgend etwas taugende Aussprache mit den Menschen nicht möglich sein würde. Also nimmt Dar den Schlauch entgegen und schreitet kopfschüttelnd Richtung Wasserlauf um nach einigen Hundertschritten schließlich an eine kaum zwei Fuß breite Kluft zu stoßen, auf deren Grund, gut zwei Klafter tief, ein weißschäumender wilder Bach seinen Weg durch den Fels grub. Bei dem Gerede über Dryaden und Schrate zuvor, war Bittertrank auch auf die anderen Naturgeister zu sprechen gekommen und ob dieses idyllischen Bildes, den dieser wilde Wasserlauf bot, ist der Zwerg dann doch tatsächlich, ab aller eigentlichen Skepsis, einen Augenblick lang versucht, nach dem Gesicht einer Nereide im gischtschäumenden Tanz des Baches unter sich zu suchen, ehe er – über sich selbst darob schmunzeln müssend – den Weinschlauch sich an die Lippen setzt, einen großzügigen Schluck des köstlichen Weins sich zu gönnen und ansonsten den unter ihm rauschenden Wildbach, ob nun mit Nereiden bevölkert oder auch nicht, entspannt bei dessen endlosen Spiel zuzuschauen.
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

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Saturday, April 20th 2019, 7:50pm

Ein helles Lachen in Dars Rücken schreckt ihn aus seinen Gedanken. Wie lange oder auch nur worüber er in der Zwischenzeit gegrübelt hat? Er weiß es nicht zu sagen. Mit ungewöhnlichem Elan indes und seltsam erfrischt, als hätte er statt Wein eben vielmehr ausgiebigst eisig kaltes Wasser aus dem unter ihm hinweg eilenden Wildbach genossen, springt Dar auf und wendet sich den hinter ihm herannahenden Geräuschen zu. Bittertrank, eine der beiden fremden Gestalten an seiner Seite, kommt lachend auf die Lichtung, derweil der andere breit grinsend weiter berichtet: >Und dann, dann … hat er doch tatsächlich gefragt, was Giftefeu genau ist und warum wir alle so entsetzt dreinschauen.< Sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten könnend, müssen die Beiden sich gegenseitig stützen, mit der anderen Hand ihre vor lauter Gelächter offensichtlich schmerzenden Seiten zu halten. Doch als der Fremde Dar erblickt, wir er augenblicklich ruhig, aus dem Lachen ein beinahe schon zaghaftes Lächeln. Doch Bittertrank greift den Anderen, am Arm diesmal nur, statt wieder an einem Ohr und schiebt ihn Dar entgegen. >Dar?< fragend blickt Dar zu dem Kräutermeister. >Das hier ist Nolem, Mitglied der Bürgerwehr.< Dar seufzt schwer, nimmt den Hut ab, winkt den Fremden mit dem Zeigefinger näher zu sich heran. „Die einzige Begegnung, die ich mit der Bürgerwehr hatte, war mit Dorin. Ihr kennt nicht zufällig Dorin?“ Trotz der ihn blendenden Helligkeit versucht Dar nicht zu blinzeln, noch die Augen zu schließen. Ein scharfes Einatmen ertönt darauf, Stille folgt. Dann, zögerlich: >Ja, ich sehe, was Ihr meintet, Bittertrank. Danke Herr Zwerg. Ihr könnt Eure Augen nun gerne wieder beschatten.< Sich die ihm in dieselben geschossen seienden Tränen fortwischend platziert der Zwerg darum den breitkrempigen Hut wieder auf seinem Haupt. >Verzeiht, Herr Zwerg, das wir euch verfolgten und …< Der Fro'gar wischt mit einer harschen Bewegung alle weiteren Worte beiseite. „Hätte ich einen vermeintlichen Shoggoth im Visier, gäbe es kaum etwas, was ich nicht wagte, diesem das wertlose Dasein zu beenden. Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ihr habt nichts getan, was ich verurteilen oder entschuldigen müsste.“

Bittertranks nachdenklichen Blick in seinem Rücken nicht bemerkend folgt er dem Menschen zurück zu ihrem Mittagslager. Trotz einer weiterhin bestehenden leichten Unsicherheit zeigt sich Nolem nun weit gelöster. So kommt es, dass Dar, ob er es nun wissen will oder nicht, beim Eintreffen auf der Lichtung gleichfalls über das Malheur mit dem Giftefeu und einem anderen Mitglied der Bürgerwehr bestens informiert ist. >Belwar, es ist alles in Ordnung! Belwar?< Fragend schauen sich Dar und der Mensch auf der Lichtung um. Dann erklingt ein Rascheln im nahen Strauchwerk. >Wer sagt mir, das er dich nicht auch umgedreht hat?< Dar schüttelt müde den Kopf. „Seitdem ich in der Stadt bin, bin ich mehr als häufig in den verschiedenen Tempeln ein und ausgegangen. Glaubt Ihr wirklich, das ich all die Priester dort täuschen könnte und falls ja – glaubt Ihr wirklich, das Ihr hinter dem läppischen Strauchwerk dort dann sicher vor mir wärt, wäre ich tatsächlich einer von den Wertlosen?“ Es braucht nichtsdestotrotz eine geraume Weile, ehe Nolem Belwar aus dem Dickicht und zu Dar lotsen kann und erst als der schließlich auch wieder zu ihnen stoßende Bittertrank mit insistierte, wagt sich der Belwar geheißene Mensch zu ihnen, ein Amulett fest umklammernd, als sei es ein Rettung verheißender Anker. „Interessant! Ist das … Narnara?“ Beinahe stiehlt sich ein sachtes Lächeln auf Belwars Züge. „Verzeiht, ich bin immer noch nicht mit den anderen Göttern vertraut, waren in meiner Heimat doch nur Sil und allenfalls noch Amitari, seine Gemahlin, bekannt.“ Doch Belwar lächelt nur seicht. >Der Fehler passiert vielen. Dies ist Relis, die Schwester Narnaras. Wollt Ihr?< Fragend hält Belwar Dar die an einem Lederband von dem Menschen weiter festgehaltenen kleine Figur entgegen. Vorsichtig nimmt der Zwerg diese in die Hand, begutachtet sie. „Sieht wie die Abbildungen Narnaras au-“ Als Dar wieder aufblickt hat sich indes auch aus Belwars Zügen der letzte Rest der Angst gestohlen. >Es ist ein Andenken von meiner Mutter. Mein Vater schenkte es ihr zu meiner Geburt. Es wurde im Shenrah-Tempel geweiht und ich zweifle, das ein Dämon sie ohne Reaktion berühren könnte. Verzeiht Herr Zwerg, das wir Euch beschuldigten.<

Eine Weile saßen sie noch alle zusammen, ehe die beiden Menschen sie wieder in Richtung Talyra verließen. Doch den Rest des Tages streiften Bittertrank und Dar indes unermüdlich durch den winterlich kalten Wald. Müde lehnt Dar dann irgendwann an einem Baumstumpf. Obgleich der Kräutermeister ihm in den vergangenen Stunden mehr beigebracht hatte, denn er in einer ganzen Woche auf der Schulbank zu lernen vermocht hätte, beschäftigt den Fro'gar etwas. „Bittertrank?“ >Ja?< „Ihr seid so schweigsam, seit unserer Begegnung mit Belwar und Nolem.“ … „Ihr glaubt doch nun nicht etwa auch, das ich …?“ Doch Bittertranks Lachen unterbricht Dar. >Nein kleiner Lehrling! Ich dachte nur darüber nach, was du von dem heutigen Tag hältst.< Zweifelnd blickt Dar zu dem Priester. >Du bist hier, um zu entscheiden, ob du zu einem Naturheiler taugst. Aber du legst den Hut nie ab und blickst nur auf, wenn ich es dir rate. Die Hälfte, dessen was es zu finden gibt, wirst du so nicht finden. Vielleicht solltest du doch besser kleine Kinder bloß zur Welt bringen und verarzten.< Wütend oder verletzt, es ist schwer zu sagen, reißt der Zwerg darauf den Hut vom Kopf und schmettert ihn gen Boden. Einen Augenblick sieht es beinahe so aus, als wollte er mit den Fäusten auf den Priester los, dann, die Linke mahnend gen Himmel zeigend, scheint es, als versuche er so verzweifelt wie erfolglos die Stimme zu erheben. Doch mehr als ein „Du – das – das – ich – nicht!“ kommt ihm nicht über die zornesbebenden Lippen und die restlichen Stunden spricht Dar kein Wort mehr, behält den Hut in seinem Nacken und zwingt sich zu regelmäßigen Blicken nach oben – stets gefolgt von einem Schwanken und einem panischen Griff zur nächsten Haltemöglichkeit, sei es ein Baum, Strauch, oder einmal gar (sehr zu Dars eigener Verärgerung) Bittertrank selbst.

>Dar?< die Dunkelheit liegt bereits wieder über dem Land, als Bittertrank und Dar müde durch das Verder-Tor in die Stadt zurückkehren. >Verdammt Dar, weiter so selbstmitleidig wie Loas Oel vor dich hinzubrodeln, steht dir nicht!< Hörbar knirscht Dar mit den Zähnen, bricht dann aber doch sein beharrliches Schweigen. „Was?“ >Dreierlei: Wenn du mir weiter zürnst, für etwas, das gesagt werden musste, dann wirst du weniger lernen, als ich dir beizubringen habe. Desweiteren werde ich empfehlen, dir eine Ausbildung als Naturheiler zu ermöglichen, denn du hast dich heute bewiesen! Und drittens< unterbindet Bittertrank Dars aus Erstaunen geborene Absicht das Wort nun doch nochmals zu erheben. >Und drittens wirst du Dagda im Stall des Pfirsichs unterbringen, abreiben und versorgen. Der Stallbursche wird dir verraten wie, aber du wirst es tun und auch die Box ausmisten. Du wirst jeden Morgen auf Dagda zum Tempel reiten und jeden Abend mit Dagda zum Pfirsich zurückkehren. Keine Widerrede! Wenn du noch immer zum Heiler ausgebildet werden willst, wirst – du – reiten – lernen – müssen!< Schweigend lenken die beiden Reiter ihre Tiere zum Mietstall beim Pfirsich, wo der Priester, sehr zu Dars Groll, auch Perrin nochmals einbläut Dar mit Rat, aber keinesfalls mit Tat bei der Versorgung Dagdas zur Seite zu stehen, derweil der Zwerg – mit schmerzenden Muskeln sich plagend, von deren Existenz er bis zum heutigen Tag keinerlei Kenntnis hatte – inständig gehofft hatte morgen erst mit der Stallarbeit sich abplagen zu müssen.
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

This post has been edited 8 times, last edit by "Dar" (Apr 26th 2019, 10:28pm)


Shalhor

Stadtbewohner

Posts: 144

Occupation: Schiffbauer / Reeder

Location: Talyra

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366

Friday, July 5th 2019, 5:41pm

-> Taresnar

Nebelmond 518


"Zum Verder Tor und auf den Kreuzweg", weist Shalhor seinen Pferdeknecht und Wagenlenker an und die Kutsche verlässt mit mäßigem Tempo das Anwesen. Es ist einer dieser verhangenen Morgen, von denen man schwer sagen kann, ob die Sonne noch durch die Wolkendecke brechen will oder nicht und der Nordostwind trägt die Ahnung von Frost und Schnee ins Land. Nur die immergrünen Gehölze tragen noch stur ihr grünes Gewand, die Meisten aber recken ihre kahlen Äste und Zweige in den grauen Morgenhimmel. Die Singvögel sind den Krähen gewichen und nirgendwo mehr döst noch eine Katze träge auf irgendeiner Mauer. Selbst das Himmel-oder-Hölle-Spiel, das irgendwelche Kinder hier aus dem Seeviertel mit Kreide auf das Straßenpflaster gekritzelt haben, hat der letzte, kalte Regenguss endgültig weggespült.
"Wir werden erst einmal zum Waldhof fahren", antwortet seine Lordschaft seiner in warmen Pelz eingemummelten Begleiterin, die neugierig ist, wohin genau sie denn jetzt ausfahren.
"Das ist ein Gestüt gar nicht weit vor der Stadt. Ich habe meinen Hengst von dort und ich erinnere mich auch an einen Hund dort. Ich vermag nicht zu sagen, ob es Rüde oder Hündin war und es ist auch schon ein paar Zwölfmonde her. Aber wer weiß, vielleicht haben wir Glück," lächelt er Puh' zu, die sich heute zum ersten Mal in ihren Leben getraut hatte, ein Pferd zu berühren, gewiss ein sehr ruhiges, sanftmütiges Pferd hinter der Boxenwand, aber er ist stolz auf sie, auch wenn er insgeheim damit gerechnet hatte, dass sie den warmen, weichen Nüstern und den treubraunen Augen erliegen wird. Aber wer hätte gedacht, dass sie sich sogar traut, die Stute eigenhändig mit Apfelstücken zu füttern?! Das will er nicht auf sich beruhen lassen und nimmt sich vor, Sigourny nun regelmäßig mit in den Pferdestall zu nehmen und peu à peu näher mit der Stute vertraut zu machen. Es wäre doch gelacht, wenn er sie nicht bis zum Frühjahr in den Sattel kriegt, wobei er natürlich noch längst nicht an Ausritte denkt, wohl aber daran, sie auf den Pferderücken die Zügel sicher in seiner Hand über das Anwesen zu führen.
"Wenn ich dort nicht fündig werde, fahren wir zurück, nehmen die Große Südstraße und fragen uns durch. Es liegen viele einzelne Gehöfte an dieser Reiseroute und dann sehen wir, was sich bis Schädelwacht ergibt oder nicht. Dort werden wir aber in jedem Fall im Schlummertrunk einkehren, zu Mittag essen und uns aufwärmen. Das Gasthaus soll mit ganz ausgezeichneter Hausmannskost aufwarten... und ganz bestimmt auch Cofea." Das wenigstens hofft und vermutet er für eine ganz gewisse Liebhaberin dieses Aufgusses. Und während er dieser von Kaufmann Draevens Lobpreisungen der schlummertrunkschen Schweinshaxe, die mit einem sauer eingelegten Kraut und ... ähm ... Kötteln? ... Nein! Knödeln! erzählt (und dabei Draeven nachahmt), passieren sie bereits den Kreuzweg, dass sich Xilian an dem alten, verblichenen Wegweiser versichert, ob dies die Abzweigung, die er nehmen soll. Den Göttern sei Dank sitzen sie bequem in einer gefederten Kutsche, die nur sanft und behäbig wippt, wenn sie über die ein oder andere widerspenstige Wurzel fahren, die auf diesem Waldweg nicht ausbleiben, auch wenn Shalhor vorsorglich einen Arm um Sigournys Schultern legt - ein Vergnügen, dass nicht lang währen soll, denn bald schon öffnet sich der Wald hin zu großen Koppeln und seine Lordschaft erkennt schon aus der Ferne den einen der beiden Männer, die das Gatter reparieren - Eamon, wenn er sich recht erinnert, der ehemalige Besitzer des Pferdehofs. Und der junge Mann an dessen Seite muss einer der Knechte sein. Shalhor lässt Xilian bei den Beiden halten und erkundigt sich gleich bei Eamon, nach einem geeigneten Jungpferd. Zu seinem Leidwesen muss er erfahren, dass der Waldhof inzwischen vorwiegend für die Steinfaust züchtet, nicht ausschließlich, aber er wird auf das nächste Frühjahr verwiesen. Da schaltet sich der Jüngere ein. In der Feenwasserbucht habe sich doch vor zwei Jahren jemand niedergelassen, der mit einem Amarahengst, dem Letzten seiner Art, und Culyahstuten aus der königlichen Safawiya-Zucht von Mar'Varis besonders seltene, edle Pferde züchte. Aber Shalhor winkt dankend ab. Solch außergewöhnliche Pferde gehören einfach in die Hände von Reitern, die ihr Leben nahezu gänzlich im Sattel verbringen, aber weder in Seine noch in Kayas Obhut. Ihm schwebt für sein Mündel eher ein kleineres Warmblut in Richtung Inôstaner oder Hunajavor. So fahren sie also nur auf den Hof des Gestüts um zu wenden, den Wald- und Kreuzweg zurück auf die Große Südstraße.

Sie halten beim Müller, am Sägewerk, an den Lehmgruben und der Töpferei, an verschiedenen Viehhöfen, einem Weingut ... erfolgslos. In Schädelwacht finden sie zwar einen Bauern mit zwei Jungpferden, die allerdings von Arbeitspferden stammen und das gepriesene Gasthaus "der Schlummertrunk" erweist sich als sehr rustikal, wirklich sehr, sehr, rustikal und die Speisen ... nun ja ... für elbische Geschmacksknospen ist die Schweinshaxe entschieden zu fettig, zu durch und zu stark gesalzen. Trotz des bitteren Kräuterschnapses im Anschluss kommt sich Shalhor vor, als habe er unverdauliche Steine geschluckt, die ihm nun schwer im Magen liegen. Aber die Bedienung war sehr zuvorkommend und freundlich, der Tee war gut und es gab immerhin Cofea für Sigourny. Wieder aufgewärmt beschließt Shalhor es wenigstens noch bis Heldenstein weiter zu versuchen. Dann müssten sie ohnehin umkehren, um nicht erst mitten in der Nacht nach hause zu kommen und darüber hinaus macht es auch wenig Sinn, einen noch längeren Ausflug mit Kaya zu planen, wenn überhaupt. Noch mag Shalhor diesen Plan allerdings nicht verwerfen. Doch es ist wie verhext. Vor ihnen liegt bereits die Sarthefurth und nichts hat sich ergeben wollen. Dennoch lässt Shalhor Xilian die Kutsche halten, weil er sich erleichtern muss und geht ein paar Schritt flussaufwärts an einen Baum hinter hohem Gestrüpp und lässt den Dingen ihren Lauf. Doch wie er so seinen Blick schweifen lässt, wird er auf einen Fetzen schmutzigen Linnens am Sarthewasser aufmerksam, dass sich scheinbar im überhängenden Strauchwerk am Ufer verfangen hatte und ist sich nicht sicher, aber … hat sich das da nicht eben bewegt? Jetzt, wo er darauf achtet, will er meinen, dass es vermutlich nur die Strömung war und dennoch beschließt er nachzusehen, nachdem er sich die Hose wieder sorgfältig verschlossen hat.

Der Linnenfetzen entpuppt sich als Säckchen. Fest verknotet, klatschnass und mit leichten Inhalt angelt er es aus dem Wasser und befreit es aus den dornigen Fängen. Das Säckchen ist so fest verknotet, dass er schließlich mit seinem Munddolch aufschneiden muss und als sich ihm der Inhalt offenbart, hält er entsetzt den Atem an. Zwei kleine leblose Welpen, nur weniger Tage alt, wenn überhaupt, denn die Reste der Nabelschnur hängen ihnen noch an. Das Kleine, das ein Rüde hätte werden sollen, ist furchtbar kalt und regt sich auch nicht mehr, als er es mit einem Zipfel seiner Tunika trocken zu reiben versucht. Das kleine Weibchen dagegen zuckt mit seinen winzigen Vorderpfötchen und fängt nach einem kurzen Weilchen ganz erbärmlich an zu zittern, dass er sich die obersten Verschlüsse jener Tunika öffnet, das Kleine behutsam in den Ausschnitt an seine warme Haut verfrachtet und schützend seinen gefütterten Mantel darüber zieht. „Tut mir leid Kleines, für dein Brüderchen kann ich leider nichts mehr tun“, flüstert Shalhor und erhebt sich rasch, weil Sigourny nicht mehr nur nach ihm ruft, was er denn so lange brauche. Das Andere soll sie nicht sehen und so geht er ihr rasch entgegen, die Rechte an seiner Brust, damit ihm der kleine Körper nicht durch die Kleidung rutschen kann und zeigt es ihr nur dieses.

„Xilian, rasch zurück nach Schädelwacht“, rattert die Kutsche schon gleich darauf die Große Südstraße hinauf, so zügig wie es die Straßenverhältnisse eben zulassen, während Puh‘ und Shalhor immer wieder nach dem kleinen Findling unter seinem Mantel schauen. Er kann ihr nicht sagen, ob das Kleine durchkommen wird, aber wenn sie ihm eine Chance geben wollen, brauchen sie Ziegenmilch und das schleunigst. In Schädelwacht steuern sie zielstrebig einen der Bauernhöfe an, bei dem sie zuletzt erfolglos vorgesprochen haben. Statt Fohlen oder Welpen wurde ihnen Ziegenkäse angeboten, also sollte es dort auch Ziegen geben. Der Bauer sieht sie schon kommen und kommt ihnen dieses Mal entgegen. „Ihr seid fündig geworden“, deutet er auf Shalhors Mantel, der sich über seiner Brust deutlich ausbeult. „Aye, mehr oder weniger. Aber wir brauchen Ziegenmilch für eine Handaufzucht.“ Der Bauer schaut seltsam und hält sie mit Sicherheit für vollkommen verblödete Städter, die nicht abwarten wollten, bis ein Welpe der Muttermilch entwöhnt ist. Aber er nickt und heißt sie, ihm zu folgen, hin zu einem kühlen Lagerraum, in dem neben Obststiegen und Gemüsekisten, verschieden große Milchkannen stehen. „Ist von heute Morgen. Schon mal eine Handaufzucht gemacht?“, drückt er Sigourny eine der kleinen, vollen Kannen in die Hand und als sie beide verneinen, heißt er sie mitzukommen. Er führt sie ins Wohnhaus und direkt in die Küche, wo er seine Frau heißt, einen Säugschlauch zu holen, sich die Hände wäscht, Sigourny die Milchkanne wieder abnimmt und daraus etwas Milch in ein kleines, emailliertes Töpfchen gießt, dass er aufs Herdfeuer stellt. Dabei erklärt er: „Drei Tage, dann schmeckt die Milch bockig, wird’s dann verweigern und ihr braucht frische. Müsst sie immer abkochen!“ Und mit einem argwöhnischen Schulterblick über diese närrischen Städter fügt er lieber noch hinzu „und abkühlen lassen.“ Dann holt er ein Geschirrtuch aus einem der Küchenschränke und verlangt: „Zeigt mal her!“ Shalhor holt die Kleine hervor und legt sie vorsichtig auf Tuch. „Ach herrjeee“, brummt der Bauer bei dessen Anblick, dass sich Shalhor befleißigt, diesem zu erzählen, wo er sie aufgefischt hatte. „Hättet‘s dort lassen sollen. Da hat der Wolf mitgemischt. Taugt zu nichts und macht nur Ärger. Hatte seinen Grund. Soll ich ...“ „Nein“, sagen Sigourny und Shalhor eilig und einhellig wie aus einem Munde, was dem Bauer kopfschüttelnd die Stirn in tiefe Runzeln legen lässt. Aber er sagt nichts weiter dazu, nimmt das Milchtöpfchen vom Feuer und stellt ihn zum Abkühlen auf die Fensterbank. Seine Frau, die mit dem Aufgetragenem wiederkommt, heißt er in der gleichen wortkargen Art, Tee zu kochen und sie Beide, am Tisch Platz zu nehmen. Dann schaut er sich den Wolfsmischling genauer an, ziemlich kritisch und Shalhor befürchtet, dass er dasselbe denkt wie er. Es wird vielleicht nicht durchkommen. Auch wenn der kleine Leib wieder wärmer geworden ist, macht es doch einen recht schwachen Eindruck. „Hm, na dann wollen wir mal“, rafft sich der Bauer schließlich auf, als ihnen seine Frau die dampfenden Teebecher vor die Nase stellt und zeigt ihnen, wie sie die Trinktemperatur richtig prüfen sollen und in den ledernen Säugschlauch einfüllen sollen, der wie eine Wurstpelle mit überdehntem, dünneren Ende ausschaut. Dann heißt er Sigourny, dass kleine Ding in die Linke zu nehmen und zeigt ihr, wie sie den Säugschlauch in die Andere nehmen soll, damit die Milch nicht am falschen Ende herausläuft. „Auf geht’s!“ Wirklich saugen tut die Kleine nicht, aber sie sperrt die Schnute auf, als ihr der erste Tropfen auf das Näschen fällt. Vorsichtig träufelt Puh’ nun also Tropfen für Tropfen ins Mäulchen, während sich Shalhor zwangsläufig ausfragen lässt, woher sie kommen, womit sie ihre Brötchen verdienen und warum er lieber Schiffe statt Pflüge, Karren oder anderen „gescheiten“ Kram baut. Er nimmt es gelassen und mit Humor. Zu guter Letzt zeigt ihnen der Bauer, wie sie der Kleinen den Bauch massieren müssen, um die Verdauung anzuregen und damit es Urin absetzen kann und rät dazu, dass doch besser Sigourny den Welpen zwischen die Brüste packen soll, "wozu hat sie die denn". Shalhor kann sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, lässt dies aber unkommentiert und entlohnt den Bauer großzügig für Milchkanne, Säugschlauch und vor allem die guten Ratschläge.

Es dämmert bereits, als sie Xilian aus dem „Schlummertrunk“ holen und endlich nach Haus aufbrechen und nun ist es Shalhor, der im Viertelglockenschlagtakt erfragt, was die Kleine gerade macht und auf Sigournys Frage, welchen Namen er ihr geben wollte, meint er schließlich: „Wenn die Kleine die Nacht übersteht, ist es an Kaya, ihr einem passenden Namen auszusuchen. Ich denke, es könnte kein besseres Geschenk für sie zum Namenstag geben“ … geradezu wie ein letzter Gruß von Uki.

<- Taresnar
Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug!

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Aneirin

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Monday, December 2nd 2019, 2:11pm

14. Erntemond 518

← Die Steinfaust


Im Dorf Findmor im nördlichen Umland Talyras


Am frühen Abend


„Mir geht es gut“, versichert Aneirin erneut und seufzt innerlich tief als Arúen ihn wieder einmal mit diesem Blick bedenkt, in dem er glaubt zu sehen, dass sie sich unsicher ist, ob sie ihn nötigen oder in Frieden lassen soll. Letztlich entscheidet sie sich den Göttern sei Dank für Letzteres und nickt nur stumm, woraufhin sich auch der Loa-Ritter mit einem Kopfnicken für den Moment von ihm verabschiedet.
Aneirin blickt Arúen und Tiuri nach bis diese aus seinem Sichtfeld verschwinden. Ja, vielleicht wäre es besser gewesen, mit ihnen gemeinsam zu Abend zu essen. Wahrscheinlich würde es ihm selbst gut tun und ihn davon abhalten, sich alleine mal wieder in Selbstmitleid zu verlieren, nachdem sie auch am Ende des zweiten Tages in Findmor, noch keinen Schritt weiter sind. Sicher, es haben sich ein paar Leute an ihn und Brianna erinnert, wie das Brautpaar, für das er gesungen hatte, oder die Schmiedebrüder, Freunde des Brautpaares, bei denen sie genächtigt hatten. Die ihnen dazu auch bestätigt haben, dass er und Brianna bei ihrer Abreise wohlauf gewesen sind. Aber über ihren Verbleib konnte ihnen niemand etwas sagen und wo er nun weiter nach seinem Mädchen suchen soll, das weiß er im Augenblick immer noch nicht. Die Euphorie, die ihn noch vor drei Abenden erfasst hatte, weil er dank der Hohepriesterin doch endlich einen Anhaltspunkt hatte, wo sich seine Tochter aufhalten könnte, ist längst verflogen und in Frustration umgeschlagen.

Müde und erschöpft massiert Aneirin sich mit den Fingerspitzen seiner Rechten die Stirn, in der es sich anfühlt, als würden Dutzend Hämmer von innen dagegen schlagen. Was er jetzt machen soll, das weiß er nicht. Ihm war aber einfach nicht nach Gesellschaft.
„Bitte entschuldigt“, vernimmt Aneirin eine zurückhaltende, weibliche Stimme hinter sich und wendet sich um. „Seid Ihr derjenige, der nach seiner kleinen Tochter sucht?“ Aneirin nickt zunächst nur stumm, während er die Frau rasch mustert, die ihr dunkelblondes Haar zu einem Knoten am Hinterkopf gebunden trägt und vermutlich ein paar Jahresläufe älter ist als er selbst. Das Gesicht kann er auf die Schnelle nicht zuordnen, was allerdings nichts heißen muss, schließlich sind noch nicht alle Erinnerungen wieder zurück. An die Schmiedebrüder hatte er sich auch erst erinnert, als er anfing sich mit ihnen zu unterhalten.
„Ja“, antwortet er dann doch. „Habt Ihr Hinweise auf ihren Verbleib?“ Er versucht sein allmählich schneller klopfendes Herz zu bezähmen und sich keine Hoffnungen zu machen. Vielleicht will sie ihm einfach nur ihr Mitgefühl ausdrücken, wie schon so manch anderer, mit dem sie gesprochen haben. Als die Frau sich allerdings nicht sogleich erklärt, sondern sich stattdessen umsieht, als wäre ihr nicht daran gelegen, dass jemand etwas mitbekommt, lässt er sein Herz einfach machen.
„Ich weiß nicht“, antwortet sie endlich und Aneirin spürt schon wie Enttäuschung nach seinem Herzen greift. „Können wir vielleicht unter vier Augen sprechen?“, fragt sie vorsichtig. Aneirin zögert kurz und widersteht dem Drang sich ebenfalls umzusehen. „Natürlich“, erwidert er schließlich und folgt ihrer subtilen Aufforderung, ihn zu begleiten.

Die Frau, die sich ihm nach einigen Schritten als Khorena vorgestellt hat, bleibt an einem Brunnen auf einem gut einzusehenden, im Augenblick spärlich besuchten Bereich des Dorfes stehen. Sie sind gemeinsam ein Stück gegangen, zumeist schweigend oder über Nichtigkeiten plaudernd, wenn denn etwas gesagt wurde, um den Dorfplatz zu verlassen und sich scheinbar etwas privater unterhalten zu können. Aneirin lehnt sich neben Khorena gegen den kühlen Stein des Brunnens, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen, während er etwas unruhig darauf wartet, was sie ihm zu sagen hat. Mit den Händen stützt er sich auf dem Brunnenrand ab und besieht sich die Fremde von der Seite.
„In der Nähe lebt eine Frau… Dhana“, beginnt sie schließlich ohne Zeit mit einer Erklärung zu vertun. „Sie hat es in ihrem jungen Leben bisher wirklich nicht leicht gehabt. Hat vor etwa drei Jahresläufen ihren Mann und ihre kleine Tochter bei einem Überfall verloren und ist selbst nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Genaueres darüber weiß ich nicht, nur das, was die Gerüchteküche hergibt und das ist nicht viel. Manche behaupten, es wären Räuber gewesen, andere sagen, sie wären von einem Bären angegriffen worden.“ Khorena zuckt mit den Schultern. „Der Verlust ihrer Lieben, vor allem ihrer kleinen Tochter, hat sie wirklich sehr mitgenommen und sie hat lange… sehr lange gebraucht, um wieder halbwegs am Dorfleben teilnehmen zu können. Nun ja, mehr oder weniger. Die meiste Zeit lebt sie zurückgezogen in einer Hütte ein wenig außerhalb des Dorfes, in der sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter gelebt hat. Ihr Mann ist Holzfäller gewesen. Und sie kommt eigentlich nur her, um das Nötigste einzukaufen oder nach einfachen Arbeiten zu fragen, wenn das Geld knapp ist.“
Aneirin hört Khorena ungeduldig aber genau zu. Was die durchaus tragische Geschichte der jungen Frau aber mit Brianna zu tun haben soll, das will sich ihm bisher noch nicht erschließen. Allerdings ist ihm fast, als hätte er eine ähnliche Geschichte womöglich schon einmal gehört, ohne dass er sagen könnte wann oder vom wem.
„Zwischendurch gab es Phasen, in denen sie mehr mit dem Verlust zu kämpfen hatte und man ihr das auch deutlich ansah. Das war meist, um den Geburts- oder Todestag ihres Mädchens herum. In diesen Phasen hat sie manchmal auf dem Markt Kinderkleidung gekauft. Keine Ahnung, was sie damit gemacht hat. Vielleicht auf das Grab ihres Mädchens gelegt oder so was. Ich nehme an, dass sie das irgendwie brauchte, um das alles zu verarbeiten.“
Etwas unsicher ist ihr Blick als sie zu ihm aufsieht. „Wisst Ihr, Aneirin, ich möchte wirklich kein Fass aufmachen“, versichert sie ihm, was den Bäckermeister nur noch angespannter werden lässt, und ihr Blick versichert sich erneut, dass ihnen niemand zuhört. „Aber vor kurzem, ein paar Tage nach der Hochzeit von Ilke und Helmar, da hat sie auf dem Markt wieder Kinderkleidung gekauft. Für ein vielleicht drei- oder vierjähriges Mädchen. Ihre Kleine wäre ja jetzt etwa so alt, deswegen hab ich mir dabei nichts gedacht. Und es ist ja auch nicht das erste Mal. Aber… also wenn ich jetzt so darüber nachdenke… Nun ja, also es ist weder die Zeit des Geburts- noch des Todestages ihrer Tochter… Ich weiß nicht. Ich möchte hier wirklich nichts unterstellen… Und eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass…“
Khorena spricht nicht weiter, aber Aneirin kann ihrem Blick durchaus entnehmen, was sie versucht ihm zu sagen, ohne es auszusprechen. Er hat verstanden, worauf Khorena hinaus will und inzwischen hört er nicht nur das Blut vor Anspannung in seinen Ohren rauschen, sondern spürt auch einen dicken Kloß im Hals, der es ihm etwas schwer macht, zu fragen: „Könnt Ihr mir sagen, wo ich diese Hütte genau finde?“
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Aneirin

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Wednesday, December 4th 2019, 9:10pm

14. Erntemond 518

Im Dorf Findmor im nördlichen Umland Talyras

Etwas außerhalb der Siedlung
Die Hütte des Holzfällers



Am Abend

Aneirin klopft ein weiteres Mal, dieses Mal weniger zurückhaltend. Nein, Geduld ist derzeit tatsächlich nicht seine Stärke. So verlagert er angespannt sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Obwohl er selbst weiß, dass es unsinnig ist, kann er nicht umhin sich vorzustellen, dass Brianna ihm die Tür öffnet und er sie endlich wieder in seine Arme schließen kann. Könnte es letzten Endes tatsächlich so einfach sein? Könnte sie tatsächlich hier sein? Auch wenn Khorenas Verdacht erst einmal reine Spekulation ist, wagt er es ein klein wenig zu hoffen. Und zugleich Angst. In welchem Zustand wäre Brianna, wenn er sie finden sollte. Hat man ihr etwas angetan? Oder sich vielleicht gänzlich liebevoll um sie gekümmert?
Gerade setzt er an, erneut zu klopfen, da kann er direkt hinter der Tür Bewegungen vernehmen. Jede seine Faser seinen Körpers spannt sich an, während er angestrengt lauscht. Es ist ein langsames, zögerliches Schlurfen. Kein hastiges Tapsen von Kinderfüßen. Und wieder spürt er diese tiefgreifende Enttäuschung, wie so oft in den letzten Siebentagen.
Die Tür öffnet sich nur ein wenig, und ein blasses, schmales Gesicht, umrahmt von langen, braunen Haarsträhnen, gefolgt von einer zierlichen Statur kommt dahinter zum Vorschein. Dunkle Augen, untermalt von dunklen Schatten als fehle ihnen ausreichend Schlaf, starren ihn an und Aneirin ist sich nicht sicher, was genau er von diesem durchdringen Blick halten soll. Sie sieht fast so aus, als würde sie einen Geist in ihm sehen. Sie bekommt vielleicht nicht oft Besuch.
„Ich grüße Euch“, durchbricht er schließlich vorsichtig die Stille, als könne er die Frau verschrecken wie ein scheues Reh, wenn er nur zu laut und forsch spräche. Tatsächlich blinzelt sein Gegenüber perplex, als hätte er sie mit seiner Stimme aus einer Starre gerissen.
„Was wollt Ihr?“ Der Bäckermeister runzelt überrascht die Stirn. Er kann die Ablehnung in ihrer Stimme förmlich spüren. Dabei begegnen sie einander zum ersten Mal. Oder nicht? Aneirin ruft sich selbst zur Ruhe. Wenn er sich Khorenas Erzählung wieder wachruft, sollte es ihn eigentlich nicht wundern. Sie sprach davon, dass sich die Witwe des Holzfällers seit dem Tod ihrer Liebsten sher zurückgezogen hatte. Er sollte es ihr nicht verübeln.
„Mein Name ist Aneirin.“ Er redet nicht gleich weiter, späht stattdessen unwillkürlich an der Frau vorbei in den spärlich beleuchteten Raum dahinter, ohne tatsächlich etwas erkennen zu können. Ihm entgeht allerdings nicht, dass sich die Tür daraufhin wieder ein klein wenig weiter schließt.
„Seid Ihr Dhana? Darf ich für einen Augenblick herein kommen?“
„Dürft Ihr nicht“, erwidert sie sogleich, kaum dass er seine Frage gestellt hat. Aneirins Stirn legt sich ein weiteres Mal in verwunderte Falten und er weiß nicht sofort, was er erwidern soll, woraufhin die junge Frau fortsetzt: „Sagt schon, was wollt Ihr?“
Aneirin neigt entschuldigend den Kopf und ringt sich das freundlichste Lächeln ab, das er aufzubringen vermag. Innerlich flucht er still, dass er nicht doch erst zu Arúen gegangen ist, sie um ihre Begleitung zu bitten. Sie wäre bestimmt nicht so schroff abgewiesen worden. Er kann ja tatsächlich etwas Verständnis dafür aufbringen, dass sie einen Fremden wie ihn nicht einfach einlassen will. Dennoch ärgert er sich zugleich auch. Ist es denn nicht schon kompliziert genug?
„Ich bin auf der Suche nach meiner Tochter, Brianna“, beginnt Aneirin mit möglichst ruhiger und beherrschter Stimme, obwohl er sie am liebsten genauso anraunzen würde, und beschreibt der Fremden seine Tochter, während er sie keinen Augenblick aus den Augen lässt. Innerlich hasst er sich dabei schon ein klein wenig. Er hat keinerlei Hinweise darauf, ob seine Tochter hier ist oder jemals hier war. Und doch fühlt er ganz genau, wie sehr er hofft, dass sie hier ist und damit dieser Frau vor ihm zugleich unterstellt, Brianna zu verstecken, aus welchen Gründen auch immer.
„Ja, ich weiß von welchem Mädchen Ihr sprecht“, erwidert Dhana schließlich und für einen kurzen Moment setzt Aneirins Herz aus. „Ihr wart mit ihr auf der Hochzeit von Helmar und Ilke und habt dort gesungen. Eine ganz entzückende junge Dame. Herzallerliebst.“
Fast hätte der Bäckermeister laut geseufzt.
„Es tut mir leid, aber seitdem habe ich weder sie noch Euch wieder gesehen.“
Aneirins Finger schließen und öffnen sich zu einer Faust. Nein, so kommt er doch nicht weiter. Soll er etwa wieder gehen, ohne auch nur einen Schritt weiter gekommen zu sein? Sie kann ihm doch eigentlich erzählen was sie will. Ihm dreist ins Gesicht lügen, woher sollte er das wissen? Vielleicht hätte Arúen die Möglichkeit gehabt, dies zu überprüfen. Aber Arúen ist nicht hier. Er wollte ja unbedingt sofort mit dieser Dhana sprechen. Aber was, wenn sie tatsächlich lügt? Wenn er sich jetzt einfach so abspeisen lässt, wird er nie herausfinden, ob an Khorenas Vermutung irgendetwas dran ist. Vielleicht steht Brianna gleich direkt hinter dieser Tür.
„Und nun geht. Die Götter mi-“
Wie von selbst hat sich Aneirins Fuß über die Schwelle geschoben, um zu verhindern, dass Dhana ihm die Tür vor der Nase zuschlägt. Alarmiert blickt die Frau ihn an und Aneirin ist für einen kurzen Moment selbst überrascht. Er weiß, es ist nicht richtig und wenn diese Frau die Wahrheit sagt, wird sie es ihm vielleicht nie verzeihen. Doch er muss es einfach wissen. Sofort legt er seine Hand an die Tür und drückt sie kraftvoll auf.
„Brianna?! Brianna!“, tritt er rufend ins Halbdunkel des Hauses hinein, während seine Augen in Windeseile durch den Raum huschen. Auf dem Tisch steht das Abendessen, irgendein Eintopf oder so etwas. Gedeckt ist für eine Person. Nicht einmal ein zweiter Becher. Auch Kinderkleidung kann er auf die Schnelle keine entdecken, kein Spielzeug, geschweige denn sonst irgendetwas, das darauf hindeuten könnte, dass sich hier ein Kind aufhält oder aufgehalten hat. Aber was ist mit den Räumen weiter hinten? Vielleicht gibt es einen Keller?
„I-Ihr geht jetzt! Sofort!“
Aneirin wendet sich um und starrt stumm und zugegeben ein wenig erschrocken auf das große Messer in Dhanas Hand. Dann sieht er zu ihr und hebt dabei beschwichtigend die Hände.
„Ich will euch nichts-“
„Geht! Jetzt!“
Aneirin blickt erneut auf das Messer, dann nickt er. Langsam schiebt er sich an ihr vorbei Richtung Tür ohne die Frau dabei aus den Augen zu lassen. Kaum dass er über die Schwelle nach draußen getreten ist, schlägt sie die Tür vor ihm zu.
Ein paar Herzschläge lang starrt er die Tür einfach nur an. Das lief ja wunderbar. Das hast du gut gemacht, du Held. Mit einem leisen Zischen und sich selbst verfluchend wendet sich der Bäckermeister ab. Ja, das hat er wirklich wunderbar hinbekommen. Hätte er doch nur vorher mit Arúen und Tiuri gesprochen, bevor er sich auf diese Weise verrennen konnte. Er wird froh sein können, wenn Dhana ihn nicht meldet. Er sollte am nächsten Tag noch einmal mit ihr sprechen und sich entschuldigen, dieses Mal natürlich in Anwesenheit von Arúen und Tiuri.
Aber er hatte so gehofft. So sehr gehofft… Brianna, mein Schatz, wo bist du?
Aneirin bleibt stehen und schaut den Weg zurück zum Haus der Holzfällerwitwe. Die letzten Sonnenstrahlen verblassen und tauchen es in die Dunkelheit der Nacht. Noch eine ganze Weile steht Aneirin einfach nur wie verloren da und weiß nicht, was er tun soll. Schließlich zieht er seinen Mantel enger und reißt sich von dem Anblick los. Muss es. Zurück bleibt das ganz seltsame Gefühl, dass er irgendetwas Entscheidendes noch vergessen hat.
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