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Aneirin

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76

Tuesday, March 12th 2019, 10:51pm

Setzen? Kommt ja gar nicht in Frage. Ich habe schon viel zu lange nur herumgesessen.
Widerwillig lässt Aneirin sich von der Hohepriesterin zu den gepolsterten Stühlen vor dem Kamin bugsieren. Ihrer Aufforderung sich zu setzen kommt er allerdings nicht nach, geht stattdessen an einem der Stühle vorbei und um ihn herum bis er wieder vor Arúen steht. Doch kaum, dass sie beginnt ihm zu erklären, dass man damit rechnen musste, dass die erfolglose Suche nach Brianna irgendwann abgebrochen wird, wendet Aneirin sich mit einem protestierenden Schnauben von ihr ab und tigert unruhig durch den Raum.
Woher zum Dunklen soll er wissen, warum er sich nicht erinnern kann, wenn es nicht mal die Anirani wissen und deren unsinnige Hypnose nicht einmal ein klitzekleines bisschen geholfen hat? Ganz zu schweigen davon, dass sie ihm nicht sagen können oder wollen, wann seine Erinnerungen zurückkehren und ob überhaupt.
„Ich hab mich auf sie verlassen!“, platzt es aus ihm heraus. Ja, er hat darauf vertraut, dass Sire Tiuri und die Späher der Steinfaust seine Tochter finden würden. Was war ihm denn auch anderes übrig geblieben, als genau das zu tun?
„Ihr alle habt sie in höchsten Tönen gelobt. Habt mir erzählt, dass ihr große Stücke auf sie haltet. Dass sie alles tun werden, um Brianna zu finden. Dass auf sie Verlass ist“, fasst Aneirin all die Worte zusammen, die er in den letzten Tagen und Wochen immer wieder von verschiedenen Seiten zwischen Mitleidsbekundungen und erzwungen wirkenden Aufmunterungen zu hören bekommen hat. Worte, an die er sich die ganze Zeit geklammert hat. Es ist ihm dabei einerlei, wer ihm wann was genau davon gesagt hat. Es lief schließlich alles auf Dasselbe hinaus.
Mit zusammengeballten Fäusten und am ganzen Leib bebend läuft er dabei auf und ab, den Blick auf den Boden gesenkt als suche er irgendwas. Oder als versuche er, seinen Blick vor Arúen zu verstecken, dass sie die in seinen Augen vor Wut und Verzweiflung schimmernden Tränen nicht sähe.
Als müsste er sich selbst zum Stehenbleiben zwingen, setzt er seine Hände wieder auf dem Schreibtisch auf. Unendlich schwer fühlt sich die Last auf seinen Schultern an, als wollten unsichtbare Hände ihn in die Knie zwingen. Als läge Sire Tiuris schwere Pranke noch auf seiner Schulter. Wieder hallen seine Worte in Aneirins Kopf nach.
„Sie werden sie finden, habt ihr gesagt“, zittert selbst seine Stimme vor Anstrengung, ein Schluchzen zu unterdrücken. Zwei Tränen tropfen von seiner Nasenspitze auf das Buch unter ihm. Mit bebendem Brustkorb sieht Aneirin zu wie die von feiner Hand geschriebene Zahl genau an dieser Stelle ganz langsam verläuft bis sie nicht mehr zu entziffern ist. Für immer verloren, wenn sie nicht alsbald gerettet wird.
„Ihr habt gesagt, sie kommt zu mir zurück!“, schreit er. Verzweifelt. Frustriert. Seine Hände fegen das Wirtschaftsbuch vom Schreibtisch in Arúens Richtung. Das Buch wiederum reißt das Tintenfässchen mit sich, das dumpf und schwer auf dem Boden aufschlägt und dabei alles nahebei mit schwarzer Tinte besprenkelt.
Aneirins Augen erfassen das Tintenfässchen, das noch eine weitere Runde dreht ehe es liegen bleibt und langsam, aber stetig eine winzige, dunkle Pfütze auf den Boden tropft. Etwas erschrocken gleitet Aneirins Blick zur Hohepriesterin und verweilt für einen Augenblick auf den frischen Tintenflecken auf ihrem Gewand.
Er sollte sich wohl entschuldigen und Tintenfässchen und Buch aufheben. Wenigstens sollte es ihm leidtun. Tut es allerdings nicht. Und entschuldigen will er sich auch nicht. Tintenfass und Buch aufheben schon mal gar nicht.
Seine Brust bebt nun nicht mehr und die Stimme zittert ebenfalls nicht mehr so angestrengt, als er Arúen ansieht – in seinen Augen der Schimmer verzweifelter und wütender Tränen: „Ihr habt gelogen.“
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Arwen

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77

Wednesday, March 13th 2019, 5:09pm

Nein, er will nicht hören, was sie ihm zu sagen hat, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Weil das Herz eines Vaters sich nur zu verständlicher Weise weigert überhaupt auch nur im Ansatz in Betracht zu ziehen, dass seine kleine Tochter nicht mehr leben könnte. Davon, es zu akzeptieren ganz zu schweigen. Der junge Bäckermeister brodelt innerlich schier vor aufgestauter Wut und Verzweiflung, und die Worte Arúens haben ganz offensichtlich das Ventil geöffnet, das diesen seelischen Überdruck nun explosiv entweichen lässt. Sie nimmt seinen Ausbruch und seine Vorwürfe schweigend hin. Es ist das einzige, was sie in diesen Momenten für ihn tun kann: Ihm die Gelegenheit und ein Ziel für seine Verzweiflung zu geben. Sie lässt ihn toben und schimpfen und auf eine paradoxe Weise findet sie das sogar besser als die die innerliche Erstarrung, in der Aneirin die vergangenen Tage und Wochen vor sich hin gedämmert hatte, unfähig sich dem Leben um sich herum zu stellen und an irgendetwas anderes zu denken als an seine verschollene Tochter und die Erinnerungen, die sich ihm noch immer verweigern. Als er dann allerdings damit anfängt, die Sachen von ihrem Schreibtisch zu werfen und ihr Wirtschaftsbuch und Tintenfässchen entgegenfliegen, ist es vorbei mit Arúens Geduld.

"ANEIRIN! Hör auf… Schluss damit!", fährt sie den Freund laut an. "Es reicht." Den jungen Mann nicht aus den Augen lassend, bückt sie sich nach dem schweren ledergebundenen Buch um es aufzuheben, ehe die sich ausbreitende Tintenpfütze es erreicht und legt es zurück auf den Schreibtisch. Dann nimmt sie den Topf mit Löschsand und schüttet seinen Inhalt auf die ausgelaufene Tinte ehe sie mit spitzen Fingern das nun leere Fässchen aufhebt und zurück auf den Tisch stellt. Der Blick, den sie dabei Aneirin zuwirft, macht unmissverständlich klar, dass sie nicht dulden wird, dass er das Buch oder etwas anderes durch ihre Räume wirft. Die Flecken auf ihrem grünen Priestergewand beachtet sie dagegen scheinbar gar nicht. "Ja, genau, all das haben wir gesagt und ich stehe zu jedem meiner Worte: Ich halte große Stücke auf die Sire Tiuri, die Indigogarde und die Späher und Waldläufer der Steinfaust mit ihren Hunden. Wir haben nicht gelogen, aber was wir nicht gesagt haben, ich nicht und alle anderen auch nicht, ist, dass all unseres Vertrauens zum Trotz sie nicht allmächtig sind und sie nur Erfolg haben können, wenn ihnen eine Spur oder ein Hinweis auch die Gelegenheit zu verschafft. Und sie haben alles getan, was in ihrer Macht und ihren Möglichkeiten stand um Brianna zu finden und sie Dir zurückzubringen. Die Späher und Waldläufer der Stadtgarde, ich habe sogar Findinmir Daumengrün gebeten, sich im Wald umzuhören. Sie alle. Siebentagelang und auch Narsaên hat sie gesucht. Selbst dann noch, als sich keine Spuren finden ließen und alle Erfahrung dagegen sprach, dass ein Kind so lange alleine im Wald überlebt haben kann… Ich kann Dich verstehen Aneirin, wirklich. Ginge es um Rialinn, würde ich vermutlich vor Sorge wahnsinnig werden."
Die sich anschleichenden Erinnerungen an die AnCu und deren Angriffe auf Rialinn und sie selber drängt Arúen mit eiserner Disziplin zurück in die dunkelsten Tiefen ihrer Erinnerungen. "Aber auch ich müsste einsehen, dass jede weitere Suche zum Misserfolg verdammt ist, wenn wir nicht durch eine Fügung der Götter neue Hinweise finden… oder es den Anirani gelingt, Deine Erinnerungen wieder zu wecken. Wenn wir wüssten, wer euch überfallen und Dich so zugerichtet hat, würde das weiterhelfen." Den Gedanken, dass ein Überfall nicht durch einen 'wen' sondern durch ein 'was', durch ein Tier oder Wesen, jede Hoffnung Brianne doch noch lebend zu finden zunichtemachen würde, den behält die Elbin wohlweislich für sich.
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Aneirin

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78

Saturday, March 16th 2019, 10:51pm

„Hör auf… HÖR AUF!“ Fest presst Aneirin die Fäuste gegen seine Schläfen. Dann donnert er sie erneut auf den Tisch. „Sie lebt! Sie lebt verdammt noch mal!“ Zwei Schritte geht er auf Arúen zu und blitzt sie zornig an. „Behaupte nicht, du würdest mich verstehen! Gar nichts weißt du! Deine Tochter ist hier, in Sicherheit. Du weißt, wo du sie finden kannst, wenn du nach ihr sehen willst. Du kannst sie in den Arm nehmen, sie drücken, sie halten.“ Er schluckt schwer als sich ein dicker Kloß in seinem Hals bildet. „Aber Brianna…“ Angst löst den Zorn in seinen Augen ab ehe er den Blick von Arúen abwendet und ihr den Rücken zukehrt.
Wieder wandert er durch den Raum. Ruhiger, nicht, weil er weniger aufgewühlt ist als zuvor, vielmehr, weil er sich erschöpft fühlt. Wie so oft in den letzten Wochen. Eine der Folgen seiner Kopfverletzung, behaupten die Anirani.
>Wenn wir wüssten…< Ja, wenn wir wüssten…
„Glaubst du, ich hätte nicht versucht, mich zu erinnern? Jeden Tag habe ich gehofft, die nächste auftauchende Erinnerung würde mir zeigen, was mit Brianna geschehen ist. Doch nichts. Alles ist wieder da, nur das Wichtigste fehlt… und kommt einfach nicht zurück.“ Und niemand weiß, warum. Und doch versucht es jeder mit seiner Kopfverletzung zu erklären. Mit den Fingerspitzen seiner Rechten knetet er seine Stirn, als könne er so etwas Ordnung in seine Gedanken bringen.
„Was ist…“, setzt er seine Überlegungen neu an und wirkt dabei fürs Erste wieder etwas klarer und gefasster, „wenn Lyall Recht hat? Wenn jemand Brianna gezielt entführt hat und auf eine Reaktion wartet, ich nur davon nichts mehr weiß?“
Seine Stimme wie sein Tonfall sind deutlich diplomatischer als noch einen Augenblick zuvor. Tatsächlich ist es ja auch nicht Arúen, die ihn wütend macht, sondern diese unfassbare Hilflosigkeit, nicht zu wissen, was er tun soll. Und wirklich hilfreich ist auch dieser Ansatz nicht. Jede Überlegung läuft darauf hinaus, dass er sich erinnern muss. Wenn er es doch nur verdammt noch mal könnte…
„Tyalfen hätte bestimmt längst eine Lösung gefunden…“, murmelt er leise und beinahe resigniert zu sich selbst. Aber Tyalfen ist nicht da und ihm somit keine Hilfe. Aneirin schüttelt den Kopf, stemmt die Hände in die Hüften und starrt auf einen der Kerzenhalter an der Wand. Jener wirkt einer Pflanze nachempfunden, nur dass statt einer Blüte, eine Kerze aus ihr wächst. Nachdenklich neigt Aneirin den Kopf zur Seite. Dann schließt er die Augen und atmet tief durch.
Noch einmal von vorn. Zum wer weiß wievielten Male. Er hat längst nicht mehr mitgezählt, wie oft er schon alle Möglichkeiten durchgegangen ist. Es muss doch irgendetwas geben, das sie noch nicht bedacht haben.
Langsam wendet er den Blick von dem Wandleuchter ab und dreht sich wieder zu Arúen um. Zunächst mustert er sie stillschweigend. Dann jedoch kommt ihm ein Gedanke, der augenblicklich kleine Funken neuer Hoffnung in seinen Augen tanzen lässt. „Eure Gedankenlesen-Sache“, nähert er sich ihr erwartungsvoll. „Tyalfen hat mir so oft versichert, dass ich mich nicht sorgen müsse, dass er meine Gedanken antasten würde. Er würde es nicht tun, so lange es nicht einen wirklich wichtigen Grund dafür gäbe.“ Angespannt öffnen und schließen sich seine Hände immer wieder zu Fäusten.
„Wie funktioniert das?“
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Arwen

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79

Monday, March 18th 2019, 12:38pm

Memories



>Tyalfen hätte bestimmt längst eine Lösung gefunden < Aneirins Worte sind nur leise, für menschliche Ohren vermutlich sogar kaum zu hören. Doch Arúen verfügt über ein ausgezeichnetes elbisches Gehör und verflucht genau das in diesem Moment innerlich und ausgiebig. Krampfhaft presst sie die Lippen aufeinander und beißt sich auf die Zunge um die Antwort, die spontan hochkocht daran zu hindern, vom Gedanken zum gesprochenen Wort zu werden. Leider vergeblich. Und so fällt ihre Reaktion deutlich heftiger und lauter aus, als sie es eigentlich hat zulassen wollen. "Tyalfen? … Der Herr Aniran ist aber nicht hier! ... Der Kerl ist seit Monden verschwunden und zieht es ganz offensichtlich vor, auch weiterhin verschwunden zu bleiben… Auf den sollten wir also besser nicht setzen… " Das Schweigen des jungen Bäckermeisters kommt Arúen höchst gelegen um es ihm gleich zu tun, ihre gereizten Nerven wieder einzusammeln und sich zusammenzureißen. Oder es zumindest zu versuchen.

Als Aneirin sich dann wieder zu ihr umdreht, ist das was er sagt allerdings problemlos dazu geeignet, Arúen die Worte zu verschlagen. Nicht, dass die spekulativ-hoffnungsvollen Funken in seinen Augen sie nicht schon gewarnt hätten, dass da jetzt womöglich etwas kommt, das sie eigentlich nicht hören will. Und sie irrt sich nicht.

>Eure Gedankenlesen-Sache... Tyalfen hat mir so oft versichert, dass ich mich nicht sorgen müsse, dass er meine Gedanken antasten würde. Er würde es nicht tun, so lange es nicht einen wirklich wichtigen Grund dafür gäbe. Wie funktioniert das?<

Für einen Moment kann sie den Menschen nur schweigend anstarren. Tief in ihr regt sich die bittere Vorahnung, worauf Aneirin hinaus wollen könnte. Und alles, was sich dagegen nur sträuben kann, beginnt sich bereits in dunkler Ahnung abwehrend aufzustellen - einschließlich der feinen Haare in ihrem Nacken. "Wir lesen keine Gedanken! Allein der Gedanke daran ist- … " Die Anukispriesterin kann nicht verhindern, dass es sie reflexhaft voll Widerwillen und Abscheu schüttelt. Aber ihr wird im gleichen Moment klar, dass sie dem Freund erklären muss, wovon er da eigentlich redet, was es mit der Empathie der Elben auf sich hat und dass er gerade an einem der größten Tabus der Kinder des Morgens rührt. "Götter, Aneirin, Du hast keine Ahnung, wovon Du sprichst… Wenn Tyalfen es wirklich so formuliert hat, dann kommt das der Wahrheit nicht einmal annähernd nahe." Jetzt ist es an Arúen, unruhig hin und her zu gehen und vor lauter Anspannung die Hände immerwieder zu Fäusten zu ballen und zu öffnen. Irgendwann bleibt sie vor Aneirin stehen und sieht ihn an, schweigend und noch immer auf der Suche nach den richtigen Worten. Und das tiefe Luftholen ehe sie weiterspricht klingt verdächtig nach einem Seufzen.
"Wir Elben sind empathisch begabt, Aneirin, der eine mehr, der andere weniger. Aber grundsätzlich sind wir in der Lage, die Stimmungen und Gefühlsregungen von anderen wahrzunehmen. Doch es gilt unter Elben als hochgradig unhöflich, geradezu als unverzeihlicher Übergriff, wenn es mit… mit anderen getan oder geteilt wird, die nicht… nun ja. Sehr vertraut sind. Diese empathischen Sinne gegen die Wahrnehmung anderer abzuschirmen, gehört zu den ersten Dingen, die Kinder bei uns lernen, die sie lernen müssen, für sich selbst und für alle anderen um sie herum. Ebenso, wie den eigenen Geist abzuschirmen, um andere nicht mit den eigenen Emotionen zu behelligen. Ich weiß, dass manche Verhaltensweisen von uns Elben auf andere Völker seltsam wirken. Aber vieles, was bei uns im Zusammenleben ganz normal und alltägliche Notwendigkeit ist, ergibt eben nur in einer empathischen Gesellschaft Sinn."
Unbewusst nimmt sie das Umhergehen wieder auf, auch wenn sie den Blick nicht von ihm nimmt. "Unter Menschen zu leben, ist eine echte Herausforderung für Elben. Stets und ständig müssen wir aufpassen, dass wir unsere empathischen Sinne unter Kontrolle behalten, sie abschirmen um nicht versehentlich jemandes Grenzen zu überschreiten, während die Menschen um uns herum uns gleichzeitig mit Salven an Gefühlen eindecken. Und glaub mir, niemand, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, will an all dem teilhaben… Es ist anstrengend, diese permanente Konzentration kostet einen viel Kraft. Je ausgeprägter unsere Sinne sind, desto mehr kostet es uns. Und das Tag für Tag."

Händeringend flüchtet die Elbin sich in Sachlichkeit und reine Fakten - auch wenn sie weiß, dass sie so nur Zeit schindet, um dem heiklen Thema des Gedankenlesens noch für einen Moment zu entgehen. "Empathie ist nicht dasselbe wie Einfühlungsvermögen, Aneirin. Das eine ist die verstandesmäßige Fähigkeit, die Gefühle anderer Leute nachzuvollziehen und zu teilen. Aber unsere Empathie geht weit darüber hinaus. Als ich eben gesagt habe, dass ich Dich verstehe und weiß, wie du Dich fühlst, dann habe ich das genau so gemeint. Ich kann nicht nur nachvollziehen, wie Du Dich fühlen musst. Wenn ich mich nicht vollkommen vor Dir verschließe, dann teile ich Deine Gefühle im wortwörtlichen Sinn… denn Deine Gefühle sind momentan so stark, so intensiv, dass Dein Geist sie regelrecht hinaus schreit. Glaub' mir, das ist für einen Empathen keine angenehme Erfahrung, es bereitet uns regelrecht körperliche Schmerzen. Versteh' mich jetzt bitte nicht falsch, ich werfe es Dir nicht vor, dass Du empfindest, wie Du empfindest, wirklich nicht. Ich kann es verstehen.

Aber Du hast mich nach dem Gedankenlesen gefragt. Kein Elb kann einfach so daherkommen und nach Belieben in den Geist eines anderen eindringen und dessen Gedanken lesen, ohne dass der es merkt. Ganz abgesehen davon, dass beileibe nicht jeder Elb über einen Geist verfügt, der machtvoll genug ist, um es überhaupt zu versuchen. Die Abschirmung des eigenen Geistes… bei uns nennt man es bildhaft oft auch 'die achtfältige Mauer'... sie bewusst zu senken und es jemandem zu erlauben, auf der Ebene von Geist zu Geist Kontakt aufzunehmen, Gedanken und Erinnerungen auf dieser Ebene zu teilen, … das ist nichts, was man leichtfertig tut. Und fordern tut man es schon gleich gar nicht.
Diese 'Mauern' ohne die Einwilligung und das Wissen des anderen oder womöglich mit seinem Wissen aber gegen seinen Willen zu überwinden um in den Geist und die Gedanken vorzudringen… Götter… Allein der Gedanken ist widerlich, es ist abscheulich und absolut verwerflich. Es ist eines der größten Tabus in der Gesellschaft der Elben. Nein, eigentlich ist es DAS größte Tabu, ein unglaubliche Vergehen an allem was unsere Gesellschaft ausmacht. Kein Elb, würde es auch nur ansatzweise in Betracht ziehen, ohn-"

Hier unterbricht Arúen sich selber, als ihr bewusst wird, was sie beinahe ausgesprochen hätte: ohne sich in allergrößter und auswegloser Not zu befinden. Und es lässt sie diese Worte aus Aneirins Blickwinkel betrachten: Er ist in allergrößter Not, der größten Not, die ein Vater leiden kann und er hat keinen anderen Ausweg mehr. Sie weiß all das, aber alles, einfach alles in ihr weigert sich, den Gedanken konsequent zu Ende zu denken und die Möglichkeit auch nur ansatzweise in Betracht zu ziehen. Dieser Gedanke ist schlichtweg undenkbar.
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Aneirin

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80

Thursday, March 28th 2019, 11:40pm

Äußerlich wirkt Aneirin in diesem Augenblick nun tatsächlich vollkommen ruhig, obwohl er alles andere als gelassen ist. Ganz im Gegenteil toben in ihm eine Menge Gefühle und Gedanken. Was Arúen dann wohl auch ganz sicher weiß, nach dem zu urteilen, was sie ihm erzählt hat. Dennoch versucht er nun sich ganz allein auf Arúen zu konzentrieren, die soeben mitten im Satz abgebrochen hat. Und Aneirin hat auch eine leise Ahnung, warum sie das tat. Und er versucht dies gar nicht aus seinem Blick zu verbergen.
Langsam kommt er näher, nicht bedrohlich, sondern diplomatisch. Jedenfalls soweit er es in dieser Situation vermag.
„Arúen… Es tut mir leid, wenn ich momentan schwer auszuhalten bin. Mir war nicht bewusst, dass du so fühlst… mich fühlen kannst. Glaub mir, wenn ich es abstellen könnte, würde ich es tun.“
Aneirin meint es so, auch wenn er keinerlei Vorstellung davon hat, wie sowas gehen mag und was es tatsächlich bedeutet, auch wenn Arúen es versucht hat durch ihre Worte verständlich zu machen.
Einen Augenblick lang sieht er sie schweigend, aber mit abwägendem Blick an, während er ihre Erklärung im Geiste rekapituliert. Letztlich kommt er aber immer wieder zu dem Schluss, ihr Problem mit diesem ‚Gedankenlesen‘ nicht nachvollziehen zu können.
„Ich bin kein Elb“, beginnt er schließlich und unter anderen Umständen würde er ein Schmunzeln, wenigstens ein Zucken der Mundwinkel hinzufügen. Das hier allerdings ist für sie beide eine ernste Angelegenheit, wenngleich wohl aus unterschiedlichen Gründen.
„Das heißt zum Einen schon einmal, dass ich – Verzeihung – darauf scheiße, ob es unter euch als unhöflich gilt. Wie kann es unhöflich sein, wenn ich dich darum bitte und es ausdrücklich wünsche? Halten wir an dieser Stelle bitte fest, dass ich ‚bitte‘ und ‚wünsche‘, also keineswegs fordere, und mir dieses… Eingriffs also völlig bewusst bin, du also nichts gegen meinen Willen tun würdest. Was also genau soll an dieser Stelle noch unhöflich, widerlich oder verwerflich sein?“, breitet er seine Arme in einer verständnislosen wie fragenden Geste aus.
„Gut, wir sind uns jetzt nicht… wie hast du es ausgedrückt: sehr vertraut. Aber auch das ist nichts, das sich nicht ändern ließe.“
Für einen Moment befürchtet Aneirin, dass das sonst so vertraute, aber nun fehlende, schalkhafte Funkeln in seinen Augen von Arúen falsch aufgefasst werden könnte. Dann wiederum ist es ihm aber egal. Würde er nicht mit ihr das Bett teilen, wenn er dadurch herausfinden könnte, wo seine Tochter ist?
„Ich sehe bisher keinerlei Grund, warum wir es nicht probieren sollten. Es sei denn, diese Verbindung wäre zwischen Elb und Mensch überhaupt nicht möglich oder du wärst dafür nicht… machtvoll genug.“
Mit in Falten gelegter Stirn sieht er sie fragend wie auffordernd an.
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Arwen

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81

Sunday, March 31st 2019, 4:50pm

Sie hört Aneirin so aufmerksam wie widerstrebend zu. Die Argumente, die er vorbringt sind zwar durchaus … nun ja … rational nachvollziehbar - für einen Menschen. Vielleicht. Aber sie ist kein Mensch, sie ist eine Elbin, Götterverdammt. Und mit Vernunft hat dieses Thema für sie nun einmal nichts zu tun. Ja, er bittet sie darum, wünscht es sogar ausdrücklich, aber trotzdem sträubt sich alles in ihr bei dem bloßen Gedanken. Sie ringt innerlich so sehr, dass sie den nächsten Satz des jungen Bäckermeisters erst nur mit halbem Ohr mitbekommt.

>Gut, wir sind uns jetzt nicht… wie hast du es ausgedrückt: sehr vertraut. Aber auch das ist nichts, das sich nicht ändern ließe.<

Doch im nächsten Moment begreift sie, WAS Aneirin da gerade sagt und nur einen Herzschlag später hinterlässt ihre Ohrfeige einen flammenden Abdruck in seinem Gesicht. "Sag mal, hast Du jetzt komplett den Verstand verloren? Wofür hältst Du mich?" Selbst ein noch so schalkhaftes Funkeln in seinen Augen hätte an ihrer Empörung in diesem Moment nicht das Geringste geändert oder sie besänftigt. "Das hat nichts, aber auch absolut gar nichts mit Sex zu tun…" Empörung pulsiert noch immer wütend durch ihre Adern und lässt auch ihre Stimme vibrieren. Mit tiefen, bewussten Atemzügen ringt sie darum, ihre Fassung wiederzuerlangen. "Du bist mein Freund und ich halte Dir einfach zugute, dass die Sorge um Brianna Dich das hat sagen lassen."

>Es sei denn, diese Verbindung wäre zwischen Elb und Mensch überhaupt nicht möglich oder du wärst dafür nicht… machtvoll genug.<

Ihre erste, spontane Reaktion ist ein fast schon abfälliges Schnauben, das sie nicht unterdrücken kann. Wobei, eigentlich will sie es auch gar nicht unterdrücken. "Es ist zwischen Menschen und Elben möglich", bekommt er kalt zur Antwort. Ihr Blick bekommt etwas abschätzendes, fast schon hartes und lässt nicht zu, dass er seinen von ihr abwendet. "Und ich wäre mächtig genug, es zu versuchen." Als sie das sagt, vermutet sie wohl nicht ganz zu Unrecht, dass der junge Mann keine Ahnung hat, wieviel Macht in ihr ruht und zu was sie alles fähig wäre, wenn sie müsste.
"Aber Du bist Dir dieses 'Eingriffs' nicht bewusst. Du weißt nicht, was es bedeuten würde und welche Risiken es birgt, welche Konsequenzen es haben kann. Für uns beide… Du kannst es gar nicht wissen." Arúen hat das Umherlaufen wieder aufgenommen und die Arme um sich selber geschlungen, wie um Abstand zwischen sich und den Menschenmann zu bringen und sich gegen ihn und seine hartnäckige Forderung zu wappnen.

"Ich wäre mächtig genug, es zu tun. Zumindest hat der Hohepriester, der mich auf die Prüfungen der Hohen Weihen vorbereitet hat gesagt, dass ich dazu in der Lage wäre, dass meine Macht sogar ausreichen würde um es gegen den Willen eines Wesens zu tun… Vorausgesetzt, ich wäre skrupellos genug… Aber ich habe es noch nie gemacht…"

In der Hoffnung, ihn von seinem Ansinnen doch noch abbringen zu können, konfrontiert sie ihn in kalter Sachlichkeit, mit den Risiken dieses Vorhabens. "Es wäre nicht so, dass ich einfach in Deinen Geist eindringe, eine Frage stelle und alle Antworten bekomme, die Du Dir erhoffst. Es wäre viel machtvoller. Ich würde Deine Erinnerungen teilen, Gefühle, Bilder. Vielleicht auch Dinge, von denen Du nie wollen würdest, dass ich sie weiß. Und ich habe keine Ahnung, wie tief ich vordringen müsste, um das zu finden, was Du suchst.
Ganz abgesehen davon, dass es Erinnerungen gibt, die der Geist aus gutem Grund vollkommen verweigert und in den tiefsten Tiefen der Seele verbirgt, einfach weil das Weiterleben mit ihnen unmöglich wäre. An ihnen zu rühren und sie gewaltsam zu wecken hinterlässt im besten Fall tiefe Wunden und Narben auf Deiner und meiner Seele… und nicht selten endet sowas tödlich. Aber je tiefer ich vordringen müsste… oder wenn ich bloß einen kleinen Fehler machen würde… es könnte Dich Deinen Verstand kosten, Dich unwiderruflich alle Erinnerungen und alles Wissen kosten, das Du je hattest. Du würdest noch leben und atmen, aber Du wärst nur noch eine leere Hülle, ein blasser Schatten Deines alten Selbst… Und ich müsste damit leben, Dich zerstört zu haben…"
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Aneirin

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82

Wednesday, April 10th 2019, 10:56pm

Aneirin unterdrückt krampfhaft das Verlangen sich seine brennende Wange zu reiben und nimmt fast schon ein wenig trotzig das unangenehme Kribbeln auf seiner Haut hin, während Arúen seinen Blick mit ihrem gefangen hält, den er so kühl an ihr noch nicht gesehen hat. So verfolgt er sie auch weiterhin, als sie beginnt erneut umher zu laufen und ihn über die Risiken und Konsequenzen aufzuklären. Immerhin ist es zwischen Elben und Menschen möglich und sie mächtig genug, wie sie sagt, was Aneirin zufrieden zur Kenntnis nimmt. Zumindest so zufrieden wie er in dieser Situation überhaupt sein kann.

>Aber je tiefer ich vordringen müsste… oder wenn ich bloß einen kleinen Fehler machen würde… es könnte Dich Deinen Verstand kosten, Dich unwiderruflich alle Erinnerungen und alles Wissen kosten, das Du je hattest. Du würdest noch leben und atmen, aber Du wärst nur noch eine leere Hülle, ein blasser Schatten Deines alten Selbst… Und ich müsste damit leben, Dich zerstört zu haben…<

Eigentlich hat es ja gar keinen Sinn - wie er nach Arúens Ausführungen nun weiß, wenngleich es ihm schwer fällt sie vollständig nachzuvollziehen - und dennoch versucht er, sich von dem Unbehagen, das Arùens Worte in ihm ausgelöst haben, nichts anmerken zu lassen. Sie hat durchaus Recht, dass ihm das nicht bewusst gewesen ist. Nein, unter Umständen einen solch hohen Preis zahlen zu müssen, das ist nicht das, womit er gerechnet hat. Und schon gar nicht, dass er dadurch auch Arúen selbst in Gefahr bringen könnte. Und dennoch… was hat er schon für eine Wahl?
Er bricht den Blickkontakt zu ihr ab und richtet ihn gen Boden, lässt seinen Blick ihn ziellos absuchen, streift dabei das Häufchen Löschsand, während er sich mühevoll sammelt und für einen kurzen Augenblick tut es ihm sogar leid, dass sie nun auf diese Art und Weise hier stehen und diese Angelegenheit diskutieren.
Doch auch als die Worte der Elbin einige Herzschläge lang gesackt sind und Aneirins Respekt vor diesem Vorgang dramatisch zugenommen hat, sieht er darin trotz aller Beklommenheit seine letzte Möglichkeit, einen Hinweis auf Briannas Aufenthaltsort zu bekommen.

„Du wirst keinen Fehler machen“, erwidert er schließlich und sieht sie wieder an. „Andere, ja, vielleicht… Aber du nicht. Wenn du mit etwas leben müsstest, dann damit, dass jemand anderes mich zerstört hat, weil du es nicht gewagt hast, mir zu helfen.“ Der Nachdruck in seiner Stimme bekommt schon fast etwas Vorwurfsvolles, wenngleich dies das Letzte wäre, das er ihr gegenüber tun wollte. Es ist wohl viel mehr vorausgegriffene Enttäuschung, dass sie sich (aus rationaler Sicht wohl zurecht) so hartnäckig weigert, ihm zu helfen. Umso entschlossener blickt er sie aber nun an. „Und ich werde jemand anderen suchen, wenn du es nicht tun willst.“
Abschätzend mustert er die Hohepriesterin und würde am liebsten laut Seufzen. Vielleicht hat er es auch gerade getan, ganz sicher ist er sich da nicht. „Ich habe in meiner Erinnerung nichts zu verbergen, nichts, wofür ich mich schämen müsste, nichts, das du nicht wissen dürftest“, versucht er wiederholt, ihre Bedenken zu zerstreuen. Zumindest nicht soweit ich mich erinnere…
Da taucht, wider jeden Versuches es nicht zuzulassen, in seinen Augen erneut die Verzweiflung und Hilflosigkeit der letzten Siebentage auf. „Bitte, Arúen… Ich… Ich könnte es nicht ertragen, nie zu erfahren, was mit Brianna geschehen ist… Würdest du für Rialinn nicht auch alles riskieren?“
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83

Thursday, April 11th 2019, 8:00pm

Das Unbehagen, das ihre Ausführungen bei Aneirin ausgelöst haben, kann Arúen ihm unschwer ansehen. Auch wenn ihr nicht entgeht, dass er zumindest versucht, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten und zu 'dämpfen' - ein gut gemeinter aber leider vergeblicher Versuch. Dass der junge Bäckermeister eine ganze Weile schweigt und schließlich sogar seinen Bick von ihr nimmt um intensiv den Boden zu betrachten, lässt die Elbin hoffen, dass er angesichts der möglichen Konsequenzen doch noch von seinem Ansinnen Abstand nimmt. Als er dann jedoch wieder spricht, macht er diese leise Hoffnung umgehend zunichte.

>Du wirst keinen Fehler machen. Andere, ja, vielleicht… Aber du nicht. Wenn du mit etwas leben müsstest, dann damit, dass jemand anderes mich zerstört hat, weil du es nicht gewagt hast, mir zu helfen… Und ich werde jemand anderen suchen, wenn du es nicht tun willst.<

Angesichts seines geradezu blinden Göttervertrauens in ihre Fähigkeiten, kann Arúen nur abwehrend den Kopf schütteln. Sie ist schon an ihren besten Tagen weit davon entfernt unfehlbar zu sein und momentan befindet sie sich in der tiefsten Glaubenskriese ihres ganzen, langen Lebens. Und er kommt nun auch noch mit dieser, dieser… "Das ist Erpressung, Aneirin! Und das weißt Du."

>Ich habe in meiner Erinnerung nichts zu verbergen, nichts, wofür ich mich schämen müsste, nichts, das du nicht wissen dürftest.<

Bei diesen Worten wird der Blick der Elbin schlagartig sanfter. "Wir alle haben in unseren Erinnerungen Momente oder Erlebnisse, für die wir uns vielleicht nicht schämen, die wir aber trotzdem lieber für uns behalten möchten. Ob es uns nun bewusst ist oder nicht."

>Bitte, Arúen… Ich… Ich könnte es nicht ertragen, nie zu erfahren, was mit Brianna geschehen ist… Würdest du für Rialinn nicht auch alles riskieren?<

Rialinn hier als Argument ins Feld zu führen hat schon etwas unfaires, aber Aneirin hat Recht, so schwer es Arúen auch fällt, sich das einzugestehen. Für Rialinn würde sie alles riskieren, auch ihr eigenes Leben. Aber nicht den Verstand und den Seelenfrieden von anderen, versucht sie das Argument gedanklich zu entkräften. Dummerweise mischen sich hier die Erinnerung an einen Tag vor mehr als vierzehn Jahreskreisen und ihre innere Stimme ein. Nein, Du hast nur fünf Deiner Freunde gebeten, dass sie mit Dir in den Kampf gegen einen Granden der Verwesung ziehen und damit ihre eigenen Leben und Seelen und die ihrer ungeborenen Kinder aufs Spiel setzen. "Hmpf." Aneirin kann es nicht wissen, aber der Unmutslaut der Elbin gilt nicht ihm und seinen Worten - zumindest nicht direkt - sondern ihr selber und dem stummen Zwiegespräch mit dem eigenen Gewissen. Ganz abgesehen davon, dass die Hartnäckigkeit, die Aneirin auch angesichts der möglichen Folgen für ihn noch an den Tag legt, ihr insgeheim schon Respekt abnötigt - auch wenn sie das momentan nie aussprechen und zugeben würde.
"Damit zu drohen, dass Du Dir jemand anderen suchst, der versucht Deine Erinnerungen zu lesen ist Erpressung… Die einzige, der ich zutrauen würde es zu tun ohne Dich in Gefahr zu bringen, ist Niniane und sie ist momentan nicht in der Stadt." Und ich würde es auch nie auf sie abwälzen und es ihrer Seele aufbürden nur es mir zu ersparen. "Ich muss verrückt sein, es ernsthaft in Betracht zu ziehen, aber… aber wenn es schon sein muss, dann werde ich es tun… Und die Gnade der Götter möge mit uns sein und unsere Seelen behüten."
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Aneirin

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84

Thursday, April 11th 2019, 10:41pm

Oh ja, Aneirin weiß sehr wohl, dass er sie gerade erpresst. Aber sie ist doch selbst eine liebende Mutter, sie wird es verstehen. Sie muss einfach verstehen, dass er keine andere Wahl hat. Entweder dies oder die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, dass vielleicht irgendwann womöglich in seinen versteckten Erinnerungen ein Hinweis auf Briannas Verbleib auftaucht.
Dass Arúen ihm nicht umgehend antwortet und seine Worte stattdessen abwägt, wenngleich widerwillig, lässt tatsächlich ein wenig Hoffnung in ihm keimen, sie würde es in Erwägung ziehen ihm zu helfen.

>Damit zu drohen, dass Du Dir jemand anderen suchst, der versucht Deine Erinnerungen zu lesen ist Erpressung… Die einzige, der ich zutrauen würde es zu tun ohne Dich in Gefahr zu bringen, ist Niniane und sie ist momentan nicht in der Stadt.<

Aneirin schlägt die Augen nieder, um sich für einen Moment zurückzunehmen und der Elbin etwas mehr Raum für ihre Antwort zu geben. Vielleicht sollte er beschämt sein, dass sie ein weiteres Mal erwähnt, von ihm erpresst zu werden. Er ist es allerdings nicht, darf es nicht sein. Nicht, wenn sie seine letzte Möglichkeit ist. Er kennt diese Niniane, die sie erwähnt, nur vom Hörensagen. Und wenn Arúen es sonst wirklich niemandem zutraut – nicht einmal Tyalfen…

>Ich muss verrückt sein, es ernsthaft in Betracht zu ziehen, aber… aber wenn es schon sein muss, dann werde ich es tun… Und die Gnade der Götter möge mit uns sein und unsere Seelen behüten.<

Erstaunt blickt Aneirin auf und braucht trotz allem einen Augenblick um zu begreifen, dass Arúen gerade eingewilligt hat, ihm zu helfen – Erpressung hin oder her. Die Zuversicht, die ihn daraufhin erfüllt, lässt ihn sogar nach all den Siebentagen wenigstens für den Moment lächeln.
„Arúen… ich… Danke“, kann er gerade noch hervor bringen und muss sich sehr zusammenreißen, um ihr nicht um den Hals zu fallen. Stattdessen öffnet und schließt er die Hände immer wieder zu Fäusten, um so etwas von dem Druck abzulassen, der sich plötzlich schwer auf seine Schultern legt. Schließlich geht es nicht nur darum, dass Arúen keinen Fehler macht, um ihn nicht zu gefährden, sondern auch darum, sich selbst zu bewahren. Doch ein Rückzieher kommt nun auf keinen Fall in Frage.
„Was muss ich tun?“
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Arwen

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Monday, April 15th 2019, 9:26pm

So sehr Arúen auch bis zu diesem Moment davor zurückgescheut ist, kaum, dass sie die Entscheidung getroffen hat Aneirins Wunsch zu folgen und seine Gedanken zu lesen ist jeder Funke Unruhe in ihr schlagartig verschwunden. Diese Ruhe, die sich wie eine warme Decke über ihren Geist und ihr Denken legt ist ihr so vertraut wie ihr Spiegelbild im Wasser - und sie vermisst sie schmerzlich. Von der Magie ihrer Herrin ausgeschlossen zu sein, lässt sie sich ohnehin schon fühlen, als habe ihr jemand einen Arm oder ein Bein abgetrennt. Aber von dieser Ruhe abgeschnitten zu sein, die sie auf den Pfaden von Anukis' Gefilden immer gefunden hat, darunter leidet sie jeden Augenblick eines jeden Tages. Und für einige selbstsüchtige Herzschläge überlässt sie sich einfach nur dieser Ruhe und genießt das Gefühl der Geborgenheit in den Armen der Wilden Herrin. Aneirins Frage, was er nun tun müsse, holt sie leider nur viel zu schnell wieder ins Hier und Jetzt und zu der Aufgabe die vor ihr liegt zurück.

"Nichts, Aneirin, Du musst nichts tun… Genau genommen, ist es sogar extrem wichtig dass Du gar nichts tust", antwortet sie dem Freund mit einem ruhigen Lächeln während sie ihn hinüber zu den Lehnstühlen dirigiert, damit er sich dort setzt. Während ihre Blicke bei dem jungen Mann bleiben und sich vergewissern, dass er der Bitte sich zu setzen dieses Mal folgt, scheinen ihre Hände ein Eigenleben zu haben. Mit den ruhigen und fast unbewussten Handgriffen, die aus langer Routine erwachsen, setzt sie kleine, glühende Kohlestücke auf ein Bett aus weißem Sand in einem kleinen Kohlebecken, das sie dann auf den kleinen Tisch neben den Stühlen abstellt ehe sie Aneirin gegenüber ebenfalls Platz nimmt. Aus einem kleinen, unscheinbaren Lederbeutel an ihrem Gürtel holt sie mit spitzen Fingern einige getrocknete Kräuter, Blätter und Blüten hervor und lässt sie auf die glühenden Kohlen rieseln. Ein süßer Duft breitet sich aus, wie von Blumen und Kräutern unter heißer Sommersonne. Dann folgt ein kleiner, milchiger Klumpen Harz und mischt sich mit einer milden, harzigen Note darunter. "Das sind getrocknete Blüten und Blätter von Kräutern und etwas weißer Weihrauch… sie haben eine beruhigende und entspannende Wirkung", erklärt sie, "auf uns beide. Für das, was wir vorhaben, ist es wichtig, dass wir beide ruhig und entspannt sind, Aneirin."

Arúen setzt sich aufrecht und gerade hin, ganz so als würde sie sich für eine ihrer täglichen Meditation zurechtsetzen. So tief wie sie die Luft in ihre Lungen zieht, ist kaum zu unterscheiden, ob es einfach nur ein tiefes Einatmen zum Spannungsabbau ist oder ein Seufzen angesichts dessen, was folgen soll. "Anukis, Heilige Mutter Wildnis, segne uns und behüte unsere Seelen…" Nach diesem kleinen Stoßgebet sucht ihr Blick den des jungen Mannes und sie beginnt zu erklären, wie es weitergehen soll. "Ich habe das noch nie gemacht, zumindest nicht so." Die Erinnerungen, an Tyalfen und wie sie mit ihm eine Verbindung auf dieser Ebene geteilt hat verbannt sie aus ihrem Denken, ehe sie wirklich Gestalt annehmen können. Solche Gedanken wären in diesem Moment alles andere als förderlich. "Ich werde mich ganz langsam vortasten und erstmal an der Oberfläche Deines Geistes bleiben. Damit Du Dich daran gewöhnen kannst und ich ein Gefühl dafür bekommen kann, wie Deine Erinnerungen … fließen…" Ihr fällt gerade kein besseres Wort dafür ein. "Wir fangen mit einer Erinnerung an, die schon zu Dir zurückgekommen ist, der Tag bevor ihr zu eurer Reise aufgebrochen seid, auf Vinyamar im Garten. Und dann gehen wir langsam immer weiter. Ich werde Dir die ganze Zeit sagen, was ich gerade sehe oder wahrnehme und falls Dir etwas dazu einfällt, erzählst Du mir mehr dazu. Wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Und wenn Dir das alles aus welchen Gründen auch immer unangenehm wird oder Du auch einfach nur willst, dass ich aufhöre, dann sag es mir bitte. Ich werde dann sofort aufhören und mich zurückziehen. Und bitte, Aneirin… wenn irgendetwas ist, versuch' bitte auf keinen Fall mit Krampf weiterzumachen oder durchzuhalten. Das wäre viel zu gefährlich. Besser wir machen dann eine Pause und machen später oder morgen weiter… Das musst Du mir versprechen!... Es nützt weder unserer Suche noch Brianna, wenn Du Deinen Verstand riskierst und hinterher womöglich nicht einmal mehr weist, dass es Brianna überhaupt je gegeben hat." Ihre Stimme ist ernster und eindringlicher als je zuvor an diesem Abend und sie lässt ihn nicht aus den Blick, ehe er es ihr nicht hoch und heilig versprochen hat. "Und ich verspreche Dir, dass ich mich auch dann sofort zurückziehe, falls ich merken sollte, dass der Widerstand Deines Geistes so hoch wird, dass ich nur mit Gewalt weitermachen könnte."

Und dann ist der Moment gekommen, dem sie doch eigentlich hat entkommen wollen und sie greift nach seinen Händen. "So eine Verbindung ist… es ist einfacher, die Grenzen zu überschreiten, wenn man sich berührt." Die Elbin versucht sich an einem Schmunzeln, doch es wird nur ein reichlich zittriges Verziehen der Lippen daraus. "Das erklärt auch, warum wir Elben so zurückhaltend mit jeder Form von Berührungen sind."

Kaum streckt sie ihren Geist nach seinem aus, befindet sie sich auch schon direkt an seinen äußeren Grenzen. Aneirins ist zwar längst noch nicht so entspannt, wie es Arúen lieb wäre, aber dafür liegt sein Geist in einer seltsamen Mischung aus Aufgewühltheit und Entschlossenheit offen vor ihr. Doch sie überschreitet diese Grenze nicht, nicht sofort. "Geht es Dir gut, Aneirin? Soll ich weitermachen oder brauchst Du einen Moment?" Als Rhynthuador sie damals auf die Hohen Weihen vorbereitet hatte, hatte sie selber einen Moment gebraucht um sich an das Gefühl eines anderen Geistes in ihrem eigenen gewöhnen müssen - und im Gegensatz zu dem Menschen vor ihr, kannte sie solche Verbindungen bereits.
Erst als er ihr zu verstehen gibt, dass alles in Ordnung sei, streicht sie kurz an den äußeren Grenzen entlang und überschreitet sie dann behutsam. "Also gut, Aneirin, jetzt musst Du mich führen… Ruf Dir den Tag vor der Abreise vor Augen. Du warst mit Brianna bei Rialinn und mir auf Vinyamar. Narsaên und Aidan waren mit Nardain und Yrian auch da… ja, genau", fast schon erleichtert reagiert sie darauf, als sich im Geist des Freundes die Bilder jenes Sommernachmittags zusammensetzen. "Die Kinder haben auf der Wiese gespielt und uns so lange ignoriert, bis Cassandra mit dem Kuchen gekommen ist."
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Aneirin

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86

Friday, April 26th 2019, 11:10pm

>Nichts, Aneirin, Du musst nichts tun… Genau genommen, ist es sogar extrem wichtig dass Du gar nichts tust.<
Aneirin kann nicht umhin für einen kleinen Augenblick etwas verwirrt drein zu blicken. Widerstandslos lässt er sich zu den Lehnstühlen dirigieren und setzt sich. Etwas angespannt verfolgt er Arúens tun und hört sich ihre Erklärungen an. Also tun sie es jetzt gleich? Keine Vorbereitungen, keine Meditation, kein reinigendes Bad oder wer weiß was? Hinsetzen und schon geht es los?

>Für das, was wir vorhaben, ist es wichtig, dass wir beide ruhig und entspannt sind, Aneirin.<
Sie hat gut reden. Entspannen… In diesem Augenblick ist er um ehrlich zu sein alles andere als entspannt. Wie soll er sich denn auch entspannen, nach dem, was sie ihm noch vor wenigen Augenblicken erläutert hat?
Aneirin hält kurz die Luft an und mustert Arúen. Nun gut. Natürlich ist er gewillt es zu versuchen und es ihr gleich zu tun. Schließlich liegt auch ihm daran, dass sie beide wieder heil aus dieser Sache heraus kommen. Also lehnt er sich zurück, atmet tief ein und aus und versucht Ruhe in Körper und Geist einkehren zu lassen. Naja, leichter gesagt als getan…

>Ich habe das noch nie gemacht, zumindest nicht so<, sieht sie ihn an und Aneirin ist sich nicht sicher, ob sie sich entschuldigen, rechtfertigen oder ihn lediglich darüber informieren will.
„Das macht nichts. Du schaffst das“, versucht er sie zu ermutigen. Oder vielleicht sich selbst?

Das Versprechen, das sie von ihm verlangt, lässt ihn noch einmal nachdenklich werden und die Shida’ya vor ihm eingehend mustern. Bei ihren Worten fühlt er sich auf merkwürdige Weise ertappt und er ist sich nicht sicher, ob sie befürchtet, dass er das Bevorstehende immer noch unterschätzt, oder ob sie ihn tatsächlich besser kennt, als sie zugeben mag. Des Ernstes und der Dringlichkeit wegen, die in ihrer Stimme mitschwingen, beschließt er es nicht weiter zu hinterfragen, denn das Versprechen verlangt sie ihm ohnehin ab, ob er sich daran halten will oder nicht, und daran soll es beim besten Willen nicht scheitern. Und sie hat ja Recht: Er will sein kleines Mädchen finden und nicht für immer vergessen.
„Versprochen“, erwidert er ihr und ist in diesem Augenblick sehr gewillt, ihr zu vertrauen und sich daran zu halten.

Langsam blickt Aneirin von ihren Händen, die seine nehmen und halten, auf und obwohl er ihr Antlitz schon wer weiß wie oft angesehen hat, ist ihm plötzlich, als sähe er zum ersten Mal in dieses unendliche Grün ihrer Augen, das ihn dieses Mal auf eine ganz merkwürdige Weise gefangen nimmt. Im nächsten Moment zieht er scharf Luft ein, nimmt den Blick von ihr und wendet sein Gesicht ein wenig von ihrem ab. Er schließt die Augen und es wirkt fast so, als horche er in sich hinein. Irgendwie tut er das auch, denn ihm ist, als wäre da etwas, jemand… Es lässt sich mit Worten schwer beschreiben. Ein Gefühl, als wäre er plötzlich nicht mehr alleine, auf eine Art, die über Arúens Anwesenheit in diesem Raum, hier ihm gegenüber, hinausgeht.

>Geht es Dir gut, Aneirin? Soll ich weitermachen oder brauchst Du einen Moment?<
Der Bäckermeister öffnet die Augen und sieht Arúen wieder an. „Alles in Ordnung. Mach bitte weiter“, erwidert er ihr leise. Er hat seine Stimme nicht aus Unsicherheit gesenkt, vielmehr hat er das Gefühl, dass es einfach nicht notwendig ist, lauter zu sprechen.
Die Shida’ya rührt sich nicht wirklich und dennoch hat Aneirin mit einem Male das Gefühl, dass sie ihm ein ganzes Stück näher gerückt ist – als säße sie ihm nicht mehr gegenüber, sondern auf seinem Schoß. Nein, eigentlich noch viel näher, näher als es körperlich überhaupt möglich wäre. Nicht, dass es ihm tatsächlich unangenehm ist, aber es irritiert ihn. Mehr als er zuvor gedacht hätte und noch ein wenig ehrfürchtiger hört er ihr zu.

>Ruf Dir den Tag vor der Abreise vor Augen. Du warst mit Brianna bei Rialinn und mir auf Vinyamar. Narsaên und Aidan waren mit Nardain und Yrian auch da… ja, genau. Die Kinder haben auf der Wiese gespielt und uns so lange ignoriert, bis Cassandra mit dem Kuchen gekommen ist.<
„Und von dem konnten sie nicht genug bekommen. Brianna und die Jungs haben von einem Teller gegessen und den Kuchen regelrecht mit ihren Händen zerpflückt.“
Aneirin lächelt zart. Die Augen hat er wieder geschlossen, damit es ihm leichter fällt die Bilder in seinen Erinnerungen hervor zu holen. Ungezwungen und unbeschwert hat Aneirin sich dabei gefühlt, glaubt fast, es erneut zu spüren. Er hätte Brianna dabei stundenlang zusehen können.
Schlagartig ändert sich seine Stimmung als er sich vorstellen muss, wie Brianna – statt gemeinsam mit den Wulfor-Jungen im Sonnenschein auf einer Wiese Kuchen isst – mutterseelenallein völlig durchnässt und verängstigt im Buschwerk eines stockdunklen Waldes hockt.
Rasch öffnet er die Augen, streift dabei Arúens Züge, ohne sie wirklich anzusehen. Er braucht einen Moment, um sich zu sammeln, und weil er nicht sicher ist, wie Arúen diesen kurzen… ‚Ausrutscher‘ wahrnehmen könnte, erklärt er:
„Keine Erinnerung… Nur…“ Angst um mein Kind. Aneirin legt den Kopf in den Nacken, starrt an die Decke und atmet tief durch. Konzentrier dich…, mahnt er sich selbst und versucht Gedanken dieser Art beiseite zu schieben.

Wieder schließt er die Augen und ruft er sich jenen Tag in Erinnerung, verweilt aber nicht mehr allzu lange dort. Stattdessen geht er weiter, erzählt Arúen von ihrer Reise, die an sich nicht sonderlich aufregend war und doch für Brianna schon so etwas wie ein kleines Abenteuer. Er erinnert sich, wie selbst schon die einfachsten Dinge am Wegesrand wie Blumen oder ein Vogel, vorbeitrabende Pferde oder fahrende Händler sein kleines Mädchen völlig faszinierten. Wären sie in Briannas Tempo gereist, sie wären vermutlich immer noch auf dem Hinweg.
Aneirin erinnert sich aber auch wie er seine müde und erschöpfte Tochter zusätzlich zum Gepäck getragen hat, wie sie Pausen am Wegesrand machten, wenn ihn den Kräfte verließen und wie froh und dankbar er über jeden Schritt gewesen ist, den sie bei anderen Reisenden mitfahren durften.
Und wie sie schließlich sein Elternhaus erreichten, was ihm trotz allem, das vorgefallen ist und so sehr es ihn damals von Zuhause fortgezogen hat, jedes Mal wieder mit großer Freude erfüllt. Er liebt seine Mutter und seine Schwester über alles. Und ja, trotz allem liebt er auch seinen Vater nicht weniger, auch wenn er das vielleicht nicht unbedingt zugeben würde.
„Ich glaube, meine Mutter war ein klein wenig enttäuscht, dass Brianna ihr nicht gleich um den Hals gefallen ist. Aber sie hatte sie ja auch eine ganze Weile nicht gesehen.“
Aneirin lächelt ein wenig entschuldigend.
„Aber ihre anfängliche Zurückhaltung hat sich schnell gelegt. Ihre Großeltern haben sie aber auch ganz schön verwöhnt und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, schon bevor sie wusste, was sie gerne hätte.“ Er lacht leise. Er hatte ja nicht damit gerechnet, dass sich sein Vater so schnell, ja überhaupt von seinem kleinen Mädchen so um den Finger wickeln lässt. Nach all den Vorwürfen, die dieser ihm kurz nach Briannas Geburt gemacht hatte, hatte er nicht daran geglaubt, er könne Brianna als seine Enkeltochter annehmen. Aber sein kleiner Sonnenschein hat ihren Großvater ganz schnell vom Gegenteil überzeugt.
„Und sie war ganz begeistert von dem schon recht ordentlichen Babybauch meiner Schwester und hat gleich alles darüber wissen wollen. Aniesa bekommt übrigens Zwillinge.“ Ein stolzes Lächeln umspielt Aneirins Lippen. Er wird Onkel, gleich doppelt.

Da aber verfliegt das Schmunzeln plötzlich und der Bäckermeister öffnet die Augen, hält den Blick allerdings auf seine und Arúens Hände gesenkt, die einander halten.
,Wir alle haben in unseren Erinnerungen Momente oder Erlebnisse, für die wir uns vielleicht nicht schämen, die wir aber trotzdem lieber für uns behalten möchten. Ob es uns nun bewusst ist oder nicht.
Aneirin würde am liebsten laut Seufzen als er zu verstehen beginnt, was Arúen meint und abwägt, ob es notwendig ist, das Nachfolgende laut auszusprechen. Nicht, dass er sich dafür schämen würde oder es ihm unangenehm wäre… Doch, auf eine Art ist es ihm tatsächlich unangenehm. Und auch wenn Aneirin weiß, dass Brianna ihn aus reiner Neugierde gefragt hat – denn woher sollte das kleine Mädchen denn auch ahnen, was sie mit der Frage nach ihrer Mutter in ihm auslösen würde – und er insgeheim wusste, dass sie es irgendwann tun würde (schließlich bekommt sie ja durchaus mit, dass es bei anderen Kindern Mütter gibt) fühlte er sich trotzdem… gekränkt? Hatte er nicht alles getan, dass es ihr an nichts fehlte?
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Arwen

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87

Sunday, May 26th 2019, 5:01pm

Die Erinnerungen an den gemeinsamen Nachmittag der drei kleinen Familien auf Vinyamar am Tag vor der Abreise des Bäckermeisters und seiner Tochter aus dem Blickwinkel Aneirins zu erleben lässt auch Arúen lächeln. Allerdings aus einem anderen Grund als den jungen Mann: Sein Geist duldet ihre Anwesenheit ohne Widerstand und das lässt ihr noch immer schwelendes Unbehagen zunehmend schwinden. Sie hält noch immer seine Hände, doch ihr Blick ist nur vordergründig auf sein Gesicht gerichtet. Tatsächlich sieht sie durch ihn hindurch, sieht vor ihrem geistigen Auge die Erinnerungen erwachen, die Aneirin in sich heraufbeschwört.

Doch dann schlagen Glück und Unbeschwertheit, die seine Erinnerung an die kuchenessenden Kinder begleitet haben zwischen zwei Herzschlägen in Angst und Sorge um und das Bild einer verängstigten, weinend Brianna, die sich im dunklen Wald unter einem Busch zusammenkauert verdrängt den Garten im Sonnenschein. Aneirin versichert ihr zwar, dass das keine Erinnerung sei, sondern "nur" ein Bild seiner Ängste und Sorgen, aber die Elbin ist sich nicht ganz sicher, ob das stimmt. Nicht, weil sie ihm unterstellt, dass er hier nicht die Wahrheit sagt, er ist meint es tatsächlich ganz genau so wie er es gesagt hat. Aber dieses Bild und die damit verbundenen Empfindungen haben sich seltsam angefühlt, weder Erinnerung noch Ausgeburt der Vorstellungskraft eines besorgten Vaters. Ist es das?, fragt sie sich innerlich, Eine verschüttete Erinnerung, die sich so aus dem Unterbewussten zu befreien versucht? Aber ihr bleibt keine Zeit, den Gedanken weiter zu verfolgen oder zu versuchen, dem Bild tiefer ins den Geist Aneirins zu folgen, denn der schiebt den Moment mit einem entschiedenen Gedanken beiseite und kehrt kurz zum Gartennachmittag zurück, ehe er seine Erinnerungen an die Reise von Talyra zu seinen Eltern vor ihr ausbreitet.

Sie teilt seine Freude über Briannas Begeisterung für all die großen und kleinen Dinge am Wegesrand, und da ist so vieles gewesen, für das sich das neugierige Mädchen begeistern konnte. Aneirins Zwiespalt, wenn er sie zur Ordnung rufen und regelrecht antreiben musste, damit sie überhaupt auf ihrem Weg vorankommen. Die Anstrengung, wenn er zusätzlich zu dem Packen mit ihren Sachen auch seine Tochter tragen musste, weil die kurzen Beine aller Begeisterung zum Trotz einfach viel zu schnell müde werden. Erschöpfung, wenn dann auch seine Kräfte sich irgendwann erschöpften. Erleichterung und Dankbarkeit, wenn ein Fuhrwerk sie ein Stück des Weges mitgenommen hat. Dann ist da Anspannung, als sich die Reise seinem Vaterhaus nähert und die Gefühle werden uneindeutig als die Gesichter seiner Familie erscheinen. Da sind Freude und Liebe aber auch Zurückhaltung und Scheu und das ferne Echo von etwas, das ein alter Groll sein mag. Aneirins Worte bringen für Arúen ein wenig Ordnung in das emotionale Durcheinander.

>Ich glaube, meine Mutter war ein klein wenig enttäuscht, dass Brianna ihr nicht gleich um den Hals gefallen ist. Aber sie hatte sie ja auch eine ganze Weile nicht gesehen. Aber ihre anfängliche Zurückhaltung hat sich schnell gelegt. Ihre Großeltern haben sie aber auch ganz schön verwöhnt und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, schon bevor sie wusste, was sie gerne hätte.<

"Das scheint ein rohaweites Vorrecht von Großeltern zu sein: Ihre Kindeskinder zu verwöhnen." Kurz schweifen ihre eigenen Gedanken zu Rialinn, die einst ihren Großvater auch um den kleinen Finger gewickelt hatte und ein versonnenes Lächeln huscht durch das Gesicht der Elbin. Nur kurz verharrt sie bei den seltsam ambivalenten Gefühlen, die sich in Aneirins Erinnerung mit dem Bild seines Vaters, der eine lachende Brianna auf dem Arm hat vermischen.

>Und sie war ganz begeistert von dem schon recht ordentlichen Babybauch meiner Schwester und hat gleich alles darüber wissen wollen. Aniesa bekommt übrigens Zwillinge.<

Während er spricht, sind da das Gefühl freudiger Erwartung und die Erinnerung, wie er seinen Kopf auf den gewölbten Leib seiner eigenen Zwillingsschwester legt und den beiden Ungeborenen versichert, dass es ein großes Glück sei, dass sie einander haben werden. Doch dieser schönen Erinnerung folgen Unsicherheit und Betrübnis, verbunden mit dem fragenden Gesicht von Brianna, die eben noch mit strahlenden Augen andächtig den Bauch ihrer Tante gestreichelt hatte. Das ist auch der Moment, als sie spürt, wie Aneirin von Unbehagen erfasst wird. Es ist weit davon entfernt, dass sein Geist ihr Widerstand entgegenbringt, aber sie breitet sich darauf vor, sich augenblicklich zurückzuziehen, sollte es dazu kommen. Scheu, Scham, Unsicherheit. Es ist ein ziemliches Durcheinander an Gefühlen und Bildern, die einem Mahlstrom gleich durch den Geist des jungen Mannes wirbeln.

"Aneirin? Irgendetwas ist da passiert, oder? Ist etwas mit Aniesa und den Babys nicht in Ordnung? Oder war etwas mit Brianna?" Er ist aufgewühlt und … gekränkt? … und Arúen ist sich alles andere als sicher, ob es richtig ist weiter zu machen. "Es scheint Dir nahe zu gehen und Dir irgendwie auch wichtig zu sein, aber gleichzeitig fühlt es sich an, als würdest Du am liebsten nicht daran denken. Willst… kannst Du darüber reden? Oder sollen wir hier abbrechen und eine Pause machen?"
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Aneirin

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Tuesday, May 28th 2019, 10:36am

>Aneirin? Irgendetwas ist da passiert, oder? Ist etwas mit Aniesa und den Babys nicht in Ordnung? Oder war etwas mit Brianna?<
Überraschung hat sich auf Aneirins Züge gelegt als er aufblickt und Arúen ansieht. Fast augenblicklich legt sich diese aber wieder als ihm noch deutlicher bewusst wird, was diese Verbindung, die sie beide momentan eint, bedeutet. Selbst wenn er wollte, er könnte der Shida’ya im Augenblick vermutlich nichts vormachen geschweige denn etwas vor ihr verbergen, ohne dass sie zumindest eine Ahnung bekäme. So seufzt er bei ihren Worten als er begreift, dass er Arúen wohl oder übel aufklären muss, um sie nicht in Sorge zu lassen.
Unwillkürlich verändern sich seine Gesichtszüge, bekommen etwas ablehnendes, während er abwägt, wie viel Worte ausreichen könnten, um Arúen begreiflich zu machen, um was es ihm geht. „Nein“, deswegen wird er doch nicht gleich aufgeben. Nicht wegen ihr. „Aniesa und den Babys geht es gut. Das ist es nicht“, erwidert er. „Es ist nur…“ Rasch versucht er das Abbild von Briannas Mutter aus seinen Gedanken zu wischen. Verärgert muss er feststellen, dass ihm das leider nicht so schnell gelingt, wie er es gerne hätte. „Brianna hat nach ihrer Mutter gefragt. Das ist alles“, presst er hervor.
„Können wir weiter machen?“, schiebt er die Frage sogleich hinterher, vielleicht auch um zu vermeiden, dass Arúen mit ihm über Briannas Mutter sprechen will. Die Personen, die ihm nahestehen wissen inzwischen nur zu gut, dass das ein Thema ist, auf das er nicht gut zu sprechen ist, und meiden es den Göttern sei Dank bisher auch. Vielleicht will er irgendwann einmal darüber sprechen, wahrscheinlich muss er irgendwann einmal darüber sprechen. Aber bis dahin wird es hoffentlich noch lange dauern.
Es gelingt ihm nicht gleich, sich wieder auf den Besuch bei seinen Eltern zu konzentrieren und den tiefsitzenden, leise vor sich hin brodelnden Zorn Briannas Mutter betreffend wieder tief in sich zu verbannen. Als er aber schließlich beim Aufbruch und der Verabschiedung seiner Familie angekommen ist, scheint es, als hätte er sich wieder gefangen.
„Brianna hat von meinem Schwager ein kleines Holzschwert geschenkt bekommen und hat es ganz stolz getragen. Meine Mutter sagte… sie sagte…“
Unbewusst schließen sich seine Hände fester um Arúens. Seine Stimme zittert als er zögerlich fortsetzt: „,Pass gut auf deinen Papa auf!‘, hat sie zu ihr gemeint.“ Da hatte Aneirin noch gelacht und gemeint, er könne selbst auf sich aufpassen. Das hat er nicht. Und vor allem hat er Brianna nicht beschützen können, vor wem oder was auch immer.
„Ich habe sie nicht beschützt…“, flüstert er. Er hört sich selbst ungewollt schluchzen und versucht sich daraufhin rasch zusammenzureißen. Nein, er wird hier jetzt nicht rumheulen. Er hat versagt, aber rückgängig machen kann er es nicht. Vielmehr sitzt er doch jetzt hier, um herauszufinden, was geschehen ist, damit er nun etwas tun kann.
Als seine Gedanken sich wieder um die Rückreise drehen muss er allerdings feststellen, dass es nicht sonderlich viel ist, an das er sich erinnert. „Da ist irgendwas, aber ich weiß nicht…“, versucht er sich an das Letzte zu erinnern, das er in seinem Geist finden kann. „Es muss wahrscheinlich schon auf dem Frostweg gewesen sein. Wir haben eine Pause gemacht, gemeinsam mit ein paar anderen Reisenden. Ich habe Laute gespielt, wir haben gesungen, Brianna hat getanzt und alle verzückt.“
Angestrengt versucht Aneirin sich zu erinnern wie es weiter ging. Seine Augen huschen dabei umher, als schöbe er vor seinem geistigen Auge verschiedene Bilder hin und her. „Wir haben über irgendetwas gesprochen, aber ich erinnere mich nicht, mit wem und um was es ging. Oder was überhaupt danach geschehen ist…“
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Wednesday, May 29th 2019, 6:09pm

Die Überraschung die durch Aneirins Gesicht huscht, spricht Bände. Der junge Mann sieht sich ganz offensichtlich gerade mit den Konsequenzen einer solchen geistigen Verbindung konfrontiert, und der Tatsache, dass er momentan seine Gefühlsregungen nicht vor ihr verbergen kann. Dann entkommt ihm ein Seufzen, auf das Arúen nur wortlos mit einem verstehenden Lächeln reagiert, selbst dann noch als die Miene des jungen Mannes ablehnend wird. Sie kann nicht mehr tun, als abwarten was er entscheidet, ob er weitermachen oder abbrechen will - also wartet sie. Er will nicht abbrechen, aber er tut sich auch sichtlich schwer in Worte zu fassen, was ihn so aufwühlt. Als er es dann schließlich doch ausspricht, ist Verärgerung das vorherrschende Gefühl. Aber die gilt nicht der Elbin, sondern ist mit dem Bild einer sehr jungen Frau verbunden, die Arúen zumindest vom Ansehen her kennt, und das kurz bevor Aneirin es mit einer geistigen Kraftanstrengung verdrängt von einem Raben und einem Irbis überlagert wird. Briannas Mutter also…
Sie hat sowohl von Tyalfen als auch von Narsaên das eine oder andere über die junge Wandlerin gehört, auch davon, dass und wie sie Aneirin verlassen hat als sie schon mit Brianna schwanger war. Und sie weiß zumindest vom Hörensagen, dass Brianna die ersten Monde bei Azra in der 'Harfe' aufgewachsen ist, nachdem ihre Mutter die Geburt nicht überlebt hatte. Sie hat nicht vor, weiter nachzufragen. Dazu ist es zu offensichtlich, dass er noch weit davon entfernt ist, sich diesem Thema stellen zu können oder es gar zu verarbeiten.

Unkonzentriert springen die Gedanken des jungen Bäckermeisters in den nächsten Minuten ziellos von einer Erinnerung zur nächsten, die meisten davon ohne jeden Bezug zu seiner Reise. Arúen lässt ihm die Zeit, sich wieder zu fangen und den schwelenden Zorn zumindest für den Moment zu beerdigen. Nach einer Weile konzentrieren sich die Erinnerungen wieder aus den Aufenthalt bei seiner Familie, auf seine Eltern, die Schwester und deren Mann und auf sonnige Tage.
Als sie schließlich an dem Tag anlangen, als sie sich auf den Rückweg nach Talyra machen, mischt sich unterschwellig Unruhe in Aneirins Gedanken. Sie wissen beide, dass sie sich langsam aber sicher jenem Moment nähern, der ihnen hoffentlich Aufschluss darüber gibt, was auch immer Aneirin und Brianna auf dem Frostweg ereilt hat. Und dann schlägt ohne Vorwarnung eine Welle aus Selbstvorwürfen über ihm zusammen.

>Ich habe sie nicht beschützt…<

Die Gefühle, die in regelrecht überfluten und schluchzen lassen, gehen auch an Arúen nicht spurlos vorbei. Sie ist bei weitem nicht herzlos genug, um innerlich eine solche Distanz zu ihm wahren, dass es sie kalt lassen würde. Es drängt sie, ihn tröstend in den Arm zu nehmen, doch sie will nicht riskieren, ihre Verbindung zu unterbrechen wenn sie seine Hände loslässt. So verstärkt sie einfach nur den griff ihrer Hände um ihm zu versichern, dass sie ihn versteht und mit ihm fühlt. Und sie wiederspricht ihm. "Doch, das hast Du. Du hast sie beschützt, Aneirin. Auch wenn Du Dich vielleicht nicht daran erinnerst. Du.Hast.Sie.Beschützt. … Das musst Du getan haben, warum sonst sollte jemand sich die größte Mühe gegeben haben, Dir den Schädel einzuschlagen? … Und ganz abgesehen davon: Ich weiß, wie sehr Du Deine Kleine liebst, Du würdest alles für sie tun. Du würdest sie nie kampflos aufgeben oder hilflos zurücklassen." So lange die Götter es zulassen… Den Nachsatz behält sie wohlweißlich für sich, kann ihn aber bei ihren eigenen Erfahrungen der letzten Zeit mit Llaeron und dem Muster seines vermaledeiten Fadens auch nicht vermeiden.

Viel weiter reichen Aneirins Erinnerungen der Rückreise von diesem Punkt aus dann aber nicht mehr. Es ist ein wirres Durcheinander unscharfer Bilder und Empfindungen, die sich einfach nicht sortieren oder überhaupt trennen lassen.

>Da ist irgendwas, aber ich weiß nicht… Es muss wahrscheinlich schon auf dem Frostweg gewesen sein. Wir haben eine Pause gemacht, gemeinsam mit ein paar anderen Reisenden. Ich habe Laute gespielt, wir haben gesungen, Brianna hat getanzt und alle verzückt. Wir haben über irgendetwas gesprochen, aber ich erinnere mich nicht, mit wem und um was es ging. Oder was überhaupt danach geschehen ist…<

Die Elbin kann spüren, wie die Anspannung in Aneirin zunimmt und Ungeduld aufkommt. "Nicht Aneirin, versuch es nicht mit Gewalt, das wird nicht funktionieren… Atmen. Ein. Aus… Einfach nur atmen, versuch für ein paar Augenblicke einfach nichts zu tun als zu atmen. Ein. Aus… Ein. Aus…" Unbewusst mischt sich bronzen summender Unterton in Arúens Stimme, während sie ihm einfach nur den Atemrhythmus vorgibt, bis sich der rasche Puls des Freundes wieder beruhigt, die Anspannung seiner Muskeln nachlässt und er ihr nicht länger die Hände zerdrückt.

Dann hat sie eine Idee: Musik! Das Letzte an das Aneirin sich bewusst erinnert ist, dass er Laute gespielt und gesungen hat während Brianna dazu getanzt hat. Musik hat ihr schon einmal geholfen, einen verirrten Geist zu helfen, warum also nicht auch hier. Schaden kann es nicht und einen Versuch ist es wert. Im schlechtesten Fall bleiben die Erinnerungen weiterhin verschüttet. Aber wenn die Götter mit ihnen sind, finden sie einen Hinweis.

"Das Lied, das Du gesungen hast… Sing es nochmal… vielleicht hilft es Dir, Dich zu erinnern oder zeigt mir einen Weg durch Deinen Geist und Deine Erinnerungen, dem ich folgen kann."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
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Aneirin

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90

Sunday, June 9th 2019, 1:08pm

Erst als Arúen ihn gemahnt, es nicht mit Gewalt zu versuchen, wird Aneirin bewusst, wie angestrengt er nach seinen Erinnerungen sucht und lässt die Gedanken vor Frust abrupt los wie den Knauf einer Tür, die sich beim besten Willen nicht öffnen lassen will. Er will sie nicht in Gefahr bringen. Weder die Hohepriesterin und Freundin noch sich selbst. Aber wie soll er jetzt weiter machen? Von allein jedenfalls scheinen seine Erinnerungen nicht ans Licht kommen zu wollen, muss er enttäuscht feststellen. Er schließt die Augen und konzentriert sich auf Arúens Stimme, ihr mit seiner Atmung zu folgen. Er muss es wohl zulassen und sich helfen lassen, auf ihre Erfahrung vertrauen, wenn er weiter kommen möchte.

Da fordert Arúen ihn auf, noch einmal das Lied zu singen, das er in seiner letzten Erinnerung sang und Aneirin blickt zunächst irritiert auf und die Shida’ya an. Doch ihre Vermutung scheint ihm durchaus plausibel. Musik kann viel bewirken. Warum es also nicht versuchen?
Aneirin erwidert nichts, sucht aber bereits nach eben jener Erinnerung und nach dem Lied oder den Liedern, die er in dieser Situation gesungen haben mag. Mit geschlossenen Augen neigt er den Kopf hin und her, während er versucht sich zu erinnern.
Seine Finger zucken als er die Ahnung einer Melodie in seinem Kopf findet. Eigentlich würde er jetzt die Hände heben als würde er seine Laute halten, um mit Hilfe des Fingerspiels die Melodie zu vervollständigen. Doch ihre Hände halten noch einander und sollen es vermutlich auch weiterhin, so dass er sich damit zufrieden geben muss, die Finger nur so zu bewegen, dass sie den Kontakt zu Arúens sanfter Haut nicht lösen.
Leise beginnt er mit geschlossenen Augen Bruchstücke einer Melodie zu summen, wiederholt manche Takte einige Male, eher er weiter kommt. Vor seinem inneren Auge sieht er Brianna tanzen, sich selbst schmunzeln, dass seinem Mädchen die Worte einerlei sind und für sie nur die Musik zählt, je freudiger und schneller umso besser. „Mmh mh mh Sonne am Abend… Mmh mh… Tages Mühen… der Barden Stunde…“

‚Papa, Musik!‘ Lachen. ‚Dann leg mal los!‘

„Wenn die Sonne am Abend
Sanft beendet die Runde
Dann nach des Tages Mühen
Beginnt der Barden Stunde.“

Rhythmisches Klatschen. ‚Hui!‘

„Nach dem Lärmen des Tages
All der Sorg' und den Mühen
Sieht man Männer wie Frauen
In die Tavernen ziehen.“

‚Schaut nur, wie süß sie tanzt!‘ Eine Frau lacht verzückt.

„Mancher Krieger am Feuer
Sitzt beim Schärfen der Klinge
Und ich weiß, Mancher sehnt sich
Dass ein Barde wohl singe.“

‚Sagte er, er singt nur ab und an?‘

„Es ist die Zeit der Barden!
Wir erheben die Stimmen
Und von Feuer zu Feuer
Schwebt der Klang, den wir spinnen.“

Gelächter. Jemand stößt mit Bechern an.

„Mit der Laute am Leibe
Macht der Spielmann die Runde
Und bringt sanftes Vergessen
Für so manch' eine Stunde.“

Menschen tanzen. Zwei oder drei Gesichter wirken… bekannt.

„Wenn wir Barden Euch singen
Schenkt uns Lohn für die Mühen,
Damit wir auch Morgen
In die Schlacht mit Euch ziehen!“*

‚Sollen wir ihn fragen? Dann wäre das Fest gerettet.‘

Ein Fest? Was für ein Fest? Aneirins Brauen ziehen sich angespannt zusammen. „Nicht mit Gewalt, Aneirin. Langsam. Entspann dich.“ „Ich versuch’s ja!“, schimpft er und bemüht sich, sich wieder an Arúens Atemtechnik zu orientieren, was ihm vor Ungeduld aber nur teilweise gelingt.




* (Lyssandra Nellam – Bardenzeit)
Avatar © 2013 liegt bei der wundervollen Azra

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