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Ji'isa

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Occupation: Jägerin

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Sunday, March 17th 2019, 4:29am

Eine Wolfsreise

Anfang Langschnee 518, am Ufer des Abhaínnor im Ordensland der Sturmschwerter


Es ist noch früher, kalter Morgen als Ji'isa träge die Augen öffnet und sich unmittelbar unter der Erde wiederfindet. Die Luft hier unten ist vom muffigen, erdigen Geruch erfüllt und trägt eine frische Nuance von Schnee mit sich. Als sich ihr Blick scharfstellt, blickt sie geradewegs auf eine Wand von dunkler, satter Erde, durchzogen von dicken und feinem Wurzelwerk. Ein kleiner schwarzer Käfer macht sich gerade direkt vor ihrer Nase davon und gräbt sich in das Erdreich, um dort zu überwintern, auch wenn er aus irgendwelchen Gründen dafür etwas spät dran ist.
Unbeeindruckt von dem Käfer hebt sie vorsichtig ihren Kopf an und sieht sich in der kleinen, flachen, nach hinten etwas abfallenden Höhle um, in der sie samt Kleidung und Mantel in ihren Schlaffellen zusammengerollt liegt. Irgendein Tier muss hier früher gehaust haben, vielleicht den Sommer über, bis es sich für den Winter ein anderes, wärmeres Quartier gesucht hat... Zumindest hatte die Jägerin die Höhle leer und schon lange verlassen vorgefunden, so dass sie beschlossen hatte, für den Rest der Nacht hierzubleiben.
Das Licht der Dämmerung reicht bis in den Höhleneingang hinein, woran sie erkennt, dass es langsam Zeit wird aufzustehen und bald aufzubrechen. Also schält sie sich mit einigem Widerwillen gegen die Kälte aus den Fellen und kriecht ins ungeschützte Freie, wo ihr der Wind kleine Schneeflocken ins Gesicht treibt, von denen einige in ihren Wimpern hängen bleiben und die sie mit Blinzeln wieder zu vertreiben versucht. Ji'isa zieht die Schultern etwas hoch und schlingt die Arme eng um ihren Leib, damit der Wind nicht so scharf unter ihren Mantel bläst, und lässt den Blick über die ihr fremde, unbekannte Landschaft wandern, die im frühen Morgengrauen noch relativ farblos und - im Vergleich zum Nachtwald - mit ihren vereinzelten Baumgrüppchen abweisend kahl vor ihr liegt. Hinter ihr ragt der alte, knorrige Baum in die Höhe, unter dem sie in der Nacht Schutz gefunden hatte und an dessen Ästen vereinzelt abgestorbene, widerspenstige Blätter hängen, die dem zerrenden Wind trotzen.

Ihr fehlen die riesigen Rotholzbäume ihrer Heimat, die schützenden Baumkronen, die Lebendigkeit des Waldes und die vielen unterschiedlichen Geräusche, verursacht durch das Rauschen des Windes, der sich in Geäst und Blätterdach fängt, sowie das Fiepen, Surren, Zirpen und Rufen der Tiere, das Gurgeln von Wasser und Rascheln von Laub, das Knacken und Knarzen von Holz, unddurchwasweißEalaranochalles, das insgesamt geradezu wie ein stetiges Flüstern des Waldes klingt und dem sie nur zu gern lauscht. Hier ist es im Gegensatz dazu jedoch bis auf den pfeifenden Wind und einige Krähen, die in der Ferne streiten, sowie das ständige, leise Rauschen des Flusses, den sie am Abend zuvor noch an einer schmalen Furt mit ein paar großen, aber rutschigen Steinen überquert hatte, nahezu still. Sogar der Geruch ist anders, der nun hauptsächlich vom Schnee dominiert wird.
Besonders weit kann sie die hüglige Gegend aufgrund des kürzlich einsetzenden Schnees, der den Boden mehr und mehr mit einer dünnen, weißen Decke einhüllt und die Luft zwischen schneeschweren, grauen Wolken und dem Boden wie ein blickdichter Vorhang erfüllt, nicht überblicken, geschweige denn bis zum Horizont sehen. Ein paar kleine Tiere wie Mäuse und Kaninchen lassen in der Nähe das trockene, gefrorene Wintergras leise knistern und suchen nach Futter, ehe sie sich rasch wieder in ihre Baue verkriechen, um nicht als Beute von Jägern am Boden und in der Luft zu enden. Ji'isa kann es ihnen nicht verdenken, denn sie würde sich auch lieber wieder in die windgeschützte Höhle verkriechen. Nur, dass ich so nie an mein Ziel kommen werde..., geht es ihr grimmig durch den Kopf.

Mit diesem Gedanken, dass sie sich schleunigst wieder auf den Weg machen sollte, setzt sie sich in Bewegung und wendet sich der Höhle zu. Vor deren Eingang geht sie in die Hocke, zieht ihre lederne Tasche zu sich heran und einen Holzstängel hervor, der etwa so lang ist wie ihr Zeigefinger und dessen Ende sie sich in den Mund schiebt, um darauf herumzukauen, bis süßer Saft austritt und das Holz an der Spitze zerfasert. Die Süße des Holzes vertreibt den vom Schlaf abgestandenen Geschmack in ihrem Mund und mit den zerfransten Holzfasern des Stängels kann sie sich gleich auch noch etwas die Zähne putzen, bis sie sich unter ihrer Zunge wieder schön glatt anfühlen. Während sie so auf dem Stückchen Holz im Mundwinkel herumkaut, beginnt sie, ihre Schlaffelle aufzurollen und mit einem Lederriemen zu einem Bündel zu binden, so dass sie leichter zu tragen sind. Tasche und Fellbündel hängt sie sich quer über die Schulter, ihren Bogen und den Köcher mit den Pfeilen nimmt sie in die Hand, ehe sie sich wieder aufrichtet und sich zurück zum Fluss begibt. Am Ufer angekommen sucht sie sich eine seichte Stelle, die von einigen kahlen Sträuchern gesäumt wird und nur wenig Sichtschutz bieten. Doch scheint hier ohnehin gerade keine Menschenseele zu sein, wie sie mit einem prüfenden Rundumblick feststellt. So kann sie ihre Habseligkeiten (einschließlich des Süßholzstängels) und den Mantel unter einem Busch geschützt ablegen und sich einige Schritte davon entfernt erleichtern, bevor sie dazu übergeht, sich am Flussufer Hände und Gesicht zu waschen und ein paar Schlucke des klaren Wassers zu trinken. Hier füllt sie auch ihren Trinkschlauch wieder auf, den sie anschließend in ihrer Tasche verstaut. Auf diese Weise erfrischt und ein wenig vor Kälte zitternd, zieht sich Ji'isa wieder ihren wärmenden Mantel an und die Kapuze über den Kopf, bevor sie sich wieder Fellbündel und Tasche umschnallt, um dann Köcher und Bogen ebenfalls griffbereit um ihre Schultern zu legen, damit es endlich weitergehen kann.

Sie orientiert sich nach Westen, so wie man es ihr gesagt hatte, zunächst am Flusslauf entlang in Richtung der schneebedeckten Berge, aus denen der Fluss scheinbar entspringt. Sie waren nicht so groß wie die Eisenberge, die sie vor gut vier Tagen hinter sich gelassen hatte, doch ist da auch einen Wald, der sich von den Berghängen tiefer ins Tal hinein erstreckt und in dessen Schutz sie eintauchen will. Je westlicher sie kommt, desto dichter werden die Schneeflocken und je tiefer wird der bereits am Boden liegende Schnee. Selbst in dem Wald, in dem sich Ji'isa zwar wohler fühlt, als auf den freien Feldern und Wiesen, der aber längst nicht so beeindruckend und schön wie ihr Nachtwald ist, liegt eine dicke Schneedecke.
Unterwegs verkündet ihr Magen mit leisem Knurren, dass es nun Zeit ist zu frühstücken und Ji'isa zieht aus ihrer Tasche einen kleinen Beutel mit süß-säuerlichen Winterbeeren hervor, die sie unterwegs noch im Nachtwald gefunden hatte, um ihren Hunger zu stillen. Dazu hat sie auch noch etwas von dem Trockenfleisch, das sie von zu Hause mitgenommen hatte. Es ist zwar nur ein kleines Mahl, doch zehrt ihr Körper noch von der reichen Beute aus der Nacht zuvor, so dass sie noch eine Weile damit auskommen wird. Sie will sich nicht am Tage den Bauch vollschlagen und langsamer werden. Allerdings hält sie unterwegs immer Ausschau nach etwas essbarem wie Beeren und Wurzeln, wobei der Boden zu hart gefroren ist, um Wurzeln ausgraben zu können, und der Schnee auch immer mehr zunimmt. Ich kann später wieder jagen gehen, sobald die Dämmerung einsetzt... Denn dann würden die kleineren Waldtiere aus ihren sicheren Verstecken hervorkommen, um im Schnee wieder auf Futtersuche zu gehen.

Der Weg durch den tiefen Schnee ist beschwerlich, zumal sie sich vorsichtig auf unbekanntem Terrain vortasten muss, um nicht versehentlich in eine Senke zu stürzen, doch kommt sie Stück für Stück voran. Und bald hört es auch wieder auf zu schneien und der Wind beginnt nachzulassen.
Natürlich hätte sie auch bis zum Frühling warten können, bevor sie sich auf diese Reise macht. Zumindest wurde ihr dazu geraten, allen voran von ihrer Großmutter. Allerdings ist Ji'isa längst kein Kind mehr, kein junges, grünes Mädchen, das nicht allein in der Wildnis zurecht käme. Und Ängstlich ist sie schon gar nicht. Im Nachtwald war sie häufig mehrere Tage und Wochen allein unterwegs gewesen. Sie wartete gefühlt schon ewig auf diese Gelegenheit, hatte lange Zeit nach Hinweisen gesucht, versucht Informationen von den anderen Waldbewohnern zu bekommen – ob nun Waldkinder, Kobolde oder Feen. Häufig ist sie mit ihren Stammesbrüdern und -schwestern mitgegangen, wenn sie mit den Kindern des Waldes anderer Stämme und auch mit anderen Menschen gehandelt haben. Dabei konnte sie ein paar Wortfetzen derer Sprachen erlernen, um sich verständlich zu machen und auch selbst zu verstehen, was sie sagen. So traf sie schließlich einen Mann, der erzählte, er habe viele Länder bereist und daher viel gesehen. Er sagte ihr, sie solle nach Arnis gehen, denn er ist der Meinung, eines der Zeichen auf dem Messergriff, das sie ihm gezeigt hatte, als das Wappen von Arnis erkannt zu haben. Ein Wappen sei eine Art Erkennungszeichen, wie er erklärte, so wie die Stämme auch ihre Zugehörigkeit zu ihrem jeweiligen Mag kennzeichnen. Also hatte Ji'isa ihre Sachen gepackt, um sofort aufzubrechen und den Stamm Arnis zu finden.

Ji'isa

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Wednesday, June 5th 2019, 5:24pm

Mitte Langschnee 518, in einem Wald in Arnis und am Ufer des Flusses Morar


Ein schriller Pfiff hallt durch den verschneiten Wald. Zwei große, dunkle Hunde, denen der Pfiff galt - und den sie schlicht, angestachelt durch ihren Jagdtrieb, ignorieren -, rasen geradewegs durch den Schnee auf den Baum zu, auf den sich Ji'isa in diesem Moment noch retten kann. Bellend springen sie an dem dicken Stamm empor, ohne jedoch die vermeintliche Beute zu erreichen. Hunde sind glücklicherweise ziemlich schlechte Kletterer. Einer der beiden gibt jedoch auf, die Frau dort oben anzubellen und beginnt, im Schnee unterhalb des Baumes zu graben und Schlaffelle und den Mantel der Jägerin freizulegen, die sie in ihrer Schlafgrube zurückgelassen und zur Tarnung rasch mit dem Pulverschnee verdeckt hatte.
Zu diesem Zeitpunkt war Ji'isa schon eine ganze Weile wach, nachdem sie tagsüber in einer Schneegrube geschlafen hatte, und die Sonne, die an diesem Tag für wenige Stunden geschienen hatte, war bereits hinter Wolkenbergen am Horizont verschwunden, so dass die Dämmerung bald einsetzte. Gerade wollte sie sich auf ihre Weiterreise vorbereiten, als sie unweit ihres Lagerplatzes Geräusche schnaubender, durch den Schnee stapfender Pferde und gedämpfte Stimmen zweier sich unterhaltender Männer vernahm. Wären da nicht die Hunde, die die Reiter begleiten und kreuz und quer herumstreunten, hätte Ji'isa sich einfach hinter einer Schneewehe verborgen. So aber hatte sie sich rasch Bogen und Köcher geschnappt und war behände auf den nächsten Baum geklettert, indem sie sich mit Schwung und Kraft an einem starken Ast hochgezogen hatte, um den Zähnen der Hunde zu entgehen – für andere Optionen hatte sie in diesem Moment keine Zeit mehr gehabt. Aber so konnte sie sich auch gleichzeitig vor den Augen der beiden Menschen verstecken, indem sie sich hinter dem dicken Stamm verbarg.

Jetzt hockt sie gut zweieinhalb Schritt über dem Boden auf dem Ast an den Stamm gelehnt, gegen den sich der größere der beiden Hunde weiterhin bellend mit beiden Vorderpfoten stemmt, und spannt ihren Bogen, um mit der Pfeilspitze genau zwischen die Augen des drohend knurrenden und bellenden Tieres zu zielen. Es zu verletzen oder gar zu töten ist nicht unbedingt das, was sie will, doch wenn der Hund sie nicht bald in Ruhe lässt und darüber hinaus noch seine Herren anlockt...
Doch erneutes Pfeifen und ein strenges „Hierher!“, tönt weiter entfernt von einer tiefen Männerstimme, die einem älteren Mann gehört. Der scheint nicht gewillt zu sein, nachzusehen, was seine Hunde gefunden haben – wahrscheinlich weil er zu müde ist und endlich nach Hause will, um sich am Herdfeuer zu wärmen und einen ordentlichen Humpen Bier zu trinken, während er geneigten Zuhörern von etwaigen Abenteuern erzählt. Auch sein jüngerer Kumpane scheint müde zu sein und zeigt keinerlei Ambitionen, den Hunden zu folgen, sondern reitet bereits ein Stückchen voraus, während der Ältere sein Pferd zügelt und wartet. Den beiden Hunden widerstrebt es allerdings sichtlich, aufzugeben und ihre Beute zurückzulassen. „Na los, geht schon... auf euch wartet zu Hause sicher schon ein fetter Knochen...“, knurrt Ji'isa vor sich hin und starrt dem Hund an ihrem Baum geradewegs in die braunen Augen. Nur widerwillig unterbrechen sie ihr Gebell und das Graben im Schnee, ehe sie endlich nach einigem Zögern dem dritten Pfiff folgen und im schnellen Trott schwanzwedelnd zu ihren Menschen laufen.
Nun genehmigt sich Ji'isa auch einen vorsichtigen Blick am Baumstamm vorbei auf die Reiter und beobachtet diese aus sicherer Entfernung. Sie folgen der Straße, die eine Schneise im Wald bildet, in Richtung Norden und sind offensichtlich Jäger, wie sie an den Bögen und Köchern der Männer erkennt, sowie an der reichen Beute, die an den Sätteln und auf den Hinterteilen der Pferde befestigt wurden. Sie haben eine Vielzahl von Kaninchen erlegen können, sowie zwei Rehe, die eine ganze Familie durch den Winter bringen könnten. Deren Anblick erinnert Ji'isa an ihren eigenen Hunger, so dass ihr Magen vernehmlich zu knurren beginnt. Doch noch will sie abwarten, bis die Reiter und deren Hunde nicht mehr länger zu sehen sind, bevor sie von ihrem Baum klettert.
Als die Luft rein ist, hangelt sie sich mit Bogen und Köcher um die Schultern von ihrem Ast herab, ehe sie sich in den weichen Schnee fallen lässt und auf ihre quer verteilten Sachen zugeht, die sie nach und nach einsammelt. Sogar ihre Tasche hatte dieser dämliche Hund hervorgezerrt, so dass ihre Sachen im Schnee verstreut herumliegen. Er hat offenbar die letzten Reste ihres Trockenfleisches gewittert und sie vollständig vertilgt. Ich hätte euch doch töten und ein paar hübsche Stiefel aus euch machen sollen..., schießt es ihr missmutig durch den Kopf, während sie den Mund verzieht. Es war zwar nicht mehr viel gewesen und sie würde deswegen auch nicht verhungern, aber sie hatte es für magere Zeiten aufbewahren wollen, wenn sie keine Gelegenheit zum jagen finden würde.

Nachdem sie wieder alles zusammengeräumt, ihre Kleidung mitsamt Mantel, Stiefel, Tasche und Waffen in die Schlaffelle zu einem Bündel verschnürt hat, so dass nichts mehr herausfallen konnte, steht sie nackt und zitternd im Schnee. Sie, die sich bei jeder Witterung meistens im Freien aufhält und über eine gewisse Zähigkeit verfügt, ist eigentlich nicht so kälteempfindlich, wie vielleicht andere Menschen, doch herrscht eisiger Winter, an manchen Stellen liegt nahezu kniehoher Schnee und der beißende Wind trägt Frost mit sich, der ihr unter die Haut fährt. Es kostet sie daher jedes Mal Überwindung sich bei der Kälte auszuziehen, um ihre Sachen zu verstauen, ehe sie die bloße Haut gegen dichten, schattengrauen Pelz eintauschen kann, was glücklicherweise inzwischen recht schnell vonstatten geht. Die Verwandlung selbst ist nichts, was sie als angenehm beschreiben würde und doch bedeutet es für sie einfach alles... Freiheit und tiefste Verbundenheit zur grünen Erdenmutter Ealara. Für einen geneigten Zuschauer verschwimmt und verändert sich die Kontur der Wandlerin, die sich im Schnee auf alle viere begibt, währenddessen sich Knochen und Knorpel verschieben, knacken und sich neu zusammensetzen, ebenso wie sich Muskelstränge umbilden und die inneren Organe neu anordnen, so dass ihr ganz schlecht dabei wird. Die Wirbelsäule verlängert sich am Steiß und bildet die Grundlage für eine dichte, buschige Rute. Wo sich zuvor Finger und Zehen in den Schnee gegraben haben, sind im nächsten Moment mit Krallen bewehrte Pfoten. Grauschwarzes Haar sticht durch bloße Haut, setzt sich zu einem dichten, wärmenden Fell zusammen und hinterlässt ein unangenehmes Kribbeln und Prickeln, welches sie mit Schaudern und Schütteln abzuwerfen versucht. Auch ihre Wahrnehmung verändert sich, die Farben sind nun andere, weniger und sehr viel blasser, doch bei so viel Schnee und in der Dunkelheit der Nacht sind ohnehin keine Farben auszumachen. Viel wichtiger ist gerade das Licht, denn alles ist nun viel deutlicher zu erkennen, während sie im Vergleich dazu mit menschlichen Augen in der Nacht kaum etwas sehen kann, wenn nicht gerade die Zwillingsmonde ihr Licht spenden. Dabei ist Ji'isa der Meinung, dass sie in menschlicher Gestalt auch in der Dunkelheit über ein gutes Sehvermögen verfügt. Auch ihr Gehör und der Geruchssinn sind nun empfindlicher und die Eindrücke wie jedes Mal beinahe überwältigend. Jetzt kann sie viel deutlicher das seichte Rauschen des Windes im Geäst wahrnehmen und wie dieser den losen Schnee am Boden aufwirbelt, das dumpfe Auftreffen von Schneeklumpen, die hier und da von den Ästen fallen, weil sie zu schwer geworden sind, das Rascheln und Graben von kleineren Tieren, die in ihren Bauen unterhalb der Erde den Winter verbringen, sowie das Plätschern eines entfernten Bachlaufes, der in einem noch weiter entfernen Fluss mündet. Die Gerüche der beiden Hunde von vorhin überlagern den Schneegeruch und stechen ihr in der Nase, was ihr ein leises und unwilliges Knurren entlockt. Jedoch kann sie auch die verblassenden Fährten von Kaninchen unter der obersten Schneeschicht riechen, die vor dem letzten Schneefall hier entlang gekommen waren.
Erneut schüttelt sich die Schattenwölfin und sieht sich aufmerksam um, ehe sie sich das zusammengepackte Bündel schnappt und ihren Weg fortsetzt. Nun spürt sie die Kälte kaum, während sie sich Schritt für Schritt durch den tiefen Schnee arbeitet. Dann und wann bleibt sie stehen, lauscht und wittert. Die Verwandlung hat ihr einiges an Energie abverlangt und sie noch hungriger gemacht. Nun bereut sie mehr und mehr, nicht doch einen der beiden Hunde getötet zu haben. Oder sogar alle beide. Aber was wäre dann gewesen? Sie wäre dann wohl satt gewesen, doch die Jäger wären aufmerksam geworden, entweder durch den Kampf oder weil sie die Hunde irgendwann nicht mehr gehört hätten. Vielleicht hätten sie möglicherweise sogar versucht, den Wolf mit ihren Pfeilen abzuschießen oder wären mit vollen Hosen geflohen – wenn ihre Pferde das nicht schon für sie erledigt hätten – um später mit noch mehr Menschen zurückzukehren, um Jagd auf einen Schattenwolf zu machen, der durch ihren Wald zieht. Ihren Wald..., denkt sie verächtlich. Ji'isa weiß, dass diese Menschen daran glauben, all das würde ihnen gehören und wie sie das Land, die Wälder und sogar die Tiere ihr Eigen nennen. Darüber hatte sie schon früher genug von den Händlern gehört, mit denen ihr Volk hin und wieder Tauschhandel betreibt. Dabei dürfen sie sich doch überhaupt glücklich schätzen, dass Ealara ihnen erlaubt, hier zu jagen und Beute zu machen oder gar hier zu leben. Aber deswegen gehört der Wald nicht den Menschen, so wie sie es sich immerzu einreden, statt der Erdenmutter täglich für ihre Gaben und das Leben zu danken. Aber sie hatte auch gehört, dass viele Menschen nicht an Ealara glauben, sondern andere Götter verehren. Das ist einer der Gründe, weswegen die Wandlerin diese Menschen, die nicht zu den Waldkindern gehören, in der Regel meidet, was im Nachtwald allerdings auch kein Kunststück ist. Hier jedoch... würde Ji'isa bald Siedlungen aufsuchen müssen, um mit diesen Menschen zu sprechen und sie nach diesem Symbol zu fragen, bis sie endlich diesen Mann ausfindig machen würde, der hoffentlich bis dahin noch lebt, damit sie ihn seiner gerechten Strafe zuführen konnte. Mit diesem finsteren Gedanken, was sie mit jenem Menschen alles tun würde, zieht die Wölfin weiter, bis sie die Witterung einer frischen Fährte von Kaninchen aufnimmt und sie wieder an ihren Hunger erinnert. Nur wenig später schleckt sie sich das frische Blut von ihren Lefzen und nimmt das Bündel mit ihrem Hab und Gut wieder auf, um frisch gestärkt weiterzulaufen.

So vergehen Tag um Tag, Nacht um Nacht. Tagsüber sucht sie sich einen sicheren Unterschlupf oder gräbt sich wieder eine Schneegrube, um darin zu schlafen, und des Nachts läuft sie auf vier Pfoten weiter, wobei der Schnee und ihr Gepäck, das sie stets mit dem Maul mit sich trägt, sie langsamer vorankommen lässt, als ihr lieb ist. Aber sie ist dankbar um die Andersgestalt eines Schattenswolfes, die ihr Ealara zum Geschenk gemacht hat. Zwar hatte sie schon seit einer geraumen Zeit vor Antritt ihrer Reise versucht, auch die Gestalt eines Cambrions annehmen zu können, doch das war ihr bisher noch nicht gelungen, trotz stundenlanger Meditation und Visualisierung. Und bis sie das schaffen würde, ist sie an den Boden unter ihren Füßen, beziehungsweise Pfoten gebunden. Doch als Adler würde sie ihr Gepäck wahrscheinlich kaum tragen können oder ebenfalls nur schwer vorankommen und viel schneller erschöpft sein.
Nach einigen Tagen gelangt sie an einen Fluss, den sie schon eine Weile von weitem hatte gurgeln hören, wo auch die Bäume nicht mehr so dicht aneinander stehen und der Wald sich lichtet. Einige Zeit wandert sie am Ufer entlang, bis sie wieder ein Waldstück erreicht und darin sogar einen Weg findet, den Fluss zu überqueren. Ein vor längerer Zeit durch einen Sturm entwurzelter Baum ragt über das Wasser bis zur anderen Uferseite hinüber und dient so als natürliche Brücke, die auch gerne von anderen Tieren genutzt wird, wie die Spuren im Schnee auf dem Stamm zeigen. Doch unter dem losen Schnee ist die Oberfläche etwas vereist und glatt, und Eiszapfen ragen an beiden Seiten des Stammes herab Richtung Fluss. An einer Stelle musste ein Tier bereits ausgerutscht und in die Strömung gefallen sein, wie die Spuren im Schnee und abgebrochene Eiszapfen deutlich zeigen. Also würde die Überquerung dieser Brücke nicht ganz ungefährlich sein und Ji'isa würde ganz vorsichtig sein müssen. Der Fluss war zu breit, um einfach von Ufer zu Ufer zu springen und ihre Schwimmkünste sind zu gering, um einfach hindurch zu schwimmen, zumal das Wasser klirrend kalt ist. Die Wölfin, in deren Gestalt sie sich gerade befindet, ist mit einem Satz auf dem Stamm, der nun unter dem Gewicht bedenklich knarzt. Ob er sie wohl aushalten wird? Mit dem Gepäck im Maul, das zusätzlichen Ballast darstellt, und vorsichtigen Schritten schiebt sie sich Stück für Stück vorwärts. Der Stamm ist zwar breit, aber schon alt, sicherlich auch schon recht morsch und wurmzerfressen, was zur vereisten Oberfläche die ganze Sache noch unsicherer werden lässt. Die Wölfin setzt mit Bedacht eine Pfote vor die andere und rutscht mit einem Hinterbein sogar ein wenig weg, doch fängt sie sich schnell wieder ohne gänzlich den Halt zu verlieren. Dann beginnt der Stamm noch etwas mehr zu ächzen, als sie gerade erst die Mitte des Flusses erreicht hat. Also doch ein kaltes Bad...? Oh nein, bitte nicht... Allein bei dem Gedanken daran, durchfährt sie ein unwillkürlicher Schauer. Warum hatte sie sich nicht vorher in ihre menschliche Gestalt verwandelt? Sie wäre dann um einiges leichter und hätte das Gepäck auch einfach auf die andere Seite werfen können, aber ob sie dadurch sicherer drüben ankommen würde, weiß sie auch nicht. Und es ist ohnehin zu spät, darüber nachzudenken, was sie hätte anders machen können. Noch ein Schritt... und noch einer. Jetzt gibt der Stamm ein wirklich beunruhigendes Knacken von sich. Mist! Noch ein paar Schritte und dann wäre sie drüben, aber als sie den nächsten Schritt wagt und ihr Gewicht auf die vorderste Pfote verlagert, beginnt der Stamm sich deutlich abzusenken und mit einem lautstarken Krachen zu bersten. Mit einem schnellen Satz rettet sich die Wölfin nun das letzte Stück auf die andere Seite, während der Stamm unter ihr vollständig durchbricht und in den Fluss rutscht, wo er mit lautem Platschen landet und mit dem Strom mitgerissen wird. Das war es wohl mit der Brücke... Ji'isa legt das Gepäck im Schnee ab und blickt mit schnell klopfendem Herzen und hechelnd dem Stamm hinterher, der sich ein Stück flussabwärts zwischen einigen Felsen im Wasser verkeilt und hängen bleibt. Vielleicht würde er ja noch dort sein, wenn sie auf ihrer Heimreise wieder hier vorbeikäme. Doch wann das sein würde, kann sie nicht sagen und vielleicht hätte bis dahin das Tauwasser den Stamm schon weiter weggetragen. Mit diesem Gedanken hält sich die Wölfin aber nicht länger auf, sondern schnappt sich von neuem das Gepäck und folgt dem Fluss ein Stück aufwärts, ehe sie sich wieder Richtung Westen wendet.

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