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Varin

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Dienstag, 18. Dezember 2018, 13:09

Snow is falling
Snow is falling
All around me
Children playing
Having fun

2. Langschnee 518


Varin schiebt sich gerade durch die dichten Trauben lachender und geschäftiger Mittwintermarktbesucher, in der einen Hand einen Thom und Gerris mit einem kleinen Berg Sahne obenauf, in der anderen einen kandierten Apfel, als er im Gewühl um den Puppenspieler, der in den letzten Monden schon die Passanten in den Tausendwinkelgassen begeistert hatte, ein bekanntes Gesicht entdeckt. Aurian ist dort mit einem kleinen Mädchen, das er auf den zweiten Blick als Fia erkennt. Einer seiner Männer hatte den Knirps im Herbst in der Nähe des Verder Tores aufgelesen... eine Waise, von der auch Monde später niemand weiß, wo sie damals nach dem Pfirsichdrama hergekommen oder wie sie mutterseelenallein auf den Straßen gelandet war, denn sie spricht nicht darüber. Mit niemandem. Sie hatte sich allerdings standhaft geweigert, irgendwo anders hingebracht zu werden, als in die Steinfaust und so war sie dort gelandet und würde bald ihre Arbeit als Botenkind aufnehmen – vorerst nur in der Festung, weil sie noch so klein ist, aber selbst dafür muss man sie wohl noch ein wenig aufpäppeln. Jetzt thront sie allerdings auf Aurians Arm, mümmelt an einer Tasse und verfolgt mit glänzenden Augen die Darbietung der Puppenspieler, die gerade ein Stück über Carelin von Ûr, seine Wüstenprinzessin und den Drachen aufführen, und damit längst nicht nur Kinder als Publikum haben. Varin hat seit ein paar Stunden dienstfrei und eigentlich vor, diesen Tag wie alle seine freien Tage in der Vorjulzeit zu verbringen: mit ein paar anderen Blaumänteln ordentlich betrunken zu werden und dann in die Arme irgendeiner willigen, warmen, weichen Frau zu sinken oder auch nur (wenn sie nicht ganz so willig wäre), ein paar sorglose Stunden in bedeutungsloser, aber angenehmer (und meistens ziemlich gut riechender) Gesellschaft zu verbringen. Er ist auf dem Weg zu genau diesen Dingen, und es beginnt wieder zu schneien: Flocken, die wie weiße Federn aussehen schweben aus dem Himmel herab und verschenken sanfte, kalte Küsse wohin sie treffen.

Schnee hat er schon immer für die schönste Magie des Winters gehalten und aus irgendeinem Grund tragen ihn seine Schritte plötzlich zu Aurian und der Kleinen im Pulk um die Puppenspieler. Auf der Bühne befreit Carelin seine Prinzessin gerade aus der Drachenhöhle, während das Untier feuerspeiend am Himmel kreist – hier sind die Flammen allerdings rote und gelbe Wollbäusche. Beinahe hätte er gesagt, sie solle sich etwas Kleines anschaffen, es würde ihr gut stehen, aber er ahnt dumpf, dass er damit vielleicht in eine Kerbe schlagen würde, die Aurian mehr als unangenehm sein könnte. Er weiß ja, dass sie mit Männern bisher nie Glück gehabt hat – wenn sie sich in den vergangenen Jahren einmal für einen erwärmt hatte, dann hatte der sein Herz entweder bereits anderweitig verloren gehabt oder war schlicht nicht an mehr als irgendwelchen Bettgeschichten interessiert gewesen, und Aurian ist vieles, aber kein leichtes Mädchen. Aber Varin weiß auch, wie sehr sie Kinder mag und kann sich ausrechnen, dass sie bestimmt gern selbst welche hätte. Doch der Gedanke ist ihm kaum durch den Kopf geschossen, als er sich auch schon einen Idioten nennt. Sie ist eine Halbelbe, keine alte Jungfer. Sie hat also die halbe Ewigkeit Zeit, sich irgendeinen Kerl zu suchen, von dem sie glaubt, er sei es wert und drei Dutzend schreiende Windelpakete in die Welt zu setzen, wenn sie das will. Vielleicht kann sie noch gar keine kriegen, Elben werden ja erst fruchtbar, wenn sie schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Er hat keine Zeit mehr, sich darüber zu wundern, warum bei allen Neun Höllen ausgerechnet er sich solche Dinge fragt, als Fia ihn entdeckt und so wild winkt, dass beinahe ihre Mandelmilch überschwappt. Varin stupst die Kleine auf ihre rote Nase und grinst dann auf Aurian hinunter, die ihn, wohl wissend um seine sonst üblichen Vorjultraditionen, ein wenig verblüfft ansieht. "Slan lead. Was machst du hier mit unserer jüngsten Rekrutin?"

Aurian

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242

Dienstag, 18. Dezember 2018, 20:37

2.Langschnee 518

Als es zu schneien beginnt, versucht Fia, die kleinen weißen Kristalle zu fangen. Der Inhalt der Tasse, die zum Glück nur mehr halb voll ist, schwappt bedenklich und als die Kleine ob einer gesichteten bekannten Person wild zu winken beginnt, sind Aurian und der Knirps einem Mandelmilchbad verdächtig nahe. „Hey Krümelchen, du musst ein wenig aufpassen. Was denkst du denn was Morna uns erzählt, wenn du wie ein kleines Klebemonster zurückkommst?“ Lächeln bringt sie den Becher wieder in eine ruhigere Lage und als sie aufsieht, steht Varin vor ihr. Fia steckt kichernd ihr Näschen in Aurians Schal, als der Gardist das Kind mit einem sanften Stubs auf selbiges begrüßt. >Slan lead. Was machst du hier mit unserer jüngsten Rekrutin? < Die Halbelbe ist ein wenig erstaunt, ihn hier zu sehen, noch dazu bewaffnet mit einem kandierten Apfel und einem Krug … was auch immer. Sie kennt seine Art, die Zeit vor dem Julfest zu gestalten und ein Besuch des Mittwintermarktes gehört da ihres Wissens eigentlich nicht dazu, jedenfalls nicht ohne Begleitung. In seinen Haaren haben sich einige Schneekristalle verfangen und wie er da auf sie runter grinst, schießt ihr durch den Kopf, dass er eigentlich verdammt gut aussieht. Moment, das ist Varin, stadtbekannter Frauenheld, Kamerad, teilweise ihr kommandierender Offizier und vor allem ihr bester Freund. Wieso kommt ihr gerade jetzt der Gedanke, dass er ein richtig stattlicher Kerl ist?

Um sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen, schubst sie mit einem leichten Kick ihrer Hüfte Fia wieder ein wenig höher, denn durch das Scheeflockenfangen und Varinbegrüßen war das Mädchen etwas ins Rutschen gekommen. Jetzt sitzt sie wieder stabil auf Aurians Hüfte und hat den Kopf an ihren Hals gelegt. Der Zauberin ist nicht bewusst, dass es für manchen Beobachter wohl seltsam wirken mag: ein kleines Mädchen am Arm, dabei gleichzeitig einen Dolch am Gürtel, einen Leinensack mit Geschenken über der Schulter und dass alles in einen Mantel im Blau der Stadtgarde gehüllt. Ganz so als würden sich gleichzeitig alle Facetten ihrer Person einen Platz auf ihrem Körper sichern wollen. „Slan lead“ begrüßt sie Varin. „Der Rest der Bande wollte ins Schattentheater und da Fia nicht mitwollte, ist sie bei mir geblieben. Wir haben unseren Kontrollgang über den Markt beendet, melden gehorsam alles in Ordnung!“ Mit einem schelmischen Lächeln salutiert Aurian, was Fia ein amüsiertes Kichern entlockt. Langsam taut die Kleine auf, es würde zwar noch einige Monde dauern bis sie so selbstsicher ist wie die anderen Kinder, aber die Halbelbe ist sich sicher, dass Fia sich prächtig entwickeln wird. „Willst du Varin erzählen, was wir alles gesehen haben?“ Das Kind legt die Stirn in Falten. „Viel. Kann mich nicht erinnern aber Auri hat mir kada..kanade…kandete Früchte gekauft.“ Aurian muss lachen. „Das heißt kandierte Früchte Krümelchen!“ Das Mädchen zuckt ungerührt mit den Schultern. Hat sie doch gesagt! „Und Karussell gefahren sind wir. Bist du schon mal Karussell gefahren Varin?“
Prinzessinnen richten das Krönchen, Königinnen ziehen das Schwert. :pferd:

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weg lassen. (Mark Twain)

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Varin

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Mittwoch, 2. Januar 2019, 12:28

Merry go round

Merry merry merry go round
I don't want to see you down (Machine Gun Kelly, Merry go round)


"Wer, ich? Varin Fliegengrundgeborener, erster seines Namens, Herr der Ringelreiter und Drehscheiben?" Das erntet ein Kichern sowohl von Aurian, als auch von dem rotnäsigen Zwerg auf ihrem Arm. "Ich bin der Wächter der Rummelplätze und Festmärkte, Vernichter der Tom und Gerris und der gerösteten Maronen, Meister der bemalten Windpferde, Greifen, Sphingen, Lindwürmer, Gischtrösser, Feuertiger, Irrlichter und Mondwölfe – natürlich bin ich schon gefahren. Als ich klein war, gab es noch keine Karusselle, aber als Halbwüchsigen hat man mich gar nicht mehr von den Dingern runter gekriegt." Inzwischen müsste er sich wohl arg zusammenfalten, um noch auf eine der hölzernen, bunt bemalten Karussellfiguren zu passen. Es ist zwar grundsätzlich auch für größere Kinder oder Erwachsene von kleinerem Wuchs oder schmächtigerer Statur geeignet, aber für jemanden wie ihn wahrscheinlich eher weniger... obwohl er nicht einmal allzu groß ist. Doch natürlich wollen die beiden das nicht nur sofort sehen, sondern auch mitmachen, also beeilen sie sich mit seinem kandierten Apfel – den zum größten Fia verspeist, bis nicht nur ihre Finger, sondern ihr ganzes Gesichtchen klebt – und den Resten ihrer Getränke, und die nächste Stunde vergeht dann damit, dass sie alle drei Karussell fahren, immer wieder und auf jedem magischen Wesen, das zu haben ist. Sie fahren so lange, bis selbst die Oger an ihren Kurbeln ins Schwitzen kommen und ihnen selbst schlecht davon wird. Erst als ihnen von der ganzen Dreherei und dem ständigen Auf und Ab das Blut in den Köpfen herumwirbelt wie die Lauge in einem Wäschefass und die anderen Botenkindern wieder auftauchen, um Fia einzusammeln, hören sie auf. Varin und Aurian spendieren der bettelnden Welpenblick-Bande eine letzte gemeinsame Karussellfahrt, dann verabschieden sie die Botenkinder, die zur Steinfaust zurückkehren und bleiben allein zurück. Auf dem Julmarkt herrscht inzwischen feuchtfröhliche Stimmung, die meisten Familien und Kinder sind längst auf dem Nachhauseweg, irgendwo beim Julbock, der an Mittwinter entzündet werden würde, quietschen ein paar Fideln und Kitharas, doch über das ganze Stimmengewirr ist kaum etwas von den Sängern zu verstehen, heißer Gewürzwein, Glühbier und Eierpunsch fließen in Strömen und an den Ständen und Garküchen drängen sich lange Schlangen. Sie holen sich ein paar Fleischspieße und in heißem Fett gebackene Brotfladen und plaudern hier und dort mit ein paar anderen Gardisten, die als Marktwächter eingeteilt sind und Varin versichern, dass im Großen und Ganzen alles ruhig wäre – ein paar Betrunkene waren wahlweise nach Hause gebracht oder zum Ausnüchtern in Gewahrsam genommen worden und ein Beutelschneider wurde hochgenommen, doch ansonsten sei alles friedlich. "Wirst du Mittwinter bei dir zu Hause feiern oder kommst du in die Steinfaust?" In der Steinfaust würde es wie jedes Jahr ein Julfest geben, reichlich Essen, jede Menge Alkohol und außerdem Musik, wenn Merfyn der Kleine, Rabenauge und Owein der Junge sich breitschlagen lassen, aufzuspielen. Sie sind keine ausgebildeten Spielleute, aber gut genug, um fröhliche Stimmung zu verbreiten und da Met und Ale reichlich fließen würden, würden ein paar schräge Töne kaum einen stören. "Ich meine, jetzt wo Lyall... so heißt deine kleine Magd mit den Wolfsohren, oder?... sich verlobt hat und bestimmt auf Glyn-y-Defaid ist? Du hast übrigens dienstfrei an Mittwinter, aber erst ab der Stunde des Mühens, anders ging es nicht."

Aurian

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Mittwoch, 2. Januar 2019, 13:47

Varins kandierter Apfel, den Fia zu einem großen Teil vertilgt (wo sie das alles hin isst bleibt Aurian ein Rätsel), verwandelt das Mädchen dann doch noch in ein kleines Klebemonster aber was solls? Irgendwer wird das Kind in der Steinfaust schon in einen Badezuber setzen, schon allein um sie vorm zu Bett gehen warm zu bekommen. Eigentlich hat die Halbelbe angenommen, Varin würde sich nach einem kurzen Schwätzchen wieder seiner Wege ziehen, um sich eben mit Kameraden und oder Mädchen zutreffen, doch stattdessen überrascht er sie an diesem Tag schon zum zweiten Mal und geht mit gespielt hoheitsvoller Miene auf Fias Frage nach seiner Karusellkarriere ein. Und stellt selbige auch unter Beweis – und die nächste Stunde vergeht oder dreht sich wie im Flug. Fia, ansonsten vor allem Männern gegenüber eher schüchtern, blüht auf und als der Rest der Bande dann ebenfalls noch eine weitere Runde Karusell erbettelt (was die beiden ihnen nicht besonders schwer machen), beschleicht Aurian der Gedanke, dass Varin mal einen wundervollen Vater abgeben würde. Im nächsten Moment kann sie innerlich nur den Kopf über sich selber und ihre Ideen schütteln: Varin, der ewige Junggeselle und Frauenliebhaber und Vater? Also nicht, dass es rein körperlich nicht möglich wäre, daran zweifelt sie keinen Moment aber die Vaterrolle an sich… und dennoch: Passen würde es ihm schon, irgendwie. Zur Sicherheit denkt sie jetzt nicht weiter darüber nach, wie bei allen Göttern sie auf solche Ideen kommt, sondern winkt lieber den Kindern nach, die unter lautem Lachen Richtung Steinfaust marschieren. Fia hält sich wieder an Geris Hand fest und ist sichtlich müde, aber auch sehr glücklich.

Bewaffnet mit Fleischspießen und Fladenbrot ergattern sie schließlich einen der Strohballen und machen es sich darauf in der Nähe eines Feuerkorbs gemütlich. „Ich werde in die Steinfaust kommen, hatte ich ohnehin vor. Wenn ich im Anwesen bleibe, fühlen sich Lyall und Avila doch nur verpflichtet auch zu bleiben und die beiden sollen das Fest bei ihren Liebsten verbringen. Das mit dem Dienst passt schon, wollte ich dir eh anbieten, gib lieber denen frei, die jemanden haben. Und den Abend verbringe ich gern mit euch, ihr … ihr habt mir gefehlt, ihr alle. Nicht nur im letzten Jahr, auch vorher irgendwie schon. In den letzten Wochen ist mir klar geworden, wie sehr ich euch alle verletzt habe, damit dass ich mich euch nicht anvertraut habe. Es sind da wohl noch einige Entschuldigungen fällig und bei dir fang ich an, weil …“ Aurian schluckt und sieht Varin in die Augen. „…, weil gerade dir hätte ich vertrauen müssen, immerhin warst und bist es hoffentlich noch immer … mein bester Freund.“ In ihren Augen schimmert es verdächtig. „Und erzähl bitte niemandem, dass ich beinahe angefangen hätte zu heulen!“ Über Gefühle zu sprechen war noch nie ihre starke Seite gewesen, irgendwie endet das in ihren Augen immer darin, dass sie sich blamiert. Verschämt wischt sie sich über die Augen. „Auf jeden Fall bin ich verdammt froh, wieder hier zu sein. Trinken wir drauf, ich lad dich ein?“
Prinzessinnen richten das Krönchen, Königinnen ziehen das Schwert. :pferd:

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weg lassen. (Mark Twain)

Varin

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Freitag, 15. März 2019, 20:11

Eine denkwürdige Nacht Anfang Langschnee

No woman no cry
(i.S.v.: Koa Oide, koa Gschrei)

What? Lead? Me? No, no, no. No leading. Bad things happen when I lead. We get lost, people die, and the next thing you know I’m stranded somewhere without any pants. (Alistair, Dragon Age Origins)


Hätte Varin etwas von Aurians wohlweislich unausgesprochenen Gedanken zu ihm und dem Umgang mit Kindern geahnt, hätte er ihr wohl den Kopf abgerissen. Er und Vater? Götter im Himmel, alles, bloß das nicht. Er wüsste überhaupt nichts mit so einem Wurm anzufangen, außer vielleicht, ihn auf der Straße auszusetzen, wie seine Hurenmutter es seinerzeit mit ihm selbst getan hat. Er weiß ja bis heute noch nicht einmal sicher, wer sein verdammter Vater eigentlich ist, auch wenn er einen bestimmten Verdacht hat – aber das macht die Sache keineswegs besser, im Gegenteil, denn da wäre ihm irgendein Unbekannter noch lieber. Doch Aurian hat keine Ahnung und das ist mit Sicherheit das Beste, denn sich damit auseinanderzusetzen hätte nur den Abend ruiniert. Er wäre wissen die Götter allein wo gelandet, vermutlich sturzbetrunken und randalierend im Fliegengrund, wo er von seiner inzwischen halb senilen und reichlich verwirrten sogenannten 'Mutter' hätte wissen wollen, warum sie ihn damals nicht einfach im nächsten Regenfass ersäuft hatte – das hätte ihm und ihr viel Leid erspart. Wäre nicht das erste Mal, dass er ihr diese Frage gestellt hätte, doch ihre Antwort wäre höchstwahrscheinlich genauso gleichgültig ausgefallen wie die anderen Male, und seine Stimmung wäre wochenlang wieder hundsmiserabel und rabenschwarz gewesen... also besser nicht an solchen Dingen rühren. An manchen Dingen rührt man am Besten einfach überhaupt nicht. Es hat schon seine Gründe, warum er sich nie auf irgendein Weibsstück wirklich eingelassen, geschweige denn je einer einen Ring an den Finger gesteckt und mit ihr eine Familie gegründet hatte, und wenn irgendwo ein paar Bastarde von ihm herumlaufen, was bei seinem Lebenswandel auch nicht ganz unwahrscheinlich ist, bisher ist jedenfalls noch nie eine Frau vor seiner Türschwelle gestanden und hätte klingelnde Münze oder sonstige Unterstützung verlangt. Doch Aurian hat von all dem zum Glück nicht den blassesten Schimmer und scheint außerdem nach ihrer Entschuldigung – zu der er nichts zu sagen hat, außer: 'Da hast du verdammt nochmal recht !' (Womit er beides meint, die Tatsache, dass sie nicht einfach sang und klanglos verschwinden hätte dürfen und die Sache mit dem besten Freund) und 'Mach dir keinen Kopf, so schnell wirst du mich nicht los!' - besonders guter Dinge zu sein.

>Trinken wir drauf, ich lad dich ein?< Eine Frau, ein Wort, da hilft auch nicht, dass Varin ihr prompt in Erinnerung zu rufen versucht, was das letzte Mal geschehen ist, als sie, er und eine größere Menge Alkohol im Spiel gewesen waren. Sie lässt sich nicht von ihrem Einfall abbringen – ausgerechnet er, die Stimme der Vernunft! - und er ist immer noch dabei, ihr zu erklären, warum das vielleicht keine so gute Idee ist, als er auch schon den nächsten Thom und Gerris in der Hand hält und sich "Slainte mhath!" sagen hört. Es bleibt nicht bei einem. Es bleibt auch nicht bei Thom und Gerris, die zwar furchtbar stark, aber noch vergleichsweise harmlos sind, und als sie beim puren Rhûm angelangt sind, ist es ohnehin zu spät und ihm will selbst einfach keine adäquate Ausrede mehr einfallen, warum er sich nicht hier an einem lustig prasselnden Lagerfeuer, einen bequemen Strohballen unterm Hintern und inmitten zahlloser anderer Julmarktbesucher gemeinsam mit Aurian nach allen Regeln der Kunst volllaufen lassen sollte. Immerhin haben sie etwas zu Feiern. Ihre Rückkehr. Mittwinter. Sein Dasein als Mensch, nicht als Frosch samt Einmachglas und Leiter. Die Tatsache, dass sie immer noch ziemlich beste Freunde sind. Zuerst trinken sie noch allein und unterhalten sich über dies und das und jenes, dann bekommen sie für eine Weile Gesellschaft von ein paar anderen Gardisten, die auch dienstfrei haben und ganz wie sie selbst ebenfalls nicht mehr wirklich nüchtern sind. Sie tanzen auch – nicht ganz so unanständig wie auf diesem dreimal verdammten Blumenball vor ein paar Jahren, aber anscheinend doch unzüchtig genug, um ein begeistert johlendes Publikum zu unterhalten. Mit dem trinken sie noch mehr, als mit den Gardisten. Irgendwann sind sie wieder allein mit ihrem Rhum (oder was immer für einen Fusel sie da eigentlich in sich hineinschütten) und ihre Gespräche werden (wie oft in diesem Stadium der Trunkenheit, weil Alkohol nun einmal die Zungen löst) vermeintlich tiefschürfend philosophisch und selbstverständlich literarisch ungeheuer wertvoll – in einer Bardengeschichte würde es wohl heißen: sie schütten sich gegenseitig das Herz aus. Das tun sie sehr lange und ziemlich ausführlich, obwohl sie ihr jeweiliges Gegenüber dabei höchstwahrscheinlich beide nicht mehr so wirklich verstehen, geschweige denn tatsächlich immer vom selben Thema reden würden, denn zu diesem Zeitpunkt sind sie längst nur noch des schweren Lallens fähig. Höchstwahrscheinlich erzählt Varin ihr in seinem Rausch sogar von seiner herzlosen Mutter und dem Mann, den er insgeheim für seinen Vater hält, auch wenn der alte Mistkerl das niemals zugeben würde und Varin es nicht beweisen kann (und auch gar nicht will). Das ist allerdings das letzte, an das er sich zu diesem Zeitpunkt noch erinnern kann, bevor sein Bewusstsein im branntweingeschwängerten Dunkel einer sehr langen (und bestimmt auch äußerst aufschlussreichen) Mittwinternacht verschwindet. Danach weiß er nichts mehr – gar nichts, nicht die allerkleinste Kleinigkeit und zum ersten Mal in seinem fast fünfunddreißigjährigen Leben ist Varin derart hinüber, dass ihm mehrere Stunden dieser Nacht vollkommen aus dem Gedächtnis verschwinden.

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