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Kaya

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241

Sonntag, 2. Oktober 2016, 23:34

>>Kaya!<< Mit einem breiten Grinsen richtet Kaya sich kerzengerade auf und stemmt die Hände in die Seiten. „Genau die!“, erwidert sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen als Rialinn zugibt, dass sie sich erschreckt hat. Nicht, dass sie das müsste. Ihr Quieken und nun ihre gesamt Haltung samt kräftigem Durchschnaufen verraten sie ohnehin. Kaya gluckst ein klein wenig. Sie freut sich, das sonst so wenig schreckhafte Elbenmädchen tatsächlich erschreckt zu haben. Und als dieses gar nicht lange braucht, um ebenfalls mit zu grinsen, braucht sich Kaya auch keine Sorgen darüber machen, dass Rialinn ihr böse sein könnte. Stattdessen sammelt sie ihren Beutel auf und klopft den Straßenstaub davon ab. >>Wo kommst Du denn plötzlich her?<< Mit einen Fingerzeig deutet Kaya neben sich in die Gasse. „Na, von da.“ Dann aber grübelt sie kurz, schaut an Rialinn vorbei und stellt sich dabei kurz auf die Zehenspitzen. „Naja, eigentlich von dahinten irgendwo“, kreist ihr Finger in die Richtung, aus der Rialinn gekommen ist.
Als sie ihren Blick wieder auf das Elbenkind richtet, bemerkt Kaya, dass Rialinn sie etwas skeptisch mustert. >>Uki? Ist euch das nicht zu warm bei dem Wetter?<< Kurz blinzelt Kaya ertappt, rümpft dann aber das sommersprossige Näschen und winkt ab. „Ach was… Das geht schon.“ Wie um sie Lügen zu strafen, perlt ein Schweißtropfen ihre Schläfe hinab, den das Mädchen zwischen all den anderen aber gar nicht bemerkt. Als Rialinn aber in den Schatten des Hauses verschwindet, aus dem Kaya hervorgesprungen war, folgt diese ihr umgehend und streift sich dabei das Wolfsfell wieder vom Haupt, so dass es für einen kurzen Augenblick angenehm kühl um das längst nassgeschwitzte Nackenhaar wird. Leider vergeht dieser Augenblick nur viel zu schnell. „Ich hab‘s versucht…“, kickt Kaya mit schmollend verzogener Schnute einen Stein durch die Seitengasse. Sie beide wissen, dass Uki längst fort ist, doch es macht Kaya nichts aus, dass Rialinn redet als wäre sie noch da. Der Gedanke gefällt ihr einfach zu gut und vielleicht ist es auch dieser kleine Funke Hoffnung, die Wölfin würde irgendwann zu ihr zurückkehren. „Ich… fühle mich ohne sie…“ Kaya sucht nach den richtigen Worten. Unsicher, schwach, schutzlos wären sicher alles treffende Beschreibungen für das, was sie ohne den Wolfspelz außerhalb der geschützten Mauern empfindet. Zwar ist Rialinn eine der wenigen, wenn nicht sogar die Einzige, vor der Kaya eine Schwäche offen zugeben würde, aber… wer weiß schon, wer alles mithört. So entscheidet sie sich für ein simples und leises „nicht gut“.
Kayas Blick hat sich aber schon auf Rialinns Beutel geheftet. „Was hast du da?“, will sie wissen, nicht nur, um vom Thema abzulenken, sondern aus tatsächlicher Neugierde. Und sie scheut sich nicht zu fragen. Seit der Schneeballschlacht im Winter ist das Elbenmädchen Kaya ans Herz gewachsen. Soweit, dass sie Rialinn sogar inzwischen als Freundin sieht und bezeichnet. Dabei hatte Kaya noch nie eine Freundin, zumindest nicht soweit sie sich erinnern kann. Und Rialinn ist dazu eine ganz einfühlsame Freundin. Sie findet bisher stets das richtige Maß zwischen Neugierde und bedächtiger Zurückhaltung, dass Kaya nie das Gefühl hat ausgefragt zu werden. Sie zeigt Interesse an Kayas Geschichten und (wie nannte es dieser Schreiberling Doran) „Abenteuern“, stellt sie nicht infrage und nimmt Kaya so an wie sie ist. Kurzum: Kaya fühlt sich in Rialinns Nähe wohl. Schon hockt das Wolfsmädchen vor dem Beutel und stupst ihn mit dem Finger an. Beim Herunterfallen hat er nur ein leises „Buff“ verursacht, scheint leicht und ist weich dazu. „Stoffe?“, blickt Kaya mit gerunzelter Stirn zu Rialinn auf.

242

Sonntag, 9. Oktober 2016, 14:19

>Ach was… Das geht schon.< Es braucht nicht erst den neuen Schweißtropfen, der die Gesellschaft seiner Geschwister verlässt und Kaya die Schläfe hinab rinnt um Rialinn wissen zu lassen, dass das eher Wunsch als Wirklichkeit ist. "Hmmm, klar", schmunzelt sie, "sehe ich", lässt es aber ansonsten unkommentiert. Ihr persönlich wäre das bei dem Sommerwetter viel zu warm mit einem Fell auf dem Kopf und über dem Rücken. Die Art wie sie ihr in den Schatten der Hauswand folgt und umgehend den Wolfskopf von den Haaren nach hinten schiebt, verrät dem Elbenkind ohnehin, dass hier wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens ist.
>Ich hab‘s versucht…< Gesteht das Mädchen es dann auch selber ein, wenn auch so leise, dass nur Rialinn es hören kann. >Ich… fühle mich ohne sie…< Es kann Rialinn gar nicht entgehen, wie ihre Freundin stockt um das richtige Wort zu finden, das ihre Gefühle angemessen beschreibt. Und alleine das genügt, das sie auch ohne Worte versteht, was das Mädchen meint. Gerade als sie mit einem ebenso verstehenden wie mitfühlenden Lächeln nickt, kommt dann doch noch ein leises >nicht gut.<

Und dann wechselt Kaya auch schon das Thema und wendet sich voller Neugier Rialinns Beutel zu. Vollkommen unbefangen hockt sie sich hin und stupst den Beutel an, den Rialinn unterdessen abgeklopft hat und locker in der Hand hält. >Stoffe?<
"Ja und nein", grinst sie das Wolfsmädchen an, um dann erklärend nachzusetzen, "Das ist eins von meinen Kleidern… Ich bin dieses Jahr so gewachsen, dass es mir zu kurz geworden ist. Eigentlich sollte ich ein neues bekommen, aber das wäre… es wäre nicht dasselbe gewesen… Das Kleid hier war ein Geschenk von meinem Großvater." Kurz erinnert sie sich an das durchaus kontroverse Gespräch mit ihren Eltern, als es darum gegangen war, ob sie nun ein neues Kleid bekommen soll beziehungsweise muss oder ob sie das alte Kleid so ändern lassen, dass Rialinn es noch ein weiteres Jahr tragen kann. Letztlich hatten sie aber Rialinns Gründe anerkannt und ihrem Wunsch entsprochen. "Jetzt kriegt das Kleid eine Verlängerung…", grinst sie zufrieden.

"Ich will grade zum Schneider, eine letzte Anprobe ob wirklich alles passt. Dann kann ich es hoffentlich gleich wieder mitnehmen… Willst Du mitkommen?"
Avatar (c) Niniane

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Kaya

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243

Sonntag, 6. November 2016, 00:47

Kleider… Kaya runzelt erst skeptisch die Stirn und zieht dann die Nase abschätzig kraus. Ein Kleid hat das Wolfmädchen noch nie getragen. Wozu auch. Viel zu unpraktisch diese Art von Kleidung. Und dass Kleider-Trägerinnen einander ständig einander quietschend versichern müssen, wie bezaubernd sie darin aussehen… Kaya rollt die Augen bei dem Gedanken an Elisa und Jorindel, die genau dies an einem freien Abend getan haben, ehe sie Taresnar verlassen hatte, um auszugehen. Kaya findet, dass sie genauso aussahen wie vorher. Ihre Kleider haben sie weder hübscher noch hässlicher gemacht. Nur gelächelt haben sie viel breiter. Wenigstens hat Shu’re Shalhor seit damals darauf verzichtet, dieses vermaledeite Kleid wieder hervorzuholen. Inzwischen hat es sogar seinen Platz in der Truhe auf dem Dachboden wieder eingenommen.
Da springt sie auf und rückt ganz nah an Rialinn heran. Ihre grün-braunen Augen fixieren des Elbenkinds Scheitel und Kayas flache Hand wandert von ihrem eigenen Haupt zu Rialinns. Kurz stellt sie sich auf die Zehenspitzen, lässt dann aber die Fersen wieder sinken und verzieht die Lippen von einer Seite zur anderen. Das Elbenmädchen ist tatsächlich noch ein kleines Stückchen größer als Kaya geworden, obwohl die sich alle Mühe gibt, mit dem jungen Spitzohr mitzuhalten. So lässt sie Rialinns Anmerkung zumindest mit Worten unkommentiert. >>Jetzt kriegt das Kleid eine Verlängerung…<< Das Wolfsmädchen erwidert Rialinns Grinsen. Mit Verlängerungen hat auch Kaya so ihre Erfahrungen. Ihren letzten Wintermantel hat ihre Mutter schon zweimal verlängert. Seit sie allerdings bei dem Herrn von Taresnar lebt, wurde schon eine ganze Weile kein Kleidungsstück mehr verlängert. Stattdessen bekommt sie einfach ein größeres.
>>Ich will grade zum Schneider, eine letzte Anprobe ob wirklich alles passt. Dann kann ich es hoffentlich gleich wieder mitnehmen… Willst Du mitkommen?<< Kaya nickt ohne zu zögern. „Suu. Ich komm‘ mit.“ Schließlich hat sie gerade ohnehin nichts Besseres vor. Und mit Rialinn verbringt sie sowieso gerne Zeit. Also folgt sie dem Elbenkind auf dem Fuße und geht neben ihm her durch die Straßen der Stadt. Uki zieht sie dabei nicht wieder über den Kopf, stattdessen verschränkt sie die Hände im Nacken und schüttelt dort ab und an ihre Locken, um sich wenigstens ein klein wenig abzukühlen. Shu’re Shalhor habe momentan viel zu tun und sei die letzten Tage oft länger aus dem Haus gewesen, dass sie ihn an manchem Tage nur morgens kurz zu Gesicht bekommen hat. Auch wenn Kaya versucht möglichst gleichgültig zu klingen, so ist sie es nicht. Tatsächlich bleibt sie oft so lange auf, bis sie ihn nach Hause kommen hört, nur um dann eiligst ins Bett zu hüpfen und sich schlafend zu stellen – die Tür dabei einen Spalt offen, in der Hoffnung, er würde noch nach ihr sehen. Das wiederum verrät sie Rialinn aber nicht.
„Und rate, wer vorgestern wieder versucht hat, sich als Herr der Straße aufzuspielen“, grinst das Mädchen und kann dabei die Schadenfreude nicht von ihren Zügen verbannen. Mittlerweile macht es ihr sogar Spaß, diesem Yaron und seinen Straßenkinder-Kumpanen einen Denkzettel zu verpassen. Kaya schätzt ihn zwei, vielleicht auch drei Jahre älter als sich selbst. Dazu ist er bestimmt einen Kopf größer als das Wolfsmädchen. Dass er allerdings auch stärker oder gar flinker ist als sie, bezweifelt Kaya doch stark, auch wenn sie es nicht genau weiß, da er es bisher immer vorzieht, seine Handlanger nach ihr auszuschicken, während er selbst nur zuschaut und sich rechtzeitig verdrückt.

--> Die Gasse der Webstühle

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Kaya« (7. Mai 2017, 22:18)


244

Dienstag, 28. März 2017, 17:55

27. Varmtha 517, zur Stunde des Vaters

Soviel zur hochgelobten Zwergenkonstitution! Ein wütendes Knurren entringt sich Dars Kehle und veranlasstxzwei entgegenkommende Menschen rasch die Straßenseite zu wechsel. Nur mal kurz die Augen schließen, schon klar! Die nietenbesetzten Stiefelsohlen fahren funkensprühend über das Pflaster, als Dar, auf sich selbst zornig, einen herumliegenden angebissenen und schmutzigen Apfel gegen die nächste Wand tritt. Wen soll er bitte zu dieser späten Stunde noch nach beziehbaren freien Behausungen hier in Talyra fragen? Und sich jetzt in der Harfe einzumieten, die so verlockend goldgelb hinter dicken Butzenglasscheiben am Marktplatz thront macht schließlich auch keinen Sinn, wenn der Schlaf sich sein Recht doch bereits erschlichen hat. Wütend stapft Dar darum nach Süden, gen des Hauses der Bücher und hoffend, das es dazu heute nicht auch längst schon zu spät!

Und als wäre das nicht schon unbill genug steht Dar dann irgendwann auch noch an einem hohen sich nach links wie rechts in einem weiten Bogen spannenden Hindernis. „Die Südmauer sehen und sterben.“ grollt Dar leise. Was hatte der Bettler ihm vor einigen Stunden noch gleich gesagt? "Geht nach Süden!" hatte er gesagt. "Dann seht ihr erhöht stehend die imposante Steinfaust, worin jetzt die Blauröcke hausen und fast daneben, ebenerdiger, ein nicht so großer aber ebenfalls dickmauriger Bau, das ist das Haus der Bücher. Doch so weit Dar auch nach links und rechts starrt, findet er hier nichts imposantes. Vielmehr klein und niedrig erstecken sich hier die Häuserdächer entlang der Gasse. Einfache Bauten, aber nun, da Dar erstmals bewusst seine Umgebung begutachtet, statt nach fernen klobigen Festungsbauen Ausschau zu halten, kommt er nicht umhin, diesem Teil der Stadt einen gewissen beruhigenden Charm zusprechen zu müssen. Doch da ihm auch das kaum weiter hilft, macht er eine kleine, nahe Gaststube aus, klopft an die Türe, tritt ein und erblickt: Mogbars!

Bisher hat Dar nur von ihnen gelesen und gehört, aber das hier sind unbestreitbar und von einem anderen Gast abgesehen, einem Menschen in der grünen Tracht eines Jägers gekleidet, ausnahmslos gar Mogbars. Leise schließt Dar die Türe zur Gaststube hinter sich, als die Gesichter sich wieder von ihm abwandten, leise geführte Gespräche wieder einsetzten. „Guten Abend!“ spricht Dar. „Guten Abend!“ erwidert der Wirt von hinter seinem Tresen, gar nicht mal so unfreundlich und stellte darauf gleich trocken fest: „Ihr habt euch verlaufen.“ Und mit einem Male stellt dar fest: Der brodelnde Zorn ob seiner eigenen Dummheit ist wie fortgeblasen. „Zwei Fingerbreit Apfelbrand, wenn Ihr habt und die Wegbeschreibung zum Haus der Bücher, wenn Ihr mögt.“ Jetzt wird das Gemurmel hinter Dars Rücken endgültig wieder belebter. An die Stelle verhaltenen Getuschels ob des fremden Gastes, tritt nun wieder beherztes Geschwätz, es wird gelacht und hinten an der Wand beginnt eine Gruppe mit Rahmentrommel, Flöte und Gesang eher sich selbst, denn die restlichen Gäste wieder zu unterhalten. Derweil der Wirt ihm den Weg weist, widmet Dar sich dem köstlichen Tropfen, der wahrlich zu gut ist, achtlos hinuntergekippt zu werden und verabschiedet sich mit einem knappen Nicken dann jedochvon Bán, dem Wirt, tritt erneut hinaus ins Abenddunkel und macht sich auf, zum Haus der Bücher.

Doch gerade einmal an einem halben Dutzend niedriger Eingänge der dichtstehenden geduckten Häusern vorbeigelangt, erklingt ein Schluchzen von der Seite her. Deutlich machen Dars Augen im Dunkeln einen Trauerzug aus. Linkerhand geht es von einer Wegkreuzung recht steil hinab und unten auf einem langen Handkarren liegen unbestreitbar die hübsch hergemachten sterblichen Überreste dessen, was vor wenigen Tagen wohl noch ein atmender alter Mogbar gewesen sein mochte. „Ich sagte doch, wir hätten Elsa einspannen sollen, noch kann ich sie aus dem Stall und her holen.“„Und ich sagte Nein! Elsa ist hochschwanger und das letzt was die Familie gebrauchen kann ist, das nach Bran nun auch noch die Elsa ihr Fohlen verliert, oder ihr Leben, oder beides. Wir schaffen das auch alleine. Es muß beim nächsten Mal bloß wer die Keile richtig unterzulegen, wenn wir auf halber Höhe wieder ausruhen müssen. Und außerdem...“

Was außerdem noch war, sollte wohl keiner je erfahren, bemerkt der kleine Mogbartrupp doch just in dem Moment den kurzerhand den Weg hinab stapfenden Dar. „Herr!“ Die Trauernden fühlen sich durch das Erscheinen des fremden Zwerges offenkundig gestört und entsprechend verschlossen bis ablehnend sind die Blicke, die ihn treffen. Dar aber schert es nicht. Statt dessen tritt er vor den Handkarren, besieht ihn sich und auch den Toten – sicher gehen wollend keine Anzeichen einer Seuche an jenem zu finden und wendet sich dann an die ob dieser kurzen Inspektion noch feindseligeren Gesichter. „Erlaubt mir\ bitte euch zu helfen.“ Dar wies auf die beiden Handgriffe und den Gurt vor dem Karren. – Totenstille herrscht, im wahrsten Sinne des Wortes! Selbst die bis eben ihr Schluchzen nicht unterdrückt haben könnende Mogbarfrau und ihre beiden kleinen Töchter starren nurmehr schweigend. Alle tauschen mitei ander Blicke. Schließlich sprich der Alte, der auch darauf beharrt hatte, das Pony im Stall zu belassen. „Uuuuuuund – warum solltet Ihr so etwas wohl tun?“„Weil ich so erzogen wurde, mitfühle und eben einfach helfen will.“ Dar will sich schon entschuldigend abwenden, als die die ganze Zeit an der Seite des Toten gekauert habende Mutter, wieder tränenerstickt, halt ruft und fragt ob er wirklich helfen wolle ihren Vater zum Sitechhain zu bringen, wo – wo… er… Dar nickt nur lächelnd, stellt sich zwischen die beiden Holme des Handkarrens, legt den Bauchgurt an und zerrt den Karren den Weg hinauf, die Straße nach links, dann rechts die zweite steile Gasse hinauf und von da an dann stetig abwärts, durch den Sitechhain zum Tempel, wo die Stummen Schwestern den bereits angekündigten Toten entgegen nehmen, feststellen, das sie nicht viel tun können, was die Familie des Verstorbenen nicht schon getan hat und beschließt darum die Beerdigung, wie von den Hinterbliebenen, noch in dieser Nacht zu erlauben.

Dar, der die Trauernden am Tempeleingang eigentlich schon hatte verlassen wollen, was diese aber nicht zuließen, bestanden sie doch darauf ihn zum Dank zum Totenschmaus, einem Festmahl zum Gedenken an den Verstorbenen, einzuladen, schaut irritiert zum Tempel zurück, schüttelt den Kopf und erklärt aber nur einen Becher zu Ehren des Versorbenen erheben zu können, da er noch so einiges zu erledigen hat. „Aber sicher doch, einen Krug nur, auf meinen Vater!“ strahlt die erstaunlicherweise zugleich weiter weinen könnende Tochter des Toten nach der Beerdigung durch die zwei seltsamsten Totengräber, die Dar wohl je getroffen hat.
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »Dar« (28. März 2017, 20:43)


245

Montag, 10. September 2018, 00:42

10. Shenjatha 518 - Stunde der Geister

»Also erinnerst du dich den Schuppen betreten zu haben und dann nichts mehr? Die Mogbar erinnerten sich an dich. Sie bestätigen das du zum Schuppen hattest aufbrechen wollen. Als du nicht wiederkamst, nahmen sie an, dich hätte die Angst gepackt« Dar lächelt sardonisch. „In gewisser Weise hatten sie damit ja wohl recht, hat mich nach Ketells Beurteilung ja doch Angst in den Wahnsinn getrieben. Aber was…?“ »Aber was dich in den Wahnsinn getrieben hat fragst du? « beendet Khalkhis von Klingenfall Dars unvollendeten Satz, dem noch immer an sein Lager gefesselten Dar mit Weintrauben füttern, war man doch noch immer nichts sicher, das der Wahnsinn endgültig von dem Fro'Gar gewichen war. „Und der Kompass, was wenn…“ »Maester Kameruk hat versichert, das es einfach nur ein alter Betrug von vielen war. Er wollte nicht prüfen ob du einen Kompass schaffen kannst. Er wollte prüfen ob deine Recherchen die Ungereimtheiten in dem Ritual aufdeckten.« „Aber…“ »Ich sage dir, das Ritual ist schierer Mummenschanz.« „Ja, aber was wenn ein Dämon oder Dämonendiener, von meinem Auftrag gehört habend, das mit dem Mummenschanz nicht wüsste und das also für echt drum hielte?“ Skarmendes öffnet den Mund, schliest ihn wieder und sieht Dar nachdenklich an. »Weißt du was, das klingt gar nicht einmal so dumm.« Als sich Dar ob jenes Kompliments ein dumpfes Knurren nicht verkneifen kann blickt der in Gedanken versunken gewesen seiende Khalkhis erstaunt auf. »Wie? Oh, das sollte keine Beleidigung sein. Es ist nur so … wärst du bereit uns zu dem Schuppen zu führen? Wir waren natürlich schon da, haben aber nichts Auffälliges gefunden und jede Gefahr, die dir dort begegnet sein mag ist fort. Es ist nur …vielleicht kommen direkt am Ort des Geschehens Erinnerungen zurück, die sich dir jetzt noch verweigern.« Dar atmet tief ein, zögert…»Selbst wenn der Dämon oder Dämonendiener noch da sein sollte, dieses mal wird eine Schar zu allem entschlossener Priester an deiner Seite stehen.« Zögerlich, sehr zögerlich, ringt sich Dar schließlich zu einem Nicken durch.

[…]

»Waylon hat sich fast die Zunge abgebissen, als du darauf bestandest den Harnisch für Dar auszuborgen.« lachte der Dar die zwergengroße Plattenrüstung umschnallende Novize gluckernd um aber ob des Blickes von Khalkhis von Klingenfall. »Der Fro'gar hat Sil aufs schändlichste gelästert und ob das noch Nachwirkungen seines durchlittenen Wahns oder einem tiefer sitzender Groll nun entsprang; Waylon hatte alles Recht der Welt zornig und mit geweihten Leihgaben zurückhaltend drum zu reagieren.« Der Novize begegnet des Archivars Blick mit echter Betroffenheit. Dar begegnet ihm indes mit störrischem Trotz. »Harnisch und Schild sollten euch vor körperlichen Attacken durch Dämonen bewahren, bis wie eingreifen. Die Schleuder? Ich weiß immer noch nicht, was Ihr damit wollt. Die Kugeln sind auf jeden Fall geweiht.« „“Von wem? fragt Dar scharf. Khalkhis seufzt. »Wenn das hier vorbei ist, solltest klären was auch immer zwischen dir und deinem« Dar zieht scharf die Luft ein, als wenn ein plötzlicher Schmerz ihn durchfährt. »… Gott steht, Dar. Nein, die Geschosse wurden in diesem Tempel und von uns gesegnet, wie von dir, äh… verlangt.« Der Novize, den Sitz des Harnisches geprüft habend, nickt abschließend: »Sitzt!«

[…]

»Du bist noch schwach, Dar! Ich bin erstaunt, das du nach diesen anderthalb Jahren überhaupt laufen, geschweige denn eine solch schwere Rüstung tragen kannst. Andererseits, bist du ein Steingeborener, da sollte mich das vielleicht wiederum auch nicht wundern. Bleib auf jedenfalls hinter uns und wenn es Ärger gibt, dann überlasse das uns, verstanden.« „Zum Schuppen geht es dort entlang.“ In Begleitung von fünf ledergeharnischten und bewaffneten Klerikern Brans bewegen sich Dar und und der ihm zur Seite gestellte Sitech-Priester zum Schuppen, eine Abteilung Blaumäntel angespannt an der Gartenmauer des Grundstücks zurück lassend. »Ich weiß nicht was wir hier noch machen.« murrt der Priester an Dars Seite, als sie den Schuppen betreten. »Wir haben hier jeden Stein schon mindestens ein halbes Dutzend mal umgedr-« Doch alle weiteren Worte bleiben dem Kleriker, dessen Namen Dar nicht behalten hatte, regelrecht im Halse stecken, als Dar wie schlafwandlerisch zur Rückwand des Schuppen schreitest, einen Schrank beiseite rückt, eine Holzplanke der Rückwand zur Seite schiebt und einen Teil des hinter der Schuppenrückwand die Stadtmauer stützenden natürlichen Felsens mit einem lauten Klicken um eine Handbreit versenkt.

[…]

„Ich erinnere mich ein hinter den Schrank gerollten Alembik nachgeforscht zu haben und dann – na ja, vielleicht brauchte Zwergenaugen, den Mechanismus zu entdecken, vielleicht war es beim ersten mal auch einfach nur Zufall. Ich weiß es nicht mehr..“ Mit den Worten rückte ein kreisrundes Stück des Mauerwerks einen halben Fuß nach hinten. „Seht her, man kann es nun ganz leicht zur Seite rollen.“ Doch noch ehe Dar dies vorführen kann, treten die Cromm-Priester auch schon vor und übernehmen es den Verschlusstein zur Seite zur rollen, bis er mit einem weiteren vernehmlichen Klick zum Stillstand kommt. »Eine abwärts führende Treppe. Was ist unten?« Dar zuckt ratlos mit den Schultern. „Wahnsinn?“ Die Kleriker grinsen gezwungen und beginnen die Treppe hinabzusteigen, gefolgt Dar und mit dem Sithech-Priester den Abschluss bildend.

[…]

Lautes Schreien, ein Poltern, dann Stille veranlassen die Blaumäntel sich von der Mauer abzustoßen, ihren Posten zu verlassen und zum Schuppen zu stürmen, doch von den Priestern und dem Zwergen fehlt jede Spur. Der Schuppen zeigt sich ihnen, wie sie ihn schon mehrfach bei ihren wiederholten Durchsuchungen gesehen hatten. Keine Spur deutet daraufhin, das sich hier gerade quasi vor den Augen der Blaumäntel eine Schar von sechs Priestern und einem Fro'gar spurlos in Luft aufgelöst hatten. »Du, im Eilschritt zum Sitech-Tempel, zu Khalkhis von Klingenfall. Berichte alles was hier geschehen ist!« Der Anführer des kleinen Trupps drängt zum Rückzug, nervös. »Und du eile zur Steinfeste und informiere den Hauptmann, schnell!« Um den Schuppen bildet sich mit gehörigem Abstand ein Halbkreis aus den verbliebenen Blaumänteln, die beiden Erfahrensten an den die Stadtmauern stützenden unbehauenen Felsen lehnend, den Schuppen zwischen sich, die Schwerter gezogen. Doch was vermochten Schwerter schon wider unsichtbare Gegner auszurichten? »Beeilt euch, beeilt euch, beeilt euch…« murmelt der Truppenführer nervös, nicht merkend das er sich gerade die Unterlippe blutig beißt.
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

246

Freitag, 14. September 2018, 00:00

In dem Moment, da Dar, mit beiden Beinen auf der ins Dunkel hinab führenden Treppe stehend, das leise Knirschen von Stein auf Stein in seinem Rücken vernimmt, branden Teile seiner verschütteten Erinnerungen mit brachialer Gewalt über ihn hinweg und schreiend ob der Erinnerungen unzähliger Stunden der Verzweiflung, der Angst und schließlich des Wahns, die ihn mit einem Augenblick übermannen, rollt Dar sich wie ein geschlagener Hund zusammen, das der Priester in seinem Rücken erschrocken sich zum Zwergen hinab beugt – ein spontaner Akt des Mitgefühls, der im den Kopf retten soll. Denn mit dem, wie von Geisterhand sich vor den Eingang schiebenden Verschluss-Stein zusammen sirrt ein dünner, aber ölig schimmernder Draht auf Bauchhöhe und damit nur knapp über den zu Dar hinabgebeugt knienden Sitech-Priester. Und während noch außerhalb der Höhle, von niemandem bemerkt, der Schrank zurück vor den nun geschlossenen Eingang gerückt wird, wandelt sich das Kreischen Daris in ein leises gepeinigtes Wimmern, das den Sitech-Priester einmal mehr an einen geprügelten Hund denken lässt.

[…] »Und?« »Nichts, keine dämonische Präsenz zu spüren.« »Seid ihr sicher?« Ein leises hohl klingendes Klopfen lässt Dar wie vom Blitz getroffen zusammenfahren. Ein Funkeln in der Dunkelheit, dann wieder Schwärze. »Ach verdammt!« Ein erneutes Klopfen, wie von Stein auf Stein und wieder ein blendendes Funkeln im Nichts der Dunkelheit. Doch dieses Mal verlischt es nicht, schwebt glimmend vor Dars Augen. Ein leichter Luftzug trifft Dars Augen und wieder fährt der Zwerg einem hilflosen Säugling gleich panisch zusammen. Das Glimmen nimmt zu, teilt sich auf, flackert… »Ah, endlich, schnell das Licht, Pistor!« Das Gesicht des Priesters des Totengottes erstrahlt im Schein des leise verglimmenden Zunders, die dieser vorsichtig auf das schwarz in der Glut schimmernde Erdpech einer Fackel legt. Wieder bläst der Priester sanft, wieder trifft ein Lufthauch Dars Augen, dann schließlich, mit einem vernehmlichen Knistern, fängt der Zunder endgültig an brennen, dann die Fackel, dann eine Weitere und noch eine bis schließlich, außer Dar, alle mit einer Fackel bewehrt sind.

„Ich, ich … fand den Eingang durch Zufall. Hätte ich mich damals nicht nach dem die Stufen halb herunter gerollten Alembik hinab gebeugt, wie Ihr euch gerade zu mir…“ Des Sitech Priesters Blick folgt schaudernd jenem Dars, hin zu kaum merklichen Vertiefungen, zweier sich exakt gegenüber liegender tiefer Rillen in den Wänden links und rechts der obersten Stufen, die von der Decke in einem halbkreisförmigen Bogen bis auf Bauchhöhe des Priesters hinab und dann wieder hinauf und zu einem sie über die Decke verbindendem Spalt im Felsen führend noch immer unschuldig von der Bahn des gespannten Drahtes künden, der beinahe für einen ersten Toten hier, in dieser Nacht, gesorgt hatte. »Ein Dämon,, der sich einer mechanischen Falle bedient?« Zweifel klingen in des Sitech-Priesters Stimme mit. »Keine Präsenz, wir sagten es doch schon.« bemerkt der Pistor geheißene Bran-Priester lapidar. »Und auch sonst keine Menschenseele hier, außer uns.« Der Sitech-Priester zerrt Dar harsch an der Rüstung. Dar, der Bewegung folgend erhebt sich. „Wir, wir — sind — hier — nicht — alleine, — nicht — sicher!“ Dar hält dem Blick des Anderen stand. »Wir sind nicht hierher gekommen, um ohne Antworten wieder zu gehen.«

»Dar!« „Gut, aber was auch immer ihr hier nicht zu spüren vermeint.“ Diese Worte gelten Pistor und seinen Glaubensbrüdern. „Wir — sind — hier — nicht — alleine!“ Dars Stimme ist wieder ruhig, tief und fest, sein Blick so kalt und furchtlos, wie der eines Fro'gars, der nichts anderes kennt,als die ewige Bedrohung durch die Kinder des Dreizehnten. Die Priester Brans vergewissern sich mit kurzen Blicken in die im Widerschein der Fackeln unheimlich rötlich schimmernden Iriden Dars, seiner Ernsthaftigkeit, und aber auch der gewichenen Hysterie des Fro'gars, ehe sie Waffen und Fackeln fester packend die Stufen weiter hinab steigen. Ein leises Wispern, gerade jenseits der Schwelle zum Hörbaren, streift Dars Ohren. “Willkommen, willkommen zurück in der Hölle, Zwerg!” Aber da außer ihm keiner darauf reagiert, ignoriert Dar diese …Einbildung, ebenso wie den Umstand, dass das Licht der Fackeln mit jedem Schritt hinab in die Tiefe eine kälteres, ein blaueres Licht abzugeben scheint. “Euer Platz in der Hölle wurde Euch warm gehalten, Zwerg!”
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Dar« (14. September 2018, 00:09)


Kaya

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247

Montag, 19. November 2018, 22:49

Eisfrost 518

In den frühen Morgenstunden eines verschneiten Shentages

Der frische Schnee knirscht unter Kayas Stiefeln. Sie liebt dieses Geräusch. Auf vielen Wegen ist das Mädchen an diesem Shentag die Erste, die ihre Spuren auf der noch unberührten Schneedecke hinterlässt. Eingehüllt in eben jene feine, weiße Schneedecke kann sie diese Stadt inzwischen sogar ganz gut leiden. Wenngleich jedes Schneeflöckchen auch ein wenig Sehnsucht nach der Heimat mit sich bringt. Obwohl es nun tatsächlich schon ihr halbes Leben her ist, dass sie zuletzt dort gewesen ist, sind die Eisigen Öden immer noch genau das. Heimat. Kein Zuhause, aber eben Heimat, ihr Ursprung, dort, wo ihre Wurzeln liegen. Trotz allem, das dort geschehen ist. Oder gerade deswegen.
Kaya schließt die Finger um die wenigen, zarten Flocken, die sich auf ihre ausgestreckte Handfläche gesetzt haben. Als sie damals zum ersten Mal diese Stadt betrat, hatte es ebenfalls geschneit. Viel dichter zwar, doch hatte der Schnee ihr damals erste Berührungsängste genommen, als ihre Mutter sie auf Khoer hinter diese Mauern und zu Sions Turm geführt hatte. Kaya erinnert sich, als wäre es gestern gewesen.
Ihre Hand tastet nach dem Wolfsfell auf ihrem Haupt und hält es sanft fest als sie den Blick gen Himmel richtet und mit einem zarten Lächeln auf den Lippen den Tanz der Schneeflocken verfolgt. Sie hat Zeit an diesem Morgen und kein Ziel. Sie genießt einfach ihre Wanderung durch die leeren Gassen, solange die meisten Menschen in dieser Stadt noch friedlich schlummern oder sich zumindest noch nicht vor die Tür bequemen. Selbst das bald zu erwartende Frühstück auf Taresnar lockt sie noch nicht sonderlich. Vielleicht holt sie es auch einfach nach. Halla würde sie gewiss lassen, schließlich könnte das Mädchen nach Meinung der Köchin etwas mehr Fleisch auf den Rippen vertragen.
Schmunzeln zieht Kaya sie weiter durch verschneite Straßen und Gassen und lauscht dabei ihren eigenen im Schnee knirschenden Schritten. Und denen desjenigen, der sich bald mit etwas Abstand hinter ihr einreiht. Und denen von zwei weiteren, die es ihm gleich tun. Zunächst geht Kaya unbeeindruckt weiter, runzelt die Stirn und überlegt, um wen es sich bei ihren Verfolgern wohl handeln könnte. Hatte sie kürzlich jemanden verärgert? Oder doch bloß eine arme Seele, die es auf ihre wenigen Habseligkeiten abgesehen hat?
„Kaya.“
Unvermittelt bleibt Kaya stehen. Ihr schmaler Körper spannt sich wachsam an, obwohl sie sich sicher ist, dass sie von denen in ihrem Rücken nichts zu befürchten hat.
„Lange nicht gesehen“, kann sie sich ein belustigtes Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich nahm an, du hättest es inzwischen aufgegeben.“
Mit deutlich amüsierten Zügen dreht Kaya sich um und mustert Yaron. Der ist tatsächlich ein hochgewachsener junger Mann geworden. Das dunkle Haar ist inzwischen kurz geschoren, unter der markanten Nase, Wangen und Kinn ist der Ansatz eines Bartes zu erkennen. Und der dunkle Mantel über einer braunen Hose ist sogar noch recht ansehnlich. Er macht sich also immer noch nicht selbst die Hände schmutzig, schließt Kaya daraus, und bedenkt die beiden Handlanger an seiner Seite jeweils lediglich mit einem flüchtigen Blick.
Zugegeben, ein klein wenig überrascht ist Kaya schon (was sie natürlich weder zugeben noch sich anmerken lassen würde), dass er selbst es dieses Mal ist, der sich ihr langsam nähert. Genau genommen ist es das erste Mal. Als er dann aber seinen beiden Begleitern mit einer Handbewegung auch noch bedeutet an Ort und Stelle zu verweilen als diese ihm nachfolgen wollen, muss Kaya sich zusammenreißen, nicht fragend die Stirn zu runzeln.
Natürlich weicht sie keinen Schritt zurück. Yaron mag größer und kräftiger sein als sie, doch Kaya weiß sich durchaus zu wehren. Selbst gegen die beiden Gestalten, die so übertrieben böse gucken, dass man sie gar nicht ernst nehmen kann. Jedenfalls lässt sie Yaron näher kommen, näher als sie es noch vor einigen Monden wohl getan hätte. Doch irgendetwas sagt ihr, dass sie hier und jetzt nichts von ihm zu befürchten hat. Erst zwei Schritte vor ihr bleibt er stehen.
„Du hast dich verändert“, stellt er mit einer überraschend dunklen Stimme fest und mustert sie ebenso, wie sie ihn zuvor.
Das hat sie tatsächlich. Ihr langes, braunes Haar trägt sie seit der letzten Herbstkarawane in geflochtenen und gefilzten Strähnen (Halla und Gesine haben die Hände über den Köpfen zusammen geschlagen: „Die schönen Locken!“), aber weiterhin geschmückt mit eingeflochtenen, knöchernen Perlen und eingesteckten Federn. Unter ihrem Wintermantel kann man eine dunkle Lederhose und je nachdem wie sie sich bewegt den Ansatz eines ledernen Überrocks erkennen. Das Wolfsfell, das trägt sie natürlich auf ihren Schultern und den Wolfskopf auf ihrem, inzwischen sogar wieder gerne. Uki ist und bleibt einfach ein Teil von ihr.
Kaya erwidert nichts auf Yarons Feststellung. Stattdessen fragt sie sich, was es für einen Grund haben mag, dass er sie gesucht hat. Eine zufällige Begegnung ist das hier nämlich mit ziemlicher Sicherheit nicht.
„Du bist doch so eine Geisterseherin, oder?“
Nun gut, jetzt runzelt Kaya tatsächlich fragend die Stirn. Es hat ihn in den letzten Jahren scheinbar nie wirklich interessiert, wer sie ist und welche Fähigkeiten sie hat. Zumindest hat er nicht die Mühe gemacht, sie zu fragen oder überhaupt mit ihr in Kontakt zu treten. Kaya hatte immer angenommen, dass es ihn einfach störte, wenn sie sich bei ihren Streifzügen durch die Stadt in seinem „Revier“ aufhielt. War es etwa doch mehr gewesen als es die ganze Zeit über den Anschein hatte?
Kaya verschränkt die Arme vor der Brust und Trotz schimmert in ihren grün-braunen Augen. Sie mag zwar älter geworden sein, aber manche Verhaltensmuster lassen sich nicht einfach so ablegen.
„Und wenn dem so wäre?“, erwidert sie, ohne weiter auf die Bezeichnung einzugehen, obwohl ihre Fähigkeiten weit darüber hinausgehen. Soll er sie doch nennen, wie es ihm beliebt, was kümmert es sie?
Zunächst scheint es als wolle Yaron Unmut äußern und vielleicht sogar ein Wortgefecht (oder mehr) beginnen. Doch Kaya kann seine innere Zerrissenheit nicht nur an seinen Zügen ablesen. Nein, seine Anspannung ist für sie beinahe greifbar.
„Dann brauche ich deine Hilfe.“
Ungläubig heben sich Kayas Brauen und sie überlegt für einen kurzen Augenblick über seine Aussage zu lachen, abzuwinken und auf der Stelle kehrt zu machen und sich das nicht weiter anzuhören. Es ist die in seinen Augen unterschwellig schimmernde Traurigkeit sowie die Annahme, dass ihn die letzten Worte tatsächlich einiges an Überwindung gekostet haben müssen, die sie eben jenes nicht tun lassen. Kaya löst die Arme vor ihrer Brust und stemmt stattdessen die Hände in die Hüften. Wenn er es wirklich ernst meint, dann wird es ihr wohl kaum wehtun, ihn einfach mal anzuhören.
„Wobei?“, hakt sie also nach.
Yaron antwortet ihr nicht gleich. Stattdessen blickt er sich zu allen Seiten hin um, als wolle er sichergehen, dass sie niemand hören kann. Zumindest niemand außer den beiden seltsamen Käuzen dort in einigen Schritt Entfernung. Kurz scheint sein Blick bei seinen beiden Begleitern hängen zu bleiben, ohne dass Kaya sagen könnte warum.
„Nicht hier. Würdest du mich begleiten?“
Kayas Mundwinkel verziehen sich wenig begeistert und das soll er ruhig sehen. Sie traut diesem Halunken kein Stück. Ihr Blick huscht an dem jungen Mann vorbei hin zu den beiden dort im Schatten der Häuser. Dann sieht sie ihren Bittsteller wieder misstrauisch an.
„Sie werden dir nichts tun.“
„Vielleicht nicht sie, aber vielleicht versucht es jemand anders?“ Nicht, dass Kaya sich deswegen tatsächlich Sorgen machen würde…
„Niemand wird dir etwas tun.“
„Sagt wer?“
„Sage ich.“
„Als würde ich etwas auf dein Wort geben.“
Kurz scheint es als würde ihm jeden Moment der Geduldsfaden reißen, wie er so die Kiefer aufeinander presst und für einen Herzschlag lang die Augen schließt. Dann aber atmet er tief durch und hat sich offenbar wieder unter Kontrolle.
„Ein… Mädchen benötigt Hilfe.“
„Ein Mädchen?“
Kaya kann das Mahlen seiner Zähne hören. Interessiert beobachtet sie, wie Yaron wieder einen flüchtigen Blick über die Schulter zu seinen Handlangern wirft.
Als er antwortet tut er dies mit gesenkter Stimme: „MEIN Mädchen.“ Und genauso gedämpft aber wesentlich nachdrücklicher setzt er hinzu: „Bitte. Würdest du mich begleiten?“
Mit offenkundiger Neugier beäugt sie den jungen Mann. Vielleicht wäre es besser, ihn einfach stehen zu lassen und zu gehen. Aber sie wüsste schon gerne, was es ist, dass ihn zu diesem Sinneswandel bewogen hat und bei dem sie helfen soll.
„Gut“, erwidert Kaya als und bedeutet ihm mit einem Kopfnicken vorzugehen.
Kurz glaubt sie Erleichterung in seinem Blick aufblitzen zu sehen, ehe er sich umdreht, damit sie ihm und seinen beiden Gefährten folgen kann.

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248

Donnerstag, 22. November 2018, 20:19

10. Shenjatha 518 - Stunde der Geister

Dumpf hallen die Schritte der Priester und des Frogars auf den engen Treppenstufen wieder, derweil Dar der kalte Schweiss auf die Stirn tritt und unter die Rüstung kriecht. Unten angekommen eröffnet sich Ihnen ein Blick in eine hohe, scheinbar natürliche Höhle. Die Männer Brans schwärmen in die Höhle aus. »Nichts! Ein abgestorbener Baum alte Gerätschaften. Hier scheint ein Mineur gelebt zu ha- … ahhh!« Erschrocken wenden sich die anderen Kleriker zu Dar um, dessen Bewegung den erschrockenen Ausruf des Branpriesters auslösten, denn wie von Geisterhand wird Dar nach oben in das Dunkel gezerrt. Es scheint, als hätte sich eine, die Wand emporwachsende Wurzel von der Decke hinabgereckt, die Rüstung des Zwergen zu umfassen und ihn emporzureissen. Blanke Panik überfällt Dar, als er sich in Gedanken bereits die Höhlendecke durchschlagen und in den endlos hohen Nachthimmel stürzen wähnt. »Ein Verschlinger!« schreit einer der Kleriker, als von Irgendwoher ein rostiges Brecheisen aus dem Dunkel schnellt und in des Klerikers gepanzerter Schulterarmierung zitternd zum Stillstand kommt. Obgleich Augenblicke später ein dünner roter Film des Mannes Arm hinab rinnt, organisiert er mit den anderen Priestern einen Kreis. Schützende Gebete erschallen, als ein wahren Chaos aus umherfliegenden Steinen und Gerätschaften wie ein Sturm auf die Priester niedergeht und ihnen klar macht, das hier weit schlimmeres am Werk ist, denn ein Lakkamarra. Dar jedoch schwebt schockstarr unter der Decke, als die verdrängte Erinnerung der unzähligen vergangenen Stunden in diesem Dunkel mit einem Schlag auf ihn einstürmt. Der Andere hatte ihn nicht nur töten wollen! Er hatte ihn zerbrechen, zerstören und zu etwas ihm nicht unähnlichem machen wollen. Stunden der Pein hatten Dar erfüllt, Stunden der Todesangst und schließlich des Wahnsinns. Doch den letzten Schritt, die letzt … „Erlösung“ hatte Dar bis in den Irrsinn hinein verweigert. Dem freiwilligen Gang in den selbstgewählten Tod, stand seine Pflicht gegenüber, wiederzubeschaffen, was durch ihn zerstört ward und die Angst vor der Ewigkeit in den Hallen Sitechs, die jedem Unsterblichen beschieden waren hatten Dar – zum wachsenden Zorn des Anderen – diesen letzen Schritt bis zuletzt verboten, so dass, als nichts mehr von Dar in dessen Körper war, denn irre Raserei, der Andere ihn schließlich gehen ließ. Eine Existenz in endlosem Wahn schien dem Anderen einem schnellen und gnädigen Tod vorzuziehen und wenn die da draussen gewahrten, was Eindringlingen wiederfuhr… Das alles und seine Zeit draußen, unter den Hunden um die abgenagten Knochen im Müll kämpfend, dringt Schlag auf Schlag in Dars Geist ein, dazu die sich immer wieder um seinen Leib wahlweise lockernde – was einen sicheren Sturz in den Tod – oder aber ihn erneut empor reissende Fessel – was einen Sturz in die enlose Leere des oberen Nichts verheißt. Doch mit einem Mal, els wenn etwas in ihm zerbricht, weicht die Spannung aus seinem Geist. Ja, da ist immer noch das krampfhafte Greifen nach Halt, das seinen Leib sich hin und her werfen lässt, immer noch der unbewusst angehaltene Atem, der ihm das Bewusstsein zu rauben droht, und doch… und doch… Wie durch einen zerbrochenen Spiegel auf jemandes anderen Leben schauend betrachtet Dar plötzlich das Geschehen um ihn her. Weit unter ihm, ob durch das Licht der Fackeln bloß oder als Zeichen göttlichen Wirkens, Dar weiß es nicht zu sagen, irlichtert es flackernd zu ihm herauf. Tief zieht Dar die Atemluft in seine Lungen und schaut auf das Chaos umherfliegender Felsgeschosse, Metall- und Holzteilen, Dreck und Schlamm. Das einer der Männer unter ihm plötzlich von einer Woge Wasser umschlungen von einer unnatürlichen Blase aus dem Wasser auf dem Trockenen zu ertrinken droht. Ja, der andere hatte auch ihn mehrfach mit dem Wasser aus einem kleinen Rinnsal zu ertränken versucht. Doch das, wie das Kämpfen der anderen Priester um das Leben des Ertrinkenden, es war… es war wie ein Schattenspiel, das man an einer Wand betrachtete. Die Schatten zeigten schlimmstes Grauen, weckten dunkelste Ängste und Phantasmen der Zuschauenden, nährte sich von Ihnen. Doch wer sich umblickte, erkannte die die Hände oder Schablonen, die vom Feuerschein getroffen das Grauen nur vorspielten.

»Komm zuj mir, beende dein Leben, und ich kann sie retten, lasse sie gehen. Opfere dich und sie werden leben!« wispert es plötzlich kalt in Dars Ohren wider! Aber eine Raserei, ein Zorn klingt in des Anderen Stimme wider, schlimmer als alles, was Dar in dieser Höhle wiederfahren ist. „Warum bist du so verärgert?“ Dar ist erstaunt ob der Ruhe in seiner Stimme. Selbst als die vor Ewigkeiten abgestorbene Wurzel, nur durch den Willen des Anderen bewegt, ihn los lässt und erst wenige Meter über dem Boden auffängt, bleibt dar ruhig. Beinahe ist es, als sei seine Angst verbraucht oder zerbrochen. „Ich kann mich nicht opfern, nicht ehe ich es wieder zurück gebracht, gerichtet habe. Du weißt es.“Und tatsächlich erinnert Dar sich an vergangene Tage – oder waren es nur Stunden, da er das hinaus geschrien hatte, als er immer und immer wieder sich dem angebotenen Ausweg des Anderen verweigert hatte. Doch dieses Mal schwang keine Angst, keine Verzeifelung in ihm an. »Du glaubst, ich tue es nicht? Du glaubst, weil ich dich das letzte Mal gehen ließ, würde ich dich auch dieses mal nicht töten?« Irre kreischend hallt es, ihm beinahe die Trommelfelle zerfetzend um ihn auf, und was was bisher tosend unter ihm wütete, steigt zu ihm empor. »GLAUBST DU DAS, DU NARR, GLAUBST DU DAS WIRKLICH?« Gestänge, Trümmer, Schutt und Wassermassen stürzen auf ihn ein, drohen ihn gleichermaßen zu ertränken, zu durchbohren, zu erschlagen und zu erdrücken. Doch Dar bleibt ruhig und schüttelt nur den Kopf. Der Tod, das erkennt Dar schließlich, ist nicht länger seine Urangst, war es vielleicht nie. Aber es ist die Angst des Anderen. Wenn das Schicksal es will, das er stirbt – solange nur nicht durch seine eigene Hand – dann soll es eben so sein. Das hier ist nicht anders, als das an die Höhlenwand geworfene Schattenspiel. Die Hände, die es werfen, sie sind das wirklich Reale. Dieses Chaos hier aber… Als der Atemreflex ihn zum Luftholen zwingt und das diesmal ihn umgebende Wasser ihm darauf in die Lungen dringt, als das Wasser schließlich wieder von ihm weicht und er keuchend das Wasser, und Anderes noch erbricht, als die Ihn umschlingende Wurzel ihm den Brustkorb zu zerquetschen drohte, Steine und anderes auf Ihn niederfuhr, er mehrere Fuß in freiem Fall hinab stürzte, nur um sogleich darauf am von der Wurzel umschlungenen Knöchel wieder gen über ihm drohende Leere zu jagen, erträgt Dar es wie eine leblose Puppe. Dann schließlich, nach Minuten, Stunden oder sind es nur Augenblicken?, Dar weiß es nicht zu sagen, kreischt erneut des Anderen Stimme in seinen Ohren: »Warum, du dreizehnmal Verfluchter, schreist und bettelst du dann nicht? STIRB, STIRB, STIRB! ERGIB DICH ENDLICH UND BETTLE UM DEN TOD!« „Der Tod oh du Bedauernswerter, er ist deine Furcht, nicht die meine!“ Ein Schrei so hoch, so irre, so zornig und so schrill, das ihm ob dessen das Blut aus den Ohren schießt, beileibe nicht das einzige Blut, das er in den vergangenen Ewigkeiten seit seiner Rückkehr in diese Höhle verloren hatte, erschallt, ehe das Pandämonium über ihn herein bricht. Doch es soll nicht Dars Ende einläuten, sondern das, des Anderen. In dem Moment, da Dar ob seiner Weigerung sich länger seiner Angst zu ergeben – oder ist es ehr ein Unvermögen, denn etwa Verweigerung? – in dem Moment konzentriert sich der Zorn des Anderen ganz auf ihn; auf ihn, der sich schon einmal dem Unvermeidlichen verweigert und entzogen hatte. Doch dieses Mal kann der Andere nicht einmal in Anspruch nehmen einen sterblichen Geist mehr zerstört zu haben. Nein! Dar so seelenruhig sein Schicksal erwarten zu sehen richtet allen Zorn, und mithin auch alle Aufmerksamkeit, des Poltergeistes ganz auf Dar und schenkt den Priestern unter ihnen so die Möglichkeit, zu tun, was ihnen vorab unter der Flut der Angreiffe schlicht nicht möglich war. Dar, von dem der Andere weiss, das er um keinen Preis als Unsterblicher in die Hallen Sitechs eingehen wollte, Dar, der nichts mehr fürchtete als in den Hallen Sitechs alleine und vergessen zurückzubleiben wenn die Seelen der Sterblichen unter weißen Segeln ihrer Erlösung einst entgegen führen, derweil er über das Ende aller Zeiten hinaus verdammt wäre in den leeren Hallen Sitechs weiter umzugehen, dieser Dar erdreistet sich, weder zu suchen, noch zu fürchten, was der Untote seit Äonen sich schon verweigerte? Nein, das kann nicht sein, d a r f einfach nicht sein! Dieser Eine, er muss zuallervorderst zerstört, muss bekehrt werden und die erbärmlichen Anderen, die da unten, die sind nicht länger wichtig. Was sind sie schon im Gegensatz zu ihm, der diese Höhle schon heimsuchte, als selbst an deren Urgroßeltern noch nicht einmal gedacht war. Nein, dieser alleine, dieser Zwerg, der sich ihm nun schon zum zweiten Male entzog, er musste vernichtet und gebrochen werden, koste es was es w- Ein kalten blaues Licht, oder ist es nicht vielleicht doch vielmehr purpn, erfüllt mit einem Male die vormals dunkle Höhle. Dar glaubt, erstmals, ein blau strahlendes Gesicht, den Umriss eines Körpers in der Luft um ihn her zu erahnen, ehe das Licht wie ein Schleier zereißt!

Dunkelheit, Stille…

Nein!

Dunkelheit, Stille u n d schier unbeschreiblicher Schmerz erfüllen plötzlich jede Faser seiner selbst.

Ist das der Tod, sind dies die Hallen der Vergessenen?

Ist sein Versagen so groß, das Sitech, das Sil…?

»Nein, er lebt. Die Wurzel hat seinen Fall abgemildert, aber er brauch schnelle Hilfe, mehr Hilfe, als wir hier zu geben vermögen.«

»Wenn er nicht« gewesen wäre, wenn er ihn nicht abgelenkt hätte, wir hätten nie die Zeit gefunden die Überreste des Verlorenen zu finden und… und zu tun, was getan werden musste!«

»Bei Thoresh, ich habe viel über die Verlorenen gelesen und reden gehört, aber dieser, dieser, selbst Megarns Zorn-« »Hüte deine Zunge Bruder!« »Ja, verzeih, du hast Recht, aber - sind die wirklich alle so? Und wenn ja, wer macht sich freiwilig auf so etwas zu jagen, ich meine… Hier hir unten, schnell! Und bringt eine Bahre mit – und passt auf die Falle am Eingang auf! Die Blaumäntel haben den Eingang gefunden, Thoresh sei Dank… Thoresh sei Dank!«

Wieder Dunkelheit, wieder Stille, doch dieses Mal das Gefühl von Kühle auf der Haut, Kühle die den Schmerz betäubt. Doch als Dar sich erhebt, spürt er, was er schon einmal verspürte: Fesseln.

»Er ist wach! Aber was wenn ihn der Wahn wieder umfangen hat, diesmal vielleicht auf ewig.« „Dann“, knarzt Dar mit trockener Kehle, „Dann sollte gefällgst jemand von euch mir einen Schluck zu trinken geben. Ich habe das Gefühl, ich verdurste“

Dar findet sich dort wieder, wo er nur Stunden zuvor aus seinem langen Wahn erwacht war und dieses mal braucht es nicht lange, die Heiler davon zu überzeugen, seine Fixierung zu lösen. Nicht das er daraufhin etwa hätte aufstehen können. „Du hast dir so ziemlich jeden Knochen gebrochen, den du hast, jedes Organ geprellt, gerissen oder anderweitig verletzt und selbst mit den uns geschenkten göttlichen Gabe, fürchte ich, das du noch mindestens zwei Monde hier wirst liegen bleiben, ehe wir dich guten Gewissens entlassen können, du – du großer Geisterbezwinger,!“
“Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.”

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Kaya

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Donnerstag, 29. November 2018, 22:31

Eisfrost 518



In den frühen Morgenstunden eines verschneiten Shentages


Wider Erwarten führt Yaron sie weder in den Fliegengrund noch auf den Lumpenmarkt (irgendwie war es das, was Kaya aus welchen Gründen auch immer erwartet hatte), sondern in ein sogar recht ansehnliches Wohnviertel, dass Kaya nachdenklich die Stirn runzelt. Ihre Augen heften sich auf Yarons Hinterkopf als könne sie seine Gedanken lesen, wenn sie ihn nur lang genug anstarrt. Sie kann es natürlich nicht und als der junge Mann mit leisen, knappen Worten seine Begleiter fortschickt, bleibt Kaya kurz unentschlossen stehen. Yaron blickt sich zu ihr um, als er dies bemerkt.
„Wir sind gleich da. Nur noch ein Stück die Straße herunter.“
Nichtssagend mustert Kaya ihn eingehend und blickt sich noch einmal sich versichernd um, ehe sie sich erneut in Bewegung setzt, ihm zu folgen.
Tatsächlich kommt Yaron vor einem gewöhnlichen, aber durchaus gepflegten Wohnhaus zum Stehen. Eine Weile bleibt er da so stehen und starrt die schmucklose Haustür an, dass Kaya unschlüssig zwischen ihm und der Tür hin und her schaut und schon geneigt ist zu fragen, was das soll. Da aber atmet Yaron hörbar tief ein, als würde er sich für etwas oder jemanden wappnen, tritt auf die erste von zwei Stufen und klopft kurz und kräftig an die Tür.
Es dauert nicht lange, da wird die Tür geöffnet.
„Du!“, empört sich eine Frauenstimme. „Dass du es wagst, hier überhaupt aufzutauchen.“
„Bitte“, klingt Yarons Stimme fast ein wenig kleinlaut. „Ich will nur helfen.“
„Helfen? Du hast schon genug angerichtet! Scher dich!“, schlägt es ihm als Antwort entgegen, ebenso wie die Tür. Als hätte er es erwartet schiebt der junge Mann seinen Fuß zwischen Tür und Rahmen, so dass sie nicht ins Schloss fallen kann.
„Du wagst es?“
„Ich mag ihr vielleicht nicht helfen können“, setzt Yaron eindringlich seinen Versuch fort (was auch immer er erreichen will), „aber sie kann es.“
„Hm?“, blinzelt Kaya überrascht, als der junge Mann mit dem Finger auf sie deutet. Sie hat nicht die geringste Ahnung, um was es hier überhaupt geht, genauso wenig wie Yaron wissen kann, wozu sie in der Lage ist oder auch nicht.
Skeptisch hebt sich eine von Kayas Brauen als die Türe sich langsam wieder öffnet und sie nun eine Frau mittleren Alters erkennen kann, die sie (und den Wolfskopf auf ihrem Haupt) nun eingehend mustert. Noch bevor Kaya dazu kommt zu fragen, was beim Dunklen hier vor sich geht, lässt die Frau sie beide mit einem etwas widerwilligen Nicken ein.
Während Yaron sich nicht bitten lässt, zögert Kaya noch einen Augenblick, sieht sich noch einmal um und folgt dem jungen Mann erst, als sie immer noch nichts Verdächtiges entdecken kann.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Kaya« (13. Dezember 2018, 22:23)


Sigourny

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Freitag, 7. Dezember 2018, 20:33

Nebelmond 518

In der Nähe des Pfirsichs

Er hasst die Oberstadt, nichts hasst er mehr als dieses ach so gute oberstätische Gesocks. IN der Unterstadt ist es einfach: Wer stärker ist, das meiste Geld hat oder am gerissensten ist, hat das Sagen. Der Rest muss kuschen oder wird es lernen – wenn nicht wird er abgestochen. Die Weiber sind entweder zahnlose alte Vettln, die man keifen lässt oder willige junge Dinger, die für einige Münzen oder, wenn man die nicht hat, durch die Hilfe eines Messers am Hals die Beine breit machen. Was dazwischen liegt, ignoriert man … oder sticht es ab, je nach dem. Und keinen juckts, solang man nicht den Falschen Leuten in die Quere kommt … außer man gehört zu denen, die das sagen haben oder steht es sich gut mit diesen. Dann ist es wieder egal, wer mit seinem Messer oder seinen Fäusten Bekanntschaft macht. Alles ganz einfach.

Aber hier oben? Hier schnüffelt die Garde in ihren ach so schicken Uniformen rum, wenn man nicht aufpasst stecken sie einem ins Loch, nur weil man mal eben seinen Platz behauptet hat. Der mickrigste Hänfling kann einem hier etwas anschaffen, eben weil er in einer Uniform steckt. Und Gesetze sind seiner Meinung nach sowieso was für Waschweiber und Weicheier. Und ausgerechnet er muss nun hier nach oben, um der Grappe ihre Fee wieder zu besorgen. Er versteht nicht, was alle für ein Aussehen um den kleinen Quälgeist treiben, er für seinen Teil hätte dem Getier schon längst die Flügel ausgerissen und sie an seine Wand zu den Trophäen genagelt. Was ist so eine Fee schon? Eine Frau sicher nicht, nix dran. Und wenn auch einige sagen, sie kann sich auf Menschengröße wandeln … nein sowas will er nicht in seinem Lager, das ist wiedernatürlich! Also wofür soll die gut sein? Aber es wurde ihm angeschafft und wenn die Grappe es sagt dann macht er es. Weil er nämlich sonst den Stahl eines Messers zwischen den Rippen und ein anderer seinen Platz hat. Als Mann fürs Grobe in der Orchidee hat man ein gutes Leben, Weiber, Fusel und ein trockenes Lager. Aber man muss springen, wenn die alte Grappe schreit. Oder auch der Zwerg, Nurio Kulgur. Denn die haben mehr zu sagen als er. Und weil das Leben unten einfach ist, hält man sich an diese Regel, sofern selbiges einem lieb ist.

Und so schleicht er nun mit seinen drei Spießgesellen in Richtung des Pfirsichs. Dort soll das Ungeziefer nämlich sein, gemeinsam mit jenem magischen Kobold, der die halbe Orchidee unter Wasser gesetzt hat und in dem Trubel die Fee mitgenommen hat. Der Pfirsich … dort soll ja jetzt die Sigourny sitzen und auf feine Herrin machen. Beim Gedanken an die blonde Schönheit spuckt er aus. Den Namen darf man in der Orchidee nicht laut aussprechen, schon gar nicht in Gegenwart der Grappe. Die hat einen Hass auf das Weib, bei allen Göttern – nicht, dass deren Meinung ihm was bedeutet. Warum, dass weiß keiner, vielleicht noch die Maura. Aber die sagt kein Wort dazu. Und angreifen darf man die auch nicht, weil die Grappe die braucht. Was er ja auch nicht versteht, weil was soll ein Mann bitte zwischen den Fellen ausplaudern was sich nicht auch mit einigen gut gezielten Schlägen oder scharfen Klingen erfahren ließe? Aber da ist die alte Grappe stur.

Und er kennt die Regeln. Also Finger weg von Maura und in Richtung Pfirsich marschiert. >Bring mir Lux Flammenblüte zurück, aber mach kein Aufhebens. Ich kann es nicht brauchen, dass diese verdammten Blaumäntel hier herumschnüffeln. Wenn man den Gerüchten glauben darf, steht es sich das verräterische Miststück gut mit diesem Pack. Solltest du sie nicht bekommen können, dann hinterlass ihr diese Warnung.“ Der Beutel, den die Grappe ihm gegeben hat, hängt jetzt an seinem Gürtel. Er hat sich gemerkt, was er damit zu tun hat, jedes Wort. „Ich glaube nicht, dass sie die Fee freiwillig hergeben wird. Das arrogante Miststück hält sich für was Besseres, hat sie schon immer. Aber irgendwann wird sie büßen, oja und sie wird sich wünschen, sie hätte getan was ich von ihr wollte!“ Beim Gedanken an das sardonische Lachen der Grappe rinnt es ihm kalt über den Rücken. Er ist kein Feigling, sonst hätte er in der Unterstadt nicht überlebt aber solch einen Hass hat auch er noch selten gesehen.

Die Dunkle Stunde ist nahe und sie positionieren sich in einer Gasse gegenüber dem Pfirsich. Jetzt heißt es warten.

Sigourny

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Samstag, 8. Dezember 2018, 14:12

In einer Nacht im Nebelmond 518

Vor dem Pfirsich

Die dunkle Stunde ist da, endlich. Je länger er hier oben sein muss desto kribbeliger wird er. Alles ist zu sauber, riecht zu gut, ist zu hell … einfach ekelhaft wenn man ihn fragt. Tut aber keiner. Zwei seiner drei Handlanger hat er an den Hausecken des Pfirsichs postiert, zum Schmiere stehen. Schließlich hat er zum einen die Anweisung, sich von den Blaumäntel fern zu halten, zum anderen hat er selbst auch gar kein Bedürfnis nähere Bekanntschaft mit dieser Brut zu machen. Einer seiner drei hat er bei sich behalten, als Rückendeckung. Eben will er sich zur Tür begeben, als doch glatt eine Magd mit einem Korb Hühner durch die besagte Gasse marschiert. Was bei allen Dämonen macht dieses blöde Miststück um diese Zeit hier? In der Unterstadt wüsste er, was er mit so einer Schlampe zu tun hat aber hier oben muss er still halten und warten, bis sie ahnungslos vorbei geht, zielstrebig in Richtung Stadtzentrum. Sie weiß gar nicht, wie hold ihr die Götter in dieser Nacht sind. Aber etwas Gutes hat diese unliebsame Störung, denn aus den Augenwinkeln nimmt er eine Bewegung hinter den Fenstern wahr. Sieh an, sitzen alle im Loch wie Ratten, die sich vor dem Katzen fürchten. Ein diabolisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht. In diesem Fall ist er der große böse Mietze Kater.

Ein kurzer Blick nach links, nach rechts, die Aufpasser signalisieren, die Luft ist rein, kein Blau in Sicht. Energischen Schrittes geht er auf die Tür zu, in seinem Rücken sein Kumpane, nicht sehr hell in der Birne aber mit beachtlichen Muskeln gesegnet. Er macht sich gar nicht die Mühe, zu prüfen, ob diese versperrt ist, so dämlich sind nicht mal Oberstädter … oder missratene Miststücke. Seine schwere Faust donnert gegen die Tür. „Sigourny, Mistschlampe, ich weiß dass du da bist. Mach auf und gib die Flammenblüte heraus.“ Keine Reaktion, aber was hat er erwartet? Kurz blickt er über die Schultern. Noch ist die Luft rein. Erneut kracht die Faust gegen das Holz. „Rück das Getier raus und wir lassen dir dein verdrecktes, missratenes Leben. …. Nein? Du weißt dass Madame Grappe nicht vergießt. Zeig dass, du der Unterstadt loyal sein kannst, auch wenn dein verlogener Arsch das noch nicht bewiesen hat. Dann ist die Grappe bereit, Teile zu vergessen.“ Er rechnet mit keiner Antwort, aber da klingt eine Stimme durch die Tür, die einer Frau. „Sag der alten Hexe, wer auch immer an die Tür des Pfirsichs klopft und Unterkunft sucht, um diesem Drecksloch von Unterstadt zu entkommen, den werde ich einlassen - aber auch im Auge behalten, also versuch bloß nicht, mich rein zu legen. Und falls Madame nicht zu feig ist, soll sie doch ihren faltigen, vertrockneten Hintern hier rauf bewegen, dann sage ich ihr das auch gerne persönlich. Und was das Vergessen angeht …. ICH werde nicht vergessen, niemals.“ Hinter der Tür ist das Rascheln von Stahl zu hören. Nun gut, wenn sie es so haben will … Aber er kommt nicht dazu, die Sache auf seine Art zu regeln (gut, er soll kein Aufsehen erregen, aber wenn keiner da ist, wer soll dann was sehen?).

Es ertönt ein Pfiff von links und sein Aufpasser gestikuliert will: Blaumäntel im Anmarsch. Dann verschwindet dieser. Vertrockneter Nargendreck! So packt er die Kugeln, die die Grappe ihm gegeben hat und schleudert sie durch das Fenster. „Lasst euch das eine Warnung sein, der Duft der Unterstadt wird immer an dieser Schlampe haften, egal was für stinkende Duftwässerchen sie benutzt. Wenn ihr es euch anders überlegt: Schickt eine Nachricht! Ansonsten ….“ Der Rest bleicht ungesagt, denn verdächtige Schritte sind zu hören. „Hey ihr da, der Pfirsich ist geschlossen! Wer seid ihr?“ Wachen! So schnell er kann, nimmt er die Beine in die Hand und rennt. Auf seine Spießgesellen nimmt er keine Rücksicht. Sie wissen, dass sie sich nicht erwischen lassen sollen und wenn doch: sie wissen nichts, hatten nur den Auftrag Schmiere zu stehen und außerdem: Gesetz der Unterstadt: Schnauze halten oder du verlierst deine Zunge … oder mehr. Und gefunden worden ist noch jeder, der gesungen hat.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Sigourny« (8. Dezember 2018, 14:33)


Kaya

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Donnerstag, 13. Dezember 2018, 22:20

Eisfrost 518



In den frühen Morgenstunden eines verschneiten Shentages

Behagliche Wärme empfängt Kaya als sie die Stube der fremden Dame betritt. Mag die Frau an der Tür eben noch so harsch gewesen sein, die Stube sieht einladend und gemütlich aus, als ginge es sie gar nichts an, was an der Tür passiert. Eben jene wird hinter Kaya zurück ins Schloss gedrückt und das Mädchen wirft einen kurzen Blick über die Schulter. Sie trifft den Blick der Fremden, der sie eingehend mustert. Wieder wandern die Augen zu dem Wolfskopf, den Kaya sich in diesem Augenblick von ihrem Kopf schiebt, und zurück zu Kayas Augen.
„Und ihr seid…?“
„Kaya“, antwortet diese und nickt leicht mit dem Kopf.
„Seid ihr eine Freundin von Yaron?“, will sie wissen und Kaya muss sich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen.
„Nein. Nein, wirklich nicht“, erwidert sie stattdessen schnell, kann sich ein leichtes Schmunzeln jedoch nicht verkneifen.
Die Frau, etwas kleiner als Kaya, wirkt überrascht.
„Sein Liebchen?“
„Bitte?“, blinzelt Kaya nun verdutzt. „Im Leben nicht.“ Und damit lässt sie die Frau stehen und tritt vor an die Türschwelle des Raumes, aus dem sie Yarons leise Stimme vernehmen kann.
Das Bild, das sich Kaya bietet, ist irgendwie befremdlich. Jedenfalls für den Eindruck, den Kaya von Yaron bisher hatte. Da kniet der junge Mann an einem Kamin vor einem Korbsessel, in dem eine weitere Frau sitzt, regungslos in das Kaminfeuer starrend. Er hält und streichelt ihre Hand, redet im Flüsterton auf sie ein und lächelt sie… liebevoll an.
Die Frau, die ihnen die Tür geöffnet hat, schiebt sich an Kaya vorbei, nähert sich den beiden und legt der deutlich jüngeren Frau im Korbsessel die eine Hand auf die Schulter, während sie ihr mit der anderen über das schwarze Haar streicht. Ihre Tochter vielleicht?
Obwohl mehr oder weniger eingeladen, fühlt Kaya sich in dem Augenblick wie ein Eindringling. Dass sie sich nicht umdreht und geht, liegt einzig und allein daran, dass Yaron ihr noch nicht gesagt hat, bei was genau sie nun eigentlich helfen soll.
Da sieht der junge Mann auf und bedeutet ihr, näher zu treten. Zögerlich nähert sich Kaya ihm und der jungen Frau und bleibt schließlich neben Yaron stehen. Kaya blickt in ein schmales und blasses Gesicht, aus dem dunkle Augen regungslos und ohne ein Blinzeln ins Leere starren.
Wie tot…, geht es Kaya durch den Kopf. Aber nur ähnlich. Das Wolfsmädchen kennt diese Art von Blick, auch wenn es schon eine ganze Weile her ist seit sie ihn zuletzt sah, genau wie den leeren Blick Toter.
„Das ist Lioba“, zieht Yaron Kayas Aufmerksamkeit auf sich.
Eingehend mustert sie den jungen Mann mit seinen liebevollen, aber auch bekümmerten Blick auf die junge Frau. Mit einem Seufzer erhebt dieser sich und legt dabei die Hand der jungen Frau sachte in deren Schoß zurück.
Ein paar Herzschläge lang stehen sie schweigend nebeneinander und beobachten wie die ältere Frau sich mit einem Buch an die Seite der Jüngeren setzt, um ihr vorzulesen. Bevor sie die Geschichte beginnt, bittet Yaron darum, sich mit Kaya in die Küche setzen zu dürfen.
Kaya meint, einen Vorwurf im Blick der Älteren zu sehen. Dennoch erlaubt sie es ihnen mit einem Nicken, woraufhin das Wolfmädchen dem jungen Mann in einen anderen Raum folgt.
Kurz nur lässt Kaya den Blick durch die Küche schweifen als Yaron ihr mit einer Geste bedeutet, Platz zu nehmen. Erwartungsvoll mustert Kaya ihn, während er ihr schweigend gegenübersitzt, so unruhig allerdings, dass Kaya vermutet, er suche nach den richtigen Worten oder wäge ab, wie viel er ihr erzählen soll.
Kaya wartet ab.
„Lioba und ich…“, setzt er schließlich zu sprechen an, „wir sind seit ein paar Monden zusammen. Sie…“, er lächelt, „ist ein wundervoller Mensch wie aus einer anderen Welt.“
Kaya muss ebenfalls kurz lächeln, so viel Wärme und Liebe liegt in seiner Stimme. Für das Mädchen ganz unerwartet.
Schlagartig wird Yaron wieder ernst. Und unruhig.
„Sie hatte nichts mit meinen Jungs, der Straße oder sonst wem aus den Vierteln zu tun. Ich will dich nicht mit Details langweilen“, winkt er schnell ab. „Es gab jedenfalls irgendwann… Unstimmigkeiten in unserer… Gemeinschaft… Ich musste eine Gruppe ausstoßen, deren Verhalten nicht tragbar war und uns in ein schlechtes Licht rückte.“
Unwillkürlich runzelt Kaya die Stirn, hebt allerdings schnell abwehrend und mit einem Schmunzeln auf den Lippen die Hände, um Yaron zu beschwichtigen. Der jedoch verzieht keine Miene und scheint stattdessen noch einmal ernster zu werden, sofern das überhaupt geht.
„Ich weiß nicht, woher sie von Lioba wussten… aber sie wollten sich wohl rächen, mir eines auswischen oder was weiß ich.“
Jetzt wird auch Kaya ernst, als sie ahnt, worauf Yarons Bericht hinauslaufen wird. Und im gleichen Augenblick wird ihr sowohl klar woher der leere Blick der jungen Frau ruht als auch was Yaron sich von ihr erhofft.
„Sie haben sie vergewaltigt und wie ein Stück Dreck nackt auf der Straße liegen gelassen“, zischt er zornig mit gedämpfter Stimme und seine zitternden Hände ballen sich zu Fäusten.
Kaya glaubt ihm anzusehen, dass er am liebsten alle Wut und allen Frust herausschreien würde. Er braucht auch einen Augenblick, um sich zu fangen. Doch schließlich zittert der Unterkiefer nicht mehr. Stattdessen scheint er ein wenig in sich zusammen zu sinken.
„Seitdem ist sie so“, presst er mit brüchiger Stimme hervor. „Die Heiler sagen, ihr Körper habe sich von dem… Überfall erholt. Aber ihr Geist nicht.“
Kaya nickt verstehend, obwohl er es in dem Augenblick nicht sehen kann. Einige Herzschläge lang wartet sie, ob Yaron noch etwas hinzufügen will. Doch entweder will er nicht oder er weiß nicht, was er sagen soll. Also übernimmt Kaya das Wort.
„Sie hat einen Teil ihrer Seele verloren“, beginnt sie und hat sogleich Yarons volle Aufmerksamkeit. „Manche Menschen trennen sich bei so schmerzhaften Ereignissen wie diesem unbewusst von einem Teil ihrer Seele, um es heil zu überstehen. Eine Art Schutzreflex.“
Kurz kehrt sich Kayas Blick nach innen als suche er in ihren Erinnerungen nach etwas Bekanntem. Noch bevor sie aber irgendetwas finden kann schüttelt sie sich leicht, wie um etwas loszuwerden und konzentriert sich wieder auf den jungen Mann.
„Dabei kann es passieren, dass dieser abgetrennte Teil der Seele nicht mehr von allein zurückkehrt, entweder weil er nicht will oder weil er nicht kann. Die Auswirkungen dessen können ganz unterschiedlich ausfallen. Manche Menschen fühlen sich irgendwie unvollständig, fühlen sich von ihrem Körper oder gar von Familien und Freunden getrennt. Und manchen ergeht es wie deiner Freundin…“
Kaya senkt nachdenklich den Blick und verschränkt die Arme vor ihrer Brust. Sie hat noch nie eine Seele zurückgerufen und den Pfad, der ihr dabei hilfreich sein kann, geht sie erst seit kurzem. Im Selbststudium die Pfade zu betreten ist unheimlich schwer und langwierig, doch einen guten und verlässlichen Lehrer hat Kaya zurzeit nun einmal nicht.
„Kannst du ihr helfen?“
Kaya blickt auf und Yaron an, der sich erwartungsvoll weit über den Tisch gebeugt hat. Das Wolfsmädchen kann das hoffnungsvolle Glitzern in seinen Augen sehen und seufzt innerlich.
„Möglicherweise.“
Fast wäre Kaya erschrocken aufgesprungen als Yaron so geschwind bei ihr ist und ihre Hände in seine nimmt. Entgeistert blickt sie zwischen ihm und ihren Händen in den seinen hin und her.
„Was müssen wir tun?“, will er von ihr wissen.
Kaya öffnet den Mund um zu antworten und stammelt zunächst doch nur verdutzt vor sich hin.
„I-Ich habe das noch nie gemacht. Also, ich weiß wie es geht. Wie es gehen müsste. Denke ich. Ich…“
Wieder blickt sie auf ihre Hände und anschließend Yaron an.
„Könntest du bitte…?“
Der junge Mann begreift nicht sofort. Erst als Kaya vorsichtig versucht, ihm ihre Hände zu entziehen, lässt er sie los und stammelt eine Entschuldigung. Kaya atmet tief durch und schließt einen kurzen Augenblick die Augen, um sich wieder zu sammeln. Als sie Yaron dann erneut anblickt, fühlt sie sich auch wieder gefestigter.
„Ich kann versuchen den Seelenteil mit Hilfe eines Rituals zurückzurufen. Allerdings kann ich nichts versprechen. Erst einmal muss ich den verlorenen Teil ihrer Seele finden und dann muss er auch zurück wollen.“
Yaron nickt.
„Wie kann ich helfen? Was können wir tun?“
Das Wolfsmädchen neigt nachdenklich den Kopf.
„Nicht viel“, erwidert sie, „sorgt dafür, dass sie sich in einer Umgebung befindet, in der sie sich wohlfühlt und es bequem hat, wenn wir das Ritual durchführen. Ich meine auch Gerüche und Geräusche, die ihr vertraut sind, bei denen sie sich wohl fühlt.“
„Also am besten hier“, murmelt Yaron. „Wann können wir anfangen?“
Kaya überlegt einen Augenblick.
„Ich muss das Ritual vorbereiten.“ Und mich selbst ebenso… „Heute Abend?“, sieht sie fragend auf.
Yaron nickt so hoffnungsvoll, dass Kaya am liebsten laut seufzen würde. Nur nicht unter Druck setzen lassen. Es kann funktionieren…
„Dann heute Abend.“

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