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16

Freitag, 15. Juni 2018, 22:22

Wer, wie, was,
wieso, weshalb, warum

wer nicht fragt bleibt dumm

(Sesamstraße)




So spontan Rialinn sonst auch meist ist, als die anderen Mädchen sich auf den Weg zurück zum Haus und Richtung Strand machen verharrt sie zögernd, ist hin und her gerissen. Es ist warm geworden, wirklich warm und das Wasser des Ildorel hat da durchaus etwas Verlockendes. Abgesehen davon, dass die Mädchen alle mag. Auch Reisig mit ihrer faszinierenden Haut- und Haarfarbe, die sie gerade eben erst kennengelernt hat, ist ihr sofort sympathisch gewesen. Aber dort oben beim Stall sind Bræn und Tiuri bei Kalam. Die Söhne von Borgil kennen sie beide schon viele Zwölfmonde und könnten sowas wie Leumundsbürgen für sie sein, könnten Kalam versichern, dass sie vertrauenswürdig ist. Immerhin kennt der Mann sie nicht und da könnte Bitte, Ridil sehen zu dürfen schon ein wenig dreist wirken. Rialinn ist nur vage bewusst, dass die Bitte etwas ungewöhnlich ist für ein Mädchen ihres Alters, das nicht auf einem Waffenhof aufgewachsen ist, sondern im Anukistempel.

Ehe ihre Unentschlossenheit jedoch Überhand nehmen kann und sie ihren Plan doch noch verwirft, kommt Bræn hüpfend bei ihr vorbei um Heledd und den anderen zu folgen. Als dann auch die beiden Erwachsenen den Auslauf oben am Stall verlassen und auf sie zu kommen, hat die Situation die Entscheidung für das Elbenmädchen getroffen. Wenige Augenblicke später steht sie dann vor dem Hausherrn und stellt sich erstmal vor. "Die Götter zum Gruße, Shu're." Dass Bræn vorhin erklärt hatte, Kalam sei wohl kein gesalbter Ritter - und somit weder ein Sire noch ein Shu're - ignoriert sie dabei geflissentlich. Immerhin ist er der Träger Ridils und damit steht ihm eine solche respektvolle Anrede ihrer Meinung nach sehr wohl zu. Und Höflichkeit hat noch niemandem geschadet, wie Frau Eluna im Tempel keinen Tag müde wird, ihren Schützlingen zu erklären. "Ich bin Rialinn aus dem Haus Mitarlyr… die Tochter von Lady Arúen auf Vinyamar." Insgeheim hofft das Mädchen, dass die Erklärung zu ihrer Person reicht. All die Ämter Arúens aufzuzählen um zu erklären, wer ihre Mutter ist, hat ihrer eigenen Meinung nach etwas von Angeberei.

>Ich bin Kalam. Ich habe gehört, du interessierst dich für Schwerter?<

Bei den Worten kann Rialinn spüren, wie ihr verlegene Hitze bis in die spitzen Ohren steigt und kann sich nur zu gut vorstellen, dass die gerade zu glühen beginnen. Ja, genau deswegen hat sie Kalam aufsuchen wollen. Und trotzdem fühlt sie sich gerade ertappt, als hätte Cassandra sie mit der Hand in der Julfest-Keksschachtel erwischt. Für einen Moment weiß sie nicht, was sie sagen soll und nickt nur heftig ehe sie ihre Sprache wiederfindet und mühsamen versucht die Worte zusammensucht, die sie sich auf dem Weg von der 'Harfe' hierher zurecht gelegt hatte. "Ja, das hat Bræn Euch verraten, oder? Ich… ich wollte fragen, ob ich vielleicht Ridil sehen dürfte… wenn das nicht zu dreist ist", setzt sie dann noch rasch und mit einem entschuldigenden Lächeln nach. "Mich interessiert der Unterschied zwischen den Schwertern der Elben und der anderen Völker. Auf dem Sommerturnier vor vier Jahren, da hat Tiuri gegen Elthevir gekämpft und sie haben beide gewonnen… oder beide verloren… kommt drauf an, wen man fragt. Egal. Es war ein Unentschieden… Aber da habe ich Tiuris Fahl gesehen und das Taqât von Elthevir und mir ist aufgefallen, dass sich nicht nur die Schwerter unterscheiden, sondern auch wie man damit kämpft ist ziemlich verschieden voneinander. Naja, und seitdem…hat mich das interessiert. Ich habe schon einige besondere Schwerter gesehen, Fahl natürlich und Siaíl, dann die Taqâtes von Elthevir und meinen Onkeln, ich durfte auch schon in die Waffenkammer von Tante Nan um zu schauen und ich kenne natürlich das Caidlor meiner Mutter… und ich rede grade viel zu viel", fällt Rialinn dann selber auf und sie unterbricht sich in ihrem Eifer ihre Bitte zu erklären selber, "Entschuldigung."
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Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Kalam

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17

Freitag, 24. August 2018, 21:34

All the pretties

"Oh, look at all the pretties!"
"Oh, she's talking about swords the same way other girls her age talk about dolls."
"Is there any other way to talk about them?"
"No, there's not. Great kid."


>Die Götter zum Gruß, Shu're,< erwidert das Elbenkind ausgesucht höflich und setzt gleich noch dahinter, wer sie nun genau ist – Rialinn aus dem Haus Mitarlyr, Tochter Lady Arúens von Vinyamar. Kalam ist kein Experte, was Elbenhäuser angeht, aber er ist lange genug mit Niniane befreundet, um Grundlegendes über sie zu wissen – unter anderem, dass das Haus des Sternenadlers ein Hohes Haus Erryns ist und sein Oberhaupt der Truchsess des Hochkönigs in Lomirion. Von Vinyamar... damit wäre sie die Tochter der elbischen Anukishohepriesterin des Tempels in Talyra. Er hat aus Bræns Beschwerden schon heraushören können, dass Rialinn und Shaerela sich ebenfalls kennen - was er ohnehin angenommen hat, schließlich gibt es nicht so viele Elben in Talyra - also ist ihre Mutter dann wohl Ninianes Freundin Arúen... den Namen hat er von der Protektorin schon ein oder zweimal in den letzten Jahren gehört. Auf seine Bemerkung über die Schwerter hin blickt sie jedoch ein wenig verlegen auf ihre Hände und ihre spitzen Öhrchen beginnen verdächtig rosa zu glühen. >Ja<, rückt sie mit der Sprache heraus, mit der Ausführlichkeit der folgenden Erklärung hat Kalam jedoch nicht gerechnet, schon gar nicht mit den Fachsimpeleien, mit denen sie gespickt ist. Da interessiert sich jemand aber wirklich für Schwerter...... geht ihm durch den Kopf, seine Mundwinkel zucken im Bemühen, ein Lächeln zu unterdrücken und er ertappt sich selbst bei dem Gedanken, dass er diesen unentschiedenen Kampf zwischen Tiuri und einem gewissen Elthevir, den Rialinn erwähnt – wer immer das sein soll, der Name klingt elbisch – selbst gern gesehen hätte. Kalam wirft seinem Schwager einen undefinierbaren Blick zu, doch der Loaritter lächelt nur geheimnisvoll in sich hinein und zuckt vage mit den Schultern. >Ich habe schon einige besondere Schwerter gesehen, Fahl natürlich und Siaíl, dann die Taqâtes von Elthevir und meinen Onkeln,< fährt das Mädchen mit leuchtenden Augen fort und Kalam fällt auf, wie grün sie sind... nicht so kühl wie seine, eher wie das moosige Grün der Wälder, wenn alle Bäume im Frühsommer ausgeschlagen haben und die Farben des Frühlings satt und sonnenwarm werden. >Ich durfte auch schon in die Waffenkammer von Tante Nan um zu schauen und ich kenne natürlich das Caidlor meiner Mutter… und ich rede grade viel zu viel... Entschuldigung.< "Nan hat dich in ihre Waffenkammer gelassen?" Kalam pfeift leise durch die Zähne und macht eine vage Kopfbewegung, die ein anerkennendes Nicken sein könnte. Er weiß aus eigener Erfahrung was für Schätze dort lagern, schließlich stand er schon oft genug selbst in den Gewölben von Ninianes wurzeldurchzogenem Keller unter ihrem so lebendigen Zuhause. Elbische Schwerter interessieren ihn selbst nur aufgrund ihrer Schönheit und der Kunst ihrer Anfertigung, die eine Philosophie für sich ist, weniger in ihrer Funktionalität als Waffe selbst. Er will ihnen ihre Wirksamkeit in den richtigen Händen gar nicht absprechen, aber er hatte Elbenschwerter gründlich inspiziert, als er Niniane damals kennengelernt hatte. Seit die Waldläuferin eine wirkliche Freundin geworden war, hat er oft genug mit ihr trainiert – unter anderem, um ihr beizubringen, wie sich elbischer Fechtstil gegen den von Kämpfern mit wesentlich schwereren, wuchtigeren Waffen am besten behaupten kann -, um zu wissen, dass er ein gutes Bastard- Lang- oder Breitschwert jedem Taqât vorzieht. "Na dann komm, und ich zeige dir, was sich im Lauf der Jahrhunderte so bei mir angesammelt hat."

Das lassen sich weder Rialinn, noch Tiuri zweimal sagen, doch als sie zum Haus zurückkehren und auf den Nebeneingang an der westlichen Giebelseite zuhalten treffen sie dort auf der mit Naturstein gepflasterten Terrasse zwischen Kübeln mit Oleander und Bougainvilleen, Sternhyazinthen und Feenkresse auf Karamaneh, Zaleh und seine Tochter, die ihnen gerade entgegengehen. So bekommt Rialinn Gelegenheit, das Baby genauer anzusehen, das hellwach und quietschvergnügt im Arm ihrer Tante liegt. Während Zaleh – die nicht viel größer ist, als Rialinn – dem Elbenkind also voller Stolz Klein-Amarya vorführt, tauschen Kalam und Karamaneh einen Kuss aus und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand ihres herrlich langweiligen (wenn auch arbeitsreichen) und absolut gewöhnlichen Alltags. "Der Zaun ist fast fertig, morgen kann ich die Bretter einziehen und der arme Atarangi kann wieder aus seiner Box. Hat die Kleine geschlafen?"
"Fast zwei Stunden und satt ist sie auch. Die Wäsche ist fertig und ich mache euch gleich etwas zu essen, du musst ja völlig verhungert sein. Zaleh nimmt Amarya mit in den Garten, sie will noch irgendetwas aussäen, ehe es zu heiß wird."
Amarya ist ein pflegeleichtes Baby, jedenfalls versichern ihnen das Niniane, Azra und Borgil, die es schließlich wissen müssen, ständig, aber natürlich ist sie erst vier Monde alt und ihre Nächte sind zwar schon wieder sehr viel ruhiger geworden, als sie es am Anfang waren, aber ganz ungestört sind sie noch nicht wieder. Kalam fängt eine der verirrten Haarsträhnen ein, die sich aus Karamanehs Zopf gelöst haben und streicht sie sanft hinter ihr Ohr. Ihr Haar ist noch nicht wieder so lang, wie es einmal war, doch es fällt ihr inzwischen wieder weit über den Rücken. "Hast du noch ein bisschen Schlaf abbekommen?" Er hatte sie am Morgen noch vor Sonnenaufgang verlassen, als seine Tochter, zusammengerollt wie ein Kätzchen am Körper ihrer Mutter und laut schmatzend ihr erstes Frühstück zu sich genommen hatte. Bis zur Stunde des Fischers, wird ihm versichert, wofür Amarya auch allgemein in den Himmel gelobt worden war. Jetzt allerdings ist sie hellwach und brabbelt schnaufend vor sich hin, während sie spekulativ die geschnitzten Spangen im Haar ihrer Tante betrachtet, so dass Zaleh sich beeilt, mit ihr in den Garten zu kommen. Kalam führt Rialinn und Tiuri in die Waffenkammer, während Karamaneh in Richtung Küche verschwindet und bleibt im Türrahmen stehen, während der Loaritter und das Elbenmädchen in synchroner Verzückung bestaunen, was hier alles an den Wänden in Halterungen hängt, auf Rüstständern glänzt oder aus den Schatten der halbdunklen Ecken schimmert. Während es Rialinn vor allem die fremdartig aussehende Rabanirüstung und das Panzerhemd aus Schwarzstahl angetan haben, bewundert Tiuri die beiden schweren, zwergischen Zwillingskatar, ebenfalls aus dem mitternachtsdunklen, immerfroster Stahl – sämtliche Schwerter, die sich im Lauf der Jahre so bei ihm angesammelt hatten, und die er behalten hatte weil sie entweder wirklich kostbar, selten oder besondere Waffen sind, interessieren ohnehin beide.

"Sie redet über Schwerter wie Borgils Mädchen über ihre Puppen," raunt Tiuri irgendwann und Kalam grinst sein Raubtierlächeln. "Gibt's denn noch eine andere Art über Schwerter zu reden?"
"Hm... nein. Prachtmädel."
"Manchmal klingst du wie Borgil."
"Das ist ja auch mein Da."
"Stimmt auch wieder."
"Ist das Durandart?" Rialinn hat das Breitschwert an der Wand entdeckt. "Von der Klinge hab ich in einem Buch gelesen, da war auch ein Bild, das genauso aussah."
"Aye, ist es. Allerdings stimmt die Legende nicht ganz mit der Wahrheit überein. Es war wirklich Errolans Schwert, obwohl ich nicht glaube, dass er es von einem Seharim erhalten hat... es ist jedenfalls keine heilige Waffe. Eine besondere allerdings schon, denn es ist aus Damast und siehst du die Runen, die in die Klinge geätzt sind? Sie verleihen seinem Träger Kraft und Schutz. Die Zwerge Saênycs müssen das Schwert einst angefertigt haben, doch wann genau und für wen weiß heute niemand mehr. Errolan fiel auch nicht in der Schlacht am Sandweg, wie es die Legenden erzählen und er hat bestimmt nicht diese Schlucht mit der Klinge in die Berge geschlagen. Ich weiß nicht wann oder unter welchen Umständen, aber ein Werwolf muss ihn erwischt haben, entweder noch in der Schlacht oder unmittelbar danach, denn er endete als Môrgrinan. Ich habe ihn vor langer Zeit im Lostmôr getötet, dort hinten hängt sein Pelz. Das Schwert fand ich danach in seinem Bau... das und die Reste seines Wappenrocks, der schon halb vermodert war. Er muss die Klinge bis zu seiner Verwandlung bei sich gehabt haben." Rialinn bewundert Durandart noch eine Weile, doch dann wird ihr Blick magisch von Ridil angezogen, das mitten auf dem Arbeitstisch aus unbehandeltem Holz liegt, weil Kalam die Scheide und den Gurt des Schwertes gereinigt und eingeölt hat, und das Leder noch nicht ganz getrocknet ist. "Ist das...? Darf ich?"
"Nur zu."
I do very bad things, and I do them very well

18

Donnerstag, 4. Oktober 2018, 21:36

Kalams Reaktion, als sie erwähnt, dass sie schon in der Waffenkammer von Niniane schauen durfte, kann Rialinn nicht wirklich nachvollziehen. Sie interpretiert das leise Pfeifen und die Kopfbewegung zwar als Zeichen der Anerkennung, aber der Grund dafür erschließt sich dem Mädchen nicht - immerhin reden sie hier von ihrer Tante Nan, warum hätte sie nicht zusammen mit der schauen dürfen sollen? Sie ist einfach noch zu jung und war noch nie gezwungen um ihr Leben oder das jener die ihr nahestehen zu kämpfen. Trotz der stundenlangen Übungen im Stabtanz mit Teir und später mit Tyalfen oder dem Unterricht im Bogenschießen bei ihrer Mutter und Narsaên ist ihr Bezug zu Waffen im Allgemeinen und Schwertern im Besonderen noch immer eher der wissbegierige und bewundernde Blick auf ein besonderes Stück Schmiede- und Waffenkunst (oder auch Geschichte) und nicht der eines Kämpfers, dessen Leben nur zu oft von seiner Waffen abhing. Fragte man ihre Mutter, würde die mit ziemlicher Sicherheit erklären, dass sie hoffe, dass das auch immer so bleiben wird. Als Kalam sie dann mitnimmt um ihr zu zeigen, was in seiner Waffenkammer ruht, strahlt das Elbenmädchen begeistert von einem Ohr zum anderen. "Danke."

Der Weg zurück zu dem außergewöhnlichen Haus ist nicht weit und dauert auch nicht lange. Das ändert aber nichts daran, dass Rialinn vor Aufregung das Gefühl hat, es würde ewig dauern. Sie hakten auch nicht auf den Haupteingang zu, den die Kinder vorhin benutzt haben, sondern auf einen Nebeneingang an der westlichen Giebelseite. "Das Haus ist unglaublich", platzt es auf dem Mädchen heraus, "ich glaube, hier könnte man tagelang umherstreifen und würde noch immer wieder neue Ecken, Winkel und Erker entdecken." Auf der mit Naturstein gepflasterten Terrasse vor der Tür stehen unzählige Kübel, Schalen und Töpfe die vor lauter sprießenden und blühenden Pflanzenschier überzuquellen scheinen. "Das sieht aus, als hätte sich ein Dutzend Amitaripriester und Druiden hier verabredet und jeden Segen gesprochen, den sie kennen…" Als sie auf der Terrasse dann auf Karamaneh (die Rialinn zumindest vom Sehen aus der Harfe kennt) und deren Schwester mit dem Baby treffen, wechselt der Fokus der Bewunderung allerdings augenblicklich von den Blumen auf das Kind, das hellwach und quietschvergnügt auf dem Arm seiner Tante vor sich hin brabbelt und den Kopf hierhin und dorthin dreht, um auch ja alles um sich herum mitzubekommen. Die Erwachsenen sind für eine Weile vollkommen vergessen, während Rialinn Klein-Amarya bewundert, sie am Bauch kitzelt und ihre Finger von winzigen Händen einfangen lässt, die mit erstaunlicher Kraft zugreifen können. Sie kann sich kaum vorstellen, dass sie selber auch mal so klein gewesen sein muss. Als die beiden Frauen dann in unterschiedliche Richtungen ins Haus und den Garten verschwinden, folgt Rialinn dem Hausherrn und dem Loaritter in die Tiefen des Hauses zur Waffenkammer.

Als sich die Tür öffnet und sie eintreten, verschlägt es dem Mädchen schlicht die Sprache und es weiß gar nicht, wo es zuerst hinschauen soll. Überall sind Waffen, hängen in Halterungen an den Wänden oder sind feinsäuberlich aufgereiht in hölzernen Ständern. Und Rüstzeug auf hölzernen Torsos. Und… es ist ganz anders als in der Waffenkammer ihrer Mutter oder Ninianes, aber es ist definitiv mehr als beeindruckend. In den ersten Minuten geht sie wie gebannt hin und her, weiß gar nicht, was sie sich zuerst ansehen soll oder will. Da sind diese merkwürdigen, wuchtigen Klingenwasauchimmer, die Tiuri begeistert als zwergische Zwillingskatar identifiziert, aber die interessieren Rialinn eher weniger. Viel mehr faszinieren sie die unterschiedlichen Schwerter und völlig selbstvergessen redet sie mit sich selber, während sie mal hier mal dort Parierstangen, Schwertscheiden, die Farben des Stahls oder das Muster des Damasts bewundert. Dass die beiden Männer über sie reden, bekommt sie überhaupt nicht mit, denn wie gebannt steht sie vor einer Rüstung, wie sie noch keine gesehen hat. Sie ist nachtschwarz, sogar noch dunkler als das Panzerhemd aus Schwarzstahl, das auf dem Rüstständer direkt daneben hängt. Im ersten Moment hat sie gedacht, es sei kein Stahl, sondern gehärtetes Leder, das perfekt an den Körper seines Trägers angepasst wurde, wie ein Abdruck des nackten Oberkörpers. Erst als sie zögernd die Hand ausstreckt, berührt sie kaltes Metall statt warmem Leder. Der Rabenkopf auf der Rüstung gibt dann den letzten Hinweis, was sie da vor sich hat. "Das muss eine Rabanirüstung sein…", flüstert sie vor sich hin und kann sich nur schwer von dem Anblick lösen.
Aber da sind ja noch so viele Schwerter, die sie ansehen möchte. Vor einem der Schwerter, einem Breitschwert bleibt sie stehen. Das kennt sie, erkennt es aus einem Buch. "Ist das Durandart? Von der Klinge hab ich in einem Buch gelesen, da war auch ein Bild, das genauso aussah", sucht sie Bestätigung für ihre Vermutung und bekommt sie auch.

>Aye, ist es. Allerdings stimmt die Legende nicht ganz mit der Wahrheit überein. Es war wirklich Errolans Schwert, obwohl ich nicht glaube, dass er es von einem Seharim erhalten hat... es ist jedenfalls keine heilige Waffe. Eine besondere allerdings schon, denn es ist aus Damast und siehst du die Runen, die in die Klinge geätzt sind? Sie verleihen seinem Träger Kraft und Schutz. Die Zwerge Saênycs müssen das Schwert einst angefertigt haben, doch wann genau und für wen weiß heute niemand mehr. Errolan fiel auch nicht in der Schlacht am Sandweg, wie es die Legenden erzählen und er hat bestimmt nicht diese Schlucht mit der Klinge in die Berge geschlagen. Ich weiß nicht wann oder unter welchen Umständen, aber ein Werwolf muss ihn erwischt haben, entweder noch in der Schlacht oder unmittelbar danach, denn er endete als Môrgrinan. Ich habe ihn vor langer Zeit im Lostmôr getötet, dort hinten hängt sein Pelz. Das Schwert fand ich danach in seinem Bau... das und die Reste seines Wappenrocks, der schon halb vermodert war. Er muss die Klinge bis zu seiner Verwandlung bei sich gehabt haben.<

Aufmerksam hat sie Kalam zugehört, die Legende von Errolan hatte in dem Buch neben dem Bild des Schwertes gestanden. Aber das, was der ehemalige Sithechjünger sagt, macht sie auch nachdenklich, während sie die Klinge weiter ansieht. "Legenden stimmen ganz oft nicht ganz mit der Wahrheit überein… das hat Frau Eluna im Unterricht auch schon gesagt… Wenn genug Zeit vergeht und etwas oft genug weitererzählt wird, verändert sich das, was passiert ist manchmal zu einer Legende. Woher er das Schwert auch bekommen hat, dass er es hatte und mit dem Schutz der Runen muss einen solchen Unterschied gemacht haben, dass die Leute sich das nur erklären konnten, wenn er das Schwert von einem Seharim erhalten hat." Behutsam streckt sie die Hand nach der Klinge aus, so als wolle sie das Damastmuster nachfahren, auf das Kalam sie gerade hinweist, doch ihre Hand schwebt einige Sekhelrin über der Klinge. "Es fühlt sich auch nicht an wie eine heilige Waffe." Dann, als ihr die Blicke der Männer bei dieser Äußerung bewusst werden, wendet sie den Blick von 'Durandart' ab und merkt, dass sie diese Worte wohl erklären muss. "Das Caidlor meiner Mutter, Virincala und Viri'nar sind heilige Klingen und die fühlen sich irgendwie anders an als normale Waffen." Kalam ist der Träger Ridils, ein Sithechjünger, dem der Herr des Todes Leben und Seele zurückgegeben hat, ein Freund von Niniane, Olyvar und Borgil, er hat sogar Karamaneh geheiratet, die quasi Borgils Tochter ist und Tiuri ist Borgils Sohn und ein Loaritter, Rialinn sieht keinen Grund anzunehmen, dass sie den beiden Männern, nichts von den Schwertern ihrer Mutter sagen darf. Und dann wendet sie sich wieder der Legende von Errolan zu. "Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, der Werwolf hat ihn direkt nach der Schlacht erwischt. Nach so einem Angriff hätte er bestimmt nicht mehr in der Schlacht weiterkämpfen können. Und er hat bestimmt gewusst, was ihn erwartet und ist von allen Leuten weggeblieben, deshalb haben alle gedacht, er sei in der Schlacht gefallen… Aber was ich nicht verstehe: Man wird doch nicht sofort zum Môrgrinan, das dauert mehrere manchmal sogar sehr viele Mondwechsel. Errolan war doch bestimmt kein dummer Mann, warum ist er nicht in einen Anukis-Tempel gegangen und hat Hilfe gesucht?" Dann wandert ihr Blick zu dem Môrgrinanpelz. "Er hätte nicht so enden müssen." Bedauern klingt in der für Momente viel zu erwachsenen Kinderstimme mit und eine Weile steht sie noch schweigend vor der Klinge, ehe sie sich von dem Anblick losreißen kann.

Auf dem Arbeitstisch mitten im Raum liegt allerdings das Schwert, weswegen sie eigentlich hierhergekommen ist: Ridil. Und es zieht sie wie magisch an. "Ist das...? Darf ich?" Niemals würde sie die Waffe einfach so berühren, und so sucht sie den Blick Kalams und bekommt die Erlaubnis. Ein wenig zögernd streckt Rialinn die Hand nach dem Schwert aus und berührt ganz sacht den tropfenförmigen Knauf mit den kleinen roten Edelsteinen. Dann zieht sie die Hand für einen Moment wieder zurück. "Das ist eine heilige Waffe… es fühlt sich genauso an wie das Schwert meiner Mutter … und doch irgendwie anders..." Fast schon andächtig streift Rialinn mit den Fingerspitzen über die Mitte der Klinge und meidet wohlweislich die Schärfen. Es ist ein sehr schlichtes Schwert, das auffälligste sind schon die kunstvoll ineinander verdrehten Damaststränge der Parierstange und die kleinen roten Edelsteine. Aber es ist in seiner Schlichtheit beeindruckend. Und die Farbe des Stahls fasziniert das Elbenmädchen. "In der Legende heißt es, dass niemand das Material für das Metall kennt und er sieht auch anders aus als jeder Stahl, den ich bisher gesehen habe. Sagt die Legende hier die Wahrheit? Kennt wirklich niemand das Metall?" Für Rialinn umfasst das den Drachenstahl von Siaíl und Fahl, den Himmelstahl von Virincala und Vir'nar, den Mondstahl des Schwertes von Elthevir, den Schwarzstahl der Zwerge, den sie auf dem großen Sommermarkt schon gesehen hat und auch den ganz gewöhnlichen Stahl, aus dem die Schwerter der Blaumäntel gefertigt werden.

Da ist noch etwas anderes, an das die Legende von Ridil sie erinnert: Das Schwert wird vom Ritter der Schwerter des Ordens der Rabani getragen. Kalam ist aber definitiv kein Sithechjünger und damit doch auch eigentlich kein Rabani mehr. Ist er trotzdem noch der Ritter der Schwerter und darf Ridil führen? Oder muss er das Schwert den Rabani zurückgeben? So groß (und mittlerweile sprichwörtlich) Rialinns Neugier auch ist, sie weiß sehr wohl, dass das Fragen sind, die zu stellen ihr absolut nicht zusteht. Also nimmt sie sich zusammen und verkneift sich die Fragen. Zumindest hier und jetzt - das bedeutet ja nicht, dass sie bei Gelegenheit nicht ihre Mutter oder Tante Nan fragen kann.
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Karamaneh

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19

Donnerstag, 8. November 2018, 20:45

Happy Hour
Refreshments, anyone?

Hospitality begins in the heart.
(Unknown)

{Sturmwind 518}


Gut gelaunt werkelt Karamaneh in der Küche vor sich hin und bereitet aus Joghurt, Milch und Salz kühlen, erfrischenden Ayran zu, welchen sie, wie in den südlichen Regionen der Immerlande üblich, schön schaumig aufschlägt und anschließend mit etwas Zitronenmelisse und Minze aus dem eigenen Kräutergarten aromatisiert. Anschließend füllt sie mehrere Becher mit dem Getränk, welche sie auf einen Tablett stellt mit welchem sie sich auf die Suche nach ihren Gästen begibt.
Kalam, Tiuri und Rialinn sind recht schnell gefunden. Als Karamaneh aus der Küchentür auf den Flur hinaustritt, kann sie die beiden bereits sehr angeregt in der Waffen- und Rüstungskammer auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges miteinander reden hören.
Mit einem sachten Klopfen gegen den Türrahmen kündigt Karamaneh ihr Kommen an und betritt den Raum gerade als Rialinn ihre Fragen zu Ende gesprochen hat. Lächelnd tritt die Malankari an die Seite ihres Mannes und schaut dabei ebenso interessiert wie das Elbenmädchen, handelt es sich doch tatsächlich um eine ausgezeichnete Frage. Ihr eigenes Interesse an Waffen hält sich normalerweise in Grenzen. Ridil ist einfach das Schwert ihres Mannes und es fällt ihr schwer sich vorzustellen irgendjemand anderes könnte es führen, doch darüberhinaus hat sie nie wirklich groß über die Herkunft oder gar die Beschaffenheit der legendären Waffe nachgedacht. Umso spannender und vor allem bemerkenswerter findet die Malankari, dass ausgerechnet Rialinn sich so für die Herkunft und Beschaffenheit des Schwertes interessiert, gewiss ein Thema mit welchem junge Mädchen in der Tempelschule normalerweise nicht so häufig in Berührung kommen.

Die Malankari lässt ihrem Mann Zeit dem Elbenmädchen in aller Ruhe zu antworten und hält sich dabei schweigsam an seiner Seite. Stumm bietet sie zunächst Rialinn einen Becher mit Ayran an und reicht anschließend auch einen an Tiuri und Kalam weiter. Als Letzterer schließlich zu Ende gesprochen hat und erst einmal durstig einen großen Schluck von dem erfrischenden Getränk nimmt, erkundigt sie sich freundlich, ob sie nun vielleicht alle gemeinsam zum Strand hinuntergehen sollen. "Die anderen warten gewiss schon." Sie lässt Rialinn und Tiuri den Vortritt und küsst Kalam, in dem kleinen scheinbar unbemerkten Augenblick bevor sie dem Elbenmädchen und ihrem Ziehbruder gemeinsam folgen, verschmitzt etwas Ayran vom Mundwinkel. Das Getränk schmeckt leicht säuerlich und salzig zugleich. Ihr Kuss hingegen schmeckt süß und verlangt eigentlich nach mehr—nach viel mehr. Und wären sie allein, Karamaneh würde dem unvermittelt hungrig auflodernden Sehnen auf der Stelle nachgeben. Für den Moment würde es jedoch bei Verlangen und Sehnen bleiben müssen—bis zu einer späteren Stunde, wenn ihre Gäst lange wieder fort sein, Amarya friedlich schlafen und die Sterne hoch am dunklen Nachthimmel funkeln würden. Die Malankari spürt die Hand ihres Mannes auf ihren Hüften, als sie Rialinn beschwingten Schrittes folgt, und der sachte Druck seiner Finger verspricht ihr deutlich mehr als nur eine Nacht eng aneinander geschmiegten und ineinander verschlungenen Schlafes...
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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20

Freitag, 16. November 2018, 20:35

Kiss me a paragraph
… and I'll reply with a novel

Sturmwind 518


Kiss her deeply and necessarily, as if you are at last coming up for air after an age underwater. Kiss her full of fire and allow her to overcome your senses. Kiss her hard. Kiss her apart. Kiss her wildly. Bite her lip. Kiss her as though your very life requires it. (Beau Taplin, A Kiss)


>Errolan war doch bestimmt kein dummer Mann, warum ist er nicht in einen Anukis-Tempel gegangen und hat Hilfe gesucht? Er hätte nicht so enden müssen.<
"Es waren Kriegszeiten, Rialinn", erwidert Kalam leise und sein Blick folgt ihrem zu dem mitternachtsschwarzen Pelz an der Wand. "Die Zeit des Blutes und der Kleinkriege. Überall in den Herzlanden herrschte Chaos, überall herrschte..." er kann es nicht beschreiben, einem Kind schon gar nicht. "In den meisten Gegenden war es nicht möglich, in einen Tempel zu gehen - wenn man überhaupt einen fand, der noch stand und nicht bis auf die Grundmauern niedergebrannt war. Höchstwahrscheinlich hat es auch Errolan nicht gekonnt, bis es zu spät für ihn war. Vielleicht hat er während seinen ersten Verwandlungen auch Dinge getan, die ihn glauben ließen, er habe keine Vergebung verdient."
Das Mädchen lauscht ihm einen Moment mit dunkler werdenden Augen, dann nickt es sacht und wendet sich Ridil und damit dem wohl eigentlichen Grund ihres Besuchs zu – so begeistert sie auch von den Fohlen und Amarya gewesen war, es braucht nur einen Blick in ihr leuchtendes Gesicht mit den glänzend grünen Augen, um es zu erkennen. Offensichtlich haben sie es hier mit einer sehr bewundernden kleinen Jägerin und Sammlerin zu tun, die ganz versessen auf berühmte, heilige oder auf sonstige Art besondere Waffen ist und in ihrem jungen Leben schon mehr davon gesehen hat, als so mancher Kriegsveteran, der all seine Tage mit Schwertern jeder Art verbracht hat. Kalam beobachtet, wie behutsam sie Ridils Klinge berührt, als wolle sie sich vergewissern, dass es tatsächlich Stahl ist und ihre Worte bestätigen seine Gedanken. >In der Legende heißt es, dass niemand das Material für das Metall kennt und er sieht auch anders aus als jeder Stahl, den ich bisher gesehen habe. Sagt die Legende hier die Wahrheit? Kennt wirklich niemand das Metall?<
In diesem Augenblick kommt Karamaneh herein und verteilt mit dem ihr so eigenen, stillem Lächeln Ayran in schlanken, hohen Bechern aus glasiertem Ton an ihre Gäste, ehe sie an seine Seite zurückkehrt und auch ihm einen reicht. "Nein, niemand. Zumindest keiner der Schmiede und Gelehrten, die sich Ridil schon angesehen haben... und das waren einige in den letzten dreitausendeinhundertundacht Jahren." Die Fragen, die Rialinn nicht stellt, stehen dem Mädchen zwar nicht sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben, aber deutlich genug im Raum. Kalam hatte sich in den letzten Monden selbst oft genug den Kopf darüber zerbrochen – und ebenso darüber, warum er noch kein Sterbenswort vom Orden des Raben gehört hat, seit er ihnen vor Monden schon die erste Botschaft geschickt hatte. "Du fragst dich, ob Ridil weiterhin mein Schwert sein wird oder ob der Orden es für denjenigen fordern wird, der meinen Platz im Lorjen der Rabani einnimmt, aye? Ich mich auch. Ich habe keine Ahnung, was sie tun werden, Rialinn. Ich werde es erfahren, wenn ich etwas vom He des Siebten Blutordens höre."

Als er endet lotst Karamaneh sie alle zum Strand hinunter, wo die Mädchen und Bræn zugange sind. Rialinn und Tiuri nicken zwar pflichtschuldig und fügen sich, doch der Blick beider hängt noch eine ganze Weile ziemlich sehnsüchtig an blankem Stahl und scharfen Klingen, ehe sie sich mit einem Ruck aus der Waffenkammer verabschieden. Ihr Widerwillen, sich von Schwertern, Dolchen, Äxten, Kampfmessern, Jagdspeeren und ähnlichen Mordwerkzeugen zu trennen, reizt sowohl Kalam, als auch Karamaneh zu leisem Lachen. Doch bevor er dem Loaritter und dem Elbenmädchen durch Gang und Eingangshalle ins Freie folgen kann, spürt er Karamanehs Hand auf seinem Arm, die ihn zurückhält. Dann stellt sich seine kleine Frau schmunzelnd auf die Zehenspitzen und küsst ihm einen winzigen Tropfen Ayran von den Lippen. Im allerersten Moment ist ihr Kuss nichts als eine kleine, innige Geste der Verbundenheit, wie sie Eheleute wissen die Götter allein wie oft am Tag tauschen mögen. Süß und bewusst, wie alle ihre Küsse, aber dennoch vollkommen unschuldig und harmlos. Im nächsten Augenblick hat er sie hochgehoben, gegen die Wand gedrückt und küsst sie hungrig, fordernd, endlos; weil er nicht genug von ihr bekommen kann, weil es nie genug ist, mit einem Hauch von Besessenheit, das wortlose Versprechen so unmissverständlich wie das Rad aus Feuer, das sie beide erfasst und durch sie hindurch rollt und jedes einzelne Nervenende ihrer Körper dabei in Brand steckt. Als er Karamaneh schließlich widerstrebend wieder loslässt und behutsam auf ihre Füße zurückstellt, sieht sie zwar ein wenig zerzaust und reichlich atemlos, aber in ihren Augen liegt ein so unleugbar zufriedener Ausdruck wie in denen einer Katze, die gerade den Sahnekrug entdeckt hat. "Ich weiß ja" grollt Kalam leise an ihrem Ohr und sieht wie Gänsehaut ihren schlanken Nacken und ihre Schultern überzieht, während sie Arm in Arm Tiuri und dem Elbenmädchen folgen, die schon weit voraus und halb unter den Bäumen am Rand des Sandstrandes verschwunden sind, "dass wir diese Invasion nicht einfach hinauswerfen können, aber Herr der Knochen, ich wäre jetzt wirklich gern allein mit dir." Karamaneh lächelt nur still in sich hinein.

Sie verbringen den Rest des Tages am Wasser im weichen Sand im Schatten der Silberkiefern und Douglasien, Tiuri, Zaleh, Bræn, Heledd, Missandei und Reisig, die wahrlich kein Reisig mehr ist, Karamaneh und er, reden über dies und jenes, erzählen Geschichten aus Sûrmera oder der Harfe, aus fünfhundert Jahren Sithechjüngerdasein oder von einem schneeweißen Strand irgendwo fern im Osten am Meer der Ruhe, wo man Perlen, geformt wie Wolken aus der Tiefe holen kann. Sie müssen den Mädchen versprechen, ihnen das Schwimmen beizubringen, sobald der See warm genug wäre – wenn die Hitze anhält, kann das bestenfalls noch ein oder zwei Siebentage dauern – und braten kleine, wohlschmeckende Ildorelkrebse, die Bræn und Missandei kübelweise aus dem weichen sandigen Grund der Bucht ausgraben, gleich hier am Strand. Kalam schürt ein Lagerfeuer, Karamaneh, Zaleh und Rialinn, die ihnen selbstverständlich zur Hand geht, holen Geschirr, Besteck, Brot, eine Decke und das kleine Fass mit Azras gutem Ale und für die Kinder gibt es Apfelmost vom letzten Herbst, während Tiuri fachmännisch das Baby in seinen Armen wiegt – als siebenfacher großer Bruder hat er darin auch reichlich Übung. Nach dem Essen liegen die Kinder aufgereiht wie die Orgelpfeifen im warmen Sand und spielen Wolkenhaschen, Karamaneh sitzt mit dem Rücken an ihn gelehnt in seinen Armen und stillt Amarya, Zaleh ist gegangen, um ihre geliebten Blumen zu gießen, und Tiuri und er unterhalten sich leise über die Pferde und was er mit ihnen vorhat. "Ich weiß noch nicht. Die übrigen Fohlen sollten die nächsten Tage kommen, Tamras wahrscheinlich noch heute Nacht, aber bisher waren es alles Hengste. Niniane hat sich schon angemeldet für eines, weil ihre alte Jagdstute inzwischen halb blind ist und Gnadenbrot bekommt, und Barrias Fohlen werden wir für Missandei behalten, aber für den Rest finden sich ja vielleicht auch Interessenten. Der Oberste Stallmeister der königlichen Ställe von Mar'Varis hat ihre Zuchtpapiere geschickt – die solltest du sehen, jedes ein Wälzer mit tausenden von Namen und Beschreibungen, die ich alle nicht lesen kann, weil sie in Hôtha geschrieben sind, mit Bildern von ihren Brandzeichen und Lobpreisungen über ihre Ahnen – samt Brief und Siegel des Schahs in goldenem Wachs. Ich wusste wirklich nicht, dass man auch so etwas azurianischen Pomp aufzwingen kann, aber der Schah von Mar'Varis kann es offensichtlich und..." in diesem Moment tritt Rialinn zu ihnen, lässt sich anmutig im Schneidersitz neben sie auf die Decke sinken und Kalam sieht das Mädchen an. "Aye?"
Die junge Elbin versichert, sie habe ihn nicht unterbrechen wollen, konnte aber nicht umhin, die Unterhaltung mit anzuhören und würde gern ihrer Mutter von den Fohlen erzählen. Das Pferd ihrer Eama sei ebenfalls nicht mehr das Jüngste und sie habe sie schon sagen hören, dass sie sich nach einem neuen Tier umsehen müsse, vielleicht wäre sie ja an einem der Fohlen interessiert. "Wenn du möchtest, dann darfst du das gern tun. Aber vor dem Winter werden die Kleinen ohnehin nicht abgesetzt, also hat das noch Zeit und eilt nicht." Rialinn nickt und verschwindet wieder zu den anderen Kindern, die das Wolkenhaschen längst wieder aufgegeben haben und an der Sandburg – die allmählich die Ausmaße einer Mischung zwischen dem Crak, der Steinfaust und der Festung von Arrassigué annimmt – weiterbauen. Tiuri schlägt ihm vor, auf dem Waldhof anzufragen, wo man immer an guten Tieren zur Veredlung der Zucht interessiert sei und Kalam merkt sich den Gedanken – dann wenden sich ihre Gespräche anderen Dingen zu, leise untermalt von Amaryas hingebungsvollem Schmatzen.

Als die Sonne sinkt, sammelt Tiuri die Kinder ein, die mit ihm heraufgekommen waren, verspricht, Rimeon an die Eisenbeschläge zu erinnern und macht sich mit seiner kleinen Entourage wieder auf den Rückweg zur Harfe, Missandei und Reisig sperren die Hühner für die Nacht ein und werden von Zaleh ins Bett gebracht, die angeblich die besten Gute-Nacht-Geschichten erzählt, Kalam räumt die Überreste ihres Strandbesuchs auf, vergräbt einen kleinen Berg leerer Krebsschalen auf dem Misthaufen und trägt dann Amarya herum, bis sie eingeschlafen ist, während eine gewisse Schattenkatze einen kurzen Streifzug durch ihr Revier in der Feenwasserbucht unternimmt. Die halbe Nacht verbringt er mit seiner Frau vollkommen ungestört von ihren Kindern im Garten der irdischen Freuden – und die andere Hälfte dann mit einer entzückten Missandei auf seinen Fersen im Stall, wo nahezu gleichzeitig die beiden noch ausstehenden Fohlen geboren werden, ein weiterer kleiner Hengst von Barria, den Missandei auf den Namen Barakah tauft, und ein braundwindfarbenes Stutfohlen von Tamra. Es dämmert schon, als Kalam eine todmüde auf seinem Arm schlafende, aber hingerissene Missandei in ihr Bett trägt und dann für noch eine Stunde (oder wie lange auch immer Amarya sie schlafen lassen würde) zu seiner Frau unter die weichen Pelzdecken kriecht.
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Mittwoch, 28. November 2018, 21:38

Let the good times roll...

Sturmwind bis Nebelmond 518

I wish I had done everything on earth with you (F. Scott Fitzgerald)

Be a gentleman. Be romantic. Bring her roses. Cook her meals. Listen to her. Hold her. Hug her from behind. Dance with her. Play with her hair. Kiss her neck. Massage her heart. Be honest with her. Be serious. Be silly. Be genuine. Learn everything you can about her. Tell her how much you love her. And by all means, when the moment calls for it, never hesitate to throw her on the bed, rip off her clothes, and ravish her like a wild animal. (Jonny Ox)


Ihr erstes Jahr in der Feenwasserbucht vergeht wie im Flug und ihr gemeinsames Leben zieht vorüber wie ein Traum. Nachdem die übrigen Fohlen geboren worden waren, ist Niniane aus den Rhaínlanden zurückgekehrt und sie erfahren von dem Abenteuer der Waldläuferin dort, von Narudâ und von Yara'Sanchale - und das einzige, was Kalam davon abhält, die Schamanin sofort zu suchen, ist die Tatsache, dass er sie bei Olyvar und Brenainn in Sicherheit und auf dem Weg hierher weiß. Ende Sturmwind hören sie dann von Borgil, der es von einem seiner zahllosen 'Vögelchen' erfahren hat, dass Olyvar offensichtlich mit einer Ehefrau nach Hause kommen wird, und sie können es (genauso wie der gesamte Blutaxtclan) zuerst kaum glauben. Als die übrigen Rhaínlandeabenteurer Mitte Goldschein nach Talyra heimkehren, stellt sich das Gerücht jedoch nur als allzu wahr heraus. Yara kommt zu ihnen, um ihre hoch trächtige Stute bei ihnen unterzustellen, sich ihr Haus und natürlich auch Amarya anzusehen, und erzählt ihnen von der Jagd nach Schlüsselstein, von ihren Erlebnissen und von der jungen Rhaínländerin namens Ælla und den Ereignissen in Suthaward. Ihr Kind bekommen Karamaneh und er an diesem Tag nur zu Gesicht, wenn es Zeit wird, Amarya zu stillen, ansonsten hält die Schamanin sie die ganze Zeit im Arm. Ihre Tochter ist mit diesem Arrangement jedoch völlig zufrieden und Kalam hat selten einen zärtlicheren oder wehmütigeren Ausdruck auf dem ebenholzdunklen Gesicht Yara San'Chales gesehen. Als dieser Tag sich seinem Ende entgegen neigt, kommen auch Niniane, Cron und Shaerela vom Smaragdstrand in die Feenwasserbucht herauf und sie verbringen einen angenehmen Abend unter Freunden. Sie rösten frisch gefangene Forellen, Ildorelkrebse und grünen Spargel aus Zalehs Garten über dem Feuer, trinken Sommerwein und Verder Kupfer, und die Waldläuferin und ihre Tochter suchen sich ihre zukünftigen Pferde unter den Fohlen aus. Niniane entscheidet sich für den kleinen Goldrappen von Ajala, den sie Shae'ruan tauft, während ihre Tochter sich das dunkelbraunfalbe Hengstfohlen von Sand auswählt und ihm den Namen Amber gibt – und Zaleh damit noch ein wenig wohlhabender und außerdem sehr glücklich macht, dass 'ihr' Fohlen ein so gutes Zuhause ganz in der Nähe bekommen würde. Außerdem bittet Niniane Karamaneh und ihn selbst, bis zum kommenden Winter zusammen mit Cron und Shaerela über ihren Wald zu wachen und ihre Pflichten als Protektorin und Schattenjägerin mit zu übernehmen, denn Yara San'Chale und sie würden für eine Weile in Jägerangelegenheiten fort müssen.

Zwei Siebentage darauf verabschiedet sich dann Zaleh unter Tränen von ihnen und dem gesamten Blutaxtclan, um nach Draingarad an die Amitaria in Dornheim zu gehen, und dort ihre Ausbildung als Kräuterkundige und Botanikerin zu beginnen. So vergeht das Frühjahr und der Sommer zieht ins Land, und in der Feenwasserbucht vergessen Karamaneh, die Kinder und er getrost den Rest der Welt, während die Sonne jeden Tag über dem Ildorel aufgeht, um einen neuen Tag zu bringen, und des Abends die Kronen der hohen Bäume rings um ihr Haus das uralte Lied vom Wandel der Zeiten singen. Im Goldscheinmond bringt auch die bis dahin noch namenlose, rauchgraue Culstute der Schamanin ein Fohlen zur Welt, das deutlich den alten Rimmerhengst, der sein Leben bei ihrem letzten Abenteuer in den Rhaínlanden gelassen hatte, als Vater verrät, und der übrige vierbeinige Nachwuchs wächst und gedeiht. Der Sonnenthron zieht mit schier endlosen heißen, stillen Tagen ins Land, an denen das Licht das einzige zu sein scheint, was sich bewegt – abgesehen von Kalam und den anderen armen Irren, die das Heu einbringen müssen. Da ihre Wiesen und Weiden am Fluss liegen und ihr Haus direkt am See, leiden sie kaum unter der sonst allgegenwärtigen Dürre. Kalam erlaubt daher einigen Bauen aus Forgan, ihr Vieh auf den Waldlichtungen seiner Ländereien weiden zu lassen, so lange sie der Höhle des alten Grymauch dabei nicht zu nahe kämen und zum Dank haben sie so viele Heuerntehelfer, wie sie sich nur wünschen können. Außerdem kommen sie so - sehr zur Freude Reisigs und Missandeis - auch noch in den Besitz von vier langohrigen Ziegen mit lustig gedrehten Hörnern, die die klangvollen (und vielsagenden) Namen Nimmersatt, Wart-eine-Minute, Vielfraß und Butterblume (eigentlich heißt sie jedoch eher 'Nein! Geh-da-runter!') erhalten. Die Ziegen ziehen in eine leere Box des Pferdestalls ein, halten fortan die Weiden von Unkräutern und Disteln frei, und geben außerdem wohlschmeckende Milch (aus der man noch besseren Käse machen kann). Im Zuge der Ziegen-Benamung wird auch Yara San'Chales ehemalige Culyahstute von den Mädchen feierlich auf den den Namen Nuraja getauft.

In Vertretung Ninianes ist Kalam täglich im Larisgrün unterwegs, oft begleitet von einer eleganten, dunklen Schattenkatze oder einem grün und golden gefiederten Vogel, gelegentlich auch von einer kleinen Schlange, die er wie einen schweren, goldenen Reif um den Hals trägt. Sie kontrollieren Wildwechsel, überwachen die Pfade und Wege des Umlandes, halten die Augen nach Fallenstellern und Wilderern offen (Cron und er machen in diesem Dürresommer einige dingfest und übergeben sie der Steinfaust) oder um selbst auf die Jagd zu gehen, während Missandei Amarya hütet und Reisig die Hühner und Ziegen versorgt. Auch Karamaneh ist in ihrer Schattenkatzengestalt eine gute Jägerin und bringt ebenso oft Fleisch nach Hause, wie er. Die Knochen und den Aufbruch hinterlassen sie für gewöhnlich dem alten Grymauch, der es ihnen damit dankt, ein guter und meistens recht unauffälliger Nachbar zu bleiben, und sich von ihren Pferden, Ziegen und Hühnern fernzuhalten. Sie schwimmen jeden Tag in der Bucht und verbringen die meiste Zeit des Tages draußen, ihre freien Stunden oft am Strand, und Karamaneh bringt den Mädchen das Tauchen bei, so dass Missandei und Reisig bald selbst durchs Wasser gleiten wie Fische. Karamanehs Haar wird jeden Tag ein wenig heller und ihre Haut ein wenig dunkler, während er selbst und die Mädchen längst sonnenverbrannten Südländern gleichen. Missandei, nunmehr zehn, streckt sich und scheint eine ganze Weile nur noch aus Armen, Beinen und einer unglaublichen Masse schwerer, rabenschwarzer Sprungfederlocken zu bestehen. Ihr Haar ist nicht wirklich kraus, aber ihre Korkenzieherlocken ringeln sich in alle Himmelsrichtungen und sind kaum zu bändigen - und sie hat einfach so viele davon. Reisig sieht man ihr Dasein als ehemaliges Straßenkind in keiner Weise mehr an; ihre ehemalige Stummheit und ihr hartes Leben in Caer Torrelobar sind ein lang verblasster, böser Traum – sie ist ein gewitztes, neugieriges, mutiges kleines Ding und hat mit ihrer dunklen Haut, den hellen, schrägen Augen und dem aschblonden Haar, das ihr inzwischen in sanften Wellen bis über die Schultern fällt, etwas faszinierend exotisches an sich. Amarya hingegen sieht ihrer Mutter von Tag zu Tag ähnlicher, denn sie hat Karamanehs Haar und ihre Sommerhimmelaugen geerbt – nur hier und da verraten kleine Details, dass er ihr Vater ist. Am linken Ohr hat der Rand ihrer Ohrmuschel einen kleinen, spitzen Knorpel, den auch er hat, eine winzige Unregelmäßigkeit ihrer sonstigen Perfektion; die Basis ihrer Fingernägel ist nicht rund, wie bei Karamaneh, sondern mehr eckig, wie bei ihm und ihr Kinn erscheint ihm einen Hauch breiter, als das ihrer Mutter, obwohl man das bei ihren runden Babyzügen bestenfalls erahnen kann.

So vergehen die Monde und sie leben den Traum, den sie während der langen, kalten Nächte ihrer Reise durch Azurien in ihren Gedanken und Gesprächen gesponnen hatten, den Traum von einem Haus aus Holz und Stein hier in dieser Bucht, den Traum von einem Heim voller Wärme. Sie leben ihn und es vergeht kein Tag, an dem Kalam das nicht bewusst wäre und er dem Schicksal (oder welchen kosmischen Mächten auch immer) nicht aus tiefstem Herzen dankbar dafür wäre. Karamaneh glaubt fest an Ealara, die zutiefst weibliche Urmacht, deren Sein allem zugrunde liegt und Roha gebar, ehe sie die Welt ihren Ältesten Kindern, den Zwölf Göttern, überließ - Maid, Mutter und Weise Frau zugleich, die Schöpfung selbst. Für Kalam hatte fünfhundert Jahre lang kaum etwas gegeben außer den Tod (oder Untot) und einen Hauch Hoffnung auf Erlösung danach. Falls er in seinem früheren, lang vergangenen Dasein als Mensch an irgendetwas geglaubt hat, dann wohl an das Schwert in seinen Händen und daran, dass es auf dieser Welt nichts als Schafe und Wölfe gibt, und die Schafe dazu gemacht worden waren, um von den Wölfen gefressen zu werden. In seiner Zeit als Sithechjünger hatte er dem Gott des Todes und des Winters seinen Respekt erwiesen, es war ihm nur natürlich erschienen. Wenn man es denn so nennen kann, denn Respekt ist eigentlich das falsche Wort - Sithech und er, sie hatten einen eine Art Pakt geschlossen. Als er gestorben war, als das Munduskind Jocharran von Qum'Ran ihn verwandelt hatte und er an den Gestaden der Purpurnen Flüsse gestanden und ihm die Überfahrt verwehrt geblieben war, hatte er wie alle seiner Art eine Entscheidung zu treffen gehabt: Sithech und die ferne Aussicht auf Erlösung, oder Mundus und dessen dunkle Verlockungen. Dabei hatte er sich längst entschieden. Er hatte sich entschieden, als er sein Spiegelbild gesehen hatte, nur einen Tag, nur ein paar Stunden am Morgen zuvor, als er noch ein sterblicher Mann gewesen war. Also hatte er Sithech die Treue gelobt und er hatte sein Wort gehalten. Fünfhundert Jahre lang hatten ihn der Hass auf das, was ihm angetan worden war und das Bedürfnis Buße zu tun am Leben erhalten, wenn man sein Dasein denn 'Leben' hatte nennen können. Buße für Dinge, die er getan hat, als er noch ein Mensch gewesen war, Dinge, an die er sich nicht erinnern kann. Hier und da hat er Erinnerungsfetzen im Kopf, halb gefühlte Ahnungen, verschwommene Traumbilder – ein Junge mit schwarzem Haar, noch keine Zwölf, der einen Mann tötet und Kalam weiß, dieser Junge war er selbst. Dann der Mann, der aus dem Jungen geworden ist und der längst aufgehört hatte, die Toten noch zu zählen: Adlige mit alten Namen, reiche Pfeffersäcke in Samt und Seide, Ritter, aufgeplustert vor lauter Ehre, Männer und Frauen, arm und reich, schuldig oder unschuldig... sie alle nicht mehr als Fleisch und er ihr Schlächter. Er weiß, dass er kein guter Mensch war.

Doch da ist nur ein einziges Bild, an das er sich wirklich erinnert: sein eigener Anblick in einem fleckigen Spiegelglas, die Augen blutunterlaufen von zu viel Branntwein, den Geschmack davon noch widerlich bittersüß auf seiner Zunge. Ein Gesicht, wie hundert andere in jenen Tagen des Blutes und der chaotischen Gewalt überall nach dem Fall des Imperiums... ein hartes, kaltes Gesicht mit Augen bar jeden Gefühls, jeder Achtung, jeder Menschlichkeit. Was er gesehen hatte an jenem Morgen, in diesem einen, kurzen Augenblick, war nicht einmal mehr ein Mann, ganz gleich wie hart oder voller Wahnsinn jene Tage auch gewesen sein mögen; vielmehr hatte ihm ein Dämon aus leblosen Augen, grün wie Flaschenglas und kalt wie Flusswasser entgegen gestarrt. In diesem Moment hat er nicht mehr sich selbst gesehen und doch nur sich selbst, klarer und unverhüllter als je zuvor. In diesem Moment war ihm bewusst geworden, wie viel Blut an seinen Händen klebt, wie viel Leid er verursacht hat, wie viel Dunkelheit in ihm ist und wohin der Pfad, den er eingeschlagen hat, unweigerlich führen wird. Wie bitter sein Leben schmeckt – und dass es an der Zeit ist, aufzuwachen, bevor es zu spät ist. Nicht aus Furcht vor einer schwefelschwappenden Hölle, sondern weil er in diesem einen, klaren Moment, in dem er sich selbst oder das, was aus ihm geworden war erkannt hatte, die Notwendigkeit der Wiedergutmachung begriffen hatte. Deshalb hatte er sich im Tod für Sithech entschieden und nur deshalb hatte er den langen, steinigen Weg der Reue eingeschlagen. Doch nun... seit sein Herz wieder schlägt, seit er wieder atmet und ein Mensch ist, kann Kalam einfach nicht mehr in den nächtlichen Himmel hinauf blicken, die herzzerreißende Schönheit dort oben erkennen, und an nichts weiter glauben als an Tod, Transformation und Trauer – oder an das Recht der Starken und den verdammten Stahl. Er kann Karamaneh nicht in seinen Armen halten, in ihr sein, wen sie sich lieben oder auch nur beobachten, wie sie schläft, verloren in friedlichen Träumen, er kann seine Tochter nicht einmal ansehen, ohne tief in seinem Innersten zu wissen, dass es da noch mehr gibt, dass es mehr geben muss. Wiedergutmachung ist ein großes Wort, doch Erlösung ist ein noch viel größeres, das haben Karamaneh und ihre Liebe ihn gelehrt. Als sie in sein Leben getreten war, hatte er ihren Namen wie ein Gebet geflüstert, mit all der Hoffnung des Himmels, und als er dann das Klopfen ihres Herzens vernommen hatte, war er ihm gefolgt wie einem Ruf. Nicht Nurm hatte das Leid seiner Seele getröstet, sondern sie. Sie hat ihm sein Leben wiedergegeben und ihn damit gerettet, auf jede Art und Weise, auf die man nur von einem anderen Menschen gerettet werden kann. Die Prophezeiung hatte es vorher gesagt. 'Und der Neunte Kelch wird nach dem Tode schmecken und dennoch Leben verheißen...' Kalam weiß , dass es einen Grund gibt warum er noch hier ist und warum er wieder ein schlagendes Herz und einen sterblichen, lebendigen Körper besitzt – einen Grund, nicht nur die Tatsache, dass er ein großer, harter Scheißkerl und verdammt schwer zu töten ist, einen wirklichen Grund. Die Prophezeiungen haben ihnen so viel offenbart, doch kein einziges 'Warum'. Keine der Prophezeiungen, von denen sie wissen, hat das bisher getan, aller Nachforschungen Ninianes, Olyvars und Lady Arúens zum Trotz. Sie sprechen viel darüber in diesem langen, heißen Sommer und sonnendurchfluteten Herbst, Karamaneh und er. Sie sprechen überhaupt über viele Dinge, vor allem erzählt sie ihm Geschichten von Ealara und dem Weltenlied, und ganz allmählich beginnt Kalam, seiner Frau in Sachen des Glaubens auf den alten Wegen zu folgen, sich im Denken und im Herzen an die Göttin und die Geister des Waldes und der Erde zu wenden, und fühlt sich erstaunlich wohl dabei. Er wird dem Herrn der Knochen, Sithech selbst und auch Nurm immer auf seine Weise verbunden bleiben, denn das eine schließt das andere nicht aus. Vielleicht spielt es auch überhaupt keine Rolle, ob er sich an Ealara und die Geister der Natur oder die Zwölf Mächte wendet - denn wer weiß schon, ob nicht alle Mächte nur eine einzige sind oder wie ihre wahrer Name lautet.

Ihr gemeinsames Leben in der Feenwasserbucht wird in diesem Jahr zu ihrer ganzen Welt, zum Mittelpunkt ihres Seins. Die Stadt ist keine dreiviertel Wegstunde entfernt und hätte doch am anderen Ende der Immerlande oder genauso gut überhaupt nicht mehr da sein können. Oh, Talyra bringt sich immer wieder in Erinnerung, genauso wie es der Rest ihrer Familie, der übrige Blutaxtclan und ihre Freunde es tun, und doch hätten seine Frau, seine Kinder und er die einzigen Menschen auf Rohas weitem Rund sein können. Sie lernen Olyvars rhaínländische Frau kennen und können sich deren Zauber genauso wenig entziehen wie alle anderen, die Ælla begegnen; außerdem verfallen sie alle augenblicklich und unwiderruflich ihren Kochkünsten. Hin und wieder hören sie durch Cron oder Shaerela auch von Niniane, doch es sind jedes Mal nur kurze Botschaften, die ihr Blutrabe überbringt und deren knapper Wortlaut meist nicht mehr enthält, als ein Lebenszeichen und der Versicherung, ihr und Yara San'Chale gehe es gut. Ein paarmal sehen sie Calait, Colevar und Rún, wenn die Lorcains Talyra besuchen, doch Leir kommt nie mit in die Stadt. Der Nordmann und Ninianes Tochter, ihre nächsten Nachbarn, sind oft bei ihnen, manchmal auch begleitet von Rialinn, wenn die neuerworbenen Tempelpflichten es dem Mädchen erlauben, doch Arúen haben sie noch immer nicht kennengelernt. Vor allem aber sind die Harfenkinder in wechselnder Zusammensetzung genauso oft in der Feenwasserbucht, wie sie selbst in die Goldene Harfe kommen... und ab und an schaut Borgil vorbei, einen Beutel Tabak und seine Pfeife bei sich, macht nicht viele Worte, verbringt ein paar Stunden mit seinem Fröschelein, mit Reisig und der Kleinen, oder sitzt bei ihm und sie fachsimpeln in der Waffenkammer oder unterhalten sich bei einem Krug Verder Kupfer über die Götter und Roha.

Mit dem Ende des Erntemonds beginnt der Tempelunterricht – für Missandei im dritten Jahr, für Reisig zum allerersten Mal – und sie schicken die Mädchen in den Shenrahtempel zu Vater Breocca, auch wenn der Weg etwas weiter ist, denn Shaerela geht auch dorthin und nimmt sie jeden Morgen mit. An anderen Tagen durchstreifen sie gemeinsam den Wald nach Beeren, Kräutern, Wurzeln und Pilzen, und ernten nach und nach Zalehs Garten ab, um Vorräte für den Winter anzulegen. Als der Herbst fortschreitet, reitet Kalam mit Olyvar, einigen Steinfaustjägern, Cron, Shaerela und Olyvars Zwillingen auf die jährliche Büffeljagd, während Rimeon diesmal zurückbleibt und für die Tage, in der er fort ist, nach Tŷ ar y Llyn kommt, um Karamaneh mit den schweren Arbeiten zur Hand zu gehen. Es ist das erste Mal, dass Kalam seine Frau für mehrere Tage allein lassen muss und es will ihm überhaupt nicht schmecken – erstens, weil er nun einmal nicht aus seiner Haut kann und zweitens, weil er sie und die Kinder mehr vermisst, als er zugeben will. Doch der Eiskeller und die Darrgestelle füllen sich nur so mit genug Fleisch für den Winter – neben Fässern voller Kraut, Kürbissen, Süßkartoffeln und Wurzelgemüse, geflochtenen Strängen von Zwiebeln und Knoblauch, Weintrauben, Winterbirnen, Mispeln, Krügen voller Honig und Tontöpfen mit Eingemachtem. Erst mit Beginn des Nebelmonds wird es zum ersten Mal kalt, doch dann gehen die wenigen Herbsttage, die sie überhaupt bekommen, nahtlos in einen frühen Winterbeginn über. Die Jahreszeiten wechseln von einem Tag auf den anderen, so abrupt, dass sie sich in der angenehmen Kühle eines goldenen Altweibersommerabends schlafen legen und am nächsten Morgen in beißender Kälte und in einer von glitzerndem Reif überzogenen Welt erwachen. Die Fohlen haben sich allesamt prächtig entwickelt, keine der Stuten ist ausgemergelt und alle haben genug Milch, so dass Kalam die Jungtiere den Winter über noch getrost bei ihnen lassen kann. Yara hat ihnen ihre Culstute im Austausch für die Aufzucht ihres Jungpferdes überlassen – ein fürstlicher Preis für einen Fresser mehr auf ihren Weiden und in ihrem Stall, so dass ihre kleine Herde inzwischen auf fünf Mutterstuten, einen Hengst und vier eigene Fohlen angewachsen ist – Tamra und ihr kleines Stutfohlen, das einzige weibliche Jungtier, das sie haben, sind nur bis zum Frühling zu Gast, dann würde Olyvar beide in die Steinfaust holen. Ahmarasuds kleinen Hengst haben sie - auf Rialinns Bitten hin - einstweilen für Lady Arúen reserviert, auch wenn die Anukispriesterin bisher nur eine kurze Nachricht geschickt hat, dass sie sich das Tier gerne ansehen würde, sobald es ihre knappe Zeit erlaube, auch wenn das erst im Winter der Fall sein würde. Kalam erfüllt dem Mädchen diese Bitte gern, auch wenn sie genug andere Interessenten für den kleinen Kerl hätten. Den Pferdenarren unter den hiesigen Adligen könnten sie ein Dutzend weitere Fohlen verkaufen und bis Ende Nebelmond hat Kalam noch einmal so viele Anfragen für etwaigen weiteren Nachwuchs gesammelt. Was die Pferde angeht, ist es also ein äußerst einträgliches Jahr für sie. Am 2. Nebelmond spricht Amarya – noch keine elf Monde alt und in allem ein frühreifes Kind (das versichert ihnen Borgil, der es wissen muss) – ihr erstes Wort und rührt Karamaneh mit einem deutlichen 'Mama' zu Tränen. Dann folgen zwei Wochen lang lange Lallmonologe und alle möglichen Prust-, Summ- und Grunzgeräusche, die sie schon zur Genüge kennen, während ihre kleine Tochter wie eine Flitzebogen auf allen Vieren über die Holzdielen schießt und sich alle Naslang an allem in Reichweite hochzuziehen versucht. Gegen Mitte Nebelmond spricht sie schon mehrere Worte – Da (er), Andei (Missandei), Isi (Reisig) und außerdem auch noch "ham" (haben), 'Baby', 'Ball' (der bunte Flickenball, den Zaleh ihr genäht hat), Gil (Borgil), Amma (Azra), Benben (Bræn), Eded (Heledd), Meon (Rimeon), dazu 'nein', 'heiß' und "Angi" (Atarangi). Außerdem kann sie stehen, wenn man ihre beiden Hände hält. Nichts ist vor ihren neugierigen Händen mehr sicher, so dass sämtliche Regale und Schrankfächer auf ihrer Höhe ausgeräumt oder mit Spielzeug bestückt werden, und manche Türen von nun an stets fest verschlossen bleiben müssen.

Als Kalam an einem sehr kalten und sehr verregneten Abend Ende Nebelmond, nach mehr als zehn langen Stunden im Sattel, wieder nach Hause kommt, ist er todmüde und nass bis auf die Knochen. Es regnet und schneit schon seit zwei Tagen ununterbrochen, endlich, doch der Schneeregen hat auch sämtliche Waldpfade und Wildwechsel in knietiefe Schlammlöcher und tückische Matschpisten verwandelt. Er war den ganzen Tag über Stock und Stein geritten und hatten die letzten vier Stunden damit zugebracht, einem Bauern aus Sternfels dabei zu helfen, seinen Ochsenkarren und die verdammten Ochsen aus dem Schlamm zu ziehen, in dem sie versunken waren und nun fühlen sich die Muskeln seiner Beine an, als wären sie aus Stein und seine Arme hängen ihm bleischwer an den Seiten. Auf seinem linken Oberschenkel prangt ein handtellergroßer, blauschwarzer Bluterguss, wo ihn eines der Mistviecher in seiner Panik getreten hatte und sein linker Oberarm und der Rippenbogen darunter sehen auch nicht viel besser aus, weil das gleiche Mistvieh nämlich wiederholt versucht hatte, ihn auf die Hörner zu nehmen. Er hatte Atarangi in den Stall gebracht, die Pferde versorgt und die Ziegen gefüttert und sich noch vergewissert, dass der Hühnerstall auch wirklich für die Nacht verschlossen ist (nicht so wie vorgestern, wo sie es dem reinen Glück und der Nachbarschaft Grymauch Einaugs zu verdanken haben, dass kein Fuchs und keine Marder ein Massaker im Hühnerhaus veranstaltet hatten), und war dann durch den Regen zum Haus gestapft. Der buttergelbe Lichtschein aus den Fenstern verspricht Wärme und Zuflucht, und Karamaneh erwartet ihn bestimmt schon längst. Doch als er vor der Tür des Nebeneingangs steht, hat er das Gefühl, es möglicherweise nicht zu schaffen, auch nur die Hand an den Griff zu heben. Herr der Knochen, du wirst alt! Die Muskeln seiner Arme zucken und zittern vor Erschöpfung, er braucht zwei Anläufe, und selbst dann gelingt es ihm nur, die Finger auf den Griff zu legen; sein Daumen weigert sich einfach, sich zu schließen. Doch Karamaneh muss ihn gehört haben, denn die Tür vor seiner Nase öffnet sich abrupt, seine Hand sinkt vom Riegel und er erhascht noch einen kurzen Blick auf ihr offenes Haar und ihr strahlendes Gesicht, und dann berühren sie sich überall und auf einmal, während er sie an sich zieht und sie festhält. Sie schlingt ihre Arme um seinen Nacken und schmiegt sich an ihn wie ein fehlendes Puzzleteil, das mühelos an seinen Platz rutscht. Er füllt seine Nase, seine Lungen mit ihrem Geruch, ihr Mund findet seinen und er ist zu Hause. Von Missandei und Reisig ist nichts zu hören, denn die Mädchen sind vermutlich längst im Bett, doch noch während er seine Frau küsst, ertönt hinter ihr irgendwo ein vehementes "Daaaadaaaaaadaaaadadada..." Kalam löst sich widerstrebend von Karamaneh und erspäht über ihre Schulter hinweg Amarya, die sich an einen der Stühle im Esszimmer klammert, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und vor Aufregung hin und her wackelt."Da! Da!"

Karamaneh gibt ihm mit einem halb stolzen, halb augenrollenden Lächeln den Weg frei und er durchquert den Windfang mit zwei großen Schritten, um zu seiner Tochter zu gelangen, die den Stuhl loslässt, und ihm ihre Ärmchen entgegenstreckt und dabei fast auf ihren Windelhintern plumpst. Er fischt sie gerade noch rechtzeitig vom Boden. "Was machst du denn um diese Stunde noch auf, kleine Kröte?" Amarya klammert sich an ihn, als gelte es das liebe Leben, gibt ein lustiges kleines "Hiiii!" von sich, als ihre warme Babyhaut mit seiner kalten Wange in Berührung kommt und schenkt ihm dann ein breites, entzücktes Grinsen, das alle ihre kleinen, weißen Zähnchen (von denen sie schon eine Menge hat) zur Schau stellt. Karamaneh lächelt nicht weniger breit, aber noch einmal augenrollend. "Wir," wird er informiert, "haben den ganzen Nachmittag verschlafen und sind jetzt hellwach und putzmunter." Dann sieht sie ihn zum ersten Mal richtig an, ihr Blick schärft sich und nimmt seine ganze nasse, schlammverkrustete Erscheinung in sich auf. "Was hast du gemacht? Komm, gib mir die Kleine und zieh Umhang und Stiefel aus." Amarya wechselt auf den Arm ihrer Mutter und er streift mühsam sein dreckiges Schuhwerk ab. Im Windfang hinter dem Nebeneingang sind tiefe Regale, in denen sie Stiefel und warme Winterkleidung aufbewahren, und eine Bank, auf die er sich mit einem leisen Stöhnen fallen lässt. "Ich habe mir einen Schlammringkampf mit zwei panischen Ochsen geliefert – wortwörtlich – und bin völlig erledigt. Der eine hat ständig versucht, mich umzubringen, während sein Besitzer und ich uns fluchend abgemüht haben, ihn und seinen Kumpel aus dem Dreck zu bekommen. Meine Rippen sind grün und blau, mein linker Arm auch und auf meinem Oberschenkel ist ein blauer Fleck so groß wie deine Hand, a mhuirnin. Essen?" Setzt er flehentlich hinzu und Karamaneh zieht die Augenbrauen hoch und prustet leise. "Auf dem Herd," versichert sie und er seufzt abgrundtief erleichtert, was sie noch mehr lachen lässt. Doch dann wird sie ernst und ihr Blick sorgenvoll. "Bist du irgendwo verletzt?"
"Nein. Grün und blau. Müde. Hungrig," erwidert er, meint nicht mehr nur unbedingt etwas Warmes in seinem Magen und lächelt, dann zerrt er denn regennassen Umhang von seinen Schultern und hängt ihn an einen leeren Haken.
"Vorher haben wir noch eine Überraschung für dich – wenn du es noch eine Minute aushältst."
"Oh, aye?"
"Ja! Schau nur..." Sie tritt ein paar Schritte zurück ins Esszimmer und stellt Amarya ihm gegenüber auf die Füße. "Geh zu deinem Da," hört er sie leise gurren und seine Augen weiten sich vor Überraschung, als er einen Blick mit seiner Frau tauscht. Dann sieht er wieder seine Tochter an. Amarya schwankt gefährlich, das kleine Gesichtchen auf einmal skeptisch, die Stirn vor lauter Konzentration gerunzelt, und klammert sich unschlüssig an Karamanehs Hand. Kalam vergisst seine Erschöpfung, geht in die Hocke und breitet die Arme aus. "Komm," lockt er und Amarya strahlt ihn an, lässt ihre Mutter los und streckt ihm ihre kleine Hand entgegen. "Komm, a chuisla." Und seine Tochter macht sich auf den Weg, torkelnd wie eine Betrunkene, langsam und unsicher erst, dann immer schneller, bis sie sich kopfüber in seine rettenden Arme stürzt. Kalam drückt sie fest an sich und Amarya quietscht vor Begeisterung, noch mehr als er prustende Küsse in ihren samtweichen Nacken drückt, woraufhin sie den Kopf einzieht wie eine kleine Schildkröte.

Als er umfangen von Wärme in der Küche am Tisch sitzt und ausgehungert einen Teller Truthahnragout mit Fladenbrot verschlingt, seine Tochter auf dem Schoß, die sicher schon mit ihrer Mutter und ihren Schwestern gegessen hat, sperrt Amarya trotzdem den Mund auf wie ein bettelndes Vögelchen, so dass er sein Abendessen kameradschaftlich mit ihr teilt, bis sie sich zufrieden an ihn kuschelt, den Daumen in den Mund steckt und von einem Augenblick auf den anderen weg döst. Kalam lagert sie um und hebt ihren kleinen, festen Körper an seine Schulter, obwohl sich seine Arme wie gekochte Grütze anfühlen, um eine Hand zum Essen freizuhaben, bis Karamaneh mit dem Aufräumen der Küche fertig ist. Als sie sie ihm schließlich abnimmt und Kalam den Rest des Ragouts vertilgt - und mit den Brotstücken noch den Kessel ausstreicht, in dem es gekocht worden war -, bringt seine Frau Amarya ins Bett und er nimmt ein Bad – nicht ohne dem Vorhandensein einer heißen Quelle unter seinem Haus und dem Erfindungsreichtum der Zwerge im Stillen für den schier unglaublichen Luxus zu danken, einfach nur einen eisernen Riegel umlegen zu müssen, um dampfend heißes Wasser aus einem geschwungenen Hahn strömen zu lassen. Er entzündet nur eine der dicken Stumpenkerzen, die Karamaneh in durchbrochenen Laternen oder einfach nur auf glasierten Tellern überall im Raum verteilt hat, schält sich aus seinen schlammverkrusteten Kleidern und lässt sich mit einem leisen Stöhnen in die kupferne Wanne sinken. Kalam legt den Nacken auf den Rand und schließt die Augen, während die Hitze ihn durchdringt, langsam bis in seine Knochen sickert und die Kälte dort vertreibt, und auch seine Muskeln sich nach und nach aus dem Zustand angespannter Handlungsbereitschaft lockern, in dem er sie stundenlang gehalten hat. Irgendwann hört er am leisen Rascheln ihres Nachtgewandes und dem Tappen ihrer nackten Füße auf dem warmen Stein des Bodens, dass Karamaneh hereinkommt. Er hört, wie sie im Raum umhergeht und mehr Kerzen entzündet, und seine Mundwinkel vertiefen sich sacht, doch er lässt seine Augen geschlossen. Sie setzt sich an den Wannenrand und gleich darauf spürt er ihre zarten, schlanken Finger besorgt über seine Blutergüsse flattern. "Nur ein paar blaue Flecken," murmelt er. Gleich darauf kehren ihre Hände zurück, diesmal mit einem weichen Lappen und Seife, und er streckt sich mit einen dunklen, schnurrenden Laut des Behagens. Sie wäscht seinen Nacken, seinen Rücken, sein Haar und plötzlich fühlt er sich an jene Nacht in Azurien erinnert, als er sie aus und die Kinder des Kupferschmieds aus der Wüste zurückgebracht hatte. Er hatte sie entkleidet und gebadet, weil sie selbst zu zerschlagen gewesen war, um auch nur allein den fleckigen Turban von ihrem damals so kurz geschorenen Haar zu nehmen. Jetzt ist es wieder lang und fällt ihr schon bis weit über den Rücken, und er kann mit beiden Händen in die seidenweichen Flechten fassen und sie sich um seine ganze Faust wickeln, wenn er will. Karamaneh seift ihre Hände ein und streicht über seine Brust, seine Arme, seinen Leib. "Erzähl mir von den Ochsen," hört er sie murmeln. "Was ist passiert?" Kalam lacht leise und berichtet ihr mit noch immer geschlossenen Augen und ein wenig verloren im Gefühl ihrer sanften, sanften Hände auf seiner Haut, wie er auf dem Rückweg von Sternfels einen ziemlich verzweifelten Bauern getroffen hatte, dessen schwer beladener Karren bis über die Radnaben und dessen Ochsen bis zum Bug im Schlamm festgesteckt waren, und wie er sich stundenlang in eisiger Kälte und beständigem Schneeregen mit dem armen Mann abgeplagt hatten, erst die widerspenstigen Tiere zu befreien und dann auch noch Fuhrwerk und Ladung zu retten. "Sieh an," bemerkt seine Frau und er kann das katzenhafte Lächeln, das dabei auf ihrem Gesicht erscheint, in ihrer leisen, dunklen Stimme hören, während ihre Hände tiefer und tiefer wandern, "du hast also doch eine weiche Seite." Kalam gibt ein halbersticktes Geräusch von sich und öffnet abrupt die Augen. Ihr Gesicht ist keinen Fingerbreit von seinem entfernt, ihre blauen Augen haben die Farbe eines bodenlosen Ozeans und ihr Blick ist weit, offen und voller Verheißung. Dann packt er ihre Arme und sie landet mit einem Ruck und einem vor Überraschung heiseren Quietschen bei ihm im Wasser. "Ich," grollt er dicht an ihrem Ohr und ihre Hand schließt sich um ihn soweit das eben geht, "habe überhaupt keine weichen Seiten."
Allen Göttern sei Dank ist die Kupferwanne groß genug und hat einen hohen Rand, so dass sie nicht das ganze Bad unter Wasser setzen.

Als sie eine Weile später schließlich warm bis in die Zehenspitzen und rettungslos ineinander verschlungen in den weichen Pelzen ihres Bettes liegen, dem Prasseln des Feuers im Kamin und dem Klatschen der nassen Schneeflocken an die Sprossenscheiben der Fenster lauschen, fällt Kalam etwas ein, das er beinahe vergessen hätte. "Der Wirt im Trunkenen Troll hat einen Wurf Herbstkätzchen und mir zwei angeboten. Wollen wir Katzen? Und am nächsten Shentag beginnen die Julmärkte, willst du hingehen? Wir müssen ohnehin Julnachtsgeschenke besorgen und ich war noch nie in diesen Tausendwinkelgassen."
I do very bad things, and I do them very well

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Karamaneh

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Freitag, 30. November 2018, 02:05

Let it snow!

Let it snow! Let it snow!

The first fall of snow is not only an event,
it is a magical event.
You go to bed in one kind of world
and wake up in another quite different,
and if this is not enchantment,
then where is it to be found?
(JB Priestley)

Juletime magic is silent.
You don't hear it—you feel it,
you know it, you believe it.
(Kevin Alan Milne, The Paper Bag Christmas)

Juletime waves a magic wand over the world,
and behold, everything is softer and more beautiful.
(Norman Vincent Peale)

{Langschnee 518}


Vom Keller bis unters Dach—das Haus in der Feenwasserbucht verströmt selbst noch im kleinsten Winkel den schönsten Mittwinterglanz. Schwere Girlanden aus dunklem Tannengrün, Stechpalm- und Thujenzweigen winden sich jeden Treppenaufgang empor; an sämtlichen Fenstern hängen dunkle Kränze aus Trannengrün, geschmückt mit roten Bändern und duftenden Kiefernzapfen; im ganzen Haus stehen strategisch günstig und in kindersicheren Höhen plazierte Vasen und Krüge mit winterlichem Grün verteilt; und auf Tischen, Anrichten und Kommoden haben Gestecke und Gebinde aus weichem Moos und Zweigen ihren Platz gefunden und bieten großen und kleinen Kerzen aus goldenem Bienenwachs hübsche Betten, welche mit getrockneten Orangeschalen, Nüssen und allerlei winterlichen Gewürzen verziert sind, sodass es im gesamten Haus nicht nur winterlich ausschaut, sondern auch noch unglaublich verführerisch duftet.
Auch das äußere des Anwesens ist enstprechend geschmückt und so zieren ringsumher armdicke Girlanden aus schönstem Tannengrün nicht nur sämtliche Balkone, sondern auch alle Türbögen und Wegsäume, während große Feuerschalen, Windlichter und Laternen alles dazu passend in ein wundervolles Licht tauchend. Karamaneh und eine ganze Herrschar fleißiger freiwilliger Helferlein haben in dieser Hinsicht wirklich ganze Arbeit geleistet. Und so kommt es, dass die Hausherrin nun im mittwinterlichen Prunk ihres Haus neben Missandei in der großen Eingangshalle steht. Warm eingepackt in einen dicken Mantel aus weichem Pelz, unter welchem sie eine Tunika und wärmende Beinlinge sowie hohe Stiefel trägt, hält sie eine ebenso warm eingemummelte Amarya auf dem Arm und schafft es dabei noch irgendwie eine lederne Kappe mit extra-fluffigem Pelzbesatz aufzusetzen sowie passende Handschuhe überzustreifen, während sie auf ihren Mann wartet, der gerade noch damit kämpft Reiigs schmale Füsse in ihre widerspenstigen Stiefel zu zwängen.

Ihr Ziel sind der große Mittwintermarkt auf dem Marktplatz der Stadt sowie in den Tausendwinkelgassen, welche am ersten Shentag dieses Mondes eröffnet worden sind. Als Kalam ihr davon erzählt hatte, war Karamaneh sofort begeistert gewesen und hatte seinem Vorschlag freudig zugestimmt, zumal ein Ausflug in die Stadt auch immer einen Besuch in der Goldenen Harfe bedeutet. Auch von dem Gedanken sich ein paar Katzen ins Haus zu holen war Karamaneh geradezu verzückt gewesen und so war dies ebenfalls schnell eine beschlossene Sache. Vielleicht, wenn der Rückweg nicht zu spät werden würde, könnte Kalam noch rasch zum Trunkenen Troll hinausreiten, um die beiden Tiere einsammeln. Karamaneh und die Mädchen könnte er ja zuvor einfach schon einmal daheim abliefern. Doch das würden sie später immer noch entscheiden können. Und so machen sie sich schließlich zu fünft, nachdem alle angezogen und zum Aufbruch bereit sind, gut gelaunt auf den Weg in die Stadt.
Kalam hält Amarya sicher vor sich im Sattel und Karamaneh kann nicht umhin beim Anblick von Vater und Tochter zärtlich zu lächeln, während sie ihm, flankiert von Missandei und mit Reisig vor sich im Sattel, folgt. Wenn sie die beiden so zusammensieht, fällt es ihr schwer sich vorzustellen, dass ihr Leben jemals anders ausgesehen haben könnte. Kaum zu glauben dass ihr kleines Mädchen schon in wenigen Siebentagen seinen ersten Geburtstag feiern würde. Für einen winzigen wehmütigen Moment fragt die Malankari sich wohin die Zeit bloß so schnell verflogen ist, doch dann werden ihre Züge wieder weich und ein geheimnisvolles Lächeln schleicht sich auf ihre Lippen. Ob es lange dauern würde, bis Kalam es von ganz alleine bemerken würde? Sie ist sich nicht sicher. Niemand, wirklich niemand, kennt sie so gut wie er, und seine Sinne sind, obwohl er kein Vampir mehr ist, noch immer feiner und besser ausgebildet als die manch anderer Menschen. Andererseits, ihr süßes Geheimnis muss noch sehr neu sein. Sie hatte es ja selbst erst am Vortag bemerkt, als sie sich hatte wandeln wollen, um mit Hilfe ihrer Vogelgestalt ein paar Zweige und Tannenzapfen zur Zier auf einigen der höher gelegenen Balken im offenen Dachgebälk zu verteilen, und zu ihrer großen Überraschung und Freude kläglich gescheitert war.

Versonnen lächelt die junge Frau vor sich hin. Der Schnee ringsumher ist weiß und jungfräulich, noch gänzlich unberührt von Mensch oder Tier. Die ersten Schneeflocken, die gefallen waren, hatten etwas geradezu magisches an sich gehabt. Sie waren in einer grauen kalten Welt schlafen gegangen und am nächsten Morgen in einem eisigen frostig-funkelnden Wunderland aufgewacht.
Karamaneh hört Amarya vergnügt vor Kalam im Sattel quietschen, während ihr die weißen Flocken um die Nase wehen und sie versucht diese mit vorsichtig ausgestreckter Zunge einzufangen. Wie hatten sich ihrer kleinen Kinderaugen beim ersten Anblick der weißen Landschaft vor ihrem Haus doch geweitet. Ihr kleine heile Welt war von einem Moment auf den anderen von einer kalten weißen Decke eingehült gewesen und sie hatte zunächst ganz und gar nicht gewusst, was sie davon halten sollte. Vorsichtig wie ein junges Kätzchen war Amarya auf Zehenspitzen durch den Schnee getrippelt, beinahe ängstlich den Boden zu berühren. Und als Kalam ihr behutsam einen winzigen Schneeball in die kleinen Patschehände gedrückt hatte, wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. Doch nur beinahe. Überraschend schnell hatte sie sich mit dem weißen Glittzerzeugs um sich herum angefreundet und dessen herausragende Vorzüge erkannt. ›Ein echtes Schneemädel‹, hatte Borgil stolz verkündet und besagtes sogleich in die große Kunst des Schneemann- und Schnee-Fort-Bauens einzuführen versucht. Am Bauen selbst hatte das Schneemädel allerdings eher mäßiges Interesse bekundet, sich dafür jedoch mit umso größerem Feuereifer als äußerst effektives Abrisskommando betätigt. Und so hatte ein überaus gutgelaunter und selbstzufriedener Zwerg die Kleine irgendwann, weil tropfnass und durchgefroren, unter dramatischem Protestgeschrei (eindrucksvoll unterstrichen von wildem Gezappel und zielsicher platzierten Bissen, die zu Amaryas Missvergnügen allerdings allesamt an Borgils ausgezeichneter Winterkleidung gescheitert waren) zum Aufwärmen zurück ins Haus schaffen müssen. Ihr bestes Paar feinster Fäustlinge war dabei allerdings leider irgendwie abhanden gekommen und nicht wieder aufgetaucht. Vermutlich würde es erst nach der kommenden Schneeschmelze total unansehnlich und durchgeweicht unter den in der Frühlingssonne schmelzenden Schneemassen wieder zum Vorschein kommen. Einen Einkauf, den sie an diesem Tag auf den Mittwintermärkten tätigen werden, ist daher schon sicher: winzige, kleine Kinderfäustlinge. Möglichst gleich im Dutzend. Sicher ist sicher...
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Karamaneh« (30. November 2018, 02:11)