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16

Freitag, 15. Juni 2018, 22:22

Wer, wie, was,
wieso, weshalb, warum

wer nicht fragt bleibt dumm

(Sesamstraße)




So spontan Rialinn sonst auch meist ist, als die anderen Mädchen sich auf den Weg zurück zum Haus und Richtung Strand machen verharrt sie zögernd, ist hin und her gerissen. Es ist warm geworden, wirklich warm und das Wasser des Ildorel hat da durchaus etwas Verlockendes. Abgesehen davon, dass die Mädchen alle mag. Auch Reisig mit ihrer faszinierenden Haut- und Haarfarbe, die sie gerade eben erst kennengelernt hat, ist ihr sofort sympathisch gewesen. Aber dort oben beim Stall sind Bræn und Tiuri bei Kalam. Die Söhne von Borgil kennen sie beide schon viele Zwölfmonde und könnten sowas wie Leumundsbürgen für sie sein, könnten Kalam versichern, dass sie vertrauenswürdig ist. Immerhin kennt der Mann sie nicht und da könnte Bitte, Ridil sehen zu dürfen schon ein wenig dreist wirken. Rialinn ist nur vage bewusst, dass die Bitte etwas ungewöhnlich ist für ein Mädchen ihres Alters, das nicht auf einem Waffenhof aufgewachsen ist, sondern im Anukistempel.

Ehe ihre Unentschlossenheit jedoch Überhand nehmen kann und sie ihren Plan doch noch verwirft, kommt Bræn hüpfend bei ihr vorbei um Heledd und den anderen zu folgen. Als dann auch die beiden Erwachsenen den Auslauf oben am Stall verlassen und auf sie zu kommen, hat die Situation die Entscheidung für das Elbenmädchen getroffen. Wenige Augenblicke später steht sie dann vor dem Hausherrn und stellt sich erstmal vor. "Die Götter zum Gruße, Shu're." Dass Bræn vorhin erklärt hatte, Kalam sei wohl kein gesalbter Ritter - und somit weder ein Sire noch ein Shu're - ignoriert sie dabei geflissentlich. Immerhin ist er der Träger Ridils und damit steht ihm eine solche respektvolle Anrede ihrer Meinung nach sehr wohl zu. Und Höflichkeit hat noch niemandem geschadet, wie Frau Eluna im Tempel keinen Tag müde wird, ihren Schützlingen zu erklären. "Ich bin Rialinn aus dem Haus Mitarlyr… die Tochter von Lady Arúen auf Vinyamar." Insgeheim hofft das Mädchen, dass die Erklärung zu ihrer Person reicht. All die Ämter Arúens aufzuzählen um zu erklären, wer ihre Mutter ist, hat ihrer eigenen Meinung nach etwas von Angeberei.

>Ich bin Kalam. Ich habe gehört, du interessierst dich für Schwerter?<

Bei den Worten kann Rialinn spüren, wie ihr verlegene Hitze bis in die spitzen Ohren steigt und kann sich nur zu gut vorstellen, dass die gerade zu glühen beginnen. Ja, genau deswegen hat sie Kalam aufsuchen wollen. Und trotzdem fühlt sie sich gerade ertappt, als hätte Cassandra sie mit der Hand in der Julfest-Keksschachtel erwischt. Für einen Moment weiß sie nicht, was sie sagen soll und nickt nur heftig ehe sie ihre Sprache wiederfindet und mühsamen versucht die Worte zusammensucht, die sie sich auf dem Weg von der 'Harfe' hierher zurecht gelegt hatte. "Ja, das hat Bræn Euch verraten, oder? Ich… ich wollte fragen, ob ich vielleicht Ridil sehen dürfte… wenn das nicht zu dreist ist", setzt sie dann noch rasch und mit einem entschuldigenden Lächeln nach. "Mich interessiert der Unterschied zwischen den Schwertern der Elben und der anderen Völker. Auf dem Sommerturnier vor vier Jahren, da hat Tiuri gegen Elthevir gekämpft und sie haben beide gewonnen… oder beide verloren… kommt drauf an, wen man fragt. Egal. Es war ein Unentschieden… Aber da habe ich Tiuris Fahl gesehen und das Taqât von Elthevir und mir ist aufgefallen, dass sich nicht nur die Schwerter unterscheiden, sondern auch wie man damit kämpft ist ziemlich verschieden voneinander. Naja, und seitdem…hat mich das interessiert. Ich habe schon einige besondere Schwerter gesehen, Fahl natürlich und Siaíl, dann die Taqâtes von Elthevir und meinen Onkeln, ich durfte auch schon in die Waffenkammer von Tante Nan um zu schauen und ich kenne natürlich das Caidlor meiner Mutter… und ich rede grade viel zu viel", fällt Rialinn dann selber auf und sie unterbricht sich in ihrem Eifer ihre Bitte zu erklären selber, "Entschuldigung."
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Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Kalam

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17

Freitag, 24. August 2018, 21:34

All the pretties

"Oh, look at all the pretties!"
"Oh, she's talking about swords the same way other girls her age talk about dolls."
"Is there any other way to talk about them?"
"No, there's not. Great kid."


>Die Götter zum Gruß, Shu're,< erwidert das Elbenkind ausgesucht höflich und setzt gleich noch dahinter, wer sie nun genau ist – Rialinn aus dem Haus Mitarlyr, Tochter Lady Arúens von Vinyamar. Kalam ist kein Experte, was Elbenhäuser angeht, aber er ist lange genug mit Niniane befreundet, um Grundlegendes über sie zu wissen – unter anderem, dass das Haus des Sternenadlers ein Hohes Haus Erryns ist und sein Oberhaupt der Truchsess des Hochkönigs in Lomirion. Von Vinyamar... damit wäre sie die Tochter der elbischen Anukishohepriesterin des Tempels in Talyra. Er hat aus Bræns Beschwerden schon heraushören können, dass Rialinn und Shaerela sich ebenfalls kennen - was er ohnehin angenommen hat, schließlich gibt es nicht so viele Elben in Talyra - also ist ihre Mutter dann wohl Ninianes Freundin Arúen... den Namen hat er von der Protektorin schon ein oder zweimal in den letzten Jahren gehört. Auf seine Bemerkung über die Schwerter hin blickt sie jedoch ein wenig verlegen auf ihre Hände und ihre spitzen Öhrchen beginnen verdächtig rosa zu glühen. >Ja<, rückt sie mit der Sprache heraus, mit der Ausführlichkeit der folgenden Erklärung hat Kalam jedoch nicht gerechnet, schon gar nicht mit den Fachsimpeleien, mit denen sie gespickt ist. Da interessiert sich jemand aber wirklich für Schwerter...... geht ihm durch den Kopf, seine Mundwinkel zucken im Bemühen, ein Lächeln zu unterdrücken und er ertappt sich selbst bei dem Gedanken, dass er diesen unentschiedenen Kampf zwischen Tiuri und einem gewissen Elthevir, den Rialinn erwähnt – wer immer das sein soll, der Name klingt elbisch – selbst gern gesehen hätte. Kalam wirft seinem Schwager einen undefinierbaren Blick zu, doch der Loaritter lächelt nur geheimnisvoll in sich hinein und zuckt vage mit den Schultern. >Ich habe schon einige besondere Schwerter gesehen, Fahl natürlich und Siaíl, dann die Taqâtes von Elthevir und meinen Onkeln,< fährt das Mädchen mit leuchtenden Augen fort und Kalam fällt auf, wie grün sie sind... nicht so kühl wie seine, eher wie das moosige Grün der Wälder, wenn alle Bäume im Frühsommer ausgeschlagen haben und die Farben des Frühlings satt und sonnenwarm werden. >Ich durfte auch schon in die Waffenkammer von Tante Nan um zu schauen und ich kenne natürlich das Caidlor meiner Mutter… und ich rede grade viel zu viel... Entschuldigung.< "Nan hat dich in ihre Waffenkammer gelassen?" Kalam pfeift leise durch die Zähne und macht eine vage Kopfbewegung, die ein anerkennendes Nicken sein könnte. Er weiß aus eigener Erfahrung was für Schätze dort lagern, schließlich stand er schon oft genug selbst in den Gewölben von Ninianes wurzeldurchzogenem Keller unter ihrem so lebendigen Zuhause. Elbische Schwerter interessieren ihn selbst nur aufgrund ihrer Schönheit und der Kunst ihrer Anfertigung, die eine Philosophie für sich ist, weniger in ihrer Funktionalität als Waffe selbst. Er will ihnen ihre Wirksamkeit in den richtigen Händen gar nicht absprechen, aber er hatte Elbenschwerter gründlich inspiziert, als er Niniane damals kennengelernt hatte. Seit die Waldläuferin eine wirkliche Freundin geworden war, hat er oft genug mit ihr trainiert – unter anderem, um ihr beizubringen, wie sich elbischer Fechtstil gegen den von Kämpfern mit wesentlich schwereren, wuchtigeren Waffen am besten behaupten kann -, um zu wissen, dass er ein gutes Bastard- Lang- oder Breitschwert jedem Taqât vorzieht. "Na dann komm, und ich zeige dir, was sich im Lauf der Jahrhunderte so bei mir angesammelt hat."

Das lassen sich weder Rialinn, noch Tiuri zweimal sagen, doch als sie zum Haus zurückkehren und auf den Nebeneingang an der westlichen Giebelseite zuhalten treffen sie dort auf der mit Naturstein gepflasterten Terrasse zwischen Kübeln mit Oleander und Bougainvilleen, Sternhyazinthen und Feenkresse auf Karamaneh, Zaleh und seine Tochter, die ihnen gerade entgegengehen. So bekommt Rialinn Gelegenheit, das Baby genauer anzusehen, das hellwach und quietschvergnügt im Arm ihrer Tante liegt. Während Zaleh – die nicht viel größer ist, als Rialinn – dem Elbenkind also voller Stolz Klein-Amarya vorführt, tauschen Kalam und Karamaneh einen Kuss aus und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand ihres herrlich langweiligen (wenn auch arbeitsreichen) und absolut gewöhnlichen Alltags. "Der Zaun ist fast fertig, morgen kann ich die Bretter einziehen und der arme Atarangi kann wieder aus seiner Box. Hat die Kleine geschlafen?"
"Fast zwei Stunden und satt ist sie auch. Die Wäsche ist fertig und ich mache euch gleich etwas zu essen, du musst ja völlig verhungert sein. Zaleh nimmt Amarya mit in den Garten, sie will noch irgendetwas aussäen, ehe es zu heiß wird."
Amarya ist ein pflegeleichtes Baby, jedenfalls versichern ihnen das Niniane, Azra und Borgil, die es schließlich wissen müssen, ständig, aber natürlich ist sie erst vier Monde alt und ihre Nächte sind zwar schon wieder sehr viel ruhiger geworden, als sie es am Anfang waren, aber ganz ungestört sind sie noch nicht wieder. Kalam fängt eine der verirrten Haarsträhnen ein, die sich aus Karamanehs Zopf gelöst haben und streicht sie sanft hinter ihr Ohr. Ihr Haar ist noch nicht wieder so lang, wie es einmal war, doch es fällt ihr inzwischen wieder weit über den Rücken. "Hast du noch ein bisschen Schlaf abbekommen?" Er hatte sie am Morgen noch vor Sonnenaufgang verlassen, als seine Tochter, zusammengerollt wie ein Kätzchen am Körper ihrer Mutter und laut schmatzend ihr erstes Frühstück zu sich genommen hatte. Bis zur Stunde des Fischers, wird ihm versichert, wofür Amarya auch allgemein in den Himmel gelobt worden war. Jetzt allerdings ist sie hellwach und brabbelt schnaufend vor sich hin, während sie spekulativ die geschnitzten Spangen im Haar ihrer Tante betrachtet, so dass Zaleh sich beeilt, mit ihr in den Garten zu kommen. Kalam führt Rialinn und Tiuri in die Waffenkammer, während Karamaneh in Richtung Küche verschwindet und bleibt im Türrahmen stehen, während der Loaritter und das Elbenmädchen in synchroner Verzückung bestaunen, was hier alles an den Wänden in Halterungen hängt, auf Rüstständern glänzt oder aus den Schatten der halbdunklen Ecken schimmert. Während es Rialinn vor allem die fremdartig aussehende Rabanirüstung und das Panzerhemd aus Schwarzstahl angetan haben, bewundert Tiuri die beiden schweren, zwergischen Zwillingskatar, ebenfalls aus dem mitternachtsdunklen, immerfroster Stahl – sämtliche Schwerter, die sich im Lauf der Jahre so bei ihm angesammelt hatten, und die er behalten hatte weil sie entweder wirklich kostbar, selten oder besondere Waffen sind, interessieren ohnehin beide.

"Sie redet über Schwerter wie Borgils Mädchen über ihre Puppen," raunt Tiuri irgendwann und Kalam grinst sein Raubtierlächeln. "Gibt's denn noch eine andere Art über Schwerter zu reden?"
"Hm... nein. Prachtmädel."
"Manchmal klingst du wie Borgil."
"Das ist ja auch mein Da."
"Stimmt auch wieder."
"Ist das Durandart?" Rialinn hat das Breitschwert an der Wand entdeckt. "Von der Klinge hab ich in einem Buch gelesen, da war auch ein Bild, das genauso aussah."
"Aye, ist es. Allerdings stimmt die Legende nicht ganz mit der Wahrheit überein. Es war wirklich Errolans Schwert, obwohl ich nicht glaube, dass er es von einem Seharim erhalten hat... es ist jedenfalls keine heilige Waffe. Eine besondere allerdings schon, denn es ist aus Damast und siehst du die Runen, die in die Klinge geätzt sind? Sie verleihen seinem Träger Kraft und Schutz. Die Zwerge Saênycs müssen das Schwert einst angefertigt haben, doch wann genau und für wen weiß heute niemand mehr. Errolan fiel auch nicht in der Schlacht am Sandweg, wie es die Legenden erzählen und er hat bestimmt nicht diese Schlucht mit der Klinge in die Berge geschlagen. Ich weiß nicht wann oder unter welchen Umständen, aber ein Werwolf muss ihn erwischt haben, entweder noch in der Schlacht oder unmittelbar danach, denn er endete als Môrgrinan. Ich habe ihn vor langer Zeit im Lostmôr getötet, dort hinten hängt sein Pelz. Das Schwert fand ich danach in seinem Bau... das und die Reste seines Wappenrocks, der schon halb vermodert war. Er muss die Klinge bis zu seiner Verwandlung bei sich gehabt haben." Rialinn bewundert Durandart noch eine Weile, doch dann wird ihr Blick magisch von Ridil angezogen, das mitten auf dem Arbeitstisch aus unbehandeltem Holz liegt, weil Kalam die Scheide und den Gurt des Schwertes gereinigt und eingeölt hat, und das Leder noch nicht ganz getrocknet ist. "Ist das...? Darf ich?"
"Nur zu."
I do very bad things, and I do them very well

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Donnerstag, 4. Oktober 2018, 21:36

Kalams Reaktion, als sie erwähnt, dass sie schon in der Waffenkammer von Niniane schauen durfte, kann Rialinn nicht wirklich nachvollziehen. Sie interpretiert das leise Pfeifen und die Kopfbewegung zwar als Zeichen der Anerkennung, aber der Grund dafür erschließt sich dem Mädchen nicht - immerhin reden sie hier von ihrer Tante Nan, warum hätte sie nicht zusammen mit der schauen dürfen sollen? Sie ist einfach noch zu jung und war noch nie gezwungen um ihr Leben oder das jener die ihr nahestehen zu kämpfen. Trotz der stundenlangen Übungen im Stabtanz mit Teir und später mit Tyalfen oder dem Unterricht im Bogenschießen bei ihrer Mutter und Narsaên ist ihr Bezug zu Waffen im Allgemeinen und Schwertern im Besonderen noch immer eher der wissbegierige und bewundernde Blick auf ein besonderes Stück Schmiede- und Waffenkunst (oder auch Geschichte) und nicht der eines Kämpfers, dessen Leben nur zu oft von seiner Waffen abhing. Fragte man ihre Mutter, würde die mit ziemlicher Sicherheit erklären, dass sie hoffe, dass das auch immer so bleiben wird. Als Kalam sie dann mitnimmt um ihr zu zeigen, was in seiner Waffenkammer ruht, strahlt das Elbenmädchen begeistert von einem Ohr zum anderen. "Danke."

Der Weg zurück zu dem außergewöhnlichen Haus ist nicht weit und dauert auch nicht lange. Das ändert aber nichts daran, dass Rialinn vor Aufregung das Gefühl hat, es würde ewig dauern. Sie hakten auch nicht auf den Haupteingang zu, den die Kinder vorhin benutzt haben, sondern auf einen Nebeneingang an der westlichen Giebelseite. "Das Haus ist unglaublich", platzt es auf dem Mädchen heraus, "ich glaube, hier könnte man tagelang umherstreifen und würde noch immer wieder neue Ecken, Winkel und Erker entdecken." Auf der mit Naturstein gepflasterten Terrasse vor der Tür stehen unzählige Kübel, Schalen und Töpfe die vor lauter sprießenden und blühenden Pflanzenschier überzuquellen scheinen. "Das sieht aus, als hätte sich ein Dutzend Amitaripriester und Druiden hier verabredet und jeden Segen gesprochen, den sie kennen…" Als sie auf der Terrasse dann auf Karamaneh (die Rialinn zumindest vom Sehen aus der Harfe kennt) und deren Schwester mit dem Baby treffen, wechselt der Fokus der Bewunderung allerdings augenblicklich von den Blumen auf das Kind, das hellwach und quietschvergnügt auf dem Arm seiner Tante vor sich hin brabbelt und den Kopf hierhin und dorthin dreht, um auch ja alles um sich herum mitzubekommen. Die Erwachsenen sind für eine Weile vollkommen vergessen, während Rialinn Klein-Amarya bewundert, sie am Bauch kitzelt und ihre Finger von winzigen Händen einfangen lässt, die mit erstaunlicher Kraft zugreifen können. Sie kann sich kaum vorstellen, dass sie selber auch mal so klein gewesen sein muss. Als die beiden Frauen dann in unterschiedliche Richtungen ins Haus und den Garten verschwinden, folgt Rialinn dem Hausherrn und dem Loaritter in die Tiefen des Hauses zur Waffenkammer.

Als sich die Tür öffnet und sie eintreten, verschlägt es dem Mädchen schlicht die Sprache und es weiß gar nicht, wo es zuerst hinschauen soll. Überall sind Waffen, hängen in Halterungen an den Wänden oder sind feinsäuberlich aufgereiht in hölzernen Ständern. Und Rüstzeug auf hölzernen Torsos. Und… es ist ganz anders als in der Waffenkammer ihrer Mutter oder Ninianes, aber es ist definitiv mehr als beeindruckend. In den ersten Minuten geht sie wie gebannt hin und her, weiß gar nicht, was sie sich zuerst ansehen soll oder will. Da sind diese merkwürdigen, wuchtigen Klingenwasauchimmer, die Tiuri begeistert als zwergische Zwillingskatar identifiziert, aber die interessieren Rialinn eher weniger. Viel mehr faszinieren sie die unterschiedlichen Schwerter und völlig selbstvergessen redet sie mit sich selber, während sie mal hier mal dort Parierstangen, Schwertscheiden, die Farben des Stahls oder das Muster des Damasts bewundert. Dass die beiden Männer über sie reden, bekommt sie überhaupt nicht mit, denn wie gebannt steht sie vor einer Rüstung, wie sie noch keine gesehen hat. Sie ist nachtschwarz, sogar noch dunkler als das Panzerhemd aus Schwarzstahl, das auf dem Rüstständer direkt daneben hängt. Im ersten Moment hat sie gedacht, es sei kein Stahl, sondern gehärtetes Leder, das perfekt an den Körper seines Trägers angepasst wurde, wie ein Abdruck des nackten Oberkörpers. Erst als sie zögernd die Hand ausstreckt, berührt sie kaltes Metall statt warmem Leder. Der Rabenkopf auf der Rüstung gibt dann den letzten Hinweis, was sie da vor sich hat. "Das muss eine Rabanirüstung sein…", flüstert sie vor sich hin und kann sich nur schwer von dem Anblick lösen.
Aber da sind ja noch so viele Schwerter, die sie ansehen möchte. Vor einem der Schwerter, einem Breitschwert bleibt sie stehen. Das kennt sie, erkennt es aus einem Buch. "Ist das Durandart? Von der Klinge hab ich in einem Buch gelesen, da war auch ein Bild, das genauso aussah", sucht sie Bestätigung für ihre Vermutung und bekommt sie auch.

>Aye, ist es. Allerdings stimmt die Legende nicht ganz mit der Wahrheit überein. Es war wirklich Errolans Schwert, obwohl ich nicht glaube, dass er es von einem Seharim erhalten hat... es ist jedenfalls keine heilige Waffe. Eine besondere allerdings schon, denn es ist aus Damast und siehst du die Runen, die in die Klinge geätzt sind? Sie verleihen seinem Träger Kraft und Schutz. Die Zwerge Saênycs müssen das Schwert einst angefertigt haben, doch wann genau und für wen weiß heute niemand mehr. Errolan fiel auch nicht in der Schlacht am Sandweg, wie es die Legenden erzählen und er hat bestimmt nicht diese Schlucht mit der Klinge in die Berge geschlagen. Ich weiß nicht wann oder unter welchen Umständen, aber ein Werwolf muss ihn erwischt haben, entweder noch in der Schlacht oder unmittelbar danach, denn er endete als Môrgrinan. Ich habe ihn vor langer Zeit im Lostmôr getötet, dort hinten hängt sein Pelz. Das Schwert fand ich danach in seinem Bau... das und die Reste seines Wappenrocks, der schon halb vermodert war. Er muss die Klinge bis zu seiner Verwandlung bei sich gehabt haben.<

Aufmerksam hat sie Kalam zugehört, die Legende von Errolan hatte in dem Buch neben dem Bild des Schwertes gestanden. Aber das, was der ehemalige Sithechjünger sagt, macht sie auch nachdenklich, während sie die Klinge weiter ansieht. "Legenden stimmen ganz oft nicht ganz mit der Wahrheit überein… das hat Frau Eluna im Unterricht auch schon gesagt… Wenn genug Zeit vergeht und etwas oft genug weitererzählt wird, verändert sich das, was passiert ist manchmal zu einer Legende. Woher er das Schwert auch bekommen hat, dass er es hatte und mit dem Schutz der Runen muss einen solchen Unterschied gemacht haben, dass die Leute sich das nur erklären konnten, wenn er das Schwert von einem Seharim erhalten hat." Behutsam streckt sie die Hand nach der Klinge aus, so als wolle sie das Damastmuster nachfahren, auf das Kalam sie gerade hinweist, doch ihre Hand schwebt einige Sekhelrin über der Klinge. "Es fühlt sich auch nicht an wie eine heilige Waffe." Dann, als ihr die Blicke der Männer bei dieser Äußerung bewusst werden, wendet sie den Blick von 'Durandart' ab und merkt, dass sie diese Worte wohl erklären muss. "Das Caidlor meiner Mutter, Virincala und Viri'nar sind heilige Klingen und die fühlen sich irgendwie anders an als normale Waffen." Kalam ist der Träger Ridils, ein Sithechjünger, dem der Herr des Todes Leben und Seele zurückgegeben hat, ein Freund von Niniane, Olyvar und Borgil, er hat sogar Karamaneh geheiratet, die quasi Borgils Tochter ist und Tiuri ist Borgils Sohn und ein Loaritter, Rialinn sieht keinen Grund anzunehmen, dass sie den beiden Männern, nichts von den Schwertern ihrer Mutter sagen darf. Und dann wendet sie sich wieder der Legende von Errolan zu. "Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, der Werwolf hat ihn direkt nach der Schlacht erwischt. Nach so einem Angriff hätte er bestimmt nicht mehr in der Schlacht weiterkämpfen können. Und er hat bestimmt gewusst, was ihn erwartet und ist von allen Leuten weggeblieben, deshalb haben alle gedacht, er sei in der Schlacht gefallen… Aber was ich nicht verstehe: Man wird doch nicht sofort zum Môrgrinan, das dauert mehrere manchmal sogar sehr viele Mondwechsel. Errolan war doch bestimmt kein dummer Mann, warum ist er nicht in einen Anukis-Tempel gegangen und hat Hilfe gesucht?" Dann wandert ihr Blick zu dem Môrgrinanpelz. "Er hätte nicht so enden müssen." Bedauern klingt in der für Momente viel zu erwachsenen Kinderstimme mit und eine Weile steht sie noch schweigend vor der Klinge, ehe sie sich von dem Anblick losreißen kann.

Auf dem Arbeitstisch mitten im Raum liegt allerdings das Schwert, weswegen sie eigentlich hierhergekommen ist: Ridil. Und es zieht sie wie magisch an. "Ist das...? Darf ich?" Niemals würde sie die Waffe einfach so berühren, und so sucht sie den Blick Kalams und bekommt die Erlaubnis. Ein wenig zögernd streckt Rialinn die Hand nach dem Schwert aus und berührt ganz sacht den tropfenförmigen Knauf mit den kleinen roten Edelsteinen. Dann zieht sie die Hand für einen Moment wieder zurück. "Das ist eine heilige Waffe… es fühlt sich genauso an wie das Schwert meiner Mutter … und doch irgendwie anders..." Fast schon andächtig streift Rialinn mit den Fingerspitzen über die Mitte der Klinge und meidet wohlweislich die Schärfen. Es ist ein sehr schlichtes Schwert, das auffälligste sind schon die kunstvoll ineinander verdrehten Damaststränge der Parierstange und die kleinen roten Edelsteine. Aber es ist in seiner Schlichtheit beeindruckend. Und die Farbe des Stahls fasziniert das Elbenmädchen. "In der Legende heißt es, dass niemand das Material für das Metall kennt und er sieht auch anders aus als jeder Stahl, den ich bisher gesehen habe. Sagt die Legende hier die Wahrheit? Kennt wirklich niemand das Metall?" Für Rialinn umfasst das den Drachenstahl von Siaíl und Fahl, den Himmelstahl von Virincala und Vir'nar, den Mondstahl des Schwertes von Elthevir, den Schwarzstahl der Zwerge, den sie auf dem großen Sommermarkt schon gesehen hat und auch den ganz gewöhnlichen Stahl, aus dem die Schwerter der Blaumäntel gefertigt werden.

Da ist noch etwas anderes, an das die Legende von Ridil sie erinnert: Das Schwert wird vom Ritter der Schwerter des Ordens der Rabani getragen. Kalam ist aber definitiv kein Sithechjünger und damit doch auch eigentlich kein Rabani mehr. Ist er trotzdem noch der Ritter der Schwerter und darf Ridil führen? Oder muss er das Schwert den Rabani zurückgeben? So groß (und mittlerweile sprichwörtlich) Rialinns Neugier auch ist, sie weiß sehr wohl, dass das Fragen sind, die zu stellen ihr absolut nicht zusteht. Also nimmt sie sich zusammen und verkneift sich die Fragen. Zumindest hier und jetzt - das bedeutet ja nicht, dass sie bei Gelegenheit nicht ihre Mutter oder Tante Nan fragen kann.
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Karamaneh

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19

Donnerstag, 8. November 2018, 20:45

Happy Hour
Refreshments, anyone?

Hospitality begins in the heart.
(Unknown)

{Sturmwind 518}


Gut gelaunt werkelt Karamaneh in der Küche vor sich hin und bereitet aus Joghurt, Milch und Salz kühlen, erfrischenden Ayran zu, welchen sie, wie in den südlichen Regionen der Immerlande üblich, schön schaumig aufschlägt und anschließend mit etwas Zitronenmelisse und Minze aus dem eigenen Kräutergarten aromatisiert. Anschließend füllt sie mehrere Becher mit dem Getränk, welche sie auf einen Tablett stellt mit welchem sie sich auf die Suche nach ihren Gästen begibt.
Kalam, Tiuri und Rialinn sind recht schnell gefunden. Als Karamaneh aus der Küchentür auf den Flur hinaustritt, kann sie die beiden bereits sehr angeregt in der Waffen- und Rüstungskammer auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges miteinander reden hören.
Mit einem sachten Klopfen gegen den Türrahmen kündigt Karamaneh ihr Kommen an und betritt den Raum gerade als Rialinn ihre Fragen zu Ende gesprochen hat. Lächelnd tritt die Malankari an die Seite ihres Mannes und schaut dabei ebenso interessiert wie das Elbenmädchen, handelt es sich doch tatsächlich um eine ausgezeichnete Frage. Ihr eigenes Interesse an Waffen hält sich normalerweise in Grenzen. Ridil ist einfach das Schwert ihres Mannes und es fällt ihr schwer sich vorzustellen irgendjemand anderes könnte es führen, doch darüberhinaus hat sie nie wirklich groß über die Herkunft oder gar die Beschaffenheit der legendären Waffe nachgedacht. Umso spannender und vor allem bemerkenswerter findet die Malankari, dass ausgerechnet Rialinn sich so für die Herkunft und Beschaffenheit des Schwertes interessiert, gewiss ein Thema mit welchem junge Mädchen in der Tempelschule normalerweise nicht so häufig in Berührung kommen.

Die Malankari lässt ihrem Mann Zeit dem Elbenmädchen in aller Ruhe zu antworten und hält sich dabei schweigsam an seiner Seite. Stumm bietet sie zunächst Rialinn einen Becher mit Ayran an und reicht anschließend auch einen an Tiuri und Kalam weiter. Als Letzterer schließlich zu Ende gesprochen hat und erst einmal durstig einen großen Schluck von dem erfrischenden Getränk nimmt, erkundigt sie sich freundlich, ob sie nun vielleicht alle gemeinsam zum Strand hinuntergehen sollen. "Die anderen warten gewiss schon." Sie lässt Rialinn und Tiuri den Vortritt und küsst Kalam, in dem kleinen scheinbar unbemerkten Augenblick bevor sie dem Elbenmädchen und ihrem Ziehbruder gemeinsam folgen, verschmitzt etwas Ayran vom Mundwinkel. Das Getränk schmeckt leicht säuerlich und salzig zugleich. Ihr Kuss hingegen schmeckt süß und verlangt eigentlich nach mehr—nach viel mehr. Und wären sie allein, Karamaneh würde dem unvermittelt hungrig auflodernden Sehnen auf der Stelle nachgeben. Für den Moment würde es jedoch bei Verlangen und Sehnen bleiben müssen—bis zu einer späteren Stunde, wenn ihre Gäst lange wieder fort sein, Amarya friedlich schlafen und die Sterne hoch am dunklen Nachthimmel funkeln würden. Die Malankari spürt die Hand ihres Mannes auf ihren Hüften, als sie Rialinn beschwingten Schrittes folgt, und der sachte Druck seiner Finger verspricht ihr deutlich mehr als nur eine Nacht eng aneinander geschmiegten und ineinander verschlungenen Schlafes...
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

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Kalam

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20

Freitag, 16. November 2018, 20:35

Kiss me a paragraph
… and I'll reply with a novel

Sturmwind 518


Kiss her deeply and necessarily, as if you are at last coming up for air after an age underwater. Kiss her full of fire and allow her to overcome your senses. Kiss her hard. Kiss her apart. Kiss her wildly. Bite her lip. Kiss her as though your very life requires it. (Beau Taplin, A Kiss)


>Errolan war doch bestimmt kein dummer Mann, warum ist er nicht in einen Anukis-Tempel gegangen und hat Hilfe gesucht? Er hätte nicht so enden müssen.<
"Es waren Kriegszeiten, Rialinn", erwidert Kalam leise und sein Blick folgt ihrem zu dem mitternachtsschwarzen Pelz an der Wand. "Die Zeit des Blutes und der Kleinkriege. Überall in den Herzlanden herrschte Chaos, überall herrschte..." er kann es nicht beschreiben, einem Kind schon gar nicht. "In den meisten Gegenden war es nicht möglich, in einen Tempel zu gehen - wenn man überhaupt einen fand, der noch stand und nicht bis auf die Grundmauern niedergebrannt war. Höchstwahrscheinlich hat es auch Errolan nicht gekonnt, bis es zu spät für ihn war. Vielleicht hat er während seinen ersten Verwandlungen auch Dinge getan, die ihn glauben ließen, er habe keine Vergebung verdient."
Das Mädchen lauscht ihm einen Moment mit dunkler werdenden Augen, dann nickt es sacht und wendet sich Ridil und damit dem wohl eigentlichen Grund ihres Besuchs zu – so begeistert sie auch von den Fohlen und Amarya gewesen war, es braucht nur einen Blick in ihr leuchtendes Gesicht mit den glänzend grünen Augen, um es zu erkennen. Offensichtlich haben sie es hier mit einer sehr bewundernden kleinen Jägerin und Sammlerin zu tun, die ganz versessen auf berühmte, heilige oder auf sonstige Art besondere Waffen ist und in ihrem jungen Leben schon mehr davon gesehen hat, als so mancher Kriegsveteran, der all seine Tage mit Schwertern jeder Art verbracht hat. Kalam beobachtet, wie behutsam sie Ridils Klinge berührt, als wolle sie sich vergewissern, dass es tatsächlich Stahl ist und ihre Worte bestätigen seine Gedanken. >In der Legende heißt es, dass niemand das Material für das Metall kennt und er sieht auch anders aus als jeder Stahl, den ich bisher gesehen habe. Sagt die Legende hier die Wahrheit? Kennt wirklich niemand das Metall?<
In diesem Augenblick kommt Karamaneh herein und verteilt mit dem ihr so eigenen, stillem Lächeln Ayran in schlanken, hohen Bechern aus glasiertem Ton an ihre Gäste, ehe sie an seine Seite zurückkehrt und auch ihm einen reicht. "Nein, niemand. Zumindest keiner der Schmiede und Gelehrten, die sich Ridil schon angesehen haben... und das waren einige in den letzten dreitausendeinhundertundacht Jahren." Die Fragen, die Rialinn nicht stellt, stehen dem Mädchen zwar nicht sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben, aber deutlich genug im Raum. Kalam hatte sich in den letzten Monden selbst oft genug den Kopf darüber zerbrochen – und ebenso darüber, warum er noch kein Sterbenswort vom Orden des Raben gehört hat, seit er ihnen vor Monden schon die erste Botschaft geschickt hatte. "Du fragst dich, ob Ridil weiterhin mein Schwert sein wird oder ob der Orden es für denjenigen fordern wird, der meinen Platz im Lorjen der Rabani einnimmt, aye? Ich mich auch. Ich habe keine Ahnung, was sie tun werden, Rialinn. Ich werde es erfahren, wenn ich etwas vom He des Siebten Blutordens höre."

Als er endet lotst Karamaneh sie alle zum Strand hinunter, wo die Mädchen und Bræn zugange sind. Rialinn und Tiuri nicken zwar pflichtschuldig und fügen sich, doch der Blick beider hängt noch eine ganze Weile ziemlich sehnsüchtig an blankem Stahl und scharfen Klingen, ehe sie sich mit einem Ruck aus der Waffenkammer verabschieden. Ihr Widerwillen, sich von Schwertern, Dolchen, Äxten, Kampfmessern, Jagdspeeren und ähnlichen Mordwerkzeugen zu trennen, reizt sowohl Kalam, als auch Karamaneh zu leisem Lachen. Doch bevor er dem Loaritter und dem Elbenmädchen durch Gang und Eingangshalle ins Freie folgen kann, spürt er Karamanehs Hand auf seinem Arm, die ihn zurückhält. Dann stellt sich seine kleine Frau schmunzelnd auf die Zehenspitzen und küsst ihm einen winzigen Tropfen Ayran von den Lippen. Im allerersten Moment ist ihr Kuss nichts als eine kleine, innige Geste der Verbundenheit, wie sie Eheleute wissen die Götter allein wie oft am Tag tauschen mögen. Süß und bewusst, wie alle ihre Küsse, aber dennoch vollkommen unschuldig und harmlos. Im nächsten Augenblick hat er sie hochgehoben, gegen die Wand gedrückt und küsst sie hungrig, fordernd, endlos; weil er nicht genug von ihr bekommen kann, weil es nie genug ist, mit einem Hauch von Besessenheit, das wortlose Versprechen so unmissverständlich wie das Rad aus Feuer, das sie beide erfasst und durch sie hindurch rollt und jedes einzelne Nervenende ihrer Körper dabei in Brand steckt. Als er Karamaneh schließlich widerstrebend wieder loslässt und behutsam auf ihre Füße zurückstellt, sieht sie zwar ein wenig zerzaust und reichlich atemlos, aber in ihren Augen liegt ein so unleugbar zufriedener Ausdruck wie in denen einer Katze, die gerade den Sahnekrug entdeckt hat. "Ich weiß ja" grollt Kalam leise an ihrem Ohr und sieht wie Gänsehaut ihren schlanken Nacken und ihre Schultern überzieht, während sie Arm in Arm Tiuri und dem Elbenmädchen folgen, die schon weit voraus und halb unter den Bäumen am Rand des Sandstrandes verschwunden sind, "dass wir diese Invasion nicht einfach hinauswerfen können, aber Herr der Knochen, ich wäre jetzt wirklich gern allein mit dir." Karamaneh lächelt nur still in sich hinein.

Sie verbringen den Rest des Tages am Wasser im weichen Sand im Schatten der Silberkiefern und Douglasien, Tiuri, Zaleh, Bræn, Heledd, Missandei und Reisig, die wahrlich kein Reisig mehr ist, Karamaneh und er, reden über dies und jenes, erzählen Geschichten aus Sûrmera oder der Harfe, aus fünfhundert Jahren Sithechjüngerdasein oder von einem schneeweißen Strand irgendwo fern im Osten am Meer der Ruhe, wo man Perlen, geformt wie Wolken aus der Tiefe holen kann. Sie müssen den Mädchen versprechen, ihnen das Schwimmen beizubringen, sobald der See warm genug wäre – wenn die Hitze anhält, kann das bestenfalls noch ein oder zwei Siebentage dauern – und braten kleine, wohlschmeckende Ildorelkrebse, die Bræn und Missandei kübelweise aus dem weichen sandigen Grund der Bucht ausgraben, gleich hier am Strand. Kalam schürt ein Lagerfeuer, Karamaneh, Zaleh und Rialinn, die ihnen selbstverständlich zur Hand geht, holen Geschirr, Besteck, Brot, eine Decke und das kleine Fass mit Azras gutem Ale und für die Kinder gibt es Apfelmost vom letzten Herbst, während Tiuri fachmännisch das Baby in seinen Armen wiegt – als siebenfacher großer Bruder hat er darin auch reichlich Übung. Nach dem Essen liegen die Kinder aufgereiht wie die Orgelpfeifen im warmen Sand und spielen Wolkenhaschen, Karamaneh sitzt mit dem Rücken an ihn gelehnt in seinen Armen und stillt Amarya, Zaleh ist gegangen, um ihre geliebten Blumen zu gießen, und Tiuri und er unterhalten sich leise über die Pferde und was er mit ihnen vorhat. "Ich weiß noch nicht. Die übrigen Fohlen sollten die nächsten Tage kommen, Tamras wahrscheinlich noch heute Nacht, aber bisher waren es alles Hengste. Niniane hat sich schon angemeldet für eines, weil ihre alte Jagdstute inzwischen halb blind ist und Gnadenbrot bekommt, und Barrias Fohlen werden wir für Missandei behalten, aber für den Rest finden sich ja vielleicht auch Interessenten. Der Oberste Stallmeister der königlichen Ställe von Mar'Varis hat ihre Zuchtpapiere geschickt – die solltest du sehen, jedes ein Wälzer mit tausenden von Namen und Beschreibungen, die ich alle nicht lesen kann, weil sie in Hôtha geschrieben sind, mit Bildern von ihren Brandzeichen und Lobpreisungen über ihre Ahnen – samt Brief und Siegel des Schahs in goldenem Wachs. Ich wusste wirklich nicht, dass man auch so etwas azurianischen Pomp aufzwingen kann, aber der Schah von Mar'Varis kann es offensichtlich und..." in diesem Moment tritt Rialinn zu ihnen, lässt sich anmutig im Schneidersitz neben sie auf die Decke sinken und Kalam sieht das Mädchen an. "Aye?"
Die junge Elbin versichert, sie habe ihn nicht unterbrechen wollen, konnte aber nicht umhin, die Unterhaltung mit anzuhören und würde gern ihrer Mutter von den Fohlen erzählen. Das Pferd ihrer Eama sei ebenfalls nicht mehr das Jüngste und sie habe sie schon sagen hören, dass sie sich nach einem neuen Tier umsehen müsse, vielleicht wäre sie ja an einem der Fohlen interessiert. "Wenn du möchtest, dann darfst du das gern tun. Aber vor dem Winter werden die Kleinen ohnehin nicht abgesetzt, also hat das noch Zeit und eilt nicht." Rialinn nickt und verschwindet wieder zu den anderen Kindern, die das Wolkenhaschen längst wieder aufgegeben haben und an der Sandburg – die allmählich die Ausmaße einer Mischung zwischen dem Crak, der Steinfaust und der Festung von Arrassigué annimmt – weiterbauen. Tiuri schlägt ihm vor, auf dem Waldhof anzufragen, wo man immer an guten Tieren zur Veredlung der Zucht interessiert sei und Kalam merkt sich den Gedanken – dann wenden sich ihre Gespräche anderen Dingen zu, leise untermalt von Amaryas hingebungsvollem Schmatzen.

Als die Sonne sinkt, sammelt Tiuri die Kinder ein, die mit ihm heraufgekommen waren, verspricht, Rimeon an die Eisenbeschläge zu erinnern und macht sich mit seiner kleinen Entourage wieder auf den Rückweg zur Harfe, Missandei und Reisig sperren die Hühner für die Nacht ein und werden von Zaleh ins Bett gebracht, die angeblich die besten Gute-Nacht-Geschichten erzählt, Kalam räumt die Überreste ihres Strandbesuchs auf, vergräbt einen kleinen Berg leerer Krebsschalen auf dem Misthaufen und trägt dann Amarya herum, bis sie eingeschlafen ist, während eine gewisse Schattenkatze einen kurzen Streifzug durch ihr Revier in der Feenwasserbucht unternimmt. Die halbe Nacht verbringt er mit seiner Frau vollkommen ungestört von ihren Kindern im Garten der irdischen Freuden – und die andere Hälfte dann mit einer entzückten Missandei auf seinen Fersen im Stall, wo nahezu gleichzeitig die beiden noch ausstehenden Fohlen geboren werden, ein weiterer kleiner Hengst von Barria, den Missandei auf den Namen Barakah tauft, und ein braundwindfarbenes Stutfohlen von Tamra. Es dämmert schon, als Kalam eine todmüde auf seinem Arm schlafende, aber hingerissene Missandei in ihr Bett trägt und dann für noch eine Stunde (oder wie lange auch immer Amarya sie schlafen lassen würde) zu seiner Frau unter die weichen Pelzdecken kriecht.
I do very bad things, and I do them very well

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