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Diantha

Profi

  • »Diantha« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 191

Beruf: Studentin

Wohnort: Nürnberg

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Mittwoch, 5. März 2014, 22:12

Der Frostweg - Die große Handelsstraße

Der Frostweg ist die lange, uralte Handelsstraße, die von Talyra am Ildorel in den Herzlanden durch das Verdland, Draingarad und die Rhaínlande bis hinauf nach Sichelstadt in Immerfrost führt. In Talyra nimmt der Frostweg seinen Anfang gleich abseits des Platzes der Händler und in der Nähe der Stadt wellen noch sanfte Hügel das Land links und rechts der breiten, gepflasterten Straße, ehe sie schnurgerade wie ein Pfeil durch die endlose Wildnis des Larisgrüns führt. Die Wälder entlang des Frostwegs sind eher licht, immer wieder durchbrochen von Feldern, Waldhöfen, Holzfällerkaten und heckengesäumten Äckern. Wiesen und Viehweiden wechseln sich mit kleinen Bächen und Waldteichen ab. Egal ob im Umland Talyras oder in den Grenzgebieten des Verdlandes und Draingarads, durch die der Frostweg hunderte von Tausendschritt lang führt, ganz gleich ob in den Rhaínlanden oder in Immerfrost - zu beiden Seiten dieser alten imperialen Straße finden sich Dörfer, Gasthöfe und Instandsetzungshäuser, Schmieden und Lagerhallen für die Handelskarawanen und Kaufleute, die hier zu beinahe jeder Jahreszeit außer im tiefsten Winter in großer Zahl unterwegs sind.

Von Talyra, wo der Frostweg beginnt, bis Sichelstadt in Immerfrost, wo sie endet, führt die Straße durch zahllose große und kleine oder berühmte alte Städte und ist untrennbar mit deren Wohlstand verbunden. Bei Emlyn im Verdland überquert der Frostweg den Fluss Aiterach, zwischen Penllyn und Brugia in den Rhaínlanden setzen Fähren die Reisenden trockenen Fußes über den Rhaín und bei Stormgrûn schließlich führt eine uralte Brücke aus Eisenholz über die Bree. Die wichtigsten Städte am Frostweg sind Sichelstadt, Ylane und Falkenwacht in Immerfrost, Northoren, Rookhof, Groenwater, Erensander, Bijenveen und Brugia in den Rhaínlanden, Penllyn, Mechain, Emlyn, Landeris und Caerenion im Verdland, Lormont in Draingarad und schließlich Talyra am Ildorel, wo der Frostweg endet.

Berühmte Gasthäuser an dieser Straße sind beispielsweise der 'Letzte Krug' im talyrischen Umland, etwa einen Tagesritt von der Stadt entfernt, der 'Goldene Eber' in Caerenion, der 'Grüne Drache' zwischen Landeris und Emlyn, der 'Rote Bär' und die ' Schwarzen Elster' in den Rhaínlanden und 'Managarms Amboss' oder der 'Schwappenden Krug' in Immerfrost.
The thing with words is that meaning can twist just like a snake.
(Terry Prachett, Lords and Ladies)

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Diantha« (5. März 2014, 22:24)


Rayyan

Hänfling

Beiträge: 130

Beruf: Hexerjäger

Wohnort: Talyra

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2

Sonntag, 24. Januar 2016, 17:42

---> In den Norden - Ostwall 513

Mitten in der Nacht!

07. Langschnee 515

Leise fluchend zieht Rayyan den Umhang fester um seine Schultern und versucht vergeblich seine steifen Finger warm zu pusten. Der Nebel, der vom Ildorel landeinwärts zieht, windet sich als wallender Dunst über den Boden, steigt an den reifüberzogenen Baumstämmen empor und hüllt den Schnee in blaue Schleier, während die Luft darüber so klar wie Glas bleibt – und eiskalt dazu. Ihn friert, und das schon seit sie aus dem 'Trunkenen Troll', dem letzten Gasthaus vor Talyra am Frostweg, aufgebrochen waren. Mitten in der Nacht, wohlgemerkt. Als ob dieser eine Tag nach zwei Jahren und neun Monden noch einen Unterschied gemacht hätte. Nur weil das Kriegsleiden des Wirts schwere Schneefälle vorausgesagt hat. Immerhin war es ihm gelungen noch einen Schlauch heißen Gewürzweins zu ergattern, bevor man ihn in die Kälte gezerrt und auf den Wagen gesetzt hatte. Calait hatte ihn ausgelacht, aber die hatte ja auch gut lachen unter ihren dreihundertundelftausend Pelzen und Felldecken, eine weicher als die andere. Auf ihren mindestens fünf mit Rosshaar gefüllten Matratzen und gewärmt von einem halben Dutzend Kohlepfannen unter ihrem Deckenberg. Hätte sie Colevar gelassen, er hätte sie wahrscheinlich in Watte gepackt.
Immer noch bibbernd, klettert er vom Wagen und stellt mit Bedauern fest, dass der ehemals heiße Gewürzwein inzwischen längst kalt geworden ist. Prompt regt sich Calait und eine kleine, immer noch viel zu bleiche Nasenspitze nestelt sich neugierig aus dem Berg an Decken und Fellen und will zwar erschöpft, aber voller Vorfreude wissen, ob sie schon da seien. "Gleich, Hexchen", antwortet Colevar seiner Frau mit der gleichen Geduld, mit der er die gleiche Frage schon zweiunddreißig Mal auf den letzten fünf Tausendschritt beantwortet hat.
"Das hast du die letzten einunddreißig Mal…"
"Zweiunddreißig…"
"… zweiunddreißig Mal auch schon gesagt." Insgeheim fragt sich Rayyan in diesem Moment, ob Colevar es inzwischen bereut, der Singdrossel das Zählen beigebracht zu haben, aber sein Freund scheint die Rückkehr nach Talyra mit der gleichen Spannung zu erwarten. Während Colevar Calait also auf direktem Weg in die Harfe und an ein warmes Feuer verfrachten wird, liegt es an ihm die Protektorin des Larisgrüns aufzusuchen und Olyvar über ihrer aller Rückkehr in Kenntnis zu setzen.

Er klopft sacht mit der flachen Hand gegen die Seitenwand des Wagens und nickt Colevar zum Abschied kurz zu. "Wir treffen uns in der Harfe." Er sieht dem Karren hinterher, bis er im Nebel verschwunden ist und wendet sich dann nach Osten. Ein schmaler Saumpfad führt von der Straße zum Ildorelufer (den er gut kennt, denn er führt auch am Häuschen vorbei). Ohne, dass er es verhindern kann, wandern seine Gedanken in der Stille des Winterwaldes zurück zu jenen bangen Wochen nach dem Kampf gegen die untotenichtganztotekörperstehlende Dämonenhure in den Gräberhöhen und zu der Zeit als Calait dann im Hospital der Heiligen in Blurraent gewesen war. Es geht ihr viel besser. Offenbar hatte Sithech doch ein Einsehen gehabt und das war auch gut so. Nicht einmal Rayyan hätte Sithech zugetraut, so grausam (oder schlichtweg blöd) zu sein, Colevar, nach allem was dieser durchgemacht und getan hatte, um Calait zu bringen. Wahrscheinlich hatte er einfach nur Angst um seine Tempel… Rayyan hat keine Ahnung, was Colevar genau getan hätte, wäre Calait ihm genommen worden, aber es wäre vernichtend gewesen. Und er hätte sich ihm nicht in den Weg gestellt, sondern allerhöchstens gefragt, mit welchem Tempel er anfangen wolle. Aber es geht ihr gut. Sie wird nicht sterben. Bleibt also nur noch, was es mit Prophezeiungen, untotenichtganztotekörperstehlende Dämonenhuren und hilfsbereiten Dämonen auf sich hat. Genau deswegen holt er jetzt ja die Protektorin. Wenn jemand etwas über solche Dinge weiß, dann eine Shenrahschattenpriesterjägerinwasauchimmernochalles.




--> Nordtor und Baum am Smaragdstrand

Aneirin

Stadtbewohner

Beiträge: 677

Beruf: Bäcker

Wohnort: Talyra

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Sonntag, 26. August 2018, 23:17

22. Beerenreif 518
Zur Stunde des Räubers

Völlig erschöpft zieht sich Garol die Kapuze seines Umhangs etwas tiefer ins Gesicht, in der Hoffnung so wenigstens die lästigen Regentropfen fernzuhalten, die ihn immer wieder zum Zwinkern nötigen. Er will ja gar nicht schimpfen, schließlich haben sie den Regen seit Wochen erhofft. Seit dem gestrigen Vormittag regnet es nahezu ununterbrochen. Von jetzt auf gleich war die Dürreperiode der letzten Siebentage zu Ende und nun scheint Herrin Nebre all das nachzuholen, worauf die Menschen jeden Tag gehofft haben. Spät hat sie sich dazu entschlossen. Vielleicht hat der Herr der Sonne es ihr auch nicht früher gestattet. Wer weiß denn schon, was die Götter unter sich für Spiele treiben? Die Bauern jedenfalls klagten bereits über vertrocknete Felder und die größten Ernteverluste der letzten Jahre. Das Grün der sonst so saftigen, grünen Wiesen und Weiden war vielerorts einem unansehnlichen Braun gewichen. Dazu war der gesamt Boden inzwischen so fest, dass der Regen bisher kaum in ihn hinein zu dringen vermochte.
Den alten Zimmermann und seine Söhne hat der plötzliche einsetzende Regen jedenfalls mitten bei der Arbeit überrascht und im ersten Moment hatte er sich gewünscht, Herrin Nebre hätte noch ein paar wenige Tage damit gewartet. Garol ist keinesfalls undankbar. Die Hitze hat ihm, genauso wie vielen anderen, gehörig zu schaffen gemacht. Dazu zerrt die Instandsetzung von Haus und Hof der Familie Winkler seit Wochen an Kraft und Nerven. Und das obwohl seine beiden Söhne ihn tatkräftig unterstützen. Sie beginnen bereits kurz nach Sonnenaufgang und wenn sie in die Stadt zurückkehren, ist die Sonne, wie an diesem Tage, oft bereits untergegangen. Dennoch haben sie eine Menge geschafft und die Fertigstellung von Haus und Stallung rückt in absehbare Nähe.
Garol wirft einen Blick zur Seite auf den dunkelhaarigen Omris, der neben ihm unter dessen Umhang in eine dicke Decke gehüllt auf dem Kutschbock sitzt, den Oberkörper erschöpft auf die Schenkel gestützt und dann einen Blick nach hinten auf Ched, der auf der Ladefläche des Planwagens zwischen festgezurrten Holzbalken und in Leder gewickeltem Werkzeug döst. Ein stolzes Lächeln zupft an den Mundwinkeln des alten Herrn. Nicht nur, dass die beiden fleißig und geschickt mit anpacken, sie beschweren sich auch nicht über die harte Arbeit. Sie wissen genauso gut wie Garol selbst, dass dieser Auftrag ordentlich Geld in die Kasse bringt, denn es sind vernünftige Burschen, die er da herangezogen hat.
Da kann der Herr Winkler noch so anstrengend sein, weil er ja glaubt, alles besser zu wissen und zu können, Frau Winkler macht mit ihren vorzüglichen Speisen und dem sagenhaft leckeren, selbstgebrauten Bier vieles wieder wett und vor allem ihren Mann erträglich. Und in den Pausen zuzusehen, wie deren Enkelkinder über den Hof flitzen, lässt Garol immer wieder in Erinnerungen an seine eigenen Rabauken schwelgen, als diese im Alter der Winklerenkel waren. Der Älteste hat inzwischen seine dreijährige Walz hinter sich und der Jüngere steht kurz davor, seine Wanderjahre anzutreten. Wie schnell die Zeit vergeht.
Der alte Zimmermann fährt sich mit der Linken durch den grauen Bart, ehe er die Hand wieder an den Zügel legt und gedankenverloren auf den sacht im Takt schwingenden Schweif des Zugpferdes starrt. Der treue, graue Hengst trottet gemächlich vor sich hin als würde ihm der andauernde Regen rein gar nichts ausmachen und vermutlich könnte Garol die Zügel auch einfach beiseitelegen, denn das Pferd fände inzwischen den Weg zurück nach Talyra bestimmt schon von selbst. Vielleicht noch eine Stunde, dann können sie sich noch ein warmes Abendessen gönnen, liebevoll von Frau und Mutter zubereitet, ehe sie sich in die Betten werfen und endlich in wohlverdienten Schlummer sinken, bevor es am nächsten Morgen wieder früh raus geht.

„Paps… He, Paps…“ Die leichte Unsicherheit und Nervosität in der Stimme seines Sohnes lässt Garol rasch aufblicken. „Siehst du das?“, folgt Garol mit dem Blick dem Fingerzeig des jungen Mannes durch den dichten Regenschleier voraus in Dunkelheit. Es dauert eine Weile, in der der alte Herr gegen das flackernde Licht der Laterne neben ihnen geradeaus stiert, bis er etwas erkennt. Dann aber greift er die Zügel etwas fester, als sich am Wegesrand von dem Dunkel der Nacht irgendetwas abhebt, das normalerweise nicht an dieser Stelle zu finden ist. Vater und Sohn wechseln einen Blick miteinander und während Garol mit seinen alten Augen die Umgebung nach weiteren Auffälligkeiten oder Schatten absucht, rüttelt Omris seinen Bruder wach. Hastig richtet der sich hinter seinem Vater und seinem Bruder auf und gemeinsam starren sie gebannt nach vorn.
Doch wer oder was auch immer dort am Wegesrand kauern mag, scheint sich nicht zu rühren. Irritiert fährt Ched sich durch das krause Haar und blickt schulterzuckend zu seinem Vater und seinem Bruder. Garol ist unschlüssig: anhalten oder möglichst schnell vorbeifahren? Er möchte nicht riskieren, es mit Banditen zu tun zu bekommen. Zwar hat man schon eine ganze Weile nicht mehr von Raubüberfällen in dieser Gegend gehört, dennoch ist ihm nicht ganz wohl bei der Sache. Vorerst lässt er das Pferd allerdings im gleichen Tempo weiterschreiten, schweigend und angespannt. Sogar die Kälte, die ihm dank der Nässe allmählich durch Mark und Bein kriecht, ist für den Augenblick vergessen. Reflexartig legt Ched seinem Vater die Hand auf die Schulter, als dieser sich von seinem ältesten Spross die Axt reichen lässt. Die Brüder tauschen einen unsicheren Blick.
Doch obwohl sie unüberhörbar näher kommen, rührt sich das Etwas nicht vom Fleck. Der alte Zimmermann verengt die Augen etwas, in der Hoffnung so durch den dichten Regenschleier etwas mehr erkennen zu können. Garol könnte schwören, dass dort jemand am Wegrand sitzt. Noch bevor er seinen Sohn aufhalten kann, ist Omris vom Wagen gesprungen und eilt voraus. Angespannt schließt der Alte seine Faust enger um den Axtgriff und starrt Omris hinterher. Die gesunden Augen seines Jungen sehen um einiges besser als seine auf die alten Tage. Als sein Sohn ihnen zuwinkt, eilt auch Ched zu seinem Bruder und Garol beeilt sich, ihnen mit dem Wagen zu folgen.
Als das Pferd auf Höhe der Brüder zum Stehen kommt, legt der Zimmermann die Axt in seine Rechte, greift sich mit der Linken die Laterne und steigt ebenfalls ab, um den Fremden am Wegesrand, wie er nun erkennen kann, in Augenschein zu nehmen. Der Schein der Laterne fällt auf schulterlanges, blondes Haar eines völlig durchnässten, jungen Mannes. Garols Stirn runzelt sich skeptisch. Der Mann trägt keinen Mantel oder sonst etwas, das ihn vor dem Regen schützen könnte. Lediglich ein helles Hemd über einer dunklen Hose, Stiefel und Gürtel, allesamt zwar nass und offenbar schmutzig von Matsch und Schlamm, aber davon abgesehen ist es anständige Kleidung, die ihn nicht wie einen Vagabunden aussehen lässt. Als Garol sich in seiner unmittelbaren Nähe umsieht, kann er im Schein der Laterne allerdings auch sonst nichts weiter entdecken, das der Blonde bei sich getragen haben könnte. Es wirkt fast als hätte man ihn hier einfach ohne jegliche Habseligkeiten ausgesetzt.
Garol und seine Söhne tauschen unsichere Blick, woraufhin Omris nur hilflos mit den Schultern zuckt. Der alte Mann bedeutet seinen Söhnen die Umgebung im Auge zu behalten und tritt näher an den Fremden heran, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Er ist blass und starrt abwesend vor sich hin. Egal wie lange er dort auch schon sitzen mag, wenn er dort sitzen bleibt, holt er sich nur den Tod. „Seid gegrüßt“, versucht Garol die Aufmerksamkeit des Jungen zu erregen. Der aber rührt sich nicht, ja zuckt nicht einmal. Der Zimmermann verzieht unschlüssig das Gesicht. Schließlich legt er dem Fremden eine Hand auf die Schulter und drückt diese kurz. „Hej.“ Tatsächlich regt der Blonde sich und sieht fragend zu ihm auf, wobei er ihn nur für einen kurzen Augenblick direkt ansieht, ehe der Blick abschweift. „Es wäre ziemlich ungesund, hier sitzen zu bleiben.“ Wenn Garol dessen Züge richtig deutet, scheint dieser jedoch nicht zu verstehen, was er ihm sagen will.
„Wie heißt du?“, versucht er es auf anderem Wege. Der junge Mann antwortet nicht. Ob er ihn nicht versteht? Oder nicht verstehen will? Doch hoffentlich kein Geisteskranker? Dann aber kommt dem Fremden ein Name über die Lippen. „Aneirin, hm?“, ist Garol froh, dass der Blonde zumindest der Allgemeinsprache mächtig ist. „Und wo kommst du her?“ Die Stirn des jungen Mannes legt sich für einen kurzen Augenblick in nachdenkliche Falten, ehe er scheinbar das Gesicht verzieht. „Ich weiß es nicht…“ Aneirins Stimme ist leise und gepresst, so dass Garol über das Rauschen des Regens hinweg genau hinhören muss. Dennoch hilft ihnen diese Antwort erst einmal nicht weiter. „Hm… Und wo willst du hin?“ Wieder dauert es einen Moment, ehe ihm geantwortet wird. „Ich erinnere mich nicht…“ Garol tauscht einen unsicheren Blick mit seinen Söhnen.
„Hör zu… Aneirin, ja?. Keine Ahnung, was dich geritten hat, hier so spät am Abend und noch dazu bei diesem Pisswetter am Wegrand zu sitzen, aber gesund ist das sicher nicht.“ Der junge Mann scheint sich kurz umzublicken und nickt dann zaghaft mit dem Kopf. Als er daraufhin versucht aufzustehen, tut er dies so ungeschickt und unsicher, dass Garol seinem jüngeren Sohn rasch die Axt in die Hand drückt, um mit seiner nun freien Rechten dem Blonden unter den Arm zugreifen, während Omris ihn auf der anderen Seite stützt. Nicht nur, dass der Blonde völlig durchnässt ist, er scheint auch bereits so durchgefroren zu sein, wie Garol nun zu spüren bekommt, dass er wohl schon eine ganze Weile ungeschützt im Regen unterwegs sein muss. Der Fremde hat es selbst mit ihrer Hilfe noch nicht einmal ganz auf geschafft, da sackt er schon wieder zusammen und landet mit allen Vieren im Schlamm. Die darauffolgenden Geräusche als sich der junge Mann mit einer Inbrunst übergibt, entlocken Garol ein überraschtes und im ersten Moment leicht angewidertes „Herrje“. Erschöpft fährt der Alte sich mit der Rechten durch das Gesicht. Er will doch eigentlich nur nach Hause. Und das schnellstmöglich.
„Vater.“ Garol blickt auf und folgt Omris‘ Fingerzeig auf den Hinterkopf des jungen Mannes. Als er sich mit der Laterne nährt, kann auch er sehen, was seinem Sohn bereits aufgefallen ist. Zunächst größtenteils unter dem schulterlangen, nassen Deckhaar verborgen, kann er, nun, da der Junge sich vorbeugt hat, einen blutverklebten Hinterkopf ausmachen. Der Junge muss einen ziemlich heftigen Schlag auf den Kopf bekommen oder sich ganz arg gestoßen haben. Ob er vielleicht von einem Wagen gefallen ist? Augenblicklich sucht Garol mit seinen Augen die Dunkelheit ab. Dann senkt er die Laterne wieder auf den blonden Mann. Zumindest auf den ersten Blick kann er keine weiteren äußeren Verletzungen ausmachen. Dessen Kleidung ist zwar schmutzig, aber soweit Garol das bei diesen Lichtverhältnissen sehen kann, handelt es sich dabei um Matsch, nicht um Blut.
„Jungs, helft ihm auf“, meint er schließlich, denn hier sitzen lassen will er den Fremden nun wirklich nicht, und nickt zum Wagen herüber. „Gebt ihm Wasser und Decken und sorgt dafür, dass er möglichst ruhig liegt. Alles Weitere klären wir in der Stadt“. Vielmehr können sie für ihn hier ohnehin nicht tun. Der alte Zimmermann wartet bis seine Söhne dem fremden Mann auf den Wagen geholfen haben, ehe er sich auf den Kutschbock zieht und die Laterne wieder an ihren Platz hängt. Noch einmal suchen seine Augen beide Seiten des Weges ab, ohne fündig zu werden. Und als er das Pferd antraben lässt versucht er, das ungute Bauchgefühl so gut wie möglich zu ignorieren.

→ Die Steinfaust
Avatar © 2013 liegt bei der wundervollen Azra

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Aneirin« (6. September 2018, 23:22)


Tiuri

Stadtbewohner

Beiträge: 37

Beruf: Stadtgardist

Wohnort: Goldene Harfe, Talyra

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Dienstag, 30. Oktober 2018, 00:02

Seine schweren Schritte, das Geräusch der Ledersohlen auf Steinboden und das Klirren seines Kettenhemdes. All das kann man schon von Weitem in der Unterkunft der Offiziere hören. Wahrscheinlich haben die ersten schon aus den Fenstern gespäht als er über den äußeren Zwinger geeilt ist, denn als Tiuri die Tür zum Wachraum öffnen möchte steht schon der junge Rekrut vor ihm der in dieser Nacht Dienst hat. Der Rekrut – Tiuri ist gerade sein Name entfallen – hält eine kleine Laterne vor sich, dessen Licht dunkle Schatten auf sein bemüht ernstes und pflichtbewusst drein blickendes Gesicht wirft.
>Korporal Blutaxt!< begrüßt er ihn stramm stehend und erst jetzt bemerkt Tiuri die kleine Schramme über seinem linken Auge. „Ah Jorik“, fällt es dem Loaritter wieder ein, die Schramme hat schließlich er ihm beim gestrigen Übungskampf verpasst. „Weck mir Reigen und wer hat sonst noch von meinen Trupps heute Nacht Dienst?“
>Jack und Natter, Sire!< antwortet der Rekrut postwendend. „Dann hol Jack, Natter hatte in seinen letzten drei Nachtdiensten schon keine Ruhe. Außerdem brauche ich zwei, nein besser drei Späher, auf jeden Fall Leoman… den Jungen und wer sonst noch Dienst hat.“
>Aber Sire, Leoman hat heute Nacht keine Bereitschaft!< wendet Jorik ein und löst zum ersten Mal seit sie hier stehen seine starre Körperhaltung. „Das tut nichts zur Sache, lass ihn wecken auf meinen und Hauptmann Rhordris Befehl, wir brauchen seinen Klimt. Ich erwarte Reigen, Jack, Leomann und zwei weitere Späher mit ihren Hunden so schnell wie möglich in den Ställen.“ Er wartet keine weiteren Widerworte oder auch eine Bestätigung ab, sondern dreht sich sofort wieder Richtung Treppenabsatz um. Hinter sich hört er auch Jorik gewissenhaft, aber sehr viel leiser, davon flitzen.
In den Stallungen erwartet ihn ebenfalls ein schon, zumindest halbwegs, wacher Stallbursche. Ein Strohhalm steht dem jungen Mann noch aus dem verwuschelten Haar und seine Augen sind noch auf Halbmast als er eine Begrüßung in Richtung Tiuri murmelt. >Gnnndn Abnnnnn Sirrr Blutx< versteht Tiuri in etwa, nickt dem jungen Mann zu und erteilt ihm auf dem Weg zu Tarrans Box den Befehl Reigens und Jacks Pferde zu satteln sowie drei Pferde für die Späher, den Roten würde er schon selbst herrichten. „Und es eilt!“ setzt er noch hinter her damit der Bursche hoffentlich schneller wach wird und nicht einer seiner Leute mitten im Wald plötzlich wegen eines lockeren Gurtes vom Pferd rutscht.
Nur wenige Minuten später sind die Pferde bereit und alle Offiziere stehen in dunkelblaue Wachsmäntel gehüllt vor ihm und haben eigentlich noch keine Ahnung worum es eigentlich geht. Schnell erklärt Tiuri was passiert ist, wohin sie unterwegs sind und endet schließlich damit, dass ein kleines Mädchen alleine im Wald verloren gegangen sein könnte… oder noch Schlimmeres, was er sich gar nicht ausmalen möchte.

Sie verlieren keine Zeit und reiten, so schnell es die drei großen Hunde an ihrer Seite erlauben, durch das Verder Tor und dann Richtung Norden zum Frostweg.
Es ist mittlerweile tiefste Nacht und der Regen hat eher noch an Intensität zugelegt anstatt nachgelassen und Tiuri hofft nur, dass die berühmt berüchtigte Nase Klimts tatsächlich so gut ist wie alle sagen. Doch selbst der Hund kann irgendwann nur noch aufgeweichtes Laub erschnüffeln, wenn das so weiter geht. Die Trockenheit der letzten Monde bringt noch dazu mit sich, dass der steinharte Boden kaum einen Tropfen Wasser aufnehmen kann und schon jetzt auf dem ganzen Frostweg mehrere Sekhel hoch das Wasser steht. Sie alle sind trotz guter Kleidung schon kurz nach dem Stadttor völlig durchnässt. Tiuris dunkles Haar klebt ihm auf der Stirn und die Kapuze, die er sich immer wieder tief ins Gesicht zieht, hält dort nur so lange er sie mit einer Hand fixiert. Der Gedanke, dass bei diesem Wetter ein kleines Mädchen mutterseelenallein im Larisgrün unterwegs ist lenkt ihn allerdings von jedem Kältegefühl ab. Was wenn sie ebenfalls verletzt ist, wenn sie gestürzt ist oder sich verängstigt im Wald verirrt hat. Niemand weiß wie lange Aneirin schon am Straßenrand gelegen hat bevor der alte Garol ihn dort aufgelesen hat. Das Kind könnte längst tot sein oder so tief im Wald verschwunden, dass niemand sie jemals wieder finden kann.

„Schneller!“ treibt er seine kleine Truppe an, es ist nicht mehr allzu weit bis zum „Trunkenen Troll“ nach dem er seine Leute erst wieder langsamer werden lässt um die Hunde nicht zu sehr zu verausgaben. Der schwarze Klimt, mittlerweile ebenfalls nass bis auf die Unterwolle und damit beinahe auf die Hälfte seiner ursprünglich recht beeindruckenden Größe geschrumpft, läuft ohne auch nur ein kleines Zeichen von Müdigkeit zu zeigen an der Seite seines Herren. Auch die anderen Hunde, deren Namen Tiuri nicht kennt, sind zwar offensichtlich dankbar für das ruhigere Tempo, aber abgesehen von einem gleichmäßigen Hecheln, sehen auch sie nicht aus als wären sie gleich nicht mehr für die Sucharbeit zu gebrauchen.
Tiuri zügelt Tarran kurz nach der Weggabelung zum Trunkenen Troll. „Haltet die Augen offen, wenn ihr irgendetwas seht, euch etwas auffällt oder die Hunde anschlagen gebt sofort Bescheid. Ansonsten reiten wir zu der Stelle wo Meister Gerdenwald gefunden wurde und beginnen die Suche von dort aus.“ Sie finden die Stelle recht leicht, denn Klimts Nase macht ihrem Ruf alle Ehren und der Runer wird mit einem Mal stock steif und mit einem leisen >Wuff< biegt er vom Weg ab wo noch Aneirins triefend nasser Umhang etwas abseits im Gras liegt und in der Dunkelheit etwa so auffällig ist wie ein Rabe des nachts im Baum.
Von hier auf teilt er die Späher in drei Himmelsrichtungen auf, von Süden sind sie ja in etwa gekommen, das lässt er fürs erste aus und hinter jedem Späher schickt er einen Gardisten zum Schutz hinter her. Er selbst läuft hinter Meara her, einer talentierten Späherin aus dem dritten Trupp. Ihren Hund sieht er, soweit er sich erinnern kann, heute zum ersten Mal. Der Rüde ist etwas leichter als die anderen Hunde, aber hochgewachsen, mit silbergrauem Fell und stechenden hellen Augen. Tiuri muss sein ganzes Vertrauen in diese Hunde und ihre Führer legen, denn er kann nichts weiter tun als die Augen trotz Dunkelheit und Regen offen halten und dabei versuchen keine Spuren zu verwischen. Jeden Sekhelrin an Fläche drehen sie auf dieser Lichtung um und Tiuri hat das Gefühl alles dauert viel zu lange, aber was würde es nutzen die Hunde bei ihrer Arbeit anzutreiben, sie würden höchstens etwas übersehen.
Erst als in seinen Schuhen schon mindestens genauso viel Wasser steht wie auf der Lichtung schlägt erneut einer der Hunde an. Doch so lange sie auch Suchen, das einzige Mal, dass sie tatsächlich eine richtige Spur finden und Tiuri kurz wieder einen Funken Hoffnung in sich spürt ist, als sie einen aufgerissenen Rucksack finden und ein paar Schritte weiter eine kleine, buntbemalte Nussmühle. Kurze Zeit wirkt es, als hätten die Hunde diesmal eine Spur gefunden der sie folgen könnten, doch auch diese verläuft sich nach nicht allzu langer Zeit im aufgeweichten Waldboden. Sie finden einen Abdruck der vielleicht der Fußabdruck eines Kindes sein könnte und sie folgen vergebens der Spur eines großen Tieres das in dieser Richtung durchs Dickicht gebrochen ist, aber irgendwann führen die Hunde sie besten falls im Kreis und keiner von ihnen kann vor lauter Bäumen den Wald noch sehen.

>M’lord! Die Hunde sind zu müde!< ruft einer der Späher, doch Tiuri will es erst beim zweiten Hinweis einsehen. Aufgeben liegt ihm nicht im Blut und er kann nicht glauben, dass er ohne auch nur einen Hinweis auf den Verbleib des Mädchens zurück zur Steinfaust und ihrem Vater kehren soll. Doch bei aller Disziplin und allem Ehrgeiz den sie an den Tag legen, sie sind einfach zu wenige um ohne eine Spur weiter zu suchen und es dämmert langsam und Tiuri sieht ein, dass es besser wäre einen großen Sucheinsatz zu starten als hier zu sechst weiter im Finstern zu tappen.
Sie reiten unverrichteter Dinge zurück zur Steinfaust wo Tiuri sofort ein Botenmädchen mit rotblonden Zöpfen und beachtlichen Vielzahl an Sommersprossen mit der schlechten Nachricht zu Rhordri schickt.
„Warte!“ ruft er dem eifrig davon laufenden Mädchen zu. „Sag ihm auch, dass ich mich mit Hauptmann Kaney um eine großangelegte Suche kümmere!“ Die Kleine nickt und ist schon in Richtung Branturm verschwunden. Der Loaritter selbst übergibt seinen roten Hengst an einen Stallburschen und marschiert postwendend zum Hauptmann der Spähergarde.

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