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Yara

Stadtbewohner

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Beruf: Jägerin des Ordens

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Sonntag, 14. Oktober 2018, 00:54

The heart of the matter

15. Grünglanz 518 auf dem Kreuzweg nach Talyra

Courage doesn't mean you don't get afraid.
Courage means you don't let fear stop you. (Unknown)


Brrrr... Als Tochter der Wüste hat sie fast fünfhundert Jahre in Hitze gebadet und die anderen fünfhundert Jahre haben schlicht nicht ausgereicht, um an ihrer Abneigung gegenüber allem Kalten etwas zu änder. Es kostet Yara daher einiges an Überwindung und Zeit in das verhältnismäßig kühle Wasser des Baches zu steigen und sie nimmt sich nicht ganz so viel Zeit sich zu waschen, wie Ælla. Ein paar Handvoll Wasser reichen ihr völlig aus, um sich erfrischt und sauber zu fühlen. Außerdem ist sie der jungen Rhínemoor eigentlich nicht gefolgt, um ein Bad zu nehmen, sondern um mit ihr zu reden. Seit drei Tagen herrscht zwischen Ælla und Olyvar ein verstimmtes Schweigen. Seit du ihn zu ihr geschickt hast. Es ist nicht zu übersehen. Weder für sie, noch für Brenainn, der manchmal gar nicht merkt, dass ihm das völlige Unverständnis deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Für den jungen Halbzwergenshebarucmischling und neuerdings frischgeeideten Shenrahritter ist die Sache so glasklar wie cardosser Glas. Sie mag ihn. Er mag sie. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Die unschuldige Schlichtheit des kindlichen Denkens empfindet Yara als eine unbezahlbares Geschenk, aus dem die meisten leider irgendwann herauswachsen und das von den Großen zu oft als Unerfahrenheit oder Naivität abgetan wird. Ælla aber scheint ihr offen für diese Art zu denken und möglicherweise hätte sie mehr davon mit Brenainn über ihre Probleme mit Olyvar zu reden, denn der Junge würde mit Sicherheit die richtigen Worte finden, um sie aufzumuntern und sie in ihrer Überzeugung zu bestärken, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Was hast du für das Mädchen? Außer Zweifel und eine Aufgabe, die unerfüllbar scheint? Tropfend nass und von Kopf bis Fuß in Gänsehaut gehüllt watet Yara aus dem Wasser ans Ufer, wo sie umgehend wieder in ihr weiches Lederkleid schlüpft und sich dann neben Ælla auf den bleichen, glatten Felsen niederlässt, welche einen Teil des Bachlaufs säumen. Der Stein verströmt eine behagliche Wärme und Yara macht es sich rücklings mit ausgestreckten Beinen bequem. Eine Weile lang beobachtet sie Ælla stumm dabei, wie diese ihr unheimliches langes und beneidenswert volles Haar mit ihren Fingern ausgekämmt, bis es sich in glänzenden Locken und Wellen über ihren schmalen Rücken hinab windet. Ihr eigenes Haar erinnert frisch gewaschen immer ein bisschen an eine explodierte Scheuerbürste. "Du lernst schnell", anerkennt sie lächelnd, als Ælla gleich darauf mit flinken Griffen die ersten Strähnen teilt und mit dem Flechten beginnt. "Ich war immer geschickt mit meinen Händen, aber andere Dinge zu lernen fiel mir schwerer. Ich musste arbeiten wie ein Pferd, um in der Tempelschule die Allgemeinsprache zu erlernen und noch härter hatte ich mit der Buchführung zu kämpfen", erwidert diese daraufhin ganz bescheiden. Yara kann nicht genau sagen, woher Ællas Neigung ihr Licht unter den Scheffel zu stellen kommt. Sie vermutet, dass drei ältere Brüder und ein Rebellenvater, die alle etwas anderes zu tun hatten, als der einzigen Tochter der Familie besondere Anerkennung zukommen zu lassen, für deren Genügsamkeit verantwortlich gemacht werden können. "Aber du hast gearbeitet wie ein Pferd. Das ist eine Disziplin, über die nicht viele verfügen", weist Yara die junge Rhínemoor auf das Wesentliche hin, woraufhin diese prompt den Mund zum Widerspruch öffnet... ihn allerdings nur einen Herzschlag später auch schon wieder unverrichteter Dinge schließt. Mit einem gönnerhaften Schmunzeln klopft Yara ihr sanft auf den Rücken: "Braves Mädchen", wofür sie ein kleines, aber feines Schnauben erntet. Dann wechselt sie fließend das Thema und sie tut sie es offen und mit einer Stimme, die sich keinerlei Urteil erlaubt: "Was denkst du über die Prophezeiung?"

"Welche?", will Ælla freudlos wissen und beantwortet damit direkt eine ganz andere Frage, die Yara sich im Laufe der letzten drei Tage gestellt hat, nämlich ob Olyvar seine Frau inzwischen in alles eingeweiht hat. "Seine", spezifiziert sie und lenkt Ællas Blick damit auf das Wesentliche. Es geht hier gerade um niemand anderen, als sie und Olyvar. Die runden Schultern unter der Haarflut heben sich unter einem lautlosen Seufzen. "Ich weiß überhaupt nicht, was ich davon halten soll."
"Glaubst du an sie?"
"Wie könnte ich nicht, nach allem, was ich gehört habe."
"Dann ist sie also wahr?"
"… ja?... ich nehme an. Ja. Bisher ist alles wahr geworden."
"Und was sagt die Prophezeiung über dich und Olyvar?"
"Mich? Mich? Wieso mich?"
An dieser Stelle setzt sich Yara auf und blickt Ælla in das aufrichtig verblüffte Gesicht. Ach herrje... Das ist dann doch an ihrer ach so alten und weisen Intuition vorbeigegangen. Als sie Olyvar zu seiner Frau geschickt hat, ist ihr nicht einmal der Gedanke gekommen, dass der Mann das Essentielle anscheinend völlig unter den Tisch hat fallen lassen. "Warte... was genau hat Olyvar dir vor drei Tagen erzählt? Er hat dir schon alles gesagt, oder?"
"Was soll das heißen 'alles'? Gibt es da noch mehr?"
"Erzähl mir einfach, was er gesagt hat. Wort für Wort."
Also betet Ælla Wort für Wort alles herunter, was Olyvar ihr in dieser einen Nacht erzählt hat... und weil Yara sie nicht unterbricht, erzählt sie noch ein bisschen mehr, bevor sie ganz urplötzlich verstummt, als hätte sie mit einem Mal ihre Zunge verschluckt. Das bringt allerdings überhaupt nichts, weil Yara ihr von der Nasenspitze ablesen kann, was danach passiert ist. Nach einem weiteren kleinen Seufzen endet Ælla mit: "Ich verstehe nicht, warum Olyvar so stur darauf beharrt, dass es nichts mehr als Leidenschaft zwischen uns geben kann."
er hat es also tatsächlich versäumt ihr das Wichtigste zu sagen, wird ihr klar und dieses Mal ist sie es, die seufzt, ehe sie erklärt: "Weil er Angst hat."
Daraufhin zieht Ælla mit einer Mischung aus Zweifel und Unglauben die Stirn kraus: "Olyvar hat vor nichts Angst."
"Doch, hat er", beharrt Yara und legt Ælla sanft eine Hand aufs Knie: "Um genau zu sein, fürchtet er sich vor dir zu Tode."
"Vor mir?", echot Ælla und wirkt beinahe ein bisschen gekränkt, als fühlte sie sich durch die Aussage auf den Arm genommen. Es ist nicht schwer zu sehen, wieso, zumindest wenn man, wie die junge Rhínemoor selber, nur das Offensichtliche betrachtet. "Das ist doch lächerlich. Was könnte ich ihm denn schon tun?"
"Du könntest ihn verlassen."

Yara kann gar nicht so schnell schauen, wie Ælla daraufhin in die Höhe schießt und ehe sich die Schamanin versieht wird ihr von oben herab mit verschränkten Armen und todernster Miene leicht aufgebracht beschieden: "Nein, das kann ich nicht. Er hat mich geheiratet, um mir das Leben zu retten und ich bin durch mein Wort an ihn gebunden. Ich habe versprochen ihm eine gute Ehefrau zu sein! Außerdem trage ich sein Kind unter meinem Herzen. Höchstwahrscheinlich." An dieser Stelle schiebt Yara ein Leises: "Ziemlich sicher", dazwischen, das Ælla allerdings komplett überhört, weil sie damit beginnt unruhig auf den Felsen auf und ab zu tigern. Geduldig wartet Yara ab, denn sie spürt, dass Ælla noch nicht alles gesagt hat, was sie sagen will. Vielleicht auch sagen muss. Und irgendwann hält diese tatsächlich im Schritt inne und murmelt kleinlaut in die schwüle Abendluft: "Selbst wenn das alles nicht wäre... ich könnte ihn nicht verlassen. Weil ich ihn liebe und ohne ihn einfach nicht sein kann."
"Und Olyvar liebt dich", spricht Yara aus, was inzwischen jedem klar ist und erhebt sich ebenfalls. "Alles, was ihn davon abhält, das zuzugeben, ist die Prophezeiung. 'Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen. Wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben und wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren.' Das ist der Abschnitt, den er offenbar auf dich bezieht. Aber wie geht es weiter. Sag es mir."
"'Wenn die Dunkelheit dich verschlingt und die Einsamkeit dich umgibt, lass Mitleid und Pflicht deine Führer sein, sie weisen dir den einzigen Pfad zur Erlösung.' Aber... "
"Warum hat er dich geheiratet?", unterbindet Yara Aellas Versuch abzuschweifen sofort und drängt sie auf dem Pfad der Erkenntnis unerbittlich weiter. Daraufhin liefert Ælla ihr eine perfekte Kopie von Olyvars universellem Schnauben, in das man alles hineininterpretieren kann, von einem Kuchenrezept bis zu einer Kriegserklärung und mockiert seine Aussage vor dem Priester im Amitaritempel in Suthaward: "Weil ich jung und hübsch bin und ihm viele Kinder schenken kann?" "Spiel nicht mit deinem Schicksal, Kind", weist Yara Ælla daraufhin streng zurecht, woraufhin diese beschämt zu Boden blickt und flüstert: "Es tut mir leid. Es ist nur..." Sie lässt die Arme sinken. "Olyvar hat mich geheiratet, um mir das Leben zu retten. Und das werde ich ihm nie vergelten können." Behutsam nimmt Yara daraufhin Ællas Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und hebt es an, bis das weiche, runde Gesicht mit den vollen Wangen und den gläsernen Augen offen und weit unter ihr liegt und sie darin lesen kann, wie in einem aufgeschlagenen Buch.

"Aus Mitleid und Pflicht", spricht sie aus, was Aella und Olyvar vor ihr schon gedacht und gesagt, aber nicht wirklich wahrgenommen haben und zieht damit die direkte Verbindung zur Prophezeiung. "Er hat dich aus Mitleid und Pflicht geheiratet, Ælla und das macht dich zu seiner Erlösung."
"Er glaubt das nicht."
"Weil er Angst hat. Weil er glaubt, dass er seine Prophezeiung erfüllt, wenn er es zugibt und alles von vorne beginnt. Weil er glaubt, dass seine Prophezeiung ein Höllenkreis ist, dazu verdammt sich auf ewig zu wiederholen. Er sieht nicht, dass sie sich längst erfüllt hat. Mir dir." Ælla gibt ein ganz und gar verzweifeltes Geräusch von sich, wie das Mauzen eines verlorenen Kätzchens und Yara kann die Hoffnung sehen, greifbar nah und doch unerreichbar fern, weil die junge Rhínemoor sich nicht getraut danach zu greifen. "Ich. Wie könnte ich? Ich bin eine einfache rhaínländische Händlerstochter." Sie vergleicht sich mit den anderen. Mit dem Grauen Schnitter und der Wolkenprinzessin, mit der Goldenen Schlange und dem letzten Sohn Amaras, mit dem berühmtesten Zwergen beider Hemisphären und seiner vielleicht noch berühmteren Frau und einer jahrtausendealten, elbischen Anukishohepriesterin. Und übersieht dabei völlig, dass das Schicksal sich nicht um Standesdünkel, Alter, Herkunft, Berufung oder Namen kümmert. Das Schicksal ist allsehend und blind zugleich. "Solche Dinge geschehen in Märchen und in Bardenliedern, aber nicht einer... einer einfachen rheinländischen Händlerstochter", bekräftigt Ælla noch einmal, woraufhin Yara ihr einfach widerspricht: "Doch. Das geschieht überall und es geschieht andauernd. Glaube mir. Ich bin mit dem Schicksal bestens vertraut. Wir sind alte Freunde. Ich weiß zum Beispiel, dass die Goldene Schlange einmal nicht mehr war als die Tochter eines einfachen Perlentauchers von den Malankarküsten und deine hoch verehrte Wolkenprinzessin nur ein Kind von vielen und ein verzogenes Rotzgör obendrein. Ihr geliebter Grauer Schnitter war in jungen Zeiten ein furchtbarer Weiberheld. Er hat eine Spur gebrochener Herzen hinter sich hergezogen, so lang wie von hier bis zum Ildorel und der letzte Sohn Amaras hatte einst als billiger Söldner seinem Gewissen abgeschworen. Borgil Blutaxt ist aus dem gleichen Stein gewachsen, aus dem tausende andere, völlig unbekannte Zwerge vor ihm und nach ihm gewachsen sind und seine Frau wurde in die Bedeutungslosigkeit der Sklaverei hineingeboren. Erst das Schicksal hat aus ihnen gemacht, was sie heute sind. Und es wird aus dir machen, wozu du bestimmt bist und ich weiß, es hat dich für Olyvar ausgesucht."
"Antworte dem, der dich ruft."
(Sprichwort der Nandé)

47

Montag, 22. Oktober 2018, 17:33

One hundred and fifty-three

15. bis 16. Grünglanz 518, auf dem Kreuzweg nach Talyra

Tell me something boy
Aren't you tired trying to fill that void
Or do you need more?
Ain't it hard keeping it so hardcore
I'm falling –
And all the good times I find myself longing
For change –
And it the bad times I fear myself (B.Cooper; S. Germanotta)


Ælla befreit sich so behutsam wie sie es wagt aus Yara San'Chales sanftem Griff, und die so viel größere Frau kann ihr wohl deutlich ansehen, wie unwohl sie sich fühlt und wie hin und hergerissen sie zwischen unvermittelter Hoffnung und anhaltendem Argwohn ist... so wie man ihr immer alles ansieht. Ich muss mir etwas wegen meines Gesichts einfallen lassen. Es ist in Ordnung für sie, wenn Olyvar in ihrer Gedankenwelt aus und ein spaziert, wie es ihm gefällt, aber dass andere es anscheinend genauso leicht können, erfüllt sie doch mit leisem Unbehagen. Eine lange Weile vergeht, in der sie stumm am Wasser steht und in die dunkle Nacht hinausblickt. Sie versucht, über all das Gehörte gründlich nachzudenken, und scheitert kläglich dabei, denn in ihrem Kopf geht alles durcheinander. Sie fühlt sich, als wäre sie allein und verloren auf offener See, meilenweit entfernt vom nächsten rettenden Ufer und gefangen im Sog einer Strömung, gegen die sie nicht anzukämpfen vermag und die sie unerbittlich in eine dunkle, kalte Tiefe hinab zieht, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Irgendwann gibt sie es auf, auch nur einen klaren Gedanken fassen zu wollen, zuckt hilflos mit den Schultern und schüttelt vage den Kopf. "Selbst wenn es so wäre, wie soll ich... wie könnte ich... " Ælla holt tief und vernehmlich Luft. "Olyvar hält Liebe für eine Art Gift, wisst Ihr? Für Aussatz oder die rote Ruhr! Etwas, das er meidet, wie ein Dämon das Weihwasser. Ich glaube, er ist ganz wie dieser Hund in seiner Geschichte. Ich weiß nicht, ob er Euch auch von ihm erzählt hat, jenem wilden Streuner, der dem Heer auf der Straße des Weihrauchs gefolgt war...?" Sie sieht die Schamanin kaum merklich nicken und lächelt traurig. "Olyvar ist wie dieser Hund, denke ich. Er droht und knurrt und fletscht die Zähne, und beißt jeden, der versucht, ihm nahe zu kommen... zumindest in dieser Hinsicht. Nicht... nicht nur freundschaftlich, meine ich. Und doch würde er jedem an die Kehle gehen, der mich bedroht."
"Das stimmt. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: bist du wie Olyvar damals?"
"Damals?" Echot sie, doch dann fällt ihr ein, worauf die Schamanin hinaus will. Er ist gegangen. Er hat sich den Hund vertraut gemacht und ist aus dem Leben des Tieres verschwunden. Einfach so. "Ihr meint, ob ich bei ihm bleiben werde, obwohl er immer noch knurrt und nach mir schnappt und mich anfallen könnte?"
"Etwas in der Art."
"Und ich nehme an, Ihr werdet mir gleich sagen, dass es Zeit braucht... eine lange Zeit. Vielleicht sogar Monde oder Jahre?"
"Prophezeiungen erfüllen sich auf seltsame Art und Weise. Manchmal können sie das nur, wenn man auch an sie glaubt."
"Was spielt es denn für eine Rolle, was ich glaube? Ihr müsstet all das eher Olyvar sagen, nicht mir."
"Es ist nicht meine Aufgabe, ihn davon zu überzeugen."
"Aber meine?"
"Ja, Ælla. Ob die Prophezeiung sich bewahrheitet oder auf immer und ewig ein Höllenkreis bleibt, liegt in deiner Hand. Es ist an dir Olyvar die Angst zu nehmen. Es ist an dir, ihn von deinem Schicksal als seine Erlösung zu überzeugen. Wenn du es nicht tust, wird es niemand tun und wenn du nicht daran glaubst, dann..."
"… dann wird er es nie tun." Sie versucht ja, es zu begreifen, es irgendwie anzunehmen, aber sie kann immer noch nicht klar denken. Alles, was sie ganz sicher weiß, ist, dass es einfach... einfach vermessen wäre zu glauben, ausgerechnet sie könnte irgendeine Art von Erlösung sein. Solche Dinge geschehen nicht jemandem wie ihr – solche Dinge geschehen in den Bardenliedern und Legenden, und in den Märchen, die die alten Weiber den Kindern erzählen, und sie lebt in keiner dieser Geschichten. Tränen beginnen über ihre Wangen zu fließen. Ælla versucht, sie zurückzuhalten und schließt die Augen, als könne sie sie so verhindern, doch sie quellen unvermeidlich unter ihren Wimpern hervor und rinnen über ihr Gesicht. Doch Yara San'Chale nimmt sie einfach in den Arm, streicht ihr so sanft über ihr Haar, wie sie es vielleicht mit einer Tochter getan hätte. Ælla kann rein gar nichts gegen die beschämende Tränenflut tun, aber in den sehnigen Armen der Schamanin fühlt sie sich dennoch getröstet. "Ich kann den Weg nicht für dich gehen, Kind," hört sie Yara irgendwann sagen, "aber ich werde dich begleiten. Jeden Schritt des Weges, bis dein Schicksal sich erfüllt hat." Sie hat nicht gewusst, welch ungeheure Erleichterung diese Worte ihr bedeuten, bis sie sie hört. Wie mutterseelenallein und mutlos sie sich in den letzten drei Tagen gefühlt hat und wie gut es tut eine... nun ja, eine Verbündete zu haben – ganz gleich, wie aussichtslos ihr Unterfangen auch erscheinen mag. Sie hatte schon eine Kostprobe von Olyvars Sturheit und was sie über ihre Willensstärke verglichen mit seiner denkt, gilt nach wie vor: es wäre einfacher, den Felsen unter ihren Füßen davon zu überzeugen, dass er so leicht wie eine Feder wäre und Schwingen besäße, um sich in die Lüfte zu erheben.

Der nächste Morgen ist genauso unerträglich warm wie der vergangene und verspricht die gleiche ungebührliche Hitze. Jetzt, da sie die Sartheberge und das Fürstentum Lyness hinter sich gelassen haben, wird der Kreuzweg wieder breiter und ebener, und Ælla will unbedingt sehen, wohin sie unterwegs sind. Sie sitzt noch immer hinter Olyvar auf den Schlafpelzen, also legt sie ihr Kinn auf seine breite Schulter und beobachtet die Veränderung der Landschaft um sich her, während ihre Gedanken beständig um ihr nächtliches Gespräch mit Yara San'Chale kreisen und sich allmählich all ihrer Zweifel und Bedenken, ihrer Ängste und Unsicherheiten zum Trotz ein leises, doch äußerst beharrliches Was, wenn doch? in ihrem Herzen festsetzt. Gegen Mittag legen sie eine kurze Rast ein, doch da sie mittlerweile in den tiefen Schatten dichter Eichen- und Kieferwäldern dahin reiten, wo die sengende Sonne ihnen weniger anhaben kann, ist die Ruhepause wohl mehr für die Pferde, als für sie. Sie essen einen Happen, etwas Brot und würzigen Käse sowie fingerlange und ebenso dicke Hartwürste, die Brenainn Caerner nennt. Ælla döst einen Viertelglockenschlag lang in den kühlen Schatten, dann brechen sie wieder auf. Ob Olyvar sich auch ausgeruht hat, weiß sie nicht. Er war wach gewesen, als sie eingeschlafen war und er ist wach, als sie die Augen aufschlägt, und beobachtet sie mit einem beinahe schon alarmierten Gesichtsausdruck, ehe sich die Maske seines üblichen Gleichmuts wieder auf seine Züge legt. Brenainn und Yara San'Chale gegenüber ist er kurz angebunden und mit ihr spricht er kaum ein Wort. Im Lauf des Tages breiten sich dann allmählich Felder, Weiden und Wiesen links und rechts des Kreuzwegs aus, und sie kommen an den ersten einsam gelegenen Bauernhöfen und kleinen Weilern vorüber, sichtbare Zeichen, dass selbst in diesen ihr schier unendlich erscheinenden Wäldern tatsächlich irgendwo Menschen leben. Sie begegnen auch den ersten anderen Reisenden auf dem Kreuzweg – Bauern mit Ochsenkarren, fahrenden Handwerkern, einem wohlhabender Heckenritter samt Entourage, Knappen, Rossknechten, Dienern und mehreren Pferden, der weder Olyvar noch Brenainn erkennt und angesichts ihres eher wilden und ein wenig abgerissenen Aussehens nur hochnäsig nickt und ein "den Göttern zum Gruß" in seinen Bart murmelt und irgendwann auch einem Kesselflicker, der genauso wenig weiß, wen er da vor sich hat und dennoch für ein freundliches Schwätzchen am Straßenrand anhält. Von ihm erfahren sie, dass in Talyra mehr oder weniger wohl alles zum Besten steht, abgesehen natürlich von der Hitze und dem fehlenden Regen, über den man allerorts klagt und jammert. Von einem Ort namens Grìanàrdan hören sie allerdings Beunruhigendes. Im Taumond sei dort eine Seuche ausgebrochen, ein seltsames Fieber, dass bald auch in einigen grenznahen Dörfern Rhayaders (ein Fürstentum der talyrischen Lande, wie Brenainn ihr zuraunt) grassierte. Der Stadtrat von Talyra habe jedoch schon Maßnahmen ergriffen und mehr Blaumäntel und viele Heiler hinauf geschickt. Wie es jetzt um die Seuche dort oben stehe, wisse niemand so genau, weil man alles abgeriegelt habe und keine Reisenden mehr ins Grenzgebiet lasse, auch keine armen Kesselflicker auf der Suche nach Brot und Arbeit, aber soweit er gehört habe, habe sie sich nicht weiter ausgebreitet. Olyvar drückt dem Mann ein paar Münzen für seine freundlichen Auskünfte in die schmutzigen Hände und sie ziehen weiter.

Am späten Nachmittag erreichen sie Runenstein, das erste größere Dorf im talyrischen Umland und obwohl sie nun schon eine ganze Weile durch die Herzlande reisen, sieht Ælla zum ersten Mal ein charakteristisch ildorisches Dorf: inmitten von Lavendelfeldern, die noch nicht blühen liegen dicht aneinander gebaute, gemütliche Trockensteinhäuser mit Terrakottadächern, umrankt von wildem Wein und Waldreben und anderen Pflanzen, deren Namen sie nicht kennt, dazwischen verwinkelte, gepflasterte Gässchen und kleine Plätze mit Brunnen oder Schreinen der Zwölf – nur hier und da sind Lauben oder Erker aus Holz zu sehen, doch alle Häuser scheinen hölzerne Fensterläden zu besitzen. Sie sind jedoch nicht seitlich angebracht, sondern von oben nach unten befestigt, so dass sie sich je nach Sonnenstand schrägt stellen lassen. Außerdem hat sie in ihrem Leben noch nie so viele Bäume oder Blumen in einem Dorf gesehen – auf allen Fensterbänken, Treppenstufen, an jeder Hausmauer und Straßenecke steht ein weiterer glasierter Tonkübel, oder ausrangierter Eimer, in dem es blüht und grünt und auf jedem Platz findet sich zumindest eine Linde oder Edelkastanie... oder eine Weide, so wie vor dem großen Gasthaus, vor dem sie schließlich Halt machen. In ihren Augen erscheint ihr das alles fremd und exotisch – sehr hübsch, aber so ganz anders als die wuchtigen Holzhäuser in Lyness mit ihren verwinkelten Giebeln, ihren Schindeldächern und Schnitzereien und erst recht vollkommen anders, als die Bauten ihrer kinsbrorer Heimat. Ein Stallbursche nimmt ihre Pferde in Empfang, doch Olyvar geht mit ihm, um sich um den Hufverband von Brenainns Tier zu kümmern und der Junge begleitet ihn, so dass es an Yara San'Chale und ihr selbst ist, mit dem Wirt zu sprechen und sich für die Nacht in seinem Gasthof, der bezeichnenderweise Weidenbaum genannt wird, einzuquartieren. Ælla atmet tief durch – bisher hatte sich immer Olyvar um derlei Dinge gekümmert, wenn sie ihr Lager nicht im Wald oder am Straßenrand aufgeschlagen hatten.

Der Weidenbaum hätte gemütlich sein können, wäre es nicht so voll gewesen, doch dann fällt ihr ein, dass erst gestern Lalaidtanz war und heute Zêntag ist, und in der Mitte des Siebentags vielerorts Märkte abgehalten werden, also vielleicht auch hier. Der Wirt hinter seinem wuchtigen Tresen ist ein untersetzter Mann in den Fünfzigern, mit einem breiten, gemütlichen Gesicht, doch seine Augen sind wachsam und unergründlich, und sein Blick wird geradezu argwöhnisch, als er Yara San'Chale mustert. Ælla setzt ihre freundlichste Miene auf und lächelt höflich. "Den Göttern zum Gruß, Meister Wirt. Wir benötigen drei gute Zimmer für die Nacht, dazu Abendessen für vier... nein, wartet, macht sechs daraus," fügt sie eingedenk Olyvars und Brenainns immer schier unersättlichen Appetits hinzu, "wir haben zwei gute Esser bei uns. Morgen bräuchten wir ein kräftiges Morgenmahl für ebenso viele. Außerdem Vorräte für einen weiteren Reisetag, Brot, Käse und ein halbes Dutzend Caerner, wenn Ihr solche habt. Wenn nicht, nehme ich auch ein Stück Surfleisch oder kalten Braten, aber davon brauche ich dann mindestens zwei Pfund. Wäre es außerdem möglich, heute noch heißes Wasser und Zuber für ein Bad zu bekommen? Oder gibt es ein Zuberhaus im Ort?"
"Heißes Wasser und Badezuber sollt Ihr für entsprechende Münze bekommen," erwidert er. "Gute Zimmer, eh? Hab schon was frei, aber wie gut darf es denn genau sein?" Sein Blick schweift noch einmal sowohl über ihre, als auch über Yaras Aufmachung, um sie – oder vielmehr ihre Mittel – irgendwo einordnen zu können, was ihm jedoch anscheinend nicht so ganz gelingen will. Ælla unterdrückt ein Schmunzeln und fragt sich, was der arme Mann wohl sagen wird, wenn er Olyvar und Brenainn sieht, die hier im Ort von jedem erkannt werden, weil sie, wie ihr der Junge zugeraunt hat, auf ihren Ritten zu diesem oder jenem Lord im Umland öfter hier einkehren – immer hin liegt Runenstein einen Tagesritt von Talyra entfernt am Kreuzweg. "Es müssen nicht Eure besten Räume sein," erwidert sie also mit ihrem arglosesten Lächeln und lässt die schwere Geldkatze, die Olyvar ihr wortlos in die Hand gedrückt hatte, beiläufig auf den Tresen plumpsen, "aber die zweitbesten würde ich nehmen, denke ich. Ihr habt ein gutes, gemütliches Haus, will mir scheinen. Wenn die Zimmer sauber sind und frische Binsen, Rosshaarmatratzen anstelle von Stroh, Kammgarnlaken und kein Groblinnen haben, wird das völlig ausreichen."
Das Kompliment über sein Haus scheint den Wirt ehrlich zu erfreuen, der Anblick des gut gefüllten Lederbeutels, in dem die Münzen leise klingeln, wahrscheinlich noch mehr, seine Augen werden jedenfalls schon viel freundlicher. "Dann sollt Ihr die auch bekommen. Ach, und wenn Ihr vielleicht wünscht, dass Eure Kleider gereinigt werden, gebt sie einfach den Mägden mit und sie kümmern sich darum – das kostet aber ein paar Kupferlinge extra, versteht sich."
"Natürlich," nickt sie, weil sie genau weiß, wie viel Arbeit es macht, Wäsche zu waschen. "Das ist wirklich freundlich von Euch, und es soll auch gewiss nicht der Schaden Eurer Mägde sein."
Der Wirt nickt zufrieden. "Darf es sonst noch etwas sein?"
Ælla überlegt kurz, ob sie irgendetwas vergessen hat, als es ihr auch schon einfällt. "Oh! Oh, beinahe hätte ich – wo habe ich nur meinen Kopf? Es tut mir schrecklich leid, Meister Wirt, wir sind natürlich nicht zu Fuß hier," murmelt sie zerknirscht. "Da gibt es noch fünf Pferde, die gerade in Eurem Stall untergestellt werden, deren Unterbringung müsst Ihr natürlich ebenfalls auf die Rechnung setzen. Aber sonst... nein, sonst nichts, besten Dank. Nur wenn Eure Mägde sich mit dem heißen Wasser vielleicht beeilen könnten, wäre ich Euch wirklich dankbar. Es ist wegen der Hitze furchtbar staubig auf den Straßen." Ihr Lächeln bekommt etwas klägliches und ihr Gegenüber nickt verständnisvoll. "Da sprecht Ihr ein wahres Wort. Es ist so heiß, wie sonst erst im Sonnenthron. Ihr seid wohl schon länger unterwegs, Mädel? Wo wollt Ihr denn hin, nach Talyra?"
"Ach, ja schon eine ganze Weile," erwidert sie, ohne ihm die Anrede übelzunehmen. Sie hat zwar nur drei Zimmer für vier Reisende bestellt, doch sie ist nun einmal jung und... nun, sie hat "verheiratete Frau" ja nicht auf der Stirn stehen, mit wem schon gar nicht. In den Rhaínlanden hätte jedermann ein einziger Blick auf ihre aufgesteckte Frisur genügt, um zu wissen, woran er ist, doch ihr ist schon aufgefallen, dass auch diese Sitte in den Herzlanden eine andere zu sein scheint. "Ja, wir wollen nach Talyra. Ich habe den Blütenstaub selbst zwischen meinen Zehen, fürchte ich und freue mich auf nichts so sehr, wie auf ein Bad, das dürft Ihr mir glauben – außerdem würde ich wirklich nicht gern so staubig und mit fleckigen Gewändern in der Stadt ankommen. Ach, sagt mir doch noch, gibt es hier im Ort vielleicht einen Amitarischrein?"
"Dann sollt Ihr Euer Bad bekommen, so rasch es möglich ist. Ja, den gibt es, direkt am großen Brunnen auf dem Markt, Ihr könnt ihn nicht verfehlen. So... und auf welchen Namen geht das alles, wenn ich fragen darf?"
Es ist das allererste Mal, dass Ælla ihn benutzt und sie spürt ihr Herz einen kleinen Hüpfer machen, ehe sie die Worte so ruhig und gefasst ausspricht, wie sie nur kann. "Ælla von Tarascon."
Der Wirt schreibt die Buchstaben schon nieder, als er plötzlich stockt. "Tarasc... arhem... seid Ihr irgendwie mit... mit unserem Lord Commander verwandt?" Will er wissen und starrt sie mit einem Mal mit einer beinahe komischen Mischung aus Skepsis und leichtem Unbehagen an. Ælla beißt sich auf die Zunge, doch die Art, wie der Mann 'unser Lord Commander' ausgesprochen hat, ist ihr nicht entgangen. "Nein," erklärt sie und schüttelt lachend den Kopf. "Ich bin seine Frau."

Der Amitaritempel von Runenstein, vor dem sie eineinhalb Glockenschläge später steht, ist wirklich kaum mehr als ein Schrein, eine Rotunde aus Eichenholz, deren äußere Pfeiler über und über mit Schnitzereien verziert und deren Kuppeldach so von wildem Wein und Blauregen überwuchert ist, dass man die Schindeln kaum mehr erkennen kann. Ihr Äußeres lässt Ælla an eine Krone denken und plötzlich geht ihr auf, dass das volle Absicht ist: der ganze Tempel ist einer Erntekrone nachempfunden, seine Schnitzereien zeigen Ähren und Garben, Ranken und Blüten, Feldfrüchte und Blattwerk. Während Olyvar und Brenainn noch im Stall zugange gewesen waren, hatten sie gebadet und da sie keine Wechselkleidung besitzt und ihre anderen Gewänder alle in den Händen der Waschmägde sind, steht sie hier in dem braunen, bestickten Seidenkleid, das sie den Flusshuren von Suthaward abgekauft und in dem sie geheiratet hatte. Eine der Mägde, welche die Wanne geleert und frisches, heißes Wasser für Olyvar gebracht hatten, hatte ihr mit der Schnürung des Mieders geholfen und ihr auf ihre schüchterne Nachfrage hin versichert, das Kleid sie nicht unangemessen, im Gegenteil, es sei wundervoll. Ælla bewundert zwar selbst insgeheim den feinen Stoff und die Stickereien, fühlt sich aber derart freimütig angezogen immer noch nicht ganz wohl in ihrer Haut. Die Sonne ist längst gesunken und die Hitze einer erträglicheren Wärme gewichen, dennoch hat sie auf die meisten Unterröcke und ihren Umhang verzichtet, und kommt sich daher mit dem gewagten Ausschnitt des Kleides geradezu nackt vor - trotz Yaras leichtem Schultertuch. In dieser Aufmachung hält sie allerdings niemand für ein herumreisendes Mädchen von zweifelhaftem Stand, noch mehr überrascht sie allerdings, dass auch niemand ihre Erscheinung für unzüchtig oder gar liederlich zu halten scheint, ganz wie die Magd im Weidenbaum. Sie hat den lärmenden Schankraum gemieden und war durch einen ruhigeren Seiteneingang hinausgeschlüpft, und nun neigt jeder, der ihr auf den Straßen begegnet, den Kopf oder murmelt ein "M'lady" obwohl sie überhaupt keine ist. Es muss an dem Kleid liegen - sie hat zwar eine kleine Weile gebraucht, bis sie das Gasthaus hatte verlassen können, um herzukommen, doch dass sie mit dem Lord Commander verheiratet ist, kann sich nicht so schnell herumgesprochen haben. Ælla weiß nicht so genau, was sie davon halten soll; sie ist es nicht gewohnt und die Distanz, die allein diese Anrede schafft, hat etwas ganz und gar befremdliches. Sie war immer nur einfach Ælla tar'Rhiannon, nicht M'lady oder Herrin oder sonst etwas; zu Hause hatten sie alle nur bei ihrem Vornamen genannt; selbst die meisten Fremden und Reisenden, die in den Handelsposten ihres Vaters gekommen waren, hatten nicht das respektvollere "Ihr" benutzt, sondern sie angesichts ihrer Jugend schlicht geduzt. Sie weiß allerdings auch nicht, wie sie es ändern könnte... sie kann ja nicht in Zukunft jedem, der sie anspricht sagen: 'Bitte nicht, einfach Ælla genügt vollkommen.'

Die Abendandacht ist vorüber und der Tempel leer - bis auf einen jungen Priester der vor der Sarnaisdorstatue kniet. Er bewegt sich weder, noch blickt er sich um, als sie mit raschelnden Röcken den Mittelgang betritt und beinahe augenblicklich von der lebendigen Stille des Schreins umfangen wird. Nur vor den Statuen Amitaris und ihrer Archonen brennen die Kerzen der Gläubigen, und so geht sie von einer zur anderen und entzündet ein weiteres Licht auf jedem Altar. Erst dann sucht sie sich einen Platz und weiß plötzlich nicht mehr, was sie hier verloren hat. Irgendwann hört sie die leisen Schritte des Priesters, die sich entfernen und sie bleibt ganz allein zurück. Es ist das erste Mal seit ihrer Flucht aus Northoren, dass sie ein Götterhaus besucht – abgesehen vom Tag ihrer Hochzeit, an dem sie im Amitaritempel von Suthaward vor der Statue Carsairs gestanden und geglaubt hatte, einen Meineid zu schwören, der überhaupt keiner war. Sie lässt die lautlose Dunkelheit auf sich wirken, versucht, die Hast ihrer Gedanken verebben zu lassen und mit einem Mal bekommt die Stille, die ihr gerade noch tröstlich erschienen war, etwas Unheimliches. In ihrer Hochzeitsnacht hatte sie Olyvar gesagt, es komme ihr so vor, als habe sie alle Gebete, die sie einmal gekannt hat, vergessen und jetzt, hier, fürchtet sie, dass es die Wahrheit sein könnte. Stocksteif verharrt sie auf ihrem Platz und weiß nicht, wo oder wie sie beginnen soll. Hilfe... ich brauche Hilfe... bitte... ich weiß nicht, was ich tun soll... formt es sich schließlich stumm in ihren Gedanken, und sie weiß gar nicht, ob sie noch den eigentlichen Grund ihres Hierseins meint oder das Gefühl der Hilflosigkeit, das sie gerade eben erst befallen hat. Gegrüßet seist du, Grüne Dame... beginnt sie schweigend und bricht sogleich wieder ab. Sie hat immer zu Amitari gebetet, sich der Göttin des Lebens immer verbunden gefühlt, von ihrer Präsenz stets umwogt wie von den warmen Falten eines Umhangs, der ihr Schutz vor der Kälte geboten hatte. Und nun ist sie hier, hungernd nach Trost, Zuversicht und Antworten – und ihr will nichts einfallen. Die Minuten verstreichen ungezählt, während Ælla einfach da sitzt und wartet, auf was, weiß sie nicht. Doch dann, ganz allmählich, formen sich in ihren Gedanken Verse aus dem Buch der Worte, unzusammenhängend und durcheinander.

Und das Lied Amitaris ist das Lied des Lebens und aller Dinge, die da wachsen und grünen und gut sind... Durch ihre Gedanken geistern Bilder ihres Gartens in Northoren und lassen ihr das Herz noch schwerer werden: die rankende Kinsbrorrose an der Giebelseite des Hauses und wie sie an den warmen Sommerabenden geduftet hatte. Ihre Nachtviolen, die Koboldskresse und die Glockenblumen in den Beeten, zwischen denen die Bienen und Hummeln gesummt hatten wie trunkene, braun-goldene Fussel... Der Je-länger-je-lieber und ihre Flammenblumen vor dem Haus, ihr kleines Kräuterbeet zwischen den ordentlichen Reihen der Steckrüben und Kürbisse, der Kohlköpfe, den Bohnen und Pastinaken... die Klovjen auf dem Grab ihrer Mutter, alle zertrampelt von den Pferden des Rekenhaelers und seiner Männer, die Beete verwüstet, der Zaun eingerissen, die Rosen mitsamt dem Haus niedergebrannt, die Leiche des treuen alten Weskin zwischen den Himbeersträuchern, der Hund gespickt mit Armbrustbolzen im Halbdunkel des Kontors. Ælla rutscht unbehaglich auf der harten Bank hin und her und schüttelt dann den Kopf, um die ungebetenen Erinnerungen wieder zu verbannen. Gepriesen seist du, Königin des Sommers, voll der Gnade, die Macht des Lebens mit dir... du bist gesegnet unter den Zwölf und gesegnet sind auch deine Gaben... Der Priester, der sie als Kind im Tempel von Northoren unterrichtet hatte, hatte immer gesagt, wer einen Garten anlege, der arbeite mit den Göttern. Hatte sie das getan? Sie weiß nicht, ob es stimmt, doch sie hatte sich der Göttin, umgeben von ihrer lebendigen Schöpfung, den Blumen und Kräutern, Bäumen und Sträuchern, stets näher gefühlt, als in jedem ihrer Tempel. Ællas schlanke Finger krümmen sich plötzlich vor Verlangen, sie in der warmen Erde der Herzlande zu versenken und dort ekstatisch nach Unkraut zu graben. Northoren, jetzt schnappst du über! 'Northoren...' sie verzieht schmerzlich ihr Gesicht, als sie bei diesem Namen in Gedanken Olyvars Stimme vernimmt, warm und dunkel, ein so leises, tiefes Grollen, dass sie die Vibrationen eher spürt, als sie zu hören. Doch er verstummt wieder und zurück bleibt nur die mahnende Stimme der Schamanin: 'Er hat dich aus Mitleid und Pflicht geheiratet, Ælla und das macht dich zu seiner Erlösung.' Kann das wirklich wahr sein? Wer ist sie denn schon? Sie will Yara San'Chales Worten wirklich Glauben schenken, aber es fällt ihr schwer. Sie ist ein Niemand, ein einfaches Mädchen, dessen Weg nur durch Zufall den Seinen gekreuzt hat. Angenommen sie wäre es und er ist erlöst, wie soll sie ihn davon überzeugen, wenn er Liebe für ein tödliches Gift hält? So denn einer für ihn eintritt, einer unter Tausend, so soll er die Götter bitten: erbarmt euch seiner, dessen Seele nah ist dem Verderben, ihr Mächte, dass er nicht hinabfahre ins Reich der Schatten, denn ich habe ihn freigekauft... Auch ein Vers aus dem Buch der Worte. Doch was ist der Preis für die Erlösung einer Seele? Sie verdankt Olyvar alles. Ihr Leben, ihre körperliche Unversehrtheit, ihre Sicherheit. Ihre Aussicht, auf einen Ort, an den sie gehören könnte, auf ein Zuhause, eine Familie, auf Kinder. Sie ist ihm alles schuldig – wenn hier jemand von einem grausamen Schicksal erlöst wurde, dann wohl sie.
Ælla rutscht unbehaglich auf der harten Bank hin und her, und mit einem Mal wird ihr die Stille zu viel. Sie steht auf und beginnt, mit gesenktem Kopf im Rund des Tempels umherzugehen – im Kreis an den Statuen der Göttin und ihrer Archonen und den Kerzen auf ihren Altären vorüber, immer im Kreis, die Arme um die eigene Mitte geschlungen. Warum ist sie hergekommen? Weil du Hilfe brauchst. Weil du eine Entscheidung zu treffen hast. Worüber? Was gibt es in dieser Sache für sie denn zu entscheiden? Nichts!
'Was könnte ich ihm denn schon tun?' - 'Du könntest ihn verlassen.'
Das kann sie nicht. Sie bekommt ein Kind; sie ist praktisch mittellos und ihr Leben hängt immer noch davon ab, vor dem Gesetz eine Herzländerin zu sein und den Namen Tarascon zu tragen. Sie hat keinen anderen Ort, an den sie gehen könnte und kennt niemanden in diesen Landen außer ihrem Gemahl, seinem Knappen und einer Schamanin, die sich zu ihrer Verbündeten gemacht hatte. Yara San'Chale ist sich all dessen genauso bewusst wie sie, das weiß sie. Es gibt viele Wege, jemanden zu verlassen. Manchmal muss man dafür nicht einmal an einen anderen Ort gehen. Zum ersten Mal kommt ihr der Gedanke, dass die Schamanin damit möglicherweise nicht gemeint hat, sie könnte ihre wenigen Habseligkeiten packen und tatsächlich fortgehen. Den Dunklen werde ich tun, sagt sie sich. Ich werde den Dunklen tun! Nicht in diesem Leben und nicht im nächsten! wendet sie sich leidenschaftlich an den Altar Amitaris, leuchtend in der Dunkelheit vom Schein der Kerzen, die auf ihm brennen. Ich habe ihm ein Versprechen gegeben. Ich habe einen heiligen Schwur in deinem Angesicht getan. Ich gehe nirgendwo hin.

Es dauert eine Weile, bis ihr bewusst wird, dass ihre verschlungenen Gedankengänge plötzlich kein inneres Selbstgespräch mehr sind. Erst als ihr klar wird, dass sie gerade eine Frage beantwortet hat, begreift sie es, obwohl sie sich nicht daran erinnern kann, überhaupt eine gestellt zu haben. In ihrem ganzen Elend und ihrer Verzweiflung ist sie etwas gefragt worden, und sie hat ohne zu Zögern eine Antwort darauf gegeben. Ælla beruhigt ihre Gedanken, ihr flatterndes Herz und ihren stockenden Atem, und lauscht in die abrupte Stille hinein. "Den Dunklen werde ich tun," bekräftigt sie noch einmal, doch diesmal spricht sie es laut aus, klar und klar. Das eindringliche Gefühl, etwas anvertraut bekommen zu haben, bemächtigt sich ihrer. Als wäre ihr feierlich etwas überreicht und in die Hände gelegt worden, etwas kostbares und seltenes, lebendig und still, unendlich stark und zerbrechlich zugleich, auf dass sie es fortan beschütze. Hält sie eine Seele in ihren Händen? Vielleicht, doch ob es ihre eigene ist oder Olyvars vermag sie nicht sagen.
Der, den meine Seele liebt ist wie ein Baum mit guten Früchten. Ich sitze im Schatten dessen, den ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süß...
Das ist wahr, sie liebt ihn, sie weiß es längst. Sie kann gar nicht sagen, wann es begonnen hat – vielleicht, als er Asger von Rekenhael im Tempel gesagt hattte, er händige ihm niemanden aus. Vielleicht, als sie sich in ihrer Hochzeitsnacht in Suthaward so vor ihm gefürchtet hatte und er so behutsam mit ihr umgegangen war. Vielleicht, als er sie im Arm gehalten und getröstet hatte, als sie aus dem Alptraum erwacht war und nicht mehr aufhören hatte können, zu weinen... sie weiß es einfach nicht. Es spielt auch keine Rolle.
'Olyvar liebt dich. Alles, was ihn davon abhält, das zuzugeben, ist die Prophezeiung.' Auch das hat Yara San'Chale ihr offenbart und sie hatte es ebenso wenig glauben wollen. Tut er das? Und wenn es wahr wäre - Ist es nur die Prophezeiung, die es ihn so vehement verleugnen lässt? Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Beeren von den Disteln? Nein, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ælla weiß von seinen gescheiterten Ehen, sie weiß von diesen beiden so unterschiedlichen Frauen, die er im Gegensatz zu ihr einst aus freien Stücken und mit voller Absicht geheiratet hatte. Olyvar ist kein Mann, der auch nur irgendetwas halbherzig tut. Wenn er sich einer Sache verschreibt, dann ganz und gar. Er hätte keine heiligen Versprechen im Angesicht der Götter gegeben, wenn es ihm nicht bitter ernst gewesen wäre. Und sie sind beide gegangen. Sie haben ihn verlassen und damit eine Prophezeiung erfüllt, von der sie noch nicht einmal wussten. Sie denkt an seine harten und doch gebrochenen Augen, und plötzlich begreift sie. Äußerlich mag er wie Stein und Stahl wirken, doch in seinem Inneren... es war wohl nicht einmal so sehr das Verlassenwerden an sich, das sicherlich demütigend genug gewesen sein muss, sondern der Verlust der Liebe, die er selbst empfand, das Sterben der eigenen Gefühle. Die Leere und das Nichts im Herzen, die zurückbleiben, und die er nicht mehr hatte füllen können. Wie oft kann ein Herz gebrochen werden, bevor es zu Stein wird?
Ja, wie oft, Northoren?
'Northoren'...
Achtunddreißig Tage sind vergangen, seit sie seine Frau wurde.
Siebenunddreißig Tage, seit sie Suthaward verlassen haben.
Sechzehn Tage ist es her, seit sie weiß, dass sein Kind in ihr heranwächst.
Einhundertsiebenundfünfzig Mal hat er sie Northoren genannt.
Einhundertdreiundfünfzig Mal davon waren nichts anderes als Liebkosungen.
Da hat sie ihre Antwort, und als Ælla sich anschickt, den Schrein zu verlassen und das Knie beugt, um den geschnitzten Abbildern der Götter ihre Ehrerbietung zu erweisen, fühlt sie wie im Tempel von Suthaward den wissenden Blick Amitaris auf sich ruhen – doch diesmal kann sie dem hölzernen Antlitz der Götterstatue aufrichtig in die Augen sehen.

"Du solltest nachts nicht allein hier herumwandern, Northoren." Ihr Herz macht einen Satz, denn sie hat ihn im Schatten der Tempelwände nicht gesehen und er bewegt sich erstaunlich leise für einen Mann seiner Größe und Kraft, doch dann lächelt sie. Einhundertvierundfünzig.
Sein Gesicht erscheint ihr in der Dunkelheit der lauen Nacht so unergründlich wie meistens, doch dass er mit ihr spricht, anstatt sie einfach in grimmigem Schweigen abzuholen und in den Weidenbaum zurückzubringen, verleiht ihr Hoffnung. Im Nachhall von Yara San'Chales Worten und im Licht der Erkenntnisse betrachtet, die sich ihr gerade im Tempel offenbart haben, hat seine Verschlossenheit ohnehin eine gänzlich andere Bedeutung bekommen. Also tritt sie näher zu ihm und legt ihm besänftigend die Hand auf den Arm.
"Ich habe nur den Amitarischrein besucht, ich dachte nicht, dass... hältst du es denn hier in Runenstein nicht für sicher?"
"Doch," räumt er ein und sie kann spüren, wie seine Anspannung ein wenig nachlässt. Sie fühlt es unter ihren Fingern und, weil sie ihm so nahe ist, in ihrem ganzen Körper. Für einen Moment ruht sein Blick auf ihrer Hand, schlank und hell auf dem dunklen Leder seines Hemdes, dann atmet er vernehmlich aus und fasst sie genauer ins Auge. Eine Weile steht er ganz still, sieht sie einfach nur an und Ælla erwidert ruhig seinen Blick, dann macht er eine vage Kopfbewegung, die sowohl ein Nicken, als auch das genaue Gegenteil sein könnte. "Ich würde mich trotzdem wohler fühlen, wenn ich wüsste, wo du bist. Nur für den Fall." Er spricht es nicht aus, aber sie glaubt zu wissen, was er meint. Es hat zwar bisher keinerlei Anzeichen dafür gegeben, dass Asger von Rekenhael ihnen gefolgt wäre, aber ausschließen können sie es genauso wenig. Ebenso gut wäre es möglich, dass der Rekenhaeler und seine Männer in den Rhaínlanden als Krähenfutter dafür geendet waren, dass sie ihnen entkommen war.
"Ich hätte eine Nachricht hinterlassen sollen," murmelt Ælla. "Es tut mir leid, ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst."
"Hmpf," schnaubt er indigniert und möglicherweise ein klein wenig... ertappt?... und sie lächelt still in sich hinein, doch als sie die Hand von seinem Arm nimmt, fängt er sie ein und nimmt sie wortlos in seine. Ælla erschauert leicht vor Überraschung über diese Wendung, dann sucht ihr Blick seine Augen. Alles, was sie in den grauen Tiefen zu erkennen glaubt ist der Hauch einer stummen Frage, also drückt sie sacht seine Finger, eine ebenso stumme Versicherung ihre Verbindung. Er hat raue Hände voller Schwielen und Narben, die sie furchtbar erotisch findet, und sie kann die wilde Kraft in diesen Händen immer spüren, auch jetzt - doch er hat ihr noch nie weh getan und ihre Finger liegen warm und fest in seinen, während sie Seite an Seite zum Gasthaus zurückkehren.

Olyvar

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Mittwoch, 24. Oktober 2018, 14:04

Last call to Heaven

16. bis 17. Grünglanz 518, auf dem Kreuzweg nach Talyra

Guess I'll walk my ass downtown
I'm so sick and tired of feeling lonely
Come on up from underground
Maybe this time I will find my one and only

Got an angel on my left
Whispering sweet nothings to me
Got the devil on my right
Says look who's back up on the scene (The White Buffalo, Last call to Heaven)

Eye contact is a dangerous, dangerous thing. But lovely. Gods, so lovely. (The Hedonist Poet)


In Runenstein - und damit längst endgültig im talyrischen Umland angekommen, wo jedermann Brenainn und ihn sofort erkennt - bleiben sie zum letzten Mal über Nacht in einem Gasthaus und sorgen, ob sie das wollen oder nicht, für Gesprächsstoff unter den Dörflern, auch wenn man es hier gewohnt ist, den Lord Commander und seinen Knappen hin und wieder zu beherbergen. Wenigstens muss Olyvar sich keine Gedanken mehr darum machen, dass Gerüchte über eine seine Ehefrau Talyra vor ihnen erreichen würden. Erstens hatten sie das dank Borgils allgegenwärtiger Vögelchen höchstwahrscheinlich ohnehin längst und zweitens sind sie morgen um die Abendzeit selbst schon in der Stadt. Die Pferde zu versorgen und Seekeks' Hufverband aus feuchten Lederstreifen, Birkenrinde und Harzleim zu erneuern dauert seine Zeit, und noch länger hält man Brenainn und ihn anschließend in der Schankstube auf, wo man als erstes auf sein Wohl trinkt und ihm zu seiner Vermählung gratuliert (was ihm wie der blanke Hohn vorkommt, doch davon weiß ja niemand) und ihnen anschließend einen Rattenschwanz an Fragen zu ihrem Abenteuer in der Fremde stellt. Sie beantworten alle mit der gleichen oberflächlichen Ausrede, die sie schon die ganze Zeit erzählen, seit sie auf dem Kreuzweg unterwegs sind: sie hatten Lady Niniane in Schattenjägerangelegenheiten geholfen. Bisher sind sie mit dieser Geschichte gut gefahren, und auch in Runenstein macht man zwar große Augen, stellt aber keine weiteren Fragen, sobald Ninianes Name fällt, sondern belässt es bei verständnisvollem Nicken und ein paar hastig geschlagenen Glaubensrädern. Als sie sich endlich von den Gästen im Schankraum loseisen und auf die Zimmer gehen können, die man ihnen für die Nacht gegeben hatte, ist es reichlich spät geworden. Olyvar findet einen Zuber mit heißem Wasser und ein Tablett mit Essen im Raum vor, aber von Ælla keine Spur. Da er sie jedoch bei Yara nebenan in Sicherheit und vermeintlich mit irgendwelchen neuen Flechtfrisuren beschäftigt glaubt, macht er sich zunächst überhaupt keine Gedanken, sondern nimmt ein Bad, rasiert sich und gibt einer schüchtern nach dem Rechten fragenden Magd, die es schafft fünf 'M'Lords' und zwei 'Sires' in einen Satz mit ansonsten nur vier Worten zu quetschen, seine dreckige Wäsche mit. Doch auch als er längst fertig ist und mit dem Essen auf sie wartet, taucht Ælla nicht auf und allmählich macht er sich Sorgen. Olyvar kann nicht anders, als sich zu vergewissern, dass ihre Sachen noch hier sind, doch sie sind es und er nennt sich selbst einen Narren - Ælla würde nicht einfach so verschwinden. Sie ist nicht wie... Sein Blick ruht auf ihren Satteltaschen und plötzlich wird ihm bewusst, dass darin ihr ganzer Besitz verstaut ist. Alle Habe, die sie auf der Welt ihr Eigen nennt, passt in diese Taschen. Dann fällt ihm auf, dass das bestickte Seidenkleid fehlt und Olyvar knurrt einen halblauten Fluch hervor. Wo bei den Neun Höllen ist sie in diesem Kleid hin? Brenainn, der noch im Zuber sitzt und seine Zehen schrubbt, hat keine Ahnung, wo Ælla sein mag, aber Yara, die still wie eine Onyxstatue und mit geschlossenen Augen in den Dampfschwaden ihres eigenen Bades liegt und vermutlich einfach die Hitze genießt, erklärt ihm, sie habe den Wirt nach dem Amitaritempel gefragt, wahrscheinlich sei sie dort. Ifrinn! Es hilft rein gar nichts, dass er sich noch im selben Atemzug sagt, dass es seit ihrer Flucht über die rhaínländische Grenze kein einziges Anzeichen für irgendwelche Verfolger gegeben hat und Ælla in Runenstein genauso sicher wäre wie in Talyra, es schmeckt ihm überhaupt nicht, dass sie allein und schutzlos im Dorf herumwandert, und wenn sie hundertmal nur noch einen Tagesritt von der Stadt entfernt sind. Olyvar unterdrückt einen weiteren Fluch – seit er mit Ælla verheiratet ist, tut er nicht nur lauter Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben, er flucht auch sehr viel mehr als früher, will ihm scheinen – und macht sich auf den Weg.

Die Sonne ist längst gesunken, doch wie schon in den letzten Nächten scheint es lange nicht wirklich dunkel werden zu wollen, warmer Kerzenschein dringt aus den Fenstern der Häuser und die Nachtfeuerkörbe an den Straßenecken spenden ebenfalls Licht. Hier und da begegnet Olyvar noch Passanten, doch zu dieser späten Stunde sind nur noch wenige Dorfbewohner unterwegs und ihm ist das nur Recht – Brenainn und er hatten im Gasthaus schon gesellig genug sein müssen. Während er so allein durch die verwinkelten Gassen Runensteins in Richtung des Marktplatzes geht, hat er Zeit über die letzten Tage nachzudenken. Vom Morgen ihres Aufbruchs aus der Eintracht bis zu ihrer Ankunft in Runenstein hatte er kaum ein Wort mit den anderen gewechselt. Er war Yara und Brenainn gegenüber zurückhaltend und kurz angebunden gewesen und mit Ælla hatte er überhaupt nicht gesprochen. Nicht, dass er die Tage vorher nicht schon in Gedanken versunken und schweigsam gewesen wäre, doch auf dem Weg hierher war er wirklich in einem elenden Zustand vor sich hin geritten, hin und hergerissen zwischen Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen, Schwäche, Schmerz, Verwirrung, Angst und einer geradezu lächerlichen Mischung aus närrischen Hoffnungen, blindem Wollen und Scham über seine eigene Selbstsucht. Als Ælla wütend geworden war, so wütend, dass sie mit ihren kleinen Fäusten auf ihn eingetrommelt und stur darauf beharrt hatte, dass das nicht alles zwischen ihnen wäre, war ihm zum ersten Mal und mit einem Anflug von Stolz der Gedanke gekommen, dass er am Ende doch kein so furchtsames rhaínländisches Gänschen geheiratet haben könnte. Doch er kann immer noch nicht sagen, was bei allen Neun Höllen in ihn gefahren war, so brutal mit ihr umzuspringen. Sie hatte gesagt, es habe ihr gefallen, erinnert er sich – und wenn er ehrlich ist, weiß er genau, was in ihn gefahren ist. Sie ist sein und er will sie besitzen - und er würde alles tun, um das deutlich zu machen. Seit er mit ihr verheiratet ist, tut er ständig Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben, selbst wenn die besten Absichten dahinter stecken - etwa, sie hinter sich auf die Schlafpelze und Felle zu setzen, anstatt sie vor sich in den Sattel zu nehmen. Damit hatte er am Ende nur sich selbst einen Bärendienst erwiesen und was für einen: von dem Herzschlag an, in dem er selbst aufs Pferd gestiegen war, Ælla ihre Arme um ihn gelegt und sich ihre Brüste an seinen Rücken geschmiegt hatten, hatte er gewusst, dass er in Schwierigkeiten steckt. Nicht wegen ihr – sie schient überhaupt nicht wütend auf ihn gewesen zu sein, obwohl sie jedes Recht dazu gehabt hätte. Doch bald hatten Verletzlichkeit, Kummer und Verwirrung sie umgeben wie eine zweite Haut und in ihrem so verdammt durchschaubaren Gesicht hatte er mehr als deutlich lesen können, was er angerichtet hatte. Von der zerbrechlichen Verbindung, die sie nach ihrer so heftigen nächtlichen Begegnung wieder miteinander eingegangen waren, scheint kaum noch etwas übrig geblieben zu sein und alle Gefühle zwischen ihnen waren so trügerisch wie Treibsand geworden. Was hast du erwartet? Dass deine Worte sie nicht verletzt haben? Dass sie nichts für dich empfinden soll? Dass sie ihr Leben lang unglücklich bleiben wird, weil sich mit weniger zufrieden geben muss, als sie verdienen würde?

Und doch – wann immer sie ihn seither angesehen hatte, hatte er in ihren Augen die gleiche Offenheit und dasselbe Vertrauen in ihn sehen können, wie an allen Tagen vorher, und nun hatte es ihm die Kehle noch viel mehr zugeschnürt. Noch schlimmer, bei jedem verdammten Schritt des Pferdes hatte er ihren weichen Körper gespürt, der sich an ihn gedrückt, ihre Beine, die sich an seine geschmiegt hatten, eine beständige Erinnerung, wie sie sich unter seinen Händen und in seinen Armen angefühlt hatte. Einmal hatte sie sogar selbstvergessen ihr kleines Näschen an seiner Schulter gerieben, zur Hölle verdammt! Ihr Lager am Rand einer Lichtung aufzuschlagen, ein Feuer in Gang zu bringen und gemeinsam zu Essen war eine ebenso schweigsame und melancholische Angelegenheit gewesen, doch die Nacht... nun, Ælla und er hatten mehr als eine Handbreit voneinander entfernt in ihren Schlafpelzen gelegen, aber immerhin hatten sie sich die gleichen Felle und dieselbe Wärme geteilt. Vom mitternächtlichen Bad seiner Frau und ihrem schicksalhaften Gespräch mit der Schamanin hatte Olyvar nicht das Geringste mitbekommen. Er war erst aufgewacht, als Ælla wieder zu ihm unter die Lammfelle geschlüpft war, obwohl sie sich bemüht hatte, sich so vorsichtig wie möglich zu bewegen und kein Geräusch zu machen. Er hatte gewartet, bis ihm ihr ruhiger, gleichmäßiger Atem verraten hatte, dass sie endlich eingeschlafen war, dann hatte er sich ihr zugewandt und gedankenverloren ihr Gesicht im Licht der Sterne betrachtet. Für ausnehmend hübsch hatte er sie von Anfang an gehalten, doch nun war sie ihm so schön erschienen, dass es beinahe etwas schmerzliches an sich gehabt hatte, sie anzusehen. Ælla hat nicht die leiseste Ahnung, was mit ihrem Mund geschieht, wenn sie lächelt; sie weiß nichts davon, dass er sich selbst belügt. Sie weiß auch nicht, dass sie so viel mehr Mut besitzt, als er - einfach so von einem Traum zu sprechen und im selben Atemzug alle Zweifel zur Seite zu schieben. Eineinhalb Monde ist sie nun seine Frau, lächerliche eineinhalb Monde - und doch scheinen ihm die Tage in einander zu verschwimmen. Er kann er sich kaum mehr daran erinnern, wie sein Leben vorher war – wie es ohne sie war. Alles ist verdreht, nichts ergibt einen Sinn, als wäre das hier die Wirklichkeit und alles andere ein Traum. Olyvar hält den Atem an, als ihm etwas bewusst wird. Er hatte geglaubt, alles Wollen lange hinter sich gelassen zu haben. Doch nun will er; er will vor ihr fliehen und er will in ihre Arme sinken; er will sie besitzen und sie sich vom Leib halten; er will nicht, dass sie ihm wirklich nahe kommt, denn im Gegensatz zu ihm hat Ælla nie vorgegeben, etwas anderes zu sein, als das, was sie ist: eine gute, anständige Frau mit einem warmen, mitfühlenden Herz; er will sie beschützen, auch vor sich selbst und seiner verfluchten Prophezeiung – und er will sie um Vergebung bitten und ihr sagen, dass sie Recht hat, da ist mehr. Er will einfach. Doch die Wirklichkeit holt ihn ein, wie sie es immer tut und wie immer gibt das Leben einen feuchten Dreck darauf, was er will. Er kann nichts an seiner verfluchten Prophezeiung ändern, er kann nicht an eine Erlösung glauben, die so beiläufig und zufällig des Weges daherkommt, und ganz abgesehen von all dem, hat er seine Lektionen bitter und unter großen Schmerzen gelernt. Denselben Fehler noch ein drittes Mal zu begehen wäre einfach nur... einfach nur dumm.

Der Amitaritempel von Runenstein ist ein runder Bau, der an eine überwucherte Krone erinnert. Seine Tore stehen sperrangelweit offen, doch die Abendandacht ist längst vorüber und es herrscht Stille, die Altäre vor den Statuen der Göttin und ihrer Archonen kleine Inseln des Lichts in der tiefen Dunkelheit im Inneren des Schreins. Olyvar bleibt am Eingang stehen. Er kann Ælla nicht sehen, aber er kann das leise Echo ihrer Schritte und das Rascheln ihrer Röcke hören, und atmet erleichtert auf. Sie scheint nicht zu beten, sondern ruhelos umherzugehen, doch er will sie nicht stören, bei was auch immer sie hier tut, also wartet er geduldig im Schatten der mit Schnitzereien überzogenen Torflügel. Sicherlich ist sie hergekommen, um Beistand zu suchen; vielleicht auch, um sich ihrer Göttin oder einem Priester anzuvertrauen oder schlicht, um sich auszuweinen. Der Gedanke hinterlässt einen sauren Geschmack in seinem Mund. Er muss jedoch nicht lange auf sie warten, und als sie aus dem Tempel kommt, geht sie leichten Schrittes und sehr aufrecht, als wäre ihr eine Last von den Schultern genommen worden.
"Du solltest nachts nicht allein hier herumwandern, Northoren." Olyvar kann sehen, wie sie erschrocken zusammenfährt, denn sie hat ihn nicht gesehen und nicht mit ihm gerechnet. Doch als Ælla sich zu ihm umdreht, lächelt sie plötzlich. Es ist ein seltsam schweres, zärtliches Lächeln, das ihr Gesicht völlig verändert - und sein Herz setzt einen Schlag aus. Gleich darauf spürt er ihre kleine Hand auf seinem Arm und sie versichert ihm, dass sie nur den Schrein besucht habe, ob er es denn hier nicht für sicher halte? "Doch..." beginnt Olyvar und sucht einen Moment lang nach den richtigen Worten. Er will sie weder bevormunden, noch ihr unnötig Angst machen – aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. "Ich würde mich trotzdem wohler fühlen, wenn ich wüsste, wo du bist. Nur für den Fall." Sie muss nichts fragen und er nichts erklären, sie weiß sofort, was er meint. >Es tut mir leid, ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst,< hört er sie dann sagen und schnaubt leise – doch dann vergisst er, was er noch hätte sagen wollen. Ihr Blick ruht auf ihm und um ihren Mund spielt immer noch ein sanftes Lächeln. Obwohl sie sich kaum bewegt, konzentriert sie sich mit einem Mal ganz auf ihn, ihre Augen groß und grün und unergründlich. Olyvar starrt zurück, betäubt wie ein Reh, dem ein Jäger ins Gesicht leuchtet. Sie bewegt sich kaum, doch plötzlich runden sich ihre vollen Brüste und geschwungenen Hüften zu einem Versprechen sinnlicher Fülle und er schluckt hörbar. Als sie ihre Hand von seinem Arm nimmt, hält er sie ohne nachzudenken fest. Sie blinzelt erstaunt, doch dann wird sie plötzlich sehr ruhig und alles, was er noch in ihren Augen sehen kann, ist ein Hauch von Verheißung.

Sie kehren in den Weidenbaum zurück, ohne ein einziges Wort miteinander zu sprechen, doch diesmal ist das Schweigen zwischen ihnen nicht angespannt oder unerträglich, voller ungesagter Dinge und tückischer Gefühle. Diesmal schweigen sie, weil es nicht nötig ist, irgendetwas zu sagen. Sie wendet ihm wortlos den Rücken zu und er löst ebenso wortlos die Schnürung ihres Mieders, das genauso wie ihre Röcke, ihr Hemd und seine eigenen Kleider zu Boden raschelt, Schicht um Schicht, ohne jede Eile. Seine Hände wandern über ihren nackten Rücken und ihren schlanken Nacken zu ihrem Haar, ziehen eine Nadel nach der anderen heraus und lösen die schweren Zöpfe, die sich wie goldene Schlangen über ihre Schultern winden. Er öffnet sie und kämmt die langen, seidigen Flechten mit den Fingern aus, während ihre Augen, moosgrün, mit Gold gesprenkelt und weich wie die Schatten unter den Bäumen, unverwandt in seinen ruhen. Ællas Blick ist ruhig; an Stelle der Verwirrung und Trauer der letzten Tage, findet er nur noch sanfte Entschlossenheit in ihren Augen – und in seinem Inneren, gleichsam eine Antwort darauf, die Akzeptanz, dass das, was zwischen ihnen vor sich geht, größer ist, als sie beide und es keinen Sinn hat, sich dagegen zu wehren. Also tut er es auch nicht. Eine Art überirdisches oder vielleicht jenseitiges Gefühl nimmt von ihm Besitz, Olyvar kann spüren, wie es geschieht: langsam, ganz allmählich und doch absolut unaufhaltsam. Es ist nichts, gegen das er sich auch nur ansatzweise wehren könnte, selbst wenn er das gewollt hätte. Lange Zeit berühren sie sich kaum, liegen einfach nur eng aneinander geschmiegt unter den samtweichen Pelzdecken, Haut an Haut, Arme und Beine ineinander verschlungen. Olyvar hört ihren gleichmäßigen Atem, spürt, wie ihre Brüste sich im selben Rhythmus heben und senken, und findet allein darin seltsamen Frieden. Als würde hier, in der sanften Kurve ihrer halbgeöffneten Lippen und im sachten Beben ihrer zarten Nasenflügel so dicht an seiner Haut ihre Verbindung bereits beginnen, nur indem sie sich einen Atem teilen, im Wissen, dass er dieselbe Luft einatmet, die sie gerade ausgeatmet hat. Das merkwürdige Gefühl von etwas Jenseitigem verlässt ihn die ganze Zeit über nicht, nicht als sie beginnen sich zu lieben, nicht währenddessen und nicht danach. Es ist nicht die Langsamkeit oder die Sanftheit ihrer Liebkosungen, die den Unterschied ausmachen, es ist nicht die träge Zärtlichkeit ihrer Begegnung, die federleichten Berührungen oder die Stille, unterbrochen nur von geflüsterten Geständnissen, leisem Seufzen oder dem Rascheln der glatten Laken unter ihrem Gewicht. Es sind ihre Augen. Ælla nimmt ihren Blick nicht einmal von ihm, lässt ihn nur ab und an von seinen Augen zu seinem Mund wandern und wieder zurück und Olyvar weiß, dass sie zum ersten Mal wirklich in sein Inneres sieht, mitten hinein in sein aufgewühltes Selbst, in die Tiefen seiner Seele, hinter all die Mauern und Barrieren, die er für so unüberwindbar gehalten hat und die er nun in sich zusammenstürzen und fallen sieht, eine nach der anderen – und am Ende fühlt er, wie etwas in ihm unwiderruflich zerbricht; sein Widerstand, seine Verachtung, seine Zweifel.

Der nächste Tag bringt sie nach Hause – mehr als zwei Monde nach ihrem Aufbruch. Am neunten Taumond hatten Brenainn, Niniane, Pumquat und er die Stadt durch Gewirr und Netz verlassen, um Yara San'Chale in ihrer Not beizustehen, nun kehrt er mit der Schamanin, seinem Knappen und einer Ehefrau an seiner Seite heim. Olyvar hält sein Pferd einen Moment lang an und blickt über die Stadt hinweg, die sich nun vor ihnen am Horizont zwischen bewaldeten Hügeln und grünen Wiesen ausbreitet, und die schon so lange sein Zuhause ist. Wie stets, wenn er in Gedanken das Wort 'Zuhause' ausspricht, empfindet Olyvar warme Zufriedenheit und tiefe Freude. Der Himmel wölbt sich klar und blau über ihnen und hinter den blassgrauen Mauern Talyras erstreckt sich der Ildorel scheinbar bis ans Ende der Welt. Sie nähern sich von Westen her, wo das Larisgrün und die Schatten seiner uralten Baumriesen wie auch im Norden Talyras bis auf wenige hundert Schritt an die Stadtmauern heranreichen, während südlich der Stadt offenere Landschaften, runde Hügel und Zypressenalleen zu kleinen Dörfern und Landgütern, Weinberge und im Wind wogende Felder vorherrschen – doch vom Kamm der Anhöhe aus, auf der sie Halt gemacht haben, können sie alles überblicken. Olyvar wendet den Blick vom Horizont ab und sieht seine Frau an. Brenainn reitet sein Pferd wieder, so dass auch Ælla auf ihrem eigenen Tier sitzt und nicht mehr hinter ihm. Ihr Gesicht ist vom Wind gerötet, doch die herzländische Sonne hat ihrer blassen Haut längst einen Ton verliehen, der ihn an hellen Honig oder Bernstein erinnert, und lässt noch tausend Sommersprossen mehr auf ihrer Nase, ihrer Stirn und ihren Wangen blühen. Er hat ihr Gesicht so oft beobachtet, wenn sie geschlafen hat, verloren in irgendwelchen Träumen, dass die winzigen, goldbraunen Sprenkel ihm so vertraut geworden sind, dass er blind eine Karte ihrer Muster zeichnen könnte. Ælla trägt ihr Haar heute wie am Morgen nach ihrer Hochzeit in Suthaward: zu zwei Zöpfen geflochten, die sie zu einem dicken Kranz aufgesteckt hat, der wie ein schwerer Reif um ihren Kopf liegt und im Licht der tief stehenden Sonne schimmert wie flüssiges Gold. In diesem Augenblick dreht sie den Kopf und sieht, dass er sie beobachtet. Sie verzieht den Mund zu einem Lächeln. "Dein Talyra gefällt mir," hört er sie sagen. "Es ist wirklich so schön, wie Brenainn gesagt hat."
Olyvar erwidert ihr Lächeln gelassen, doch in seinem Inneren fühlt es sich an, als würde ihm ein Stein vom Herzen fallen. Bis zu diesem Moment ist ihm nicht bewusst gewesen, was er die ganze Zeit befürchtet hat: dass sie nicht bleiben wollen könnte, wenn sie sehen würde, wohin er sie gebracht hat. Sie ist auf einem kleinen Hof und Handelskontor vor den Toren einer winzigen Stadt groß geworden – verglichen mit Northoren ist Talyra ein Moloch. Sie hat noch nie in einer Festung gelebt und Olyvar denkt mit Schaudern an die leere, kalte, staubige Stille des Westflügels, von der er ihr noch mit keinem Wort etwas gesagt hat, weil er einfach nicht gewusst hatte, wie. Die unberührte Wildheit und Tiefe des Larisgrüns hatten ihr zuerst Angst gemacht, die bewaldeten Hügel und Berge mit ihren schroffen Felsen, die nirgendwo zuließen, dass ihr Blick schweifen konnte, hatten sie eingeengt, und die herzländische Sonne hatte ihr bestes getan, ihr die Haut zu verbrennen und ihr Haar noch ein wenig heller werden zu lassen. Die unbotmäßige Hitze hatte Ælla ebenfalls zu schaffen gemacht, sie tut es immer noch - doch sie hatte sich mit keinem Wort beklagt. "Ich werde mich schon daran gewöhnen,", war alles, was sie gesagt hatte, und die Zuversicht in ihrer Stimme hatte dabei wirklich aufrichtig geklungen. Die Sonne steht schon hinter den Baumwipfeln im Westen und durchglüht die bewaldeten Hügellande hinter ihnen mit Gold und flammendem Kupfer, als sie in Sichtweite des Verder Tors kommen, sinken würde sie um diese Jahreszeit allerdings erst zur Stunde des Räubers. Vor dem Tor herrscht noch reges Kommen und Gehen, auch wenn der abendliche Strom von Händlern, Handwerkern, Bauern und sonstigen Passanten längst nachgelassen hat, doch Olyvar gibt sich keinen Illusionen hin. So sehr er sich das auch wünschen würde, es ist völlig undenkbar, dass Brenainn und er in die Stadt gelangen würden, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und natürlich behält er damit recht.


->Verder Tor
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

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