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Rhordri

Stadtbewohner

Beiträge: 41

Beruf: Kastellan der Steinfaust

Wohnort: Talyra

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226

Montag, 24. September 2018, 10:11

Amnesia

Midnight
Not a sound from the pavement
Has the moon lost her memory?
She is smiling alone (Andrew Lloyd Webber; Memory)

22. Beerenreif 518, im Krankenflügel des Branturms, die Stunde des Wolfes


Zu hören, dass ihr (beinahe) mitternächtlicher Schützling 'schon weiß, wer er ist und wo er ist' ist vielleicht nicht viel, aber immerhin ein Fortschritt und Rhordri wertet das als gutes Zeichen. Doch an seine jüngste Vergangenheit, speziell die letzten Stunden und Tage, scheint sich der junge Mann überhaupt nicht erinnern zu können. Rhordri kennt das – er ist zwar kein Heilkundiger oder Aniran, aber er ist schon lange Soldat und hat unzählige Rekruten und Blaumäntel erlebt, wenn ihnen jemand (ob nun während einer Übung, durch einen unglücklichen Unfall oder mit voller Absicht in einem Gefecht) anderes etwas Schweres über den Schädel gebraten hat: nach einer Kopfverletzung ist es völlig normal, dass einem nicht gleich alles haarklein wieder einfällt. Blöd nur, wenn man so als Blaumantel schon gern wüsste, ob irgendein gefährlicher Wegelagerer mit einer Mordskeule in der Nähe der Stadt herumläuft, der sich anscheinend auch vom schlechtesten Wetter nicht davon abhalten lässt, seiner Profession nachzugehen und arglosen Reisenden oder sonstigem Volk die Schädel einzuschlagen.
>Kennt Ihr das, wenn man aufwacht und sich im ersten Moment nicht sicher ist, ob das eben Erlebte Traum oder Wirklichkeit gewesen ist?<
"Hum? Oh, aye. Das kenne ich."
>Dieser Moment hält gerade ungewohnt lange an…<
Kopfverletzungen, denkt Rhordri bei sich und fühlt sich wie eine Autorität auf dem Gebiet. Dann lenkt ihn Aneirins nächste Frage ab. >Uhm… Sire, welchen Tag haben wir heute?<
"Den zweiundzwanzigsten Beerenreif, jedenfalls ein paar Stunden lang noch," erwidert er geduldig und rechnet schon beinahe mit dem prompt folgenden Ausbruch an Ungläubigkeit.
"Oh, nein, nein. Bleibt schön ruhig liegen und haltet den Kopf still, aye? Maester Olgiv wird mir die Ohren langziehen, wenn ich Euch hier so herumzappeln lasse! Ich verstehe ja, dass Euch das alles mehr als azurianisch vorkommt, aber glaubt mir, wenn man einen solchen Schlag auf den Kopf abbekommen hat, kommt es häufig vor, dass man sich nicht sehr gut an die letzten Tage oder Wochen erinnern kann. Genauso häufig kommen alle verloren geglaubten Erinnerungen wieder zurück, aber es kann ein Weilchen dauern. Ihr braucht jetzt viel Ruhe und Schlaf, Ihr dürft Euch nicht so ruckartig bewegen und Ihr müsst Euren Kopf still halten, und au…"
Doch anstatt auf ihn zu hören, erklärt der junge Mann kurz angebunden, er müsse mit Arúen sprechen und macht allen Ernstes Anstalten, aufzustehen – natürlich kommt er damit nicht sehr weit, auch damit hat Rhordri schon so seine Erfahrung. "Ihr müsst Euch als allererstes wieder hinlegen. So, so Arúen, aye? Lady Arúen aus dem Haus Mitarlyr, die Hohepriesterin der Anukis?"
Ein schwaches Nicken antwortet ihm, gefolgt von einem angestrengten >Sire… Rhordri… Ich muss mit Lady Arúen sprechen. Und meine Tochter sehen.< Da der Bäckermeister das so formuliert, nimmt Rhordri an, seine Tochter wäre bei Arúen, vielleicht will er das Mädchen auch hier haben, damit sie sich um ihn kümmern kann, denn er, also Rhordri, hat ja keine Ahnung, dass die Kleine noch ein wirklich kleines Kind ist. Aber Lady Arúen, die kennt er, und froh darum, irgendetwas tun zu können, während er hier auf Olgiv und Tiuri wartet, damit er den und seine Männer zum Frostweg hinaufschicken kann, bevor der andauernde Regen alle möglichen Spuren vollends verwischen würde, nickt er. "Ich lasse sofort nach ihr schicken, aber Ihr legt Euch wieder hin." Gesagt getan und als der Verletzte wieder brav in den Kissen liegt, stapft Rhordri zur Tür, um eines der Botenkinder des Branturms von seinem Strohlager zu werfen, ihm einen Honigfinger (Rhordri hat immer welche in seinen Gürteltaschen, ebenso wie Karamellstücke oder getrocknete Apfelscheiben) in die Hände zu drücken, ihm einzuschärfen, es solle sich nur ja feste Stiefel und einen gewachsten Umhang anziehen, und es dann ins Seeviertel nach Vinyamar zu schicken, um die Herrin Arúen herzuholen. "Richte auf Vinyamar aus, dass ein Aneirin Gerdenwald mit einer Kopfverletzung im Branturm der Steinfaust liegt und nach Lady Arúen verlangt hat – und lass dir von Cassandra etwas Heißes zu trinken geben, bevor du wieder zurückkommst. Wenn du ganz artig bist, nimmt dich die Herrin vielleicht in ihrem Gewirr mit zurück, dann bleibst du trocken." Der Botenjunge – es ist Drossel – nickt und flitzt davon, und noch während der Knirps auf die Treppe zu hastet und dabei auf einem Bein hüpft, weil er mit dem anderen Fuß noch nicht ganz im Stiefel ist, hört Rhordri den schweren, sicheren Tritt eines großen Mannes in Kettenzeug und Leder die Treppen heraufkommen. Gleich darauf erscheint ein gigantischer Schatten im Licht der Peckfackeln an den Wänden, gefolgt von dem Mann, der ihn wirft und der ist kaum kleiner. "Ah, Sire Tiuri, da seid Ihr ja. Tut mir leid, die Nacht bleibt doch nicht so ruhig, wie gehofft." Rhordri, der Meister Borgils baumlangen Ziehsohn gerade bis zur Schulter reicht, nickt nur, blinzelt aber nicht in dessen Gesicht hinauf, weil er sonst nämlich Genickstarre bekäme, dafür lädt er den Korporal der Indigogarde mit einer knappen Handbewegung ein, ihm in den Krankenflügel hinüber zu folgen und setzt ihn dabei kurz über die Ereignisse ins Bild… jedenfalls soweit er das zu diesem Zeitpunkt kann. "Sieht es so aus, als sei er überfallen worden. Ihr werdet Euch ein paar Männer nehmen, hinaufreiten und Euch dort umsehen müssen. Aber wartet noch kurz auf Lady Arúen, sie wird bald eintreffen. Sie scheint eine Bekannte von unserem Schützling zu sein und seine Tochter in ihrer Obhut zu haben, und bringt vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel, warum der Mann überhaupt mitten in der Nacht in festlicher Kleidung und bei einem solchen Wetter mutterseelenallein unterwegs war, wenn er doch in Talyra wohnt. Vielleicht weiß sie auch, ob ihm irgendjemand übel gesonnen ist."
"You can easily judge the character of a man by how he treats those who can do nothing for him."

Malcolm S. Forbes.

Tiuri

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Beiträge: 34

Beruf: Stadtgardist

Wohnort: Goldene Harfe, Talyra

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227

Dienstag, 25. September 2018, 20:58

Tiuri hat das Gefühl gerade erst eingeschlafen zu sein als ein immer lauter werdendes Klopfen an seiner Tür ihn aus dem Schlaf reißt. „Sire Tiuri!“ hört er eine ebenso immer dringlicher werdende Stimme und so schüttelt der Loaritter kurz den Kopf als könnte er sich damit schneller aus Sheilairs Fängen befreien.
„Ich komme!“ ruft er schon mal, damit das verzweifelte Botenkind, das sich offensichtlich nicht traut die Türe zu öffnen, nicht noch in Tränen ausbricht. So gut er auch eigentlich mit Kindern zurechtkommt, gerade einige der jüngeren Botenkinder finden Tiuri mit all seinen 7 Fuß Körpergröße doch etwas einschüchternd. Ebenso eines steht jetzt mit großen, kugelrunden braunen Rehaugen vor ihm und muss dafür den Kopf so weit in den Nacken legen wie es nur irgendwie geht. „Sire Tiuri, Maester Olgiv schickt mich, weil Sire Rhordri gesagt hat Ihr sollt kommen, bitte, in den Krankenflügel. Jetzt.“
Tiuri nickt und unterdrückt ein Gähnen. „Ich komme sofort, hat Maester Olgiv sonst noch etwas gesagt? Worum es geht?“
„Nein Sire!“ schüttelt das Botenkind heftig den Kopf und steigt von einem Fuß auf den anderen, sichtlich in der Hoffnung, dass es zurück in sein warmes Bett gehen darf. „Danke, du kannst wieder schlafen gehen, wenn dir sonst nichts aufgetragen worden ist!“ Er hat den Satz noch kaum beendet flitzt das Mädchen schon die Treppen hinunter ohne sich auch nur noch einmal umzusehen. Lächelnd schließt Tiuri die Tür noch einmal hinter sich, zieht sich zügig aber ohne besondere Eile in voller Montur an und macht sich dann auf den Weg zum Krankenflügel.

Auf den Stufen begegnet er schon Rhordri der ihn mit einer knappen Handbewegung einlädt ihm zu folgen und ihn mit den Worten „Ah, Sire Tiuri, da seid Ihr ja. Tut mir leid, die Nacht bleibt doch nicht so ruhig, wie gehofft“, begrüßt. „Irgendwann muss es ja wieder einmal so sein“, antwortet Tiuri und zuckt mit den Schultern. Er hatte in seinen letzten Bereitschaftsdiensten eine längere Glückssträhne gehabt an denen rein gar nichts vorgefallen ist außer einer außergewöhnlich guten Nachtruhe und einem deftigen Frühstück. „Worum geht es denn eigentlich?“
Rhordri erzählt ihm in knappen Sätzen von Aneirin Gerdenwald, dass dieser auf dem Frostweg vom alten Garol und seinen Söhnen aufgelesen wurde, aber anscheinend einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen hat und sich nicht erinnern kann was passiert ist. „Sieht es so aus, als sei er überfallen worden. Ihr werdet Euch ein paar Männer nehmen, hinaufreiten und Euch dort umsehen müssen. Aber wartet noch kurz auf Lady Arúen, sie wird bald eintreffen. Sie scheint eine Bekannte von unserem Schützling zu sein und seine Tochter in ihrer Obhut zu haben, und bringt vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel, warum der Mann überhaupt mitten in der Nacht in festlicher Kleidung und bei einem solchen Wetter mutterseelenallein unterwegs war, wenn er doch in Talyra wohnt. Vielleicht weiß sie auch, ob ihm irgendjemand übel gesonnen ist.“
Tiuri nickt. „Wo auf dem Frostweg hat Garol ihn denn gefunden? Und hat er irgendetwas dort gesehen? Naja, warten wir mal auf Lady Arúen, vielleicht kann sie ja weiter helfen. Wenn sie auf seine Tochter aufpasst während er unterwegs war wird er ihr wahrscheinlich gesagt haben wohin er unterwegs war.“
Tiuri würde den Verwundeten eigentlich gerne selbst noch einmal befragen, aber gleichzeitig weiß er, dass Rhordri das ausreichend getan hat und außerdem wird er wohl nie vergessen wie verwirrend und furchteinflößend es ist, wenn man irgendwo aufwacht und keine Ahnung mehr hat was eigentlich passiert ist. Immerhin weiß er wer er ist, das ist schon mal ein großer Vorteil. Es bringt also nichts Aneirin jetzt noch weiter zu quälen ehe Lady Arúen eingetroffen ist.

Arwen

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Beruf: Hohepriesterin der Anukis

Wohnort: Vinyamar

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228

Donnerstag, 27. September 2018, 20:22

22./23. Beerenreif zu Beginn der Stunde der Geister



Im Bergfried, im Windschatten des Branturms beginnt die Luft zu knistern und der Regen sich gegen die Windrichtung zu drehen. Dann beginnt sich mit einem grünen Schimmern ein Riss in der Wirklichkeit zu bilden, sich zu entfalten wie eine überdimensionierte Blütenknospe und aus dem Gewirr der Wilden Herrin treten zwei bemantelte Gestalten, die eine hochgewachsen und schlank, die andere deutlich kleiner (und vor Begeisterung um einiges atemloser).

Angesichts der nächtlichen Stunde laufen sie hier im inneren Zwinger der Steinfaust niemandem über den Weg, als Drossel sie umgehend in den Turm und dann treppauf führt, zu den Lazaretträumen Maester Ballabars. Arúen kommt kaum dazu, Drossel noch die ihm zustehenden Kupferlinge des Botenlohns zu geben, da ist der Bursche auch schon auf und davon - vermutlich um sich so schnell wie möglich wieder in den Decken seines Strohlagers zu vergraben.
Alleine steigt die Elbin die letzten Stufen hinauf und steht dann vor der Turm zum eigentlichen Krankentrakt. Kurz überlegt sie, ob sie anklopfen soll, entscheidet sich angesichts der Stunde jedoch dafür, die Tür vorsichtig zu öffnen und leise einzutreten. Es herrscht schummriges Licht und alle Betten bis auf eines sind leer. Und vor diesem sieht sie zwei Männer stehen, deren Silhouetten ihr durchaus vertraut sind: Die untersetzte des Kastellans und die hochgewachsene, athletische von Borgils ältestem Sohn. Auf leisen Sohlen nähert sie sich den beiden Männern um deren Gespräch nicht zu unterbrechen oder Aneirin zu wecken, sollte er schlafen.

"Hauptmann Rhordri, Sire Tiuri… die Götter zum Gruße." Sie nickt den beiden Männern grüßend zu. Der Loaritter sieht angesichts der Stunde erstaunlich ausgeschlafen aus. Und unter anderen Umständen - also in der eher familiären und freundschaftlichen Umgebung der Harfe – ist der Umgang zwischen ihnen ungezwungener, als jetzt und hier in der offiziellen Umgebung der Steinfaust. Für einen Moment ruht der Blick der Elbin auf dem Korporal der Indigogarde und versucht diese so ganz andere Erscheinung in Kettenzeug und Leder mit dem jungen Mann in Einklang zu bringen, den sie von sporadischen Zusammentreffen bei ihren Besuchen in der 'Harfe' kennt. Mit einem Ruck sammelt sie ihre abschweifenden Gedanken ein und lässt sie den Blick über Aneirin streifen. "Was ist mit Aneirin passiert?" Rhordri bringt sie mit ruhiger Stimme auf den Stand der Dinge, die er bereits in Erfahrung bringen konnte: Wie und wo er gefunden wurde. Von seiner Kopfverletzung, die von Maester Olgiv bereits versorgt wurde, dem jungen Mann aber trotzdem noch mit unangenehmen Folgen wie Schwindel, Übelkeit und dem Verlust eines Teils seiner Erinnerungen zusetzt. Und dass er nach Arúen verlangt habe und seine Tochter sehen wolle. Ob sie wisse, wo Aneirin den an diesem Abend in festlicher Kleidung hingewollt habe, dass man ihn auf dem Frostweg gefunden habe.

Jedes Wort, das sie hört beunruhigt Arúen ein wenig mehr. Als der Kastellan schließlich endet, kann sie erst einmal nur den Kopf schütteln. "Nein, ich weiß nicht wo er war… Eigentlich sollte er noch gar nicht hier in Talyra sein. Er ist vor zehn… nein, Mitte Grünglanz also vor zwölf Siebentagen aufgebrochen um seine Familie in Waldhag zu besuchen, jetzt wo Brianna mit vier Jahren alt genug für eine solche Reise ist. Ende Sonnenthron hat er einen Botenraben geschickt, dass sie sich in den nächsten Tagen auf den Rückweg nach Talyra machen würden. Ich habe dann auch der Witwe Gylsten und seinem Gesellen Bescheid gege-" Dann stutzt die Elbin mitten im Wort, als ihr etwas bewusst wird, was Rhordri eben gesagt hat. "Wenn er seine Tochter sehen will, warum ist sie dann jetzt nicht hier bei ihm? Ist sie auch verletzt?"
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

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Rhordri

Stadtbewohner

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Beruf: Kastellan der Steinfaust

Wohnort: Talyra

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229

Mittwoch, 10. Oktober 2018, 09:04

Humpty Dumpty

Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again. (Nursery Rhyme)


In der Nacht vom 22. auf den 23. Beerenreif

Als Lady Arúen in der Steinfaust ankommt, seufzt Rhordri erleichtert auf – die Elbin würde bestimmt etwas Licht ins Dunkel bringen, und wenn sie ihnen nur etwas mehr über diesen Aneirin Gerdenwald berichten kann, oder sich vielleicht sogar gleich ganz der Sache annehmen. Die Geschichte, dass sie Varin unlängst - wenn auch nur für eine Schrecksekunde - in einen Frosch verwandelt hatte, hat unter den Blaumänteln längst die Runde gemacht und ist auch bis an Rhordris Ohren gedrungen - die Gerüchte über das Warum sind allerdings bestenfalls vage: wegen ihres Verlobten, der mit einigen anderen Heilern nach Gríanàrdan ins Feindesland verschwunden war, etwa. Aber da Varin, mag er selbst auch noch so über diese ganze Sache schimpfen, nicht geduldet hat, dass man deswegen schlecht von Arúen denkt oder gar über sie redet, ist Rhordri im Stillen zu dem Schluss gekommen, dass der Hauptmann der Wächtergarde es entweder verdient hatte, für ein Weilchen ein Frosch zu sein oder das ganze eine Art Unfall gewesen sein muss. Entgegen seiner sonstigen Angewohnheiten ist Varin nämlich geradezu ritterlich verschwiegen, was die Ereignisse auf Vinyamar an jenem denkwürdigen Tag angeht, auch wenn er mit grimmiger Miene behauptet, er würde sich dem Ulmenanwesen und erst Recht seiner Herrin bestimmt nie wieder auch nur auf Schussweite nähern.

Rhordri ist also gerade dabei, Tiuri möglichst genau zu erklären, wo der Zimmermann und seine Söhne den Verwundeten am Kreuzweg aufgesammelt hatten, soweit die beiden das zu Protokoll hatten geben können, als Arúen zu ihnen stößt. "Nein, nicht so nahe am 'Trunkenen Troll'. Ein Stück weiter hinauf gibt es einen kleinen Eichenhain am Kreuzweg mit drei besonders dicken, alten Bäumen direkt am Wegesrand, die Leute von Steinmühle und Findmor nennen sie die Drei Schwestern. Der alte Garol hat gesagt, sie haben ihn auf halber Strecke zwischen der alten Jagdhütte im Schlingengrund und dem 'Trunkenen Troll' aufgegabelt, vielleicht fünfzig Schritt südlich der Drei Schwestern... oh, M'lady Arúen, wie gut, dass Ihr hier seid. Aye, den Göttern zum Gruß," erwidert er murmelnd ihre Begrüßung, und dann berichtet er auch der Hohepriesterin alles, was er selbst bisher über die Geschehnisse dieser regendurchtränkten Nacht weiß. So zusammengefasst ist das, wissen die Götter, allerdings wenig genug. Lady Arúens Antworten auf seine eigenen Fragen sind ebenfalls eher ernüchternd. >Eigentlich wollte er schon letzten Shentag zurück sein, aber dann hat er einen Botenraben geschickt, dass sie noch auf eine Hochzeit in einem Nachbardorf eingeladen wären und sie einen Siebentag später zurück sein würden. Ich habe der Witwe Gylsten und seinem Gesellen Bescheid gege-...< Hier fällt der Hochelbin siedend heiß etwas ein – Rhordri kann es sehen und Tiuri ebenfalls, denn beide setzen synchron alarmierte Mienen auf - >Wenn er seine Tochter sehen will, warum ist sie dann jetzt nicht hier bei ihm? Ist sie auch verletzt?<

"Seine Tochter?" Echot Rhordri in völliger Verwirrung. "Was? Nein, die ist doch gar nicht hier. Ich dachte, sie sei in Eurer Obhut...?" Das ist offensichtlich nicht so, und Rhordri hat das Gefühl, sich erklären zu müssen. "Nun ja, er hat verlangt Euch zu sehen und im selben Atemzug von seiner Tochter gesprochen, also nahm ich an... " der alte Kastellan der Steinfaust rauft sich den dichten, grauen Backenbart in plötzlichem Begreifen. "Also wenn sie nicht bei euch ist, sondern bei ihm war... herrje! Das heißt, sie ist mutterseelenallein bei dem Wetter im Wald! Oder noch schlimmer... verletzt... oder... wie alt ist das Mädel überhaupt? Wie sieht sie aus?" Während Arúen hastig eine Beschreibung der Kleinen herunter rattert und dieser mysteriöse Fall mit einem mal eine weit dringlichere und ganz andere Dimension bekommt, nickt Tiuri schon und murmelt etwas davon, dass er auf der Stelle einen Trupp zusammenstellen und genug Hunde mitnehmen würde. "Aye, natürlich, natürlich," brummt Rhordri sorgenvoll. "Und Korporal – wen immer Ihr sonst von den Hundeführern mitnehmt, besteht auf Leoman dem Jungen und seinem 'Klimt' vom Zweiten Trupp der Spähergarde. Der Köter ist ein schwarzer Roanner und hat eine bessere Nase als alle anderen zusammen. Wenn einer eine Chance hat, bei diesem Regen eine Spur zu finden, dann er." Er nickt Borgils Ziehsohn noch einmal zu, der schon halb auf dem Absatz der Treppen ist, um sich auf den Weg zu machen, dann geleitet er Lady Arúen ans Lager des Bäckermeisters. "Hier, M'Lady. Er döst immer wieder weg, aber er soll ja auch möglichst ruhen, sein Schädel hat einen ganz schönen Schlag abbekommen. Maester Olgiv – der hat ihn versorgt, wisst Ihr – sagt außerdem, er war ziemlich unterkühlt, aber ansonsten scheint ihm nichts zu fehlen. Außer, dass er sich kaum an etwas erinnern kann. Ihm fehlen wohl mehr als ein paar Tage an Erinnerungen vor dem nächtlichen Überfall."
"You can easily judge the character of a man by how he treats those who can do nothing for him."

Malcolm S. Forbes.

Aneirin

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Beruf: Bäcker

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230

Gestern, 23:08

In der Nacht vom 22. auf den 23. Beerenreif

Am liebsten hätte Aneirin laut geseufzt als sich sein Bewusstsein ein weiteres Mal ganz langsam aus einem leichten Schlaf schält und die dunkelbrummende Stimme des Kastellans vernimmt. Bisher hofft er noch ein jedes Mal, zuhause in seinem Bett aufzuwachen mit der Erkenntnis, dass eigentlich alles in Ordnung ist und er wohl geträumt haben muss. Kurz blinzelt er, sich umzusehen, und kann Sire Rhordri in der Nähe ausmachen wie er mit einem geradezu hünenhaften Mann spricht, den Aneirin zumindest nicht auf Anhieb erkennt. Für mehr mag seine Aufmerksamkeitsspanne in diesem Augenblick allerdings nicht herhalten, als sein Kopf sich wie durch Geisterhand wieder auf die andere Seite wendet und ihm die Augen ein weiteres Mal zufallen.
Es ist der sehr zarte Duft nach Kräutern gepaart mit einem Hauch Lavendel, der ihn zart lächeln lässt, weckt dieser Geruch doch in ihm ein Gefühl der Vertrautheit, wenngleich er sich des Ursprungs noch nicht wirklich sicher ist. Langsam neigt er den Kopf auf die andere Seite und nötigt seine trägen Lider, sich zu heben.
„Arúen…“, kommt es ihm etwas heiser, aber lächelnd über die Lippen. „Du hier?“ Musternd gleitet sein Blick über die Züge der Elbin. „Ist alles in Ordnung? Du siehst besorgt aus“, fragt er vorsichtig nach, immer noch dabei diese Situation und die Anwesenheit der Shida’ya einzuordnen und setzt sich dabei schwerfällig auf. Eine seltsame Trägheit durchzieht seinen ganzen Körper, ohne dass er zuordnen könnte, worauf das zurückzuführen ist. Mit einer Hand fährt er sich durch Gesicht und Haar, streift mit den Fingern den Verband um seinen Kopf. Da hält er stutzend inne und lässt seinen Blick durch den Raum wandern. Richtig… Ich vergaß…
Als er Arúen wieder ansieht, bemüht er sich wieder um ein Lächeln, wenngleich es deutlich befangener ist als zuvor. „Ja, ich habe Sire Rhordri darum gebeten, mit dir sprechen zu können. Ich…“ Der Bäckermeister hält einen Augenblick inne und sucht nach den richtigen Worten. „Ich fühle mich etwas… verwirrt. Ich meine, ich… fühle mich irgendwie herausgerissen aus… wie soll ich sagen… Raum und Zeit? Ich kann mich nicht erinnern wie ich her gekommen bin. Ich meine dabei nicht mal hierher“, untermalt er mit einer Geste seiner Hand. „Ich meine nach Talyra überhaupt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich schon hier sein sollte. Ja, ich weiß ja noch nicht einmal sicher, ob ich wirklich fort war oder ob das Traumbilder und keine Erinnerungen sind.“
Aneirin seufzt erschöpft und fährt sich mit den Händen durch das Gesicht. Langsam, nicht, dass ihm wieder übel wird. Daraufhin sieht er die Elbin mit einem müden Lächeln wieder an. „Ich dachte, dass du mir vielleicht weiterhelfen könntest…?“ Der vorsichtig fragende Blick, der seine Stirn runzeln lässt, wird begleitet von einem beinahe entschuldigenden Schulterzucken. „Ach, und…“, fällt ihm dann auch wieder ein. „Hast du Brianna schon gesehen? Ich weiß gerade nicht, wo sie ist. Ich hatte den Kastellan eigentlich gebeten, sie sehen zu dürfen. Womöglich erschien ich ihm bisher nicht so ganz zuverlässig und man wollte warten bis du hier bist“, lacht er leise.
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