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Yara

Stadtbewohner

Beiträge: 44

Beruf: Jägerin des Ordens

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Sonntag, 14. Oktober 2018, 00:54

The heart of the matter

15. Grünglanz 518 auf dem Kreuzweg nach Talyra

Courage doesn't mean you don't get afraid.
Courage means you don't let fear stop you. (Unknown)


Brrrr... Als Tochter der Wüste hat sie fast fünfhundert Jahre in Hitze gebadet und die anderen fünfhundert Jahre haben schlicht nicht ausgereicht, um an ihrer Abneigung gegenüber allem Kalten etwas zu änder. Es kostet Yara daher einiges an Überwindung und Zeit in das verhältnismäßig kühle Wasser des Baches zu steigen und sie nimmt sich nicht ganz so viel Zeit sich zu waschen, wie Ælla. Ein paar Handvoll Wasser reichen ihr völlig aus, um sich erfrischt und sauber zu fühlen. Außerdem ist sie der jungen Rhínemoor eigentlich nicht gefolgt, um ein Bad zu nehmen, sondern um mit ihr zu reden. Seit drei Tagen herrscht zwischen Ælla und Olyvar ein verstimmtes Schweigen. Seit du ihn zu ihr geschickt hast. Es ist nicht zu übersehen. Weder für sie, noch für Brenainn, der manchmal gar nicht merkt, dass ihm das völlige Unverständnis deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Für den jungen Halbzwergenshebarucmischling und neuerdings frischgeeideten Shenrahritter ist die Sache so glasklar wie cardosser Glas. Sie mag ihn. Er mag sie. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Die unschuldige Schlichtheit des kindlichen Denkens empfindet Yara als eine unbezahlbares Geschenk, aus dem die meisten leider irgendwann herauswachsen und das von den Großen zu oft als Unerfahrenheit oder Naivität abgetan wird. Ælla aber scheint ihr offen für diese Art zu denken und möglicherweise hätte sie mehr davon mit Brenainn über ihre Probleme mit Olyvar zu reden, denn der Junge würde mit Sicherheit die richtigen Worte finden, um sie aufzumuntern und sie in ihrer Überzeugung zu bestärken, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Was hast du für das Mädchen? Außer Zweifel und eine Aufgabe, die unerfüllbar scheint? Tropfend nass und von Kopf bis Fuß in Gänsehaut gehüllt watet Yara aus dem Wasser ans Ufer, wo sie umgehend wieder in ihr weiches Lederkleid schlüpft und sich dann neben Ælla auf den bleichen, glatten Felsen niederlässt, welche einen Teil des Bachlaufs säumen. Der Stein verströmt eine behagliche Wärme und Yara macht es sich rücklings mit ausgestreckten Beinen bequem. Eine Weile lang beobachtet sie Ælla stumm dabei, wie diese ihr unheimliches langes und beneidenswert volles Haar mit ihren Fingern ausgekämmt, bis es sich in glänzenden Locken und Wellen über ihren schmalen Rücken hinab windet. Ihr eigenes Haar erinnert frisch gewaschen immer ein bisschen an eine explodierte Scheuerbürste. "Du lernst schnell", anerkennt sie lächelnd, als Ælla gleich darauf mit flinken Griffen die ersten Strähnen teilt und mit dem Flechten beginnt. "Ich war immer geschickt mit meinen Händen, aber andere Dinge zu lernen fiel mir schwerer. Ich musste arbeiten wie ein Pferd, um in der Tempelschule die Allgemeinsprache zu erlernen und noch härter hatte ich mit der Buchführung zu kämpfen", erwidert diese daraufhin ganz bescheiden. Yara kann nicht genau sagen, woher Ællas Neigung ihr Licht unter den Scheffel zu stellen kommt. Sie vermutet, dass drei ältere Brüder und ein Rebellenvater, die alle etwas anderes zu tun hatten, als der einzigen Tochter der Familie besondere Anerkennung zukommen zu lassen, für deren Genügsamkeit verantwortlich gemacht werden können. "Aber du hast gearbeitet wie ein Pferd. Das ist eine Disziplin, über die nicht viele verfügen", weist Yara die junge Rhínemoor auf das Wesentliche hin, woraufhin diese prompt den Mund zum Widerspruch öffnet... ihn allerdings nur einen Herzschlag später auch schon wieder unverrichteter Dinge schließt. Mit einem gönnerhaften Schmunzeln klopft Yara ihr sanft auf den Rücken: "Braves Mädchen", wofür sie ein kleines, aber feines Schnauben erntet. Dann wechselt sie fließend das Thema und sie tut sie es offen und mit einer Stimme, die sich keinerlei Urteil erlaubt: "Was denkst du über die Prophezeiung?"

"Welche?", will Ælla freudlos wissen und beantwortet damit direkt eine ganz andere Frage, die Yara sich im Laufe der letzten drei Tage gestellt hat, nämlich ob Olyvar seine Frau inzwischen in alles eingeweiht hat. "Seine", spezifiziert sie und lenkt Ællas Blick damit auf das Wesentliche. Es geht hier gerade um niemand anderen, als sie und Olyvar. Die runden Schultern unter der Haarflut heben sich unter einem lautlosen Seufzen. "Ich weiß überhaupt nicht, was ich davon halten soll."
"Glaubst du an sie?"
"Wie könnte ich nicht, nach allem, was ich gehört habe."
"Dann ist sie also wahr?"
"… ja?... ich nehme an. Ja. Bisher ist alles wahr geworden."
"Und was sagt die Prophezeiung über dich und Olyvar?"
"Mich? Mich? Wieso mich?"
An dieser Stelle setzt sich Yara auf und blickt Ælla in das aufrichtig verblüffte Gesicht. Ach herrje... Das ist dann doch an ihrer ach so alten und weisen Intuition vorbeigegangen. Als sie Olyvar zu seiner Frau geschickt hat, ist ihr nicht einmal der Gedanke gekommen, dass der Mann das Essentielle anscheinend völlig unter den Tisch hat fallen lassen. "Warte... was genau hat Olyvar dir vor drei Tagen erzählt? Er hat dir schon alles gesagt, oder?"
"Was soll das heißen 'alles'? Gibt es da noch mehr?"
"Erzähl mir einfach, was er gesagt hat. Wort für Wort."
Also betet Ælla Wort für Wort alles herunter, was Olyvar ihr in dieser einen Nacht erzählt hat... und weil Yara sie nicht unterbricht, erzählt sie noch ein bisschen mehr, bevor sie ganz urplötzlich verstummt, als hätte sie mit einem Mal ihre Zunge verschluckt. Das bringt allerdings überhaupt nichts, weil Yara ihr von der Nasenspitze ablesen kann, was danach passiert ist. Nach einem weiteren kleinen Seufzen endet Ælla mit: "Ich verstehe nicht, warum Olyvar so stur darauf beharrt, dass es nichts mehr als Leidenschaft zwischen uns geben kann."
er hat es also tatsächlich versäumt ihr das Wichtigste zu sagen, wird ihr klar und dieses Mal ist sie es, die seufzt, ehe sie erklärt: "Weil er Angst hat."
Daraufhin zieht Ælla mit einer Mischung aus Zweifel und Unglauben die Stirn kraus: "Olyvar hat vor nichts Angst."
"Doch, hat er", beharrt Yara und legt Ælla sanft eine Hand aufs Knie: "Um genau zu sein, fürchtet er sich vor dir zu Tode."
"Vor mir?", echot Ælla und wirkt beinahe ein bisschen gekränkt, als fühlte sie sich durch die Aussage auf den Arm genommen. Es ist nicht schwer zu sehen, wieso, zumindest wenn man, wie die junge Rhínemoor selber, nur das Offensichtliche betrachtet. "Das ist doch lächerlich. Was könnte ich ihm denn schon tun?"
"Du könntest ihn verlassen."

Yara kann gar nicht so schnell schauen, wie Ælla daraufhin in die Höhe schießt und ehe sich die Schamanin versieht wird ihr von oben herab mit verschränkten Armen und todernster Miene leicht aufgebracht beschieden: "Nein, das kann ich nicht. Er hat mich geheiratet, um mir das Leben zu retten und ich bin durch mein Wort an ihn gebunden. Ich habe versprochen ihm eine gute Ehefrau zu sein! Außerdem trage ich sein Kind unter meinem Herzen. Höchstwahrscheinlich." An dieser Stelle schiebt Yara ein Leises: "Ziemlich sicher", dazwischen, das Ælla allerdings komplett überhört, weil sie damit beginnt unruhig auf den Felsen auf und ab zu tigern. Geduldig wartet Yara ab, denn sie spürt, dass Ælla noch nicht alles gesagt hat, was sie sagen will. Vielleicht auch sagen muss. Und irgendwann hält diese tatsächlich im Schritt inne und murmelt kleinlaut in die schwüle Abendluft: "Selbst wenn das alles nicht wäre... ich könnte ihn nicht verlassen. Weil ich ihn liebe und ohne ihn einfach nicht sein kann."
"Und Olyvar liebt dich", spricht Yara aus, was inzwischen jedem klar ist und erhebt sich ebenfalls. "Alles, was ihn davon abhält, das zuzugeben, ist die Prophezeiung. 'Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen. Wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben und wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren.' Das ist der Abschnitt, den er offenbar auf dich bezieht. Aber wie geht es weiter. Sag es mir."
"'Wenn die Dunkelheit dich verschlingt und die Einsamkeit dich umgibt, lass Mitleid und Pflicht deine Führer sein, sie weisen dir den einzigen Pfad zur Erlösung.' Aber... "
"Warum hat er dich geheiratet?", unterbindet Yara Aellas Versuch abzuschweifen sofort und drängt sie auf dem Pfad der Erkenntnis unerbittlich weiter. Daraufhin liefert Ælla ihr eine perfekte Kopie von Olyvars universellem Schnauben, in das man alles hineininterpretieren kann, von einem Kuchenrezept bis zu einer Kriegserklärung und mockiert seine Aussage vor dem Priester im Amitaritempel in Suthaward: "Weil ich jung und hübsch bin und ihm viele Kinder schenken kann?" "Spiel nicht mit deinem Schicksal, Kind", weist Yara Ælla daraufhin streng zurecht, woraufhin diese beschämt zu Boden blickt und flüstert: "Es tut mir leid. Es ist nur..." Sie lässt die Arme sinken. "Olyvar hat mich geheiratet, um mir das Leben zu retten. Und das werde ich ihm nie vergelten können." Behutsam nimmt Yara daraufhin Ællas Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und hebt es an, bis das weiche, runde Gesicht mit den vollen Wangen und den gläsernen Augen offen und weit unter ihr liegt und sie darin lesen kann, wie in einem aufgeschlagenen Buch.

"Aus Mitleid und Pflicht", spricht sie aus, was Aella und Olyvar vor ihr schon gedacht und gesagt, aber nicht wirklich wahrgenommen haben und zieht damit die direkte Verbindung zur Prophezeiung. "Er hat dich aus Mitleid und Pflicht geheiratet, Ælla und das macht dich zu seiner Erlösung."
"Er glaubt das nicht."
"Weil er Angst hat. Weil er glaubt, dass er seine Prophezeiung erfüllt, wenn er es zugibt und alles von vorne beginnt. Weil er glaubt, dass seine Prophezeiung ein Höllenkreis ist, dazu verdammt sich auf ewig zu wiederholen. Er sieht nicht, dass sie sich längst erfüllt hat. Mir dir." Ælla gibt ein ganz und gar verzweifeltes Geräusch von sich, wie das Mauzen eines verlorenen Kätzchens und Yara kann die Hoffnung sehen, greifbar nah und doch unerreichbar fern, weil die junge Rhínemoor sich nicht getraut danach zu greifen. "Ich. Wie könnte ich? Ich bin eine einfache rhaínländische Händlerstochter." Sie vergleicht sich mit den anderen. Mit dem Grauen Schnitter und der Wolkenprinzessin, mit der Goldenen Schlange und dem letzten Sohn Amaras, mit dem berühmtesten Zwergen beider Hemisphären und seiner vielleicht noch berühmteren Frau und einer jahrtausendealten, elbischen Anukishohepriesterin. Und übersieht dabei völlig, dass das Schicksal sich nicht um Standesdünkel, Alter, Herkunft, Berufung oder Namen kümmert. Das Schicksal ist allsehend und blind zugleich. "Solche Dinge geschehen in Märchen und in Bardenliedern, aber nicht einer... einer einfachen rheinländischen Händlerstochter", bekräftigt Ælla noch einmal, woraufhin Yara ihr einfach widerspricht: "Doch. Das geschieht überall und es geschieht andauernd. Glaube mir. Ich bin mit dem Schicksal bestens vertraut. Wir sind alte Freunde. Ich weiß zum Beispiel, dass die Goldene Schlange einmal nicht mehr war als die Tochter eines einfachen Perlentauchers von den Malankarküsten und deine hoch verehrte Wolkenprinzessin nur ein Kind von vielen und ein verzogenes Rotzgör obendrein. Ihr geliebter Grauer Schnitter war in jungen Zeiten ein furchtbarer Weiberheld. Er hat eine Spur gebrochener Herzen hinter sich hergezogen, so lang wie von hier bis zum Ildorel und der letzte Sohn Amaras hatte einst als billiger Söldner seinem Gewissen abgeschworen. Borgil Blutaxt ist aus dem gleichen Stein gewachsen, aus dem tausende andere, völlig unbekannte Zwerge vor ihm und nach ihm gewachsen sind und seine Frau wurde in die Bedeutungslosigkeit der Sklaverei hineingeboren. Erst das Schicksal hat aus ihnen gemacht, was sie heute sind. Und es wird aus dir machen, wozu du bestimmt bist und ich weiß, es hat dich für Olyvar ausgesucht."
"Antworte dem, der dich ruft."
(Sprichwort der Nandé)

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