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Montag, 4. Juni 2018, 00:33

Out of nothing at all

In der Nacht vom 8. auf den 9. Sturmwind 518, im Schwarzen Bullen in Suthaward

The beating of my heart is a drum and it's lost
And it's looking for a rhythm like you
You can take the darkness from the pit of the night
And turn into a beacon burning endlessly bright
I gotta follow it cause everything I own, now
It's nothing till I give it to you (J.R. Steinman)

Tomorrow we will wake together.
Tonight, I'll follow you.
Trusting,
Open,
Ready to be your wife. (Amanda Quraishi)


Für den Schmerz und das Blut und das Leben. Ælla gibt sich die allergrößte Mühe, nicht schon wieder verlegen zu werden und weiß nicht, ob es ihr gelingt. Unter dem wollenen Schultertuch ist ihr ohnehin furchtbar warm, denn im Kamin prasselt ein Feuer und der Wein, den sie so hastig hinuntergestürzt hat, tut sein übriges. Sie hat noch nie viel Wein, Graav- oder Schwarzbier getrunken, etwas Stärkeres schon gar nicht, so dass sie den Alkohol einfach nicht gewöhnt ist. "Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden," erwidert sie also, immer noch ein wenig verlegen, gleichzeitig jedoch auch – wie sie findet – recht vernünftig. Für sie ist es wissen die Götter keine Kleinigkeit, hier mit einem Mann zu sitzen und so offen über solche Dinge zu sprechen, und dass er ihr Ehemann ist, macht die Sache keineswegs besser, im Gegenteil. "Ich weiß, wie Tiere sich paaren... Schafe, Schweine, Hunde... oh, und Pferde."
Ihre Mutter war so früh gestorben und eine andere weibliche Verwandte hatte sie nicht gehabt, die mit ihr über all diese Dinge gesprochen hätte. Auch ihre alte Magd zu Hause nicht, die für Männer nie etwas übrig gehabt hatte. Im Frühling, als sie dreizehn geworden war, hatte Kenrik bar'Koneræd einen Hengst für die Zucht erworben. Sie waren zu den Weiden gegangen und dort Zeugen geworden, wie er eine rossige Stute besprungen hatte. Ihr Vater war stehengeblieben, hatte auf die Szene gedeutet und nur gefragt, ob sie darüber hinreichend Bescheid wisse. Ælla hatte nicht geantwortet, aber alles gebannt beobachtet, die Hand auf ihr Herz gelegt, ein ganz andächtiges Gesicht gemacht und nach einer geraumen Weile gesagt: "Das ist aber schön." Natürlich war ihr Vater, der wohl eher mit Verlegenheit gerechnet hatte, überrascht gewesen, doch dann hatte er nur erwidert: "So kann man es auch sehen," und hinzugefügt, dass darauf alles Leben und die ganze Schöpfung beruhe. Die Stute war laut wiehernd in die eine Richtung galoppiert, der Hengst in die andere. Ihr Vater hatte weitergehen wollen, doch sie hatte ihn zurückgehalten. "Warte!" Dann waren auch die Pferde zurückgekehrt, hatten sich einander zugewandt, sich unendlich zart mit den Nüstern berührt, ihre Köpfe aneinander gerieben. Mehr war ihr an unmittelbarer Aufklärung nicht zuteil geworden.
"Ich... ich nehme an, bei Menschen... wird es nicht so verschieden sein."
"Ahm," macht Olyvar und für einen halben Herzschlag lang malt sich so etwas wie komischer Schrecken auf seinen Zügen. Dann überwiegt die Belustigung und er kämpft mit einem Lächeln. Immer wenn er lächelt, hat sie ein bisschen weniger Angst vor ihm, also erwidert sie es zaghaft. "Nun, es ist langsamer," fährt er fort, und als er ihren nervösen Blick bemerkt, fügt er hinzu: "Sanfter auch, denke ich." Ælla nickt wortlos und als sie den Kopf senkt, fällt ihr Haar ihr wie goldene Flügel vor das Gesicht, doch er hat die verräterische Röte auf ihren Wangen bestimmt gesehen. "Ich weiß, dass es... wenn du... wenn wir..."
"Du weißt, dass es wehtun wird. Aye, das stimmt wahrscheinlich. Ganz egal, wie behutsam ich sein werde oder wie viel Zeit ich mir lasse. Beim nächsten Mal wird es besser."
"Dass es zuerst schmerzt, das... das macht mir nichts aus," erwidert sie tapfer und muss ein wenig schlucken. Sie wird den Gedanken an die Frau, die vor Erleichterung geweint hatte, als der Heiler ihr verboten hatte, noch mehr Kinder zu bekommen und die Stimme ihrer Mutter, die gesagt hatte, wenigstens bliebe ihr nun das Ehebett erspart, einfach nicht los. Allmählich klingt das alles so furchtbar, dass sie sich fragt, wie die Huren vom Fluss das nur über sich bringen, egal wie viel Silber sie dafür bekommen. "Ich hätte es nur wirklich gern hinter mir, damit ich mich deswegen nicht mehr fürchten muss."
"Hinter dir," wiederholt er leise und seine Mundwinkel zucken, obwohl er überhaupt nicht mehr aussieht, als sei ihm nach Lachen zumute. Doch dann steht er so unvermittelt auf, das sie albernerweise zusammenfährt und zieht auch sie auf die Füße. "Was macht Ih... machst du?"
"Ich schaffe ein Problem aus der Welt... wenn du mich lässt."

Sie kann nicht schlucken, noch nicht einmal mehr atmen. Was zwischen ihnen geschehen soll, ist mit abrupter Plötzlichkeit wirklich geworden und es wird bald geschehen. Sie wird mit ihm in diesem Bett liegen, bei ihm liegen, eins mit ihm werden. Krampfhaft versucht sie sich daran zu erinnern, ob ihre Eltern gern miteinander verheiratet gewesen waren, wie es zwischen ihnen gewesen war, und kann sich nicht mehr wirklich erinnern. Dann hat sie Berrits Stimme im Ohr, die sagt, es sei immer noch besser, nur für einen Mann die Beine breit zu machen, als für alle. Das Bild der vergewaltigten Frau auf dem niedergebrannten Bauernhof schiebt sie so entschlossen von sich, wie sie nur kann. Sie wird ihr Leben mit diesem Mann verbringen müssen, seinen Alltag teilen, für ihn sorgen, vielleicht seine Kinder gebären. Sie kann sich nicht ewig davor ängstigen und sie kann sich auch nicht ewig vor ihm fürchten. Sie will leben, aber sie will wirklich nicht für immer in Angst leben müssen. Brenainn, sein Knappe, scheint ihr ein guter Junge zu sein, ihr tapferer kleiner Galan – und er hat ihn sehr gern. Auch die dunkelhäutige Fremde scheint viel für ihn übrig zu haben. Als Asger am Tempel aufgetaucht war, waren sie beide ohne zu Zögern bereit gewesen, an seiner Seite ihre Leben zu riskieren. Und über den Lord Commander von Talyra hat selbst sie schon Geschichten gehört, in denen es heißt, seine Männer würden ihm überall hin folgen. Olyvar selbst hat gesagt, er würde behutsam sein und sie weiß immerhin bereits soviel über ihn, dass er ein Mann ist, der zudem steht, was er sagt. 'Einander nahe sein, ineinander sein. Haut an Haut, den Schweiß des anderen riechen, ihn schmecken, die geheimsten Stellen des anderen berühren, sein Inneres…' Das waren seine Worte, und obwohl sie so bitter geendet hatten, sie hat auch die leise Sehnsucht, gehört, die in seiner Stimme mitgeklungen hatte. Kann sie ihm das bieten? Kann er ihr das geben? Würden sie das haben? Ein bisschen Schmerz kann ich bestimmt aushalten, sagt sie sich, also macht sie einen zaghaften Schritt auf ihn zu, im gleichen Moment, als auch er auf sie zutritt. "Ich... du kannst jetzt... ich bin bereit."
Zu ihrer allergrößten Überraschung lacht er leise. "Nein, bist du nicht," murmelt er, dann umfasst er ihr Gesicht mit beiden Händen, wie er es im Tempel schon getan hat und küsst sie - und wieder erstarrt sie, wenn auch nur für einen Moment und diesmal mehr vor Überraschung, als vor Schreck. Er ist wirklich sanft, sehr sogar. Diesmal hat sein Kuss überhaupt nichts zeremonielles an sich und Ælla spürt das warme, aufregende Flattern erneut bis in den Magen, sogar bis tief hinein in ihr Inneres. Nur sein Mund liegt auf ihrem, sanft und fest und warm... und irgendwie besitzergreifend, aber ohne eigentlich etwas zu fordern. Sie hätte ihn mit einer Fingerspitze wegstoßen können, aber sie tut es nicht, sie will es gar nicht, sie will überhaupt nicht, dass er aufhört. Aus der Wärme wird ein Glühen und ein ihr fremdes Gefühl, fast wie Erschrecken, doch süß, so süß, erwacht in ihrem Körper – an allen möglichen und unmöglichen Stellen, die er überhaupt nicht berührt und trotzdem auf geheimnisvolle Weise zum Leben erweckt. Innerhalb kürzester Zeit schlägt ihr Herz wie eine Trommel in ihrer Brust, so laut, dass er es einfach hören muss. Sie ist in ihrem ganzen Leben noch von keinem Mann geküsst worden, erst recht nicht von einem, der genau weiß, was er tut, und ehe sie sich versieht, schmiegt sie sich an ihn. Sie füllt ihre Nase mit seinem Geruch, der irgendwie eisern, dunkel und erdig ist, aber gleichzeitig warm wie Leder. Er riecht so gut, dass sie überhaupt nicht genug davon bekommen kann und ihn einatmet wie Sauerstoff. Im nächsten Moment schließen sich seine Arme um sie, seine großen Hände umfassen ihren Nacken und seine Finger graben sich in ihr Haar. Was so sanft und behutsam war, verändert sich und wird zu etwas, das ganz und gar herrlich ist, von dem es jedoch kein Zurück mehr gibt, das begreift selbst sie sofort. Allmählich dämmert ihr, was er damit gemeint hat, als er sagte, das würde sie lehren mit dem Feuer zu spielen. Aber hier ist sie, hier ist er - und das Feuer ist es auch. So von ihm geküsst zu werden ist ganz bestimmt der Himmel auf Erden und als er seinen Mund über ihrem öffnet, tut sie es ihm willenlos gleich. Was dann folgt, rauscht ihr tatsächlich wie flüssiges Feuer durch die Adern, bis hinunter in ihre Fußspitzen. Obwohl sie schon auf ihren Zehenspitzen steht und praktisch an ihm klebt, ist sie ihm immer noch nicht nahe genug, nicht einmal ansatzweise, denn Olyvar ist so groß und sie ist so klein – und plötzlich verliert sie den Boden unter den Füßen, weil er sie einfach hochhebt, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Sie schlingt ihre Arme um seinen Nacken und drängt sich an ihn, näher und näher und noch näher, und auch das ist einfach noch nicht nahe genug, und er küsst sie weiter und weiter, als wäre das alles, was er will oder braucht. Aber ihr genügt das nicht, jetzt nicht mehr, denn sie braucht etwas, will etwas; da ist diese pochende Leere in ihr, die... und dann hört er einfach auf, sie zu küssen. Neinneinnein...nein!

Olyvar stellt sie scheinbar seelenruhig auf die Füße zurück - wie kann er so ruhig sein, wenn sie sich in einem solchen Aufruhr befindet?! - doch ohne sie dabei loszulassen. Das ist auch gut so, weil ihre Knie nämlich so weich geworden sind, dass Ælla beim besten Willen nicht sicher ist, ob sie ihr Gewicht auch tragen würden. Ihr Mund pocht so sehr wie der ganze Rest von ihr, sie bebt im hämmernden Rhythmus ihres rasenden Pulses, und sie schmeckt ihn immer noch auf ihrer Zunge, auf ihren Lippen. "Warum..." setzt sie atemlos an, doch er starrt nur mit solcher Intensität auf sie hinunter, dass sie das Gefühl hat, er würde sie bis auf die Knochen taxieren. In seinem Blick hat sich etwas verändert – etwas für das sie keinen Namen hat, doch es ist da und sie sieht es. In ihrem Magen flattert es, als sei ein ganzer Schwarm Sommervögel darin eingeschlossen, aber auch das ist kein schlechtes Gefühl, überhaupt nicht. Dann dreht er sie wortlos um und löst den Knoten des Schultertuchs in ihrem Rücken.

Olyvar

Stadtbewohner

Beiträge: 159

Beruf: Lord Commander

Wohnort: Steinfaust

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32

Montag, 4. Juni 2018, 00:42

Paroxysm
(noun; a sudden and powerful expression of strong feeling, especially one that you cannot control)

In der Nacht vom 8. auf den 9. Sturmwind 518, im Schwarzen Bullen in Suthaward

How was I to know, that this tiny spark would spread like wildfires? (N.R. Hart)


Niemand hat diesen Mund je geküsst, niemand außer ihm. Ælla mag die Küsse einer Mutter und die eines Vaters kennen, vielleicht auch die ihrer großen Brüder, aber nicht die eines Geliebten. Das war ihm im Tempel schon aufgefallen, doch dort hatte er das vermeintlich so durchtriebene kleine Frauenzimmer nach ihrem falschen Eheversprechen aus keinem anderen Grund geküsst, während sie vor Schock noch wie gelähmt gewesen war, als dem, sie nicht ganz und gar ungeschoren davonkommen zu lassen. Nun nimmt er mit nichts als den allerbesten Absichten - falls man das, was er vorhat, denn als 'allerbeste Absicht' bezeichnen kann - ihr Gesicht in seine Hände, hebt ihr Kinn an und küsst sie noch einmal. Ihr Mund ist weich und warm und unschuldig geschlossen. Wärme ist auch das erste, das er empfindet, dann berauschende Sanftheit, dann noch mehr. Seine vage Befürchtung, diese erzwungene Hochzeitsnacht am Ende gar nicht vollziehen zu können, löst sich augenblicklich in Luft auf und ihm kommt der Gedanke, dass Unschuld eine furchtbare Versuchung sein kann, erst recht für einen Mann wie ihn. Sie ist sehr jung, aber sie ist definitiv eine Frau – und sie findet definitiv allmählich Gefallen am Küssen. Die Warnungen seiner Vernunft, behutsam mit ihr umzugehen und ihr Zeit zu lassen, werden schwächer und schwächer, erst recht, als sie sich plötzlich an ihn drängt. Doch als ihr Mund sich unter seinem öffnet und ihm zu antworten beginnt, als ihr Atem sich mit seinem mischt, als sie ihm näher und näher zu kommen versucht, und er das Verlangen nach mehr, nach viel mehr, auf ihrer Zunge schmecken kann, übernimmt etwas ganz anderes die Kontrolle, und das mit solcher Macht, dass Olyvar völlig davon überrollt wird. Also ergibt er sich einfach, ergibt sich genau wie sie, einem Hunger, der für sie vollkommen neu ist und von dem er geglaubt hat, ihn schon lange vergessen zu haben, ihm entkommen zu sein und ihn nie wieder für irgendeine Frau zu empfinden. Er zieht sie fester an sich, hebt sie hoch, vergräbt seine Finger in ihrem Haar, in diesen schweren, seidenweichen Flechten aus Gold und Silber, Elfenbein und Flachs, und küsst sie einfach, küsst sie wirklich, und hört auf, sich Gedanken zu machen. Was so harmlos begonnen hat, wird verlangend und hungrig, und in der Art wie sie auf ihn reagiert liegt eine Verheißung, die sich als absolut unwiderstehlich erweist. Sie ist überhaupt nicht verschreckt, im Gegenteil - sie scheint gründlich von ihm hingerissen zu sein. Ich bin dein, sagt ihr Mund, ihr ganzer Körper sagt es, ihr stockender Atem, ihr wild pochender Herzschlag. Wenn du mich willst, bin ich dein und du kannst mich haben. Das ist noch viel unwiderstehlicher und eine gefährliche Wendung dazu, aber er kann einfach nicht aufhören, sie zu küssen und er kann auch nicht verhindern, dass sein verräterischer Körper ihr in der gleichen, wortlosen Sprache antwortet. Doch irgendwann muss er sich dazu zwingen, es zu beenden, weil 'sanft und vorsichtig' etwas ist, das sonst kaum mehr möglich sein wird. Schwer atmend und widerwilliger als gut für seinen Seelenfrieden ist, stellt Olyvar sie auf die Füße zurück, und ist sich der seltsamen Mischung verworrener Gefühle, die in ihm gärt, deutlich bewusst - ebenso wie seiner eisern beherrschten Miene, um sich keines davon anmerken zu lassen. Schlimm genug, dass er sie für ihren Mut und ihren Lebenshunger schlicht bewundern muss, denn Courage ist für ihn keine Kleinigkeit. Schlimm genug, dass er ihre Art, einfach auszusprechen, was ihr gerade in den Sinn kommt, völlig faszinierend findet. Noch schlimmer, dass sie ihn mit ihrem seltsamen Humor zum Lachen bringt. Viel schlimmer, dass sie ihm ihr Vertrauen geschenkt und er ihr Aufrichtigkeit versprochen hat. Schlimmer und schlimmer, dass er sie immer schöner findet, je öfter er sie ansieht, und am allerschlimmsten, dass er sie trotz all der grotesken Umstände, die sie beide hierher und in diese Ehe gezwungen haben, ganz offensichtlich begehrt. Ælla ringt nach Luft und starrt ihn an, ihr Mund leicht gerötet und nicht mehr ganz so unschuldig, und als er in ihr Gesicht sieht, stellt er mit einer Art vage erheitertem Staunen fest, dass sie tatsächlich enttäuscht aussieht. Selbst ihr leises "Warum..." klingt nach einem gedämpften Protest, als fürchte sie tatsächlich, er könne sie jetzt noch zurückweisen. Großartig – jetzt mischt sich in sein Gefühlschaos auch noch eitle Selbstzufriedenheit, das hat ihm gerade noch gefehlt.

Olyvar sagt nichts; er hat keine Worte, die er ihr geben könnte, obwohl die richtigen ihr sicher helfen würden. Doch er war noch nie sehr redegewandt, er will sie nicht belügen und er glaubt kaum, dass es ihr jetzt etwas nützen würde, vom Durcheinander seiner Gefühle zu hören. Sie ist so befangen, dass seine Sicherheit im Augenblick wohl für sie beide reichen muss. Er hätte gern leichter auf sie reagiert, humorvoller vielleicht, wenn das möglich wäre. Doch er war noch nie eine spielerische Natur, ganz gleich auf welchem Gebiet, hierbei schon gar nicht... und in den letzten Jahren hat ihn sein Leben dann auch noch das letzte Bisschen Leichtigkeit gekostet, das er je besessen hatte. Doch als er sie wortlos umdreht und ihr Schultertuch aufknüpft, wird sie genauso still wie er und erscheint ihm ebenso ernst. Der weiche Stoff klafft auseinander, rutscht ihr über die Schultern und den glatten Atlas ihres Kleides, und fällt lautlos zu Boden. Unter dem schweren Tuch kommt ein über und über besticktes Mieder zum Vorschein, aus dessen weitem Ausschnitt sich die Rundungen ihrer Brüste wölben. Sie sind überraschend voll - viel von dem, was er für dicke Wolle und drapierte Falten gehalten hat, ist sie selbst. Wo die feine Struktur ihre Knochen sich unter der Haut abzeichnet und weiche Schatten wirft, wirkt sie zart, doch zierlich ist sie überhaupt nicht. Ihr Körper ist schlank, aber überall sanft gerundet, an ihren Armen, in den Schultern, im Schwung ihrer Hüften. Olyvar kann sich noch so eindringlich sagen, dass sie eigentlich überhaupt nicht seinem Geschmack entspricht, sein Mund wird trotzdem staubtrocken, und das, obwohl er sie noch nicht einmal ansatzweise ausgezogen hat. Einen Moment lang steht sie ganz still, dann fasst sie ihr langes Haar im Nacken zusammen und nimmt es über die Schulter nach vorn, um die Schnürung des Gewandes in ihrem Rücken freizulegen. Er findet das Ende der Schleifen und löst sie, einen überkreuzten Strang nach dem anderen, und als das enge Mieder sich plötzlich ausdehnt und sie wieder mehr Luft bekommt, hört er Ælla erleichtert aufatmen. Sie streift es selbst ab, hebt es vorsichtig über ihren Kopf und legt es behutsam zur Seite. Darunter trägt sie nur noch ein Hemd aus dünnem Batist, das ihre Brüste kaum mehr verhüllt. Ihr Nacken unter dem schweren Haar ist so hell wie Elfenbein und sieht blass und verletzlich aus, wie sie so mit gesenktem Kopf vor ihm steht. Olyvar berührt sie dort sacht, streicht mit den Fingerspitzen über ihre Haut und fährt dann mit den Knöcheln an ihrer Wirbelsäule entlang. Sie erschauert leicht und ihre nackten Arme überziehen sich mit Gänsehaut. Mit einem Lächeln und einmal mehr mit Staunen stellt er fest, dass er sie nicht nur gern ansieht, sondern auch gern berührt. Er hakt den schweren, bestickten Rock ihres Gewandes in der Taille auf und auch der raschelt zu Boden. Doch darunter trägt sie immer noch nicht weniger als sechs ausladende Unterröcke, einen über dem anderen. Als er sich durch all die Schnürbänder und Haken gekämpft hat, erhebt sie sich wie eine Meerjungfrau aus einem kleinen Berg sich bauschender Spitze, glatter Seide und gestärkten Leinens, und trägt nur noch das durchscheinende Hemd, das ihr nicht einmal bis zu den Knien reicht – und der Anblick der verheißungsvollen Linien und weichen Kurven ihres Körpers unter dem feinen Stoff reicht völlig aus, die ganze Angelegenheit rapide auf den Punkt zu bringen: nur zum Schein geschlossene Ehe, drohende Gefahr, aussichtslose Zwangslage und unberührte Jungfrau hin oder her, er will sie wirklich. Sehr sogar. Olyvar streift die schweren Stiefel von seinen Füßen, doch als er sein Hemd öffnet, dreht sie sich zu ihm um. Gleich darauf spürt er ihre Finger auf seinen. Sie sieht ihm nicht ins Gesicht, sondern hält ihre goldüberhauchten Wimpern und Augen auf das Tun ihrer Hände gesenkt, zieht sacht den Hemdsaum aus seinem Hosenbund und schnürt es am Kragen auf. Ihre Bewegungen sind sehr behutsam und immer noch schüchtern, aber nicht mehr ängstlich. Er legt es ab und als sie seine Haut berührt, erschauert auch er. Olyvar zwingt sich, stillzustehen und lässt ihre Hände wandern, wohin sie wollen. Sie berührt seinen nackten Oberkörper überall - nicht ohne Scheu, aber auch mit einer seltsam einnehmenden Zärtlichkeit, als forme sie seine ganze Gestalt mit ihren Händen nach, als mache sie sich mit dem Gefühl seiner Haut und seiner Muskeln unter ihren Fingern vertraut. Sie versucht sein Handgelenk zu umfassen und muss beide Hände dafür benutzen. Sie schmiegt ihre Handfläche in seine, berührt die Schwielen dort. Ihre Hände gleiten an seinen Armen hinauf und um die Rundung seiner breiten Schultern, die Muskeln seiner Brust, seines Leibes. Ælla hält ihren Arm über seinen und staunt leise über den Unterschied – doch der Kontrast seines so viel größeren, schwereren Körpers gegen ihren und der ihrer so viel helleren Haut gegen seine scheint sie genauso zu faszinieren wie ihn.

Dann umrundet sie ihn langsam, so nahe, dass sie ihn immer wieder streift - und hält den Atem an, als sie seinen nackten Rücken und die dreißig alten, weißen Striemen dort sieht. "Du kannst sie anfassen, wenn du willst. Sie schmerzen schon lange nicht mehr." Gleich darauf spürt er ihre Hände auf den verblassten Narben und erschauert noch einmal. Ælla fährt die Umrisse jeder einzelnen davon nach, als wolle sie sich ihr Muster einprägen, dann legt sie plötzlich ihre Arme um ihn und ihre Wange an seinen Rücken. Er spürt ihre Brüste, die sich faszinierend weich und fest zugleich an ihn pressen, und ihren warmen, weiblichen Körper, durch nichts als einen Batisthauch mehr von seiner Haut getrennt, und schnappt lautlos nach Luft. Doch als er sich zu ihr umdreht, fährt sie sacht zusammen, wäre vielleicht sogar zurückgescheut, hätte er sie gelassen. Doch er umfasst ihre Arme, zieht sie an sich, legt eine Hand unter ihr Kinn und zwingt sie, ihn anzusehen. Ihre Blicke begegnen sich und verfangen sich ineinander, und damit kehrt die Stille zwischen ihnen zurück und wird seltsam ernst, beinahe feierlich. Ællas Augen sind so tief und grün wie ein stiller Waldsee, unter dessen Oberfläche sich Geheimnisse bewegen, halb gesehen, halb gespürt, doch ihr Blick ist klar und arglos, weit und offen. Dann überrascht sie ihn einmal mehr: "Was immer zwischen uns geschieht, Olyvar..." sie legt ihre flache Hand auf seine Brust, direkt über sein Herz. "Lass es nicht das Schreckliche sein, von dem du gesprochen hast. Ich... ich glaube, das könnte ich nicht."
Sag das nicht, will er beinahe erschrocken abwehren. Sag nicht solche Dinge zu mir, denn sie ziehen mich dorthin, wo ich nicht sein will. Er müsste es ganz sicher sagen, denn er empfindet Mitleid mit ihr angesichts ihrer Lage, Pflichtgefühl angesichts ihres Abkommens und Zärtlichkeit angesichts ihrer Jugend, und ja, auch ein Verlangen nach ihr, das ihn selbst ganz verwirrt, aber keine Liebe. Selbst wenn es irgendwie dazu käme, es dürfte überhaupt nicht sein. 'Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen. Wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren und wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben.' Doch was er schließlich tut, ist ganz sicher nicht das, was er eigentlich tun sollte, denn er neigt den Kopf und flüstert dicht an ihrem Ohr und heiser vor Begehren: "Dann gibt es kein Zurück mehr. Dann ist gar kein Gedanke mehr daran, mir später zu sagen, dass du mich nicht willst. Du wirst mich haben." Er hört ein halb ersticktes Seufzen über ihre Lippen kommen und spürt ihr Nicken mehr, als dass er es sieht. Doch als er die Bänder ihres Hemdes löst, so dass es flüsternd von ihren Schultern gleitet, verlässt sie doch der Mut. Sie senkt den Blick, sieht überall hin aber nicht mehr in sein Gesicht und hebt die Arme, um ihre Brüste zu bedecken, als wisse sie sich nicht mehr anders zu helfen. Die Zugeknöpftheit der Rhaínländerinnen fällt ihm wieder ein, die kaum Schamgefühl kennen, was nackte Beine angeht, bei denen es jedoch schon als verrucht gilt, auch nur die Schlüsselbeine sehen zu lassen, und er glaubt zu verstehen. "Nein." Olyvar nimmt sanft, aber bestimmt ihre Hände fort. "Nein," echot sie leise und ihre Wangen brennen zwar, doch es ist keine Widerrede. Ihm kommt der Gedanke, dass ein so gläsernes Gesicht wie ihres und ihr Unvermögen, ihre Gefühle zu verbergen, vielleicht nicht unbedingt ein Nachteil sein müssen... nicht ihm gegenüber und vor allem nicht in einer Situation wie dieser. Er kann alles sehen, so deutlich, als hätte sie es ausgesprochen: ihre Unsicherheit, ihre schüchterne Verlegenheit, ihr erwachendes Verlangen, ihre Furcht, ihre Neugier, ihre sanfte Verletzlichkeit und ihre Sehnsucht. Absurderweise erfüllt ihn das mit der Hoffnung, dass Ælla und er, was immer ihnen die Zukunft auch bringen würde, wohin immer diese Ehe auch führen würde, wenigstens das haben könnten. Von Leidenschaft war in seiner Prophezeiung mit keinem Wort die Rede - das könnte er ihr also geben. Leidenschaft ist keine Liebe, aber sie kann stark und gut sein. Sie könnte eine Bindung schaffen, die weit über Ehre, Freundlichkeit und Pflichtgefühl hinausgeht. Und dann denkt er überhaupt nicht mehr viel zusammenhängendes, selbst die Warnungen seiner allzeit pragmatischen Vernunft verstummen, als sein Körper sich erinnert, wie es ist zu begehren - zu warten, zu beobachten und sich zu sehnen. Er legt seine restlichen Kleider ab, wirft sie nacheinander über die Lehne eines der Stühle. Er sieht, wie sie mit gesenkten Wimpern und glühendem Gesicht dem Knirschen von Leder und dem Rascheln von Stoff lauscht und erinnert sich an den Duft und den Geschmack einer Frau, die sich hingibt; an die Lust, an den Hunger, der tief in die Eingeweide schneidet und mit einer Heftigkeit nach Befriedigung verlangt, die man weder verleugnen, noch ignorieren, noch beherrschen kann. Ælla sieht ihn nicht an, aber er hört sie atmen, schnell und flach, und ihre langen, dunkelgoldenen Wimpern werfen Schatten über ihre runden Wangenknochen. Als letztes zieht er das lederne Band aus seinem Haar, so dass es glatt und offen über seinen Rücken fällt. Das Feuer im Kamin ist fast heruntergebrannt und als er sich ihr zuwendet, sperren seine Schultern den schwachen Lichtschein fast vollkommen aus. Er kann sehen, wie die feinen Muskelstränge an ihrem Hals arbeiten, als sie schluckt, doch dann hebt sie Kopf und Blick und sieht ihn an.

Er kann unmöglich sagen, ob sie rot wird, denn das Feuer in seinem Rücken überzieht ihr Gesicht und ihre Brüste mit demselben Glühen, aber sie atmet entschieden schneller. Viel kann sie von ihm im Halbdunkel des Raums vermutlich ohnehin nicht erkennen, doch ihre Lider flattern trotzdem einen Moment, ehe ihr Blick zu seinen Augen zurückkehrt, weit und dunkel. Olyvar drängt sie zum Bett, doch vielleicht ist es auch sie, die ihn mit sich zieht, er weiß es nicht. Er ist nur noch Hunger und als sie in den glatten Laken und weichen Pelzen landen, verharrt sie vollkommen reglos unter seinen Händen, wartend, atmend, sehr süß und gefügig, und furchtbar erotisch in der Akzeptanz seiner Berührungen, während sie ihn tun lässt, was immer er will. Er berührt er sie von den Sommersprossen auf ihrer Stirn bis hinunter zum elegant geschwungenen Spann ihrer Füße; er küsst ihre weiche Haut, ihre Brüste, ihren Leib, ihren Schoß; er spürt jedem Zittern ihrer Haut nach, jedem Beben verborgener Nervenenden, hört jedes leise Seufzen, jedes atemlose, kleine nach Luft schnappen, bis sie sich unter seinen Händen windet, bis jeder Atemzug weich und pulsierend aufschimmert, bis ihr Fleisch schlüpfrig und geschwollen und der Weg bereitet ist, bis sie in die Laken zurücksinkt, zuckend wie ein Fisch am Haken. Irgendwann landet er an ihrer Seite und weiß überhaupt nicht, wie er dort hingekommen ist, sein Mund fest auf ihrem, ihr Körper weich und geschmeidig in seinen Händen. Sie öffnet sich ihm seufzend und er zieht er sie in seine Arme und dringt mit derselben Bewegung in sie ein, behutsam, aber fest. Er kann spüren, wie sie gegen den Schmerz kämpft, doch an diesem Punkt hätte ihn selbst ein wesentlich größerer Widerstand nicht mehr ferngehalten; an diesem Punkt ist er nur noch zu einem fähig, und das tut er: er bewegt sich, bis er ganz in ihr ist, bis er sie vollkommen ausfüllt, bis sie sein ist - erst dann hält er inne. Er muss nicht fragen, ob er ihr weh tut, das kann er sehen. Ihre Augen weiten sich, ihre Finger graben sich in seine Arme und sie presst ihren Mund an seine Schulter. Was ein Schrei hätte sein können, dringt so nur als halb ersticktes "Yasp!" an seine Haut. Olyvar gräbt seine Hände in ihr Haar, um sie ruhig zu halten und legt seine Stirn an ihre. Er bleibt so reglos, wie er nur kann, obwohl er überzeugt ist, dass ihn das ganz bestimmt umbringen wird, und ringt um seine letzten zusammenhängenden Gedanken. Jetzt wünscht er sich beinahe, ihr Gesicht wäre nicht so verdammt durchschaubar, dann geistert ihm ein absurdes: mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen durch den Kopf. "Beweg dich nicht. Halt dich einfach an mir fest, bis der Schmerz nachlässt."
"Es... macht... mir... nichts... aus," erwidert sie atemlos, aber ihre Hände krallen sich noch tiefer in sein Fleisch. "Lügnerin," erwidert er sanft. "So ist es gut, zahl mir ruhig ein wenig davon zurück." Er bewegt sich immer noch nicht, aber der Rand des Verlangens, an dem er jetzt entlang balanciert, ist ein schmaler Grat und so scharfkantig, dass es schmerzt. Zu seiner allergrößten Überraschung gibt sie das liebenswerteste Geräusch der Welt von sich, ein kleines Prusten, hilfloses Auflachen und leiser Jammerlaut zugleich. Olyvar neigt er den Kopf um sie zu küssen; einerseits, um sich davon abzuhalten, sie auf der Stelle vollkommen zu verschlingen und andererseits auch eine wortlose Frage. Zu seiner grenzenlosen Erleichterung ist ihre Antwort dieselbe, die ihm ihr Körper bisher jedes Mal gegeben hat, wenn er sie küsst – nach einem kurzen Moment der Unsicherheit wird alles an ihr und in ihr so weich, als würde etwas in ihr schmelzen. Sie entspannt sich und gleichzeitig gibt sie ein leises, überraschtes "Oh!" von sich, das ihn beinahe zum Lachen bringt. Er küsst ihre Nasenspitze, ihre Augenlider, ihre Wangen. "Keine Sorge, es wird nicht lange dauern. Nicht dieses Mal." Sie holt ein wenig zittrig Luft, aber der Druck ihrer Finger ist verschwunden. Er kann den Moment spüren, indem sie nachgibt, sich ihm wirklich hingibt. Er weicht zurück und bewegt sich in ihr, ganz sacht, auch das kaum mehr als eine Frage, und ihre Antwort ist nur ein Zucken, weil sie hilflos unter ihm liegt. Dann gibt sie einen nicht minder überraschten Laut von sich, nicht mehr nur Schmerz, nicht wirklich Protest, aber auch nicht ganz eine Aufforderung. Doch er versteht es so, sucht ihren Blick und hält ihn fest in seinem, dann beginnt er, sich zu bewegen, langsam, aber mit aller Kraft. Es dauert wirklich nicht sehr lange; er verliert seine Grenzen und löst sich auf, jeder bewusste Gedanke nur noch ein fremdes Element im Chaos der Empfindungen – der weiche Körper unter ihm, das leise Rascheln der zerwühlten Laken, ihr warmer Atem an seinem Ohr, ihre Arme, die ihn fest halten und dann die plötzlichen heißen und kalten Schauder, die seine Wirbelsäule hinauf und hinunter rauschen und sein Verlangen stillen. Er liegt mit seinem ganzen Gewicht auf ihr, körperlos, wie zerschmolzen, und eingehüllt in einen ziemlich schuldigen Frieden. Irgendwo auf seinen Oberarmen brennen sacht die kleinen, halbmondförmigen Male, die ihre Fingernägel dort hinterlassen haben und das bringt ihn wieder zu sich. "Habe ich dir sehr weh getan?"
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

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Montag, 4. Juni 2018, 00:46

If I lay here...

In der Nacht vom 8. auf den 9. Sturmwind 518, im Schwarzen Bullen in Suthaward

When he kissed her, she felt, as if she were losing her mind. And when he kissed her twice, she wasn't even sure if she wanted it back. (Julia Quinn)

I don't quite know
How to say
How I feel (Snow Patrol, Chasing Cars)


"Zuerst schon..." Sie hat ihm Ehrlichkeit versprochen, sie wird ehrlich sein. Da war Schmerz gewesen, ist es auf gewisse Weise noch immer, doch Ælla erinnert sich vor allem an das Davor und an das Danach. "Aber..." Sie spürt auch ein Echo der Spannung und des Glühens tief in ihrem Leib, das des Rauschens ihres Blutes in ihren Ohren und all der ungeahnten Gefühle, die sie durchströmt und ihre Brust gefüllt hatten, bis sie nicht mehr hatte atmen können. Sie erinnert sich an alles, das er mit ihr getan hat. Zuerst hatten sein Körper und seine Größe sie furchtbar eingeschüchtert, aber dann... Sie denkt an die wilde Kraft seiner Hände und an die Sanftheit seiner Berührungen, an eine Zärtlichkeit, die sie von einem Mann wie ihm niemals erwartet hat. Sie denkt an seine Küsse, an seinen Mund überall auf ihrer Haut, auf ihren Brüsten, auf ihrem Geschlecht, bis sie von einer Ekstase durchströmt worden war, für die es in ihrem unerfahrenen Wortschatz einfach keinen Namen und keine Worte gibt, rein und unberührt von jedem Gedanken. Sie erinnert sich an das wilde Gefühl, zugleich sterben, leben, fliegen und sich fallen lassen zu wollen, und an das schmerzliches Sehnen, die Leere tief in ihrem Inneren. An die Hitze, die sich wie ein Teich zwischen ihren Beinen ausgebreitet hatte, als würde sie schmelzen. Dann war er in sie eingedrungen, hatte sie auf eine ganz bestürzende Weise ausgedehnt, hatte sie eingenommen und besessen. Doch das Brennen hatte erstaunlich rasch nachgelassen und in seinem Nachhall hatte bereits die Ahnung ganz anderer Gefühle gelegen, etwas, das mehr Lust als Schmerz gewesen war. Als er einfach nur in ihr war, tief in ihrem Leib, war es gut gewesen, so über die Grenzen ihres Körpers hinaus ausgefüllt zu sein, mehr als gut...und als er sich schließlich bewegt hatte, war ihr ganz anders geworden.
"Danach war es... es war wirklich schön, nur... nur... " Er liegt mit seinem ganzen Gewicht auf ihr, warm und angenehm, trotz seiner Schwere. Es gefällt ihr, dass er ihr so nahe ist, dass er immer noch bei ihr ist, dessen ist sie sich mit jeder Faser ihres Körpers bewusst. Olyvar stemmt sich ein wenig hoch, und weil er in ihr ist, spürt sie jede seiner Bewegungen auch dort und schnappt leise nach Luft. Das Gefühl ist ganz eindeutig mehr Genuss als Schmerz, und sie hält ihn fest, weil sie nicht will, dass er sich auch nur ein kleines Stück von ihr fort bewegt.
"Nur?"
"Nur..." sie weiß wirklich nicht weiter und ihr Gesicht beginnt prompt zu glühen. Heilige Amitari! Du liegst splitterfasernackt unter ihm. Er ist in dir, du kannst doch wohl jetzt nicht mehr vor ihm rot werden! Sie kann doch, und wie.
"Es war es war fast wie vorher schon einmal, als du... bevor wir..." Ælla kann ihn einfach nicht ansehen, während sie ihm das gesteht. Aber hilflos unter ihm gefangen kann sich auch keinen Fingerbreit bewegen, also dreht sie den Kopf zur Seite und blickt auf seinen Arm, nur um dort die Spuren zu entdecken, die ihre Fingernägel auf seiner Haut hinterlassen haben. War ich das etwa? Sie kann sich dunkel daran erinnern, dass er irgendetwas davon gesagt hat, dass sie ihm ruhig etwas heimzahlen soll. Sie will ihn schon danach fragen, doch er denkt überhaupt nicht daran, sie jetzt vom Haken zu lassen. "Hmm, wie vorher?" Irgendetwas in seinen Augen und in seiner Stimme sagt ihr, dass er ganz genau über ihre verworrenen Gefühle Bescheid weiß, selbst über jene, für die sie keinen Namen hat. Olyvar löst sich behutsam von ihr und obwohl er sich so dicht neben sie legt, dass er sie immer noch überall berührt, lässt er sie damit irgendwie leer und sogar ein wenig traurig zurück, als wäre sie ohne ihn in ihrem Inneren nicht mehr ganz, nicht mehr heil, als wäre sie nur noch eine Hälfte oder ein Teil von etwas, das es ohne ihn nicht gibt. Mit einem Mal beschleicht sie das leise Gefühl, dass sie in seiner Nähe nie wieder Ruhe finden wird. Sie blutet, das kann sie spüren, obwohl es jetzt überhaupt nicht mehr weh tut. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte sich gereinigt, um das schneeweißen Laken unter ihr nicht zu beflecken, dann fällt ihr ein, das ja genau das von ihr erwartet wird. Gleich darauf spürt sie seine Finger unter ihrem Kinn, die ihren Kopf ein wenig anheben und ihr wird wieder bewusst, dass sie ihm noch eine Antwort schuldig ist. Sie wendet sich ihm zu und blinzelt ein wenig befangen in sein Gesicht so dicht vor ihrem. Doch dann erkennt sie einen so unleugbar zufriedenen Ausdruck in seinen Augen, dass sie trotz ihrer Verlegenheit plötzlich mit einem Lächeln kämpfen muss. "Es war irgendwie machtvoller, falls das möglich ist," erwidert sie leise. "Aber dann hast du... du hast aufgehört..." Beinahe fürchtet sie, er würde sie auslachen oder mit seinem sanften Spott reagieren, doch er tut nichts dergleichen. "Oh." Tönt es neben ihr, und wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie glatt behaupten, er klinge tatsächlich zerknirscht. "Tut mir leid," hört sie ihn dann sehr sanft sagen. So berührt er auch ihr Gesicht, ganz sanft, streicht über ihre Stirn, ihre Nase, ihren Mund... und plötzlich lächelt auch er. Ælla seufzt leise, denn es ist ganz gewiss gegen alle Gesetze der Götter und Menschen, dass dieser Mann so aussieht, wenn er lächelt. Vielleicht ist es auch seltsam, dass sie die Schwielen an seinen Händen so... so... ihr fehlen schon wieder die richtigen Worte... aufregend?... findet. "Das nächste Mal kann ich mir mehr Zeit lassen."
Oh! "Dann..." Sein Körper liegt der Länge nach an ihrem und sie wird sich seiner als Mann so abrupt wieder bewusst, dass sie leise nach Luft schnappt, seiner Größe, seiner Kraft, seiner herrlichen Wärme, in der sie am liebsten versunken wäre. Ælla versucht vergeblich zu schlucken, weil ihr Mund mit einem Mal so trocken geworden ist, dass ihre Zunge am Gaumen festklebt. Sie sehnt sich nach ihm. Sie wünscht sich, er würde sie wieder küssen. Sie wünscht sich, sie würde wieder eins mit ihm werden... aber in ihrem Erfahrungsschatz gibt es auch keine Worte, mit denen sie ihm hätte sagen können, was sie will. "… dann gibt es ein nächstes Mal?"
"Und ob." Allein der Klang seiner Stimme reicht vollkommen aus, um sie noch ein wenig mehr in Unruhe zu versetzen und ihr Herz ein kleines bisschen flattern zu lassen. "Wann?"

Zu ihrer Überraschung lacht er leise. "Ahm... nun..." beginnt er amüsiert und als er sie über diesen kleinen, pikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen aufgeklärt hat, gluckst auch sie leise in sich hinein. "Wie gut zu wissen, dass wir Frauen wenigstens hier gegenüber euch im Vorteil sind." Noch während sie es ausspricht, wird sie sich bewusst, dass sie "wir Frauen" sagt. Nun, das ist sie jetzt ja wohl. Noch mehr, sie ist seine Frau. Ælla hält den Atem an, als ihr das wirklich bewusst wird, und kann es nicht fassen. Götter im Himmel, was für ein Gedanke – nur in den Märchen der alten Weiber und in den Liedern der Barden heiratet eine bettelarme Rhínemoor auf der Flucht vor einer bösen Königin den Lord Commander von Talyra. Aber sie hat es getan und er hat sie wirklich zur Frau genommen. Und wie.
"Ich hatte so viel Angst vor dem hier," beginnt sie irgendwann leise. "Dabei hätte ich mich überhaupt nicht zu fürchten brauchen." Sie spürt seine großen, warmen Hände auf ihrer Haut und er hält sie ein wenig fester, als spüre er, dass an ihrer Furcht mehr war, als nur die ängstliche Nervosität einer Jungfrau vor dem Ehebett. "Warum?" Fragt er schließlich leise und so erzählt sie ihm stockend von ihrer Mutter und deren Begegnung mit ihrer Nachbarsfrau in Northoren. "Ich war schon zwölf, aber meine Mutter kann noch nicht schwanger gewesen sein oder wenn doch, dann noch nicht sehr lang, denn sie war noch schlank. Sie sah nicht so aus wie ich, obwohl mein Vater immer gesagt hat, ich hätte ihre Augen. Ihr Haar war dunkler als meines, mehr wie Honig oder Bernstein und sie war viel größer als ich, oder jedenfalls habe ich sie so in Erinnerung. Ich kam aus dem Stall, in jeder Hand einen Eimer mit frisch gemolkener Milch, und sah sie und Erla, unsere Nachbarin, auf der Bank vor dem Haus sitzen. Es muss im Frühsommer gewesen sein. Die Klovjen haben geblüht, der Duft ihrer Blüten hat sich mit ihrem fröhlichen Lachen und ihrem Geplauder vermischt, und die Sonne hat alles vergoldet. Es war ein so schöner Tag, daran erinnere ich mich. Dann hat Erla meine Mutter am Arm gefasst und ihr erzählt, Maester Kalfkin – das war damals der Heilkundige von Northoren – hätte ihr verboten, noch mehr Kinder bekommen zu wollen. Sie hat ein paar verloren und an ihrer letzten Schwangerschaft wäre sie beinahe gestorben. Er wollte ihr auch keine Kräuter geben, die verhindern, dass eine Frau schwanger wird, weil er es für zu gefährlich hielt, sie würden nicht immer wirken. Also hat er Erlas Mann praktisch befohlen, dass er enthaltsam sein müsse, dass er nicht mehr bei ihr liegen dürfe. Damals hatte ich gar keine wirkliche Vorstellung, was damit gemeint war. Ich habe den Mann mein ganzes Leben lang gekannt, er war immer nett zu uns Kindern. Mir ist er nie unheimlich oder gefühllos oder gar brutal vorgekommen. Aber ich kann mich noch ganz genau an Erlas Worte erinnern. 'Oh Rhiannon,' hat sie zu meiner Mutter gesagt, 'Maester Kalfkin hat das gesagt, als ob es eine Tragödie wäre. Hat er nicht gesehen, was für eine ungeheure Erleichterung das für mich bedeutet?' Zuerst hat Erla gelacht, aber dann hat sie doch geweint, und meine Mutter hat sie in die Arme genommen und getröstet. Dann hat sie zu ihr gesagt, es sei schon gut, wenigstens bleibe ihr ab jetzt sein Bett erspart." Sie lächelt ein wenig verlegen. "Ich weiß nicht mehr, wie es zwischen meinen Eltern war. Ich glaube, sie haben sich geliebt, aber ich kann dir nicht sagen, ob meine Mutter gern bei meinem Vater gelegen hat. Dann... während meiner Flucht... war da in den Aarenhalbergen die Frau von Baernet bar'Gelis. Sie hat... Asger und seine Männer, sie haben... sie haben sie furchtbar zugerichtet. Und dann das Gerede der Huren hier in Suthaward, unten am Fluss. Ich war jeden Morgen am Fluss, ganz früh, wenn niemand sonst dort war. Um zu baden... um allein zu sein. Um zu beten. Ich... wenn die Fischer von Suthaward hinausgefahren sind, kamen die Hübschlerinnen der Stadt und haben sich am Ufer gewaschen. Ich habe sie oft reden hören über ihre... ihre Freier und was sie in der Nacht alles für ein paar Münzen tun mussten. Die... diese Frauen haben nicht so ausgesehen, als hätte ihnen das alles auch nur ein bisschen gefallen."
"Himmel! Und du bist trotzdem mit mir ins Bett gegangen?" Olyvar klingt mehr als nur ein wenig fassungslos, aber er weicht ihrem Blick nicht aus und Ælla nickt. Sie wird ihm nicht sagen, dass sie schließlich keine Wahl hatte, auch wenn es zum Teil die Wahrheit ist, denn das würde ihn zu Recht kränken. Sie haben diese Ehe nicht beabsichtigt. Den Pakt, den sie geschlossen haben, sind sie beide nicht ganz freiwillig eingegangen. Aber hingegeben hat sie sich ihm aus freien Stücken, das ist genauso wahr. Sie hat ihn gewollt und er sie auch, und sie kann es einfach nicht bedauern. Sie will es auch nicht, überhaupt nicht. "Ja. Ich habe an... etwas anderes gedacht." Weil sie ihm auch das erklären muss, erzählt sie ihm von jenem Tag auf den Weiden bei den Pferden und sieht leise Erheiterung in seinen Augen. Sie legt die Hand auf seine Brust, spürt, wie er atmet und staunt gleichzeitig darüber, wie seine Haut nur so weich sein kann, wenn das Fleisch und die Muskeln darunter so hart sind. Irgendetwas legt sich um ihr Herz und presst es unbarmherzig zusammen. "Das hier... das bereue ich nicht," flüstert sie. "Wirklich nicht." Doch erst, als sie die Worte ausspricht, begreift sie, dass der Druck in ihrer Brust ihre Angst ist, er würde ihr sagen, dass er es tut. Doch er betrachtet sie nur eine ganze Weile schweigend, dann wird der Griff seiner Hände ein wenig fester.

"Was ist, wenn du schwanger geworden bist? Es ist vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, aber..."
Einen Moment lang blinzelt sie vollkommen perplex, dann erscheint ein breites, entzücktes Lächeln auf ihrem Gesicht... und verblasst angesichts seines forschenden Blickes beinahe sofort wieder. "Du meinst jetzt. Wenn ich jetzt schwanger geworden bin."
"Ja."
Da ist etwas seltsam gespanntes in seiner Miene, das Ælla nicht einordnen kann. "Wäre das... wäre das denn schlimm?" Will sie ein wenig beunruhigt wissen, doch zu ihrer Erleichterung sieht sie ihn noch im selben Augenblick den Kopf schütteln. "Überhaupt nicht."
Ihr Lächeln kehrt zurück, hingerissen von der Vorstellung, vielleicht bald ein Kind zu haben - und gleichzeitig völlig verunsichert vom bloßen Gedanken daran. Heilige Amitari... was geschieht nur mit mir? Sie hat ihn geheiratet. Sie ist seine Frau geworden, und er ist viel anständiger und besser zu ihr gewesen, als er es hätte sein müssen. Sie wird ihm das nie vergelten können. Olyvar ist gut und aufrichtig, stark und ehrenhaft und sie bewundert ihn jetzt schon für so vieles, dass sie ganz schwindlig davon wird... aber im Grunde kennt sie ihn ja überhaupt nicht! Ælla fühlt sich von ihren eigenen verworrenen Gefühlen gründlich in Verlegenheit gebracht, denn er ist ein Fremder für sie und gleichzeitig vertraut sie ihm völlig... und seit er sie geküsst hat, ist da dieses ständige, drängende Verlangen nach ihm in ihr, das überhaupt nicht mehr von ihr weichen will. Wird er immer so zu ihr sein? Wird er sie mit der Zeit ein wenig mögen? Würde sie ihm irgendwann vielleicht sogar etwas bedeuten? Bedeutet ihm wenigstens das hier etwas? Irgendetwas? Sie weiß beim besten Willen nicht, was er jetzt oder ganz allgemein für sie empfinden mag, aber er begehrt sie - so viel weiß sie inzwischen. Vielleicht ist da ja also doch etwas, das sie ihm geben kann. Und dann sind da noch all die viele anderen Dinge, die sie ihn fragen sollte, fragen müsste, kleine wie große... was werden seine Kinder dazu sagen, dass er eine Wildfremde mit nach Hause bringt? Seine Zieheltern? Sein Vater? Seine Männer? Wie einen streunenden Hund hatte er sie aufgesammelt! Was erwartet er nun von ihr? Was wären ihre Pflichten als seine Frau? Wie würde ihr Alltag aussehen? Wie sieht sein Leben aus? Wie sah sein Leben früher aus? Wie war er als Kind? Woher kommen die Narben auf seinem Rücken? Die Narbe in seinem Gesicht, das böse gezackte Mal auf seinem Oberschenkel? Wofür stehen die Ringe auf seinem Unterarm? Sie weiß, dass es Ritterringe sind, aber sie weiß nicht, wofür oder wann oder unter welchen Umständen er sie erhalten hat. Sie will ihn wirklich kennenlernen, doch sie bringt kein Wort über ihre Lippen, als wäre es für all das noch viel zu früh und gleichzeitig längst zu spät. Vor der Begegnung mit seinen Kindern, die schon halbwüchsig und fast erwachsen sind, fürchtet sie sich am meisten. Seine zweite Frau muss für seine halbelbischen Kinder wie eine Mutter gewesen sein und hat ihm selbst einen Sohn geboren - sie werden wohl kaum begeistert sein, eine weitere Ehefrau vor die Nase gesetzt zu bekommen. Sie werden mich bestimmt überhaupt nicht leiden können, oh je... Allmählich wird ihr klar, wie sehr sie sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben muss, ganz ohne das jemals beabsichtigt zu haben. Und er hat sich trotzdem auf mich eingelassen, Himmelhöllen! Bei all diesen Gedanken hat sie ihre allzeit gläserne Miene und die Tatsache, dass man ihr stets ihre Gefühle von der Nasenspitze ablesen kann vollkommen vergessen, und als es ihr wieder einfällt, ist es längst zu spät. Er hat sie die ganze Zeit aufmerksam beobachtet – sie hätte all das also vermutlich auch einfach laut aussprechen können. "Oh nein," jammert sie und hätte ihr glühendes Gesicht am liebsten in den Kissen vergraben. Olyvar sagt kein Wort, er macht nie viele Worte, auch das weiß sie schon über ihn. Stattdessen küsst er sie und seine Hände auf ihrem Leib werden noch ein wenig besitzergreifender. Ihre Zehen krümmen sich in erwartungsvoller Vorfreude - und dann sprechen sie für eine lange Zeit überhaupt nicht mehr und sie stellt fest, dass sie eigentlich gar keine Worte braucht, um ihm zu sagen, was sie will - er weiß es auch so. Die Nacht schreitet fort und die Kerzenflammen ertrinken in Lachen von geschmolzenem Wachs, eine nach der anderen. Selbst das Feuer im Kamin brennt zu einem flachen Teppich glühender Kohlen in weißer Asche herunter, bis ihr rotes Glimmen das einzige Licht im Raum ist. In ihrem schwachen Schein offenbaren sich Ælla nichts als Wunder und Geheimnisse. Jetzt wartet kein Schmerz mehr auf sie, stattdessen steht ihr ganzer Körper in Flammen, von außen wie von innen, als hätten Wogen reinen Feuers sie erfasst und würden sie einfach mitreißen; jetzt, wo er sicher sein kann, ihr nicht mehr weh zu tun, hält er seine Kraft nicht mehr zurück und sie stellt fest, dass er eine sehr sanfte, leicht tastende Brutalität besitzt, die sie einfach den Verstand kostet; sie trägt sie von einer Ekstase zur nächsten, bis hinter ihren geschlossenen Augenlidern alles wirbelnd zu einer glühenden Sonne verschwimmt, die anschwillt und zerbirst, bis sie lauter kleine, köstliche Tode stirbt. Mit allen Sinnen und jedem bebenden Nervenende. Sie stirbt langsam und sie stirbt schnell. Sie stirbt einfach. Fliegt in den Himmel und findet sich irgendwann doch in seinen Armen wieder, in seinen Händen, die sie halten, sein großer, warmer, bebender Körper ihr rettendes Ufer, an dem sie in der Dunkelheit strandet.

Betäubt vor Erschöpfung, träge vor Zufriedenheit und eingelullt vom Luxus eines weichen, sauberen Bettes hätte Ælla eigentlich schlafen müssen wie ein Stein, doch auch Stunden später liegt sie noch immer wach, fest von Olyvars Armen umschlossen, sein Atem warm in ihrem Haar. Er liegt hinter ihr, ihr Kopf ruht unter seinem Kinn, ihr Rücken schmiegt sich an ihn, ihre Beine sind noch immer mit seinen verschlungen und die tröstende Wärme seines so viel größeren Körpers hüllt sie ein von Kopf bis Fuß. Sie ist sehr wund, sehr verwirrt und seltsam glücklich zugleich, und weiß nicht, wohin mit all ihren Gefühlen. Halb hat sie erwartet, vielleicht nur Körper für ihn zu sein und nicht mehr, und sie wäre damit zufrieden gewesen - doch so war es nicht, ganz und gar nicht. Sie hatte ihn berührt, ihn in den Armen gehalten, bis er nur noch gebündeltes Begehren gewesen war, bis er ihr die Momente anvertraut hatte, in denen sich die Grenzen seines Körpers genauso aufgelöst hatten, wie ihre, in denen seine ganze Stärke sich so abrupt in Hilflosigkeit verwandelt hatte, in denen er sich so in ihr verloren hatte, wie sie sich in ihm. Ælla hat nicht gewusst, dass Leidenschaft eine solche Bindung schaffen kann, dass in der körperlichen Liebe eine solch archaische... eine so elementare Macht liegt. Jetzt versteht sie, was er gemeint hat, als er sagte, man könne einander nicht so nahe sein, ohne etwas von der Seele des anderen zu sehen. Jetzt ist sie sein, ob er das will oder nicht, ob zum Guten oder zum Schlechten. Sie ist so sehr sein, dass sie sich nie wieder als irgendetwas anderes betrachten können wird, als als seine Frau - und so fühlt sie sich sehr sicher und furchtbar verletzlich zugleich. Irgendwann muss sie wohl doch in den Schlaf gedriftet sein, denn als es allmählich zu dämmern beginnt und fahles Grau die Schwärze der Nacht durchsetzt, erwacht sie zitternd und starr vor Schreck. Sie kann sich nicht mehr an den Traum erinnern, der sie geweckt hat, doch der abrupte Sturz in die Wirklichkeit ist nicht weniger verstörend. In den letzten Stunden war es ihr gelungen, ihre Lage eine Weile zu vergessen und sich in dieser Nacht zu verlieren. In ihm. Jetzt liegt sie neben einem Fremden, mit dem ihr Leben unentrinnbar verbunden ist und treibt immer noch an einem Ort unbekannter Bedrohungen dahin. Ihre Kehle ist so zugeschnürt, dass sie kaum atmen kann und plötzlich spürt sie, wie ihr die Tränen in die Augen steigen. Noch sind sie nicht jenseits der Grenzen in Sicherheit. Es ist, als könne sie Asgers kalte, rachsüchtige Präsenz irgendwo ganz in der Nähe spüren. Er sitzt mit seinen Männern unten im Schankraum und wartet nur darauf, dass die Nacht zu Ende geht. Was, wenn das alles vergeblich war? Ælla holt tief und zittrig Luft. Was, wenn Asger von Rekenhael sie weiterhin jagen würde? Was, wenn er nun nicht mehr nur hinter ihr, sondern auch hinter Olyvar her wäre? Was, wenn er und seine Männer ihnen irgendwo auflauern würden? Sie muss einen Laut der Verzweiflung ausgestoßen haben, denn der Fremde, der ihr Ehemann ist, bewegt sich hinter ihr und gleich darauf streifen seine Finger ihre feuchte Wange. Sie schüttelt sacht den Kopf und dreht sich zu ihm um. Diesmal unternimmt sie keinen Versuch, ihre Tränen vor ihm zu verbergen, es hätte ohnehin keinen Sinn. Sie gelten ja auch gar nicht ihm, sondern einfach... einfach allem, und sind ihrer unendlichen Erleichterung, nicht mehr mutterseelenallein auf Rohas weitem Rund und halbwegs in Sicherheit zu sein, genauso geschuldet wie ihren Ängsten, den unbestimmten und namenlosen genauso wie den sehr konkreten. Gleich darauf spürt sie seine große, warme Hand, die ihren eiskalten Arm hinauf streicht und die Augen gehen ihr prompt noch mehr über. Ælla ballt die Hände fest zu Fäusten. "Es ist nichts... mir fehlt nichts," stammelt sie und versucht, sich in den Griff zu bekommen. "Tut mir leid, dass ich Eu... dich geweckt habe. Ich habe nur... schlecht geträumt."
Olyvar schlingt die Decken schützend um sie beide und birgt sie wieder in seinen Armen, an seiner Wärme – das ist wundervoll... und zu viel, so dass sie sich einfach erneut in Tränen auflöst. "Liegt es an mir? Ist es so schlimm, mit mir verheiratet zu sein?" Im Raum ist es jetzt hell genug, dass sie die kantigen Linien seiner Wangen sehen kann, aber sein Gesicht liegt in dunklen Schatten. Sie gibt ein überraschtes, abgehacktes Lachen von sich, so rau und verweint, dass es beinahe wie ein Schluchzen klingt. Sollte sie das nicht eigentlich ihn fragen? "Nein, nein," sie schüttelt so heftig den Kopf, dass die Tropfen auf ihrem Gesicht in alle Richtungen davonfliegen. "Überhaupt nicht," versichert sie halb erstickt, und dann liegt sie zitternd in seinen Armen, japst nach Luft und klammert sich an ihn wie eine Ertrinkende. "Tut mir leid. Ich... ich weiß auch nicht, was ich habe. Ich weiß nicht, warum ich nicht aufhören kann, zu weinen."

Olyvar

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34

Montag, 4. Juni 2018, 00:51

Heartache and war

9. Sturmwind 518, im Schwarzen Bullen in Suthaward

Thank you for wanting me when I still tasted of heartache and war. (Nikita Gill)

You don’t have a right to the cards you believe you should have been dealt with. But you have an obligation to play the hell out of the ones you’re holding - and my dear, you and I have been granted a mighty generous one. (Cheryl Strayed)


"Dann weinst du wohl einfach, weil du es jetzt kannst," Olyvar lächelt mitfühlend in der Dunkelheit und wischt dem Daumen die Tränen von ihren Wangen. "Psst, schon gut. Wein soviel du musst, danach fühlst du dich besser." Und so hält er Ælla in seinen Armen, streicht sanft über ihren Rücken und murmelt dabei leise, beruhigende Worte auf Tamairge in ihr Haar. Die Nacht neigt sich ihrem Ende entgegen, und selbst im Schwarzen Bullen, einem der großen Gasthäuser Suthawards, ist es längst still geworden – nur die vom Tempel bestellten Zeugen ihrer Vermählung auf der anderen Seite der fest verschlossenen Tür halten Wache und auf einmal hat der Gedanke an die Templer und Priester vor ihrem Gemach nichts mehr beklemmendes an sich, sondern ist beinahe tröstlich. Diese Ehe ist gültig, wie immer sie auch zustande gekommen sein mag. Ællas Weinen verstummt allmählich und ihr Zittern lässt nach, doch auch als sie längst wieder eingeschlafen ist, hält er sie immer noch in den Armen, ein kleines, warmes Gewicht an seiner Seite und in seinem Leben. Olyvar weiß weder, was er jetzt denken, noch wie er sich fühlen soll. Eigentlich müsste er aus der Haut fahren wollen. Eigentlich müsste er wütend sein, ohnmächtig, rebellisch. Zumindest ein wenig Widerwillen wäre durchaus angebracht. Aber eigentlich ist er nur verwirrt und vage... hoffnungsvoll? Das hier ist zu etwas völlig anderem geworden, als er erwartet hatte. Ihre verzweifelte Lage mag seinen Beschützerinstinkt geweckt haben, aber er würde sich selbst belügen, wenn er darauf beharren würde, auch nach ihrem Pakt nur noch aus Mitleid und Pflichtgefühl gehandelt zu haben. Er hat sie gewollt. Sehr sogar. Olyvar atmet langsam ein und aus und nennt sich selbst einen Narren. Er will sie immer noch. Begehren... es wäre ein Leichtes, sein Verlangen auf seine lange Einsamkeit zu schieben, auf die simple Tatsache, dass er schon seit Jahren nicht mehr auf diese Weise mit einer Frau zusammen gewesen ist, auf die Sehnsucht nach einer simplen Berührung, auf den Wunsch, die Leere in ihm zu betäuben und Trost zu finden, wenigstens für eine Nacht oder ein kleine Weile. Er hatte insgeheim befürchtet, dass diese Ehe zu vollziehen in einer furchtbaren Katastrophe enden könnte und mehr einer Vergewaltigung gleichkäme als irgendetwas sonst... aber so war es nicht gewesen. Ganz und gar nicht. Ælla hat sich ihm einfach rückhaltlos hingegeben und das Ausmaß seiner Reaktion darauf, hat ihn selbst erschreckt. Doch unter dem Begehren, unter der körperlichen Anziehung, der plötzlichen Empfänglichkeit für ihr Aussehen, ihre Art, ihren Körper, liegt auch noch etwas ganz anderes, und tief in seinem Inneren weiß er es. Hmpf! Aber das heißt ja noch lange nicht, dass er in irgendeiner Weise darauf reagieren musst. Ganz genau. Es ist sogar so sicher wie das "So sei es" in einem Tempel, dass er einfach überhaupt nicht reagieren wird. Auf was auch immer.

Zur Stunde der Andacht hat sich der graue Morgennebel, der mit der Dämmerung gekommen und Suthaward eingehüllt hatte, längst wieder verflüchtigt und eine überraschend warme Sturmwindsonne schickt ihre schrägen Strahlen durch das kleine Gaubenfenster in ihr Gemach. Olyvar ist schon eine geraume Weile auf den Beinen, aber er hat den Raum noch kein einziges Mal verlassen, nur nach einem Morgenmahl für sich und Ælla verlangt und ihre Zeugen gebeten, ihnen noch ein wenig Zeit zu lassen. Er hat sich bemüht, leise zu sein, doch das wäre nicht nötig gewesen, denn Ælla schläft tief und fest - vielleicht zum ersten Mal seit ihrer Flucht aus Northoren. Sie liegt auf dem Rücken, das lange Haar um sie her auf den Kissen ausgebreitet wie eine Flut aus Gold und Flachs, Elfenbein und Silber, hellem Honig, Karamell und Sand. Wenn sie steht, reicht es ihr bis zu den Hüften, hier liegt es wie ein glänzender Strom auf dem weißen Leinen. Ihre Wimpern und Brauen sind zwei, drei Nuancen dunkler als ihr Haar und auf ihrer Nase, den Wangen und der Stirn blühen zimtfarbene Sommersprossen. Sie hat die Arme ausgebreitet, die Hände geöffnet, die Handflächen nach oben und wacht nicht einmal auf, als ein grinsender Küchenjunge eine Kanne Cofea und das Morgenmahl heraufbringt. Als Olyvar sie schließlich weckt, muss er sie mehr als einmal ansprechen und irgendwann sogar an der Schulter rütteln, um sie überhaupt dazu zu bringen, auch nur zu blinzeln. Doch dann räkelt sie sich wie eine zufriedene Katze und murmelt etwas von Träumen und davon, einfach die Augen geschlossen zu halten, so leise, dass er sie kaum versteht. Olyvars Mundwinkel zucken amüsiert. "Ælla, wach auf!" Ihre Lider flattern, doch dann schärft sich ihr Blick, erkennt ihn – und sie setzt sich abrupt auf. Dabei rutscht ihr allerdings die Pelzdecke von den Schultern und Ælla zieht sie hastig wieder hoch; so vertrauensvoll sie ihm ihren nackten Körper in der Nacht überlassen hatte, in der Morgensonne scheint doch ein Teil ihrer Befangenheit zurückgekehrt zu sein. "Madainn mhath. Es gibt Cofea und etwas zu essen, wenn du Hunger hast."
Sie hat offensichtlich sehr, denn ihre Nase zuckt in Richtung des Tisches, kaum dass er das Wort Cofea in den Mund genommen hat und ihr Magen knurrt so laut, dass er es hören kann. Sie lächelt schüchtern. "Was heißt das, was du gerade gesagt hast? Welche Sprache ist es?"
"Madainn mhath?" Wiederholt er und sie nickt. "Es ist Tamairge und heißt 'Guten Morgen'."
"Oh... ebenso guten Morgen. Kann ich... könnte ich... mein Hemd... haben?"

Olyvar blickt sich um. Nur das bestickte Mieder liegt ordentlich über der Stuhllehne – der ganze Rest ihres Gewandes immer noch dort, wo sie es gestern hatten fallen lassen. Er fischt das Hemd aus dem kleinen Berg von Röcken und reicht es ihr. Weil es nur aus durchscheinendem Batist ist, gibt er ihr auch das wollene Schultertuch, und als er ihre wachsende Verlegenheit bemerkt, kehrt er ihr den Rücken zu. Während Ælla sich anzieht, aus dem Bett schlüpft und dann hinter dem Paravent verschwindet, um sich zu waschen, schürt er das Feuer neu, sammelt ihre Röcke auf, legt sie über eine Stuhllehne und schenkt sich einen Becher dampfenden Cofeas ein. Ihr erstes gemeinsames Morgenmahl verläuft weitgehend in Schweigen, aber das liegt neben Ællas Befangenheit vor allem daran, dass sie hungrig wie die Wölfe über den gebratenen Schinken und die gekochten Eier, den halben Laib Brot, die gesalzene Butter und den süßen Haferbrei herfallen, den man ihnen gebracht hat. Von ihren Zeugen ist noch nichts zu hören oder zu sehen, und Olyvar dankt den Templern und Priestern im Stillen für ihre Zurückhaltung. Ihm schwant jedoch, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird, bis die Schweigende Schwester die blutbefleckten Hochzeitslaken sehen will und Ælla noch einmal untersuchen würde. Er hat nicht vergessen, mit welch starrer Miene sie gestern Abend im Tempel an seine Seite zurückgekehrt war, nachdem man sie gezwungen hatte, mit der Frau zu gehen und ihre Jungfräulichkeit inspizieren zu lassen. Er selbst wäre am liebsten sofort aufgebrochen – er macht sich Gedanken um Yara und Brenainn, und er könnte darauf wetten, dass Asger von Rekenhael und seine Männer längst wieder unten in der Schankstube sitzen, wenn sie den Schwarzen Bullen über Nacht überhaupt verlassen hatten. Es sind siebzig Tausendschritt bis zur Grenze nach Verd, ein harter Tagesritt für sie alle – je eher sie die Stadt also verlassen können, desto besser. "Sie werden uns nicht mehr lange in Ruhe lassen," meint er schließlich leise und leert seinen Cofea. "Und ich glaube, wir sollten aufbrechen, sobald unsere Templereskorte hier ist. Kannst du in dem Kleid reiten?"
Ælla verzieht ein wenig zweifelnd ihre Miene und mustert die Stoffberge über einem der freien Stühle. "Ich kann einen oder zwei Unterröcke opfern und den Überrock weglassen, damit er nicht zu Schaden kommt. Das Schultertuch habe ich ja auch noch. Aber ich kann nicht..." ein Anflug von Röte überzieht ihre Wangen. "Ich fürchte, ich kann wirklich nicht ohne Mieder oder Korsett reiten. Nicht wenn wir es eilig haben." Sie blickt etwas verlegen an sich hinunter. "Dazu sind sie zu... zu..."
"Groß," lächelt er und sie erwidert sein Lächeln zaghaft, kaum mehr als ein Zucken ihrer Mundwinkel. Olyvar legt den Kopf leicht schräg und mustert ihre Gestalt. "Weder von Yara'Sanchale noch von Brenainn wird dir irgendetwas passen, von mir erst recht nicht, aber ich verspreche dir, dass wir dir Kleidung und Stiefel, und alles, was du sonst noch benötigst, besorgen, sobald wir im Verdland in einen größeren Ort kommen. Das kann allerdings ein Weile dauern, ich glaube, der nächstgelegene Marktflecken ist Machynlleth an der Alten Weststraße. Zwei oder drei Tage lang müssen wir also improvisieren. Du kannst eines meiner Hemden zum Schlafen haben und vielleicht können wir aus ein paar Lederstücken Fußlappen für dich machen, damit du dir... deine nackten Zehen nicht mehr anstoßen musst."
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

35

Montag, 4. Juni 2018, 00:59

I'm just gonna keep my eyes closed

9. Sturmwind 518, im Schwarzen Bullen in Suthaward

This isn't real, is it? I'm just gonna keep my eyes closed because this is like that moment in the morning when you first wake up and you're still half asleep and everything seems... things are possible, dreams feel true and for that one moment between waking and sleeping anything can be real. And then you open your eyes and the sun hits you and then you realize that... I'm just gonna keep my eyes closed. (I. Stevens)


Sie schläft wirklich tief und fest, und zum ersten Mal seit hundertneunzehn Tagen auch nicht mehr zusammengerollt wie ein furchtsamer Hund, denn zum allerersten Mal, seit sie aus Northoren fliehen musste, fühlt Ælla sich wirklich sicher, und sie weiß genau, wem sie das zu verdanken hat. Olyvar. Er hatte sie festgehalten und getröstet, bis ihr Zittern allmählich wieder nachgelassen hatte und ihre Tränen schließlich versiegt waren. Ausgewrungen vom vielen Weinen und ausgebrannt von all ihren verworrenen Gefühlen und schlichter Erschöpfung, war sie wieder eingeschlafen, während seine Arme um sie her den Rest der Welt einfach ausgeschlossen hatten. Halb hat Ælla befürchtet, ihre Träume würden dunkel und voller Schrecken sein, aber das sind sie gar nicht... sie sind vielleicht ein wenig durcheinander, aber auch warm, licht und lebendig, und Olyvar kommt in jedem einzelnen davon vor. In einem dieser Träume ruft er sie sogar bei ihrem Namen, leise und drängend, aber immer wieder. Für einen Moment wechseln Licht und Dunkelheit, so dass sie von beidem und von keinem umgeben ist, dann spürt, sie, wie er sie sacht an der Schulter schüttelt.
>Ælla, du musst aufwachen.<
Eine seiner großen, warmen, herrlich rauen Hände liegt wieder auf ihrer nackten Haut und sie kann spüren, wie sie zu glühen beginnt – ihre Schulter, ihr Arm, ihre Brüste, alles von ihr. "Nein," murmelt sie verzückt. Noch gefangen im Nachhall ihrer Träume will sie die Augen überhaupt nicht öffnen, weil sie fürchtet, die Wirklichkeit könnte ganz anders aussehen. Weil sie Angst hat, er könne sich im hellen Tageslicht von dem Olyvar, den sie in der Nacht kennengelernt hatte, der Olyvar, der sie geküsst und sie geliebt und sie in den Armen gehalten, der sie getröstet und sogar mit ihr gelacht hat, wieder in den Fremden mit den harten grauen Augen und dem unbewegten Gesicht verwandeln. "Du könntest ein Traum sein, weißt du? Ich lasse einfach meine Augen geschlossen... ich..."
>Ælla, wach auf!<
Sie blinzelt völlig konfus, einen schrecklich langen Augenblick zwischen Halbschlaf und wacher Welt gefangen, dann setzt sie sich erschrocken auf und rafft, mit einem Mal wieder unerklärlich schüchtern, die Decken um sich. Hat sie das eben laut ausgesprochen? Verflixt! Sie kommt sich nackt und verletzlich vor, und nennt sich noch im selben Atemzug in Gedanken eine strohdumme Gans. Er ist dein Ehemann und er hat schon alles gesehen, was es an dir nur zu sehen gibt. Berührt hat er es auch. Außerdem scheint er deine Brüste wirklich zu mögen. Das stimmt tatsächlich, doch auch wenn sie sich das alles noch so eindringlich sagt, es hilft gerade nicht das Geringste. Falls Olyvar ihre schreckliche Verlegenheit bemerkt, übergeht er sie jedoch einfach und auch dafür ist sie ihm wirklich dankbar. Dann hört Ælla ihn mit seiner tiefen, rauen Stimme etwas sagen, das wie "Mathinwha" klingt und als er von Cofea und Frühstück spricht, spürt sie schlagartig ihren leeren Magen, der heftig zu rumoren beginnt. Gestern Abend hatte sie vor lauter Aufregung und Angst kaum etwas gegessen, sie hätte einfach nichts hinuntergebracht - und jetzt hat sie entsprechend Hunger. Einen Moment lang fürchtet sie, mit ihm zu sprechen, ganz gleich über was, könnte sich ebenso befremdlich und seltsam anfühlen, wie nackt vor ihm zu sitzen und nichts als eine Pelzdecke um die Schultern zu haben, doch dann tut sie es einfach, und es fällt ihr erstaunlich leicht. Nachdem sie in ihr Hemd geschlüpft ist – Das ist lächerlich. Der Batist ist so durchsichtig, dass ich genauso gut gar nichts anhaben könnte! – wendet er ihr sogar taktvoll den Rücken zu und stochert in der Asche des Kamins herum, wo er das Feuer neu entfacht, damit sie sich unbeobachtet im Raum bewegen kann. Ælla verschwindet hinter dem Paravent, benutzt den Nachtstuhl dort, wäscht sich Gesicht und Hände, und dann mit noch viel seltsameren Gefühlen das getrocknete Blut von den Schenkeln. Ælla kämmt ihr Haar mit den Fingern - notgedrungen, denn sie hat weder Kamm, noch Bürste und bei der Länge ist das eine anhaltende und schmerzhafte Prozedur, deren Ergebnis einiges zu wünschen übrig lässt - und flicht es zu einem dicken, langen Zopf. Sie ist jetzt eine verheiratete Frau und hätte das Recht, es aufwändig geflochten und aufgesteckt zu tragen – doch da ihre Mutter so früh verstorben war, hatte sie niemanden, der ihr solche Frisuren beigebracht hätte, und selbst wenn, sie hat keine Bänder und keine Spangen, nicht einmal eine einzige Haarnadel in ihrem Besitz... und stellt mit leisem Erstaunen fest, wie viel es ihr ausmacht, das sie nicht einmal das tun kann. Sie hat auch keinen Ehering, keinen Brautkranz. Es gibt kein sichtbares Zeichen ihrer Verbindung mit ihrem Mann - abgesehen vielleicht von den Bettlaken, auf denen genug rostrote Flecken zu sehen sind, um die Defloration von drei Jungfrauen nachweisen zu können, weil sie wohl ziemlich geblutet hat, aber sonst... nichts. Sie kann nicht einmal ihr Haar aufstecken wie jede andere anständige, verheiratete Rhaínländerin.

Vielleicht kann ich eine der Schankmaiden um ein paar Nadeln bitten, wenn wir gehen... überlegt sie, als sie zu Olyvar zurückgekehrt, nach wie vor nur im Hemd, aber das wollene Tuch um die Schultern geschlungen. Doch dann sind fürs erste alle geflochtenen Hochsteckfrisuren Rohas vergessen, denn sie sitzt an einem reich gedeckten Tisch, sie hält ihren ersten Cofea seit Northoren in den Händen und als sie an der Tasse schnuppert, verrät ihre Miene reine Glückseligkeit. Olyvars Gesichtsausdruck ist zwar unergründlich, aber seine grauen Augen sind sanft und mehr wie Rauch, wenn er sie ansieht, nicht hart und kalt wie Silber... und sie spürt prompt, wie sich ein kleiner, kalter Knoten in ihrem Magen löst. Auch er hat sein Haar wieder im Nacken zusammengenommen und Ælla fällt zum ersten Mal auf, wie lang es sein muss. Er hatte es gestern Nacht gelöst, bevor er zu ihr gekommen war und das Bild dieses glänzend kastanienbraunen Haars, das über seinen breiten, nackten Rücken und die dreißig blassen Narben dort geflutet war, hat sich ihr tief eingeprägt. Es passt zu seinem Charakter, dieses lange, wilde Haar, das stets gebändigt ist – bis er entscheidet, es freizulassen. Während sie sich das Morgenmahl teilen, sprechen sie kaum, doch es ist kein unangenehmes Schweigen und sie beobachtet ihn verstohlen, während er sie ganz offen ansieht. Auch das ist nicht unangenehm. Ganz und gar nicht. Sie entdeckt, dass er seinen Cofea schwarz trinkt und das exotische Gebräu wohl genauso gern mag wie sie. Die gesalzene Butter schmeckt ihm offensichtlich auch, ebenso wie das dunkle Brot, der Schinken und die Eier. Aus dem Haferbrei scheint er sich hingegen nichts zu machen, was ihr nur recht ist, denn sie mag ihn gern, obwohl der süße Porridge sie sehr an zu Hause erinnert. An Northoren zu denken ist jedoch immer noch wie einen schmerzenden Zahn zu berühren, so dass sie jeden Gedanken daran tunlichst zu vermeiden versucht. Als er das Schweigen schließlich bricht, wendet er sich nüchtern rein praktischen Überlegungen zu, aber seine Stimme ist warm und er denkt bei allem, das ihm jetzt vielleicht im Kopf herum gehen mag, zuerst an sie und verspricht ihr gleich als erstes, ihrem eklatanten Mangel an... nun an schlicht und einfach allem, Abhilfe zu schaffen, sobald er dazu in der Lage wäre. Davon ist sie so gerührt, dass ihr das Schlucken mit einem Mal schwer fällt, doch noch während sie nach den richtigen Worten sucht, um ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, bringt seine leise Anspielung auf ihr wütendes Aufstampfen mit nackten Zehen sie auch schon zum Lächeln und hilft ihr aus ihrer Verlegenheit. Obwohl es nur eine Kleinigkeit ist, eine absolute Nichtigkeit, schaffen seine Worte plötzlich Nähe... wie eine kleines, ein wenig albernes Geheimnis, das nur sie beide teilen. Das ist es ja auch. Aber was er sagt, erinnert Ælla auch daran, dass sie wortwörtlich nicht mehr besitzt als das, was sie am Leib trägt – das, und ein paar wenige Münzen. Sie bringt nichts ein in diese Ehe außer sich selbst und würde ihn obendrein auch noch gleich zu Beginn einiges kosten. Ihr Geelian und ihre lederbesetzte Hose sind nicht mehr zu retten, da gibt sie sich keiner Illusion hin, und sie hat außerdem nicht die geringste Ahnung, was eigentlich aus dem kleinen, sorgsam verschnürten Bündel mit ihren Kleidern und dem heruntergekommenen Lammfellmantel ihres Vaters geworden sein mag, das sie gestern im Tempel noch bei sich gehabt hatte. Sie hatte es hinter den Flügeln der geöffneten Tempeltore deponiert und es eigentlich mitnehmen wollen, aber dann hatten sich die Ereignisse derart überschlagen, dass sie einfach nicht mehr daran gedacht hatte. Dieser Verlust schmerzt sie wirklich, auch wenn ihre vor Schmutz starrenden, zerrissenen Kleider nur noch als Lumpen taugen. Olyvar muss ihr nicht erst erklären, dass sie alles, was sie benötigt, nicht hier in Suthaward erwerben können, weil sie dafür Asger und seinen Männern noch stundenlang vor der Nase herumspazieren müssten – sie hätte die Stadt selbst am liebsten auf der Stelle verlassen. Doch vorher... sie stockt, als ihr einfällt, was vorher noch auf sie wartet und betet im Stillen, Olyvar würde wenigstens währenddessen den Raum verlassen. Sie weiß allerdings nicht, wie sie ihn darum bitten soll und er wird sie kaum von sich aus allein lassen wollen. Sie will ja auch wirklich nicht allein mit der Schweigenden Schwester sein, aber noch weniger will sie, dass er Zeuge ihrer erneuten Demütigung wird. Abgesehen davon weiß sie nicht, wie er reagieren würde, wenn er merkt, wie unangenehm es ihr sein wird. Sie kann mit ihrem so durchschaubaren Gesicht kaum gute Miene zum bösen Spiel machen und er ist sehr aufmerksam; er wird es merken, da ist sie sich sicher. Er wird versuchen, mich zu beschützen, wie er es schon die ganze Zeit tut, wie er es immer tun wird. Sie mag ihn kaum kennen, aber das weiß sie von ihm. Genauso sicher ist sich Ælla allerdings, dass sie es sich mit dem Klerus in der Stadt nicht verscherzen dürfen, denn im Augenblick sind die Priester und Templer ihre einzigen Verbündeten gegen Asger von Rekenhael und die Rebellenjäger der Königin. Noch sind sie ihnen nicht entkommen, noch haben sie die sicheren Verdwälder nicht erreicht. Abgesehen davon hat der Vorsteher des Amitaritempels einiges riskiert, ihr auf diese Weise zu helfen, dessen ist sie sich auch bewusst. Doch kaum ist Olyar verstummt und der geteilte Moment der Vertrautheit vorüber, öffnet sich nach einem denkbar kurzen, gebieterischen Klopfen auch schon die Tür und die Schweigende Schwester in ihren grauen Gewändern, Haupt und Haar streng unter ihren anthrazitfarbenen Schleiern verborgen, betritt den Raum. Hinter ihr und der Priesterin praktisch auf den Fersen erscheint allerdings die schlanke, hochgewachsene Gestalt von Olyvars dunkelhäutiger Begleiterin. Yara San'Chale hatte er sie genannt.

Als Olyvar sie bemerkt, erhebt er sich sofort, tritt zu ihr und wechselt ein paar Worte mit ihr, denen Ælla immerhin soviel entnehmen kann, dass Brenainn unten mit den Pferden auf sie warte, dass die Templer ihrer Eskorte angekommen wären und alles für ihren Aufbruch vorbereitet sei – und dass sie sich beeilen sollten, denn Asger und seine Männer würden im Schankraum unten ihren Rausch ausschlafen und hätten sich beim Wirt und den Schankmädchen die ganze Nacht über unbeliebt gemacht. Dann wandert der Blick ihrer graugrünen - und in diesem ebenholzfarbenen Gesicht erstaunlich hell wirkenden - Augen einmal durch den ganzen Raum. Weder die Ruhe, noch die Erfahrung, die in diesem Blick liegen, noch die gezackten Narben, welche ihre ansonsten makellose Haut zieren, wollen zu den beinahe mädchenhaften Zügen dieser Frau passen. Yara San'Chales Jadeaugen gleiten ausdruckslos über die Schweigende Schwester hinweg, die stoisch neben dem Bett wartet, und richten sich dann für einen Moment auf sie selbst. Ælla fühlt sich zwar durchdringend gemustert, aber nicht unbehaglich unter diesem Blick, und was immer die Frau in ihr sehen mag, sie wendet sich wieder an Olyvar und bittet ihn knapp, auf dem Gang zu warten. "Geh nach draußen Olyvar, ich bleibe bei ihr," hört Ælla sie sagen und lächelt erleichtert. "Aber warte vor der Tür. Geh nicht allein nach unten." Olyvar scheint das nicht wirklich zu schmecken, aber als sein Blick ihr Gesicht sucht, nickt Ælla tapfer und bringt sogar ein weiteres Lächeln zustande. Dann geht er und sie bleibt allein mit Yara'Sanchale und der Schweigenden Schwester zurück. Die Priesterin gibt ihr mit einer knappen Geste zu verstehen, dass sie sich hinlegen soll und Ælla tut wie ihr geheißen. Doch noch während sie das tut, setzt sich die Fremde einfach neben sie und nimmt ihre Hand. Sie schenkt ihr ein knappes Lächeln und erinnert die verschleierte Priesterin dann höflich, aber sehr bestimmt daran, sanft zu sein; sie gehe mit einem lebenden Menschen um, nicht mit einer Toten, hört Ælla sie sagen und fühlt sich von einem Moment auf den anderen nicht mehr allein. Jemand steht ihr zur Seite; eine andere Frau ist bei ihr und wacht über sie, und es spielt keine Rolle, dass sie sie eigentlich überhaupt nicht kennt. Sie ist bei ihr, obwohl sie ihr in keiner Weise zu irgendetwas verpflichtet ist und das nicht für sie hätte tun müssen, und Ælla hätte Yara San'Chale vor lauter Dankbarkeit am liebsten umarmt – genaugenommen hätte sie sie küssen mögen. Die Berührungen der Schweigenden Schwester sind so kühl wie gestern, aber nicht mehr kalt und schmerzhaft, und Ælla spürt ihre tastenden Finger an Stellen, an denen von Rechts wegen nur noch ihr Ehemann etwas zu suchen hätte - doch der Anflug von Scham, den sie dabei empfindet, ist nichts mehr im Vergleich zu der erstickenden Ohnmacht in jenen Gewölben des Tempels, und Yara'Sanchale hält ihre Hand die ganze Zeit über fest. Als es vorbei ist, begutachtet die Priesterin kritisch die fleckigen Laken, zieht sie vom Bett, faltet sie sorgsam und reicht sie ihr dann so feierlich, als übergebe sie ein zeremonielles Geschenk. Ælla bringt ein steifes Nicken zustande und sucht hilflos Yara'Sanchales Blick, während die Schweigende Schwester sich stumm und grau wie eine Statue zurückzieht, den Kopf gesenkt und die Hände in den überlangen Ärmeln ihres Gewandes gefaltet. Auf der Wange der dunkelhäutigen Frau zuckt ein Muskel, doch ansonsten ist ihre Miene mindestens so undurchschaubar wie die Olyvars. "Danke, dass Ihr bei mir geblieben seid," lächelt Ælla schüchtern und muss ihren Kopf fast genauso weit in den Nacken legen, um in Yara'Sanchales Gesicht zu blicken, wie sie es tun muss, wenn Olyvar vor ihr steht. Die Frau kann bestenfalls eine knappe Handbreit kleiner sein, als ihr Ehemann. Rhaínländerinnen sind auch groß gewachsen – abgesehen von ihr, sie ist ein Zwerg – aber so groß werden sie dann für gewöhnlich doch nicht. "Ich weiß, wie Ihr heißt. Olyvar hat mir Euren Namen genannt, aber wir hatten noch gar keine Gelegenheit, uns vorzustellen. Ich bin Ælla. Geht es Brenainn gut? Und äh..." ihr Blick richtet sich auf das zusammengelegte Laken in ihren Händen, "was soll ich nur um Himmels Willen damit tun?"

"Brenainn geht es gut. Er hat sich tapfer geschlagen," erwidert Yara'Sanchale und Ælla glaubt, einen Anflug von besorgter Belustigung oder belustigter Sorge in den hellen Augen der Frau zu entdecken. Dann fährt sie fort: "Du könntest es einrahmen und aufhängen. So als... Erinnerungsstück," erklärt sie trocken, und Ællas Augen werden groß und rund. "Aufhängen?" Echot sie ungläubig, doch dann geht ihr auf, dass die Frau wohl scherzt und sie kichert leise. "Oder du lässt es einfach hier," zuckt Yara dann gleichmütig mit den Schultern. "Die... vermutlich schriftliche... Aussage der Schweigenden Schwester ist Beweis genug." Ælla überlegt einen Moment, dann schüttelt sie sacht den Kopf und legt den zusammengefalteten Stoff behutsam auf den Tisch. "Ich glaube ich... ich nehme es mit und verstaue es dann irgendwo ganz tief unten in irgendeiner Truhe," murmelt sie. Das ganze ist ihr furchtbar peinlich, aber es einfach hier herumliegen zu lassen, noch dazu wo es ihr auf diese Weise überreicht worden war, wäre ihr noch viel peinlicher. Sie angelt nach zwei der gestärkten Unterröcke, schlüpft hinein und schließt die Haken und Bänder. Sie wünscht sich ein Korsett und ein hochgeschlossenes Hemd, doch da sie beides nicht hat, wird sie mit dem bestickten, mit Fischbeinstäben verstärkten Mieder des Kleides vorlieb nehmen müssen, ungehöriger Ausschnitt hin oder her. Seufzend windet sich Ælla in das Korsett und hebt ihre Brüste in die stützenden, schalenförmigen Auswölbungen auf der Innenseite. Von außen ist das Mieder glatt, noch nicht einmal etwas von den Nähten ist zu sehen, denn die kunstvollen Ranken- und Vogelstickereien ziehen sich vom rechteckigen Ausschnitt bis zur V-förmigen Taille, die an der Vorderseite steil nach unten zuläuft. Doch es muss im Rücken geschnürt werden und Yara'Sanchale tritt zu ihr, um ihr damit zu helfen, ohne dass sie überhaupt danach zu fragen braucht. Sie spürt die Finger der Frau in ihrem Rücken, als sie hier und dort etwas zurecht zupft, flüchtig an ihrer Taille, dann fester, als sie die Bänder ordnet. "Danke." Ælla zieht den Bauch ein, als die Schnüre fester zuziehen und wird unangenehm an die ständige Atemlosigkeit des gestrigen Abends erinnert, doch Berrit und ihre Mädchen hatten sie viel enger eingeschnürt, als Yara San'Chale es jetzt tut. Sie ist es wegen ihrer großen Brüste ja gewohnt, ein Korsett zu tragen, aber der freizügige Ausschnitt des Mieders bereitet ihr immer noch Unwohlsein, und Yara'Sanchale scheint ihr das anzusehen. Die Frau zieht ein Halstuch aus verwaschenem, braunem Stoff hervor und drapiert es so um ihren Hals und ihr Dekolleté, dass das meiste züchtig bedeckt ist. "Besser?"
"Viel besser," seufzt Ælla erleichtert und bindet sich das Schultertuch als eine Art Ersatzüberrock um die Hüften. Die Röcke würden ihr zwar beim Reiten bis über die Knie hoch rutschen, aber das kann sie nicht ändern und daran, dass jedermann ihre nackten Beine sehen könnte, verschwendet sie als Rhínemoor kaum einen Gedanken.
"Ich weiß, dass es in den meisten Teilen der Rhaínlande für eine verheiratete Frau üblich ist, ihre Haare zu flechten und hochzustecken," beginnt Yara San'Chale mit einem Mal. "Liegt dir etwas an diesem Brauch und brauchst du meine Hilfe?"
"Oh!" Ælla blinzelt überrascht, dann breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. "Das würdet Ihr für mich tun? Sehr... sehr... gern!" Sie ist so überrascht und gerührt von diesem freundlichen Angebot, dass Yara San'Chale diesmal wirklich nur ganz knapp einer begeisterten Umarmung entgeht. "Aber... müssen wir uns nicht beeilen?" Sprudelt Ælla gleich darauf besorgt hervor. "Ich habe keine Haarnadeln und keine Spangen, ich kann noch nicht einmal wirklich flechten! Alles, was ich selbst zustande gebracht habe, ist dieser armselige Zopf und..."
"Dafür nehmen wir uns jetzt Zeit und ich habe alles, was wir brauchen. Setz dich hin."
Sie beeilt sich, auf einem der Stühle Platz zu nehmen und fragt sich im Stillen, ob Olyvar wirklich so lange vor der Tür warten würde, wie er es mehr oder weniger versprochen hat – Sei nicht albern, da draußen sind Priester und Templer, er wird bestimmt keine Dummheiten machen! Dann spürt sie Yara San'Chales sanfte, geschickte Finger auf ihrem Kopf, die ihren Zopf lösen und mit einem Holzkamm die wirren Strähnen ihres langen Haars glätten. Ælla überkommt das alberne Gefühl, schon wieder in Tränen ausbrechen zu wollen und sie hat das dringende Bedürfnis, sich zu entschuldigen zu müssen. Sie hat solche Schwierigkeiten verursacht und anstatt böse auf sie zu sein oder sie anzuklagen, begegnet ihr jedermann gut und freundlich. "Es tut mir wirklich, wirklich unendlich leid, dass ich mit meinem dummen, dummen Plan ein solches Durcheinander angerichtet habe. Dass ihr alle wegen mir in Gefahr geraten seid."

"Wir waren nie wirklich in Gefahr, Ælla, und du bist es auch nicht mehr. Du bist jetzt Ælla von Tarascon, Ehefrau des Lord Comanders der Blaumäntel von Talyra, einem Mann, dem fünftausend Soldaten und halb Talyra blind in einen Krieg gegen die Rhaínlande folgen würden. Und du hast keine Ahnung, wer und was alles in Talyra lebt."
"Ooh," erwidert sie schwach, ohne auch nur ein Wort von dem, was ihr da gesagt wird, wirklich in seiner vollen Tragweite zu begreifen. Dennoch wird ihr ganz flau zumute. In einen Krieg folgen? Das kann sie doch unmöglich ernst meinen! Aber Yara'Sanchale klingt überhaupt nicht, als würde sie scherzen. Im Gegensatz zu ihr hat Ælla vom gestrigen, verbalen Schlagabtausch ihres frischgebackenen Ehemannes mit Asger von Rekenhael vor den Tempeltoren rein gar nichts mitbekommen, weil sie zu diesem Zeitpunkt viel zu sehr damit beschäftigt gewesen war, genug Luft in ihre revoltierenden Lungen zu zwingen, um nicht zu ersticken. "Wie... äh... nun... beruhigend, das zu wissen," murmelt sie. In Wahrheit fühlt sie sich alles andere als beruhigt und fragt sich – eigentlich nicht zum ersten Mal, aber ganz sicher zum ersten Mal in diesem Zusammenhang – wen sie da eigentlich geheiratet hat. Doch Yara'Sanchale lacht nur leise.
"Zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Hätte das Schicksal nicht gewollt, dass du Olyvar heiratest, hätte Brenainn dich nicht gefunden. Und vertrau mir: Ich weiß einiges über das Schicksal. Das Schicksal und ich sind alte Freunde."
"Schicksal," flüstert Ælla und ein kleiner kühler Schauer rieselt zwischen ihren Schulterblättern ihre Wirbelsäule hinab. War es ihr Schicksal, Olyvar zu heiraten? Seine Frau zu sein? Eine Herzländerin zu werden?
"Du hast um Hilfe gebeten. Das ist alles was du getan hast, Ælla. Es war unsere Entscheidung sie dir zu gewähren. Einmal davon abgesehen, dass Olyvar eben nicht gerade unglücklich aussah."
Einen Moment lang blinzelt Ælla vollkommen verständnislos, dann glaubt sie zu begreifen, worauf Yara San'Chale anspielt und ihre Wangen beginnen prompt zu glühen. Vermutlich kann man ihr wie immer an der Nasenspitze ablesen, woran sie gerade denkt (und sie denkt gerade an ganz und gar unaussprechliches). Nein, unglücklich ist auch sie nicht... wahrlich nicht. Dann fällt ihr wieder ein, was Olyvar ihr von seiner zweiten Ehe erzählt hat. "Aber er war nicht auf der Suche nach einer Ehefrau. Ich glaube sogar, das war das allerletzte, was er gewollt hat."
"Kann schon sein, aber jetzt hat er eine," erwidert Yara San'Chale trocken. "Er hat dich. Du wirst gut zu ihm sein, nicht wahr? Du wirst ihm eine gute Frau sein."
Ælla seufzt so tief, dass sich ihre Brüste unter dem braunen Tuch und dem bestickten Mieder wölben. So freundlich Yara'Sanchale auch zu ihr sein mag, das ist eine deutliche Warnung. "Immer," verspricht sie leise. "Ich... ich maße mir nicht an, ein Urteil über seine bisherigen Ehefrauen zu fällen, denn ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von der Feuerelbin, außer, dass sie die Mutter seiner ältesten Kinder ist und dass Olyvar sie geliebt hat. Man hört es in seiner Stimme, wenn er von ihr spricht. Aber von seiner zweiten Ehe hat er mir einiges erzählt und... und ich weiß, dass ich nicht wie diese Immerfrosterin bin. Wenn ich ein heiliges Versprechen gebe, dann halte ich es auch. Koste es, was es wolle."
"Fertig," verkündet Yara'Sanchale und Ælla kann das Werk der anderen Frau nur mit den Händen betasten, da es keinen Spiegel und keinen Abglanz aus poliertem Metall im Raum gibt. Anscheinend hatte Yara ihr Haar zu zwei dicken, langen Fischgrätenzöpfen geflochten, diese im Nacken überkreuzt und dann zu einem Kranz aufgesteckt. "Es sieht bestimmt wunderbar aus, danke!"
"Sobald wir die Grenzen Talyras passiert haben, haben wir Zeit. Dann kann ich dir das Flechten beibringen."

Olyvar

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Dienstag, 5. Juni 2018, 10:16

Aufbruch

9. Sturmwind 519 vom Schwarzen Bullen in Suthaward bis zur Grenze des Verdlandes

"Are you sure I can't punch him in the face?"
"Yes!"
"What if I just break his nose a little?" (TFR)


Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis Yara und Ælla endlich den Raum verlassen – die Schweigende Schwester war lange vor ihnen auf den Gang herausgekommen und hatte sowohl für ihn selbst, als auch für die Templer und Priester ihres eigenen Götterhauses nur ein knappes Nicken übrig gehabt – und Olyvar, der für gewöhnlich ein durchaus geduldiger Mann ist, brennen die ganze Zeit über, während er wartet, die Handflächen vor Verlangen, in den Schankraum hinunter zu marschieren und Asger von Rekenhael einfach das Genick zu brechen. Doch er ist schon sehr lange kein achtzehnjähriger Heißsporn mehr, der keine Selbstbeherrschung besitzt und sein Zorn ist kalt, nicht blind. Das bedeutet allerdings nicht, dass er es nicht wirklich gern tun würde. Als sich die Tür zu dem Gastraum, in dem sie die Nacht verbracht hatten, endlich öffnet und nacheinander erst die Schamanin, dann seine Frau zu ihm treten – die Templer, Priester und die Schweigende Schwester haben sich am oberen Treppenabsatz versammelt und warten auf sie, um sie unten ihrer Eskorte zu übergeben und vermutlich um sicherzustellen, dass er auf dem Weg dorthin nicht nicht einmal mit dem Rekenhaeler aneinandergeraten würde – seufzt er innerlich erleichtert auf und will beinahe schon fragen, was so lange gedauert hat. Doch dann fällt sein Blick auf Ælla und er sieht es selbst. Sie trägt zwei ihrer Unterröcke und das bestickte Mieder ihres Gewandes, und hat ihr Schultertuch aus dünnem Wollstoff um die Taille geknotet, so dass es als eine Art improvisierter Überrock fungiert. Ihr Dekolleté wird allerdings bis zu ihrer Kehle hinauf sorgsam von einem von Yaras braunen Halstüchern verhüllt, das Ælla um ihren Nacken geschlungen und dessen Enden sie unter dem Mieder festgesteckt hat, während sie den Rest ihrer Röcke als sich bauschenden Stoffberg über dem Arm trägt. Sie anzukleiden kann jedoch nicht der Grund dafür gewesen sein, dass er so lange warten musste, sondern ihr Haar oder vielmehr das, was sie oder Yara oder beide gemeinsam damit angestellt hatten. Olyvar versteht von Flechtwerk so viel wie ein Azurianisches Dreihorn vom nordischen Winter, nämlich gar nichts, auch wenn er theoretisch weiß, wie ein einfacher Zopf geht, schließlich hatte Fianryn ihre Flechtkünste oft genug an Bayvards, Gærems oder auch Tamras Langhaar ausprobiert, und er hatte das alles ebenso oft wieder auflösen müssen. Doch Ællas kunstvoll geflochtene und zu einem schweren, glänzenden Kranz aufgesteckte Frisur sieht ihm nicht nach 'einfachen Zöpfen' aus. Er hat auch keine Ahnung von dieser Sitte verheirateter Rhaínländerinnen und weiß daher nicht, was es ihr bedeutet, ihr Haar so zu tragen – alles, was er weiß, ist, dass es ihr furchtbar gut steht. Olyvars Mundwinkel zucken im Bemühen, ein anerkennendes Lächeln zu unterdrücken und er rettet sich in die rechtschaffene Empörung jedes Ehemannes, der (aus welchen Gründen auch immer) auf seine Frau warten muss. "Wirklich? Uns brennt die Zeit unter den Nägeln, unten warten Brenainn und die Templer mit den Pferden und ihr zwei spielt Zöpfe flechten?" Raunt er und ist insgeheim erleichtert, dass die Schamanin und das Mädchen... sie ist deine Frau, hör auf an sie als 'das Mädchen' zu denken... anscheinend gut miteinander auskommen. Doch Yara schnalzt nur unbeeindruckt mit der Zunge und erklärt, was sein müsse, müsse eben sein. Ælla senkt zwar den Blick, doch um ihren Mund liegt ein winziges Lächeln, das hinreichend klar macht, dass sie in dieser Angelegenheit voll und ganz auf Seiten der Ordensjägerin steht. Olyvar stößt ein leises, durch und durch männliches Schnauben erschöpfter Geduld aus. "Wunderbar! Aber wenn die Damen dann damit fertig sind, sich die Haare zu machen, könnten wir vielleicht von hier verschwinden, aye? Ich würde die Stadt gern vor dem Mittagsläuten verlassen... oder bevor Asger sein Schandmaul aufmacht und ich ihm doch noch den Hals umdrehe." Das ist keine wirklich unverhüllte Drohung und die beiden Frauen an seiner Seite wissen es. Allerdings klingen immer noch genug gewetzte Messer in seiner Stimme mit, um hinreichend klar zu machen, dass es durchaus dazu kommen könnte, auch wenn er es vielleicht nicht darauf anlegen würde.

Unten im Schankraum ist die Luft noch so dick, dass man allein vom Einatmen Schwindelgefühle bekommt, geschwängert mit kaltem Rauch, abgestandenem Bier und den Ausdünstungen von fünf ihren Rausch ausschlafenden Männern, hingestreckt auf die harten Bänke oder die Binsen auf dem Boden. Nur Asger ist wach, fixiert sie aus seinen blassen Augen wie eine Schlange, als sie die Treppe herunterkommen und vibriert dabei wie eine Bogensehne, so dass Olyvar sich unwillkürlich fragt, wie lange der Mann schon so auf die letzten Stufen starrt. Er scheint stocknüchtern zu sein. In seinem Blick liegt blanker Hass, und als er Ælla von Kopf bis Fuß mustert, von den schimmernden Strängen ihres aufgesteckten Haares bis hinunter zu ihren nackten Füßen, auch noch etwas ganz anderes – etwas, das Olyvar im Tempel schon einmal in den Augen des Mannes gesehen hatte, ehe es wieder verschwunden war – doch er sagt kein einziges Wort. Ælla drängt sich an seine Seite und Olyvar legt ihr ganz selbstverständlich den Arm um die Schultern. Er kann unmöglich sagen, ob dem Mann die Gehässigkeit angesichts eines nun offensichtlich ganz und gar rechtmäßigen vermählten Ehepaares einfach im Hals stecken geblieben ist oder ob er gerade einfach nur an seinem Zorn erstickt, aber die Templer und Priester, die sie flankieren, warten auch nicht ab, bis der Rekenhaeler seine Sprache wiederfindet, sondern geleiten sie nachdrücklich hinaus. Dennoch und trotz allem, ist es eine höllische Genugtuung zu sehen, dass der Mann und seine sadistische Blutlust eine furchtbare Nacht hinter sich haben, während ihre... nun, alles andere als furchtbar war. Noch bevor Olyvar es verhindern kann, geistert ein absurder Gedanke durch seinen Kopf: Vielleicht sollte ich mich bei ihm bedanken. Tja, absurd mag der Gedanke vielleicht sein, aber er will ihn sich nicht verbieten und er nimmt ihn auch nicht zurück. Auf dem Hof des Schwarzen Bullen, der sich als sauber gefegtes, gepflastertes Rechteck zur Straße hin öffnet, warten Brenainn und vier Templer mitsamt den Pferden auf sie. Yara hatte sich den langbeinigen Rappen als Reittier ausgesucht und führt ihre hochträchtige Culstute nur noch als Handpferd mit, er selbst reitet den kräftigen Schecken, den Brenainn Pünktchen genannt hatte, der Junge den kleineren, aber äußerst stämmigen Fuchs namens Seekeks, der alte Braune (Kapitän Graubart) und die unbeschreiblich struppige Absurdität eines Pferdes (Séimí) tragen ihr Gepäck und den Falben, der eher wie ein Maultier aussieht, als ein Pferd, hat der Junge wohl für Ælla vorgesehen. Seam ist zwar auch nicht der Hübscheste, aber folgsam, trittsicher und ausdauernd. Eine gute Wahl - Ælla hatte gesagt, sie säße sicher im Sattel, aber es wartet ein langer Tagesritt auf sie alle und Olyvar hat sie noch nicht auf einem Pferd gesehen. Die Stunde des Herdfeuers ist längst angebrochen und auf den Straßen von Suthaward herrscht geschäftiges Treiben: Fuhrleute zuckeln mit schwer beladenen Ochsenkarren vorüber, Kinder spielen am Straßenrand Stock und Ball, Hausfrauen und Mägde erledigen ihre Besorgungen oder stehen im Schatten der austreibenden Kastanien und plaudern, ein Kesselflicker zerrt seinen Handkarren holpernd über die Pflastersteine, an einer Hausecke baut eine kleine Garküche ihren Stand auf und ein Bierkutscher fährt seine Fässer aus.

Olyvar führt Ælla zu ihrem Reittier, doch als sie den Falben entdeckt, stößt sie zu seiner Verwunderung einen leisen Freudenschrei aus. Der gilt jedoch gar nicht dem Pferd, sondern einem flachen Bündel, das hinter dem Sattel festgeschnallt ist. Sie blickt erst ihn fragend an, doch er kann nur mit den Schultern zucken, dann suchen ihre Augen Brenainn, der genauso ratlos dreinblickt und schließlich Yara, die leise grinst. "Mein Bündel," erklärt Ælla, als er sie hochhebt und in den Sattel setzt. Ihre Röcke rutschen hoch, denn sie sind zwar ausladend, aber nicht fürs Reiten gemacht und er stellt mit leiser Verwunderung fest, dass es ihn tatsächlich stört, dass alle Welt ihre nackten Beine sehen kann – und das nicht nur, weil er Drachen- und Herzländer ist und eine andere Vorstellung davon hat, was sittsame Kleidung ist, und was nicht. Eifersucht ist nichts neues für ihn, er war schon immer ein besitzergreifender Mann - er hätte nur nicht damit gerechnet, sie für eine Frau zu empfinden, die er nicht liebt. Sie ist trotzdem deine Frau. Es ist ganz natürlich, dass es dir etwas ausmacht. "Es ist der Mantel meines Vaters. Ich weiß, er ist alt und mitgenommen, aber es ist das einzige, das ich noch von ihm habe. Ich hatte ihn zusammengerollt und im Tempel hinter dem Tor gelassen." Olyvar schiebt ihre nackten Füße in die Steigbügel, nimmt sich fest vor, ihr heute Abend, wenn sie ihr Lager in der Sicherheit der Verdwälder aufgeschlagen hätten, ein paar Fußlappen zu machen, und zieht die Säume ihrer Röcke dann mit einem grummelnden Schnauben so weit über ihre Beine, wie er kann. Ihre Schenkel sind immer noch bis zu den Knien zu sehen, aber so ist es viel besser. Ælla bekommt davon kaum etwas mit oder wenn doch, reagiert sie nicht darauf, denn ihr Blick richtet sich voller Dankbarkeit auf die Schamanin, die gerade ihr eigenes Pferd besteigt. Deren Antwort ist jedoch nur ein lächelndes Nicken, das wortlose Äquivalent eines freundlichen 'gern geschehen.' Olyvar vergewissert sich, dass Seams Sattelgurt fest sitzt, schwingt sich selbst in den Sattel, ebenso wie Brenainn und die Templer, und dann brechen sie endlich auf und verlassen die Stadt. Er muss sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Asger von Rekenhael mit finsterer Miene in der Tür des Schwarzen Bullen steht und ihnen hasserfüllt hinterher starrt. Er spürt die kleine, kalte Stelle an seinem Schädelansatz, in die sich der Blick des Mannes bohrt. Wenn er sich umsehen würde, das weiß er, dann würde er diese seltsam farblosen Augen reglos auf sich gerichtet sehen. Wie eine hungrige Schattenkatze, die auf der Lauer liegt und die Hirsche vorbeiziehen lässt... einstweilen. Doch irgendwann würde auch Asger Suthaward verlassen und Olyar ist sich nicht mehr so sicher, ob der Mann die Jagd auf Ælla wirklich aufgeben wird. Ihre Worte vom gestrigen Abend... 'Aus irgendeinem Grund hasst er mich einfach'... gehen ihm durch den Kopf und er weiß, dass sie recht hat. Sie werden wohl wachsam bleiben müssen, auch wenn sie die Verdwälder erreichen.

Während sie aus der Stadt reiten, überschlägt Olyvar im Kopf die Wegstrecke, die vor ihnen liegt. Bis nach Wisperwald sind es sechshundert Tausendschritt, wenn sie der Alten Weststraße folgen – kaum mehr als fest getrampelte Furchen im Boden und nur selten findet sich ein Gasthof am Wegesrand, aber immerhin breit genug, dass zwei Wagen nebeneinander fahren können. Sie ist kein Vergleich zu den Annehmlichkeiten und der Sicherheit des Frostwegs, doch sie wird von den Druiden und Waldläufern des Verdlandes überwacht und ist somit einigermaßen sicher für Händler, Pilger oder Reisende. Allerdings geht es auf der ersten Etappe zwischen den Feenhügeln und Anukis Wacht durch gebirgiges Hochland, das wird sie Zeit kosten. Von Wisperwald bis Schwarzfels am Verdsee sind es noch einmal vierhundertfünfzig Tausendschritt, von Schwarzfels bis zur Grenze der talyrischen Lande und dem Fürstentum Drôtian ist es nur ein Katzensprung, kaum fünfzig Tausendschritt und noch einmal weitere hundertzwanzig, bis sie den Kreuzweg erreicht hätten. Doch dann liegt die längste Etappe immer noch vor ihnen, mindestens fünfhundert Tausendschritt auf dem Kreuzweg, bis sie zu Hause wären. Selbst unter den allerbesten Umständen werden sie also mindestens einen vollen Mondlauf unterwegs sein, und wenn sie den Pferden wenigstens einen Ruhetag in der Woche zugestehen, sogar noch ein wenig länger – er rechnet damit, dass sie frühestens Mitte Grünglanz wieder in Talyra ankommen werden... und dann ist da noch das Problem mit der Ausstattung seiner Frau, die Kleidung, Schuhe und sicher noch andere Utensilien (zumindest eigene Haarnadeln und so etwas wie Kamm und Bürste) braucht. Aber Kleider anzufertigen kostet seine Zeit, ein paar Stiefel für sie machen zu lassen ohnehin, und so werden sie wohl oder übel in Machynlleth ein paar Tage verlieren. Immerhin haben sie damit ein klares Ziel vor Augen – Machynlleth ist der einzige größere Marktflecken an der Alten Weststraße und liegt etwa auf halbem Weg zwischen Suthaward und Wisperwald. Bis dorthin sollten wir es in drei oder vier Tagen geschafft haben... Immer vorausgesetzt natürlich, sie werden unterwegs durch nichts aufgehalten, etwa die Geburt eines Fohlens – er hat keine Ahnung, wann es bei Yara San'Chales Stute soweit sein würde, aber allzu lange kann es nicht mehr dauern – oder irgendwelche Verfolger aus den Rhaínlanden. Er glaubt zwar nicht, dass Asker von Rekenhaels Rachsucht sie bis hinein in die talyrischen Lande verfolgen würde – wenn er sie überhaupt verfolgt – doch als sie Suthaward hinter sich lassen, ist das Gefühl auf der Flucht zu sein noch zu viel zu stark, um es zu ignorieren. Sie alle empfinden das gleiche, unausgesprochene, aber allgegenwärtige Gefühl der Dringlichkeit, aus diesem Land und der Reichweite seiner despotischen Herrscherin zu entkommen, und ohne darüber zu sprechen, sind sie sich einig, dass sie so weit wie möglich weiter reiten würden, auch nachdem ihre Templereskorte sie an die Grenze gebracht hat. Brenainn will das genauso wenig schmecken, wie ihm selbst, das ist dem Jungen deutlich anzusehen, Yara ist hauptsächlich wachsam, doch Ælla ist sehr still geworden und hat große Angst, das ist ihr deutlich anzusehen. Der Anblick ihres blassen, starren Gesichts und ihrer verkrampften Haltung weckt seinen Beschützerinstinkt mit solcher Macht, dass er sie am liebsten zu sich aufs Pferd genommen hätte, einfach nur um sie so nahe wie möglich bei sich zu haben. Narr, Narr, Narr. Stattdessen lächelt er so aufmunternd und beruhigend wie er nur kann. "Mach dir keine Sorgen. Du bist nicht mehr allein und du bist jetzt eine Herzländerin. Wir werden mit Leichtigkeit über die Grenze kommen."
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

37

Montag, 11. Juni 2018, 11:59

Beneath these trees

Such pretty things
you said to me -
Unbutton me
some more.

For I am yours
to take tonight
upon this forest floor.

Let's make a bed
in autumn leaves,
and leave
no leaf unturned.

Beneath these trees
please teach me,
please -
To learn
a love
unlearned. (Michael Faudet)

9. - 20. Sturmwind 518, von Suthaward ins Verdland


Nachdem sie den Fluss überquert und die unmittelbare Umgebung der Stadt verlassen haben, wird ihr Ritt hart und schnell, und die ausdauernden, zähen Pferde – während sie noch im Gänsemarsch hintereinander her aus der Stadt marschiert waren, hatte Brenainn ihr beinahe entschuldigend erklärt, dass es eigentlich nicht ihre wären, nun ja, jetzt wohl schon, schließlich hatten sie sie ehrlich im Kampf erbeutet, aber auf jeden Fall hätten sie zu Hause viel edlere Tiere und sein Lord Commander besitze das beste Schlachtross überhaupt (als müsse der Junge ihr Olyvar jetzt noch anpreisen) – scheinen überhaupt nicht müde zu werden. Sie verschlingen Tausendschritt um Tausendschritt in raumgreifendem Trab oder leichtem Galopp, und Ælla, die seit Wochen nicht mehr im Sattel gesessen ist, hat das Gefühl, die Einzige zu sein, welche die wenigen Schrittpausen tatsächlich braucht, die sie eigentlich nur einlegen, um ihre Tiere hin und wieder verschnaufen zu lassen. Brenainn sitzt forsch zu Pferd, doch Yara San'Chale und Olyvar reiten, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Ihr eigenes Tier ist zwar wirklich keine Schönheit und seine Farbe ähnelt am ehesten einem undefinierbaren Schmutzbraun, doch es ist brav und willig, trittsicher und leicht zur Hand, und gelassen genug, sich selbst von ihrer wachsenden Angst, je näher sie der Grenze kommen, nicht anstecken zu lassen. Seam hat Olyvar es genannt und sie hat es sofort in ihr Herz geschlossen. Es hat auch weiche Gänge, doch der Sattel ist mehr als hart und unbequem, und sie trägt ja nur ihre Röcke. Schon nach wenigen Stunden fühlen sich ihr Hintern und ihre Oberschenkel an, als würden sie in Flammen stehen und als sie irgendwann lange nach Einbruch der Nacht endlich die Grenzen erreichen, sind ihre delikatesten Stellen, ihr Rücken und ihre Beine so von Schmerz zerrüttet, dass sie kaum noch sitzen kann. Die Monde nehmen zwar ab, doch sie leuchten noch so hell, dass sie ihre unmittelbare Umgebung gut sehen können – und am Grenzposten erhellen auch Feuerkörbe und Pechfackeln die Nacht mit ihrem gelbroten Schein. Die Gemarkungssteine sind mannshoch aufgeschichteten Säulen aus zusammengetragenen Felsbrocken, die Wind und Witterung längst glatt poliert haben und zwischen denen Moos in dichten Polstern sprießt, auf der einen Seite das prunkvolle Wappen der Rhaínlande in emailliertem Türkis und schwerem Gold, auf der anderen den schlichten schwarzen Keiler von Verd auf dunklem Grün. Doch anstelle der sonst üblichen, gelangweilten Handvoll Grenzwachen, welche Reisende und Pilger für gewöhnlich einfach durchwinken und nur Händler mit Karren und Fuhrwerken auf Schmuggelware kontrollieren oder den ein oder anderen entlaufenen Leibeigenen wieder einfangen und zu seinem Herrn zurückbringen, ist der Posten wegen des Holzschmuggels der letzten Zeit mit einem Dutzend oder mehr Kelchgardisten bemannt, die allesamt bis an die Zähne bewaffnet und hellwach sind. Ælla hüpft ihr Herz bis in die Kehle und ihre feuchten Hände haben mit einem Mal Mühe, die Zügel festzuhalten. Obwohl die Nacht kühl ist, schleichen sich Schweißtropfen ihren Nacken hinunter, als aus der Dunkelheit der Ruf: "Halt! Name und Begehr!" dröhnt. Eine Laterne hängt plötzlich zwei Handbreit vor ihrer Nase und blendet sie einen Augenblick lang, und Seam legt prompt die Ohren an und fletscht seine langen, gelben Zähne. Der Wachposten stößt einen ungehaltenen Fluch aus, aber er weicht hastig ein wenig zurück. "Böses Pferd," flüstert Ælla, doch es klingt wie ein Stoßgebet, nicht wie ein Tadel, und Seam brummelt auch prompt zufrieden. Sie spürt hysterisches Lachen in ihrer Kehle aufsteigen, gefolgt vom noch viel hysterischeren Bedürfnis, auf der Stelle in Tränen auszubrechen – selbst ein Maultier (oder ein Pferd, das wie eines aussieht) versucht, sie zu beschützen. Doch allen Göttern sei Dank hat sie weder für das eine, noch das andere überhaupt Gelegenheit, denn über die Grenze zu kommen, erweist sich tatsächlich als so leicht, wie Olyvar gesagt hat.

Noch bevor sie wirklich Aufmerksamkeit erregen kann, ruft einer der Templer ihrer Eskorte einen der Gardisten beim Namen an, steigt vom Pferd und wechselt ein paar leise Worte mit ihm, und dann winkt der Mann sie einfach durch. Niemand würdigt sie auch nur eines weiteren Blickes. Sie verabschieden sich mit stummem Nicken von den Templern und passieren gelassenen Schrittes die Grenzen. Ælla dreht sich nicht ein einziges Mal um. Dafür wünscht sie sich mit einer Inbrunst, die sie selbst erschreckt, alle Flüsse des Westens und das Silbermeer würden anschwellen und sich erheben, und die ganzen Rhaínlande einfach fortschwemmen; die Marken und Fa'Sheel und den Palast von Hundert Träumen und die Bursa und alles und jeden dabei in ihren Fluten ertränken, besonders die gute Königin Lyesanne tar'Iven aus dem Haus Reyne und Asger von Rekenhael - und auch Danel bar'Goedscalc, der einmal ihr Verlobter gewesen war und der ihren Vater und Bruder hatte ermorden lassen. Das würde gewiss nicht geschehen, aber sie wünscht es sich dennoch. Einen halben Tausendschritt jenseits der Grenzen stehen die Bäume des Larisgrüns in endloser Reihe wie ein im Stehen eingeschlafenes Heer, und in der Dunkelheit der Nacht gähnt zwischen manchen Stämmen eine so undurchdringliche Finsternis, als wären es Tore ins Erdinnere. An anderen Stellen glänzt das allmählich verblassende Mondlicht noch schwach auf den Dachschindeln eckiger Umrisse, die nur Holzfällerhütten sein können, auffällig kantig im Gegensatz zu den anmutigen Linien des Waldes. Ælla erscheint der Saum des Larisgrüns wie der Schlund einer unendlichen, fremden Welt, angefüllt mit dunklen Geheimnissen und namenlosen Schrecken, zu ähnlich ist der Anblick dem in der Mark Kinsbror allerorts gefürchteten Dunkelwaldes, an dessen Grenzen sie als Kind ein paarmal gewesen war, wenn auch stets nur in sicherer Entfernung; doch sie ist inzwischen selbst zu müde, sich bei diesen Gedanken noch großartig Angst zu empfinden. Als sie in den Schatten der Bäume eintauchen, ragen die hohen, aufrechten Stämme links und rechts der Straße wie die Masten längst versunkener Schiffe empor, die sich im unirdischen Licht der Monde und Sterne rings um sie her ausbreiten so weit das Auge reicht. Ælla spürt die grauenhafte Anspannung der vergangenen Stunden aus sich herausrinnen wie Wasser aus einem löchrigen Krug und fühlt sich allmählich wie in einem Traum gefangen - vielleicht ist sie jedoch auch nur so erschöpft, dass sie einfach im Sattel eindöst. Ihr ist, als hätte sie genauso gut auf dem Wasser, wie auf festem Boden sein können, als wären das Auf und Ab des Pferdes unter ihr die Bewegungen der Planken und das Säuseln der Kiefern ringsum der Wind in den Segeln. Sie ist sicher. Sie hat die Rhaínlande verlassen. Sie ist tatsächlich entkommen, ist ihnen allen entkommen. Asger kann ihr nichts mehr tun. Sie ist seiner Rachsucht und der Folter entgangen, sie wird niemanden verraten und ans Messer liefern. Sie wird nicht sterben. Sie wird leben und sie wird in Sicherheit leben. Sie ist jetzt eine Herzländerin. Und verheiratet. Und nicht mehr allein. Beim Gedanken an Olyvar fühlt sie sich sogar seltsam glücklich.

Erst als die Stunde des Wolfs bereits angebrochen ist und selbst ihre zähen Tiere allmählich vor Erschöpfung stolpern, machen sie Halt. Ælla torkelt mehr von ihrem Pferd, als dass sie absteigt und wäre Olyvar nicht zur Stelle gewesen, um sie festzuhalten, wäre sie vermutlich einfach umgekippt. Mittlerweile tut ihr buchstäblich alles weh, doch sie reißt sich zusammen und verbietet sich eisern jedes Jammern. Sie war noch nie ein Schwächling und das tägliche Laufen über Stock und Stein während ihrer langen Flucht hatte sie eigentlich kräftig und ausdauernd gemacht – sie ist es einfach nur nicht mehr gewohnt, auf einem Pferd zu sitzen, zwölf lange Stunden am Stück und mit blankem Hintern schon gar nicht. Sie satteln ihre Pferde ab, fesseln ihnen die Beine und lassen sie dann auf der kleinen Lichtung ein wenig abseits der Straße, die Yara San'Chale als Lagerplatz auswählt hat, grasen, und Ælla taumelt zwar wie eine Schlafwandlerin, packt jedoch bei allem ganz selbstverständlich mit an. Die Lichtung ist von dichten Schlehdornhecken umgeben und kann vom Weg aus nicht eingesehen werden, liegt jedoch nahe genug, um die Geräusche von Reitern oder Reisenden auf der Straße rechtzeitig zu hören. Die Nacht ist kühl, aber nicht kalt, und niemand von ihnen macht sich noch die Mühe, ein Feuer zu entzünden oder Zelte aufzustellen, sie legen noch nicht einmal mehr ihre Kleider ab. Olyvar breitet seine Schlafpelze einfach in einem weichen Nest aus Gras aus, und Ælla kriecht sofort hinein, streckt sich mit einem Seufzen aus und schließt die Augen. Das letzte Geräusch, das sie bewusst wahrnimmt, ist das friedliche Kauen der Pferde – sie bekommt nicht einmal mehr mit, dass ihr Mann sich gar nicht neben sie legt, sondern die weichen Lammfelle noch einmal zurückschlägt, die Schnürung ihres Mieders lockert und dann ohne viel Federlesen ihre Röcke hochschiebt und all die wunden Stellen auf ihrem Hinterteil und an ihren Schenkeln mit einer duftenden Salbe behandelt. Am nächsten Morgen ist sie die erste, die wach ist – oder glaubt das zumindest, bis sie entdeckt, dass sie allein schläft. Irgendwann in der Nacht war Olyvar zu ihr gekommen, hatte sie in seine herrliche Wärme gehüllt und neben ihr geschlafen, sie erinnert sich genau... doch jetzt ist der Platz an ihrer Seite leer. Als sie sich aufsetzt, kann sie sehen, dass auch Yara San'Chales Schlafpelze leer und bereits ordentlich aufgerollt sind, doch das Gepäck der Frau ist noch an seinem Platz. Wenigstens Brenainns roter Haarschopf ist genau da, wo er sein sollte, am oberen Ende eines kleinen, zusammengerollten Berges aus Fellen. Als sie sich umblickt, entdeckt sie Olyvar jedoch sofort. Er sitzt nicht weit von ihr in voller Rüstung auf dem Wurzelstrang eines mächtigen Baumes und lehnt sich mit dem Rücken an den Stamm. Er hat die Augen geschlossen, aber er schläft nicht, das kann sie an seiner leicht gerunzelten Stirn und der gespannten Haltung seiner Schultern sehen... und an dem Schwert, das quer über seinen Beinen liegt. Er hält Wache, wird ihr klar. Wegen mir. Mit einer Mischung aus Schuldgefühlen und tief empfundener Rührung steht sie auf, richtet so gut es geht ihre Kleidung und ihr Haar – ihre Frisur ist ein wenig zerzaust, aber alles ist noch an seinem Platz – und will dann kurz hinter dem Schlehdorn verschwinden, weil ihr die Blase überläuft. Sie kommt jedoch nicht sehr weit.

"Bleib in Hörweite, aye?" Hört sie Olyvar in ihrem Rücken sagen und nickt hastig. Doch als sie sich umdreht, kann sie sehen, dass er seine Augen gar nicht geöffnet hat. Wie müde muss er sein – nach einem solchen Ritt und einer Nachtwache? Yara oder Brenainn hatten ihn irgendwann während der Nacht sicher für eine Weile abgelöst, doch er kann kaum mehr als zwei Stunden Schlaf abbekommen haben. "Ich bin gleich wieder zurück," verspricht sie. "Ich gehe nicht weit." Er nickt nur und sie schlüpft davon. Jede Bewegung ihrer malträtierten Muskeln schmerzt, aber sie weiß genau, dass es ihr nur gut tun würde, sich zu regen, also macht sie bewusst lange Schritte und dreht und streckt sich dabei so gut sie kann. Am anderen Ende der Lichtung gurgelt ein winziger Bach im Gras, das ist ihr Ziel. Er ist gerade tief genug, um Wasser daraus zu schöpfen und sich zu säubern oder den Pferden als Tränke zu dienen. Sie wünscht sich, sie könnte sich gründlicher waschen, aber dafür hat sie weder Zeit noch Gelegenheit, und allein kommt sie ja auch nicht aus dem albernen Mieder. Während sie sich also seufzend mit einer Katzenwäsche begnügt, entdeckt sie die Salbenspuren auf ihren Beinen (und noch an ganz anderen Stellen) und ein paar wirre Traumbilder der Nacht... oder was sie für Traumbilder gehalten hat... kommen ihr wieder in den Sinn: Olyvars Hände, die sanft etwas in ihre Haut massieren. Mit einem stillen Lächeln macht sie sich auf den Rückweg ins Lager, albern berührt von dem Gedanken, dass er so fürsorglich an sie und ihren wund gerittenen Hintern gedacht hat, und hält aus reiner Gewohnheit dabei nach Essbarem Ausschau. Zu ihrer Freude entdeckt sie am Ufer nicht nur Brunnenkresse in dicken, grünen Matten, sondern auch ein kleines Feld mit frischem Bärlauch und ein paar essbare, wilde Zwiebeln, die sie emsig ausgräbt und in einer rasch geschlagenen Falte ihrer Röcke verstaut. Dann sammelt sie tote Äste, Zweige und Reisig für ein Kochfeuer. Zurück im Lager – diesmal klappt Olyvar unter größter Anstrengung ein Auge auf, vermutlich um zu sehen, was sie so lange getrieben hat – zeigt sie ihm strahlend ihre Funde und macht sich dann so leise sie kann daran, ein Morgenmahl für alle vorzubereiten. Das das Mindeste, das sie tun kann. Sie ist es ja ohnehin nicht gewohnt, müßig zu gehen und sie ist froh, dass sie sich zur Abwechslung einmal nützlich machen kann, anstatt immer nur unabsichtlich Scherereien zu verursachen. In den Satteltaschen der Packpferde entdeckt sie die Vorräte, und auch wenn sie eigentlich mager sind – Trockenfleisch, die Reste eines gepökelten luftgetrockneten Schinkens, Mehl, Salz, altbackenes Reisebrot, ein kleiner Tonkrug mit Honig und ein Tiegel mit Schmalz, verschiedene Teekräuter, Würzkräuter, Nüsse und gedörrte Früchte – nach all den Monden der völligen Entbehrungen kommen sie Ælla doch vor wie der reinste Schatz. Außerdem findet sie ein eisernes Kochgitter auf niedrigen Füßen, einen kleinen Wasserkessel und eine Pfanne, und alle anderen Utensilien, die sie braucht.

Als sie ihr kleines Feuer in Gang gebracht hat und im Kessel das Wasser für den Tee blubbert, rührt sie einen Teig aus Mehl, Wasser und einer Prise Salz, hackt Bärlauch und Zwiebeln, und schneidet etwas von dem Schinken in kleine Würfel. Währenddessen kehrt auch Yara San'Chale ins Lager zurück, so still und geschmeidig wie eine schlanke, dunkle Katze. Wo immer sie gewesen ist, sie hat ein Dutzend schöner, großer Gänseeier bei sich, die sie, sobald sie entdeckt, wer anscheinend für das Frühstück zuständig ist, auch umgehend bei Ælla abliefert. Dann fällt Yaras Blick auf Olyvar, der noch immer schweigend und mit geschlossenen Augen am Baumstamm lehnt. "Ist Olyvar etwa bei seiner Wache eingeschlafen?"
Ælla schüttelt lächelnd den Kopf und erwidert ebenso leise: "Nein er ist wach. Ich glaube, er kann nur einfach die Augen nicht mehr offenhalten." Sie schlägt die Eier auf, die ganz frisch und noch kein bisschen angebrütet sind, und macht statt der geplanten Pfannkuchen eben Gänseeieromelett mit Kräutern, Schinkenspeck und Bärlauch. Den angerührten Teig stellt sie beiseite, schlägt ein Ei hinein, gibt Honig und etwas von den getrockneten Früchten dazu, und bäckt süße Küchlein daraus, handlich genug, um sie auch unterwegs im Sattel zu essen, wenn sie Hunger bekommen. Als alles bereit ist, weckt Yara Brenainn, der sich verschlafen wie ein Murmeltier aus seinen Decken wühlt, und Ælla holt Olyvar. Als sie essen, beobachtet sie ihn verstohlen, während er mit kleinen Schlucken von dem heißen Tee trinkt und dann das Omelett versucht. Einen Moment lang schaufelt er einfach nur eine Gabel voll in seinen Mund und kaut – dann hält er erstaunt inne, als spüre er dem unerwarteten Geschmack auf seiner Zunge nach. Brenainn auf der anderen Seite des Feuers verkündet derweil schon mit Backen, so vollgestopft wie die eines großen, roten Hamsters "Dafiffngooguud!", und Yara San'Chale, der es nicht minder zu schmecken scheint, erklärt, wenn sie das gewusst hätte, hätte sie sie geheiratet und übrigens, sie ziehe bei ihnen ein. Das ist natürlich nur ein Scherz, in dem sich ein vertrauliches Kompliment versteckt, doch Ælla grinst trotzdem blödsinnig froh auf ihre nackten Zehen hinunter – über das Lob ebenso wie über die Innigkeit. Sie ist eine gute Köchin und sie hat nicht übertrieben damit - ihr Vater und ihre Brüder, und alle Reisenden, ganz gleich woher, die sie je bewirtet hatte, hatten ihre Kochkunst stets gelobt. Jetzt erfüllt es sie mit einer geradezu albernen Genugtuung, dass sie etwas dazu beitragen kann, die allgemeine Laune zu heben und die Reise, die vor ihnen liegt, für alle vielleicht ein wenig erträglicher zu machen... und auch, dass Yara San'Chale sie so selbstverständlich mit einbezieht. Doch Olyvar, von dem sie insgeheim sehr hofft, es würde ihm schmecken, stimmt nicht in die Komplimente der anderen mit ein, er isst einfach nur. Erst als sie eine knappe Stunde später ihr Lager abbrechen und ihre Reise fortsetzen - Olyvar hat eines seiner Lederhemden zerschnitten und ihr Fußlappen daraus gemacht - , fällt ihr auf, dass er zwei Teller voll verschlungen und mit Brenainn die letzten Krümel aus der Pfanne gepickt hatte.

Ihrer Erfahrung nach essen wirklich hungrige Männer zwar grundsätzlich alles, was sich irgendwie hinunterwürgen lässt, also hat das vielleicht auch gar nichts zu bedeuten, doch im Lauf des Tages verputzt er dann noch acht der Küchlein, die sie gebacken hat, sie zählt mit... eine Katastrophe kann ihre Kocherei also nicht gewesen sein. Als sie an diesem Abend ihr Lager aufschlagen, sind ihre Muskeln jedoch so verkrampft, dass sie zu ihrer Schande Olyvars Hilfe braucht, um überhaupt vom Pferd zu kommen. Immerhin können sie sich in der abgelegenen Höhle, in der sie diesmal Zuflucht gefunden haben - Yara San'Chale kennt sie von früheren Reisen her und hat ihnen versichert, sie sei nur sehr wenigen bekannt - den Luxus gönnen, ihre Kleider abzulegen, um sie über Nacht auszulüften. Außerdem können sie ein Lagerfeuer entfachen und niemand muss Wache halten. Als Yara behauptet, hier würde sie niemand finden, der die Höhle nicht kennt, glaubt Olyvar ihr das vorbehaltlos, und Ælla fällt nicht zum ersten Mal auf, dass ihren Mann und diese Frau eine besondere Art von Freundschaft zu verbinden scheint. Dabei hat sie nicht einmal den Eindruck, die beiden würden sich schon ewig kennen, es liegt mehr an der Art, wie sie miteinander umgehen. Sie weiß nicht, woran sie das festmachen könnte, aber sie kann es deutlich spüren. Auf Ælla wirkt Yara San'Chale sehr nachdenklich, meist sogar abwesend, schweigsam und in sich gekehrt und sie wird den Eindruck nicht los, der dunkelhäutigen Frau mache irgendetwas schwer zu schaffen, als würde sie mit sich selbst um etwas ringen. Doch sie ist stets freundlich und Olyvar behält die ganze Zeit über seinen lockeren, kameradschaftlichen Umgang mit ihr bei. An diesem Abend steckt Ælla zum ersten Mal in einem der Ersatzhemden ihres Mannes. Es ist so weit, dass es ihr ständig von den Schultern rutscht, die Ärmel sind ihr um so vieles zu lang, dass selbst ihre Hände noch völlig in ihnen verschwinden und es geht ihr bis über die Knie, aber es ist weich und es riecht noch schwach nach ihm, also ist sie mehr als zufrieden damit. Doch als Olyvar diesmal die Zaubernusssalbe auf all ihre wunden Stellen aufträgt, ist sie wach und sich seiner Hände auf ihrer nackten Haut mehr als bewusst. Trotz ihrer Zerschlagenheit wecken seine Berührungen etwas ganz anderes in ihr, obwohl er das vielleicht gar nicht beabsichtigt hat. Er ist freundlich zu ihr und er kümmert sich rührend um sie, doch er erscheint ihr mindestens so verschlossen, wie sie selbst schüchtern ist. Seit sie Suthaward verlassen haben, hat er sie nicht wieder angerührt, nicht als Ehemann – er hat sie nicht mehr geküsst und nicht ein einziges Mal vertraulich mit ihr gesprochen. Ælla weiß beim besten Willen nicht, ob es an der drängenden Eile liegt, mit der sie ihre Reise begonnen haben und nun bemüht sind, so viele Tausendschritt wie möglich zwischen sich und die Grenze der Rhaínlande zu bringen, oder daran, dass sie nie allein miteinander sind, oder... oder vielleicht doch an ihr und er hat festgestellt, dass er sie einfach nicht leiden kann.

Sie mustert sein Gesicht, doch er sieht sie nicht an, sondern hält die Augen mit fast schon grimmiger Konzentration auf seine Finger gerichtet, die gerade eine dicke Schicht lindernder Salbe auf einen roten Striemen an der Innenseite ihres Oberschenkels auftragen, der Stelle, an die sie sich seine Hände wünscht so köstlich nahe und doch nicht nahe genug. Doch als er den Blick hebt und sie ansieht, ist da etwas in seinen Augen, dass ihr Herz mit einem Mal flattern lässt und ihr Inneres zum Glühen bringt. Sein Blick schärft sich und eine Weile mustert er ihr nur schweigend ihr Gesicht. Sie starrt zurück, unfähig sich zu bewegen und für dieses eine Mal seltsam erleichtert, eine allzeit durchschaubare Miene zu besitzen.
"Du bist von den Hüften bis zu den Knien wund, Northoren," hört sie ihn dann plötzlich sehr sanft sagen und spürt seine Hand an ihrem Gesicht. Sein Daumen streicht zart über ihr Kinn. "Dein Hintern ist blutig gescheuert und auf der Innenseite deiner Schenkel ist rohes Fleisch zu sehen. Ich dachte, ein zudringlicher Ehemann ist bestimmt das letzte, was du in diesem Zustand willst."
Ælla blinzelt, dann sickert das Begreifen in ihren Verstand. Sie schmiegt ihre Wange in seine Handfläche und lächelt erleichtert - nur um praktisch noch im selben Augenblick ebenso frustriert wie unglücklich zu schnauben. Widerstrebend weicht sie ein winziges Stück vor ihm zurück. "Du hast ja recht. Aber ich wünschte, es würde... ich wünschte, wir könnten... " sie kommt ins rudern und beißt sich auf die Unterlippe. "Ich hatte schon Angst, du magst mich vielleicht nicht mehr, stattdessen..." wolltest du Rücksicht nehmen, hat sie eigentlich vor zu sagen, doch sie kommt nicht dazu, sich am Ende noch um Kopf und Kragen zu reden, denn plötzlich liegt sein Mund auf ihrem, weich und warm und verheißungsvoll, und merkwürdigerweise ebenso besänftigend, wie berauschend. Der Kuss ist viel zu schnell wieder vorüber. "Ælla, würdest du etwas für mich tun?"
Sie nickt nur stumm, weil sie Mühe hat zu atmen. Ihre Haut prickelt erwartungsvoll und ihrem geschundenen Körper ist es vollkommen gleich, ob er zu irgendetwas in der Lage ist oder nicht.
"Würdest du dein Haar für mich lösen?"
Ihre Hände zittern ein wenig, als sie die Arme hebt, dann zieht sie behutsam eine Nadel nach der anderen heraus. Olyvar wendet den Blick nicht einmal von ihr, nicht als die schweren Zöpfe über ihre Schultern gleiten und nicht als sie sie löst, bis ihr Haar wieder offen und in dicken, schweren Locken herabfällt. Es ist nie wirklich glatt, sondern eigentlich immer leicht gewellt, doch nun ringelt es sich wie Korkenzieher, weil sie es zwei Tage lang geflochten getragen hat. Ælla schüttelt sacht den Kopf und ihr Haar flutet ihr weich über den ganzen Rücken hinab bis zu ihrer Taille. Olyvar fährt mit den Händen hindurch, hebt es hoch, lässt es fallen und betrachtet es, während es durch seine Finger gleitet. Er senkt den Kopf und sie glaubt schon, er würde sie wieder küssen, richtig küssen - und wenn er es täte, wären ihr vermutlich alle Schwielen der Welt vollkommen egal -, doch er fährt nur mit der Hand durch ihr Haar und hebt es an seinen Mund, als wolle er es trinken. Für einen kurzen, kurzen Moment vergräbt er sein ganzes Gesicht darin, dann reißt er sich mit einem Ruck von ihr los. Doch sein Atem geht so schnell wie der ihre und er bebt innerlich genau wie sie, und Ælla kostet zum ersten Mal vom Gefühl weiblicher Macht ohne eigentlich zu wissen, was es überhaupt ist. Sie sprechen kein Wort, als sie sich mit einem Hauch amüsierter Schicksalsergebenheit nebeneinander in den Schlafpelzen ausstrecken, doch als sie einschlafen, hält er sie in den Armen, seine Hände unter dem Hemd auf ihrer nackten Haut, sein Atem warm in ihrem Nacken. Sie ist ihm nicht gleichgültig und was immer die Zukunft bringt, sie würden sie teilen. Irgendwann später in dieser Nacht wird sie von einem merkwürdigen Traum geweckt - oder nein, eigentlich keinem Traum. Sie ist jedoch sicher auch nicht wach, denn sie ist sich ihrer selbst zwar bewusst, doch sie hat keinen einzigen zusammenhängenden Gedanken. Da ist ein scharfer Schmerz in ihrem Leib, nur kurz, aber seltsam tief, als habe sie jemand im Inneren mit einer Nadel gestochen oder als würde ihr Mondblut einsetzen - was nicht sein kann, da ihre Regel mit dem Vollmond zusammenfällt. Doch als sie verwirrt die Augen aufschlägt, noch immer nicht wirklich bei sich, und im weichen Lammfell unter ihr schon nach einer verlorenen Haarnadel tasten will, kann sie sich keinen Sekhel von der Stelle rühren und hat nur noch das Gefühl, in einer gewaltigen Wärme und an einem großen Gewicht geborgen zu sein – was, wie sie feststellt, auch kein Wunder ist, denn Olyvar hat im Schlaf seine Arme um sie geschlungen und benutzt ihr linkes Schulterblatt als Kopfkissen, selbst eines seiner Beine liegt quer über ihren. Ælla drängt sich noch näher an ihn, falls das überhaupt möglich ist, empfindet die sichere Gewissheit, nicht mehr allein zu sein so natürlich wie ihren eigenen Herzschlag und den Atem in ihren Lungen, vergisst alle Haarnadeln der Welt und schließt völlig zufrieden mit diesem Arrangement wieder die Augen.

Vom nächsten Morgen an wird es von Tag zu Tag besser, selbst jede einzelne Stunde scheint leichter zu werden, als die vorangegangene. Bald platzen ihre Blasen, ihre Hände bekommen wieder Schwielen, ihre Schenkel werden geschmeidig wie Leder und ihre Muskeln kräftigen sich, als sie sich daran erinnern, wie es ist, so viele Stunden am Stück auf einem Pferderücken zu sitzen. Noch immer tut ihr so manches weh, wenn sie nach einem weiteren langen Tag ihr Lager für die Nacht aufschlagen, doch inzwischen haben diese Schmerzen beinahe etwas Liebliches an sich und sie steigt jeden Morgen bereitwillig aufs Neue in den Sattel, begierig zu erfahren, was heute wohl in den vor ihr liegenden Landschaften auf sie warten mag. Zuerst hatten diese Wälder, ihre Unberührtheit, ihre menschenleere Wildnis und ihre Andersartigkeit Ælla geängstigt und die Bäume ihr Furcht eingeflößt, doch nun beginnt sie, die Schönheit des Landes um sich her wahrzunehmen. Sie hatte das Gefühl gehabt, von all dem Grün schier verschlungen und erstickt zu werden, denn sie ist die Weite gewohnt, den Horizont, der immer in der Ferne zu verschwimmen scheint, den Raum, in dem der Blick schweifen kann, während der Wald sie hier von allen Seiten bedrängt. Doch anstatt sich zu fürchten, breiten sie die Arme aus und umarmt die Gefahr, die Hoffnung, das Leben - diese ganze neue, fremde Welt. Die Hainbuchen und Kiefernwälder bleiben bald hinter ihnen zurück, stattdessen reiten sie nun unter mächtigen Eichen und Bergahornen dahin, dazwischen kleine Haine von Lärchenpinien, Goldbirken, Esskastanien und Pappeln. Die Alte Weststraße schlängelt sich aus den westlichen Tieflanden in Richtung Südosten zwischen den Bergzügen von Anukis Wacht und den Feenhügeln des Verdlandes hindurch, und gewinnt dabei ernsthaft an Höhe – schroffe Felsgebilde wechseln sich mit dicht bewaldeten, rundkuppigen Hügeln ab und der Baumbestand ändert sich. Selbst die Luft riecht anders und fühlt sich anders an, je höher sie kommen, und das überwältigende, scharfe Harzaroma der Kiefern weicht einer Vielzahl sanfterer Düfte: der Geruch nach frischem, gefiederten Laub und weichen Farnen mischt sich mit dem nach feuchtem Moos, uralten Eichen und den süßen Gerüchen der zahllosen Frühlingsblumen, die überall unter den Bäumen und zwischen den Felsen wachsen. Yara hält Wort und bringt ihr das Flechten bei, so dass sie sich bald ganz allein Frisuren machen und ihr Haar aufstecken kann... auch wenn sie es nun jede Nacht löst, weil sie weiß, dass es Olyvar so gefällt. Ælla revanchiert sich bei Yara San'Chale mit lindernden Umschlägen aus Beinwell, die sie Abend für Abend auf deren zwar gut verheilende, doch immer noch recht steife Finger aufträgt, um sie wieder besser zu durchbluten und geschmeidiger zu machen. Zuerst scheut sie sich noch neugierig zu sein, doch da Yara selbst jeder einzelne Fingernagel fehlt und sie ohnehin so viele Narben trägt, kann Ælla schlicht und einfach irgendwann nicht mehr anders. So erfährt sie nicht nur, dass Yara San'Chale eine Elbenblütige ist und keine Halbelbin, wie sie aufgrund ihrer spitzen Ohren und der seltsam langgliedrigen Fremdartigkeit ihres schlanken Körpers zuerst angenommen hatte, sondern auch eine Schamanin, und das entfacht ihre Neugier erst Recht. Sie hat noch nie in ihrem Leben einen Schamanen gesehen, geschweige denn kennengelernt, aber sie hat hin und wieder Waldläufer und andere Abenteurer, die auf dem Frostweg unterwegs gewesen waren, von den Schamanen des Baumvolks reden hören, und wie anders diese verglichen mit den wilden Schneegeisterhexen des Nordens wären. Nachdem sie davon einmal Kenntnis hat, beäugt sie die kleinen Rituale, welche Yara San'Chale nun so manches Mal abhält, wenn sie des Nachts rasten, mit großem Interesse und stellt hin und wieder sogar Fragen zu dem, was die Schamanin da tut. Manchmal wirft sie Knochen, deren Muster Namen tragen, die in Ællas Ohren fremdartig und poetisch zugleich klingen, wie 'Pfad im Schatten', 'Tanz der Ahnen' oder 'Schwingenloser Vogel'. Manchmal verbrennt Yara auch duftende Kräuter in einer wundervoll schimmernden Muschelschale und reinigt mit dem Rauch sich selbst und das ganzes Lager. Sie erzählt Ælla mit ruhiger Stimme und unerschütterlicher Gewissheit vom Pfad der Ahnen, dem sie folgt und – beinahe ein wenig schicksalsergeben und stoisch – schließlich auch vom Dunklen Pfad, für den sie sich entschieden hat, um die finsteren Mächte dieser Welt besser bekämpfen zu können. Doch falls sie deswegen mit Verurteilung oder gar Furcht gerechnet hat, überrascht Ælla sie vielleicht mit ihrer Reaktion, denn sie sieht Yara San'Chale auf diese Offenbarung hin nur lange an und ihr Lächeln ist voll stillen Verstehens und vielleicht einer gewissen Trauer um der Schamanin Willen. "Das hat bestimmt viel Mut erfordert. Und ein großes Opfer, wenn die Naturgeister und die Totems nun nichts mehr mit Euch zu tun haben wollen."

So legen sich zwischen ihr und der von Narben übersäten Elbenblütigen – inzwischen weiß sie auch, dass Yaras ebenholzfarbene Haut vom Volk der Nandé herrührt, die irgendwo in den azurianischen Savannen leben sollen und von denen sie noch nie etwas gehört hat – allmählich die Grundsteine einer möglichen Freundschaft. Ihr Umgang miteinander ist zwar von gegenseitiger Sympathie und freundlicher Schweigsamkeit, und einerseits großem, andererseits nur langsam wachsendem Vertrauen geprägt, doch da Ælla die oft melancholische Verschlossenheit der Schamanin einfach hinnimmt, kommen sie auch ohne viele Worte gut miteinander aus. Zu Brenainn hingegen hat sie von Anfang an ein freundschaftliches Verhältnis und der Junge mag sie offensichtlich sehr, denn er erzählt ihr vieles – von sich selbst, von seiner großen, vielköpfigen Familie, seinen Eltern und der Goldenen Harfe und schließlich von ganz Talyra, diesem Schmelzpunkt der Völker und seltsamen Wesen am Ildorel. Ælla weiß nur das, was in Kinsbror am Frostweg alle wissen: Talyra ist eine freie, mächtige und reiche Stadt in den Herzlanden und wurde dereinst von Cobrin dem Priester, dem ersten aller Ritter, gegründet. Doch dank Brenainns Erzählungen bekommt sie bald den Eindruck, diese Stadt, die sie noch nie gesehen hat und die bald ihr zu Hause werden soll, schon sehr gut zu kennen. Dem Jungen gegenüber ist sie überhaupt nicht zurückhaltend, auch wenn er für sein Alter auf sie geradezu schrecklich ernst und erwachsen wirkt; irgendwann erzählt er ihr sogar von seinem Mädchen, das zu Hause auf ihn wartet. Ihr Name ist Bryja und sie ist offensichtlich etwas ganz besonderes, selbstverständlich das hübscheste Mädchen auf Rohas weitem Rund und wunderbarer als alle wunderbaren Prinzessinnen jeder wunderbaren Geschichte überhaupt. Und sie mag ihn sehr und er sie auch (bei diesem Geständnis werden Brenainns Ohren knallrot vor Entzücken) und er hatte eigentlich ganz fest vor, mit ihr auf dem Inarifest zu tanzen – vorausgesetzt, er beherrsche diese verflixten Schritte bis dahin auch, denn er will ihr ja nicht die Zehen platt treten – aber daraus würde wohl ohnehin nichts werden, weil er und sein Lord Commander, und Yara San'Chale, ja noch damit beschäftigt sind, sie – also Ælla – in Sicherheit zu bringen, und Jungfrauen (*hust*) in Nöten haben nun einmal Vorrang vor persönlichen Vergnügungen. Ælla bedankt sich daraufhin artig und hoffentlich angemessen bei ihm für so viel Ritterlichkeit und versichert Brenainn gerührt, dass das höchst anständig und überaus ehrenvoll von ihm wäre. Vor allem aber beobachtet sie aufmerksam das Verhältnis des Jungen zu Olyvar, den er unübersehbar sehr verehrt und tatsächlich liebt – und ihr Mann verhält sich ihm gegenüber auch weit mehr wie ein väterlicher Freund, als wie ein Ritter gegenüber seinem Knappen. Wann immer er Gelegenheit findet, setzt er Brenainns Ausbildung fort und übt mit ihm im Schwertkampf, und Ælla lässt sich keine dieser Stunden entgehen. Ob sie nebenbei kocht oder das Geschirr abwäscht, Hemden flickt oder Sättel reinigt, Leder einfettet, essbare Wurzeln ausgräbt oder ihre Vorräte sortiert, sie beobachtet jene faszinierende Mischung aus großer Geduld, natürlicher Autorität und gerade dem rechten Maß aus Freundlichkeit und nötiger Härte, mit der er den Jungen lehrt und ihn wieder und wieder bestimmte Bewegungen einüben, sich Schrittfolgen, Schildtaktiken, Paraden oder Riposten von ihm zeigen lässt oder sie selbst mit ihm ausführt. Wenn sie allerdings die tödliche Eleganz beobachtet, mit der Olyvar sein eigenes Schwert schwingt, so mühelos als wäre es nichts als eine Verlängerung seines Armes – sie hat die massive Klinge schon hochgehoben und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er stundenlang damit fechten kann – kann sie den Sog der Kraft, der von ihm ausgeht, beinahe am eigenen Leib spüren. Und wenn er sich bewegt, mit voller Wucht und seiner ganzen Masse, und dennoch so schnell, dass sie ihm mit den Augen kaum folgen kann, geht ihr Atem jedes Mal schneller und ihr Mund wird staubtrocken. Verlangen. Ich empfinde Verlangen, wenn ich ihn nur ansehe. Auf einmal wünscht sie sich mit großer Inbrunst, die blöden Schürfwunden an ihren Schenkeln und auf ihrem Hintern würden schneller heilen.

Nach und nach erfährt Ælla dann sowohl von Olyvar selbst, als auch von Yara San'Chale und Brenainn auch ein wenig von dem Abenteuer, dass die drei vor so kurzem erst in den Bergen von Anukis Wacht erlebt hatten. Sie hat zwar das deutliche Gefühl, dass ihr vieles verschwiegen wird, doch sie hört von einem wilden Kampf mit bösen Mächten bei den Ruinen von Ealdsteen; ihr wird erzählt, wie tapfer Brenainn gewesen war, davon, dass das Hohe Haus Licht ihn zu seinem Ritter auserkoren hatte, von einem geheimnisvollen Schlüsselstein, der in Sicherheit gebracht werden musste, und auch von einem Hohemagier-Kobold namens Pumquat und einer mächtigen Shenrahpriesterin namens Niniane Halbblut, die genau das übernommen hatten und deshalb auf magischen Wegen mit diesem Stein nach Talyra zurückgekehrt wären. Ælla begreift erst mit einiger Verspätung, dass sie es sich bei dieser "Tante Nan" oder "Niniane" um niemand anderes als die Lady Niniane handelt, die älteste Halbelbin Rohas (und den Legenden nach ein Götterkind selbst). Sie habe mit ihrer priesterlichen Magie den Himmel in Brand gesteckt, erzählt ihr Brenainn, und plötzlich wird ihr bewusst, dass sie das noch viele viele Tausendschritt entfernt auf ihrem Weg zum Eewen gesehen hatte – einen flammenden Himmel, als sei die Sonne an jenem Abend im Süden über den Bergen untergegangen, anstatt im Westen über dem Silbermeer. Als sie das alles gehört und halbwegs verdaut hat, fühlt Ælla sich so benommen, als wäre sie geradewegs mitten hinein in die wundersame und gefährliche Welt von Sagen und Helden gestolpert, und fragt sich inzwischen wohl zum dutzendsten Mal, welchen Mann sie nur geheiratet hat, der solche Wesen kennt und ein so abenteuerliches Leben führt... doch dann kommen ihr Yaras Worte in Suthaward wieder in den Sinn, als die Schamanin ihr gesagt hatte, halb Talyra würde Olyvar in einen Krieg folgen und sie habe ja keine Ahnung, wer alles in Talyra lebe. Langsam bekommt sie allerdings eine ziemlich gute Vorstellung davon – ein Götterkind, ein ehemaliger Sithechjünger, Borgil Blutaxt höchstselbst, Oger, Faune, Elben und Halbelben, Feen und Kobolde, Magier und Zauberer, ein halbe Blutelbin, welche hoch angesehen ist... und vor lauter Ehrfurcht wird ihr ganz anders.
Als sie zehn Tage unterwegs sind, sind sie immer noch keiner anderen Menschenseele begegnet, obwohl Yara San'Chale ihnen versichert, dass sie schon mehrfach von Waldläufern und Druiden beobachtet wurden. Doch als Ælla fragt, warum man sie denn dann nicht angesprochen hat, erwidert die Schamanin nur mit einem Schulterzucken, dass man sie nicht für eine Bedrohung hält und daher einfach in Ruhe ihres Weges ziehen lässt – außerdem kenne man sie hier vom Sehen her. Dank des anhaltend freundlichen und ungewöhnlich warmen Frühlingswetters kommen sie gut voran und schreiben den neunzehnten Sturmwind, als sie zum zweiten Mal in einer Höhle rasten, auch diesmal eine, die Yara 'von früheren Reisen' kennt. Sie liegt inmitten eines Hains uralter Buchen und ihr Eingang ist so schmal wie eine Haustür, doch die Grotte selbst öffnet sich als riesenhafter Dom im Inneren einer verwitterten Felsformation. Das mit Abstand allerbeste an dieser Höhle ist jedoch, dass sich im hinteren Teil eine heiße Quelle befindet, die ein halbes Dutzend dampfender Steinbecken füllt.

So kommt es, dass sie zum ersten Mal seit Suthaward alle wieder sauber werden und sogar ihre Kleider waschen können, weil die Nachtluft so lau und mild ist, dass sie bis zum Morgen sicher wieder trocknen würden. Ælla, die mit Brenainns Hilfe sämtliche Kochutensilien und einfach alles aus Olyvars Gepäck, was ihrer Meinung nach vor Schmutz starrt und dringend einer Reinigung bedarf (und das ist einiges) an die heißen Quellen geschleppt und dort geschrubbt hatte, nimmt als letzte von allen ein Bad und fühlt sich dabei wie eine Tote, die am Tag des jüngsten Gerichts aus dem Grab steigt und wieder zum Leben erweckt wird. Das Wasser ist schwer, wirkt fast ölig und riecht ganz schwach nach Schwefel, und es ist so heiß, dass es ihr beinahe die Haut von den Knochen schält, doch es ist einfach paradiesisch, wieder sauber werden und sich das Haar waschen zu können. Sie bleibt so lange im Wasser, bis ihre Fingerkuppen schon ganz aufgeweicht sind und ihr leicht schummrig im Kopf wird, erst dann steigt sie aus dem Becken und wringt ihr langes Haar aus. Als sie an die Feuerstelle zurückkehrt, dampft ihre Haut noch vor Hitze und sie hat sich nur eine weiche Lederhaut um den Körper geschlungen, denn das Hemd Olyvars, das sie sonst zum Schlafen trägt, ist genauso frisch gewaschen und draußen zum Trocknen ausgebreitet wie alle andere Kleidung. Yara San'Chale und Brenainn liegen bereits in ihren Schlafpelzen zusammengerollt am Feuer, doch Olyvar ist noch wach und wartet auf sie. Auch sein Haar ist noch leicht feucht und fällt ihm offen über den Rücken, und er hat sich bereits bis auf das Hemd ausgezogen. "Komm her und sieh dir das an," sagt er leise und sie tritt zu ihm in den Höhleneingang. Draußen herrscht eine vom Licht der beiden zunehmenden Monde durchtränkte Nacht und in ihrem Glanz scheint alles dahinzutreiben, von der silbernen Helle seiner Tiefe beraubt. In der Ferne scheint selbst der Wasserfall, an dem sie auf ihrem Weg hierher vorüber geritten waren, zum Stehen gekommen zu sein und reglos in der Luft zu schweben. Doch der sanfte, warme Nachtwind weht in ihre Richtung, so dass Ælla das leise, stete Donnern der fallenden Wassermassen hören kann. Die Nachtluft duftet schwer nach wildem Flieder und frischem Gras, nach zarten Wildblumen und dem Versprechen von neuem Leben, und die Wälder senden ihren kühlen Atem von den Hügeln und Bergen herab, die nun hinter ihnen liegen. "Wie wunderschön," haucht sie und blickt über das ganze Tal hinweg. Olyvar tritt hinter sie und sie spürt, wie er seine Arme um sie legt und sie an sich zieht. Ælla erschauert und drängt sich auf der Suche nach Wärme noch näher an ihn, krümmt ihre Zehen und seufzt leise. Ihm so nahe zu sein und von ihm festgehalten zu werden, macht sie schon mehr als nur zufrieden. Doch dann hört sie ihn irgendwo dreißig Sekhel über ihrem Kopf und in völlig anderem Ton fragen: "Was machen eigentlich die Schwielen auf deinem Hintern, Northoren?" und ihr Herz macht einen kleinen, stolpernden Satz, nur um gleich darauf umso schneller zu schlagen. "Alle verheilt," flüstert sie und dreht sich zu ihm um. Olyvar weicht nicht zurück, er macht nur einen Schritt, um sich das Hemd über den Kopf zu ziehen, dann streckt die Hand nach ihr aus. Das Mondlicht meißelt seinen Körper aus der Nacht, so dass sie jedes Detail an ihm sehen, kann, und ihr Herz klopft noch viel heftiger. Er wird mich wieder küssen. Er wird mich lieben und ich werde wieder eins mit ihm sein. Ælla lässt sich das Tuch von den Schultern gleiten, lässt es einfach in einem Knäuel am Höhleneingang liegen, und nimmt seine Hand. Sie gehen nebeneinander durch die zarten Farnwedel und das weiche Waldgras, ohne ein einziges Wort zu sprechen und der Nachttau benetzt ihre Beine, bis sie sich unter den im Mondlicht schimmernden Bäumen ebenso wortlos der Wärme des anderen zuwenden... und dann teilen sie sich ein Bett aus Farn und Moos und den leise raschelnden, gefallenen Blättern des vergangenen Herbstes, die in bronzenen Schichten den Boden bedecken.

Olyvar

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Wohnort: Steinfaust

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38

Dienstag, 12. Juni 2018, 14:18

Let the truth sting

21. Sturmwind – 1. Grünglanz 518, von den Verdwäldern bis zum Kreuzweg in den talyrischen Landen

"Are you okay?"
"This is weird, right? We don't even know each other and we got married."
"It's like you've never heard of an arranged marriage."
"This is nothing like an arranged marriage and you know it." (TFR)

Because the greatest part of a road trip isn't arriving at your destination. It's all the wild stuff that happens along the way. (Emma Chase)


Ælla und er waren erst lange nach Monduntergang im Wald aufgewacht, von zerdrückten Farnwedeln und bronzebraunen Buchenblättern des vergangenen Jahres übersät, gründlich durchgefroren und von Mücken zerstochen. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, sondern sich schwankend ihren Weg durch den stockfinsteren Buchenhain zurück zur Höhle ertastet, waren über Wurzeln und moosige Steine gestolpert und kurz vor der Dämmerung für zwei Stunden Schlaf in ihre Felle gekrochen. Jetzt beugt sie sich über seine Schulter, stellt eine Schale mit Haferbrei vor ihn hin und pflückt ihm im Vorübergehen ein Blatt aus dem Haar. Sie legt es neben seine Schüssel und ihr Lächeln hat eindeutig etwas Versonnenes an sich. Olyvar trägt als Antwort darauf denselben Ausdruck in seinem Blick, dreht den Kopf, fängt ihre Hand ein und küsst sie sacht. Dann lässt er sie los und wendet sich seinem Frühstück zu. Er war bisher eigentlich nie ein Freund von Porridge, doch ihrer schmeckt ihm mehr als gut – alles, was sie kocht schmeckt mehr als gut. Ælla berührt seinen Nacken und das Lächeln seiner Augen breitet sich bis zu seinem Mund aus. Als er aufblickt, stellt er fest, dass Yara sie beobachtet und die Mundwinkel der Jägerin kräuseln sich, ihre Augen warm und voller Verständnis. Dann fällt Olyvars Blick auf Brenainn, der geistesabwesend seinen eigenen Haferbrei löffelt und dabei von einem Ohr zum anderen grinst. Er ist zwar noch keine dreizehn, doch anscheinend viel zu aufgeweckt, als dass ihm hier irgendetwas entgangen wäre. Obendrein sieht Borgils Junge ziemlich zufrieden mit sich aus, vermutlich weil er der festen (und damit hätte er noch nicht einmal Unrecht) Überzeugung ist, diese Ehe gestiftet und damit obendrein gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen zu haben: Jungfer in Nöten gerettet, Lord Commander vor Einsamkeit und Verbitterung, und gleich dazu auch noch vor aufdringlichen Kuppelversuchen talyrischer Adliger mit Töchtern im heiratsfähigen Alter bewahrt, Mission also mehr als erfüllt. Wahrscheinlich klopft sich der Junge seit Suthaward unentwegt selbst auf die Schultern. Olyvar wirft Brenainn einen langen Blick zu und dessen Grinsen wird nur noch breiter. Für einen Moment sieht er seinem Vater so ähnlich, wie ein zwölfjähriger Junge einem über vierhundert Jahre alten, narbenzerfurchten Eisenzwerg nur ähnlich sehen kann.

Tags darauf erreichen sie endlich Machynlleth an der Alten Weststraße, den einzigen größeren Markt in diesem Teil des Verdlandes, wo sie einen Schuhmacher und eine Näherin auftreiben, die unter synchron hysterischem Gelächter (nicht wegen der Art ihrer Aufträge, sondern wegen der dafür so knapp bemessenen Zeit) versprechen, seine Frau mit dem Nötigsten auszustatten. So verbringen sie drei Tage im Luxus eines Gasthofes mit sauberen Betten und einem Zuberhaus, und nutzen die Zeit, ihre Vorräte aufzufüllen, ihre Ausrüstung soweit nötig Instand zu setzen, hier und da einen Lederriemen zu flicken, ihre Kettenhemden mit Sand zu scheuern und einzuölen, ihre Schlafpelze gründlich reinigen zu lassen und derlei mehr. Ælla bekommt ein paar Reitstiefel aus rotbraunem Büffelleder angefertigt, ein passendes Paar anschmiegsame Hosen aus weichem Wildleder und ein ebensolches, leicht verstärktes Mieder, dazu zwei Hemden aus leichtem, ungebleichtem Leinen, und eine Chemise aus weichem Baumwollbatist. Man behandelt sie freundlich und ehrerbietig, hält ihn jedoch angesichts ihrer etwas abgerissenen Erscheinung und des Aussehens ihrer Pferde wegen wohl für irgendeinen namenlosen, fahrenden, wenn auch keineswegs armen, Heckenritter mitsamt Gefolge. Olyvar ist es nur recht, dass er nicht als Lord Commander der talyrischen Garden erkannt wird, denn je weniger Aufhebens es um sie gibt, desto besser. Machynlleth hat nur wenige Geschäfte und auf dem Markt werden hauptsächlich Nahrungsmittel, Haushaltswaren und Vieh verkauft, doch es ist der einzige größere Handelsposten in dieser Gegend und so bekommen sie alles, was Ælla zumindest für die Reise braucht: einen Beutel aus geöltem Leder für ihr Hab und Gut, einen geschnitzten Hornkamm und eine Bürste, einen Munddolch und eigenes Essgeschirr, Strümpfe, ein Halstuch und einen schlichten braunen Umhang mit einer Bronzefibel, Haarnadeln und -bänder, einen Gürtel, Gürteltaschen und eine neue Geldkatze (ihre ist so zerschlissen, dass man sie nur noch wegwerfen kann), Seife, die schwach nach Honig und Blüten duftet... und einen Ehering. Es ist ein ziemlich breiter, unregelmäßiger Reif aus dunklem, gehämmertem Silber, weil der Schmied von Machynlleth für gewöhnlich Pferde beschlägt, Nägel und Werkzeuge herstellt oder einfache Waffen anfertigt, keinen Schmuck, und auf die Schnelle noch nicht einmal eine so kleine Menge reines Gold aufzutreiben gewesen war. Doch auf seine eigene, etwas barbarische Weise ist er trotzdem schön, und Ælla bricht prompt in Tränen aus, als er ihn ihr gibt. Als Olyvar das sieht, fürchtet er schon, der Ring gefalle ihr nicht und sie wolle ihn ganz sicher nicht tragen, doch als er dazu ansetzt, ihr zu versichern, dass sie das nicht tun müsse und ruhig ehrlich sein solle, nennt sie ihn nur sehr zärtlich einen Dummkopf und hält ihm ihre Hand hin. Er streift den Silberring über ihren Finger und sie stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn, mitten auf dem Marktplatz vor der Schmiede. Es ist der erste Kuss, den sie teilen, der von ihr ausgeht und Olyvar ist plötzlich so zufrieden mit sich wie ein satter Kater in der Sonne.

In der stillen Abgeschiedenheit der winzigen Dachkammer, die sie im Gasthof bewohnen, sind sie auch zum ersten Mal seit Suthaward wieder allein miteinander und genießen den Luxus dieser ungestörten Zurückgezogenheit wann immer sie können. Erzwungene Ehe hin oder her, sie empfinden Verlangen nacheinander und allen Göttern sei Dank teilt seine Frau sein Bett ganz offensichtlich wirklich gern. Dass er so für sie brennt und dass sein Körper den ihren auf die gleiche Weise zu entflammen vermag, ist ein kostbares Geschenk, dessen ist zumindest er sich deutlich bewusst. Ihr fehlt diese Erfahrung, denn sie hat vor ihm keinen anderen Mann gekannt... doch selbst mit mangelnden Vergleichsmöglichkeiten scheint sie zu spüren, dass ihnen hier etwas seltenes zuteil geworden ist. "Ist es immer so zwischen Mann und Frau? Ich meine hier, im Bett, zwischen Eheleuten oder Gefährten?" Ihre Augen, gerade noch sanft und wissbegierig, werden plötzlich groß und weit, als ihr irgendeine Erkenntnis dämmert. "Und wenn ja..." fährt sie fort und klingt mit einem Mal vollkommen fassungslos, "warum hat dich jemals eine Frau verlassen?" Olyvar bricht in Lachen aus, er kann einfach nicht anders - lange und laut. Er lacht so sehr ,dass ihm das Wasser in den Augen steht und kann überhaupt nicht mehr aufhören damit. Einmal mehr überrascht ihn ihre Art, ungeniert auszusprechen, was ihr gerade in den Sinn kommt, einmal mehr ist er fasziniert davon. Da hatte er schon geglaubt, nie wieder im Bett einer Frau lachen zu können... und hier ist er und lacht aus vollem Hals, und es ist auch noch seine eigene. Doch dann wird er allmählich wieder ernst. Er hatte bisher sein Bestes getan, nicht an Kizumu oder Diantha oder irgendeine der Frauen zu denken, mit denen er je auf diese Weise zusammen war, denn er ist der festen Überzeugung, dass in ein Ehebett nur zwei Leute gehören, ganz gleich, wie sie dort auch hingekommen sein mögen. Allerdings hat er Ælla Ehrlichkeit versprochen. "Nein, " erwidert er leise und ein Echo seines Gelächters schwingt immer noch in seiner Stimme mit, obwohl ihm gar nicht mehr nach Lachen zumute ist, so befreiend es auch gewesen sein mag. "Nein, es ist nicht immer so. Es kann gut und schön und aufregend, und all das sein, ja, aber... nein, so ist es nicht immer."
Als sie die kleine Stadt am sechsundzwanzigsten Sturmwind schließlich verlassen und nach Wisperwald aufbrechen, beginnt Olyvar allmählich damit, Ælla von der Steinfaust zu erzählen, von seinen Zieheltern Rhordri und Morna, von seinen Blaumänteln, den Besonderheiten dieser Stadtgarde, von seinen Pflichten und Aufgaben als Lord Commander, von seinen Plänen und Vorhaben – wie es früher gewesen ist, als er selbst noch ein Page und Knappe gewesen war, was er bereits erreicht hat, wohin er sie noch bringen will... und sie reden über seine Kinder, auch wenn es genaugenommen Ælla ist, die sie irgendwann zur Sprache bringt. "Was werden sie von mir halten, Olyvar? Sie sind ja schon so groß, beinahe erwachsen – zumindest die Zwillinge. Werden sie mich sehr ablehnen? Oder glaubst du, sie werden mich irgendwann mögen?"

"Connavar wird dich bestimmt mögen," wirft Brenainn ein und Ælla schenkt seinem Knappen ein zuversichtliches Lächeln, auch wenn es ihre Augen nicht ganz erreicht. Sie weiß sicher schon, dass Conn, obwohl ein wenig älter, Brenainns bester Freund ist. Borgils Sohn ist nun schon Jahre bei ihm, die Jungen sind praktisch miteiander aufgewachsen und verstehen sich wie Brüder.
"Brenainn hat vermutlich recht," stimmt er zu. "Connavar schließt andere schnell in sein Herz und auch leicht Freundschaften. Wie Njáll reagieren wird, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ihm hat der Fortgang seiner Mutter am meisten zu schaffen gemacht, aber er ist auch der Jüngste. Vermutlich wird er dir eine ganze Weile nicht über den Weg trauen und ziemlich zurückhaltend sein. Aber ich glaube nicht dass er dich ablehnt. Er wird vorsichtig sein. Fianryn hingegen... nun, sie wird auf jeden Fall kein Blatt vor den Mund nehmen, soviel kann ich dir versprechen. Bei ihr kann ich mir zwar am ehesten vorstellen, dass sie dich rundheraus angeht, aber ich will verdammt sein, wenn ich sagen könnte, wie sie am wahrscheinlichsten reagiert. Vielleicht wird sie dir misstrauen, dir sogar feindselig begegnen. Genauso gut ist allerdings vorstellbar, dass sie die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, Asp'ayares – sie lernt gerade von Shaerela, das ist Ninianes Tochter, das Shidar – ausruft und dir auf der Stelle ihren Segen erteilt, weil dann ihrer Meinung nach Chancen bestehen, dass ich nicht irgendwann als verbitterter, einsamer Tattergreis ende, wenn sie einmal aus dem Haus ist." Er fährt sich mit den Händen durchs Haar und lächelt ein wenig gequält. "Sie ist dreizehn und hält sich schon für sehr erwachsen. Meistens ist sie das allerdings auch. Als Diantha uns verlassen hat, musste sie es werden und sie hat ihre Sache bisher großartig gemacht. Es sind im Grunde gute Kinder, alle drei. Sie sind willensstark und haben ihre eigenen Köpfe, aber sie sind..."
"Sie sind in Ordnung, Ælla," mischt sich Brenainn ein und klingt wie eine Autorität. "Ich bin ja auch da. Ich sage ihnen schon, dass sie nett zu dir sein müssen."
"Du, Sire Ohne-Furcht-und-Tadel, kannst ihnen die ganze Sache mit der Hochzeit vor allem beichten. Schließlich hast du das alles eingefädelt, aye?"
"Aber Mylord Commander," erkundigt sich Brenainn in gespieltem Staunen und sein Gesicht ist dabei so unschuldig wie ein Krug entrahmter Milch, "wollt Ihr damit etwa sagen, dass Ihr mit Eurer Ehe irgendwie unzufrieden seid?"

Damit sitzt er in der Falle und zwar gründlich. Olyvar wirft seinen Frau einen kurzen Blick zu, deren Mundwinkel beben, so als wolle sie gleich lachen oder weinen und sei sich nicht sicher, was von beidem, die ihn ansonsten jedoch gespannt ansieht. "Das habe ich nicht gesagt, ich..."
"Das möchte ich auch meinen, Sire. Ihr sagt mir immer, dass man als Ritter nicht lügen darf. Der Mund eines Ritters spricht stets die Wahrheit."
Ælla senkt den Kopf und blickt angestrengt auf ihre Hände, die Seams Zügel halten, aber Olyvar könnte schwören, dass ihre Schultern jetzt vor unterdrücktem Gelächter beben. Dasselbe gilt für Yara, die ihr Gesicht demonstrativ in den Schatten ihrer Kapuze verbirgt, aus denen es jedoch unmissverständlich vor sich hin kichert. Doch als sie an diesem Abend unter den Ästen einer ausladenden Tanne lagern und nebeneinander in den Schlafpelzen liegen, meint Ælla leise, dass sie es durchaus verstehen könne, wenn seine Kinder ihr zuerst nicht über den Weg trauen würden. "Sie haben schon die Erfahrung gemacht, dass Frauen in ihrem Leben kommen und gehen, und ihr Vater ihre einzige Sicherheit ist."
"Und was willst du dann tun? Wenn sie dir nicht trauen?"
"Da sein. Und auch da bleiben," erwidert sie gähnend und legt ihren Kopf an seine Schulter. "Ich bin ein nettes Mädchen, Olyvar. Bisher mochte mich noch jeder, wenn er mich erst einmal kennengelernt hat. Und ich halte immer mein Wort. Irgendwann werden sie das auch sehen. Ich kann sie nicht zwingen, mich zu mögen, aber ich glaube, mit ein wenig Zeit werden wir schon miteinander auskommen. Du hast gesagt, es sind gute Kinder... ich... ich werde sie bestimmt leiden können."
"Was willst du ihnen über unsere Ehe sagen?"
"Die Wahrheit. Sie sind groß genug, sie werden es verstehen."
"Und was ist die Wahrheit?" Er hat die Frage ausgesprochen, ohne darüber nachzudenken, ohne sich selbst daran hindern zu können, leise und mit einem Mal sehr ernst geworden. Sie versteht genau, wie er das meint, denn das hier, was immer es ist, hat nichts mehr mit der aus Not heraus arrangierten Vernunftehe zu tun, die sie beide im Sinn gehabt hatten, als sie sich in Suthaward darauf einließen. Olyvar kann spüren, wie sie lächelt, er muss ihr Gesicht dafür gar nicht sehen und fährt gedankenverloren mit den Fingern durch ihr Haar. Es ist wunderschön, wie flüssiges Gold und Elfenbein, hier und dort mit Silber versetzt, wo die Sonne es noch heller gebleicht hat und so weich und schwer wie Seide. "Du hast mich geheiratet, um mir das Leben zu retten," sagt sie schläfrig, aber ebenso ernst wie er und schließt die Augen. "Das hast du getan, Olyvar. Das ist auf jeden Fall wahr."

Vier Tage, nachdem sie Machynlleth hinter sich gelassen haben, überqueren sie den Melynllyn und erreichen Wisperwald. Dort erkennt man ihn und Brenainn allerdings, kaum dass sie durch die Stadttore geritten sind. Sie sind bereits im Dunstkreis der talyrischen Hoheitsgebiete und nahe genug an ihrer Heimat, dass man hier offensichtlich bestens darüber Bescheid weiß, wie der Lord Commander von Talyra und sein Knappe als ein Sohn von Borgil Blutaxt aussehen, auch wenn Olyvar insgeheim darauf wettet, dass man ihn am wahrscheinlichsten an seiner Rüstung und an Siaíl erkannt hat. Und an Brenainn natürlich, denn Halbzwergenblutelbenmenschenmischlinge sind wohl einzigartig in den gesamten Herzlanden, wenn nicht auf ganz Roha. Doch allen Göttern sei Dank ist der Wirt der 'Tanzenden Dryade', des Gasthauses, in dem sie die Nacht verbringen, ein halbwegs vertrauenswürdiger Mann und das Wort darüber, wen er unter seinem Dach beherbergt, macht nicht gleich in ganz Wisperwald die Runde. Eine spontane Einladung oder gar ein Antrittsbesuch des hiesigen Sċīrġerēfa oder Lords hätte Olyvar gerade noch gefehlt. Dafür müssen sie an diesem Abend in der Schankstube mit Geselligkeit bezahlen, erst recht als man erfährt, dass der Lord Commander von Talyra mit seinem frisch angetrauten Eheweib hier ist. Er will Ælla nicht verheimlichen, aber er hat doch darauf gehofft, dass man sie nicht sofort als seine Frau erkennen würde. Nicht wegen ihm oder ihr, sondern wegen seinen Kindern, denen er diese Neuigkeit gern selbst erzählt hätte. Doch nun ist die Katze aus dem Sack und sie sind längst in Reichweite von Borgils zahllosen Vögelchen; wenn die Spione des Meisters der Flüsterer und Ohrenbläser an diesem Abend Augen und Ohren auch in der 'Tanzenden Dryade' haben, wird die Neuigkeit Talyra höchstwahrscheinlich früher erreichen, als sie selbst. Olyvar kann nur hoffen, dass der Harfenwirt dem Gerücht entweder einfach keinen Glauben schenken wird oder geistesgegenwärtig genug ist, nicht gleich vor dem versammelten Stadtrat damit herauszuplatzen. Allerdings verwettet er sein letztes Hemd darauf, dass Borgil, sollte er davon hören, es brühwarm Niniane, Karamaneh und Kalam weitererzählen wird, und dass vermutlich keiner seiner Freunde auch nur ein Wort des Zwergen diesbezüglich für bare Münze nehmen wird. Auf den Märkten Wisperwalds versorgen sie sich noch einmal mit Proviant, dann brechen sie nach Schwarzfels am südlichen Ende des Verdsees auf. Sie kommen gut voran, obwohl ihre Reise sie nun wieder durch tiefe Wildnis und völlig unberührte Landstriche führt. Manchmal hören sie des nachts Wölfe heulen, doch die Tiere bleiben stets weit genug entfernt, um sich keine Gedanken um sie machen zu müssen. Sie finden auch zahlreiche Bärenspuren, begegnen allen Göttern sein Dank aber auch keinem einzigen. Einmal stolpern sie über die Reste eines schon vor einer Weile ausgebrannten Fuhrwerks mitten auf dem Weg, finden jedoch weder von den Zugtieren, der Ladung, falls es eine gab, oder dem dazugehörigen Besitzer irgendwelche Spuren, und Brenainn schwört eines Morgens, er habe beim Aufwachen einen Lindwurm am Rand ihres Nachtlagers vorbeigleiten sehen.

Mehr Sorgen als wilde Tiere oder neugierige magische Wesen machen Olyvar allerdings marodierende Räuber, Männer, die zu haltlos sind, um Fuß zu fassen und für sich selbst zu sorgen, und die stattdessen immer wieder in wechselnder Anzahl raubend und plündernd das Hinterland von Verd durchwandern. Sie wagen sich auf ihren Raubzügen zwar selten über die gut geschützten Grenzen Talyras, aber er weiß, dass sie ihre geheimen Verstecke und Unterschlüpfe irgendwo hier in diesen Wäldern haben müssen. Das selbst für diese Jahreszeit und die hiesigen Breiten ungewöhnlich warme Wetter bleibt ihnen erhalten, die Alte Weststraße ist eben, trocken und besteht hier aus einem Jahrtausende alten, von unzähligen Füßen, Hufen und Wagenrädern festgestampften und doch leicht federndem Untergrund, so dass sie viele Tausendschritt am Tag in schnelleren Gangarten reiten können und damit einiges an Boden gut machen. Manchmal schaffen sie weit mehr als fünfzig Tausendschritt in einer Etappe, immer jedoch mehr als vierzig. In der letzten Sturmwindnacht, Inaris heiliger Nacht vor ihrem Hochtag am ersten Grünglanz, lagern sie mitten im Nirgendwo der Grenzlande zwischen Verd und Talyra und trösten Brenainn, dem es überhaupt nicht schmeckt, Bryja in dieser Nacht als Inarinovizin, die sie nun einmal ist, ohne ihn und seinen ritterlichen Schutz in Talyra zu wissen. Der Junge ist sich zwar hinreichend sicher, dass sie sich nicht die Füße rot bemalt hat und ihre Jungfräulichkeit dem Dienst an der Göttin opfert, aber er hofft inständig darauf, dass sie, wenn sie tatsächlich auf dem Fest sein sollte, dort nicht mit anderen tanzt. Am liebsten wäre es ihm wohl, sie hätte Tempeldienst und würde gar nicht erst ohne ihn in die Stadt gehen. Yara San'Chale verbringt diese Nacht – Beltaine, folgt man den alten Glaubenswegen – in stummer Zwiesprache mit den Geistern, sie selbst huldigen der Göttin auf ihre eigene Weise in einem Bett aus Waldgras unter dem sanften Licht der vollen Monde und der Sterne, die Faêyris in dieser Nacht wie ein leuchtendes Netz über die Wälder geworfen zu haben scheint. Am nächsten Abend feiern sie Ællas Namenstag im Licht der untergehenden Sonne mit den ersten, reifen Walderdbeeren und kleinen Geschenken. Als sie ihr Lager aufschlagen, sind sie schon auf talyrischem Boden und zwar noch immer allein in menschenleerer Wildnis, aber nun nicht mehr weit vom Kreuzweg entfernt. Brenainn und Yara hatten den letzten Bronzeknopf von Ællas altem Geelian gerettet und sein Knappe hatte ihr in Wisperwald aus der etwa hellergroßen, bronzenen Kinsbrorrose einen Anhänger machen lassen, den sie an einem moosgrünen Seidenband um den Hals tragen kann. Yara hat ihr einen Traumfänger angefertigt, an dem sie gearbeitet hatte, seit Olyvar den anderen von Ællas anstehendem Namenstag erzählt hat, geschmückt mit Kranich- und Wildgansfedern, die sie an ihre Heimat erinnern sollen. Er selbst schenkt ihr zwei fein gearbeitete, bronzierte Haarkämme, die mit Ranken- und Blättermustern verziert, und mit zwei rundgeschliffenen Moosachaten besetzt sind, die winzige, goldene Einschlüsse in ihrem satten, warmen Grün tragen und gut zu ihren Augen passen.

Ælla blinzelt sprachlos auf ihre Geschenke, im Grunde nicht mehr als kleine Aufmerksamkeiten, wenn sie sich auch alle drei bedeutungsvolle Gedanken darum gemacht haben mögen – dann birgt sie ihre Gaben an der Brust, bricht in Tränen aus, dreht auf dem Absatz um und hastet davon. Sie können sich nur noch ratlos ansehen und sich fragen, was um Himmels Willen sie nur falsch gemacht haben mögen. Olyvar geht ihr nach und findet sie schließlich unweit des Lagers unter den Ästen einer gewaltigen Eiche. Sie sitzt in einem Fleck Bingelkraut und gelber Schlüsselblumen, den weiten Lederrock um sich ausgebreitet wie die Blütenblätter einer seltsamen Pflanze, ihre Geschenke im Schoß. Als sie ihn kommen hört, wischt sie sich hastig über die Wangen und versucht sich an einem Lächeln, das ihr jedoch gründlich misslingt. Neue Tränen quellen auf und laufen ihr über das Gesicht. Olyvar betrachtet sie einen Moment aufmerksam, doch dieses Mal sind ihre Augen so verschleiert, dass er ausnahmsweise nichts in ihnen lesen kann. Er kann an ihrer Miene deutlich sehen, dass ihr irgendetwas zu schaffen macht, aber er will verdammt sein, wenn er sagen könnte, was es ist; so wie sie aussieht, scheint es zwar ein durchaus umwälzendes Ereignis zu sein - aber nicht unbedingt etwas Schreckliches. Die Geschenke sind es jedenfalls nicht, denn sie hält sie auf ihrem Schoß fest wie kleine, kostbare Schätze. Nur Rührung über die Aufmerksamkeit, dass man an sie gedacht und versucht hat, ihr eine Freude zu machen, ist es allerdings auch nicht. Doch was dann? Noch während er sie beobachtet, geht eine außergewöhnliche Veränderung mit ihr vor und eine Art unbestimmtes Leuchten durchbricht in unregelmäßigen Abständen ihre tränenaufgelöste Stimmung wie Sonnenlicht rasch vorbeiziehenden Gewitterwolken an einem unruhigen Himmel. Olyvar fährt sich ein wenig ratlos mit der Hand durchs Haar, dann setzt er sich zu ihr unter den Baum, so nahe, dass ihre Schulter seinen Arm berührt und stupst sie ganz leicht an. "Ich habe eigentlich fest damit gerechnet, dass du dich freuen würdest, weißt du," beginnt er und es ist eine reine Feststellung, in seiner Stimme schwingt keinerlei Vorwurf mit. "Ziemlich sogar. Wenn ich ehrlich bin, haben wir wohl alle durchaus mit ein paar Tränen gerechnet, nur ganz sicher nicht mit solchen." Er streckt behutsam die Hand aus und wischt eine glänzende Spur Feuchtigkeit von ihrer Wange. "Dein gläsernes Gesicht lässt uns gerade im Stich, also... was ist los, Ælla?"
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

39

Donnerstag, 5. Juli 2018, 15:30

These ties that bind

1. Grünglanz 518, in der Nähe des Kreuzwegs nach Talyra

Falling for you was like falling down the stairs. I was in complete control at first, then, without warning, I was spinning, tumbling, and had no idea why or how. Then, before I even knew what happened, I lay at the bottom; shocked, stunned, and so oddly aware that I still ended up exactly where I was trying to go. (K. Towne Jr.)

But the carousel never stops turning. You can't get off. (E. Grey)


Als er sie findet, sich zu ihr setzt, wissen will, was mit ihr sei und ihr auch noch so zart die Tränen von den Wangen wischt, schüttelt Ælla sacht Kopf, bringt ein zittriges Lächeln zustande und die Augen gehen ihr noch mehr über. Sie hätte nicht einfach davonlaufen sollen - Yara San'Chale und Brenainn müssen sie ja für undankbar halten oder nun wissen die Götter was von ihr denken... und Olyvar. Er ist dir nachgegangen. "Nichts," sie schüttelt noch einmal den Kopf und bekommt prompt Schluckauf. "Die Geschenke sind wunderbar. Hicks. Wirklich. Es ist nichts... oder nein... hicks... nicht nichts. Ich bin glücklich, das ist es. Es war einfach... hicks... einfach zu viel. Aber im Guten, verstehst du? Hicks! Wie eine... eine Überladung der Sinne. Hicks. Himmelhöllen, jetzt habe ich auch noch... hicks... blöden Schluckauf!" Olyvar reicht ihr ein Taschentuch, dass er von irgendwo her aus seinem Waffenrock zieht, und sie putzt sich die Nase und klingt dabei bestimmt wie eine strangulierte Gans. Dann sagt er ihr, sie solle den Atem anhalten so lange sie nur könne, danach einmal tief Luft holen und das ganze noch einmal tun. Sie blinzelt ihn ein wenig zweifelnd an, hickst dabei jedoch gleich dreimal, also tut sie, wie ihr geheißen. Zu ihrer Überraschung hilft es sofort und sie schenkt ihm ein dankbares Lächeln. Eine Weile sagt Olyvar einfach gar nichts, aber sie kann spüren, dass er immer noch auf eine Erklärung wartet. Vielleicht auf etwas mehr, als nur ein 'ich bin glücklich'. Seit drei Tagen schon schleppt sie etwas mit sich herum, das ein wunderbares und zugleich unerträgliches Geheimnis ist – sie ist überfällig. Aber es sind erst drei Tage, also kann sie sich absolut noch nicht sicher sein. "Warst du schon jemals auf einem Karussell? Als Kind war ich einmal auf dem Jahrmarkt in Falkenwacht, da war eines. Irgendein mechanisches Wunderwerk der Grauzwerge aus Immerfrost, ein Ungetüm aus Holz und Stahlfedern, aber es hatte diese wundervoll bemalten Pferde und Kutschen, und kleine Schweinchen mit Flügeln für die Kinder, auf denen man reiten konnte. Wenn man oben saß, hat es sich gedreht und gedreht, immer schneller, bis die ganze Welt nur noch an einem vorbeigeflogen ist. Mein Vater hat noch Jahre später erzählt, meine verdammten Fahrten auf diesem Karussell hätten ihn ein kleines Vermögen gekostet, aber ich... ich muss den halben Tag auf diesem Ding gewesen sein. Es war furchtbar aufregend. Zuerst hatte ich Angst, denn es hat sich so schnell gedreht, dass mir schwindlig wurde, aber es war so schön... wie fliegen, stelle ich mir vor. Ganz anders, als ich erwartet hatte. So ähnlich fühle ich mich auch jetzt, weißt du? Ich hatte erwartet, dass das hier..." sie macht eine kleine Geste, die ihn, sich selbst und einfach alles einschließt... "dass es nicht so werden würde." Seit Ælla von ihrer Schwangerschaft weiß - oder annimmt, ahnt, hofft? - fühlt sie sich wieder wie an jenem Tag auf dem Karussell, als sie ein kleines Mädchen gewesen war. Im Grunde genommen fühlt sie sich schon so, seit sie Olyvars Frau geworden ist. Alles dreht sich so schnell, unbesonnen schnell, so dass ihr schwindlig wird, und ja, sie hat auch Angst. Sie will, dass es langsamer wird, damit sie genügend Zeit hat, über die nächste Veränderung wenigstens einen Moment lang nachzudenken... und gleichzeitig ist es so schön, dass sie sich wünscht, es würde nie wieder anhalten. Ihr Leben ist ein Karussell geworden – und sie kann nicht absteigen. Niemand kann absteigen. Sie mustert ihn verstohlen von der Seite und holt tief Luft. Im Lauf der letzten Siebentage hatten Olyvar und sie zu einer Beziehung gefunden, die zwar immer noch von unbestimmter Schüchternheit ihrerseits und einer gewissen Verschlossenheit seinerseits gezeichnet ist, aber ständig an Wärme zunimmt. Soll sie ihm etwas sagen? Oder es noch eine Weile für sich behalten? Wäre er am Ende furchtbar enttäuscht, wenn sich herausstellen sollte, dass sie sich doch geirrt hat? Oder wäre er... Nein. Er würde sich freuen. In unserer Hochzeitsnacht hat er gesagt, es wäre überhaupt nicht schlimm, wenn ich schwanger werden würde. Aber zwischen 'überhaupt nicht schlimm' und 'ich freue mich über jedes Kind, dass du mir schenkst' ist ein himmelweiter Unterschied, und der verunsichert sie jetzt, da sie (wahrscheinlich) vor vollendeten Tatsachen stehen. Andererseits hat er nie irgendwelche Vorkehrungen gegen eine Schwangerschaft getroffen (von denen sie, abgesehen von Enthaltsamkeit, ohnehin nur nebulöse Vorstellungen hat) und auch nicht von ihr erwartet, dass sie es tut. In Suthaward und in den ersten Tagen ihrer Reise hatte es keine Gelegenheit dazu gegeben, aber spätestens in Machynlleth hätte er sie ja zu einem Heilkundigen bringen und sagen können: 'Gebt meiner Frau Kräuter, die verhindern, dass sie ein Kind bekommt.' Das hat er nicht getan. Und er liebt Kinder. Das hört man in seiner Stimme, wenn er von seinen spricht. "Ich hatte nicht erwartet, glücklich zu werden, weißt du," rettet sie sich vorerst in ein anderes Geständnis - das ist ja nicht weniger wahr. "Oder dass die Herzlande... meine neue Heimat... so schön wären. Oder dass ihr alle so..." Ællas Wangen überziehen sich mit pfirsichfarbener Röte... "so liebenswert sein würdet. Ich dachte, ich.... also, ich sagte mir, ich könne dankbar für mein Leben sein und dass wir beide... nun, dass wir uns schon irgendwie miteinander arrangieren würden. Dass ich es wirklich schlechter hätte treffen können. Und das stimmt ja auch. Aber ich habe mich selbst eher wie einen streuender Hund gesehen, den man aufgelesen hat und der nun einen Platz an der Ofenbank, und ab und an ein paar Reste vom Tisch bekommt. Den man duldet, weil man es nicht übers Herz bringt, ihn bei einem Unwetter wieder vor die Tür zu setzen. Mehr habe ich einfach nicht erwartet, und damit wäre ich wirklich schon zufrieden gewesen. Und dann ist alles so anders gekommen, so ganz anders..." Ælla spricht immer noch so leise, als rede sie mehr zu sich selbst, als zu ihm, und vielleicht stimmt das sogar. Doch nun hebt sie Kopf und Blick, um ihren Mann anzusehen.

Seine Augen, die so außergewöhnlich schön sind. Sie liebt diese Augen. Sie liebt seinen Mund, seine Nase, jede Einzelheit in diesem kraftvollen, markanten Gesicht liebt sie. Seine Hände, die so viel rohe Kraft besitzen und doch so sanft sein können. Seinen ganzen Körper. Seinen Geruch. Sein Lachen. Seine Stärke. Seine Aufmerksamkeit, seine Berührungen, seine Küsse. Himmel, sogar seine Schweigsamkeit. Ich verliebe mich in einen Fremden. Einfach so. Wie im Märchen. 'Und der tapfere Ritter nimmt die bettelarme Rhínemoor zur Frau und sie leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage...' Nur dass er sie schon längst geheiratet hat, ganz ohne jede Liebe, und das Ende ihrer Tage hatte sie auch schon kommen sehen. Nur dank Olyvar war sie diesem Ende gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Jetzt lässt die sinkende Sonne in ein paar Strähnen seines kastanienbraunen Haars kupferne Funken sprühen, und seine Augen sind in diesem Licht sehr hell. Sein Blick ruht unverwandt, aber mit einem sehr seltsamen Ausdruck auf ihr und plötzlich bekommt sie Angst, Olyvar könne sie missverstehen und fasst nach seinen Händen. Seine Finger schließen sich wie von selbst um ihre, warm und fest, und wie immer, wenn er sie berührt, ist Ælla sich dieser Verbindung ihrer Körper, selbst wenn es nur ein so unschuldiger Händedruck ist, eindringlich bewusst. "Ich kenne dich kaum. Ich weiß nicht, was deine Lieblingsfarbe ist oder welches Essen dir am Besten schmeckt, oder ob du deinen Cofea immer nur schwarz trinkst. Was dich nachts nicht schlafen lässt oder die Wiegenlieder, die man dir als Kind vorgesungen hat. Ich weiß nicht, was du liebst und wen du hasst, oder was dich traurig und was dich glücklich macht. Ich weiß nicht, woher die Narben auf deinem Rücken sind oder woher jene auf dem Rest deines Körpers stammen; ich kenne ihre Geschichte nicht." Sie löst eine ihrer Hände aus seinen und legt sie sehr sanft auf sein Herz. "Aber das, das kenne ich. Du bist ein guter Mann, Olyvar, ein sehr guter sogar." Ælla holt tief Luft und obwohl diese seltsamen Tränen der Rührung, Hoffnung, Dankbarkeit, Unsicherheit, Liebe und Aufregung noch immer dicht unter der Oberfläche lauern, bleiben ihre Augen diesmal dankenswerterweise trocken, als sie weiterspricht. "In Suthaward sind wir beide einen Pakt eingegangen, um mein Leben zu retten, aber wir waren auch entschlossen, das beste daraus zu machen. Wir wollten beide so gut wie möglich miteinander auskommen. Für dich war das wohl vor allem eine Frage der Ehre... und des Widerwillens, eine Verantwortung von dir zu weisen, die du als deine betrachtest. Ich besitze auch Ehre, Olyvar, und sie bedeutet mir viel. Ich habe dir mein Wort gegeben und das bindet mich. Es würde mich auch binden, wenn es anders zwischen uns wäre. Aber mittlerweile... mittlerweile will ich auch mit dir verheiratet sein, und ich denke... ich glaube... dir geht es mit mir genauso. Vielleicht irre ich mich, vielleicht ist es ja auch vermessen von mir, das einfach so anzunehmen. Wahrscheinlich war es zu Anfang überhaupt nicht deine Absicht. Vielleicht konntest du dich nur genauso wenig dagegen wehren wie ich. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich es begriffen habe, und noch länger, bis ich es glauben konnte, aber jetzt weiß ich es. Du bist wirklich mein Ehemann und ich glaube... ich glaube, du willst es auch sein. Nicht wahr?"
"Etwas in der Art," hört sie ihn antworten und ihr Herz klopft entschieden schneller, während ein ganzer Schwarm aufgebrachter kleiner Flatterwesen in ihrem Magen seine Kreise dreht. "Und dann," sie zuckt hilflos mit den Schultern, "habt ihr neben allem anderen auch noch an meinen Namenstag gedacht und sogar Geschenke für mich... solche Geschenke. Die Kinsbrorrose, damit ich etwas habe, das mich an zu Hause erinnert und Yara San'Chales Traumfänger, um meinen Schlaf zu beschützen, und dann die Haarkämme... sie sind wunderschön, aber du wusstest genau, dass sie mir gefallen würden. Die Steine darauf passen genau zu meinen Augen und die Bronze zu meiner Umhangfibel, und auch das war deine volle Absicht."
"Aye, schon möglich."
"Du hast dir Gedanken um mich gemacht... ihr alle habt euch Gedanken gemacht... nur wegen mir. Das war zu viel. Deshalb bin ich... ich wollte nicht vor Brenainn und Yara San'Chale in Tränen ausbrechen, weißt du. Sie sollten nicht denken, ich würde ihre Geschenke nicht mögen. Das denken sie jetzt vermutlich erst recht, aber..."
"Und das ist alles?" Unterbricht Olyvar sie allen Göttern sei Dank und klingt beinahe verblüfft. "Du bist nur ein bisschen... überwältigt von allem?" Er fasst sie genauer ins Auge und Ælla kann förmlich spüren, wie die Durchschaubarkeit ihres Gesichts zurückkehrt, und mit ihr so plötzliche, wie unerklärliche Scheu. "Sonst fehlt dir nichts?"
Auf einmal sieht er ihr so aufmerksam ins Gesicht, dass Ælla den Blick abwenden muss und angestrengt auf die zerdrückten Schlüsselblumen an ihren Rocksäumen hinunter starrt. Er weiß, dass das längst nicht alles ist, wahrscheinlich kann er es ihr einfach ansehen - und auf einmal hat sie beinahe so viel Angst vor seiner Reaktion, wie in jener Nacht in Suthaward, als sie ihn noch überhaupt nicht gekannt hat und ihm trotzdem vorgeschlagen hatte, diese Ehe mit ihr wirklich einzugehen. Sei doch kein solcher Hasenfuß, damals hast du dich auch völlig umsonst vor ihm gefürchtet! "Nicht ganz," erwidert sie also so tapfer sie nur kann. Ihre Stimme ist nur noch ein Flüstern, während ihr Herz wie wild zu pochen beginnt. "Obwohl ich nicht sagen würde, dass mir etwas fehlt..." Sie kann ihm jetzt nicht ins Gesicht sehen, es ist einfach unmöglich – als hätte man ihr einen riesigen Stein in den Nacken gelegt, der sie zwingt, den Kopf zu senken.
"Ælla, sieh mich an."
Der Stein in ihrem Nacken muss hundert Pfund wiegen. Tausend.
"Ælla?"
Einen ganzen Quader wiegt er.

Irgendwie, unter größter Anstrengung, hebt sie den Kopf, sieht aber an ihm vorbei, zu schüchtern, ihn direkt anzublicken. "Ich glaube, wir bekommen ein Kind." Ihr Atem entweicht mit einem tiefen Seufzen und die Anspannung in ihren Schultern löst sich prompt, kaum dass sie die Worte hervorgebracht hat. Himmel, es tut gut, es auszusprechen und das unerträgliche Geheimnis nicht mehr allein mit sich herumzutragen. Wie konnte sie nur glauben, das noch vier Wochen lang nur für sich behalten zu können? Olyvar sagt gar nichts, aber sie kann sehen, wie ihre Worte in ihn sinken. Dann begreift er ihren Sinn und irgendwie scheint ein Ruck durch ihn zu gehen, obwohl er sich überhaupt nicht bewegt: nur ein Winkel seines breiten Mundes zuckt, jedes andere Gefühl verbirgt er hinter der Maske der Ruhe. Doch mit einem Mal hält er ihre Hand so fest, dass es beinahe weht tut und das verleiht ihr Hoffnung. "Es... ich bin mir wirklich noch nicht sicher," beeilt Ælla sich hastig, zu erklären, "also freu dich nicht zu sehr und sei auch nicht enttäuscht, wenn es doch nicht so ist, ja? Bitte, Olyvar, sei nicht enttäuscht. Es sind erst ein paar Tage, also kann ich es einfach nicht mit Gewissheit sagen. Ich würde ja zu einem Aniran oder einem Heilkundigen gehen, aber es gibt hier in der Wildnis nun einmal keinen. Ich habe auch keinerlei andere Anzeichen, du weißt schon... was Frauen in anderen Umständen für gewöhnlich so haben sollen." Jetzt redet sie ohne Punkt und Komma, wie so oft, wenn sie nervös ist - und sie ist gerade ein wenig mehr als nur das. "Mir ist weder schlecht - nicht morgens und nicht irgendwann - noch ist mir schwindlig. Ich kann sogar alles essen und Gerüche machen mir gar nichts aus. Ich bin auch kein Bisschen müde, jedenfalls nicht mehr als sonst, und meine... hm... äh... meine Brüste sind ja immer groß, also..." Sie sind empfindlicher geworden, aber bei der Aufmerksamkeit, die ihnen neuerdings zuteil wird, hätte es Ælla eher gewundert, wenn sie es nicht wären. "Es ist nur... seit ich zur Frau wurde, haben meine Blutungen niemals zu spät eingesetzt. Nicht einmal, nicht einen einzigen Tag. Ich hätte das große mechanische Uhrwerk der Bursa in Fa'Sheel danach stellen lassen können. Doch diesmal – nichts. Vielleicht hätte ich noch gar nichts sagen sollen, aber ich fühle mich auch... nun ja, ich kann nicht sagen schwanger , denn ich war es noch nie und weiß nicht, wie sich eine Frau fühlt, wenn sie ein Kind bekommt. Aber auch nicht wie sonst. Irgendwie so, als... als wäre ich nicht mehr allein in meiner Haut." Ihre freie Hand legt sich ganz unbewusst auf ihren Leib, die Finger sanft gekrümmt. "Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären soll und... ich plappere nicht wahr?" Plötzlich wird sie wieder verlegen. "Das mache ich manchmal, wenn ich nervös bin. Vielleicht klingt das ja albern, doch... erinnerst du dich an den Abend, in der du mich gebeten hast, mein Haar zu lösen? Später in dieser Nacht hatte ich einen Traum... oder ich dachte zuerst, es wäre ein Traum gewesen, aber es war keiner. Ich erinnere mich daran. Irgendwann in dieser Nacht bin ich mit einem ganz merkwürdigen Gefühl aufgewacht, gar nicht wirklich bei mir und noch immer im Halbschlaf. Da war dieser Schmerz in meinem Leib, als ob mein Mondblut einsetzen würde, aber nur ganz kurz. Wie ein... ein Stich oder ein Aufblitzen. Danach ich hatte den deutlichen Eindruck, nicht mehr allein zu sein. Zuerst dachte ich, das läge an dir, weil du mich im Schlaf so festgehalten hast, aber das war es nicht. Ich war nicht mehr allein in mir. Das ist jetzt zwanzig Tage her und seitdem war es immer so. Ich wusste es ohne es zu wissen, falls das irgendeinen Sinn ergibt. Aber ganz sicher werden wir erst sein, wenn auch meine nächste Mondzeit ausbleibt - und bis dahin sind es noch vier Wochen, und... ich plappere. Schon wieder." Sie beißt sich auf die Zunge, entschlossen endlich den Mund zu halten und hat das Gefühl, noch nie in ihrem ganzen Leben so viel auf einmal gesagt zu haben. Olyvar dagegen sagt immer noch nichts, kein einziges Wort. Das ist bestimmt kein Wunder, denn mit ihr und diesem Schwall, den sie da gerade von sich gegeben hat, käme ja nicht einmal Ogh der Reimer höchstpersönlich dazu, auch nur den Mund aufzumachen. Doch anscheinend hat er gar nicht vor, irgendetwas zu sagen. Er sieht sie nur so lange und so eindringlich an, dass Ælla sich wieder unter seinem Blick windet und ihr Herz von Neuem unruhig zu flattern beginnt. Doch noch bevor sie sich anfangen kann, sich deswegen ernsthaft Sorgen zu machen, liegt seine Hand auf ihrem Haar und ohne recht zu wissen, wie ihr geschieht, hat er sie an sich gezogen, so dass sich ihr Kopf genau in die Mulde seiner Schulter schmiegt. Sie legt die Arme um ihn und flüchtet sich in den Trost seiner Berührung. Sie spürt, wie er schluckt und plötzlich begreift sie, dass ihm schlicht und einfach die Worte fehlen. Er scheint tatsächlich sprachlos zu sein und sie verspürt das surreale Bedürfnis, vor lauter Erleichterung und abrupter Freude loszuprusten. Doch sie tut es nicht, stattdessen japst sie ein wenig atemlos, weil er sie so festhält: "Oh... dann ist das... etwas Gutes, ja?"

Olyvar

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40

Samstag, 7. Juli 2018, 00:55

Where do we go from here?

1. - 11. Grünglanz 518, auf dem Kreuzweg nach Talyra

Ich hab mein altes Herz getauscht, es tut jetzt nicht mehr weh.
Wo links einmal die Unruh saß, ist es nun kühl wie Schnee.
Seitdem ist mir ganz wohl um das, wo einst das Herzleid war.
Die Trauer und der Zorn verflog, und Angst vor der Gefahr. (Subway to Sally, Kaltes Herz)

Been there, done that, didn't end well. Twice. So I promised myself, I would never fall in love again. But I kinda... sorta... maybe... well, actually... I do... like you way more than I originally planned.


Ælla kann sein Gesicht nicht sehen, weil ihres an seiner Schulter geborgen ist, aber sie hört mit Sicherheit das unterdrückte Lachen in seiner Stimme, als er endlich seine Sprache wiederfindet und ein entschiedenes "Und ob!" in ihr Haar raunt, im exakt gleichen Tonfall, indem er diese Worte schon einmal zu ihr gesagt hat, und die Erinnerung an das Wo und Wann dieser Begebenheit, lässt sie leise kichern. In der letzten halben Stunde hat Olyvar ein erstaunliches Wirrwarr an Gefühlen durchlebt: die vage Sorge, dass sie doch enttäuscht sein könnte, Unruhe angesichts ihres aufgelösten Zustandes, Bestürzung angesichts ihrer Fähigkeit, trotz all seiner zur Perfektion antrainierten Undurchschaubarkeit scheinbar mühelos in sein Inneres blicken zu können – sie hatte recht, mit jedem verdammten Wort – , dann hatte er das drängende Verlangen verspürt, sie gleich hier und jetzt zwischen den Schlüsselblumen und den Eichenwurzeln auf die warme Erde zu legen und sie einfach zu nehmen, sie wissen zu lassen, dass sie sein ist und sie aus ihrer Gedankenwelt in die Seine zu ziehen, gefolgt vom nicht minder dringenden Bedürfnis, sie zu schütteln, wenn sie nicht endlich mit der Sprache herausrücken würde. Und dann, völlig überraschend, heiße, unbändige Freude, aufflammende Hoffnung und die Sehnsucht, es möge wahr sein. Jetzt ist er wieder bei der Zärtlichkeit angelangt. "Etwas sehr gutes, Northoren," flüstert er schließlich und weiß, dass es wahr ist. Er glaubt ihr; er will es auch glauben, und zu seinem eigenen Erstaunen wünscht er sich sehr, dass es wahr ist, die Götter mögen ihm beistehen. Ihre Ehe mag als Pakt angefangen haben, ein Handel, den sie zu ihrer beider Nutzen geschlossen hatten, weil ihnen gar nichts anderes übrig geblieben war. Jetzt staunen sie beide jeden Tag ein wenig fassungslos darüber, das sie nicht nur völlig zufrieden damit sind, sondern auf dem besten Weg miteinander... Und wem machst du jetzt etwas vor? Nur dir? Oder wirst du auch sie belügen? 'Wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach. Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen. Wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren und wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben.' Bittere Galle steigt in seiner Kehle hoch, doch Olyvar schluckt sie entschlossen hinunter und würgt jeden Gedanken an seine Prophezeiung wieder ab. Nun, die Sehnsucht hatte ihn erfasst und er hat ihr nachgegeben, aber sein Herz würde er um jeden Preis schützen. Er ist ja kein Narr – er weiß genau, wie leicht es wäre, sie zu lieben. Doch er kann nicht. Er darf nicht. Ganz abgesehen davon, selbst wenn es seine verfluchte Prophezeiung überhaupt nicht gäbe, das Risiko, sich noch einmal so auf einen anderen Menschen einzulassen, wird er nicht noch einmal eingehen. Nie wieder. Also wird er ihr die Wahrheit sagen. Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren, nur - Götter, bitte, bitte nicht jetzt.
"Oh gut!" hört Olyvar sie ein wenig erstickt in sein Hemd seufzen, dann klingt sie plötzlich ganz eindringlich: "Denn ich will eine große Familie. Eine wirklich große Familie, Olyvar."
"Aye?" Sein Herz macht einen stolpernden kleinen Satz und er fragt sich nicht zum ersten Mal seit jenem denkwürdigen Tag in Suthaward, was das eigentlich für ein seltsames Leben ist, dass einen in die tiefsten Abgründe hinabschickt, nur um einen gleich darauf schockartig Hoffnung und Zufriedenheit erleben zu lassen... oder einem ebenso unverhofft die zum greifen Nahe Erfüllung längst begrabener Träume vor die Füße zu legen.
"Das wollte ich schon, seit ich ein kleines Mädchen war, aber es ist mehr als das. Ich bin die letzte meiner Familie, die einzige, die noch übrig ist. Ich glaube, nach all dem Tod und dem Sterben, fühle ich einfach diese Verpflichtung... dieses Bedürfnis... Leben in die Welt zu bringen."
"Das verstehe ich," murmelt er in ihr Haar und schließt für einen Moment die Augen. "Wie viele Kinder sind 'eine wirklich große Familie', Northoren?"
"Ich weiß nicht..." sie bewegt sich sacht in seinen Armen ohne ihn dabei loszulassen, und hebt den Kopf leicht an, um in sein Gesicht zu blinzeln. "Wie viele können wir uns denn leisten?"
"Oh... so viele gleich?" Das unterdrückte Gelächter klingt jetzt deutlich in seiner Stimme mit. Sie weiß zwar, dass er nicht arm ist, aber offenbar hat sie auch keine Vorstellung davon, dass sie einen durchaus wohlhabenden Mann geheiratet hat. Gemessen an Kalam, Tiuri, Colevar oder gar Borgil und Niniane ist er zwar nicht reich, aber vermögend ist er inzwischen tatsächlich. Sorgen wird sie sich nie machen müssen und wenn sie ein Dutzend Kinder bekommen, würden sie immer noch alle satt werden. "Hmhm. Und du und welches halbe Dutzend anderer Frauen sollen die zur Welt bringen?"
Das lässt sie wie eine zornige kleine Katze in die Höhe schießen und er fängt lachend ihre Hände ein. "Das würde ich nie tun!"
Sie wird so unvermittelt ernst, dass er eine Bewegung macht, als sei ihm sein Hemd plötzlich zu eng geworden, doch Ælla lächelt nur. "Ich weiß," hört er sie sagen. "Du wirst auch dann gern in mein Bett kommen, wenn ich meine Füße nicht mehr sehen kann und so rund wie ein Butterfass geworden bin, nicht wahr?."
"Oh, aye. Wenn du nur noch watscheln kannst und..."
"Ich werde nicht watscheln!"
"Hmhm. Ich sehe hier zwar kein Bett, Northoren, aber wenn du willst... "
Sie will – sehr sogar, und sie lieben sich auf der Lichtung zwischen den Schlüsselblumen und dem Bingelkraut im letzten Licht des sterbenden Tages, und keiner von ihnen ist mehr allein.

Als sie eine Weile später - eine ganze Weile später - ins Lager zurückkehren, baumelt die bronzene Kinsbrorrose an dem grünen Seidenband um Ællas Hals, die bronzierten Kämme mit den Moosachaten stecken in ihrem Haar und sie strahlt über das ganze Gesicht, Yara San'chales Traumfänger mit den Federn wie einen Schatz vor sich hertragend. Weder die Schamanin noch Brenainn nehmen ihr ihren Ausbruch und ihre überstürzte Flucht übel, und sie verlieren dankenswerterweise auch keine Worte darüber... Yara sieht sie nur so lange und so aufmerksam an, dass Ælla sich unter ihrem jadegrünen Blick ein wenig windet und Olyvar umgehend eine möglichst unergründliche Miene aufsetzt. Sie hatten zwar beschlossen, ihr Geheimnis noch eine Weile nur für sich zu behalten, zumindest bis zum nächsten Vollmond, doch angesichts des forschenden Blicks der Schamanin und eingedenk des gläsernen Gesichts seiner Frau, glaubt er nicht, dass ihnen das auch gelingen wird. Selbst Brenainn, bald siebenfacher großer Bruder und mit einer Mutter gesegnet, die in schöner Regelmäßigkeit ein gesundes Kind nach dem anderen zur Welt bringt, dürften diese - im wahrsten Sinne des Wortes anderen - Umstände nicht sehr lange entgehen. Jetzt gibt Borgils Sohn allerdings nur ein bedeutsames zwergisches Husten von sich, wohl das wortlose Äquivalent von 'Ich weiß genau, warum ihr so lange weg wart und außerdem habt ihr beide Bingelkraut in den Haaren'. Ælla, die daraufhin verdächtig rot wird, eilt ans Lagerfeuer, um sich um das Essen zu kümmern, bevor sie lila anlaufen würde, und Olyvar wirft seinem Knappen einen langen Blick zu und atmet kräftig durch die Nase ein. Doch später in der Nacht, als sie wohl zum letzten Mal auf ihrer Reise zurück nach Talyra unter freiem Himmel schlafen, liegt Olyvar noch lange wach. Es gibt wirklich schlimmeres, als im Larisgrün unter den Monden und Sternen lauer Frühlingsnächte in den Armen einer Frau zu schlafen, aber sein Bedarf an Wildnis ist allmählich gedeckt. Zur Abwechslung wäre es schön, wieder regelmäßig in sauberen Betten und glatten Kammgarnlaken zu liegen, ihre Pferde versorgt in sicheren Ställen zu wissen und heißes Wasser zum Waschen zur Verfügung zu haben. Doch der sehnsüchtige Gedanke an den vor ihnen liegenden Kreuzweg und die Annehmlichkeiten seiner Gasthöfe und Herbergen ist nicht das, was ihn wach hält... es ist der Gedanke an das Kind, das Ælla erwartet und die so bestürzend unerwartete wie handfeste Wirklichkeit dieser Ehe, in die er hineingeraten ist und in der er sich so erschreckend wohl fühlt. Sie hat gesagt, sie ist glücklich. Da ist das Wort, vor dem er davongelaufen ist, aber gegen Tatsachen kommt auch er nicht an. Vor allem aber ist es das sichere Wissen darum, dass er ihr die Wahrheit sagen muss. Er hätte es längst tun sollen. Du hättest ihr von Anfang an reinen Wein einschenken müssen. Am besten gleich, als du ihr gesagt hast, du wärst ein sturer, jähzorniger, brutaler Bastard. 'Ach ja, und übrigens, ich bin mit einer unseligen Prophezeiung geschlagen, die wie ein Fluch auf mir lastet und die ich fast zwei Jahrzehnte lang für Mondschneckenunsinn hielt, bis sie sich unglücklicherweise als die reine Wahrheit herausgestellt hat'. Er war ohnehin dabei gewesen, kein gutes Haar an sich zu lassen, was hätte es da also noch ausgemacht? Er hätte es ihr sagen müssen. Was hätte sie schon tun können? Diese Ehe mit dir nicht eingehen und sich in dein Schwert stürzen? Oder sich doch noch dem Rekenhaeler ergeben, der sie gefoltert und zu Tode vergewaltigt hätte? Nein, sie hätte dich so oder so genommen. Das stimmt vermutlich, aber wenigstens müsste sie dann nicht das Gefühl haben, getäuscht worden zu sein. Wie konntest du nur so bescheuert sein, so lange den Mund zu halten? Er weiß genau warum: erst hatte er sich gesagt, dass er die Dinge wirklich nicht noch komplizierter machen sollte, dann hatte er abwarten wollen, was Ælla für ein Mensch wäre – als ob er das nicht schon nach einem Viertelglockenschlag allein mit ihr gewusst hätte – und schließlich war es ihm gelungen sich einzureden, dass der richtige Zeitpunkt für solche Offenbarungen einfach noch nicht gekommen war. Doch für so etwas gibt es keine richtigen und keine falschen Zeiten, nur Entscheidungen... denn die Wahrheit ist, dass er so lange geschwiegen hat, weil er Angst hat, sie würde auf dem Absatz umdrehen und gehen – und weil er noch viel Schlimmeres tun würde, als zu lügen, um sie zu behalten. Doch jetzt ist nicht mehr nur sein eigenes Schicksal, das hier in seinen Händen liegt, sondern auch das seiner Frau und seines ungeborenen Kindes. Und dann ist da noch die Sache mit der Ehrlichkeit, die er ihr versprochen hat. Am liebsten hätte er sie geweckt, gleich jetzt, sie ein Stück fort aus dem Lager in den nächtlichen Wald geführt und ihr alles gestanden. Doch sie schläft so hingebungsvoll wie ein Kind neben ihm, eingeschlossen in seine Arme, seine Hand unter ihrer Wange, und er bringt es einfach nicht über sich. Du bist ein grandioser Feigling, das bist du.

Einen Siebentag später hat Olyvar den Mund immer noch nicht aufgemacht und ist inzwischen beinahe ebenso schweigsam wie Yara, die noch immer schwer an den Ereignissen in den Bergen von Anukis' Wacht trägt. Zu allem Überfluss verlässt sie auch noch ihr bisher vollkommen unerschütterliches Reiseglück: Brenainns Pferd tritt auf einen Stein, holt sich einen Riss im Huf, der bis ins Leben reicht und lahmt so stark, dass sie fürs erste in der Eintracht stranden, einem großen Gasthof im Südwesten von Lyness und nur noch lächerliche hundertsiebzig Tausendschritt von Talyra entfernt. Es ist ein imposanter, verwinkelter, zweistöckiger Bau aus dunklen Balken und grauem Flussstein, doch das Schnitzwerk an den Dachtraufen, den Giebeln und Türstürzen, und die urtümlichen Grassodendächer verleihen ihm etwas so nordisches, dass Olyvar sich halb in eine andere Welt versetzt fühlt – was für ein Gegensatz zu der sonstigen ildorischen Leichtigkeit mit ihren Gebäuden aus hellem Stein, den geriffelten Holzläden und rauchgrauen Schieferdächern, was für ein Unterschied zu den warmen Pastellfarben, die man sonst im Umland Talyras findet. Ælla hingegen fühlt sich spontan an zu Hause erinnert... und sichtlich wohl unter den turmhoch neben ihr aufragenden, hellhäutigen, flachshaarigen Lynessern. Seine nachdenkliche Verschlossenheit ist niemandem entgangen, weder Yara, noch Brenainn, noch Ælla, die allmählich wirklich besorgt wirkt - doch bisher ist er allen fragenden Blicken und zaghaften Versuchen ihrerseits, ihn zum Reden zu bringen, ausgewichen. Unterwegs und ständig in Gesellschaft der anderen hatte er einfach keine Möglichkeit gesehen, sie waren ja nie wirklich allein miteinander gewesen. Doch hier im Gasthaus und in der stillen Zurückgezogenheit der gemütlichen Dachkammer, die man ihnen gegeben hat, hat er keine Ausreden und keine Entschuldigung mehr – und weiß absolut nicht, wo er nur anfangen soll. Es ist Yara, die ihm schließlich den notwendigen Tritt in den Hintern verpasst... sehr freundlich zwar, aber eindeutig ein Tritt. "Geh und sag ihr endlich, was du ihr zu sagen hast, was immer es auch ist," legt sie ihm irgendwann am dritten Tag im Gasthaus nahe. "Sie ist schwanger, und sie hat schon genug durchgemacht. Du solltest sie nicht auch noch beunruhigen."
"Du weißt es?"
Yara zieht eine Braue nach oben und sieht ihn milde belustigt an. "Ihre Brüste werden immer größer und sie isst alles in Sichtweite, natürlich weiß ich es."
"Hmpf!"
"Geh und rede mit ihr, Olyvar."
"Aye, ich weiß ich muss. Ich fürchte nur, wenn ich es tue, ist sie schneller auf und davon, als wir bis drei zählen können."
"Deine Prophezeiung?"
"Aye."
"Sie wird nicht davonlaufen, Olyvar. Nicht diese Frau." Und damit überlässt sie ihm lächelnd seinem Schicksal. Olyvar holt noch einmal tief Luft und stapft dann die Treppe zu den Gasträumen hinauf wie ein Verurteilter die Stiege zum Galgen.
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

41

Freitag, 5. Oktober 2018, 16:11

Life is not a bloody song

11.Grünglanz 518, im Fürstentum Lyness in den talyrischen Landen

So what about these times when there is no roadmap?
Should we go with our gut then?
If instinct is al we have, it's not always a bad thing.
It can bring us wonderful places, joyful places
And it can also serve an important purpose.
'Cause our gut is usually what warns us when trouble lies ahead. (M. Grey)

And in the end, we're all just humans, drunk on the idea that love, only love, could heal our brokenness. (Christopher Pointdexter)


Das Gemach, das man ihnen in der Eintracht gegeben hat, ist nicht allzu groß, aber es hat alles, was man braucht und ist geradezu vornehm eingerichtet, mit einem Bett, Kassettenschränken und Truhen für ihre Habe, einem kleinen Tisch, zwei Stühlen und einer Feuerstelle... ein Raum für wohlhabende Kaufleute oder reisende Adlige, wie sie annimmt. Als Olyvar den Raum betritt, liegt Ælla bereits in den weichen Pelzdecken des breiten Bettes, den Rücken zur Tür und das Gesicht der gegenüberliegenden Wand mit den vier kleinen, quadratischen Fenstern und deren dicken, bleigefassten Butzenscheiben zugewandt. Die Sonne ist gerade eben erst hinter den Baumwipfeln versunken und der laue Grünglanzabend noch von jenem leuchtenden Zwielicht erfüllt, das die Nächte im Sommer so kurz und die Tage so lang erscheinen lässt. Die Weißen Nächte sind schon nahe... Dieser Gedanke geistert durch den winzigen Teil ihres Verstandes, der nicht mit Verzweiflung und Herzleid beschäftigt ist, und sie fragt sich dumpf, ob die kurzen Nächte um die Sommersonnenwende hierzulande wohl auch so genannt werden und ebenfalls als magisch gelten. Zuhause in Northoren... Es ist nicht mehr dein Zuhause. Du hast kein Zuhause mehr.... in Northoren heißt es, die Weißen Nächte seien eine ganz besondere Zeit, der ein eigener Zauber innewohne und in der nur gute Kräfte wirkten. Ist das hier auch so? Denn ein wenig guter Zauber ist genau das, was ich jetzt gebrauchen könnte... Sie hört wie die Tür sich unter Olyvars Händen mit einem leisen Knarren öffnet und wieder schließt, und seine schweren Schritte im Raum, doch sie kann sich nicht überwinden, sich zu ihm umzudrehen. Ihr Gesicht ist rot und verschwollen vom vielen Weinen der letzten Stunden, denn sie hat nicht damit gerechnet, dass er schon heraufkommen würde, und sie will nicht, dass er sie so schwach sieht. Sie hat geglaubt, noch eine ganze Weile allein mit sich und ihrem Kummer zu sein, so wie alle Tage und jeden Abend, seit sie hier in diesem Gasthaus am Kreuzweg gestrandet waren... seit dem Morgen nach ihrem Namenstag. Sie war so hoffnungsvoll gewesen, als sie ihm gesagt hatte, sie erwarte ein Kind und wirklich glücklich, dass er sich aufrichtig darüber zu freuen schien. Doch am nächsten Morgen war er in schweigsamer Stimmung gewesen und die ganze Zeit, während sie weiter geritten waren, tief in Gedanken versunken geblieben. Als sie am Mittag gerastet hatten, hatte er weder mit ihr, noch mit Yara oder Brenainn mehr als ein halbes Dutzend Worte gewechselt. Er hatte sie vom Pferd gehoben, seine Berührungen so sanft und sicher wie stets, doch dann hatte er sie einfach stehen lassen, wo er sie abgesetzt hatte und war wissen die Götter allein warum in den Wald verschwunden.

Als er zurückgekommen war, war ihre Reise unter dem gleichen dunklen Schatten weiter gegangen... und alle Tage seither, war es nur schlimmer geworden. Je weiter sie auf dem Kreuzweg vorangekommen waren, desto verschlossener und unnahbarer war Olyvar geworden, und umso unbehaglicher hatte sie sich begonnen zu fühlen. Ælla hatte sich den Kopf zerbrochen, was sie nur sagen könnte, um die wachsende Spannung zu zerstreuen, aber ihr war nichts in den Sinn gekommen. Sie hatte nicht anfangen können, über das Wetter zu sprechen, denn Olyvar kümmert sich nicht um solche Dinge, wenn sie nicht direkt mit ihrem Fortkommen zusammenhängen. Sie hatte sich ein wenig nach dem Kreuzweg, auf dem sie nun unterwegs waren, erkundigt, aber er hatte ihr nur in einsilbigen Sätzen geantwortet und war offensichtlich nicht daran interessiert gewesen, sich überhaupt mit ihr zu unterhalten... und ihn direkt nach dem zu fragen, was ihm nur so zu schaffen macht, hatte sie sich angesichts seiner harten grauen Augen und des stets nach innen gekehrten Blicks und in Hörweite Brenainns und Yara San'Chales schlicht nicht getraut. So waren ihre Tage gewesen, alle Tage seit ihrem Namenstag. Die Nächte waren anders... zwar nicht weniger von Schweigen erfüllt, aber in der Dunkelheit der Nacht hatte Olyvar einen Teil seiner Unnahbarkeit aufgegeben. Er hatte sich neben sie gelegt, und als Ælla scheu die Hand nach ihm ausgestreckt hatte, hatte er sie seufzend an sich gezogen, sie in seinen Armen geborgen, als wäre nichts gewesen und ihre kalten Füße gewärmt. Und jeden Morgen hatte er sich wieder in einen wortkargen Fremden verwandelt... in einen immer düsterer vor sich hin brütenden Fremden dazu, den Erbitterung und Schweigen bald wie eine Sturmwolke umgeben hatten. In jeder dieser Nächte hatten ihr die Fragen auf der Zunge gelegen – Um was machst du dir Gedanken? Warum sprichst du nicht mit mir? Hast du Sorgen? Liegt es an mir? An dem Kind? Habe ich etwas getan oder gesagt, dass dich gekränkt hat? – doch dort auf ihrer Zunge waren sie stets geblieben, dick und schwer, hatten ihr die Kehle zugeschnürt und sich geweigert, ausgesprochen zu werden. Und in jeder dieser Nächte hatte sie Trost und Zuversicht in seiner Nähe gefunden und sich gesagt, dass es ihr nichts ausmache, wenn er nie wieder auch nur ein Wort mit ihr sprechen würde, so lange sie das haben kann.

Doch natürlich hat sie sich etwas vorgemacht. Sein anhaltendes Schweigen verstört und schmerzt sie, und dass er nicht mehr mit ihr lacht fehlt ihr am meisten. Aber sie hatte sich bemüht, sich nichts anmerken lassen, hatte sich selbst ermahnt, geduldig zu sein und ihn nicht zu bedrängen. Hatte sie ihm nicht in ihrer Hochzeitsnacht versprochen, dass seine Geheimnisse ihm allein gehören würden? Und überhaupt, vielleicht misst sie dem Ganzen ja viel zu viel Bedeutung bei. War ihr Vater nicht auch von Zeit zu Zeit wortkarg und abweisend gewesen, wenn ihn irgendetwas umgetrieben hatte, von Sorgen über die Zahlen in den Büchern über verspätete Lieferungen bis hin zu Saatgut, das unbrauchbar geworden war? Und ihre Brüder? Hatten sie nicht wochenlang geschmollt wegen dieser oder jener Nichtigkeit? Und dennoch... da ist dieses ungute Gefühl in ihren Eingeweiden, das ihr sagt, dass Olyvars Schweigen mit ihr zu tun hat. Was hast du erwartet? Er war schon freundlicher zu ihr, als es viele andere Männer in seiner Lage gewesen wären. Oder vielleicht war es nicht Freundlichkeit, sondern... Pflicht? Natürlich. Er hat dich aus Mitleid und Pflichtgefühl geheiratet, warum sollte er jetzt auf einmal anders empfinden, nur weil du sein Kind unter dem Herzen trägst? Aus irgendeinem Grund hatte dieser Gedanke ihre eigene Stimmung völlig verdüstert. Ja, was hatte sie erwartet? Nichts. Ich habe gar nichts erwartet. Das ist wahr. Aber sie hatte begonnen, zu hoffen... Was bist du nur für eine dumme Gans! Du träumst immer noch wie ein kleines Mädchen, das nichts als närrische Backfischflausen im Kopf hat und einfach nicht begreifen will, dass das Leben kein Bardenlied ist! Vielleicht sollte sie endlich damit aufhören, sich selbst etwas vorzumachen... und damit aufhören, sich nach etwas zu sehnen, dass nicht ist und nie sein wird. Und was ist eigentlich mit ihr selbst? Ist sie keine Heuchlerin, wenn sie ihm sein Pflichtgefühl und sein Mitleid nun vorhält, obwohl sie ihn doch im Angesicht der Gefahr in erster Linie deshalb geheiratet hat, damit er sie beschützt? Ist ihre Zukunft gesichert, nur weil auf einem Ehevertrag ihre Unterschrift steht? Hängt nicht ihr Leben von einem Mann ab, der - neben seinem Wort - zumindest zum Teil durch das Verlangen nach ihrem Körper an sie gebunden ist? Der Unterschied ist, ich bin längst freiwillig hier. Ælla spürt einen dicken Kloß in ihrer Kehle. Und dann ist da noch die Tatsache, dass sie Talyra immer näher kommen. Bisher hat sie jeden Gedanken an all die vielen Verpflichtungen, die es in seinem Leben geben muss, vermieden, dabei muss sie es furchtbar durcheinander gebracht haben. Er ist nicht gefragt worden, ob er eine Ehefrau haben will und nun hat sie ihm nicht nur sich selbst, sondern auch noch ein Kind aufgebunden. Kein Wunder, dass...

"Ich weiß, dass du wach bist."

Ælla ist so in ihren trüben Gedanken gefangen, dass sie zu Tode erschrocken zusammenfährt, als er mit einem Mal etwas sagt. Natürlich hat er sie durchschaut. Er durchschaut sie immer, selbst wenn er ihr schrecklich durchschaubares Gesicht gar nicht sehen kann. Sie weiß nicht, was sie darauf erwidern soll, also bleibt sie stumm, und doch flammt Hoffnung in ihr auf, dass er hier ist, um endlich mit ihr zu sprechen. Doch noch im selben Augenblick und ebenso abrupt ist sie sich überhaupt nicht mehr sicher, ob sie hören will, was er ihr vielleicht zu sagen hat.

Olyvar

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42

Samstag, 6. Oktober 2018, 17:51

A Scarred Dog

11.Grünglanz 518, im Fürstentum Lyness in den talyrischen Landen

Damaged people love you like you are a crime scene
before a crime has even been comitted.
They keep their running shoes besides their souls every night,
one eye open in case things change whilst they sleep.
Their backs are always tense as though waiting
to fight a sudden storm that might engulf them.
Because damaged people have already seen hell. (Nikita Gill)


Als Olyvar über die leise unter seinen Stiefeln knarrenden Stufen nach oben steigt, wo die Gasträume der Eintracht liegen, erscheint ihm jeder Schritt so mühsam, als trüge er zentnerschwere Gewichte an den Beinen... doch irgendwann ist auch der längste Weg zum Galgenbaum zu ende und er steht vor der dunklen, mehr zur Zier als zum Schutz mit Eisen beschlagenen Tür zu ihrem Zimmer. Er hat in seinem Kriegerleben schon zahllosen Gegnern und furchtbaren Feinden gegenübergestanden, in Schlachten, Scharmützeln und Zweikämpfen, und er ist nie vor einem Kampf zurückgescheut. Doch wenn er an das Mädchen denkt, das hinter dieser Tür auf ihn wartet, spürt er sein Herz schmerzhaft schneller schlagen und seine Kehle fühlt sich so trocken an wie Staub. Einen letzten Moment noch zögert er und die Leere in seinem Inneren wächst ins Unerträgliche, dann fährt Olyvar sich resigniert mit der Hand übers Gesicht und lässt seine Schultern sinken. Wenn er hier das richtige tut, warum fühlt sich alles daran so verdammt falsch an?
Ælla liegt auf dem Bett und hat ihm den Rücken zugewandt, doch er weiß, dass sie nicht schläft, er weiß es in dem Moment, in dem er den Raum betritt. Beinahe ist er dankbar dafür, dass sie sich nicht umdreht, auch dann nicht, als er im Zimmer umhergeht, seine Stiefel abstreift, sich für eine Katzenwäsche über die Waschschüssel beugt und den Schwertgurt ablegt. Er kann an ihrem Atem und an ihrem leisen Schniefen hören, dass sie geweint hat, und ein Blick auf ihre tränennassen Augen und ihr zitterndes Kinn, und all seine Entschlossenheit würde zu Staub zerfallen. Er würde sie nur in die Arme nehmen, sie küssen und beruhigen und um Vergebung bitten wollen – und am Ende einmal mehr den Mund halten. Doch das würde weder sie, noch ihn selbst irgendwo hinbringen und nichts ändern, und er kann einfach nicht noch länger so tun, als wäre seine Prophezeiung nichts als das sinnlose Gebrabbel einer verrückten alten Scharlatanin. Der Wahrheit, der er sich stellen muss, kann er nicht entkommen – und Ælla auch nicht. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Er muss den Tatsachen ins Auge blicken – denn so sicher wie die Verdammnis der Neun Höllen starren ihm diese Tatsachen schon längst in schrittgroßen Lettern entgegen. Das ist das eine. Das andere ist...

Vor vielen Jahren hatte es in Arrassigué einen Hund im Lager gegeben; einen räudigen, verwilderten, namenlosen Hund, nur einer der vielen Aasfresser, die der Spur des Heeres auf seinem Zug in die Wüsten gefolgt waren. Es war wild und bösartig gewesen, größer als die meisten, und hatte eindeutig so hart gekämpft wie die Männer, denen er gefolgt war. Eines seiner Ohren war abgerissen, er hatte eine riesige Narbe an seiner Flanke und kahle Stellen in seinem verfilzten Fell. Das Biest hatte niemandem vertraut und war immer erst tief in der Nacht in die Nähe des Lagers gekommen, um in der Nähe der Feuerstellen nach Essensresten zu suchen. Olyvar war oft der einzige gewesen, der ihn gesehen hatte, wenn er keinen Schlaf gefunden und die Gesellschaft der anderen lieber gemieden hatte. Nach und nach, über zahllose Nächte hinweg, hatte der Hund angefangen, seine Anwesenheit zu tolerieren und nicht mehr schon vor seinem bloßen Schatten zurückzuweichen. Olyvar hatte ihn mit den Resten seines eigenen Essens gefüttert, manchmal hatte er aus den Trosszelten sogar ein paar Suppenknochen mitgehen lassen. Zuerst hatte er ihm jeden Brocken weit fort hingeworfen, weit außerhalb des Feuerscheins, dann in immer geringerer Entfernung... und in seinem Hunger hatte sich der Hund irgendwann näher herangewagt, Schritt für Schritt. Als er sich endlich von ihm hatte berühren lassen, fortwährend knurrend und ihn argwöhnisch beäugend, hatte Olyvar eine merkwürdige Verbindung zu der Kreatur gespürt, der das Leben so brutal mitgespielt hatte. Seit diesem Tag hatten sie sich so manche ruhelose Nacht Gesellschaft geleistet – immer misstrauisch, aber doch in seltsamer Eintracht. Dann hatte das Heer sein Ziel erreicht, er war einem anderen Zug zugeteilt worden und hatte den vernarbten Hund nie wieder gesehen. Hatte er jemals zwischen den Lagerfeuern nach ihm gesucht? Damals war er jung und allem Krieg zum Trotz voll unerschütterlicher Zuversicht in sein Leben gewesen. Damals hat er noch nicht gewusst, dass man zeitlebens für das verantwortlich ist, das man sich einmal vertraut gemacht hat. Damals hat er noch nicht gewusst, dass es ein ganz leises Geräusch ist, wenn die Götter lachen. Und nun, mehr als zwanzig Jahresläufe später, fühlt er sich ganz genauso wie dieser Hund. Er will sich auf Ælla nicht einlassen, nicht wirklich, nicht noch mehr. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, sich nie wieder auf diese Weise auf eine Frau einzulassen. 'Wahrscheinlich war es zu Anfang überhaupt nicht deine Absicht. Vielleicht konntest du dich nur genauso wenig dagegen wehren wie ich. habe eine Weile gebraucht, bis ich es begriffen habe, und noch länger, bis ich es glauben konnte, aber jetzt weiß ich es. Du bist wirklich mein Ehemann und ich glaube du willst es auch sein. Nicht wahr?' Das waren ihre Worte, und sie hat keine Ahnung, wie Recht und wie Unrecht zugleich sie damit hat. Er will ihr nicht noch näher kommen. Aber sein Hunger... sein Hunger zwingt ihn trotzdem dazu. Das ist das eine. Und das andere, dass seine Prophezeiung ihm genau das verbietet.

"Ich weiß, dass du wach bist."

Sie erwidert nichts, aber er hat auch keine Antwort von ihr erwartet... nicht nachdem sie tagelang wie auf Zehenspitzen um ihn herumgeschlichen war, um seine Stimmungen zu ergründen und er nichts als beharrliches Schweigen für sie gehabt hatte. Ihm ist bewusst, dass er in der letzten Zeit eine Menge Dinge getan hat, die keinen Sinn ergeben, genaugenommen schon seit er sie in sein Leben gelassen hat... doch er hat sie sich nun einmal vertraut gemacht und jetzt ist er für sie verantwortlich. "Northoren, ich muss dir etwas sagen. Wirst du mich anhören?" Sie antwortet immer noch nicht, doch nach einem Moment, der eigentlich nur wenige Herzschläge währt und ihm doch wie eine halbe Ewigkeit erscheint, läuft ein sachtes Zucken durch ihre Schulterblätter. Olyvar hat immer noch nicht den blassesten Schimmer, wo er nur beginnen soll, und die Atmosphäre im Raum ist ohnehin schon mehr als gedämpft und schwer von all den unausgesprochener Dingen, also sagt er das erste, das ihm in den Sinn kommt: "Ich habe eigentlich keine bestimmte Lieblingsfarbe... aber ich mag das Licht und die Farben des Spätsommers, wenn das Grün der Wälder gedämpfter wird und sich der erste Anflug von Bronze in das Laub der Bäume schleicht. Wenn die Gräser fahl und golden werden, und auf den abgeernteten Feldern hier und da die dunkle Erde zu sehen ist. Eines meiner liebsten Gerichte ist... oder war... Mullagatawnasuppe... " In seinen Gedanken und in seinem Herzen sitzt er noch einmal mit Rayyans Großmutter in deren ärmlicher Küche vor dem rußgeschwärzten Lehmofen, barfuß auf den abgewetzten Teppichen, und sieht die Tränen, die in den schwarzen Augen der alten Frau geglitzert hatten, während ihre gichtgekrümmten Finger das gekochte Hähnchenfleisch in mundgerechte Stücke gezupft hatten, unablässig, immer in Bewegung... er hat nie gesehen, dass ihre Hände jemals stillgestanden und ihre Finger müßig gewesen wären, nicht einmal in ihrer Trauer um den toten Enkelsohn. Das einzige, das ihm noch besser geschmeckt hatte, waren die Moorhühner, die Ælla vor einem Siebentag in einen dicken Lehmmantel gepackt und über Nacht in der Glut des heruntergebrannten Feuers gegart hatte. Doch das kann er ihr nicht sagen, nicht jetzt, es klänge wie eine Schmeichelei um sie milde zu stimmen. "Ich trinke meinen Cofea immer schwarz. Es gibt einige Dinge, die mich nachts nicht schlafen lassen... " er fährt sich mit der Hand durchs Haar und lächelt sacht, "profane Dinge wie die Tatsache, dass ich der Vater einer fast vierzehnjährigen Tochter bin oder mir Sorgen mache, dass Njáll noch einmal versuchen könnte, den Branturm hinaufzuklettern, ganz gleich wie sehr ich ihm seinen Allerwertesten für den ersten Versuch versohlt habe. Manchmal träume ich vom Krieg und den Schlachten in denen ich war... von grünem Feuer und den Totenlichtern, und manchmal von einem einsamen Felsengrab in der Sahil Sahyun, vor dem nur eine Wüstenrose wächst. Aber zur Zeit... zur Zeit ist es nur das, was ich dir sagen muss und ich weiß immer noch nicht wie." Auch auf diese Offenbarung hin bleibt sie ganz still liegen, wendet sich nicht zu ihm um und erwidert kein Wort. Schön... er hat wohl auch kein Entgegenkommen verdient. Versuchen muss er es dennoch. "An Wiegenlieder kann ich mich nicht erinnern, aber ich nehme an, es sind dieselben, die meine Ziehmutter, meinen eigenen Kindern und ihren anderen Enkeln vorgesungen hat und noch immer singt, also werden es wohl 'Llaerons Brücke' oder der 'Henkersbaum' gewesen sein. Vielleicht auch die 'Tempelglocken von Brioca'... Morna hat einen Hang zu blutrünstigen Kinderreimen. Ich liebe meine Kinder, meine Waffenbrüder, meine Zieheltern, meine Freunde... einen guten Kampf, eine lange und erfolgreiche Jagd im Larisgrün, einen faulen Shentag im Sommer an dem kleinen Bach, an dem die Forellen so gut beißen, die Kameradschaft unter Kriegern, die Loyalität meiner Männer, meine Pferde, meine alte Jagdhündin und die halb blinde Tattergreisin von einer Katze, die sich immer noch für eine Shenrahlöwin hält..." hier glaubt er, Ællas Schultern ganz sacht beben zu sehen, als unterdrücke sie ein Lachen, schwach und hohl vielleicht, doch immerhin ein Lachen... aber sicher ist er sich nicht.

"Ich arbeite gern mit Holz. Hin und wieder, wenn ich die Zeit finde, tischlere ich etwas oder schnitze... ich erschaffe gern Dinge mit meinen Händen." Olyvar tritt an den Kamin und hat das Gefühl, noch nie so viel Belanglosigkeiten über sich selbst erzählt zu haben... nur dass es keine Belanglosigkeiten sind, nicht für sie und nicht für ihn. Er hat sein ganzes Leben unter Soldaten verbracht, die ihn immer gekannt haben und war nie jemand, der viel von sich erzählt hätte. Es war auch nie notwendig. Neben der ummauerten Feuerstelle liegt ein kleiner Stapel Brennholz bereit und ein Korb mit Kienspänen, und er beginnt, ein Feuer zu schüren. Auch wenn die Tage selbst für den Grünglanz der talyrischen Lande ungewöhnlich warm sein mögen, die Nächte können noch empfindlich kühl werden, dennoch tut er es mehr, um seine Hände irgendwie beschäftigt zu halten. Es ist ihm immer leichter gefallen zu reden, wenn er dabei etwas zu tun hat. "Was mich traurig macht..." er schichtet zwei Handvoll Kienspäne zu einem lockeren Haufen und umstellt sie mit Birkenholzscheiten. "Götter... ich weiß nicht... ebenso viele Dinge, wie mich glücklich machen, schätze ich. "Freunde zu verlieren... jemanden zu verlieren, der mich wichtig ist. Verlust erfüllt uns doch alle mit Trauer. Aber auch das Kämpfen, denn manchmal... manchmal ist es schwer zu töten, dann ist es das Schrecklichste, das es gibt. Ich liebe meine Zieheltern, Rhordri und Morna, doch dass mein Vater mich fort gegeben und sich nicht selbst um mich gekümmert hat, hat mich immer mit einer unbestimmten Trauer erfüllt." Ein paar Schläge mit Feuerstein und Schlageisen, und gleich darauf lecken kleine Flammenzungen empor. "Und dass ich meine Mutter nie kennenlernen durfte, auch." Erst als das Feuer kräftiger in Gang gekommen ist und er mehr Holz nachgelegt hat, steht er auf und dreht sich wieder zu ihr um, unsicher, was ihn vielleicht erwarten mag. Doch nun sitzt Ælla aufrecht auf dem Bett, die Knie angezogen und die Arme um die Beine geschlungen, die Füße bloß unter ihrem einfachen Nachtgewand aus feinem Linnen. Sie hat geweint, er kann die Spuren davon noch schwach in ihrem Gesicht erkennen, doch jetzt ihre Augen trocken und ruhen unverwandt auf ihm. Sie sind so sanft und grün wie immer, dennoch durchbohrt ihn ihr Blick bis er sich fühlt wie ein Fisch am Spieß - machtlos und hilflos zappelnd. Er kann nicht sagen, wann sie die Rollen getauscht haben und er vom Beobachter zum Beobachteten geworden war, doch vielleicht spielt das überhaupt keine Rolle. Irgendwie war es schwerer und leichter zugleich mit ihrem Rücken zu reden. Aber er hatte auf ein wenig Entgegenkommen gehofft und hier ist es. "Was mich glücklich macht..." Olyvar zuckt vage mit den Schultern. "Abgesehen von meinen Kindern sind es oft ganz einfache Dinge, nichts besonderes. Wenn ich mit meinen Söhnen zum Fischen gehen kann... oder einem Freund beim Hausbau zu helfen. Ein Ritt ins Larisgrün an einem sonnigen Tag. Wenn der erste Schnee des Winters fällt, wenn die Flocken weich und schwer vom Himmel tanzen und ihr Weiß die ganze Welt verwandelt..." er erinnert sich, dass er nach der Schlacht von Liam Cailidh Schnee hatte fallen sehen. Seine weiche, weiße Sanftheit hatte sich wie ein Leichentuch auf die rote Welt herabgesenkt, hatte Ströme von Blut, verbrannte und zerfurchte Erde und die verstümmelten Leichen der Gefallenen gleichermaßen in eine stille, friedvolle weiße Landschaft verwandelt. "Ein Besuch in den Tausendwinkelgassen zur Mittwinterzeit, wenn die Feen alle betrunken sind und den größten Unfug anstellen, den du dir vorstellen kannst." Einen Moment hält er inne, und als er dann weiterspricht, beobachtet er aufmerksam Ællas Gesicht. "Aber ebenso ein Kampf, ganz gleich wie brutal oder blutig er vielleicht auch sein mag, denn manchmal... manchmal ist es leicht zu töten, und dann ist es das Süßeste, das es gibt." Bis auf eines. Ihre Zehen krümmen sich ganz leicht in den weichen Pelzen, doch sie verzieht keine Miene bei diesen Worten, und Olyvar atmet erleichtert auf – dass er den Atem angehalten haben muss, war ihm selbst überhaupt nicht bewusst. Um sich zu sammeln, stochert er noch einmal mit dem Schürhaken im Feuer und die Flammen lassen Schatten über sein Gesicht wirbeln und tanzen, dann wendet er sich endgültig vom Kamin ab und weiß plötzlich nichts mehr mit sich anzufangen. "Meine Narben..." er kann sehen, wie ihre Augen sich eine Winzigkeit weiten, als er beginnt, seine restlichen Kleider abzulegen. Olyvar hat keine Ahnung, ob er wirklich in ihrem Bett willkommen wäre, aber er weiß, dass sie ihn auch nicht abweisen wird. Schweigen und Verschlossenheit hin oder her, sie hatte trotzdem jede Nacht seine Nähe gesucht und er hatte sie ihr jede Nacht gegeben – es war, als könne er im Schutz der Dunkelheit ein anderer sein und das Unausweichliche in den Schatten verschwinden lassen. Diesmal wird es nicht so sein, nicht im Licht des hell brennenden Kaminfeuers und der Stundenkerze, die auf der Truhe neben dem Bett brennt – doch genau das war ja seine Absicht.

"Diese hier stammt von den Krallen eines Höllenhundes," fährt er fort und legt sacht den Finger an die schmale Narbe, die seine linke Braue durchschneidet und sich dann vom äußeren Augenwinkel in entgegengesetzter Richtung ein kurzes Stück über seine Wange zieht, eine Geste, die ihn blitzartig an jenes Bad im trüben Wasser des Stufenbrunnens von Talebkhan erinnert, als Yara San'Chale ihren schlanken Finger an ihr gezeichnetes Auge gelegt und erklärt hatte: 'Raghodan'. Als er auf das Bett zugeht, Schritt für Schritt, dreht er den rechten Arm ein wenig, so dass die vier weiß schimmernden Narben, die so parallel wie gezeichnete Striche durch seine Haut verlaufen, auf der Innenseite zu sehen sind. "Die hier auch, derselbe Höllenhund." Dann nimmt er den Kopf zur Seite und hebt das Kinn an, so dass sich die zerfransten Ränder der unregelmäßigen Brandnarben auf seinem Schlüsselbein und der rechten Schulter blass und verletzlich auf seiner sonst viel dunkleren Haut abheben. Noch ein Schritt. "Die hier stammen von einem Verfemten der Asche, ich weiß nicht genau, welchem." Ein Schritt mehr. "Diese hier," erklärt er, während er mehrere unauffällige Narben abarbeitet, die sich wie ein seltsames Webmuster seinen rechten Oberarm hinabziehen, alle alt und kaum noch zu sehen, "sind alles Andenken an die Schlacht von Tadjnint, glaube ich, und stammen von Takuba- oder Krummdolchschneiden. Aber ich kann es nicht beschwören, denn von diesem Kampf weiß ich kaum noch etwas. Das hier" – eine tiefere Kerbe unterhalb seiner Rippen, doch genauso verblasst – "war ein Moq'tarspeer nach der Schlacht von Bi'r as-Saba, auch in den Räuberkriegen." Ein letzter Schritt und er hat den Rand des Bettes mit seinen vier geschnitzten Pfosten und den schweren Vorhängen beinahe erreicht. Dann dreht er sich um, so dass sie die Narben auf seinem Rücken sehen kann. Ælla kennt sie gut; in ihrer Hochzeitsnacht hatte sie sie gezählt und auch seither hatte sie, nachdem er ihr versichert hatte, es mache ihm nichts aus, mehr als einmal scheu und fragend ihre Finger darauf gelegt. Doch er hatte ihr nie geantwortet, zumindest nicht mit Worten. "Sie stammen von der Peitsche eines Sklavenaufsehers in Tinerhir und waren eigentlich für einen anderen bestimmt." Er dreht den Kopf und sieht sie über seine Schulter hinweg an. Ællas Blick hängt noch einen Moment an den dreißig sich kreuzenden Striemen, dann rückt sie wortlos ein Stück zur Seite, um ihm Platz zu machen - obwohl sie das überhaupt nicht müsste, denn das verdammte Bett ist so breit wie der Ildorel - und klopft sacht mit der flachen Hand neben sich. Olyvar kriecht erleichtert zu ihr zwischen die Pelze, lehnt sich mit dem Rücken in den am Betthaupt aufgestapelten Kissenberg und streckt die Beine aus. Er hat sich so dicht neben sie gesetzt, dass er die Wärme ihres Körpers durch den dünnen Stoff ihres losen Hemdes spüren kann, doch er berührt sie nicht. Zu seiner allergrößten Überraschung rutscht seine Frau jedoch, kaum dass er eine bequeme Lage gefunden hat, noch ein wenig näher und schiebt wortlos ihre kalten Füße unter seine Beine, und schon diese kleine, vertrauliche Geste lässt ihn stocken und lächeln zugleich. Das ist mehr als nur ein wenig Entgegenkommen. Ihre Augen nehmen seine verwirrte Miene wahr, und Olyvar könnte schwören, dass ein Hauch von Belustigung in ihren grünen Tiefen aufschimmert... und er hat sie lange nicht mehr belustigt gesehen. "Du hast meine Frage noch gar nicht beantwortet, Northoren. Wirst du mich anhören?"
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

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Sonntag, 7. Oktober 2018, 18:56

Well, ain't that a kick in the head

11. Grünglanz 518, im Fürstentum Lyness in den talyrischen Landen

It's sad to know how I am glad,
of where I am, from where I stood.

When I gave you all I had,
and you gave me all you would.

But you still make me feel as though,
I ask for more than what I should. (Lang Leav)

Love doesn't lie, people do. Love doesn't leave, people do. Love won't hurt you, people will. (Unknown)


"Tue ich das denn nicht schon die ganze Zeit?" Fragt sie zurück und Olyvar lächelt. Es ist sein schiefes, halbes Lächeln wie immer, kaum mehr als ein Vertiefen seiner Mundwinkel, doch nichtsdestotrotz ein Lächeln, und ihr Herz macht einen kleinen, verlorenen Satz in ihrer Brust. Obwohl ihm seine Worte bisher leicht über die Lippen gekommen waren und sich scheinbar völlig mühelos aneinander gereiht hatten, kann Ælla doch sehen, wie schwer es ihm fällt, auch nur das von sich preiszugeben. Wie umständlich und ganz im Gegensatz zu seiner sonst so direkten Art er sich vortastet, beinahe wie ein Mann, der sich einem Kessel Azurianischen Feuers nähert, während er dabei eine tropfende Pechfackel in der Hand hält, stets bereit, auf dem Absatz umzudrehen und das Weite zu suchen. Als er ans Bett getreten war und über ihr aufgeragt hatte wie er immer über ihr aufragt, als er nahe genug gewesen war, dass sie den Kopf weit in den Nacken hatte legen müssen, um ihm ins Gesicht sehen zu können, hatte sie in seinen Augen einen Blick auf die Schatten des Kampfes in seinem Inneren erhascht, den er selbst jetzt noch mit sich ausficht. Ælla weiß nicht, warum, welche verborgene Wahrheit nur so schrecklich sein könnte, dass sie ihm derart zu schaffen macht, aber sie weiß, dass sie wirklich hören muss, was er ihr zu sagen hat, ganz gleich, wie sehr sie sich inzwischen davor fürchtet. Vom plötzlichen Bedürfnis getrieben, ihm näher zu sein, so nahe wie irgend möglich, windet sie sich ganz an seine Seite, bettet ihren Kopf an seine Schulter und schlingt ihre Arme um ihn, als könne sie ihn mit ihrem lächerlichen Gewicht irgendwie fest halten, ihn bei sich behalten und ihn beschützen... und nach einem Moment des Zögerns schließt sich sein Arm um sie und sie spürt seine Hand in ihrem Nacken. Mit einem erleichterten Seufzen schließt sie die Augen. Das ist so viel besser.
"Ælla. Mein Name ist Ælla, weißt du?"
Eine Weile verharrt er vollkommen reglos, selbst seine Finger, die unter ihrem schweren Zopf in ihrem Haar spielen, hören auf sich zu bewegen.
"Ich kenne deinen Namen."
"Er lautet nicht 'Northoren' oder 'Mädchen' oder 'Frau'. Versuch es. Sag 'Ælla'."
Er nennt sie auch bei ihrem Namen, natürlich, er hat es sogar schon viele Male getan. Wenn er unterwegs ihre Aufmerksamkeit erreichen will, oder wenn sie am Lagerfeuer über alltägliche Dinge diskutieren – aber niemals wenn sie beieinander liegen; 'Northoren' ist ihr mittlerweile selbst so ans Herz gewachsen, dass sie manchmal sogar schon in dieser Form an sich denkt, gerade jetzt gibt es ihr jedoch mehr das Gefühl, ihm immer noch nicht auf Augenhöhe zu begegnen - als wäre sie nichts weiter als ein hübsches, aber vollkommen nutzloses Anhängsel. Und plötzlich wünscht sie sich, er würde sie bei ihrem richtigen Namen nennen. Nur ihre Familie und die Freunde ihrer Kindheit hatten ihn freimütig benutzt, abgesehen von Asger von Rekenhæl, doch selbst diese bittere Erinnerung kann der Vertrautheit, die dem Echo seines Klangs anhaftet, nichts anhaben. Olyvar bleibt lange still, doch schließlich kann sie seine Antwort ebenso spüren, wie hören; die Bewegung seines Mundes, die Wärme seines Atems in ihrem Haar, als er flüstert: "Ælla." Sie schließt ihre Augen und genießt den Klang, die Berührung, die Nähe... alles. Doch so sehr sie sich wünscht, den Moment festhalten zu können, er geht vorüber wie alle Augenblicke vorübergehen, und dann macht auch sie sich bereit, sich dem Unausweichlichen zu stellen.

"Wo ist Tinerhir?" Ihre Zunge stolpert ein wenig über den ungewohnten Namen.
"Im Djebel Araq in Azurien."
"Waren dort diese Räuberkriege, in denen du warst?"
"Ja."
"Wie alt warst du damals?"
"Nur ein grüner Junge. Ich kam nach Arrassigué im Tal von Marmande als ich dreizehn war und kehrte im Sommer vor meinem neunzehnten Namenstag nach Talyra zurück."
Olyvars Antworten mögen einsilbig sein, seine Stimme rau und dunkel, doch sie sind auch wie das erste, schwache Zucken eines Fisches an der Angel, sacht, doch unverkennbar: in den stillen, dunklen Wassern seines tiefsten Wesen ist etwas in Bewegung geraten und macht sich auf den langen Weg an die Oberfläche. Sie weiß aus eigener bitterer Erfahrung, dass es manchmal leichter ist, wenn man gefragt wird, also stellt sie weiter Fragen, die ersten, die ihr in den Sinn kommen:
"Du hast gesagt, die 'Peitsche eines Sklavenaufsehers'. Warst du ein Sklave?"
"Für eine Weile."
"Für wen waren sie eigentlich bestimmt?"
"Für einen Jungen, der sich 'Alsaqr al'ahmar' nannte und sich später als der Schah von Mar'Varis herausgestellt hat."
Der Schah von Mar'Varis ist selbst einer hinterwäldlerischen, rhaínländischen Händlertochter ein Begriff, doch das ist in diesem Moment überhaupt nicht von Belang, es hätte ebenso gut ein namenloser Bettlerjunge sein können. "Du hast seine Strafe auf dich genommen." Das ist eine Feststellung, keine Frage, und Olyvar nickt sacht, eine Bewegung, die sie nicht sehen, aber spüren kann, weil er sein Kinn leicht auf ihren Scheitel gestützt hat. "Ohne zu wissen, wer er ist." Auch das ist eine Feststellung. "Warum?"
"Ich tat es mehr für mich selbst, als für ihn. Um mir zu beweisen, dass mir das Schicksal eines anderen noch nicht vollkommen gleichgültig war, und er war ja noch ein Kind. Dreißig Peitschenhiebe, dachte ich mir, kann ich schon aushalten. Ich kam mir furchtbar erwachsen vor." Ihr Herz zieht sich schmerzhaft zusammen und fliegt ihm noch mehr zu, falls das überhaupt möglich ist.

"Wie alt bist du gewesen?"
"Noch nicht ganz Siebzehn."
Himmelhöllen! Eine Weile schweigen sie beide, doch dann legt Ælla ihre Hand auf seine Brust, direkt über sein Herz und bittet leise: "Erzähl es mir, Olyvar."
So kommt es, dass sie seine Geschichte schließlich erfährt... seine ganze Geschichte und danach noch viel mehr, auch die Geschichten anderer, die dennoch ebenso zu ihm gehören, weil sie mit der seinen untrennbar verbunden und verknüpft sind. Zunächst kommen Olyvars Worte noch zögerlich, beinahe wie aus weiter Ferne, doch bald wird seine Stimme sicherer, und als er einmal angefangen hat, zu erzählen, ist es bald, als könne er nicht mehr aufhören damit; als wäre jedes Wort ein loser Stein in der Mauer eines gewaltigen Staudamms, und es auszusprechen ein weiterer Riss, durch den das Wasser strömt, bis der ganze löchrige Wall in sich zusammenbricht. Wie ein Fluss ist auch seine eigene Geschichte – über weite Strecken wild und reißend wie eine Sturzflut, voller brodelnder Wasserwirbel, gefährlicher Stromschnellen und gischtsprühender Fälle ins schier Bodenlose, dann wieder stetig und gleichmütig wie ein gemächlicher Strom oder undurchschaubar, tief und dunkel, durchzogen von machtvollen, obskuren Strömungen... und nur an so wenigen, wenigen kostbaren Stellen klar und süß und sanft dahinfließend, dass es ihr das Herz bricht. Wovon sie noch nicht gehört hat, als er schließlich mit jenem Tag endet, an dem er ihr auf den Stufen des Amitaritempels von Suthaward zum ersten Mal begegnet war, ist von dem Zelt aus Häuten im Heerlager von Arrassigué und den Weissagungen einer uralten, blinden Seherin, die nach Blut und Knochen gerochen hatte. Tränen rinnen über ihr Gesicht, warm und still wie Sommerregen. Olyvar murmelt in ihr Haar, sie solle nicht um ihn weinen, er schäme sich, wenn sie um ihn weine und sie flüstert zurück, sie könne nicht anders, sie könne nicht - und ihr geht der Gedanke durch den Kopf, dass er genau wie dieser verwilderte, gereizte Hund ist, von dem er ihr erzählt hat... so voller Argwohn, dass er nach jeder Hand beißt, die ihm Gutes will und dennoch jeden anfällt, der den Seinen zu nahe kommt. Und das traurigste Geräusch im Widerhall all der Worte, die er so ruhig und beherrscht ausspricht, kommt von den kleinen Glöckchen einer abgewetzten, blauen Narrenkappe im blutigen Staub.

Seine Sieben... oder vielmehr noch vier... was werden sie wohl von ihr halten, wenn sie sie kennenlernen? Und Colevar Lorcain... Götter, der Graue Schnitter und seine Wolkenprinzessin höchstpersönlich, und sie hatte ja keinen blassen Schimmer davon!... doch bei allem Staunen und Schrecken, allem Wundern und Sehnen, Mitfühlen und Rätseln bleibt ihr überhaupt keine Zeit, das Gehörte zu verdauen oder auch nur für einen Moment sinken zu lassen, denn Olyvar erzählt weiter. Jetzt spricht er mit einer Stimme, die sich ganz seltsam anhört von der Seherin im Heerlager von Arrassigué, von den "Sieben Leben" Calaits und Colevars, von Rayyan Leyals Reichtum und Karmesins langem Leben, von den "Neun Kelchen" und dem "Letzten Sohn Amaras", von Borgil und Azra Blutaxt und einem Finsteren auf dem Knochenacker von Brioca, und schließlich auch noch von einem uralten Elbenfluch und der Vernichtung eines Dämonenfürsten durch drei Priesterinnen... und Ælla wird immer unheimlicher zumute. Es muss Mitternacht sein, als sich irgendwann schließlich das ganze ungeheuerliche Webmuster eines in sich verschlungenen Netzes ganz und gar ungeheuerlicher Geschichten vor ihr ausbreitet. Prophezeiungen, die wahr werden, Weissagungen die möglicherweise etwas bedeuten und möglicherweise nicht, eine Liebe, die tausend Jahre überdauert, bis sie sich endlich erfüllt und eine andere, die selbst den Tod überwindet; eine die bittersüß und voller Trauer endete, bevor sie überhaupt begann und doch ein Leben in die Welt gebracht hat, und noch eine, die auf geradezu drollige Art vollkommen unmöglich an sich erscheint und dennoch so beständig währt, wie Stein und Fels - und ungeheuer fruchtbar dazu ist. Und eingewoben, geradezu verstrickt in all diese Geschichten ein Götterkind, ein hilfreicher Dämon, eine narbengezeichnete Schamanin, sieben blutverschworene Waffenbrüder, geheimnisvolle Schlüsselsteine, mysteriöse Bücher, Verrat, Tod, Verlust, haarsträubende Abenteuer und zahllose Gefahren. Und er. Olyvar. Ihr Ehemann - und damit auch sie selbst? Und plötzlich weiß sie, warum er ihr alles so ausführlich erzählt hat, warum er ihr die Geschichten all der anderen auch offenbart hat. Damit ich die ganze Tragweite begreife. Damit ich weiß, was es heißt, wenn... Wenn sie das zu hören bekommt, was er ihr eigentlich sagen muss. Eine eiskalte Hand greift nach ihrem Herzen und drückt es unbarmherzig zusammen und Ælla setzt sich kerzengerade auf, die Kehle zugeschnürt vor plötzlicher Angst und die Augen so weit aufgerissen, dass rings um die Iris das Weiße zu sehen ist. "Die Seherin. In Arrassigué," flüstert sie und ihre Stimme hört sich ganz kleinlaut an. "Ihr wart alle drei dort. Karmesin, Rayyan und du. Was hat sie dir prophezeit?"

Im Raum ist es so unnatürlich still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können, selbst das schwache Wispern der Stundenkerze und das Knacken des halb heruntergebrannten Feuers im Kamin scheinen verstummt. Dann hört sie Olyvar Atemholen und es klingt so rau, als zerreiße schweres Segeltuch, doch als er schließlich spricht, ist seine Stimme so leise, dass sie Mühe hat, ihn zu verstehen: "Die schwarzen Winde sammeln sich bald… hüte dich vor ihrem peitschenden Atem. Sieben führtest du durch die rote Wüste, siebenmal hat dein Blut sie gerettet, siebenmal wurde es wahr. Doch nicht die Sieben musst du achten, denn die Acht ist deine Zahl. Sieben Seelen hast du Sithech gestohlen, sieben Brüder hast du gewonnen auf dem bitteren Pfad der Asche, doch nicht Sieben musst du achten, denn die Acht ist deine Zahl. Nicht eins, nicht zwei, nicht drei und vier, auch fünf und sechs sind nicht genug, denn du schuldest sieben Leben dem vermummten Schnitter Tod. Jede Magie hat ihren Preis und dies ist der deine: wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach. Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen. Wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren und wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben. Der Schwarze Schnitter wird sich holen, was sein ist, er holt es immer, immer, vergisst nimmer. Wenn die Dunkelheit dich verschlingt und die Einsamkeit dich umgibt, lass Mitleid und Pflicht deine Führer sein, sie weisen dir den einzigen Pfad zur Erlösung."
Ælla spürt, wie ihr das Blut aus dem Gesicht weicht, sie kann förmlich fühlen, wie ihre Lippen taub und ihre Hände eiskalt werden, wie ihr Herz langsam, schwer und schmerzhaft gegen ihre Rippen hämmert und sich jede Quadratsekhelrin ihres Körpers mit Gänsehaut überzieht. Magie? Preis? Sieben Seelen und drei schon tot... er wird alle seine Freunde, seine Brüder, verlieren? Und nie lieben? Nie lieben?
"Himmel...Himmel...höllen!" Sie weiß nicht, wie lange sie so wie betäubt neben ihm sitzt, doch plötzlich hält sie es keinen Herzschlag länger aus, sich nicht zu bewegen. Sie arbeitet sich hektisch aus den Pelzen, rutscht vom Bett und schlingt die Arme um sich, während sie sich fassungslos und blind vor... ja was?... durch den Raum bewegt, ziellos erst, dann in so weiten Kreisen wie es die Dachkammer nur erlaubt.
"Ælla …"
"Lass mich nachdenken, Olyvar. Ich muss nachdenken. Nur einen Moment. Lass mich... lass mich einfach... einen Moment denken..."
Sie denkt und denkt, sie zerbricht sich den Kopf, während an der Stundenkerze der nächste Wachsring herunterbrennt und sie ruhelos ihre Kreise zieht, die Arme immer noch um ihre eigene Mitte geschlungen, weil sie das Gefühl hat, sonst entzweibrechen zu müssen, doch nichts will mehr einen Sinn ergeben, nichts. "Wie lange hast du nicht an diese Prophezeiung geglaubt?"
"Fünfzehn, sechzehn Jahre."
"Aber jetzt tust du es?"
"Ja. Ich habe keine andere Wahl mehr, nicht nach allem, was mit Calait und Colevar, Karamaneh und Kalam und mit mir selbst geschehen ist. Ich war dabei, als sich die 'Neun Kelche' erfüllt haben. Man kann das nicht miterleben und nicht daran glauben. Und mein eigenes verdammtes Leben kam ganz genau so, wie es mir geweissagt wurde."

"Alle deine Sieben werden sterben, nicht wahr?"
"Ja. Sie werden sterben und vielleicht... vielleicht schon bald. Drei sind schon tot." Die Qual, die sich dabei auf seinem sonst stets so beherrschten Gesicht zeigt, bricht ihr Herz gleich noch einmal. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen, hätte ihn in die Arme genommen und ihm gesagt, dass alles wieder gut werden würde. Aber sie kann nicht, denn es wäre eine Lüge.
"Götter... willst du... ich meine, hast du vor, es ihnen zu sagen?"
"Götter im Himmel, nein!"
Ælla nimmt ihr Umherwandern wieder auf, zu ruhelos, zu aufgewühlt und viel zu durcheinander, um auch nur einen Herzschlag lang still zu stehen. Das Gefühl, aus der Haut fahren zu müssen wird so übermächtig, dass sie am liebsten geschrien hätte und ihre Kehle schmerzt und schmerzt vor Verlangen danach. Sie muss sich sehr anstrengen, nicht zu weinen. In letzter Zeit hat sie viel zu oft geweint. Doch es ist ein sinnloses Unterfangen, denn sie kann sich nicht beherrschen; die Tränen kommen einfach ungebeten und keine Macht der Welt kann sie zurückhalten. Wenigstens rinnen sie lautlos über ihr Gesicht.
"Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir... gebrochen. Wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren... und wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben... was heißt das? Was heißt das? Du wirst mich nie lieben? Niemals?" Dann geht ihr auf, was sie da gerade sagt, und sie verflucht sich selbst und ihr ewig loses Mundwerk. Verräterische Röte kriecht aus dem Saum ihres Nachtgewandes über ihren Hals und ihre Wangen, bis ihr ganzes Gesicht glüht, und Ælla starrt unendlich beschämt zu Boden. Großartig! Wirf dich ihm auch noch an den Hals, hast du denn gar keinen Stolz, Northoren? Sie dachte, sie hätte welchen, aber in Wahrheit ist sie so waidwund und verwirrt, und so mitgenommen von all dem Gehörten, dass ihr für den Moment jeder Stolz herzlich egal ist. "Ich meine, wenn es irgendwann und irgendwie dazu käme... ich meine... Olyvar, du hast mich doch aus Mitleid und Pflichtgefühl geheiratet. Das weiß ich genau. Heißt das denn nicht, dass du jetzt erlöst bist?"
Sie kann die Antwort in seinen harten, grauen Augen sehen, lange bevor er den Mund öffnet, um etwas zu erwidern, und das Wissen trifft sie wie ein Schlag in den Magen... und dann hört sie die Götter lachen. Es ist ein ganz, ganz leises Geräusch. Und ein böses.

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Olyvar

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44

Freitag, 12. Oktober 2018, 10:38

Hearts aren't always red...

11. Grünglanz 518, in Lyness in den talyrischen Landen

It seems to me, that love could be labeled poison and we'd drink it anyways. (Atticus)

Every single thought inside my head
Telling me that this old heart is dead
But I ain't got no brains in my heart
I got you, in my veins, in my blood
I got you, making me insane and boil my blood
Like there ain't no other love
Hearts aren't always red
They're black and blue (The White Buffalo)


Ælla erstarrt, als sie den Ausdruck in seinen Augen erkennt, nur ihr Blick flattert weiter umher, als suche sie einen Ausweg. Olyvar weiß es besser – es gibt keinen. Ihm war der Gedanke, dass dieses verlorene, rhaínländische Mädchen am Ende irgendwie die Erlösung sein könnte, von der in seiner Prophezeiung die Rede ist, in ihrer Hochzeitsnacht schon gekommen, als sie die Worte 'Mitleid' und 'Pflicht' zum ersten Mal in den Mund genommen hatte. Bittersüße Hoffnung war in ihm aufgeflammt, und für ein paar Herzschläge lang hatte sie auch hell und brennend in ihm gelodert – und dann hatte er sie im Keim erstickt, denn es waren Brenainns Mitgefühl und Pflichtbewusstsein gewesen, die ihn zu Ælla gebracht hatten, nicht seine eigenen. Durch leidvolle Erfahrungen bitter und misstrauisch geworden, ist Olyvar allzeit bereit, immer vom Schlechtesten auszugehen und viel eher an dunkle Wendungen des Schicksals und an Unheil zu glauben, als an Gutes, außerdem... selbst wenn es eine Art Erlösung für ihn gäbe, Cinneídinn, Padraig, Pumquat, Colevar.... der Rest seiner Sieben ist immer noch dazu verdammt, zu sterben. Er verdient keine Erlösung. Doch der kleine, rhaínländische Vogel, den er sich eingefangen hat, flattert in der Dachkammer umher und zwitschert etwas von Liebe. Götter im Himmel - ihr ganz sicher nicht mit Absicht ausgesprochenes Geständnis trifft ihn härter, als er für möglich gehalten hätte, bis tief hinein ins Mark seiner Knochen, und in seinem Herzen löst es eine ganze Reihe völlig paradoxer Gefühle aus: Staunen, Unglauben, schon wieder das dämonische Gift der Hoffnung, Enttäuschung, Schuld, Unbehagen, Demütigung und gleich darauf mörderische Wut; nicht so sehr auf Ælla selbst, vielmehr auf die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Schicksals, doch auch auf sie. Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn, aber er ist auch kein Mann, der Übung darin hätte, seine Gefühle auszuloten. Mit einem resignierten Seufzen verlässt er das Bett und tritt an den Kamin, plötzlich genauso so ruhelos wie sie. Was hast du erwartet? Dass deine Prophezeiung in allem, was sie gerade gehört hat, irgendwie untergeht? Natürlich nicht – aber er hat nicht gewusst, dass es bereits zu spät ist. Er hat nicht gewusst, wie es um sie steht. Hätte es etwas geändert, wenn es so gewesen wäre?

Warum musste sie das Wort in den Mund nehmen? Er weiß, dass er längst mehr für sie empfindet, als es je seine Absicht war, weit mehr, als er dürfte, doch er hat es mit voller Absicht nicht in Worte gefasst, es noch nicht einmal in Gedanken angerührt, sondern es mit eisernem Willen verleugnet und tief, tief in sich begraben – so tief, dass noch nicht einmal mehr die Götter auch nur einen Blick darauf erhaschen könnten. Er hatte seinen Gedanken nicht erlaubt auf so gefährlichen Pfaden zu wandern, und es hat ihn seine ganze Willenskraft gekostet, was fällt ihr also ein, es einfach so zu tun? Zu den Neun Höllen damit, das war niemals Teil ihrer Abmachung gewesen. Er will nicht geliebt und dann einmal mehr verlassen werden. Er will Ælla nicht lieben und sie am Ende dadurch verlieren. Er will keine hohlen Versprechen, die sich doch nur als Lügen erweisen würden – wann hat er sie je gebeten, den Mund so voll zu nehmen? Seine verfluchte Prophezeiung macht unmissverständlich deutlich, dass Liebe für ihn nicht vorgesehen ist. Als sie ihm in Suthaward in ihrer Not eine Vernunftehe vorgeschlagen hatte, hatte sie vollkommen logisch, bedacht und vernünftig geklungen, ihre Worte hatten Sinn ergeben, und er hatte sich darauf eingelassen – und nun ist sie es, die plötzlich von Liebe spricht. Jeder will doch geliebt werden, wispert eine leise Stimme in seinen Gedanken und so sehr Olyvar es auch versucht, sie lässt sich nicht den Mund verbieten. Nein! Nicht noch einmal! Was weiß sie denn schon von Liebe, als das verdammte, halbe Kind, das sie ist?! Doch ihre Worte als die albernen Schwärmereien eines naiven Mädchens abzutun, will ihm genauso wenig gelingen, wie sie schlecht zu reden, und plötzlich hat er das Gefühl, ertrinken zu müssen, denn all seine so mühevoll errichteten Barrieren und Verteidigungslinien sind nutzlos gegen diese Bedrohung: ein paar leise Worte aus dem Mund eines kleinen Mädchens. Ælla spürt es... Himmel, wann ist er so durchschaubar für sie geworden? Er fühlt ihren Blick zwischen seinen Schulterblättern und sie sieht seinen nackten Rücken einfach nur stumm so lange an, dass er spürt wie ihm Wärme in die Wangen steigt. Doch anstatt dass ihn das noch wütender macht, verfliegt sein ganzer Zorn so rasch und gründlich, wie er in ihm aufgestiegen war, und hinterlässt nichts als bleierne Leere und einen schalen Geschmack auf seiner Zunge.

Eine Weile steht er einfach nur vor dem Feuer und beobachtet das Spiel der Flammen, während in seinem Inneren Zweifel und Entschlossenheit miteinander ringen. Dann tritt er gegen ein Stück Wurzelholz in der Glut, um es tiefer in den Kamin zu schieben und dreht sich zu ihr um. "Liebe war nie ein Teil unseres Paktes." Seine Stimme ist ruhig, doch es schwingt eine kalte Endgültigkeit darin mit. Die gilt mehr ihm selbst und seinen verdammten geheimen Hoffnungen, als ihr, aber sie entgeht Ælla nicht und natürlich missversteht sie. Sie kann ja gar nicht anders und er kann nichts tun, um den Irrtum aufzuklären. Dennoch weicht sie nicht zurück, nur den weichen, moosgrünen Augen ist anzusehen, wie sehr seine Worte sie getroffen haben. Olyvar verflucht sich selbst dafür, dass er vergessen hat, wie leicht er sie verletzen kann, doch gefangen in seinem eigenen Schmerz und dem Nachhall seiner schal gewordenen Wut hat er blind um sich geschlagen. Er wünschte, sie würde etwas tun – Widerworte geben, sich bewegen, irgendetwas, und nicht nur dort stehen, furchtbar verloren, und so stolz und verletzlich, wie an jenem Morgen auf den Tempelstufen in Suthaward. "Sieh mich an," fordert er schließlich, doch diesmal weigert sie sich, seinen Augen zu begegnen, also spricht er mit ihrem gesenkten Kopf und kann an nichts anderes denken, als daran, dass dieser lächerlich dicke Zopf viel zu schwer für ihren schlanken Nacken zu sein scheint. "Praktische Gründe, Vernunft, Ehre - das war unser Abkommen. Also tu das nicht. Verschwende so etwas wie Liebe nicht an mich, ich kann sie nicht erwidern."

Nun hebt sie doch den Kopf und tritt einen Schritt näher. Sie streckt sogar die Hand nach ihm aus und lässt sie dann auf halbem Weg doch wieder sinken. "Warum?"
Warum?!
"Hast du mir nicht zugehört?"
Er kann sehen, dass sie sich mehr als unbehaglich fühlt und auch dafür hasst er sich, doch sie zuckt kein bisschen zusammen und steht nach wie vor aufrecht und zart wie eine junge Weide vor ihm - nur ihre Lippen pressen sich einen Moment fester zusammen. "Da ist auch von Erlösung die Rede."
Olyvar unterdrückt ein resigniertes Schnauben und spricht eine Lüge aus, die ihm die Zunge verbrennt, doch sie ist das einzige, das ihm einfällt, um Ælla auf Abstand zu halten. "Liebe ist etwas für Träumer und Narren, und vielleicht für ein paar wenige Auserwählte, bei denen sie am Ende echt ist, Northoren. Für alle anderen taugt das Wort nur dazu, Lust, Begehren und Besitzen einen hübscheren Anstrich zu geben."
"Sei nicht so.... das bist nicht du. So bist du nicht. Sag nicht so schreckliche Dinge."
"Ich bin nur ehrlich. Es ist die Welt, die schrecklich ist."
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

45

Samstag, 13. Oktober 2018, 19:06

...they're black and blue

12. bis 15. Grünglanz 518

Every single bone inside of me
Telling me that it's my time to leave
But I ain't got no bone in my heart
I got you, in my veins, in my blood
I got you, making me insane and boil my blood
Like there ain't no other love
Hearts aren't always red
They're black and blue (The White Buffalo)

You told me all this and now you want me to believe
that we met each other purely by accident,
and there is no such thing as luck or soulmates or miracles?! (Nikita Gill)


Jeden Tag, den sie ihrem Ziel näher kommen, wird es heißer. In Northoren war Ælla die Grünglanzsonne nie so heiß vorgekommen und hier, mitten im Larisgrün, umgeben von tausenden und abertausenden von Bäumen, ist die Luft zudem ganz gelb von all den Pollen und dem Blütenstaub. Er klebt auf ihrem schweißnassen Gesicht und brennt in ihren Augen, kitzelt sie in der Nase und setzt sich in ihren Kleidern fest. Jedes Mal wenn sie sich bewegt, steigt goldener Dunst von ihr auf, als sei sie selbst eine große Blüte. Nach jener einschneidenden Nacht in der Eintracht hatte Olyvar am nächsten Morgen entschieden, dass sie weiter reiten würden und als Gründe für seine plötzliche Eile ausgeführt, dass Yara San'Chales kostbare Culstute kurz vor dem Abfohlen stehe und sie nicht noch mehr Zeit verschwenden dürften, und er außerdem auch nicht darauf warten wolle, bis man in Talyra Wind von ihrem Aufenthaltsort bekäme und ein Trupp Blaumäntel ausrücken würde, um sie heimzuholen. Doch Ælla glaubt, den wahren Grund zu kennen: er hatte einfach nicht länger mit ihr an einem Ort festsitzen wollen, an dem es nicht viel anderes zu tun gab, außer zu reden. Jetzt reitet Brenainn ihren Seam und sie sitzt hinter Olyvar auf dem kräftigen Schecken, während das Tier des Jungen einen dicken Hufverband bekommen hat, damit es als Handpferd mitgenommen werden kann. Sie hatte erwartet, dass er sie vor sich aufs Pferd nehmen würde, doch Olyvar hatte sie ohne viel Federlesen auf den Stapel an Schlafpelzen und Umhängen verfrachtet, die hinter seinem Sattel festgezurrt waren. "Besser du sitzt hinter mir, bis wir aus den Bergen sind. Ich muss die Hände frei haben, falls Seekeks Schwierigkeiten macht. Halt dich einfach fest und es wird gut gehen," hatte er gemurmelt, als er ihren verwirrten Gesichtsausdruck gesehen hatte. Es ist in der Tat gar nicht so schlecht – sie sitzt weich und so lange sie sich an Olyvar festhält, fühlt sie sich trotz ihrer exponierten Lage auch sicher, obwohl der Boden ihr manchmal erschreckend weit entfernt erscheint, und die Vorstellung bei der kleinsten Unebenheit einfach herunterzupurzeln wie ein nicht ordentlich festgebundener Mehlsack, ihren Griff um seine Mitte bestimmt hin und wieder fester werden lässt, als es notwendig wäre. Sie hatte sich in das Arrangement gefügt und sich gesagt, dass es sicher unangenehm wäre, mit den Blutergüssen auf ihren Oberschenkeln in einem Sattel sitzen zu müssen, noch dazu eng an ihn gepresst. Das hatte sie daran erinnert, woher die Male stammten – von ihm zwischen ihren Beinen – und plötzlich war sie froh gewesen, dass er ihr tief errötetes Gesicht nicht hatte sehen können. Auf einmal weiß sie, warum sie sitzt, wo sie sitzt: genau deswegen, auf dem weichsten Platz, der ihm eingefallen war.

Auch an diesem Morgen, dem dritten seit ihrem Aufbruch aus Lyness, wird es schon heiß, kaum dass der Morgentau in der Sonne verdunstet ist. Obwohl es noch nicht einmal die Stunde der Andacht sein kann, läuft ihr der Schweiß schon unter dem engen Mieder über den Körper und sammelt sich unter ihren Brüsten. Sie kann sich selbst riechen und sie kann Olyvar riechen: Leder, Pferd und Mann – nicht unangenehm, ganz und gar nicht. Eher wie ein großes und möglicherweise gefährliches Tier, dem sie aber trotzdem unbedingt nahe sein muss. Davon, geht ihr säuerlich durch den Kopf, ist in den Bardenliedern auch nie die Rede. Mit keinem Wort. Sie kann sich jedenfalls an keine einzige Zeile aus irgendeinem der zahllosen Sangesweisen über den Grauen Schnitter und seine Wolkenprinzessin... Colevar. Er heißt Colevar und ihr Name ist Calait, und Olyvar kennt sie beide... erinnern, in dem dem es geheißen hätte, dass er die holde Maid allein mit seinem Geruch völlig um den Verstand gebracht und ihre Gedanken damit ständig auf wollüstige Pfade gelenkt hätte. Himmelhöllen! Ælla schließt die Augen, vergräbt ihr Gesicht an Olyvars breitem Rücken und lauscht dem Wiegenlied der Insekten, die im hohen Gras zu beiden Seiten der Straße zirpen. 'Liebe ist etwas für Träumer und Narren... das Wort taugt nur dazu, Lust, Begehren und Besitzen einen hübscheren Anstrich zu geben.' Olyvars harsche Worte überfallen einmal mehr aus dem Nichts ihre Gedanken und sie hört sie so deutlich, als habe er sie eben erst ausgesprochen und nicht vor drei Tagen in jenem Gasthaus in Lyness. Das ist nicht wahr... es ist nicht wahr! Sie reckt entschlossen ihr Kinn und sinkt praktisch noch im selben Augenblick wieder frustriert in sich zusammen. Ganz gleich wie oft sie sich das in Gedanken auch vorbetet, es ändert nichts an den Tatsachen: sie liebt ihn. Sie weiß nicht, wann es begonnen hat oder wie um aller Götter Liebe Willen das nur in so kurzer Zeit geschehen konnte, aber es ist so und sie kann es nicht ändern. Doch ihr Ehemann hält Liebe für eine verdammenswerte Krankheit, eine Art Pest, einen Fluch, ein heimtückisches Gift, und will nichts davon hören. Immerhin kann sie es inzwischen ein wenig mit rabenschwarzem Galgenhumor sehen. Doch es schmerzt sie heute genauso wie vor drei Tagen und die Tatsache, dass nur sie sich diese Seuche namens Liebe eingefangen hat, macht die ganze Angelegenheit nicht besser. Genauso wenig hilfreich ist es, ihre Tage so eng an ihn geschmiegt und ständig mit seinem Geruch in der Nase zu verbringen, doch an dieser Krankheit leiden sie wenigstens beide. Ohne dass Ælla es verhindern könnte kehren ihre widerspenstigen Gedanken einmal mehr zu jener Nacht in der Eintracht zurück.

Sie hatte Olyvar noch nie so wütend gesehen, noch nicht einmal in ihrer Hochzeitsnacht, als er seinen Schwertgurt durch die Gegend geschleudert und so götterlästerlich geflucht hatte, dass ihr ganz anders geworden war. Manchmal vergisst sie, wie groß er ist, wie viel stärker als sie, wie leicht er sie einfach zerbrechen könnte, und in diesem Moment hatte sie sich ihm hoffnungslos unterlegen gefühlt. Vielleicht hatte seine Wut in jener Nacht auch so viel bedrohlicher gewirkt, weil er sie so eisern beherrscht hatte und so unnatürlich ruhig geblieben war, Ælla weiß es nicht zu sagen - doch es hatte sie ihre ganze Stärke gekostet, nicht vor ihm zurückzuweichen oder Hals über Kopf aus dem Zimmer zu fliehen. Sie war vollkommen gefangen in ihren wild durcheinander wirbelnden Gefühlen gewesen, aufgewühlt von allem, was sie gehört hatte, wund im Herzen um seinetwillen, grausam verwirrt, beschämt und gedemütigt. Worte aus ihrer Hochzeitsnacht waren durch ihre Gedanken gegeistert und hatten plötzlich etwas sehr beklemmendes bekommen: 'Werdet Ihr mich je schlagen?' - 'Hast du vor, mich so wütend zu machen, dass ich in Versuchung geraten könnte?' Doch sie hatte auch seine Qual gesehen, das Ringen in ihm, auch wenn sie nicht gewusst hatte, worum oder weswegen. Also war sie geblieben, die Hände zu Fäusten geballt, um nicht zu zittern, ihre erstickende Furcht so schwer wie ein Gewicht auf ihrer Brust. Sie erinnert sich an seinen Anblick, wie er dort vor dem Kamin gestanden und mit dem bloßen Fuß ein großes Stück Holz zurecht gestoßen hatte, dass die Funken gestoben waren. Seine gleichgültige Bewegung und der kräftige Tritt hatten sie mitten ins Herz getroffen. Da hatte sie ihre Antwort auf ihre Worte und auf alles, was sie hinter ihnen gedacht und gefühlt hatte. Sie hatte geglaubt, nicht mehr Atem holen zu können, ihr Blick gebannt auf seine halbnackte Gestalt gerichtet. Vom Kamin her war ein heller Schein auf ihn gefallen, hatte sich verdunkelt und war wieder aufgeflammt, als rängen Licht und Dunkelheit um ihn; waren es nur die Flammen gewesen oder auch seine innere Bewegung, die sein Mienenspiel hatten wechseln lassen, als rängen auch darin Licht und Dunkel? Das Feuer war mit knurrendem Flackern immer weiter in sich zusammengesunken, Olyvars Gestalt mehr und mehr mit der Dunkelheit verschmolzen, bis ihn nur noch ab und an ein schwaches Aufleuchten getroffen hatte. Und dann, gerade als sie geglaubt hatte, es keinen Herzschlag länger zu ertragen, war eine erstaunliche Wandlung in ihm vorgegangen: der brodelnde Zorn war von ihm gewichen und hatte etwas anderem Platz gemacht, das sie noch weniger hatte einordnen können, verwundertes Unbehagen und kalte Resignation vielleicht. Als er ihr schließlich geantwortet hatte, hatte in seinem Tonfall eine ganz merkwürdige Kombination aus Drohung und Frustration gelegen und seine Worte, obwohl ganz ruhig gesprochen, hatten sie noch härter getroffen.

"Sei nicht so.... das bist nicht du. So bist du nicht. Sag nicht so schreckliche Dinge!" Hatte sie gefordert, und etwas in ihrem Inneren hatte sich angefühlt, als sei es in tausend Scherben zerborsten, die sie alle mit scharfen Kanten geschnitten hatten. Doch Olyvar hatte ihr erklärt, er sei nur ehrlich, die Welt wäre ein schrecklicher Ort – und plötzlich hatte auch sie die Wut gepackt, eine verzweifelte Wut, von der sie gar nicht gewusst hatte, dass sie dazu fähig wäre. "Dann ist das alles, was wir haben?" Hatte sie heftig wissen wollen und Ælla kann auch heute beim besten Willen nicht sagen, woher sie solche Worte oder den Mut genommen hatte, sie auch auszusprechen. "Ich werde schwach und feucht für dich, und du wirst hart und heiß für mich, und auf einem Stück Papier stehen zufällig unsere beiden Namen? Ist es das? Wir sind nicht mehr als... ein... ein... Schwert und eine Scheide?" Beinahe hätte sie noch ganz andere Worte benutzt, schmutzige Worte aus der Gosse, die sie von ihren halbwüchsigen Brüdern aufgeschnappt hatte, und für die ihre Mutter ihr den Mund mit Seife ausgewaschen und ihr Vater sie mit dem Riemen geschlagen hätte. Doch das hatte ihr der Anstand verboten und sie hatte das, was zwischen ihnen ist, nicht noch mehr erniedrigen wollen, als es Olyvar ohnehin schon so kalt getan hatte, nicht einmal in ihrem Zorn. Abgesehen davon hatte auch so schon flammende Röte ihre Wangen überzogen. Dennoch – sie hätte noch einiges mehr zu sagen gehabt. Vor Jahren hatte sie in Northoren einmal einen gefangenen Sagoralöwen gesehen, bestimmt für den Hof irgendeines immerfroster Fürsten oder reichen Pfeffersacks. Er war sicher verwahrt hinter armdicken Gitterstäben auf einer schweren, eisenbeschlagenen Karosse in seinem Käfig, dessen Tür außerdem nicht weniger als vier eiserne Schlösser und ebenso viele Riegel besessen hatte. Die Pranken des Tieres waren größer gewesen als ihr ganzer Kopf, seine gewaltige Gestalt nichts als die reine Kraft, seine messerscharfen Krallen so lang wie ihre Finger und seine Reißzähne so lang wie ihre ganze Hand – doch das gefährlichste an ihm waren seine Augen gewesen, die bittere Todesverachtung und die verzweifelte Herausforderung darin. Olyvar war ihr in diesem Moment mindestens ebenso gefährlich erschienen, und er war nicht hinter Eisenstäben in einen Käfig gesperrt, und doch hatte sie sich vor ihm aufgebaut, bebend vor Wut und lächerlich klein gegenüber seiner massigen Gestalt. Lust, Begehren und Besitzen? "Ich bin nicht dein Besitz, hörst du!" Seine Augen hatten sich ein wenig verengt und waren so schwarz wie Kohle geworden, doch ansonsten war sein Gesicht so unbewegt geblieben als wäre es aus Bronze gegossen, und das hatte sie noch wütender gemacht. "Du besitzt mich nicht! Und das ist nicht alles, was zwischen uns ist!" Hatte sie ihn angeschrien und dann hatte sie mit ihrer kleinen Faust auf seine völlig unbeeindruckte Brust eingeschlagen und jedes Wort mit einem Schlag unterstrichen. "Ich... bin... nicht... dein... Besitz... und... es... ist... nicht... nur... das!" Er hatte sie am Handgelenk gepackt und beinahe erstaunt angesehen, doch dann war sein Blick von ihren flammenden Augen zu ihrem Mund gezuckt und womöglich noch dunkler geworden. "Ach, zum Dunklen..." hatte er gegrollt, und dann...

Himmelhöllen! Ælla kann sich nicht erinnern, ob er sie an sich gerissen oder ob sie sich in seine Arme geworfen hatte, aber wie auch immer es gewesen sein mag, sie hatten sich einander mit einer Verzweiflung zugewandt, die an Brutalität gegrenzt hatte. Olyvar hatte ihre Arme so fest gepackt, dass seine Finger auch dort Male auf ihrer Haut hinterlassen hatten, hatte sie an sich gepresst, hochgehoben und ihren Mund mit einer Gier in Besitz genommen, die sie nur im allerersten Moment für reinen Hunger gehalten und gleich darauf als blanke Not erkannt hatte. Sie hatte keinen Widerstand geleistet, im Gegenteil. Sie hatte ihre Beine um seine Hüften geschlungen und von ihm getrunken, als wäre er die Luft, die sie zum atmen braucht, und dabei Geräusche von sich gegeben, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass sie sie von sich geben kann. Mit jener dumpfen Weise, mit der man Dinge realisiert, wenn man betrunken ist, war ihr klar geworden, dass er im Begriff war, sie hier auf der Stelle auf dem harten Boden oder der gemauerten Kaminwand zu nehmen, und so hatte sie ihren Mund gerade so lange von seinem befreit, dass sie ihm ein "Bett!" ins Ohr hatte keuchen können. Das hatte ihn vorübergehend zu Verstand gebracht; er hatte den Kopf gehoben, geblinzelt wie ein Schläfer, der gerade aus einem Alptraum erwacht, die Augen weit und blind – dann hatte er sich umgedreht ohne sie auch nur ansatzweise loszulassen, mit zwei großen Schritten den Raum durchquert und sie auf dem Bett auf den Rücken geworfen. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr das Nachtgewand auszuziehen, doch darunter war sie ohnehin nackt gewesen und der dünne Musselin hätte genauso gut gar nicht da sein können. Und dann war er endlich dort gewesen, wo sie ihn hatte haben wollen, tief in ihrem Schoß vergraben, immer und immer und immer wieder. Sie hatte die harten, drängenden Knurrlaute in seiner Kehle vibrieren hören, sein Atem heiß in ihrem Ohr und die Geräusche, die sie selbst ausgestoßen hatte, viel lauter als er, bis er ihr irgendwann die Hand über den Mund gelegt hatte, bevor noch das halbe Gasthaus zusammengelaufen wäre. Sie hatte sich aufgebäumt und sich fallen lassen, ihre Fingernägel so tief in seinen Schultern vergraben, dass sie ihn dort gezeichnet hatte. Sein Mund hatte an ihrem Hals gelegen und seine Zähne hatten fest zugepackt, dann war auch er erschauert, tief in ihr, an ihr, auf ihr – und es war vorbei gewesen. So heftig ihre Umarmung begonnen hatte, am Ende hatte Olyvar sie nicht losgelassen, sondern sie einfach festgehalten, und Ællas zaghafter Verdacht war zu einer festen Überzeugung geworden: ein Mann wie er würde das nicht ohne Grund tun. Es muss mehr zwischen ihnen geben, als nur Lust. Sie spürt es, sie kann es fühlen, und nur Olyvars Sturheit verhindert, dass es Wirklichkeit wird. Sie hatte seinem schweren Atem gelauscht, wie er den Geruch ihres Haares und ihrer Haut eingeatmet hatte, als wolle er ihren Duft inhalieren, und die Erkenntnis hatte sie leicht schwindlig werden lassen. "Du bist mein," hatte er in ihr Ohr geraunt, seine Stimme so tief und leise, dass sie die Vibrationen mehr gespürt, als sie tatsächlich gehört hatte. "Ob du das willst oder nicht. Du bist mein."
Das war nicht zu leugnen gewesen – sie hatte als nackte Tatsache sehen können, wer sie besitzt, doch zu ihrem eigenen Erstaunen, hatte sie feststellen müssen, dass sie genau das gewollt hatte. Er hatte sie einfach nehmen und all ihre Zweifel auslöschen sollen - und genau das hatte er getan. Ihr Herz hatte immer noch in ihren Ohren gehämmert, ihr Blut war ihr pulsierend durch Haut und Schläfen, Oberschenkel und Finger gerast, doch sie hatte sich irgendwie losgelöst gefühlt von diesen Empfindungen, als gehörten sie zu jemand anderem. Sie hatte sich unwirklich gefühlt – und ein wenig schockiert. "Aber du bist in mir," hatte sie zurück geflüstert und ihn dort gespürt, in ihrem Leib, in ihrem Inneren. "Wenn du in mir bist, bist du ein Teil von mir, Olyvar. Dann gehörst du auch mir."

Dann hatte er sie wirklich und wahrhaftig überrascht, denn anstatt harsche Worte zu erwidern, hatte er nur seine Nase in ihrem Haar vergraben und etwas gemurmelt, das verdächtig nach einem 'Aye, das ist wohl so' geklungen hatte. Für einen Moment war die Zeit stillgestanden und Ælla wäre am liebsten für immer so liegengeblieben, schwerelos und von seinem großen Körper verschlungen, doch ihre Hüften hatten begonnen zu schmerzen und ihre Beine vor Anstrengung zu krampfen. Sie hatte sich ganz sacht bewegt, nur um eine bequemere Position zu finden, doch sobald sie sich gerührt hatte, hatte Olyvar den Griff seiner Arme gelockert und sein Gewicht von ihr genommen – sanft, ganz sanft. Ineinander verschlungen waren sie liegengeblieben und hatten zugesehen, wie auch der letzte Schein der roten Glut in der Feuerstelle erstorben war. Sein Puls hatte in der Mulde an seinem Hals geschlagen, keine drei Sekhel von ihrer Hand entfernt und sie hatte die Finger darauf gelegt, um das Echo seines Herzschlags in ihrem Blut zu spüren. Seine Atem hatte kurz gestockt, doch er hatte sich nicht gerührt. Zwei, drei Atemzüge waren vergangen, dann hatte sie den sachten Druck seiner Finger gegen ihre Haut gespürt. Sie hatten schweigend dagelegen und sich auf diese winzige, zarte Bestätigung ihrer Verbindung konzentriert. Keiner von ihnen hatte gesprochen oder sich bewegt. "Das ist nicht alles, was da ist," hatte sie schließlich murmelnd wiederholt, den Blick auf fest auf seine Brust gerichtet, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Sie hätte es nicht ertragen, dort noch einmal das Nicht-Wahrhaben-Wollen dieser Tatsache zu sehen. Sie hatte ihn tief Luft holen und dann seufzen hören. Doch anstatt ihr mit harten Worten zu widersprechen, hatte er sich nur auf den Ellenbogen gestützt, um ihr ins Gesicht sehen zu können. "Das hier können wir haben. Es ist stark und es ist gut. Daran ist nichts falsches... abgesehen davon, dich ins Bett zu zerren und wie ein Tier über dich herzufallen vielleicht." Er hatte sacht ihren Hals berührt, wo sie die wunde Stelle hatte spüren können, die seine Zähne hinterlassen hatten.
"Oh... also..." sie hatte gespürt, wie ihr das Blut in die Wangen geschossen war, "...das hat mir eigentlich gefallen."
"Aye?" Das gedämpfte Licht der Stundenkerze war mittlerweile das einzige Licht im Raum gewesen und auch das hatten seine breiten Schultern beinahe ausgesperrt, so dass sie sein Gesicht kaum hatte erkennen können, aber sie hatte bemerkt, wie seine Augen sich vor Verblüffung ein wenig geweitet hatten. Beinahe hätte sie gelacht. "Ja. Obwohl ich morgen wahrscheinlich auf nichts sitzen kann und blaue Flecken haben werde."
"Oh." Er hatte den Anstand besessen, ein wenig verlegen auszusehen, obwohl seine Mundwinkel gezuckt hatten. Dann hatte er eine Strähne ihres völlig verwüsteten Haares ergriffen und war sanft mit den Fingern hindurchgefahren. "Ich dachte, ich würde sterben, wenn ich dich nicht auf der Stelle haben würde."
"Ich würde nicht wollen, dass du stirbst," hatte sie ganz ernsthaft erwidert. Ihr Kopf war nach vorn gesunken und sie hatte das Gesicht an seine Brust gelegt, sich an ihn geschmiegt und seinen ruhigen, kräftigen Herzschlag mehr gespürt, als dass sie ihn gehört hatte. Doch in ihr hatte sich ein Abgrund aufgetan, endlos und weit wie der Himmel. Olyvar berührt einen geheimen, einsamen Bereich tief in ihrem Inneren und sie weiß, dass alle Leidenschaft auf Rohas weitem Rund nicht genug ist, ihn zu füllen. Wenn das alles ist, was sie haben können, dann ist es nicht genug. Es wird ihr nie genügen.

Ælla reibt ihre juckende kleine Nasenspitze an Olyvars Rücken und versucht, alle Erinnerungen an diese Nacht wieder dorthin zu verbannen, wo sie hergekommen waren, in irgendeinen vergessenen Winkel ihrer Seele. Gerade jetzt hätte sie gar nichts gegen ein wenig Leidenschaft einzuwenden, obwohl sie sich doch fragt, wie diese Herzländer das bei einer solchen Hitze nur bewerkstelligen mögen. Nur des Nachts, sagt sie sich. Und sehr langsam. Oder sie warten vielleicht einfach bis zum Herbst? Während sie ihren Gedanken nachgehangen war, war es noch wärmer geworden und nun brennt die Sonne so unbarmherzig auf den Kreuzweg hinunter, dass sie allmählich das Gefühl hat, bei lebendigem Leib gegrillt zu werden. Selbst in den lichten Schatten der Bäume an seinem Rand, durch die sie reiten, herrscht die Atmosphäre eines Dampfbades – ihr Hemd ist jetzt schon völlig durchnässt und es ist noch nicht einmal Mittag. Zum zehnten Mal in ebenso vielen Minuten hebt sie ihren schweren Haarknoten in der Hoffnung, ein Luftzug würde ihren Nacken kühlen, doch nichts geschieht. Sie wünschte, sie würde sich trauen, sich wie Yara'Sanchale, der die Sonne rein gar nichts anzuhaben scheint, bis auf ein paar Fleckchen Stoff hier und da einfach auszuziehen, doch sie hat immer noch ein wenig Mühe damit, auch nur auf das Schultertuch zu verzichten. Ihre praktische Seite sagt ihr allerdings, dass das lächerlich ist, zumal seit es so heiß ist. Die ersten Herzländerinnen, die sie in den Gasthäusern entlang des Kreuzwegs zu Gesicht bekommen hatte, hatten sich nach ihrem rhaínländischen Dafürhalten geradezu skandalös leicht gekleidet, doch selbst sie muss zugeben, dass ein leichter, weit schwingender Rock und ein ebenso leichtes, tief ausgeschnittenes Mieder über einem dünnen Hemd vermutlich viel besser geeignet sind, dieser götterlästerlichen Hitze zu begegnen. Gegen Mittag hat Olyvar ein Einsehen und sie rasten für den Rest des Tages und die Nacht unter den ausladenden Ästen einer uralten Eiche – und wie jeden Tag seitdem sie die Eintracht verlassen haben, nimmt die Schamanin Brenainn zur Seite, um mit ihm jagen zu gehen oder für eine weitere Lektion im Spurenlesen und Fallenstellen für Stunden im Wald zu verschwinden. Ælla weiß genau, dass sie es tut, um Olyvar und ihr Zeit allein zu verschaffen, in der Hoffnung, sie würden die Missstimmung zwischen ihnen aus der Welt schaffen können. Weder Yara noch der Junge sind blind für die Gefühle zwischen ihnen, die so tückisch wie ein Mooràsumpf geworden sind. Doch wie jeden Tag verbringen sie auch diesen in Schweigen, ein jeder verloren in seinen eigenen Gedanken. Sie hatte ihren Standpunkt klargemacht und er seinen auch, und nun sind sie beinahe wie zwei Fremde, die sich nichts zu sagen haben. Ihr Vater hatte immer gesagt, sie sei so stur wie ein Aurochbulle, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte und das mag sogar stimmen, doch Ælla gibt sich keinen Illusionen hin. Sie mag ja eigensinnig sein, doch Olyvars Entschlossenheit ist Granit und Eisen. Sie wurde durch Schwert und Blut und Feuer geformt, in unzähligen Schlachten und Kämpfen gehärtet und in den Minen von Tinerhir und der Roten Sagora geschliffen und poliert – sie weiß genau, wer von ihnen beiden die größere Willensstärke besitzt. Sie wird ihn nie umstimmen können.

In dieser Nacht findet sie keine Ruhe. Sie liegt neben Olyvar in den weichen Lammfellen und lauscht auf seinen tiefen, gleichmäßigen Atem, dann stützt sie sich auf einen Ellenbogen, um ihn zu betrachten. Es ist die Mitte des Monds, die Zeit der dunklen Monde, so dass nur die Sterne am Himmel stehen, doch die Nacht ist merkwürdig hell, gerade hell genug, um sein Gesicht erkennen zu können. Sie hatte ihn schon früher so beobachtet und manchmal sogar im Schlaf das halbe, kaum angedeutete Lächeln um seine Augen gesehen... doch das war vor jener Nacht gewesen. Dieses Lächeln hat sie von Anfang an geliebt, ob es nur ein Vertiefen seiner Mundwinkel oder ein wildes, rasches Aufblitzen von Zähnen gewesen war, immer verzogen, immer ein wenig so, als wisse er etwas, das sie nicht weiß. Es schien so sehr Teil seines Wesen zu sein, dass es auch ein Teil ihres Wesens geworden ist. Ein Leben ohne dieses Lächeln kann sie sich einfach nicht vorstellen. Würde sie es je wieder auf seinem Gesicht, in seinen Augen sehen? Ihre Hand verharrt in der Luft über seiner Wange. Sei weiß nicht, warum, doch sie will ihn berühren – doch seine Worte hindern sie daran. 'Verschwende so etwas wie Liebe nicht an mich. Ich kann sie nicht erwidern.' Und doch hatte er sie auf den weichsten Platz gesetzt, der ihm eingefallen war. Und doch hatte er in den siebenunddreißig Tagen ihrer Ehe schon hundert selbstlose Dinge und mehr für sie getan. Dinge, die nicht notwendig gewesen wären; Dinge, die man nicht nur aus Freundlichkeit tut. Ihr Blick fällt auf den schmalen, unregelmäßig geriffelten Reif aus dunklem Silber an ihrem Ringfinger, ihren Ehering. Olyvar ist ein Mann, der sein wahres Selbst durch Taten offenbart, vielmehr als durch Worte, so viel weiß sie von ihm, und schon seit jener Nacht in Suthaward, als sie seine Frau geworden war, hatten seine Taten eine ganz andere Sprache gesprochen, als all seine hartnäckigen Verleugnungen, seine Flüche und seine bitteren Worte. Warum kann ihr das nicht genügen? Es ist mehr als genug und er ist ihr weder Lippenbekenntnisse, noch Liebe schuldig. Nein, doch er hat dir Ehrlichkeit versprochen – und er ist nicht ehrlich. Es fällt ihr schwer, ihre widersprüchlichen Empfindungen in die richtigen Worte zu fassen und noch schwerer, sie überhaupt zu verstehen. Ælla setzt sich langsam auf und kriecht aus den Schlafpelzen. Ihre Haut ist heiß und feucht, und sie hat ein leeres, hohles Gefühl in der Brust. In der Dunkelheit tastet sie sich behutsam durchs Lager, um niemanden zu wecken, dann wandert sie ein Stück über die kleine Lichtung unweit des Kreuzwegs, an deren Rand sie unter der Eiche kampieren. Die stillen Sartheberge, die nun hinter ihnen liegen, werfen lange, dunkle Schatten über das Land – um sie her liegen Morgen um Morgen und endlose Tausendschritt tiefer Wälder, kaum berührt von menschlichen Ansiedlungen hier und dort, und die Bäume rauschen im leichten, nach Gräsern duftenden Nachtwind. Die Lichtung ist nur mit Sternenlicht gesprenkelt und die Nacht schön, doch beinahe unheimlich, und Ælla empfindet eine Art Einsamkeit, die gleichzeitig traurig und kostbar ist. Der Bach, an dem sie am Abend das Geschirr und dann ihrer aller verschwitzte Kleidung gewaschen hatte, lockt sie und so schlägt sie den Weg über die Lichtung ein. Ihre Füße versinken im kühlen Gras und ein kalter Schauer läuft über ihren Rücken, ungeachtet der Schweißtropfen, die sich auf demselben Weg befinden. Plötzlich kommt schwerer, warmer Nachtwind auf und als sie in der Mitte der Lichtung ist, bläst er ihr in heftigen Böen ins Gesicht. Sie hört den nächsten Windstoß auf sich zukommen und es klingt beinahe so dunkel und dumpf wie Donner. Als er durch das Laub der Bäume ringsum jagt, wird ein klagendes Heulen daraus; dann trifft er ihren Körper, als wolle er sie von der Erdoberfläche fegen, und irgendetwas in ihr will aus ihr heraus und mit dem Wind seine Stimme erheben.

Dann stirbt der Wind, so rasch und gründlich, wie er aufgekommen war, und hinterlässt eine Stille, die in sich selbst ein Geräusch zu sein scheint. Nur tief in ihren Ohren hört sie seine Klage noch immer, wie einen leisen, leisen Trauergesang, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Unter den Weiden am Bach wächst dichtes Gras zwischen flachen, niedrigen Felsen, die sich wie breite, grob behauene Stufen zum Wasser hinabziehen. Sie streift das Hemd über den Kopf... Olyvar hatte ihr wortlos seines zum Schlafen gegeben, das Gesicht so unbewegt wie immer und doch... und doch war da eine stumme Frage in seinen Augen gewesen und ihre Antwort, es eben so schweigend anzunehmen. Es riecht nach ihm und einen Moment lang vergräbt sie ihre Nase in dem leichten Leinen und atmet seinen Geruch in sich hinein. Dann lässt sie es auf den Felsen zurück und watet vorsichtig ins Wasser. Es ist überraschend kühl und geradezu kalt im Kontrast zur drückend warmen Nachtluft. Der Boden unter ihren Füßen besteht aus rund geschliffenen Kieseln, doch eineinhalb Schritt vom Ufer entfernt geht er in feinen Sand über und das Wasser wird tief genug, ein Bad darin zu nehmen. Nach der umwerfenden Hitze des Tages und der Schwüle der Nacht empfindet sie die Kühle des Wasser auf ihrer nackten Haut als überwältigende Erleichterung. Ælla hat keine Seife mitgenommen, also kniet sie sich ins Wasser, spült wieder und wieder ihr langes Haar aus, und reibt ihren Körper dann mit einer Handvoll Sand ab, bis sich ihre Haut ganz dünn und heiß anfühlt. Doch als sie aus dem Wasser steigt, zu den Felsenbänken zurückkehrt und dabei überall Wassertropfen versprüht, fängt ihre Nase einen schwachen Weihrauchduft ein. Der Umriss von Yara San'Chales schlankem, hochgewachsenen Körper zeichnet sich schwach im Licht der Sterne ab. Die Jägerin steht so still und bewegungslos wie die Weiden, doch Ælla weiß, sie sieht sie. Wahrscheinlich hat sie mich die ganze Zeit beobachtet, um auf mich acht zu geben. "Ich konnte nicht schlafen, es ist einfach zu warm. Möchtet Ihr ein Bad nehmen? Dann passe ich auf."
Die Schamanin erwidert nichts, doch als sie an ihr vorbeigeht, so nahe, dass Ælla die aromatischen Düfte von Räucherwerk und Kräutern wahrnehmen kann, die ihr immer ein wenig anhaften, glaubt sie ein schwaches Lächeln in Yara San'Chales hellen Augen zu erkennen. Sie hört Leder und Stoff rascheln und zu Boden gleiten, dann watet auch die Jägerin ins Wasser und Ælla setzt sich auf die Felsen, schlüpft wieder in Olyvars Hemd und kämmt derweil ihr Haar mit den Fingern aus, um es wieder zu einem dicken Zopf zu flechten. Inzwischen hat sie einiges an Flechtkunst von Yara gelernt und kann sich selbst schon sowohl einen vier- und fünffachen, als auch einen Fischgräten- und einen herzländischen Zopf flechten. Sie ist sehr müde und fühlt sich doch auch sehr lebendig, in jenem halb bewussten Zustand, in dem sich das Denken verlangsamt und sich die kleinen, körperlichen Wahrnehmungen verstärken: der Sandsteinfelsen unter ihr, der noch die Wärme der Sonne gespeichert hält, das Kitzeln der Grashalme an ihren nackten Zehen, das glatte Gefühl des Leinens auf ihrer Haut. Die Stille und Lautlosigkeit der Nacht ringsum, ihre Atmosphäre so träge als würde alles darin in einem warmen Meer dahintreiben, die Sterne über ihnen am endlosen Firmament wie Diamanten, kalt, kraftvoll und hell.