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Mitarlyr

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Freitag, 7. Juli 2017, 10:34

Die sparsam gehobene Augenbraue Gildins quittiert Andovar mit einem aufmunternden Lächeln. Der Sternenwächter hat die unausgesprochene Botschaft sehr wohl verstanden. Und so wie er tief einatmet, scheint er gewillt zu sein sich dem bestimmt nicht einfachen Gespräch zu stellen um den Familienfrieden wiederherzustellen. Zuversichtlich macht Andovar sich auf den Weg ins Erdgeschoss und hinaus in den Garten um dem Stall und ihren Pferden einen Besuch abzustatten. Nicht, dass er Gerion nicht zutraut, sich gut um ihre Tiere zu kümmern. Aber nach den Anstrengungen die sie den beiden in den vergangenen Siebentagen abverlangt haben, haben sich die Pferde zusätzliche Aufmerksamkeit mehr als verdient.

Nicht, dass er es darauf angelegt hat, zumindest nicht bewusst, aber kaum dass er die Terrasse verlassen hat trifft er auf Arúen und Tyalfen, die ihm Arm in Arm entgegen kommen. Auris und Nevis nehmen nur beiläufig Notiz von ihm, wuffen einmal kurz zur Begrüßung und laufen dann weiter auf die offene Terrassentür zu. Das Elbenpaar hingegen sieht ihm freundlich entgegen. Dass sich in deren Augen außerdem ein Hauch Förmlichkeit zeigt, kann er ihnen nach dem gestrigen Abend nicht verdenken. Und er würde sich im Leben nicht anmaßen, es ihnen vorzuwerfen. Im Gegenteil, seiner Meinung nach haben die beiden alles Recht gekränkt zu sein. "Khel'Avidar… Arúen, Tyalfen", begrüßt er sie mit einem respektvollen Neigen des Kopfes. "Ich hoffe, Ihr habt besser geruht als Gildin." Ein leises Schmunzeln begleitet seine Worte, während seine Augen kurz zu den offenen Fenstern im oberen Kaminzimmer hinweisen auch wenn der genannte dort nicht mehr zu sehen ist. "Er wartet oben… Seid nicht zu streng mit ihm, er hat nicht viel Übung darin sich zu entschuldigen… dazu macht er zu selten Fehler, für die er um Verzeihung bitten müsste." Als Arúen Luft holt um wer weiß was zu sagen, unterbricht er sie mit einer bittenden Geste noch ehe das erste Wort ihren Mund verlassen hat. "Ich weiß, was gestern passiert ist. Er hat es mir erzählt. Alles. Auch von dem Brief, was Morgenstern verlangt hat und warum… Er muss erst lernen, mit Deinen neuen Facetten umzugehen, Arúen. Auch euer Vater wird das lernen müssen. Es wird Zeit brauchen, aber sie sind lernfähig… Ich habe es ja schließlich auch gelernt." Er meint in den Augen seiner Ziehschwester wachsenden Zweifel zu sehen. Er kann sie ja verstehen, sie alle, Arúen und Tyalfen ebenso wie Tianrivo und Gildin. "Sie sorgen sich um Dich und Rialinn, um eure Sicherheit und Zukunft… Das rechtfertigt nicht, dass sie mal wieder weit über das Ziel hinausgeschossen sind", er hebt beschwichtigend die Hände als er den Unmut in den Augen Arúens auflodern sieht, "aber es erklärt es vielleicht… Ich gehöre zwar nicht wirklich zur Familie, aber vielleicht darf ich trotzdem etwas vorschlagen… Wenn Ihr zuerst alleine mit ihm reden würdet, Tyalfen, damit er Euch besser kennenlernen kann. So, wie ich Euch kennenlernen durfte. Es würde ihm helfen, vieles zu verstehen."

Da es für den Klingentänzer unübersehbar ist, dass Arúen und ihr Gefährte sich über seinen Vorschlag besprechen müssen und wollen, wendet er sich für einen Moment ab um ihnen zumindest den Anschein von Privatheit zu gewähren. Dass zwischen den beiden intensiv Gedanken getauscht werden, kann er spüren. Doch da sie nicht für ihn bestimmt sind, macht er nicht nur keine Anstalten sie wahrnehmen zu wollen, sondern schirmt seine empathischen Sinne noch strikter ab als sonst ohnehin schon. Wie es scheint, findet sein Vorschlag die Zustimmung der beiden Elben, denn als er sich wieder zu ihnen umdreht, nickt Tyalfen ihm zu und macht sich ohne Arúen auf den Weg ins Haus. "So, Syllayolí… und Du kommst jetzt mit mir", legt Andovar Arúen kurzerhand den Arm um die Schultern und nimmt sie mit sich, "wir zwei besuchen jetzt die Pferde im Stall während Gildin mit Tyalfen redet und sich entschuldigt."



Als sich die Tür zum Kaminzimmer wieder öffnet, ist es weder Gildins Schwertbruder (der doch noch Erbarmen mit ihm hat) noch seine Schwester mit ihrem Gefährten, die den Raum betreten. Der Laikeda'ya erscheint alleine. Auch wenn der Sternenwächter nichts von dem Zusammentreffen der drei Elben im Garten weiß, er hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wem er dieses Vier-Augen-Gespräch zu verdanken hat. Andovar… Und er weiß nicht, ob er seinem geschworenen Schwert dafür dankbar sein oder ihm zürnen soll. Um die Situation durch Schweigen nicht noch unangenehmer zu machen als sie es ohnehin schon ist, geht er dem Laikeda'ya entgegen. Befangenheit macht sich in ihm breit, ein Gefühl, das er in diesem Maße schon lange nicht mehr erlebt hat. Er wird sich bei dem Aniran entschuldigen. Nicht nur weil seine Schwester das von ihm verlangt hat, sondern auch weil er in den ruhelosen Stunden der Nacht genug Zeit gehabt hat um über vieles nachzudenken. "Shu're Tyalfen, Khel'Avidar." Sein Tonfall und seine ganze Haltung sind um einiges respektvoller als noch am Vorabend. "Ich muss mich bei Euch entschuldigen, Shu're." Dann, als ihm bewusst wird, dass diese Worte durchaus falsch verstanden werden können, stockt er kurz und zerrt sich ungeduldig das Band aus den Haaren, das die in seinem Nacken zusammenhält und ihn in diesem Moment enorm stört. "Nicht weil Arúen das verlangt hat, nicht nur… Können wir bitte reden?" Der Shida'ya nimmt sich sichtlich zurück, so als habe er nicht nur erkannt sondern sei auch auf dem besten Weg anzuerkennen, dass Tyalfen hier auf Vinyamar neben Arúen den Platz des Hausherrn innehat.


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Khel'Avidar = Guten Morgen
Syllayolí = Schwesterchen
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Tyalfen

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Sonntag, 16. Juli 2017, 17:47

Mit seinem Sonnenaufgang hat sich Tyalfen kurz abgestimmt, als sich seine Hand in freundschaftlicher, genauso wie dankbarer und beruhigender Geste an Andovars Arm legt und er ihm zunickt. Die Worte des Shidaya, die nun um Nachsicht für die Sternenadler bitten, lassen zwar nicht durchblicken, wohl aber vermuten, dass er vor Gildin auch für sie ein Wörtchen eingelegt hatte. Nein, er wird es ihrem Bruder nicht schwer machen, sich zu entschuldigen. Er war leider selbst schon in der Situation, sich als Bruder gewaltig verirrt zu haben und hat das keineswegs vergessen. Wie streng er sich allerdings gegen den Klingentänzer behaupten muss, wird sich zeigen.

Andovar soll Recht behalten. Dieser Mann vor ihm hat wirklich nicht viel Übung darin, sich zu entschuldigen, nur keineswegs so, wie es Tyalfen erwartet hatte. So wie er Gildin gestern kennen lernte, hatte er eher erwartet, so eine Art Entschuldigung zwischen abgeklärt weisen Worten herausfischen zu müssen. Doch sie kommt sofort und direkt, ungelenk zwar, aber auch vollkommen unverschleiert und ungeschönt. Darauf ist Tyalfen nicht vorbereitet, wusste schon nicht recht, dass Entgegenkommen des Shida'ya einzuordnen - so ganz anders als abschätzendes Abwarten mit dem ihn Gildin gestern abend auf sich zukommen lassen hat - fragt sich, ob Nervosität der Grund sein könnte, dass er sich das Bändchen aus den Haaren zerrt und ist reichlich irritiert, als er gar gefragt wird, ob sie miteinander reden könnten? Tyalfen nickt zunächst nur. Nichts an diesem Mann gleicht dem vom gestrigen Vieraugengespräch und einer der ersten Gedanken, der sich aus seiner Verblüffung schälen kann ist der wenn Arùen ihn doch so sehen könnte. Doch wie er an sie denkt, kehren auch die Erinnerungen an ihre Mahnungen wieder. Vielleicht möchte Gildin auf Augenhöhe und offen mit ihm reden, vielleicht ist es aber auch nur wie mit diesen Bitten ... Mittel zum Zweck.

"Gern", schiebt Tyalfen seinem stummen Einverständnis nach und deutet unbestimmt ins Rauminnere, stellt Gildin frei, ob er es vorzieht, sich zu setzen oder nicht. Er selbst bleibt auf den Beinen. In dieser Angelegenheit ist er zu angespannt, um es sich bequem zu machen, vor allem aber ist er auf der Hut, wachsam genug, Gildin nicht die Gesprächsführung zu überlassen - wenigstens nicht so lange,bis das Wichtigste ausgesprochen ist.
"Wir haben uns gestern noch über eure Bitten beratschlagt und darüber entschieden. Wir erfüllen sehr gern eures Vaters Wunsch, den heiligen Bund in Lomirion zu schließen. Ich weiß diese Gunst sehr zu schätzen und mein Dank gebührt ihm, wie ich ihm auch gern alle sich bietende Gelegenheit ermöglichen werde, den Mann an seiner Tochter Seite gründlich in Augenschein zu nehmen. Was die Zeremonie und die Feierlichkeiten angeht, behalten wir uns jedoch alle Entscheidungsgewalt vor ... einschließlich des Häuserwechsels. Ich weiß diesen Vorschlag durchaus zu schätzen, doch annehmen kann ich ihn nicht. Das Haus Mitarlyr hat einen Nachfolger, so sehe ich keinen zwingenden Grund, dem Hause Laifaryn den seinen zu nehmen. Zudem ist es längst überfällig, dass die Bürde der Erinnerungen an das Erbe Arúens aus dem Hause Mitarlyr, der Verfluchten und Fluchbrecherin endgültig der Vergangenheit angehört. Sie wird Yrianna Siranshaer aus dem Hause Laifaryn, die Strahlende, und mit ihr werde ich auch Rialinn Siranfaêr in meinem Haus willkommen heißen und alle Lebendigkeit bewahren lassen, die Arúen so unvorstellbar lange nicht erfahren durfte. Mehr als dreitausend Jahre in einem Schutzpanzer! Überdauert! Nie gelebt! SCHLUSS DAMIT!" Hitzig sind Tyalfens letzte Worte geworden, viel hitziger als sich der Laikeda'ya erlauben wollte. Doch sie sind heraus und er bereut sie im Grunde auch nicht. Dennoch nimmt er seinen Blick von dem Shida'ya an dem er sich fast schon eingebrannt hatte und versucht sein aufgewühltes Innerstes mit tiefen Atemzügen zu besänftigen.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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Mitarlyr

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Montag, 24. Juli 2017, 20:32

Die Reaktion des Laikeda'ya auf seine Worte ist sehr verhalten und dass sich in seinen Blick neben der Zurückhaltung auch etwas schleicht, das Wachsamkeit vielleicht sogar Ablehnung sein könnte, kann Gildin ihm nicht verdenken, wenn er an ihr Gespräch vom gestrigen Abend zurückdenkt. Es gibt Gespräche, die sollte man nicht führen, wenn man von einer mondelangen Reise durch die halben Immerlande erschöpft ist… Eine Erkenntnis, die er leider zu spät hat. Innerlich erleichterter als man ihm ansehen würde, neigt er den Kopf, als Tyalfen zum Zeichen seines Einverständnisses für ein Gespräch stumm nickt und folgt der Geste, die vom Eingangsbereich des Kaminzimmers in die Mitte des Raumes weist - Einladung und Aufforderung zugleich. Ebenso wie Tyalfen setzt er sich nicht, denn auch er ist zu angespannt um es sich auf irgendeiner Art und Weise bequem zu machen. Der Aniran kommt auch ohne jede weitere Verzögerung zur Sache.

>Wir haben uns gestern noch über eure Bitten beratschlagt und darüber entschieden. Wir erfüllen sehr gern eures Vaters Wunsch, den heiligen Bund in Lomirion zu schließen. Ich weiß diese Gunst sehr zu schätzen und mein Dank gebührt ihm, wie ich ihm auch gern alle sich bietende Gelegenheit ermöglichen werde, den Mann an seiner Tochter Seite gründlich in Augenschein zu nehmen. <

Zu hören, dass Arúen und Tyalfen noch in der letzten Nacht über den Inhalt des Briefes nicht nur geredet sondern auch bereits ihre Entscheidungen getroffen haben, lässt Gildin im ersten Moment davon ausgehen, dass sie rundheraus ablehnen werden. Längst nicht so insgeheim wie er vielleicht meint atmet der Hochelb auf, als Arúens Gefährte erklärt, dass sie den Wunsch Tianrivos bezüglich der Hochzeit in Lomirion erfüllen würden. Der Smaragdelb betont das Wort 'Wunsch' dabei gerade genug um deutlich zu machen, wie er und Arúen die Formulierungen des Briefes aufgefasst haben. Mit einer dankenden Geste nimmt er diese Entscheidung zur Kenntnis. "Das freut mich, Shu're Tyalfen. Auch meinen Vater wird es freuen zu hören, dass die Feier in Lomirion stattfinden wird." Gildin hat noch mehr sagen wollen, doch dazu kommt er nicht mehr. Der Aniran redet weiter und kommt nun auf die entscheidenderen Punkte des Briefes zu sprechen. Und die scheinen gestern nicht nur seine Schwester empört zu haben, auch die Stimme des Laikeda'ya wird nun mit jedem Wort und jedem Satz heftiger.

>Was die Zeremonie und die Feierlichkeiten angeht, behalten wir uns jedoch alle Entscheidungsgewalt vor… einschließlich des Häuserwechsels. Ich weiß diesen Vorschlag durchaus zu schätzen, doch annehmen kann ich ihn nicht. Das Haus Mitarlyr hat einen Nachfolger, so sehe ich keinen zwingenden Grund, dem Hause Laifaryn den seinen zu nehmen. Zudem ist es längst überfällig, dass die Bürde der Erinnerungen an das Erbe Arúens aus dem Hause Mitarlyr, der Verfluchten und Fluchbrecherin endgültig der Vergangenheit angehört. Sie wird Yrianna Siranshaer aus dem Hause Laifaryn, die Strahlende, und mit ihr werde ich auch Rialinn Siranfaêr in meinem Haus willkommen heißen und alle Lebendigkeit bewahren lassen, die Arúen so unvorstellbar lange nicht erfahren durfte. Mehr als dreitausend Jahre in einem Schutzpanzer! Überdauert! Nie gelebt! SCHLUSS DAMIT!<

Das smaragdelbische Temperament bricht sich hitzigen Worten und einem brennenden Blick Bahn, unter dem Gildin für einige Herzschläge nur schweigen und den Ausbruch hinnehmen kann. Er mag zwar nur der Überbringer des Briefes gewesen, aber er ist ehrlich genug um (zumindest sich selber gegenüber) zuzugeben, dass er dessen Inhalt kannte und sich von den Argumenten seines Vaters hatte überzeugen lassen. Doch es ist, wie Arúen gestern schon sagte: Er ist der Erbe des Hauses Mitarlyr, damit repräsentiert er hier die Sternenadler. Also muss er auch die die Reaktionen auf das Schreiben seines Vaters und dessen Wünsche aushalten. Auch wenn das bedeutet, dass ihm nun bereits zum dritten Mal innerhalb nicht einmal eines halben Tages ziemlich kräftig der Kopf gewaschen wird. Das ist ihm zuletzt passiert, als er noch ein Knabe war und die Erinnerungen daran sind nicht eben dazu geraten, in dieser Situation hilfreich zu sein.

Die heftige Reaktion Tyalfens erinnert sich an etwas, das Andovar im letzten Jahr nach seiner Rückkehr erzählt hatte, wie der Aniran es eher auf einen Waffengang mit ihm hätte ankommen lassen als sein Werben um Arúen aufzugeben. Doch ehe er etwas Gutes daran finden kann, dass der Laikeda'ya nicht nur für sich sondern auch für Arúen derart vehement eintritt, drängt der Vorwurf, der in den letzten Worten liegt alles andere in den Hintergrund. Ja, Arúen hatte Jahrhunderte, hatte Zeitalter unter dem Fluch und seinen Folgen gelitten. Aber für sie, ihre Familie und ihre Freunde war es auch nicht einfach gewesen, damit zu leben. "So naiv könnt Ihr nicht sein, dass Ihr ernsthaft glaubt, die Erinnerungen und die Vergangenheit würde sich in Luft auflösen, einfach weil Arúen mit der Vermählung ihren Vaternamen ablegt und jenen annimmt, den ihre Mutter ihr einst gab… Glaubt Ihr, es hat Freude gemacht, mitanzusehen, wie meine Schwester ihr Lachen verlor noch ehe sie großjährig war? Wie sie sich immer mehr von allem zurückgezogen hat, sich zurückziehen musste, wollte sie sich und uns vor den Folgen des Fluches schützen?" Jetzt ist es Gildins Stimme, die langsam ihre kühle Beherrschtheit verliert, wenngleich er noch weit davon entfernt ist so hitzig zu werden wie Tyalfen zuvor. "Ihr habt nicht die geringste Ahnung, was wir manches Mal zu tun gezwungen waren, um sie zu schützen", grollt er dem Aniran. "Ein Leben in einem Schutzpanzer? Ja, das war es wohl… aber es war der einzige Weg für sie, diesen götterverdammten Fluch zu überleben."
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Tyalfen

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139

Mittwoch, 26. Juli 2017, 03:26

Naiv? So genannt zu werden, ist nicht unbedingt dazu geeignet, einen Mann zu befrieden - vor allem dann nicht, so dieser gerade um Selbstbeherrschung ringt. Und doch tut es paradoxer Weise genau das - natürlich nicht allein dieses Wort, dem noch viele, ebenso deutliche folgen wollen. Doch neben aller Deutlichkeit ist ihnen allen noch etwas ganz Entscheidendes gemein. Sie sind offen. Sie sind ehrlich, sind Sein statt Schein und bar jeder List. Hier und jetzt spricht dieser Mann aus tiefster Seele. Tyalfen fühlt es in der Brandung, die seinen Sinnen entgegen grollt, hört es in dessen Stimme, die des Klingentänzers Erregung unterschwellig in sich trägt, wie manch Wind die Ahnung nahenden Regens und hätte er den Blick gehoben, so könnte er es sicherlich auch sehen. Nein, Tyalfen ist sich sicher, Arúens Bruder trägt sich nicht mit der Absicht, ihn manipulieren zu wollen und er hört ihm sehr genau zu, lässt ihm das Wort bis zum letzten, dass über dessen Lippen kommen will, bevor er den Shida'ya wieder ins Auge fasst.

"Ihr habt Recht, Shu're", erklärt Tyalfen gefasst. "Ich habe keine Ahnung, was Ihr tun musstest, um sie vor dem Fluch zu schützen oder euch, ganz zu schweigen von euren Gefolgsleuten. Aber ich weiß, welchen Preis sie zahlte. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie streng man gegen sich selbst sein müsste, die eigenen Wünsche für ein grausames Spiel der Götter zu halten? Könnt Ihr Euch ausmalen, wie unsicher man sich seiner selbst sein müsste, um die Einsamkeit dem eigenen Glück vorzuziehen? Dabei ist Arúen nicht nur eine atemberaubende Frau. Sie kann äußerst wehrhaft sein, wenn sie es muss. Sie war es, die den Fluch brach, Shu're, nicht Ihr, noch Euer Vater. Sie war es, die das heimtückische Attentat der Ancu abwehrte und Rialinns Entführung vereitelte. Und Ihr besitzt die Vermessenheit ihr zu erklären, sie müsse sich wieder einen Panzer überstreifen? Zu ihrem Schutz? Wovor denn wenn ich fragen darf? Der Fluch ist bezwungen. Die verräterischen Falken sind ausgelöscht. Doch wenn es nach Euch ginge, dürfte sie nicht einmal Dammwild im Larisgrün jagen. Es gab Tage, da hattet Ihr allen Grund zur Sorge ... zu viele Tage und zu viele Sorgen, gar keine Frage ... Doch inzwischen ist sie zu Eurem Dämon geworden, beherrscht euren Verstand und trübt euren Blick. Wenn Ihr Arúen schützen wollt, dann bekämpft diesen Dämon, anstatt die Lebensfreude und das Lachen, das beides endlich wieder zu ihr fand. Seht ihr nur einmal in die Augen, Shu're, nur ein einziges Mal."
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Mitarlyr

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Sonntag, 30. Juli 2017, 19:50

Scheinbar ist ihm der Kopf noch nicht gründlich genug gewaschen worden. Denn bei allem Verständnis für Gildin und seinen Vater, das im ersten Satz Tyalfens mitklingt, hält sich der Laikeda'ya doch auch nicht mit weiteren Vorhaltungen zurück. Und zu hören, was Arúens Gefährte über deren Seelenleben sagt - über das er anscheinend erheblich besser im Bilde war und ist als ihre eigene Familie - trifft ihn. Es trifft ihn tief und rührt an jenem Teil seines Wesens, der immer nur eines gewollt hat: Seine kleine Schwester zur Seite zu stehen und sie vor allem zu beschützen. Jenen Teil, der nur schwer akzeptieren kann, dass er genau dazu nicht in der Lage gewesen ist, denn weder vor dem Fluch noch vor den Taten der AnCu oder der Zurückweisung durch den Templer hat er sie bewahren oder schützen können. Jenen Teil, dem es ungeachtet all der verstrichenen Jahreskreise schwer fällt, sie eben nicht mehr als seine kleine Schwester, als hilf- und wehrloses Kind zu sehen.

Er weiß, wie streng Arúen gegen sich selber sein kann, oder konnte wenn er der Hoffnung, die in Tyalfens Worten liegt folgen will. Ihre Selbstdisziplin, die an manchen Tagen ohne weiteres selbst die ihres Vaters in den Schatten zustellen vermag - und dessen Disziplin und eisernes Pflichtbewusstsein sind längst sprichwörtlich geworden. Aber Unsicherheit ihrer selbst ist eine Eigenschaft, die er nicht mit seiner Schwester in Verbindung gebracht hätte. Auf ihn hatte sie nie gewirkt als sei sie sich ihrer selbst nicht sicher. Zweifel erwachen in dem Shida'ya. Hatte er die Zurückhaltung, die Zurückgezogenheit seiner Schwester zu leichtfertig als Reaktion auf den Fluch und seine Folgen hingenommen? Hatte er ihre eiserne Selbstdisziplin vorschnell als einen von ihrem Vater ererbten Wesenszug interpretiert? Hatte er wirklich nicht erkannt, dass das was Arúen die Welt um sich herum hatte sehen lassen nicht mehr gewesen war als ein Harnisch und eine Maske, hinter der sich Unsicherheit, Selbstzweifel und Verletzlichkeit verbargen?
Einige Andeutungen, die Andovar damals nach seiner Rückkehr aus Talyra gemacht hatte, nachdem der Fluch gebrochen gewesen und Rialinn zur Welt gekommen war, kommen ihm wieder in den Sinn. Sein Eidbruder hatte eines Abends gemeint, dass Gildin zwar Arúens Bruder sei, dass er aber nichts über seine Schwester wisse, nichts von dem Labyrinth in ihrem Inneren, von der Schwärze der Angst und Schuldgefühlen, die sie nicht zur Ruhe kommen ließen, nichts von dem Schmerz, ihre Mutter nie gekannt und mit ihrem Aussehen, das dem ihrer Mutter so unglaublich gleicht, den Vater jeden Tag und jede Stunde an den Verlust erinnern zu müssen, und nichts von ihren Träumen und Sehnsüchten.
Für eine ganze Weile kommt Schweigen zwischen den beiden Elben auf, während Gildin sich das gehörte von jetzt und einst durch den Kopf gehen lässt.

"Wie es scheint wisst Ihr mehr um die Seele meiner Schwester als ich… oder mein Vater… Könnt Ihr Euch vorstellen, wie schwer es ist, sich das eingestehen zu müssen?" Mit einer fahrigen Bewegung fährt er sich durch die Haare, während er stockend die Luft aus dem Lungen entweichen lässt, die er unbewusst angehalten hat. "Es ist ähnlich schwer, wie die eigene Schwester niederschlagen zu müssen, weil Besinnungslosigkeit die einzige Möglichkeit ist, sie davor zu bewahren sich in einem Ausbruch des Fluches zu verlieren." Dass er an dieser alten Erinnerung rührt, sie gar ausspricht merkt er erst, als sein Blick den Tyalfens trifft. "Keine Wahl zu haben, macht die Entscheidung um keinen Deut einfacher. Aber ich habe sie getroffen und werde damit leben." Das Entsetzen, das er damals dabei empfunden hat, flackert unvermittelt in seinen Augen auf.

Zu hören, wie der Smaragdelb Arúen eine atemberaubende Frau nennt ist verwirrend. Sie ist eine schöne Frau, ja, aber sie ist seine Schwester. Er hat sie nie mit den Augen eines Mannes sondern immer mit denen eines Bruders gesehen und so ist seine Antwort darauf Schweigen.
"Andovar würde Euch vermutlich zustimmen, dass Arúen eine wehrhafte Elbin ist. Er hat aber den Vorteil, dass er immer an ihrer Seite gewesen ist, wenn sie sich den großen Kämpfen ihres Lebens stellen musste. Denn wir Ihr so treffend bemerkt hab: Weder unser Vater noch ich waren bei ihr als sie den AnCu in Wegesend in die Hände fiel, als sie den Fluch brach und den Dämon vernichtete oder als die AnCu sie und Rialinn im vergangenen Sommer überfallen haben. Das Schicksal hat es nie erlaubt, dass wir unser Versprechen, sie immer zu beschützen und zu verteidigen auch erfüllen. Andovar war bei ihr, als der Fluch gebrochen wurde, er sah, wie der Dämon vernichtet wurde. Er war auch beim Kampf gegen die AnCu an ihrer Seite, aber das wisst Ihr. Ich dagegen kenne meine Schwester nur von ihrer sanften, stets beherrschten Seite. Oder vielmehr kannte sie nur als sanftes Wesen… bis gestern Abend. Wisst Ihr, als Andovar im letzten Zwölfmond nach Lomirion zurückkehrte, da hat er etwas über Euch gesagt, das offensichtlich wahrer ist, als ich bisher erkennen konnte oder wollte." Das letzte Eingeständnis fällt Gildin nicht eben leicht, aber die Ehrlichkeit gegenüber Arúens Gefährten gebietet es ihm. "Andovar meinte, Ihr könntet sie so annehmen wie sie ist, mit all ihren Stärken und Schwächen und mit allen Aspekten ihres Wesens und ohne vor einer ihrer Seiten zurückweichen. Ihr könntet mit ihrer sanften Seite ebenso umgehen wie mit ihrer Strenge gegen sich selbst und würdet es sogar schaffen, ihre eiserne Disziplin zu durchbrechen. Und dass Ihr ihre wilde Seite als einen Teil von ihr akzeptieren würdet, wie es vielleicht nur ein Laikeda'ya könne… Ihr habt aber einen großen Vorteil gegenüber uns allen, Tyalfen: Ihr habt nie erleben müssen, wie der Fluch sie in seine Klauen hatte. Und dafür solltet Ihr den Göttern danken. Vielleicht sollten wir alle dafür dankbar sein, dass Arúen und Rialinn an Eurer Seite ein Leben finden können, auf dem nicht die Schatten der Vergangenheit lasten."

Für einen Moment bleibt sein Blick an der großen Jadekaraffe hängen, die einst das Hochzeitsgeschenk Ninianes und Crons gewesen war. "Ihr in die Augen sehen? Das habe ich getan. Und glaubt mir, es ist ziemlich irritierend. Arúen hat unserer Mutter schon immer beinahe wie ein Zwilling geglichen, nicht nur in ihrem Aussehen sondern auch in ihrem ganzen Wesen. Nur die Augen unterschieden sich. Wo die unserer Mutter von einem dunklen Waldgrün waren, hatten die meiner Schwester die Farbe von grüngrauer Jade. Mit der Geburt von Rialinn hat sich die Ähnlichkeit in ihrem Wesen sogar noch verstärkt. Und jetzt… Götter… ihre Augen sind… jetzt gleichen auch ihre Augen denen unserer Mutter." Ehe er weiterspricht, fasst er den Aniran fest in den Blick. "Und nicht davon werde ich gegenüber meiner Schwester je aussprechen. Sie hasst es, mit unserer Mutter verglichen zu werden. Nicht zu Unrecht wie ich zugeben muss, denn die meisten reduzieren sie auf ihre Abstammung als Tochter von Winterwinds Blut… Diesen Fluch aus den Köpfen der Elben zu bannen dürfte noch Generationen dauern, fürchte ich."

Kurz wandert sein Blick aus den Fenstern in den Garten und richten sich seine Sinne auf den Gang vor dem Zimmer, doch weder Arúens noch Andovars Anwesenheit oder die der Menschen dieses Haushaltes kann er spüren. Schon einen Herzschlag später richtet sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Tyalfen. "Sie hat Euch ihren wahren Namen genannt und von Wegesend erzählt?" Der Satz ist sowohl Feststellung als auch Frage und die Antwort kommt eben so prompt wie knapp. Aber dafür nicht weniger ausführlich. "Ja. Alles." Das lässt Gildin mit einem ernsten Nicken reagieren. Es ist dieser Moment, in dem er nicht nur erkennt welche Position der Laikeda'ya an Arúens Seite und hier auf Vinyamar innehat sondern bereit ist wirklich anzuerkennen hier Arúens Mann und dem Hausherrn des Ulmenanwesens gegenüber zu stehen - fehlende Vermählung hin oder her. "Das wissen außer Euch nur vier weitere lebende Elben auf Roha."
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Tyalfen

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Freitag, 4. August 2017, 17:35

Irgendeinen wunden Punkt muss Tyalfen angetastet haben, denn Gildins Blick verliert sich irgendwo in fernen Gedanken und ein Weilchen herrscht Schweigen zwischen den beiden Männern. Tyalfen ist sich dessen bewusst, dass aller Selbstbeherrschung zum Trotz seine Worte nichts an Schärfe verloren hatten. Zu viel davon? Halb abgewendet und unter gesenkten Lidern beobachtet er die Züge des Hochelben unaufdringlich aber aufmerksam, die Anspannung über mahlenden Kieferknochen und hofft inständig, die Seite, die er gern wachrütteln wollte, gewänne den inneren Kampf. Es ist seltsam auf der anderen Seite zu stehen und zu erfahren, wie es sich anfühlt, sich gegen verfahrene Einstellungen behaupten zu müssen. Euresgleichen wird ja schon allwissend geboren und ist von Natur aus ach so unfehlbar, hat ihm Aidan seinerzeit an den Kopf geworfen und Tyalfen muss zugeben, auch wenn er das nun mit Sicherheit nicht von sich oder seinesgleichen behaupten würde, geschweige denn glaubt, aufgeführt hat er sich genau so. Da fragt Mitarlyrs Erbe, ob er sich vorstellen könnte, wie schwer es ist sich einzugestehen, sein Schwesterchen doch nicht besser als jeder andere zu kennen - eine Frage, die nicht unbedingt nach einer Antwort schreit. Doch Tyalfens "oh ja" will nicht nur der Gedanke sein, der es hatte bleiben sollen. Aber Gildin scheint seinen Stoßseufzer ohnehin nicht bemerkt zu haben.

Geistesabwesend streicht sich der Shida'ya durchs offene Haar, um im nächsten Augenblick Tyalfen die Atemluft scharf einziehen zu lassen. Und obwohl er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erahnt, dass es wohl keinen anderen Weg gegeben hatte, Arúens Bewusstsein auszuschalten, bevor der Dämon Kontrolle darüber gewann, weiten sich seine Augen entsetzt und treffen auf Gildins nicht weniger aufgewühlten Blick. "Ihr hattet..." keine Wahl, will er dem Klingentänzer erwidern, da kommt Gildin seinem Gedanken zuvor. Nein, einfacher macht es das nicht, glaubt ihm Tyalfen sofort und lässt ihn auch nicht los, als der Sternenadler nach einem stillen Moment weitere, tiefe Einblicke in seine inneren Zwiespälte gestattet, bis hin zu den Worten, die ihn seines Vorteils erinnern, Arúen in all ihren Facetten annehmen zu können. Vieles davon würde Tyalfen sofort unterzeichnen und nickt dazu, nur "das ist es nicht allein".

Darüber zu sprechen will Tyalfen nicht leicht fallen. Ist es ihm auch nicht, mischt sich die innere Stimme ein und hat leider auffallend Recht. Trotzdem braucht Tyalfen einen Moment, wendet sich ab hin zu der Anrichte, von der er ausgeht, sie beherbergt hinter ihren hübschen Türen ähnliches, wie jenes Schränkchen im unteren Kaminzimmer. Und tatsächlich soll er fündig werden. Es gehört ganz und gar nicht zu seinen Gewohnheiten, schon gar nicht um diese Zeit, erst recht nicht auf nüchternen Magen und diese neunmalkluge innere Stimme darf gern meinen, er schinde Zeit, aber das hier kann er jetzt ganz gut gebrauchen und der Sternenwächter vielleicht auch. Wortlos stellt er zwei kleine Kelche auf den Esstisch nahe dem Shida'ya ab und wirft einen flüchtigen Blick auf das altersdunkle Zettelchen, dass am Hals der bauchigen Braunglaskaraffe baumelt. Amberwîn af taihswon - Thanewîn - vierhundertirgendwas - dass kann doch keiner mehr entziffern, hm. So genau weiß Tyalfen nicht, was er sich da einschenkt (und Gildin mit einer Geste ermuntert, es ihm gleichzutun, sofern er will), aber es schmeckt nach einem Apfelbrand, sehr aromatisch und doch überraschend samtig für einen Obstbrand, dass er einem weich und leicht in die Kehle rinnt. Doch sowie Tyalfen Luft holt, entzündet sich das Feuer des Arduner Bernsteinweins und er muss sich die Linke gegen das Brustbein pressen. "Götter im Himmel..." Wie oft willst du das eigentlich noch sagen, lehnt sich Tyalfen schließlich gegen die Tischplatte und starrt auf den Rest des Brandweines in seinem Kelch, dessen Farbe der von dunklen Waldhonig so ähnlich ist, dass es ihn nicht von ungefähr eines bestimmten Bildnisses erinnert. Arúen hatte es einst gebraucht.

"Ich bin nicht nur ein Laikeda'ya und mit Leidenschaft und Wildheit vertraut oder ein Aniran, der auch die Selbstdisziplin beherrschen muss. Ich lebte auch unter einem Schatten. Ist Euch der Berührte aus dem Krieg der ungezählten Tränen noch ein Begriff, seinerzeit vermutlich eher als Seelenfänger von Samara bekannt? Es war kein Gerücht. Die Rede war von mir und es war meine Gemahlin, die sich für mich opferte, schlimmer noch daran zerriss und nicht in Sithechs heilige Hallen finden konnte. Letzteres sollte sich allerdings erst hier in Talyra herausstellen. Da war nur ein seltsames Mal an meinem Leib, die unstillbare Liebe in meinem Herzen und die übermächtige Schuld auf meinen Schultern, nicht imstande gewesen zu sein, dass alles verhindert zu haben. Ich lief der sehnsüchtigen wie wahnsinnigen Hoffnung hinterher, sie mit ihrem letzten "Kuss", so nannte ich dieses seltsame Mal, eines Tages unter den Wiedergeborenen finden und erkennen zu können ... ein halbes Jahrtausend lang. Letztlich musste ich erkennen, dass ich einen Teil ihrer Seele in mir trug. Ich musste nicht erleben, wie der Fluch Arúen in seinen Klauen hatte, dafür musste ich erfahren, dass meine Liebe meine Gemahlin zerrissen zwischen den Welten hielt. Ich musste Arúen niemals niederschlagen, ich musste meine Gemahlin all unserer Gelübte entbinden und freigeben und akzeptieren, sie niemals wieder zu sehen. Da ist kein Vorteil euch gegenüber. Ich war dem Wahnsinn näher als dem Leben und reichlich abgeschreckt von Inaris Gabe. Das ist nicht unbedingt das, wofür ich den Göttern danken würde", hebt Tyalfen den Blick für einen flüchtigen Moment den Blick in Gildins Antlitz, wie auch den Kelch wie zu einem Trinkspruch. "Ich danke ihnen lieber für alles, fast alles, was sie hernach zusammenfügten und sie haben sich wahrlich als brilliante Ränkeschmiede erwiesen", vertreibt ein geheimnisvolles Lächeln voller Erinnerungen die letzte Düsternis von Tyalfens Zügen. "Auf die Götter!" Sagt's und leert den Kelch in einem Zug.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Tyalfen« (4. August 2017, 18:29)


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142

Montag, 7. August 2017, 21:32

Gildin ist sehr wohl bewusst, dass Tyalfen ihn beobachtet, auch wenn der sich halb anwendet und es nur unter den gesenkten Lidern hervor tut. Und wo er sonst eine gleichmütige Miene tragen würde, in der nur sehr wenige sehr eng vertraute Elben erahnen könnten was in ihm vorgeht, macht er jetzt und hier keinerlei Anstalten auf diese "Maske" zurückzugreifen. Wenn er will, dass dieses Gespräch die Wogen glättet und den Familienfrieden wiederherstellt - und das will er unbedingt - dann muss er dem Smaragdelben offen gegenübertreten. Und genau das tut er indem er ihm Einblick in seine Gedanken und Erinnerungen gewährt.

Auf seine Ausführungen, dass und warum der Laikeda'ya das Wesen und das Seelenleben Arúen besser verstehen und damit umgehen könne als ihre eigene Familie, nickt der erst zustimmen um dann darauf hinzuweisen, dass seine Abstammung von den Elben des Wandernden Waldes nur ein Teil der Wahrheit sei. Aufmerksam aber alles andere als wachsam ruhen die Augen des Shida'ya auf dem Aniran. Der Elb macht ihn zugegebener Maßen neugierig darauf, mehr über den Mann zu erfahren. Worte Tyalfens melden sich aus der Erinnerung an den vergangenen Abend zurück. >Ich Ich lasse die Meinen niemals im Stich.< In einem entfernten Winkel seines Geistes hatte sich schon da der Gedanken gerührt, dass die Vehemenz mit der Tyalfen reagiert aus einer Geschichte erwächst, die zu erfahren sich lohnen könnte um den Mann besser kennen und einschätzen zu lernen. Immerhin war es seinem Vater bisher kaum möglich gewesen irgendwelche Informationen über den Elben zu erlangen, die über das hinausgehen, was Arúen ihnen bereits geschrieben hatte. Und sein Gefühl trügt ihn nicht. Und das, was kommen soll scheint nicht leicht in Worte zu fassen zu sein. Denn Tyalfen wendet sich erst einmal der kleinen Anrichte auf der anderen Seite des Raumes zu und holt dort zwei kleine Kelche und eine bauchige Karaffe aus braunem Glas hervor. So wie er allerdings die in der Anrichte befindlichen Flaschen, Krüge und Karaffen gemustert hat ehe er diese herausholt, vermutet Gildin wohl nicht zu Unrecht, dass es stimmt, was Andovar im letzten Jahr berichtet hatte: De Elb gelte als eher langweilig und sei öfter im Haus der Bücher anzutreffen als in einer der Tavernen der Stadt. Der Brandwein, den Tyalfen sich einschenkt und auch ihm anbietet, sich ganz nach Wunsch zu bedienen ist also eher ein Hinweis auf die noch immer nicht gänzlich verklungene Anspannung des Elben als auf einen fragwürdigen Lebenswandel. In Anbetracht seiner eigenen Anspannung und inneren Unruhe nimmt Gildin ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten das Angebot an und tritt neben den Laikeda'ya an den Tisch um sich selber auch etwas einzuschenken. Der Stimme des Smaragdelben, seine Haltung mit der unbestimmten Spannung in den Schultern wie um sich gegen einen Schlag aus dem Hinterhalt zu wappnen, lassen unschwer erahnen wie schwer ihm fällt auszusprechen was er nun in Worte fasst.

>Ich bin nicht nur ein Laikeda'ya und mit Leidenschaft und Wildheit vertraut oder ein Aniran, der auch die Selbstdisziplin beherrschen muss. Ich lebte auch unter einem Schatten. Ist Euch der Berührte aus dem Krieg der ungezählten Tränen noch ein Begriff, seinerzeit vermutlich eher als Seelenfänger von Samara bekannt?<

Erst schüttelt Gildin nur stumm den Kopf während sein Verstand sich noch an dem Wort 'Seelenfänger' festhält und es einzuordnen versucht ehe er ihn kurz unterbricht. "Ich war selber nicht dort, habe nicht auf den Feldern von Samara gekämpft. Mein Vater hat dort gekämpft. Er hatte als Vertreter von Shu'Lanore Sessair zuvor am Großen Rat von Lanore Faêrfar im heiligen Hain von Ta'lar wegen des Verrats von Mordren Faêrlladirs teilgenommen. Ich hatte in Lomirion bleiben müssen." Seine Stimme macht keinen Hehl daraus, dass ihm das damals nicht Recht gewesen war zuhause bleiben zu müssen. Das, was Tyalfen ihm dann allerdings erzählt, verdrängt diese Erinnerung allerdings schlagartig und ist problemlos dazu geeignet ihm die Sprache zu verschlagen.

>Es war kein Gerücht. Die Rede war von mir und es war meine Gemahlin, die sich für mich opferte, schlimmer noch daran zerriss und nicht in Sithechs heilige Hallen finden konnte. Letzteres sollte sich allerdings erst hier in Talyra herausstellen. Da war nur ein seltsames Mal an meinem Leib, die unstillbare Liebe in meinem Herzen und die übermächtige Schuld auf meinen Schultern, nicht imstande gewesen zu sein, dass alles verhindert zu haben. Ich lief der sehnsüchtigen wie wahnsinnigen Hoffnung hinterher, sie mit ihrem letzten "Kuss", so nannte ich dieses seltsame Mal, eines Tages unter den Wiedergeborenen finden und erkennen zu können ... ein halbes Jahrtausend lang. Letztlich musste ich erkennen, dass ich einen Teil ihrer Seele in mir trug. Ich musste nicht erleben, wie der Fluch Arúen in seinen Klauen hatte, dafür musste ich erfahren, dass meine Liebe meine Gemahlin zerrissen zwischen den Welten hielt. Ich musste Arúen niemals niederschlagen, ich musste meine Gemahlin all unserer Gelübde entbinden und freigeben und akzeptieren, sie niemals wieder zu sehen. Da ist kein Vorteil euch gegenüber. Ich war dem Wahnsinn näher als dem Leben und reichlich abgeschreckt von Inaris Gabe. Das ist nicht unbedingt das, wofür ich den Göttern danken würde.<

Mit einem lauten Zischen atmet er ein um dann die Luft anzuhalten und den Elben vor sich eindringlich aus schmalen Katzenaugen zu mustern. Schweigen breitet sich im Kaminzimmer aus wie zäher Nebel während der Sternenwächter damit ringt, das eben gehörte wirklich zu verstehen, es zu begreifen und einordnen zu können. Keine ganz einfache Angelegenheit, wie er sofort zugeben würde, wenn ihn denn jemand fragen würde. Jetzt braucht er wirklich etwas von dem Brandwein, den er sich eben eingeschenkt aber noch nicht getrunken hat. Mit einem einzigen, kräftigen Schluck - der dem kostbaren alten Bernsteinwein bei weitem nicht gerecht wird - stürzt er die dunkle Flüssigkeit hinunter. Nur seiner in langen Zwölfmonden erworbenen Selbstbeherrschung ist es zu verdanken, dass nicht wie Tyalfen aufkeucht und sich unter dem Brennen des Alkohols vor das Brustbein schlagen muss. Das Gebräu ist weitaus stärker als der erste samtige Geschmack erwarten lässt. Seelenfänger… wie wahr… Kurz, für einen Herzschlag nur, lodert Angst um seine Schwester auf nur um sich so schnell wieder zu legen wie sie gekommen ist. Eine Geschichte, die zu kennen sich lohnen könnte?... Definitiv… ist der erste und ziemlich trockene Gedanke, dessen er sich wieder bewusst wird. Und die gestrige Erklärung Tyalfens, er sei nicht Hodor, ergibt nun um einiges mehr Sinn. Der Smaragdelb hatte tatsächlich unter einem Schatten gelebt, mit einer Schuld die er sich gab, weil er Unheil nicht hatte verhindern, seine Gemahlin nicht hatte retten können. Doch im Gegensatz zu dem Templer hatte Tyalfen nicht die Flucht angetreten sondern anscheinend mit an Wahnsinn grenzender Verbissenheit an seiner Hoffnung einer Wiedervereinigung festgehalten. Ein halbes Jahrtausend lang… mangelnde Treue kann man ihm wirklich nicht vorwerfen. Gildin kann sich gut vorstellen, dass es den Elben fast in den Wahnsinn getrieben hatte, als er das Schicksal seiner Gemahlin erkennen musste und ihrer Seele nur Frieden geben konnte, indem er sie von allen Gelübden die sie aneinander banden freisprach. Mit einem Neigen des Kopfes und einer Beileidsgeste erweist er Tyalfen den Respekt für das Vertrauen, ihm davon erzählt zu haben. "Von Inaris Gabe abgeschreckt? Nur zu verständlich nach einer solchen Erfahrung, wenn Ihr mich fragt… Nicht viel anders als Arúen… Dass der Templer sich von ihr abwandte, war schlimme und hat ihrer Seele tiefere Wunden geschlagen, als alles was zuvor in Wegesend geschehen war. Aber das wisst Ihr vermutlich besser als ich." Um seine Mundwinkel zuckt kurz so etwas wie ein respektvolles Lächeln ehe er wieder ernster wird - allerdings ohne dabei die kühle Beherrschtheit des vorigen Abends an den Tag zu legen. "Ich kann weder an Arúens Schicksal noch an Eurem etwas Gutes finden. Und ob das alles unabwendbar war, werden nur die Götter wissen. Ein Wissen, das sie wenn es nach mir geht gerne für sich behalten dürfen…"

Kurz bleibt Gildins Blick an der Bernsteinweinkaraffe hängen, schenkt sich dann aber doch besser kein zweites Glas ein. Er kann die Wirkung des ersten schon jetzt spüren. Zu wenig Schlaf. Noch kein Frühstück. Die Müdigkeit der langen Reise in den Knochen. Alles keine gute Grundlage für Alkohol am Morgen. Tee und ein kräftiges Morgenmahl … seufzt er innerlich.

>Ich danke ihnen lieber für alles, fast alles, was sie hernach zusammenfügten und sie haben sich wahrlich als brillante Ränkeschmiede erwiesen.<

Eine von Gildins Augenbraue wandert fast schmunzelnd kurz nach oben. "Ich werde Euch nicht fragen, auf was für göttliche Ränke Ihr da anspielt.", hebt er abwehrend die Hände. "Ihr habt vorhin gesagt, Ihr würdet meinem Vater alle Gelegenheit ermöglichen, Euch gründlich in Augenschein zu nehmen. Ein Angebot, dass er mit Sicherheit ausgiebig in Anspruch nehmen wird. Denn auch wenn er es versucht hat, konnte er bisher kaum etwas über Euch in Erfahrung bringen. Nicht einmal Shadâno Arkendir, ein alter Freund meines Vaters war bereit ihm Auskunft über Euch zu geben. Ein silberner Aniran, der nicht mehr ist als ein Gehilfe Arkendirs und Lehrmeister für die einfachen Ränge. Ihr werdet sicher verstehen, dass das unseren Vater skeptisch gemacht hat… Von dem, was Ihr mir heute über Eure verstorbene Gemahlin anvertraut habt, werde ich ihm nichts berichten. Zum einen weil ich denke, dass es mir nicht zusteht. Und zum anderen würde es ihn vermutlich gegen Euch einnehmen, wo er Euch doch besser unvoreingenommen gegenübertreten sollte. Mein Vater hat was Arúen und Rialinn angeht einen… sehr ausgeprägten… Beschützertrieb." Letzteres hätte gute Chancen auf die Untertreibung des Jahrhunderts, das ist Gildin sehr wohl bewusst und schimmert auch kurz in seinen Augen auf.
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Tyalfen

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Dienstag, 28. November 2017, 14:32

Ein verhaltenes Schmunzeln schleicht sich auf Tyalfens Züge ob der gestenreichen Bitte Gildins, ihn doch tunlichst mit den Ränkeschmieden der Götter zu verschonen, auch wenn der Sternenadler dies natürlich geschickter formuliert - halten oder gar vertiefen will es sich allerdings nicht, denn die aufkeimende Vermutungen, dass sich der Mann neben ihm selbst schon als Spielfigur in der Mächte Kalkül wiedergefunden haben könnte, liegt so verdammt nahe, dass sich Tyalfens Augen neugierig an dessen Antlitz heften, welches bislang bemerkenswert offen jede Regung widerspiegelt ... widerspiegelte. Wenn diesem Gedankenspiel auch nur ein Fünkchen Wirklichkeit anhaften sollte, so hat der Shida'ya noch weniger Interesse, davon zu erzählen als Tyalfen, der es immerhin zu einer Andeutung gebracht hat. Es ist aber nicht nur der Umstand, dass er selbst keine näheren Details preisgeben mochte, der Gildin jegliches Nachbohren erspart. Stattdessen will Tyalfen einmal mehr während dieser Aussprache auffallen, wie müde der Shida'ya insgesamt wirkt. Die leicht geröteten Lidränder, die Blässe auf seinen Zügen, Bewegung, die zwar nicht schwerfällig aber doch irgendwie nicht an die elegante Leichtigkeit heranreichen, die allen Elben so eigen ist, Klingentänzern im Besonderen - diese Anzeichen verraten einem geübten Blick die ruhelose Nacht und Tyalfens Blick ist geübt darin, derlei Dinge zu bemerken. Und dennoch hat sich Arúens Bruder der Konfrontation gestellt weit über die geforderte Entschuldigung hinaus. Nein Tyalfen will und wird nicht nachbohren, hat entgegen Andovars Bitte, nicht zu streng mit ihm zu sein, ohnehin schon offenkundig in Wunden gestochen, weil es eben sein musste. Das jetzt muss nicht sein, selbst dann nicht, wenn es vielleicht erklären könnte, warum sich der Erbe der Sternenadler keine Frau genommen und keine Kinder gezeugt hatte, die die Frage nach der weiteren Erbfolge gar nicht erst aufkommen ließen. Das ist und bleibt Gildins ganz private Angelegenheit. Tyalfen hat es nicht angesprochen und wird es auch nicht, doch wenn Rialinn eines Tages zu ihren Wurzeln zurückkehren und sich in den Aufgaben und Verpflichtungen des Hauses Mitarlyr unterweisen lassen möchte, um irgendwann einmal dieses Erbe anzutreten, wird er der Letzte sein, der seiner geliebten Tochter Steine in den Weg legt und Arúen, so wie er seinen Sonnenaufgang kennt, wird es auch nicht tun - vorausgesetzt Rialinn folgt ihrem ureigensten Wunsch.

So also bekommt Gildin die Möglichkeit, Abstand zu der Götter Ränkespiele zu gewinnen und nutzt sie. Dabei überrascht es Tyalfen nicht zu erfahren, dass Shu're Tianrivo über ihn Erkundungen angestellt hatte (das wollte er selbst schließlich auch, als Narsaên zunächst beiläufig einen Brautwerber erwähnte, bevor sich dieser als Virinrîl entpuppte), noch verwundert es ihn, dass das Oberhaupt der Sternenadler nichts Nennenswertes in Erfahrung bringen konnte - besonders nicht von Arkendir. Freund hin oder her, Shadâno Arkendir ist ein Aniran und zur lebenslangen Verschwiegenheit um alle Dinge verpflichtet, die er als solcher erfährt. Er, der Menschensohn Aneirin, die Druidin und Arúen sind die Einzigen, die neben seiner Familie und Naralîns Mutter Var'lalaith aus dem Hause Sîri'naut um diese Dinge wissen ... zumindest bis eben, da er es Gildin offenbarte und der schonungslosen Offenheit seines Schwagers in spe mit gleicher Offenheit begegnete und nicht enttäuscht werden soll. Die Momente, die es gebraucht hatte, eine solche Offenbarung zu verdauen, hat ihm Tyalfen anstandslos gewährt, seinen ersten Schrecken wie die folgende Anteilnahme gespürt und dem Gleichnis zu Arúens schlimmster Erfahrung im Stillen zugestimmt. Mit dessen vorsorglichem Entgegenkommen hat er jedoch beim besten Willen nicht gerechnet. Gildin als verbündeter Mitwisser wider seines Vater Wissbegier? Wenn Arúen ihn jetzt nur hören könnte, ist der erste Gedanke, der Tyalfen in den Sinn kommt und meint, was wenn nicht das wäre dazu imstande, die Wogen des rechtschaffenen Zornes seines geliebten Sonnenaufgangs wirklich zu glätten. Es ist der Moment, der Tyalfen restlos überzeugt, dass ihr Bruder verstanden hat, dass er die Sorge um sein Schwesterherz nicht länger zu einem alles beherrschendem Dämon werden lassen darf und dies dem Sternenwächter hoch anrechnet, sehr hoch wohlgemerkt.

"Jetzt gerade erinnert Ihr mich an Andovar", richtet sich Tyalfens Blick für einen flüchtigen Augenblick lächelnd in die Erinnerung an eine frühe Morgenstunde eines Inartages an der Gartenpforte von Arkendirs Heimstatt, die mit einer unheilvollen Befürchtung begann und in Eintracht sowie mit einem wertvollen Rat endete - so wie jetzt mit ihrem leiblichen Bruder. "Unsere Unterredung mag zwar aufreibend gewesen sein", richtet sich Tyalfens Augenmerk wieder ins hier und jetzt, "doch sie war gut und dafür bin ich Euch sehr verbunden. Danke und seid auf Vinyamar herzlich willkommen", reicht er Gildin die Hand - eine Geste der Versöhnung, die Arúens Bruder zeigen soll, dass er mit ihm im Reinen ist.
Wenn Du glaubst, dass Frauen das schwache Geschlecht sind, versuch mal nachts Deinen Teil der Decke wieder zu bekommen.

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Varin

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Freitag, 6. Juli 2018, 14:30

Die Iden des Taumond

15. Taumond 518

Sometimes life looks like losing a game of Jumanji

Mitte Taumond – der Winter und seine unbotmäßigen Schneemassen haben Talyra und sein Umland noch fest im Griff – steht Varin wieder einmal vor der glänzend schwarzen Tür des Ulmenanwesens. Im Sommer ist es hier sehr schön, das halbe Haus grün umrankt und blühend überwuchert, doch nun sind Blauregen und Goldregen kahl, nur der Efeu leuchtet satt und dunkelgrün zwischen den blassen Tönen des Winters – es ist, als hätte die kalte Jahreszeit Vinyamar seiner Farben beraubt und nur noch Schwarz-, Weiß- und Grautöne zurückgelassen. Es ist ein kalter Tag, obwohl die Veteranen mit ihren Kriegsverletzungen und selbst der uralte Maestar Ballabar seit Tagen jammern, das Wettere ändere sich bald – spätestens nächsten Siebentag. Das muss es auch, denkt Varin bei sich, denn die Bauern des Umlandes sitzen wie auf Kohlen und wollen ihre Felder bestellen. Dann schweifen seine Gedanken kurz zu seinem Lord Commander, der schon wieder nicht in der Stadt ist, weil er ja mit Lady Niniane wissen die Götter allein wo sonst wem hinterher jagen muss und Varin holt tief Luft. Wenn Olyvar hier wäre, könnte er das machen, schließlich ist er mit Lady Arúen befreundet und wäre ihr sicherlich ein besserer Trost als er. Irgendwie, er weiß selbst nicht wie, ist er in dieser Seuchensache zum Verbindungsmann zwischen Blaumänteln und Klerus geworden und außerdem inzwischen wohl auch so etwas wie Lady Arúens ganz persönlicher Unglücksbote, denn er war in den letzten Wochen schon zweimal hier und seine Neuigkeiten für die Hochelbin waren nie gut.

Erst hatte sich herausgestellt, dass auch erfahrene Anirani keinen blassen Schimmer hatten (und haben), mit was sie es da eigentlich zu tun haben, dann, dass die Seuche sich hartnäckiger hält, als jeder für möglich gehalten hat. Sie breitet sich auch immer noch aus, weil niemand ihre Ursache ausfindig machen kann, aber wenigstens tut sie das allen Göttern sei Dank relativ langsam... bisher jedenfalls. Rhordri, einmal mehr Lord Commander in Vertretung, hatte weitere dreihundert Blaumänteln zusätzlich zu denen, die ohnehin schon in Rhayader stationiert sind entsandt und die Grenzen zu Grìanàrdan sind bis auf weiteres geschlossen. Noch macht das nicht viel aus, aber wenn im Sturmwind die Reisezeit beginnt und die ersten Händler auf die Große Nordstraße wollen oder von ihr herabkommen, würde es Schwierigkeiten geben... oder umfassende Kontrollen, je nachdem, wie sich diese verdammte Seuche noch entwickelt. Soweit er weiß ist sie bislang noch nicht in die Nähe der größeren Straßen gelangt, sondern beschränkt sich auf das Grenzgebiet um Glasllyn, und sie können alle nur hoffen, dass das auch so bleibt. Inzwischen sind vier rhayadische Dörfer betroffen und wissen die Götter allein wie viele in Gríanàrdan. Varin klopft an und da er nun schon zweimal hier war, holt man ihn ohne Umschweife in die Küche, wo er bei Cassandra – einer wunderbaren Frau und noch viel wunderbareren Köchin, der Varin, der sonst ja keinen Weiberrock anbrennen lässt, allerdings mit nichts als höflicher Zuvorkommenheit und jungenhaftem Charme begegnet (schließlich ist sie Köchin und mit einer Quelle solcher Köstlichkeiten darf man es sich auf keinen Fall verscherzen) - ein paar frisch gebackene Scones mit Butter, Honig und Marmelade abstaubt. Dann wird er informiert, die Lady sei im Garten und weist ihm ungefähr die Richtung.

Es dauert auch nicht lange, bis er sie findet, zum Schutz vor der Kälte in einen pelzverbrämten Umhang gehüllt. "M'lady." Varin neigt den Kopf und kann in ihren Augen sehen, dass sie wohl schon mit einer weiteren Unglücksbotschaft rechnet – und leider hat sie nur allzu recht. "Tyalfen wird nicht mehr im Taumond zurückkehren, nicht wahr?" Hört er sie fragen und nickt. "Aye. Es tut mir leid, Lady Arúen, der Seuche ist nicht Herr zu werden. Der Rat der in Rhayader versammelten Anirani und Heilkundigen, dem Euer Verlobter angehört, war es selbst, der eine strikte Quarantäne verhängt hat. Wir dürfen nicht einmal mehr die Blaumäntel, die an der Grenze stationiert sind, nach Hause holen und gegen andere Truppen austauschen, um kein Risiko einzugehen. Bis jetzt hat sich noch keiner der unseren angesteckt, aber unter den Heilkundigen und ihren Gehilfen gibt es einen ersten Fall, nach allem, was ich gehört habe – sie waren nicht in der Nähe von Tyalfen, sondern mehr als einen Tagesritt entfernt im Einsatz, niemand in seiner Einheit ist krank. Sie suchen allerdings immer noch nach der Ursache, nach dem Ursprung der Krankheit, wenn ich die letzten Meldungen richtig verstanden habe... und wir können sie nicht nach Gríanàrdan gehen lassen, obwohl die ersten es vehement fordern." Er zuckt ein wenig hilflos mit den Schultern und fühlt sich in seiner Rolle als Tamanesbotschafter alles andere als wohl. "Alles andere wisst Ihr ohnehin schon und der Stadtrat hat auch keine anderen Neuigkeiten. Ballabars Heilkundigen haben sie die Raben noch nicht beschlagnahmt, um sie zu allen Dörfern im Grenzgebiet mit Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen zu schicken, also bekommen wir in der Steinfaust wenigstens noch Nachrichten von der Grenze. Wundert Euch also nicht, wenn Ihr keine Briefe mehr erhaltet... selbst wenn er dazu kommen sollte, Euch zu schreiben, wir kriegen kaum noch Botschaften durch und Meldereiter oder Läufer dürfen wir wegen der Quarantäne ja auch nicht einsetzen. Ich melde mich wieder, sobald ich irgendetwas in Erfahrung bringe, ich muss zurück ans Tor, meine Schicht beginnt gleich. Vielleicht habe ich das nächste Mal ja bessere Nachrichten für Euch."

Arwen

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Donnerstag, 12. Juli 2018, 14:07

Es ist Mitte Taumond und Talyra samt seiner Umland befindet sich noch immer im Griff von Kenens weißer Pracht. Der Himmel über der Stadt ist trüb und grau wie kalte Asche. Und passt damit erschreckend gut zu Arúens Stimmung. Von der Vorfreude aus dem Eismond auf die Reise nach Lomirion ist ihr nicht mehr viel geblieben. Die Reisevorbereitungen sind längst getroffen – soweit sie eben getroffen werden können, wenn man nicht weiß wann man denn aufbrechen kann und wird. Denn nicht nur, dass die Wetterlage die Wiederaufnahme des Schiffverkehrs über den Ildorel noch nicht zulässt, auch Tyalfen ist noch immer nicht aus den talyrischen Grenzlanden zurück. Seit jenem Tag in der Reederei, als Hauptmann Varin so unvermittelt aufgetaucht war und ihren Gefährten auftrags des Stadtrates vom Fleck weg im Namen seines Aniranischen Eides rekrutiert hatte, ist plötzlich alles ungewiss geworden, was zuvor noch so sicher schien.

In den vergangenen beiden Stunden, in denen Arúen die Mauern Vinymars regelrecht geflohen und mit den beiden Goldhündinnen am Seeufer gelaufen ist, hat sie ziemlich ausführlich mit dem Muster (oder vielmehr den Knoten) gehadert, die ein gewisser Schicksalsfüger da zusammengesponnen hat. Eigentlich sollte der Elbin nach dem strammen Marsch am Ildorelufer warm geworden sein, erstrecht in ihrem pelzgefütterten Mäntel doch dem ist nicht so. Sie friert innerlich und ihre Finger sind trotz der Handschuhe eiskalt und fühlen sich an, als würden sie vor dem Sommer nicht mehr auftauen wollen.

Auris und Nevis sind im Gegensatz zu ihrer Herrin bester Laune. Nach dem ausgiebigen Spaziergang laufen sie der Elben zufrieden hechelnd einige Schritt voraus als es noch auf einen kurzen Abstecher Richtung Stall geht. Dort stehen die Pferde draußen im Auslauf, während Gerion sämtliche Boxen einmal komplett ausmistet und mit neuer Einstreu versieht. Arúen ist so in grübelnde Gedanke versunken, die sich ausnahmsweise einmal nicht um die aufgeschoben Reise sondern um die hoffentlich bald anstehenden Arbeiten auf den Feldern vor der Stadt drehen, dass sie den Besucher im blauen Mantel der Stadtgarde erst bemerkt, als Shur wachsam den Kopf aufwirft und die beiden Hunde im selben Moment Laut geben.
Sie erkennt den Mann sofort, was auch kein Wunder ist. Immerhin hat sie den Hauptmann der typischen Wächtegarde in den letzten Wochen und Monden im Zusammenhang mit der unbekannten Seuche öfter gesehen und gesprochenals in den vergangenen fünf Jahren zusammen genommen.
"Hauptmann Varin, die Götter zum Gruße", erwidert sie seinen Gruß mit einem Neigen des Kopfes, "Ich würde ja gerne sagen, dass es mich freut sehen Euch zu sehen, aber… " Für einen Moment ruht ihr Blick auf dem Gesicht des Mannes, und nicht zum ersten Mal kann sie feststellen, dass er es was die Undurchschaubarkeit seiner Mimik angeht nicht zur selbe Perfektion gebracht hat wie sein Lord Commander. "Tyalfen wird nicht mehr im Taumond zurückkehren, nicht wahr?" Arúen spricht aus, was sie in seinem Blick zu erkennen glaubt und bekommt ein Nicken zur Bestätigung, dem dann eine ausführlichere Erklärung folgt. "Aye. Es tut mir leid, Lady Arúen, der Seuche ist nicht Herr zu werden. Der Rat der in Rhayader versammelten Anirani und Heilkundigen, dem Euer Verlobter angehört, war es selbst, der eine strikte Quarantäne verhängt hat. Wir dürfen nicht einmal mehr die Blaumäntel, die an der Grenze stationiert sind, nach Hause holen und gegen andere Truppen austauschen, um kein Risiko einzugehen. Bis jetzt hat sich noch keiner der unseren angesteckt, aber unter den Heilkundigen und ihren Gehilfen gibt es einen ersten Fall, nach allem, was ich gehört habe – sie waren nicht in der Nähe von Tyalfen, sondern mehr als einen Tagesritt entfernt im Einsatz, niemand in seiner Einheit ist krank. Sie suchen allerdings immer noch nach der Ursache, nach dem Ursprung der Krankheit, wenn ich die letzten Meldungen richtig verstanden habe... und wir können sie nicht nach Gríanàrdan gehen lassen, obwohl die ersten es vehement fordern."
Das sind zwar alles andere als gute Nachrichten, aber den Göttern sei Dank auch nicht die schlimmstmögliche, nämlich dass der Smaragdelb sich angesteckt hat und erkrankt ist. Nein, aber die würde dann wohl auch nicht Varin überbringen. So lange es nicht Olyvar ist, der die Nachricht bringt, geht es Tyalfen gut redet Arúen sich ein - und ignoriert dabei geflissentlich, dass der Lord Commander der Steinfaust momentan gar nicht in der Stadt weilt und bei der letzten Sitzung des Stadtrates ja von Rhordri vertreten wurde. Varin ist anzumerken, dass er sich in seiner Rolle als Kontaktoffizier zwischen Stadtrat und Klerus in dieser Seuchenangelegeheit im Allgemeinen und als Tamanesbotschafter für Arúen im Besonderen und in die er so unverhofft gerutscht ist alles andere als wohl fühlt. Einmal abgesehen davon, dass niemandem im Stadtrat, der Steinfaust oder dem Klerus in dieser Angelegenheit wohl ist.
"Alles andere wisst Ihr ohnehin schon und der Stadtrat hat auch keine anderen Neuigkeiten. Ballabars Heilkundigen haben sie die Raben noch nicht beschlagnahmt, um sie zu allen Dörfern im Grenzgebiet mit Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen zu schicken, also bekommen wir in der Steinfaust wenigstens noch Nachrichten von der Grenze. Wundert Euch also nicht, wenn Ihr keine Briefe mehr erhaltet… selbst wenn er dazu kommen sollte, Euch zu schreiben, wir kriegen kaum noch Botschaften durch und Meldereiter oder Läufer dürfen wir wegen der Quarantäne ja auch nicht einsetzen."

Ohne es ahnen zu können, rührt der Blaumantel an einem höchst heiklen Thema. Keine Briefe mehr erhalten? Hmpf… Seit dem Moment, in dem Tyalfen sich vor der Reederei von ihr verabschiedet hat, hat Arúen keine persönliche Nachricht mehr von ihm bekommen, von Briefen ganz zu schweigen. Nachrichten über ihn, die schon, im Rahmen der Berichte der Anirani und Heilkundigen. Auch von ihm, eben im Rahmen besagter Berichte, mit detaillierten Aufzeichnungen zu der Seuche, den Symptomen und veranlasten Maßnahmen. Informationen, die helfen sollen in den Archiven der Stadt und der Tempel und im Haus der Bücher Hinweise auf die Art der Seuche, ihre Behandlung oder gar Heilung zu finden. Aber keine persönlichen Zeilen für Arúen. Keine Antworten auf die Nachrichten, die sie ihm mit ihren eigenen Schneeraben geschickt hat. Keine einzige. Die Elbin fragt sich nicht zum ersten Mal, ob der Laikeda’ya zwischendurch überhaupt noch an Rialinn und sie oder an die Hochzeit und die geplante Reise nach Lomirion denkt. Aber sie wird den Dunklen tun und sich vor dem Blaumantel irgendetwas von ihrer zunehmenden Enttäuschung und Sorge anmerken zu lassen.

"Ich melde mich wieder, sobald ich irgendetwas in Erfahrung bringe, ich muss zurück ans Tor, meine Schicht beginnt gleich. Vielleicht habe ich das nächste Mal ja bessere Nachrichten für Euch." Bei diesem Wunsch kann Arúen nur zustimmend nicken. "Ich wünsche Euch eine möglichst ereignislose Schicht, Varin. Und für uns alle hoffe ich, dass es bald gute Nachrichten von den Grenzdörfern gibt." Arúen sieht dem Blaumantel noch hinterher, als der sich auf den Weg zurück zu seinem eigentlichen Dienst macht und ist in Gedanken schon dabei, die Nachrichten für Narsaên und Aneirin aufzusetzen um sie wissen zu lassen, dass es nichts Neues von Tyalfen gibt und der Aniran unverändert in den Grenzlanden ist.
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

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Varin

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146

Freitag, 14. September 2018, 23:08

Hell hath no fury…

"Heaven has no rage, like love to hatred turned, nor Hell a fury, like a woman scorned." (The Mourning Bride; William Congreve)

Beerenreif 518


Varin steht seit einem guten halben Glockenschlag im leichten Nieselregen zwischen den Ulmen, welche so namensgebend das Tor nach Vinyamar flankieren, und hätte am liebsten eine von beiden (oder noch besser beide) gefällt. Mit einer stumpfen Axt. Niedergebrannt. Mit Stumpf und Stiel. Einen Fetzer in die aufgespaltenen Wurzelstrünke gesteckt und ihn hochgehen lassen. Andererseits können die beiden Bäume nun so rein gar nichts für das Desaster. Er allerdings auch nicht und trotzdem sitzt er mittendrin und fragt sich immer noch, wie er eigentlich überhaupt hineingeraten ist. In den letzten Monden – genauer gesagt seit Taumond – ist er so etwas wie Lady Arúens ganz persönlicher Unglücksrabe geworden (nicht, dass er sich das ausgesucht hätte), zwar federlos und ohne Flügel, aber der einzige, den die Elbin überhaupt erhält. Und du flatterst mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder hierher, hmpf! Ihr spitzohriger Aniran hat ihr jedenfalls bis zum heutigen Tag keinen Raben geschickt und auch sonst keine Nachrichten welcher Art auch immer zukommen lassen, soviel weiß selbst Varin inzwischen. Das ist allerdings nicht der eisernen Selbstbeherrschung der Lady von Vinyamar geschuldet, die sich wohl eher die Zunge abgebissen hätte, als ihm Einblick in ihren Kummer zu geben, sondern mehr der Tatsache, dass er im vergangenen Sechstmond mittlerweile wohl einfach so oft hier war, dass man ihn in der Küche des Ulmenanwesens inzwischen schlicht als Inventar betrachtet. Außerdem ist er zwar durchaus schwer von Begriff, was die völlig unverständliche Gedankenwelt der Frauen ganz allgemein angeht (ob nun menschlich, elbisch oder sonstwas, alle gleich), aber er ist weder dumm noch blind. Erfreut war Lady Arúen bestimmt nicht darüber, dass er ein ums andere Mal mit schlechten oder zumindest schmerzlichen Nachrichten bei ihr gewesen war. Im Sturmwind hatte er ihr erklären müssen, dass die Seuche zwei weitere Dörfer erreicht hatte und er wirklich nicht sagen könne, wann die eingesetzten Heiler wieder aus den Grenzgebieten zurückkehren könnten; im Grünglanz musste er ihr berichten, dass vier Anirani und zwei Heilkundige erkrankt waren, aber nicht in der Einheit ihres Verlobten, im Goldschein dann, dass die Zahl der Toten inzwischen auf über dreihundert arme Seelen angestiegen und in ganz Talyra kein Singendes Kraut oder Kinkinrinde mehr aufzutreiben gewesen waren; im Sonnenthron hatte er ihr verkündet, dass es endlich seit einem Siebentag keine Neuerkrankungen mehr gegeben hatte – zumindest nicht auf talyrischer Seite, aber alle Gerüchte aus Gríanàrdans grenznahen Ländereien waren weiterhin alles andere als gut. Immerhin hatte er ihr das letzte Mal, als er hier gewesen war, so etwas wie vage Hoffnung darauf machen können, dass ihr Aniran in absehbarer Zeit wieder nach Hause kommen würde, denn es hatte den ganzen Sonnenthron über und auch jetzt im Beerenreif keine neuen Seuchenfälle mehr in Rhayader gegeben. Aber anstatt nun mit einer Botschaft zum Ulmenanwesen zu kommen, die diese Hoffnung endlich bestätigen würde, steht er hier mit der denkbar schlechtesten Nachricht überhaupt… oder nun ja, zumindest mit der zweit- oder drittschlechtesten. Tyalfen aus dem Haus Laifairgendwas ist nämlich weder an der Seuche gestorben, noch liegt er krank mit ihr darnieder, nein, der Blödhammel - 'Tschuldigung - hatte sich mit drei anderen übergeschnappten Heilkundigen und einer weiteren Anirana bei Nacht und Nebel - und trotz ausdrücklichen Verbotes! - über die klipp und klar ausgegebenen Befehle hinweggesetzt, und war über die Grenze nach Gríanàrdan verschwunden.

Der alte Xacbeart von Rhayader hatte getobt wie ein verschnupftes Branhorn, als er das erfahren hatte und gedroht, jeden Heilkundigen oder Aniran, der auch nur zu lange nach Norden schaue, höchstpersönlich am nächsten Schandbaum aufzuknüpfen und Varin hatte ihm insgeheim grimmig beigepflichtet. Aniranigewissen hin oder her: an den Grenzen zu Gríanàrdan herrscht schon seit langem blutige Unruhen, Talyra und das Fürstentum der Weyrs sind kaum noch einen Steinwurf von offenem Krieg entfernt, den Herren von Bailaweyr ist jede Einmischung in ihre Angelegenheiten – und eine solche Sache würden sie ganz sicher als genau das ansehen! – recht, um ihre Kriegstreiberei noch weiter zu schüren und niemand weiß, ob es in Prentywyll, der gríanàrdanschen Mark nördlich Rhayaders, überhaupt noch Kranke gibt, denen man helfen könnte – alle an den Grenzen stationierten Blaumäntel hatten die Feuer der dort brennenden Dörfer gesehen, die tage- und nächtelang den Himmel erleuchtet hatten. Wenn die Lords von Gríanàrdan schon keine Skrupel haben, ihre eigenen Landsleute den Flammen zum Fraß vorzuwerfen, wenn ihre Heiler ihnen nicht helfen können (sofern sie überhaupt welche hingeschickt hatten) braucht man nicht viel Einbildungskraft um sich auszumalen, was sie mit einem halben Dutzend ausländischer Heilkundiger anstellen würden, wenn sie ihrer habhaft werden. Der Idiot hat sich so gut wie selbst umgebracht und löst dabei am Ende vielleicht noch einen Krieg aus… und wofür? Damit er nicht nach Hause zu seiner wunderschönen, mächtigen, einflussreichen und obendrein auch noch wohlhabenden Elbin muss? Varin begreift es einfach nicht. Musst du ja auch nicht. Du bist nur der arme Idiot, der das jetzt irgendwie besagter Lady beibringen muss… Das ist leider wahr. Genauso wahr ist, dass er besser einen langen Stock und ein Pfund rohes Fleisch hätte mitbringen sollen. Mit drei, vier, fünf Schlucken von Maester Ballabars bestem Mohnblumensaft präpariert, um zu sehen, was ein Meisteralchemist für aufgebrachte Elbinnen tun kann, die dummerweise auch noch die Macht einer Hohepriesterin besitzen. Oder vielleicht rohen Fisch. Diese Spitzohren lieben doch allesamt rohen Fisch. Wie auch immer, wäre er nur so klug gewesen – hätte er daran einmal früher gedacht. 'Hätte, hätte Hundekette'… wie heißt doch das alte Sprichwort? Nichts ist so rachsüchtig wie eine verschmähte Frau. Varin schüttelt sich wie ein nasser Hund, dann stapft er mit grimmiger Entschlossenheit durch das Ulmentor und den Weg zum Haus hinauf und ist sich ziemlich sicher, heute noch als Frosch in einem Einmachglas samt Leiter (wenn er Glück hat) zu enden. Einen weiteren Viertelglockenschlag später steht er dann vor Lady Arúen, die ihn, als wäre alles andere noch nicht schlimm genug, auch noch um einen halben Kopf überragt (verflixte Elben, was müssen die auch so riesig werden) empfiehlt seine Seele (und seine Kronjuwelen) schon einmal in stummem Gebet den Göttern und rückt dann stakkatoartig mit der Sprache heraus – was bleibt ihm auch anderes übrig?

Arwen

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Sonntag, 16. September 2018, 21:50

Point of return

No matter how calm a woman is, never underestimate the beast that is hidden under the surface. She'll lose all control of herself when pushed to the breaking point.


Anfang Beerenreif 518 zur Stunde des Morgenrots




Es ist noch früh am Morgen, die Sonne ist an diesem regnerischen Morgen allenfalls als blasser Schemen hinter den blassgrauen Wolken zu erahnen. Doch wie an vielen - an zu vielen - Tagen zuvor steht Arúen in der geöffneten Terrassentür des großen Kaminzimmers und sieht hinaus in den Garten von Vinyamar. Zu dieser frühen Stunde kann sie sicher sein, dass außer ihr noch niemand wach und auf den Beinen ist. Auris und Nevis ruhen noch bei Rialinn in deren Zimmer, dessen hat sie sich versichert ehe sie nach unten gegangen ist. Und selbst Cassandra hat erst vor kurzem ihre Kammer verlassen und damit begonnen, das Morgenmahl in der Küche herzurichten. Abgesehen von ihrer nächtlichen Ruhetrance sind Momente wie dieser die einzigen Augenblicke des Tages, in denen sie nicht auf ihre Mimik und ihre Augen achten muss, nicht aufpassen muss, dass jemand hinter die Maske schaut, von der sie nicht einmal mehr weiß, wann sie sie wieder angelegt hat. Nein… ruft sie sich selber zur Ordnung, sie weiß ganz genau, seit wann sie ihre Maske wieder trägt. Sie weiß es auf den Tag, auf die Stunde genau. Und wenigstens sich selber gegenüber will sie ehrlich sein. Und wo sie gerade bei ehrlich zu sich selber sein ist, muss sie sich auch eingestehen, dass sie langsam aber sicher auch die letzte Hoffnung verliert, noch irgendwann wenigstens irgendeine Erklärung zu erhalten. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Wer auch immer dieses Sprichwort geprägt hat, hatte vergessen zu erwähnen, wie langsamer und schmerzhafter dieser Tod ist.

Dieser Zwölfmond hatte sich bisher von seiner denkbar schlechtesten Seite gezeigt, im persönlichen Bereich ebenso wie beim viel zu heißen und zu trockenen Wetter. Und dabei hatte im Silberweiß ihr Besuch in der Reederei von Shu're Shalhor zu einem ebenso unverhofften wie angenehmen Arrangement für die Reise nach Sorbonn geführt, die sie schließlich bis nach Lomirion führen sollte. Wie erwartungsvoll sie alle gewesen waren. Und dann war Hauptmann Varin mit der Botschaft des Stadtrates erschienen und alles hatte sich geändert. Silberweiß, Eisfrost, Taumond und schließlich der Sturmwind gingen ins Land und Arúen hörte nichts von Tyalfen. Die einzigen Nachrichten die sie bekam, waren jene, die Hauptmann Varin ihr im Auftrag der Steinfaust überbrachte.
Zu Inarianar hatten sie eigentlich schon in den Ebenlanden sein wollen. Stattdessen war sie ohne ihren Gefährten in der Weltenstadt und verbrachte die Nacht im Tempel der Wilden Herrin zusammen mit ihrer Tochter und den anderen Zöglingen des Tempels. Auch der Grünglanz war vergangen und sie hatte noch immer keine Antwort auf einen ihrer unterdessen zahlreichen Briefe an Tyalfen erhalten. Auf keinen einzigen. Und die Briefe waren alle zugestellt worden, dessen ist sie sicher, immerhin sind ihre Schneeraben stets unversehrt und ohne die Nachrichten zurückgekehrt. Aus irgendeinem Grund, über den Arúen lieber nicht so genau nachdenken will, scheint der Laikeda'ya sie zu ignorieren. Ganz egal was den Smaragdelben davon abhält auf ihre Briefe zu reagieren, selbst wenn er am nächsten Tag zurückkehren würde und einen für Arúen verständlichen Grund für sein langes Schweigen nennen könnte, die Mauer aus Eis um ihr Herz und ihre Gefühle ist mit jedem vergangenen Tag gewachsen und kann es längst mit der großen Mauer Dúnes aufnehmen. Doch ganz gleich wie es auch in ihrem Inneren aussehen mag, die Elbin hat es tief in sich vergraben, hat für alle Welt ihre Maske getragen, hat ihre Alltag bestritten und ist ihren Pflichten nachgekommen.

Die Stunde des Morgenrots hat gerade begonnen, als sie erst die Tür in ihrem Rücken leise gehen hört und dann die vertrauten Schritte Cassandras. Die Oberste Magd und Wirtschafterin Vinyamars stellt ein Tablett mit dem allmorgendlichen Tee auf dem großen Tisch ab. Doch als Arúen sich zu der Frau umwendet, zieht die Elbin fragend eine Augenbraue hoch. "Zwei Tassen? Haben wir Besuch?" "Ja, Frau Arúen, Hauptman Varin ist da… soll ich ihn hereinführen?" Ruckartig richtet sich der Blick der Elbin auf die Tür des Kaminzimmers, als ob sie den Hauptmann der Wächtergarde allein dadurch in den Raum befördern könnte. "Ja, natürlich, bring ihn bitte her." So gefasst sie auch wirken mag, in ihrem Inneren weiß sie nicht, ob sie auf die Nachrichten hoffen oder sie fürchten soll. Und der Tee auf dem Tisch dampft völlig vergessen vor sich hin.

Die Art und Weise, wie Varin den Raum betritt, angespannt und den Kopf ein wenig zwischen die Schultern gezogen wie zur Verteidigung, lässt Arúen nichts Gutes für den Inhalt der Nachricht ahnen, die der Blaumantel bringt. Und sie wird auch keines Besseren belehrt. Die Botschaft, die der Mann nach einem kurzen Gruß in raschem Stakkato überbringt, ist problemlos dazu geeignet, der Elbin für einige schier endlose Herzschläge die Sprache zu verschlagen. Sie hat ja mit manchem gerechnet, aber das… das ist… Für einen Moment weigert ihr Denken sich schlicht, das Gehörte zu akzeptieren, kann sich ihm aber nicht ewig verschließen. Niemand würde sie je wieder wegen eines Mannes weinen sehen, das hatte sie sich vor fünfzehn Jahreskreisen geschworen. Und bis jetzt hat sie dieses Versprechen an sich selbst gehalten. Doch in diesem Moment kostet es sie ihre ganze eiserne Selbstbeherrschung es auch durchzuhalten. Sie muss die Zähne so fest zusammenbeißen, dass sie knirschen und die Kiefermuskeln vortreten um die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. Ihre Fäuste sind so fest geballt, dass sich die Fingernägel tief in die Handballen graben. Nur die Übung mehrerer Zeitalter ermöglicht es der Elbin Worte zu finden um eine Frage zu stellen, auch wenn ihre Stimme vor Anspannung so gepresst klingt, dass Arúen sie selber kaum wiedererkennt. "Hat er etwas hinterlassen, das seine Gründe erklärt, oder… eine Nachricht für mich?" Als die Antwort nur in einem stummen Schütteln des Kopfes besteht, kann sie spüren, wie ihre Selbstbeherrschung langsam aber sicher zu bröckeln beginnt. "Dieser götterverfluchte, dämliche Scheißkerl!" So kurz der Ausbruch auch ist, er hat den Damm unwiderruflich eingerissen. Die Tränen sind stumm, da ist kein Jammern oder Schluchzen, Arúen scheint sie nicht einmal zu bemerken. Sie steht nur da, der ganze Körper angespannt vibrierend wie eine durchgezogene Bogensehne, die Hände zu Fäusten geballt und wer nicht vollkommen blind ist, kann sehen, wie sie um die Reste ihre Fassung ringt. Und wie sie verliert. Im selben Moment, in dem sie ihren Kopf ruckartig in den Nacken wirft, bricht ein unartikulierter Schrei aus ihr heraus, der in Verzweiflung und Schmerz beginnt und in loderndem Zorn endet, dem ein lauter elbischer Wortschwall folgt. "RES… DAMU TOE. CETSUANAES, AY IE TYS TULA. LANIAKAÊL KHÔLKHAIES. EORBRAKISON DRAÊDORLÂRIS. AYARESKHATAIT KHYAKHAIT." So und ähnlich geht es eine noch ganze Weile. Und auch wenn Varin des Shidar in keiner Weise mächtig ist, ist das angesichts Arúens Tonfalls auch nicht nötig, um zu verstehen, dass hier Männer im Allgemeinen und ein gewisser smaragdelbischer Aniran im Besonderen gerade alles andere als gut wegkommen. Doch selbst dieser verbale Ausbruch scheint noch nicht auszureichen, dass die Elbin sich und ihren Zorn wieder in den Griff bekommen kann. Mit dem nächsten Wutschrei landen erst die Teeschalen (leer) und dann die Teekanne (randvoll) zielgenau und laut klirrend an der Wandverkleidung zwischen zweien der großen Terrassenfenster, ehe das Tablett (nun leer) scheppernd an die gegenüberliegenden Wand prallt und von dort in Einzelteilen zu Boden geht.

Der Blaumantel ist klug genug um nichts zu tun, was sie womöglich noch weiter reizen könnte. Doch er atmet und das genügt um Arúens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dummerweise ist er obendrein der einzige anwesende Vertreter des männlichen Geschlechts und allein das genügt um ihn nun zur Zielscheibe ihrer Wut zu machen. "Ihr Männer seid doch alle gleich." Ob die Tatsache, dass sie sich wieder der Allgemeinsprache statt des Shidar bedient, ein gutes Zeichen ist oder nicht, wer weiß das schon. "Erst macht ihr große Versprechungen und legt Schwüre ab. Aber wenn's dann ernst wird und ihr auch die Pflichten tragen sollt, dann verschwindet ihr. Und dazu ist euch jeder Vorwand recht, umso besser, wenn er mit einem blauen Mantel daher kommt… HIERGEBLIEBEN! Diesmal wird nicht abgehauen!" Es gibt keine Vorwarnung, die Varin eine Gelegenheit zu Flucht oder gar Gegenwehr gegeben hätte, ehe ihn der Zauber trifft, den die Elbin binnen weniger Herzschläge wie aus dem Nichts auf ihn loslässt und der ihn zu absoluter Bewegungslosigkeit verdammt. So kann er nur reglos zusehen, wie eine Anukispriesterin mit wildem Haar auf ihn zukommt und ihn aus zornsprühenden Augen mustert wie ein Irbis, der seine Beute anpirscht. Der nächste Zauber braucht ein paar Gesten mehr und dauert einige Herzschläge länger, dafür sind die Folgen auch um einiges weitreichender: Von einem Moment auf den anderen ist Varin verschwunden, seine Kleidung sackt leer in sich zusammen und es ist nur noch ein dumpfes 'Quoark' aus dem Stoffhaufen zu hören. "Das hätte ich schon vor langer Zeit auch mit diesem Aniran tun sollen."



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RES… DAMU TOE. CETSUANAES, AY IE TYS TULA. LANIAKAÊL KHÔLKHAIES. EORBRAKISON DRAÊDORLÂRIS. AYARESKHATAIT KHYAKHAIT.
Männer… alle gleich. Arschlöcher, einer wie der andere. Verlogene Mistkerle. Wortbrüchige Verräterseele. Götterverdammter Scheißkerl.
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Cassandra

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Sonntag, 16. September 2018, 21:51

Anfang Beerenreif 518 zur Stunde des Morgenrots


Aufgeschreckt durch den lauten Schrei aus dem Kaminzimmer ist Cassandra augenblicklich aus der Küche, durch die Halle und läuft so schnell sie kann durch den Gang in den Anbau. Nur wenig hinter ihr kann sie die schweren Schritte von Ullmar hören, der natürlich auch schon auf ist und ihr unaufgefordert folgt. Die lauten, zornigen Worte einer elbischen Stimme lassen sie jedoch vor der Tür des Kaminzimmers stoppen. Das hört sich nicht an, als sei die Herrin in Gefahr oder würde bedroht. Aber SO wütend hat sie die Elbin in all den Jahren noch nie gehört. Genau genommen hat sie noch nie erlebt, dass die Hausherrin überhaupt je laut geworden wäre oder die Fassung verloren hätte. Was mag der Blaumantel bloß für Nachrichten gebracht haben? Vorsichtig und so leise wie nur möglich öffnet sie die Tür und späht in das für einige Momente beängstigend stille Kaminzimmer ehe dort wieder die wütenden Selbstgespräche der Hausherrin einsetzen. Und bekommt gerade noch mit, wie sich der Blaumantel in Nichts aufzulösen scheint. "Götter im Himmel steht uns bei… Zurück Ullmar, ganz leise, aber schnell weg hier." Ohne jede weitere Erklärung macht Cassandra auf den Hacken kehrt und schiebt den Altknecht hektisch vor sich her den Gang entlang. "Himmel, Cassandra, was ist denn, was…" "Ich weiß nicht, was los ist, aber die Herrin hat gerade, sie hat… Varin hat sich einfach in Luft aufgelöst, einfach so, weg. Und sie tobt vor Zorn." "Und was machen wir jetzt? Was machen wir?" Ullmar ist nicht weniger besorgt als Cassandra, vielleicht sogar noch mehr. Aber Cassandra steht auf Vinyamar nicht ohne Grund dem ganzen Gesinde vor, so erschreckt sie jetzt auch ist, sie behält einen klaren Kopf, zumindest eine klareren als Ullmar. "GötterStehtUnsBeiGötterStehtUnsBeiGötter… Denk nach Cassandra, denk nach… Blaumantel… Du musst zur Steinfaust, Ullmar, sofort, der Lord Commander soll kommen so schnell er kann. Sag ihm Lady Arúen… sag ihm sie ist zorntobend und hat Hauptmann Varin… irgendwie… weggezaubert."

Zum Glück stellt Ullmar keine unnötigen Fragen, sondern nickt nur und tut einfach was sie gesagt hat. Fast hätte sie ihn zurückgehalten, als er statt zur Haustür zur Küchentür läuft, doch dann wird ihr klar, dass er wohl zum Stall will um sich ein Pferd zu holen. Und er hat Recht damit: Zur Steinfaust muss er einmal quer durch die Stadt, da ist er zu Pferde schneller.
Cassandra selber versucht ihre amoklaufenden Gedanken zu sortieren während sie mit einem Ohr immerwieder in den Gang lauscht, ob die Elbin womöglich das Kaminzimmer verlässt. Sie kann die Stimme Lady Arúens noch immer hören und lautes Klirren und Scheppern, sie scheint sich also unverändert dort aufzuhalten. Unterdessen ist auch der restliche Haushalt auf den Beinen, kein Wunder bei dem Aufruhr, und sie schickt Daira hoch zu Rialinn. Das Kind soll unbedingt oben auf seinem Zimmer bleiben, Cassandra will nicht, dass das Mädchen seine Mutter in diesem Zustand sieht. Auch alle anderen sollen sich vom Kaminzimmer fernhalten. "Beeil Dich Ullmar, um der Götter Willen, beeil Dich und kommt mit Lord Olyvar zurück."
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Varin

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149

Montag, 17. September 2018, 13:46

Yes, dear

… you're absolutely right
Yes, dear, no there's no need to fight
Yes, dear, men must learn to... quork quak quork,
Quak quorkquork, quak quorkquork, quak? Quork! (frei nach Bodo Wartke)

Beerenreif 518, die Stunde des Frosches


Sein erster Kardinalfehler war, den rohen Fisch nicht mitzubringen, Varin hat es schon geahnt. Sein zweiter, den Mund aufzumachen und sein dritter, nach Nummer eins und zwei nicht auf der Stelle das Weite zu suchen. Stattdessen ist er, tapfer, aber dumm wie Bohnenstroh, geblieben, weil ihm das Motto der Wächtergarde 'Rückzug? Wir sind grade erst angekommen!' wohl schon zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das hat er jetzt davon. Er hätte einfach im Torturm bleiben sollen. Auf seinem Posten. Wo er hingehört. Ach was, er hätte im Bett bleiben sollen, in den weichen Armen der kleinen Nissa aus dem Nordviertel, die ihm die Nacht versüßt hat, denn heute ist einfach nicht sein Tag. Lady Arúen zu sagen, was ihr Verlobter getan hat, entpuppt sich nämlich als ungefähr genauso lebensmüde, wie einem angriffslustigen Muirastier mit einer roten Fahne vor der Nase herumzuwedeln, und für alle weißen Fahnen ist es danach schlicht zu spät – genaugenommen kommt Varin nicht einmal mehr dazu, sie überhaupt zu schwenken. So nimmt das Schicksal seinen Lauf und der Hauptmann der Wächtergarde bekommt all das – jawohl, einfach alles – ab, das eigentlich für einen ganz anderen Kerl bestimmt ist, der aber gerade nicht hier und greifbar (das ist ja das Problem) ist, sondern mehrere hundert Tausendschritt weit fort in Gríanàrdan (und damit weit sicherer)... und zwar die volle Breitseite.

>Dieser götterverfluchte, dämliche Scheißkerl!<
"Uhm... ja, sicher, M'lady..."
>RES... DAMU TOE!<
"Äh... hm... bitte, M'lady..."
>CETSUANAES, AY IE TYS TULA!<
"Oh, was immer Ihr..."
>LANIAKAÊL KHÔLKHAIES.<
"Kohlköpfe? Mit Eurer Erlaubnis, M'lady, ich glaube, ich sollte vielleicht besser..."
>EORBRAKISON DRAÊDORLÂRIS.<
"Gehen, meinte ich..."
>AYARESKHATAIT KHYAKHAIT.<
"Ja-haa, das war mein Stichwort, ich..."
Dann fliegt das Geschirr samt Inhalt, und Varin kann sich gerade noch rechtzeitig vor herumfliegenden Porzellanscherben und lauwarmem Tee ducken, doch, optimistisch, wie er ist, wertet er die Tatsache, dass sie immerhin nicht in seine Richtung gezielt hat, sogar noch als gutes Zeichen. Ha! Sein vierter Kardinalfehler an diesem Morgen, aber sei's drum. Er weiß aus langjähriger Erfahrung, dass nur noch geordneter Rückzug hilft, wenn die Weiber erst einmal damit anfangen, mit schweren Dingen zu werfen, und genau das hat er eigentlich auch vor, aber auch dazu kommt er nicht mehr. Er ist anwesend, er ist männlich (jedenfalls noch) und das genügt vollkommen, um das Fass zum überlaufen zu bringen. Es ist ja ein hübsches Fass, selbst so in Rage, aber dummerweise ist da noch die Sache mit der hochpriesterlichen Macht und auch der gehen gerade die Gäule durch.
>Ihr Männer seid doch alle gleich.<
"Wir...? Ach, wisst Ihr..."
>Erst macht ihr große Versprechungen und legt Schwüre ab.<
"Öhm... ja, falsche, verlogene Schweine, alle miteinander. Und so haarig. Ich..."
>Aber wenn's dann ernst wird und ihr auch die Pflichten tragen sollt, dann verschwindet ihr.<
"Pflich... sicher doch. Was immer Ihr sagt. Völlig unzuverlässig, in der..."
>Und dazu ist euch jeder Vorwand recht, umso besser, wenn er mit einem blauen Mantel daher kommt...<
"Vorwand? Ich muss... äh... weg. Genau. Äh... geha..."
>HIERGEBLIEBEN! Diesmal wird nicht abgehauen!<
Varin kommt tatsächlich noch zu einem entgeisterten "Wa..." aber weiter nicht mehr, denn er kann sich um der Götter Liebe Wille nicht mehr vom Fleck rühren. Nicht einmal mehr blinzeln. Oder schlucken. Schon gar nicht seinen Satz beenden. Sein letzter bewusster Gedanke, bevor die Welt sich auf einmal bedenklich aufbläst und geradezu gigantisch... Moment mal, schrumpft er etwa?... wird, ist denn auch der, dass dieser Tyalfen, sollte er sich je wieder in Talyra blicken lassen, ihm aber wirklich etwas schuldig ist. Aber sowas von etwas schuldig. Yffern! Gleich darauf wird er von irgendetwas sehr großem, warmen und dunklen schier erschlagen und findet sich in einer ziemlich unwürdigen Kauerhaltung auf dem Boden wieder. Er sitzt auch in irgendetwas dunklem, warmen. Er kann nichts mehr sehen, doch halt... er kann sehen, aber alles ist verschwommen, außer das, was er direkt vor der Nase hat und warum sieht er nicht... Hilfe... Irgendwie sieht er gleichzeitig viel mehr um sich herum – und wieso auf den Seiten, er hat doch gar keine Augen auf der Seite...? - und viel weniger, und alles ist unscharf und dunkel und... Moment... ist das etwa Leinen? So könnte sein Hemd auch von innen... aaaah! Er ist grün! Seine Hand ist grün! Und sie hat gar keine Finger mehr, sondern kleine Saugnäpfchen und.... oh, verdammt! Er ist ein Frosch! Ein! Frosch! Nichts wie weg hier! Schnell raus aus diesem Wäscheberg, bevor die Verrückte noch alles in einen Zuber mit kochendem Wasser schmeißt... weg hier, raus aus diesem Haus, und dann... Varin hat keine Ahnung, was er dann eigentlich tun soll, außer allen Störchen und Reihern dieser Welt möglichst aus dem Weg zu gehen, aber er muss hier weg, bevor Cassandra noch die Anweisung erhält, zum Mittag Froschschenkel zu machen. Dummerweise funktioniert zwar sein menschliches Denkvermögen einigermaßen (auch wenn ein Großteil dessen völlig davon vereinnahmt ist, den Schock zu verdauen), aber an der Fortbewegung mit Froschgliedmaßen muss er noch arbeiten. So bleiben seine verzweifelten Bemühungen vorerst bei ziemlich unbeholfenem Herumgekrabbel in der Diaspora seiner eigenen Wäsche... immerhin naht Hilfe. Seine Ohren scheinen zwar direkt hinter seinen Augen zu sitzen, was ihm extrem absonderlich erscheint, aber sie funktionieren, im Gegensatz zu seinem Sehen, denn alles, was weiter als eine gute Handbreit von ihm entfernt ist, kann er eigentlich nur noch in hell und dunkel, groß und klein unterscheiden. Im Augenblick erkennt er also nichts außer Hemdlinnen überall um ihn herum, und all sein Protestgeschrei – in das er augenblicklich ausgebrochen ist und das übersetzt etwa so lauten würde: "Hey! Verwandle mich sofort wieder zurück du durchgeknallte Spitzohrenhexe, du hast wohl den Verstand verloren!" (das 'M'lady' hat selbst er vorerst gestrichen) – kommt nur als "Quakquakquoarkquorkquak!" aus seinem Mund. Doch er hört sehr gut und den Stimmen nach zu schließen, die er gedämpft vernimmt, erscheinen in rascher Folge erst Cassandra, dann Ulmar im Raum... oder vielmehr hört es sich so an, als würden sie zumindest die Köpfe hereinstecken.

Irgendwo, noch gedämpfter, meint er Cassandra dann zu hören, die mantraartig die Götter anruft und schließlich – die gute Seele! - den rettenden Einfall hat, Olyvar her zu holen. "Quarkquorks!" ('Jawohl! Und zwar plötzlich, wenn ich bitten darf!', A. d. Ü.)
"Sag ihm Lady Arúen... sag ihm, sie ist zorntobend und hat Hauptmann Varin... irgendwie... weggezaubert"
"Quakquak?! Quoark!!!" ('Weg? Was heißt hier 'weg?' Ich bin hier!!!', A. d. Ü.)
Varin verdoppelt seine Anstrengungen, sich aus dem Wäscheberg zu befreien, entdeckt irgendwo in – wie ihm scheint – weiter Ferne einen Lichtschimmer und krabbelt hektisch darauf zu. Das fehlte ihm gerade noch, dass die Magd und der Knecht, die anscheinend nicht den Verstand verloren hatten, ihn hier mit der irren Furie allein lassen würden... oh nein! Doch als er sich durch den schier endlosen Ärmel endlich nach draußen vorgearbeitet hat, ist er natürlich längst mutterseelenallein mit einem ziemlich bedrohlich wirkenden Schatten (der nur die Elbin sein kann, doch extrem kurzsichtig wie alle Frösche, kann er das nicht wirklich erkennen), der außerdem wie ein eingesperrter Shenrahlöwe in einem viel zu kleinen Käfig Kreise dreht. Varin rettet sich mit einem beherzten Sprung in die Deckung von irgendetwas: es könnte ein Tisch sein. Oder ein Stuhl. Ein Hocker. Was auch immer. Da sitzt er nun, blinzelt, unterdrückt ständig den Drang, irgendetwas hinter seinen Wangen aufzublasen, verflucht sein Dasein und hofft sehr, dass der Lord Commander sich von seiner Frau (die einzige dieses Geschlechts neben Azra, die Varin im Augenblick im Geiste nicht mit Verwünschungen bedenkt) möglichst rasch loseisen kann, um ihm aus seiner misslichen Lage zu befreien. Wenn ihm denn zu helfen ist, was er ebenso inständig hofft. Und während er so dasitzt, mit dem Schicksal hadert und bibbert, wann immer der bedrohliche Schatten bedenklich nahe kommt, surrt eine Mücke vorbei, völlig unbeeindruckt von der Dramatik im Raum, und ehe er sich versieht... schwupp! Sie schmeckt noch nicht einmal widerlich. Er hasst sein Leben. Heute. Ist. Nicht. Sein. Tag.

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