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Sonntag, 6. August 2017, 21:11

Ensorcellment
(n.) the act of enchanting

24. Sonnenthron 517

The loneliest moment in someone's life is when they are watching their whole world fall apart, and all they can do is stare blankly. (F. Scott Fitzgerald)


Fianryn ist ebenso selig wie ihre Brüder und ihre Ziehgroßeltern, ihren Da endlich wiederzuhaben – sein merkwürdig hohl klingendes, und doch so warmes Lachen zu hören, als er sie in die Arme schließt, das in ihrem Innersten widerzuhallen scheint. Gleichzeitig macht sie sich schreckliche Sorgen, denn sie ist ja nicht blind. Sie kann sehen und spüren, dass er verändert ist… dass etwas Schreckliches mit ihm geschehen sein muss, dass er Furchtbares erlebt hat. Sie kennt ihren Vater nur stark, als felsenfest verlässlichen Mann, der immer Herr der Lage und jeder Situation gewachsen ist. So traurig, so verschlossen hat sie ihn noch nie gesehen, und das macht ihr mehr Angst, als sie in Worte fassen könnte. Sie klammert sich an ihn und er umarmt sie mit der ganzen Kraft, auf die sie gehofft hatte, doch irgendetwas in ihm ist zerbrochen. Sie spürt es, ebenso wie Connavar, selbst Njáll, obwohl er viel jünger und nicht mit empathischen Elbensinnen gesegnet ist. Auch Rhordri und Morna scheinen es wahrzunehmen, und sie alle scharen sich um Olyvar, als könnten sie ihn irgendwie abschirmen, ihn beschützen, ihm Kraft geben. Das scheint auch zu helfen, denn die Anspannung in seinen Schultern lässt ein wenig nach, und er lächelt sogar ein paarmal, obwohl es seine Augen nur erreicht, wenn sein Blick sie selbst oder ihre Brüder streift. Der stumme Blickwechsel ihres Vaters mit Niniane ist ihr nicht entgangen, ebenso wenig wie der plötzliche Schmerz in seinen Augen, und mit einem Mal glaubt sie zu ahnen, was passiert ist. Rayyan ist mit ihm nach Azurien gegangen… aber er ist nicht mit ihnen zurückgekommen. Rayyan ist nicht hier. Er ist genauso tot wie der Narrenkönig. Oh, Da… Fianryns Herz ballt sich zu einem kleinen Klumpen aus Entsetzen zusammen. Sie tauscht einen verstörenden Blick mit Connavar, fühlt das vertraute Senden, als ihr Zwillingsbruder, der ihr in den letzten Wochen so merkwürdig fremd geworden ist, als könne er nicht mehr mit ihr auf ihrem Weg in die Welt der Erwachsenen Schritt halten – etwas, das sie nicht bewusst in Worte fassen könnte, aber instinktiv spürt – zaghaft seine Gedanken nach ihren ausstreckt:
Ryn?
Ja?
Da ist ganz komisch, Ryn.
Ich weiß. Es ist Rayyan. Ich glaube… ich glaube, er ist auch tot, Conn. Er hat den Narrenkönig und Rayyan verloren.
Er hat nicht einmal nach... du weißt schon... gefragt.
Muss er das denn? Er sieht ja, dass sie nicht hier ist.
Bevor ihr Bruder nach dem Warum fragen kann, hat sie ihren Geist schon wieder vor seinem verschlossen. Sie hält keine Fragen nach einem Warum aus, vielleicht, weil sie auch keine Antworten für Connavar oder Njáll hat, erst recht nicht, für ihren Vater. Manchmal ist es schwer, die Älteste zu sein.

Bisher hatte sie nur Augen für ihren Da, doch allmählich bemerkt sie auch die anderen um sie her, begrüßt Lady Niniane, die sie alle der Reihe nach in ihre Arme zieht und deren geheimnisvoller Duft nach Frühling, Waldmoos und Kräutern sie immer an irgendetwas lange verloren geglaubtes zu erinnern meint, winkt Kalam mit einem schüchternen Lächeln und registriert mit einiger Verwirrung, dass der Sithechjünger kein Sithechjünger mehr ist, sondern ein Mensch und außerdem die blonde Malankari, diese Karamaneh, im Arm hält, als gehöre sie ihm – gleich darauf schnappt sie auch irgendwo auf, dass die beiden ein Kind erwarten. Dass Kalam verheiratet ist, hatte sie schon vor Wochen von Shaerela gehört, die ihr brühwarm erzählt hatte, dass sich Borgil an Inari furchtbar über irgendeinen Brief aus Azurien aufgeregt und ihre Mutter den Zwerg deswegen ausgelacht hatte. Karamanehs Name war dabei bestimmt auch gefallen, doch irgendwie hatte sie ihn gar nicht mit der blonden Malankari, die sie ja immerhin vom Sehen kennt, in Verbindung gebracht. Sie kann es trotzdem kaum glauben (und findet das ganze insgeheim furchtbar romantisch, schließlich ist es ja fast wie in den Zwielichtklagen, nur ganz umgekehrt… oder nicht?) Gleich darauf gehen ihr Bræn, Heledd, Branon, Brion und Brevær kurz und fürchterlich auf die Nerven, doch der Rückfall in kindliche Selbstsucht dauert nur ein paar Herzschläge, dann seufzt sie schicksalsergeben. Alle Erwachsenen sind gerade mit sich selbst beschäftigt, und sie mag ja noch nicht wirklich zu ihnen gehören, aber sie ist einfach zu groß, um sich aufzuführen wie ein Baby. Also sammelt sie mit der ganzen Autorität einer großen Schwester die lauthals herum krakeelende Blutaxt-Brut ein und hält sie ein wenig am Rand des ganzen Geschehens zusammen - was ihr einen ehrlich dankbaren Blick Borgils einbringt - und versucht ihre eigenen unbestimmten Ängste, ihre Sorge um ihren Da und ihre ganze Verwirrung über die Tatsache, dass ein Teil ihrer so sicher geglaubten Welt ganz plötzlich fremd und anders erscheint, so gut sie es eben kann zu ignorieren.

Danach scheint sich alles in einem Zustand der Benommenheit abzuspielen: sie beobachtet Kalam, Rhordri und ihren Da, die viele Pferde vom Schiff führen, die alle unruhig wiehern und stampfen, und kaum einen Huf am Boden halten können. Sie sieht, wie Borgil von irgendwo her ein Fuhrwerk organisiert, auf das dann eine ganze Weile lang eine schier endlose Abfolge von Kisten, Truhen, Seesäcken, Schließkörben, azurianischen Seidenteppichen und kostbar aussehenden, kunstvoll verzierten und beschlagenen Sätteln samt den passenden Geschirren verladen wird; sie bemerkt Karamaneh, die ihr irgendwann mit den Kindern zur Hand geht und ein fremdes kleines Mädchen bei sich hat (sie erinnert sich, es auf Kalams Arm gesehen zu haben), eine Gestalt wie aus einem Märchen, so wunderschön und golden, dass sie selbst sich ganz farblos und unfertig neben der Malankari vorkommt. Nach einer Weile tritt auch eine schüchterne junge Frau, zart und silbrig wie ein Weidenzweig im Mondlicht, zu ihnen, die ihr ein scheues Lächeln zuwirft – das muss diese Zaleh sein, wegen der sie überhaupt erst alle nach Azurien gegangen waren; sie bemerkt, dass ihr Bruder ihr hin und wieder besorgte Blicke zuwirft, aber natürlich ist er bei den Männern und hilft, stolz wie ein nackter Azurianer in der Sommersonne, bei Männerarbeiten – in diesem Fall tut er sogar etwas wichtiges, er hält nämlich die beiden Fuhrpferde auf, damit die nicht einfach lospoltern, während der Wagen noch beladen wird. Sie lobt geistesabwesend Njáll, der sich ausnahmsweise benimmt und mit ihr zusammen ein wachsames Auge auf die quecksilbrigen Zwillinge Borgils hat, damit die nicht ins Hafenbecken fallen oder sonstigen Unsinn anstellen, und sieht wie Morna Klein-Braiden für Tante Azra hütet, weil die Harfenwirtin nämlich damit beschäftigt ist, mit gerafften Röcken auf der Ladefläche für Ordnung zu sorgen und zwischen all den turmhoch gestapelten Dingen dort Platz für ein halbes Dutzend Kinder zu schaffen. Irgendwann kommen sie endlich los. Alle kleineren Kinder sind auf dem Wagen, ebenso wie Karamaneh, Zaleh und Azra sowie das ganze Gepäck, während Borgil die Fahrleinen fest in den Händen hat – die Steuerung eines Fuhrwerks, das seine kostbaren Kinder und zukünftigen Enkel befördert, würde der Zwerg niemand anderem überlassen. Sie selbst führt eine wundervolle goldfarbene Stute namens Barria am Zügel, die nervös ist, sich aber mit ein wenig gutem Zureden leicht beruhigen lässt. Es ist Karamanehs Pferd und Fianryn ist sehr stolz darauf, das kostbare Tier anvertraut bekommen zu haben. Ihr Bruder hat eine Sandfarbene mit dunklen Beinen bekommen, ihr Da führt eine kastanienbraune mit hellen Strähnen in der Mähne, die Tamra heißt, wie sie am Rand mitbekommen hat, Rhordri hat eine Culstute, die nur ein wenig dunkler und rötlicher ist, wie die Connavars und Kalam schließlich hält links und rechts ein Tier, eine mitternachtsschwarze Stute und einen Hengst von einer Farbe, die sie noch nie gesehen hat. Seine silberne Mähne ist so lang, dass sie ihm bis weit über die Schultern fällt und sein ebenso silbergrauer Schweif würde am Boden schleifen, würde er ihn nicht so hoch tragen. Sein muskulöser Leib jedoch ist von einem tiefen, gräulichen Dunkelbraun. So ziehen sie unter nicht wenigen wahlweise bewundernden, wahlweise neugierigen Blicken durch das Hafenviertel und den Flussgrund hinauf in Richtung Marktplatz, und dann umfängt sie endlich der kühle Luxus und die sichere Geborgenheit der Goldenen Harfe.

Zahllose hilfreiche Hände sind zur Stelle, man nimmt ihnen die Pferde ab, das Fuhrwerk und das ganze Gepäck, und die Kinder verteilen sich schlagartig unter der wachsamen Aufsicht von Mägden und Knechten im Hof der Harfe oder sonst wo, auch Njáll, den ihr Vater mit ihnen gehen lässt. Connavar dagegen bleibt, ebenso wie sie, bei den Erwachsenen… ihr Da hatte ihnen versprochen, sie würden die ganze Geschichte hören und man würde sie schon mit der Brechstange von der Seite ihres Vaters entfernen müssen. Sie muss wissen, was in Azurien geschehen ist – was ihm widerfahren ist. Man bringt sie in die Jungfernkammer, einen separaten Nebenraum der Großen Schankstube, wo sie unter sich sein können, denn in der Harfe herrscht mittäglicher Hochbetrieb. Dort ist ein langer Tisch ziemlich festlich gedeckt und verführerische Essensdüfte lassen auf der Stelle ihren Magen knurren. Sie stolpert wenig elegant hinter ihrem Da her in den Raum hinein, so beschäftigt damit, den Blick schweifen zu lassen, dass sie die hochgewachsene Gestalt, die auf einmal direkt neben ihr steht, gar nicht bemerkt, bis es zu spät ist. Eine schwielige Hand legt sich unter ihren Ellenbogen, wohl um sie vor weiterem Straucheln zu bewahren, und als sie verwirrt aufblickt, sieht sie in ein Paar moosgrüner Augen und ein gut geschnittenes Gesicht. Rimeon. Sie weiß natürlich, wer das ist, einer von Borgils Ziehsöhnen… der Schmied, der ältere Bruder von Heledd und Jojeen. Aber sie hat ihn bisher kaum je wirklich zu Gesicht bekommen, schließlich steckt er sonst den ganzen Tag in der harfeneigenen Schmiede hinter seiner Esse und hämmert auf irgendwelchem Metall herum. So sieht er auch aus: obwohl er nur ein paar Jahre älter als sie selbst sein kann, kommt er ihr furchtbar groß vor. Seine Schultern sind fast so breit wie die von ihrem Da, er ist auch fast so hochgewachsen. Seine Arme sind sehnig und muskelbepackt, der ganze Rest von ihm ist es vermutlich auch und sie kann die Kraft in seinen Fingern spüren. Außerdem sieht er gerade mit einem sehr seltsamen Gesichtsausdruck und einem beinahe verärgerten Stirnrunzeln auf sie hinunter, wahrscheinlich, weil sie hier herumstolpert, als hätte sie zwei linke Füße. Zu ihrem allergrößten Elend spürt Fianryn, wie unter diesem missbilligenden Blick flammende Röte - der Fluch aller hellhäutigen, sommersprossigen, rothaarigen Geschöpfe dieser Welt - aus ihrem Hemdkragen ihren Hals hinaufkriecht und bestimmt gleich auch ihre Wangen überzieht. Also senkt sie hastig den Blick, kommt sich furchtbar dumm vor, murmelt eine nichtssagende Entschuldigung und beeilt sich, an die andere Seite ihres Das zu kommen. Der hat allen Göttern sei Dank nichts von diesem peinlichen Zwischenfall bemerkt, sondern seinen Arm um Connavars Schultern gelegt und sucht ihnen gerade einen Platz am Tisch. Als sie einen Moment später auf ihrem Stuhl sitzt, soweit entfernt wie nur möglich und die mit Holz vertäfelte Wand beruhigend in ihrem Rücken, ertappt sie sich dabei, wie sie geistesabwesend über die Stelle reibt, an der Rimeon so kurz und flüchtig ihren Arm berührt hat.


-> Die Goldene Harfe

Aneirin

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32

Samstag, 19. Mai 2018, 23:33

8. Beerenreif 516 – Sternreigentanz

Kurz ist Aneirin versucht, nach Lyalls frecher Zunge zu schnappen, als sie ihm diese entgegen streckt. Doch hat er einen Moment zu lange darüber nachgedacht und schon ist sie wieder hinter ihren süßen Lippen verschwunden, die sich daraufhin zu einem warmen Lächeln formen.
>>Es tut mir wirklich leid, was dir alles widerfahren ist. Und auch, dass Warge in deinem Leben wohl eine etwas… schwierige Position einnehmen.<< Aneirins Brauen heben sich vor Verwunderung ob ihrer Worte. „Das muss es nicht. Wirklich nicht. DU hast damit am wenigstens zu tun. Außerdem…“, setzt der junge Mann mit einem beinahe neunmalklug wirkenden Ausdruck auf dem Gesicht fort, „jammere ich hier gerade auf hohem Niveau. Es gibt genug Menschen mit richtigen Problemen… Auch, wenn man dieses ihr als wirklich echtes Problem bezeichnen könnte.“ Um ihr zu bedeuten, was er meint, hält er seinen Trinkbecher mit ausgestrecktem Arm vor sich und dreht ihn um, woraufhin sich nur ein winziger Tropfen von dessen Rand in die See verabschiedet. „Leer…“, seufzt Aneirin tief.
>>Ich danke dir, dass du trotzdem so offen zu mir bist. Und auch ich will offen zu dir sein. Sollte es irgendetwas geben, was du von mir wissen möchtest, egal was und egal wann, werde ich es dir beantworten.<< Verblüfft blinzelnd blickt er die Wargin wieder an und es braucht nur einen kurzen Augenblick, in dem sie äußert sein Bild über Warge wieder aufpolieren zu wollen, ehe er sie mit einem breiten Grinsen anschaut. „Egal was? Egal wann? Na, wenn du dieses Angebot nicht einmal bereuen wirst.“ In seinen Augen leuchtet es bereits schelmisch, während er noch abwägt, wie weit er sich einen Scherz mit ihr erlauben darf. Doch noch bevor er sie herausfordernd fragen kann, wie sich ihr Elb denn so im Bett schlägt, legt sie ihre Hand auf seine und versichert ihm mit fester Stimme: >>Ich bin froh, dich in meinem Leben zu haben, Aneirin. Solltest du jemals Hilfe brauchen oder Einsam sein, weißt du wo du mich findest.<< Einige Herzschläge lang starrt er sie nur erstaunt an. Vielleicht sollte er sie doch kü…

Wie um ihn vor einer großen Dummheit zu bewahren, beginnen die Sterne ihren Himmelstanz. Und obwohl Aneirin das Schauspiel nicht zum ersten Mal beobachtet, ist er doch aufs Neue fasziniert von diesem wunderschönen Anblick. Nebenbei fragt er sich ebenfalls nicht zum ersten Mal, wie es dort oben wohl sein mag, Dort, wo die Sterne herkommen. Nur beiläufig nimmt er den entfernten Jubel und die einsetzende Musik war.
Erst Lyalls Stimme kann seine Aufmerksamkeit wieder einfangen, als sie ihm erzählen will, was ihre Mutter einmal über Sternschnuppen sagte. >>Sie meinte, dass Ealara manche Sterne austauschen muss, wenn diese ihre Leuchtkraft verlieren. Dann tauscht sie diese durch neue, erholte Sterne aus. Die Alten dürfen sich dagegen ausruhen, bis ihre Zeit erneut gekommen ist.<< Aneirin löst seinen Blick von den fallenden Stern und mustert Lyalls feine Züge. Ihr Blick jedoch wirkt nach innen gekehrt als erinnere sie sich an etwas. Daher lächelt er nur zunächst nur sanft, ehe er meint: „Eine schöne Vorstellung.“
>>Es gibt aber noch eine Geschichte über die Sternschnuppen.<<, wirft Lyall daraufhin ein und erzählt ihm von der Vorstellung, dass jeder fallende Stern ein beendetes Leben in dem Krieg eines fernen Landes sei. Skeptisch runzelt er die Stirn und versucht das für einen Augenblick verloren gegangene Lächeln wieder zurückzubekommen. „Also, da gefällt mir die erste Erklärung deutlich besser“, schmunzelt er. >>Entschuldige. Wie gesagt, es war nur eine dumme Geschichte, nichts weiter.<< Kurz schüttelt Aneirin den Kopf. „Nein, dumm ist sie sicher nicht. Solche Geschichten kommen nicht ungefähr und oft steckt ein Fünkchen Wahrheit darin, mag es auch noch so klein sein.“
Lyall scheint es aber weiterhin unangenehm, solche eine Geschichte erzählt zu haben. Jedenfalls beteuert sie umgehend: >>Aber was ich mit Sicherheit weiß ist, dass Sternschnuppen Wünsche erfüllen. Und bei dem Überangebot ist sicher einer dabei, der den Wunsch in Erfüllung gehen lassen kann. Also los! Wünsch dir was!<< Aneirin blinzelt erst überrascht, lacht dann und hebt den Blick mit einem langgezogenen „Hmmm…“ wieder gen Himmel. Etwas wünschen. Da gibt es einiges und doch scheint vieles davon hier und jetzt nicht geeignet. Ganz so überzeugt wie Lyall ist er von dieser Behauptung nämlich nicht. Lieber etwas Kleines, Bescheidenes, Handfestes… Bei der nächsten Schnuppe, die er entdeckt, schließt er rasch die Augen und wünscht es sich.
Ein paar Herzschläge vergehen, ehe er sich wieder lächelnd der Wargin zuwendet und ob ihres fragenden Blickes lediglich mit der Schulter zuckt. „Hast du dir denn auch schon etwas gewünscht?“, will er wissen, ehe sie sich den Sternenreigentanz noch eine Weile still ansehen. Und doch ist es kein unangenehmes Schweigen zwischen, sondern das Einvernehmen, diesen wunderbaren Augenblick miteinander zu teilen und zu genießen. Ganz unbeschwert. Und Aneirin genießt, ist Hier und Jetzt einfach zufrieden. Und glücklich…
„Erzähl mir von dir“, bricht er das Schweigen als die Augenblicke bis zum nächsten fallenden Stern immer länger werden. Mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen mustert er Lyalls Gesicht, runzelt schließlich auffordernd die Stirn. „Auch wenn es sich nicht so anfühlt, eigentlich weiß ich kaum etwas über dich. Ich weiß, wer du bist, aber nicht wie du die geworden bist, die du bist. Wo du genau herkommst, wer deine Familie war, wie die kleine Lyall gewesen ist…“ Aufmunternd lächelt er ihr zu. „Magst du mir etwas erzählen? Irgendwas? Und wenn es nur eine Kleinigkeit ist?“
Avatar © 2013 liegt bei der wundervollen Azra

Lyall

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33

Mittwoch, 6. Juni 2018, 20:24

8. Beerenreif 516 – Sternreigentanz


Das Funkeln in seinen grünen Augen erlischt kurz als Aneirin diese schließt, um der Aufforderung der Wargin nachzukommen. Lyall spürt förmlich wie seine Gedanken sich formen und er einen Wunsch gen Himmel schickt, damit eine der unzähligen Sternschnuppen diesen mit sich fort tragen kann. Es muss ein guter, wohlüberlegter Wunsch gewesen sein, denn es vergehen ein paar Herzschläge bis er sie wieder anblickt.
Etwas neugierig ist sie ja schon und würde gerne wissen was ihr Freund sich gewünscht hat, jedoch weiß sie auch um den Umstand, dass ausgesprochene Wünsche sich nie erfüllen werden. So schweigt sie still, allerdings scheint er ihre unausgesprochene Frage zu spüren, denn er antwortet auf ebendiese mit einem Schulterzucken, bevor er auch sie nach ihrem Wunsch fragt. Anstatt gleich zu antworten, blickt sie zu den Sternen hinauf und versucht sich ebenfalls darin einen Wunsch in ihren Gedanken zu erschaffen. Sie hatte jetzt so viel zu diese Thema gesagt und Anekdoten erzählt, doch für sich selbst etwas wünschen? „Nein,“ sagt sie leise ohne ihn anzusehen. „Noch nicht.“ Sehr viele Sterne treten ihre letzte Reise nun nicht mehr an. Vereinzelt sind noch kleinere Schnuppen mit kurzem Schweif zu sehen, aber der „Regenvorhang aus Sternen“ ist versiegt. Das tiefe Blau der Nacht ist nun noch dunkler geworden und kleine zerfaserte Wolken streifen ruhelos über das Firmament. Während Lyalls Augen über die in kaltem Feuer leuchtenden Noven wandern, überlegt sie sich einen Wunsch, der es wert wäre gewünscht zu werden. Nun, da gäbe es sicher einiges!, gesteht sie sich selbst ein, doch überstrapazieren will sie ihr Glück nun auch wieder nicht. Und Großspurigkeit ist nun wirklich nicht ihr Ding. Sie hat hier alles gefunden was man sich nur wünschen kann und ist endlich rundherum glücklich. Manchmal so glücklich, dass es sie fast ängstigt. Doch als sie den nächsten kleinen fallenden Stern erblickt weiß sie schlagartig, was sie sich wünscht. Nicht unbedingt nur für sich selbst, sondern für alle, die über die Jahre so gut zu ihr waren und noch immer sind. Selbst wenn sie vielleicht nur eine kurze Rolle in ihrem Leben gespielt hatten.
Ich wünsche uns allen ein langes Leben, Frieden und Gesundheit. Denn worauf kommt es sonst am Ende an? Auch wenn es etwas abgedroschen klingt… Ja, das wünsche ich uns. „So. Jetzt habe auch ich mir etwas gewünscht.“, sagt die Drachenländerin plötzlich in die Stille hinein und lächelt ihn verschmitzt an. Dann rutscht sie zu Aneirin herüber und bettet ihren Kopf auf seine Schulter. Ruhe legt sich über sie beide, ebenso wie eine anheimelnde Stille, in der sie einfach froh sind den anderen zu haben und diese freundschaftliche aber nicht minder innige Nähe teilen zu dürfen. Mit ihren feinen Wolfsohren lauscht sie den Geräuschen des Lebens, horcht wie die Luft in seine Lungen hinein- und wieder hinausströmt und das Blut in seinen Adern stetig rauscht. Aneirins Herzschlag ist schneller als der von Cináed, doch nicht minder kräftig und bald hat das rhythmische Pochen Lyall mit einer angenehmen Schläfrigkeit überzogen. Lange sitzen sie so da in stiller Zweisamkeit, allein mit sich und ihren Gedanken, nur im Hier und Jetzt gehalten von der fern wirkenden Musik und dem stetigen Glucksen und Rauschen des Wassers, welches an der Kaimauer sacht anbrandet.
Dann jedoch merkt Lyall wie sich die Muskeln unter dem Stoff von Aneirins Hemd spannen, während er seine Haltung wieder strafft, was auch sie dazu bewegt es ihm gleich zu tun. Ihre Blicke begegnen sich, während sie ihren Kopf hebt und interessiert die Ohren aufstellt, um seinen aufkommenden Fragen besser Gehör zu schenken.

„Soso… du willst also mehr wissen? So schnell schon?“, lacht sie auf und knufft ihn neckisch in den Ellenbogen. Dann rutscht sie wieder etwas von ihm weg, um ihn besser ansehen zu können. Ein kleines kantiges Steinchen bricht dabei von der Mauerkante ab und bohrt sich unangenehm in ihre Handfläche, doch sie achtet nicht weiter darauf, pflückt es mit der anderen Hand von sich herunter und schnippst es vor sich in das schwarze Nichts, wo es mit einem leisen „Plitsch“ verschwindet. „Nun… wo fängt man an? Wahrscheinlich wie immer ganz am Anfang.“, sagt sie zugegebenermaßen etwas dröge, doch in ihrem Kopf rasen die Gedanken und versuchen einen kurzen Abriss über ihr Leben zusammenzubasteln, während sie bemüht ist die aufkommende Stille nicht zu sehr in die Länge zu ziehen. Sie will ehrlich und offen sein, ihn jedoch nicht mit einem stundenlang andauernden Monolog über sich selbst langweilen. Und insgeheim wägt sie ab was oder besser wie sie bestimmte Dinge sagen möchte. Denn nicht jede Erinnerung an die Vergangenheit spült unweigerlich positive Empfindungen an die Oberfläche der Seele. Im Gegenteil. Doch würde er von sich selbst und seiner Vergangenheit reden, wäre dies bestimmt nicht anders. Da ist sich Lyall sicher. Und schlussendlich hätte sie ihm sowieso irgendwann von sich und ihrer Vergangenheit erzählt.
„Ich wurde im Nachtwald am Fuße der Eisenberge als Kind einer Amazone und eines Waldkindes geboren. Die „kleine Lyall“, wie du es so liebevoll nennst, hatte eine sehr schöne und erfüllte Kindheit. Ich durfte herumtollen und spielen wo ich wollte, solange meine Mutter mich im Auge behalten konnte. Feen, Nissen und Kobolde waren meine Spielgefährten, Vögel sangen mir Schlaflieder und Glühwürmchen erhellten die sommerlichen Nächte auf den Lichtungen, auf denen der Clan zu lagern pflegte. Stundenlang sind meine Mutter und ich durch den Wald gestreift, haben Tiere beobachtet oder die Gipfel der Eisenberge bestaunt und waren immer wieder fasziniert davon wie schnell sich das Wetter rund um die Gipfel ändert. Wir haben in den Wolken am Himmel Formen, Blumen und Lebewesen gesucht, während wir auf saftigen Lichtungen lagen und uns die langen Grashalme an der Nase kitzelten. In eiskalten Flüssen haben wir gebadet, sind in glasklaren Seen geschwommen und wenn wir erschöpft und nass aus diesen gekrabbelt sind, hat mir meine Màthair von den Amazonen und ihrem Leben bei ihrem Stamm erzählt. Es klang so unglaublich und verlockend, dass ich auch immer eine Amazone werden wollte. Sie hat dann immer nur gelacht und mir wortlos über meine Haare gestreichelt.“
Ein melancholisch-wehmütiges Lächeln huscht über ihre Gesichtszüge, derweil sich längst vergessen geglaubte Erinnerungen vor ihrem inneren Auge ausbreiten, als würde sie das Leben eines anderen Menschen zu einer anderen Zeit beobachten können. Diese Erinnerungen sind es auch, die sie unwissentlich das Wort Mutter in ihrer Sprache , dem Tamar, aussprechen lassen. „Ich bin sehr behütet aufgewachsen,“ fährt sie langsam fort, während sich ihre Gedanken aus dem feinen Spinnennetz vergangener Tage zu befreien versuchen, „wenn auch mit weniger direktem Kontakt zum Clan meines Vaters als die anderen Kinder. Meine Mutter hielt sich eher abseits. Rückblickend glaube ich, sie hat nie richtig Anschluss gefunden.“ Unweigerlich hatte ihre Erklärung die eine Wendung genommen, die sie gerade nicht hatte einschlagen wollen… Erinnerungen an ihre Mutter liegen noch immer bleischwer auf ihrem Herzen und über sie zu sprechen wagt die Wargin kaum. Ihre Körpersprache wird kurz unruhig, als sie sich eine neue Sitzposition sucht und den Blickkontakt zu Aneirin kurzzeitig abbricht. „Nunja, also… von Ihr habe ich alles gelernt, was ich zum Leben in der Wildnis brauchte.“, erklärt sie schneller und versucht gefasster zu wirken. „Spuren lesen, jagen, Leder und Knochen bearbeiten, Nahrung sammeln, Feuer machen… Mein Vater trug seinen Teil dazu bei indem er mir beibrachte den Bogen und das große Jagdmesser zu gebrauchen. Ich habe aus der Zeit keine großen Erinnerungen an ihn, doch wenn ich welche habe sind sie positiv und von Liebe geprägt. Er war meist mit den anderen Jägern der Clans unterwegs, um den großen Tierherden zu folgen und nur dann bei uns, wenn sie Beute gemacht hatten oder im Winter, wenn der Schnee so hoch und dicht lag, dass wir von den Vorräten zehren mussten. Alles hätte ewig für mich so weitergehen können, dieses Leben im Nachtwald. Es war nicht immer leicht und ich möchte auch nichts schönreden, aber es hat einem etwas gegeben… dieses durch die Zyklen der Jahreszeiten und Ealaras Wohlwollen bestimmte Dasein. Aber, wie soll ich sagen… es währte nicht ewig. Mein elfter Sommer war gerade angebrochen, als unser Clan überfallen wurde. Ein feindlicher Clan anderer Waldkinder hat uns in der Morgendämmerung überrannt. Ich glaube sie wollten ihre Jagdgründe erweitern und wir waren ihnen im Weg… Wenige schafften es damals zu flüchten, die meisten wurden getötet oder auch verschleppt. Ich habe nur überlebt, weil meine Mutter mich in der Abfallgrube des Lagers versteckt hatte.“
Einen Augenblick sucht sie nach Worten, um Aneirin zu beschreiben was an jenem Tag genau vorgefallen war, doch sie findet keine. Natürlich gäbe es diese Worte sowohl in der Allgemeinsprache als auch in ihrer Muttersprache, doch diese Worte zu nutzen, laut auszusprechen würde sie eine Kraft kosten, die sie gerade nicht aufbringen kann. Diese Energie hatte sie immer dazu verwendet die genauen Details in ihrem Herzen zu verschließen und grausame Erinnerungen zu verdrängen. Auch möchte sie an einem Abend, der so schön begonnen und sie bis jetzt fröhlich und glücklich gemacht hat, nicht derart die Stimmung trüben. In einer Übersprungshandlung plötzlich nervös ihre Hände knetend erzählt sie weiter, wie sie stundenlang dort im stinkenden Unrat verharrte, bis einer der zurückkommenden Jäger ihr leises Wimmern vernommen und sie befreit hatte. Er brachte sie zu ihrem Vater, einer der wenigen Überlebenden. Ihre Mutter hatte es nicht geschafft.
„Er war nach diesem Tag nicht mehr derselbe. Er schnitt mich, wo er nur konnte, redete nur das Nötigste und mied meine Anwesenheit.“ Doch nicht nur ihren Vater hatte dieser Schock und der schwere Verlust verändert, auch Lyall war nicht mehr dieselbe wie zuvor. Weiterhin eröffnet sie Aneirin, der ihren Worten aufmerksam aber wohl doch etwas angespannt zuhört, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt das erste Mal gewandelt hatte. Dieser Umstand entfernte sie noch mehr von ihrem Vater und nur beim alten Schamanen hatte sie Zuflucht und Verständnis gefunden. Auch hatte er sie bestärkt ihre neuen Fähigkeiten zu nutzen und anzunehmen, aber sie war zu ängstlich und verstört, als dass sie damals auf den weisen Mann gehört hatte. Doch als auch dieser starb – nicht unter natürlichen Umständen da ist sich Lyall sicher, doch dies verschweigt sie ihrem Freund – , hielt sie nichts mehr bei ihrem Clan. Sie verließ diesen still und heimlich an einem verregneten Frühlingsmorgen und sollte nie wieder zurückehren. Beflügelt durch die Erzählungen ihrer Mutter und der Hoffnung man würde sie bei den Amazonen aufnehmen, war das Reich der „Wilden Frauen“ das Ziel ihrer Reise. Oder sollte es zumindest werden. Die Berichte ihrer Mutter wiesen ihr grob die Richtung, doch stellenweise war das einzige nach dem sich die Wargin hatte richten können, die gute alte Himmelsrichtung gewesen.
„Während meiner Reise habe ich irgendwann den Mut aufgebracht mich zu wandeln. Ich habe Wochen gebraucht um die Wandlung willentlich ausführen zu können und meine Wolfsform hielt damals nur sehr kurz. Und es tat höllisch weh.“, gesteht sie Aneirin mit einem schiefen Lächeln. „Da ich das Leben in der Wildnis gewohnt war, hatte ich kaum Probleme Nahrung zu finden auch wenn es im Winter natürlich schwieriger war. Aber als ich meine Wolfsform zumindest insoweit beherrschte, dass ich sie länger aufrechterhalten konnte, war auch dies nur noch ein geringfügiges Problem. Da ich Siedlungen in jeder Form mied und die meisten Menschen nur aus der Ferne zu sehen bekam, war mein Durchkommen unbeschwerlicher als gedacht. Im Nachhinein würde ich sogar sagen, dass ich eine gehörige Portion Glück gehabt hatte!“ Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schüttelt sie ungläubig den Kopf, als könnte sie ihren eigenen Ausführungen nicht glauben. „Ich bin dann etwas zu weit nach Süden von meinem eigentlichen Pfad abgekommen, und bin sozusagen eher meinem Gutdünken und meiner Nase gefolgt. Vielleicht hat innerlich auch schon der Zweifel über das Vorhaben an mir genagt und daher unbewusst meine Route „korrigiert“. So kam es auch, dass ich meiner Sheanmhair begegnet bin. Das Wort bedeutet Großmutter… das war sie natürlich nicht wirklich, aber sie nahm mich so selbstlos und rührend bei sich auf, dass ich sie irgendwann nur noch so genannt habe. Sie war ein weises Mütterlein, welches sehr abgeschieden zwischen einem breiten Flusslauf sowie einem Wald in einer windschiefen aber sehr robusten Hütte mit Grassoden als Dach lebte. Bei ihr habe ich sechs Zwölfmonde verbracht, wenn ich mich recht erinnere, und alles was sie wusste über Kräuter und ihre Anwendung gelernt. Als sie starb, war ich sehr betrübt und saß noch mehrere Tage jeden Abend an ihrem Grab, bis ich mich doch irgendwann schweren Herzens losgerissen habe, und meinen Weg fortsetzte.“
Ein Seufzer entfährt ihrer Kehle, als würde angestauter Druck aus ihr entweichen müssen. Das Kneten ihrer Hände unterbleibt und sie entspannt sich zusehends, nachdem der schwierigste Teil der Erzählung vorüber ist. „Wobei das nicht ganz stimmt. Ich bin dann ziemlich ziellos umhergeirrt, habe in die Tage und Nächte hineingelebt und nicht wirklich was mit mir anzufangen gewusst. Dieses Umherstolpern hat mich dann an einem sehr verregneten Tag im Nebelfrost ins Larisgrün geführt. Dort traf ich auf einen entkräfteten, schon halb erfrorenen Soldaten, der mich bat ihn in die nächste Stadt zu bringen. Diese Stadt wäre Talyra und er versprach mir sich erkenntlich zu zeigen. Nun muss ich dazu sagen, dass er da zu mir als Wolf sprach, doch seine benebelten Sinne schienen keinen Unterschied mehr zu machen, ob er zu einem Menschen, Eichhörnchen oder eben Wolf redete. So führte ich ihn in die Stadt, obwohl ich vor Angst zitterte und Furcht meine Gedanken füllte. Amüsanter Weise ist die Goldenen Harfe unsere erste Anlaufstelle gewesen und vielleicht erinnert sich Borgil noch daran, als ein triefnasser Wolf und ein humpelnder Soldat, der sein rostiges Schwert als Stütze missbrauchte, in seinen Schankraum gewankt kommen.“ Je weiter sich ihre Erzählungen vom Nachtwald entfernen und in die Gegenwart übergleiten, fällt es ihr leichter freier zu reden. Es kommt ihr vor, als würden schwere Tore wieder vor ihre ältesten Erinnerungen geschoben werden, die auch den Schmerz langsam wieder verebben lassen. „Der Soldat hat sich damals erkenntlich gezeigt indem er mir Kleidung und Essen gekauft hat und mir, wenn auch auf etwas beutelschneiderische Art und Weise, die Bedeutung der Handelsware „Geld“ näher gebracht hat. Auch wenn dieser Soldat eines Tages einfach verschwunden ist, so habe ich ihm doch irgendwie zu verdanken, dass ich hier bin.“, sagt sie schon fröhlicher und zeigt mit einer ausladenden Handbewegung auf die in der Dunkelheit leicht undeutlichen Umrisse der Weltenstadt, um das „hier“ genauer zu definieren. „Obwohl ich noch immer nervös auf den Straßen war, diese meist erst in der Dämmerung betrat und Menschenaufläufe mied wie den Dunklen persönlich, so faszinierte mich diese Stadt mit ihren vielen unterschiedlichen Völkern, Wesen und dem unaussprechlichen Facettenreichtum, der nur der Weltenstadt zu eigen ist, mehr als ich zu Anfangs je für möglich gehalten hatte. So tat ich also das, was mir der Soldat geraten hatte: ich suchte mir eine Arbeit und hätte es bei Avila und meiner Herrin, Lady Aurian, vom Anwesen de Winter nicht besser treffen können.“, schließt sie mit einem ehrlichen breiten Lächeln auf dem Gesicht ab. Sie hat dieser Stadt und vielen ihrer Bewohner wirklich sehr viel zu verdanken. Und dies würde sie nie vergessen.
„Im Großen und Ganzen ist das meine Geschichte, denke ich. Es war vielleicht mehr als nur eine Kleinigkeit, aber jetzt kennst du mich noch ein Stückchen besser.“ Verschwörerisch zwinkert sie ihm zu. „Es ist schon komisch, was wir in unserem doch so kurzen Leben schon alles erlebt und ausgehalten haben, meinst du nicht auch?“ Dieser Satz ist eigentlich mehr eine ausgesprochene Feststellung, als eine tatsächliche Frage und lässt beide unabsichtlich etwas trübsinnig und verloren zurück. Daher fügt die Wargin - mit einem gespielt tiefen Blick in ihren Becher - an: „Nicht nur dein Becher ist leer, auch der meinige. Und mein Mund ist vom Reden ganz trocken. Sollen wir uns noch etwas genehmigen? Diesmal geht es jedoch auf mich!“
'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, ' but what is that on your shoulders?'
'It's... a fur collar,' said Nanny.
'Excuse me, but i just saw it flick its tail.'
'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'
~Terry Pratchett "Maskerade"~

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Lyall« (6. Juni 2018, 23:29)


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