Sie sind nicht angemeldet.

16

Montag, 14. Mai 2018, 22:21

Down to the river to pray

As I went down in the river to pray
Studying about that good old way
And who shall wear the starry crown
Good Lord, show me the way

O sisters, let's go down,
Let's go down, come on down
O sisters, let's go down
Down in the river to pray... (Alison Krauss)

4. Sturmwind 518, Suthaward


Jeden Morgen, seit sie in Suthaward ist, kommt Ælla an den Fluss. Sie kommt noch vor der Dämmerung, in der Stille bevor die Sonne aufgeht. Wie jeden Morgen staken die Flussfischer an ihr vorüber, gleiten lautlos über das noch dunkle Wasser in Richtung ihrer Netze und Reusen außerhalb der Stadt. Nach den Fischern kommen die Huren, und für eine Weile wird die morgendliche Stille von ihren schrillen Stimmen und ihrem Gelächter durchbrochen. In ihren farbenfrohen, freizügigen Kleidern und mit ihren bemalten Gesichtern fallen sie wie eine Schar bunter Göttervögel über die sandige Bucht unterhalb der billigen Bierschänken und grob gezimmerten Hütten her, die sich im Flusshafenviertel von Suthaward drängen. Nach den Fischern gehört der Fluss eine Stunde am Morgen den Huren, die herkommen, um sich nach einer langen Nacht zu waschen und ihre Kleider zu säubern - die einen beginnen ihr Tagwerk, die anderen beenden es. Nach ihnen würden die Scheuermägde und Wäscherinnen sich am Flussufer breit machen, die ehrbar arbeitenden Frauen Suthawards. Und ihr, ihr gehört der Fluss auch, jeden Morgen während der Dämmerung. Doch im Gegensatz zu allen anderen kommt Ælla her, um zu weinen… und zu beten, wenn sie kann. Es fällt ihr allerdings schwerer und schwerer, überhaupt noch die richtigen Worte zu finden. Beinahe ist ihr, als hätte sie alle Gebete aus dem Buch der Götter irgendwo auf ihrem langen, langen Weg hierher verloren. Die Wände im Borghouwer, der billigen Kaschemme, in der sie ein Zimmer hat, das gerade so groß ist wie ein Schweineverschlag, bestehen nur aus verflochtenen Weidenzweigen und ein paar Bretterrahmen, die mit Leinwand bespannt sind. Zwischen dem Flechtwerk sind die Ritzen so breit, dass man praktisch durch die Wand spucken kann, so dass sie mitbekommt, wenn jemand auf der anderen Seite spricht oder sich bewegt. Gestern Morgen musste sie mitanhören, wie ein Mann im Raum nebenan unter Klatschen, Spritzen und Stöhnen den blechernen Nachttopf benutzt hat. In dem Strohsack, auf dem sie schläft, sind Wanzen und der Fußboden aus alten Fassdauben ist genauso schmutzig wie die schlammverkrusteten Wege draußen. Das einzig saubere im Borghouwer ist das Podest für die Hahnenkämpfe mitten in der stets überfüllten, verräucherten Schankstube, und die Wirtin, eine furchteinflößende, mürrische Frau mit narbigem Gesicht, reibt die Schnäbel ihrer Kampfhähne mit Knoblauch ein und gibt ihnen vor jedem Kampf Rûm, damit sie noch hitziger werden. Allerdings hat sie Ælla bisher auch jede Aufdringlichkeit ihrer ansonsten ausschließlich männlichen Gäste mit den knappen Worten: "Die nicht, die ist keine von denen!" vom Leib gehalten. Keine von denen… Sie beobachtet die ungeniert herum planschenden Huren und bemüht sich, die Frauen nicht allzu auffällig anzustarren, dann fällt ihr Blick auf ihre eigenen nackten Füße. Seit sie jeden Morgen an den Fluss kommt, sind sie einigermaßen sauber… so wie der ganze Rest von ihr, auch wenn sie sich hier wäscht, noch bevor selbst die Flussfischer auftauchen. Nur gegen ihre abgetragenen Kleider und deren Gestank kann sie nicht viel tun, sie hat nichts zum Wechseln und wagt nicht, sie wirklich zu waschen. Im Borghouwer ist sie trotz ihrer abgerissenen Erscheinung schon mehr als einmal von einem der Männer dort angesprochen worden, doch für gutes Silber "ein Weilchen" mit ihm zu gehen. Nach einem einzigen Stelldichein hätte sie sich ohne Weiteres ein neues Paar Stiefel und ein sauberes Gewand kaufen können. Doch ihr Stolz lässt das einfach nicht zu. Ihr Stolz und die Gewissheit, dass sie, wenn sie damit anfangen würde, für Geld mit Männern ins Bett zu gehen, so tief in die Gosse sinken würde, dass sie sich nie wieder daraus befreien könnte.

Und wovon soll ich leben, wenn meine letzte Münze aufgebraucht ist? Der Gedanke ist in ihrem Kopf, bevor sie ihn aufhalten kann. Kann ich etwa meinen Stolz essen? Der Grund, warum sie immer noch in der Stadt weilt, anstatt längst weiter nach Osten gewandert zu sein, ist der, dass die Grenzen seit ein paar Tagen scharf bewacht werden. Das hat sie jedenfalls die Wachen plaudern hören, und auf den Märkten wird es auch getratscht. Anscheinend hatte es irgendwelche Vorfälle mit verbotenem Holzeinschlag in den Wäldern der verder Feenmark gegeben, und weil die Fürsten dort ihre Bäume von Waldläufern oder wilden Druiden schützen lassen, auch ein halbes Dutzend toter Rhaínländer. Jetzt wird jede Holzfuhre, die aus dem Osten kommt, auf Schmuggelware kontrolliert und jeder Rhaínländer, der über die Grenze will, muss angeben, wo er herkommt, wo er hinwill und was er im Verdland überhaupt zu suchen hat. Deswegen sitzt sie in Suthaward fest und mit jedem Tag, der verstreicht, wird Ælla verzweifelter. Soll sie so weit gekommen sein, soll sie all das erduldet haben, soll sie Tod und Zerstörung über jene arme Familie im Aarenhal gebracht haben, nur um jetzt und hier doch noch zu scheitern? Keine siebzig Tausendschritt mehr von der rettenden Grenze entfernt? Sie muss einen Weg finden… irgendeinen. Zuerst hatte sie ihr Silber aufgespart, weil sie einen Karawanenplatz damit hatte kaufen wollen. Doch der letzte größere Händlerzug in Richtung Osten hat Suthaward gestern verlassen und einen Platz in ihm hätte sie sich auch für das Doppelte an Silber nicht leisten können. Dann hatte sie mit dem Gedanken gespielt, es allein und auf eigene Faust irgendwo in der Wildnis zu versuchen – und war angesichts der Geschichten über Waldläufer und Druidenmagie schnell wieder davon abgerückt. Abgesehen davon, so erzählt man es sich wenigstens in den Bierschänken am Flusshafen von Suthaward, wimmelt es in den Verdwäldern vor Silberwölfen und Bären, Lindwürmern, Schattenkatzen und Waldschraten, Dryaden und Zweiglingen, Trollen und Goblins… und es gäbe immer noch den ein oder anderen Narg dort in der menschenleeren Wildnis . Nun überlegt Ælla, das Geld besser einem Schmuggler zu geben, der sie im Schutz der Nacht sicher über die Grenzen in irgendein verdländer Dorf bringen könnte... falls überhaupt einer bereit wäre, für Silber seinen Hals zu riskieren. Aber wo würde sie in dieser Stadt einen Schmuggler finden? Wo soll sie sich nach einem solchen Mann umhören? So in ihre trüben Gedanken versunken, merkt sie gar nicht, dass sie Gesellschaft bekommen hat und längst nicht mehr allein auf dem halb vermoderten Anlegesteg am Rand der Sandbucht ist. Vier halb bekleidete Huren machen es sich gerade auf den hölzernen Planken bequem, wringen Wasser aus kostbaren, spitzenbesetzten Kleidungsstücken und breiten sie zum Trocknen aus. Eine von ihnen stößt Ælla sogar kameradschaftlich mit dem Ellenbogen an, damit sie Platz macht und sie beeilt sich, zur Seite zu rücken. "Willst wohl eine von uns werden, was?" Erkundigt die Hure sich neugierig, "nachdem du jeden Morgen hier sitzt und uns immerzu anstarrst. Brauchst nicht so schüchtern sein, wir beißen dich schon nicht."
"Lass sie in Ruhe, Alijt," mischt sich eine andere ein, die Ælla schon ein wenig älter erscheint. Sie ist sehr schön, mit milchweißer Haut, hellrotem Haar, das glänzt wie ein frisch geprägter Kupferling und grüngrauen Augen. Auf ihren Wangen prangen Grübchen, so groß wie Golddublonen, und lassen sie frech und verführerisch wirken. Alijt ist nicht sehr groß und hat eher einen runden, festen und sehr fraulichen Körper wie sie selbst , die dritte ist eine typische Rhínemoor, kräftig gebaut und hell an Haut und Haaren. Die vierte in ihrem Bund ist dagegen eine so grazile Erscheinung, dass sie beinahe feenhaft wirkt, hat veilchenblauen Kinderaugen und Silberhaar so fein wie Spinnenseide. "Der kleine Vogel kommt bestimmt nicht her, um in unserem Chor mitzusingen," spottet das Kupferhaar. "Die trällert ein ganz anderes Lied."
"Oh, aber sie würde gutes Silber machen," erwidert Alijt, die völlig ungeniert ihre nackten Brüste in die blasse Morgensonne hält und genießerisch wie eine Katze die Augen dabei schließt. Ælla wendet verschämt den Blick ab. "Sie hat sowas an sich und mit dem Mund könnte sie am Leithwynd oben ein Vermögen verdienen."
Die Silberhaarige betrachtet Ælla nur mit der neutralen Miene eines Händlers auf dem Viehmarkt und ihre derbe Sprechweise will so überhaupt nicht zu ihrem zarten Äußeren passen, als sie verkündet: "Reine Haut und ein hübsches Gesicht. Ein bisschen mager vielleicht, aber große Titten und ein runder Arsch, soweit ich das sehen kann. Ich weiß nicht, was du hast, Berrit... wenn man ihr den restlichen Dreck abkratzt und sie ein Weilchen füttert, würde die Kleine sich doch gut bei uns im Goudborstel machen. Inari weiß, wir könnten Verstärkung gebrauchen, jetzt wo Gyda ihr Balg kriegt. Sie wird wochenlang ausfallen und auf der faulen Haut liegen, und wir arbeiten uns jetzt schon die Rücken krumm."

Ælla, die nicht weiß, was sie sagen oder wie sie reagieren soll, blickt beschämt auf ihre ineinander verschlungenen Hände hinunter. Ihr Vater hätte sie mit dem Rohrstock geschlagen, wenn er wüsste, dass sie hier auf einem alten Bootssteg sitzt und sich mit Hübschlerinnen unterhält. "Hör nicht auf sie, " versichert ihr die Rothaarige, die die anderen Berrit genannt haben. "Sie haben alle miteinander Manieren wie wild gewordene Esel. Ich bin Berrit... Kupferberrit, wenn du willst. Alijt hast du ja schon kennengelernt, die anderen sind Truyde und Lijss die Fee."
Sie sollte aufstehen und gehen, und diese schrecklich vulgären Frauen einfach nicht weiter beachten. Stattdessen lächelt Ælla ruhig und höflich, als sie fragt: "Wegen Eures roten Haares? Es glänzt wie eine funkelnagelneue Kupfermünze."
Über das Gesicht der Frau huscht ein undefinierbarer Ausdruck - vielleicht ist es Erstaunen, vielleicht etwas ganz anderes. Sie klingt schon viel freundlicher, als sie erwidert: "Genau, kleiner Vogel. Was tust du hier jeden Morgen mutterseelenallein? Alijt hat doch nicht recht und du willst unter die Huren gehen?" Das klingt fast vorwurfsvoll und Ælla zuckt zusammen. Plötzlich hat sie das unangenehme Gefühl, die kupferhaarige Frau könne mehr sehen, als sie zeigen will, womöglich mehr, als Ælla selbst sieht. "Nein, nein, ich..." beeilt sie sich zu versichern und wird zur allgemeinen Belustigung der anderen über und über rot. "Ich bete," sagt sie dann schlicht. Die Huren brechen in schallendes Gelächter aus, alle, nur Berrit nicht. Einen Moment lang sieht sie Ælla nur an und in den Tiefen ihrer Augen regt sich etwas... dann scheucht sie die Frauen mit ein paar knappen Worten fort, und die Hübschlerinnen sammeln ihre Kleider ein und trollen sich ohne jedes Widerwort. Allerdings kichern sie dabei immer noch leise in sich hinein, als hätte irgendjemand gerade einen köstlichen Witz gemacht. "Warum haben sie so gelacht? Beten Huren denn nicht?"
"Nur wenn man die Götter auch ganz tief unten in einem Rûmkrug findet, kleiner Vogel. Was macht ein Mädchen wie du ganz allein in Suthaward?"
Ælla weiß hinterher beim besten Willen nicht zu sagen, warum sie ausgerechnet dieser wildfremden Frau gegenüber ehrlich ist, aber sie sagt ihr die Wahrheit... jedenfalls so viel davon, wie sie kann. Sie kommt nicht einmal auf den Gedanken, der Hure eine Lügengeschichte aufzutischen. Vielleicht weil sie spürt, dass die Frau sie ohnehin durchschauen würde. Vielleicht auch nur, weil Berrit sie als einzige nicht ausgelacht hat. "Ich muss die Rhaínlande verlassen und irgendwie über die Grenze nach Verd kommen."
Eine Weile erwidert die Frau überhaupt nichts, aber ihre blauen Augen ruhen wissend auf Ælla, die nervös hin und her rutscht und sich irgendwann auf ihre Hände setzt. Die Hure schweigt so lange, dass sie schon glaubt, es sei vielleicht ein schrecklicher Fehler gewesen, auch nur das Wenige preisgegeben zu haben. Du hättest den Mund halten sollen. Gleich ruft sie die Wachen und das war es dann... Zu ihrem größten Erstaunen tut Berrit jedoch nichts dergleichen, stattdessen kramt sie umständlich etwas aus den Taschen ihres Geelians hervor, der so freizügig ist, dass die grünen Seidenstrümpfe, die sie darunter trägt, bis hinauf zu den berüschten Strumpfbändern zu sehen sind. Es ist ein Stück schmuddeligen Papiers, aber sorgsam zusammengefaltet. "Kannst du lesen, was da drauf steht, kleiner Vogel?"

Ælla nimmt den Zettel entgegen, überfliegt die verblichenen Buchstaben und nickt. 'Ehefrauen gesucht!' Steht dort geschrieben. 'Freie Bauern aus den Siedlungen Revethin und Llantarnam im Tal der Feenwasser zu Verd, dem Freien Ildorischen Fürstentume, befinden sich nach dem Tod ihrer Eheweiber in schwierigen Lagen, denn sie haben nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder zu sorgen. Sie bieten deshalb ehrbaren rhaínländischen Frauen, die bereit sind, die Pflichten einer Ehefrau und Mutter bei besagten Bauern zu übernehmen, ein gutes Zuhause. Das gesuchte Weibsvolk sollte gesund und stark, nicht älter als fünfundzwanzig Zwölfmonde und von rechtschaffener Gesinnung sein. Interessentinnen mögen sich bis zum Ende der Frühjahrsmärkte im Amitaritempel bei Priester Haeskin melden. Wenn die Frauen einwilligen, so haben sie sich für einen Mondlauf der Brautwerbung in die genannten Dörfer im Verdland zu begeben, wo, so die Götter gütig sind, auch die Ehen geschlossen werden sollen. Sollten sie nicht zustande kommen, werden die Frauen auf Kosten der Auftraggeber dieses Aushangs nach Suthaward zurückgeschickt.' Ælla kaut auf ihrer Unterlippe herum und muss an beschädigte Waren denken. Als wären Frauen Handelsgüter. Für nicht gut befunden. An den Absender zurück. Andererseits ist ihr der Gedanke an eine arrangierte Ehe mit jemandem, den sie kaum kennt, ja nicht fremd, denn genau das wäre schließlich auch zu Hause in Northoren ihr Schicksal gewesen. In rhaínländischen Händler- und Kaufmannskreisen sind Heiraten oft genug ein Geschäft wie jedes andere: ein Handel zu beiderseitigem Nutzen. Manchmal werden zwei rivalisierende Kaufmannshäuser so versöhnt, ein anderes Mal zu einem besonders mächtigen vereint. Den pragmatischen rhaínländer Händlern sind Zollprivilegien, Handelsrouten, Monopole und Anteile an Silbermeerhanse und Bursa sehr oft wichtiger als die romantischen Gefühle ihrer heiratsfähigen Töchter und Söhne. Dann fällt ihr ein, dass die Hure diesen Zettel ganz sicher nicht für sie in ihrer Rocktasche aufbewahrt hat, schließlich haben sie sich gerade erst kennengelernt. "Wollt Ihr das denn nicht für Euch?"
"Ach..." Kupferberrit schüttelt mit einem traurigen Lächeln den schimmernden Haarschopf. "Für eine wie mich ist das nichts weiter als ein schöner Traum. Ich bin zu alt und ich kann meine Mädchen ja auch nicht allein lassen. Und das Leben einer Bäuerin... das ist sicher nichts für mich, kleiner Vogel. Jeden Tag vor dem Morgengrauen aufstehen und mit den Hühnern schlafen gehen, und jedes Jahr mit einem Kind schwanger? Nein, danke." Sie sagt es voller Überzeugung, aber Ælla kann die Traurigkeit in ihren Augen sehen und wie sie die Hände auf ihren Leib legt, als könne sie die Leere darin spüren. Sie glaubt ihr kein Wort. "Ich habe mir ein Leben aufgebaut, weißt du? Bis vor zwei Jahren bin ich in Inostâna auf den Strich gegangen, aber das ist jetzt vorbei. Ich muss mein Geld nicht mehr auf dem Rücken liegend verdienen. Ich hab' vielleicht nicht viel, aber was ich hab', gehört mir allein. Das Goudborstel ist mein Haus. Von jedem Kunden, den die Mädchen haben, bekomme ich einen Anteil. Dafür sorge ich für ein sauberes Haus, Essen, und den regelmäßigen Besuch einer Heilkundigen, und niemand fasst meine Mädchen zu grob an. Aber du..." Sie mustert Ælla als wolle sie noch mehr sagen, als wolle sie ihr alles sagen, doch dann zuckt Kupferberrit nur mit ihren milchweißen Schultern. "Such dir einen Ehemann aus den Herzlanden, kleiner Vogel. In den abgelegenen Dörfern von Verd gibt es immer zu wenig Frauen, du wirst schnell einen finden. Das Leben ist nicht leicht, schon gar nicht das von uns Frauen. Viel Arbeit, wenig Freuden, ganz gleich ob du 'ne Hure oder 'ne Schwertkämpferin oder 'ne ehrbare Ehefrau bist," sie schnaubt und ihre zarten Nasenflügel vibrieren. "Als Frau wirst du immer anderen gefallen müssen. Einige von uns werden dafür bezahlt, andere nicht, das ist der einzige Unterschied. "
"Aber die Frist ist abgelaufen, die Frühjahrsmärkte sind vorbei."
"Ein paar Herzländer sind immer noch in der Stadt, am besten fragst du einen von denen. Oder geh zum Amitaritempel, vielleicht kennt der Pfaffe dort ja noch mehr einsame Waldbauern."
"Ist das Leben einer Bäuerin wirklich so viel schwerer, als das einer Hure?"

"Glaub einer wie mir, wenn sie dir sagt, dass es immer noch besser ist, nur für einen Mann die Beine breit zu machen, als für alle. Eine Hure gehört niemandem... und für drei Silberlinge gehört sie jedem. Bis sie alt wird und auf den Straßen verhungert. Das ist kein Leben für dich."
"Das ist für niemanden ein Leben," erwidert Ælla leise. "Gestern... gestern habe ich ein paar andere... Mädchen davon reden hören, dass das Leben als Hu... Hübschlerin gar nicht so schlecht sei. Eine hat davon gesprochen, einen Kunden zu finden, der sie so mag, dass er sie von hier wegholt. Dass sie genug Silber sparen will, um mit der Arbeit aufzuhören, bevor sie alt wird."
Kupferberrit stößt ein so freudloses Lachen aus, dass Ælla ein Schauer über den Rücken läuft, und plötzlich meint sie zu sehen, wie sich die Linien um Berrits Mund tiefer eingraben, wie ihre Haut schlaff wird und die Sonne die winzigen Falten um ihre Augen hervortreten lässt. Es ist, als wären die Jahre und alles, was jeder Mann, jede Enttäuschung, jedes gebrochene Versprechen in ihr zurückgelassen haben, wie Schweißtropfen, wie Tränen, auf ihrem Gesicht zu sehen. "Die wird sich noch umschauen," erwidert die Hure schließlich bitter, doch ihre Augen blicken hart und tränenlos über das Wasser hinweg. "Und du erst recht, wenn du so dumm bist."
Ælla schüttelt den Kopf, dann nimmt sie die Hand der älteren Frau fest und warm in ihre. Berrits Finger sind so glatt und weich wie Seide, ganz bestimmt völlig anders als es die Hände einer Bauersfrau wären, und nach einem Moment wortlosen Erstaunens erwidert sie sacht Ællas Händedruck. "Ich schaue mich nicht mehr um, Berrit. Wenn ich mich umschaue, bin ich verloren. Aber ich danke Euch für Eure Worte. Mögen die Götter Euch jedes einzelne vergelten."
"Du solltest gehen, kleiner Vogel, " erwidert Kupferberrit schließlich mit einem Kopfnicken in Richtung der ersten Waschweiber, die mit ihren Körben, Zubern und Waschbrettern bewaffnet und eingehüllt in schweigende Missbilligung am Flussufer auftauchen. "Suthaward mag eine Grenzstadt sein, aber sie hat auch ihre Regeln. Man sollte nicht sehen, dass du mit jemandem wie mir redest."
"Ich rede, mit wem ich will," erwidert Ælla, und obwohl es kindisch und naiv klingen mag, hat ihr Kinn dabei etwas Eigenwilliges. Dann steht sie auf, streicht die zerrissenen Falten ihres Geelians glatt und hebt den Blick hinauf zur Stadt. Einen wildfremden Bauern aus dem Verdland ehelichen, den sie überhaupt nicht kennt? Nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Und vielleicht muss es ja auch gar nicht unbedingt sein, denn all das Gerede über einen Ehemann hat sie auf eine ganz andere Idee gebracht... auf einen verwegenen, gefährlichen, verrückten Einfall, aber bei weitem den besten, den sie seit langem hatte. Abgesehen davon ist es prekärerweise auch ihr einziger Einfall. Sie würde sich einen Ehemann suchen, oh ja. Allerdings nur einen, der sie über die Grenze bringt. Für dreißig Silberlinge ist irgendein armer herzländischer Waldbauer oder Holzfäller bestimmt damit einverstanden, sie auf dem Papier zum Weib zu nehmen und die Ehe in Verd sofort wieder auflösen zu lassen.
"Danke, Berrit. Ich wünschte, Ihr hättet damals jemanden gehabt wie... nun wie Euch. Der Euch warnt, der Euch auf einen anderen Weg schickt."
"So jemanden gab es. Ich wollte nur nicht hören. Fort mit dir, kleiner Vogel. Ich hoffe, wir sehen uns morgen früh nicht wieder."
Ælla schluckt, als müsse sie verhindern, dass ein Stein in ihrer Kehle nach oben steigt. "Das hoffe ich auch," erwidert sie und jede von ihnen weiß, wie es gemeint ist. Sie wendet sich ab, ohne sich noch einmal umzusehen, doch ihre Augen füllen sich mit Tränen. Irgendetwas bleibt ihr im Hals stecken; es schmerzt. Aber tief in ihrem Herzen ist auch ein neues Gefühl, eine seltsame Mischung aus Traurigkeit und Glück. Es dauert einen Augenblick, bis sie begreift, dass es Hoffnung ist.