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Kalam

Stadtbewohner

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Beruf: Sithechjünger a.D.

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Sonntag, 22. Oktober 2017, 20:18

Tŷ ar y Llyn

Tŷ ar y Llyn


Home is not where
you are from,

It is where
you belong (Beau Taplin)

Home is where love resides,
memories are created,
friends and family belong
and laughter never ends (unknown)



Blickt man vom Smaragdstrand nördlich Talyras am Ildorel weiter hinauf nach Norden, kann man dort, etwa zweieinhalb Tausendschritt entfernt, eine kleine, geschützte Bucht erspähen, flankiert von zwei bewaldeten Landzungen mit grauweißen Felsen. Hier liegt die Feenwasserbucht, wo der gleichnamige Fluss in den gewaltigen See mündet. Die Feenwasser – im alten Tamaraeg der Herzlande lautet ihr Name Tylwyth teg dŵr – ist kein sonderlich großer und auch kein tiefer Fluss, und misst an ihrer Mündung vielleicht acht Schritt Breite. Sie entspringt weit nordwestlich der Stadt in den Runabergen des talyrischen Fürstentums Rhayader und windet sich von dort aus als schnelles, sprudelndes Flüsschen in einem felsigen Bett durch das Larisgrün bis zum Ildorel und in die Feenwasserbucht. Cilfach Emrallt, die smaragdene Bucht, wird dieser Ort auch genannt, denn sein seichtes Wasser ist so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann, so klar, dass alles schwerelos auf ihm zu schweben scheint. Der sandige Strand zwischen den Felsen ist weich und hell, und schiefergraue oder grauweiße Steinformationen jeder Größe, vom Wind und den Jahrtausenden rund geschliffen, säumen das Ufer oder liegen wahllos verstreut in der Bucht unter Wasser. Der Wald reicht hier bis dicht an den See heran, doch er ist licht und besteht fast ausschließlich aus alten, knorrigen Silberkiefern, ein paar uralten Lebenseichen von beeindruckenden Ausmaßen und mächtigen Douglasien, in denen der Wind rauscht. Es gibt kaum Unterholz zwischen den sandigen Wegen tiefer hinein ins Larisgrün, nur niedrige Preiselbeeren und hier und da ein paar Waldreben oder Rotbeerensträucher. An den Ufern der Feenwasser lichtet sich der Wald noch mehr und macht sanften Wiesen und Uferweiden Platz. Hier gedeihen auf den sonnengesprenkelten Lichtungen unter den ausladenden Baumkronen, die mit ihren verzweigten Ästen grüne Baldachine bilden Diamant- und Smaragdgräser, Fuchsschwänze, Wiesenschwengel, Schilfgräser und langfaserige Rispen, dazwischen himmelblaue Wegwarte, würziger Spitzwegerich, Wiesenblumen, wilder Thymian, Kerbel und Bibernellen. Ein schmaler Saumpfad, von Süden und dem Smaragdstrand herkommend, quert die seichte Furt der Feenwasser mit ihren uralten, flachen Trittsteinen und schlängelt sich nicht weit vom Seeufer entfernt unter den Bäumen entlang, bis er irgendwo im Wald verschwindet, und nach Westen, zur Großen Nordstraße hin, wird die gesamte Bucht von hohen, bewaldeten Hügeln mit verwunschenen Felsformationen an ihren Hängen abgeschirmt.

Alles Land zwischen der Mündung der Feenwasser und der gleichnamigen Bucht, der großen Nordstraße im Westen, dem Ildorel im Osten und nach Norden hinauf bis zu dem uralten Steinkreis und den Feldern von Forgan an der Mündung des Trollbachs gehört seit dem Sommer des Jahres 517 des Zeitalters der Heilung Kalam Chelain und seiner Frau Karamaneh: mehrere hundert Tagwerk vollkommen unberührtes – sieht man von einer kleinen Köhlerstätte nahe Forgans und einer versteckten Schwarzbrennerei einmal ab, die von ihren verdatterten Eigentümern auch weiterhin betrieben werden dürfen – hügeliges Waldland mit einer (bewohnten) Bärenhöhle, mehreren Quellen und stillen, schilfgesäumten Teichen, auf denen im Sommer gelbweiße Seerosen blühen, mit verborgenen Lichtungen, Lagerstätten von Lehm in kühlen, kleinen Felsschluchten und verwitterten Sandsteinformationen hier und dort… und mit etwa zwölf Tausendschritt teils von schroffen Felsen, teils von unberührten Stränden gesäumtem Seeufer.



Die Nebengebäude:

Nicht weit hinter der Furt durch die Feenwasser mit ihren hellen Trittsteinen beginnen die Koppeln von Tŷ ar y Llyn, die sich in mehreren Abschnitten über die Weiden am Fluss und durch den lichten Baumbestand der Birken ziehen. An ihrem Rand entlang schlängelt sich der Pfad auf die obere Landzunge, wo das Haus steht und in ihrer Mitte erhebt sich der Pferdestall mit der angrenzenden Scheune. Das Fundament des rechteckigen Gebäudes ist etwa sechs Fuß hoch aus behauenen, grauen und sandfarbenen Flusssteinen gemauert, die Wände und der der Dachstuhl aus geschälten, geölten Lärchenstämmen errichtet und das Dach mit seinen je drei Gauben auf der West- und Ostseite mit dunklen Schindeln gedeckt. Die beiden großen Tore an den Giebelseiten, die Fensterrahmen und sonstige Türen und ihre Rahmen sind dunkelbraun gebeizt.

Im Inneren des Stalls befinden sich auf der Ostseite mehrere, nur durch massive Balken voneinander getrennte Laufboxen, auf der Westseite eine Sattel- und Geschirrkammer, ein Futterlager und Platz für weiteres Kleinvieh oder allerlei Wirtschaftsgeräte. Das luftige, doch wetterfeste Dachgeschoss des Stalls dient als Heu und Strohlager. Die sandige Lichtung rund um den Stall ist als täglicher Auslauf für die Pferde eingezäunt, und die Türen zu den Laufboxen des Stalls auf der Ostseite stehen tagsüber sommers wie winters offen, so dass die Tiere aus- und eingehen können, wie sie wollen. Nach Süden hin reicht der Paddockzaun bis ans Flussufer, wo auf ein paar Schritt Länge ein vielleicht eine Elle breiter und eine Handbreit tiefer Kanal gemauert wurde, der in einem leichten Bogen durch den Auslauf fließt, wieder zum Fluss zurückführt, und als Tränke dient.



Das Haus:

Auf der oberen, nördlichen Landzunge in der Feenwasserbucht, erhebt sich zwischen den Silberkiefern, uralten Lebenseichen und mächtigen Douglasien, die dort wachsen, zwischen den Schwertlilien, dem wilden Salbei und der niedrigen Beerensträucher ein großes Haus. Die Südseite liegt näher am Strand der Landzunge mit ihrem weißen Sand und den weißgrauen, runden Felsen, die überall verstreut im klaren Wasser liegen, und wird von einer breiten, teilweise überdachten Terrasse aus hellen Natursteinfließen und Lärchenholz umgeben. Auf der langen Nordseite liegt der überdachte Haupteingang von Tŷ ar y llyn. Der Keller, das Fundament und die zahlreichen Kamine und Schornsteine wurden aus hellem, graugoldenem Flussstein errichtet, das Dach mit seinen langen, klaren Linien und verwinkelten Flächen ist mit Schindeln gedeckt, doch das Haus selbst wurde aus ganzen Baumstämmen erbaut: mächtige Lebenseiche und beständige Lärche, schimmernde Douglasie und Wehrholz aus dem Norden, naturbelassenes Holz und Naturstein. Trotz seiner Größe wirkt das Haus durch seine massigen Balken, die vielen Dachgauben, Erker und Vorsprünge, Balkone und tiefgezogenen Dachtraufen massiv und unverrückbar, und hat etwas Geheimnisvolles, Elementares an sich - als stünde es schon immer hier, fest verwachsen mit der Erde und den Felsen der Landzunge. Die vielen hohen Sprossenfenster, langen, kühnen Linien, und das hohe Dach verleihen ihm gleichzeitig jedoch etwas Einladendes und mildern den Eindruck urtümlicher Wucht.

Auch im Inneren dominieren rustikales Holz und warmer Stein, auch wenn hier und dort Innenwände mit Lehm verputzt und in sanften Wüstenfarben gestrichen wurden – fedriges Grün, lichte Sandtöne, warmer Ocker. Manche Bereiche des Hauses reichen vom Erdgeschoss bis hinauf in den offenen Dachstuhl zu dessen sichtbaren Balken und Verstrebungen, andernorts wechseln sich hohe, offene Räume, die ineinander übergehen, mit gemütlichen Gemächern und Kammern ab. Das Haus besitzt viele Räume, für jetzige wie zukünftige Familienmitglieder, für Gäste und Besucher - allein zwölf Schlafgemächer im Erdgeschoss und elf weitere im Obergeschoss, dazu noch die Wohn- und Arbeitsräume, die große Küche und deren Vorratskammern, in denen auch der Zugang zum Keller liegt, ein geräumiges Bad und eine Waschküche, über ein Dutzend Kamine und eine eigene, heiße Quelle. Durch die vielen hohen Sprossenfenster wirken die Räume trotz Holz und Stein sehr licht und hell, und es in beinahe allen Zimmern des Erdgeschosses, die zur Seeseite hin gehen, führen Türen hinaus auf die breite Terrasse. Zwei Drittel des Haupthauses sind unterkellert, ein überdachter Laubengang neben der ebenfalls überdachten Sommerküche verbindet es mit dem Anbau auf der Südwestseite, und auf der Westseite befindet sich ein Nebeneingang. Auf der Terrasse rund um die südliche See- und westliche Landseite des Hauses stehen hier und dort Pflanzkübel im Schatten der Douglasien und Lebenseichen ringsum, es gibt ummauerte Feuerstellen, überdachte Freisitze im Schatten duftender Silberkiefern, azurianische Diwane, die zum Verweilen einladen und einen wundervollen Ausblick über die gesamte Feenwasserbucht mit ihrem türkisschimmernden Wasser.

Im Inneren dominieren ebenfalls rustikales Holz und warmer Stein, auch wenn hier und dort die Innenwände sorgsam mit Lehm verputzt und in sanften Wüstenfarben gestrichen wurden– beispielsweise in fedrigem Grün, lichten Sandtönen und warmem Ocker. Manche Bereiche des Hauses reichen vom Erdgeschoss bis hinauf in den offenen Dachstuhl zu dessen sichtbaren Balken und Verstrebungen, andernorts wechseln sich hohe, offene Räume, die ineinander übergehen, mit gemütlichen Gemächern und Kammern ab. Das Haus besitzt viele Räume, für jetzige wie zukünftige Familienmitglieder, für Gäste und Besucher – allein zwölf Schlafgemächer im Erdgeschoss und elf weitere im Obergeschoss, dazu noch die Wohn- und Arbeitsräume, die große Küche und deren Vorratskammern, in denen auch der Zugang zum Keller liegt, ein geräumiges Bad und eine Waschküche, über ein Dutzend Kamine und eine eigene, heiße Quelle.
Durch die vielen hohen Sprossenfenster wirken die Räume trotz Holz und Stein sehr licht und hell, und es in beinahe allen Zimmern des Erdgeschosses, die zur Seeseite hin gehen, führen Türen hinaus auf die breite Terrasse. Zwei Drittel des Haupthauses sind unterkellert, ein überdachter Laubengang neben der ebenfalls überdachten Sommerküche verbindet es mit dem Anbau auf der Südwestseite, und auf der Westseite befindet sich ein Nebeneingang. Auf der Terrasse rund um die südliche See- und westliche Landseite des Hauses stehen hier und dort Pflanzkübel im Schatten der Douglasien und Lebenseichen ringsum, es gibt ummauerte Feuerstellen, überdachte Freisitze im Schatten duftender Silberkiefern, azurianische Diwane, die zum Verweilen einladen und einen wundervollen Ausblick über die gesamte Feenwasserbucht mit ihrem türkisschimmernden Wasser.

Die Eingangstür des Hauses unter dem quadratischen Vordach, getragen von mächtigen Balken und mit Schnitzereien verzierten Säulen, ist aus massivem Wehrholz aus dem hohen Norden, hart wie Stein und ebenso dauerhaft. Ihre Beschläge sind aus schwarzem Eisen und auf jedem Flügel befindet sich ein ebensolcher Türklopfer in Form eines Rabenkopfes, der einen massiven Ring im Schnabel hält. Hinter der Eingangstür liegt ein schmaler Windfang der ins Foyer übergeht, das links und rechts hinter dem Eingang zwei begehbare Schrankkammern aufweist und dessen Mitte von einer breiten Treppe eingenommen wird, die ins Obergeschoss hinaufführt. Das gesamte Foyer wird im Obergeschoss von einer Galerie umlaufen, seine Decke reicht bis hinauf unter das offene Dachgebälk. Hinter der Treppe geht die Eingangshalle nahtlos in den Hauptraum des Hauses über, eine breite, nahezu quadratische Halle, deren gesamte Giebelfront von Terrassentüren und hohen Sprossenfenstern eingenommen wird. An der linken Hallenwand befindet sich ein gewaltiger Kamin, die größte Feuerstelle des Hauses, mit einem breiten Sims und einem Rahmen aus Natursteinblöcken. Auch die Halle ist, ebenso wie das Foyer, das große Gastgemach am Westgiebel, das große Esszimmer, das Schlafzimmer Karamanehs und Kalams am Ostgiebel des Hauses und das angrenzende Babyzimmer nach oben hin offen. Über der Halle bildet das Dachgebälk, das von unten zu sehen ist, mit seinen Querverstrebungen und Balken luftige Wege, die eine große Katze geradezu einladen würden, dort oben herumzuschleichen. Tatsächlich befindet sich am Ende eines dieser Querbalkens dort oben, direkt neben dem Kaminschacht, ein kleiner Erker, in den eine Klappe eingesetzt wurde, groß genug, um einer Schattenkatze Einlass oder Ausgang zu gewähren.

Zwischen dem Foyer mit der breiten Treppe ins Obergeschoss und der Kleinen Halle zweigen links und rechts leicht versetzt die Flure in West- und Ostflügel des Haupthauses ab. Im Westflügel liegen die Küche mit zwei geräumigen Vorratskammern und dem Zugang zum Keller, ferner das große Esszimmer, ein Windfang und Schmutzraum, der auch den Nebeneingang des Hauses beherbergt, Zalehs Zimmer am Westgiebel, die überdachte Sommerküche, das Schreib- und Arbeitszimmer mit seiner kleinen Bibliothek und eine Art Waffen- und Rüstkammer.

Die große Küche des Hauses ist ein Traum für jede ambitionierten Köchin (oder überhaupt jeden, der gern kocht) und lässt keine Wünsche offen, denn sie verfügt nicht nur über einen gewaltigen Herd mit gusseiserner Platte, Wasserschiff und Backröhren, eine zusätzliche offene Feuerstelle, und eine Spülküche mit fließendem (!) Wasser, sondern auch über einen eigenen Räucherkamin. Für Mahlzeiten in kleinerer Runde stehen ein schwerer Tisch, eine gemütliche Eckbank mit hoher Rückenlehne und passenden Stühle bereit, während Besteck und Steingut für den alltäglichen Gebrauch, Kochtöpfe und -pfannen und sonstige Küchenutensilien, sowie feines, in mühsamer Handarbeit mit kunstfertig ausgeführten exotischen Mustern versehenes Porzellangeschirr aus Azurien in eigens dafür gedachten Schränken und einigen hohen Wandregalen aufbewahrt werden. Das angrenzende Esszimmer wird dominiert von einer langen Tafel mit zwei Dutzend hochlehnigen Stühlen, die mit dunklen Lederpolstern versehen sind und je nach Bedarf und Anlass noch mit zusätzlichen Sitzkissen und Stuhlüberwürfen ausgestattet werden können, die ansonsten in einer dekorativen, mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Sitztruhe an der Südwand des Raumes aufbewahrt werden.
Sowohl Küche als auch Esszimmer sind weiß getüncht, sodass die Wände einen starken Kontrast zum dunklen Gebälk der Räume bilden. Die Küche wurde zudem an diversen Stelle (beispielsweise um den Spülstein und die Feuerstelle herum) mit bunten Kacheln und Fliesen aus azurianischen Manufakturen versehen, wohingegen im Esszimmer Wandteppiche aus herz- und ostländischen Webereien für etwas Farbe und Abwechslung sorgen.

Kalams und Karamehs private Wohnräume im Ostflügel werden vorwiegend von hellen creme- oder sandfarbenen Tönen dominiert. Im Schlafbereich wurden vor allem Kontraste in Gold und Rot gewählt, während im Kinderzimmer sanfte Purpurtöne überwiegen. Überall sorgen schwere Kissen und Teppiche, weiche Felle und Pelze sowie Pflanzkübel und Vasen mit duftenden Topf- und Schnittblumen für Behaglichkeit, während Möbel und Truhen herzländischer wie azurianischer Herkunft geschickt kombiniert wurden und zwei eigentlich sehr unterschiedliche Welten auf geradezu verblüffende Weise miteinander verbinden. Das große Bett im Schlafgemach bietet nicht nur ausreichend Platz für romantische Stunden zu zweit, sondern auch für nächtlichen Kinderbesuch, und ist von luftigen Vorhängen umgeben, die je nach dem offen oder geschlossen gehalten werden können.

Das größte Gästezimmer des Haupthauses im Westflügel, welches von Karamanehs Schwester Zaleh bewohnt wird, beherbergt nicht nur ein geräumigen Doppelbett, sondern auch ihre gewaltige Pflanzenpresse und verwandelt sich mit jedem Tag mehr in eine Mischung aus Pflanzendschungel und Gelehrtenkammer. Überall stehen Kübel und Vasen mit Kräutern und Pflanzen–hauptsächlich solche mit medizinischen und therapeuthischen Anwendungszwecken, wobei mit größter Sorgfalt darauf geachtet wurde, dass sich keine Gewächse mit giftigen Pflanzeneigenschaften im Haus befinden. Zwischen all diesem Blattgewirr stapeln sich auf diversen Ablageflächen (Regalen, Beistelltischen, einem Diwan, dem Schreibtisch und verschiedenen Truhen) Pergamentrollen, Abschriften, Bücher und Briefe, die sich allesamt mit botanischen Themen auseinandersetzen. Passenderweise wird der Raum von sanften Grün- und kräftigen Gelbtönen beherrscht, die hier und dort von den Farben bunter Blumen aufgelockert werden.

Das Schreibzimmer des Hauses beherbergt eine kleine Bibliothek und ist eher schlicht gehalten. Es verfügt nicht nur über einen schweren Schreibtisch aus herzländischer Eiche, sondern auch über zwei gepolsterte Ledersessel und einen Diwan, sodass man in aller Ruhe in den Schriftrollen, Büchern und Folianten lesen kann, die hier verwahrt werden. In hohen Regalen und Bücherschränken finden sich neben Haushaltsbüchern und Bestandslisten unter anderem auch Abschriften südländischer Poeten und Philosophen, mehrere Werke über Waffenkunde zwergischer wie menschlicher Herkunft, eine Abhandlung über bekannte Bestien und Monster, eine Abschrift der Kriege und Feldzüge Cobrins und seiner Ritter und eine Weitere über die Zeit des Blutes und der Kleinkriege, ein – ziemlich neu aussehendes – Buch das den klangvollen Titel "Die Geschichten von Brynmor dem Barden" trägt, sowie eine beständig wachsende Auswahl hübsch illustrierter Büchlein, die zur Ergötzung strahlender Kinderaugen gedacht sind.

In der geräumigen Waffen- und Rüstkammer des Anwesens werden neben allerlei Jagd- und Angelgerätschaften, die für den alltäglichen Gebrauch gedacht sind, auch verschiedene Beutestücke, Trophäen, Waffen und Rüstungen aus den vergangenen fünfhundert Jahren aufbewahrt. Etwa eine vollständige Rabanirüstung, eine Kettenrüstung aus Schwarzstahl, ein Lederharnisch mit passenden Arm- und Beinschienen aus dunkel gefärbtem Frostwurmleder, mitternachtsschwarze Môrgrinanpelze, laiginische Tartschen und ein schwerer Schild aus Eisenholz. Außerdem eine schwere Armbrust und zwei leichte, alle aus zwergischer Manufaktur, ebenso die dazugehörigen Bolzen. Dazu mehrere Aurokhörner, eines davon ein mit nordisch aussehenden Ornamenten verziertes Jagdhorn, zwei Beduinenkandschare mit langen, gebogenen Klingen und silberziselierten Griffen sowie zwei schwere, zwergische Katar aus Schwarzstahl, ein Dutzend Jagdmesser und selbstverständlich mehrere Schwerter verschiedener Machart und Herkunft, teils schlichte, teils sehr kostbare Exemplare, alle jedoch rasiermesserscharf und bestens gepflegt. In der Mitte der Waffenkammer steht außerdem ein robuster Arbeitstisch aus unbehandeltem Holz und in einem hohen Wandregal mit verschließbaren Türen finden sich Lederstücke verschiedener Stärke, Größe und Art, Lederwerkzeuge wie Punziereisen, Beitel, Winkeleisen, Messer, Riemenschneider, Kantenglätter, Lochzangen und ähnliches und alle möglichen Pflegeutensilien für Leder und Stahl, etwa Arniser Kalk, Waffenöl, Bienenwachs und Lederseife.

Das Badezimmer ist, ebenso wie die Küche, mit fließendem Wasser (!) ausgestattet und im azurianischen Stil gekachelt. Eine gewaltigen Kupferwanne lädt zu duftenden Schaumbädern ein, die nicht nur der bloßen Körperreinigung, sondern auch der allgemeinen Entspannung dienen. Große dicke Bienenwachskerzen können bei Bedarf für eine schummerige, romantische Atmosphäre und warmes Licht sorgen, und diverse Flakons in allen möglichen Größen und Formen, welche mit allerlei wohlriechenden Körperölen, Duftwässern und Parfümen gefüllt sind, ein gutes Dutzend kleine Tiegel mit Cremen und Salben, sowie allerlei andere Schönheitsutensilien stehen für die weiblichen Bewohnern des Hauses bereit. Pinsel und Rasiermesser nehmen sich dagegen recht unscheinbar und bescheiden in einer kleinen hohen Nische neben dem Waschstein samt Spiegel aus. Eine bequeme Sitztruhe hält zudem immer ausreichend Handtücher bereit, sodass niemand nach beendetem Bad frieren muss.

Die zahlreichen, bisher noch unbewohnten Schlafkammern im Erd- und Obergeschoss sind allesamt vorerst weiß verputzt, während Vorhänge, Teppiche, Decken und Kissen farbige Akzente setzten und jedem Zimmer eine etwas andere unverwechselbare Note und Atmosphäre verleihen. Entsprechend lassen sich die Schlafgemächer im Erdgeschoss der Einfachheit halber auch als weiße und graue Kammer, und jene im Obergeschoss als rote, gelbe, grüne, blaue, türkise, purpurne und braune Kammer beschreiben.

Ein Laubengang, der von der Sommerküche abgeht, verbindet das Haupthaus nahtlos mit dem Anbau, welcher ganz im Stil des Haupthauses gehalten ist und ebenerdig über einen einzelnen breiten Flur (von dem links und rechts jeweils drei große Zimmer abgehen, von denen ein jedes mit einer Feuerstelle oder einem Kamin, sowie großen Sprossenfenstern versehen ist) verfügt. An der Ostseite des Anbaus befindet sich außerdem eine hölzerne Außentreppe, die zu weiteren Schlafgemächern im ersten Stock führt.

Der Wohnraum im Erdgeschoss ist in hellem, sandigem Rotorange gestrichen. Die hohen Sprossenfenster wurden mit luftigen, rotgoldenen Vorhängen ausgestattet und der Raum selbst mit schlichten, jedoch meisterlich gefertigten Möbeln aus Sen'afe und weichen, zotteligen Schafsfellen und Decken aus heimischer Lammwolle versehen. Auch die mit Lehm verputzen Wände der diversen Schlafzimmer des Erdgeschosses sind in ähnlichen Farben gehalten und mit passenden Vorhängen, Teppichen und Decken ausgestattet. Das Schlafgemach, welches Madoc und Briallen zugedacht ist, verfügt über ein geräumiges Doppelbett, die Räume von von Beitris und Seona, Alan und Tam sind mit je zwei und die Schlafkammern von Fiona und Aifric mit je einem Einzelbett ausgestattet. Alle Zimmer verfügen zudem über einen Waschtisch, sowie ein bis zwei Wäschetruhen und Kommoden. Auch die vier Schlafkammern im Obergeschoss sind ähnlich gehalten, hier wurden die verputzen Wände jedoch vornehmlich in fedrigem Grün und warmem Ocker gestrichen, und die Vorhänge wurden in ähnlichen Farbschattierungen gewählt. Bis auf die kleinste Kammer, welche lediglich mit einem Einzelbett ausgestattet wurde, verfügen die übrigen drei Räume über jeweils zwei Einzelbetten, die sich nach Belieben zusammen- oder getrennt voneinander aufstellen lassen.




Grundriss des Hauses
Keller
Erdgeschoss
Obergeschoss
»Kalam« hat folgende Dateien angehängt:
I do very bad things, and I do them very well

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Riaril« (27. April 2018, 03:12)


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Samstag, 23. Dezember 2017, 19:24

Home sweet home
(… and how to build it)

"Das habe ich noch nie vorher versucht,
also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe." (Pippi Langstrumpf)

What is done in love is done well. (Vincent Van Gogh)

Von Beerenreif bis Ende Nebelmond 517


Bis zum Jahr 517 des Fünften Zeitalters war die Feenwasserbucht ein vergessener Ort nördlich des Smaragdstrandes und - trotz ihrer Nähe zur Stadt - nur wenigen in Talyra bekannt. Doch seit dem Sommer dieses Jahres hat sich etwas im Schatten der Silberkiefern und unter den uralten, von Borke umkleideten Roteichenriesen dort getan: am Fluss wurden Wiesen eingezäunt und unweit davon hatte sich im Beerenreif und Erntemond der Rohbau eines Stallgebäudes, umgeben von einem kleinen Hain aus Birken, erhoben. Auf der oberen Landzunge waren im ohnehin lichten Baumbestand umsichtig noch weitere Bäume gefällt worden, um oberhalb des Seeufers eine freie Fläche zu schaffen, auf der später das Haus erbaut werden würde, während die meisten der alten Lärchenpinien, Dougalfichten und Sicheltannen ringsum unberührt geblieben waren. Am Ende des Saumpfades hatte sich ein kleiner Berg grob behauener Flusssteine und flacher Steinfliesen getürmt, während sich entrindete Baumstämme (eine Unmenge entrindeter Baumstämme) hier und dort, geordnet nach ihrer Größe und ihrem späteren Verwendungszweck, entlang der Lichtung auf der Landzunge gestapelt hatten. Außerdem waren die Wände der Stallungen errichtet worden, auch wenn sie bis zum Erntemond nur aus gemauerten Fundamenten um festgestampftes Erdreich und aus blanken Balkengerüsten bestanden hatten, die noch der glatt gehobelten Bretter aus Lärchenholz harren hatten müssen, die bald aus dem Sägewerk in Findronach geliefert werden sollten (das Öl für die Bretter war schon längst Vorort und hatte in einem halben Dutzend kleiner Fässer waldhonigfarben vor sich hingeschwappt). Im Erntemond war unter einer ausladenden Roteiche nahe den halbfertigen Stallungen auch eine Sommerküche errichtet worden, um die Zimmerleute und anderen Handwerker verköstigen zu können, die hier bald und vermutlich bis zum Wintereinbruch tagtäglich arbeiten würden. Am vierten Erntemond, dem Hochtag Berkurals des Erbauers und Archonen Sils, der damit für die Grundsteinlegung eines Hauses ganz besonderes Glück verheißt, war auf der Landzunge von den kunstfertigen und umsichtigen Händen eines Erdmagiers der – vergleichsweise – kleine Keller des späteren Hauses ausgehoben worden. Die bis dahin unentdeckte, weil unterirdische, heiße Quelle, auf die der Magier, ein freundliches und ziemlich redefreudiges (um nicht zu sagen quasselstrippiges) langes Elend namens Gwalchmei von Branberg, dabei gestoßen war, wurde auch gleich noch eingefasst. Als nämlich Borgil von einem sehr müden und sehr schlammverschmierten Kalam (das Wetter hatte sich ausgerechnet am großen Tag der magischen Kellerwerdung dazu entschlossen, miserabel zu werden, weshalb er selbst, der arme Magier sowie Rimeon und zwei weitere Harfenknechte, die an diesem Tag mit auf der Baustelle gewesen waren, ausgesehen hatten wie die Sumpfdämonen, als sie endlich fertig geworden und in die Harfe zurückgekehrt waren) von der Quelle erfahren hatte, hatte der Zwerg höchst geheimnisvoll getan, verkündet, er kümmere sich darum und war am darauffolgenden Morgen prompt für lange Stunden aus der Harfe verschwunden.

Was mit darum gemeint gewesen war, hatte Kalam dann am nächsten Tag in der frisch ausgehobenen und mit Verschalungen abgestützten Kellergrube seines zukünftigen Hauses erfahren: Borgil war nämlich mit einem weiteren Zwerg, einem gewissen Threndur Hammerhand aus Mazandar (offensichtlich ein alter Bekannter von ihm) samt einer unüberschaubaren Heerschar von Kobolden (von denen einer sogar einen Pilzhut und ein anderer den klangvollen Namen Klapperschwamm trägt) auf der Baustelle angerückt. Und nicht nur das, mit den beiden Zwergen und den Kobolden waren auch eine ganze Wagenladung voller Kupferrohre, ein gewaltiger Kessel, Ventile und Pumpen in der Kellergrube verschwunden, von deren Funktion und Daseinszweck Kalam nicht die allerleiseste Ahnung gehabt hatte. Karamaneh, Zaleh, Rimeon, Jojeen (wieder aus seinem Birkengips befreit, dafür bewaffnet mit Wachstafel und Griffel, denn er ist der beste Rechner und Schreiber, den sie sich nur hatten wünschen können) hatten diesen Tag also weitgehend damit verbracht, mit Pflöcken und Schnüren den l-förmigen Grundriss des Hauses auf der Landzunge abzustecken, während Borgil, Hammerhand und die Kobolde damit zugange gewesen waren, den Keller mit quaderschweren behauenen Steinen auszumauern, das ganze Kupfer zu verbauen, das sie mit hinuntergeschleppt hatten und dabei einen Höllenlärm zu veranstalten. Auch den ganzen nächsten Siebentag war es in der Feenwasserbucht nicht anders zugegangen: Borgil, Threndur und die Kobolde waren bei Sonnenaufgang bewaffnet mit Feinmeißeln, Stemmeisen, Metallsägen, Hämmern und Feilen im Keller verschwunden, um dort ihr geheimnisvolles Werk zu vollenden, und Kalam hatte sich daran gemacht, die letzten Stämme der gefällten Bäume zu entrinden, Zaunpfähle zu behauen, ihre angespitzten Enden in heißen Teer zu tauchen, sie trocknen zu lassen und einzugraben (und vorher noch die Löcher für sie auszuheben), und schließlich aus den Ästen und Zweigen, die sich nicht zum Bau von irgendetwas hatten verwenden lassen, Feuerholzvorräte für den Winter zu hacken oder das Erdreich des von Zaleh heiß ersehnten Küchengartens umzugraben. Der war schon ausgemessen, geplant und zur Hälfte bereits von einem Wildzaun aus geflochtenen Weidenzweigen umgeben worden. Es hatte zwar überhaupt keinen Zweck, jeden Tag derart weit zu laufen, um einen Garten zu pflegen, zu dem es noch überhaupt kein Haus gibt, doch Karamanehs Schwester kümmert sich ja um den Harfengarten und hatte Azra sicher den ein oder anderen Setzling untergeschmuggelt – das wenigste, das er hatte tun können, war ihr alles soweit herzurichten, dass sie im Frühjahr ekstatisch in der Erde wühlen könnte. Während Borgil, Threndur und die Kobolde also im Keller zugange gewesen waren, hatten sich Olyvar, Cron, Rimeon, Leir und er selbst – nachdem Zalehs Garten soweit vorbereitet gewesen war – zunächst um die Fertigstellung des Pferdestalls gekümmert, Raufen, Futtertröge und Tore gezimmert. Da alle Stuten trächtig sind und im nächsten Frühjahr Fohlen haben würden, hatten sie ihn gleich ein wenig größer errichtet, als er ursprünglich geplant gewesen war - jedoch nicht allzu viel größer, denn Niniane hatte schon lebhaftes Interesse an mindestens drei ihrer zukünftigen Jungpferde bekundet. Kalam hatte außerdem ausreichend Raufutter und Stroh für den kommenden Winter von einem Bauern aus Findronach besorgt, mit dem er gleich einen Handel für kommende Jahre abgeschlossen hatte. Eineinhalb Siebentage später hatten ihre Tiere – Atarangi, Barria, Sand, Ajala und Ahmarasud – schließlich aus dem Harfenstall in die Feenwasserbucht umsiedeln können.

Als der Erntemond sich schließlich seinem Ende entgegengeneigt hatte, war auch die Schlacht der Zwerge im Keller in den letzten Zügen gelegen: er war vollständig ausgemauert und die Decken waren eingezogen worden, die Steine mit den Schutzrunen waren an ihrem Platz gekommen und die Einfassung der heißen Quelle mit einem geheimnisvollen Mechanismus aus Rohren, Zahnrädern, Reglern und Ventilen versehen. Der war Kalam zwar so lange erklärt worden, bis er die grundlegenden Funktionen verstanden hatte, doch er würde wohl trotzdem Zeit seines Lebens das reinste Zauberwerk für ihn bleiben. Wenn er Borgil und diesen Hammerhand richtig verstanden hatte, würden sie damit nicht nur fließend warmes Wasser im Haus haben ('Einfach die Pumpe am Abwaschbecken betätigen, Mann. Mehr nicht, aye?' 'Welche Pumpe, Borgil?' 'Die, die ihr bekommen werdet, wenn es soweit ist, dass der Abwaschstein gesetzt wird. Du wirst schon sehen. Oh, und dann im Bad…' 'Welches Bad? Meinst den Raum, wo wir einen Zuber…' 'Welchen Zuber? Ihr bekommt eine ordentliche Kupferwanne… mit Wasserhähnen.'), sondern auch eine weitere Wärmequelle. Zumindest im Erdgeschoss, wenn er diese und jene Rohre da und dort unter dem Fußboden verlegen würde, weil das heiße Wasser durch sie hindurchfließt. Kalam hatte – wie wohl die allermeisten – noch nie von einem derartig dekadenten Luxus gehört, auch wenn er theoretisch weiß, was ein Hypokaustum ist und dass Zwerge (und Kobolde) einen geradezu magischen Ruf haben, was solche Apparaturen angeht. Irgendwann war er jedoch zu dem Schluss gekommen, dass heißes Wasser in der Küche oder im Waschraum – oder in diesem Bad, von dem Borgil die ganze Zeit faselt – wohl kaum Schaden würde. Nicht, dass die vierzehn Kamine und die Große Feuerstelle in der Halle, die er und eine Schar williger Helfer (darunter Olyvar, Cron, Leir, Rimeon, Rhordri und zwei seiner Schwiegersöhne) sorgfältig gemauert hatten, das Haus nicht warm genug halten würden. Im Blätterfall, kaum war der Mörtel all der Kamine in der Herbstsonne getrocknet, war die offene Feuerstelle in der Küche und der direkt danebenliegende Herdstein eingesegnet worden. Zu diesem feierlichen Anlass hatten sich neben ihnen selbst und den Kindern auch der gesamte Blutaxtclan und all ihre Helfer im Shentagsstaat im Rohbau versammelt, während Niniane den Segen gesprochen und dann ein Stück reines Eisen im Erdreich an seinem Platz gedrückt hatte. Anschließend waren endlich die Zimmerleute und Steinleger sowie ein halbes Dutzend Oger auf der Baustelle angerückt, um die steinernen und hölzernen Fußböden zu verlegen, und anschließend die reich gegliederten und verwinkelten Außenwände des Hauses mit ihren zahlreichen, vorspringenden Erkern und vier Altanen auf den Ost- und Südseiten zu errichten. In den folgenden Wochen war der Großteil der anfallenden Arbeiten auf der Baustelle geschafft worden – jeden Tag waren die mächtigen Wände aus ganzen Baumstämmen ein Stück mehr in die Höhe gewachsen, die Aussparungen für die Fenster gesägt, die Türstürze eingezogen, die Stützen für die Söller im Obergeschoss, die Innenwände und Treppen gesetzt worden und ähnliches mehr. Die Oger hatten zwar die Frauen, die das Kochen für die Handwerker übernommen hatten, verköstigungstechnisch beinahe an den Rand der Verzweiflung gebracht, aber Kalam hatte es nicht bereut, sie angeheuert zu haben. Sein Geruchssinn mag nicht ganz menschlich sein, seine Kräfte sind es sehr wohl, und er ist zwar immer noch stark, aber nicht mehr stark genug, den ganzen Stamm einer Dougalfichte oder Lärche an seinen Platz zu hieven. Für die Oger war das auch nicht immer unbedingt ein Kinderspiel gewesen, aber unter Grunzen, Schnaufen und deftigen Flüchen (die sich allesamt um die Schmackhaftigkeit und Zusammensetzung irgendwelcher Suppen irgendwelcher seligen Großtantchen zu drehen scheinen, und die bei Borgils Söhnen sehr zu Azras Leidwesen auf ziemlich fruchtbaren Boden fallen) war es wenigstens machbar. Grunzen, Schnaufen und sich plagen hatten sie sich alle müssen, entsprechend hungrig waren sie zu jeder Mahlzeit über alles hergefallen, was man ihnen zu Essen aufgetischt hatte, ob Oger oder nicht. Ohne den nie abreißenden Strom an Verpflegung und helfenden Küchenmägden aus der Harfe hätten sie das niemals alles bewältigt. Am letzten Tag des Blätterfallmonds war es dann jedoch still in der Feenwasserbucht geworden und alle Arbeit hatte geruht, denn an diesem Tag war in Talyra auf dem Totenacker die Asche des Narrenkönigs beigesetzt worden, und sie alle waren auf der Beerdigung. Doch schon am nächsten Morgen war ein ziemlich übernächtigter Kalam, schließlich hatte er mit den übrigen von Olyvars Sieben für den gefallenen Schwertbruder und Freund die Totenwache im Tempel gehalten, wieder auf der Baustelle gewesen - allmählich hatte die Zeit gedrängt, den Rohbau noch vor dem Wintereinbruch soweit fertig zu bekommen.

Am 18. Nebelmond waren endlich die Fenster gesetzt worden, deren kostbare Scheiben von Magiern der Arkanen Gilde durch das magische Netz gebracht und gleich auch an ihren Platz verfrachtet worden waren. In den folgenden Stunden hatte in der Feenwasserbucht rund um das Haus ein Tanz aus schwebenden Sprossenscheiben stattgefunden, der von Kalam und allen anderen Helfern auf der Baustelle fasziniert beobachtet worden war. Die Oger waren sogar so beeindruckt vom gläsernen Ballett um sie her gewesen, dass sie nur mit Mühe davon abzuhalten gewesen waren, jede vorbeischwebende Scheibe mit einem Finger anzustupsen wie eine Seifenblase und damit die armen Magier völlig aus dem Konzept zu bringen. Allen Göttern sei Dank hatte Azra die Gefahr erkannt und gerade noch rechtzeitig die Aktion 'Rettet die Fensterscheiben vor neugierigen Ogerpranken' gestartet, in dem sie kurzerhand zum Eintopffassen gerufen hatte. Einen Siebentag später hatten sie begonnen, die Dächer einzudecken, was wegen deren verwinkelter Flächen, der zahlreichen Lauben und Giebel ein zeitraubendes Unterfangen gewesen war, das hunderte von Schindeln verbraucht und sie fast eine ganze Woche gekostet hatte. Doch sie waren noch rechtzeitig fertig geworden. Das Haus hatte noch keine Eingangstür und das Vordach bestand vorerst auch nur aus vier mit Schnitzereien verzierten Eckpfeilern, die wie stumme Totempfähle im Quadrat vor der Front und dem späteren Haupteingang herumstehen. Olyvar hatte die Schnitzereien gemacht, seine mit Abstand bisher beste Arbeit: eine Schlange, ein Gorracail und eine Schattenkatze finden sich neben einem Raben – alle leicht unterschiedlich und mit unterschiedlichen Dingen beschäftigt – am Fuß jedes dieser vier Pfeiler, und ihre Gestalten verlieren sich nach und nach in geometrischen Linien und Mustern, die seinen Tätowierungen nachempfunden sind und irgendwann einfach auslaufen und wieder im Holz verschwinden. Der Herd – ein wahres Ungetüm und angeblich Wunderwerk der Kochkünste mit Wasserschiff und Backrohr, den Sigrun ihnen dringend ans Herz gelegt hatte – würde erst irgendwann im Silberweiß geliefert werden, weil er aus einer halbzwergischen Werkstätte in Blurraent kommt.

In der vorletzten Nebelmondwoche hatten sie das Vordach eingedeckt und im Haupteingang auf der nordwärts gelegenen Längsseite des Hauses eine provisorische Ölhaut festgenagelt, weil Rimeon noch nicht mit den Eisenbeschlägen für die Tür fertig gewesen war. Auf der Baustelle war jetzt nicht mehr viel zu tun gewesen, außer sie winterfest zu machen und Kalam hatte zum Langschnee die Handwerker ausbezahlt und sie aus seinen Diensten entlassen – was dann noch an Arbeiten angefallen war, hatten er selbst, Borgil und Rimeon auch allein erledigen können. In der Harfe hatte das alljährliche Schlachten begonnen und würde wohl nahtlos in die Julfestvorbereitungen übergehen, was bedeutet hatte, dass gebacken, gebraut, gekocht, geschrubbt und geräuchert werden würde, was das Zeug hält und die Öfen hergeben. Die hauseigenen Schweine, Gänse und Enten waren geschlachtet worden, und während ihr Fleisch in die Räucherkammern oder Kessel gewandert war, um zu Schinken, Würsten oder Pökelfleisch zu werden, hatten Azra, Karamaneh und Zaleh aus den samtweichen Daunen des Federviehs Betten für ihren Hausstand gefertigt, Stoffe gewebt, Garn gesponnen, Wolle gekardet (ein Elb namens Cináed, den Kalam selbst noch nicht kennengelernt hatte, beliefert die Harfe regelmäßig mit Wolle, Lammfellen, Fleisch und Schafskäse) und Felle gegerbt. Kalam hatte sowohl Borgils private Vorratskammern, als auch die Harfenküche schon den ganzen Herbst über immer wieder mit Fleisch und Fisch versorgt, wenn er die Gelegenheit gehabt hatte, zu jagen, denn sein Land hatte sich als wildreich erwiesen und die Bucht selbst war voller Fische – und Azra war ganz entzückt über die vielen Blau- und Preiselbeeren gewesen, die auf den Landzungen überall zwischen den Bäumen wachsen und hatte sie im Spätsommer schon eifrig mit ihren Mägden eingeheimst. Karamaneh, mittlerweile hochschwanger und ihr Bauch so rund wie ein kleines Butterfass, aber bester Dinge, war hauptsächlich mit – wie Borgil es nennt – Nestbau beschäftigt. Azra (deren Fünfmonatsbauch mit Kind Nummer Sieben sich vergleichsweise dezent ausnimmt) und Zaleh (schlank wie ein Weidenzweig) hatten außerdem irgendeine Überraschung ausgeheckt, denn die beiden nähen schon seit einer ganzen Weile an irgendetwas höchst geheimnisvollem, von dem sie weder ihm, noch Karamaneh auch nur ein Sterbenswörtchen verraten wollen (aber es scheint Unmengen an Stoffresten jeder Form, Farbe und Größe zu verschlingen). Als gegen Ende des Nebelmonds endlich die lang ersehnten Büffel in ihre Winterquartiere ins Larisgrün gewandert waren, waren Olyvar, Rimeon, Brenainn, Connavar und er selbst für ein paar Tage ausgezogen, um einige der Tiere zu erlegen. Kalam war hauptsächlich auf ein oder zwei Felle aus gewesen, doch mit dem Fleisch würden Azra und die Harfenköchin natürlich auch etwas anzufangen wissen. Karamaneh, Zaleh, Missandei, Reisig und er würden diesen Winter sicher noch in der Harfe verbringen, denn ihr Haus ist zwar nun im Großen und Ganzen fertig, aber es hat noch keinen Herd, keine Tür und vor allem nicht ein einziges Möbelstück in seinem Inneren, so dass an einen Einzug frühestens im Eisfrost, eher noch erst im Taumond zu denken war.

Einen Halbtagesritt von Talyra entfernt waren sie auf die erste kleine Herde getroffen und innerhalb weniger Stunden hatten sie ihre Tiere erlegt – Rimeon, Brenainn und Connavar hatten selbst einen Jungbullen erwischt und waren schier vor Stolz geplatzt, auch wenn das eine mehr als abenteuerliche Geschichte war, die sie Azra vielleicht besser nicht in allen Einzelheiten erzählen sollten. Ihre Beute hatte aus vier Büffeln - zwei Jungbullen, einer Färse und einem ausgewachsenen Bullen mit einem schönen, rehbraunen Fell bestanden, so dass sie zusammengenommen etwa fast drei Quader Fleisch, dazu die Hufe, die Hörner und die Felle, nach Hause gebracht hatten. Als sich ihre Beute im Innenhof der Harfe getürmt hatte, als die Knechte die Schlachtkessel angeschürt und die Mägde Beile, Sägen, Messer und Schüsseln gebracht hatten, hatten Azra und Sigrun die Tiere schon mit glänzenden Augen umkreist und Kalam hatte förmlich sehen können, wie Borgils Köchin im Geiste bereits dabei gewesen war, aufzulisten, welches Stück Fleisch sich für was am besten verwenden ließe. Olyvar, der gut über Azras Bemühungen für die Waisenkinder und Bedürftigen der Stadt weiß, hatte seinen Anteil samt Fell, Hufen und Horn gespendet. Rimeon hatte nur zwei schöne Hörner für sich gewollt und Kalam selbst hatte sich nur zwei Felle ausbedungen. Den Rest hatten sie einstimmig für die Vorratskammern und Eiskeller der Harfe und des Blutaxtclans bestimmt. Dann hatte Brenainn, ritterlich wie er nun einmal ist, mit den Achseln gezuckt, sich gebückt, und den riesigen Büffelbullen an seinem mickrigen Schwanz gepackt, als wäre es ein Kinderspiel, ihn einfach daran hochzuheben, seine Mutter angesehen und mit einer höfischen Verbeugung gefragt: "Wohin willst du ihn haben, Mama?" Azra, die in Gelächter ausgebrochen war, hatte die Knechte und Mägde angewiesen, mit dem Zerwirken des Fleisches zu beginnen und die nächsten zwei Tage lang war die halbe Harfenbelegschaft blutig bis zu den Augenbrauen herumgelaufen. Um einen Mangel an Fleisch würde sich in der Harfe in diesem Winter jedenfalls niemand irgendwelche Gedanken machen müssen, und auch viele Mäuler, die sonst eher mit dünne Suppe oder magerem Eintopf vorlieb hätten nehmen müssten, würden dank Olyvar nun unerwartet gut zu essen haben.

-> Die Goldene Harfe
I do very bad things, and I do them very well

Karamaneh

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Mittwoch, 4. April 2018, 20:00

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Angekommen
Happiness

It's not about how big the house is.
It's about how happy the home is.
(Unknown)

Home is where you hear love
within the stillness.
(Raquel Franco)

{25. Taumond 518}


Als sie erwacht, ist draußen noch halbdunkel und eine vertraute Stille schwebt durch die Hallen ihres Zuhauses. Lächelnd schlägt Karamaneh die Augen auf, blickt auf ihren Mann hinab und wendet sich dann Amaryas Wiege zu. Die Kleine schläft friedlich, die winzigen Händchen zu Fäusten geballt, einen Daumen im Mund und trägt ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen zur Schau. Karamaneh schmunzelt, kuschelt sich wieder an Kalam und räkelt sich zufrieden unter den weichen Decken ihres Bettes. Ihr Blick wandert hinauf zur Galerie und dem sich darüber wölbenden offenen Dachstuhl, und zu den mit Lehm verputzten Wänden, die in hellen Gelbtönen leuchten, warm und einladend wie Sand und Sonne. Die leichten luftigen Vorhänge, die sowohl ihr Bett in zarte Schleier aus Gold und Rot hüllen, als auch vor den hohen Sprossenfenstern hängen flattern leichtin einem geheimnisvollen schwachen Luftzug und Karamaneh beobachtet das kaum merklich Wogen des Stoffes eine Weile, bis sie merkt wie Amarya sich allmählich regt und vernehmlich nach eine frischen Windel und milchigem Morgenmahl verlangt. Leichtfüßig schlüpft die Malankari aus dem Bett und in ein paar weiche Sandalen, die dort bequemerweise schon bereitstehen.

“Guten Morgen, meine Süße”, begrüßt sie ihre Tochter, während sie sie saft aus der Wiege hebt und auf den Arm nimmt. Ein großer Waschtisch, welcher praktischer Weise nicht nur mit einer Waschschüssel sowie einem Krug ausgestattet, sondern auch eine dicken weichen Wickelauflage ausgestattet ist, steht an der Wand, die ans Kinderzimmer angrenzt und gestaltet das morgendliche Ritual von Mutter und Tochter (bzw. Vater und Tochter) ausgesprochen angenehm. Hungrig schiebt Amarya sich zwar ein kleines Fäustchen in den Mund, lässt sich jedoch geduldig windeln und cremen, bevor Karamaneh mit ihr zurück ins Bett und an Kalams Seite krabbelt, um die Kleine zu stillen.
Eine Weile verbringen sie in stiller Zufriedenheit, welches nur dann und wann von genüsslichem Schmatzen und Glucksen durchbrochen wird. Als Amarya schließlich genug hat, fängt sie jedoch an sich mehr und mehr zu regen. Ihre kleinen Finger spielen eine Weile mit der offenen Schnürung von Karmanehs Nachtgewand, bevor sie zielsicher eine von Kalams Haarstrählen neben sich zu fassen bekommen und sich prompt fest darin verkrallen. Vergügtes Gurgeln und Gurren begleiten Kalams noch etwas schlaftrunkenen und eher halbherzigen Versuch sich aus den Fängen seiner Tochter zu befreien und so wechselt die Kleine sogleich freudestrahlend aus den Armen ihrer Mutter hinüber in die ihre s Vaters.

Auch das übrige Haus scheint nun mehr und mehr zum Leben zu erwachen. Von irgendwoher kann man das leise Getrappel kleiner Füße und das Knarren sich öffnender und schließender Türen höhren und schließlich ein sachtes Klopfen an der Tür, die in Karamanehs und Kalams Schlafgemach führt. Schon bald würde es ein ungeschriebenes Gesetz sein, dass diese Türe niemals verschlossen wäre, sodass sowohl Reisig als auch Missandei wie an diesem ersten Morgen jederzeit zu ihren Eltern unter die warmen Decken und Felle schlüpfen können, wenn ihnen danach ist.
Schon bald ist der Raum mit fröhlichen Stimmen und heiterem Gelächter gefüllt, welches den ersten Morgen der Familie in Tŷ ar y Llyn einleitet und so hoffentlich als gutes Omen für viele weitere fröhliche Tage gesehen werden kann. Als schließlich alle angekleidet und auf den Beinen sind, versammelt sich die ganze Familie in der Küche, wo Zaleh tatsächlich schon dabei ist für ein ausgiebiges Morgenmahl zu sorgen, für welches Dank reichgefüllter Vorratskammern und vorsorglich in der Harfenküche vorbereiteter Speisen rasch gesorgt ist. Derart gut gestärkt fällt es leicht sich anschließend mit bester Laune dem übrigen Tagwerk zuzuwenden, den überall in den Fluren und Kammern warten noch zahlreiche Kisten und Truhen darauf geleert und ihr Inhalt an seinen zukünftigen Platz geräumt zu werden.

Und so sorgt nach und nach jede geleerte Truhe für etwas mehr Behaglich- und jede ausgeräumte Truhe für etwas mehr Wohnlichkeit. Schon bald werden sämtliche Fenster von passenden Vorhängen geziert, finden Vasen, Pflanz- und Blumenkübel im Haus ihren Platz, wird allerlei Kochgeschier in Schränke und auf Regale einsortiert und manch andere Dinge von praktischem Nutzen—Bettlinen und dergleichen beispielsweise—ordentlich verstaut.
Bei aller Geschäftigkeit kommen jedoch auch all die angenehmen Seiten des Alltags nicht zu kurz. Die zarten Strahlen der Frühlingssonne laden geradezu zu einem Nachmittagsspaziergang in der Bucht und anschließendem zu heißem Tee auf dem Balkon ein, während man gemeinsam den wundervollen Blick hinaus auf den See und über die Feenwasserbucht genießt und bereits eifrig Pläne für das weitere Frühjahr und den kommenden Sommer schmiedet. Missandei und reisig sind keinesfalls die einzigen, die sich darauf freuen in den klaren Wassern schwimmen zu lernen und durch den umliegenden Wald zu streifen und auf dem Rücken der Pferde durch das weite wilde hügelige Waldland zu reiten. Ja, die nahezu unberührte Natur um sie herum mit den Sinnen der Schattenkatze und auf den Schwingen des Gorracails zu erkunden, darauf freut sich die Malankari in der Tat ganz besonders.

Das wohligwarme Gefühl des Angekommen seins breitet sich in ihr aus, als sie Amarya lachend von Kalams Arm aus auf die Bucht hinausblicken sieht. Dankbar legt Karamanh ihrem Mann von hinten die Arme um und schmiegt sich zufrieden an seinen breiten Rücken. Missandei, Reisig und Amarya wären hier immer sicher. Ihre Kinder würden nie erleben müssen, was Zaleh und ihr wiederfahren ist. Fast ein wenig überrascht stellt die Malankari fest, dass die alte Redesart stimmt, die Zeit heilt tatsächlich alle Wunden.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

Kalam

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Donnerstag, 19. April 2018, 22:06

All around there's new life rising from the winter fields

25. Taumond 518 – 19. Sturmwind 518

You can build a house out of anything, make it as strong as you want, but a home, a home is more fragile than that. A home is made of the people you fill it with and people can be broken, sure, but any healer knows what's broken can be mended, what's hurt can be healed, that no matter how dark it gets, the sun's gonna rise again. (M. Grey)


Es war ein warmer Tag – für Ende Taumond sogar sehr warm – und es bleibt auch ein ebensolcher Abend. Als Kalam vom Pferdestall heruntergekommen war, wo er die Laufboxen gemistet, frisches Stroh aufgeschüttet und die inzwischen hoch trächtigen Stuten und Atarangi mit Heu für die Nacht versorgt hatte, hatte Karamaneh ihm das Baby in die Arme gedrückt, um sich mit Zaleh ums Abendessen zu kümmern. Außerdem hatte er einen Box für Tamra hergerichtet, die Olyvar eigentlich in den nächsten Tagen zu ihnen bringen wollte, weil sie genauso wie Amarahsud, Barria, Ajala und Sand ein Fohlen erwartet, und es in den Ställen der Steinfaust keine anderen trächtigen Stuten gibt. Da Olyvar die Stadt vor etwas mehr als zwei Siebentagen jedoch zusammen mit Niniane, Brenainn und Pumquat Hals über Kopf verlassen hatte, um sich mit der Protektorin, seinem Knappen und dem Magierkobold in irgendein (ihnen allen unbekanntes) Abenteuer zu stürzen, würde Fianryn die Culstute ihres Vaters herbringen. Sie war heute Vormittag schon mit Connavar und Njáll vorbeigeritten, um ihnen deswegen Bescheid zu sagen. Als Kalam wegen Olyvars Verschwinden nachgefragt hatte, hatte ihm Connavar erklärt, dass "Tante Nan" ihn abgeholt hätte, mitten von den Waffenhöfen, wo die Rekruten gerade bei ihren Übungen gewesen waren. Brenainn hatte ihn begleiten dürfen, aber Borgils Sohn hatte ihm nicht verraten wollen, um was es gegangen war. "Ich bin mir nicht mal sicher, ob er es überhaupt selbst gewusst hat. Tante Nan hatte es jedenfalls fürchterlich eilig, das haben alle Blaumäntel gesagt, die sie gesehen haben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie irgendetwas wirklich gefährliches tun – schließlich hat er Brenainn mitgenommen. Sie tauchen sicher alle bald wieder auf."
"Hm," hatte Kalam gebrummt, der eine viel zu gute Vorstellung davon hat, wie es ist, von Niniane in irgendetwas "bestimmt nicht Gefährliches" verwickelt zu werden, und die Kinder vor ihrem Weiterritt noch ermahnt, sich um Himmels Willen von Grymauchs Bau fern zu halten. Der alte Höhlenbär ist zwar für gewöhnlich ein ganz umgänglicher Zeitgenosse und ein eher zurückhaltender Nachbar (was bedeutet, er hält sich von Viehställen und Dörfern oder Waldbauernkaten normalerweise fern), aber wenn Niniane nicht in ihrem Wald ist, um für Ordnung zu sorgen, kann Kalam auch nicht beschwören, dass Grymauch sich ein paar gut gefütterte Ponies und kreischende Kinder nicht doch als zweites Frühstück einverleiben würde, wenn sie ihm zu dicht vor die Nase spazieren. An Zahles Garten hatte er sich schon ein oder zweimal blicken lassen, allerdings war er so zuvorkommend gewesen, das nachts zu tun und den Zaun aus verflochtenen Weidenzweigen dabei vollkommen heil zu lassen – Kalam hatte nur am nächsten Morgen seine beeindruckend großen Prankenspuren in der weichen Erde gefunden. Niniane hat ihm jedoch versichert, dass sie an Grymauch Einaug' ein generelles Verbot ausgesprochen hatte, was die Feenwasserbucht, das Haus, den Pferdestall, den Garten und sämtliche der Seinen angeht, und Karamaneh, die dem Wort der Waldläuferin und Protektorin bedingungslos vertraut und den Bären aus ihrer Zeit in Ninianes Baum zumindest vom Sehen schon kennt, war damit völlig zufrieden gewesen, also soll er es auch sein.

Amarya hat genug davon, das Spiel von Licht und Schatten in den Baumkronen über ihnen zu beobachten und kräht und strampelt in ihrer Decke. Als Kalam sie aus einer Armbeuge an seine Schulter legt, klammert sie sich wie immer an ihn wie eine Muschel an einen Felsen und vergräbt ihre kleinen, runden Fäuste fest in seinem Haar. "Autsch, Rya. Wenn du so weitermachst bin ich in drei Monden so kahl wie du, und deine Mutter sucht sich einen anderen... lass meine Haare los, aye?" Der rabenschwarze Flaum, den seine kleine Tochter nach der Geburt getragen hatte, ist längst einem kurzen, flachsblonden Plüsch gewichen, der ihr in der Wärme wie winzige Igelstacheln vom Köpfchen steht und ihn frappierend an Karamanehs raspelkurz geschorenes Haar während ihrer Azurienreise erinnert. Unendlich behutsam löst Kalam Amaryas Beute aus ihren winzigen Fingern, woraufhin sie mit ihrem anderen Patschehändchen eine zweite Strähne packt, und sich prompt mit einem energischen Grauff! in den Mund stopft. Allmählich überlegt er ernsthaft, ob er sich sein eigenes Haar nicht an den Seiten abrasieren soll, so wie Borgil – nur dass er sich keinen Irokesen frisieren würde, sondern vielleicht einfach einen langen Zopf tragen könnte. "Du kannst doch nicht schon wieder Hunger haben, du hast gerade erst gegessen." Amarya gibt ein milchblubberndes Aufstoßen von sich, als würde sie seine Worte untermalen wollen, Hunger hat sie also offensichtlich tatsächlich nicht. Neuerdings grapscht sie allerdings nach allem in Reichweite, das ihr auch nur ansatzweise interessant erscheint und meistens landet es dann auch schon recht zielsicher in ihrem kleinen Mund. Kalam blickt sich suchend auf den hellen Natursteinfliesen der breiten Terrasse nach ihrem Lieblingsspielzeug, einer Rassel aus rot gefärbtem Holz, gefüllt mit getrockneten Erbsen um, kann sie aber nirgends entdecken. Unter ihm am Strand, keine zwanzig Schritt entfernt, spielen Missandei und Reisig im noch warmen Sand. Jetzt, am Abend, steht die Sonne im Westen über dem Larisgrün und den sanften Hügeln am landeinwärts gelegenen Rand der Feenwasserbucht und ihre schrägen Strahlen durchglühen das Haus mit seinen vielen Sprossenfenstern und offenen Räumen von der anderen Seite mit ihrem Licht. Es fällt auch durch den lichten Baumbestand und lässt das türkisblaue Wasser weiter draußen in der seichten Bucht leuchten. Der Strand und die breite Seeterrasse jedoch liegen schon in den Schatten. Ein paar Schwäne gleiten nahe am Ufer über das Wasser und Kalam dreht Amarya um. "Kannst du die schon sehen, a leannan? Siehst du schon so weit?" Das vielleicht noch nicht, aber der Ausblick in die Bucht scheint auch ihr zu gefallen, denn sie wird schlagartig still und ihre Augen sind eine ganze Weile nur mit den Bewegungen des Lichts über dem Wasser beschäftigt.

Irgendwo hinter sich im Haus, dessen Terrassentüren sperrangelweit offenstehen, hört er Zaleh rumoren, die mit dem Abendessen zugange ist und dann das leise Tappen nackter Füße, die sich ihm nähern. Karamaneh ist wohl mit dem Ausräumen der letzten Kisten für heute fertig geworden. Amarya reibt sich mit den Fäustchen über das Gesicht und macht es sich gähnend wieder in seinem Arm bequem. Kalam legt seine breite Hand um ihren Kopf und streicht ihr mit dem Daumen die winzigen, silberblonden Augenbrauen glatt. Im nächsten Moment spürt er, wie Karamaneh die Arme um ihn legt und sich an ihn schmiegt, und lächelt still in sich hinein. Hätte ihm jemand – irgendjemand, ganz gleich wer – noch vor eineinhalb Jahresläufen erzählt, dass er wieder ein Mensch sein würde, dass er eine Frau und Kinder und ein Heim haben würde, Land, das sein ist und Menschen, die zu ihm gehören und für die er verantwortlich ist, er hätte diesen jemand rundweg für verrückt erklärt. Aber hier ist er, im Kreis seiner eigenen Familie, ganz und gar lebendig. Karamaneh blickt an ihm vorbei aufs Wasser hinaus, auf die Mädchen am Strand und er kann ihre Gedanken beinahe hören, so deutlich als habe sie sie ausgesprochen. "Ich werde immer dafür sorgen, dass ihr sicher seid, a mhuirnín. Immer." Sie nickt und tritt an seine Seite, und Kalam legt den freien Arm um ihre Mitte. Amarya entdeckt ihre Mutter und bricht prompt in ein breites, zahnloses Grinsen aus. Seine Frau lächelt ihre Tochter an, doch dann stellt sie sich unvermittelt auf die Zehenspitzen und küsst ihn. Ihr Mund ist weich und warm und schmeckt nach Honig. "Oh, das ist schön, Naschkatze," murmelt Kalam beifällig. "Mach das nochmal." Das lässt sie sich nicht zweimal sagen, aber diesmal dauert ihr Kuss an, und er spürt einen ganz anderen Hunger jn sich aufsteigen, als den auf Brot und kalten Braten.
Der Wald auf der Landzunge ist still, wie es nur ein Wald in den Abendstunden sein kann. Kein Vogel, kein Tier, nur das Rauschen der Nadelbäume über ihnen und das sachte Rollen der sanften, sanften Brandung des Sees in der Bucht. Ständige Bewegungen, ständige Geräusche – und mitten darin perfekte Stille. Kalam öffnet seufzend die Augen und schmeckt Honig. Karamaneh lächelt zu ihm hoch und zupft ihm eine herabgefallene Birkenblüte aus dem Haar. Amarya liegt in seinem Arm, ein schweres, warmes Gewicht, der Mittelpunkt ihres Seins. Keiner von ihnen sagt ein Wort, als wollten sie beide die Ruhe nicht stören. Es kommt ihm vor, als stünden sie auf dem Gipfel eines Berges, um sie her ein Strudel von Ereignissen und Menschen, und jeder Schritt in eine beliebige Richtung wird sie wieder in das wirbelnde Durcheinander zurückstürzen – und sie lieben dieses Durcheinander ja auch, Zaleh und ihre großen Mädchen, den vielköpfigen Blutaxtclan, die stets betriebsame Harfe, Niniane, Cron und ihre Kinder, Olyvar und seine Familie, Calait und Colevar, alle, die sie in Talyra inzwischen kennen und schätzen gelernt haben... doch hier im absoluten Zentrum herrscht Frieden. Genau hier und jetzt in Tŷ ar y Llyn hätten sie allein auf einem der Gestirne am nächtlichen Firmament sein können. Kalam streicht seiner Frau ein paar Kiefernnadeln von der Schulter. Dann nimmt er ihre Hand und führt sie mit plötzlicher Heftigkeit an seinen Mund, küsst ihre Handfläche, berührt ihren Ehering und hält sie so fest an sich gedrückt, wie er es wagen kann, ohne ihr oder dem Baby in seiner anderen Armbeuge weh zu tun. Sie legt die Hand auf sein Herz und schließt die Augen. Keiner von ihnen sagt auch nur einen Ton, doch das Versprechen ist erneuert, der Schwur getan, so wie sie ihn schon einmal geleistet haben, mitten in der Wüste, umgeben von Leere, Sand und Sternen (und den Kindern des Kupferschmieds).

Der nächste Mondlauf vergeht wie in der Feenwasserbucht wie im Flug. Der Frühling zieht endgültig ins Land und bringt sowohl ungewöhnliche Wärme, als auch lange Sonnenstunden und in den Nächten gerade das richtige Maß an milden Regenfällen, um alles wie verrückt grünen und sprießen zu lassen - als wolle das Wetter die talyrischen Lande nachgerade für den harten, furchtbar schneereichen Winter entschädigen. Fianryn hält Wort und bringt Tamra in die Feenwasserbucht, und die trächtigen Stuten werden alle miteinander noch dicker und runder, als sie es ohnehin schon waren. Ende Taumond kehrt Niniane endlich zurück und bringt ihnen sowohl beunruhigende, als auch erleichternde Neuigkeiten, und eine – wie Kalam schon halb erwartet, halb befürchtet hat – weitere haarsträubende Abenteuergeschichte gleich noch dazu mit, muss sich jedoch erst einmal um ihren Sohn und dessen zukünftigen Verbleib kümmern, weshalb sie sie nur kurz zu Gesicht bekommen. Dafür sind die Neuigkeiten aus der Harfe mehr als gut, denn Borgil wird im Sturmwind nach sechs leiblichen Söhnen endlich, endlich Vater einer Tochter. Selbstredend ist der Zwerg völlig aus dem Häuschen darüber und kann es kaum glauben (tatsächlich sieht er in den ersten Tagen gefühlt alle halbe Stunde nach, ob es auch wirklich immer noch ein Mädchen ist) und benennt die Kleine nach ihrer (mindestens ebenso glücklichen und sich außerdem im Wissen Recht behalten zu haben sonnenden) Mutter: Azaira. Die größeren Harfenkinder kommen oft zu ihnen in die Feenwasserbucht, vornehmlich zwar um sie zu besuchen und Missandei und Reisig zu sehen, in Wahrheit aber hauptsächlich wegen der Fohlen, die ab Mitte Sturmwind stündlich zur Welt kommen können. Neben deren heißersehnter Ankunft rückt zumindest bei den Kindern, egal welchen, nämlich alles andere gerade weitgehend in den Hintergrund. Nachdem Leir gut untergebracht ist, kommen auch Niniane und Shaerela fast täglich vorbei (und bringen allen Göttern sei Dank hin und wieder auch Cron mit, so dass Kalam sich nicht ganz und gar wie in einem schnatternden Hühnerhaufen vorkommen muss), schließlich sollen zwei der Fohlen später einmal die Reitpferde der Protektorin und ihrer Tochter werden. Ninianes alte Jagdstute ist inzwischen reichlich grau um die Nase, ein wenig tattrig und blind und bekommt längst ihr Gnadenbrot, und Shaerela will endlich ein eigenes Pferd. Ein weiteres Fohlen würden sie ebenfalls behalten, das Missandei bekommen soll und was sie mit den übrigen anfangen werden, weiß Kalam noch nicht. Sie zu verkaufen würde ihnen eine hübsche Summe einbringen, so viel ist sicher. Die kleine Ashanínka hat sich natürlich längst das von Barria ausgesucht, ohne überhaupt zu wissen, was es wird oder wie es aussehen wird, und ist inzwischen täglich mit Kalam im Stall zugange. Sie ist auch nur mit größter Mühe davon abzuhalten, ihre Nächte bis zur Ankunft der Fohlen mit einer Decke auf dem Heuboden oder noch besser gleich neben Barria im Stroh zu verbringen. Weder sie, noch Reisig haben auch nur die leiseste Scheu vor den großen Tieren und Missandei hat jetzt schon ein sicheres Händchen für den Umgang mit ihnen. Kalam nimmt sie oft mit, wenn er Atarangi reitet, setzt sie vor sich in den Sattel und staunt jedesmal wieder darüber, dass es ihr gar nicht wild und schnell genug gehen kann. Wenn Sand nicht hoch trächtig wäre, könnte sie diese Feuerblutstute auch ganz allein handhaben, da ist Kalam sich sicher. Reisig hingegen muss sich für eine Weile noch damit begnügen, ab und an von Fianryn auf deren Pony geführt zu werden oder mit Bræn auf dem Hunaiapferdchen der Harfenkinder zu reiten, wenn er da ist – ihre Beinchen sind für ein großes Pferd einfach noch nicht lang genug.

Die einzige, die gänzlich unberührt von dem ganzen Fohlentrubel ist, ist Klein Amarya. Nunmehr vier Monde alt, übt sie sich auf ihrer Decke fleißig in Miniaturliegestützen, stemmt ihr Köpfchen und den halben Oberkörper in die Höhe, kräht und quietscht dabei vor sich hin, grinst jeden, der in ihr Blickfeld kommt breit an oder beschäftigt sich damit, ihre Zehen in den Mund zu stecken und den quietschgelben Stoffball, den Zaleh ihr genäht hat, aufzuessen. Vom Bauch auf den Rücken dreht sie sich schon längst und in ihrem Weidenkörbchen, auf dem Arm ihrer Eltern, ihrer Tante, ihrer großen Schwester oder auf ihrer weichen Flanelldecke ist sie überall dabei, drinnen wie draußen. Karamanehs Schwester verbringt ihre freien Stunden am liebsten in ihrem Garten und dank Zalehs grünem Daumen, sieht es auf ihrer Terrasse und rund um das Haus – vom Inneren ihres Hauses ganz zu schweigen – inzwischen aus wie in einem von Amitari höchstpersönlich gesegneten Botanikum. Überall grünt und blüht es , in Kübeln und Trögen und Pflanzschalen aus glasiertem Ton jeder Form, Farbe und Größe, in den Beeten ihres Gartens ohnehin. Kalam bringt zu ihrer großen Freude von einem seiner Besuche in Findronach ein Dutzend Hühner und einen jungen Hahn mit, der so groß ist wie ein mittlerer Kürbis und aussieht wie ein explodierter Federball. Damit ist das Hühnerhaus am Ende der Landzunge dann auch nicht länger verwaist, und Missandei und Reisig bekommen die Pflege und Versorgung des Federviehs übertragen. Das tun die Mädchen auch sehr gewissenhaft – so gewissenhaft sogar, dass die Hühner innerhalb kürzester Zeit allesamt handzahm sind und man sie ständig aus dem Haus scheuchen oder gar aus dem weich ausgepolsterten Weidenkörbchen pflücken muss, in dem tagsüber eigentlich Amarya schlafen soll, und in dem sie liebend gern ein Nest anlegen würden. Zu Beginn des Sturmwindmondes wandelt Karamaneh sich zum ersten Mal seit Amaryas Geburt wieder und streift für ein paar Stunden als Schattenkatze über die Landzunge und erprobt einige vielversprechende Bäume in der unmittelbaren Nähe des Hauses. Zu Kalams Freude testet sie in den nächsten Tagen sowohl als Schattenkatze ausgiebig die 'Katzenklappe' im Dach, als auch als Gorracail und Taipan das offene Gebälk und die hohen Räume. Er hatte beim Bau ihres Hauses viel Mühe darauf verwendet, die Details so zu gestalten, dass vieles ihren Wandelgestalten entgegenkommt und auch diesem Teil ihres Wesens ein Zuhause sein kann – dass sie all das nun auch nutzt, erfüllt ihn mit geradezu albern warmer Zufriedenheit. Er hatte sich schon Gedanken darum gemacht, warum sie so lange damit gewartet hat, wieder in einer ihrer Tiergestalten umherzustreifen, denn er kann sich gut daran erinnern, wie stark dieses Sehnens während ihrer Azurienreise manchmal in ihr gewesen war. Doch als er sie eines Nachts danach fragt, lächelt sie nur sehr geheimnisvoll und erwidert, dass es in ihrem Leben jetzt so viel schöner wäre, die meiste Zeit ein Mensch zu sein. Sie demonstriert ihm gleich darauf auch ziemlich ausführlich, was genau sie damit meint, und weil er ein kluger (und ein immer hungriger) Mann ist, fällt ihm nicht einmal im Traum ein, ihr da zu widersprechen.
I do very bad things, and I do them very well

5

Mittwoch, 25. April 2018, 20:04

Die Entscheidung, mit Bræn und Heledd in die Feenwasserbucht zu gehen ist schnell gefallen. Wie sollte Rialinn auch der Verlockung widerstehen, sich das Baby und obendrein die womöglich bereits geborenen Fohlen ansehen zu können. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, dass es ihr mit der Unterstützung des Jungen womöglich gelingt, dass sie sich dieses Schwert ansehen darf. Bei der Erklärung Kalam könne etwas unheimlich sein, wandert ihre Augenbraue allerdings skeptisch nach oben und sie zieht eine beleidigte Flunsch. Als ob sie sich so leicht einschüchtern lassen würde. Immerhin ist sie schon fast vierzehn Sommer alt (also in ihren Augen längst kein Kind mehr), kennt einen Wolfswarg seit sie noch nicht einmal so alt war wie Bræn jetzt ist und hat obendrein eine Mutter, die sich in eine Werwölfin verwandeln kann. Also bis Kalam ihr Angst machen würde, müsste er schon sehr, sehr unheimlich sein - ehemaliger Sithechvampir hin oder her. "Pffhh, bin doch kein Angsthase", kommt es also leicht empört von Rialinn, ehe sie noch nachsetzt, "wenn man Deinen Vater nicht kennt und ihn das erste Mal sieht, ist er auch unheimlich." Eine Anmerkung, die für sie unausgesprochen und vollkommen selbstverständlich beinhaltet, dass sie Borgil ja schon immer gekannt hat und ihn nie unheimlich gefunden hat.

Mit einem hopsenden Braiden zwischen ihnen geht es die Treppe hinunter und aus dem Anbau in die Harfe, wo sie den Kleinen bei Jojeen abliefern, Heledd einsammeln und Bræn dem unsichtbar in seinem Kontor herumrumorenden Borgil zuruft, wo sich denn welche Teile seines Nachwuchses jetzt und in der nächsten Zeit so aufhalten würde. Auf dem Weg zur Tür erklärt sie dann erstmal, dass es für einen 'Shu're' keine spitzen Ohren braucht. "Shu're ist im Elbischen der Titel für einen Klingentänzer… so nennen wir die Ritter bei uns… also ist ein Shu're das gleiche wie ein Sire. Wenn Tiuri also hier wäre, könnte ich zu ihm sowohl Shu're sagen als auch Sire." Als hätten ihre Worte den Loaritter herbeigerufen, laufen sie dem genannten beim Verlassen der Harfe prompt in die Arme.

>Whoa, immer langsam, wo soll's denn hingehen?<

Bræns Reaktion zu beobachten ist ein kleines Schauspiel für sich, auch wenn Rialinn nur die Hälfte mitbekommt, weil sie seitlich von ihm neben Heledd steht. Den Kopf bei einem solchen Ausruf aus dem Mund eines Erwachsenen einzuziehen scheint ein Reflex zu sein, den viele Kinder teilen und den Rialinn von sich selber ebenfalls gut kennt. Der folgende Wortschwall, mit dem der junge Halbzwerg dann ihre Pläne herunterrappelt lässt die beiden Mädchen erwartungsvoll von einem zum anderen schauen. Und zu erleben, wie der Knabe sich dann auf die "Ich bin der liebste kleine Bruder Rohas"-Masche inklusive Kulleraugen und Welpenblick verlegt, lässt Rialinn dann tatsächlich von einem spitzen Ohr bis zum anderen grinsen. So hat sie Bræn nämlich bisher noch nicht erlebt. Aber er hat Erfolg mit seiner Bitte, denn der älteste Ziehsohn Borgils rauft sich zwar erst noch kurz die Haare, erklärt dann aber mitkommen zu wollen.

Zusammen mit dem hochgewachsenen Loaritter ist es für die drei kein Problem sich einen Weg am Rand des Marktplatzes zu suchen und dann die Straße runter zur Uferpromenade zu nehmen. Dem Mann machen viele Erwachsene eben viel eher und viel selbstverständlicher Platz als drei Kindern. Auf der Uferpromenade hoch zum Smaragdstrand sind außer ihnen kaum Leute unterwegs und so bleibt Rialinn mehr als genug Zeit um die anderen drei auszufragen. Über Tanta Azra und die kleine Azaira, über Karamaneh und Kalam und deren ganze Familie, natürlich auch über die Fohlen. Und wo sie gerade bei den Fohlen sind, will Rialinn von Tiuri wissen, was denn nun mit seinen Pferden ist. Warum sein neues Pferd noch keinen Namen hat und was denn mit Njördyr geworden ist.

Der Weg in die Feenbucht vergeht bei all den Fragen und Antworten, dem Lachen und Reden und der schlichten Freude an der regelrecht explodierten Natur gefühlt wie im Flug. Dort angekommen, sind Bræn und Heledd der jungen Elbin mit raschen Schritten voraus. Rialinn, die zum ersten Mal dort ist, bewegt sich zwar ohne zu zögern aber doch deutlich verhaltener. Silberkiefern, Lebenseichen und mächtige Douglasien umstehen ein Haus, wie das Mädchen noch keines zuvor gesehen hat. Groß ist es, richtig groß. Mit vielen Dachgauben, Erkern und Vorsprüngen, mit Balkonen und tiefgezogenen Dächern. Aber es wirkt auf Rialinn nicht verwinkelt oder einschüchternd, sondern faszinierend und wie aus dem Boden und dem Wald heraus gewachsen. Es braucht eine Weile, bis sich das Elbenmädchen vom Anblick des Hauses losreißen kann und sich nach ihren Begleitern umsieht. Immerhin ist sie zum ersten Mal hier, auf fremdem Grund und Boden und will hier nicht einfach so herumlaufen ohne, dass sie sich bei Karamaneh und Kalam vorgestellt hat. Oder vielmehr jemand der hier schon bekannt ist sie den beiden vorgestellt hat.
Avatar (c) Niniane

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

Karamaneh

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Wohnort: Goldene Harfe

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6

Mittwoch, 25. April 2018, 21:37

Old-fashioned Things

Here Comes The Sun

Some old-fashioned things like fresh air
and sunshine are hard to beat.
(Laura Igalls Wilder)

In the act of falling
I learnt the skill of flying
and in the art of breaking
I learnt the magic of healing.
(Gemma Troy)

{Sturmwind 518}


Mit Amarya auf dem einen und einem Korb frisch duftender Wäsche unter dem anderen Arm geht Karamaneh zum Haus zurück und genießt dabei das ungewöhnlich warme Frühlingswetter und den damit einhergehenden herrlichen Sonnenschein. Zuhause. Dies ist ihr Zuhause. Sie ist barfuss. Ihr Haar ist im Nacken zu einem lose geflochtenen Zopf gebunden aus dem sich in der sanften Brise vom See her etliche vorwitzige Strähnen gelöst haben. Gekleidet ist sie in ein einfaches Gewand aus hellbraunem Leinen, das nur an den Säumen mit ein paar schlichten Stickereien versehen ist. Sie trägt keinen Schmuck außer ihrem Ehering und dem Tulorin-Amulett, welches Kalam ihr zum Namenstag bzw. zur Hochzeit geschenkt hat und doch fühlt sie sich wie eine Königin. Den sie ist frei. Sie hat ein Mann, ein Kind, eine Familie. Ein Zuhause.

Ihre Schwester nickt ihr lächelnd zu, als sie mit Amarya die Terasse betritt und wendet sich dann wieder dann zahlreichen Blumenkübeln, Hängeschallen, Pflanzbottichen und Beeten zu in denen es zu grünen und zu blühen begonnen hat und sorgt gewissenhaft dafür dass auch ja jedes Pflänzchen genug Wasser und entsprechend seinen Bedürfnissen ausreichend Sonne bzw Schatten abbekommt. Genau wie ihre Pflanzen, so ist auch Zaleh in den vergangenen Monden und Siebentagen immer mehr aufgeblüht. Und sie hat begonnen Pläne zu schmieden. Zaghaft zunächst. Doch schon bald immer entschlossener. Die Kräuter- und Pflanzenurkunde hat es ihr offenkundig angetan, jeder der Tŷ ar y Llyn besucht, kann dies sehen. Was liegt da näher, als diesem Weg weiter zu folgen. Zaleh hatte mit Niniane gesprochen und diese hatte sofort gemeint, dass sie die Amitaria in Dornheim genau das richtige für sie wäre. Karamanehs Schwester hatte zunächst zugehört, dann unendlich viele Fragen gestellt, sich anschließend immer wieder mit Kalam und Karamaneh beraten, und danach tagelang kein einziges Wort mehr darüber verloren, bevor sie eine Entscheidung getroffen hatte. Noch fühlt sich Zaleh nicht sicher genug. Im kommenden Frühjahr jedoch würde sie nach Dornheim gehen um dort zu studieren. Alle bestärken sie in ihrem Entschluss. Und Karamaneh und Kalam versichern ihr immer wieder, dass ihre Zimmer stets für sie bereit wäre, wann immer sie in der Feenwasserbucht wäre. Glücklich und mit einem neuen, echten Ziel vor den Augen hatte Zaleh sich in die Arbeit gestürzt um sich für die Aufnahme an der Amitaria vorzubereiten.

Amarya gluckst fröhlich und Karamaneh hält kurz inne. Tatsächlich, da sind Stimmen. Und im Haus ist das Getrappel freudiger Schritte zu hören. Lächelnd betritt die Malankari das Haus durch den Zugang zum kleinen Kaminzimmer ihrer Privatgemächer, stellt den Wäschekorb nach einem kurzen Zwischenstopp in der Waschküche ab, um die sauberen Sachen später sorgsam zu plätten und zusammenzulegen, und eilt dann zur Eingangshalle weiter von wo sie bereits fröhliches Stimmengewirr vernimmt, denn Missandei und Reisig waren offensichtlich schneller und sind bereits eifrig dabei ihre unerwarteten Besucher in Empfang zu nehmen. Karamaneh lacht. Sie kann sich schon in etwa denken, wer da an ihre Türschwelle geklopft hat, denn nicht nur Missa und Rei können die Geburt der Fohlen kaum noch abwarten. Sie hört Bræn und Heledd und biegt erfreut um die letzte Ecke, als sie auch Tiuris Stimme erkennt, der breit grinsend da steht und dem allgemeinen Begrüßungsgeschnatter erst einmal seinen Lauf lässt ohne sich sofort daran zu beteiligen. Genauso wie das schlanke grünäugige Elbenmädchen, das sich höflich lächelnd etwas im Hintergrund hält und erst einmal in aller Ruhe den Anblick der ungewohnten Umgebung in sich aufnimmt.

“Willkommen”, ruft die Malankari der bunten Schar in ihrer Eingangshalle entgegen. “Schön euch zu sehen.” Fragend wendet sie sich den Kindern zu. “Ihr seid bestimmt gekommen, um nach den den Stuten zu sehen, oder?”, erkundigt sie sich und schmunzelt leicht, als sie ein nahezu synchrones Nicken als Antwort folgt.
“Das dachte ich mir”, erklärt sie lachend. “Na, ihr kennt ja den Weg.”
Sie wendet sich Bræn und Heledd zu. “Wie geht es Azra und der Kleinen? Und wo habt ihr die anderen gelassen?” Wer mit die anderen gemeint ist bedarf keiner größeren Erklärung. “Und wenn habt ihr da denn mitgebracht? Herzlich willkommen auf Tŷ ar y Llyn.”
Mit einem strahlenden Lächeln wendet sie sich dem Elbenmädchen zu. Sie ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und so fällt es Karamaneh nicht schwer zu erraten, wenn sie da vor sich hat. Außerdem ist ihr das Backfischgeschwader immerhin vom sehen bekannt. Rialinn ist schließlich ebenso wie Shaerela und Fianryn mit ihren Ziehbrüdern befreundet und geht regelmäßig in der Harfe ein und aus.
♥ "What am I? Does my poor history matter-to anyone?" ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Many, having looked into her lovely eyes, had they found there what I found, must have forgiven her almost any crime." ―Sax Rohmer: The Insidious Dr. Fu Manchu
♥ "Karamaneh is a beautiful toy, I grant you; but so is a cobra." ―Sax Rohmer: The Return of Dr. Fu Manchu

7

Freitag, 27. April 2018, 17:32

True Seeing
Sturmwind 518

The seeing, the true seeing, that is the heart of it. So look what is there. What is really there. Just so. Open your eyes is all that is needing. Then comes the thinking, afterward, and in that way knowing the truth (Syrio Forel, First Sword of Braavos)


Als sie in der Feenwasserbucht oben ankommen, grübelt Bræn immer noch über das nach, was Rialinn gesagt hat, als sie die Harfe verlassen haben und ist daher für seine Verhältnisse ungewöhnlich still. Er hat keine Ahnung, warum sie so ein beleidigtes Gesicht gemacht und auch noch behauptet hat, sie wäre doch kein Angsthase und sein Da wäre auch unheimlich, wenn man ihn das erste Mal sehen würde. Als hätte er das behauptet! Oder als hätte er irgendetwas schlechtes über Onkel Kalam gesagt und sie würde ihn verteidigen, dabei kennt sie ihn doch gar nicht. Er hat nicht gesagt, dass Kalam ihr Angst machen sollte oder würde – das tut er bestimmt nicht, er mag Kinder eigentlich gern, das weiß Bræn ganz genau. Aber dann, während sie am Flussufer entlang nach Norden hinauf zum Smaragdstrand und weiter zur Feenwasserbucht gelaufen sind, hat er sich gefragt, ob sie ihn vielleicht falsch verstanden hat. Er hat ja überhaupt nicht Kalams Aussehen gemeint. Jeder Krieger kann gefährlich und furchteinflößend werden, wenn er es darauf anlegt, selbst die gesalbten Ritter – sein Da sowieso, aber Tiuri, Cron, Colevar und Olyvar genauso, und Shu're Elthevir bestimmt auch, obwohl Bræn sich da nicht so sicher ist, weil diese Spitzohren alle miteinander ja immer so... er weiß auch nicht... distinguiert sind. Distinguiert ist ein neues Wort, das er erst gelernt hat (natürlich von Jojeen), aber ihm fällt beim besten Willen kein besseres ein. Wenn sie meint, man wäre ein Angsthase, wenn man keinen gesunden Respekt vor solchen Männern und keine Furcht beim Gedanken daran empfindet, was sie tun können, dann ist sie aber wirklich längst nicht so schlau, wie er dachte. Jedes Kind lernt das, das weiß doch jeder. Aber das hat er auch nicht gemeint. Natürlich muss er sich nicht vor denen fürchten und sie sich genauso wenig, schließlich sind sie alle Freunde ihrer Eltern. Er fürchtet sich auch kein Bisschen vor Kalam. Aber manchmal ist er einfach unheimlich. Wenn man genau hinschaut und darüber nachdenkt. Etwas, das sein Da ihm seit einiger Zeit beibringt - und der Schankraum eines Wirtshauses wie der der Harfe ist prädestiniert dafür, es zu üben, weil so viel unterschiedliches Volk dort zu sehen ist, vor allem, wenn Heerscharen von Fremden und Reisenden durchkommen - ist wirklich hinzuschauen. Seine Augen ganz genau zu benutzen und zu sehen, was da ist. Für einen Krieger – und er hat fest vor, einer zu werden – ist das überlebenswichtig. Für einen Wirt erst recht, und Bræn hat genauso fest vor, auch das einmal zu werden. Natürlich übt er das mit dem genauen Hinschauen und Sehen noch, aber meistens kann er es schon recht gut. Er kann immer sagen, ob jemand gefährlich ist oder eher harmlos, ob er wirklich reich ist oder nur so tut, ob jemand traurig ist, obwohl er den ganzen Abend lacht und zecht, und nicht einmal seine engsten Freunde etwas davon merken oder ob irgendwer Streit sucht. Nur Elben kann er schwerer lesen, aber das wird er auch noch lernen. Und Onkel Kalam... er weiß gar nicht genau, was er manchmal sieht, wenn er ihn anschaut. Es ist mehr wie ein Echo von etwas lang vergangenem. Oder etwas, das hätte sein können. Wie der letzte Rest eines Schattens, der sich in der Sonne auflöst oder wie ein kalter Hauch, der einen aber nur im Vorübergehen streift. Wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass er fünfhundert Jahre lang ein kaltes, totes Wesen war. Wenn das nicht unheimlich ist, dann weiß er auch nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass Kalam in dem Leben, an das er sich nicht erinnern kann, also in dem Leben, bevor er zum Vampir wurde, schreckliche Dinge getan hat, aber das glaubt Bræn eigentlich nicht. Er hat zwar diesen Blick, den er auch von Cron und Colevar, Olyvar und – noch nicht so lange, aber auch nicht erst seit Kurzem – sogar von Tiuri kennt, einen Blick, den Männer und Frauen haben, die im Krieg gewesen sind und dort furchtbare Sachen gesehen haben oder selber tun mussten. Vielleicht liegt es auch an etwas ganz anderem. Wahrscheinlich sieht Rialinn es gar nicht, nicht so wie er. Sie glaubt ja auch, dass sein Da unheimlich sein kann, dabei ist er das gar nicht. Wild, brutal und zum Fürchten, ja – aber unheimlich? Sein Da doch nicht! Bei dem weiß man immer, woran man ist.

Doch als sie am Haus ankommen, sind alle Grübeleien über solche Dinge fürs erste völlig vergessen. Bræn liebt dieses Haus mit seinen wuchtigen Balken und dem Schnitzwerk von Olyvar an den Pfosten und Säulen, den Rabenköpfen und überhaupt seiner ganzen Urwüchsigkeit. Außerdem ist es so groß und so herrlich verwinkelt, dass es ihm wie eine einzige, wunderbare Abenteuerlandschaft erscheint, als wisse man nie, was hinter der nächsten Ecke, hinter diesem Erker oder jener Tür liegt. Weil er ja schon ganz oft hier war und das Haus außerdem als so etwas wie die Erweiterung des Familienbesitzes in und um Talyra ansieht, schließlich gehören auch Kara, Zaleh, Kalam und Amarya für ihn zum Blutaxtclan, auch wenn sie nicht so heißen, hält Bræn sich nicht groß mit Klopfen auf, genauso wenig wie Heledd und Tiuri, so dass sie alle vor Rialinn das Haus entern und in der Eingangshalle schon von Missandei und Reisig in Empfang genommen werden, die, wie wohl in jedem Haushalt, in dem es ein kleines Baby gibt, auch synchron die Finger an ihre Münder legen, zum Zeichen das Amarya vielleicht noch schläft. Tut sie gar nicht, wie sich herausstellt, denn Kara stößt gleich darauf mit einem Körbchen unter dem Arm zu ihnen, aus dem hellwaches Babygebrabbel tönt. Weil Heledd der kleinen Reisig nach Missandei wohl die liebste ist, wird sie auch sofort von ihr in Beschlag genommen, doch da Heledds linke immer noch fest in seiner liegt, ist Bræn generös und teilt. "Hallo Kara!"
>Wie geht es Azra und der Kleinen? Und wo habt ihr die anderen gelassen<
"Denen geht’s gut. Sie schlafen – also Mama und das Baby. Da ist mit den Zwillingen, Brevær und Braiden unterwegs, aber frag mich nicht, wohin. Vielleicht ist er mit ihnen zu dem Puppenspieler in den Tausendwinkelgassen gegangen. Jojeen, Heledd und ich haben uns den schon angeguckt, der ist gut! Jojeen konnte nicht mitkommen, zu viel zu lernen, und Rimeon schmiedet, wie immer. Aber er hat gesagt, er hat die Beschläge, die Kalam wollte, fast alle fertig, er bringt sie irgendwann nächste Woche vorbei."
>Und wen habt ihr da denn mitgebracht? Herzlich willkommen auf Tŷ ar y Llyn.<
"Das ist Rialinn, Arúens Tochter." Arúen kennt ja fast jeder in Talyra mehr oder weniger, weshalb Bræn der Meinung ist, dass er gar nicht weiter erklären muss, wer das ist. Dass Karamaneh und Kalam die Anukispriesterin bisher wenn überhaupt nur dem Namen nach kennen und noch nie persönlich mit ihr zu tun hatten, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Seine Freunde kennen sich alle untereinander, also nimmt er mit kindlicher Selbstverständlichkeit an, dass das bei Erwachsenen ganz genauso sein muss. "Rialinn, das ist Karamaneh," stellt er vor. "Rialinn will auch die Fohlen sehen, wenn sie schon da sind, aber noch lieber will sie sich, glaub ich, Ridil angucken. Ist Kalam auch da? Ich hab ihr gesagt, er zeigt ihr das Schwert bestimmt."
Er ist, wie Karamaneh ihnen versichert, und zwar oben im Pferdestall, weil die ersten drei Fohlen nämlich gestern zur Welt gekommen wären – hier öffnet Bræn schon protestierend den Mund. Da ist man einmal zwei Tage lang nicht da, weil man zuhause selber ein Baby gekriegt hat, und - plumps! - kommen hier die Pferdekinder zur Welt, auf die man doch so gewartet hat! Aber dann klappt er ihn wieder zu. Über die vermeintliche Pünktlichkeit von Babys - und er macht hier keinen Unterschied zwischen zwei - und vierbeinigen - weiß er ja schon so einiges. Drei Stück wären schon geboren worden, erklärt ihm Karamaneh, alle in einer Nacht: das von Sand, das von Ajala und das von Ahmarasud , alles kleine Hengste. "Und die Babys von Tamra und Barria?" Will Heledd mit großen Augen wissen, und Kara lacht leise und blickt in das Weidenkörbchen auf ihrer Hüfte. "Die kommen schon noch," versichert sie. "Spätestens in ein paar Tagen sind sie auch da."
"Dürfen wir hochgehen und sie anschauen?"
Diesmal ist es Missandei, die sich einmischt und beinahe so enttäuscht aussieht, wie er, weil 'ihr' Fohlen – sie hat sich das von Barria als ihres ausgesucht – immer noch auf sich warten lässt. "Ja, kommt mit. Sie sind entweder im Stall oder draußen. Da hat die Türen aufgemacht, so dass alle außer Atarangi rein oder rausgehen können wie sie wollen."
"Bræn! Musst du wirklich in jede Schlammpfütze treten?"
"Ach Mama, die sind immer ganz genau vor meinen Füßen!"

Tiuri

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Wohnort: Goldene Harfe, Talyra

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8

Samstag, 5. Mai 2018, 12:27

Sie lachen und scherzen und die Kinder springen um ihn herum während Tiuri aufpasst, dass keiner von ihnen in der Menschenmege verloren geht. Warum sein Pferd denn noch immer keinen Namen hätte wollen sie wissen. Tiuri rauft sich die Haare bei dem Versuch zu erklären warum er sich diesmal einfach nicht entscheiden kann und verspricht den Kindern aber wer mit dem besten Namen ankommt hilft ihm damit nicht nur den Roten zu benennen, der bekommt auch so viele Honigfinger vom Markt wie er verdrücken kann bevor ihm schlecht wird.
Sie sind allerdings keinen Schritt weiter gekommen in der Suche nach einem Namen als sie in Tŷ ar y Llyn ankommen. Kurz hält Tiuri im Gehen inne und betrachtet das Haus noch einmal von der Weite in all seiner Größe und Pracht. Es ist groß und wuchtig und strahlt für ihn eine angenehme Ruhe und Geborgenheit aus die Tiuri in den letzten Jahresläufen fort von Talyra schon beinahe vergessen hat.
Kara begrüßt sie sofort bei ihrer Ankunft und berichtet auch gleich – sie weiß natürlich auch ganz genau was die Kinder hauptsächlich hier wollen – von den neugeborenen Fohlen und da kann nicht mal Tiuri seine Neugierde völlig unterdrücken. Er verbringt doch sehr viel Zeit mit Pferden und ihrer Ausbildung und für ihn sind die kleinen Fohlen auch nicht einfach nur entzückend, sondern auch interessant. Wie sie sich in ihren ersten Tagen zeigen und auch ihre weitere Entwicklung bis zum Reitpferd oder, im Fall der Tiere mit denen er hauptsächlich so zu tun hat, sogar Schlachtross. Er kennt natürlich die schönen Feuerblutstuten die Kalam und Kara aus dem Süden mitgebracht haben, es wundert ihn also keineswegs wenn sich viele Leute darum reißen hier ein Fohlen zu ergattern.
Sie machen sich also auf zum Stall wo er diesmal in Ruhe als erster Kalam begrüßen kann, denn die Kinder haben natürlich nur mehr Augen für die Fohlen und lassen den ehemaligen Sithechjünger erst mal links liegen.
„So schnell ist man abgemeldet“, grinst Tiuri den Freund an und kann dank seiner Körpergröße zum Glück gut über alle hinweg auf die neuen vierbeinigen Rohabewohner blicken. „Ereignisreiche Nacht, hm? Aber scheint sich gelohnt zu haben, sie sehen richtig gut aus, alle drei!“

Kalam

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9

Montag, 7. Mai 2018, 17:20

Morning Glory

Sturmwind 518

Therefore - we do life’s labor -
Though life’s Reward - be done -
With scrupulous exactness-
To hold our Senses - on - (Emily Dickinson)


Kalam ist auf dem sandigen Auslauf um den Pferdestall damit beschäftigt, angespitzte Pfähle in die Erdlöcher zu rammen, die er am Morgen gegraben hat, um einen Zwischenzaun zu ziehen, damit auch Atarang in seiner Laufbox hinter ihm aus und eingehen kann, wie er will... wenigstens auf einem Teil der Koppel. Jetzt, wo die ersten Fohlen da sind, kann Kalam den Hengst nicht mehr mit der Herde laufen lassen, weil sie sonst im nächsten Frühjahr prompt wieder Nachwuchs hätten. Also hat er ihn aufgestallt und nun verbringt der Ärmste seine Tage damit, ohrenbetäubend nach den Stuten und seinen Fohlen zu schreien und die zweigeteilte Außentür seiner Box von innen zu demolieren. Allen Göttern sei Dank hat Kalam den Stall beinahe genauso massiv gebaut, wie das Haus, sonst wäre er schon längst zu Kleinholz verarbeitet worden. Normalerweise ist Atarangi ein wirklich umgänglicher Hengst, aber von Frauen und Kindern getrennt zu sein schmeckt ihm überhaupt nicht, und Kalam kann es ihm nicht verdenken. Vielleicht weiß Niniane Rat und es gibt irgendwelche Kräuter, die man den Stuten füttern kann, damit sie nicht aufnehmen, überlegt er. Die alte Jagdstute der Protektorin hat schließlich jahrelang mit Donner Stall und Weide geteilt ohne je von ihm trächtig zu werden. Kalam hat schon den ganzen Morgen im Stall und auf den Weiden verbracht, denn inzwischen wollen neun Pferde, rechnet man die Kleinen mit, gefüttert und versorgt werden. Außerdem hat er die Ställe und Weiden gemistet und einen allmächtigen Dunghaufen auf einen Karren geschaufelt, den ein Bauer aus Findronach morgen abholen würde. Auf Tŷ ar y Llyn gibt es keine Heerscharen von Knechten, Mägden oder sonstigen Bediensteten, die einem solche Arbeiten abnehmen würden, und ihm ist das grundsätzlich auch nur Recht. Er hat ein breites Kreuz, schwere Arbeiten hat er noch nie gescheut und er ist ohnehin niemand, der den ganzen Tag müßig gehen kann. Wenn er allerdings in Zukunft Niniane bei ihren Waldläufer- und Schattenjägerpflichten im Larisgrün und Umland unter die Arme greifen soll, werden sie hier auf dem Anwesen irgendeine Hilfe brauchen... jemand, der die schweren Arbeiten erledigen kann. Und wenn dieses unbotmäßig warme Frühjahr so weiter macht, werden sie spätestens im Goldschein die Wiesen mähen und das Heu einbringen müssen, und davor graut selbst ihm, wenn er das ganz allein tun soll. Borgil würde ihm jederzeit mit Harfengesinde aushelfen, aber vielleicht sollten Karamaneh und er sich tatsächlich nach einem Knecht umschauen... allerdings widerstrebt ihm der Gedanke, jemand Wildfremdes einzustellen. Am liebsten wäre ihm tatsächlich jemand, zu dem seine Familie ein solches Verhältnis pflegen könnte, wie Azra und Borgil zu all jenen, die in der Harfe arbeiten. Die allermeisten der Mägde, Knechte, Spüljungen und Schankmaiden dort arbeiten schon in der dritten, vierten und fünften Generation in diesem Gasthaus und nach ihnen werden es ihre Kinder und Kindeskinder noch tun. Sie betrachten sich selbst mehr als Inventar und Familienmitglieder, denn als Gesinde, und als solche werden sie auch behandelt – und sie sind unbedingt loyal. Nun, selbst Borgil muss einmal mit Wildfremden angefangen haben... Solche und ähnliche Gedanken spuken ihm vage und unausgereift im Kopf herum, während er Pfähle für den Zwischenzaun im Auslauf eingräbt, sie mit Setzwaage und Lot ausrichtet und die Löcher dann mit Mörtel füllt, den er sorgfältig festklopft. Bevor er irgendwelche handfesten Überlegungen deswegen anstellen wird, will er erst mit Karamaneh sprechen.

Die Stuten haben sich in der zunehmenden Wärme des Tages längst unter die Birken am Fluss verzogen, dösen in deren Schatten oder grasen unter den Bäumen. Von den Fohlen, die sich alle drei zum Schlafen hingelegt haben, nachdem sie den ganzen Morgen über wie Maiskörner in einer heißen Pfanne herum gesprungen waren, sind im halbhohen Gras nur wollige Umrisse und hier und da spitze Ohren zu erkennen. Doch plötzlich kommt Bewegung in die kleine Herde – ein Kopf nach dem anderen wird hoch geworfen, die Fohlen kommen staksig auf die Beine und drängen sich an ihre Mütter und Atarangi wiehert so laut, dass Kalam die Ohren davon klingeln. Allerdings hat der Hengst die Ohren aufmerksam gespitzt und starrt zwar erwartungsvoll den Pfad in Richtung Haus hinab, doch keines der Pferde setzt zu einer wilden Flucht an. Kalam nimmt die Hände von den Jagddolchen in seinem Gürtel, denn was immer sich nähert, scheint kein Raubt- und auch kein Stinktier zu sein. Gleich darauf sieht er drei dunkle Haarschopfe und einen feuerroten, sorgsam frisierten Irokesen den sandigen Weg entlang hüpfen - von Reisig kann er nichts erkennen, da sie noch zu klein ist . Nicht weit dahinter entdeckt er eine so baumlange Gestalt unter den Bäumen, dass es nur Tiuri sein kann. Sehr schön – sein (mehr oder weniger) Schwager kann ihm gleich mit den Pfählen helfen. Nur ein paar Herzschläge später galoppieren auch die Stuten unter den Birken hervor und drehen ein paar lässige Runden über den Auslauf, als wüssten sie genau, dass der Besuch – Kalam entdeckt ein ihm fremdes Gesicht zwischen Missandei und Bræn, und es scheint ein elbisches zu sein – allein zu ihrer Bewunderung und der ihrer Fohlen hier erschienen ist. Damit haben sie auch völlig Recht, wie sich herausstellt. Die Kinder krabbeln eines nach dem anderen durch den Zaun, weil der Weg zum Tor wohl ein viel zu weiter Umweg wäre, und keines hat auch nur einen Blick für ihn übrig, weil sie nämlich innerhalb weniger Augenblicke von neugierigen Pferden umringt werden, und eine Weile ist nichts zu sehen, als ein Reigen wogender Leiber und schimmernden Fells. Die Fohlen sind noch ein wenig schüchterner, aber da ihre Mütter keinerlei Berührungsängste mit den seltsamen, haarlosen Zweibeinern zu haben scheinen, sind auch sie ziemlich interessiert. Wenigstens Tiuri erbarmt sich seiner, auch wenn der Loaritter über den Zaun klettert, anstatt hindurch. >So schnell ist man abgemeldet< diagnostiziert er treffend die Lage und Kalam nickt. >Ereignisreiche Nacht, hm? Aber scheint sich gelohnt zu haben, sie sehen richtig gut aus, alle drei!<

Kalam lächelt so versonnen, wie wohl jeder angesichts der staksigen kleinen Geschöpfe mit ihren langen Stelzenbeinen, den dicken Gelenken und den sanften, runden Augen in den niedlichen Gesichtern lächeln würde. Vorerst zeigen alle drei im ersten Babyplüsch – selbst für Feuerblutpferde sind sie im direkten Vergleich zum kurzen glatten Fell ihrer Mütter wollig – mehr oder weniger verwaschene Braun- und Grautöne, und ihre Mähnen und Schweife sind kaum mehr als plüschige Borsten und erinnern an lustige kleine Bürsten. Das seidige Langhaar sämtlicher Stuten ist hingegen aufwändig geflochten, denn seine Töchter sind (nachdem Karamaneh und Zaleh es ihnen beigebracht hatten) neuerdings ganz groß, wenn es ums Flechten, Knoten und Verknüpfen geht, und üben es an jedem Tier, das gerade zur Hand ist. "Aye. Der Kleine von Ajala kam als erster, gerade nachdem die Sonne untergegangen war. Das von Ahmarasud dann ziemlich genau um Mitternacht und Sands kleiner Hengst in der Morgendämmerung. Keine der Stuten hat meine Hilfe gebraucht, das einzige, was ich tun musste, ist die Nachgeburten zu vergraben – und ich glaube, die anderen beiden kommen auch bald, vielleicht schon heute Nacht." Er beobachtet Barria und Tamra, die noch nicht gefohlt haben, und hofft im Stillen, dass es bei ihnen genauso reibungslos und schnell gehen würde, wie bei den anderen. "Ich glaube, bei dem von Sand und Ahmarasud - ihres ist das mausgraue, das gerade hinter ihr hervorlugt, siehst du? - kommt Atarangis Windfarbe durch. Ihre Wimpern sind silbern, aber sicher werde wir das wohl erst nach einer Weile wissen." Tiuri mustert die Fohlen mit anerkennender Miene, dann fällt sein Blick auf die diversen Flechtfrisuren der Stuten und er zieht fragend eine Braue hoch. Kalam grinst. "Die Mädchen tun zur Zeit ihr Bestes, um die ganze Welt zusammenzubinden, pass bloß auf, dass du ihnen nicht in die Finger gerätst. Sag mal, Rimeon hat dir nicht zufällig ein paar Eisenbeschläge mitgegeben, oder? Und wenn du schon einmal hier bist, kannst du mir gern mit den Pfählen helfen, damit Atarangi wieder aus dem Stallarrest entlassen werden kann. Hier, halt das mal, aye?" Er drückt Tiuri den nächsten Pfosten in die Hände und während der Loaritter ihn in die Erde rammt, füllt Kalam das Loch mit Mörtel auf. "Wen hat Bræn denn da mitgebracht?"
I do very bad things, and I do them very well

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Montag, 7. Mai 2018, 20:46

No girls allowed

Sturmwind 518

Bræn versteht von Pferden gerade soviel, dass er einen Zelter von einem Schlachtross, und ein Feuerblut von einem lammfrommen Ackergaul unterscheiden kann, aber selbst er muss zugeben, dass Karamanehs und Kalams Pferde aus Azurien einfach wunderschön sind. Über die machtvolle Eleganz ihres Körperbaus und ihr glänzendes Fell hinaus, ist das Auffälligste an ihnen ihr Langhaar. Während die meisten Pferdemähnen der gewöhnlichen Tiere, welche die ganz gewöhnlichen Reisenden im Stall der Harfe abstellen, ein Dasein irgendwo zwischen kurzen Stoppeln und verfilzten Zotteln fristen, haben Kalams und Karas Pferde nämlich massenweise seidiges, langes, fließendes und leicht gewelltes Haar, das sich bei jeder ihrer Bewegungen hebt und wogt, vor allem Atarangi, dessen silbergraue Mähne ihm ja fast bis zu den Sprunggelenken reicht. Ihre Schweife sind wie Wasserfälle, lang und dicht. Für Bræn haben sie alle miteinander fast etwas Magisches an sich, ob nun die goldglänzende Barria mit ihren blauen Augen oder Ahmarasud mit ihrem rabenschwarzen Fell und den goldroten Strähnen in Mähne und Schweif. Die Fohlen lugen hinter den Hinterbeinen ihrer Mütter hervor, haben lange Beine, knotige Gelenke und sind allesamt wie kleine Abbilder der märchenhaften, muskulösen Perfektion ihrer Eltern. Die Mädchen sind selbstredend hingerissen und völlig aus dem Häuschen, vor allem, als die Fohlen neugierig näher kommen und sie beschnuppern und die Stuten sich gern anfassen und streicheln lassen. Auch er streichelt Tamra an ihren samtweichen Nüstern, aber keines der Babys wagt sich wirklich an ihn heran und so wird ihm bei aller Niedlichkeit doch bald langweilig. Als er also Kalam und Tiuri etwas näher am Stall bei irgendwelchen Männerarbeiten entdeckt, stiehlt er sich im Krebsgang davon und schlendert zu ihnen hinüber. Erst dann sieht er sich listig nach allen Seiten um, doch die Mädchen sind tatsächlich immer noch bei den Pferdebabys und geben dabei die abartigsten Geräusche von sich, nichts als Quieken und Gurren, Säuseln und Seufzen, und, natürlich, Kichern, pffft! Nicht, dass er die Fohlen nicht auch herzallerliebst fände, aber deswegen muss er sich ja nicht gleich zum Affen machen. Er sieht sich sicherheitshalber auch noch ein zweites und drittes Mal um, doch da es tatsächlich nicht so aussieht, als würden Missandei, Rialinn, Heledd und Reisig in absehbarer Zeit seine Abwesenheit bemerken (oder sich auch nur nach ihm umsehen), befindet er die Gelegenheit für günstig und beschließt auch gleich, sie beim Schopf zu packen. Er steckt allerdings ein bisschen in der Zwickmühle hierbei, weil er jetzt Tiuri und Kalam für seine Fragen zur Verfügung hat und beim besten Willen nicht sagen kann, wer von beiden eigentlich besser geeignet wäre, ihm möglichst umfassende Antworten zu geben. Kalam hat fünfhundert Jahre Lebenserfahrung vorzuweisen, allerdings war er die meiste Zeit davon ja ziemlich untot, und Bræn hat keine Ahnung, ob sich Vampire überhaupt irgendwas aus Mädchen machen... außer zum Essen. Eindeutig ein Nachteil. Aber immerhin ist er verheiratet und hat inzwischen drei Töchter, das spräche also führ ihn. Tiuri hingegen hat, soweit Bræn das weiß, zwar jede Menge Erfahrungen mit dem Weibsvolk (auch wenn seine Vorstellungen, was genau damit nun gemeint ist, zugegebenermaßen noch ein bisschen nebulös sind)... aaaaber er hat noch nie ein Mädchen mit nach Hause gebracht und heiraten wollte er auch noch keines, also weiß er vielleicht doch nicht so viel, wie Bræn gehofft hat. Ach egal, entscheidet er dann. Sie sind beide hier, ich frage sie einfach alle zwei. Doch noch bevor er den Mund aufmachen kann, hört er Kalams letzte Worte, die Frage nach Rialinn.

"Das ist Rialinn," erklärt Bræn also an Tiuris Stelle, während der den Pfahl ausrichtet, den Kalam ihm in die Hände gedrückt hat, bis dieser ganz gerade in seinem Mörtelbett steht und sich nicht mehr irgendwo hin neigt. "Sie ist die Tochter von Arúen." Auch hier kommt ihm nicht in den Sinn, dass "die Tochter von Arúen" zwar eine Grunderklärung, aber möglicherweise nicht ganz ausreichend ist. Alle Erwachsenen, die in seiner Welt irgendwie von Bedeutung sind, kennen sich, also kennt Kalam die elbische Hohepriesterin ganz sicher auch, außerdem ist er ja ein alter Freund von Tante Nan, natürlich muss der Arúen kennen. Auch hier weit gefehlt, aber für ihn reicht das als Vorstellung vollkommen aus. "Sie wollte die Fohlen anschauen und außerdem dein Schwert sehen. Du weißt schon, Ridil." Nicht, dass Onkel Kalam nicht ganz viele wunderbare Schwerter und Waffen aller möglichen Arten hätte, aber das muss er Rialinn ja nicht auch noch auf ihr neugieriges Näschen binden – findet sie ohnehin noch früh genug selbst raus. "Bræn, du sollt damit wirklich nicht hausieren gehen," brummt Kalam und schwenkt die Mörtelkelle in seine Richtung. "Hab ich doch gar nicht!" Widerspricht er prompt und diesmal ist es sogar die Wahrheit. "Rialinn ist eine Freundin. Die tratscht nicht. Außerdem hat sie das mit Ridil schon gewusst. Sie hat gefragt, ich hab's nicht von mir aus gesagt. Sie war in der Harfe und wollte zu dir. Äh... kann ich mal was fragen?" Hoffnungsvoll blickt er von Kalam zu Tiuri und wieder zurück. "Was... geheimes. Äh... euch beide." Synchrones Nicken ist die Antwort, obwohl sie sich weiter auf ihre Arbeit konzentrieren. Brav trägt Bræn Setzwaage und Lot hinterher, während die Männer mit dem nächsten Pfahl zum nächsten Loch in der Erde pilgern. "Also... die Sache ist die... es geht um die Mädchen. Wann werden die eigentlich blöd? Also... nicht blöd, sondern halt blöd. Und tun sie das alle? So wie Shaerela und Fianryn, die kichern bloß noch und werden rot und wollen nicht mehr mit uns spielen, so wie früher. Ihr wisst schon. Backfische halt. Und... und glaubt ihr, das passiert auch mit Heledd irgendwann? Das wär' nämlich ganz schön blöd, echt, weil... weil... also weil irgendwann will ich sie ja heiraten und das kann ich ja nicht, wenn ich sie doof finde. Also, wenn sie doch blöd wird, hört das auch wieder auf?" Und weil er ohnehin gerade in Fahrt ist und die beiden ja, beschäftigt mit ihrer Arbeit, auch nicht vom Fleck können, schiebt er sicherheitshalber gleich noch ein paar Fragen, die ihn so ganz generell beschäftigen, hinterher. "Warum hast du eigentlich noch keine Frau, Tiuri? Magst du denn keine? Und wie ist das bei Vampiren mit den Mädchen, Kalam? Du warst ja mal einer. Oder hast du nur welche gegessen... Ach nee, du warst ja ein Sithechjünger, du hast gar nicht gedurft. Aber du hast Kara doch geheiratet, als du noch einer warst, oder?"
"Bræn! Musst du wirklich in jede Schlammpfütze treten?"
"Ach Mama, die sind immer ganz genau vor meinen Füßen!"