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466

Sonntag, 22. April 2018, 17:03

Backfischgeschwader

Sturmwind 518

"Nein, nein," versichert Bræn dem hinter ihm her trippelnden Braiden gerade, als er im Obergeschoss des Harfenanbaus um die Ecke ins Kaminzimmer biegt. "Du kriegst bestimmt keine Schimpfe, weil du das Baby geweckt hast, und jetzt komm endlich." Der zweieinhalbjährige Braiden ist der einzige seiner kleinen Brüder, der hin und wieder schlecht träumt, und Bræn ist der felsenfesten Überzeugung, dass das daher kommt, weil er in Brioca geboren wurde und nicht hier in der Harfe. Dabei vergisst er zwar, dass auch Brevær genaugenommen nicht unter diesem Dach das Licht der Welt erblickt hat, sondern irgendwo im Larisgrün, aber das ist ja praktisch ihr Vorgarten und gehört zu seinem Zuhause wie der Marktplatz und die Straßen, die Stadtmauern und der Strand und überhaupt alles in Talyra. Ausnahmsweise ist Heledd gerade einmal nicht in seinem Kielwasser unterwegs, weil sie nämlich den dreieinhalbjährigen Brevær längst angezogen und nach unten gebracht hat, wo auch Braiden schon sein sollte. Sein Da will mit den Kleinen irgendwo hin und hatte ihnen aufgetragen, die Jungs fertig zu machen, damit ihre Mama und das Baby – er kann immer noch nicht ganz fassen, dass er wirklich und wahrhaftig eine kleine Schwester hat, also eine solche Babyschwester, denn kleine Schwestern hat er ja schon reichlich... Heledd, die er aber lieber nicht als solche ansieht, sonst kann er sie nicht heiraten, wenn er groß ist, Missa und Reisig und das Baby von Kalam und Kara...halt, das ist seine Nichte, hat sein Da gesagt. Also ist Bræn nicht nur ein großer Bruder, sondern auch noch Onkel und das erst mit zehn – selbst er findet, dass das gar keine so schlechte Leistung ist und vergisst auch darüber völlig, dass er damit weniger zu tun hatte, eher der Fleiß seiner Eltern, Kalams und Karamanehs im Kinderzeugen und Adoptieren. Einerlei, der Tag ist viel zu schön, um ihn hier in der Harfe zu verbringen, außerdem muss Heledd einfach wissen, wie es um die Fohlen steht und er wird hingehen, wo sie hingeht, also ist es ausgemachte Sache. Er will allerdings vorher unbedingt noch zu Tiuri, der irgendwann von seinem Ausritt zurückkommen muss – seinen größten Ziehbruder so lange zu Hause zu haben, ist für Bræn etwas ganz Besonderes, schließlich hat der Loaritter die letzten Jahre mehr in Sûrmera und in irgendwelchen Kämpfen entlang der Weihrauchstraße verbracht, als hier in Talyra. Und da Bræn wie alle Jungen seines Alters Geschichten von Kriegen, Schlachten und Kämpfen in sich aufsaugt wie ein Schwamm, will er keine Gelegenheit auslassen, Tiuri über dies und das und jenes auszuquetschen. Er staunt allerdings nicht schlecht, als er plötzlich Rialinn vor der Nase stehen hat, die artig an Tiuris Zimmertür anklopft und das, obwohl der Loaritter doch gar nicht zu Hause ist. "Oh... hey, was machst du denn hier? Suchst du Tiuri? Der ist nicht da, ist ausgeritten. Hat ein neues Pferd und das ist richtig nett, endlich mal eines, das einen nicht ständig fressen will. Kann ich dir vielleicht helfen?" er streckt die Hand aus, um Braiden am Kragen seines Kittelchens festzuhalten, damit der nicht allein vorauseilt und sein kleiner Bruder lässt sich mit einem vernehmlichen Plumps auf den (noch) windelbepackten Hintern fallen. Rialinn ist ihm von dem "Backfischgeschwader", wie sein Da die ganzen halbwüchsigen Mädels in ihrer näheren Bekanntschaft neuerdings nennt, noch die liebste, weil sie längst nicht so zickig und langweilig geworden ist, wie Shaerela und Fianryn. Dauernd tuscheln die beiden miteinander, ständig stecken sie ihre Köpfe zusammen und flüstern und spielen wollen sie auch nicht mehr alles, vor allem nicht die wirklich lustigen Sachen. Bei diesem Gedanken fällt ihm ein, dass er ja Tiuri bei Gelegenheit einmal fragen könnte, ob der wohl weiß, woran das liegen mag, dass Mädchen irgendwann blöd werden und ob er glaubt, dass Heledd auch irgendwann so wird. Davor fürchtet Bræn sich tatsächlich und zwar sehr. Nicht auszudenken, was er tun soll, wenn er seine Heledd irgendwann einmal einfach nicht mehr leiden kann. Sie ist acht und er liebt sie heiß und innig, Shaerela und Fianryn sind vierzehn oder so, und er mag sie eigentlich immer noch ganz gern, aber meistens sind sie einfach nur doof. Er will Heledd nicht doof finden. Und er will auch nicht, dass sie damit anfängt, ihn anzusehen, als wäre er ein Baby und hätte von nichts eine Ahnung. Gerade in dem Moment hört er sie unten nach ihm rufen. Heledd will wissen, ob er jetzt nicht bald runterkäme und Bræn grinst. Sie klingt genauso wie seine Mama, wenn sein Da herumtrödelt: Ein bisschen ungeduldig, aber irgendwie lieb. "Rialinn ist hier, ich komm gleich," brüllt er zurück und sieht das Elbenmädchen erwartungsvoll an. Zu seiner unendlichen Bestürzung überragt sie ihn immer noch um einen ganzen Kopf, obwohl er in letzter Zeit wie verrückt gewachsen ist. Allerdings ist sie dabei so schmal wie ein Weidenzweig und er hat jetzt schon einen Stiernacken, eine Brust wie ein Jungbulle und Arme, die jedem verraten, wie stark er ist. 'Da kommt der Zwerg durch', sagt seine Mama immer. Allerdings ist er jetzt schon fast so groß wie seine Mutter und ihm fehlt auch nur noch ein Spann, dann hat er seinen Da eingeholt. Dann fällt ihm ein, dass Tante Arúen ja riesig ist, bestimmt wird auch Rialinn mal so turmhoch. "He, wenn du nicht auf Tiuri warten willst, magst du dann mit uns in die Feenwasserbucht kommen? Wir wollen Kalam und Kara besuchen und schauen, ob die Fohlen schon da sind. Sie kriegen jede Menge!"
"Bræn! Musst du wirklich in jede Schlammpfütze treten?"
"Ach Mama, die sind immer ganz genau vor meinen Füßen!"

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Sonntag, 22. April 2018, 22:04

Die Gunst der Stunde




Ein wenig ertappt schaut Rialinn den um einen Kopf kürzeren Bræn an, als der zweitgeborene Blutaxtspross samt eines seiner jüngeren Brüder plötzlich vor ihr steht.

> Oh... hey, was machst du denn hier? Suchst du Tiuri? Der ist nicht da, ist ausgeritten. Hat ein neues Pferd und das ist richtig nett, endlich mal eines, das einen nicht ständig fressen will. Kann ich dir vielleicht helfen?<

"Hallo Bræn… Tiuri?... Wieso Tiuri? Ich wollte eigentlich zu…" Irritiert wandert ihr Blick den Gang einmal rauf und wieder runter, dann wird ihr bewusst, dass sie tatsächlich vor der falschen Zimmertür steht. "Khôl…", schimpft die junge Elbin vor sich hin, um dem Jungen dann einzugestehen, "Da steh ich wohl vor dem falschen Zimmer. Tiuris Schwert Fahl habe ich schließlich schon gesehen. Eigentlich wollte ich zu Shu're Kalam." Sie ist sich zwar nicht wirklich sicher, ob Borgils Schwiegersohn ein Shu're oder vielmehr ein Sire ist, aber Höflichkeit kann schließlich nie falsch sein. "Ich wollte ihn fragen, ob… naja… ich habe gehört, dass er der Träger von Ridil ist." Kurz fasst sie Bræn fester in den Blick und dann bricht es regelrecht aus Rialinn heraus. "Du kennst ihn doch. Stimmt das? Ist sein Schwert wirklich Ridil?" Um im nächsten Moment zu realisieren, was der Junge noch gesagt hat. "Tiuri hat ein neues Pferd und ist noch nicht wieder weg?" Die Beschreibung des neuen Pferdes des Loaritters lässt Rialinn von einem spitzen Ohr bis zum anderen grinsen. Immerhin kennt sie Njördyr, das frühere Pferd Tiuris. Der Hengst war alles andere als einfach gewesen, sogar noch unleidiger als Noro, der schon einen ziemlich schlechten Ruf gehabt hatte ehe er wieder nach Vinyamar gekommen war. Und Rialinn ist sich ziemlich sicher, dass sie nicht mit Stubenarrest davon gekommen wäre, wenn irgendwer jemals erfahren hätte, dass sie sich damals nach dem Sommerturnier tatsächlich zu dem blauäugigen Hengst in den Stall geschlichen hatte, nachdem Shu're Elthevir ihr im Scherz von Tiuris Überlegungen zu Rialinns Pferdeflüsterfähigkeiten bezüglich des Rotfuchses erzählt hatte. Sie würde niemandem davon erzählen, dass der schwarze Hengst ihr nicht nur nichts getan sondern sie fast einen Viertelglockenschlag in seiner Box geduldet hatte, während sie leise das gleiche Lied gesummt hatte, mit dem auch ihre Mutter alle Pferde des Ulmenanwesens beruhigt und mit dem sie den roten Hengst seinerzeit auf dem Pferdemarkt besänftigt hatte. "So schlimm war Njördyr gar nicht", verteidigt sie den Rappen also - wenn auch eher halbherzig, denn in Gedanken ist sie längst wieder bei dem Grund, der sie heute eigentlich hierher geführt hat und die Stimme Heledds, die unerwartet aus dem Erdgeschoss zu ihnen herauf klingt, bringt sie obendrein für einen Moment aus dem Konzept.

>He, wenn du nicht auf Tiuri warten willst, magst du dann mit uns in die Feenwasserbucht kommen? Wir wollen Kalam und Kara besuchen und schauen, ob die Fohlen schon da sind. Sie kriegen jede Menge!<

Bræn weiß es vermutlich nicht, aber er bietet Rialinn gerade die Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Wenn er und Heledd sie mit in die Feenwasserbucht nehmen und sie dort vorstellen, dann ist das Argument ihrer Mutter bezüglich der Schwerter fremder Leute hinfällig. Und sie kann vielleicht nicht nur Karamanehs Baby sehen, sondern wenn Soris ihr hold ist, hat sie womöglich auch die Gelegenheit Kalam nach dem Schwert zu fragen.
Und bei dem Wort 'Fohlen' werden ihre Ohren gleich noch ein wenig spitzer. Noch ist Shur das Reitpferd ihrer Mutter. Aber Rialinn hat sehr wohl mitbekommen, wie Arúen und Tyalfen bei den Reiseplanungen darüber gesprochen haben, dass der Grauschimmel langsam zu alt würde um eine Reise wie die in die Elbenlande auf dem Landweg zu bewältigen. Sie hatten auch darüber gesprochen, dass sie sich über Kurz oder Lang nach einem neuen, jüngeren Pferd würde umsehen müssen.

"Ich würde gerne mitkommen", erklärt sie also, fragt aber im selben Atemzug nach, "Meinst Du denn, Karamaneh und ihr Mann haben nichts dagegen, wenn ich einfach so mit euch bei ihnen auftauche?... Warte, ich helfe Dir mit-" ein kurzer Blick um sich zu vergewissern, welcher von Borgils Sprösslingen da zwischen ihnen auf dem Boden sitzt, "mit Braiden." Und hält dem Knaben ihre Hand hin, die der auch prompt ergreift und sich zurück auf die Beine zieht und auffordernd die andere nach Bræn ausstreckt.
Avatar (c) Niniane

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.
(Khalil Gibran)

468

Sonntag, 22. April 2018, 23:33

Newsflash

Sturmwind 518

Rialinn stellt so viele Fragen auf einmal... also zumindest so kommt ihm das vor... dass Bræn gar nicht dazu kommt, ihr zwischendrin mal zu antworten und dann am Ende nicht mehr so recht weiß, wo er am besten damit anfangen soll. Oder mit welcher Frage. Der Reihe nach? Nach ihrer gefühlten Dringlichkeit? Oder was ganz anderem. Herrje, Mädchen sind wirklich nicht so einfach zu handhaben. "Also... Moment," beginnt er und realisiert, dass Rialinn wohl einfach noch nicht auf dem neuesten Stand ist. In letzter Zeit hat er sie oder ihre Mutter ja auch kaum zu Gesicht bekommen, weil sie auf Vinyamar wohl alle mit irgendwelchen Reiseplanungen oder so beschäftigt gewesen waren. Sein Da hatte irgendetwas in der Richtung mal erwähnt. "Du warst gar nicht vor dem falschen Zimmer, aber irgendwie doch. Da wohnt Tiuri, aber bevor sie ausgezogen sind, hatten Kalam und Tante Kara das Zimmer, weil es das größte im Anbau ist," klärt er sie auf. "Jetzt gehört es wieder Tiuri, der solange in Brenainns Zimmer geschlafen hat. Seit er wieder da ist, mein ich und ja, er is' immer noch da. Vielleicht bleibt er ja für länger. Klar kenn' ich Kalam, er ist schließlich mein... mein...äh... der Mann von Karamaneh. Ein Shu're ist der aber bestimmt nicht, er hat ja keine spitzen Ohren. Ein Sire ist er, glaub ich, auch nicht, aber da bin ich mir nicht so ganz sicher. Er ist jedenfalls irgendein Ritter, hab ich mal gehört." Genau genommen hat er schon einmal einen ganzen Sermon von irgendwelchen Titeln und Ehrenbezeichnungen gehört, die alle irgendwie dem ehemaligen Sithechjünger zugeschrieben werden, aber er bringt sie beim besten Willen nicht mehr zusammen. "Irgendwas mit Schwertern und Kelchen und Orden. Frag mich nicht. Er ist aber der Träger von Ridil, das stimmt. Wirklich Ridil, dem echten." Sogar sein Da war deswegen ganz aus dem Häuschen, auch wenn er versucht hatte, sich nicht so viel davon anmerken zu lassen, weswegen Bræn - als bis ins Mark seiner Knochen loyaler Sohn - jetzt auch kein Wort darüber verliert. "Und ja, Tiuri hat ein neues Pferd. Ich weiß gar nicht wie's heißt, ich glaub, es hat noch keinen Namen." Über die Aussage, dass Njördyr gar nicht so schlimm gewesen sei, kann Bræn nur leise schnauben – zu ihr ja vielleicht nicht, die Pferdeknechte in der Harfe und viele andere, die diesen Dämonenbraten erlebt hatten, würden da ein ganz anderes Lied singen. Einen Moment scheint das Elbenmädchen über etwas nachzudenken, denn es ist tatsächlich für eine Weile still, was ihm Gelegenheit gibt, ihr zu antworten und als er das getan hat und sie mit ihren Überlegungen fertig ist, erklärt sie, dass sie gern mitkommen würde.
>Meinst Du denn, Karamaneh und ihr Mann haben nichts dagegen, wenn ich einfach so mit euch bei ihnen auftauche?<

"Bestimmt nicht", versichert er. "Kalam kann ein bisschen unheimlich sein, wenn man ihn nicht kennt, aber er mag Kinder gern – ich hab jedenfalls noch nie gesehen, dass er eines nicht hätte leiden können. Und Kara mag alle Kinder, sie mag dich bestimmt auch." Damit scheint auch das ausgemachte Sache zu sein. Rialinn hilft ihm mit Braiden und sie machen mit dem Kleinen das Hopse-Spiel die Treppe hinunter, und bringen ihn in die Harfe hinüber, wo sie Heledd treffen. Währenddessen erzählt Bræn von allem, was ihm irgendwie wichtig erscheint, wenn sie Rialinn mit hoch in die Feenwasserbucht nehmen. "Dann ist da noch Tante Zaleh, Karamanehs Schwester, die sie in Azurien gerettet haben, und Missandei kennst du ja eh. Oh, und Reisig. Reisig ist Kalams und Karas zweite Ziehtochter, die haben sie aus Ildala mitgebracht. Sie hatte keinen Da und überhaupt keine Mama mehr und niemanden, also haben sie sie an... Kindesdings... Kindes art... an Kindes statt angenommen. Reisig ist aber noch klein. Wir wissen nicht genau, wie alt sie ist. Sie hat am Anfang kein Wort gesprochen. Und dann haben sie natürlich noch Amarya gekriegt, ihr Baby. Kalam war mal ein Vampir, weißt du. Doch wirklich, schau mich nicht so an, ich sag die Wahrheit. Einer von den Sithechvampiren, du weißt schon, nicht von den anderen, den wirklich bösen. Aber Kara hat ihn wieder lebendig gemacht, glaub ich, und jetzt ist er ein Mensch, so wie früher. Nur steinalt. Also so sieht er gar nicht aus, aber er war ja fünfhundert Jahre lang einer von denen. Hey Da," ruft er ins Kontor, wo er seinen Vater rumoren hört. "Wir gehen zu Kalam und Kara, ja? Heledd, Rialinn und ich. Die Zwillinge und die Kleinen sind bei Jojeen und sie sind fertig. Rimeon ist in der Schmiede und Mama und das Baby schlafen wieder." Als sie die Harfe zu dritt verlassen, sich durch das untere Ende des Marktgetümmels rund um den Harfengarten wuseln und zum Ildorel hinunter gehen - über die Uferpromenade geht es am schnellsten hoch zum Smaragdstrand und weiter in die Feenwasserbucht, fällt Bræn ein, dass es da ja noch was gibt, das Rialinn noch gar nicht weiß. "Unser Baby ist auch da, vor zwei Tagen zur Welt gekommen und es ist ein Mädchen! Da hat sie Azaira genannt."
"Bræn! Musst du wirklich in jede Schlammpfütze treten?"
"Ach Mama, die sind immer ganz genau vor meinen Füßen!"

Tiuri

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469

Montag, 23. April 2018, 18:09

Die Siebentage in der Harfe vergehen so schnell, dass Tiuri es gar nicht glauben kann. Weit weg ist der Alltagstrott in Surmera, das Training, die anderen Soldaten. Er hilft Kalam und Kara bei ihrem Umzug, genauso aber hütet bei jeder freien Gelegenheit das Baby, selbst wenn es nur für ein paar Minuten ist. Ganz uneigennützig natürlich und nicht, weil er bei dem Anblick kleiner Babys irgendwie immer schmilzt wie eine Sahnetorte in der größten Sommerhitze. Eine Tatsache die er versucht wenigstens ein kleines bisschen zu verheimlichen, aber langsam ist er nicht sicher ob ihm das noch irgendwer auch nur im Geringsten abnimmt. Kaum sind Kalam, Kara und ihre Kinderschar aus dem Haus und Tiuri wieder zurück in seinem eigenen Zimmer in der Harfe, bekommt der Blutaxtclan erneut Zuwachs in Form von Azaira, die erste kleine halbzwerginnen Schwester.
Sie ist natürlich entzückend mit ihren dunkelblauen Augen und dem roten Haarflaum, denn abgesehen davon, dass sie ein Mädchen ist und ihre Augen so aussehen als würden sie ihre blaue Farbe behalten, sieht sie genauso aus wie ihre Brüder. Bei all dem Kindersegen rund um ihn herum und besonders jetzt wo sein Kumpel Kalam Vater geworden ist, kann Tiuri nicht anders als sich insgeheim fragen ob er jemals Vater werden würde. Dazu müsstest du wohl mal länger als fünf Minuten an einem Ort bleiben, eine Frau kennen lernen und dich nicht nach zwei Sätzen schwer gelangweilt von ihr fühlen… Dabei kann er sich seit er wieder daheim ist nicht beschweren genügend Frauen zu treffen, sogar die Bäckerstochter die schon vor vielen Jahresläufen etwas verliebt in ihn war, macht ihm immer noch jedes Mal wenn er über den Marktplatz geht schöne Augen. Nicht mal ihr Ehemann und ihre vier Kinder scheinen sie davon wirklich abzuhalten.
Er macht also auch an diesem Tag einen Bogen um ihr Geschäft als er vom Waldhof zur Harfe zurück reitet wo er seine Schwester und auch Njördyr, den er vor seiner letzten Reise dort gelassen hat besucht hat. Der Rappe hat ihm zur Begrüßung gleich mal ordentlich in den Arm gebissen, ganz so als wollte er ihm erst mal klar machen was er davon hält hier alleine zurück gelassen zu werden während Tiuri in die Schlacht zieht. Gleichzeitig beteuert Kea aber, dass es dem Hengst gut ginge und er völlig problemlos wäre. Was die Stallburschen des Waldhofes nur mit einem Augenrollen und einem genervten Grunzen quittieren. Es hätte Tiuri auch wirklich gewundert, wenn der Hengst sich plötzlich zum Lämmchen entwickeln würde. Trotzdem spielt er mit dem Gedanken ihn zurück zur Harfe zu holen, denn nur weil er etwas zu alt und zu langsam für den Dienst als Schlachtpferd geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass er deswegen nur mehr auf der Wiese stehen muss.
Mit diesem und ähnlichen Gedanken, bringt er den Roten – der zu seiner Schande immer noch keinen Namen hat – in den Stall zurück, steckt ihm einen halben Apfel zu den der Hengst freudig annimmt und ihm auch gleich begeistert ins Gesicht sabbert. „Danke!“ sagt Tiuri resignierend, wischt sich den Apfelschleim aus dem Auge und macht sich auf den Weg zur Harfe. Gerade als er die Tür öffnen will, schlägt sie ihm auch schon entgegen und Bræn und Rialinn, Arúens Tochter, hüpfen ihm im Eilschritt beinahe in ihn hinein.
„Whoa, immer langsam, wo solls denn hingehen?“

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Tiuri« (24. April 2018, 21:25)


470

Montag, 23. April 2018, 23:35

Kulleraugen und Grübchen

>Whoa, immer langsam, wo soll's denn hingehen?<
Bei diesen Worten und noch mehr bei diesem Tonfall zieht Bræn im allerersten Moment schuldbewusst ein wenig den Kopf ein – eine ganz instinktive Reaktion seinerseits gegenüber jedem Erwachsenen, der ihm grundsätzlich etwas zu sagen hat. Aber schon im nächsten Moment grinst er breit, schließlich war er ganz brav und hat überhaupt nichts angestellt, und strahlt zu Tiuri hoch, der gerade noch rechtzeitig von seinem Ausritt wieder nach Hause gekommen ist, um sie – theoretisch – ja auch begleiten zu können. "Heledd, Rialinn und ich, wir wollen zu Kalam und Kara in die Feenwasserbucht hoch, nachschauen, ob die Fohlen schon da sind. Kommst du mit? Ich hab Da Bescheid gesagt. Er will irgendwas mit den Kleinen machen." Die "Kleinen" sind im allgemeinen Sprachgebrauch des Blutaxtclans der Harfe im Moment zumindest noch Branon und Brion, die beiden Zwillinge, sowie Brevær und Braiden (ihres Zeichens fünf, dreieinhalb und zweieinhalb Jahre alt). Inwieweit sich das mit Azaira jetzt vielleicht ändern würde, außerdem werden die Zwillinge am Ende dieses Jahres ja schon sechs und müssen dann nach dem Winter auch in die Schule, kann Bræn noch nicht sagen. Tiuri weiß jedenfalls wer mit "die Kleinen" gemeint ist. "Rimeon ist in der Schmiede, Jojeen hängt über seinen Büchern, und Mama und das Baby schlafen. Bitte komm mit, Tiuri, bitte!" Manchmal verlegt sich Braen noch aufs betteln, auch wenn er damit längst nicht mehr so viel Erfolg hat, wie irgendeiner von den "Kleinen". Kulleraugen und Grübchen wirken wohl einfach besser, wenn man winzig und niedlich ist – oder ein Mädchen. Er ist weder das eine, noch das andere und letzteres schon gar nicht, aber normalerweise muss man Tiuri nicht lang bitten, wenn es darum geht, Kalam und Karamaneh zu besuchen. Erstens hat er ihnen ganz viel mit dem Umzug geholfen, zweitens kennt er den Sithechjünger... also den ehemaligen Sithechjünger ja schon ewig (nach Braens Meinung jedenfalls) und dann ist da ja auch noch Amarya. Amarya ist aber auch ein furchtbar niedliches Ding, das muss selbst er zugeben und er hat als zweitältester leiblicher Borgilsohn wirklich schon ganz viele Babies gesehen. Außerdem ist da ja noch die Sache mit den Mädchen, die er Tiuri unbedingt fragen wollte. Er weiß zwar nicht genau, wie er das am besten anstellen soll, wenn Heledd und Rialinn dabei sind, die das natürlich besser nicht hören sollen, aber wenn sie erst einmal in der Feenwasserbucht wären, würde sich schon eine Gelegenheit ergeben, in der er Tiuri allein erwischt. Dann fällt ihm noch etwas ein, das er fragen will - eigentlich eine ganze Menge sogar, aber das wird warten müssen. Der Frühling war nach dem ewig langen Winter und dem vielen Schnee mit so viel Wärme und Sonne ins talyrische Land gezogen, dass schon alles grün ist und sogar die Buchen schon voll ausgeschlagen haben. Die Zwetschgen und die Kirschbäume blühen miteinander, überall summt und kreucht und krabbelt es, die Vögel sind ganz trunken vor lauter Wärme und haben bestimmt schon alle Küken in den Nestern und an manchen Tagen ist es so warm wie im Sommer. Heute ist einer davon und die Sonne rinnt ihm wie warme Butter über die Haut. Er kann es kaum noch erwarten, ans Seeufer hinunterzukommen, wo der Wind wehen würde und die Luft so stark nach Frühjahr riecht, dass man ganz schummrig im Kopf wird. "Gehst du mit?"
"Bræn! Musst du wirklich in jede Schlammpfütze treten?"
"Ach Mama, die sind immer ganz genau vor meinen Füßen!"

Tiuri

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Beruf: Stadtgardist

Wohnort: Goldene Harfe, Talyra

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471

Dienstag, 24. April 2018, 20:46

>Heledd, Rialinn und ich, wir wollen zu Kalam und Kara in die Feenwasserbucht hoch, nachschauen, ob die Fohlen schon da sind. Kommst du mit? Ich hab Da Bescheid gesagt. Er will irgendwas mit den Kleinen machen. Rimeon ist in der Schmiede, Jojeen hängt über seinen Büchern, und Mama und das Baby schlafen. Bitte komm mit, Tiuri, bitte!<
Bræn erklärt im Eiltempo was sie denn so geplant haben und versucht dann sein niedlichstes Gesicht aufzusetzen, das Tiuri innerlich ein wenig schmunzeln lässt. Er kann seinen kleinen Ziehbrüdern doch sowieso kaum etwas abschlagen, egal ob sie jetzt zwölf oder zwei Jahresläufe alt sind. Es ist aber ganz gut, wenn sie sich dessen nicht ganz so bewusst sind und deswegen tut Tiuri erst mal so als würde er noch über Bræns Vorschlag nachdenken. Insgeheim hat er sofort entschieden mitzugehen, schließlich hat er auch Kalam und Kara schon einige Tage nicht gesehen und vielleicht kann er mit dem ehemaligen Siethechjünger auch noch ein nachmittags Bier trinken, das Baby schaukeln oder noch etwas am Haus helfen falls noch Arbeiten anfallen. Außerdem war er so lange fort, dass er die Zeit die er nicht mit seinen Brüdern verbracht hat sowieso kaum aufholen kann, gerade jetzt wo sie langsam groß werden und immer mehr Zeit außer Haus verbringen.
>Gehst du mit?< Tiuri rauft sich noch einmal zur Schau die Haare und nickt dann. „Gut, ich komm mit. Hab gerade sowieso nichts anderes zu tun.“

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