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Donnerstag, 8. März 2018, 17:45

Auf der Flucht in den Rhaínlanden

Zweiundneunzig Tage

9. Taumond 518

Soriskäfer flieg,
dein Vater blieb im Krieg,
die Mutter ist im Engelland,
Engelland ist abgebrannt. (Volksweise)


Das erste, das Ælla hört, ist ein dumpfes Brummen, das hartnäckig in ihren Ohren summt, während sie sich darum bemüht, wach zu werden. Sie blinzelt benommen, doch als ihre Augen sich öffnen, noch schwer vom Schlaf und der Erschöpfung, erblickt sie ein Ungeheuer: eine unbestimmte, dunkle Masse sich windender Beine und haariger Fühler. Mit einem erschrockenen Aufjaulen und wild um sich fuchtelnd fährt sie hoch; die Hummel, die arglos ihre Nase erkundet hat, saust mit wildem Flügelsurren davon, um sich einen weniger leicht erregbaren Sitzplatz zu suchen. Eine Hummel! Nur eine Hummel… Ælla hebt die Hand, um ihr wild schlagendes Herz zu beruhigen, dann beschattet sie blinzelnd die Augen und blickt sich um. Die unerwartete Wärme und Klarheit der Welt ringsum lässt sie staunen. Das Tageslicht blendet, denn die Sonne steht schon hoch am Himmel und streut Gold nach allen Seiten. Über Nacht scheint der Frühling angebrochen zu sein - oder vielleicht liegt es auch nur daran, dass sie in der Dunkelheit so weit gelaufen war, dass sie beinahe den Fuß der Berge erreicht hat. Hier im Tiefland ist es wärmer als auf den bewaldeten Höhen: überall zwischen dem trockenen Laub des vergangenen Jahres blühen am Waldrand schon die ersten Windröschen und Leberblümchen, und selbst auf den grasigen Hügeln, die jenseits der Bäume beginnen, zeigen sich bereits weiße und gelbe Tupfer hier und da zwischen dem verblichenen Wintergras und dem frisch hervorsprießenden Grün. Sie wühlt sich aus dem schweren Umhang und kramt ihre Kerbhölzer hervor, schmale, je etwa eine Elle lange Stecken, in deren dunkle Rinde Striche eingeritzt sind wie Leitersprossen. Zwei sind bereits voll, und auf dem dritten Kerbholz ist auch beinahe kein Platz mehr. Dann zieht sie ihren Dolch, eine lange, schwere Klinge, mit der sie als Waffe überhaupt nicht und als Werkzeug kaum umgehen kann, und fügt mit grimmiger Miene einen weiteren Schnitt in der Rinde hinzu… es ist der zweiundneunzigste. Morgen oder übermorgen würde sie ein viertes Kerbholz anfangen müssen, um die Tage ihrer Flucht weiter zu zählen. Ælla fährt mit dem Finger über die blassen Schnitte. So viele Kerben… so viele Tage. Denk nicht zurück. Wenn du zurückblickst, bist du verloren. Am achtundzwanzigsten Nebelmond hatte sie ihr Zuhause, ihre Familie und ihr ganzes Leben verloren. Wenn sie sich nicht verzählt hat, ist heute der achte Taumond. Ælla räumt ihre Kerbhölzer wieder fort und blickt sich um, nach Norden, wo die Hänge des Aarenhal hinter ihr liegen. In der Ferne sieht sie über den Baumkronen noch immer den Rauch des niedergebrannten Hofes aufsteigen - den Rauch, der ihre letzte Hoffnung zunichte gemacht hatte, doch noch eine Zuflucht und mit ihr vielleicht Menschen zu finden, die ihre Welt wieder ins Lot bringen würden. Er erinnert sie auch daran, dass ihre Verfolger noch in der Nähe sein könnten und sie zögert, denn sie weiß nicht, wohin sie sich jetzt wenden soll. Ich muss noch einmal zurück und sie begraben. Asger von Rekenhael und seine Schergen hatten alle getötet, den Bauern, seine Frau, ihre sieben Kinder, die jüngsten noch nicht einmal aus den Windeln. Vielleicht gibt es auch noch Vorräte irgendwo. Der Gedanke ist weit ausschlaggebender, noch einmal zu dem ausgebrannten Gehöft zurückzukehren, als der an die Toten. Und dann? Dort hinaus, ins offene grasbewachsene Hügelland jenseits der Bäume? Wo es auf Meilen hinaus keine Deckung, keine Verstecke gäbe? Besser nicht... Verschwommen erinnert sie sich an die verblichene Karte der Rhaínlande, die zu Hause im Kontor an der Wand hinter dem Ladentisch zwischen Bestellungen, Lieferscheinen und Inventarlisten gehangen hatte. Die Berge von Aarenhal liegen im Süden, sie muss längst in Moorsheen sein. Bis zu den Verdwäldern und der Grenze der Herzlande kann es nicht mehr weit sein.

"Also bleibe ich am Fuß der Berge," erklärt sie den schweigenden Windröschen im bronzebraunen Herbstlaub, die ungerührt im sachten Wind nicken. Manchmal spricht sie mit den Bäumen, manchmal mit den Tieren, die ihr in der Wildnis begegnen und sie neugierig beäugen, wenn sie nicht sofort die Flucht ergreifen - nur um ihre eigene Stimme zu hören und sich nicht ganz und gar allein zu fühlen. "Immer am Waldrand. Vielleicht kann ich dann nachts sogar ein Feuer entzünden." Ihr Zunderkästchen ist nach dem kleinen Vorrat an Dörrfleisch und dem halben Rad Hartkäse, das sie noch hat, ihr größter Schatz und sie hütet es wie ihren Augapfel. Die Bäume würden ihr Deckung bieten und sie schützen. "Es ist Anfang Taumond," überlegt sie weiter, überlegt laut und versucht, sich selbst Mut zu machen. Die Verzweiflung des gestrigen Tages und die Schrecken der vergangenen Nacht schiebt sie so entschlossen beiseite, wie sie nur kann. "Mit der Carsairfeuernacht in ein paar Tagen beginnen die Frühlingsjahrmärkte. Sie dauern bestimmt auch hier im Süden bis zu Nannas Hochtag am vierundzwanzigsten." Ein wenig zweifelnd kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Würde sie es in einem Siebentag bis nach Suthaward schaffen? Sie weiß zwar ungefähr, wo sie sich befindet, doch sie hat keine Ahnung, wie groß die Entfernung der Wegstrecke ist, die noch vor ihr liegt. "Zu den Märkten versammeln sich Bauern und Händler in jedem größeren Dorf, ganz sicher auch in Suthaward, schließlich müssen sie ihre Geschäfte noch vor der Frühjahrsaussaat machen. Wenn ich Glück habe, ist mehr als eine Handelskarawane in der Stadt, vielleicht sogar fahrendes Volk und Adamarah, die nach Westen in die Herzlande wollen, oder von dort zurückkehren. Wenn ich großes Glück habe, ist die Stadt sogar ziemlich überfüllt." Je mehr buntes Treiben und Durcheinander, desto besser stünden ihre Chancen, unbemerkt zu bleiben. Im Kielwasser einer Handelskarawane, am besten einer herzländischen, versteckt unter einer dünnen Schicht von Anonymität, würde es ihr bestimmt gelingen, die Rhaínlande unerkannt zu verlassen. Ælla nestelt ihre fleckige Geldkatze hervor, einen Beutel aus demselben haselbraunen Wollserge, aus dem auch ihr Geelian und ihre Hosen bestehen, verziert mit denselben bernsteingoldenen und grünen Stickereien. Die sind allerdings noch mitgenommener als jene auf ihrem Gewand, und mit ihrer Barschaft steht es auch nicht zum Besten. Vierunddreißig Silberlinge sind alles, was sie noch hat. Das wird niemals ausreichen, um einen Karawanenplatz zu bezahlen. Sie würde sich Arbeit suchen müssen… oder irgendetwas zu Geld machen. Nur was? Sie besitzt nichts mehr und alles, was Ælla in ihrem bisherigen Leben gelernt hat, in ihrem Zuhause oder beim alten Priester Frerijan im Tempel, die Allgemeinsprache, ein paar Sätze Pakkakieli, ein paar Worte Tamaraeg, Buchführung, Handeln, Kleinviehzucht, etwas Geschichte, Lesen, Schreiben und Arithmetik, die Götterlehren, Nähen und Sticken, das Besorgen eines Haushalts, Reiten und Wagenfahren, das Rühren einer Kinsbrorsauce, nutzt ihr hier in der Wildnis nichts mehr – bis auf das Reiten vielleicht, doch ihr Pferd war vor zwei Siebentagen vor einem Rudel hungriger Wölfe davongelaufen, und Kinsbrorsaucen haben jede Wichtigkeit in ihrem Leben verloren.

Beim Gedanken an ihr zu Hause fallen Trauer und Heimweh so unvermittelt über sie her, dass es ihr die Luft abschnürt, sie mit Ohnmacht und Zorn erfüllt, und mit einem Schmerz, der so körperlich ist, dass sie sich vor Pein zusammenkrümmt. Nie wieder Kranichzüge. Nie wieder Wildgänse. Nie wieder das Glänzen in den Augen ihres Vaters, wenn er von seinen geliebten Rhaínlanden und seinem geliebten Prinzen gesprochen hatte. Nie wieder Zittersilber und Klovjen für das Grab ihrer Mutter und ihrer totgeborenen Schwester unter dem alten Apfelbaum. Als ihre Tränen endlich versiegen, als Ælla sich die Blätter aus dem Haar zupft und es dann notdürftig mit den Fingern durchkämmt, fällt ihr ein, dass irgendeiner der Händler oder Reisenden, die, außer im Winter, beinahe täglich durch Northoren gekommen waren und oft bei ihnen gekauft - oder verkauft - hatten, einmal erwähnte, die Damen in den Herzlanden würden gutes Silber für das blonde Haar der Rhaínländerinnen bezahlen, um daraus Perücken und Haarteile anfertigen zu lassen. Ihr Haar ist sehr lang und dicht, und es ist sehr blond. Dann lässt du es eben in Suthaward abschneiden. Mit dem Geld kannst du den Karawanenplatz bestimmt bezahlen. Und jetzt hör auf zu heulen, es wird ja wieder nachwachsen! Sie wischt sich die Feuchtigkeit von den Wagen, legt den schweren Umhang um ihre Schultern und stapft dann nordwärts, den steilen Berghang wieder hinauf.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Aella« (8. März 2018, 17:51)


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Samstag, 17. März 2018, 23:24

Ashes denote that fire was

9. Taumond 518

Hope is hard to come by
In a world of bitter dreams (Daniel Mashburn)


Als sie die Lichtung erreicht, auf der sich vor zwei Tagen noch der Hof Baernets bar'Gelis befunden hat, ist die Sonne bereits tief gesunken, bald wird es beginnen zu dämmern. Der Geruch, den sie schon seit einer Weile wahrnimmt, wird stärker und Ælla rümpft die Nase. Sie hat mit diesem Gestank schon früher Bekanntschaft gemacht, nach dem Verschwinden des Prinzen und den darauffolgenden Unruhen in Kinsbror. Brennende Menschen riechen nicht anders als brennende Schweine - in der Luft hängt der Geruch von einem einzigen, großen Grillfest. Sie spürt, wie ihr leerer Magen sich erst knurrend zusammenzieht und dann ruckartig ins Schlingern gerät, doch sie kämpft die plötzliche Übelkeit genauso fest entschlossen hinunter wie ihr Entsetzen über sich selbst und den überwältigenden Ekel. Wo der Wald sich lichtet, nutzt sie das Unterholz als Deckung und schleicht von Busch zu Busch, ganz so, wie sie es in der vergangenen Nacht schon getan hat, als der rote Schein am Himmel sie nach einer Woche des Umherirrens in den Aarenhalbergen hergeführt hatte. Sie hatte ein Dach auflodern sehen, dann ein zweites und ein drittes, und die Flammen hatten mit heißen, orangefarbenen Fingern in die Nacht gegriffen, als das Stroh Feuer gefangen hatte. Sie hatte Kinder weinen und eine Frau kreischen hören, dazwischen grobe Männerstimmen, das Brüllen von verängstigtem Vieh, Schläge, noch mehr Schreie. Als erstes hatte die Scheune gebrannt, keine zwanzig Schritt von ihrem Versteck entfernt, die Rückseite binnen weniger Augenblicke vom gemauerten Fundament bis hinauf zum Dach eine einzige Feuerwand. Sie hatte die Tiere gehört, die darin gefangen gewesen waren, und Flammen hatten nach den umstehenden Bäumen geleckt, doch die Nacht war so voller Rauch gewesen, dass Ælla trotz der hell lodernden Brände überall auf der Hofstelle selbst kaum mehr als Schemen hatte erkennen können. Doch dann hatte sie ihn gesehen, als die Rauchschleier aufgerissen waren, das verhasste Gesicht rot und glühend im Schein der Flammen: Asger von Rekenhael, selbsternannter Rebellenjäger im Dienst der königlichen Familie, auf ihrer Fährte seit sie in Kabouterain den Rhaín überquert hat. Er ist noch jung, auf keinen Fall älter als fünfundzwanzig, und von Ehrgeiz schier zerfressen. Sein düsterblondes Haar fällt ihm glatt wie ein Tuch auf die Schultern und seine hellgrauen Augen sind kalt wie Stein. Sie sind so blass wie Schneematsch, als wäre alle Farbe aus ihnen gewichen, und sie hatten nicht eine Regung gezeigt, als er den Bauern erschlagen hatte, einen Mann, von dem Ælla nicht mehr weiß, als seinen Namen, Baernet bar'Gelis. Das war der Moment, in dem sie in den Wald zurückgekrochen und davongelaufen war, so schnell sie im Stockfinsteren nur hatte Laufen können. Nun ist sie wieder hier. Was mache ich hier eigentlich? Was, wenn sie zurückkommen? Wenn sie noch immer irgendwo hier sind und auf der Lauer liegen? Alle paar Schritte hält sie an und lauscht, doch es ist nichts zu hören außer der Abendwind in den Bäumen und ab und an das Knacken der noch schwelenden Brände. Hier, auf diesem einsam gelegenen Bergbauernhof im Aarenhal hatte sie Zuflucht und Sicherheit zu finden gehofft. Stattdessen war sie zu spät gekommen.

Südlich des Hofs wächst ein Brombeerdickicht, und als sie dort anlangt, verlieren die langen Schatten, welche die untergehende Sonne wirft, ihre Konturen. Ælla wartet lange, bis sie es wagt, ihre schützende Deckung zu verlassen. Sie wirft einen prüfenden Blick zum Horizont, wo die Wolkenstreifen rosa und golden zu glühen beginnen, während die Sonne hinter ihnen versinkt. Das Licht lässt jetzt rapide nach; auch auf der Lichtung, auf der der abgebrannte Hof steht, erhebt sich die Dunkelheit, sammelt sich unter den Bäumen und kriecht wie Öl über die aufgerissene Erde – doch alles bleibt ruhig. Nur Raben und Krähen flattern krächzend auf, erbost über die Störung ihres Festmahls, und mit ihnen wirbeln Ruß und Asche wie ruhelose Geister über den Boden. Asger und seine Männer sind tatsächlich weitergezogen. Wie erwartet, findet sie nur noch geschwärzte Steine und die ausgebrannten Gerippe von Gebäuden, die einmal ein Hof gewesen waren… und Leichen. An manchen Stellen steigt aus der grauen Asche immer noch schwacher Rauch auf. Das Haus ist nur teilweise abgebrannt, der Kamin geschleift, das Hühnerhaus eingerissen, die Scheune nur noch verkohlte Balken und überall liegen Tote. Sie haben alle umgebracht. Selbst die Kinder. Selbst die Kleinsten. Der Schwerthieb, der Baernet bar'Gelis das Leben gekostet hat, hat ihm den Schädel beinahe in zwei Hälften gespalten. Neben ihm liegt seine Frau, die Kleider zerrissen, die weiße Haut von Blutergüssen übersät, unübersehbar vergewaltigt… wie oft oder von wie vielen, weiß Ælla nicht zu sagen. Raben und Krähen haben den größten Teil ihres Gesichts weggefressen. Nicht weit entfernt liegt noch ein alter Knecht, dem einfach der Schädel eingeschlagen worden war, halb verbrannt unter den Überresten eines Dachgiebels, der auf ihn gefallen war, und dazu sieben Kinder im Alter von vielleicht einem Jahr bis zwölf. Ælla zwingt sich, ihre kleinen Gesichter anzuschauen, eines nach dem anderen, und versucht sich einzureden, sie sei hart wie Stein. Einerseits hätte sie am liebsten geweint. Andererseits hätte sie den toten Bauern am liebsten getreten. Warum hast du ihnen nicht gesagt, was sie hören wollten? Warum hast du die gute Königin Lyesanne nicht in die Andernwelt hineingelobt und ihr ewige Treue geschworen? Sie weiß genau, wie sinnlos ihre Gedanken sind, denn Asger wäre es gleichgültig gewesen, ganz egal, was der Bauer gesagt oder nicht gesagt hätte. Er hätte ihn so oder so umgebracht. Dabei war der Mann noch nicht einmal ein Rebell. Bis vor ein paar Wochen hatte sie seinen Namen überhaupt nicht gekannt, nichts von ihm gewusst, und sie kennt alle Namen der Getreuen, weiß von den meisten sogar, wo sie leben. Nein, er war nur der Freund eines Rebellen, was er selbst vielleicht nicht einmal gewusst hat, und sie haben ihn trotzdem erschlagen, seine Frau vergewaltigt, seine Kinder getötet. Was würden sie dann erst mit der Tochter eines Rebellen anstellen, wenn sie sie in die Finger bekommen? Was würde ihre Strafe sein?

Es dauert, bis sie die Leichen in die Überreste der immer noch schwelenden Scheune geschleift hat. Ihre Hände sind wie Eis, während sie arbeitet, so taub und gefühllos wie die wachsartige Haut der Toten, obwohl ihr trotz der Kühle der Nacht der Schweiß in Strömen über den Körper rinnt. Der Boden ist hier oben in den Bergen für Gräber noch viel zu hart gefroren, doch auch wenn er das nicht wäre, sie allein hätte selbst mit einer guten Schaufel Tage gebraucht, um zehn Gruben auszuheben, die tief genug gewesen wären. Aber sie kann die Familie unmöglich einfach so liegen lassen, das bringt sie nicht über sich. Abgesehen davon würde der Leichengeruch sonst nur Aasfresser anlocken, und sie hat erst vor kurzem Bekanntschaft mit einem hungrigen Wolfsrudel gemacht. Das hatte sie ihr Pferd gekostet, das in Panik davon galoppiert und auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Sie selbst hatte zwei Tage lang auf einem Baum gesessen, ehe den Wölfen unter ihr die Geduld ausgegangen war und sie weitergezogen waren, um sich weniger widerspenstige Beute zu suchen. Ælla hätte die Toten gern gewaschen, ihnen gute Kleidung angezogen. Sie ein wenig hergerichtet, die schrecklichen Wunden verbunden. Nichts von all dem kann sie tun. Asgers Männer haben ein totes Schwein in den Brunnen geworfen, um ihn zu verseuchen, sie will kein Wasser daraus schöpfen, und alle Kleider und jedes mögliche Verbandsmaterial sind mit dem größten Teil des Hauses den Flammen zum Opfer gefallen. Alles, was sie tun kann, ist die Familie nebeneinander und den alten Knecht zu ihren Füßen in die noch warme Asche zu legen, sie mit Reisig und Strohresten zu bedecken und zehn Münzen aus ihrer mager gewordenen Geldkatze zu opfern, damit der Fährmann sie sicher über die Purpurnen Flüsse bringen würde. Das Feuer aus den hier und da noch vorhandenen Glutnestern neu zu entfachen ist so leicht, wie ein Holzscheit auf das Herdfeuer nachzulegen.

Die rasch wieder lichterloh in Flammen stehende Scheune spendet genug Licht, dass Ælla die Überreste des Hauses durchsuchen kann, und so findet sie in den Trümmern der Vorratskammer zwei kleine Töpfchen mit Marmelade und einen mit Rübensirup, ein Säckchen geschrotetes Korn, eineinhalb Laibe Brot, die schon etwas altbacken sind, aber dennoch köstlich duften, und einen halben Schinken. Über dessen Anblick wäre sie dann doch beinahe in Tränen ausgebrochen. Auf dem Herd steht noch eine brauchbare Pfanne, in der Milchkammer sind noch Töpfe mit Milch und das Hühnerhaus ist zwar niedergerissen worden und sie sieht kein einziges Huhn mehr auf dem Hof, aber wo es Hühner gibt, gibt es auch Eier, und wo Hühner ihre Nester anlegen, weiß sie ebenfalls. So kommt es, dass sie in dieser Nacht und all ihrer Schrecken zum Trotz zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig satt wird. Sie brät Eier und Schinken, röstet Brot und trinkt Milch und bäckt aus dem Haferschrot trockene Kekse, die sich ewig halten würden. Die Reste und ihre neugewonnenen Vorräte verpackt sie dann sorgsam in Tücher und Laub und verstaut sie in ihrem Beutel. Vielleicht ist es ihr voller Magen und die damit einhergehende Zuversicht, die ihren Trotz wecken, sie weiß es nicht. Doch bevor sie den Hof und die verbrannten Toten verlässt, malt sie aus Ruß und Asche eine Kinsbror-Rose mitten auf die halb aus den Angeln gerissene Haustür. Das Zeichen der Rebellen, das Zeichen der Juriaan-Getreuen. Nicht als Botschaft an die hiesige Obrigkeit, denn an den Schlächter von Moorsheen braucht sich wohl niemand um Gerechtigkeit wenden, um Gnade für Kinder oder unschuldige Unbeteiligte schon gar nicht. Der Oheim der guten Königin Lyesanne ist Heere dieser Mark und er trägt seinen Beinamen nicht umsonst. Ælla sieht es mehr als Zeichen an die Freunde und Nachbarn der Toten, die vielleicht irgendwann heraufkommen würden, wenn sie nichts von ihnen hören oder sie nicht auf den Frühjahrsmärkten im Tiefland sehen, weil sie die Ermordeten nicht begraben konnte, sondern verbrennen musste. Niemand soll denken, dass das hier ein tragisches Unglück war, und die Rose ist ihre Art zu sagen, was hier geschehen ist. Vielleicht ist ihr Tun vollkommen nutzlos, vielleicht würde der Regen das Bild abwaschen, bevor es irgendjemand zu Gesicht bekommt. Aber für sie ist es ein Akt der Rebellion. Denn die Rose sagt allen anderen auch: Seht her, ich bin immer noch hier. Ihr mögt meine Familie ermordet und der Rebellion den Garaus gemacht haben, aber ich bin noch hier. Und wenn ihr mich auch jagt wie ein Tier, ihr werdet mich nicht in die Finger bekommen!

Yara

Stadtbewohner

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Beruf: Jägerin des Ordens

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Sonntag, 18. März 2018, 17:28

Verrat

9. Taumond 518 - Anukis Wacht im Süden der Rhaínlande

"And the dead leaves lie huddled and still,
No longer blown hither and thither;
The last lone aster is gone;
The flowers of the witch hazel wither;
The heart is still aching to seek,
But the feet question 'Whither?'

Ah, when to the heart of man
Was it ever less than a treason
To go with the drift of things,
To yield with a grace to reason,
And bow and accept the end
Of a love or a season?"
~ R. Frost


Erschöpft lehnt sich Yara an den kalten Stein in ihrem Rücken, schließt die Augen und hebt ihr Gesicht dem Regen entgegen, der seit Tagen in grauen, schweren Schleiern über die umliegenden Wälder jagt. Er kühlt ihre Wangen und ihre Stirn, wäscht das Blut von ihrer Haut und aus ihrem Haar, und lässt sie für einen Herzschlag den Schmerz vergessen, der sie nun schon begleitet, seit ihre Häscher sie im Verder Grenzland in eine Falle gelockt haben. Nur Khoer, dem alten Rimmerhengst, der schaumschnaubend und mit der schier unaufhaltsamen Masse von über 800 Stein zwischen die Angreifer gesprungen war und zwei von ihnen einfach niedergetrampelt hatte, ist es zu verdanken, dass sie dem Grauen noch nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Seither hat sie ihren treuen Weggefährten nicht mehr gesehen und sie bezweifelt stark, dass er noch lebt. Ein Verlust, den sie zu diesem Zeitpunkt nicht betrauern kann, der sich aber deutlich bemerkbar macht, denn die Imazighalstute, die sie aus Azurien mitgebracht hat, hat sich zwar als lernwillig und loyal erwiesen, allerdings auch getreu ihrer Art als äußerst scheu und vorsichtig, und noch immer sucht sie lieber ihr Heil in der Flucht, als sich dem Feind zu stellen. Sie einfach kurz irgendwo stehen zu lassen, ohne sie festzubinden, ist nicht möglich, weil auch nur die Ahnung von Gefahr die hübsche Falbe vor Schreck davonspringen lässt. Hinzu kommt, dass die Stute inzwischen so rund ist, wie ein gepresster Strohballen und schwer an einem Fohlen trägt, es mit ihrer Ausdauer und Schnelligkeit also auch nicht mehr weit her ist. Jetzt steht das Tier unter den ausladenden Ästen einer alten Eiche und lässt erschöpft den Kopf hängen. Sein helles Fell dampft, die schmalen Beine zittern, aber um die Stute abzusatteln und sie trocken zu treiben bleibt Yara keine Zeit. Eine Stunde Ruhe ist alles, was sie ihr gönnen kann, denn ihre Verfolger sind ihnen dicht auf den Fersen.

Von den zwei Tagen Vorsprung, die sie sich mühsam erkämpft hat, sind nur noch ein paar kostbare Augenblicke übrig. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie mich eingeholt haben. Sie kann es spüren. Sie kann ihn spüren. Seine abartige Präsenz wächst mit jedem Schritt, den er in ihre Richtung tut und das Dämonenblut in ihren Adern singt zu ihm. Zu ihm und der schrecklich verführerischen Macht, über die er verfügt. Fast bildet sie sich ein, ihn hören und riechen zu können. Das ölige Säuseln verdorbener Worte und den verheerenden Gestank nach faulendem Fleisch. Aber es ist nur der Wind, der über die nasse Erde streicht und den Geruch nach verrottendem Holz und schimmelndem Laub vor sich herträgt. Ihre Finger finden die Wunde unter ihrer rechten Brust, wo ein vergifteter Pfeil sich durch das gehärtete Leder ihrer Rüstung zwischen ihre Rippen gebohrt hat. Die Wunde ist wieder aufgebrochen und hellrotes, warmes Blut durchtränkt den schmutzigen, behelfsmäßigen Verband, den sie in aller Eile um ihre Mitte gebunden und mit ihrem Ledergürtel festgesetzt hat. Im Wissen, mit welcher Art von Pfeilspitzen ihresgleichen jagt, hat sie gar nicht erst versucht ihn herauszuziehen, sondern den Schaft zwei Fingerbreit über der Eintrittsstelle abgebrochen und es dabei belassen, in der Hoffnung ihn in einem ruhigen Moment herausschneiden zu können. Dieser hat sich bislang leider nicht ergeben und sie kann spüren, wie die gezackte Spitze bei jeder Bewegung tiefer in ihr Fleisch schneidet und über die knöchernen Bögen ihrer Rippen kratzt. Die Wunde ist nicht tödlich, aber schmerzhaft und hinderlich bei absolut jeder Bewegung. Vielmehr Sorgen macht ihr das Gift. Mit Karfunkelpulver versetztes Weihwasser, das wie Säure in ihren Adern brennt und ihre Glieder schwer und träge macht. Von meinen eigenen Leuten gejagt und mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ihre Verfolger haben sich im Kampf gegen sie der gleichen Künste bedient, mit denen sie auch Dämonen töten.

Über ihr ballen sich die Wolken zu einer wogenden Masse zusammen, die träge gegen die Bergspitzen von Anukis Wacht drängt, aber es gibt kein Entkommen aus dem V-förmigen Tal, in dessen Senke sich Yara geflüchtet hat. Langsam wandern ihre blutverschmierten Finger ein Stück höher und schließen sich zitternd um den Talisman, der an einem weichen Lederband um ihren Hals hängt. Er ist aus einem Stück Holz und zarten, federleichten Vogelknochen gearbeitet. „Kaya…“ Vor drei Jahren hat sie mit wenigen, unzulänglichen Worten von ihrer Tochter Abschied genommen und diese in der Obhut eines Mannes zurückgelassen, der ihr ein Leben schuldete. Seit jenem Tag hat sie ihren Namen nicht mehr laut ausgesprochen, ihn sogar vollständig aus ihren Gedanken verbannt, nachdem sich ihr die wahre Natur ihres Feindes offenbar hatte. Weil er keine Skrupel besessen hätte sich ihre Tochter zu holen und als Köder einzusetzen. In diesem Winter müsste ihre Tochter fünfzehn Jahre alt geworden sein. Eine junge Frau. Yara versucht sich vorzustellen, wie sie heute wohl aussieht. Was ist aus den ungezähmten Locken und dem wilden Blick geworden, aus dem vorlauten Mund und den scharfen Sinnen? Ob Shalhor einen würdigen Lehrer für ihren kleinen Wolf gefunden hat, oder ist sie von Knochen und Blendwerk auf Seidenkleider und rohen Fisch umgestiegen? So viele Fragen, die sie wahrscheinlich alle mit ins Grab nehmen wird. Genauso wie ihren Namen. Sie muss ihn wieder vergessen, bevor der Finstere sie erreicht. Ihn und alle Liebe, die er weckt.

Was sie hingegen auf keinen Fall mit in den Tod nehmen darf, ist das Wissen, für das man sie jagt. Also beginnt sie auf Knien und halb um ihre eigene Mitte gekrümmt, über den Boden zu rutschen, wischt Laub, Äste und Steine zur Seite, bis sie nur noch schwarze Erde unter und um sich her hat. Dann nestelst sie einhändig zwei Beutelchen von ihrem Gürtel, streut erst die Asche eines Toten und darüber die gemahlenen Knochen eines Freundes in einem Kreis um sich herum aus, um dann mit geschlossenen Augen seinen Namen in den Staub zu zeichnen. Doch während ihre Finger Linie für Linie malen, wandern ihre Gedanken ab, aus dem Leben hinfort und in das Grau hinüber, wo so viele vor ihr hingegangen sind, zu einem Mann, den sie hoffentlich schon bald wiedersehen wird und als sie ihr Blut gibt, um die Anrufung abzuschließen, wispert sie, ohne es zu merken, seinen Namen. Ein scharfer Luftzug fegt über ihre Hände hinweg, wirbelt Asche und Knochenstaub gleichermaßen auf und trägt sie wie Rauch in die Höhe. Nicht einmal der Regen kann den bleichen, schimmernden Säulen etwas anhaben, die sich um eine unsichtbare Mitte winden, bis sich die Leere dazwischen allmählich mit vagen Konturen füllt.

Als sie erkennt, wer da vor ihr steht, senkst sie bestürzt den Blick. „Bathandekayo? Was tust du hier? Du solltest mit den Winden reiten und mit deinen Ahnen trinken.“
„Du hast mich gerufen.“
„Habe ich?“
Er nickt und sie erinnert sich. An seinen Namen, aus dem sie Kraft schöpfen wollte, um einen anderen Geist herbeizurufen. Stattdessen hatte sie seinen Namen unwillentlich in das Ritual eingebunden und die Beschwörung auf ihn ausgerichtet.
„Verzeih mir“, wispert sie voller Bedauern, ihn von seinem Volk fort und zurück in diese Welt gezwungen zu haben, in deren Ungewissheit zwischen War und Sein er über ein halbes Jahrtausend der Entscheidung eines einzelnen Mannes geharrt hatte, bevor sein Schicksal sich endlich erfüllte. Der Mann streckt eine Hand aus. Sie ist groß und Yara kann jede einzelne Schwiele darauf erkennen, doch alles, was sie spürt, als die Finger über ihre Wange streichen, ist ein Hauch von Kälte. „Was ist passiert?“, will Khairtamir wissen und eine schmerzliche Sehnsucht ergreift von Yara Besitz. Wie gerne würde sie ihm alles erzählen und sich anhören, was er dazu zu sagen hat. Wie früher, als sie nach einem langen Tag gemeinsam auf ihr Lager aus weichen Dungazellenfell und Shenrahlöwenpelz gesunken waren und über den Morgen, den Mittag und den Abend gesprochen hatten. Die Nacht war dem Schweigen und den Sternen, sowie dem Verlangen vorenthalten gewesen. Aber bevor sie wieder neben ihm liegen kann, muss sie erst sterben und das ist ihr noch nicht erlaubt.

„Es bleibt keine Zeit für Erklärungen. Ich schicke dich mit einer Nachricht zu Niniane aus dem Haus der Tanzenden Winde. Sie lebt in einem Baum am Smaragdstrand außerhalb der Stadt Talyras. Finde sie und sage ihr, dass Narudâ…", allein der Klang dieses ebenso alten, wie mächtigen Namens in der Sprache der Götter verursacht bei Yara Kopfschmerzen. Ihn aussprechen zu müssen verbrennt ihr beinahe die Zunge. "… dort verborgen liegt, wo die Große Jägerin ihre schützenden Hände über die verfallene Geburtsstätte der Mutter der Einerin hält." Niniane wird wissen, wovon sie redet. Die anderen können es sich allerdings zusammenreimen, immerhin ist der Mondstein der Grund, warum man sie so erbittert verfolgt. "Ist das alles?", will Khairtamir wissen, weil er das Zögern spürt, das ihren Worten nachhängt. Alles. All die Opfer, all die Jagden, all die Verluste, all das Leid, alles verschwendet, verloren an die Dunkelheit. Wir hielten uns für unantastbar. Was für eine Vermessenheit.
"Sage ihr, sie darf keinem Jäger mehr trauen. Aber sei vorsichtig. Auch im Zwielicht suchen sie danach und sie werden versuchen dich aufzuhalten.“
„Und du?“
„Ich lenke sie ab.“
Sie tauschen einen letzten Blick, dann streichen ihre Finger über den Namen in der Asche und der Geist ist fort.

Ihr bleibt gerade noch genug Zeit, um einmal Luft zu holen, als ihre Stute sie warnt. Früh genug, damit sie noch auf die Füße kommen und nach ihrem Stab greifen kann, doch zu spät um sich in den Sattel retten und zu flüchten. Als sie Khairtamir gesagt hatte, sie würde sie ablenken, hatte sie an falsche Fährten und Katz-und-Maus Spiele in den südlichen Sümpfen der Rhaínlande gedacht, nicht an einen aussichtslosen Kampf, der mit ihrer Gefangennahme endet. Keine fünfhundert Schritt von dem Ort entfernt, wo sie den Stein versteckt hat. Ihre Gegenwehr ist nur von kurzer Dauer. Sie sind zu viele und haben einen Finsteren bei sich, der in sicherer Distanz mit völlig ausdrucksloser Miene einfach nur abwartet, bis die anderen sie überwältigt haben. Erst dann tritt er vor sie, mustert sie eine ganze Weile mit kalten, starren Schlangenaugen, als würde er darauf warten, dass sie von sich aus den Mund aufmacht. Als sie ihm den Gefallen nicht tut, fragt er ohne Umschweife: "Wo ist der Stein?" Sie bleibt ihm eine Antwort schuldig, woraufhin man ihr ohne zu zögern die Kleider abnimmt und alles durchsucht. Auch sie. Als man nichts findet, flößt man ihr einen halben Dan ranziges Öl ein – wenn sie den Stein geschluckt hätte, würde er bald wieder auftauchen. Yara lässt alles stoisch über sich ergehen. Sich gegen die Behandlung zu wehren, hätte sie Kraft gekostet, die sie vielleicht später noch brauchen würde. Stattdessen konzentriert sie sich auf die nächstliegenden Fragen: Wo bringen sie mich hin? Wie weit ist die nächste rhaínländische Garnison entfernt? Kann ich jemanden auf mich aufmerksam machen? Ein Ablenkungsmanöver starten? Wo sind ihre Schwachstellen? Wie kann ich meine Umgebung nutzen. Bringen sie mich nach Westen? Kann ich mich in die Moore absetzen. Bringen sie mich nach Osten? Bringen mir die Verdwälder einen Vorteil? All das und mehr geht ihr durch den Kopf, während sie kotzend kopfüber hängt und die Krämpfe in ihren Eingeweiden wüten.

Als sie merkt, wohin sie sie tatsächlich bringen und das sie vorhaben, an Ort und Stelle zu bleiben, muss sie sich fest auf die Zunge beißen. Einerseits um nicht über die bitterböse Ironie des Schicksals zu lachen, andererseits um nicht zu schreien vor Verzweiflung, denn als sie am Ende des Tages in den Ruinen von Ealdsteen nackt an einem Seil von der Decke hängt, befindet sich der Stein, nach dem er sucht, praktisch unter seinen Stiefeln. Und während sie zwanghaft versucht die Stelle nicht anzustarren, überschlägt sie im Kopf wie lange Niniane wahrscheinlich brauchen wird. Falls sie sofort kommen kann. Falls Khairtamir sie findet. Falls… Entschieden schiebt sie jeden Gedanken, der ihren Widerstand untergraben könnte, von sich. Sonst wäre sie eine leichte Beute für den Finsteren, der um sie herumschleicht, wie ein hungriger Morgrînan ein weidwundes Reh. Hoffentlich beeilt sie sich. Hoffentlich kommt sie nicht allein. Zwei Siebentage muss sie durchhalten, sagt sie sich. So lange wird Niniane wohl brauchen. Zwei Siebentage. Damit stellt sie sich ihrem Gegner. Denn Hoffnung ist das Einzige, was stärker ist, als Furcht.


-> Der Baum am Smaragdstrand
"Antworte dem, der dich ruft."
(Sprichwort der Nandé)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Yara« (18. März 2018, 18:21)


Niniane

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Sonntag, 18. März 2018, 17:51

<- Die Steinfaust

Gewirr und Netz

If you missed the train I'm on
You will know that I am gone
You can hear the whistle blow a hundred miles
A hundred miles, a hundred miles,
A hundred miles, a hundred miles
You can hear the whistle blow a hundred miles (Hooters, 500 Miles)

9. - 19. Taumond 518


Sie reisen durch Gewirr und Netz, Westnordwest, immer tiefer hinein ins Larisgrün, immer weiter in Richtung ihres Ziels, der Berge von Anukis Wacht im Grenzgebiet der Rhaínlande. Da sie selbst mit ihren drei Begleitern nur noch neun Tausendschritt weit im Gewirr reisen kann, den Zauber jedoch achtmal hintereinander zu sprechen vermag, bringt sie ihre kleine Gruppe täglich zweiundsiebzig Tausendschritt weit. Im Vergleich zum Reisen im arkanen Netz Pumquats, wo man auf jeden Schritt achten muss, weil es sie auch haarscharf an gefährlichen Stellen wie Schluchten oder Klippen vorbei oder über reißende Flüsse hinweg führt, ist der Aufenthalt in ihrem eigenen, priesterlichen Gewirr geradezu unspektakulär. Dafür kommen sie im Netz des Koboldmagiers sehr viel weiter, wenngleich sie dafür auch ein wenig länger brauchen. Dennoch, wer kann schon von sich behaupten, einundneunzig Tausendschritt in gerade einmal eineinhalb Stunden zurückzulegen und dabei nicht zu fliegen? Niniane ist schon sehr lange Zeit nicht mehr auf diese Weise unterwegs gewesen, jedenfalls nicht so lange Wegstrecken, und genießt es mehr, als sie es selbst für möglich gehalten hätte. Für Brenainn ist es das erste Mal überhaupt in einem priesterlichen Gewirr und im Arkanen Netz, und Borgils Junge kommt überhaupt nicht mehr aus dem Staunen heraus, bis sie nach dreieinhalb Tagen die Fürstentümer Lyness und Merthyr, und damit die Grenzen der talyrischen Lande hinter sich lassen. Der Umweg, den sie südlich des Verdsees nehmen müssen, weil weder ihr Gewirrzauber, noch der Weg durch das Netz sie auf einmal über den See bringen würden, kostet sie fast eineinhalb Tage, doch da sie immer noch sehr viel schneller als mit jedem Pferd vorankommen, macht Niniane sich keine großen Sorgen deswegen. In Schwarzfels übernachten sie zum letzten Mal für längere Zeit im - wenn auch bescheidenen - Luxus eines Gasthofs, schlafen in richtigen Betten und baden in richtigen Zubern mit heißem Wasser und Seife. Danach brechen sie endgültig in die Wildnis auf, denn zwischen Schwarzfels und Wisperwald am Fluss Melynllyn liegen fast sechshundert Tausendschritt unberührter, menschenvergessener Wälder, in denen es keine Dörfer und keine Ansiedlungen, keine einsamen Waldhöfe, keine Holzeinschläge, keine Jagdhütten, keine Viehweiden, noch nicht einmal mehr einen einzigen Köhlerweiler irgendwo gibt. In den Herzlanden liegt noch viel zu viel Schnee überall im Larisgrün, als dass sie hier auch zu Fuß noch weitermarschieren könnten, um das Tageslicht auszunutzen und größere Strecken zu bewältigen, denn bei jedem Schritt sinken sie bis weit über die Knie ins kalte Weiß. So verbringen sie die viele totzuschlagende Zeit während der notwendigen Rasten zwischen ihren Etappen in Gewirr und Netz meist mit langen Gesprächen oder Geschichten am Lagerfeuer, oder sie üben mit Brenainn. Olyvar trainiert ihn täglich im Schwertkampf, allerdings mit Stöcken, die er ihnen zurechtgeschnitzt hat, weil es bei seinem Schwert kaum einen Unterschied machen würde, auch wenn er die Klinge noch so dick mit Leder umwickelt. Sie selbst nimmt Borgils Sohn mit zur Jagd, wenn sich die Gelegenheit ergibt und bringt ihm jeden Tag etwas über das Fährtenlesen bei oder übt mit ihm Bogenschießen, während Pumquat den Jungen täglich mit kleinen Feuerbällen, Funken, flammenden Geschossen oder ähnlichem 'bewirft', die er dann mit seinem Schild blocken oder mit dem Schwert abwehren soll. Alles in allem kommen sie sehr gut voran und sehen die allermeiste Zeit über nichts größeres als einen Schwarzhirsch. Als sie Wisperwald passiert haben - die gewaltigen Befestigungsanlagen der Stadt, mit deren Errichtung nach den Nargeneinfällen vor ein paar Jahren begonnen worden war, und die eigentlich schon seit zwei Jahresläufen hätten fertig sein sollen, sind immer noch im Bau -, werden auch die Schneemassen merklich weniger und das Wetter milder, so dass sie jeden Tag einige Tausendschritt zu Fuß zurücklegen können, ehe sie durch Netz und Gewirr weiterreisen.

Hier hat der Vorfrühling schon Einzug gehalten und die Macht des Winters gebrochen, überall herrscht Tauwetter und alle Wege sind verschlammt. Einmal werden sie nachts vom Lärm einer großen Anzahl Berittener, die übel aussehen und noch schlimmer riechen, aus dem Schlaf gerissen, brechen in aller Hast ihr Lager ab und verbergen sich in Ninianes Gewirr, wo sie, wenn sie schon einmal hier sind, gleich weiterreisen und eilig das Weite suchen. Pumquat und sie selbst hatten keine Wappen oder Farben ausmachen können, und der Lord Commander und Brenainn hatten in der Dunkelheit ohnehin nicht genug gesehen. Es könnten also Ritter vom Orden der Schwarzen Schilde ebenso gewesen sein wie Charbert von Nameira und seine 'Tapferen Kameraden', und niemand von ihnen ist erpicht darauf herauszufinden, wer es war. Brenainn wettet allerdings auf Nameira, und die Aussicht, beinahe einem leibhaftigen Raubritter, noch dazu einem berüchtigten, über den Weg gelaufen (oder vielmehr in den Weg geraten) zu sein, lässt seine schwarze Augen vor Aufregung glänzen. Von den Wäldern im Grenzgebiet zwischen dem Verdland und den südöstlichen Rhaínlanden ist es dann nur noch ein Katzensprung, und so erreichen sie die Ruinen von Ealdsteen in den Bergen von Anukis Wacht zehn Tage nach ihrem Aufbruch aus der Steinfaust in Talyra. Dummerweise ist Pumquat ihr Reiseführer auf der letzten Etappe und hat nur noch lächerlich wenig Mana übrig, als sie am Ort des Geschehens ankommen. Dummerweise haben sie auch bis zu dem Moment, als sie dort anlangen keine Ahnung, dass sie am Ziel ihrer Reise sind. Dummerweise geht ihr das exakt in dem Augenblick auf, als sie mit den anderen aus dem Arkanen Netz tritt und ein paar zerbröckelnde Ruinen vor sich liegen sieht, pittoresk malerisch im Licht der tief stehenden Sonne. Dummerweise hat sie achtmal den Zauber Gewirr vorbereitet, so dass ihr nun Siegel der Macht, Verderben, Weihe, Irrnebel, Klarer Geist, Befreiung und Blindheit fehlen, fast alles Zauber, die ihr jetzt verdammt gelegen kämen, vor allem Weihe Denn was ihr dummerweise nicht fehlt, ist der Eindruck, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Was ihr auch nicht fehlt, ist der Zauber 'Gespür' und sie wirkt ihn augenblicklich. Dummerweise offenbart er ihr, was sie befürchtet hat, nämlich einen Hinterhalt, und dazu noch lauter Dinge, die sie lieber nicht in Erfahrung gebracht hätte. "Olyvar", faucht Niniane, "östlich von hier, im Berg mindestens fünfzehn, Pumquat, drei weitere dort im Westen, und da ist…" Sie kommt nicht weiter, denn aus den Ruinen zischen ihnen die ersten Pfeile um die Ohren und gleich darauf schwappt eine Woge der Übelkeit über sie hinweg, als sie spürt, welche Magie – und welcher Art – irgendwo inmitten dieses efeuüberwucherten Berges aufbrandet. Sie blüht auf wie eine große, furchterregende schwarze Blume. "Lauft!" Niniane gibt Brenainn einen Stoß und hechtet im Zickzack hinter eine ausladende Weide, wo sie kreidebleich geworden einen Schutzzauber nach dem anderen webt, um sich selbst, um Olyvar, um den Jungen. Pumquat kann sie nirgendwo mehr entdecken – entweder der Kobold hat es geschafft, sich zurück ins Netz zu retten, womit er sein letztes Mana verbraucht haben und einfach umgekippt sein dürfte, oder ein Pfeil hat ihn erwischt und er liegt jetzt irgendwo. "Da ist ein Schattenwanderer, ein Finsterer, Olyvar. Ich konnte ihn spüren – und er mich auch."
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Yara

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Sonntag, 18. März 2018, 18:21

Wo ist der Stein?

19. Taumond 518 - Anukis Wacht im Süden der Rhaínlande

"Damaged people are dangerous. They know they can survive." - Josephine Hart


Am zehnten Tag hätte jemand, der sich für den Tod interessiert, etwas davon sie zu betrachten. Alle ihre Finger sind gebrochen und sie haben keine Nägel mehr. Das Fleisch auf ihrem Rücken hängt in Fetzen, quer über ihre Oberschenkel zieht sich ein breites, blauschwarzes Band, wo das Blut sich unter der Haut und unter den Muskeln gesammelt hat. Ihre Fußsohlen sind von schwärenden Blasen übersät und die Nägel auf ihren Zehen trägt sie nur deshalb noch, weil sie sich wunderbar dazu eignen, flache, spitze Holzstücke drunter zu schieben. Ihre Nase ist gebrochen und von ihrem Gesicht nur noch wundes Fleisch und verschwollene Hitze übrig. Ihr fehlen Zähne. Sie weiß nicht wie viele, aber ihre Zunge kann scharfe Kanten und knirschende Splitter ertasten. Man hat sie getreten, geschlagen, geschnitten, ihr die Haut in schmalen Streifen von Armen und Beinen gezogen und mit akribischer Genauigkeit darauf geachtet, dass die Wunden sich nie ganz schließen, nie ganz verheilen und der Schmerz nie aufhört. Der Finstere hat sich in seinen Bemühungen, die zum Sprechen zu bringen, alles andere als fantasielos gezeigt.

Am ersten Tag sind es nur Worte.
Am zweiten Tag spricht er nicht.
Am dritten Tag hat sie vergessen, wie es ist keine Schmerzen zu haben.
Am vierten Tag haben ihre Schreie nichts mehr Menschliches an sich.
Am fünften Tag hat sie keine Stimme mehr.
Ab dem sechsten Tag ist sie nur noch damit beschäftigt, nicht an ihrem eigenen Blut zu ersticken.
Vom siebten Tag weiß sie überhaupt nichts mehr.
Am achten Tag ist sie allein. Niemand kommt zu ihr. Nur der Schmerz.
Am neunten Tag beginnt alles von vorne.
Am zehnten Tag ist die Welt auf seine Stimme zusammengeschrumpft und sie weiß, dass sie keine vier Tage mehr durchhalten wird. Sein hypnotisches Flüstern trägt Schicht für Schicht ihres Trotzes ab. Schafft eine offene Wunde, die mit jeder Stunde tiefer wird. Frisst sich in ihre Seele und vergiftet ihren Verstand.

"… wo ist der Stein? Du willst es mir sagen. Sag es mir. Der Stein. Wo ist er. Du musst es mir sagen. Du kannst nicht anders. Wo ist der Stein? Du…" … weißt es wo er ist. Verrat es mir. Der Stein. Wo liegt er? Wo… Sie bemerkt erst, dass er längst verstummt ist und sie seine Worte nur in ihren Gedanken hört, als eine fremde Stimme an ihre Ohren dringt. Sie kann nicht verstehen, was gesprochen wird. Es ist leise, eindringlich, gehetzt, dann sind sie fort… und ihr fällt auf, dass die schwarze Wolke, die soeben aus dem Raum gewirbelt ist, verdächtig nach Panik aussah. Eine Weile herrscht Stille, dann folgt schlagartig donnerndes Getöse. Schreie. Waffenklirren. Und dann ein unmenschliches Kreischen. Magie brandet auf. Dunkle. Helle. Alles durcheinander. Alles gleichzeitig. Niniane. Der Gedanke weckt ihre Lebensgeister und es sind nicht die einzigen Geister, die sich regen. Aufgestört durch das Aufeinanderprallen der klerikalen Mächte und angelockt von ihrem Leid, schwirren eine Handvoll ruheloser Totengeister von Ealdsteen um sie herum. Sie kann sie deutlich spüren und sie spürt auch, dass sie eher verwirrt, als erzürnt sind. Wahrscheinlich sind es Vergessene, die hier in diesen Ruinen ihren letzten Frieden gefunden hatten… bis jetzt. Aber noch sind sie friedlich und Yara nutzt die Chance, die sich ihr bietet. Sie kann sie nur um Hilfe bitten und vielleicht sind ihr einige dieser Seelen wohlgesonnen. Also ruft sie nach ihnen. Stumm, weil sie keine Worte braucht. Sie hätte sowieso keine herausgebracht. Doch keiner der Geister ist bereit in den Kampf, der oben tobt, einzugreifen, doch sie lassen sich überreden ihre Augen und Ohren zu sein. Wie Mehl, das in die Luft geworfen wird, stieben sie auseinander, verschwinden durch Mauern und vermoderndes Gebälk und für einen Moment ist es still in den Gängen, dann füllen sie sich mit dem geheimnisvollen Flüstern und aufgeregten Getuschel von einem halben Dutzend Gespenstern, die alle gespannt mitverfolgen und wortreich kommentieren, was draußen vor sich geht.

"Vier. Ein Götterkind, der Träger des Schweigens, der Dieb von Keynkaled und der siebte von Sieben mit einem Loch im Ohr."
Niniane, Olyvar… Nur auf die letzten beiden kann sie sich keinen Reim machen. Allerdings ist Niniane berühmt dafür, dass sie gelegentlich in seltsamer Begleitung unterwegs ist. Wenigstens ist sie nicht allein. Das erfüllt Yara mit Zuversicht, während Olyvars Anwesenheit sich wie Balsam um ihre geschundene Seele legt. Sie hat mehr als einmal an den Mann gedacht, den die Wüste ihr so unverhofft in einem Meer aus Blut und Eingeweiden vor die Füße gespült hat und in dessen Narben sie sich selber wiedererkannt hat. Er hatte versprochen ihr zu helfen, sollte sie je um seine Unterstützung bitten, aber am Ende ist er gekommen, ohne dass sie ihn gerufen hat.
"Die Finsteren sammeln sich. Eins und fünf macht sechs, eins und eins und eins macht drei und sieben sind schon da. Der Letzte… ist dein Tod." Er hat also jemanden damit beauftragt mich zu töten, sollten sie den Kampf verlieren. Sie kann ihren Wächter weder sehen, noch hören, aber Geister lügen nicht, er muss also da sein. Irgendwo da draußen, in dem schattenverhangenen Gang, der sich zu beiden Seiten des Durchgangs tiefer in den Stein des Berges frisst.

"Es regnet Pfeile, wie Wasser vom Himmel. In ihrem Schatten tritt die Finsternis hinaus und…" Die Stimmen, die sich vielfach an den nackten Felswänden brechen, verstummen abrupt und an ihrer Stelle steigt ein dumpfes, herzerschütterndes Brummen aus den Tiefen der Erde empor und bringt Yaras Blut zum Kochen. Ruckartig krampft sie sich zusammen. So heftig, dass ihre zerstochenen und verbrannten Zehen ein Stück über den steinernen, von Blut, Schweiß und Exkrementen verschmierten Boden schleifen. Sie hätte geschrien, wenn sie die Kraft dazu noch gehabt hätte, so aber kann sie sich nur mit aller Kraft an ihren Verstand krallen, um ihn nicht an die unheilvollen, verdorbenen Mächte einzubüßen, die der Schattenwanderer in diesem Augenblick aus den Tiefen der niedersten Höllen beschwört. "Sie kommen." "Sie kommen." "Gefletschte Zähne, tausende davon. Schwarze, pestverseuchte Flügel, was flattert denn da?" "Leere und Verwesung ist erwacht und Blut folgt ihr nach." "Goldene Augen stellen sich ihr entgegen. Das Götterkind ist ein mächtiger Gegner. Sie wissen es. Aber sie fürchten es nicht. Dämonen fürchten überhaupt nichts." "Das Schweigen kämpft schweigend und bringt einen schnellen Tod. Eins ist fort und zwei ist fort, das macht noch eins und drei." Yara bemüht sich den kryptischen Beschreibungen einen Sinn zu geben, doch es will ihr nur teilweise gelingen. Niniane kämpft gegen den Finsteren. Was ist mit dem Dieb und dem Siebten? Was ist mit Olyvar? Darauf erhält sie direkt eine Antwort.

"Uuuuh… das Schweigen schweigt jetzt nicht mehr. Sagen tut es aber auch nichts. Es kommt. Hierher. In den Berg. Oh je. Jetzt laufen sie. Eins und drei und fünf und sieben. Fallen wie die Fliegen. Ich dachte, er gehört zu den Guten? Müssen wir auch laufen?" Olyvar kommt. Für einen Herzschlag lang ist Yara erleichtert… dann versteht sie und wird kreidebleich, als das Schreien Sterbender plötzlich durch die Ruinen hallt. Das in der nächsten Sekunde von einem gewaltigen, fauchenden Rauschen übertönt wird, als der Himmel in Flammen aufgeht.
"Antworte dem, der dich ruft."
(Sprichwort der Nandé)

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Brenainn

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Sonntag, 18. März 2018, 22:34

Call of duty

19. Taumond 518 – Die Ruine Ealdsteen in den Bergen von Anukis Wacht im Süden der Rhaínlande

"There's no honorable way to kill, no gentle way to destroy. There is nothing good in war. Except its ending."
— Abraham Lincoln


Feuer.
Brenainn starrt in das flammende Inferno über sich, wo der ganze Himmel brennt. Lichterloh und mit ihm alle dreiäugigen, halb verwesten Dämonenkrähen, deren riesige Schwingen ihn eben noch verdunkelt hatten. Ihre Federn verglühen zu Asche, ihre Leiber stürzen zur Erde, der Chor ihrer Todesschreie ist ohrenbetäubend. Und direkt unter ihnen, in Rauch und Golddunst und rauschende Feuerwalzen gehüllt, steht Niniane, die Handinnenflächen nach oben, aber den Blick fest auf den Finsteren gerichtet, der in wabernde Schatten gehüllt entlang der Ruine in Richtung des schützenden Dickichts eilt. Ihre Augen sind beinahe weiß und auf ihrer Stirn strahlt die rotgoldene Sonne Shenrahs. Der gewaltige Anblick lässt ihn vor Demut erschauern. Es ist nicht das erste Mal, dass er einen Priester zaubern sieht, aber niemals zuvor hat er solche Macht gesehen oder wozu Diener der Götter wirklich fähig sind. Vor allem hat er seine Tante Nan noch nie so gesehen. Seine Tante Nan, die mit seiner Mutter regelmäßig Tee trinkt, die sich über Ausschläge auf Babyhintern unterhält, die ihm Kinderlieder zum Einschlafen gesungen hat, die sich ständig in den Finger sticht beim Sticken, die am liebsten barfuß läuft, die sämtliche Marktweiber kennt und mindestens genauso hartnäckig und unnachgiebig um Cofeabohnen feilscht wie sein Da. Er weiß ja eigentlich, was sie ist, aber was das bedeutet… das erkennt er erst jetzt. Und dabei ist das nur der Anfang.

Noch immer von Ehrfurcht ergriffen verfolgt er gebannt, wie sie den Finsteren mit ihrem Sonnenfeuer bombardiert, derweil es um sie herum noch immer tote Dämonenvögel regnet. Er selber reißt den Schild hoch, um sich vor den herabstürzenden, verkohlten Kadavern zu schützen, als hinter der Baumlinie zu ihrer Linken plötzlich ein lautes Krachen ertönt. Dann bricht irgendetwas Großes durch den Wald, direkt auf sie zu. Brenainn sieht, wie Niniane herumschwenkt, einen festen Stand sucht und den nächsten Zauber webt. Er will schon zu ihr aufschließen, schließlich hat sein Lord Commander ihm befohlen, ihren Rücken zu decken, bevor er in den Berg gerannt war, um die Schützen dort auszuschalten, als die ersten Schreie aus der Ruine gellen. In einem Kampf hat er noch niemanden sterben hören, war noch nie auf einem Schlachtfeld oder in einem Feldlazarett nach einer großen Schlacht, aber selbst in seinen unerfahrenen Ohren klingt die Agonie in den Höhlen von Ealdsteen beinahe unmenschlich. Noch unmenschlicher ist, was er im selben Moment aus den Augenwinkeln wahrnimmt, als sich die drei Toten, die Olyvar auf seinem Weg in die Ruine erledigt hatte, ruckartig wie schlecht geführte Marionetten wieder aus dem Schlamm erheben. Er hat keine Ahnung, was sie sind, er weiß nur, dass sie ganz fürchterlich falsch sind und das Tante Nan gerade überhaupt keine Zeit hat sich auch noch um die zu kümmern, denn just in diesem Moment stürzt ein wirklich, wirklich großer und wirklich, wirklich hässlicher Dämon zwischen den Bäumen hervor und pflügt über die Lichtung.

"Byfandarryachyislinn!" Gegen den Dämon hat er keinen Auftritt. Mit dem wird Tante Nan schon fertig, aber kaum, wenn ihr irgendwelche Untoten irgendwelche Schwerter in den Rücken rammen. Untote. Was hilft gegen Untote? Hastig kramt er in seinem Gedächtnis nach dem, was er bislang über Untote und Monster gelernt hat. Obsidian! Habe ich nicht. Heilige Waffen! Nein. Edelsteine! Welche waren es? Egal, hab ich auch nicht. Da kommt ihm der erlösende Einfall. Feuer! Das hat er. In rauen Mengen. Die halbe Lichtung brennt inzwischen. Ein paar Bäume ebenfalls. Er wechselt fließend die Schwerthand, greift nach dem nächstbesten brennenden Ding (einen noch kokelnden Dämonenvogel) und bewirft damit den ersten Untoten, der auf ihn zusteuert. Es macht FWUSCH! und der Ghul verwandelt sich für ein, zwei Herzschläge in eine Feuersäule, bevor er zu Asche zerfällt. Ha! Leichter als ich dachte, geht es Brenainn noch durch den Kopf, als der Rauch sich teilt und gleich den Nächsten Widersacher ausspuckt. Ihm bleibt gerade noch genug Zeit den Schild hochzunehmen, als ein Schwerthieb auf ihn niedergeht, der ihn einfach umwirft. Dann walzt sich etwas eindeutig Totes, aber immer noch körperwarmes über ihn hinweg, als wäre er überhaupt kein Gegner. Sie wollen zu Tante Nan, wird ihm klar und mit einer grimmigen Entschlossenheit wuchtet er sich wieder in die Höhe. Das wird er nicht zulassen. Noch im Aufstehen, halb auf den Knien, tut er genau das, was Vron mit ihm im Training gemacht hatte und hackt mit aller Kraft auf die Kniekehlen des Untoten ein. Der kommt ins Straucheln, hält aber weiter auf Niniane zu. Brenainn braucht mehrere Schläge, bevor die Beine endlich ab sind und die wandelnde Leiche bäuchlings im Dreck landet. Er kann ihr nicht den Garaus machen, weil da der Dritte auch schon an ihm vorbeistampft.

Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, lässt Brenainn Schwert und Schild fallen, packt den Mann an den Schulterriemen seines Harnischs und versucht ihn umzureißen. Der Jäger, dessen Eingeweide aus seinem Bauch hängen und durch das Gras nachschleifen, ist fürchterlich groß und schwer, aber glücklicherweise auch dumm wie Bohnenstroh und anstatt sich wirklich zu wehren, schleift er Brenainn einfach nur hinter sich her, wie einen Klotz am Bein. Olyvar hat ihn zwar gewarnt, dass er sich nicht nur auf seine Kraft verlassen soll, aber weil ihm gerade absolut nichts anderes einfällt, stemmt er den Ghul, als sie an einem lichterloh brennenden Brombeergestrüpp vorbeikommen, einfach in die Höhe, wuchtet ihn herum und wirft ihn brüllend vor Zorn und Anstrengung ins Feuer. Dann stampft er schwer atmend zu seiner Waffe zurück, packt das Schwert mit beiden Händen und hämmert dem letzten noch verbliebenen Untoten den Schädel zu Brei.

Als er seine Schlachtarbeit verrichtet hat, ist er von Kopf bis Fuß in Schlamm, Asche, Gehirnmasse und Blut getaucht und sieht aus, als hätte er in den Innereien einer Leiche gebadet. Adrenalin rauscht durch seine Adern, lässt seine Lungen brennen und wirkt wie ein Fokus auf seine Sinne, die plötzlich alles auf einmal und gleichzeitig wahrzunehmen scheinen und das mit einer Klarheit, die ihn in einen Rausch versetzt. Dann sieht er Niniane und den Dämon, dem inzwischen ein Arm fehlt und dessen unglaublich hässliche Fresse zur Hälfte in Trümmern liegt, in einem gleißenden Durcheinander an Sternenfeuer untergehen und hechtet zurück zu seinem Schild, um sie in ihrem Kampf zu unterstützen. Doch als er sich bückt, schrammt ein Pfeil seine Schulter, zerschneidet ihm das Schulterstück und sprengt ein paar Glieder seines Kettenhemds. Der Nächste bleibt zitternd in seinem Schild stecken, hinter dem er sich gerade noch wegducken kann. In diesem Moment ist er wirklich dankbar darum, dass er als Halbzwerg viel stärker ist, als andere Zwölfjährige und er deshalb den schweren Eichenschild führen kann. Denn einen leichteren Schild hätte der Pfeil womöglich einfach durchschlagen.

Doch als er den Blick hebt, sieht er sich drei Gegnern gegenüber, von denen er auf der Stelle weiß, dass er keine Chance hat. Es sind zwei Männer und eine Frau und alle drei bewegen sie sich mit der tödlichen Geschmeidigkeit erfahrener Jäger auf ihn zu, die Waffen gezückt, der Bogen gespannt, wie ein Wolfsrudel, das seine Beute einkreist. Er kann sie nicht einzeln angreifen, weil die anderen beiden ihm sofort in den Rücken fallen würden und außerdem sehen sie aus, als könnten sie ihn mit weniger als drei Schwertstreichen fertig machen. Sein Herz rutscht ihm in die Stiefel, als ihm klar wird, was das bedeutet. Das hier ist kein Training. Hier wird kein Vareyar das weiße Tuch werfen, wenn der Kampf zu weit geht. Das hier ist bitterernst und es bedeutet sein Ende. Aber weglaufen kommt nicht in Frage – Da… –, denn hinter ihm steht Niniane und kämpft mit dem Dämon – Mama – und dem Finsteren gleichzeitig – Bryja – und außerdem verlässt ein Blaumantel niemals seinen Posten. Olyvar, Connavar. Also sammelt er sein Angst ein – Bræn, Heledd –, holt ganz tief Luft – Tiuri, Rimeon, Jojeen –, sucht sich einen festen Stand – Missandei, Kara, Kalam, Brion, Branon und hebt Schild und Schwert. Brevær, Braiden, Baby. "Zharen varrar'ast!", murmelt er unter angehaltenem Atem hindurch und findet in jenem uralten zwergischen Schlachtruf den Mut, sich seinen Gegnern zu stellen.

In diesem Moment passiert es. Der aschegraue Himmel über ihnen reißt auf und goldenes Sonnenlicht flutet die Lichtung, verbrennt alles Höllengezücht auf der Stelle zu weißem Staub und badet Brenainn in plötzlicher Wärme… und brennt ihm ein feuriges Mal auf den Unterarm. Brenainn weiß instinktiv und mit absoluter Gewissheit, wer ihn in seinen Dienst nimmt, für was er den Ring erhalten hat und welche Kraft er damit bekommt. Und er weiß, er muss sie sofort einsetzen. Auf der Stelle, bevor die Jäger sich von ihrer Überraschung erholen. Ich muss einen berühren. Er lässt das Schwert fallen und schnellt vor. Der Mann, der ihm am nächsten ist, hat nicht mit einem derart frontalen, unbewaffneten Angriff gerechnet und reagiert viel zu spät. Er schaffte es nur noch sich schützend zur Seite zu drehen, als Brenainn ihn auch schon erreicht hat und ihm eine Hand fest auf die Brust drückt. Sein Tun zeigt sofortige Wirkung. Der Jäger dreht sich um und greift auf der Stelle seine Kameradin an. Brenainn hört, dass sie Schläge tauschen, aber er kann nicht auf ihren Zweikampf achten, weil ihm in diesem Moment auch schon die nächsten Pfeile um die Ohren zischen. Den Schild vor sich und ohne Schwert bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich einmal mehr auf seine schiere Kraft zu verlassen und den Schützen einfach über den Haufen zu rennen. In einem Durcheinander aus Gliedmaßen, Langbogen, Pfeilen und Schild gehen sie gemeinsam zu Boden, doch Brenainn behält die Überhand und hat dem Mann den Rand seines Schildes ins Gesicht getrümmert, ehe der sein Schwert ziehen kann. Er schlägt zu. Einmal. Zweimal. Dreimal, bis der Mann nur noch unkontrolliert zuckt und schliesslich erschlafft. Er hat keine Ahnung, ob er tot ist, oder nur bewusstlos, aber das interessiert ihn in diesem Augenblick auch nicht, denn er hat noch mindestens einen Gegner hinter sich. In fliegender Hast zerrt er das Schwert des Toten aus der Scheide und dreht sich gerade noch rechtzeitig um, um den ersten Schlag zu parieren. Der schickt ihn zwar rücklings zu Boden, doch er nutzt den Schwung, um direkt wieder auf die Beine zu kommen.

Sein Gegner hat keinen Schild, aber eine mörderische Axt. Es ist eine einfache Bartaxt, deren Länge und Schlagkraft er, Dank sei seinem äxtenärrischen Vater, gut einschätzen kann. Außerdem hatte Vareyar sie gerade vor ein paar Wochen tagelang mit Schild und Schwert gegen Axtkämpfer antreten lassen. Kippt eure Schilde. Aber nur leicht. Keine waagrechten Schläge. Lasst euch das Schwert nicht aus der Hand hebeln. Achtet auf Schläge von oben, blockt nicht jeden Schlag, weicht lieber aus, sonst habt ihr bald keinen Schildarm mehr. Wenn sie auf euch einhacken, werden sie müde. Wartet ab, bis die Schläge langsamer werden. Wartet, bis sie ausholen… All das und noch viel mehr hatte Vareyar ihnen beigebracht, aber er kann nicht warten. Weil der andere schneller ist, viel mehr Ausdauer hat und einfach der bessere Kämpfer ist und ihn gnadenlos über die Lichtung treibt. Schlag für Schlag für Schlag und jeder Einzelne davon rollt durch Brenainns Arm wie Donner, bis er unter dem Helm keucht wie ein durchlöcherter Blasebalg. Das halte ich nicht lange durch. Also tut er, was Olyvar ihm gesagt hat, wirft alles über Bord, was der Waffenmeister der Steinfaust und die anderen Ausbildner ihnen so mühsam gepredigt haben… und bietet dem anderen sein Schild an.

Der Hieb landet perfekt und Brenainn spürt die Wucht bis in den Rücken, aber sein Plan geht auf. Die Axt steckt fest im Holz. Der Jäger versucht augenblicklich sie wieder herauszureißen… und blinzelt tatsächlich etwas perplex, als sich weder Axt, noch Schild, noch sein junger Gegner auch nur einen einzigen Sekhelrin von der Stelle bewegen. Er hat geglaubt mit einem Menschen zu kämpfen und nichts von der zwergischen Stärke seines Gegners geahnt. Es ist sein Tod, denn in diesem Moment stößt Brenainn sein Schwert von unten unter dem Schild hindurch nach oben durchs Gemächt einen Fuß tief in den Körper. Der Mann stirbt vollkommen lautlos und den Ausdruck völliger Verblüffung nimmt er mit über die Purpurnen Flüsse. Brenainn kann ihn nicht halten, lässt die Waffe los und stolpert zwei Schritte zurück, wo er sich keuchend und pfeifend auf seinen Knien abstützt und sein blutiges Werk anstarrt. Sie sind tot. Alle drei. Sie können niemandem mehr in den Rücken fallen. Rücken! Tante Nan! Schnaufend sieht er sich nach der Jägerin um und stellt fest, dass auf der Lichtung überhaupt kein Feind mehr zu sehen ist und der ganze Wald ringsum schweigt. Dann sieht er die sie unter den Bäumen hervorkommen und eilt sofort auf sie zu. Noch im Laufen hebelt er die Axt aus dem Holz und spürt bei jeder Bewegung die Schmerzen, die durch seinen Schildarm schießen. "Bist du verletzt? Ist alles in Ordnung? Ist er tot? Ist es vorbei?"

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Azra« (19. März 2018, 17:45)


7

Mittwoch, 21. März 2018, 20:34

Lullaby of Woe

9. - 19. Taumond 518, auf halbem Weg zwischen den Aarenhalbergen und Suthaward

Wolves asleep amidst the trees
Bats all a swaying in the breeze
But one soul lies anxious wide awake
Fearing all manner of ghouls, hags and wraiths
For your dolly Polly sleep has flown
Don't dare let her tremble alone
For the Witcher, heartless, cold
Paid in coin of gold
He comes he'll go leave naught behind
But heartache and woe
Deep, deep woe

Birds are silent for the night
Cows turned in as daylight dies
But one soul lies anxious wide awake
Fearing all manner of ghouls, hags and wraiths
My dear dolly Polly shut your eyes
Lie still, lie silent, utter no cries
Ask the Witcher, brave and bold
Paid in coin of gold
He'll chop and slice you
Cut and dice you
Eat you up whole
Eat you whole… (The Witcher, Wild Hunt)


Am zehnten Taumond lässt Ælla die Berge von Aarenhal hinter sich und durchwandert von da an das weite offene Land nördlich des Eewen, immer in südöstlicher Richtung, auf Suthaward zu. Sie folgt einem alten Hirtenpfad, kaum mehr als zwei Furchen im Unkraut, doch da sie zu Fuß unterwegs ist, macht ihr das nicht viel aus. Ihr Weg windet sich wie eine Schlange, kreuzt oft Wildwechsel oder noch schmalere Trampelpfade, scheint zu verschwinden und taucht einige Tausendschritt weiter unvermittelt wieder auf. Ansonsten meint es das Land hier gut mit ihr: um sie her dehnt sich eine Landschaft sanft gewellter, grasbewachsener Hügel aus und noch brachliegende Felder wechseln sich mit Wiesen, Weiden und kleinen Hutewäldern entlang seichter Bäche ab. Mit den Bergen von Aarenhal scheint sie auch die Wildnis hinter sich gelassen zu haben, denn obwohl sie in den ersten Tagen nur an wenigen Dörfern oder Gehöften vorüberkommt (um die meisten von ihnen schlägt sie einen großen Bogen), führt ihre Reise sie doch von nun an durch besiedeltes Land. Sie muss zwar vorsichtiger sein und hin und wieder anderen Reisenden aus dem Weg gehen, aber dafür schläft sie auch in verlassenen Schäferkarren, die erst im Sommer wieder von den Hirtenjungen bewohnt werden würden, oder in Bienenhäusern, deren goldbraune, pelzige Bewohnerinnen noch in ihren Körben im Winterschlaf träumen. Ihre Stiefel sind inzwischen so durchgelaufen, dass sie ihr wohl bald von den Füßen fallen werden, und die Säume und Ärmel ihres Geelians sind überall eingerissen, ihr Mantel ist noch schäbiger geworden… aber dank der Vorräte, die sie in den Trümmern des niedergebrannten Hofes gefunden hatte, dank des milden Wetters und der relativen Sicherheit der Gegend vor wilden Tieren, sind die Beschwerlichkeiten ihrer Flucht dennoch ein wenig leichter zu ertragen. Sie hat längst gelernt, dass das Leben einer Gesetzlosen in der rauen Wirklichkeit vollkommen anders aussieht, als in den Geschichten von Jan Mundwode dem Räuber, die der alte Priester in Northoren ihnen manchmal nach dem Unterricht erzählt hat. Etwa sechs Tage, nachdem sie die Berge hinter sich gelassen hat, entdeckt sie eine Sommerhütte an einem kleinen, von Schilf umwachsenen See. Das Häuschen ist kaum eingerichtet: eine Bettstatt, ein Tisch, zwei Stühle und eine Feuerstelle, doch es gibt alles, was man zum Leben braucht, es ist sauber und gut instandgehalten. Vermutlich gehört das kleine Haus einem der Gutsbesitzer oder reichen Bauern der Gegend, oder wird als Jagdhütte genutzt, sie weiß es nicht. Zwei Tage bleibt sie in der Hütte, zwei Tage, in denen sie nicht nur in einem richtigen Bett – wenn auch unter ihrem alten Umhang – schläft, sondern auch satt, warm und sauber wird, denn sie nimmt trotz der Eiseskälte des Wassers ein Bad im See und schrubbt sich die Haut, bis sie glüht. Sie wäscht ihr langes Haar und lässt es in der blassen Taumondsonne trocknen. Sie wäscht sogar ihre Kleider, so trügerisch ist die Illusion der Sicherheit, die sie hier verspürt, und trocknet sie über Nacht am Feuer. Am liebsten wäre Ælla einfach geblieben, hier in dieser kleinen Hütte im Niemandsland des östlichen Moorsheen. Als sie in dieser Nacht träumt, malt sie sich im Halbschlaf schon aus, das Leben einer Schafhirtin und Fischerin am Blaupfuhl zu führen, jeden Tag Forellen zu backen, ihr kleines Häuschen zu besorgen, einen Garten zu bestellen und ihre vielen Kinder, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, am Ende jedes Tages von draußen zum Essen hereinzurufen… Am nächsten Tag holt die Wirklichkeit sie wieder ein und sie nennt sie sich selbst eine dumme Gans. Um auch nur ein Kind zu bekommen, bräuchte sie erst einmal einen Mann, der die Tochter eines Verräters zur Frau nehmen würde und das wird kaum einer tun, es sei denn er ist selbst einer. Der Widerstand ist tot, die Juriaan-Getreuen sind verraten und längst ermordet und wer insgeheim noch dem Prinzen anhängt, ist im Untergrund verschwunden, vogelfrei und gesetzlos wie sie selbst. Sie kann nicht hierbleiben. Sie kann überhaupt nicht in den Rhaínlanden bleiben. Wer immer der Besitzer dieser Hütte ist, er würde sie im schlimmsten Fall sofort Asger und seinen Männern übergeben, im zweitschlimmsten Fall der Kelchgarde von Moorsheen, und im besten Fall einfach nur auf der Stelle hinauswerfen. Wozu also über etwas nachsinnen, das sie nie haben wird? Nicht hier jedenfalls, nicht in den Rhaínlanden. Am Morgen darauf verlässt sie das kleine Häuschen am Schilfweiher und zieht weiter, wund im Herzen und in der Seele. Sie fürchtet sich vor der Fremde, dem Unbekannten, der Ungewissheit. Sie spricht ja kaum ein Wort Tamaraeg, bestenfalls das Bisschen, die sie zu Hause in Northoren hier und da von Reisenden aufgeschnappt hat. Sie spricht die Allgemeinsprache so gut, dass man ihr nicht einmal anhört, dass es nicht ihre Muttersprache ist und seit sie aus Northoren flüchten musste, hat sie kein Rhíneländisch mehr in den Mund genommen. Täte sie es, könnte sie kaum verbergen, dass sie aus der Mark Kinsbror stammt, denn sie sagt Hus statt Huis und Fæder statt Vader. Doch in der Allgemeinsprache verschwindet ihr nordischer Akzent, also hat sie nur noch diese benutzt, um sich nicht zu verraten. Sie hat keine Ahnung, wie verbreitet die Allgemeinsprache im Verdland ist. Am Frostweg entlang, ja, da würde man sie überall verstehen. Aber die Händler, Karawanenwächter und Kaufleute, die ihn regelmäßig nach Immerfrost hinauf bereisen oder von dort herab nach Süden kommen, würden sie früher oder später wahrscheinlich erkennen, weswegen sie sich längst aus dem Kopf geschlagen hat, irgendwo entlang der großen Handelsstraße ein neues Zuhause zu finden. Doch von den Herzlanden an sich weiß sie nicht viel mehr, als die Namen der dortigen Fürstentümer, zumindest der nördlichen: das Verdland, Draingarad, Gríanàrdan, die Freie Stadt Talyra. Über die Sitten und Gebräuche oder das Leben der einfachen Leute dort weiß sie gar nichts. Dennoch versprechen die Herzlande Sicherheit, also heißt ihr Ziel Osten.

Einen Tag nachdem sie die Hütte an jenem schilfgesäumten See verlassen hat, meint es die Landschaft zwar immer noch gut mit ihr, aber das Wetter schlägt um: von Süden her ziehen dunkle Wolkenburgen auf und nur wenige Stunden später schüttet es wie aus Kübeln. Der Regen hält tagelang an und alle Pfade und Wege verwandeln sich in noch schlammigere Furchen, als sie es wegen dem Tauwetter ohnehin schon gewesen waren. Ihren verschlissenen und verrotteten Stiefeln gibt die Nässe endgültig den Rest und sie muss sie schließlich wegwerfen. Zuerst ist es schwer, barfuß zu gehen, aber irgendwann platzen die Blasen auf und verheilen, und ihre Fußsohlen verwandeln sich in Leder. Der Schlamm ist sogar weich zwischen den Zehen und sie genießt es, beim Gehen die Erde unter ihren Füßen zu spüren. Am darauffolgenden Tag allerdings glaubt sie schon, dass sie nie wieder trocken werden wird… und nie wieder warm, doch an diesem Abend hat sie Glück und kommt in einer Scheune am Rand eines Hofes unter. Der Schuppen steht ein wenig Abseits von den anderen Gebäuden, und es ist kalt in seinem Inneren, weil kein Vieh hier gehalten wird, aber er ist voller sauber aufgestapelter Binsenbündel und Strohgarben. Sie wartet so lange im Regen, bis auch die letzten Lichter im Haus auf einer flachen Anhöhe verlöschen, dann schlüpft sie in die kleine Scheune, breitet ihren Mantel zum Trocknen aus und baut sich auf dem Heuboden ein Nest. In dieser Nacht muss sie nicht frieren und am nächsten Tag nicht hungern. Im Morgengrauen ist sie noch vor den Hofbewohnern auf den Beinen, und der Hofhund erweist sich zu ihrem Glück als freundlicher alter Tattergreis, der sie zwar ein wenig verwirrt, aber begeistert wedelnd begrüßt. Sie tätschelt ihm die graue Schnauze und räumt dann ungestört den Hühnerstall aus. Zum Dank schlägt sie ihrem unfreiwilligen vierbeinigen Komplizen eines der Eier auf, bevor sie sich mit ihrer Beute davonstiehlt. Er frisst es gern.

Bauernhöfe und Dörfer werden nun allmählich zahlreicher und die Landschaft flacher, so dass sie sich tagsüber lieber verbirgt, nur noch des nachts weitermarschiert und alle Straßen oder größeren Wege dabei fortan meidet. Außerdem sind viel mehr Reisende unterwegs, die sich um diese Jahreszeit in Richtung der größeren Marktflecken und Städte aufmachen, um dort vor der Aussaat noch Saatgut zu kaufen, die letzten Winteräpfel und Rüben loszuwerden, die Viehmärkte zu besuchen oder kleinere Tauschgeschäfte zu tätigen. Da sie vermutet, dass die Bauern hier im Hinterland von Moorsheen genauso misstrauisch Fremden gegenüber sind, wie die in Kinsbror, hält sie es für besser, fortan auch alle Siedlungen zu meiden. Landleute, das hat sie auf ihrer Flucht gelernt, begegnen Fremden grundsätzlich mit Argwohn, erst recht in solchen Zeiten, da von Norden her ständig Gerüchte über Verräter an der Krone und die Jagd auf solches Gesindel zu ihnen dringen. Außerdem ist Asger von Rekenhael mit ziemlicher Sicherheit noch immer hinter ihr her. Die Bewohner dieser einsamen Gehöfte und abgelegenen Dörfer werden sich höchstwahrscheinlich gut an eine allein reisende junge Frau erinnern, die kürzlich vorbeigekommen ist. Hier im weiten Grasland kann sie sich nirgends verstecken, deshalb duckt sich tagsüber so tief in Senken und Mulden, wie sie nur kann. Reiter könnten sie über Meilen hinweg ausmachen und Männer auf Pferden könnte sie unmöglich davonlaufen. Als Ælla am neunzehnten Taumond in der Dämmerung aus ihrem Grasversteck kriecht, um eine weitere, kalte Taumondnacht lang in Richtung Südosten zu laufen, und prüfend ihren Blick schweifen lässt, verspürt sie plötzlich eine Furcht, deren Ursprung sie nicht begreift. Niemand ist zu sehen. Über ihr zeigen sich schon die ersten Sterne, obwohl das schwaches Abendlicht noch nicht einmal verblasst ist, und die hereinbrechende Nacht erscheint ihr sogar eigentümlich ruhig. Dennoch hat sie das Gefühl, die Welt halte irgendwie den Atem an, und angesichts dieser Stille erschauert sie. Wenigstens hat der viele Regen der vergangenen Tage die Luft reingewaschen. Jetzt ist sie kalt und glasklar – sie kann unendlich weit sehen, so weit, dass sie am südlichen Horizont sogar Berge ausmachen kann, schroffe, bewaldete Gipfel, die sich scharf vor einem Himmel abzeichnen, dessen rotgoldener Schein prächtiger ist, als es der flammende Sonnenuntergang im Westen gewesen war – als sei die Sonne an diesem Tag im Süden über den Horizont verschwunden und hätte den ganzen Himmel dabei in Brand gesteckt. Um ihre Unruhe und ihre namenlose Angst abzuschütteln, stimmt sie ein Lied an, während sie in die Nacht hineinläuft, und weil es dunkel ist, weil sie mutterseelenallein ist und weil es der einzige Weg ist, ihre Furcht zu besiegen, ist es ein unheimliches Lied. Es handelt von einem grausamen Mooràjäger, der für Goldmünzen tötet und kleine Kinder aus ihren Betten raubt und frisst, wenn sie nicht artig sind. Sie singt es zweimal und fürchtet sich nur noch mehr.

Niniane

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8

Mittwoch, 21. März 2018, 20:46

Ruith

In der Nacht vom 19. auf den 20. Taumond 518 in den Ruinen von Ealdsteen in den Bergen von Anukis Wacht

Pray Hard. And run. (G.R.R.Martin, A Feast for Crows)


Als die schiefergrauen Wolken über ihnen unvermittelt aufreißen, gleißende Helle die ganze Lichtung flutet, als wäre die Sonne selbst vom Himmel herabgekommen, die Ruinen Ealdsteens, halb in einen gigantischen Sandsteinfelsen gebaut, der längst wieder von wucherndem Grün überzogen ist, in blendendes Weiß taucht und alle Dämonen ringsum auf der Stelle in schmauchende Aschehäufchen verwandelt, zögert Niniane keinen Wimpernschlag. Eben noch hatte sich mit einem absolut widerlichen Verfemten des Blutes ein ebensolches Duell geliefert, während sie gleichzeitig versucht hatte, den elenden Schattenwanderer irgendwie in Schach zu halten und ihn am besten überhaupt gar nicht erst dazu kommen zu lassen, seine finstere Magie weiter zu wirken, dann hat sie Shenrahs Präsenz überall um sich her gespürt und die unverhüllte Macht des Hohen Hauses Licht war wie Feuer durch ihre Adern geschossen. Noch jetzt ist sie ganz trunken davon, auch wenn das Licht gar nicht ihr gegolten hatte, sondern Borgils Jungen. Dennoch hat sie als das, was sie nun einmal ist, Shenrahs flammende Berührung ebenso deutlich gespürt, wie Brenainn selbst, sie weiß genau, was geschehen ist. Doch sie hat keine Zeit zu verlieren, darum kann sie sich gerade beim besten Willen nicht kümmern. Noch ist da der Finstere und, verborgen unter den Bäumen irgendwo westlich von ihr, auch noch ein Tor in die Neun Höllen, das sperrangelweit offensteht. Sie wartet nicht einmal ab, bis der monströse Dämon, dessen Todeskreischen grauenhaft durchdringend über die Lichtung hallt, sein letztes, krampfhaftes Zucken beendet, sondern hebt den Zauber auf, der Iôrfaêr in ihren Händen in ein Feuerschwert verwandelt hatte, schiebt die Klinge in die Scheide und hetzt augenblicklich in die Richtung davon, in der sie das Tor spüren kann… ein widernatürlicher, entsetzlich falscher Schlund hinein in ein wildes seelenloses Grauen. Erst das Tor, hämmern ihre Gedanken, erst das Tor, dann der Finstere… erst das Tor… Sie muss dort sein, ehe er es ist und wissen die Götter allein was noch alles aus den Tiefen der Hölle auf die Welt loslassen würde. Noch im Laufen beginnt sie, ihre Zauber zu weben, legt Schicht um Schicht an Schutz um sich, alles, was sie noch hat, während ein anderer Teil ihrer Gedanken an Brenainn klebt wie Leim. Götter, die ihr seid in den Himmeln auf den hohen Gestirnen, steht ihm bei, steht ihm bei, steht ihm bei! Um das Tor zu schließen steht ihr Siegel der Aufhebung nicht zur Verfügung, sie hat alle Zauber dieses Ranges auf dem Weg hierher für ihr Gewirr verbraucht… aber Zorn der Götter sehr wohl, und das passt hervorragend zu ihrer Stimmung. Doch sie wagt nicht, diesen Zauber schon vorzubereiten, während sie noch im Zickzack über die Lichtung schnellt wie ein Hase auf der Flucht vor dem Fuchs. Sie hat keine Ahnung, wo der Finstere in diesem Augenblick ist, hinter ihr, vor ihr, irgendwo auf der Lauer - würde er sie jetzt angreifen, während sie schon den Zauber spricht, würde er sie vielleicht dabei unterbrechen. Dann wäre die Magie verloren, verpufft im Nichts, und damit jede Chance, das verdammte Höllentor zu versiegeln. Macht durchströmt sie und fegt alles andere beiseite, ihr Entsetzen, ihre Sorge um Olyvar, ihre Angst um Brenainn, um Yara'Sanchale, ihre ganze, grausame Verwirrung über diesen völlig unerwarteten Hinterhalt, in den sie hineingeplatzt waren wie ein paar blutige Anfänger. Dann erreicht sie endlich den Schatten der Bäume, sieht das Höllentor vor sich liegen, spürt, wie es dunkel und verheißungsvoll von den Thronen der Gewaltigen und der Verzückung gestillter Sehnsucht zu seinem Erschaffer singt. Zorn über solche Blasphemie strömt wie geschmolzenes Blei durch ihre Glieder. Das Tor ist vollkommen schwarz, ein Portal in die Finsternis, doch ein darüber schwebender Glanz lässt die Schwärze fleckig erscheinen, ein kriechendes Grau wie Öl auf dunklem Wasser, und dahinter… dahinter liegt eine andere Welt – eine kalte, dunkle, grauenhafte Welt, in der das Böse in widerwärtiger Freude und ewiger Gehässigkeit lauert. Ihr ist, als könne sie selbst die Steine in der Erde unter ihm noch unter seiner entsetzlichen Last stöhnen hören. Im selben Augenblick, da Niniane ihr Ziel erreicht, trifft eine Woge Schattenmagie sie in den Rücken. Die Macht des Finsteren pflügt sich durch ihre äußeren Schutzzauber, als wären die nicht mehr als papierne Hüllen. Ihre innere Verteidigung, mehrere Schichten hohepriesterlicher Magie, stellen sich seinem Angriff wie steinerne Mauern entgegen. Sie fühlt Sprünge und tiefe Risse entstehen, die mit brennendem Schmerz durch ihre Arme, ihre Brust, ihre Beine laufen, und blutige Schrammen auf ihrer Haut hinterlassen. Allein die Wucht seines Angriffs lässt sie taumeln und hektisch nach Luft schnappen. Doch dann trifft die Schattenwoge auf ihren innersten Schild und wird donnernd von ihm zurückgeworfen, dem Finsteren wieder entgegen – und der kann nicht einmal mehr die Hände heben, ehe er schreiend darin untergeht. Hab' ich dich du Sauura anbetendes Schwein! Hinter ihr pumpt das Höllentor fleckige Schwärze in alle Richtungen und sie ignoriert ihren Schmerz und das Blut, das ihr aus der Nase läuft, und lässt in einer blendenden Lichtsäule Zorn der Götter auf es niedergehen, ehe der nächste Dämon daraus auftauchen kann. Als sie damit fertig ist, gähnt dort, wo eben noch ein Schlund in die Neun Höllen war, ein tiefer, rauchender Krater und im Umkreis von zwei Dutzend Schritt um sie her wurden sämtliche Bäume entwurzelt.

Keine hundert Herzschläge später hastet sie auf die Lichtung zurück und ruft heiser nach Brenainn. Allen Göttern sei Dank humpelt ihr Borgils Sohn schon entgegen, auch wenn er dabei selbst aussieht wie ein kleiner Dämon: der Junge ist blutig von seinen Stiefelspitzen bis hinauf zu seinem beschlagenen Lederhelm, das Weiß seiner Augen um die schwarze Iris das einzig Helle in seinem verschmierten Gesicht. Sein Schildarm hängt kraftlos herab und in seinem rechten Oberschenkel steckt ein Pfeil - aber er ist am Leben und er steht auf seinen eigenen Füßen. "Brenainn!"
>Bist du verletzt? Ist alles in Ordnung? Ist er tot? Ist es vorbei?<
"Nur ein paar Schrammen," wehrt sie ab und ihr wird einmal mehr klar, dass Ritterlichkeit wohl anscheinend wirklich ein Archetypus ist: Vor ihr steht ein verwundeter, zwölfjähriger Junge und fragt sie, ob mit ihr alles in Ordnung wäre. "Ja. Der Schattenwanderer ist tot, der Dämon auch und das Tor gibt es nicht mehr, aber…" Seine Besorgnis rührt sie zutiefst und vor lauter Erleichterung, dass er am Leben und einigermaßen heil geblieben ist, hätte sie am liebsten gelacht – oder geheult wie ein Schlosshund. Oder beides auf einmal. Azra, Borgil und Olyvar hätten ihr nie verziehen, wenn dem Jungen etwas geschehen wäre, und sie selbst sich auch nicht. Dann wird ihr klar, dass das so nicht ganz stimmt. Ihm ist nicht nichts geschehen. Ein Gott hat ihn berührt – und mit einem Mal wird sie trotz all der anderen Empfindungen, die in ihrem Inneren herumwirbeln wie Wäsche in einem Sudkessel, unglaublich zornig. Er ist erst Zwölf! Zwölf! Seid ihr verrückt geworden? Seit wann presst ihr Kinder in euren Dienst?! Natürlich erhält sie keine Antwort, von keiner der zwölf Mächte. Vom Herrn des Hohen Hauses Licht, der dieses Schlamassel angerichtet hat, schon gar nicht. Dann holt die Wirklichkeit sie mit kleinen, schmerzhaften Schockwellen wieder ein, prickelnd wie schwache, elektrische Schläge, und mit ihr Brenainns letzte Frage.
"… aber vorbei ist es noch nicht ganz. Setz dich, du bist verwundet. Und dann…"
"Was?" Brenainn blinzelt verwirrt an sich hinunter und entdeckt - ganz offensichtlich zum ersten Mal überhaupt - den Pfeilschaft in seinem Oberschenkel. Niniane sieht, wie seine Augen sich weiten, dann lässt er sich gehorsam auf den Hintern fallen und verkündet eher erstaunt als erschrocken: "Aua!" Und noch einmal, diesmal wirklich schmerzvoll, "Au!", als er seinen ramponierten Schildarm dabei bewegt. Sie kniet neben ihm und untersucht mit fliegender Hast sein Bein – ein glatter Durchschuss, nur eine Fleischwunde – dann seinen Arm. Nicht gebrochen, soweit sie das in der Eile beurteilen kann, und auch nicht ausgerenkt, aber fürchterlich geprellt und ordentlich verstaucht obendrein. "Hast du sonst noch irgendwo Schmerzen außer in deinem Schildarm? Irgendwelche Wunden?" Brenainn atmet hektisch durch die Nase, als sie den Pfeilschaft abricht und herauszieht, schüttelt nach einem schweigenden Moment der Bestandsaufnahme seiner selbst aber tapfer den Kopf. Die Wunde blutet stark, doch nicht übermäßig, und Niniane stopft so schnell sie kann abgerissene Stoffstreifen unter das Leder seiner Hosen. Sie kann ihn jetzt und hier nicht ausziehen, um das Bein ordentlich zu versorgen, das wird warten müssen. "Brenainn, hör mir zu, das ist…" setzt sie an, doch in diesem Moment wird hinter ihnen in den Ruinen ein grauenhaft gequälter Schrei laut, steigt in jammervoll schrille Höhen, wird dünn wie Glas… und bricht dann so unvermittelt ab, als hätte ihn jemand mit einem Messer abgeschnitten. Die Stille danach ist so laut, dass sie ihnen beinahe noch mehr in den Ohren gellt. Was der verrückte Lord Commander der Steinfaust wahrscheinlich getan haben dürfte, hat sie schon bei den ersten Schreien, die aus den Überresten der uralten Bergfestung an ihr Ohr gedrungen waren, befürchtet, jetzt wird es zur Gewissheit. Er hat Megarns Zorn gerufen… und Yara ist noch da drin und er weiß es nicht! Götter im Himmel!

Sie hatte die Ordensjägerin deutlich gespürt, aber keine Zeit und keine Gelegenheit gehabt, das auch den anderen zu sagen. Brenainn hört den Schrei genau wie sie, doch selbst wenn der Junge theoretisch etwas über die Ritterfähigkeiten seines Lord Commanders wissen dürfte, sie glaubt nicht, dass ihm in diesem Moment klar ist, was vor sich geht – oder was das bedeuten könnte. Denn Brenainn stößt ganz bestürzt Olyvars Namen hervor und macht allen Ernstes Anstalten, aufzustehen, um ihn zu suchen. Niniane erwischt ihn gerade noch an seinem beschlagenen Lederwams und hält ihn eisern fest. "Nein! Nein… Ich gehe. Hör mir zu, Brenainn, das ist sehr wichtig. Olyvar ist im Blutrausch, verstehst du?" Brenainn nickt schwach. "Gut. Erinnerst du dich, was du tun musst, wenn man von einem Bären angegriffen wird?" Auf ihrem Weg hierher hatte sie ihn oft mit zur Jagd genommen und der Junge hat ihr erzählt, was die Späher und Waldläufer der Steinfaust den jungen Rekruten über mögliche Angriffe wilder Tiere beibringen. "Ruhig bleiben. Sich zu einer Kugel zusammenrollen, den Kopf schützen, sich ganz klein machen, liegen bleiben und sich nicht bewegen, ganz egal, was der Bär macht," wiederholt Brenainn die Lektionen mit gefurchter Stirn, wenn auch ein wenig abgehackt, und sie nickt. "Genau das. Ich will, dass du Pumquat suchst, wahrscheinlich hat ihn ein Pfeil getroffen." Sie steht auf und auch Brenainn rappelt sich auf die Füße. "Es kann auch sein, dass er jetzt irgendwo ohnmächtig im Arkanen Netz gefangen ist, aber dort ist er für Olyvar wenigstens unerreichbar. Wie auch immer. Such den Kobold und dann versteck dich mit ihm. Auch wenn du ihn nicht findest, darfst du keine Zeit verschwenden! Das ist sehr wichtig, du musst es mir versprechen! Du versteckst dich, und dann wartest du. Egal was du hörst, egal was du siehst, du bleibst wo du bist. Du machst dich ganz klein. Du rollst dich zusammen und du bewegst dich nicht. Verstanden?"
Wieder ein Nicken. Dann fragt er: "Und du?"
"Yara'San… eine Freundin ist noch dort drin. Die, die den Stein, hier für uns versteckt hat. Sie muss ihre Gefangene gewesen sein. Ich konnte sie vorhin spüren, aber Olyvar weiß nichts davon. Ich muss sie suchen und da herausholen, bevor er sie findet." Vielleicht kann ich ihn irgendwie… aus dem Blutrausch holen. Oder ihn so lange im Labyrinth gefangen nehmen, bis es vorbei ist… Unwahrscheinlich – dazu müsste sie ihn berühren und Götterkind hin oder her, sie wäre die erste, die es schafft, so nahe und unbemerkt an einen Branritter im Berserkerrausch heranzukommen, ohne dabei von ihm in Stücke gerissen zu werden. Dann fällt ihr ein, dass er in seinem Zustand ohnehin gegen jede Art von Zauber gleich welcher Magie immun ist. Verdammt! "Jetzt geh und such Pumquat!" Sie kann nicht widerstehen und zieht den Jungen, der bis auf eine Handbreit immerhin schon fast so groß ist, wie sie selbst, in eine kurze, heftige Umarmung. Dann küsst sie ihn auf die Stirn, halb der verzweifelte Abschiedskuss einer fürsorglichen Tante, halb der Segen einer Priesterin. "Und bleib um Himmels Willen am Leben!" Damit ist sie fort, hastet auf die Ruinen zu. Brenainn blickt ihr noch einen Moment lang hinterher, doch dann dreht er sich gehorsam um und humpelt zu der ungefähren Stelle unter den Bäumen, wo sie vorhin aus dem Arkanen Netz getreten waren.

Am Fuß der von Höhlen, Gängen und Stollen durchlöcherten Bergruine ist ein natürlicher Felsenbogen im Stein, den die Ordensjäger mit einem Tor aus grob behauenen Baumstämmen gesichert hatten. Sie waren schon eine Weile hier, hatten sich darauf eingerichtet, länger zu bleiben, die Ruinen, wenn nötig, zu verteidigen, wird Niniane klar. Das ist nicht weiter verwunderlich – wer mit einem Finsteren reist, muss damit rechnen, die Aufmerksamkeit der Tempel und ihrer Verteidiger auf sich zu ziehen. Sie sind nur dreihundert Tausendschritt weit von Koningsborn entfernt. Außerdem glaubt sie sich zu erinnern, dass es irgendwo in der Mark Moorsheen auch eine Pilgerstätte gibt, und wo Pilger sind, sind auch Templer nicht weit. Vielleicht haben die Ordensjäger auch nur nicht damit gerechnet, dass Yara'Sanchale allein unterwegs war, sie weiß es nicht zu sagen. Doch das Tor, mit dem sie den einzigen Zugang in die Ruinen im Inneren des Berges verbarrikadiert hatten, existiert nicht mehr: seine zersplitterten Überreste hängen windschief in dem Durchgang und in seiner Mitte klafft eine Bresche, die aussieht, als wäre es mit einer Ramme aufgebrochen worden, die massiven Balken zerknickt wie Zündhölzer. Viel verstörender als der Anblick der Trümmer ist jedoch das, was sie neben dem Eingang entdeckt: dort hat jemand mit Blut etwas in ellengroßen Lettern auf den Stein geschrieben – in Tamairge, es kann nur Olyvar gewesen sein. Es ist nur ein einziges Wort, aber es reicht völlig aus, dass sie es wirklich mit der Angst zu tun bekommt.
Ruith, steht dort geschrieben. Lauft.
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

9

Samstag, 31. März 2018, 18:15

East Bound and Down

20. – 30. Taumond, auf der Alten Weststraße nach Suthaward

I've got a long way to go and a short time to get there. (Jerry Reed, East Bound and Down)


Am zwanzigsten Taumond, dem hundertsten Tag ihrer Flucht – sie hat gestern das vierte Kerbholz angefangen –, erreicht Ælla den Eewen und der Fluss leuchtet wie ein grünblaues Band in der Morgensonne. An den seichten Stellen entlang des Ufers wächst Schilf und sie beobachtet eine Ringelnatter, die sich über die Oberfläche schlängelt und dabei winzige Wellen verursacht. Über ihr zieht ein Bussard langsam seine Kreise. Der Eewen macht hier einen trägen, friedlichen Eindruck, und sowohl der Geruch feuchter, schwarzer Erde, als auch die überraschend warme Taumondsonne tragen einiges dazu bei, dass Ællas Gedanken nicht mehr dauernd an schwarze, schmerzhafte Orte zurückkehren; auch das Gefühl des Schlamms zwischen ihren Zehen hilft. Das Wasser ist kalt, aber an einer seichten Uferstelle watet sie doch bis zu den Knien hinein und es umspült weich wie Seide ihre wundgelaufenen Füße. Ælla taucht das Gesicht ein und wäscht sich den Hals, die Hände, die Arme. Seit sie Ineen verlassen musste, hat sie sich nur noch nach Bedarf und Gelegenheit gewaschen, wobei die Gelegenheiten immer seltener gewesen waren, als der Bedarf. Als sie sich aufrichtet, laufen ihr kleine, kalte Rinnsale unter den Kragen ihres abgetragenen und inzwischen an so vielen Stellen zerrissenen Geelians, dass sie bald aussieht wie eine Lumpensammlerin. Es fühlt sich angenehm an und sie wünscht sich, sie könnte sich ausziehen, ein Bad im Fluss nehmen und wie ein Otter durchs Wasser gleiten. Am liebsten wäre sie den ganzen Weg bis Suthaward geschwommen, doch das ist unmöglich. Alle Flüsse der Rhaínlande münden entweder in den Rhaín oder ins Silbermeer, die Strömung würde sie nur nach Westen tragen, in die düsteren, unheimlichen Sümpfe der Moorà und damit in ihren sicheren Tod. Außerdem ist das Wasser für mehr als nur ein kurzes Bad oder eine Katzenwäsche noch viel zu kalt. Ich muss eine Furt suchen… oder eine Stelle mit wenig Strömung, wo ich hinüberschwimmen kann… Sie weiß nicht genau, ob es – abgesehen von Inôstana, das westlich von ihr sein muss, und Suthaward, das noch weit im Osten am Eewen liegt – Möglichkeiten gibt, über den Fluss zu kommen, aber die Alte Weststraße führt am Südufer entlang, also muss sie hinüber. Hier im Eewental kann sie nicht mehr durch pfadlose, menschenleere und nur spärlich besiedelte Wildnis wandern, denn hier liegen Felder, Obsthaine, kleinere und größere Marktflecken, Bauernhöfe, Fischerdörfer und Gestüte dicht an dicht und immer nahe beieinander. Hier würde eine junge Frau, die mutterseelenallein in Auwäldern und -wiesen umherstreift, sicher weit mehr Aufmerksamkeit erregen, als eine etwas abgerissene Reisende inmitten vieler anderer, die, wenn sie arm sind, auch nicht besser aussehen. In der Nacht hatte sie die ersten Lagerfeuer anderer Reisender in der Dunkelheit glimmen sehen und am Morgen die Spuren ihrer Karren und ihres Viehs auf den verschlammten Wegen gefunden. Es ist die Zeit der Carsai- und Nannamärkte, und halb Moorsheen scheint irgendwo hin unterwegs zu sein. An diesem Morgen macht sie sich kein Nest im Schilf, um den Tag darin verborgen zu verschlafen und in der kommenden Nacht weiterzuziehen, sondern wandert weiter nach Westen auf der Suche nach einer Stelle, wo sie über den Fluss kommt. Zwei Tage und etwa vierzig Tausendschritt weiter westlich setzt sie mitten in der Nacht im silbernen Licht der allmählich zunehmenden Monde schließlich ein alter Fischer über, der ganz allein in einem halb verrotteten Pfahlhaus am Fluss lebt. Ælla hat seit ihrer überstürzten Flucht aus Northoren aus bitterer Erfahrung gelernt, jedem gegenüber misstrauisch und vorsichtig zu sein, aber auch, wann sie zutraulicher sein darf. Allmählich bekommt sie sogar ein Gespür dafür, wann sie mit Tränen in den moosgrünen Augen und flehendem Blick oder mit Lachgrübchen in den Wangen etwas erreicht. Bei dem Alten ist weder das eine, noch das andere nötig. Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, aber vollkommen harmlos, und bringt sie für ein Silberstück und ein Lied in seinem alten Nachen über den Eewen. Zum Abschied singt Ælla ihm ein trauriges Lied der Breefischer, das sie von Zuhause kennt, und er beugt er das Knie vor ihr und nennt sie Mylady.

Den Rest der Nacht verbringt sie im feuchten Uferschlamm unter den Wurzeln einer Weide in unruhigem Halbschlaf, der angefüllt ist mit brutalen Träumen. Als sie in der Dämmerung niedergeschlagen, mutlos und durchgefroren die schilfbewachsene Böschung zur Straße hinaufkriecht, glaubt sie Rauch in der kalten Morgenluft zu riechen, also klettert sie auf eine Immergrüne Eiche, um sich Überblick zu verschaffen. Noch während sie sich am Stamm hinauf tastet, kann sie in der Ferne Schornsteine aufragen sehen und Reetdächer, die sich entlang des Flussufers drängen. Also steigt sie noch höher, so hoch wie sie es wagen kann, bevor die dünneren Äste drohen unter ihrem Gewicht nachzugeben und die Rinde fühlt sich angenehm rau unter ihren Fingern und Zehen an. Dann späht sie wieder nach Westen in Richtung der Siedlung. Dünne Rauchfäden kräuseln sich in die klare Luft und ein hölzerner Anlegesteg erstreckt sich neben einem der Gebäude ins Wasser. Es ist eine ärmliche Ansammlung von Fischerhütten, die man kaum als Dorf bezeichnen kann, nicht mehr als ein halbes Dutzend kleiner Häuser… aber dort sind Menschen. Die schilfgedeckten Dächer versprechen Wärme und Schutz, und möglicherweise würde sie einem der Fischer sogar etwas zu Essen abkaufen können. Ælla beißt sich auf die Unterlippe und ihr Magen knurrt vernehmlich. Ihre letzten Haferkuchenkrümel hat sie schon vor Stunden gegessen, sie braucht dringend Vorräte. Ein paar Schuhe oder wenigstens Fußlappen wären auch nicht das Schlechteste. Lange Zeit hält sie Ausschau, um vielleicht etwas von Wichtigkeit zu entdecken – Männer, Pferde, ein Banner, was auch immer ihr mehr Aufschluss geben könnte. Ein paarmal glaubt sie Bewegungen am Wasser zu sehen, doch die Gebäude sind zu weit entfernt, und möglicherweise täuscht sie sich auch. Einmal hört sie ein Pferd wiehern, doch das hat nichts zu sagen, hier gibt es überall Pferde. Dann werden auf dem Weg unter ihr mit einem Mal Hufgetrappel und Stimmen laut, und sie ist heilfroh, auf dem Baum hoch über der Alten Weststraße außer Sicht und Reichweite zu sitzen, als eine kleine Reiterschar in den Farben der Mark Moorsheen vorbeiprescht. Sie wartet lange, bis sie es wagt, wieder herunterzusteigen, doch kaum hat sie es getan, gesellen sich noch andere Reisende zu ihr auf die lehmige, mit vom Regen gefüllten Fahrrinnen durchfurchte Straße. Bauern mit schwer beladenen Ochsenkarren, die alle naslang steckenzubleiben drohen und welche mit leeren Fuhrwerken, junge Frauen, die glänzende Pferde hinter sich herführen, eine kleine Schafherde, die von ein paar Hirtenburschen getrieben wird, Kesselflicker mit hochbeladenen Rückenkiepen, an deren Seiten Kupfertöpfe und -pfannen baumeln und bei jedem ihrer Schritte scheppern, bäuerliche Wagen, beladen mit Ballen von Rohwolle oder Körben versponnenen Garns. Eine dralle Magd führt sogar eine Milchkuh mit sich, auf der ein kleines, sommersprossiges Mädchen hockt, das die nackten Beine baumeln lässt. Sie scheinen allesamt wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, dann fallen Ælla die Lagerfeuer ein, die sie in der Nacht gesehen hat und ihr geht auf, dass die Reisenden wohl nun am Morgen einfach nur auf die Straße zurückkehren. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich unter sie zu mischen und mit ihnen zu gehen.

Das, was sie für ein Fischerdorf gehalten hat, entpuppt sich als Handelsposten, etwas schäbig und heruntergekommen, aber voller Menschen. Mehr als zwei Dutzend Reisende sind hier, fast schon ein kleiner Karawanenzug, und alle wollen sie nach Westen. Im Grund besteht der Ort aus nicht mehr als einem Gasthaus, einer Schmiede und ein paar Häusern, die sich am Flussufer ins Schilf ducken. Die Pferde der Kelchgarde stehen allesamt vor dem Gasthaus angebunden. Als Ælla langsam an der offenen Tür vorbeigeht und unter dem Rand ihrer Kapuze hervor vorsichtig nach allen Seiten späht, grölen laute Männerstimmen aus dem - trotz der frühen Stunde - schon biergeschwängerten Inneren und machen ihr Angst. Nichts geschieht, dennoch beschließt sie, noch zu warten, bis mehr Reisende ihr Vieh versorgt haben und ins Gasthaus strömen würden. Dann würde ihre zerlumpte, schmutzige Erscheinung weniger auffallen. Sie weiß, dass sie gesucht wird, aber… sie ist schon hunderte von Tausendschritt von Kinsbror entfernt und findet zu ihrer unendlichen Erleichterung am Anschlagsbaum – nicht mehr als ein verwittertes Stück Totholz mitten auf dem Dorfanger – hier noch keinen Steckbrief von sich. Das gibt ihr wieder ein wenig Zuversicht und sie stellt fest, dass es ein Leichtes ist, zwischen all den anderen Reisenden unterzutauchen. Niemand würdigt sie zwischen stinkenden Schafhirten und schlammverspritzten Viehtreibern auch nur eines Blicks. Wenn man hier in Moorsheen bereits nach der Tochter des Gehängten Rebellen Kenrik bar'Koneræds aus Northoren sucht, dann sucht man nach einer wohlhabenden, jungen Frau in edler Reitkleidung auf einem hübschen Apfelschimmel, nicht nach einem zerlumpten Ding mit wundgelaufenen Füßen, die außerdem so schmutzig sind, dass sie wohl nie wieder richtig sauber werden würden. Ein wenig später, als sich die neu ankommenden Reisenden mit jenen vermischt haben, welche die Nacht hier am Handelsposten verbracht hatten, wagt sie sich sogar in den 'Schilffischer' und ersteht inmitten eines Dutzend anderer durcheinander rufender Käufer und unter den Augen der Männer der Kelchgarde bei dem missmutig dreinblickenden Wirt Zwieback, Stockfisch, ein paar Steckrüben und runzelige Winteräpfel, die kaum so groß sind wie eine Kinderfaust, aber herrlich süß schmecken. Auf dem Dorfanger mischt sie sich dann einfach unter Viehtreiber und Bauern, knabbert an einem Stück Zwieback und lauscht den Gesprächen, die sich um den langen Winter und die baldige Aussaat drehen, um die Carsaimärkte, wer wann wen geheiratet hatte (oder gerade auf dem Weg ist, das zu tun) und wem welche Kinder geboren worden waren. Es sind einfache Gespräche einfacher Menschen und Ællas Augen füllen sich ungewollt mit Tränen. Die Stimmen um sie her wecken ein wildes, hungriges Heimweh in ihr, nach den scherzenden Worten ihres alten Stellmachers daheim, der beiläufigen Freundlichkeit ihrer Mägde, den Neckereien ihrer Brüder, nach ihrem eigenen Bett in ihrem Gemach im Haus ihres Vaters, nach dem langgestreckten, sonnengefleckten Kontor mit seinem zerkratzten Ladentisch, sogar – die Feststellung bereitet ihr Kummer – der strengen Gegenwart des sauertöpfischen alten Frerijan, der sie als Kind im Amitaritempel von Northoren unterrichtet hatte. Um sie her erfüllen Gemurmel und Lachen die längst milder gewordene Morgenluft wie das Schwirren sanfter Flügel, bis hinter ihr zwei Hirten lautstark über die Vor- und Nachteile einer spät im Jahr vorgenommenen Schafschur zu streiten beginnen. Als sie sich hastig die Augen wischt und sich umblickt, stellt sie fest, dass die ersten den kleinen Handelsposten bereits wieder verlassen, um ihre Reise nach Westen fortzusetzen und sie schließt sich dem tröpfelnden Strom einfach an.

So kommt es, dass Ælla die nächsten Tage nicht allein, sondern in Gesellschaft vieler anderer auf der Alten Weststraße reist. Wenn man sie anspricht und fragt, woher sie komme und wohin sie wolle, bricht sie nur in bitterliches Weinen aus und stammelt eine hastig erfundene Lügengeschichte über einen plötzlich verstorbenen Vater, der ein armer Knecht gewesen war (so arm, dass sie nicht einmal Schuhe habe) und eine alte, einsame Verwandte in Suthaward hervor, zu der sie wolle. Man dringt nicht weiter in sie und es dauert keine zwei Tage, bis sie jedem, der sich ihrem kleinen Tross neu anschließt und ihr die gleichen Fragen stellt, gar nicht mehr selbst antworten muss, weil das mitfühlende Mitreisende um sie her schon mit hastigem Kopfschütteln, vielsagenden Blicken und ergriffenem Zungenschnalzen übernehmen. Sie muss nur noch an den richtigen Stellen in deren Geschichten in schnüffelndes Schluchzen ausbrechen und sich die Kapuze noch tiefer ins Gesicht ziehen, dann lässt man sie schnell in Ruhe. Aber sie schläft an wärmenden Lagerfeuern und ab und an teilt jemand sogar einen Kanten Brot mit ihr oder überlässt ihr ein wenig Milch, wenn sie Schafe hütet oder auf ein kleines Mädchen aufpasst, weil einer der Hirten und die dralle Kuhmagd (manchmal zur gleichen Zeit, manchmal um wirklich nur Wasser zu lassen) für eine Weile im Gebüsch verschwinden. Von nun an sind sie von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang unterwegs, immer nach Westen. Manchmal verlieren sie viele Stunden Tageslicht, weil einer der Ochsenkarren im Schlamm steckengeblieben ist, manchmal hören sie des nachts Wölfe heulen und müssen gut auf das unruhige Vieh achten, vor allem auf die dummen Schafe, die dazu neigen, in alle Richtungen gleichzeitig davonzuspringen, sobald sie auch nur ein zu lautes Rascheln irgendwo hören. Die meisten Reisenden sind irgendwie bewaffnet, manche tragen lange Knüppel, andere Sensen und Mistforken. Sie selbst hat nur einen Dolch, gut verborgen unter den langen, zerschlissenen Schößen ihres Geelians, von dem sie immer noch nicht den blassesten Schimmer hat, wie sie ihn benutzen sollte, würde sie es müssen. Die Kelchgarde Moorsheens bekommt niemand von ihnen mehr zu Gesicht, doch das, erfährt sie schon am ersten Tag, liegt daran, dass es irgendwo im Süden irgendwelche seltsamen Vorfälle gegeben habe, unheimliche Stimmen im Wind und der Himmel habe in Flammen gestanden, so heißt es. Das habe ich gesehen. Ich habe den Himmel im Süden brennen sehen. Den Gerüchten nach soll man deswegen sogar nach den Templern von Koningsborn geschickt haben, damit die sich die Sache ansehen, doch niemand weiß etwas Genaues. Ihr kann es nur recht sein – wenn die Kelchgarde andernorts beschäftigt gehalten wird, nimmt sie es mit Kontrollen auf der Weststraße vielleicht nicht so genau. Unter den Reisenden werden Gerede, Klatsch, Tratsch und wirkliche Neuigkeiten ausgetauscht wie Handschläge, doch als Ælla irgendwann ihren ganzen Mut zusammennimmt, und sich vorsichtig nach Gerüchten aus dem Norden erkundigt, lacht man sie nur aus und erklärt ihr, diese Nachrichten seien doch schon viele Wochen alt und ist sich obendrein allgemein einig, dass sie wirklich irgendwo hinter den Monden gelebt haben muss. Die tapferen Rebellenjäger hätten alle Verräter in Kabouterain erwischt und aus Kinsbror selbst weiß man hier unten in Moorsheen nur, dass der Neffe der guten Königin Lyesanne – lange möge sie herrschen – , der Sohn ihres eigenen Ewould bar'Mirhain, jetzt neuer Heere der verwaisten Mark geworden sei. Dann trinkt man am Feuer auf das Wohl der Königin und des Hauses Reyne, und bringt die üblichen Segenswünsche dabei aus. Ælla beißt sich lange und fest auf die Zunge, um nicht zu schreien und beobachtet die Gesichter um sie her im flackernden Schein des Lagerfeuers. Wenn ihr Vater von seinem geliebten Prinzen, dem verschwundenen Bruder Lyesanne tar'Ivens, gesprochen hatte, hatten in seinen Augen nur Liebe, Verehrung und Hochachtung geleuchtet. Hier sieht sie zwar auch Verehrung, aber in den Augen der Menschen flackert etwas, das mehr nach Furcht aussieht, als nach Liebe.

Sie lagern des nachts neben der Straße oder kehren in Dörfern und weiteren Handelsposten ein, und selbst Ælla ergattert meist eine warme Mahlzeit und ein Nachtlager auf einem Strohsack in einem Schuppen, Viehverschlag oder in einer Scheune. Auf den Dorfangern und in den Gasthäusern hören sie, je weiter sie nach Westen kommen, nun auch immer mehr Gerüchte aus den nördlichen Herzlanden, vor allem natürlich aus Verd. Hier muss sie ihre Neugier nicht spielen, sondern lauscht mit großen Augen, was die Wirte und Schankmaiden (wie es scheint allesamt Experten auf diesem Gebiet) über Herzländer im Allgemeinen und Verdländer im Besonderen zu erzählen haben. Kaum besser als Moorà, sagen die einen, verehren Waldgeister und Schrate, Huldren und Trolle, folgen den Alten Wegen und verstehen überhaupt nichts von guter Landwirtschaft. Sie solle bloß nichts auf solches Geschwätz geben, behaupten die anderen, Herzländer seien genauso anständige Menschen und in Verd lebt man nun einmal im und vom Wald. Eine Schankmagd erzählt, ihre Schwester sei seit zwanzig Jahren im Verdland mit einem Waldbauern vermählt und es gehe ihr prächtig, sieben gesunde Kinder und eine Herde von dreihundert Verder Rußgesichtern (was immer das sein soll) nenne sie ihr Eigen. Einige ganz argwöhnische schimpfen jedoch sogar, man dürfe überhaupt keinem Herzländer über den Weg trauen, die hätten Barbarenblut in den Adern und ihre Druiden würden insgeheim die Moorà des Westens unterstützen und überhaupt, die Art ihrer Frauen, sich zu kleiden, sei absolut schamlos, jawohl! Ælla schwirrt bald der Kopf von all den widersprüchlichen Geschichten, die sie hört und von denen sie nur die Hälfte glauben mag. Keiner der Herzländer, die je auf dem Frostweg durch Northoren gekommen waren, hatte Hörner und einen Pferdefuß oder eine gespaltene Zunge gehabt, und sie hatte auch keinen je ein gutes Wort über die unheimlichen Moorà sagen hören. Ihr waren sie immer wie ganz normale Leute erschienen. Eine der schönsten Bardengeschichten, die sie kennt, handelt von einem Herzländer und seiner Wolkenprinzessin. So vergehen die Tage im gleichmäßigen Rhythmus von Marschieren und Rasten. In Gesellschaft zu reisen ist hundertmal angenehmer als allein in der Wildnis unterwegs zu sein, auch wenn die Händler nur eine lose Zweckgemeinschaft bilden und sie sich keiner Illusion hingibt: würden sie wissen, wer sie ist und wie hoch das Kopfgeld ist, das man auf ihre Ergreifung ausgesetzt hat, würde die Hälfte von ihnen sie schneller verraten, als Spucke im Feuer verdampft und die andere Hälfte würde das Gleiche tun und sich vorher wahrscheinlich noch an ihr vergehen. So trägt jeder misstrauische Schritt sie weiter ihrem Ziel entgegen, bis sie eines Tages in der Ferne die ersten Häuser von Suthaward aufragen sieht. Als sie die Stadt erreicht und der kleine Händlerzug sich ohne große Wehmut in alle Himmelsrichtungen zerstreut, ist es der dreißigste Taumond und der hundertzehnte Tag, seit sie ihr Zuhause verloren hat.

Brenainn

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10

Samstag, 21. April 2018, 15:27

no child no more

In der Nacht vom 19. auf den 20. Taumond 518 in den Ruinen von Ealdsteen in den Bergen von Anukis Wacht

"Lerne gerade Dinge zu akzeptieren. Fühlt sich scheisse an."

Beinahe hätte er sich in einem Anflug kindlicher Erleichterung in ihre Arme geworfen und sich an ihr festgeklammert. An ihr und der beruhigenden Wärme, die ihre bronzedunkle Haut zu jeder Zeit ausstrahlt. Aber er ist kein Kind mehr und die Hitze, die sie in glühenden Schleiern umschwirrt und wie das Flirren einer Fata Morgana alles um sie herum zu Farben schmelzen lässt, hat überhaupt nichts Beruhigendes an sich. Stattdessen versucht er sich an dem prüfenden Heilerblick seiner Mutter, den sie immer aufsetzt wenn er und seine Brüder nach Hause kommen und mit dem sie jede noch so kleine Schramme findet, doch seine Tante ist für ihre Verhältnisse nicht nur ungewöhnlich züchtig angezogen, sie ist außerdem mit Dämonenblut und Dreck verschmiert. Nur bei dem Blut, das ihr aus der Nase läuft, ist er sicher, dass es ihres ist. "Du blutest!" Eigentlich sollte es erschrocken klingen, aber das tut es nicht. Ganz im Gegenteil. Die unverhohlene Verehrung macht aus dem Satz beinahe eine kleine Anklage, als sei es eigentlich absolut unmöglich, dass ausgerechnet seine Tante Nan, die offenbar nicht nur tratscht, Tee trinkt, Ausschläge auf Babyhintern kuriert, Kinderlieder singt, feilscht und unfähig ist zu nähen, sondern auch noch die Welt in einen Sturm aus goldenem Feuer verwandelt und Dämonen so groß wie Häuser in einem Strudel göttlicher Verderbnis untergehen lässt, bluten kann. Dass sie daraufhin für einen Moment gackert, wie ein verrückt gewordenes Huhn, verwirrt ihn auf so vielen Ebenen, dass er sich schon fragt, ob auch klerikale Magie in den Wahnsinn führen kann. Bei der arkanen Magie ist das möglich, das hatte sein Da ihm einmal erklärt, als er sich über das Zaubereiverbot in der Goldenen Harfe gewundert hatte. Aber schon in der nächsten Sekunde hat sie sich wieder gefangen und erklärt, dass sie den Kampf bis auf ein paar blaue Flecken heil überstanden hätte, bevor ihre Augen, eben noch sanft glühend wie alter Bernstein im Schein eines gemütlichen Heimfeuers, gleißend aufleuchten und ihre Miene für einen Herzschlag lang einfriert. "Tante Nan, was ist los?"

Doch anstatt zu antworten, fährt sie einfach hinter dem 'aber' fort, mit dem sie aufgehört hat und macht ihn ganz nebenbei darauf aufmerksam, dass er nicht ganz so unbeschadet aus dem Kampf gekommen ist, wie er glaubte. "Was?" Etwas belämmert sieht Brenainn an sich herab. Arme? Heil. Brust? Heil. Beine? Pfeil. Fü… PFEIL? Was macht der denn da? Wo ist der hergekommen? Und warum tut es überhaupt nicht… Der Schmerz kommt so plötzlich und trifft ihn so völlig unvorbereitet, dass er sitzt, bevor er weiß wie ihm geschieht. "Aua", merkt er verblüfft an, Schild und Schwert erhoben, als wolle er den nächsten Angreifer einfach im Sitzen herausfordern. Und dann, weil er versucht sich auf seinen von brutalen Schlägen malträtierten Schildarm abzustützen, noch einmal, allerdings hörbar gepeinigter: "Au!" Die Bogenschützin muss mich erwischt haben, als… Richtig, da ist ja noch etwas gewesen. Etwas, von dem er so viele Jahre heimlich geträumt hat, dass es sich jetzt, wo es real geworden ist, fast schon unwirklich anfühlt. Vor allem, weil noch kein Ritter, den er kennt, jemals von dem Gott erwählt wurde, dessen Segen er sich insgeheim erträumt hat. Doch ihm hat der Herr der Sonne und Vater der Gerechtigkeit geantwortet. Ausgerechnet ihm! Einem Sohn Sils. Nun ja, zumindest einem halben, aber der Glaube seines Vaters wiegt die andere Hälfte wieder auf. Shenrah hat mich erwählt! Ich bin ein Ritter! Ich bin ein Ritter! Der Gedanke kommt gerade rechtzeitig, denn in diesem Moment zieht ihm Niniane, die sich auf Knien neben ihm auf den verbrannten Boden hat sinken lassen, den abgebrochenen Schaft aus dem Fleisch. Sie tut es schnell und ohne Vorwarnung und es ist vorbei, bevor er überhaupt realisiert, dass sie sich an dem Pfeil zu schaffen gemacht hat. Alles, was über seine Lippen kommt, ist ein leises: "Uff…"

An dem er sich fast verschluckt, als ein Laut aus den Ruinen dringt, der in Wut beginnt und in Agonie endet und so plötzlich abbricht, dass die Stille danach wie ein eisiger Winterhauch über die Lichtung schwappt. "Olyvar! Er ist noch da drin!" Schnaubend und mit rudernden Armen will Brenainn sich schon in die Höhe kämpfen, um seinem Lord Commander zu Hilfe zu eilen, als Niniane ihn im wahrsten Sinne des Wortes am Schlafittchen packt. Wie früher, wenn er mit Leir herumgealbert und sie beide es (mal wieder) zu weit getrieben hatten und plötzlich fühlt er sich wieder vier Jahre alt und mit gestohlenem Maulbeerkuchenkrümeln übersät. "Lass mich los, ich muss…", braust er auf, keuchend, weil ihm einfach alles weh tut, aber fest entschlossen seinem Lord Commander, Olyvar, dem Mann, der ihm inzwischen fast mehr bedeutet, als seine eigene Familie, zu Hilfe zu eilen. Es wäre ihm ein Leichtes sich aus ihrem Griff zu entwinden oder ihre Hand wegzuschlagen, aber er will ihr nicht wehtun. Deshalb hält er einen Augenblick inne und mehr braucht Niniane nicht, um ihn zur Vernunft zu bringen. "Nein! Nein… Ich gehe. Hör mir zu, Brenainn, das ist sehr wichtig. Olyvar ist im Blutrausch, verstehst du?" Er nickt, wenngleich auch etwas lahm, denn in Wahrheit kennt er nur die Theorie. Zu was ein Ritter, der Megarns Zorn beschwört, wirklich fähig ist, hat er noch nie mit eigenen Augen gesehen. Deshalb erfasst er den Zusammenhang mit dem Bären auch nicht sofort, wenngleich er aufgrund ihres fordernden Tonfalls brav eine Antwort gibt, wie in der Schule bei einem Lehrer. Als sie ihn allerdings wegschicken will, um sich selber in die Ruine zu wagen und dort nach irgendjemandem zu suchen, schüttelt er den Kopf. Er kann sie jetzt unmöglich alleine lassen. Was würde sein Vater sagen, wenn er nach Hause käme, unversehrt, bis auf einen kleinen Pfeil im Bein und ihm beichten würde, er hätte Tante Nan in einer Ruine mit einem Ritter verloren, der nicht mehr zwischen Freund und Feind hatte unterscheiden können.

Doch Niniane beachtet ihn überhaupt nicht, sondern drückt ihn nur an sich, blutverschmiert, klebrig und bewaffnet wie er ist und küsst ihn auf die Stirn. Es geschieht alles in fliegender Hast und doch legt sich die Berührung wie kühlender Nebel über sein erhitztes Gemüt. "Na gut", gibt er also zähneknirschend nach, müht sich in die Höhe und brummelt dann im besten Borgilton: "Aber du passt auf dich auf." Nicht, dass er irgendetwas tun könnte, sollte sie sich dazu entscheiden leichtsinnig zu werden, aber seine Mama schimpft auch nicht, wenn ihre Kinder etwas getan haben, vor dem sie sie explizit gewarnt hat. Sie ist dann immer nur ganz fürchterlich enttäuscht und das ist tausendmal schlimmer, als jede Strafe. Er versucht also so viel von dieser potentiellen Enttäuschung in seine Stimme zu legen, wie möglich, damit sie weiß, was ihr blüht, wenn sie nicht zurückkommt. Alles was sie erwidert, ist ein Lächeln. Es ist das Lächeln, das auch seine Mutter lächelt, wenn sein Da ihr sagt, sie solle vorsichtig sein, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit noch auf die Straße hinausgeht und plötzlich hat er Angst. Ganz schreckliche Angst, sie könnte in diese Ruine gehen und einfach nie wieder herauskommen. Könne lächeln und verschwinden, wie seine Mutter es getan hat. Doch bevor er sie festhalten und wenn nötig gewaltsam davon abhalten kann ihn zu verlassen, oder ihr zumindest das felsenfeste Versprechen abringt zu ihm zurückzukehren, ist sie auch schon aufgestanden. Alles, was ihm bleibt, ist ihr hinterher zu sehen, wie sie über einen knisternden Teppich aus schwarzer Asche und durch Nebel aus glühenden Funken rennt und kurz darauf in die Schatten zwischen den Felsen eintaucht.

Die Höhlen löchern den Berg wie einen frithländer Käse und die Jahrtausende, seit Reyne die Einerin hier geboren wurde, haben harte Kanten und scharfe Ecken abgetragen, weshalb die Ruinen inzwischen wirken, als wären sie von Sil selbst in den sandgrauen Stein geschlagen worden. Es wäre ein schöner Ort, würde die Lichtung nicht immer noch von einem unheilvollen Glühen erfüllt werden, das in der heraufdämmernden Nacht einen roten Schatten auf die Ruinen wirft. Brenainn starrt den Berg hinauf, Spuck sie bloß wieder aus! und beeilt sich dann Ninianes Anweisungen zu folgen. Humpelnd müht er sich zurück zu der Stelle, wo sie aus dem arkanen Netz getreten waren und hält Ausschau nach dem Kobold, der praktisch vom Fleck weg verschwunden war. Weil sie ihn explizit angewiesen hat, leise zu sein, sucht er erst schweigend nach irgendeinem Hinweis oder einer Spur, die ihn zu dem vermissten Magier führen könnte, doch dann entdeckt er einen blutigen Pfeil, der tief in der Rinde einer alten Eiche steckt. Zwischen Schaft und Holz klemmt ein Büschel regenbogenbuntes Haar. Er ist verletzt! Ob leicht, oder schwer, oder vielleicht sogar tödlich, erschließt sich ihm aus dem Fund nicht, aber er kann nicht noch mehr Zeit damit vertrödeln stumm wie eine Schweigende Schwester durchs Unterholz zu streifen. Also wirft er jede Vorsicht über Board und hofft einfach, dass der Bär ihn nicht hört. "Pumquat! Pumquat?! PUMQ…"
"PSSSSCHHT!", machts irgendwo über seinem Kopf und das so plötzlich, dass ihm fast das Herz in die Hosen rutscht. Instinktiv reißt er den Schild hoch und bereut die Bewegung praktisch noch in der gleichen Sekunde, doch schon in der nächsten blinzelt er etwas verdattert unter dem schützenden Holz hervor hinauf in die Baumkronen, wo es sich der kleine Magier in einer Astgabelung offenbar bequem eingerichtet hat. Auf diese Entfernung kann Brenainn nicht erkennen, ob Pumquat verletzt ist. Allerdings zittert er wie Espenlaub und scheint Mühe zu haben, sich gerade zu halten und mindestens genauso schnell, wie er den Schild hochgenommen hat, lässt Brenainn ihn wieder sinken (und bereut es gleich doppelt), sein Schwert fallen und streckt seine Arme aus, um den Kobold wenn nötig aufzufangen.

"Komm runter!", ruft er so leise wie möglich, "Wir müssen uns verstecken."
Doch Pumquat schüttelt seinen Kopf so heftig, dass sein Haar wie lila- und gelbfarbene Schleier hin und her zuckt: "Nein, komm du hoch. Hier oben sind wir sicher."
"Was soll ich?", ächzt Brenainn.
"Hochkommen! Beeil dich!", wiederholt Pumquat, hörbar besorgt, und winkt ihn zu sich hinauf.
"Wie soll ich denn bitteschön DA raufkommen?" Einmal abgesehen davon, dass er flügellahm ist, ein verletztes Bein hat und Schild und Schwert nicht zwischen die Zähne klemmen kann, ist er nun einmal ein Halbzwerg, der auch so viel wiegt wie ein Halbzwerg und in ungefähr so gelenkig ist, wie ein Halbzwerg!
"Kletter!", kommt die wenig hilfreiche Antwort, woraufhin Brenainn entschieden einen Schritt zurückmacht und mit der Schwertspitze auf den Boden vor seinen Füßen deutet: "Nein. Du kommst jetzt runter."
"Hier oben sind wir sicher!", protestiert der Kobold. Womit er vielleicht Recht hätte, wäre es nicht, dass Niniane sie vor einem Bären gewarnt hätte und Bären können klettern. "Nein", widerspricht Brenainn deshalb vehement, "sind wir nicht. Wir müssen ins magische Gewirr! Los, komm jetzt." Für einen Moment sieht Pumquat aus, als wolle er sich die viel zu langen Ohren raufen ob so viel zwergischer Halsstarrigkeit auf gerade mal etwas mehr als fünf Schritt, dann aber müht er sich aus seinem Versteck hervor. Brenainn hält sich bereit ihn aufzufangen, sollte er den Halt verlieren, doch der Magier schafft es, seines komischen Kampfanzugs mit luftigen Bundhosen und lustigen Zipfeln an der reich mit Goldknöpfen verzierten Jacke zum Trotz, sicher auf den Boden zurück, wo er ohne zu zögern direkt zum Zaubern ansetzt. Hat Brenainn dessen magisches Wirken bislang immer mit einer gewissen Neugierde verfolgt, so hat er in diesem Moment nur Ungeduld für das vermeintlich wichtigtuerische Gefuchtel übrig, mit dem Pumquat die Luft teilt und ihnen Zugang zum Netz gewährt.

Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern schlüpfen sie beinahe zeitgleich durch den Riss im großen Gefüge aller Welten hinein in die Farben der Elemente… und dann kippt ihm der Magier einfach auf die Füße. Einmal noch dreht Pumquat seine großen, verschiedenfarbigen Augen im Kreis, dann geht ein kraftloses Schlackern durch die langen Pinselohren und er sinkt wie ein Sack voller Knochen in sich zusammen. Entsetzt starrt Brenainn auf das Häufchen kunterbunten und vor allem sehr ohnmächtigen Elends hinab, ehe sein Blick erst nach rechts, dann nach links, dann nach oben und schließlich wieder hinab wandert und ganz ohne, dass er es will, erinnert er sich plötzlich sehr lebhaft an all die bildnerischen Warnungen, die Pumquat auf dem Weg hierher über das Netz von sich gegeben hat. "Laufe exakt dort, wo ich laufe, ansonsten fällst du womöglich in ein Loch und SCHNAPP! Sind die Beine ab!" Und ohne sich auch nur einen einzigen Sekhelrin in irgendeine Richtung zu bewegen, lässt Brenainn sich schwer schnaufend an Ort und Stelle ganz, ganz langsam und sehr, sehr, sehr behutsam auf den nichtvorhandenen Boden sinken, während er zu allen Zwölf, sämtlichen Geistern und irgendwelchen Zwergenvettern gleichzeitig betet. Er traut sich nicht einmal seinen Schild abzunehmen, oder sein Schwert abzulegen, aus Angst, sie könnten im Strudel der Farben einfach verschwinden und irgendjemanden irgendwo erschlagen. Den armen Kobold einfach so liegen lassen, will er aber auch nicht, als müht er dessen kleinen, leichten Körper vorsichtig auf seinen Schoß, bettet den überdimensional großen Kopf auf dem Oberschenkel, der nicht schmerzt und rollt sich dann einfach schützend über ihm zusammen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Darauf, dass Pumquat aus seinem Manadelirium erwacht. Darauf, dass Olyvar aus seinem Blutrauch findet. Darauf, dass Niniane zurückkommt.

Tief atmet er durch und versucht den Schmerz auszublenden, der ganz allmählich durch seine Gliedmaßen kriecht. Glücklicherweise folgt ihm eine bleierne Schwere nach, die nicht nur seine Nerven, sondern auch seine Sinne betäubt. Die Erschöpfung hätte Brenainn innerhalb kürzester Zeit in einen unruhigen, aber tiefen Schlaf getrieben, wäre nicht sein Verstand gewesen, der hell wie ein Leuchtfeuer brannte und in langen Bahnen um all das kreist, was soeben passiert ist. Und es istnicht länger her, als soeben. Es hat auch nicht länger gedauert, als soeben. Soeben sind sie angekommen. Soeben hat der Kampf begonnen. Soeben ist er zum Ritter geworden. Soeben… habe ich sechs Menschen getötet. Noch etwas mehr kauert sich Brenainn über Pumquat zusammen, doch der verstörende Gedanke hat sich festgebissen und so heldenhaft er sich eben noch, direkt nach seiner Berufung und seinem Sieg gefühlt hat, so elend wird ihm jetzt zumute. Und dann… kommt Wut. Und Bitterkeit. Und alles auf einmal und gleichzeitig obendrein und als er schließlich, nach einer ganzen Weile doch noch wegdämmert, haben die Tränen helle Bahnen auf seine dreckigen Wangen gemalt.

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Niniane

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11

Samstag, 21. April 2018, 15:41

Do. Not. Breathe.

In der Nacht vom 19. auf den 20. Taumond 518 in den Ruinen von Ealdsteen in den Bergen von Anukis Wacht

Ring around the Rosie
Pocket full of posies
Ashes, ashes
We all fall down.

Ring around the Rosie
What do you suppose we
Can do to fight the darkness
In which we drown?

Ring around the Rosie
This evil thing it knows me
Lost ghosts surround me
I can't fall down. (Nursery Rhyme)


Während sie in die Dunkelheit schleicht – sie macht sich gar nicht erst die Mühe, Iôrfaêr zu ziehen, sie hätte keine Chance, nicht einmal einen Hauch – versucht Niniane sich zusammenzureimen, was geschehen sein muss. Sie waren von den Schützen im Berg unter Beschuss genommen worden, kaum dass sie die Lichtung betreten hatten, und Olyvar war losgerannt, um sie auszuschalten. Auf seinem Weg in die Ruinen war er in ein paar kurze, heftige Kämpfe verwickelt worden, das hatte sie gerade noch mitbekommen, ehe der Dämon auf sie losgegangen war. Er hat das Tor erreicht und konnte es von außen nicht aufbrechen, jedenfalls nicht mit seinen normalen Kräften, und die Zeit muss ihm unter den Nägeln gebrannt haben. Ordensjäger sind gute Schützen – wenn sie uns noch länger beschossen hätten, wären wir längst alle tot. Also hat er Megarns Zorn zu sich gerufen und ist in den Berg gestürmt. Und vorher hat er uns noch eine Warnung hinterlassen. Im Inneren des Berges herrscht pechschwarze Finsternis und der Gestank, der ihr aus den Ruinen entgegenweht, ist wie Grabeshauch. Sie wagt keinen Lichtzauber, der auf sie aufmerksam machen würde, und verschwendet auch sonst keine Magie mehr – wer weiß, was sie vielleicht noch brauchen wird. Niniane sucht sich Gänge und Stollen, die nach oben führen, wo die Schützen sich positioniert hatten, und kann den dicken, metallisch-süßlichen Blutgeruch wahrnehmen, lange bevor sie die ersten Leichen findet… oder was noch von ihnen übrig ist. An manchen Stellen ist der Boden unter den Sohlen ihrer Stiefel glitschig vor Blut, an manchen verteilen sich Haut und Fleischfetzen bis hinauf an die Tunneldecken, an anderen muss sie auf jeden Schritt achten, um nicht auf Knochenreste zu treten. Der Geruch nach Schlachthaus vermischt sich mit dem Gestank aufgerissener Gedärme und Urin, und sie sieht viel zu gut in der Dunkelheit, als dass ihr die grauenerregenden Details erspart bleiben würden. Falls Olyvar irgendwo in der Nähe ist, hört sie ihn nicht - sie hört überhaupt nichts, in ihren Ohren singt nur die die Stille und sie hofft (und betet) inbrünstig, dass er sich irgendwo in diesem verfluchten Labyrinth aus Felsengängen so lange verirren würde, bis er wieder er selbst wäre. Während Niniane an jeder Biegung innehält wie ein Kaninchen, das die Jagdhunde gewittert haben, und mit klopfendem Herzen auf sich nähernde Schritte oder Atemgeräusche vor und hinter ihr lauscht, streckt sie ihren Geist behutsam nach der Jägerin aus. Auf höfliche Zurückhaltung oder Anstand kann sie jetzt einfach nicht achten. Sie hat keine Ahnung, ob Yara'Sanchale des Sendens mächtig ist. In Am'Shaer konnte sie es, wenn Niniane ihre Erinnerungen nicht trügen, jedenfalls nicht oder nur schwach - aber damals war sie auch noch ein kleines Mädchen. Vielleicht ist sie auch gar nicht bei Bewusstsein. Dann spürt sie in mit ihren suchenden Sinnen plötzlich die Präsenz der Schamanin, sehr schwach und geschunden, aber noch am Leben und in der Nähe… irgendwo zu ihrer Rechten, tiefer im Berg. Mit einem dumpfen Gefühl ihm Magen und flacher Atmung, alle Sinne in Alarmbereitschaft, hält sie auf den schwachen Lebensfunken zu, den sie wahrgenommen hat. Kalter Schweiß rinnt ihr in die Augen, aber sie macht keine Anstalten, ihn fortzuwischen. Je tiefer Niniane vordringt, desto dunkler wird es, bis sich ein Leichentuch völliger Schwärze über alles gesenkt hat. Sie ist allein in der Finsternis und vernimmt keinen Laut außer dem Dröhnen ihres Blutes in den Ohren, das klingt wie ein ferner Ozean.

Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommt, obwohl ihr Verstand ihr sagt, dass bestenfalls ein Viertelglockenschlag vergangen sein kann, verbreitert sich der Gang, dem sie folgt, zu einem vage rechteckigen Gewölbe, in dessen Wänden mehrere dunkle Löcher gähnen. Dahinter scheinen einmal Kammern gelegen zu haben, aus denen jetzt feuchter Verwesungsgeruch dringt, aber am Ende des Tunnels ist noch ein Raum hinter einer rostigen Eisentür, die halb offensteht. Dahinter flackert schwacher Lichtschein. Das Gewölbe, in dem Niniane steht, ist voller Blut und Körperteile, und die formlose Masse zu ihrer Linken, die einmal ein Ordensjäger gewesen sein muss, sieht aus, als habe sie jemand mit Klauen und Zähnen zerrissen, mehr als einmal. Der Leichnam ist noch warm. Sie hat einmal gesehen, was ein tollwütiger Branbär mit ein paar Jägern und deren Hunden angerichtet hatte und das hier erinnert sie frappierend daran. Eine plötzliche Vision von Olyvar - verwandelt in eine Art Bestie mit rotglühenden Augen, der irgendwo über ihr in der Dunkelheit lauert, ein blutverschmiertes Grinsen im verzerrten Gesicht - lässt ihr Herz hämmern. Doch dann spürt sie Yara'Sanchale, irgendwo ganz nah, und vergisst für einen Moment ihre Angst um sich selbst. Sie huscht zu der Tür hinüber, lauscht einen Moment und schlüpft dann in den Raum dahinter. Feuchtes Stroh bedeckt den Boden und Salpeter überzieht die kahlen Wände. In einer Halterung neben der Tür brennt eine Handvoll Binsen. Aber da ist etwas… weiter hinten im Raum… ein dunkles Schattenbündel, das von der Decke baumelt. Sie tritt einen weiteren Schritt vor und ein knarzender Laut lässt sie herumfahren. Dann herrscht wieder Stille, aber jetzt scheint das Schweigen selbst zu pochen. Angstvoll erwartet Niniane jeden Augenblick das Geräusch schwerer Stiefel im Gang draußen zu vernehmen, doch nichts geschieht. Noch einmal ertönt das leise Kratzen und sie begreift, dass es das Knarren der Stricke ist, an denen das Schattenbündel hängt, als es sich mühsam bewegt. Dann hebt die Gestalt den Kopf und Niniane fühlt sich, als hätte man ihr ins Gesicht geschlagen. Ihr ist, als hätte sie etwas Vertrautes umgedreht und madenwimmelnde Fäulnis darunter entdeckt. Das angebundene Etwas, das sie aus blutunterlaufenen Augen und einem völlig verschwollenen Gesicht heraus anstarrt, ist Yara. Sie hat ihren Dolch in der Hand und ist mit einem Satz bei der Jägerin, säbelt so rasch sie nur kann an den Stricken, die sie fesseln… aber Yara ist groß und sie ist klein, und Niniane muss förmlich auf ihren Zehenspitzen balancieren, um die Stricke so hoch über ihrem Kopf überhaupt mit der Klinge zu erreichen. Es geht elend mühsam und elend langsam. Zu langsam. Als Olyvar schließlich auftaucht, sitzen sie in der Falle. Er kommt und sie können nicht hinaus, und am Ende verraten ihn nicht seine schweren Stiefel, denn er bewegt sich vollkommen lautlos, ihn verrät nur sein Atmen: ein schweres, dunkles, halb grollendes Geräusch, unerwartet laut und unglaublich drohend in der Düsternis. Einen schwindligen Moment lang fühlt Niniane den Boden unter ihren Füßen wanken. Das Seil ist fast durchgeschnitten, die letzten Fasern sind schon so dünn, dass sie jeden Augenblick reißen können. Sie kann nicht gleichzeitig die halb bewusstlose Schamanin aufrechthalten und einen Zauber wirken, und selbst wenn, sie könnte Yara und sich selbst nicht im Labyrinth verbergen oder mit Tarnung schützen, weil jede klerikale Magie der gefolterten Jägerin wohl endgültig den Rest geben würde. Olyvar mit irgendwelchen Zaubern oder gar mit ihrem Schwert anzugreifen, wäre ihrer beider sicheres Todesurteil - und sie wird Yara auf keinen Fall allein lassen, um sie als Ablenkung zu benutzen und sich aus dem Staub zu machen, falls sie überhaupt schnell genug wäre. Olyvar ist ihnen schon viel zu nah. Seine massige Gestalt steht jetzt direkt vor der Tür. Atmend. Witternd. Lauernd. Sie käme niemals an ihm vorbei. Ihr fällt ein, dass er schon einmal hier gewesen und wieder gegangen sein muss, der Tote draußen und Yara, die noch am Leben ist, beweisen es. Vielleicht, weil sie ohnmächtig war. Vielleicht hat er sie für tot gehalten. Es ist nur ein Strohhalm brüchiger Hoffnung, aber es ist das einzige, woran sie sich klammern kann, also tut sie es. Niniane bewegt sich wie eine Schlafwandlerin, schiebt sich langsam hinter die Jägerin, Zoll um Zoll, schlingt der gertenschlanken Elbenblütigen behutsam ihre Arme um die Mitte, stützt sie so gut sie es vermag, und betet dabei unablässig, dass die Stricke halten. Draußen wird es still, doch diese Stille atmet. Sie wartet. Sie lauscht.

Niniane presst sich an Yaras leblose Gestalt und betet, die Götter mögen ihr Herz anhalten, das zu schlagen scheint wie Donner. Dann ertönt plötzlich ein ruckartiges Rumpeln und Kreischen, als die massive Eisentür aus ihren rostigen Angeln gerissen und durch die Gegend geschleudert wird als wöge sie gar nichts. Im nächsten Augenblick ist Olyvar mit ihnen im Raum. Niniane zwingt sich mit aller Macht, reglos zu verharren. Er kommt näher. Eine Faust aus Eis umklammert ihr Herz – dort kommt der Tod, ihr Tod, Yaras Tod. Wenn sie nur einen Laut von sich gibt, das winzigste Zittern oder Atmen, werden sie die Sonne nie wiedersehen. Beweg dich nicht. Zuck nicht zurück. Atme nicht. Dass der Umfang der Angst eine Grenze hat, gilt nur, bis man dem Unbekannten begegnet. Entsetzen hat sie, wie sie feststellen kann, in grenzenlosen Mengen. Noch näher. Niniane wagt es nicht, den Blick zu heben, weil er selbst diese geringe Bewegung sehen könnte. Sie wagt es noch nicht einmal mehr zu atmen. Irgendwo über sich hört sie ein anhaltendes, beinahe lautloses Knurren, und es kommt von ihm. Er muss Yaras lebloser Gestalt jetzt so nahe sein, dass er sie berührt. Mit eisigem Schrecken fragt sie sich, ob die Schamanin vielleicht tatsächlich tot ist, ob sie am Ende… gerade eben… im wahrsten Sinne des Wortes in ihren Armen gestorben ist. Entweder das, oder sie ist wieder besinnungslos – oder das kaltblütigste Wesen, das Niniane je kennengelernt hat. Doch nein, sie lebt noch. Sie kann es spüren. Kann er es auch? Sie muss ihn ansehen, und wenn es nur dafür ist, ihrem Ende auch ins Gesicht zu blicken, also späht sie zwischen einigen von Yaras verfilzten, Haarsträhnen hindurch nach oben. Das Wesen, das einmal Olyvar war, wittert mit geblähten Nasenflügeln über das Gesicht der Jägerin, als wolle er jedes noch so kleine Duftmolekül einfangen, einmal vom Kiefer bis zum Ohr, dann riecht er an ihrem Haar. Aus ihrer Sicht sieht es beinahe aus, als hätte er seine Wange an ihre gelegt. Er hat die Augen halb geschlossen, aber sie sieht das mörderische rote Glühen darin nur allzu deutlich. Er sucht nach ihrem Puls. In hilflosem Entsetzen starrt Niniane in ein Gesicht, das sie kennt, das einem Freund gehört, schwarz vor geronnenem Blut und beängstigend leer. Sie schließt ihre Augen so fest, dass ihr die Schläfen weh tun, verschließt trotz der quälenden Atemnot Zunge und Zähne. Das Knurren hält an und an – und plötzlich ist es verstummt. Olyvar schießt brüllend auf den Gang hinaus und sie hört ihn mit der Leiche dort, hört Knochen brechen und Fleisch reißen und ein saftiges, feuchtes Klatschen, wieder und wieder und wieder, bis es still wird. Seine Schritte und sein grauenvolles Atmen entfernen sich, werden leiser und leiser und verhallen dann ganz. Sie bleibt, noch immer erstarrt, einfach stehen wo sie ist und wagt lange nicht, sich zu bewegen. Dann geben die letzten Fasern des Seils nach und Yara sackt in ihren Armen zusammen.
Niniane lässt sie so behutsam wie möglich zu Boden gleiten und räumt das feuchte, schimmlige Stroh beiseite. Darunter sind nackter Fels und weiche schwarze Erde. Sie streift ihren pelzgefütterten Umhang ab, breitet ihn aus und rollt die Jägerin dann so vorsichtig wie möglich darauf. Ab und an flattern zwar ihre Lieder und ein leises Stöhnen dringt ihr über die aufgeplatzten Lippen, aber sie kommt kein einziges Mal wirklich zu sich. Niniane schält sich aus ihrem Kettenhemd und der ledernen Tunika, dann zieht sie ihr Unterhemd über den Kopf und reißt es in Streifen, um Verbandsmaterial zu bekommen. Wegen Yara'Sanchales Blut legt sie einen Schutzzauber um ihre Hände und richtet als erstes deren gebrochene Nase, damit die Jägerin wieder mehr Luft bekommt, und wischt ihr Blut und Schleim vom Gesicht. Am meisten bereiten Niniane die großflächigen, heißgeschwollenen Kontusionen an Yaras Oberschenkeln und ihre gebrochenen Finger Sorgen. Sie hat buchstäblich keinen einzigen mehr, der nicht irgendwo gebrochen wäre, und Niniane kann die Knochen zwar geraderichten, hat aber nichts zur Hand, um sie zu schienen und zu fixieren. Doch zunächst muss sie sich um das dringlichste kümmern: die massiven Prellungen an Yaras Beinen. Wenn sie raten müsste, würde sie sagen, die Schamanin ist wiederholt mit einem Knüppel geschlagen worden, denn quer über beide Oberschenkel zieht sich ein breites, blauschwarzes Feld aus Blut, das unter der Haut koaguliert ist. Bei Yara'Sanchale mit ihrer ebenholzfarbenen Haut springen sie einem nur nicht sofort derart ins Auge, so wie es bei einer hellhäutigen Person der Fall gewesen wäre. Am rechten Bein findet Niniane einen Puls in den Kniekehlen und am Knöchel, im Linken jedoch kaum und jedes Mal, wenn sie behutsam über die Schwellung des linken Oberschenkels tastet, stöhnt die Jägerin selbst in ihrer Ohnmacht vor Schmerz. Verdammt.

Niniane hat im Feldlazarett von Liam Cailidh gesehen, was die Heilkundigen und Wundscher in solchen Fällen getan hatten. Sie hat zwar keine Ahnung, ob sie das richtig machen wird, aber wenn sie es nicht wenigstens versucht, fürchtet sie, dass Yara ihr Bein verlieren oder möglicherweise sogar sterben könnte. Also zückt sie ihren Dolch und setzt über der handflächengroßen, steinharten Stelle der Prellung einen langen Schnitt durch die oberen Hautschichten und jene silbern schimmernden Membranen, die den geschwollenen Muskel umhüllen. Die Haut an Yara'Sanchales Bein klafft auseinander und ein Schwall schwarzen Blutes quillt hervor, eine Menge schwarzes Blut. Weil Niniane nicht wagt, tiefer zu schneiden und keine Ahnung hat, was sie sonst tun soll, bewegt sie das Bein behutsam, aber mit Nachdruck so lange hin und her, bis kein dunkles Blut mehr austritt, dann verbindet sie die Wunde. Als auch das erledigt ist, zieht sie zunächst einmal ein halbes Dutzend Holzspieße und dünne Eisenstäbe, die aussehen wie flache Metallfeilen unter den Zehennägeln der Jägerin hervor, dann wendet sie sich Yaras Händen zu. Sie will die Knochen der gebrochenen Finger einrichten, so lange die Schamanin noch ohne Bewusstsein ist, aber sie weiß nicht, wie sie sie fixieren soll, feste Verbände hat sie ja nicht greifbar. Dann fällt ihr Blick auf ihre Stiefel. Sie haben lange Schäfte, bis hinauf zu ihren Knien und das Leder ist zwar geschmeidig, aber dennoch fest. Also zerschneidet Niniane kurzerhand ihre Stiefelschäfte, was selbst mit ihrem scharfen Dolch eine langwierige, mühsame Prozedur ist, und fertigt aus dem Leder schmale, längliche Schienen, die sie unter jeden gebrochenen Finger schiebt und mit dünnen Leinenstreifen befestigt. Als auch das getan ist, schneidet sie noch eine abgebrochene Pfeilspitze aus einer älteren Wunde unter Yaras rechter Brust, die sie inmitten all der anderen Verletzungen, Striemen, Brüche und Brandblasen beinahe übersehen hätte. Sie wäscht so viel Blut und Eiter heraus, wie sie kann, flößt Yara ein wenig Wasser ein und hüllt die splitterfasernackte Jägerin dann in ihren Umhang. Mehr kann sie jetzt und hier nicht für die Frau tun. Ihre Sorge um Brenainn und Pumquat irgendwo dort draußen macht sie ganz krank und das Bild von Olyvars brennenden Augen lässt sie die ganze Zeit über nicht mehr los. Sie hört ihn noch ein paarmal irgendwo in den Gängen über ihnen, aber er kommt ihnen nicht mehr nahe… und so bleibt ihr nichts anderes zu tun, als zu warten, sich selbst mit einem Wärmezauber zu umgeben und darauf zu hoffen, dass es bald vorbei sein wird. Es muss Mitternacht sein, als Yara zu sich kommt und sich sacht regt, und Niniane ist sofort an ihrer Seite. "Bewegt Euch nicht. Ich habe Eure gebrochenen Finger einbandagiert, haltet Eure Hände ruhig. Wasser?"
Die Jägerin nickt schwach, also schiebt Niniane einen Arm unter ihren Nacken, stützt sie und flößt ihr kleine Schlucke aus ihrer Feldflasche ein, einen, nach dem anderen, bis sie genug hat. Yara'Sanchale bewegt ihre aufgesprungenen Lippen, doch ihr Flüstern ist so leise, dass sich Niniane tief zu ihr hinabbeugen muss, ehe sie die Worte versteht. "Olyvar?"
"Er lebt und er ist äh… hier irgendwo…"
Yaras Lider senken sich halb, aber Niniane hat den Ausdruck der Erkenntnis in den graugrünen Augen der Jägerin gesehen und nickt stumm.
"Stein," hört sie die Schamanin heiser flüstern. "Narudâ."
"Ja, deswegen sind wir hier. Ich habe Eure Botschaft erhalten, aber…"
"Fuß."
"Was?"
"Fuß… Fuß… steht drauf."
"Ich verstehe nicht… "
Obwohl sie ihr gesagt hat, sie soll ihre Hände nicht bewegen, spürt Niniane gleich darauf das Tippen eines Fingers in einer Lederschiene auf ihren nur mehr bestrumpften Zehen – ihre Stiefel gibt es ja nicht mehr. Trotzdem dauert es schrecklich lange, bis sie begreift. "Ich stehe darauf?" Zischt sie fassungslos. "Ihr habt ihn hier versteckt?!"
Wieder ein schwaches Nicken. Niniane lässt die Jägerin zu Boden sinken und beginnt hektisch zwischen den Steinen im weichen Dreck dort zu kratzen. Keine dreißig Herzschläge später hält sie einen erdverschmierten, ovalen Klumpen in der Hand und als sie die Krümel weg streicht, schimmert darunter der Mondstein hervor. Wer immer Yara'Sanchale deswegen tagelang gefoltert hat, sie nimmt an, dass es der Finstere selbst war, hatte ihn die ganze Zeit über – die ganze Zeit! – im wahrsten Sinne des Wortes vor der Nase. "Götter im Himmel!" Keucht sie leise und klingt immer noch ziemlich bestürzt. Unter seinen Füßen. Er war unter seinen Füßen. "Ihr seid völlig verrückt, wisst Ihr das?"
Yara bleibt ihr eine Antwort schuldig, aber das Verziehen ihres blutigen Mundes könnte ein Lächeln sein. Dann dämmert sie wieder weg, aber diesmal scheint es mehr der Schlaf vollkommener Erschöpfung, als eine weitere Ohnmacht zu sein. Zwei Stunden später findet Olyvar sie. Sie hört ihn ihre Namen rufen, ihrer beider Namen. Das bedeutet, dass zumindest Brenainn noch am Leben sein muss – woher hätte der Lord Commander sonst von Yara'Sanchale wissen sollen? – und ist darüber so erleichtert, dass sie in abgehacktes Gelächter ausbricht, rau und quietschend wie ein altes Gartentor. Sie kann überhaupt nicht mehr aufhören damit. "Hier unten!" Ruft sie zurück, als sie wieder einigermaßen Luft bekommt. Aber hätte sie nicht so gelacht, wäre sie jetzt wirklich in Tränen ausgebrochen.
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Olyvar

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12

Samstag, 21. April 2018, 16:29

A whiter shade of pale

"Pooh!" Whispered Piglet.
"Yes, Piglet?" Said Pooh.
"Oh, nothing," said Piglet. "I was just making sure of you."

20. Taumond 518 in den Ruinen von Ealdsteen in den Bergen von Anukis Wacht


Als Olyvar wieder zu sich kommt, herrscht stockfinstere Nacht. Die zunehmenden Monde spenden kaum Licht und Sterne sind keine am trüben Himmel zu sehen. Sein Hinterkopf pocht dumpf. Irgendwo hört er Wasser plätschern, und bei dem bloßen Geräusch wird ihm schon schwindlig. Der Geruch nach fauligem Schlamm und moderndem Herbstlaub vom vergangenen Jahr ist auch nicht gerade eine Hilfe. Wo bin ich? Er muss irgendwo draußen in den Wäldern gelandet sein, wie auch immer er hierhergekommen sein mag. Ein prüfender Blick auf den Stand der Monde – als er seinen Blick schärft, wabern sie einen Moment lang so verstörend am Himmel über ihm, so dass ihm noch schwindliger wird und er spürt ein beunruhigendes Echo grauenhafter Kopfschmerzen – verrät ihm, dass es ungefähr die Stunde des Diebes sein muss. Olyvar rechnet im Stillen nach. Als er Megarns Zorn zu sich gerufen hatte, war die Sonne gerade untergegangen, mitten in der Stunde des Vaters. Das bedeutet, er war gut siebeneinhalb Stunden nicht er selbst, vielleicht auch ein wenig mehr. Diesmal haben ihn rasender Zorn und blutgierige Mordlust nicht so lange in ihrer Gewalt behalten, wie damals in Azurien. Es waren weniger Gegner. Das Töten war schneller vorüber. Olyvar rollt sich auf den Bauch, im ersten Moment unfähig, seine immer noch völlig verkrampften Muskeln zu kontrollieren; dann gelingt es ihm, sich soweit auf die Hände zu stützen, dass er sich übergeben kann. Das meiste, das er erbricht, ist Blut, und zwar nicht sein eigenes, und auf seiner Zunge liegt ein widerlich metallischer Eisengeschmack. Sein Verstand klärt sich allmählich und besteht darauf, ihn mit pragmatischer Vernunft zu konfrontieren, selbst wenn die Bestie mit den rotglühenden Augen und dem alles verzehrenden Hunger in ihm davon noch gar nichts wissen will. Olyvar kämpft sich auf die Füße und schwankt einen Moment bedenklich, während sich der nächtliche Wald um ihn dreht, aber dann geht der Schwindel langsam vorüber. Unter seiner Rüstung kleben seine Kleider unangenehm feucht und warm an seiner Haut – höchstwahrscheinlich Blut und auch das ist nicht seines. Bis auf ein paar Kratzer und Schrammen im Gesicht scheint er diesmal überhaupt nichts abbekommen zu haben, und auch die hat er sich höchstwahrscheinlich selbst zuzuschreiben. Die Haut in seinem Gesicht spannt unangenehm und als er prüfend mit den Fingern darüberfährt, stellt er fest, dass er eine Maske aus getrocknetem Blut, Schweiß, Dreck und den Hautfetzen getöteter Ordensjäger trägt… selbst sein Haar ist so verklebt, dass es ihm wie Stachelschweinborsten vom Kopf steht. Götter im Himmel, du musst aussehen wie ein blutiger Waldschrat! Angewidert von sich selbst schleppt er sich in Richtung des Plätscherns und findet tatsächlich einen fröhlich vor sich hin gurgelnden Wildbach in einem kleinen Hain aus Birken, der von den Hängen Ealdsteens herabplätschert und sich unter den Bäumen in Richtung Süden davonschlängelt. Er wäre breit und tief genug, um ein Bad darin zu nehmen, doch so gern Olyvar das trotz der Nachtkälte auch getan hätte, er hat jetzt einfach nicht die Zeit dafür. Erst muss er wissen, wie es um die anderen steht, also begnügt er sich damit, sich aus dem Brustpanzer, den Schulterstücken und Armschienen seiner Rüstung zu schälen und den wattierten Gambeson und das Hemd abzustreifen. Beide sind großflächig mit Blut getränkt – auch nicht seines. Es muss im danweise zwischen Halsberge und Brechrand unter die Rüstung gelaufen sein. So gut es mit kaltem Wasser und ohne Seife eben geht, wäscht er sich Blut und Schweiß von der Haut und aus den Haaren, legt Hemd und Gambeson wieder an, sammelt die verstreuten Rüstungsteile ein und stapft dann durch den nächtlichen Wald in die Richtung zurück, in der er die Lichtung am Eingang der Ruinen vermutet.

Die findet er auch – allerdings ist niemand mehr dort außer Asche, Leichen, ein verwesender Dämon und hunderte toter Vögel... "Was...?" Humpelnd dreht er sich einmal um sich selbst, doch egal in welche Richtung er blickt – überall nur verbrannte Erde, noch mehr Leichen und noch mehr halb verrottete Skelette seltsamer Dämonenkrähen. "Nan? Brenainn? Wo seid ihr? Pumquat?!" Nichts geschieht, doch als er nach einem Moment noch einmal, diesmal lauter, nach seinem Knappen und seinen Freunden ruft, hört er auf einmal Brenainns Stimme irgendwo hinter sich. "Hier! Pumquat und ich sind hier!" Gleich darauf hinkt sein Knappe auf die Lichtung, den Kobold auf der Schulter. "Mylord Commander," nickt der Junge, erschöpft, aber so pflichtbewusst, als würde er sich zum Dienst melden. Pumquat trägt einen dicken Verband am Ohr und sieht so krank und erschöpft aus, wie es ein Magier eigentlich nur wird, wenn er fast sein gesamtes Mana verbraucht hat. Nur die Protektorin ist nach wie vor nirgends zu entdecken. Olyvar legt den schweren Brustpanzer ab und lässt seine Schulterstücke daneben ins noch kurze gelblichbraune Wintergras fallen. "Wo ist Niniane?"
Brenainn blinzelt verwirrt und blickt von ihm zur Ruine hinter ihm und wieder zurück. "Ist sie nicht bei Euch? Aber sie wollte zu..."
"Nein – wo ist sie hingegangen?"
"In den Berg. Sie wollte Yara'Sanchale suchen!"
"Yara ist hier?!"
"Nein, sie ist da drin, hat Tante Nan gesagt." Er kann förmlich sehen, wie die Zahnrädchen in Brenainns Verstand ineinandergreifen, als ihm klar wird, was das bedeuten könnte – ihm selbst ergeht es nämlich in diesem Moment ganz genauso. Drei gehen in den Berg, nur einer kommt raus... wo sind die anderen beiden? Nur dass er überhaupt nicht gewusst hat, dass Yara'Sanchale hier ist – oder dort drinnen. Oder... es war. Himmelgötterverdammt! Zu Tode erschrocken blickt er hinter sich, im selben Moment, als Brenainn heiser flüstert: "Aber wenn Ihr hier seid... und dort drin wart und sie auch... wer ist dann noch da drin?"
"Bleib bei Pumquat," krächzt Olyvar und humpelt auf die Ruinen zu, als Brenainn sich schon in Bewegung setzen will. "Das ist ein Befehl!" Herrscht er den Jungen an. Er wird den Dunklen tun, und Borgils Sohn mit in die Ruinen im Inneren des Berges nehmen. Nicht wenn die Gefahr besteht... die Möglichkeit... dass er... Nein. Niemals. "Bleib bei Pumquat und hilf ihm mit dem Lager, Brenainn."

Als er sie endlich findet, als er Ninianes heiserem, verzweifelten Lachen und ihrem halb erstickten >Hier unten!< folgt, bis ein schwacher Lichtschein in einer Felsenkammer am Ende eines Raumes, der von oben bis unten blutverschmiert ist, ihm den Weg weist, ist er so erleichtert, dass er sich am liebsten übergeben hätte. Er steckt die Fackel, die er mitgebracht hat, in einen der eisernen Wandhalter, so dass ihn ihr Licht nicht mehr halb blendet und duckt sich unter dem niedrigen Türsturz hindurch. In den Angeln hängen die verbogenen Reste einer verrosteten Eisentür. In der Kammer kniet Niniane, halb über eine ausgestreckte Gestalt am Boden gekauert. Sie trägt keine Stiefel und kein Kettenhemd mehr, ihre Ledertunika ist blutgetränkt, ihre Hände und Arme von getrockneten rostroten Schlieren und Flecken überzogen, ihr Gesicht bleicher als bleich. Ihr Umhang verdeckt gnädigerweise Yara'Sanchales gefolterten Körper, aber nicht das zerschlagenes Gesicht der Ordensjägerin. Olyvar durchfährt tödlicher Schrecken und er verharrt stocksteif in der Tür. "Sie lebt," versichert Niniane leise, und die Waldläuferin will noch mehr sagen, doch er lässt sie nicht. "Sag mir, dass das nicht ich war. Sag mir, dass ich…"
Ninianes Kopf ruckt hoch und sie schüttelt ihn praktisch noch im selben Moment, dann sieht sie sein Gesichtsausdruck, kommt auf die Füße und umarmt ihn ohne auch nur einen Wimpernschlag zu zögern, wortlos, aber so heftig, dass er beinahe einen halben Schritt zurücktaumelt. "Nein!" Hört er ihre Stimme irgendwann dicht an seinem Ohr, leise und eindringlich, vollkommen klar. "Das warst nicht du, Olyvar." Sie lässt ihn los, aber nicht ganz, packt ihn am Kragen des wattierten Gambesons und schüttelt ihn leicht. "Du hast uns nichts getan, hörst du?"
Er ist so erleichtert, dass er sich am liebsten noch einmal übergeben hätte, also atmet er ein paarmal stoßweise durch die Nase und nickt dann nur, weil er kein Wort herausbringt.
"Sie waren hinter dem Stein her und haben sie gefoltert, aber sie hat ihnen nichts verraten. Ich habe Narudâ. Sie hat ihn versteckt gehalten. Hilf mir mit ihr, ja?"
Noch einmal nickt er ruckartig, dann holt er tief und heiser Luft. "Ich trage sie. Nimm die Fackel im Halter draußen, damit ich etwas sehe."
Niniane warnt ihn, er solle auf Yaras Hände aufpassen, als er behutsam die Arme unter den langen, schlanken Körper schiebt, und als der Umhang ein Stückchen zur Seite rutscht, kann er auch sehen warum… und was aus den Stiefeln der Waldläuferin geworden ist.
"Sie haben ihr alle Finger gebrochen. Was ist mit Brenainn? Pumquat?"
"Warten draußen. Brenainn wurde… er ist jetzt…"
"Ich weiß," unterbricht sie ihn. "Ich war dabei. Der Junge war großartig."
Olyvar schließt einen Moment die Augen. "Pumquat hat beide im Arkanen Netz verborgen. Hat einen Pfeil abbekommen und jetzt ein Loch im Ohr, ansonsten fehlt ihm nichts." Niniane bricht in ein breites Lächeln der Erleichterung aus und er birgt Yaras Kopf an seiner Brust. Dann steht er auf. Die Schamanin ist eine große Frau, aber schlank wie eine Gazelle; er spürt ihr Gewicht kaum. "Lass uns hier verschwinden, aye? Sie muss zu einem Heiler und… "
"Nein, kein Heiler! Das geht bei ihr… sie wird sich rasch erholen. Ordensjäger haben… gewisse Regenerationskräfte."
Während sie ihren Weg nach draußen suchen, und dabei Tunneln folgen, die nach links und oben führen, würdigt Niniane der blutigen Schweinerei in den Ruinen nicht eines einzigen Blickes und dafür ist er ehrlich dankbar. Yara regt sich ein paarmal sacht, aber er hat nicht das Gefühl, dass sie dabei auch nur einmal wirklich zu sich kommt. Dennoch scheint sie zu wissen, dass er da ist, denn sie drückt ihr verschwollenes Gesicht an seine Brust und rollt sich in seinen Armen zusammen wie ein Kätzchen.

Als er in den Ruinen war, um die Frauen zu suchen, hat Pumquat draußen mit Brenainns Hilfe längst ein Lager errichtet und Olyvar wirft seinem Magierkobold und seinem Knappen einen dankbaren Blick zu. Ein Feuer brennt hell und warm gegen die Kälte und Dunkelheit, säuberlich mit Steinen umlegt, darüber steht ein eiserner Dreifuß an dem ein Kessel hängt, in dem Wasser simmert. Ihre Schlafpelze sind ausgerollt, ihre Gepäcktaschen liegen bereit und am Rand des Lichtscheins stehen außerdem ein Dutzend Pferde, die zufrieden in ihren Haferbeuteln kauen. Brenainn wirft einen undefinierbaren Blick auf Yara'Sanchale, als Olyvar sie vorsichtig auf sein eigenes Nachtlager bettet, und einen sehr erleichterten auf Niniane, dann berichtet er, dass Pumquat und er sich umgesehen hätten, während sie gewartet hatten, wie sie dabei einiges an Ausrüstung und Vorräten ihrer Gegner gefunden hatten - und deren Pferde, die im Wald angepflockt gewesen waren. Ein paar hatten sich wohl losgerissen und waren geflohen, als der Kampf auf der Lichtung ausgebrochen war, aber die anderen hat er hergebracht und gefüttert. "Das hast du gut gemacht," lobt Olyvar und hat zum ersten Mal Gelegenheit, den Jungen genauer in Augenschein zu nehmen. Er ist so verändert, wie alle durch die Berührung eines Gottes verändert werden… alle gleich und doch jeder auf seine eigene Art. Vor ein paar Stunden war er noch ein Kind, ein zwölfjähriger Junge. Jetzt ist er es nicht mehr. Vielleicht wird er nach einer Weile etwas von seiner unbeschwerten Jugendlichkeit wiederfinden, aber er wird nie wieder derselbe sein. Während Niniane Pumquats Ohr versorgt, einen Eintopf aus Pökelfleisch, Zwiebeln und Wurzelgemüse aufsetzt und dann die Satteltaschen der getöteten Ordensjäger durchwühlt und dabei allerlei nützliches - etwa Stiefel, die ihr passen und Schlafpelze für Yara - findet, nimmt er Brenainn mit zu dem Wildbach unweit der Bergruinen. Dort nehmen sie ein nächtliches Bad im eiskalten Wasser, waschen sich das restliche Blut und den Dreck aus den Haaren und wechseln ihre Kleider. Doch als es Zeit wäre, wieder ins Lager zurückzukehren, trödelt Brenainn am Ufer des Baches herum und wirft Olyvar einen für den Jungen vollkommen untypisch unsicheren Blick zu. Brenainn ist ihm selbst in vielem ähnlich, vor allem in seiner großen Ernsthaftigkeit und seinem Pflichtbewusstsein. Wie auch ihm fehlt ihm jede Leichtigkeit und alles Spielerische, das andere Jungen seines Alters so oft haben. Es ist lange her, aber Olyvar hat nicht vergessen, wie zerrissen und verunsichert er sich gefühlt hatte, nachdem er von Bran erwählt worden war. Und er weiß genau, dass es manchmal einfach leichter ist, wenn man gefragt wird, als von sich aus einen Anfang zu finden, für den einem die Worte fehlen. "Was hast du auf dem Herzen?"
Did we turn left last time, or right? What does it matter? Lost is lost.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Olyvar« (21. April 2018, 19:49)