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Rhordri

Stadtbewohner

Beiträge: 38

Beruf: Kastellan der Steinfaust

Wohnort: Talyra

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211

Freitag, 5. August 2016, 20:52

~ Im Taumond ~

Für einen Moment wirkt Diantha fast verwirrt, als sie sich nach den Briefen erkundigt, doch Rhordri kann nur Nicken, mit den Schultern zucken und den Kopf schütteln auf einmal. "Briefe? Du hast mehrere geschickt? Der einzige, von dem ich weiß, ist der, den Olyvar erwähnt hat, als wir ihn gefragt haben, ob ihr zur Julnacht… ", er bricht ab und zaust sich gedankenverloren den kurzen, dichten, grauen Bart. "War das der aus Blurraent, wo du geschrieben hast, ihr müsstet dort auf irgendwelche Lieferungen warten und du wüsstest nicht, wie lange das dauern würde wegen des Winterwetters und du könntest nicht sagen, wie lange du noch unterwegs wärst? Der kam an, aber dann haben wir wochenlang gar nichts mehr gehört und..." Er zuckt ein wenig hilflos mit den Schultern. Diantha war im letzten Zwölfmond oft auf Reisen und wegen ihres Edelsteinhandels auch immer wieder für mehrere Siebentage fern von Talyra gewesen, so dass sich zunächst niemand von ihnen großartig Gedanken gemacht hatte, doch als der halbe Winter vergangen war, ohne dass weitere Nachrichten von ihr eingetroffen waren – jedenfalls keine, von denen sie gewusst hätten – waren Morna und er doch allmählich unruhig geworden, vor allem, nachdem Olyvar nach Azurien aufgebrochen war. Von dem, wie ihm siedendheiß einfällt, Diantha ja gar nichts weiß. Doch noch bevor er etwas dazu sagen kann, fragt sie schon danach, und ihre vorherigen Worte verraten ihm immerhin so viel, dass sie wohl irgendwo eine Krankheit auszukurieren gehabt hatte. "Nein, sie sind nicht hier. Die Kinder sind bei uns - es geht ihnen prächtig, keine Sorge. Und Olyvar…"
>Könnten wir zum Fragenbeantworten irgendwohin gehen, wo man nicht gleich befürchten muss, von einem Raben angeflogen zu werden?<
"Ach herrje! Da steh ich hier und tratsche, und du frierst, bist müde und brauchst trockene Kleidung! Tut mir leid. Komm, gehen wir zu uns nach Hause. Morna hat sicher heißen Tee und etwas Warmes für deinen Magen. Und während wir dorthin gehen, kann ich dir erzählen, was seit deiner Abreise so passiert ist. Also, als allererstes musst du wissen, dass Olyvar am vierten Eisfrost mit dem Narrenkönig, diesem Magier… Rayyan…, Kalam und Karamaneh nach Azurien aufgebrochen ist. Karamanehs Schwester ist aus dem Hawa Mahal in Culuthux verschwunden… dieser Nabil, du erinnerst dich? Der Sklavenhändler aus dem Felsenkessel. Tja, so wie es aussieht, hat der Kerl das Ganze wohl doch überlebt und ihre Schwester entführt oder verkauft, oder was weiß ich. Jedenfalls suchen sie sie. Karamaneh kam hier im Silberweiß hereingeschneit und hat Olyvar um Hilfe gebeten und jetzt will er diese alte Schuld vom Schah von Mar'Varis einfordern, damit der ihnen hilft oder so ähnlich. Ich weiß auch nichts Genaues. Sie reisen natürlich inkognito. Karamaneh gibt sich als herzländische Kaufmannstochter aus, irgendeine Tarnung, die sie und Borgil sich einfallen haben lassen, dein Mann und die anderen als ihre Leibwächter. Erst kürzlich kam ein Brief von ihm aus Ildala… die Kinder haben ihn, wenn du ihn lesen willst. Ach ja und äh… Colevar und Calait sind wieder da. Kamen anfang Langschnee nach Talyra zurück, als schon keiner mehr geglaubt hat, sie je lebend wiederzusehen... aber das ist eine lange Geschichte und am besten… ach, davon später. Komm, gehen wir erstmal heim, aye? Morna freut sich bestimmt, dich zu sehen. Und Njáll hat dich sicher schrecklich vermisst."
"You can easily judge the character of a man by how he treats those who can do nothing for him."

Malcolm S. Forbes.

Diantha

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Wohnort: Nürnberg

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212

Mittwoch, 17. August 2016, 17:29

~ Im Taumond ~


Rhordri bestätigt Dianthas Befürchtung, dass tatsächlich nur einer ihrer Briefe angekommen war und setzt sie davon in Kenntnis, dass die Kinder bei ihm und Morna zuhause sind. Erleichtert nickt die Immerfrosterin, das war sicherlich eine gute Idee. Auf ihre Bitte hin entschuldigt sich der Kastellan gleich überschwänglich für seine mangelnde Gastfreundschaft, was Diantha mit einem Abwinken quittiert. Sie konnte ja nicht ahnen, wie groß die Überraschung über ihre Ankunft für alle Bewohner der Steinfaust gewesen sein muss. Wer wohl alles geglaubt haben mag, dass ich gar nicht zurückkomme? Bei den Göttern, was die Kinder sich wohl gedacht haben?, schießen ihr allerlei bange Gedanken durch den Kopf.
>„Komm, gehen wir zu uns nach Hause. Morna hat sicher heißen Tee und etwas Warmes für deinen Magen. Und während wir dorthin gehen, kann ich dir erzählen, was seit deiner Abreise so passiert ist.“< „Danke dir, Rhordri, das ist sicherlich eine gute Idee“, stellt Diantha fest und bemüht sich, ihre Erschöpfung zu verbergen. Auf dem Weg zu Rhordris und Mornas Hütte hört sie sich erstaunt die Ausführungen über die Hintergründe für Olyvars Abwesenheit an. Es klingt alles unheimlich verworren und kompliziert, schon allein die Tatsache, dass Nabil noch lebt kommt mehr als überraschend. Im ersten Moment erscheint es absurd, dass Olyvar seinen Posten, seine Steinfaust, seine Familie und seine Stadt für eine derart unsichere Unternehmung zurücklässt, dann erinnert sich Diantha jedoch daran, was ihr Olyvar alles über diesen unmöglichen Schah erzählt hat. Hinzu kommt noch das Versprechen, dass ihr Ehemann Karamaneh vor Jahren gegeben hat und wenn es einen Menschen auf Rohas Rund gibt, der sich an das hält, was er verspricht, dann ist es Olyvar. Gleichzeitig mit dieser Erkenntnis beschleicht Diantha ein ungutes Gefühl, dass Olyvar die mögliche Gefahr dieses Unterfangens gegenüber seinem Kastellan herabgespielt haben könnte. Oh, karhuni, bist du in Sicherheit? Geht es dir gut? Auch die Aufzählung von Olyvars Begleitern kann sie nur wenig beruhigen, auch wenn sie weiß, dass auf Rayyan, Kalam und den Narrenkönig erst recht Verlass ist. Den Brief wird sie sich natürlich alsbald möglich von den Kindern geben lassen, möglicherweise klärt er ein paar ihrer Fragen auf. Doch auch etwas Gutes hat Rhordri zu berichten, nämlich dass Colevar und Calait wohlauf sind. Auch dazu fallen Diantha mindestens hundert Fragen ein, die sie jedoch zunächst zur Seite schiebt um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

>„Komm, gehen wir erstmal heim, aye? Morna freut sich bestimmt, dich zu sehen. Und Njáll hat dich sicher schrecklich vermisst."< Diantha hört durchaus aus seinen Worten heraus, dass die Zwillinge wohl nicht mit vergleichbarer Begeisterung auf ihre Ankunft reagieren werden, wie ihr Jüngster, was das ungute Gefühl in ihrer Magengegend nur verstärkt. Sie haben es nicht mehr weit bis zu dem Häuschen und den Rest des Weges verbringen sie mit Fragen von Dianthas Seite zu ihren Freunden und zu neueren Entwicklungen der Stadt. Als das Gebäude endlich in Sichtweite kommt, verspürt sie unheimliche Vorfreude auf das Wiedersehen, ganz gleich, ob ihr auch Wut oder Frustration entgegen schlagen werden. Ihre langfristige Erkrankung hatte ihr klar gemacht, dass sie im letzten Jahr viel zu viel fortgewesen war. Damit ist es jetzt erst einmal vorbei!, nimmt sie sich felsenfest vor. Sie folgt Rhordri durch die Eingangstür und wird prompt umgeben von unwiderstehlichen Essensdüften. >„Bei Soris‘ dreimal verdammten Würfeln, Diantha!“, ertönt es kurz darauf und Diantha wird an Mornas fulminante Oberweite gedrückt. >„Die Kinder haben dich vermisst, was hast du nur getrieben! Beinahe hättest du mich ins Grab gebracht, wie kannst du nur so lange nichts von dir hören lassen! Wir haben schon beinahe die Hoffnung aufgegeben! Die Kinder haben so oft nach dir gefragt!“< Trotz der Worte ist offensichtlich, dass Morna sich zugleich unheimlich darüber freut, sie zu sehen. „Ich sie auch“, entgegnet Diantha lächelnd und erwidert die Umarmung der älteren Frau gerne. Die Frage nach dem Grund lässt sie unbeantwortet, das ist eine Geschichte für eine längere Unterhaltung in Ruhe. Im Haus erwartet sie noch eine von Mornas Schwiegertöchtern, an deren Name sie sich beim besten Willen gerade nicht erinnern kann. „Du bist ja nur Haut und Knochen! Komm, Mädchen, ich mache dir eine Kleinigkeit zu essen.“ Entgegnungen lässt Morna wie gewohnt nicht gelten und zieht Diantha mit in die Küche, aus der es verführerisch duftet. Dort blubbert eine Kartoffelsuppe fröhlich vor sich hin, ein Laib Brot scheint gerade erst aus dem Ofen geholt worden zu sein und die Reste eines Bratens vom Vortrag stehen schon bereit. Bei dem Anblick und den Düften läuft Diantha das Wasser im Mund zusammen und Morna hat durchaus Recht, diese elendige Erkrankung hatte die Immerfrosterin so ausgezehrt, dass sie sich kaum mehr selbst im Spiegel erkannt hatte. Bevor sie die Rückreise angetreten hatten, hatte Diantha einen Abstecher bei einem Aniran gemacht um auch wirklich sicher zu gehen, dass sie niemanden mehr anstecken konnte. Der hatte sie glücklicherweise beruhigen können und ihr allerlei Mittelchen zur Stärkung gegeben, die sie weiterhin brav nimmt. Erschöpft lässt sich Diantha auf den angebotenen Stuhl sinken, es war ein unendlich langer Tag.

„Wo sind denn…?“, will Diantha gerade fragen, während Morna ihr viel zu viel zu essen auf einen Teller schaufelt, da öffnet diese das Fenster zum Hinterhof hinaus und ruft aus voller Brust: „Kinder!“ Wenig später steht eine ganze Reihe von Halbwüchsigen in der Küche, zum Teil Morna und Rhordris Enkel, Nachbarskinder, Freunde oder Kinder aus derselben Straße. Aufgeschlagene Knie, schniefende Nasen, löchrige Hosen, blaue Flecken und Zahnlücken wohin das Auge reicht. „Maaamaa!“, krakelt Njáll ohrenbetäubend und fliegt Diantha um den Hals. Tief atmet sie seinen ganz eigenen Kindergeruch ein und drückt ihren Sohn fest an sich. Er ist schon wieder so gewachsen, es ist unglaublich! Ganz so viel Begeisterung ist bei den Zwillingen bei ihrem Anblick nicht zu bemerken und sie lassen sich eher widerstrebend in eine Umarmung ziehen, was der Immerfrosterin herzlich egal ist. „Hallo“, bekommt Diantha von Connavar beschieden, Fianryn hingegen löst sich nach einem Bruchteil eines Augenblicks und verschwindet mit den Worten „Ich packe meine Sachen“ aus der Küche. Kurze Zeit später schließt sich ihr Zwillingsbruder an, während der Rest der Rasselbande wieder nach draußen verschwindet „Schau mal Mama, ich habe jetzt da eine Zahnlücke und da auch und der hier ist ein Wackelzahn“, fängt Njáll an wie ein Wasserfall zu erzählen und auf diverse Stellen in seinem Mund zu zeigen. „Oh und ich habe jetzt einen neuen Freund seit letzter Woche, der heißt Arran, grade war er noch hier, wir haben uns ein neues Spiel ausgedacht, da muss man…“
„Du solltest deiner Mutter lieber davon erzählen, was du mit Arran mit den Hühnern der alten Aignéis getrieben hast“, unterbricht ihn Mona mit einem vielsagenden Blick.
„Hm“, entgegnet Njáll nur sehr bedingt schuldbewusst und Diantha ahnt schon Schlimmes. „Raus mit der Sprache!“, fordert sie, während sie sich wie ein hungriger Bär über Mornas leckeres Essen hermacht. Mit einem so unschuldigen Gesichtsausdruck, als könne er keiner Fliege etwas zu leide tun, beginnt ihr Jüngster zu erzählen: „Eigentlich wollten wir nur ausprobieren, wie hoch Hühner fliegen können. Also haben wir welche gefangen und dann Versuche gemacht: Vom Hühnerstalldach und vom Turm haben wir eins fallen lassen, die sind beide gut runter gekommen. Und dann haben wir eins so gejagt, dass es die große Fichte beim Bäcker hochgeflogen ist, aber dann kam es nicht mehr runter. Woher hätten wir denn das wissen sollen?“ Große blaue Augen mit erstaunlich langen Wimpern schauen zu Diantha auf. „Und wie ging es dann weiter?“, fragt Morna wissend. „Na ja, wir dachten halt, dann holen wir das doofe Tier mal wieder runter“, erzählt Njáll mit einem Achselzucken. „ Also wollten wir uns die Leiter vom Schreiner leihen, der war nicht da, aber wir wussten, der hätte sie uns eh gegeben, also haben wir sie mitgenommen und an den Baum gestellt und ich bin dann hochgeklettert und wollte das Huhn holen. Das ist dann von mir weggehüpft, also musste ich mich mit der Leiter zu Seite lehnen, da hätte ich es fast erwischt. Aber dann hat es plötzlich wieder Mut bekommen und ist runter geflogen, mit ist leider die Leiter dabei umgefallen, das war schon ein bisschen blöd und Arran hat sie allein nicht mehr hingestellt bekommen… Naja…“ Bei den Worten wird sogar dieses angebliche Unschuldslamm ein wenig rot um die Ohren.
„Letztlich hing dein Sohn schreiend im Baum und musste von Rhordri runtergeholt werden“, schließt Morna die Geschichte ab. „Und ich glaube der Lehrmeister aus der Steinfaust hat dir auch noch so einiges zu berichten.“
„Oh Njáll, da müssen wir ein ernstes Gespräch führen – aber nicht mehr heute“, stellt Diantha mit einem Blick auf ihren derzeit absolut harmlos wirkenden Sohn fest. Sonderlich beunruhigt wirkt dieser bei den Worten nicht.
„Und Fianryn und Connavar?“, erkundigt sie sich vorsichtig.
Morna zuckt mit den Achseln: „Der kleine Tausendsassa macht genug Ärger für Drei. Wie sein Vater!“ Sie schüttelt den Kopf. Diantha kann sich immer noch nicht vorstellen, dass ihr pflichtbewusster, ehrbarer Ehemann jemals wie ihr kleiner Sohn gewesen sein soll. „Die Zwillinge waren uns eine Hilfe, mit ihnen gab es keinerlei Probleme.
„Das freut mich“, antwortet Diantha mit einem Blick auf ihren Sohn, der sich gerade einen Keks aus einer nahestehenden Dose angelt. „Ich denke, dann wird es langsam Zeit für uns zu gehen“, stellt sie mit einem Blick aus dem Fenster fest. Es beginnt bereits langsam zu dämmern, wie es im Taumond nunmal schon früh der Fall ist. Morna und Rhordri stimmen ihr zu, wenn auch mit der Forderung, am nächsten Tag wieder vorbeizuschauen und alle Unklarheiten aufzuklären.
The thing with words is that meaning can twist just like a snake.
(Terry Prachett, Lords and Ladies)

Arwen

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Beruf: Hohepriesterin der Anukis

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213

Sonntag, 18. Februar 2018, 23:06

30. Blätterfall 517


Im Solar des Lord Commanders


Inzwischen haben sie den Westflügel verlassen und stehen auf dem Gang davor als Olyvar erklärt, er würde sich nie wieder eine Frau anlachen. Arúen sieht den Mann oder vielmehr dessen Rücken für einige Herzschläge nur zweifelnd mit hochgezogener Braue an, ehe sie im Brustton der Überzeugung erklärt, dass er kein Mann für die Hurenhäuser sei und ihn fragt ob er zukünftig im Zölibat leben wolle. Ihre Stimme mag dabei unbeschwert klingen, doch sie meint beides absolut ernst. Und Ninianes erstaunter Blick bei ihren Worten entgeht ihr ebenso wie dem Lord Commander. Seine Antwort, dass er überlege Templer zu werden, lässt ihr die Augenbraue nur noch ein Stück höher auf der Stirn wandern, denn die unverbindliche Leichtigkeit seiner Worte spiegelt sich nicht in seinen Augen wieder. Aus den dann folgenden Beschreibungen der Eheanbahnungsambitionen von Lady Gwyned und dem Lord von Rífbardán entwickelt sich auf dem Weg zum Solar bei aller Ernsthaftigkeit fast so etwas wie eine freundschaftliche Frotzelei zwischen den Dreien, die darin gipfelt, dass die Frauen sich für offiziell betrunken erklären und sie somit sagen dürften was immer sie wollten und der Lord Commander mit dem Uisge selber daran schuld sei.

> Offiziell betrunken, aye? Dann ist es wohl meine Pflicht dafür zu sorgen, dass ihr armen hilflosen Geschöpfe mit den vorlauten Mundwerken etwas zum Abendessen in den Magen und heißen Cofea bekommt, um euch wiederherzustellen, bevor ihr nach Hause wankt, ja? Hereinspaziert die Damen. Brenainn wird gleich etwas zu Essen aus der Küche heraufbringen. <

"Ai, offiziell betrunken… " Was auch immer die Wachen vor dem Solar des Lord Commanders von diesem denkwürdigen Wortwechsel mitbekommen haben mögen, sie lassen sich zumindest äußerlich nichts anmerken als die beiden Elbinnen an ihnen und dem Herrn der Steinfaust vorbei dem Raum betreten. "Abendessen und Cofea klingt auf jeden Fall nach einem sehr guten Vorschlag und einer vorbildlichen Pflichterfüllung um uns hilflose Geschöpfe wiederherzustellen."

Im Solar Olyvars werden sie von Koira mit begeistertem Schwanzwedeln und von der Katze mit einem immerhin gnädigen Heben des Kopfes begrüßt. Im Kamin brennt bereits ein Feuer und auch Kerzen spenden dem Raum ein weiches goldenes Licht. Ihre Mäntel sind im Laufe der Stunden längst getrocknet und finden rasch ihre Plätze an Wandhaken. Und während sie es sich in den Sesseln gemütlich machen ist Olyvars Knappe bereits auf dem Weg um ihnen den versprochenen Cofea und das Abendessen zu bringen. Lange müssen sie nicht warten, dann füllt sich der Tisch erst mit einer Kanne dampfend heißem Cofea (dazu Rahm und Zuckerbrocken für Mimosen wie Arúen, die das azurianische Gebräu nicht pur und bitter herunter bekommen) und dazu duftendes Sauerteigbrot mit einer röscher Kruste, kalten Braten, Verder Schinken, Butter, ein Viertelrad goldenen Käse, Frischkäse mit Kräutern, Sauergemüse, Mostrich und Sahnekren.

Arúen ist knabbert gerade an einer kleinen eingelegten Gurke, als ihr ein Gedanke durch den Kopf geht und gar über die Lippen ist, ehe sie ihn einfangen und wegsperren kann. "Wer weiß, vielleicht musst Du auf Dauer weder zu den Templern gehen, zölibatär oder in Einsamkeit leben." Ein wenig erschrocken schlägt sie die Hand vor den Mund und sieht ihre beiden Freunde entschuldigend an, weil sie an dieser noch so frischen Narbe auf Olyvars Herz nicht hat rühren wollen. "Nan, erinnerst Du Dich noch an die ganzen Verse rund um meinen Fluch? Manche davon waren wirklich wortwörtlich zu nehmen… 'Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen' heißt es in der Prophezeiung… Was, wenn das bedeutet, dass die Hoffnung für Dich darin liegt, dass Du Dein Herz nicht verschenkst, sondern es Dir jemand stiehlt?"
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Bryja

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Wohnort: Steinfaust

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214

Dienstag, 20. Februar 2018, 21:25

Eisfrost 518

Der Vollmond erleuchtet den inneren Zwinger der Steinfaust, taucht aber die Ecken und Mauern der Festung gleichzeitig in tiefe Dunkelheit. Bryja weiß, dass sie die vielen Stufen die von ihrer hoch gelegenen Stube in den Hof hinunterführen, gegangen sein muss, aber sie kann sich nicht erinnern, das auch wirklich getan zu haben. Langsam lässt das Mädchen ihren Blick über die farblos wirkenden Pflastersteine schweifen, ehe sie mit leiser Verwunderung feststellt, dass der Schnee innerhalb der letzten Stunden verschwunden ist. Gleichzeitig spürt sie den rauen Stein an ihren nackten Fußsohlen und entdeckt, als sie an sich herunterschaut, dass sie nur in ihr Nachtgewand gekleidet ist. Bryja spürt ihr Haar, das ihr in weichen Locken schwer über die Schultern und bis auf die Hüften fällt und überlegt einige Herzschläge lang, ob sie es an diesem Abend nicht wie sonst auch vor dem zu Bett gehen geflochten hatte.
Noch ehe das junge Mädchen dazu kommt, sich auch noch über die völlige Stille und Einsamkeit des inneren Zwingers zu wundern, nimmt sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Langsam, beinahe vorsichtig wendet sie sich um, so dass die Gestalt, die sie erst nur schemenhaft erkennt, voll anblickt. Und als sie das tut, stockt ihr für einen Moment der Atem. Kaum fünf Schritt vor ihr steht die schönste Frau, die sie in ihrem Leben je gesehen hat und sie erkennt sofort, wen sie hier vor sich hat. „Herrin Inari.“ Bryja senkt ehrerbietig den Kopf und kann nichts dagegen tun, das ihre Beine sich wie von selbst in einen höflichen Knicks flüchten. >Erhebe dich, Kind. Es besteht kein Grund für derartiges Zeremoniell.< Nur sehr langsam folgt Bryja der Aufforderung der Göttin und kann dabei nicht fassen, dass diese hier direkt vor ihr steht. Noch ehe sie sich fragen kann, warum die Herrin der Liebe eigentlich hier vor ihr steht, spürt sie einen riesigen Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch abheben. Die Augen des Mädchens werden groß, als sie den Blick Inaris findet und darin nur Wohlwollen und eine gewisse Freude zu erkennen meint. Bryja ist wie gebannt von der Schönheit dieser Augen, dass sie das Lächeln das sich auf die wohlgeformten Lippen legt, nicht erkennt. >Du bist schlau, Bryja. Nicht jeder begreift so schnell.< Es braucht eine Weile, ehe Bryja die Bedeutung dieser Worte erfasst und sie will gerade zu einer Frage ansetzen, als die Götting mit einer eleganten Geste die Hand hebt. >Du willst wissen, warum gerade dich, oder?< Bryja nickt und ist froh, dass das Lächeln der Göttin so freundlich bleibt. Mit Sicherheit hatte sie diese Frage schon unsäglich oft gestellt bekommen und das Mädchen schämt sich plötzlich, diese auch nur gedacht zu haben. Wer ist sie schon, den Willen einer Göttin zu hinterfragen. Sie will gerade ansetzen, sich zu entschuldigen, als Inari mit ihrer warmen Stimme weiterspricht. >Du bist schon immer Mein gewesen, Bryja. Ich habe deine Eltern an jenem Abend für meinen Tanz zusammengeführt, denn ich habe Großes mit dir vor.< Diesen Worten Inaris folgt ein kurzes Schweigen, als wolle die Göttin abwarten, was das Mädchen vor ihr dazu zu sagen hat. Doch Bryja kennt die Geschichte ihrer Eltern, sie weiß dass sie in einer Inarinacht gezeugt wurde und so bleibt sie stumm. Die Ahnung, dass die Göttin über den Streit zwischen ihrem Vater und ihr, in dem es um die Wahl des Tempels ging, in dem sie zur Schule gehen sollte, sehr wohl informiert ist, lässt dem Mädchen kurz den Mund trocken vor Schreck werden. Bryja hatte einiges zur Wahl ihres Vaters zu sagen gehabt und dabei war nicht viel gutes über Inari herausgekommen. „Ich... verzeiht! Meine Worte damals... ich habe nicht verstanden, warum Papa mich unbedingt in euren Tempel schicken wollte. Ich... ich wollte doch lieber in der Steinfaust bleiben und dort lernen. Ich wusste nicht, das Ihr ihn als Euren Ritter erwählt hattet...“ Inari bringt das Mädchen mit einer winzigen Geste zum Schweigen und wenn sie über diesen Wortschwall erstaunt oder gar verärgert sein sollte, so lässt sie sich nichts anmerken. >Ich weiß, mein Kind. Es gibt nichts zu verzeihen. Ich habe deinen Vater damals gebeten, dich in meinen Tempel zu schicken und dir nichts von meinen Plänen zu erzählen. Es war wichtig, dass du meine Facetten und meine Wahrheit mit eigenen Augen erkennst und deine Wahl mit Bedacht treffen kannst.< Der offene, unverschleierte Blick der Göttin scheint Bryja bis ins Mark zu treffen und für einige Herzschläge lang sind alle Gedanken wie weggeblasen. Dann schleicht sich der Gedanke, das Inari ihre Berufung mit unglaublich viel Bedacht vorbereitet hatte, ein und Bryja hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ahnung davon, in welch langfristigen Dimensionen die göttlichen Mächte auf Rohas weitem Rund wirken. Diesem Gedanken auf dem Fuß folgt die Freude und ein Lächeln legt sich auf Bryjas Züge. >Wie entscheidest du dich, meine Tochter.?<


„Ja.“

Bryja ist so plötzlich wieder in der wachen Welt, das sie nicht sicher ist, ob sie ihre Antwort auf die Frage der Göttin noch im Traum oder hier in der Realität gegeben hat. Aber ganz gleich wie, sie ist sich sicher, dass Inari sie vernommen hat. Sie liegt in ihrem Bett in ihrer Kammer und, noch während ihr die Augen wieder zufallen und sie in den Schlaf zurücksinkt, steigt in ihr die Ahnung auf, das sich von nun an einiges in ihrem Leben ändern würde. Mit einem Lächeln auf den Lippen schläft die junge Frau ein.

Olyvar

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Beruf: Lord Commander

Wohnort: Steinfaust

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215

Mittwoch, 21. Februar 2018, 12:54

Do not handle with care

30. Blätterfall 517, im Solar des Lord Commanders

I gave it a second chance. I ran back into a burning house to save the things I loved. Now I don't give and I don't take chances anymore. (Beau Taplin)


Nachdem Brenainn ihnen das Essen gebracht hat, gibt Olyvar dem Jungen für den Rest des Abends frei zu tun, was immer er will, und es wird trotz aller Dramatik des Nachmittags eine wirklich gute Stunde mit Niniane und Arúen. Beim Cofea erweist sich auch die Protektorin als Naschkatze, während er selbst seinen schwarz und ohne Zucker nimmt - die Anukispriesterin ist also in guter Gesellschaft und keineswegs allein in ihrem Dasein als Cofeamimöschen. Während sie essen, sich über dies und das unterhalten und dabei allmählich zu einer gewissen Leichtigkeit zurückfinden, denkt er über das nach, was Arúen auf dem Weg in den Westflügel gesagt hatte. Die Hochelbin hatte eine Menge kluger Worte von sich gegeben, die ihm immer noch im Kopf herumspuken, und er kommt zu dem Schluss, dass sie wahrscheinlich recht hat, dass sie beide Recht haben. Niniane hatte schließlich auch nichts anderes gesagt, und die beiden sind nun wirklich länger als jedes andere Wesen, das er kennt, auf dieser Welt. Vielleicht sollte er seine Kinder zumindest eine Weile ein wenig Aufhebens um ihn machen lassen, vielleicht wird ihnen das tatsächlich am besten helfen. Während sie sich über kalten Braten, Sauerteigbrot, Schinken und Käse hermachen, und Niniane irgendetwas von ihren Waldläufererlebnissen im Larisgrün erzählt, kehren die Gedanken der Hochelbin offenbar noch einmal zu etwas ganz anderem zurück, denn sie bemerkt geistesabwesend und mit einer Gewürzgurke beschäftigt, er müsse vielleicht nicht auf Dauer zu den Templern gehen, im Zölibat oder in Einsamkeit leben. Nicht nur Niniane und er blicken ein wenig konsterniert auf, auch Arúen selbst scheint über ihre eigene Kühnheit erschrocken, denn sie schlägt die Hand vor den Mund, als wolle sie die Worte irgendwie wieder einfangen, die sie gerade eben ausgesprochen hat. Olyvar glaubt zu ahnen, warum, doch er ist gar nicht vor den Kopf gestoßen - stattdessen hebt er auffordernd eine Braue und versichert: "Keine Sorge, ich bin nicht aus Glas. Einsamkeit, ja?" Etwas betreten kaut Arúen ihren Bissen zu ende. >Nan, erinnerst Du Dich noch an die ganzen Verse rund um meinen Fluch? Manche davon waren wirklich wortwörtlich zu nehmen… 'Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen' heißt es in der Prophezeiung… Was, wenn das bedeutet, dass die Hoffnung für Dich darin liegt, dass Du Dein Herz nicht verschenkst, sondern es Dir jemand stiehlt? <

Ninianes Miene wird auf diese Worte hin nachdenklicher, doch es ist er selbst, der mit einem zermürbten Schnauben antwortet. "Was, das leere, kalte, schwarze Ding in meiner Brust? Wer will das schon haben?" Erwidert Olyvar ein wenig trostlos, doch gleich darauf hätte er sich am liebsten geschüttelt wie ein nasser Hund. Sie waren der Melancholie, der Verzweiflung und der Ohnmacht der vergangenen Stunden gerade eben entkommen, er will nicht schon wieder in Schwermut versinken. Einmal ganz abgesehen davon, dass sich sein gebrochenes Herz, seine verschwendete Treue und sein verletzter Stolz gegenüber dem drohenden Schicksal seiner Sieben vergleichsweise nichtig ausnehmen. "Nein, im Ernst, Arúen… selbst, wenn ich nicht unter die Templer gehe – ich könnte kaum Lord Commander der Steinfaust bleiben, wenn ich das tue, und wenn ich ehrlich bin, ist das im Augenblick das einzige, was mich davon abhält – ich habe gemeint, was ich vorhin sagte: eine Frau kommt mir nicht mehr ins Haus, kein Eheweib und keine Geliebte. Schlimm genug, dass ich zweimal denselben Fehler begangen habe, aber irgendwann lernt selbst ein so dämlicher Volltrottel, wie ich einer bin. Ich bin nicht geschaffen für halbe Sachen. Ich weiß, dass ich auch nicht geschaffen bin für völlig bedeutungslose Tändeleien. Vielleicht bin ich ja auch kein Mann für Hurenhäuser. Ich bin ganz sicher nicht geschaffen für gefüllten Kapaun und gebackene Aale, und irgendwelche Kuppelversuche. Und wenn ich meine Prophezeiung wortwörtlich nehmen soll, dann heißt es darin auch: 'Wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach.' Ich glaube, daran werde ich mich in Zukunft einfach halten." Mitleid und Pflicht… Er hat nicht den blassesten Schimmer, was das bedeuten könnte, außer, dass darin möglicherweise seine Erlösung von was auch immer liegen wird, aber eines weiß er ganz genau: Mitleid und Pflicht sind der Tod jeder Liebe. "Vielleicht habe ich immer zu viel erwartet. Zuviel gewollt." Zuviel geliebt. Zu stark. Er ist ein fordernder Mann, das weiß er, aber er war auch bereit, alles zu geben. Keine der beiden Frauen, die er geliebt hat, hatte es haben wollen… oder damit umgehen können. Genug. Zweimal ist mehr als genug. "Worum ging es in diesen Versen um deinen Fluch? Bist du… ist dir auch etwas prophezeit worden?"
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Arwen

Stadtbewohner

Beiträge: 1 304

Beruf: Hohepriesterin der Anukis

Wohnort: Vinyamar

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216

Sonntag, 25. Februar 2018, 21:46

Jedes Ding und jedes Wesen hat seinen Platz. Und jeder tut, was ihm zu tun steht im großen Entwurf.
(Hazrat Inayat Khan)



Die Trostlosigkeit in der Stimme Olyvars trifft Arúen mehr als sie sich in diesem Moment ansehen lässt. Aber um seiner Willen kann und will sie es sich nicht anmerken lassen. Ganz abgesehen davon, dass der Mann da gerade wider besseres Wissen ziemlichen Unsinn spricht. "Dein Herz ein leeres, kaltes, schwarzes Ding?" Mit hochgezogener Augenbraue fasst sie den Drachenländer fest in den Blick und gibt einen Laut von sich, der frappierend einer Katze ähnelt, der gerade jemand die versprochene Milchschale vorenthält - also irgendwo zwischen empört und ungläubig. "Wenn mein Bruder wissentlich und vorsätzlich einen solchen Unfug von sich geben würde, würde ich ihm entweder die spitzen Ihren noch ein wenig länger ziehen oder ihm den nächsten Eimer Wasser über den Kopf schütten… Und tu jetzt nicht so, als wüsstest Du nicht, dass nicht eines Deiner Wort wahr ist!" Bei all ihrem Mitgefühl für seine Situation und der vordergründigen Leichtigkeit ihrer Stimme, ihre Empörung über so viel vorsätzliche Trübsal ist nur zum Teil gespielt. "Ja, das Schicksal, die Götter, wer oder was auch immer hat Dir verdammt übel mitgespielt… und scheint es auch noch immer zu tun. Es gibt Wunden, die unsichtbar sind und schmerzvoller und tiefer als alles, was ein Verband heilen würde. Es ist kein Wunder, dass Dein Herz wund und vernarbt ist. Und ja, manche dieser Wunde sind so tief, dass sie auch nach Zwölfmonden noch immer nicht gänzlich verheilt sind, während andere so frisch sind, dass sie noch immer bluten. Aber es ist nicht leer, nicht kalt und nicht schwarz. Denn wäre es das, würdest Du nicht einmal halb so sehr leiden, wie Du es tust. Es ist nicht leer, denn in ihm leben Deine Kinder, Deine Familie, Deine Freunde und Deine Brüder. Es ist auch nicht kalt, wäre es das, dann hättest Du für Karamaneh nicht getan, was Du getan hast, dann wären Dir ihr Schicksal und das ihrer Schwester nämlich gleichgültig gewesen. Und Du hast auch erstrecht kein schwarzes Herz. Komm mir jetzt nicht damit, dass Du nicht das Leben eines Heiligen geführt und in Deinem Leben Dinge getan hast, auf die Du nicht stolz bist. Das geht uns allen so, Olyvar, wir leben, wir treffen Entscheidungen und wir machen Fehler… nicht einmal die Heiligen sind ohne Fehl und Tadel." Der Elbin ist bewusst, dass ihr Freund all das eigentlich sehr wohl selber. Aber er macht auf sie den Eindruck als bräuchte er jemanden, der es laut ausspricht. "Und was das Habenwollen angeht", lächelt sie ihn an, "wären vermutlich Deine Kinder die Ersten, die Anspruch darauf erheben würde um es für Dich zu bewahren, bis Du es eines Tages wieder zurückhaben willst. Und zwar noch schneller als Niniane oder ich oder Deine anderen Freunde dasselbe tun würden."

Während Olyvar ihnen erklärt, dass einzig seine Verpflichtungen als Lord Commander ihn davon abhalten zu den Templern zu gehen, und dass er auch ohne Templereide sich keine Frau mehr nehmen werde, füllt Arúen sich ihren Becher mit Cofea und Rahm und bröckelt etwas Zucker hinein. "Du wirst hier gebraucht, Olyvar, als Vater und Freund und als Lord Commander. Und zwar genau in DER Reihenfolge." Im Gegensatz zu dem Mann glaubt sie allerdings nicht, dass er zu viel erwartet oder gewollt hat, immerhin hat er sich ja nichts anderes gewünscht als ein ganz normales Familienleben. Ein einfacher Wunsch, den er mit vielen tausend Bewohnern Rohas teilt, und der doch so oft so schwer zu erfüllen ist.

> Worum ging es in diesen Versen um deinen Fluch? Bist du… ist dir auch etwas prophezeit worden? <

Seine Frage lässt Arúen stutzen und den Cofeabecher nach einem Zögern zurück auf den Tisch stellen. Selbst nach allem, was sie heute gehört hatte, war sie im Leben nicht darauf gekommen, die Verse und Sprüche als Prophezeiungen zu betrachten. Jetzt allerdings… Götter… Heilige Mutter Wildnis, steh' uns bei… Unsicher huscht ihr Blick zu Niniane, außer ihr selbst die einzige hier im Raum, die die Geschichte von Winterwinds Fluch und wie er gebrochen wurde in allen Einzelheiten kennt. Olyvar hatte sie zwar von dem Fluch an sich und seinen Auswirkungen erzählt gehabt und dass sie ihn zusammen mit Niniane, Cron, Morgana und Andovar gebrochen hatte, aber er kennt weder den Wortlaut des Fluches noch wie sie herausgefunden hatte, wie er zu brechen ist. Mit einem etwas zittrigen Lächeln beginnt sie zu reden. "Der Fluch ist… war… uralt, er wurde noch auf den Himmelsinseln gewirkt." In knappen Worten erzählt sie, was sie über die Konfrontation ihrer Mutter mit diesem Dämon, einem Monarchen der Verwesung weiß. "Du wirst lebend keine Kinder gebären, solange nicht zusammengefügt, was zerbrochen, gereinigt, was verdorben, gebändigt, was befreit, enträtselt, was verschlüsselt ward… Das war der Fluch, den der Dämon auf meine Mutter legte. Das Medaillon, das sie trug zerbarst dabei in fünf Teile." Wie stets trägt sie es unter dem Stoff ihres Kleides und holt es nun hervor. "Und sie verlor die Kontrolle über ihre Macht als Hohepriesterin. Dämonen haben ein manchmal krankhaftes Vergnügen an Rätseln und Wortspielen. Meine Mutter konnte zwar den Fluch nicht brechen, aber sie benutzte seine eigenen Worte um ihn auszutricksen: Bei meiner Geburt wählte sie ihren eigenen Tod, um mir das Leben zu schenken." Arúen schluckt trocken, denn der Gedanke daran, welches Opfer ihre Mutter so bereitwillig gegeben hat, wird wohl für immer an ihrer Seele rühren. Kurz vor Rialinns Geburt hatte sie zu Andovar gesagt, dass sie selber nicht den Mut dazu gehabt hätte und ihr Ziehbruder hatte trocken erwidert, dass sie den sehr wohl habe, dass er nicht daran zweifle, dass auch sie alles, wirklich absolut alles für ihr Kind tun würde. Was sie beim Übergriff der AnCu auf Rialinn ja schließlich auch getan hatte. Dann erzählt sie von den vier Yalaris-Teilen, die ihr Lehrer gehütet hatte und wie Yssamaria zu Tode kam. Von der Veruntreuung der Bücher mit dem gesammelten Wissen der Priester und Weisen über den Fluch. Von den Kopien eben dieser Bücher, die auf unerfindlichen Wegen hier in Talyra auftauchten. Kopien, die nicht einfach nur Abschriften, sondern PERFEKTE Kopien sind, inklusive aller verschlüsselten Informationen. Die Verse mit den Hinweisen, die sie in den Büchern fand. Wie sie die Silberteile erhielt und Hodor in der Kanalisation der Weltenstadt bei der Jagd auf den Wurmdämon das zentrale Stück, den Smaragd fand und Arúen zum Geschenk machte. Dass der Templer unwissend das Original des sechsten Buches im Besitz hatte und das es als sein Erbe an Arúen ging. "Nan hatte noch auf en Himmelsinseln on der Existenz des Buches erfahren und hat uns, Andovar und mir davon erzählt, dass es sich nicht öffnen ließ und so auch nie kopiert werden konnte. Und dass es eine Prophezeiung gab, wie es geöffnet werden könne: Sind Buch, Winter und Feuer in getreuer Rechter, dann werden auch frei lang verdammte Geschlechter. Das ergab für mich genauso wenig Sinn wie die Ayarongravuren auf dem Silbereinband:
Die Mutter hat den Weg bereitet
Den die Tochter nun beschreitet
Mutter und Tochter vereint im Fluch
Gemeinsames Blut öffnet das Buch.
Mutter und Tochter, nur sie vereint,
verbinden, was der Fluch entzweit.
"

Unruhig dreht Arúen den Cofeabecher wieder zwischen ihren Händen hin und her. "Andovar hat die Worte enträtselt." Aus einem ihr selber unerfindlichen Grund macht sie einen Bogen um das Wort 'Prophezeiung'. "Mutter und Tochter meinte einmal meine Mutter und mich du dann mich und Rialinn… Feuerkind", sie muss gegen ihren Willen trocken auflachen, "Andovar ist mein Ziehbruder, das geschworene Schwert meines Bruders, Erster Ritter und Rechte Hand des Sternenwächters. Tja, er hielt mich und damit auch Rialinn im Arm, als er meine Hand mit seiner bedeckte und sie auf den Einband des Silberbuches legt. Die Gravuren glühten auf ohne warm zu werden und der Verschlussbügel gab nach." Sie erzählt von der ruhelosen Nacht und dem was sie in dem Buch gefunden hatten, dem letzten Spruch und was er darüber enthüllte, wie der Dämon zu vernichten ist, sobald Arúen den Fluch brechen würde. "Drei Mütter, den Göttern geweiht. Drei Kinder, der Zukunft geweiht. Drei Geschlechter Rohas vereint… Und das waren wir dann auch: Drei schwangere Priesterinnen, drei verschiedenen Göttern geweiht. Elbin, Halbelbin und Menschenfrau. Und dann, am nächsten Tag, haben wir den Fluch gebrochen und den Dämon vernichtet." Der letzte Satz klingt banaler als der Kampf in den Weßen Grotten tatsächöich gewesen ist. Für einen kurzen Moment weicht sie dem Blick der beiden Freunde aus und ihr ungerichteter Blick verliert sich im Feuer des Kamins ehe sie leise eingesteht, "Ich habe all das um den Fluch nie als eine Prophezeiung betrachtet… Ich wollte einfach immer nur überleben… Überleben und einfaches, ganz normales Leben als Frau und Mutter führen."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
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Niniane

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217

Montag, 26. Februar 2018, 09:22

The other side of mourning

Die Narben außen sind die Narben im Inneren (Mola Nusafir, Sithechpriester in Sen'afe)

30. Blätterfall 517


Niniane kann sehen, wie die – zweifellos gut gemeinten - Worte Arúens Olyvar treffen, auch wenn sie in den Deckmantel schwesterlich-gespielter Empörung gekleidet sind und sie befürchtet schon, er würde sich von ihnen zurückziehen, die Maske des Lord Commanders aufsetzen und seine unausgegorenen Gefühle innerlich fortschließen, weil er sich unverstanden und nicht ernst genommen fühlt. Mit manchem hat Arúen ihrer Meinung nach nicht einmal Unrecht, doch mit anderem schießt sie über das Ziel hinaus. Götter, Arúen, im Bezug auf eine Frau… eine Frau, nicht seine Kinder, nicht seine Brüder, nicht seine Freunde… von denen war doch gar nicht die Rede… Sie wissen beide, dass Olyvar im Grunde ein freundliches, mitfühlendes Herz hat - oder es zumindest einmal hatte. Er weiß es auch. Und trotzdem wollte es keine haben, das ist ja genau der Punkt. Ohje… Sie kann darauf hoffen, dass es irgendwann heilen und wieder ganz sein wird, aber er wird wohl nie wieder derselbe sein, und sie wird den Dunklen tun, besser wissen zu wollen, als er, was die Ereignisse in Azurien und Diantha davon übrig gelassen haben… oder wie er sich deswegen fühlen sollte. Eine Frau nimmt einen ganz anderen Platz im Leben und im Herzen eines Mannes ein, als seine Freunde oder seine Kinder. Olyvar weiß das, er hat von nichts anderem gesprochen. Er ist außerdem kein Mann, der mit seinen dunklen Seiten kokettiert, das war er nie. Er ist auch keiner, der etwas in den Raum stellt, damit man ihn vom Gegenteil überzeugen kann… Doch wo sie schon halb befürchtet, der Lord Commander könnte in brütendes Schweigen verfallen, schlägt er eine völlig andere Richtung ein, und lenkt mit einem halb amüsierten, halb betroffenen Ausdruck in den grauen Augen, vom Thema ab. Das tut er jedoch ausgesprochen gründlich, und seine Frage lässt Niniane ein wenig zusammenzucken. 'Ist dir auch etwas prophezeit worden?' Sie fängt prompt einen verunsicherten Blick der Anukispriesterin auf und kann ihn nur mit dem gleichen plötzlichen Unbehagen erwidern. Khya! Damit hat Olyvar dann wohl den Nagel auf den Kopf getroffen. Warum haben wir nicht daran gedacht? Wie konnten wir das völlig außer Acht lassen?

Nach einem Moment verzagter Stille beginnt Arúen schließlich zu erzählen – von ihrem Fluch, von ihrer Mutter, dem Medaillon, Yssamaria, den Büchern, dem Verrat der AnCus, von Andovar, Morgana und ihr selbst, von ihrem Kampf in den Weißen Grotten und der Vernichtung des Dämons… einfach von allem. Olyvar hört ihr aufmerksam zu und auch Niniane selbst lauscht ihr, doch ein Teil ihrer Gedanken beschäftigt sich mit der nicht mehr von der Hand zu weisenden Möglichkeit, dass Arúens Prophezeiung von vor so langer Zeit in irgendeinem Zusammenhang mit den anderen Weissagungen stehen könnte, die in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Nurms bittere Gaben sind auch uralt und doch handeln sie von Karamaneh… Calait und Colevars Geschichte begann vor mehr als tausend Jahren… natürlich ist es möglich. Ist es auch wahrscheinlich? Ja. Liebende… bei ihnen ging es um Liebende, das war unser Zusammenhang. Aber weder Azras, noch Olyvars Prophezeiungen versprechen ihnen etwas davon, nur Tränen, Kummer und Tod… und Arúens Verse? Von was handeln sie…? Von Erlösung, dem Brechen eines Fluches …oh! Darum ging es bei Calait und Colevar auch! Und Kalam und Karamaneh… nun, man könnte das Dasein als Vampir als eine Art Fluch ansehen… Götter… geht es darum? Flüche? Aber wie passen dann Azras und Olyvars Weissagung ins Bild? Und all die kleineren Fragmente, die irgendwelche Seher, Turbanschnepfen, Priester und sonstigen Orakel noch fallen lassen? Schwarze Winde, Steinmetze und Schmiede, brennende Schiffe, Geheimnisse in Geheimnissen… Götter, das ist doch Wahnsinn! Sie schüttelt sich den Kopf, als wolle sie ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken klären und holt tief Luft. Gemeinsamkeiten. Ist es das, wonach wir suchen sollten? Gibt es welche?

>Ich habe all das um den Fluch nie als eine Prophezeiung betrachtet… Ich wollte einfach immer nur überleben… Überleben und ein einfaches, ganz normales Leben als Frau und Mutter führen.<
"Du hast überlebt. Du bist Mutter geworden… und bald wirst du heiraten, min Ija, und dein Leben an Tyalfens Seite führen. Ob es allerdings je einfach und ganz normal sein wird, kann ich dir nicht versprechen," sie schenkt sich selbst, und dann auch Olyvar, der ihr seine Tasse hinhält, Cofea nach. "Wie hat Olyvar es vorhin gesagt? 'Das Leben passiert, ob wir es wollen oder nicht'. Was aber den Fluch angeht… ich fürchte, du warst tatsächlich die ganze Zeit und ohne es zu wissen, die erste von euch allen, die eine Prophezeiungen abbekam. Einen Orakelspruch zu erhalten mag allein ja noch nichts allzu Außergewöhnliches sein, schließlich bekommen viele Wesen - vom König bis zum Bettler - überall in den Immerlanden irgendwelche Prophezeiungen ab. Aber wie viele Menschen oder Elben, und vielleicht auch noch andere – wir wissen ja nicht, ob nicht auch Borgil eine hat –, die sich außerdem alle kennen, die alle in derselben Stadt leben, und die auch alle eine Weissagung von solchen oder ähnlichen Ausmaßen und mit solchen Geschichten verbunden bekamen, kennst du? Niemanden sonst. Ich habe noch nie von einer solchen Anhäufung… einer solchen Konvergenz… gehört. Das kann einfach kein Zufall sein. Doch wenn es das nicht ist, dann gehörst auch du in den Kreis der Prophezeiungsträger, Arúen. Und sie sammeln sich alle hier, in Talyra."
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Arwen

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218

Montag, 5. März 2018, 22:44

I've never met a strong person with an easy past.
(Atticus)


Zu behaupten, die Worte Ninianes würden Arúen nicht treffen, wäre stark geschönt. Sehr stark. Genau genommen, trifft es sie wie der Hieb mit einem Vorschlaghammer mitten vor die Stirn. Und sie braucht eine ganze Weile, ehe ihr Denken wieder einsetzt und sie ihre Stimme und Worte wiederfindet. "Hmpf." Ein universeller und für Arúen höchst untypischer Laut, der aber ihre ganze momentane Verwirrung und ihren Frust verkörpert. Aber mit der für sie typischen Selbstdisziplin zwingt sie diese Reaktion nieder. "Mein Leben wird nicht einfach und normal sein..." Es ist kein trüber Fatalismus, der die Elbin das sagen lässt, eher klingt es wie die Feststellung einer Tatsache. "Wisst ihr… Gildin hat einmal gemeint, wenn ich ein einfaches Leben gewollt hätte, hätte ich mir eine andere Familie und andere Eltern aussuchen müssen. Und er hatte es nur halb im Scherz gemeint." Bei der Erinnerung an jene Unterhaltung mit ihrem Bruder muss sie unwillkürlich lächeln. An jenem Tag hatten sie sich so manche Wahrheiten gesagt, und beileibe nicht alle waren so humorvoll verpackt gewesen wie diese, von der sie ihren Freunden gerade erzählt hat. "Aber er hatte wohl Recht, so wenig mir das auch gefallen mag." Für einen Moment schweigt Arúen und leert ihren unterdessen kalten Sahne-Zucker-Cofea. "Der Gedanke, dass meine Prophezeiung die erste gewesen ist macht mir Angst. Und gleichzeitig komme ich mir schäbig vor, weil ich plötzlich so egoistisch nur an mich denke. Immerhin habe ich meine Prophezeiung doch längst erfüllt", gesteht sie dann leise ein. "Aber… immer wenn… jedes Mal, wenn ich bisher in meinem Leben das Gefühl hatte, endlich ein wenig Frieden und Glück gefunden zu haben, hat es nicht lange gedauert, bis mir genau das wieder genommen wurde." Mit fahriger Hand streift sie sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr, die ihr immerwieder störend ins Gesicht fällt. Was, wenn sich noch ein Stück findet, dass auch zur Prophezeiung gehört? Was, wenn ich noch immer nicht alle Stücke zusammen habe? Jetzt würde sie durchaus einen Schluck Branntwein zu schätzen wissen um ihre innere Schreckstarre wieder zu lösen. Aber vorerst ist die Stimme der Vernunft noch stark genug um ihr klarzumachen, dass mehr Alkohol nach diesem Tag keine gute Idee wäre.

"Vor dem Hintergrund all dieser Prophezeiungen und dass ich anscheinend auch zu diesem… "auserwählten"… Kreis gehöre, sollte ich mit Tyalfen darüber reden." Dass sie den Inhalt von Olyvars Prophezeiung dabei für sich behalte wird, ist für Arúen so selbstverständlich, dass sie es nicht extra erwähnt. "Vorhin habe ich noch gedacht, dass ich ihn da nicht mit hineinziehen sollte oder brauche, aber jetzt... Er sollte vor unserer Hochzeit davon wissen, glaube ich. Nicht weil ich fürchte, er würde mich dann nicht mehr wollen, sondern weil er wissen soll, was da womöglich auf uns alle zukommt. Und weil er… " Jetzt stockt Arúen, denn sie will nichts von Tyalfens Vergangenheit und von Naralîn offenbaren, was nur ihm selbst zusteht und gleichzeitig will sie ihre Freunden verständlich machen, warum der Aniran ihrer Meinung nach wenigstens teilweise eingeweiht werden sollte. "Keiner von uns, der eine Prophezeiung erhalten hat, hat eine gewöhnliche oder einfache Geschichte. Und Tyalfens Lebensweg war… es steht mir nicht zu, euch Einzelheiten zu erzählen, das kann nur Tyalfen selber, dazu ist das zu persönlich… aber das was er durchgemacht hat… seine Vergangenheit würde sich unter all den anderen einreihen ohne aufzufallen."
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Olyvar

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219

Samstag, 17. März 2018, 11:09

Willkommen im Club

What does it mean? Who said it?
Where does it come from?
So many questions with no answers in sight. (Paul Jones, Prophecy)


Olyvar hat keine Ahnung, was er mit seiner harmlosen Frage – wenn man im Zusammenhang mit diesen Prophezeiungen denn noch von so etwas wie harmlosen Fragen sprechen kann – auslöst. Zumindest war sie harmlos gemeint. Gut, eine Ablenkung von ihm und seinen verworrenen Gefühlen, doch was er daraufhin zu hören bekommt, verschlägt ihm nicht nur die Sprache, es lässt vorerst auch jeden Gedanken an seinen eigenen Kummer völlig verblassen. Er kennt Arúen zwar schon lange und auch recht gut, und er weiß ein paar sehr persönliche Dinge von ihr – doch im Ganzen hat er die Geschichte um Fluch und Dämon noch nie gehört. Olyvar schweigt, während Arúens langer Erzählung, stellt nur ab und an eine Zwischenfrage zu diesem oder jenem Detail, wenn ihm etwas unklar ist, und als die Anukispriesterin schließlich endet, ergreift Niniane das Wort. Die Halbelbin spricht eine Wahrheit aus, die die ganze Zeit schon vor ihrer Nase gelegen hat und die sie alle, er selbst, vermutlich auch Calait und Colevar, Azra und Borgil, Kalam und Karamaneh, gewusst haben, auch wenn es ihnen vielleicht nicht wirklich klar gewesen sein mag: die Prophezeiungsträger sammeln sich alle hier, in Talyra. Merkwürdigerweise, vermutlich nur wegen Ninianes Wortwahl, muss er an das Gebrabbel der Schwachsinnigen in Caer Torrelobar und an den Anfang seiner eigenen Prophezeiung denken. Die Schwarzen Winde sammeln sich! Hütet euch vor ihrem peitschenden Atem! Ich sehe vierundzwanzig Schiffe in einem Hafen… Dreiundzwanzig stehen in Flammen. Als er Arúen daraufhin in höchster Verwirrung hmpfen hört, hätte er beinahe gelacht, aller Absurdität und verstörter Ratlosigkeit zum Trotz. >Wisst ihr… Gildin hat einmal gemeint, wenn ich ein einfaches Leben gewollt hätte, hätte ich mir eine andere Familie und andere Eltern aussuchen müssen. Und er hatte es nur halb im Scherz gemeint. Aber er hatte wohl Recht, so wenig mir das auch gefallen mag.<

"Tja, was Familie angeht, muss man nehmen, was man bekommt. Die kann man sich nicht aussuchen," wirft er ein, doch mehr, als spräche er einen Gedanken laut aus, niemand muss darauf reagieren. >Der Gedanke, dass meine Prophezeiung die erste gewesen ist macht mir Angst. Und gleichzeitig komme ich mir schäbig vor, weil ich plötzlich so egoistisch nur an mich denke. Immerhin habe ich meine Prophezeiung doch längst erfüllt. Aber… immer wenn… jedes Mal, wenn ich bisher in meinem Leben das Gefühl hatte, endlich ein wenig Frieden und Glück gefunden zu haben, hat es nicht lange gedauert, bis mir genau das wieder genommen wurde.<
"Willkommen in unserem illustren Verein," erwidert Olyvar ebenso leise und weiß genau, wie sie sich fühlt, auch wenn die Maßstäbe, die sie anlegt, wenn sie 'hat es nicht lange gedauert' sagt, vielleicht ganz andere sind, als die seinen oder die jedes anderen Sterblichen. Was ist schon ein Menschenleben, verglichen mit der unendlichen Spanne an Jahren, die sie schon auf dieser Welt weilt? Aber das alles spielt im Augenblick gar keine Rolle – sie haben alle keine einfachen Leben, geruhsame schon gar nicht. Er nicht, sie nicht, alle anderen, die bisher eine Prophezeiung erhalten hatten, von der sie auch wissen, genauso wenig. "Daran ist nichts egoistisches, Arúen. Du bist kein selbstsüchtiges Wesen, nur weil du dir neben allen anderen auch Sorgen um dich selbst machst und du musst dich deswegen wirklich nicht schlecht fühlen."
>Vor dem Hintergrund all dieser Prophezeiungen und dass ich anscheinend auch zu diesem… "auserwählten"… Kreis gehöre, sollte ich mit Tyalfen darüber reden. Vorhin habe ich noch gedacht, dass ich ihn da nicht mit hineinziehen sollte oder brauche, aber jetzt... Er sollte vor unserer Hochzeit davon wissen, glaube ich. Nicht weil ich fürchte, er würde mich dann nicht mehr wollen, sondern weil er wissen soll, was da womöglich auf uns alle zukommt.<

"Natürlich. Auch wenn er von deiner Prophezeiung überhaupt nicht betroffen scheint… wenn es denn eine war… oder ist… wie auch immer." Olyvar tauscht einen Blick mit Niniane, doch die Waldläuferin nickt nur. "Er sollte es auf jeden Fall wissen." Deine eigenen Kinder sollten es auch wissen... Geht ihm durch den Kopf und augenblicklich ist er in seinen Gedanken in einem stummen Widerstreit mit sich selbst verstrickt. Fianryn war dabei, als in der Harfe von ihrer Azurienfahrt erzählt wurde, an jenem Tag im Sommer, als sie zurückgekehrt waren. Sie weiß von den Prophezeiungen, Conn hat sie längst davon berichtet und selbst Njáll hat inzwischen einiges mitbekommen. Doch was ihm geweissagt wurde, weiß außer ihm und den beiden Frauen, die ihm gegenübersitzen, niemand. Nur Ray wusste es und der ist tot. Er wird es seinen Kindern vorerst auch nichts davon erzählen… nicht, weil er denken würde, sie hätten kein Recht darauf, es zu erfahren, aber… Noch nicht. Vielleicht, wenn sie älter sind. Vielleicht nie. Sie kennen seine Sieben, jedenfalls diejenigen von ihnen, die noch Leben und das Wissen um ihren prophezeiten Tod ist eine Bürde, die er ihnen einfach nicht auferlegen kann. Sie ist für uns Erwachsene schon schwer genug zu tragen. "Aber was das 'Was auf uns zukommt' angeht – was wissen wir denn überhaupt? Im Grunde nicht viel. Wir wissen, es gibt diese Prophezeiungen und sie wurden alle schon erfüllt, wenn man so will… außer vielleicht die von Azra, aber über ihre wissen wir am wenigsten. Da Azra und Borgil jedoch genau wie alle anderen am Leben und wohlauf sind, und der Finstere tot ist… ihr wisst schon… 'Tschakk!'…" hier unterbricht er sich kurz, um Arúen von der denkwürdigen Erzählweise Borgils und Calaits verwirrter Zwischenfrage zu berichten… "können wir vielleicht davon ausgehen, dass das auch auf ihre zutrifft. Die 'Schwarzen Winde sammeln sich bald' ist doch im Grunde die einzige wirkliche Warnung, der einzige wirkliche Hinweis darauf, dass irgendetwas bevorsteht – aber wir haben keine Ahnung was und noch weniger wissen wir, warum. Das und ach ja… das Gebrabbel über Steinmetze und Schmiede. Was also tun wir jetzt? Wir haben ein Buch, das sich nicht öffnen lässt, weil uns noch zwei Schlüsselsteine fehlen, von denen wir keine Ahnung haben, wo sie sind oder ob es sie überhaupt noch gibt, und wir haben ein weiteres Buch, das keiner lesen kann, weil die Sprache, in der es verfasst wurde, seit mindestens fünfhundert Jahren tot ist. Wie bringen wir mehr in Erfahrung?"
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Olyvar

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220

Sonntag, 18. März 2018, 17:49

<- Der Baum am Smaragdstrand

~ Auf dem Inneren Zwinger ~


Klappern und Klacken

Bruised, beaten and battered, but not ready to yield… (Gayatri)

9. Taumond 518

Olyvar schiebt das Visier seines Helms hoch und spürt die frostige Luft angenehm kalt auf seinem erhitzten Gesicht. Mattis hilft dem fluchenden Natter auf die Füße und sie verlassen den Sandplatz des hintersten Übungsrings auf den Waffenhöfen, alle drei kameradschaftlich humpelnd. Es ist eine ganze Zeit her, dass er in voller Rüstung trainiert hat und er spürt den Stahl, sein vertrautes Gewicht, angenehm schwer und überraschend leicht zu tragen zugleich, wie die schützende Hülle einer zweiten Haut um sich herum. Das Klappern und Klacken der Holzschwerter der jüngeren Rekruten erfüllt jeden Waffenhof auf dem Inneren Zwinger der Steinfaust, ein hämmerndes Stakkato von Holz auf Holz. Die Übungsklingen sind aus harter Eiche und haben einen bleigefüllten Kern, der sie nahezu so schwer wie echte Klingen macht... und gerade üben sich fünfundzwanzig Jungen im Alter von zwölf bis sechzehn darin, sich damit gegenseitig so rasch wie möglich die Schädel einzuschlagen. Olyvar entdeckt Brenainn mitten unter ihnen, und bleibt stehen, um ihn eine Weile zu beobachten. Natter und Mattis Blaenafon, sein ehemaliger Knappe, der von der Mondgöttin erwählt worden war und irgendwo an der Grenze in Rhayader seinen mittlerweile dritten Ritterring erhalten hatte, tun es ihm gleich und folgen seinem Blick. Manche von den Jungen, die sich auf den Sandplätzen prügeln, sind schon im letzten Jahr ihrer Rekrutenzeit, werden bald ihren Eid auf die Steinfaust ablegen und dann in die einzelnen Garden verteilt werden, je nachdem, wofür sie sich am besten eignen. Olyvar spürt die bleierne Müdigkeit in seinen eigenen Gliedern, die Schmerzen der Anstrengung in seinen Armen und Beinen, schließlich hatten der junge Faêyrisritter, Natter und er sich gerade gegenseitig fast zwei Stunden lang nach allen Regeln der Kunst verdroschen, und fragt sich nicht zum ersten Mal mit einer Art vagen Beklommenheit, wie viele gute Jahre er wohl noch hat. Olyvar ist jetzt siebenunddreißig und hat gerade zwei Männer besiegt, die beide beinahe zwanzig Jahre jünger sind als er, er muss sich wirklich nicht schämen, und trotzdem… Zehn Jahre? Mehr? Noch ist er stark und schnell, und ein paar Jahre wird er es auch noch bleiben, doch wie alle Krieger nähert er sich unaufhaltsam dem Ende seiner besten Tage als Kämpfer, und er weiß es. Natter und Mattis scheinen ihre Prellungen kaum zu spüren und sie sind längst nicht so erledigt, wie du. Du wirst alt. Spätestens mit fünfzig hat jeder Kämpfer, wenn er denn so lange lebt, seinen Zenit überschritten und an keinem Krieger geht das Leben, das er führt, spurlos vorüber, auch an ihm nicht. Dabei ist es eigentlich nicht das Älterwerden an sich, das er fürchtet, wird ihm nach einem Moment klar, es ist mehr die Frage nach dem 'Was dann?' Würde er Lord Commander bleiben, wie viele seiner Vorgänger, bis er alt, senil und tattrig wäre? Nicht alle waren senil und tattrig. Manche haben der Steinfaust mit der Kraft ihrer Erfahrung sehr gut gedient! Oder soll er vielleicht besser beizeiten abtreten und einen Jüngeren seinen Platz einnehmen lassen? Was wirst du tun, wenn du alt wirst? Seine Kinder wären dann längst aus dem Haus und würden ihre eigenen Leben führen, ob er jemals Enkel haben wird, steht in den Sternen und er hat keine Frau, kein Heim, und keine Hütte irgendwo im Larisgrün, wo er faul an einem Bach in der Sonne sitzen und den ganzen Tag lang angeln könnte. Was wirst du tun? Nun, fürs erste sollte er sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Steinfaust nach ihm einen neuen Lord Commander brauchen wird. Mattis vielleicht. Oder, wenn er sich gut macht, auch Brenainn. Er ist ein Sohn dieser Stadt und er ist Borgils Erstgeborener – solche Verbindungen wären Gold wert für einen Lord Commander, auch wenn er sich sträuben wird, das zu seinem Vorteil zu nutzen. Beide wären keine schlechte Wahl. Mattis entstammt einer alten Adelsfamilie der talyrischen Umlande, vielleicht nicht das schlechteste, nachdem jahrzehntelang ein Fremder Lord Commander gewesen war und der Junge hat etwas, das andere dazu bringt, ihm gern zu folgen, eine Art natürlicher Autorität. Auch Brenainn ist pflichtbewusst, aufrichtig und kann Verantwortung tragen. Er weiß sich selbst gegenüber den älteren Jungen zu behaupten, und er ist ganz sicher der zuverlässigste Zwölfjährige, den Olyvar kennt. Vielleicht ist er nicht der geborene Anführer, aber welcher zwölfjährige Junge ist schon der König, der verheißen wurde?

"Er verlässt sich immer noch zu sehr auf seine Stärke," murmelt Natter gedankenverloren, als Brenainn zum Angriff übergeht. Sein Gegner, ein älterer Junge namens Vron, der schon als Botenkind in der Steinfaust gewesen war, taumelt rückwärts und rettet sich mit ein paar wilden Schlägen. Sie sind schon eine Weile dabei und beide haben ihre Schilde längst verloren. Vron hat Brenainn fast drei Jahre und einen ganzen Kopf Körpergröße voraus, und er ist kein Schwächling. Borgils Sohn ist dafür breiter in Schultern und Rücken, und lässt jetzt schon erahnen, dass er nach dem Volk seines Vaters kommt, was die Körperkraft angeht, aber ihm fehlt die Erfahrung: Vron wechselt blitzschnell die Stellung und auf einmal ist es Brenainn, der sich verteidigen muss. "Der Junge macht sich wirklich gut, Natter," hält Olyvar dagegen und Mattis lächelt versonnen. "Glaubt Ihr, dass er erwählt werden wird?" Wie die meisten Jungen in seinem Alter träumt auch Brenainn davon, ein gesalbter Ritter zu werden und irgendwann die Ringe eines Gottes auf dem Arm zu tragen. "Kemlok schwört darauf, er könne es in ihm spüren." Brenain ist sein Knappe, doch gerade, als es Zeit geworden war, ernsthaft mit dem Waffentraining zu beginnen, hatte Olyvar nach Azurien aufbrechen müssen und den Jungen während dieser Zeit Sire Kemlok überlassen. Der altgediente Faêyrisritter behauptet schon Zeit seines Lebens, dass er spüren könne, ob aus einem jungen Kämpfer einmal ein Ritter werden würde… oder eben nicht. "Es gibt Gerüchte, die behaupten, manche von uns könnten es in anderen spüren, aber ich habe noch nie einen getroffen," erwidert Olyvar und beobachtet gespannt, wie Borgils Sohn unter einem Hagel von Hieben quer über den Sandplatz gejagt wird. Als er sein Schwert hebt, um zum Gegenangriff überzugehen, taucht Vron darunter hinweg und trifft Brenainns Beine hart an der Rückseite. Jeden anderen Jungen seines Alters hätte der Hieb zu Fall oder zumindest ins Straucheln gebracht, nicht so Borgils Sohn, der einfach in der Erde festgewachsen zu sein scheint. Aber sein Abwärtshieb wird mit einem hohen Schwinger beantwortet, der ihm den Helm ordentlich verbeult und ihm sicher die Ohren klingeln lässt, und als er einen Seitenhieb versucht, schlägt Vron seine hölzerne Klinge lässig beiseite und tänzelt leichtfüßig um ihn herum. "Er wird jedenfalls nicht erwählt werden, wenn er nicht damit aufhört, immer dieselben Fehler zu machen," grunzt Natter neben ihnen trocken. Olyvar weiß genau, was sein Blaumantel meint, er kann es selbst sehen. Doch diesmal bricht Mattis eine Lanze für den Jungen. "Er ist zwölf und er kämpft gerade gegen einen Jungen, der viel älter und erfahrener ist, als er. Er muss Fehler machen, nur so kann er lernen. Außerdem hat ihn Kemlok nur viermal im Siebentag an Schwert und Schild trainiert, anstatt jeden Tag. Die übrige Zeit musste er Reiten und Ringstechen, weil er nicht so sicher im Sattel saß, wie Kemlok sich das vorgestellt hat. Jetzt ist er von dem ganzen Haufen – " Mattis nickt über den gesamten Sandplatz und alle Jungen hinweg – " der beste Reiter. Wenn er erwählt wird – welcher Gott wird es sein, was glaubt Ihr?"
"Ich habe keine Ahnung," erwidert Olyvar, ein wenig erheitert über Mattis' Beharrlichkeit in dieser Rittersache. Aber er hat Recht – Brenainn ist wirklich gut für einen Zwölfjährigen, der sich unter lauter älteren und erfahreneren Jungen behaupten muss. Das heißt nur noch nicht, dass er keine dummen Fehler mehr machen würde. "Er schwärmt mit zwergischer Beharrlichkeit für Sil." Insgeheim verehrt Borgils Sohn Shenrah sehr, doch das ist ein gut gehütetes Geheimnis zwischen ihm und seinem Knappen, das er nicht preisgeben wird. "Doch wer von uns bekommt in dieser Hinsicht schon, was er will?" Olyvar war damals auch nicht von Shenrah erwählt worden, sondern von Bran, und Mattis war kein Branritter geworden, so wie er es sich gewünscht hatte, sondern ein Ritter der Göttin der Nacht und der Zwei Monde. "Oh, aye," murmelt sein ehemaliger Knappe ein wenig schuldbewusst. "Ich bin mit meiner Herrin jedoch ganz zufrieden, Mylord Commander. Nichts für ungut."

"Schon gut, ich weiß, dass du…" Brenainn verliert den Halt und plumpst hart auf seinen Allerwertesten. Vron setzt an, ihm mit einem scharfen Hieb auf das Handgelenk das Übungsschwert aus der Hand zu schlagen, doch Borgils Sohn lässt sich zur Seite fallen, rollt sich mit Schwung in Vrons Beine und bringt ihn zu Fall. Gleich darauf stürzen die Jungen sich aufeinander und wälzen sich prügelnd durch den Schnee. Olyvar hebt eine Braue und tauscht einen Blick mit Natter, der grinsend den Kopf schüttelt – das war vielleicht nicht sehr ritterlich, aber effektiv. "Brenainn! Vron!" Vareyars Stimme ist so scharf wie ein Peitschenhieb und Olyvar spürt mit einiger Erheiterung, wie bei diesem Klang nicht nur er selbst, sondern auch die beiden Männer an seiner Seite innerlich zusammenzucken – immer noch, selbst nach all den Jahren. "Das reicht!" Die Jungen lassen voneinander ab, sortieren fluchend ihre Beine und kämpfen sich, rot und schwitzend unter dem dicken Leder und den gepolsterten Kettenhemden, in denen sie stecken, auf die Füße zurück. Vareyar setzt seine strengste Waffenmeistermiene auf und setzt zur ersten Belehrung an. "Brenainn…"
Borgils Sohn, der ihn missversteht, verteidigt seine unerwartete Finte. "Er hätte mir sonst die Hand gebrochen…"
"Er hat dir schon lang vorher die Kniekehlen zerhackt, dir den Schädel eingeschlagen und hätte dir die Hand gleich ganz abgeschnitten, wenn sein Schwert eine scharfe Klinge gewesen wäre, du kleiner Idiot," knurrt Vareyar ungehalten, und Brenainn ist klug genug, nichts darauf zu erwidern, sondern wartet schicksalsergeben auf die Aufzählung der Dinge, die er anders oder besser hätte machen sollen - doch der alte Blaumantel blickt zu Olyvar herüber, bleibt dem Jungen jede weitere Erklärung schuldig und schickt ihn dann mit einem Winken davon. Während zwei andere aufgerufen werden, Aufstellung nehmen, stapft Brenainn durch den Schnee am Rand des Sandplatzes zu ihnen herüber, sammelt seinen zerschrammten Übungsschild ein, schiebt das Eschenholzschwert in die Schlaufe am Gürtel und gibt sich alle Mühe, wie der Sieger auszusehen, als der er sich wohl fühlt. "Ich hätte gewonnen, Lord Commander," behauptet er fest. "Ich hätte ihn besiegt."
"Glaubst du?"
"Er lag am Boden und ich war über ihm. Ich habe versucht, zu machen, was Ihr gesagt habt: unvorhersehbar sein."
"Das hast du – und das hast du auch gut gemacht. Das Problem ist nur: du warst vorher schon tot. Du nimmst das Übungsschwert nicht ernst genug, Brenainn. Du verlässt dich immer noch zu sehr auf deine große Kraft, aber die macht dich nicht unverwundbar. Du musst lernen, die Hiebe zu blocken, zu parieren oder ihnen auszuweichen, und nicht die Schläge einzustecken, nur weil du es kannst, verstanden?"
"Aye, M'lord Commander," murmelt Brenainn gehorsam, aber Olyvar kann sehen, dass es ihn fuchst, weil er nun viel häufiger verliert, als früher seit sie ihn zu den älteren Rekruten gesteckt haben. So wie er Brenainn kennt, wird ihn das allerdings nur anstacheln, noch härter zu trainieren.
"Brenainn, du weißt, warum wir dich nicht mit den Gleichaltrigen üben lassen können."
"Aye. Ich breche ihnen die Knochen, wenn ich ein bisschen zu fest draufhaue."
"So ist es." Kemlok hatte Brenainn mit den Rekruten in seinem Alter trainiert und das Ende vom Lied war ein mit jammernden Jungen überfüllter Krankenflügel im Branturm gewesen.
"Also, zusätzlich zu deinen täglichen Übungen mit den Rekruten auf dem Waffenhof will ich, dass du…" hebt Olyvar an, kommt jedoch nicht mehr dazu, seinen Satz auch zu beenden, den in diesem Augenblick kündigen ein helles Flimmern in der Luft, das sich rasch zu einem pulsierenden Schimmer auswächst und ein anschwellender, bronzener Ton keine vier Schritt von ihm entfernt das Aufbranden eines priesterlichen Gewirrs an. Keinen Herzschlag später tritt Niniane aus dem goldenen Licht. Die Protektorin ist für eine Reise in Wald und Wildnis gekleidet, doch unter ihrem Umhang schimmert das Silber eines Yalariskettenhemdes hervor und über ihre rechte Schulter ragt der Griff eines irrwitzig schlanken elbischen Taqât. Was Olyvar jedoch weit mehr beunruhigt, ist der Ausdruck der Besorgnis in ihren katzenhaften Zügen. "Was ist passiert?"

Sie berichtet ihm mit wenigen, knappen Worten von ihrem ungewöhnlichen nächtlichen Besucher und seiner Botschaft Yara'Sanchales, und alles, was Olyvar noch fragt, als er diesen Namen hört, ist: "Wo?"
"Ich weiß es nicht ganz genau, irgendwo in der Nähe von…"
Es steht außer Frage, dass er ihr helfen wird, dem Öffnen dieses verdammten Buches einen weiteren Schritt näher zu kommen. "Gib mir eine halbe Stunde, um meine Sachen zu packen und Rhordri die Steinfaust zu übergeben, ich begleite dich. Aber wenn die Zeit drängt, brauchen wir zu lange, wenn wir nur durch dein Gewirr reisen. Pumquat kann mit uns gehen und uns durchs Netz bringen, dann teilt ihr euch die Strecke, aye? Pumquat?" Mit dem obligatorischen 'Plopp' und einem dramatischen Dunstwölkchen, diesmal in Purpur und Giftgrün, erscheint sein kleiner Tunichtgut von Magierkobold, wird über das Nötigste informiert und verschwindet ebenso ploppend und buntwolkig wieder, um seinerseits seine Vorkehrungen zu treffen. Brenainn lauscht ihrer stichwortartigen Unterhaltung mit großen Augen, und kaum hat Olyvar sich umgedreht, um in sein Solar hinaufzueilen, heftet sich der Bengel auch schon an seine Fersen und erklärt, er komme mit ihm, er sei sein Knappe, er müsse lernen und wo besser, wenn nicht in einem echten Abenteuer, und überhaupt… so geht es in einem Fort und irgendwann lässt Olyvar sich tatsächlich breitschlagen. "Die Götter mögen mir beistehen, also gut, Nervensäge. Pack deine Sachen und lass dir von Weonard in der Küche genug Proviant für…" er überschlägt im Kopf die ungefähre Dauer ihrer Reise, wenn sie sowohl durch das Arkane Netz, als auch durch Ninianes Priestergewirr unterwegs wären, hat aber ohne eine Karte… nimm eine mit!... zur Hand nur eine ungefähre Vorstellung von der Entfernung bis zu ihrem Ziel und dem Rückweg, und zuckt mit den Schultern "… für einen Mondlauf und fünf Leute geben. Beeil dich!"


-> Auf der Flucht in den Rhaínlanden
And that's the thing about people who mean everything they say. They think everyone else does too.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Niniane

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221

Dienstag, 20. März 2018, 22:06

Die Tempelglocken läuten zur Nacht
… hab acht

"Oranges and lemons", say the bells of St. Clement's
"You owe me five farthings", say the bells of St. Martin's
"When will you pay me?" say the bells of Old Bailey
"When I grow rich", say the bells of Shoreditch
"When will that be?" say the bells of Stepney
"I do not know", says the great bell of Bow
Here comes a candle to light you to bed
And here comes a chopper to chop off your head!
Chip chop chip chop – The last man's dead (Nursery Rhyme)

30. Blätterfall 517, im Solar des Lord Commanders


"Ich sage dir, was wir tun werden," erwidert Niniane mit einem halben Lächeln und stellt ihr Geschirr zusammen. "Als allererstes gehen und Arúen und ich jetzt nach Hause, bevor unsere Kinder noch Vermisstenanzeigen an den Anschlagsbaum auf dem Marktplatz nageln. Wir haben dich wirklich lange genug aufgehalten und nüchtern sind wir auch wieder. Ich rede in den nächsten Tagen mit Kalam, der sich hoffentlich an den genauen Wortlaut dieser Turbanschnepfe aus Caer Torrelobar erinnert, und falls mir das irgendwelche neue Erkenntnisse offenbart, lasse ich es euch sofort wissen. Seine Worte natürlich auch, ich schicke einfach Shugorn die Runde machen, aye? Dann werde ich ein paar Briefe schreiben. Einen an Karlíenne im Sar Perduin. Sie ist eine Zentaurin und Sternendeuterin. Ich hoffe, von ihr eine Abschrift des 'Buchs der Sternenomen' zu erhalten, aber das wird, wenn sie sich einverstanden zeigt, dann wohl eine ganze Weile dauern. An Kizumu habe ich schon geschrieben wegen des Nördlichen Orakels in Ardun, aber ich will mich auch noch an Harma Knochenbrecher, den Wirt des Drachenwächters vor den Toren von Lair Draconis wenden, wegen des Östlichen Orakels. Im Westen ist Raban der Rabe wohl die größte Koryphäe was Weissagungen, Prophezeiungen und Orakelsprüche angeht, aber bevor ich den He des Siebten Blutordens anschreibe und mit Fragen bombardiere, will ich erst mit Kalam reden. Dann werde ich versuchen, jemanden ausfindig zu machen, der das alte Lyssan spricht oder es wenigstens lesen und vielleicht übersetzen kann, auch wenn ich selbst noch keinen blassen Schimmer habe, wer dafür in Frage kommen könnte. Kalam und Karamaneh waren in Azurien in Mar'Varis beim Südlichen Orakel, aber ihnen wurde dort nur von ihren Prophezeiungen berichtet. Ich bin mir sicher, die Hüterin hätte ihnen mehr gesagt, wenn es noch mehr für sie Bedeutsames gegeben hätte. Arúen, wenn du im Sommer zur Eiderneuerung nach Lomirion kommst, könntest du versuchen, elbische Aufzeichnungen zu Prophezeiungen und Weissagungen in Erfahrung zu bringen? Einfach alles, was du in die Finger bekommen kannst, was auch immer dir irgendwie wichtig erscheint. Und du, Olyvar… mit den Steinfaustwälzern sind wir durch, nehme ich an, also knüpfen wir uns die Tempelarchive vor. Wir können die Götterhäuser ja unter uns aufteilen. Arúen, kannst du Ymbert bitten, die Archive des Anukistempels nach den üblichen Verdächtigen zu durchforsten? Orakel, Weissagungen, Prophezeiungen, Gerüchte über derlei Dinge? Er kann Olyvar oder mir jederzeit Bericht erstatten, sollte er etwas finden, während du in den Elbenlanden bist. Ich weiß, wir suchen nach Stecknadeln in Heuhaufen, aber bessere Einfälle habe ich im Augenblick auch nicht."

Sie verabschieden sich mit wenigen, leisen Worten von Olyvar und schlagen ihm in kameradschaftlicher Verschworenheit außerdem vor, er könne ja mit seinen Kindern so allmählich vielleicht doch im Westflügel weitermachen und über den Winter zur Abwechslung einmal für sein eigenes Zuhause Möbel tischlern, dann umarmen sie ihn noch einmal, diesmal beide, wenn auch nur zum Abschied, verlassen das Solar und legen ihre Umhänge an. "Dein Gewirr oder meines?"
Diesmal reisen sie im grünen, undurchdringlichen Gewirr der Herrin des Hohen Hauses Wildnis und während sie nebeneinander über magische Pfade wandeln, die sich wie verschlungene Wildwechsel vor ihnen auftun, erzählt Niniane von ihren vagen Befürchtungen. "Ich weiß es nicht, Arúen. Vielleicht hat er… ganz ohne es zu wissen oder es auch nur zu ahnen… so etwas wie schamanische Blutmagie gewirkt. Erinnere dich, er sagte siebenmal. Sie waren sieben. Die alte Seherin hat gesagt, dass es siebenmal wahr wurde. Zahlen haben Macht, ihren ganz eigenen Zauber. Sie sind unendlich. Zwingen das Bewusstsein ins Grenzenlose, werden irgendwann unvorstellbar und bleiben doch immer, immer wahr. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Weißt du, wie schamanische Zauber funktionieren? Nur ganz grundlegend? Das meiste ist Ritualmagie. Zutaten. Abläufe. Ingredienzien. Glaube. Intuition. Es stecken keine messbaren Kräfte dahinter. Es gibt Flüche, es gibt Segen. Selten ist das eine nur das eine und das andere nur das andere. Alles hat zwei Seiten. Die Magier haben ihr Mana, wir unsere göttergegebenen Kräfte, die Barden ihre Stimmen, die Runenwirker der Riesen und Zwerge die Macht der wahren Namen und Zeichen, aber Schamanismus muss… kann… man erlernen. Aber dann wäre es auch möglich, dass er es ganz zufällig getan hat, oder nicht? Die Zutaten, wenn man so will, hatte er – sein Blut, das Leid der anderen, seinen eigenen Schmerz, den festen Glauben, es zu schaffen, seine Opferbereitschaft und das alles an einem Ort, wie diesem, in dieser Wüste. Die Rote Sagora, die ein einziges, riesiges Grab ist, unter deren Sand die Knochen von Hunderttausenden und Aberhunderttausenden liegen… Ich kann mich irren. Ich bin mir absolut nicht sicher. Möglich wäre es vielleicht. Vielleicht hat er auch eine noch viel archaischere Kraft genutzt, die einzige, die es gibt, die stark genug ist, selbst dem Tod zu trotzen, die einzige, die ihn überdauert." Sie spricht es nicht aus, aber Arúen weiß genau, wovon sie redet. Olyvar hat diese Männer geliebt wie Brüder, tut es immer noch. Und sie lieben ihn. Sie kommen am Baum an und Arúen setzt sie ab. Wenigstens hat es endlich aufgehört, wie aus Kübeln zu schütten, aber leichter Nieselregen treibt immer noch in feuchten Schwaden durch die Nacht. "T'Anar ôr lin, min Ija," verabschiedet sie sich leise von einer ziemlich nachdenklich gewordenen Arúen. "Mach dir nicht so viele Gedanken um deine eigene Prophezeiung, ja? Der Dämon ist tot. Rialinn lebt und ist wohlauf, das ist das wichtigste." Sie umarmt die so viel größere Hochelbin noch einmal und tritt dann einen halben Schritt zurück. "Richte deinem Tyalfen meine besten Grüße aus," ruft sie ihr noch hinterher und Arúen hebt die Hand, umschimmert von allen Grüntönen Rohas, von leuchtendem Smaragd und sattem Moos, dunklem Oliv und Sprenkeln von Türkis, von blassem Schilf und lichtem Reseda. Dann schließt sich ihr Gewirr und sie ist fort. Im Tempelviertel von Talyra läuten die Glocken des Anukistempels die Stunde der Nachtwache ein. Es erscheint Niniane wie ein Omen.
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Bryja

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222

Freitag, 23. März 2018, 16:44

Eisfrost 518

Die Stunde des Hahns ist noch nicht zur Hälfte verstrichen als Bryja erwacht. Es ist stockfinster draußen und nur der rötliche Schimmer einer Fackel, der durch das kleine Fenster in ihrer Kammer dringt, spendet ein wenig Licht. So früh es ist, die Ereignisse der letzten Nacht lassen sie nicht wieder in den Schlaf zurücksinken und so steht sie auf. Vielleicht ist Papa auch schon wach. Mit diesem Gedanken erwacht der beinahe unbändige Drang mit ihrem Vater über den Ruf der Göttin zu sprechen. Für einen winzigen Herzschlag schleicht sich die Sorge heran, dass Cedric mit ihrer, sie selbst überraschenden vorbehaltlosen Zustimmung und der damit einhergehenden Entscheidung über ihren Lebensweg, nicht einverstanden sein könnte. Aber Papa dient Inari ja auch… Dieser Gedanke vertreibt die Sorge so schnell wie sie gekommen war und so kleidet sich das Mädchen rasch an. Leise, um nicht das Risiko einzugehen ihren Vater zu wecken sollte er noch schlafen, schleicht sie zu der schmalen Verbindungstür, die ihre Kammer mit der Cedrics verbindet. Vorsichtig öffnet sie die Tür einen Spalt; zwischen dem schweren Vorhang der auf der Seite ihres Vaters die Tür verdeckt und dem Boden kann sie den schwachen Schimmer einer Kerze erkennen. Als sie den Stoff zur Seite schiebt findet ihr Blick sofort den ihres Vaters und die beiden tauschen ein kleines Lächeln. Cedric sitzt auf seinem Bett und ihr fällt auf, dass er vollständig bekleidet ist. Wie lange wartet er denn schon auf mich? Der Inariritter klopft einladend auf den Platz neben sich und mit wenigen Schritten ist Bryja bei ihm und lässt sich auf der Bettkante neben ihm nieder. Für einige Herzschläge lang schweigen sie und genießen einfach nur die Anwesenheit des anderen, bevor Cedric sich noch ein bisschen weiter zu ihr herumdreht. >Ich hatte mir eine richtige kleine Rede zurecht gelegt für diesen Tag, all die Dinge die ich dir gern mit auf den Weg geben möchte, aber jetzt fällt mir nichts mehr ein…< Er lächelt etwas verlegen und ihr wird ein wenig warm ums Herz. „Sie war so schön, Papa. Und so gütig. Ich habe mich bei ihr entschuldigen wollen, für das, was ich damals über sie gesagt habe und sie hat gesagt, es gäbe nichts zu verzeihen.“ Als sie sich dabei ertappt, dass sie drauf und dran ist, vor lauter Aufregung einfach weiter zu plappern, stockt das Mädchen und zwingt sich, dreimal tief ein- und wieder auszuatmen. >Sie kennt dich und weiß, aus welchem Grund du diese Worte damals gesprochen hast… und das du in der Zwischenzeit eine Menge über sie und ihre Archonen gelernt hast.< Wieder lächelt ihr Vater ihr zu, ehe er sich kurz zur anderen Seite wendet und etwas vom Bett aufhebt. Als er sich wieder zu ihr umdreht erkennt sie ein schmales Lederkästchen in seinen Händen. >Ich wollte es dir eigentlich zu deinem Namenstag schenken, aber ich finde, jetzt passt es viel besser.< Er reicht ihr das Geschenk und nach einem winzigen Zögern nimmt sie es entgegen. Vorsichtig öffnet sie den Verschluss um den Deckel des Kästchens anzuheben und als sie erkennt, was darin liegt, schnappt sie leise nach Luft. „Oh Papa! Das ist… sie ist wunderschön.“ Vorsichtig, als könnte sie die zarte, silberne Kette mit der bloßen Berührung ihrer Finger kaputt machen, streicht sie über die filigranen Kettenglieder. Auch wenn sie sich in den letzten Jahren durchaus daran gewöhnt hat, Geschenke von ihrem Vater zu bekommen und das auch abseits von Namenstagen oder der Julnacht; ein so wertvolles war bisher noch nicht darunter gewesen. Sie hebt den Kopf und schenkt ihm ein strahlendes Lächeln bevor sie ihm einfach um den Hals fällt. „Danke.“ Er erwidert den Druck ihrer Umarmung, ehe er sie ein wenig von sich schiebt und ihr das Kästchen noch einmal aus der Hand nimmt. >Dreh dich um, ich helfe dir sie anzulegen.< Lächelnd folgt sie seiner Aufforderung und hebt dabei auch den dicken, geflochtenen Zopf an, so dass er ihr das Schmuckstück umlegen kann. Erst jetzt bemerkt sie den kleinen, silbernen Ring der als Anhänger an der Kette hängt und er muss ihr nicht erklären, für wen dieser steht. Bryja legt eine Hand über den Anhänger, schließt für einen Moment die Augen und spürt der Dankbarkeit, die sie in diesem Moment empfindet, beinahe selig nach.

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