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Olyvar

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Beruf: Lord Commander

Wohnort: Steinfaust

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Freitag, 8. Dezember 2017, 19:55

Westflügel der Steinfaust

Westflügel der Steinfaust


Im äußersten Westflügel der Steinfaust liegen - am Ende eines hohen, langen Ganges, der auch am Solar des Lord Commanders vorbeiführt - die Privatgemächer Olyvars von Tarascon. Dieser Gang ist mit schmalen Bogenfenstern hinaus zum Inneren Zwinger versehen und des Nachts von zahlreichen Fackeln in eisernen Wandhaltern erhellt und endet schließlich vor einer breiten, hohen Tür aus eisenbeschlagener polierter Steineiche in deren Mitte ein schlanker Anklopfer in Form eines stilisierten Blattes prangt.

Öffnet man diese Tür, gelangt man in eine kleine Vorhalle, etwa fünf Schritt breit und drei Schritt lang. Ihre verputzten Wände sind halbhoch mit honigfarbenen Holzkassetten verkleidet und darüber befinden sich eiserne Haken in geschwungenen Formen für Umhänge, Mäntel und Capes. Zwischen den Haken wechseln sich an den Wänden Laternen mit Borden und Ablagen ab, und an der rechten Längswand lädt eine Bank aus sandgescheuertem Holz mit geschnitzter Rückenlehne und weichen Kissen zum Sitzen ein. An der gegenüberliegenden Längswand ist ein Alkoven mit einem tief gesetzten, breiten Fenster das auf den Inneren Zwinger hinausgeht. An der Wand gegenüber dem Eingang ist eine weitere Tür aus hellem, mit Intarsien verziertem Eichenholz, die in eine sicherlich zwanzig Schritt lange und zehn Schritt breite Säulenhalle führt, die eine hohe Decke mit offenem Dachgebälk trägt.

Die Wände der großen Halle sind weiß verputzt. Sechs wuchtige Säulen aus altersbleichem, silbergrauem Steineichenholz tragen die Decke. Ihre Kapitelle gehen nahtlos in die offenen Dachbalken über, und sie sind von oben bis unten über und über mit verschlungenen Mustern verziert. Der Boden der Halle ist aus glatten, hellen Natursteinplatten.

Durch mehrere, hoch gesetzte Bogenfenster an der linken Längsseite fällt genug Licht ein, so dass der Raum trotz der Säulen mit ihren wuchtigen Schnitzereien selbst an düsteren Tagen immer hell wirkt. Die Halle hat schon wegen ihrer Größe zwei imposante Kamine, einen sehr breiten in der kurzen Wand der Stirnseite gegenüber dem Eingang, und einen etwas kleineren an der rechten Längswand.

Beide Kamine besitzen verschwenderisch üppig gestaltete Rahmen aus hellem Stein und werden eingefasst von Weinranken und Rosen, Seharim und Ältesten Wesen, springenden Hirschen, Feen, Laub und Kobolden - ein wenig skurril und absonderlich im Detail, vor allem da die Kobolde mit den merkwürdigsten Dingen beschäftigt sind -, aber durchaus schön anzusehen. An der Stirnseite der Halle, ein ganzes Stück links neben dem Großen Kamin, geht eine weitere, mit Intarsien verzierte Tür aus hellem Holz ab, an der rechten Längswand der Halle zu beiden Seiten des Kamins befinden sich ebenfalls zwei Türen, die in die angrenzenden Räume des Westflügels führen.

Die Tür an der Stirnseite der großen Kaminhalle führt durch einen kurzen Gang und eine halbrunde Steintreppe hinauf in ein Schlafgemach, dessen Erkerfenster an der Stirnseite nach Norden und an der Längswand nach Westen gehen und über Wehrgänge und Festungsmauern hinweg weit über das Larisgrün hinausblicken. Die bleigefassten Fensterscheiben sind facettiert, die inneren Rahmen aus goldbraunem Holz und mit ebenso üppigen Schnitzereien und Mustern versehen wie die Säulen und Kamine der Großen Halle - und die Fensternischen in den dicken Festungsmauern so breit, dass man bequem auf ihnen sitzen kann. An der Türwand ist rechts neben dem Eingang ein halbhoch gemauerter, offener Kamin, dessen steinerne Einfassung zierliche Blattornamente aufweist.

Die erste Tür, die von der Großen Halle auf der rechten Längsseite abgeht, führt zu einem zwölf Schritt langen und recht breiten Gang, dessen Wände unverputzt, doch dafür halbhoch mit Holz vertäfelt sind. Gleich rechts im Gang führt eine gewendelte Steintreppe in ein achteckiges Erkerturmzimmer hinauf und drei weitere Türen auf der rechten Seite führen zu einem Gastgemach und drei weiteren, hellen Räumen, den Kinderzimmern. Links gehen schmälere Spitzbogentüren zu kleineren Kammern und einem Waffenraum ab. Am Ende des Ganges ist eine Holztür mit Eisenbeschlägen und einem runden, bleigefasstes Bernsteinglasfenster, die zu einer überdachten, holzgeschnitzten Laube führt, die auf einem allseits ummauerten, grünen Innenhof blickt. Die Laube ist klein, hängt wie ein Bienennest am Mauerwerk und ihre wundervollen Schnitzereien sind zu zwei Dritteln überrankt von Blauregen. An der linken Seite der Laube lässt sich eine Wand öffnen und eine lange, von Witterung und Alter verblichene Holzstiege mit Handlauf geht in den ummauerten Garten hinab. Der rechteckige Innenhof ist nicht sehr groß, aber auch nicht klein, mit Gras bewachsen, ein paar uralte Obstbäume in seiner Mitte spenden Schatten und an den Mauern entlang ranken sich wild wuchernde Himbeeren.

Das Turmzimmer ist ein hoher Raum. Es besitzt acht Wände und sechs schmale, tief sitzende Fenster. Die Decke reicht bis unter das spitze Turmdach und die wuchtigen Balken dort sind mit holzgeschnitzten Tiergesichtern geschmückt.

Die Räume der Kinder sind groß und hell und besitzen breite, halbrunde Bogenfenster, in jedem Zimmer je zwei an den Längswänden. Ihnen gegenüber liegt neben den Kammern ein weiterer Raum, ein kleineres Zimmer, in dem für gewöhnlich der Knappe des Lord Commanders untergebracht ist.

Die zweite Tür, die von der Großen Halle des Westflügels abgeht, führt ebenfalls in einen Gang, dieser jedoch ist ganz anderer Art: schmal und gewunden mit eisernen Fackelhaltern an den Wänden, endet er nach etwa fünfundzwanzig Schritt an einer steinerne Wendeltreppe, die zu einem der überdachten Wehrgänge und von dort aus auf den Inneren Zwinger der Steinfaust hinunter führt. Gerüchte besagen, von diesem Gang führe irgendwo ein Geheimtunnel in andere Bereiche der Festung, doch ob etwas Wahres daran ist, weiß niemand zu sagen - und wenn doch, schweigt man sich darüber aus.
Did we turn left last time, or right? What does it matter? Lost is lost.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Olyvar

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Freitag, 8. Dezember 2017, 19:57

The Void

It just doesn't feel like home. Not anymore.

Seit dem Spätsommer des Jahres 517 ist der Westflügel der Steinfaust gespenstisch leer: ausgeräumt - und geräumt - von Olyvar und seinen Kinder. Die großen Räume stehen leer, verwaist und harren der Dinge, die da kommen werden... oder vielleicht auch nicht. Ein paar Möbelstücke träumen in der Großen Halle unter weißen Tüchern einen stillen Dornenrosenschlaf, ein paar aufgerollte azurianische Seidenteppiche stauben in den Ecken vor sich hin... ansonsten herrscht gähnende Leere, dunkle Kälte und seltsame Stille, wohin man blickt. Der Lord Commander und sein Knappe Brenainn Blutaxt sind in das - ebenfalls im Westtrakt des Bergfrieds liegende - Solar der Steinfaust gezogen, wo auch für die Kinder zwei kleine Kammern hergerichtet wurden und es mitsamt Koira und Katze gelegentlich etwas eng werden kann. Doch tagsüber sind alle Tarascons meistens irgendwo in der Festung, irgendwo im Larisgrün oder irgendwo in Talyra anzutreffen - und heimisch fühlt sich die kleine Familie seit Dianthas Fortgang im Augenblick eigentlich nur bei Rhordri und Morna, in Ninianes Baum oder in der Goldenen Harfe, und keiner von ihnen kann sagen, wann sie wieder in ihr Zuhause zurückkehren werden.
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Arwen

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3

Sonntag, 10. Dezember 2017, 14:56

Hello darkness my old friend, I've come to talk with you again
(Paul Simon)



Nicht, dass sie an diesem Tag nicht schon über genügend nahezu unglaubliche Ereignisse der vergangenen Monde und jahrtausendalte Prophezeiungen gesprochen hätten. Doch als Olyvar fast wie in Gedanken versunken meint, dass er schon einmal einen Stein wie diesen Schlüsselstein gesehen hat, den Arúen in seine Hand hat gleiten lassen, hat er damit schlagartig die gesamte alarmierte Aufmerksamkeit der beiden Elbinnen. Dazu sich zu vergewissern, dass sie sich nicht verhört hat kommt Arúen allerdings nicht. Niniane ist eindeutig schneller, ungeduldiger - und nachdrücklicher in ihrer Aufforderung an den Drachenländer sich an das wo und wie zu erinnern. Ein zweiter Schlüsselstein womöglich in greifbarer Nähe… die Shida'ya kann die Ungeduld ihrer Freundin nur zu gut nachvollziehen. Das würde uns einen riesigen Schritt weiterbringen… sofern Olyvar den Stein nicht irgendwo in Azurien in der Hand hatte.. Die Elbin könnte nicht sagen wieso oder warum, aber sie hat das unbestimmte Gefühl, dass eine erneute Reise in den Süden den Mann endgültig um seinen Seelenfrieden und vielleicht sogar sein Leben bringen würde. Da ist nichts Konkretes, an dem sie es festmachen kann, aber er wirkt auf sie wie ein Mann, dem eine tödliche Wunde geschlagen wurde und der stillschweigend daran verblutet wird.

Beide Frauen sitzen schweigend da und starren wie gebannt auf Olyvar, der mit geschlossenen Augen versucht seinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen, sich den Moment und möglichst auch den Ort wieder ins Gedächtnis zu rufen, als er einen solchen Mondschein schon früher in Händen gehalten hat. Die Geräusche des Schankraumes treten vollkommen in den Hintergrund während Arúens Blick auf dem Gesicht des Mannes ruht, auf den Augen, die sich unruhig hinter den geschlossenen Lidern bewegen. Unbewusst haben sich beide Elbinnen über den Tisch gebeugt, harren der Dinge die da hoffentlich kommen und finden sich von einem Herzschlag auf den anderen wieder Auge in Auge mit dem Lord Commander wieder. Ganz offensichtlich hat er in seinen Erinnerungen gefunden, was er gesucht hat, denn in den Mann kommt augenblicklich entschlossene Bewegung.

>Ich weiß, wo wir ihn finden. Und auch, wer ihn hatte. Holt eure Mäntel, ich bezahle.<

Arúen verstaut den Mondstein gut geborgen in den Falten ihres Gewandes und bereits im Gehen legen sie alle ihre noch immer klammen Mäntel an. Vor der Tür des Zeughauses empfängt sie der unverändert starke Regen und fühlt sich nach der Wärme im Gasthaus gleich noch unangenehmer an als am Vormittag schon. Es braucht keine Worte, in stummem Einvernehmen öffnet Niniane das Gewirr Shenrahs für sie. Olyvars Worte, die ihr den privaten Westflügel der Steinfaust als Ziel nennen, seine Warnung, sich dort nicht zu wundern und die Bitterkeit der Erklärung, dort sei kein wirkliches Zuhause mehr, alarmiert Arúen auf eine sehr persönliche Art mehr als alles was sie zuvor von ihren beiden Freunden zu hören bekommen hat.

Und die Warnung Olyvars ist alles andere als unbegründet. Als sie wenige Herzschläge später aus dem Gewirr des Herrn der Sonne zurück in die Gefilde Rohas treten, kommt die Düsternis weniger von dem lediglich fahlen Licht, das durch die Fenster in die hohe Halle fällt, als von dem, was sie zu sehen oder vielmehr nicht zu sehen bekommen. Die Halle, die eigentlich das Heim Olyvars und seiner Kinder hätte sein sollen ist düster und nahezu leer geräumt. Bis auf einige wenige Möbel, in sich der Mitte des Raumes vage unter großen Laken abzeichnen ist alles fort. Auch das Leben und die Freude… erinnert sich Arúen an die fröhlich-wuselige Lebendigkeit, die sie hier sonst stets angetroffen hat, wenn sie die Familie Tarascon allein oder mit Rialinn besucht hat. Diantha ist auch fort… wird der Elbin im nächsten Moment klar, als ihre Gedanken zurück auf den Sithechacker vor einigen Stunden wandern. Schon da hatte sie sich gefragt, warum die Immerfrosterin an einem solchen Tag nicht bei ihrem Mann und ihren Kindern ist. Wie es scheint, hat sie hier die Antwort auf die Frage bekommen, die sie noch gar nicht gestellt hat. Und in diesem Moment bringt ihr Geist das auch in den Zusammenhang mit Kleinigkeiten, die sie wohl gesehen aber nicht bewusst wahrgenommen hat: Den Bärenanhänger, den der Drachenländer immer getragen hat, sie kann sich nicht erinnern ihn vorhin gesehen zu haben, als sie sich im Zeughaus gegenüber gesessen haben. Wie Eisenspäne von einem Magneten wird ihr Blick nun von der Hand des Freundes angezogen und findet dort ihre Befürchtung bestätigt. Ihr ist klar, dass ihm ihre Blicke nicht entgangen sein können, ebenso wenig wie ihr Mienenspiel, das sie hier unter Freunden keine Veranlassung hat zu verbergen. Für einen Herzschlag zögert die Elbin, scheut sich fast, dem Blick des Freundes zu begegnen, hebt dann aber doch den Kopf und sieht ihm offen in die Augen. "Oh Olyvar…" Zwei Worte nur, dazu eine unbestimmt Geste, aber sie weiß einfach nicht, was sie sagen soll und scheut sich im selben Moment die Frage zu stellen, deren Antwort doch so offensichtlich vor ihnen liegt.
Avatar (c) by Niniane

Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Niniane

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Beruf: Protektorin des Larisgrüns

Wohnort: Talyra

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4

Montag, 18. Dezember 2017, 12:28

Falling masks

When he's silent, he has thunder hidden inside (Rumi)

It is absolutely terrifying
The kind of deep suffering
People are able to hide inside themselves (Nikita Gill)

So, don't mask it.
Everyone masks it.
Feel it.
And if feeling your heartbreak feels unbearable,
then you're doing it right. (Leo Christopher)



Olyvars Worte, der Westflügel sei im Augenblick kein wirkliches Zuhause, mögen ihre und Arúens vage Befürchtungen bestätigt und sie ein wenig darauf vorbereitet haben, was sie hier erwarten mag. Doch etwas mit eigenen Augen zu sehen, ist immer noch etwas anderes, als nur davon zu hören. Die Gemächer im Bergfried der Steinfaust so leer und kalt vorzufinden, ist in seiner kühlen, stummen Endgültigkeit nicht nur ein trauriger Anblick, sondern auch ein kleiner Schock für Niniane. Sie hat es ja geahnt… genau genommen sogar schon gewusst, aber das hier… Der Regen trommelt schwer und klatschend gegen die hohen Fenster und hinterlässt breite Wasserschlieren auf den bleigefassten Butzenscheiben, während sich das graue Zwielicht einer frühen Herbstdämmerung mit den langgezogenen, zartgrauen Schattenrissen der Regenspuren vermischt und der kleinen Halle des Westflügels etwas von einer trostlosen Unterwasserwelt gibt. Arúen löst sich von ihrer Seite, wandert mit ebensolch melancholischer Fassungslosigkeit wie sie selbst durch den hohen, leeren Raum, ihr Gesicht still, doch ihre Augen aufmerksam und voller Mitgefühl.
>Oh, Olyvar…<

Niniane blickt in Olyvars Gesicht, gerade in dem Augenblick, als er den Kopf hebt, um die Anukispriesterin anzusehen, und es bricht ihr das Herz. Einen Moment lang kann sie hinter die beherrschte Maske sehen, die er so gekonnt wie immer zur Schau trägt und spürt auf einmal das Bedürfnis, in Tränen auszubrechen. Nicht nur wegen der plötzlichen Trauer in seiner Miene, sondern auch, weil sie fürchtet, dass Olyvar überhaupt nicht mehr weiß, wie man eigentlich antwortet… oder überhaupt nur reagiert…, wenn ein Freund, eine Vertraute, versucht einem nahezukommen. Dann fällt ihr ein, wie Arúen nach Wegesend gewesen war und sie erinnert sich daran, dass auch die Hochelbin dieses Gefühl wohl sehr gut kennt. Doch der drängende Instinkt, wissen zu müssen, was geschehen ist, um ihrer aller Willen, ist immer noch da, und auch das Wissen darum, dass es manchmal leichter ist, wenn man gefragt wird, weil man von sich aus einfach keine Worte findet. Also tut sie, wovor Arúen in diesem Augenblick zurückschreckt, leise und eindringlich: "Olyvar, was ist geschehen? Willst du es uns nicht sagen?"
Einen Moment lang sieht der Mann aus, als wolle er am liebsten davonlaufen, doch dann zuckt er mit den Schultern und macht eine vage Geste, die die ganze schmerzliche Leere des Westflügels einzuschließen scheint. "Das hier," hört sie ihn ein wenig heiser fragen, "Diantha? Oder… alles?"

"Alles," erwidert sie entschlossen. "Ich glaube, ich muss von deiner Prophezeiung wissen, aber noch viel dringender musst du es dir von der Seele reden. Es frisst dich auf, Olyvar, das kann ich sehen – und Arúen sieht es auch. Aber zuerst… was ist mit Diantha? Sie ist fort, nicht wahr? Ihr seid geschiedene Leute… du trägst deinen Ehering nicht mehr, und den Bärenanhänger auch nicht, also… was ist passiert?" Jeder in Talyra weiß, dass die Immerfrosterin sich neben ihrer Familie ein Leben als Juwelenhändlerin aufgebaut hatte, doch dabei war es nicht geblieben, denn sie war auch in den Edelsteinhandel mit Blurraent und in das Schätzen wertvoller Steine für die halben Herzlande eingestiegen und die letzten drei Jahre sehr viel auf Reisen fern von Talyra gewesen. Das kann nicht der einzige Grund für ihre Trennung sein… oder doch?
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Olyvar

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Beruf: Lord Commander

Wohnort: Steinfaust

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Montag, 18. Dezember 2017, 23:07

Did I say that?

I think, I keep telling myself she never loved me at all, because it is far less terrifying a prospect than the possibility she did, she truly did, but all of a sudden, and for no particular reason, she stopped. (Beau Taplin)

So, this is what it feels like
To be the one left behind
To give it all you've got, then find
You've already changed your mind
So, I asked myself, "Do I love you so much
That I'm willing to let you go?"
At the tip of my tongue the answer was "yes",
But at the bottom of my heart I'm wondering
Did I say that?

Fighting for a love that I can't save
And hanging off the edge of every word you say
Knowing that it might make me cry
I don't want to be this complicating
You can drag it out but I'll be waiting
I stumbled on "I love you" tonight
But it sounded like goodbye
Did I say that?



>…was ist passiert?<
"Nichts," Olyvar zuckt vage mit den Schultern, streckt die Hand aus und fährt mit den Fingern gedankenverloren die verschlungenen Schnitzereien auf einer der Säulen nach. Doch er erwidert Arúens fragenden Blick und verbirgt seine Gefühle nicht länger hinter einem unergründlichen Gesichtsausdruck, auch wenn es Niniane war, die ihn mit ihrer sanften Unerbittlichkeit zum Reden bringt. Beinahe ist er erleichtert, dass sie ihn zwingt, den Mund aufzumachen… von sich aus hätte er niemals die Worte gefunden. "Alles." Er holt tief und hörbar Luft. "Als Kizumu mich damals verlassen hat, glaubte ich, mein ganzes Leben wäre vorbei." Er versucht sich an einem selbstironischen Lächeln, doch es gerät vermutlich zur Grimasse. "Es war nie mein Wunsch ein Branritter zu werden… oder der Lord Commander der Steinfaust… oder ein Ratsherr Talyras. Alles, was ich je vom Leben wollte, ich meine wirklich wollte, war eine Familie." Eigentlich ein sehr bescheidener Wunsch… und doch scheint er vermessen zu sein. Geradzu utopisch. "Als Diantha dann in mein Leben kam, dachte ich... hoffte ich… ich könnte vielleicht doch noch haben, was ich schon verloren geglaubt hatte. Sie war da, und kümmerte sich um meine Kinder... und ich fand etwas, um die Leere in mir zu füllen. Ich dachte, ich könnte ein Ehemann sein, ein Vater... eine Familie haben, ein wirkliches Heim... all die Dinge, von denen ich glaubte, die Zukunft würde sie bereithalten, als ich zum ersten Mal verheiratet war. Vielleicht war ich einfach nur allein, versteht ihr? Eine ganze Weile hatte es den Anschein, Diantha und ich, wir würden dasselbe wollen, das gleiche vom Leben erwarten… aber dem war nicht so. Im Grunde war mir das schon seit einiger Zeit klar, aber vielleicht wollte ich es nicht sehen. Oder meinen Traum nicht aufgeben, ich weiß es nicht. Die Wahrheit ist, dass sich unsere Wege wohl schon damals trennten… vielleicht sogar schon vorher." Er erinnert sich an die lachende junge Frau auf dem Waldweg, die von den vielen Kindern gesprochen hatte, die sie so gern gehabt hätte. Dieselbe junge Frau hatte auf Aurians Blumenball mit ihm getanzt und sich eine Tochter namens Lahja gewünscht… doch was dann aus ihr geworden war, kann er nicht sagen. Irgendwo… irgendwann… war sie verschwunden und eine Fremde war an ihre Stelle getreten, die sich in der Steinfaust Fehl am Platz gefühlt und geglaubt hatte, die Kinder würden sie nicht mehr so brauchen wie früher. "Sie hat ihren Laden eröffnet und dann… war sie fort. Als sie nicht hier in Talyra war, als wir aus Azurien wiederkamen, dachte ich, sie hätte mich und die Kinder verlassen. Dann erfuhr ich von Fianryn, dass sie im Taumond für ein paar Wochen hier gewesen und noch am selben Tag, als Rhordri meinen Brief aus Mar'Varis mit der Nachricht vom Tod des Narrenkönigs in den Westflügel gebracht hatte, wieder abgereist war," er kann nicht verhindern, dass seine Stimme bei diesen Worten einen bitteren Klang bekommt und versucht es auch gar nicht erst.

"Ich habe bis zum Erntemond auf ihre Rückkehr gewartet, aber sie kam nicht, also… bin ich ihr hinterhergereist. Sie war in Mawr Hafran in einem Gasthaus. 'Ich weiß nicht was ich sagen soll', war alles, was sie gesagt hat, als sie mich sah. Und ich sagte: 'Es ist in Ordnung. Ich weiß, was wir sind – und was wir nicht sind.' Am nächsten Tag wurden wir im Amurtempel der Stadt geschieden. Ich weiß nicht, ob sie jemals nach Talyra zurückkehren wird."
Niniane hat kein Wort gesagt, aber sie war nähergekommen, während er erzählt hatte und als er endet, tritt sie vollends zu ihm und schließt ihn schweigend und fest in die Arme – genaugenommen klebt sie an seiner Brust wie ein kleines, sehr warmes Senfpflaster. Einen halben Herzschlag lang verharrt er stocksteif, doch dann lässt er los und erwidert ihre Umarmung. Arúen, sehr viel zurückhaltender, aber nicht weniger mitfühlend, legt ihm nur sacht die Hand auf den Arm. Als er diesmal lächelt, ist es echt, wenn auch nach wie vor melancholisch. "Ich hätte es wissen müssen. Hätte ich in Arrassigué auf die alte Seherin in ihrem Zelt aus Häuten gehört, hätte ich mir viel Leid ersparen können. 'Wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach…'" sein Lachen ist so bitter wie der Geschmack dieser Worte und kaum mehr als ein halb geknurrtes Aufblitzen seiner Zähne. "Doch es nicht getan zu haben, kann ich nicht bedauern, denn dann gäbe es meine Kinder nicht in meinem Leben, und sie waren es wert. Doch bevor ich euch von meiner Prophezeiung erzähle…" er klaubt Niniane von seiner Brust und schiebt die Protektorin eine halbe Armeslänge von sich… "holen wir den zweiten Schlüsselstein, aye? Denn das wird länger dauern… und ich werde weit dafür ausholen müssen."

Die beiden Elbinnen nicken nur und folgen ihm dann durch die zweite Tür auf der Längsseite der Halle in einen schmalen, gewundenen Gang. "Kann eine von euch für ein wenig Licht sorgen?" Diesmal ist es Arúen, die mit einer eleganten Handbewegung und einem halblaut gemurmelten Wort einen Zauber wirkt und gleich darauf hüllt warmer Lichtschein sie ein und erleuchtet ihren Weg. Sie müssen nicht weit gehen, denn Olyvar führt die beiden Frauen nicht bis zum Fuß der Wendeltreppe, die zu einem der überdachten Wehrgänge des Bergfrieds führt, sondern hält nach zwölf Schritt bereits wieder an und tastet behutsam über einen Stein in der Wand zu seiner Linken. Ein leises Klicken ertönt, dann ein sanftes Rumpeln, und plötzlich gleitet knirschend ein ganzes Stück der Wand zur Seite und gibt den Durchgang in eine fensterlose Kammer frei, die bis unter die Decke vollgestopft ist mit eisenbeschlagenen Truhen, Fässern und Regalen aus schwerem, dunklem Holz. In den Regalen und auf ein paar Wandborden drängen sich Schatullen, Schließkörbe und Kisten neben Büchern, kleinen Säckchen aus Stoff, ledernen Beuteln, Gürteltaschen, Behältern aus Holz in jeder Form und Größe, dazwischen Amphoren, Flaschen, Rüstungsteile und Tonkrüge, Pergamentrollen, Geldkatzen, Schmuckschatullen, Dolche in verzierten Scheiden, ein azurianischer Sattel und ein dazu passendes Zaumzeug, beschlagen mit dunkler Bronze und besetzt mit goldmarmorierten Sheilairinen und derlei mehr. Außerdem steht mitten im Raum eine schwere, eisenbebänderte Truhe, die das Gold enthält, welches er durch jene unsägliche Wette auf Kalam in Mar'Varis gewonnen, und die er nach seiner Rückkehr einfach in die Kammer geschoben hatte. Olyvar findet die Schatulle, die er sucht im zweiten Regal zu seiner Rechten, öffnet sie und kramt einen Moment darin herum, ehe er eine weiße Eulenfeder, zwei kleine Samtbeutel und schließlich einen Mondstein herausfischt, der exakt so aussieht wie der Schlüsselstein in Arúens Obhut. "Erinnert ihr euch an Lady Shin? Oder Atevora, wie sie eigentlich hieß?" Natürlich erinnern sie sich – man kann der seltsamen Magierin ja vieles nachsagen, aber nicht, dass sie leicht zu vergessen wäre. Olyvar dreht den Stein in seiner Handfläche und auf der flachen Rückseite findet sich das eingravierte Ayaronzeichen, dann reicht er ihn Arúen, damit sie ihn sich ansehen und übersetzen kann. "Diese Schatulle ist aus ihrem… Nachlass, wenn man so will. Der Stein war in ihrem Besitz."
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Arwen

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Montag, 1. Januar 2018, 17:55

Gute Freunde helfen Dir, Dinge wiederzufinden, wenn Du sie verloren hast:
Dein Lächeln, Deine Hoffnung, Deinen Mut
(unbekannt)



Als Olyvar nach einem kurzen Moment ihren Blick erwidert, bekommt die Maske seiner ungerührten Mimik für wenige Herzschläge Risse - ehe sie wieder scheinbar unverrückbar an ihrem Platz ist. Zumindest so lange, bis Niniane tut, wovor Arúen eben noch zurückgeschreckt ist: Sie stellt Olyvar die unvermeidliche Frage nach dem 'Was ist geschehen?'. Die Shida'ya ist sich nicht sicher, ob der Drachenländer ihnen antworten wird, ob er dazu überhaupt (noch oder schon) in der Lage ist. Denn in dem kurzen Moment, in dem sie hinter seine Maske blicken konnte, sind ihr Trauer und Verlust in seinen Augen beinahe abgrundtief erschienen. Doch die Frage Ninianes scheint in den Panzer, den der Mann um sich, die Ereignisse und Verluste der vergangenen Zwölfmonde errichtet hat einen Riss gebrochen zu haben. Oder er fügt sich einfach in das Unvermeidliche und spricht es aus und lässt es so unwiderruflich Wahrheit werden, auch wenn es vorerst nur die Gegenfrage nach dem Umfang des von ihm geforderten Bekenntnisses ist. Die Antwort der Protektorin, dass sie und mir ihr auch Arúen alles wissen will (und vielleicht auch muss) ist ebenso schlicht wie umfassend und könnte gnadenlos wirken, wären da nicht das Mitgefühl und die Wärme in deren Stimme und den Blicken der beiden Elbinnen, die unverwandt auf dem Mann ruhen.

Dies ist der Augenblick, in dem Olyvar ihre Blicke wirklich erwidert und seine Maske fallen lässt. Ob ihn die Gegenwart zweier vertrauter Freundinnen die Kraft und die Worte finden lässt oder ob er einfach nur keine Kraft mehr hat um die Last alleine zu tragen und in diesem Moment den Mut findet, die angebotene Hilfe anzunehmen, das Ergebnis ist dasselbe: Er redet. Über seine gescheiterte Ehe, über beide gescheiterte Ehen. Über die Hoffnungen, Wünsche und Träume für sein Leben. Über seine Kinder. Und Arúen kann ihn nur zu gut verstehen. So unterschiedlich ihre Leben auch gewesen sein mögen, so ähnlich sind sie sich im selben Moment auch. "Ich weiß, was Du meinst… wie Du Dich fühlst", kommt es voller Mitgefühl und Verstehen leise über Arúens Lippen noch ehe ihr bewusst ist, dass sie ausspricht, was sie gerade empfindet. Ihr Lebensplan hatte nie vorgesehen Priesterin zu werden, auch wenn es sich bis zum heutigen Tag richtig anfühlt, dem Ruf Anukis' zu folgen als der sie erreichte. Weder die Aufgabe als Tempelvorsteherin noch die als Ratsherrin hatte sie je angestrebt - und die Berufung und Weihe zur Hohepriesterin vielleicht noch am allerwenigstens von allem. Wie Olyvar hatte sie sich bloß ein ganz gewöhnliches, einfaches und möglichst friedliches Leben als Frau und Mutter erhofft, frei von Winterwinds Fluch. Oder später dann einfach ein Leben als Priesterin, nachdem Hodor gegangen war. Doch die Worte sind so leise gewesen, dass sie nicht einmal sicher ist ob Olyvar sie gehört hat. Aber das ist in diesem Moment auch nicht wichtig.

Zu hören, dass Diantha Talyra an jenem Tag verlassen hatte, als Olyvars Brief aus Azurien eingetroffen ist und die Nachricht vom Tod des Narrenkönigs brachte, lässt Arúen unbewusst die Luft für einige Herzschläge anhalten. Der Blaumantel war einer von Olyvars Sieben gewesen und damit auch für seine Kinder so etwas wie ein vertrauter Freund. Ganz zu schweigen davon, was diese Nachricht für die Verbliebenen der Sieben bedeutet haben mag, wird es für alle Angehörigen der Steinfaust ein Schock gewesen sein, von dem Tod zu hören. Und Diantha ist noch am selben Tag abgereist… Die Elbin kann sich einfach nicht erklären, was in der Immerfrosterin vorgegangen sein mag, dass sie ihren Kinder in einem solchen Moment nicht nur keinen Halt bietet sondern nicht einmal mit ihnen auf den Vater wartet, wenn sie denn schon in ihrem Herzen nicht mehr zu dem Mann gehört. Götter… Wie tief muss die Entfremdung zwischen ihnen schon gewesen sein? Es will irgendwie so gar nicht zu dem passen wie Arúen, die Beziehung zwischen Diantha und den Kindern immer erlebt hat. Wobei… wenn sie genauer darüber nachdenkt… es ist schon lange, sehr lange her, dass sie die ganze Familie zusammen mit Diantha erlebt hat, wie sie sich eingestehen muss. Es passt absolut zu Olyvar, dass der im Erntemond schließlich seiner noch immer abgängigen Ehefrau nachgereist war. Der Mann ist einfach nicht der Typ, der eine Ehe fortsetzen würde nur um den Schein zu wahren, wenn er keine Hoffnung mehr sieht, dass man auch wieder zueinander findet. Abgesehen davon, dass seine Worte in der Priesterin den Anschein erwecken, dass auch Diantha wusste, dass die Ehe am Ende gewesen ist und anders als ihr Noch-Ehemann bloß den letzten Schritt nicht auseigener Kraft hatte gehen können: Die Scheidung. Olyvar ergänzt noch, er wisse nicht, ob Diantha je nach Talyra zurückkehren würde. Insgeheim geht Arúen davon aus, dass sie das nicht tun wird. Und wenn doch, dann womöglich nur um ihr Geschäft aufzulösen und in eine andere Stadt zu verlegen. Aussprechen tut sie diesen Gedanken jedoch nicht.

So bedrückend die Leere und das trübe Zwielicht im Westflügel bei ihrer Ankunft auf die Anukispriesterin auch gewirkt haben mögen, so behütend wirken sie jetzt im Angesicht dieser Eröffnungen. Sind die beiden Elbinnen anfangs noch beinahe ungläubig durch die große Halle gegangen, als wollten sie einfach nicht glauben was sie sehen, so sind sie bei den Worten Olyvars immer näher gekommen, bis sie direkt vor ihm stehen als er endet. Niniane ist um einiges spontaner und offener als Arúen und nimmt den bärenhaften Mann kurzerhand trostspendend in dem Arm, während Arúen ihm nicht weniger mitfühlend die Hand auf den Arm legt. Für den Bruchteil eines Augenblicks scheint der Drachenländer unter ihren Berührungen zu erstarren, dann lässt er wirklich los und erwidert sowohl Ninianes Umarmung als auch Arúens Lächeln. Ja, sein Lächeln ist voller Melancholie und birgt an seinem Grund auch eine unbestimmte Trauer, aber es ist echt und es ist offen. Was dann kommt, lenkt augenblicklich Arúens Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Prophezeiungen.

>Ich hätte es wissen müssen. Hätte ich in Arrassigué auf die alte Seherin in ihrem Zelt aus Häuten gehört, hätte ich mir viel Leid ersparen können. 'Wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach…' Doch es nicht getan zu haben, kann ich nicht bedauern, denn dann gäbe es meine Kinder nicht in meinem Leben, und sie waren es wert. Doch bevor ich euch von meiner Prophezeiung erzähle, holen wir den zweiten Schlüsselstein, aye? Denn das wird länger dauern… und ich werde weit dafür ausholen müssen.<

Dass er allem Leid mit seinen beiden Ehen zum Trotz nicht bedauern kann, die alte Seherin ignoriert zu haben, weil es sonst seine Kinder nicht gäbe, kann Arúen absolut verstehen. Und die Worte Olyvars und wie er sie ausspricht, lassen unschwer ahnen, dass die Worte seiner Prophezeiung noch mehr in sich bergen und einen großen Teil der Last ausmacht, die an ihm zehrt.

Aber zuerst holen sie den zweiten Schlüsselstein. Wortlos folgen sie dem Lord Commander durch die Halle zur zweiten Tür auf der rechten Längsseite der Halle zu einem schmalen, gewundenen Gang mit eisernen Fackelhaltern an den Wänden. Doch die Fackelhaltersind so leer und kalt wie die Halle aus der sie kommen und auf die Bitte Olyvars nickt Arúen nur kurz. Eine sachte Geste und ein leises Wort später hüllt ein sanftes, goldenes Licht die drei ein. Weit müssen sie dem Gang nicht folgen, kaum ein Dutzend Schritt später bleibt der Drachenländer bereits wieder stehen und lässt die Hand sacht über die Mauer streifen, genauer gesagt über einen der Steine der Mauer. Ein Klicken und Rumpeln später setzt sich ein Teil der nur scheinbar massiven Mauer in Bewegung, gleitet zur Seite und gibt den Blick auf einen bis eben noch verborgenen Raum voller Regale frei.
Arúen verstärkt ihren Zauber ein wenig und der goldene Lichtschein ergießt sich aus dem schmalen Gang bis in den Raum hinein. Nur kurz lässt sie den Blick über die Borde wandern, wo sich Behältnisse der unterschiedlichsten Größen, Formen und Materialien finden, bleibt kaum zwei Herzschläge an einer schweren, eisenbeschlagenen Truhe mitten im Raum hängen, ehe ihr Blick von einem wundervollen Sattel mit passendem Zaum angezogen wird. Es ist beschlagen mit dunkler Bronze, besetzt mit goldmarmorierten Sheilairinen und unverkennbar eine azurianische Arbeit von höchster Kunstfertigkeit. Arúen erinnert sich, was Olyvar über die Pferde erzählt hatte, die der Schah von Mar'Varis ihnen geschenkt hatte. Das hier muss das Geschirr seiner Stute sein.
Während die Elbin noch das Lederzeug bewundert, hat der Hausherr recht zielstrebig eines der Regale angesteuert und braucht tatsächlich nicht lange, eher gefunden hat, was er sucht. Aus einer der Schatullen entnimmt er erst eine weiße Eulenfeder, dann zwei kleine Samtbeutel, die er beide neben die Schatulle legt, ehe er schließlich einen Mondstein in der Hand hält.

>Erinnert ihr euch an Lady Shin? Oder Atevora, wie sie eigentlich hieß? Diese Schatulle ist aus ihrem… Nachlass, wenn man so will. Der Stein war in ihrem Besitz.<

Natürlich erinnert Arúen sich an die Magierin und ohne, dass sie es weiß gehen ihre Gedanken in die gleiche Richtung wie Olyvars: Man kann der Frau mit dem seltsam gestreiften Haar ja manches nachsagen, dass sie jemand ist, denn vergisst kaum dass man ihn gesehen hat, gehört definitiv nicht dazu. Zu hören, dass der Stein aus dem Besitz ausgerechnet dieser Frau stammt, lässt Arúen ihren Blick ruckartig von dem Stein auf Olyvar richten. "Lady Shin hatte diesen Stein?!" Gelinde Fassungslosigkeit lässt die Stimme der Elbin fast kippen. "Sie hat nie auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt, dass sie ebenfalls einen gravierten Mondstein besitzt… und ich glaube auch nicht, dass der Normander davon wusste." Während sie im Geist noch ihre Erinnerungen an den Besuch der beiden Menschen bei ihr im Tempel durchgeht und sich fragt, ob ihr damals irgendetwas entgangen ist, ob es eine Andeutung gegeben hat, ruht ihr Blick auf dem Mondstein, der jetzt in ihrer Handfläche ruht. Er gleicht jenem, den sie selber bewahrt tatsächlich wie ein Bruder, hat dasselbe schimmernde und an flüssiges Mondlicht erinnernde Spiel in seinem Inneren und die gravierten Zeichen des Ayaron auf der Rückseite. Ein wenig zittrig entweicht ihr der unbewusst angehaltene Atem. "Das ist 'Sangai' … Vergangenheit… Und… ja, er ist einer der Schlüsselsteine. In der 'Chronik der Wächter' gibt es eine Abbildung, die sie alle vier zeigt und auch wo sie im Schließmechanismus zu platzieren sind. Meiner, Shoûrai, gehört in die untere Fassung. Deiner hier, Sangai, gehört wenn ich mich richtig erinnere in die linke. Es fehlen uns also noch zwei Schlüsselsteine: Lamayta… Gegenwart… sein Platz ist in der Fassung am oberen Rand. Und als letzter Narudâ… Ewigkeit… auf der rechten Seite."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

Olyvar

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Donnerstag, 4. Januar 2018, 20:06

Sangai
(Ayaron: Vergangenheit)

He said, "Son, have you seen the world?
Well what would you say, if I said that you could?
Just carry this gun, you'll even get paid"
I said, "That sounds pretty good"
Black leather boots, spit-shined so bright
They cut off my hair, but it looks alright
We marched and we sang, we all became friends
As we learned how to fight
A hero of war, yeah, that's what I'll be
And when I come home, they'll be damn proud of me… (Rise Against, A Hero of War)

Prophecy is like a half-trained mule. It looks as though it might be useful, but the moment you trust in it, it kicks you in the head. (G.R.R. Martin)


>Lady Shin hatte diesen Stein?! Sie hat nie auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt, dass sie ebenfalls einen gravierten Mondstein besitzt… und ich glaube auch nicht, dass der Normander davon wusste.<
Olyvar kann nur sacht mit den Schultern zucken. "Ich weiß nicht, seit wann der Stein in ihrem Besitz war, ob sie ihn erst später bekam oder ob sie ihn schon hatte, als sie mit dem Normander bei dir war. Zuzutrauen wäre es ihr gewesen. Leute an der Nase herumführen zu wollen war anscheinend so etwas wie ihre zweite Natur. Doch genauso wären ihr ganz andere Motive zuzutrauen. Manchmal hat sie aus heiterem Himmel völlig selbstlose Dinge getan… " Er weiß nicht einmal, ob Atevora noch lebt und wenn ja, wo sie jetzt sein mag. Sie war einfach verschwunden, ob aus einer Laune heraus, aus Kalkül oder Notwendigkeit wird er wohl nie erfahren. Woher sie den Mondstein hatte, wie er in ihren Besitz gelangt ist oder seit wann er sich dort befunden hat, muss Olyvar auch nicht unbedingt wissen. Es ist ihm nicht gleichgültig, aber es spielt auch keine allzu große Rolle, zumindest nicht für ihn. "Atevora…" wiederholt er langsam und in seiner Stimme schwingt ein schwaches Echo dessen mit, was er wohl jedes Mal empfunden hat, wenn er der Magierin begegnet war: eine Mischung aus unerklärlichem Mitgefühl, Ärger, Wachsamkeit, Abneigung und noch viel unerklärlicherer Sympathie. "Ich weiß nicht, was aus ihr wurde. Aber seit wann sie den Stein hatte oder wie sie an ihn kam… spielt das denn eine Rolle? Er ist hier." Arúen sieht ihn einen Moment lang an, dann schüttelt die Anukispriesterin sacht den Kopf, das wortlose Äquivalent von 'Nein, das spielt wohl keine Rolle'. >Das ist 'Sangai' … Vergangenheit… < klärt sie Niniane und ihn selbst mit leiser Stimme auf. >Und… ja, er ist einer der Schlüsselsteine. In der 'Chronik der Wächter' gibt es eine Abbildung, die sie alle vier zeigt und auch wo sie im Schließmechanismus zu platzieren sind...< Olyvar hat weder das verschlossene Erste Buch der Prophezeiungen in der Bibliothek von Talyra jemals selbst gesehen, noch die 'Chronik der Wächter', doch die Beschreibung der Hochelbin verschafft ihm auch so einen ganz guten Eindruck von der Anordnung der Steine. In den Bildern vor seinem inneren Auge prangen sie jedenfalls in silbernen Fassungen mitten auf dem Buchdeckel. "Dann wissen wir ja, was wir zu tun haben," murmelt er irgendwann nachdenklich, als Arúen längst verstummt ist und ihm den Stein zurückreicht. Olyvar dreht ihn noch einen Moment zwischen den Fingern, beobachtet das fast opalisierende Spiel seiner blassen Farben, und Niniane nickt grimmig, ehe sie verkündet: "Lamayta und Narudâ finden. Aber davon reden wir später." Irgendetwas sagt Olyvar - und auch den beiden Elbinnen, er kann es in ihren Mienen sehen - dass ihnen der Zufall dabei wohl kaum noch einmal so in die Hände spielen wird, wie mit dem Sangai-Stein. Er legt die beiden Stoffbeutelchen und die Eulenfeder zurück in die Schatulle, behält den Mondstein aber bei sich. Doch als er Niniane neben sich fragend ansieht, schüttelt die Waldläuferin nur den Kopf. Dann spricht sie leise summend einen Zauber, der die kalte, ummauerte Kammer augenblicklich mit Wärme erfüllt, rollt einen der azurianischen Teppiche aus und fischt dann in weiser Voraussicht – und mit ziemlicher Zielsicherheit und einem gemurmelten 'Nobel geht Roha zugrunde' – aus einem der Regale ein paar Becher und eine Flasche mit kupfergoldenem Uisge. Es ist ein vierzig Jahre alter Balblair, was auch sonst… und dann gibt es endgültig kein Entkommen mehr. "Setz dich. Und dann erzähl es uns," wird ihm beschieden. Olyvar fügt sich in sein Schicksal. Er hat es in der Halle schon getan, das Holen des Steins war nur ein Aufschub gewesen - und er hat nicht vor, einen Rückzieher zu machen, auch wenn er angesichts dessen, was er ihnen erzählen soll, mehr als nur einen Hauch Beklommenheit verspürt.

Vielleicht ist hier in dieser Kammer sogar der bessere Ort dafür, umgeben von so vielen Erinnerungsstücken seiner Vergangenheit. Beute aus den Räuberkriegen, aus Liam Cailidh oder von seiner letzten Reise nach Azurien… und Rayyans Bücher – jene aus der Malsebior-Bibliothek und ein paar andere Besitztümer des Magiers, die er nicht über sich gebracht hatte, zu verkaufen oder herzugeben. Olyvar lässt einen Schauer verschiedener Gefühle über sich hinwegziehen, dann entkorkt er seufzend die Flasche und schenkt drei Becher ein. Der Uisge ist von dunkler Farbe und die sanften Aromen von warmem, süßem Honig, sonnengereifter Gerste, einem Hauch von Zitronenschale und Spuren von Kräutern erfüllt gleich darauf das gedämpfte Halbdunkel der Schatzkammer. Der Alkohol ist stark, schmeckt aber sehr mild, eher blumig als rauchig und nur subtil nach cremigem Karamell und trockener Eiche zugleich. Doch das, was Olyvar zu erzählen hat, erfüllt sein Inneres mit einer Kälte, die noch nicht einmal der kostbare Balblair mehr vertreiben kann. "Bevor ich beginne," setzt er an und seine Stimme hört sich selbst in seinen eigenen Ohren seltsam fremd und belegt an, "muss ich euch warnen. Was ich euch offenbaren werde, wird mir selbst für den Moment vielleicht die Erleichterung bringen, es mir von der Seele geredet zu haben, aber an meiner Last wird das nichts ändern. Stattdessen werde ich sie auf eure Schultern genauso legen und glaubt mir… es ist kein angenehmes Wissen. Ihr werdet genauso wenig wie ich die Freiheit haben, es zu benutzen. Auf eurem Gewissen, auf euren Herzen, wird das alles ebenso schwer liegen, wie auf meinem. Und ihr werdet rein gar nichts dagegen tun können. Also… wollt ihr… glaubt ihr immer noch, dass ihr es hören müsst?"
Er sieht Niniane und Arúen einen langen Blick tauschen, dann nicken sie – beide alarmiert, doch beide auch genauso entschlossen, jede auf ihre eigene Weise. So unterschiedlich ihre Gesichter auch aussehen mögen – die Halbelbin und die Hochelbin besitzen bei allen Charakterunterschieden einige Gemeinsamkeiten, aber äußerliche Ähnlichkeit gehört überhaupt nicht dazu – ihre Mienen hätten in diesem Augenblick Spiegelbilder sein können. "Also gut… aber sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt." Einen Moment lang hält er noch inne, aber nur, um sich zu sammeln. Das Atemholen vor dem Sprung, gewissermaßen. Olyvar hat geglaubt, es würde ihm schwerer fallen, zu erzählen… so vieles preiszugeben, alles auszusprechen. Doch als er einmal damit angefangen hat, reihen sich die Worte ganz von selbst aneinander, eines an das andere, bis sie so ruhig und gleichmäßig dahinfließen wie ein Strom. Er spricht sehr gefasst und schnörkellos, wie es seine Art ist. Nicht unbeteiligt, aber doch so nüchtern wie er es vermag. "Ihr wisst, dass ich in Hochwald als Bastard geboren wurde, doch ich kam mit meinem Vater nach Talyra, als ich noch sehr klein war. Er schloss sich den Templern an, ich glaube, weil er den Tod meiner Mutter nie verwunden hat. Also hat er sein Leben in den Dienst der Zwölf gestellt. Ich wuchs mehr bei Rhordri und Morna, und hier in der Steinfaust auf, als bei ihm. Gavin von Tarascon war ständig auf Reisen oder mit Templerangelegenheiten beschäftigt, und ich sah ihn kaum. Erst war ich ein Botenjunge wie alle anderen auch, dann kam ich in die Rekrutenausbildung… zusammen mit Colevar und Karmesin. Ich war… ich glaube, ich war acht, als uns Elron Weißauge als Knappen annahm, uns alle drei. Colevar war erst sechs, Karmesin zwei Jahre älter als ich. Heute ist das nicht mehr so üblich, aber damals mussten alle Offiziere, die etwas taugten, zusehen, dass sie die Jungen, von denen sie sich etwas versprachen, bald unter ihre Fittiche bekamen, weil der alte Lord Commander… "
"Weil der alte Lord Commander," unterbricht Niniane ihn staubtrocken, "ein aufgeblasener Dummkopf, ein Säufer und ein Vetternwirtschafter war, der einige seiner besten Männer auf unwichtigen Posten versauern ließ und seine nichtsnutzigen, versoffenen Narrenfreunde mit Ämtern und Titeln vollgestopft hat wie eine Julnachtsgans."
"So in etwa. Sire Elron war ein Ritter Shenrahs, und damals der Waffenmeister der Steinfaust, obwohl er unserer Meinung nach mindestens die Indigogarde kommandieren sollte. Die Räuberkriege an den Südgrenzen Sûrmeras und entlang der Weihrauchstraße waren ein paar Jahre vorher wieder aufgeflammt und überall im Süden der Herzlande fürchtete man schon eine zweite Zeit des Blutes und der Kleinkriege, weshalb es bald Tradition wurde, dass auch andere Fürstentümer oder Ritterorden waffenfähige Männer nach Sûrmera und Ildala oder in die Wolfsmark schickten. Die talyrischen Lords weigerten sich jedoch. Sie sagten, mit diesem Lord Commander in der Steinfaust, und einer Stadtgarde, deren Zahl unter tausend Mann gefallen war, könnten weder Talyra noch ihre eigenen Ländereien verteidigt werden, wenn sie auch noch Männer in einen Krieg hunderte von Tausendschritt entfernt schicken würden. Sie hatten Recht, aber Talyra wurde darüber zum Gespött einiger herzländischer Fürsten, die damit prahlten, wie viele berittene Schwerter und Bogenschützen sie schon entsandt hätten.

Als dem Lord Commander das zu Ohren kam, schickte er stattdessen Blaumäntel nach Sûrmera… allerdings nicht aus Hilfsbereitschaft oder aufgrund von verletztem Stolz. Er mag ein aufgeblasener Säufer und ein Narr gewesen sein, aber er war auch verschlagen genug, zu erkennen, dass es ein bequemer Weg für ihn war, unliebsame Offiziere und mögliche Widersacher loszuwerden. Es gab sicher auch unter seinen Adelsfreunden fähige Männer bei der Stadtgarde, es waren nur nicht genug, und die Adligen des Umlandes, die sich jetzt überschlagen uns ihre zweit- und drittgeborenen Söhne zu schicken, behielten sie in jenen Tagen lieber bei sich. Elron war unter denen, die er nach Arrassigué schickte… und wir als seine Knappen mussten ihn begleiten. Ich war noch nicht ganz vierzehn, Colevar zwölf, Karmesin schon sechzehn und bereits ein vereidigter Rekrut. Karmesin hatte keine Eltern, die hätten intervenieren können und selbst wenn, er war bereits ein geschworener Blaumantel. Mein Vater war irgendwo in den Herzlanden unterwegs und Colevars alter Herr… der Lord von Lyness erfuhr erst so spät davon, dass sein einziger Sohn in den Krieg geschickt worden war, dass es zu spät war, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Und wir drei… nun wir waren natürlich die Letzten, die etwas dagegen gehabt hätten. So kamen wir nach Arrassigué. Im Heerlager dort trafen wir auf Padraig, einen Schmiedelehrling aus Blurraent, der sich für den Krieg hatte anwerben lassen. Und auf Petyr, der auch damals schon der Kleine Petyr hieß. Er war der Knappe eines rhaínländischen Heckenritters. Wir waren alle im selben Alter und dienten in derselben Einheit, also freundeten wir uns an. Und dann war da noch Rayyan. Zuerst wusste ich gar nicht, wo er herkam und wer er eigentlich war, aber er war auf einmal da und folgte Colevar wie ein junger Hund… ein zorniger, streitsüchtiger junger Hund, der außerdem ständig Hunger hatte. Wir haben ihn durchgefüttert - und er ist uns geblieben… auch wenn er in den Schlachten des Krieges, in den Kämpfen auf der Weihrauchstraße und auch später in den Minen von Tinerhir nicht dabei war. Aber im Heerlager war er so gut wie ständig bei uns und wir wurden Freunde. Das Heer in Arrassigué war ein Schmelztiegel von Kriegern und Söldnern aus hundert verschiedenen Ländern oder Stadtstaaten – es gab allein ein Dutzend herzländische Einheiten, Heckenritter aus den Rhaín- und Drachenlanden oder aus Immerfrost, Zentauren, Magier, Abenteurer, Söldner aus dem azurianischen Städtebund und den Ostlanden, Ritter und Templer verschiedenster Orden, Waldläufer, Späher, Sappeure, was ihr euch nur denken könnt. Zuerst war Arrassigué für uns der wunderbarste Ort überhaupt – wir waren alle jung und dämlich, und hatten den Kopf voller Heldenflausen, selbst Karmesin. Wir waren im Krieg ohne den Krieg erleben zu müssen, versteht ihr? In einem Heerlager, das aus hunderttausend Zelten bestand, im Schatten von Shatiljon, der großartigsten Festung der Herzlande… jeden Tag sahen wir die prachtvollsten Schlachtrösser, die glänzendsten Rüstungen und die leuchtenden Banner der hohen Häuser, die im Wüstenwind wehten… jeden Tag hörten wir von Scharmützeln und Siegen entlang der Weihrauchstraße, jeden Abend schien in den Zelten der größeren Lords oder Fürsten, die mit ihren Hausmächten angereist waren, um in den Räuberkriegen mitzumischen, eine andere Siegesfeier stattzufinden. Sie waren alle wie trunken und wir mit ihnen… und die Barden… Götter! Wenn man den Barden gelauscht hat, bekam man den Eindruck, das ganze versammelte Heer bestünde nur aus Helden, jeder einzelne von ihnen. Es war wie ein einziges, nie endendes Sommerturnier. Die Veteranen mit ihren harten Gesichtern und den leeren Blicken sahen wir nicht, und die Zelte der Feldscherer und Heiler waren angenehm weit weg ganz am Rand des Tals von Marmande, und konnten getrost ignoriert werden. Nur die Templer vom Orden der Zitadelle, die Herren von Shatiljon, bekamen wir kaum zu Gesicht. Sie machten sich nicht gemein mit den Kriegern des Heerlagers… oder mit der Jahrmarktsstimmung, die in jenen Tagen dort herrschte.

Versteht mich nicht falsch, das Leben in Arrassigué war anstrengend für uns… Lehrjahre sind keine Herrenjahre, auch dort nicht. Aber hart war es nicht. Wir schufteten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, beschäftigt mit unseren Knappenpflichten und den Schwertübungen, dem Reiten, dem Bogenschießen. Wir hatten die Pferde zu versorgen, die Rüstungen und Waffen sauber und gepflegt zu halten, das Lager zu bestellen, zu kochen, zu putzen, zu waschen… von früh bis spät sind wir nur gerannt und abends todmüde auf unsere Strohsäcke gefallen. Trotzdem fanden wir es großartig. Wir lernten auch viel. Nicht nur Elron bildete uns aus, einige der besten Schwertkämpfer dort fochten auf den Übungsplätzen mit uns, gaben uns Unterricht, nahmen uns auf Manöver in die umliegenden Wüsten mit und brachten uns bei, was sie konnten… Padraig war natürlich beim Tross, aber auch er wurde zum Spießkämpfer ausgebildet," Olyvar leert seinen Becher und schüttelt lächelnd den Kopf. "Als Schmied taugte er auch nicht sonderlich viel." Er schenkt sich nach und atmet einmal tief durch. "Wir waren vielleicht ein Jahr dort und hatten noch nicht viel mehr erlebt als ein Dutzend Gefechte hier und dort, und wir waren stets siegreich geblieben. Den Flausen in unseren Köpfen hatte das natürlich nur Auftrieb verliehen, und wir wollten alle mindestens strahlende Ritter Shenrahs werden, ausnahmslos. Von Colevar dachten das auch alle – er war damals schon einen Kopf größer als alle anderen und ihr wisst ja, wie er aussieht. Selbst erfahrene Ritter wetteten darauf, dass der Sonnengott ihn ganz bestimmt erwählen würde. Doch dann wurde es ernst… die ersten Berichte über ein größeres feindliches Heer trafen ein. Sieben Targastämme hätten sich verbündet und marschierten in Richtung Kel Darnah, hieß es, aber es seien auch Sandhexen, Schattenwanderer und finstere Wesen unter ihnen. Das ganze Heer rückte aus, alle vierzigtausend Mann, auch die Templer, und wir mitten unter ihnen. Wir zogen einen Siebentag lang auf der Weihrauchstraße nach Süden, bis wir die Ebene von Tadjnint erreichten. Am nächsten Morgen kam es zur Schlacht. Als wir angriffen, schossen sie so viele Pfeile auf uns ab, dass der Himmel pechschwarz von ihnen war. Elron fiel, als die Sonne aufging, von seinem verwundeten Schlachtross unter sich begraben. Karmesin war im Pfeilhagel der Targa ebenfalls verwundet worden und nicht bei Bewusstsein. Colevar war in der Nacht vorher einem Anukisritter zugeteilt worden, der seinen Knappen verloren hatte und gar nicht bei uns. Damals hatte ich Siaíl noch nicht, mein einfaches Langschwert steckte schon in der Brust eines Targa, und ich bekam es nicht mehr frei. Also nahm ich Elrons Schwert und verteidigte seinen Leichnam und Karmesin und das sterbende Pferd so gut ich konnte. Das letzte, an das ich mich bewusst erinnere, ist die Sonne, die hoch am Himmel stand und mich verbrannte… sie brannte wie Feuer. Dann wurde die ganze Welt rot, und ich weiß nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, war ich allein… oder kam mir jedenfalls so vor. Ich weiß noch, dass ich am ganzen Körper zitterte, als hätte ich Schüttelfrost, so sehr, dass meine Zähne klapperten. Außerdem hatte ich mir fast die Zungenspitze abgebissen. Um mich herum lagen zwei Dutzend Leichen und ich wusste, dass ich es war, der sie getötet hatte. Ich fühlte mich so zerschlagen, als hätte eine Schar Riesen mich auf einen Amboss geworfen und stundenlang mit eisernen Hämmern bearbeitet. Im ersten Moment glaubte ich, mir sämtliche Knochen im Leib gebrochen haben zu müssen, aber eigentlich war ich nicht schwer verwundet. Oh, ich hatte Schnitt- und Platzwunden, überall Abschürfungen, und war von Kopf bis Fuß eine einzige blauschwarze Prellung, aber nichts Schlimmeres als das. Als ich aufstand, und mich umsah, bemerkte ich, dass ich gar nicht allein war. Knochennager und Sandkrähen bedeckten jeden Fußbreit Boden, ein Teppich von Vogelleibern, die hin und her wogten wie das Meer… hier und da schimmerte ein Stück Metall auf, ein Arm oder andere Körperteile ragten hervor… aber unter ihnen war der Sand ganz nass und rot. Da waren auch noch andere Aasfresser… Hyaenas. Sandwölfe. Irgendwo waren auch Sagoralöwen zu hören. Und dann war da noch Bran, der Herr des Hohen Hauses Krieg. Ich wusste sofort wer er war, obwohl ich nie zuvor einem der Zwölf begegnet war. Ich könnte nicht mit Worten beschreiben, wie er aussah… außer dass er aussah, als wäre die Branstatue aller Branstatuen lebendig geworden und marschiere über die Leichen von Tadjnint auf mich zu. Er war nackt, bemalt, rostig vor Blut und in unzählige Schreie gehüllt, seine linke Faust schwarz, die rechte silbern, und er schritt über das Schlachtfeld wie ein Herrscher über sein Reich. Dann spürte ich sein Mal auf meinem Arm, den ersten meiner Ringe… und er sagte, ich sei nun bereit, ihm zu dienen, er beanspruche mich für sich. Dann ging er weiter… er verschwand nicht, er ging durch kein Gewirr… er wanderte einfach weiter und weiter über das Schlachtfeld, bis er in der Ferne kleiner und kleiner wurde… und alle Vögel und Aasfresser folgten ihm, als hofften sie in seinem Kielwasser auf noch mehr Blut und Eingeweide.

Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass Karmesin auf mich zu stolperte. Am Abend fanden sie uns dann endlich. Sire Arnat Braine von Sûrmera und eine Schar seiner Männer, oder besser gesagt, seine Kundschafter, die mit den Heilern über das Schlachtfeld gingen. Da Elron gefallen war, nahm Sire Arnat mich für den Rest unserer Zeit in Arrassigué in seine Dienste. Am nächsten Tag schlug er mich zum Ritter und ich hielt meine Nachtwache in einem Schrein Brans in der Oase von Kel Darnah, bitter enttäuscht, dass Shenrah noch nicht einmal ein müdes Schulterzucken, geschweige denn auch nur einen einzigen Blick für mich übriggehabt hatte. Und das, obwohl mein Hoher Vater sein Templer geworden war, ich empfand das als himmelsschreiende Ungerechtigkeit. Mein einziger Trost war damals, dass Colevar einen Siebentag später auch kein Shenrahritter wurde. Da waren wir also, die drei verwaisten Knappen Elron Weißauges, der die Schlacht nicht überlebt hatte: Colevar blieb bei Sire Airaud Royan, dem Anukisritter zu dem Elron ihn geschickt hatte, und wurde von ihm in Dienst genommen. Ich wurde der Knappe Sire Arnat Braines - heute ist er der Markgraf von Perigord und der Heermeister Sûrmeras. Karmesin, der schon sechzehn und damit mündig war, sagte, wenn ihn bisher kein Gott beansprucht hatte, dann würde das jetzt auch nicht mehr geschehen, verdingte sich als Söldner in Arnats Heerbann und blieb in unserer Einheit. Zurück in Arrassigué beknieten wir unsere Ritter so lange, bis sie auch Padraig und Petyr in ihre Dienste nahmen, und wir waren alle wieder zusammen. Selbst für Rayyan überlegten wir uns etwas, aber er war im ganzen Tal von Marmande nirgends mehr auffindbar. Später erfuhren wir, dass ihn ein Sucher unter den Armeemagiern gefunden hatte – dass er magisch begabt war, wussten wir schon. So begann unsere Zeit in den Räuberkriegen. Wir waren keine närrischen Sommerjungen mehr, ich nicht nach der Schlacht von Tadjnint und Colevar nicht, nachdem er ein paar Tage darauf von Sithech berührt worden war. Bei mir war der erste Ring der Ring der Tapferkeit, meine erste Gabe der Blutrausch. Bei Cole war es der Ring des Erbarmens und der Ruf der Raben. Padraig und Petyr hatten ihre eigenen Erlebnisse in der Schlacht gehabt und ihre Kindheit genauso hinter sich gelassen, wie wir. Nichts mehr kam uns herrlich vor, und heldenhaft schon gar nicht. Es war Krieg und wir waren mitten darin. In unserem… in unserem dritten Jahr in der Sagora zog das Heer von Arrassigué auf einen Feldzug tief hinein in den Djebel Araq und wir gerieten nach der Schlacht von Bi'r as-Saba zusammen mit einem Dutzend anderer in Gefangenschaft. Wir gehörten zu einem Spähtrupp der Nachhut, die die Karren mit den Verwundeten bewachen sollte. Targa vom Stamm der Moq'tar machten alle nieder, nahmen uns Überlebende gefangen und verkauften uns dann für ein paar Kamele und einen Wintervorrat an Hirse an die Ag Boula von Er Rheris. Sie brachten uns nach Tinerhir in den Bergen, in eine Oase mit einer uralten Festung in den Felsen, und warfen uns in den Kerker. Es waren noch viele hundert anderer Gefangener dort, die meisten Kriegsgefangene aus Sûrmera, aber auch Sklaven, Reisende, andere Beduinen, Azurianer oder sonstige. Sie ließen uns jeden Tag in ihren Steinbrüchen schuften und jede Nacht ketteten sie uns in den kalten Höhlen im Fels aneinander. Wasser und Esse bekamen wir kaum. Die meiste Zeit über war es so voll in den unterirdischen Kerkern, dass man sich nicht bewegen konnte, geschweige denn hinsetzen oder hinlegen. Ab und an hat es doch einer versucht… oder brach einfach zusammen, weil ihn seine Beine nicht mehr trugen. Manchmal glaube ich, sie haben nur auf solche Gelegenheiten gewartet, um durch einen Schacht einen Kübel mit Abfällen zu uns hinunterzuwerfen. Wer am Boden lag, wenn das geschah, wurde einfach zu Tode getrampelt, während die Kräftigsten um die Reste kämpften wie ein Rudel tollwütiger Hunde. Wir schliefen im Stehen, aneinander gelehnt, immer in Ketten, immer hungrig, immer krank. Die rote Ruhr ging um, genauso wie Schwindsucht oder Skorbut, und wir hatten alle Läuse, Würmer und die Krätze. Manchmal hörten wir nachts die unheimlichen Gesänge ihrer Sandhexen, manchmal heulten auch noch ganz andere Stimmen im Wind. Irgendwie hielten wir durch, Padraig, Petyr, Karmesin, Colevar und ich. In den Kerkern von Tinerhir trafen wir auch auf die anderen. Cinneídinn war ein Badwa von den hellhäutigen Achelḥi – die Targa hatten seinen ganzen Stamm ausgelöscht. Ich glaube, seinen Namen hätte man in Hôtha vielleicht eher Zinédine oder Zain ad-Dīn geschrieben, aber das Lesen und Schreiben hat er erst viel später als Blaumantel gelernt und immer versucht, ihn in der Allgemeinsprache wiederzugeben. Er war der jüngste von uns, vielleicht zehn oder elf, klein und flink. Manchmal hat er Brot für uns gestohlen… manchmal hat er seinen Hintern auch für Wasser an die Wachen verkauft. Ein paar von ihnen mochten hübsche Jungen. Wir konnten es ihm nicht ausreden und wir konnten ihn auch nicht davon abhalten, und er hat immer mit uns geteilt. Der Narrenkönig war auch dort. Halbwüchsig und halbverhungert und… nur halb bei Verstand. Er hatte fast sein ganzes Leben in diesem Kerker verbracht, wissen die Götter, wie er es geschafft hat, so lange in diesem Elend zu überleben."

Sein Uisge ist leer und er schenkt sich nach, nimmt einen Schluck und lehnt sich dann mit dem Rücken an die Wand, legt den Kopf zurück, streckt die Beine aus und schließt die Augen. "Er wusste seinen Namen längst nicht mehr, aber er hatte diese abgewetzte blaue Kappe mit den kleinen Bronzeglöckchen daran, und jeder, ob Gefangener oder Wächter, hat ihn nur Malik Jastaris genannt… den 'König der Narren'. Pumquat war auch dort eingekerkert. Sie hatten ihn in einen kleinen Käfig aus Rashan und Eisen gesteckt, der im Gang zu unserem Verlies von der Decke baumelte und jedes Mal, wenn sie darunter vorbeigingen, schlug einer mit seiner Takuba danach, so dass er hin- und her geschleudert wurde. Ich erfuhr erst Jahre später, wer er eigentlich war und wie er nach Tinerhir geraten war. Die meiste Zeit über haben wir ihn nur dort oben stöhnen hören oder kotzen sehen. Das Rashan hat ihm nicht nur seine magischen Kräfte genommen, es hat ihn krank gemacht. Und dann war da natürlich noch der Junge. Er landete viel später als wir in den Verliesen von Tinerhir und er war auch nicht sehr lange dort, aber… " Olyvar zuckt sacht mit den Schultern, öffnet die Augen und starrt ins Leere. "Er war rotzfrech. Und stolz. Unerträglich stolz. Niemand konnte ihn brechen, nicht die Wachen, nicht die Schläge, nicht die Peitsche, nicht der Hunger. Wir bewunderten ihn alle, aber wir bemitleideten ihn auch, jedenfalls diejenigen, die noch genug Kraft für so etwas hatten… mehr als einen Anflug von Mitgefühl brachte allerdings keiner von uns mehr zustande. Ich weiß bis heute nicht, wie er dort eigentlich gelandet ist. Er nannte sich 'Alsaqr al'ahmar'." Olyvar sieht, wie Ninianes goldene Augen bei der Erwähnung dieses Namens aufblitzen und weiß, dass sie sofort weiß, von wem er redet, er kann sehen, wie es in ihrem Kopf leise 'klick' macht und sich zwei Puzzleteile zusammenfügen. "Aye, genau der. Aber wir hatten keine Ahnung, und die Wachen allen Göttern sei Dank auch nicht. Es dauerte keine zwei Tage, bis er sich mit seiner Aufsässigkeit dreißig Peitschenhiebe eingehandelt hatte, aber ich nahm seine Strafe auf mich. Ich weiß nicht genau, warum ich es tat. Nicht eigentlich für ihn, nicht wirklich. Was bedeutete er mir schon? Gar nichts. Ich tat es mehr, um mir selbst zu beweisen, dass ich noch nicht völlig abgestumpft war. Dass noch genug… genug… Menschlichkeit in mir übrig war. Dreißig Peitschenhiebe bringen einen erwachsenen Mann nicht gleich um. Fünfzig sind eine andere Sache und hundert überlebt niemand, aber er war ja noch ein Kind. Dreißig kann ich aushalten, sagte ich mir. Also tat ich es. Als es vorbei war, habe ich mir bitterlich gewünscht, ich hätte meinen Mund gehalten und ihn daran krepieren lassen. Die anderen haben sich um mich gekümmert. Irgendein alter Gefangener, dessen Namen ich nie erfuhr, hat meinen Rücken behandelt. Cinneídinn hat Essen für mich gestohlen. Der Narrenkönig hat Wasser besorgt. Padraig und Petyr haben abwechselnd bei mir gewacht, und Colevar hat für uns alle zusätzlich in den Steinbrüchen geschuftet… Deshalb sieht mein Rücken aus, wie er aussieht. Deshalb bekam ich den Cha'lat. Deshalb war der verdammte Schah von Mar'Varis der Meinung, ich würde ihm noch dreißig Peitschenhiebe schulden. Den Jungen von damals habe ich in Tinerhir nicht wiedergesehen. Ich nehme an, dass er beim Aufstand fliehen konnte, vielleicht wurde er auch lange vorher freigekauft. Erst als wir zurück in Arrassigué waren, traf ich hin wieder – ihn, seinen Onkel und seinen Lehrer Saifudin, im ganzen Prunk und Gold des Hascht Behescht von Mar'Varis, flankiert von den Unsterblichen Zehntausend, und er bestand darauf, mir dieses alberne Cha'lat-Ding zu verpassen. Ich habe ihm gesagt, dass ich es nicht für ihn getan habe und er hat gesagt, dass das keine Rolle spiele.
In Tinerhir… ich weiß nicht, wie lange wir noch dort gefangen waren, aber mein Rücken war halbwegs verheilt, die Wunden geschlossen, als sich die Gelegenheit zur Flucht ergab. Unter den Gefangenen brach ein Aufstand aus, was absolut nicht ungewöhnlich war, und wurde niedergeschlagen, was genauso wenig ungewöhnlich war. Alle Aufstände wurden niedergeschlagen, schnell und brutal, immer. Aber irgendwie landeten wir diesmal alle bei denjenigen, die man dafür verantwortlich machte, ihn angezettelt zu haben. Dafür erwartete uns nicht nur die Peitsche, sondern der Tod. Wir waren ungefähr drei Dutzend, vielleicht auch ein paar mehr. Zuerst wollten sie uns die Hände und Füße abhacken, und uns dann in die Skorpiongruben werfen. Dort landeten alle, die zu schwach waren, um weiterzuarbeiten oder die nicht mehr aufstehen konnten. Wir wehrten uns kaum, das weiß ich noch. Widerworte hatten wir erst recht keine. Ich glaube, wir waren zu diesem Zeitpunkt einfach schon so am Ende, dass uns selbst die Aussicht auf Verstümmelung und einen elend langsamen Tod durch Verbluten und Gift wie eine Erlösung vorkam." Seine Stimme ist ganz leise geworden, während er erzählt, und sein Uisge ist schon wieder leer. Diesmal hält er sich nicht mehr mit dem Becher auf, sondern nimmt die ganze Flasche.

"Um uns Hände und Füße abhacken zu können, mussten sie uns jedoch die Ketten abnehmen, und das war unsere Chance. Ich weiß nicht genau wer, aber ich glaube, es war Colevar, wehrte sich plötzlich. Dann noch einer und noch einer, und auf einmal kam Leben in uns alle. Alles ging so schnell, alles ging durcheinander – von einem Moment auf den anderen kämpften rings um mich herum Dutzende von Gefangenen mit den Wachen und ich hatte eine blutige Takuba in der Hand. Irgendwer schrie: Dort geht es hinaus! Feuer brach aus, alles um uns herum brannte. Vor lauter Rauch konnten wir fast nichts sehen und bekamen kaum noch Luft. Wir versuchten, die übrigen zu befreien, doch wir konnten ihre Ketten nicht zerschlagen. Also töteten wir alle Wachen, die uns über den Weg liefen und rannten in die andere Richtung. Da war Pumquat, der Kobold, in seinem winzigen Rashankäfig, baumelte von der Tunneldecke und schrie wie am Spieß. Er sagte, dass die anderen verloren wären, aber ihn könnte ich retten, also nahm ich ihn mit. Irgendwie kamen wir tatsächlich in Gänge, die nach oben führten – und dann waren wir draußen. An diesem Tag sind viele aus Tinerhir entkommen und noch mehr dort gestorben. Die entflohenen Gefangenen rannten in alle Himmelsrichtungen davon, aber wir blieben zusammen. Am Anfang waren noch andere bei uns… insgesamt waren wir achtzehn. Überlebt haben die Flucht aus dem Djebel Araq und durch die Wüste bis nach Kharzazate an der Weihrauchstraße außer mir nur sieben… meine Sieben. Wir flohen zu Fuß, ohne Vorräte oder Wasser und schwach wie wir waren, mitten durch die Rote Sagora, hinter uns die Jäger der Targa, vor uns… nichts, nur Sand. Und Staub. Und Hitze. Unsere Flucht hätte niemals glücken dürfen. Eigentlich hätten sie uns schneller als unsere eigenen Schatten wieder eingeholt haben müssen. Und doch sind wir ihnen entkommen. Jeden Tag begruben wir jemand anderen und es kümmerte mich kaum. Jeden Tag wurden wir schwächer, aber ich ließ sie nicht aufgeben. Meine Sieben konnte ich nicht sterben lassen. Padraig war bei unserer Flucht am Arm verletzt worden und die Wunde wurde brandig, also schlug ich ihm den Rest des Armes ab – mit der Takuba. Dann brannten wir den Stumpf aus. Er war halb wahnsinnig vor Fieber und Schmerzen, aber niemand konnte ihn tragen, also prügelte ich ihn vorwärts. Ich schlug alle mit Fäusten, die nicht gehorchten oder ich schleifte sie mit Gewalt weiter. Hätte ich eine Peitsche gehabt wie die Aufseher in Tinerhir, ich hätte sie benutzt. Weil mir nichts mehr anderes einfiel und weil ich der Kräftigste war, gab ich ihnen mein Blut zu trinken. Wir hatten nichts anderes. Ich tat es immer wieder… sieben mal. Und wenn ich musste, trat und schlug ich so lange auf sie ein, bis sie weitertaumelten. Pumquat half mir, so gut er konnte, nachdem er sich vom Rashan seiner Gefangenschaft erholt hatte. Und dann… diese Wüste… tat irgendetwas mit uns. Als hätte sie nach und nach von uns allen Besitz ergriffen. Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären soll. Die Sagora wurde zu unserer Nemesis und unserer Rettung zugleich. Sie formte uns, so wie die Zeit, die Hitze, der Sand und der Wind die Steine formen. Sie veränderte uns. Machte uns trotzig. Bald musste ich niemanden mehr anschreien oder treten, um ihn in Bewegung zu halten. Niemand gab mehr auf. Die Wüste härtete uns alle. Sie schliff und schärfte und polierte uns wie Stahl. Und sie schuf etwas zwischen uns, etwas wie ein… ein Band. Vielleicht war es auch schon vorher da, entstanden durch alles, was wir gemeinsam durchgemacht hatten, doch dort in der Sagora wurde es besiegelt. Diese Sieben gehörten mir, versteht ihr? Sie waren mein und sind es immer noch – wenigstens die, die noch leben." Er nimmt einen langen Schluck aus der Uisgeflasche und fährt sich mit der Hand über die Stirn. "Ich habe euch das alles nicht so ausführlich erzählt, weil ich mich selbst so gerne reden höre, oder weil ich euch meine ganze Lebensgeschichte aufschwatzen wollte. Sondern um euch begreiflich zu machen, was… damit ihr versteht, wie…" einen Moment lang balanciert Olyvar an verschiedenen Versuchen entlang, seine Gefühle in verständliche Worte zu fassen, dann gibt er auf.

"Ihr habt beide schon zur Genüge von der Alten Hexe und ihrem Zelt aus Häuten im Heerlager von Arrassigué gehört, also erspare ich euch eine weitere Wiederholung. Ja, wir waren alle betrunken. Es war eine verrückte Nacht. Karmesins und meine Zeit in den Räuberkriegen ging zu Ende, also hatten wir unseren Abschied gefeiert. Colevar wollte noch ein weiteres Jahr in Sire Airauds Diensten bleiben. Rayyan war auch wieder im Tal von Marmande. Als wir in Gefangenschaft waren… " Olyvar verstummt und nimmt noch einen Schluck Uisge, doch betrunken will er davon heute einfach nicht werden. Während sie in Tinerhir gewesen waren, war der Magier in Nirmonar durch seine eigene Hölle gegangen. Rayyan ist tot, doch seine Geheimnisse gehören immer noch ihm. Er könnte sie mit Colevar und Kalam oder auch mit Tahiri und Nathanael teilen, aber mit niemandem sonst. "Jedenfalls, er war bei uns und kam sich als Magiernovize furchtbar wichtig vor. Padraig, Pumquat, Cinneídin und Petyr waren bei den Huren geblieben, Karmesin, Colevar, Rayyan und ich gingen zu der Wahrsagerin. Ich weiß nicht mehr, wessen bescheuerte Idee das eigentlich gewesen war, wahrscheinlich Rayyans. Vielleicht auch Karmesins. Ihr wisst alle, was sie Colevar damals prophezeit hat – die 'Sieben Leben'. Sie versprach Rayyan Reichtum und Karmesin ein langes Leben. Und mir… " der Augenblick der Wahrheit, der Punkt, von dem an es kein Zurück mehr gibt, kommt und geht vorüber, weil er einfach weiterspricht, tonlos und ein wenig heiser vom vielen Reden: "Sie sprach mit einer ganz merkwürdigen Stimme, die klang, als würden viele Stimmen auf einmal flüstern, und sie sagte: 'Die schwarzen Winde sammeln sich bald… hüte dich vor ihrem peitschenden Atem. Sieben führtest du durch die rote Wüste, siebenmal hat dein Blut sie gerettet, siebenmal wurde es wahr. Doch nicht die Sieben musst du achten, denn die Acht ist deine Zahl. Sieben Seelen hast du Sithech gestohlen, sieben Brüder hast du gewonnen auf dem bitteren Pfad der Asche, doch nicht Sieben musst du achten, denn die Acht ist deine Zahl. Nicht eins, nicht zwei, nicht drei und vier, auch fünf und sechs sind nicht genug, denn du schuldest sieben Leben dem vermummten Schnitter Tod. Jede Magie hat ihren Preis und dies ist der deine: wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach! Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen. Wenn du deine Seele gibst, wirst du sie verlieren und wenn du von Liebe sprichst, werden deine Worte dein Verderben. Der Schwarze Schnitter wird sich holen, was sein ist, er holt es immer, immer, vergisst nimmer. Wenn die Dunkelheit dich verschlingt und die Einsamkeit dich umgibt, lass Mitleid und Pflicht deine Führer sein, sie weisen dir den einzigen Pfad zur Erlösung.' Ihr wisst, was das heißt." Er hat die Augen wieder geschlossen, weil er es nicht ertragen kann, die bittere Erkenntnis in den Augen der beiden Frauen zu sehen, die ihm schweigend und mit angehaltenem Atem gelauscht haben. Er kann ihre Anspannung so deutlich spüren, als würden sie ihn berühren, obwohl beide eine Armlänge entfernt von ihm sitzen. "Ich konnte… ich wollte… ihr nicht glauben. Ich tat all das als das gehässige Geschwätz einer irren Alten ab, die als falsche Prophetin und mit faulem Zauber ihr erbärmliches Dasein fristet. Selbst als Calait und Colevar ihre Geschichte erzählten, weigerte ich mich noch, auch nur ein Wort davon für bare Münze zu nehmen. Selbst als Rayyan reich wurde, leugnete ich alles. Karmesin, sagte ich mir, Karmesin passt nicht ins Bild. Dann erfuhr ich von Rayyan, dass sie damals gelogen hat. 'Hätte ich dem armen Jungen vielleicht die Wahrheit sagen sollen?' Ich hatte mich mit aller Macht daran geklammert, dass das alles eine Lüge wäre, doch als der Narrenkönig starb, konnte ich das nicht mehr. Alle meine Sieben werden sterben. Der Kleine Petyr fiel in Liam Cailidh. Karmesin fand den Tod im alten Ailin-Anwesen, als wir den Schattenwanderer jagten. Der Narrenkönig starb in Mar'Varis. Cinneídinn, Padraig, Pumquat. Colevar. Sie werden alle sterben. Vielleicht schon bald. Als ich Rayyan von meiner Prophezeiung erzählte, sagte er: 'Sag es ihnen nicht. Sie werden sterben. Vor ihrer Zeit und es gibt absolut nichts, was wir dagegen machen können. Außer ihnen das Leben zu lassen, das sie noch haben. In Unwissenheit. Denn das Einzige, was du erreichst, wenn du es ihnen sagst, ist, dass sie jeden Tag in Angst verbringen werden.' Er hatte Recht. Wir dürfen ihnen nichts sagen. Nicht ein Wort." Er öffnet die Augen und spürt einen irrationalen Moment lang die Versuchung, in Gelächter auszubrechen - bitter und freudlos und voller Verzweiflung, aber dennoch Gelächter. Er kann sehen, wie sich das Gewicht und die volle Tragweite seiner Worte schwer und kalt und schmerzhaft auf die Schultern der beiden Elbinnen senkt. "Versteht ihr jetzt?" flüstert er rau, aber eigentlich ist es eine rein rhetorische Frage. "Versteht ihr jetzt, warum ich euch nichts sagen wollte? Warum ich niemandem etwas sagen wollte?"
Did we turn left last time, or right? What does it matter? Lost is lost.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Niniane

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8

Samstag, 6. Januar 2018, 23:32

A small measure of peace

Compassion hurts. When you feel connected to everything, you also feel responsible for everything. And you cannot turn away. Your destiny is bound with the destinies of others. You must either learn to carry the Universe or be crushed by it. You must grow strong enough to love the world, yet empty enough to sit down at the same table with its worst horrors. (Andrew Boyd)

"Ja," erwidert Niniane flüsternd. "Ich verstehe." Während Olyvar erzählt hatte, hatte sie erst Qualen um seinetwillen und schließlich um sie alle gelitten. Dann hatte sie das unbändige Verlangen verspürt, ihn zu schütteln, gefolgt vom dringenden Bedürfnis, dem Schicksal, den kosmischen Mächten, den Göttern oder wem auch immer, der hinter all dem steckt, etwas möglichst Schweres über den gehässigen Schrumpfschädel zu braten. Inzwischen ist sie bei einer traurigen, allumfassenden, bittersüßen Zärtlichkeit angelangt. "Aber es tut mir nicht leid, dich gezwungen zu haben, davon zu sprechen. Oh…" sie lächelt ein wenig zittrig, aber nur, um nicht in Tränen auszubrechen und leert ihren Uisge. Sie hat kaum davon getrunken, aber nicht, weil sie Branntwein an sich abgeneigt wäre, nur Uisge ist nicht ihr Fall, mag er auch noch so alt, mild oder gut sein. Hätte er Hamadat oder Normander Feuerwein hier gehabt, wäre sie inzwischen wohl sturzbetrunken. Trotzdem hilft die Hitze, das milde Feuer, das sich in ihrem Inneren ausbreitet, ihr ein wenig, sich zu sammeln. Stark zu bleiben – um seinetwillen, um ihrer aller Willen. Sie kennt Pumquat und Padraig Einarm ein bisschen, die anderen sind ihr nur vom Namen ein Begriff, aber Colevar… Colevar ist eine ganz andere Sache. Und er wird sterben… er wird… nein. Das kommt nicht in Frage! Nicht, wenn es irgendetwas gibt, dass wir dagegen tun können. Sie ist nicht irgendwer. Die allermeiste Zeit ihres langen, langen Lebens hatte Niniane sich zwar mehr oder weniger erfolgreich darum bemüht, genau das soweit wie möglich unter den Teppich zu kehren, aber sie scheut sich auch nicht, diese Karte auszuspielen, wenn es sein muss. Irgendetwas muss sie tun können. Nein, sie ist nicht irgendwer.

Niemand von uns ist das. Dann wird ihr noch etwas klar: Niemand von den Betroffenen ist das. Sie sind alle… außergewöhnlich. Azra, allein schon durch das, was sie ist – und wie vielen glückt wohl eine Flucht aus den Sklavenhöhlen Dror Elymhs? Colevar und Calait ganz sicher nicht… sieben Leben, tausend Jahre. Und Karamaneh und Kalam erst recht nicht… "Du hast Recht. Ich wünschte, ich hätte es nie erfahren. Aber ich musste es wissen. Und du bist nicht mehr allein damit, weil wir da sind." Sie tauscht einen langen Blick mit Arúen, in dem nichts gesagt, aber vieles verstanden wird. "Und wir sind auch nicht allein damit, weil wir einander haben – und weil du da bist. Wir tragen diese Last gemeinsam. Rayyan hat Recht – ich glaube, wir sollten es ihnen nicht sagen. Sie ihre Leben in Frieden führen lassen." Bis wir eine Lösung gefunden haben. Es muss eine geben. Es muss einfach. "Ich glaube immer noch, dass wir es wissen mussten. Und du glaubst das auch, nur darum warst du schließlich doch bereit, uns davon zu erzählen, nicht wahr? Ich kenne dich inzwischen, Olyvar. Du hast nicht davon gesprochen, um dein Gewissen zu erleichtern oder den Schmerz nicht mehr allein mit dir herumschleppen zu müssen, oder weil ich so eine grandiose Nervensäge sein kann. Sondern weil du, wie ich, der Überzeugung bist, dass es uns bei unserer Suche nach der Wahrheit und den Gründen für… für all das… weiterhelfen wird. Weil wir… vielleicht auch andere, aber wohl hauptsächlich wir, ich meine Arúen und ich… uns darum kümmern werden, mehr über diese Prophezeiungen und ihre Hintergründe herauszufinden. Und…" sie macht eine Geste, die sie alle drei, Olyvars Schatzkammer, den Westflügel, die Steinfaust, ganz Talyra und all ihre Freunde gleichermaßen einschließt. "Es muss ja Gründe geben."

Olyvar sieht sie einen Moment lang an und die bittere Resignation in seinen Augen hätte sie beinahe doch zum Weinen gebracht.
"'Die schwarzen Winde sammeln sich bald… hüte dich vor ihrem peitschenden Atem,'" zitiert sie leise. "Das hat die verrückte Küchenmagd in Sen'afe auch gesagt, oder? Diese siebte Tochter einer siebten Tochter?"
Olyvar nickt und mustert sie aufmerksam, doch Niniane wendet den Blick ab und steht auf. Die Gewölbekammer, in der sie sich befinden, ist nicht sonderlich groß, aber es ist auch kein kleiner Raum. Sie verschränkt die Arme vor der Brust und beginnt, zwischen den Truhen und Regalen darin herumzuwandern. Sie muss ein wenig Abstand bekommen, um klare Gedanken fassen können und sich zu bewegen, hilft ihr dabei. 'Sieben führtest du durch die rote Wüste… sieben Mal wurde es wahr…' wirbelt durch ihren Kopf und sie schüttelt sich wie eine nasse Katze. Könnte das sein? Hat er… unwissentlich… an einem solchen Ort? Die Worte des alten Sithechpriesters in Sen'afe kommen ihr in den Sinn, das was er zu Kalam gesagt hatte, als er in den Tempel gekommen war: 'Blut ist Macht und Macht ist Blut'. All das Leid… die große Angst… der viele Schmerz. Roh… ungeformt… ungebunden… aber machtvoll. Ja, es könnte sein. Es könnte auch sein, dass er eine noch viel archaischere Kraft genutzt hat.

Mit einem mehr als flauen Gefühl im Magen, wendet sie sich in Gedanken an ihre Freundin. Arúen, wir müssen uns unter vier Augen unterhalten. "Wir werden alles über diese Prophezeiung herausfinden, was wir können," fährt sie dann mit so viel Überzeugungskraft in der Stimme, wie sie nur aufbringt, fort – ein Versprechen an Olyvar, und an sich selbst. Das einzige bisschen Frieden, das sie ihnen in diesem Augenblick anbieten kann. "Arúen… ich weiß, du hast die Chronik der Wächter zumindest in Teilen schon einmal gelesen oder wenigstens einen Blick hineingeworfen. Würdest du dir das Buch noch einmal genauer ansehen? In Erfahrung bringen, wer die letzten Wächter der beiden fehlenden Steine waren? 'Die Schwarzen Winde sammeln sich bald… hüte dich vor ihrem peitschenden Atem…' Ich fürchte, dass bedeutet, dass etwas kommt. Etwas Großes. Und wir sollten wissen, was es ist – oder was es sein wird."
"Steinmetze, Schmiede, Holz und Eisenholz," hört sie Olyvar in diesem Augenblick murmeln und sieht fragend auf ihn hinunter. Er hat die Beine angezogen, die Unterarme auf seine Knie gestützt und leert die Uisgeflasche. "Das hat der Schattenwanderer zu Azra in Brioca gesagt. Und die alte Turbanschnepfe hat es zu Kalam und Rayyan in Caer Torrelobar gesagt. Irgendetwas über Steinmetze, Schmiede, Holz und Eisenholz. Frag Kalam, was es genau war. Wir… Rayyan und ich… dachten, du solltest das wissen. Vielleicht ist es ja irgendwie wichtig."

Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Arwen

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9

Montag, 15. Januar 2018, 20:11

Das Gestern ist Geschichte, das Morgen ist ein Rätsel, das Heute ist ein Geschenk.


Nichts Wahres lässt sich von der Zukunft wissen,
Du schöpfest drunten an der Hölle Flüssen,
Du schöpfest droben an dem Quell des Lichts.
(Johann Christoph Friedrich von Schiller)


Eure Freunde sind die Antwort auf eure Sehnsüchte.
(Khalil Gibran)



Nein, es spielt wirklich keine Rolle, wie und wann Lady Shin - Atevora, korrigiert sie sich in Gedanken - an den Stein gekommen ist. Die Elbin kann auf Olyvars Nachfrage nur den Kopf schütteln. Das einzige, was zählt ist, dass er sich jetzt und hier in seinem Besitz befindet und sie somit über zwei der vier verschollenen Schlüsselsteine für das 'Erste Buch der Prophezeiungen' verfügen. Das lässt die Aufgabe auch die beiden anderen zu finden, sie finden zu müssen nicht ganz so unmöglich erscheinen, wie es im ersten Augenblick klingt. Wenn zwei der vier noch existieren und sogar ihren Weg zu ihnen gefunden haben (welche Mächte auch immer da ihre Finger im Spiel gehabt haben mögen), dann nährt das die Hoffnung, dass auch die beiden anderen nicht verloren und zerstört sind und gefunden werden können. Sangai verbleibt in Olyvars Obhut. Es fällt kein Wort darüber, aber das muss es auch nicht.

Und dann ist der Moment gekommen, auf den dieser ganze seltsame Tag irgendwie unaufhaltsam vom ersten Wort über Prophezeiungen hinzustreben scheint. Ninianes Zauber vertreibt die Kälte aus der Kammer und in schweigendem Einvernehmen lassen sie sich alle drei auf einem rasch ausgerollten Teppich nieder. Ein meisterhaftes Stück azurianischer Seidenwebkunst, doch dafür hat gerade keiner von ihnen auch nur den kürzesten aller Blicke übrig. Die Blicke und die ganze Aufmerksamkeit der beiden Elbinnen sind auf den Drachenländer gerichtet. Den Becher mit Uisge hat Arúen nach einem ersten Schluck neben sich gestellt und schon bald vergessen. Branntwein ist einfach ihre Sache nicht, selbst ein kostbarer vierzig Jahre alter Balblair nicht.
Erst hat sie sich mit untergeschlagenen Beinen niedergelassen, so wie sie sich auch oft zur Meditation hinsetzt. Andere mögen das unbequem finden, sie selber empfindet diese Haltung durchaus als entspannend und kann sie stundenlang einnehmen. Doch heute ist das anders. Je länger Olyvar redet, je mehr er von seiner Vergangenheit offenbart, desto unruhiger wird Arúen innerlich und äußerlich. Wechselt erst in den Schneidersitz, stellt dann ein Bein auf und legt es über das andere um schließlich die Arme um die Knie zu schlingen und wie gebannt den Worten Olyvars zu lauschen.

Es ist ein Wechselbad an Gefühlen, durch das seine Erzählung sie schickt, und Arúen lässt sie alle über sich hinweg und durch sich hindurch ziehen. Sie leidet mit ihm und um ihn und seine Kameraden, seine Freunde. Da ist die Wut auf das Muster, in das der Faden seines Schicksals gewoben wurde - und all die anderen Fäden, die in dasselbe Muster hinein geführt wurden. 'Die Götter und das Schicksal laden nie mehr auf unsere Schultern, als wir auch bewältigen können' Arúen weiß nicht mehr, von wem sie diese Redewendung einst gehört hat, aber sie weiß, warum es ihr jetzt in den Sinn kommt. Irgendjemand scheint Olyvar ständig mehr aufzuladen, so als wolle er sehen, wieviel der Mann erdulden könne, ehe er daran zerbricht. Und das macht sie wütend, richtig wütend. Bei all ihrem Glauben an den Willen der Götter ist sie nicht bereit, das Leid ihres Freundes einfach so hinzunehmen. Nicht, wenn auch nur der Hauch einer Hoffnung besteht, dass ihm zu helfen ist. Und sei es nur, dass sie ihm helfen, die Last zu tragen, wenn seine Schultern alleine nicht mehr stark genug sind. Als Olyvar beim Uisge vom Becher zur Flasche wechselt, lässt sie ihn schweigend gewähren. Normalerweise hält sie nichts davon, Flucht im Alkohol zu suchen, denn er löst die Probleme nicht - die Gelehrten nutzen ihn nicht ohne Grund, wenn sie etwas konservieren wollen - aber sie kann nur zu gut verstehen, dass er hier die Hilfe des Branntweines braucht um all das aussprechen und ihnen anvertrauen zu können - oder um die Gefühle in seinem Inneren zu betäuben, damit er ertragen kann darüber zu sprechen. Aus irgendeinem irrationalen Grund erscheint es ihr dabei nicht einmal seltsam sondern vielmehr vollkommen normal, dass der Mann trotz der Menge, die er unterdessen getrunken hat nicht im Mindesten den Anschein erweckt, betrunken zu sein. Als er schließlich endet, kommt für einige Herzschläge Schweigen auf, ehe er mit rauer Stimme eine Frage stellt, auf die eigentlich keine Antwort nötig ist.

>Versteht ihr jetzt? Versteht ihr jetzt, warum ich euch nichts sagen wollte? Warum ich niemandem etwas sagen wollte?<

Ja, Arúen versteht ihn, sie versteht ihn nur zu gut. Und ein weniger starker Mann als Olyvar wäre vermutlich schon längst an all dem seelisch zerbrochen. Verzweiflung, Resignation, Trauer und etwas, das die Elbin für Wut hält, von dem Mann gehen so viele Gefühle aus, dass sie es kaum auseinander halten kann und instinktiv den Drang verspürt, ihn einfach in die Arme zu nehmen um ihn zu trösten wie sie ein verstörtes Kind trösten würde. Sie ist schon näher an ihn heran gerückt, als sie mitten in der Bewegung stockt ehe sie ihn wirklich berührt. Unsicherheit macht sich in ihr breit, ob sie damit seine brüchige Selbstbeherrschung nicht überfordert. Und belässt sie es bei einem leichten Strecken der Hände zu den Seiten. Eine Geste, die Olyvar die Wahl lässt, ob er darauf eingehen und es annehmen will, oder eben auch nicht.
"Ja, ich verstehe." Ihre Antwort ist wie ein Echo von Ninianes Reaktion nur wenige Augenblicke zuvor. Und ja, auch sie wünschte nie davon erfahren zu haben und teilt das wohl auch mit Olyvar. Immerhin hat der mehr als eine Dekade versucht seine Prophezeiung zu verleugnen und zu verdrängen. Als die Protektorin dann erklärt, dass sie noch immer glaube, dass sie und Arúen davon wissen mussten, kann die Priesterin dazu nur nicken. Bei allem Leid, das es mit sich bringt um die Worte der Seherin an Olyvar zu wissen, ist da auch die feste Überzeugung, dass geteiltes Leid nur halbes Leid ist. Und hier gilt das in Arúens Augen noch viel mehr.

"Rayyan hatte Recht, dass Du es jemandem sagen solltest, weil wir nur so eine Chance haben, dieses Spinnennetz an Prophezeiungen mit den ganzen Verbindungen dazwischen zu entwirren und herauszufinden, wer und was dahinter steckt. Und er hatte auch Recht, dass keiner Deiner Sieben von dem wissen sollte, was ihn erwartet. Aber… ich bin mir nicht sicher, ob Deine Prophezeiung bedeutet, dass sie VOR ihrer Zeit sterben werden… Keiner von uns kann wissen, welche Lebensspanne Llaeron in ihre Fäden gesponnen hat. Natürlich erhoffen wir uns für alle die uns nahestehen ein möglichst langes Leben mit einem friedlichen Tod in hohem Alter. Aber wir haben alle schon mehr als einmal erfahren müssen, dass sich diese Hoffnung nicht immer erfüllt… Olyvar, wenn… wenn Du nicht gewesen wärst, mit Deiner Menschlichkeit, Deiner Wut, den Schlägen und Tritten und mit sogar Deinem Blut, dann wären sie alle schon damals in der Sagora gestorben, jeder einzelne von ihnen. Und Colevar hätte Calait nie kennengelernt und ihre beiden Prophezeiungen hätten sich nie erfüllt. Hättet der Narrenkönig nicht überlebt und hättest Du nicht die Peitschenhiebe für einen Dir unbekannten Knaben ertragen, hättest Du die Wüste nicht überlebt, dann hätten sich auch die Prophezeiungen von Kalam und Karamaneh nicht erfüllen können. Vier Prophezeiungen, die um Generationen älter sind als Deine und die doch alle irgendwie zusammenhängen. Vielleicht bedeuten die Worte auch, dass Sithech Deinem Durchhaltewillen, der immerhin für Dich und sieben weitere gereicht hat, genug Respekt gezollt hat um ihnen eine weitere, eine längere Lebensspanne zu gewähren, dass Llaeron ihre Fäden weitergesponnen hat anstatt sie zu durchtrennen." Dass das einen Preis hatte, bei dem es sich scheinbar um Olyvars Seelenfrieden und den Verlust der Erfüllung seines Lebenstraumes handelt, spricht Arúen nicht aus. Es ist bitter und dem Freund mehr als bewusst genug nach der zweiten gerade gescheiterten Ehe, sie muss es ihm nicht auch noch zusätzlich ins Bewusst sein rufen. "Ja, das Wissen ist eine Last… aber keiner von uns muss sie alleine tragen. Nicht mehr und nie wieder. Gemeinsam sind wir stärker."

Während Niniane beginnt in der Kammer umher zu gehen, bleibt Arúen ruhig neben Olyvar sitzen und leert schließlich doch noch ihren Uisge. Ihr Geschmack ist der Branntwein noch immer nicht, aber der milde Feuerball, der sich in ihrem Magen entzündet lenkt sie wenigstens für einen Moment von den wild kreiselnden Gedanken in ihrem Kopf ab, die sich einfach nicht zusammensetzen lassen wollen. Irgendetwas ist ihr entgangen, da ist etwas in dem was Olyvar erzählt hat, oder in dem wie er es erzählt hat, aber sie bekommt es einfach nicht zu fassen.

Niniane dagegen scheint einen Fussel gefunden und den Faden aufgenommen zu haben, denn der Gedanke, in dem sie Arúen erklärt, sie müssten sich unter vier Augen unterhalten, hat etwas Drängendes an sich. Jederzeit. Für einen Herzschlag kommt sie sich fast schäbig vor, dass sie nach all dem, was Olyvar ihnen anvertraut hat, nun etwas vor ihm verheimlichen. Aber die Shida'ya geht fest davon aus, dass Niniane einen sehr guten Grund dafür hat, denn im nächsten Moment verspricht sie dem Lord Commander ebenso wie sich und Arúen, dass sie gemeinsam alles herausfinden, was es über dieses Dickicht an Prophezeiungen herauszufinden gäbe. Es ist vielleicht nur ein kleiner Trost, aber es ist alles, was sie in diesem Moment haben. Und ein Hoffnungsschimmer, wie klein er auch sein mag, ist immer noch besser als gar keine Hoffnung zu haben.
Auf den Gedanken, sich die Chronik der Wächter noch einmal anzusehen, ist Arúen auch schon gekommen. Allerdings nicht um bloß nach den letzten bekannten Wächtern der beiden ihnen noch fehlenden Steine zu suchen. Vorhin hat sie noch gedacht, es sei ohne Bedeutung, wo, wie und wann Lady Shin, Atevora, wie-auch-immer an einen der Schüsselsteine gekommen ist. Jetzt ist die Hochelbin sich da nicht mehr so sicher. Wenn sie nachvollziehen könnten, welchen Weg Sangai und Shoûrai genommen haben, gelingt es ihnen womöglich auch die beiden letzten aufspüren. So oder so, sie wird Maester Kameruk im Haus der Bücher aufsuchen um sich die Chronik noch einmal genauer anzusehen und dieses Mal auch zu lesen, was die Wächter aufgezeichnet haben. Daher nickt sie bei den Worten der Protektorin nur knapp, denn ihre Aufmerksamkeit wir schlagartig von dem angezogen, was Olyvar neben ihr murmelt, der zwischenzeitlich den restlichen Uisge vernichtet hat.

>Steinmetze, Schmiede, Holz und Eisenholz… Das hat der Schattenwanderer zu Azra in Brioca gesagt. Und die alte Turbanschnepfe hat es zu Kalam und Rayyan in Caer Torrelobar gesagt. Irgendetwas über Steinmetze, Schmiede, Holz und Eisenholz. Frag Kalam, was es genau war. Wir… Rayyan und ich… dachten, du solltest das wissen. Vielleicht ist es ja irgendwie wichtig.<

Ihr Blick zuckt sofort zu Niniane. Noch mehr Verknüpfungen der Prophezeiungen untereinander… Arúen würde ohne zu zögern jede Wette eingehen, dass das unter Garantie wichtig ist. Seit sie im Zeughaus das erste Wort dieser ganzen Geschichte gehört hat, ist nicht ein einziges Wort unwichtig gewesen. 'Wissen ist Macht' heißt es in einem Sprichwort und hier scheint das in besonderem Maße der Fall zu sein. "So wie diese Sache sich bisher entwickelt hat, denke ich, dass absolut alles wichtig ist, wenn wir verstehen wollen, was hier passiert und was da auf uns zukommt…. und wer unsere Gegner sind." Dass es Gegner gibt, steht außer Frage, die Worte des Schattenwanderers lassen da keine Zweifel aufkommen. Nur wer ihre Gegenspieler sind, ist eine interessante Frage - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es da einem Dämon gibt, der zumindest zeitweise auf ihrer Seite mitmischt. Immerhin hat er Colevar und Calait geholfen. "Wir müssen sobald wie möglich mit Kalam reden. Und je genauer er sich an den Wortlaut erinnern kann, desto besser für uns alle."

Für einen Moment dreht sie gedankenverloren den Feenholzring an ihrer Hand hin und her. Auf eine seltsame Art fühlt sie sich geistig erschöpft und ihr Denken wie in Watte verpackt. Insgeheim fragt sie sich, wie Olyvar das so lange alleine tragen und ertragen konnte, denn sie selber sehnt sich gerade nach Tyalfen, nach dem Halt den seine Arme und sein Geist ihr bieten. Aber er wurde auch nicht mit alldem auf einen Schlag konfrontiert geht es ihr durch den Kopf, ehe sich ein anderer Gedanke ebenso trocken wie mitfühlend meldet Nein... dafür hat es ihm immer schön einen Schlag nach dem anderen versetzt, wieder und wieder... Wie von selbst sucht ihr Blick erst den von Olyvar und dann den von Niniane. "Abgesehen von dem hier", ihre sparsame Geste umfasst die Kammer und alles was Olyvar ihnen hier anvertraut hat und was sie niemandem offenbaren wird, "wie geheim ist das alles? Kann… darf ich mit Tyalfen darüber reden?"
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

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Niniane

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10

Sonntag, 4. Februar 2018, 19:25

Knives and flowers

He had so many knives stuck into him,
When they hand him a flower,
He can't quite make out what it is.
It takes time. (Charles Bukowski)



Niniane fängt Arúens besorgten Blick auf und nickt kaum merklich, ehe ihre Freundin erwidert, dass sie das eben gehörte für absolut wichtig halte. >Wir müssen sobald wie möglich mit Kalam reden. Und je genauer er sich an den Wortlaut erinnern kann, desto besser für uns alle.< Die Hochelbin sitzt jetzt so dicht neben dem Lord Commander, dass ihre Beine sich berühren und hält seine Linke fest in ihren Händen. Irgendwann während Olyvar erzählt hatte, hatte sie mitfühlend seine Nähe gesucht, doch Arúen hatte ihn nicht spontan in ihre Arme geschlossen, so wie sie. Arúen war schon immer ein sehr viel behutsamerer Charakter und Olyvar… ist Olyvar. Niniane hat ihn noch nie anders erlebt als kontrolliert, gefasst, stets Herr der Lage, und sie ist sich nicht so sicher, ob sie je wissen will, was passiert, wenn dieser Mann irgendwann einmal wirklich die Beherrschung verliert, ob nun in Trauer oder im Zorn. Kalam und Karamaneh haben es getan, geistert ihr durch den Kopf. Als Rayyan starb. Der ehemalige Sithechjünger und die Malankari hatten sich nicht in Details verloren, aber sie hatten genug erzählt, um ahnen zu lassen, wie sehr es sie erschüttert hatte. Will man Olyvar nahe kommen, muss man ihn überrumpeln, für alles andere sind die Mauern, die er um sich errichtet hat, längst zu hoch, denkt sie im Stillen und nicht ohne Mitgefühl, während sie beobachtet, wie Arúen seine große, wettergegerbte Hand mit ihren Narben und Schwielen fest in ihren so viel feineren, weißen Fingern hält – ihr wortloses Versprechen an den Freund, für ihn da zu sein.

Sie hat Olyvars Worte noch im Ohr, jedes einzelne von ihnen, den Klang seiner Stimme, den Tonfall seiner Erzählung und all die Gefühle, die damit einhergegangen waren… und ihr kommt der Gedanke, dass Worte trotz allem so leicht über Hass und Schrecken und Entsetzen hinweggleiten können, dass es ein Wunder ist, dass es überhaupt noch so etwas wie Vertrauen gibt. Doch hier ist es, zwischen ihnen, ein Teil von ihnen. Ein anderer Teil ihres Verstandes ist nach wie vor mit den vagen Ahnungen und Ängsten beschäftigt, die Olyvars Erzählung in ihr wachgerufen haben, isoliert vom Rest ihrer Gedanken. 'Blut ist Macht und Macht ist Blut'. "Ich treffe Kalam ohnehin noch in diesem Siebentag, wenn ich Karamaneh besuche, um nach dem Baby zu sehen," hört sie sich selbst sagen. "Ich werde danach fragen." Die Worte über Steinmetze, Schmiede, Holz und Eisenholz sind kryptisch genug. Wie alle Worte dieser verfluchten Prophezeiungen. Und außergewöhnlich. Wie alle Ereignisse, die bisher mit ihnen zusammenhängen. Sie fühlt sich ein wenig wie ein blinder Froschspeer-Fischer der irgendwo auf einem trüben Gewässer und dazu in schneidend dickem Nebel mit seinem Speer herumstochert, und dabei trotz aller Unwahrscheinlichkeit verzweifelt (oder stur) darauf hofft, einen verwertbaren Fang zu machen. Für eine Weile kehrt Schweigen in Olyvars halbdunkler Schatzkammer ein. Ninianes nachdenklicher Blick schweift wieder über die Schatullen und kleinen Truhen in den Regalen, und sie fragt sich flüchtig, welche Erinnerungen von sentimentalem Wert der Lord Commander hier zwischen Gold, Silber, azurianischen Seidenteppichen und wertvollen Büchern wohl aufbewahren mag. Sie kennt den Mann inzwischen besser, als sie ihn in all den Jahren zuvor je gekannt hat, aber sie entdeckt immer wieder unvermutete Seiten an ihm. Vieles von all dem hier gehört in ein Heim, nicht in eine Schatzkammer, wo es nur verstaubt…

>Abgesehen von dem hier,< hört sie Arúen schließlich fragen, sieht die Hochelbin mit dem Feenholzring an ihrer Hand spielen. >Wie geheim ist das alles? Kann… darf ich mit Tyalfen darüber reden?<
Niniane tauscht einen Blick mit Olyvar und ist sich nicht sicher, was sie antworten soll. Natürlich weiß der Lord Commander längst von Arúens Verlöbnis mit dem Aniran, in Talyra pfeifen es inzwischen wohl schon die Spatzen von den Dächern. Aber sie würde ihre rechte Hand darauf verwetten, dass er den Laikeda'ya ebenso wenig kennt wie sie selbst. Sie sieht den Drachenländer kaum merklich mit den Schultern zucken und macht ihrerseits eine vage Kopfbewegung. "Ich weiß nicht, Arúen… geheim, schätze ich. Wir haben nie wirklich darüber gesprochen, bisher… die äh… Betroffenen und ich. Ich würde das alles nicht an die Tempelglocken hängen, bevor wir überhaupt wissen, mit was wir es eigentlich zu tun haben… und selbst dann vermutlich nicht, aber wer weiß schon, was wir noch herausfinden werden. Tyalfen ist dein Versprochener und er wird dein Mann werden… wenn du ihm vertraust, dann soll mir das genügen. Aber…" sie sieht Olyvar an, "es ist nicht an mir, das zu entscheiden und ich kann für niemanden sprechen, der eine Prophezeiung bekam… oder in einer vorkommt." Oder von einer zum Tode verurteilt wird, ob es ihm nun bestimmt war oder nicht.

"Rede ruhig mit deinem Mann darüber, wenn du musst," hört sie Olyvar sagen und sieht ihn sacht das Schmuckstück an Arúens schlankem Ringfinger berühren, ehe er die Hand der Elbin nach einem letzten, sanften Drücken loslässt. "Ist das dein Verlobungsring?" Sie hat ihn selbst noch nicht gesehen… nicht wirklich, also tritt sie näher, als Arúen nickt, und betrachten den schmalen Reif. Er schimmert grün mit zarten goldenen Maserungen im Holz, die sich in feinen Linien hier und dorthin winden, und fast lebendig erscheinen. Einen Moment lang sieht der Lord Commander aus, als würde er die Hochelbin beglückwünschen wollen, aber dann wendet er den Blick ab, und für einen Moment ist sein vages, halbes Lächeln voller Trauer. Er will nichts aussprechen, was er inzwischen für eine Lüge hält… für eine Lüge halten muss, nach allem, was ihm widerfahren ist. Ach Olyvar… Und das, geht ihr auf, ist vielleicht das traurigste an all dem. Sie hat ihn mit Kizumu erlebt, und mit Diantha. Er hat beide geliebt. Einmal hatte Arúen ihn vermählt, einmal sie selbst. Er hat all die richtigen Dinge für die falschen Frauen getan – und es war nicht deren schuld und nicht die seine. 'Wenn die Sehnsucht dich erfasst, gib ihr nicht nach. Wenn du dein Herz verschenkst, wird es dir gebrochen.' Arúen kommt mit den fließenden Bewegungen, die allen Shida'ya zu Eigen sind, auf die Füße und auch Olyvar steht auf. Man sollte meinen, nach beinahe einer Flasche Uisge im Leib sollte der Mann wenigstens ein bisschen schwanken, aber auf Niniane wirkt er stocknüchtern. "Es ist spät geworden," murmelt er leise. "Die Kinder warten auf mich."
"Die Kinder…" sie sammelt die Becher ein und reicht sie Olyvar mit dem unbestimmten Gefühl, dass zu viele Dinge ungesagt bleiben werden... wieder einmal. "Wie haben die Kinder Dianthas… Fortgang aufgenommen?"
Me? I'm dishonest. And a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you have to watch out for, 'cause you can never predict when they're going to do something incredibly… stupid.

Olyvar

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11

Donnerstag, 8. Februar 2018, 19:16

Lamayta
(Ayaron: Gegenwart)

"Bad enough to know you’re going to come to some awful end without thinking about it aforetime." (Dolorous Edd in A Clash of Kings by G.R.R.Martin)

I feel like I did the right things for the wrong person, but the real sadness is that I'll never want to do those things again for anyone else.


Sie kehren der Wärme und staubigen Vertrautheit des kleinen, geheimen Raumes den Rücken und kehren in die kühle, graue Trostlosigkeit des Westflügels zurück, und ein Blick aus den hohen Fenstern mit ihren bleigefassten Butzenscheiben offenbart ihnen, dass es längst stockfinster ist und immer noch regnet. Nach allem, was er erzählt hat, nach allem, was er preisgegeben hat, fühlt Olyvar sich wie ausgewrungen. Schuldig und erleichtert, auch wenn er weiß, dass dieses Gefühl eine trügerische Illusion ist, die wohl bald wieder verfliegen wird, denn es hat nicht das geringste geändert… außer, dass er den beiden Frauen das furchtbare Wissen, das er so lange mit sich allein herumgetragen hatte, nun genauso aufgebürdet hat. Trotzdem ist es lindernd zu wissen, dass er nicht mehr allein damit ist – wenigstens für den Moment. Auf Ninianes Frage hin zuckt er vage mit den Schultern. "Nicht gut, aber auf eine andere Art, als ich es erwartet hatte. Ich dachte Njáll wäre derjenige, den es am schlimmsten trifft, wisst ihr? Nicht nur, weil er Dianthas leiblicher Sohn ist, auch weil er der jüngste ist und… nun, er war schon immer ein wildes Kind. Aber er ist… er ist so brav geworden, dass es mir fast schon Angst macht, Nan. Versteh mich nicht falsch, ich weiß, dass es ihn mitnimmt, das kann jeder sehen, der Augen im Kopf hat. Aber ich hätte felsenfest damit gerechnet, dass er toben würde und überhaupt nicht mehr mit ihm zurechtzukommen wäre, wenigstens für eine ganze Weile nicht. Mit Trotz und Prügeleien könnte ich umgehen. Doch es ist Fianryn, die am wütendsten auf Diantha ist, und Fians Wut ist kalt wie Eis. Von Verständnis und der Tatsache, dass zum Scheitern einer Ehe zwei gehören, will sie überhaupt nichts wissen. Und Connavar… Connavar ist noch schweigsamer geworden, als er es ohnehin schon immer war, und weicht mir kaum noch von der Seite. Er scheint überhaupt nicht wütend zu sein, eher… besorgt. Sollte es nicht eigentlich anders herum sein? Ich bin ihr Vater, ich bin es doch wohl, der sich um sie sorgen sollte, gerade in ihrem Alter."

"Die Zwillinge werden vierzehn dieses Jahr, nicht wahr?" Erkundigt sich Arúen, während sie beiläufig ihren Lichtzauber erneuert.
"Aye, und Njáll zehn."
"Will er ein Ritter werden?" Fragt Niniane während sie die Halle des Westflügels durchqueren und wirft einen letzten, langen Blick durch den düsteren Raum mit seinen verhüllten Möbeln und seiner grauen Stille.
"Njáll macht sich gut mit dem Schwert, sehr gut sogar und er reitet wie ein kleiner Dämon. Aber D… seine Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er die Tempelschule beendet und dann irgendwo an eine Akademie geht."
"Wollte er das denn?"
"Nein, nie. Seit er sieben Sommer alt war, hat er mich täglich bekniet, ihn zu einem Ritter zu schicken, zu irgendeinem, ganz egal welchem."
"Dann kannst du ihm diesen Wunsch ja jetzt erfüllen."
"Ich habe es versucht. Ich wollte ihn zu Colevar geben, er hätte ihn bestimmt gern als Knappen angenommen. Aber er will nicht weg. Sagt, er wird mich jetzt auf gar keinen Fall allein lassen."
"Götter…"

"Hmpf. Wo sind meine Kinder hin verschwunden, Nan? Arúen? Im Sommer hatte ich noch welche, wisst ihr. Jetzt fühlt es sich eher an, als wären sie… ich weiß nicht… kleine überfürsorgliche Aufpasser. Sehr strenge Aufpasser."
"Sie spüren, wie… Kinder bekommen viel mehr mit, als man ihnen im Allgemeinen zutraut, Olyvar. Sie haben feine Antennen für die Befindlichkeiten ihrer Eltern. Und sie spüren, dass du sie brauchst. Das tust du doch, nicht wahr?"
"Natürlich. Aber ich kann auch nicht so tun, als wäre alles in Ordnung… oder würde je wieder gut werden. Ich kann ihnen nichts vormachen… und ich halte auch nichts davon, Kinder mit der Wahrheit zu verschonen. Das Leben passiert, ob man es will oder nicht. Wir werden mit der Zeit wohl einfach lernen müssen, allein zurechtzukommen. Eines kann ich euch jedenfalls versprechen – eine Frau werde ich mir ganz sicher nie wieder anlachen. Nichts für ungut ihr beiden, aber Rayyan hatte auch hier recht: es bringt nur Leid und Elend, wenn man versucht, gegen seine Prophezeiungen anzutrotzen, und nicht jeder ist Kalam und Karamaneh, Calait und Colevar, Azra und Borgil… oder Cron und du. Ich habe es mir zweimal angetan und es hat mir meine Kinder gebracht, deshalb kann und will ich es nicht bereuen, aber… nicht noch einmal. Nie wieder."
"Du bist kein Mann für Hurenhäuser, Olyvar," wirft Arúen mit einem feinen Lächeln ein und Niniane wirft der Anukispriesterin einen erstaunten Blick zu, der ihm selbst allerdings vollkommen entgeht, denn er schließt gerade die Tür zum Westflügel. "Was willst du tun, zölibatär leben?"
"Vielleicht," er zuckt noch einmal mit den Schultern, diesmal leichthin. "Vielleicht werde ich Templer." Leichthin ist auch sein Tonfall, aber eigentlich meint er es nicht so unverbindlich, wie es vielleicht klingen mag. Er denkt tatsächlich darüber nach. "Du hast keine Ahnung, wie oft Lady Gwyned mich im letzten Siebentag zum Essen in ihr Haus geladen hat. Sie hat eine unverheiratete Enkeltochter. Der Lord von Rhayader hat drei Töchter, die er gern unter die Haube brächte, aber keinen so unerschöpflichen Vorrat an gefülltem Kapaun und gebackenen Aalen." Er verzieht säuerlich seine Miene, als er Ninianes stichelnden Blick bemerkt. "Das Mädchen ist noch keine siebzehn, Nan, ein halbes Kind."
"Immerhin entwöhnt."

"Heiraten die Mädchen nicht für gewöhnlich jung hierzulande?" Wirft Arúen ein und er knurrt ein halblautes "Ifrinn!" hervor, während sie durch den langen Gang mit seinen hohen Bogenfenstern auf den Inneren Zwinger hinaus in Richtung seines Solars gehen. Hier ist kein Lichtzauber mehr vonnöten, denn alle vier Schritt erhellen Fackeln an den Wänden die Festung und die Hohepriesterin beendet ihre Magie mit einer knappen Geste. "Schon, aber doch keine Männer, die alt genug wären, ihr Vater zu sein!"
"Sag das Tallards jungem Weib," bemerkt Niniane trocken und er wirft ihr einen beleidigten Blick zu. "Hältst du mich für einen Mann wie Tallard?"
"Auf keinen Fall."
"Du bist vielleicht kein Mann für Hurenhäuser, Olyvar, aber du bist auch keiner für die Templerorden."
"Ja, nicht wahr? Außerdem wäre das doch die reinste Verschwendung. Oh, nun sieh uns nicht so an. Du hast uns den Uisge gegeben. Wir sind offiziell betrunken und dürfen sagen, was wir wollen."
"Offiziell betrunken, aye? Dann ist es wohl meine Pflicht dafür zu sorgen, dass ihr armen hilflosen Geschöpfe mit den vorlauten Mundwerken etwas zum Abendessen in den Magen und heißen Cofea bekommt, um euch wiederherzustellen, bevor ihr nach Hause wankt, ja? Hereinspaziert die Damen. Brenainn wird gleich etwas zu Essen aus der Küche heraufbringen."
Did we turn left last time, or right? What does it matter? Lost is lost.

The good thing about mages, I find, is that they die much like any other. You need to worry about what happens before that.

Arwen

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12

Sonntag, 18. Februar 2018, 20:49

Yunis
(Ayaron: Vertrauen)

Vertrauen – eine Hand, die zu verstehen gibt "du bist nicht allein".

Im toe Shoûrai casat Imhoêa.
(Ayaron: In der Zukunft liegt Hoffnung.)

Man muss durch die Nacht wandern, wenn man die Morgenröte sehen will.
(Khalil Gibran)




Ungeachtet der Antwort Ninianes ist Arúen klar, dass ihre Freundin nicht wirklich davon ausgeht, sie würde das, was sie heute erfahren hat an die große Glocke hängen oder damit hausieren gehen. Und so nimmt es nicht wunder, dass sich trotz der Worte kein Schatten über ihre Augen oder ihr Gesicht legt. Olyvar dagegen gibt ihr ohne großes Zögern die Einwilligung, mit Tyalfen darüber reden zu können wenn es notwendig sei. In Anbetracht der Dinge um die es geht und trotz der Freundschaft, die sie verbindet ein unschätzbarer Vertrauensbeweis, den Arúen mit einem respektvollen Neigen des Kopfes annimmt.

> Ist das dein Verlobungsring? <

"Ja." Arúen überlässt dem Freund ohne zu zögern ihre Hand, als er die Hand nach ihrer ausstreckt und sacht über das grüngoldene Feenholz und den tiefroten Karfunkelstein streicht. Und dass sie dabei vor Freude und Liebe zu ihrem abwesenden Gefährten strahlt, geschieht vollkommen unwillkürlich und lässt sich selbst bei dieser Gelegenheit und angesichts von Olyvars Schicksal (und den Schlägen desselben) nicht verbergen oder unterdrücken. Die Shida'ya kann (und will) dem Lord Commander weder vorwerfen, dass ihr ihr nicht zur Verlobung gratuliert, noch dass er den Blick abwendet und wortlos ihre Hand wieder freigibt. Sie kann ihn verstehen, vielleicht sogar besser als er je ahnen wird, denn sie weiß noch zu gut, wie es ihr selber in den ersten Jahren nach Hodors Verschwinden gegangen ist: Jedes andere, glückliche Paar erinnerte sie kalt und bitter an das, was sie verloren hatte. Und sich für andere mitzufreuen war eine Herausforderung, die sich in den ersten Jahren nur zu oft als schlicht unmöglich herausgestellt hatte.

Und dann ist der Moment gekommen, dass die Elbin und der Drachenländer sich ebenso erheben wie die Protektorin, sie Flasche und Becher zusammenräumen und sich daran machen, den warmen, staubig-geborgenen Kokon der geheimen Schatzkammer zu verlassen und in die kalte und trübe Wirklichkeit der leeren Halle im Westflügel zurückzukehren.
Als Olyvar angesichts der fortgeschrittenen Stunde erklärt, dass seine Kinder auf ihn warten würden, kommt Niniane der Hochelbin um einen Herzschlag zuvor mit der Frage, wie die Drei denn mit Dianthas Fortgang zurecht kämen. Und die Formulierung ist mehr als treffend, geht es der Priesterin durch den Kopf. Diantha hatte ihren Mann und auch die Kinder verlassen - nicht nur die Zwillinge aus Olyvars erster Ehe, sondern auch ihren leiblichen Sohn. Selbst in der Situation nach dem Eintreffen des Briefes mit der Nachricht vom Tod des Narrenkönigs und in dem Wissen, dass es noch viele Siebentage dauern würde, bis Olyvar nach Talyra zurückkehren würde (nicht zu reden von dem Risiko, dass er vielleicht auch noch den Tod finden könnte), hatte es die Immerfrosterin nicht in der Steinfaust bei den Kindern halten können. Eine Tatsache, die Arúen in diesem Moment nicht wirklich in der Lage ist nachzuvollziehen. Olyvars Antwort hingegen ist für sie ebenso unerwartet wie auf eine traurige Art verständlich, sowohl Njálls ungewohnter Gehorsam wie Connavars Schweigsamkeit oder Fianryns kalter Wut. Oder wie er den Namen seiner zweiten Frau nicht über die Lippen bringt. Sie Kennt das legt voller Verständnis ihre Hand auf seine. Immerhin hatte sie selber viele Jahresläufe gebraucht, ehe sie Hodors Namen wieder hatte aussprechen können.


"Nan hat Recht, Olyvar. Kinder kriegen sehr viel mehr mit, als wir Erwachsenen ihnen zutrauen… oder als uns lieb ist" Kurz zögert sie, doch dann entscheidet sie für dieselbe Offenheit und das selbe Vertrauen, dass ihre Freunde heute ihr erwiesen haben. "Tyalfen und ich… wir haben es uns vor Jahreskreisen unnötig selber schwer gemacht und das hat mich viele Tränen und ruhelose Nächte gekostet. Ich dachte, ich hätte es gut vor Rialinn verborgen, doch das war nur eine Illusion. Sie hat genau gespürt was mit mir los war und auch recht bald gewusst, was der Grund gewesen ist, wie ich dann sehr viel später erfahren habe.

Deinen Kindern geht es ebenso wie Deinen Freunden mit Dir so wie Dir mit Njáll: Jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, wie es in eurem Inneren um euch steht. Du bist für Deine Kinder immer ihr B-" Auch wenn Arúen mit dem Drachenländer immer die Stärke und Gelassenheit eines Bären in Verbindung gebracht hat, verkneift sie sich das Wort jetzt doch im allerletzten Augenblick, als ihr der Bärenanhänger in den Sinn kommt, den er nicht mehr trägt, der Geschenk Dianthas gewesen ist und vermutlich deren Kosenamen für ihn verkörpert hat. "Du bist für sie immer der Fels, IHR Fels in der Brandung des Lebens gewesen. Und jetzt spüren sie, dass Azurien Dich verändert hat, wieviel es Dich gekostet hat. Und das hat absolut gar nichts mit empathischen Elbensinnen zu tun, sie sind Deine Kinder und wissen es einfach in ihren Herzen. Es verunsichert sie und macht sie wütend, weil sie gegen das Schicksal machtlos sind. Lass sie für Dich da sein für eine Weile, wenn es das ist, was ihnen jetzt Halt gibt. Lass ihnen Zeit, so wie Du auch Zeit brauchst und irgendwann hast Du Deine Kinder wieder zurück, erwachsenere Versionen von ihnen vielleicht, aber sie werden wieder da sein."
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Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.
[Benjamin Franklin, (1706 - 1790)]

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