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Kizumu

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Sonntag, 23. März 2014, 22:19

Ya'aria - Unterwegs in Ardun

Der Nachmittag ist bereits weit fortgeschritten, als Shunjalinn das Zentrum Cap Arduns erreicht. Rund um den Rauthstâths, den roten Platz vor dem Thanre, brennen die Nachtlichter und Feuerkörbe, denn die Sonne, oder das, was man von ihr in dieser Jahreszeit zu sehen bekommt, ist schon lange wieder hinter dem Horizont verschwunden. Die Elbin hat die Kapuze sowieso schon tief ins Gesicht gezogen und vergräbt das Kinn mit einem erschrockenen Laut tiefer in Schal und Mantelkragen, als der über den offenen Platz pfeifende Wind ihr mit einem Mal entgegenweht. Während in den Herzlanden wahrscheinlich gerade die Schneeschmelze einsetzt und der Frühling langsam Einzug hält, herrscht im Norden Arduns noch immer strenger Winter.
Mit leiser Belustigung beobachtet sie eine kleine Gruppe junger Männer, die ihr vom Platz entgegen kommt und einen größeren Bogen um sie macht, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Die Elbin schnalzt leise mit der Zunge, woraufhin sich ihr ein Paar Pferdeohren und Grau´s Kopf zuwenden.
Wie immer, wenn sie in das Gesicht ihres Hundes sieht, verspürt Shunjalinn einen Hauch Wehmut. Während die rechte Seite des Hundegesichtes bis auf zwei kleinere Narben unversehrt ist, ist die linke Seite von dunklen Linien überzogen, auf denen schon seit über einem Jahr kein Fell mehr wächst und dort, wo eigentlich das goldgelbe Hundeauge blitzen sollte, ist nur noch eine dunkle Höhle. Wenigstens ist es sauber verheilt.. Ein Vielfraß- Weibchen, dass sich von dem mittlerweile zehnjährigen Rüden bei der Futtersuche gestört gefühlt hatte, hatte ihm diese Verletzungen zugefügt und es hatte Jariria, immerhin die beste Heilerin des Berges, einiges abverlangt, den Rüden am Leben zu erhalten.

Und das Pferd sieht kaum weniger übel zugerichtet aus.. In ihre Gedanken versunken klopft sie dem großrahmigen Rotfalben den Hals, was das Gæðingar mit einem durchaus zufrieden klingenden Schnauben quittiert.
Sie besitzt den Hengst erst seit knapp zwei Monden doch schon in dieser kurzen Zeit hatte sie sich, für sie selbst sehr unerwartet, an ihr neues Reittier gewöhnt. Seit Prins vor drei Jahren gestorben war, hatte sie sich kein eigenes Pferd mehr gekauft, sondern hatte sich bei Bedarf eines von Yaêlnar´s Pferden geliehen und wäre ihre Reise nach Cap Ardun nicht so dringend gewesen, hätte sie es auch weiterhin so gehalten. Aber die Stute die sie nach Torhof gebracht hatte, war in der Nacht vor ihrem Aufbruch an einer Kolik eingegangen. Und so war sie in einer Ecke des Pferdemarkts der großen Karawanserei auf das Gæðingar gestoßen, hatte sich nach einer sorgfältigen Untersuchung auch für den Hengst entschieden, sich jedoch vorgenommen, ihn nicht zu sehr ins Herz zu schließen.
Dieser Vorsatz hatte natürlich nicht sehr lange gehalten, und spätestens als er sie an einem trüben Morgen in Waîhstastain mit einem sanften Brummeln begrüßt hatte, hatte sie es aufgegeben den manchmal recht ungestümen Hengst aus ihrem Herzen auszuschließen. Einen wirklichen Namen hatte der Hengst allerdings noch immer nicht, aber er schien besonders gut auf „Kamel“ oder „Pferd“ zu hören und so war es bisher bei diesen Kosenamen geblieben.

"Passt schön aufeinander auf, ja?" Grinsend tätschelt Shunjalinn den Kopf des einäugigen Wolfshundes und streicht dann dem großen Rotfalben über die dunklen, narbenverzierten Nüstern. Jeder, der sich einem der beiden nähert, ist selber Schuld.. Die Elbin lässt Hund und Pferd in der großen Box im Stall des Badehauses von Cap Ardun, nimmt ihr Gepäck und macht sich auf den Weg ins Innere des Badehauses.
Sie hatte seit über einem Mond im Sattel gesessen und das letzte Mal, dass sie warmes Wasser gesehen hatte, war in Waîhstastain, vor über zwei Siebentagen gewesen. Sie weiß, dass sie es nur der Ausdauer und dem Sturkopf ihres neuen Reittieres zu verdanken hat, es um diese Jahreszeit überhaupt so schnell nach Cap Ardun geschafft zu haben. Den ganzen Weg von Torhof bis in die Hauptstadt Arduns hatten sie mit heftigen Winterstürmen zu kämpfen gehabt und mehr als einmal hatte die Elbin ernsthaft an der Idee, noch vor Ende des Taumondes in Cap Ardun sein zu wollen, gezweifelt.
Warme, feuchte Luft schläft ihr entgegen, als sie die große Eingangshalle der Badehäuser betritt. Die Fackeln an den hohen, mit blauen Fliesen bedeckten Wänden spenden ein warmes Licht. Nur wenige der gut gepolsterten Bänke an den Wänden werden momentan von einer Handvoll Besucher genutzt. Keiner der Menschen, die sich von ihrem Bad oder dem kalten Weg zum Badehaus erholen, würdigt die Elbin eines zweiten Blickes. Dies ändert sich auch nicht, als sie die Kapuze vom Kopf schiebt und den Blick auf zwei spitze Ohren und ihr rotes, in einem strengen Zopf geflochtenes Haar freigibt. Die Arduner waren schon immer gut darin, nur das zu sehen, was ihnen auch wirklich Vorteile bringt.
Die Elbin muss nicht lange warten, bis eine ältere Frau mit den ersten grauen Strähnen im Haar aus einer der vielen Türen die in die Halle führen, zu ihr tritt und sich leicht verbeugt. Sie trägt ein sehr einfaches, aus hellem Leinen gefertigtes Kleid, welches sie als eine der Bediensteten des Badehauses kennzeichnet. >Seid gegrüßt, meine Name ist Fjodora, wie kann ich Euch behilflich sein?< Shunjalinn lächelt die Menschenfrau freundlich an, die sich bemüht, die Elbin nicht zu sehr anzustarren. Auch wenn Cap Ardun die größte Stadt in Ardun ist und es hier durchaus eine bunt- gemischte Bevölkerung gibt, sind Elben doch eine Seltenheit. „Ich würde gerne ein Bad nehmen und ich hätte einige Wäsche draußen bei meinem Gepäck... Und ich möchte gerne wissen, ob Alesya heute arbeitet?“ Fjodora verbeugt sich erneut ehe sie antwortet. >Gerne bereite ich euch ein Bad vor und eines der Mädchen wird sich natürlich auch um eure Wäsche kümmern. Alesya hat heute Abend Dienst, gerne lasse ich sie rufen. Wenn ihr mir folgen wollt?< Die Frau weist mit einer kleinen Geste hinter sich auf eine der Türen und geht voraus.

Nur wenig später sitzt Shunjalinn in einem Zuber und schrubbt den Schmutz und die Kälte der Straße fort. Der Zuber, der in einer der vielen Nischen unter der Galerie steht, die den ganzen, kreisrunden Hauptsaal umspannt, bietet bequem drei bis vier Personen Platz. Die dicken, mit dunkelblauen, Daumennagel- großen Fliesen bedeckten Säulen verhindern, dass das helle Licht des riesigen Kronleuchters, der unter der hohen Kuppel hängt sie erreicht und so herrscht in den Nischen unter der Galerie Privatsphäre vorgaukelndes Zwielicht.
Die beiden Haupt- Becken, zwei ineinander zeigende Halbmonde, sind kaum belegt; nur hier und da haben es sich ein paar Arduner in den in den Beckenrand eingelassenen Sitzgelegenheiten bequem gemacht und genießen sowohl die Wärme und Stille als auch die Leichtigkeit des leicht salzigen Wassers.
Bis auf ein weites, einfaches Hemd hatte sie alle Kleider an das von Fjodora herbeigerufene Mädchen übergeben. Die junge Magd hatte sich verneigt und hatte versprochen, in etwa einer Stunde mit den gewaschenen und getrockneten Kleidern wiederzukommen. Sie genießt die Stille, die in den gefliesten Hallen des Badehauses um diese Uhrzeit herrscht; im Moment kann sie nur ihren eigenen Atem und das leise Plätschern ihres Badewassers hören. Bei ihrer Ankunft hatte sie weder Hunger noch Durst, doch mittlerweile knurrt ihr der Magen. Hoffentlich kommt Alesya bald…
Nachdem die Elbin sich endlich sauber genug fühlt, lehnt sie sich im warmen Wasser zurück und lässt ihre Gedanken ziellos treiben, bis die junge Menschenfrau schließlich leise hinter der Elbin an den Zuber tritt. >Shunjalinn… euch habe ich so früh im Jahr noch nicht erwartet.< Es raschelt leise, als die junge Badefrau einen Stapel Briefe aus einer tiefen Tasche ihres Kleides holt. Die Elbin wendet sich bei den leisen Worten um und blickt in das hübsche Gesicht Alesyas. Ich habe vergessen, was für eine Schönheit sie ist. Das blonde, hüftlange Haar hat sich die Baderin heute ebenfalls in einem strengen Zopf nach hinten gebunden und Shunjalinn kann nicht umhin, die hohen Wangenknochen, die schmale Nase zwischen zwei großen, himmelblauen Augen und den fein-geschwungenen Mund zu bewundern. Als sich ihr Blick schließlich von ihrem schönen Gegenüber abwendet und auf die Briefe in deren Hand fällt, kann sie sich gerade noch davon abhalten, einfach nach den Briefen zu greifen.
Als sie im Spätsommer in Richtung Torhof aufgebrochen war, hatte sie gehofft, mindestens einen oder zwei Briefe aus Talyra dort vorzufinden oder aber vor dem Wintereinbruch zu erhalten, doch diese Hoffnungen waren mit dem ersten, heftigen Schneefall gestorben. Und so ist sie mehr als nur gierig, die Briefe, die Alesya für sie im Badehaus Cap Arduns empfängt und aufbewahrt entgegen zu nehmen und zu lesen. Aber anstatt der Baderin die Briefe unhöflich zu entreißen, greift Shunjalinn nach den warmen Händen der Menschenfrau und drückt sie sacht. „Alesya, meine Liebe, es ist auch schön, dich wieder zu sehen. Ich hoffe, Alexej ist wohlauf?“ Das Lächeln der Baderin verblasst für einen Herzschlag, wird aber gleich wieder warm und herzlich. >Ja, Alexej ist wohlauf, auch wenn ihm der Winter in diesem Jahr sehr zu schaffen gemacht hat. Zweimal mussten wir einen Aniran holen, weil der Husten so schlimm war…< Shunjalinn gibt einen besorgten Laut von sich und kann es schließlich nicht mehr verhindern, einen sehnsüchtigen Blick auf den beachtlichen Stapel Pergament zu werfen. Dieser Blick entgeht Alesya natürlich nicht und mit einem leisen Lächeln reicht sie Shunjalinn die obersten zwei Briefe. >Vom Waldhof in Talyra und aus der Steinfaust... sie kamen an, kurz nachdem ihr aufgebrochen seid.< Bevor Alesya der Elbin die Briefe übergibt, reicht sie Shunjalinn eines der Handtücher, damit diese sich die Hände abtrocknen kann.
Während Shunjalinn den ersten Brief vorsichtig entfaltet und sofort mit dem lesen beginnt, legt die Baderin die restlichen Briefe ein wenig abseits vom Zuber entfernt ab und setzt sich dann auf eine der Ruhebänke am Rand ihrer Nische um dort abzuwarten.

Shunjalinn hat den Brief ihres Sohnes als erstes geöffnet und kann nicht umhin bei den gut geschilderten Geschichten über ihre Enkelin manches Mal leise aufzulachen. Das Leben auf dem Waldhof scheint in sehr geregelten und vor allem ungestörten Bahnen zu verlaufen und die Elbin atmet erleichtert auf, nimmt ihr dies schließlich so manche Sorge.
Sie liest Ierás Brief noch ein zweites Mal und versucht die ganze Zeit, wie schon so oft, sich das kleine, zarte Gesicht ihrer Enkelin vorzustellen. Und wieder gelingt es nicht richtig.. Dieser Gedanke schmerzt, doch sie kennt diesen Schmerz schon zu lange, um nicht damit umgehen zu können und so schiebt sie ihn beiseite, um sich schließlich dem Brief von Olyvar zuzuwenden. Auch dieser Brief ist voller Geschichten über die Zwillinge, die es ihr ermöglichen, sich das Leben ihrer Kinder ein wenig vorzustellen. Wie auch schon der Brief ihres Sohnes, so weckt auch der Brief des Lord commanders der Steinfaust eine Sehnsucht in ihr, die nur schwer wieder einzudämmen ist. Doch wie immer gegen Ende seiner Briefe erzählt der Lord Commander der Steinfaust vom Leben in der Stadt und den verschiedenen Gerüchten, die auf den Straßen so erzählt werden. Für einen Außenstehenden mögen dies belanglose Neuigkeiten sein, doch für sie bedeutet das Fehlen einer ganz bestimmten Neuigkeit, dass ihr Eindruck vom ruhigen, ungestörten Leben auf dem Waldhof nicht falsch ist und das ihr Sohn und seine kleine Familie in Sicherheit sind.
Einige Herzschläge lang ruht ihr Blick noch auf dem mitgenommen wirkendem Papier, ehe sie es schafft, ihre Gedanken wieder aus Talyra zurück nach Cap Ardun zu holen. Mit einem leisen Seufzen faltet sie die Briefe vorsichtig zusammen und übergibt beide Alesya, bevor sie sich aus dem Badewasser erhebt und vorsichtig aus dem Zuber klettert. Dabei ist sie sich des Blickes, den die junge Baderin ihr zuwirft, durchaus bewusst und tut der anderen Frau den Gefallen und bleibt kurz stehen. Sie spürt das Wasser, das ihre Hüften umspielt und weiß, dass die große Narbe auf ihrem Bauch im weichen Dämmerlicht kaum auffällt. Alesyas Blick wandert ruhig von der Wasseroberfläche über Bauch und Oberkörper und endet schließlich im Gesicht der Elbin, die ihrerseits amüsiert die Menschenfrau betrachtet. Alesya reicht ihr schließlich erst ihre Hand zum Festhalten und dann ein weiteres Handtuch. Nachdem Shunjalinn den festen Boden unter ihren Füßen wieder hat, legt sie sich das große, weiche Handtuch eng um den Körper und setzt sich auf die Bank, auf der Alesya eben noch gesessen hatte.

„Was gibt es Neues? Ist Yaêlnar in der Stadt?“ Sie hat sich den Stapel Briefe genommen und blättert diese jetzt langsam durch, bis sie auf einen Absender stößt, der ihr Interesse weckt, noch ehe Alesya antworten kann. „Bèrengiar MacMurchú? Der blonde Bèrengiar? Von ihm haben wir ja lange nichts gehört..“ Shunjalinn beäugt den Brief aus Lair Draconis, der wie alle anderen auch durchaus mitgenommen wirkt, misstrauisch, während die Baderin schließlich antwortet. Allerdings ist die Elbin so vom Betrachten der Briefe abgelenkt, das sie den leicht nervösen Unterton in der Stimme der Frau nicht mitbekommt. > Yaêlnar ist in der Stadt und wohnt im Moment bei Maester Jakow. Bis auf die da…< Alesya deutet auf den Stapel Briefe in Shunjalinns Händen. >war es ein sehr langweiliger Winter mit wenig Neuigkeiten. Aber der Bote, der den Brief von Sire Bèrengiar gebracht hat, der hat es einige Tage ganz schön wild getrieben; war in der roten Mühle und ist vier Tage nicht herausgekommen und dann mussten sie ihn raus und direkt ins Spital rübertragen….< Die junge Frau lacht leise bei der Erinnerung und Shunjalinn kommt nicht umhin zu denken, dass der Winter in der Stadt wirklich ausnahmslos langweilig gewesen sein muss. Sonst wäre so ein einzelner Trunkenbold Alesya doch nicht im Gedächtnis geblieben…<
Die beiden Frauen sitzen noch eine ganze Weile in Wärme und Zwielicht und Alesya hat gerade angesetzt, Shunjalinn über alles zu informieren, was sie in den letzten sieben Monden verpasst hat, als das junge Mädchen mit ihrer sauberen und trockenen Kleidung, einer Karaffe Rotwein, etwas Brot, Butter und Käse zurückkehrt. Shunjalinn hört der jungen Frau aufmerksam zu und versucht sich alles genau einzuprägen, während sie ihren Hunger an der einfachen Mahlzeit stillt.

Als die Elbin schließlich mit frisch gewaschener Wäsche am Leib und im Kleiderbeutel die Badehäuser wieder in Richtung Stall verlässt, summt ihr der Kopf von den kleinen und großen Informationsbrocken, der warmen, feuchten Luft der Badehäusern und dem Wein.
Im Stall empfängt sie angenehm kühle, nach Heu und Stroh duftende Luft und das dunkle Brummeln ihres Pferdes. Grau, der mit dem Gæðingar in der Box gewartet hatte, erwacht erst aus seinem Alt-Herren- Schlaf, als die Elbin die Boxentür öffnet und damit beginnt, das Pferd zu satteln und schreckt mit einem leisen Wuff auf. Es dauert einen Augenblick, ehe der Rüde auf die Füße kommt und erst als Shunjalinn dabei ist, Pferd aufzutrensen, ist der große Wolfshund fertig damit, sich zu strecken. Der Rüde reibt seinen Kopf an ihrem Bein und gibt ein leises Grummeln von sich, als sie ihn hinter dem Ohr krault. „Komm mein Alter, es ist nicht weit bis zu Maester Jakow´s Haus und dort kannst du dich erst einmal ausruhen… Der Maester hat immer ein Feuer in seinem Kamin und viel Platz davor.“ Die Erkenntnis, das ihr treuer Gefährte langsam in ein Alter kommt, in dem er die Strapazen einer solchen Reise nicht mehr einfach so wegsteckt, kommt der Elbin nicht zum ersten Mal, doch wie so oft schafft sie es schnell, die Traurigkeit die dann in ihr aufsteigen will, beiseite zu schieben. Über den Tod ihres Hundes kann und will sie sich keine Gedanken machen; wenn sie damit beginnt, würde sie wieder in der Traurigkeit versinken. Ich könnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, und das kann nur in einer Katastrophe enden…

Der Abend ist bereits weit fortgeschritten, als die Elbin schließlich das Anwesen des alten Maesters erreicht. Das Tor zur Straße ist allerdings noch geöffnet und so kann Shunjalinn gleich in den ummauerten Hof reiten, wo sie vor dem Wind, der durch die breiten Straßen des Stadtviertels weht, geschützt ist. Im Haus selbst ist bis auf die Kerzen im Studierzimmer alles dunkel und still. Es sieht so aus, als wäre Maester Jakow noch in der Stadt unterwegs. Da sie weiß, das der Gelehrte einen großen Haushalt mit einer Menge Gesinde führt, macht sie sich allerdings keine Sorgen darum, jetzt auf Jakow warten zu müssen. Shunjalinn steigt vom Pferd, geht die vier Stufen zu der großen, reich verzierten Eingangstür hinauf und klopft viermal. Es dauert nicht lang, da kann sie hinter der Tür Schritte hören und als diese sich dann einen Spaltbreit öffnet, erkennt sie Jewgeni, Jakows persönlichen Diener. >Lady Shunjalinn, ihr seid früh zurück! Kommt herein, ehe ihr euch da draußen den Tod holt..< Jewgeni öffnet die Tür weit und macht eine einladende Geste ins Innere des Hauses hinein. >Jurji, Bursche komm her und kümmere dich um das Pferd und das Gepäck der Lady!< Aus den Tiefen des Hauses ertönt eine Antwort auf die Anweisung des Dieners und nur wenig später durchschreitet ein junger Mann die Eingangshalle des Hauses. Er wirft ihr ein freundliches Lächeln zu und verspricht, auf sich acht zu geben, als sie ihn auf die misstrauische Natur ihres Reittieres hinweist.

Sie wird zuerst in das Empfangszimmer geführt, in dem immer ein Feuer im Kamin brennt und Jewgeni lässt es sich nicht nehmen, ihr gleich ein Glas Bernsteinwein einzuschenken und nötigt sie förmlich, sich auf einen der bequemen Sessel zu setzen und sich auszuruhen. Als er dann noch beginnt, das Feuer weiter anzuschüren und dabei nach Anna, der Köchin ruft, kann Shunjalinn es nicht vermeiden, leise zu lachen. „Jewgeni, es ist in Ordnung, ich bin schon ein paar Stunden in Cap Ardun und war bereits in den Badehäusern. Mir ist nicht kalt und ich bin auch nicht hungrig.“ Der ältere Mann mit dem dichten, schwarzen Haar blickt vom Kamin auf und sieht die Elbin einen Moment lang etwas verwirrt an, ehe er antwortet. >Oh. Natürlich. Aber… Ja. Aber ich werde dem Mädchen sagen, dass es ein Zimmer vorbereiten soll… oder.. ähm.< Shunjalinn kann nicht umhin, den Diener einen Moment verwirrt anzusehen. Sie hatte Jewgeni bisher als sehr eloquenten Mann kennengelernt, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt; schon gar keine spontanen Gäste. „Jewgeni, ist alles in Ordnung? Was ist geschehen?“ Der Mann sieht sie einen Augenblick lang ein wenig verzweifelt an, ehe er sich selbst in einem Sessel niederlässt und das Gesicht in seinen Händen verbirgt. >Verzeiht mir mein Verhalten; Maester Jakow ist momentan im Thanre und um ehrlich zu sein, ist momentan ein etwas ungünstiger Zeitpunkt für eure Rückkehr. Gainá af Gauti macht erneut Stimmung gegen den Einfluss, den Herr Yaêlnar mittlerweile in der Handelsgilde besitzt und ihr wisst ja selbst, das Gainá nur eine Person noch weniger mag als unseren Herrn Yaêlnar.. Euch.< Jewgeni lächelt entschuldigend, doch er erzählt ihr nichts Neues. Der Herr des Hauses Gauti hatte noch nie ein Geheimnis um seine Abneigung gegenüber Yaêlnar und ihr selbst gemacht. Den Göttern sei Dank standen sowohl Jakow, Yaêlnar und sie selbst durchaus in der Gunst des Thanes und so waren die kleinen Sticheleien des Adligen bisher immer ohne Auswirkungen für sie alle geblieben. Aber das ist noch nicht alles… Shunjalinn kennt den Diener ihres Gastgebers mittlerweile gut genug um zu wissen, das ihn noch etwas ganz anderes aus dem Gleichgewicht bringt. Doch solange er den Mund nicht aufmacht, kann ich ihm nicht helfen. Die Elbin wirft dem Mann ein aufmunterndes Lächeln zu und schämt sich ein kleines bisschen, so erleichtert zu sein, als ein junges Mädchen leise den Raum betritt. >Das Zimmer für die Lady ist fertig. Jurji hat euer Gepäck bereits nach oben gebracht.< Das Mädchen, Lenja wenn Shunjalinn sich richtig erinnert, lächelt ein wenig nervös und geht der Elbin dann die Treppe hinauf voraus.
Lenja hatte ihr das übliche Zimmer vorbereitet und Shunjalinn lässt sich mit einem wohligen Seufzen auf das frisch bezogene Bett fallen, während Lenja noch die Waschschüssel auf dem Nachttisch mit frischem Wasser füllt. Grau lässt sich mit einem leisen Grunzen auf einem der Teppiche vor dem Kamin nieder und ist beinahe sofort eingeschlafen. Shunjalinn, die genauso müde wir ihr Hund ist, schließt einen Moment die Augen und genießt den frischen Wäscheduft und die sich langsam ausbreitende Wärme des Feuers. „Danke, Lenja, ich denke, ich habe alles was ich benötige.“ Das Mädchen nickt, wünscht ihr eine gute Nacht und verlässt dann das Zimmer.

Bis auf das Prasseln des Feuers im Kamin und Grau´s leises Schnarchen ist es still im Zimmer und so sehr sich Shunjalinn auch anstrengt, sie kann keine Geräusche im Haus ausmachen. Ob Yaêlnar schon ruht? Obwohl sie so müde ist, dass sie sich eigentlich nicht vorstellen kann, in den nächsten zehn Stunden noch einen einzigen Finger zu rühren, treibt dieser Gedanke sie doch noch einmal auf die Füße. Schnell schlüpft sie aus ihren warmen Stiefeln, den gefütterten Hosen und den drei Hemden, die sie in mehreren Schichten vor dem kalten Wind der Stadt geschützt hatten und schlüpft in eines ihrer weichen, weiten Hemden. Sie hatte das Haar nach ihrem Besuch im Zuber wieder eingeflochten und als sie den Zopf jetzt wieder öffnet, fällt es ihr noch immer leicht feucht in feinen Wellen bis weit auf den Rücken. Die Elbin fährt sich mit beiden Händen durch das Haar um es etwas aufzulockern. Seit ihrem Aufbruch aus Talyra vor beinahe acht Jahresläufen hatte sie es nicht mehr geschnitten und es erstaunt sie jedes Mal aufs Neue, wie lang es in dieser Zeit geworden war.
Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel huscht die Elbin barfuß auf den dunklen Flur hinaus. Auch ohne die elbischen Sinne braucht sie kein Licht, sie kennt jeden Sekhel zwischen ihrem und Yaêlnar´s Zimmer und so ist sie nach nur wenigen Schritten an der breiten Tür angelangt. Sie kann das Licht einer einzelnen Kerze unter der Tür hindurchscheinen sehen und mit einem Lächeln hebt sie die Hand um an die Tür zu klopfen. Sie hatten sich lange nicht gesehen und plötzlich ist die Sehnsucht nach dem Silberschmied aus dem Riathar so groß, dass es schmerzt.

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Samstag, 13. Februar 2016, 17:05

Dieselbe Nacht im Taumond 514

Ihre Hand ruht einen Herzschlag lang auf dem Türknauf, ehe sie die Tür langsam und sehr leise ein Stück weit aufschiebt. Im Zimmer brennt eine einzelne Kerze, die hauptsächlich das große, mit einem Baldachin versehene Bett erleuchtet. Der guten Ausleuchtung zum Trotz dauert es einen Augenblick, ehe Shunjalinn die Szene vor sich einordnen kann und als sie es tut, ist sie froh, die Tür nur so knapp und so leise geöffnet zu haben.
Das Kerzenlicht schimmert auf Yaêlnar´s honigfarbener Haut, welche einen schönen Kontrast zur milchweißen Haut der Menschenfrau bildet, die rittlings auf dem Elben sitzt. Auch wenn das schwarze Haar das Gesicht zu einem Großteil verdeckt, erkennt Shunjalinn die oberste Magd ihres Gastgebers.

Unendlich leise zieht Shunjalinn die Tür wieder ins Schloss. Das Stoßgebet, das sie dabei spricht, ist an niemand speziellen gerichtet, doch sie scheint erhört zu werden; die beiden sind so ineinander und ihr Liebesspiel versunken, vermutlich hätte Shunjalinn die Tür auch ganz normal schließen können.
Für einen Moment ist die Elbin unsicher was sie jetzt eigentlich empfinden soll, doch dann fallen ihr all die sehnsuchtsvollen Blicke wieder ein, die Yaêlnar der Menschenfrau zugeworfen hatte wann immer sie in Jakows Haus geweilt hatten und damit überwiegt die Freude für den Freund. Er hatte den Mut gefunden, sich auf die Sterbliche einzulassen und auch wenn Shunjalinn genau weiß wie sich das anfühlt, ist sie doch davon überzeugt, dass der Augenblick, das Hier und Jetzt zählen sollte und nicht der Gedanke an eine dreißig oder vierzig Jahre entfernte Zukunft. Während sie diesen Gedanken nachhängt stößt sie sich leise von der Wand ab an der sie gelehnt hat und macht sich auf den Weg in ihr Zimmer.

Weit kommt sie allerdings nicht, denn mit einem Mal öffnet sich die Tür zu einem der wenig benutzten Gästezimmer. Und das Gesicht, welches ihr hier entgegenblickt erschreckt die Elbin beinahe zu Tode. „Siran? Was bei allen Göttern tust du denn hier?“ Im allerletzten Moment erinnert sie sich, das sie eigentlich mucksmäuschenstill sein sollte und so ist ihre Stimme ein heiseres Flüstern. Mit einem großen Schritt ist sie bei ihrer Nichte und schiebt diese beinahe unwirsch ins Zimmerinnere.
Shunjalinn schließt auch diese Tür sehr leise und eigentlich hätte sie gerne die Stirn gegen das Holz gelehnt und ihre Gedanken gesammelt. Die rasen nämlich im Moment immer im Kreis um den einen; Siranria hat den Riathar verlassen und ist in Cap Ardun. Sie atmet zweimal sehr tief ein und wieder aus, ehe sie sich der jungen Elbin zuwendet. „Möchtest du mir einmal erklären, was du hier tust? Bist du allein? Wissen deine Eltern wo du dich herumtreibst? Warum bist du nicht im Berg? Und hättest du mich nicht wenigstens vorwarnen können? Deine Mutter bringt mich um.“ Die junge Elbin hat zumindest den Anstand, etwas rot um die Nasenspitze zu werden, was sie aber nicht davon abhält ihrer aufgebrachten Tante offen ins Gesicht zu schauen. > Khel'Anar Dían, es freut mich auch, dich wiederzusehen. Ai, ich bin allein hierhergekommen und nein, meine Eltern wissen nicht, wo ich gerade bin..< Shunjalinn schnappt ob dieser doch recht knappen Antwort und der jugendlichen Arroganz die in der Stimme ihrer Nichte mitklingt, nach Luft, möchte etwas erwidern und schließt dann doch unverrichteter Dinge wieder den Mund. Ihr Götter, was habe ich euch getan, dass ihr mich so straft? Sie lässt sich, plötzlich todmüde, in einen der Sessel vor dem kleinen Kamin fallen und deutet Siranria mit einer sehr vagen Geste, sich ebenfalls zu setzen. Es dauert einige Herzschläge, ehe die Jüngere dieser Aufforderung folgt und sich ebenfalls setzt. Auch wenn sie es gut versteht, ihre Nervosität zu verbergen, entgeht Shunjalinn diese nicht. Siranria war ihr von ihren Nichten und Neffen vom ersten Moment an die Liebste gewesen und so kennt die Elbin sie gut. Einmal ganz davon abgesehen, das wir uns ähnlicher sind, als irgendjemandem lieb sein kann. Nur mühsam kann sie ein Lächeln unterdrücken und versucht stattdessen, möglichst ernst zu schauen. „Ich werde gleich morgen einen Raben zum Riathar schicken, um deinen Eltern zumindest diese Unsicherheit zu nehmen.“ Es ist deutlich zu erkennen, dass die junge Elbin von der Idee eigentlich nicht so begeistert ist, aber solange ihre Tante nicht davon redet, sie postwendend wieder nach Hause zu schaffen, schluckt sie jedes Widerwort. Wieder herrscht für einige Momente Stille, doch sie ist längst nicht mehr so angespannt, wie vorher. Shunjalinn holt einmal tief Luft und atmet hörbar aus, ehe sie die Frage stellt, vor der ihre Nichte sich vermutlich am meisten fürchtet. Und da Shunjalinn ahnt, dass jede Antwort der Jüngeren nicht die sein wird, die sie gerne hören möchte, lehnt sie sich in dem Sessel zurück und legt beide Arme auf die weichgepolsterten Armlehnen. So kann ich wenigstens nicht einfach vom Stuhl fallen… „Und was willst du jetzt tun?“

Wieder herrscht eine Weile Schweigen; Shunjalinn kann genau erkennen, dass die Gedanken ihrer Nichte gerade mindestens genauso wild im Kreis jagen wie ihre eigenen vorhin. Auch wenn sie eigentlich weiterhin ernst bleiben müsste und vermutlich viel strafender schauen sollte, lächelt sie aufmunternd. Es würde ihnen auch nicht helfen, wenn Siranria jetzt bockig würde und ihre wahren Absichten verschwieg. Siranria, die glaubt, in ihrer Tante lesen zu können wie in einem Buch, scheint sich durch das aufmunternde Lächeln tatsächlich etwas erweichen zu lassen. Auch sie atmet hörbar ein und aus und als die Luft aus ihren Lungen entweicht, wird ihre ganze Haltung weicher, die aufgesetzte Härte verschwindet und zurück bleibt eine junge, unsichere Elbin. >Ich weiß es eigentlich gar nicht. Ich wollte einfach nur bei dir und Yaêl sein.< Ohne groß darüber nachzudenken erhebt Shunjalinn sich aus dem Sessel und ist mit zwei kleinen Schritten bei ihrer Nichte. Sie setzt sich auf die Lehne neben ihre Nichte, legt beide Arme um die schmalen Schultern und zieht das Mädchen an sich. „Ach Siran, min Týll, deswegen machst du dich ganz allein auf den Weg und ziehst durchs halbe Land und das ohne zu wissen, ob ich überhaupt hier bin?” Shunjalinn kann sich gerade noch davon abhalten, ihrer Nichte eine Kopfnuss zu erteilen, stattdessen belässt sie es bei einem sanften Streicheln über den Kopf. „Wie lange bist du überhaupt schon hier?“ >Drei Siebentage.. Maester Jakow war sehr freundlich… er hat mich gleich erkannt und mich als seinen Gast willkommen geheißen, obwohl weder du noch Yaêl in Cap Ardun wart.< Shunjalinn beschließt, die Tatsache zu ignorieren, dass Siranria ohne die Gastfreundschaft Jakows mehrere Siebentage lang in der Stadt geweilt hätte, ohne irgendjemanden hier zu kennen, denn der Gedanke daran, was ihr alles hätte passieren können, ist nicht gerade beruhigend. Stattdessen legt sie die Stirn an Siranrias Kopf, schließt die Augen und entscheidet, dass an dem Sprichwort, das nichts so heiß gegessen werde wie es gekocht wird, viel Wahres ist und sämtliche Entscheidungen auch bis morgen würden warten können. „Lass uns schlafen gehen, min Nar. Morgen ist auch noch ein Tag an dem wir uns den Kopf zerbrechen können.“ Shunjalinn merkt, wie sich ihre Nichte noch weiter entspannt, erhebt sich von der Lehne des Sessels, zieht ihre Nichte an der Hand aus demselben und schiebt sie mit einem Lächeln in Richtung des großen, weichen Bettes. Sie wartet nicht ab, ob ihre Nichte sich nun auch wirklich bettfertig macht, sondern geht schnurstracks zur Tür. Die Hand schon auf der Klinke dreht Shunjalinn sich noch einmal halb zu Siran um. „Tin Sirâd dhadariot min Nar ôr Shiara“


Dían – Tante
Ai – Ja
Týll - Frosch
Khel'Anar – Guten Abend/ Nacht
Tin Sirâd dhadariot min Nar ôr Shiara - Dein Anblick erfüllt mein Herz mit Freude

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Sonntag, 6. August 2017, 16:22

Am nächsten Morgen im Taumond 514

Das Haus Maester Jakows ist ein großes, geschäftiges Haus und so wundert es Shunjalinn nicht, dass ihre Nachtruhe wesentlich kürzer ausfällt als gewünscht und sie bereits kurz nach Sonnenaufgang; welcher ja den Göttern sei Dank noch winterlich spät ist; aus ihrer Trance erwacht. Sie hört die Dienstboten im Haus rumoren; Holz das neben einem Kamin zu Boden poltert, Türen die sich öffnen und schließen und Stimmen die Anweisungen geben oder den Empfang derselben bestätigen. In der Werkstatt im Hof fällt etwas mit metallischem Scheppern zu Boden und wird von einem lauten Fluch und einer gleich lauten Zurechtweisung gefolgt. Grau, der im Laufe der Nacht zu ihr aufs Bett gezogen war, erwacht mit einem leisen „Wuff“ aus seinem Alt-Herren-Schlaf, legt den Kopf aber sogleich wieder auf seinen Vorderpfoten ab, als er feststellt, dass der Lärm sie beide nichts angeht.
Auch wenn sie noch nicht wirklich ausgeruht ist, hält es Shunjalinn nicht mehr allzu lange in ihrem Bett und so schwingt sie nach wenigen Minuten in denen sie mit geschlossenen Augen dem rumoren im Hause lauscht, dann doch die Beine über die Bettkante.

Als sie das große Speisezimmer des Hauses betritt, findet sie Maester Jakow bereits wieder auf den Beinen vor. Die Gesichtszüge des Maesters erhellen sich als er von einem Brief aufsieht und sie erkennt. >Shunjalinn, welche Freude euch zu sehen.< Mit diesen Worten macht der alte Mann Anstalten sich von seinem hohen Lehnstuhl zu erheben, doch die Elbin macht ein paar rasche Schritte auf ihn zu. Mit jedem Mal sieht er älter und gebrechlicher aus Der Gedanke ist nicht schön und er lässt ihr Lächeln für einen Augenblick wehmütig werden. Doch als sie bei Jakow ankommt, greift sie seine warme Hand und drückt diese sanft. „Es ist schön, wieder hier zu sein. Geht es euch gut? Jewgeni sagte gestern, ihr wäret in den Thanre gerufen worden.“ Sie lässt sich auf dem Stuhl neben Jakow nieder und behält das Mienenspiel des Gelehrten fest im Blick. Jakow drückt ihre Hand noch einmal kurz, dann lässt er sie los und greift nach dem Brief den er bei ihrem Eintreten beiseitegelegt hatte. >Ja, mir geht es gut, macht Euch keine Sorgen. Der Thane schläft in den letzten Monden immer sehr schlecht; seine Träume plagen ihn sehr. Und so nutzt er die Zeit oft, sich mit seinen verschiedenen Beratern zu besprechen.< Für einen Moment verharrt Jakow und Shunjalinn kann an seinem abwesenden Gesichtsausdruck erahnen, dass seine Gedanken wieder bei dem Schriftstück weilen. Doch sie kennt den Mann jetzt lange und gut genug, um ihn jetzt aus diesen Gedanken herauszureißen und so schweigt sie und wendet sich erst einmal dem Frühstückstisch zu.
>Er sagt, er träumt von ihr, wisst Ihr? Von Ceres. Und es sind keine guten Träume... Ihr wisst ja, wie sie gestorben ist.< Jakows Stimme ist sehr leise, als spräche er zu sich selbst und Shunjalinn bleibt nichts anderes zu tun, als zu nicken. Sie hatte natürlich von dem Wahnsinnigen gehört, der in Talyra vor einigen Jahresläufen sein Unwesen getrieben hatte und hatte ebenfalls gehört, dass die ehemalige Geliebte des Thane von Ardun zu seinen Opfern gezählt hatte. Noch ehe sie etwas erwidern kann, straffen sich die Schultern des alten Mannes unter seinem Gewand und er hebt den Kopf um sie direkt anzusehen. >Shunjalinn, lasst uns von etwas anderem sprechen, wir haben noch den ganzen Tag Zeit und ich habe momentan andere wichtige Neuigkeiten für euch…< Bei diesen Worten schafft es der Gelehrte trotz seiner beinahe 75 Sommer wie ein Schuljunge beim Beichten eines Streiches auszusehen. Shunjalinn, die eine sehr genaue Vorstellung davon hat, was er ihr hier sagen möchte, unterdrückt ein Schmunzeln und nimmt sich vor, es ihm nicht ganz so einfach zu machen. Und so schweigt sie, während Maester Jakow vermutlich gerade überlegt, was er zuerst ansprechen soll, den unangekündigten und wochenlangen Besuch eines Ausreißers oder die doch etwas anrüchige Liaison seiner obersten Magd. Schließlich ringt der alte Mann sich zu einer Entscheidung durch, nicht ohne sich noch einmal etwas aufrechter hinzusetzen. >Eure Nichte Siranria weilt seit etwa drei Siebentagen als Gast in meinem Haus. Sie hat gesagt, Ihr hättet sie gerufen und sie sei schneller vorangekommen als gedacht und ob sie vielleicht hier auf Euch warten könnte. Natürlich habe ich die Familienbande auch sofort erkannt…< Hier tätschelt er tatsächlich beruhigend Shunjalinns Hand die neben dem unberührten Frühstücksgeschirr auf dem mit Leinen bedeckten Tisch ruht. >Und habe sie in meinem Haus willkommen geheißen. Und ich muss sagen, sie ist eine wirklich freundliche, muntere junge Frau und ein überaus angenehmer Gast.< Shunjalinn ringt mit sich, ob sie ihn darüber informieren soll, dass die freundliche, muntere junge Frau ihm ins Gesicht gelogen hatte als es um den Grund ihres Hierseins ging, beschließt dann aber, Siran nicht der Sympathie ihres Gastgebers zu berauben. Denn wenn Jakow eines nicht mag, dann ist es angelogen zu werden. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als erfreut zu lächeln und zu improvisieren. „Das ist wunderbar, dass sie so schnell hier sein konnte. Wisst ihr, ich habe mir gedacht, dass es Zeit wird für das Mädchen ein bisschen was von der Welt zu sehen. Sie schlägt zu sehr nach mir um einfach nur im Riathar zu leben.“ Jakow nickt, nimmt einen Schluck von seinem Tee, der langsam aber sicher kalt zu werden droht, und strafft seine Gestalt, wenn es denn möglich ist, noch mehr. >Shunjalinn, Ihr wisst, dass ich für eitlen Klatsch nichts übrig habe… und ich bin mir auch nicht ganz sicher ob es mich überhaupt etwas angeht. Doch… Herr Yaêlnar und Liobra, meine oberste Magd… nun, wie soll ich sagen; sie haben zueinander gefunden in diesem Winter.< Er bricht ab und Shunjalinn könnte schwören, dass sie einen Hauch Rot auf seinen Wangen entdeckt. Um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, verkneift sie sich jede der Antworten, die ihr spontan auf den Lippen liegen („Na endlich“, „Ich weiß, ich bin gestern Zeuge ihrer Zusammenfindung geworden“ oder „Der alte Schwerenöter“ wären eine kleine Auswahl) und bricht stattdessen in ein strahlendes Lächeln aus. „Oh, das ist schön. Ich verrate euch sicher kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Yaêlnar´s Herz bereits seit langer Zeit für Liobra schlägt.“ Maester Jakow sieht sie voller Erleichterung an und Shunjalinn fragt sich zum ersten Mal seit sechs Jahresläufen, was für eine Vorstellung der alte Mann von ihrem Verhältnis zu Yaêlnar eigentlich hat. Viel Gelegenheit, ihn diesbezüglich auszuquetschen hat die Elbin allerdings nicht, denn just in diesem Moment betritt Siranria das Zimmer und vertreibt die seltsame Stimmung mit einem fröhlichen Gruß.

Die junge Elbin und der alte Gelehrte geben in der Tat ein sehr munteres Paar ab und vertreiben mit ihrer Plauderei jeden trüben Gedanken. Shunjalinn teilt ihre Aufmerksamkeit zwischen dem gewitzten Wortgefecht und dem Frühstück und beides nimmt sie so gründlich in Anspruch, dass sie wirklich erschrickt, als Yaêlnar ihr sanft seine Hand auf die Schulter legt und sie mit einem leisen „Khel Dar, Asga“ begrüßt. Mit einem leisen Lachen legt sie ihre Hand auf seine und zieht ihn noch einmal zu sich herunter um ihn zu umarmen. Du hast dich also endlich getraut? Ich bin so froh! Ihre Gedanken streifen seinen Geist und sie spürt, wie sich seine Muskeln unter ihren Händen für den Bruchteil eines Augenblicks verhärten. Doch Yaêlnar kennt sie gut genug um die Aufrichtigkeit in diesem Gedanken zu erkennen und drückt sie noch einmal fester, ehe er sich schließlich von ihr löst. So viel hatte ich da gar nicht mit zu tun.. und vermutlich auch nicht viel dazu zu sagen. Aber das erzähle ich dir nachher. Shunjalinn schmunzelt und nickt; sie hatte die oberste Magd als durchaus resolut kennen gelernt und kann sich vorstellen, dass die Frau nicht davor zurück schreckt, sich zu nehmen was und wen sie möchte. Und warum auch nicht; das Leben ist zu kurz um sich Gelegenheiten entgehen zu lassen.
Grau, der mit Yaêlnar in den Frühstücksraum gekommen war, schiebt seine große, graue Nase zwischen ihren Arm und Oberschenkel um darauf aufmerksam zu machen, dass er als älterer Herr wohl Anspruch auf ein ordentliches Frühstück habe. Shunjalinn schaut ihren Hund einen Augenblick lang mit hochgezogener Braue an, bis dieser sich seiner eigentlich guten Erziehung wieder bewusst wird und sich langsam zurückzieht. Doch die Götter sind mit dem hungrigen Hund, denn Lenja, die junge Magd die sie bereits in der Nacht versorgt hatte, tritt mit einem Blechnapf in den Händen ein. Shunjalinn wirft der jungen Frau einen dankbaren Blick zu, als diese sich wieder erhebt nachdem sie den Napf auf dem Boden abgestellt hat. Graus Blick ist dem Mädchen ebenfalls gefolgt und man könnte ebenfalls Dankbarkeit hinein interpretieren. Nach einem kurzen Blick zu seinem Frauchen macht der große, graue Rüde sich schließlich mit sichtlichem Appetit über sein Frühstück her.

Shunjalinn war von dem kurzen Zwischenspiel mit Grau etwas abgelenkt und so braucht sie einen Augenblick um der bestehenden Unterhaltung wieder folgen zu können. >… hat seine Tochter diesen Burschen geheiratet. Klugerweise auch gleich die Ehe vollzogen um ihren Vater vor vollendete Tatsachen zu stellen. Besagter Vater der jetzt seinen Einfluss beim Thane geltend machen möchte um die Ehe annullieren zu lassen.“< Yaêlnar verstummt und die Elbin kann ihm ansehen, dass er gerade über die möglichen Konsequenzen nachdenkt, die eine solche Annullierung für das Haus af Gauti bedeuten könnte. >“Ihr Ruf ist jedenfalls ruiniert. Die eine Hälfte der feinen Gesellschaft feixt, mehr oder minder offen, und die andere Hälfte ist der Meinung, dass der Vater das Recht auf seiner Seite haben sollte. Es ist also eine heikle Frage für die Gesellschaft und Diremos ist aktuell nicht wirklich in der Lage, moralische Fragen wertfrei zu entscheiden.“< Maester Jakow nickt zustimmend, wobei nicht ganz klar ist, welchem Teil der Feststellung des Elben er nun zustimmt. >“Welche Position bezieht ihr, Yaêlnar? Wäre dies vielleicht ein guter Zeitpunkt, dem Haus af Gauti die Hand zu reichen und ihn in seinen Wünschen zu unterstützen?“< Shunjalinn wirft Yaêlnar bei der Frage des Maesters einen kurzen Blick zu. Neben der aus rein taktischen Gründen entstandenen Opposition des Elben gegen den Arduner Adligen pflegt dieser auch noch eine sehr persönliche Abneigung und so wie sie Yaêlnar kennt, ist er nicht willens, diese für die Chance eines eher brüchigen Waffenstillstands beiseite zu lassen. Und so ist sie auch nicht über seine eher ausweichende Antwort überrascht, als er schließlich meint, es sich noch genauer überlegen zu müssen. >"Und bis zum nächsten Ball sind es ja zum Glück noch zwei Tage. Was mich aber zu einem wichtigen Punkt bringt. Shunjalinn, du und Siran müsst euch unbedingt um ihre Garderobe kümmern. Wenn ich es richtig sehe hat sie keine angemessenen Kleider; weder für den Empfang von Hausgästen und schon gar nicht für einen Ball. Ich würde mich freuen, wenn ihr beide mich zu diesem Ball im Thanre begleitet."<
Shunjalinn verschluckt sich an ihrem Tee, den sie gerade in kleinen Schlucken trinkt. "In zwei Tagen sollen wir Garderobe für einen Ball im Thanre finden? Das ist aber... optimistisch geplant mein Lieber." Die Elbin weiß aus eigener Erfahrung, dass die Kleider der Cap Arduner Schneider zwar jeden Tag warten wert sind, aber dass man eben auch durchaus mehrere Wochen auf die Fertigstellung eines einzelnen Kleides wartet. "Wen erwartest du denn als Hausgast bis dahin?" Vielleicht würde es das Ganze in Schwung bringen sich erst einmal mit dem etwas Unkomplizierterem Unterfangen zu befassen; einem angemessenen Hauskleid für ihre Nichte. Und vielleicht auch noch ein neues für mich...

Es ist Mittag geworden, ehe die beiden Elbinnen das Anwesen Maester Jakows in seiner leichten, geschlossenen Kutsche verlassen. Shunjalinn hatte direkt nach dem Frühstück einen Botenjungen zu ihrem Schneider geschickt um diesen auf ihr Kommen vorzubereiten aber es hatte doch noch eine Weile gedauert, bis sie aufbruchsbereit waren.
Nachdem sie alle in Ruhe gefrühstückt hatten, hatte Maester Jakow die beiden Elben in sein Arbeitszimmer gebeten, wo er und Yaêlnar sie über die Geschehnisse der letzten Monde informieren. Sie kann den beiden Männern ansehen, dass besonders die Begegnungen mit Gainá af Gauti nicht angenehmer geworden sind und dass er noch immer, zum Glück mit wenig Erfolg, versucht ihnen die Gunst des Arduner Herrschers zu entziehen. Und auch wenn sie die Zuversicht der beiden Männer etwas beruhigt, so geht ihr doch eine Aussage des alten Maesters nicht mehr aus dem Kopf. >Ich habe keine Erben und somit geht mein ganzer Besitz irgendwann in die Hände des Thane zurück. Und er ist verpflichtet, diese an seine Lehnsmänner zu übergeben. Ich befürchte, dass af Gauti nichts unversucht lassen wird um sich hier zumindest einen Anteil zu sichern. < Die beiden Elben hatten sich einen langen Augenblick schweigend angesehen, ehe Jakow das Thema gewechselt hatte. Aber sie hatte in Yaêlnars Augen die Trauer gesehen und sie hatte erkannt, das auch ihm nicht entgangen war, wie das Alter ihren menschlichen Freund im letzten Jahr eingeholt hatte. Erst die Ankunft am Rauthstâths und damit bei Meister Ivin reißt Shunjalinn aus diesen trüben Gedanken und es fällt ihr leicht, sich von Siranrias freudiger Aufregung anstecken zu lassen.


Khel Dar, Asga – Guten Tag, Fremde
Tas khelan Glyres hjir ti- Die besten Wünsche für dich

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Montag, 7. August 2017, 15:57

Grünglanz 515

>“… erkläre ich euch zu Mann und Frau. Ihr dürft die Braut jetzt küssen.“< Es ist ein seltsames Gefühl, diese Worte zu hören und sie rufen unweigerlich bittersüße Erinnerungen hervor, die Shunjalinn jedoch vehement beiseiteschiebt. Jetzt war ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt dafür und es wäre auch unfair ihrem frisch angetrauten Ehemann gegenüber. Und so beugt sich Shunjalinn mit einem leisen Lächeln zu eben diesem hinunter und nimmt seinen sanften, vorsichtigen Kuss entgegen. Maester Jakow, der sich vermutlich ebenfalls an einen anderen Hochzeitstag erinnert fühlt, küsst sie sanft, erwidert ihr Lächeln und drückt leicht ihre Hand, ehe sie sich zu ihrer Hochzeitsgesellschaft umwenden um die Gratulationen ihres Ehrengastes entgegen zu nehmen.
Diremós, Thane Arduns und Lehnsherr des Bräutigams, erhebt sich von seinem Ehrenplatz von dem aus er die Zeremonie verfolgt hatte und umarmt erst Jakow und dann Shunjalinn. So sehr sie es auch versucht, sie kann im Gesicht des alten Thane nichts anderes entdecken, als ehrliche Freude und Wohlwollen und muss so davon ausgehen, dass er diese Hochzeit tatsächlich gutheißt. Sonst wäre er vermutlich auch nicht gekommen.

Die Stunde der Geister ist bereits vor einer Weile verstrichen, als Shunjalinn und Jakow sich endlich von der Feier zurückziehen können. Trotz Jakows hohem Alter haben die üblichen zotigen Anspielungen ihren Rückzug begleitet und zu ihrer Überraschung hatte der alte Maester ohne sichtbare Mühe Gleiches mit Gleichem vergolten und so die Hochzeitsgesellschaft, oder was davon noch übrig war, in bester Laune zurückgelassen.
Nachdem Jakow die Tür hinter ihnen ge- und vor allem verschlossen hat, lehnt er sich für einen Augenblick schwer dagegen. Auch wenn dieser letzte Teil des Abends ihn anscheinend sehr amüsiert hat, der Tag war lang und anstrengend gewesen. Die Elbin geht zu dem kleinen Tischchen hinüber auf dem eine Karaffe mit Rotwein und zwei goldbesetzte, gläserne Kelche stehen. Sie gießt beide Kelche voll und trägt diese vorsichtig zur Tür hinüber. Jakow nickt dankbar, betrachtet den Wein, dessen dunkles Rot nur an den Stellen etwas erhellt wird, an denen das Kerzenlicht sich spiegelt, und erhebt dann das Glas zu einem Toast. >“Auf uns, meine Liebe.“< Shunjalinn kann gerade noch seinen Toast erwidern, da hat der alte Maester seinen Kelch schon mit einem Mal geleert. Amüsiert nippt die Elbin an ihrem Glas, während Jakow, wohl von seinem eigenen Tun etwas überrascht, sich von der Tür löst und zum Tisch hinübergeht. Einen Herzschlag lang scheint er tatsächlich zu überlegen, ob er sich noch ein zweites Glas einschenken soll, verwirft den Gedanken dann aber und setzt sich stattdessen in den zierlichen Sessel. Shunjalinn tritt zu der kleinen, gepolsterten Bank, die am Fußende des großen Bettes steht und lässt sich darauf nieder. Immer wieder nippt sie an ihrem Rotwein und lässt die Stille die nun eintritt auf sich wirken und die letzten Monde noch einmal Revue passieren.

Während der Sommer des letzten Jahres beinahe träge vergangen war, unterbrochen lediglich von den verschiedenen Einladungen zu Bällen, Tee-Gesellschaften und ähnlich interessanten Gelegenheiten auf die sich eigentlich nur Siran so richtig gefreut hatte, war es im Herbst doch wesentlich interessanter geworden.
Es hatte recht harmlos damit begonnen, dass Siranria auf einer der Tee- Gesellschaften einem jungen Herrn vorgestellt worden war und sich Hals über Kopf verliebt hatte. Zu ihrem Glück hatte dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. Zu ihrem Unglück handelte es sich bei besagtem jungen Mann jedoch um einen der Lieblingsneffen Gainá af Gauti´s, Ardo af Gauti. Yaêlnar hatte einige Tage gebraucht, sich an diese Tatsache zu gewöhnen und es hatte Shunjalinn einige Nerven gekostet, zwischen ihm und ihrer Nichte zu vermitteln.
Das hatte allerdings nur für zwei Siebentage zu einer Entspannung der Situation geführt, denn dann hatte Gainá af Gauti Wind von der Sache bekommen und seinem Neffen jeglichen Umgang verboten. Es passierte, was in solchen Fällen oft passiert: die zwei jungen Leute hatten die Anweisungen des Onkels getrost ignoriert und hatten sich weiterhin heimlich getroffen.
Im Nebelfrost hatte Liobra´s Ankündigung ein Kind zu erwarten den Haushalt für einige Zeit vom Drama um die beiden Liebenden abgelenkt, nur um dann an einem kalten, nebeligen Morgen daran erinnert zu werden, dass junge, frisch verliebte Paare die sich einem Verbot ihrer Liebe gegenübersehen oftmals nicht die intelligentesten oder rationalsten Entscheidungen treffen.
Da sich weder die Elben noch Jakow irgendwelchen Illusionen in Bezug darauf was af Gauti mit den zweien tun würde, wenn sie ihm zuerst in die Hände fielen, hingegeben hatten, waren die beiden Elben auf die Suche gegangen. In den folgenden zwei Wochen hatten sie zuerst am äußeren Rand Cap Arduns gesucht und waren dann getrennt in verschiedene Himmelsrichtungen aufgebrochen um die beiden Vermissten im Umland zu suchen. Es war schließlich Yaélnar gewesen der sie irgendwo auf der Nordstraße eingeholt hatte. Shunjalinn weiß bis heute nicht, wie ihr Freund es geschafft hatte, Siranria und Ardo davon zu überzeugen mit ihm nach Cap Ardun zurück zu kehren, denn keiner von den dreien und auch Gainá af Gauti, mit dem der Elb bei ihrer Rückkehr ein sehr langes, sehr ernstes Gespräch geführt hatte, gibt dieses Geheimnis preis. Alles was sie weiß ist, dass es den Elben eine Menge Stolz gekostet hatte und er noch mehrere Tage eine wirklich üble Laune mit sich herumgetragen hatte. Was er jedoch erreicht hatte war die Zusage, dass das junge Paar keine weiteren Einmischungen von Seiten des Onkels zu erwarten hatte.

Ein Schaben und Kratzen und etwas das verdächtig nach mühsam unterdrücktem Gekicher klingt, reißt Shunjalinn aus ihren Gedanken. Während ihr frisch angetrauter Ehemann und sie sich noch irritiert anschauen, sind von draußen weiteres Gekicher; diesmal wenig unterdrückt; ein lautes Poltern und ein ebenfalls erstaunlich lautes >Psssscht!< zu hören. Jakow verdreht ein wenig die Augen und jetzt ist es an Shunjalinn ein Kichern zu unterdrücken. Für einige Augenblicke ist nun Stille eingekehrt in der sowohl das frisch getraute Ehepaar als auch die neugierige Meute angespannt auf ein Geräusch der jeweils anderen lauschen. Als die Stille weiter anhält scheint es einem ihrer Hochzeitsgäste zu langweilig zu werden, denn es wird erst leicht, dann doch deutlicher am Türknauf gerüttelt.
Jakow will gerade vom Bett aufstehen, vermutlich um zur Tür zu gehen und dem trunkenen und lüsternen Haufen eine Standpauke zu halten, doch Shunjalinn bekommt ihn gerade noch am Ärmel zu fassen und zieht ihn wieder neben sich aufs Bett. „Ich fürchte, wir müssen ihnen einfach ein kleines Schauspiel bieten um zu zeigen, dass diese Ehe rechtmäßig ist.“ Sie flüstert, doch bei dem mittlerweile wirklich lauten Rütteln an der Türe hätte sie das nicht einmal tun müssen. Der alte Mann sieht sie für einige Herzschläge ein wenig entsetzt an und noch während sie sich fragt, ob sie sich davon verletzt fühlen muss, kommt ihr eine Idee. „Macht einfach mit…“ Das breite Grinsen, dass sich bei diesen Worten auf ihrem Gesicht zeigt, scheint den Mann noch etwas mehr zu irritieren und so schaut er für einige Herzschläge lang einfach nur zu wie die Elbin am Bettrand sitzend auf und ab wippt. Als ihm auffällt, nach was die Geräusche klingen, die sie auf diese Weise fabriziert, muss er ebenfalls grinsen. Und dann beginnt er im gleichen Rhythmus auf und ab zu wippen und gemeinsam schaffen sie es tatsächlich, die Seile die im Bettrahmen gespannt sind und die Strohmatratze halten zum Ächzen zu bringen.
Vor der Tür war beim ersten Rascheln der Matratze bereits Stille eingekehrt, die jetzt von ersten leisen Anfeuerungsrufen vertrieben wird. Shunjalinn hat wirklich Mühe, nicht laut los zu lachen, als Jakow auch noch damit beginnt nicht gerade leise vor sich hin zu seufzen. Als dieses Seufzen von weiterem Jubel begrüßt wird, stimmt sie mit ein.
Gerade, als sie beginnt sich zu fragen, ob ihre Zuhörerschaft bei der zur Schau gestellten Geräuschkulisse nicht doch langsam misstrauisch wird, legt Jakow noch einmal an Lautstärke zu, nur um sich dann mit einem letzten theatralischen Seufzen rückwärts aufs Bett fallen zu lassen. Shunjalinn wippt noch ein, zwei Mal ehe er sie mit einer sanften Berührung am Arm ebenfalls zur Ruhe bringt. >Wir wollen doch nicht, dass einer von ihnen sich minderwertig fühlt, wenn ich alter Kerl zu lange Spaß habe. < Er zwinkert ihr sichtlich amüsiert zu, ehe er das Lachen nicht mehr unterdrücken kann. Zum Glück ist er jedoch geistesgegenwärtig genug, sich ihrer Zuhörer zu erinnern und so wird es ein sehr leises, sehr zufriedenes Lachen, in das Shunjalinn schließlich einstimmt.
Es dauert etwas, ehe die zwei sich soweit beruhigt haben, dass sie nach draußen lauschen können. Doch es scheint, als hätte ihr Schauspiel seine Wirkung erzielt, denn von draußen ist nur noch das torkelnde Abziehen der Lauscher zu hören. Um der aufkommenden Stille und der damit einhergehenden Ernsthaftigkeit etwas entgegen zu setzen, steht Shunjalinn vom Bett auf und füllt die beiden Weinkelche erneut. Vorsichtig lässt sie sich dann schließlich wieder neben Jakow nieder und reicht ihm seinen Kelch. „Auf uns.“

Der nächste Morgen findet das Brautpaar friedlich ruhend vor. Jakow der offenbar mit wirklich wenig Schlaf auszukommen scheint, liegt ruhig neben Shunjalinn die noch in ihrer Trance ruht. Seine Gedanken wandern zwischen seinem ersten, lange zurückliegendem Hochzeitsmorgen und den liebevollen Erinnerungen die ihm von der Zeit danach geblieben sind und den Plänen für die nächste Zukunft hin und her. Sein Erbe war gesichert, mehr als das sogar, denn neben ihrer eigenen Unsterblichkeit hatte seine neue Frau im Prinzip auch drei Kinder mit in diese Ehe und damit in seine Familie gebracht. Dass er diese Kinder bisher noch nicht gesehen hat und vermutlich auch niemals sehen würde, stört ihn nicht. Wichtig ist, dass es sie gibt und dass sein Besitz damit nicht in fremde Hände fallen würde.
Als Shunjalinn schließlich aus ihrer Trance erwacht, sitzt der alte Mann bereits wieder über einen Brief gebeugt in der Nische am Fenster. Die Elbin hat einige Augenblicke Zeit ihn zu betrachten, ehe er bemerkt das sie wach ist und sie stellt schmunzelnd fest, dass so ein Ehegelübde und eine durchzechte Nacht dazu geeignet ist, eine eher förmliche Beziehung auf eine ganz andere Ebene zu heben. Sie hatten sich schon immer vertraut, waren doch ihre Ziele die gleichen aber mit einem Mal stellt sie fest, dass dieses Vertrauen eher oberflächlicher Natur gewesen war. Das lange, weingeschwängerte Gespräch in der letzten Nacht hatte den Weg für eine wirkliche Freundschaft geebnet und die Elbin ist froh darum, ihre anfängliche Skepsis diesem Plan gegenüber überwunden zu haben.

Kizumu

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Mittwoch, 4. Oktober 2017, 21:13

Mitte Goldschein 515

Es ist ein ausgesprochen warmer Tag; die Sonne steht hoch an einem blauen Firmament und selbst der sonst allgegenwärtige Wind scheint für den Moment eine Pause einzulegen. Shunjalinn sitzt im Innenhof auf einer Bank und reckt ihr Gesicht blinzelnd der Wärme entgegen, während Jakow neben ihr mit ausgestreckten Beinen und über dem Bauch verschränkten Händen ein Nickerchen macht. Es scheint, als hätte sich die ganze Stadt von diesem trägen Sommertag anstecken lassen; kaum ein Laut dringt an das Ohr der Elbin, nur hier und da das Klappern von Hufen oder ein einzelner Wagen der über das Pflaster in der Straße rumpelt. Aus der Küche hinter sich hört sie das leise Murmeln der Köchin, die das Abendessen mit Lenja, der Magd bespricht und Shunjalinn horcht einige Augenblicke genauer hin. Hmmm, geschmorter Lammrücken. Das klingt verlockend. Auch wenn das Mittagessen noch gar nicht lange her ist, läuft der Elbin beim Gedanken an das geplante Abendessen das Wasser im Mund zusammen. Du bist ganz schön verwöhnt. Sie muss über sich selber schmunzeln als sie zusätzlich feststellt, dass sie nun schon gute zwei Jahresläufe so etwas wie sesshaft geworden ist. Bis auf drei kurze Ausflüge zum Riathar, die sie jeweils kaum zwei Monde aus Cap Ardun fortgeführt hatten, hatte sie die ganze Zeit hier in Jakows Haus verbracht. Und bist dabei wohl bequem geworden. Was aber auch kein großes Wunder ist, da Irdun, Jakows neue Köchin, einen ausgezeichneten Ruf in der Stadt hat. Und eigentlich ist das auch gar nicht so schlimm.
Seit ihrer Hochzeit vor etwa einem Mondlauf war tatsächlich so etwas wie Ruhe eingekehrt; der Thane hatte sich mit einer kleinen Gesellschaft in sein Jagdschloss zurückgezogen um dort den Arduner Sommer zu genießen und Af Gauti war zu seinem Familienstammsitz in Norilsk zurückgekehrt, vermutlich zu Tode gekränkt darüber, dass er von seinem Herrscher nicht eingeladen worden war und auch sonst war nichts Nennenswertes passiert. Nicht einmal Briefe sind angekommen.

Das leise Weinen eines Babys reißt plötzlich ein Loch in die sommerliche Idylle. Nun ja, fast nichts Nennenswertes. Die Elbin steht rasch auf, um zu vermeiden, dass das Weinen lauter wird und Jakow aus seinem wohlverdienten Nickerchen reißt. Bei diesem Gedanken muss sie lächeln, denn die Ankunft dieses kleinen Roha- Bewohners war eigentlich ja Aufregung genug gewesen. Mit wenigen Schritten ist sie in der Küchentür verschwunden und tritt zu der Wiege, die in sicherer Entfernung vom Herdfeuer aufgestellt ist. Lenja, die junge Magd die im Moment die Aufgabe des Kinderhütens übernommen hat, beugt sich gerade über die Wiege und versucht das Baby darin mit leisen, beruhigenden Worten zu trösten. „Ist schon in Ordnung, Lenja, ich nehme sie mit hinaus. Da wird sie sich gleich beruhigen. Und ihre Eltern sind sicher auch nicht mehr lange unterwegs.“ Die Magd nickt und macht ihr Platz, so dass Shunjalinn sich selbst über die Wiege beugen kann. „Schsch, Kleines. Ich bin ja da. Es wird ja alles gut.“ Sie kann nicht anders, als das kleine Mädchen anzulächeln und hebt sie dann vorsichtig hoch. Irâdauris, die kaum drei Wochen alte Tochter Yaélnars und Liobras, hatte ihr Herz vom ersten Augenblick an im Sturm erobert. Und da die Zuneigung wohl auf Gegenseitigkeit beruht, wird das Kind, kaum, dass es an der Schulter der Elbin lehnt, still. Kleine Unsinnigkeiten murmelnd geht Shunjalinn mit dem Baby wieder hinaus in die Sonne und geht dort langsam in einem Kreis über den Hof.
Während sie geht, legt sie ihre Wange vorsichtig an den Kopf der kleinen Halbelbin und atmet deren Duft. Sie riechen alle einzigartig und doch gleich. Und so gut.
Als sie sich auf ihrer Runde wieder Jakow zuwendet bemerkt sie, dass der alte Mann aufgewacht ist und sie offenbar schon eine Weile betrachtet. Sie kann in diesem Moment nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern. Irâdauris scheint von dem leichten Wiegen ihrer Schritte und der angenehmen Wärme bereits wieder eingeschlafen zu sein und so überquert Shunjalinn den Hof und setzt sich neben Jakow auf die Bank. >Sie mag dich wirklich gern. Selbst bei Irdun, die ja mit ihren vielen Kindern und Enkeln wirklich Erfahrung hat, ist sie nicht so schnell eingeschlafen.< Sein Lächeln wird einen Hauch wehmütig, als er das friedliche Gesicht des Babys betrachtet und dann wieder zu ihr aufblickt. >Und es steht dir, Shunjalinn.< Diese Äußerung verschlägt ihr für einen Augenblick die Sprache und so antwortet sie ihm lediglich mit dem Hochziehen einer Augenbraue. Sie hatte ihm in ihrer denkwürdigen Hochzeitsnacht irgendwann von ihren Kindern und ihrer ersten Ehe erzählt, nachdem er über seine Frau und Tochter gesprochen hatte. Beide waren sie ehrlich gewesen bei diesem Gespräch, (zumindest so ehrlich wie Shunjalinn es in Ierás Fall hatte wagen können) doch danach hatte keiner von ihnen das Gespräch erneut auf das Thema gelenkt. Wir haben wohl beide gemerkt, dass es immer noch ein wunder Punkt ist. Sein Blick hängt noch immer am Gesicht des kleinen Mädchens auf ihrem Arm und sie ist sich ziemlich sicher, dass er nicht Irâdauris´ kleines Seharim- Gesicht vor sich hat, sondern das seiner Tochter. Vorsichtig legt sie ihm eine Hand auf den Unterarm, denn sie hat das Gefühl, als könnte er gerade jeden Trost gebrauchen. Sie hadert noch mit sich, ob sie ihm die Frage, die ihr gerade durch den Kopf geht, wirklich stellen soll, als das große Tor zur Straße aufgeht und den Blick auf eine blutverschmierte Siranria und einen nicht weniger blutigen Yaélnar freigibt, dessen Last ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Der hochgewachsene, dunkelhaarige Elb trägt den reglosen Körper Liobras in seinen Armen. Als Shunjalinn seinen schmerzerfüllten Blick auffängt, weiß sie, dass für die Frau jegliche Hilfe zu spät kommt und ihr Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. „Lenja!“ Ihre Stimme gehorcht ihr zu ihrer eigenen Überraschung. Als sie aufsteht, tut sie es nicht bewusst und irgendwo in ihrem Inneren stellt sie fest, dass ihr Körper sich wohl doch noch sehr gut und von allein daran erinnert, was in solchen Fällen zu tun ist. Also nicht vollends verweichlicht… Als die Magd wenige Momente später aus der Küche tritt, drückt sie ihr das schlafende Mädchen in die Arme. „Bring sie hinein, in den Keller. Schieb den Riegel von innen vor die Tür und mach sie erst wieder auf, wenn du meine Stimme hörst.“ Das junge Mädchen versucht mit weit aufgerissenen Augen an ihr vorbei zu sehen, was die Elbin mit einem kleinen Schritt zur Seite verhindert. „Beeil dich!“ Kaum ist die Magd wieder in der Küche verschwunden, dreht Shunjalinn sich wieder um. Auch wenn sie weiß, was sie erwartet, versetzt ihr der Anblick erneut einen tiefen Stich und sie spürt, wie die Wut in ihr hochkocht und sie weiter vorwärtstreibt.
Sie braucht nur wenige Schritte um zu ihrer Nichte zu gelangen, die jedoch bereits von Jakow zu ihrem Zustand befragt wird. Als die Elbin hört, dass es Siranria bis auf einen ordentlichen Schock gut geht, ändert sie ihren Kurs und steuert auf das noch immer offene Tor zu um es zu schließen. Der schwere Balken, der sonst nur in der Nacht zum verschließen des Tores verwendet wird, fällt mit einem Poltern in seine Halterung und Shunjalinn wendet sich sofort wieder zu Yaélnar. Ihr Freund steht noch immer an der Stelle, an der er stehen geblieben war und somit mit dem Rücken zu ihr; die Elbin kann an seinen verkrampften Rücken- und Nackenmuskeln erkennen, dass er in seinem Inneren gerade einen furchtbaren Kampf führt.
Yaél. Ihr Senden gleicht einer sanften Berührung, doch er zuckt so stark zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Vorsichtig macht sie einen Schritt auf ihn zu und halb um ihn herum, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Was sie in seinen Augen erkennen kann, verstärkt das Gefühl einer eiskalten Hand um ihr Herz und sie klammert sich an ihre Wut, um nicht in unnütze Tränen auszubrechen. Yaél, komm mit mir. Dort zur Bank. Da kannst du… kannst du sie ablegen. Sie hat das Gefühl, das ihr Senden verhallt, doch nach einer gefühlten Ewigkeit reagiert der Elb und macht langsame, beinahe hölzerne Schritte auf die Bank zu.
Jakow, der Siran stützt, macht ihnen Platz, sein Blick hängt jedoch starr am leblosen Gesicht seiner obersten Magd. Unendlich vorsichtig und beinahe widerwillig legt Yaêlnar den Körper seiner Gefährtin auf der Bank ab und erst jetzt kann man das Ausmaß ihrer Verletzungen erkennen. Sie hatte ein elfenbeinfarbenes Kleid getragen, als sie nach dem Frühstück mit Yaêlnar und Siran das Haus für einige Besorgungen verlassen hatte. Der Stoff hatte offenbar eine Menge ihres Blutes aufgesogen, denn der rostrote Fleck zieht sich über ihre Brust bis fast hinunter zu den Knien und verläuft auch an beiden Seiten ihres Körpers bis fast auf den Rücken. Shunjalinn hatte schon einige Wunden in ihrem Leben gesehen und nur wenige hatten so ausgesehen. Sie will gerade zu sprechen ansetzen um zu fragen, was geschehen war und ob ihnen jemand gefolgt war, da spricht Yaêlnar. >Bist du bei mir, wenn ich Rache nehme?< Seine Stimme ist tonlos, kaum mehr als ein Flüstern, doch sie versteht die Dringlichkeit hinter dieser Frage. „Ja.“ Sie gibt ihre Zustimmung aus dem Bauch heraus, zu aufgewühlt um weiter zu denken. Der Elb nickt nur, den Blick aus den himmelblauen Augen starr auf seine Geliebte gerichtet während Jakow eine beschwichtigende Geste macht, die jedoch nur Siran zu bemerken scheint.
„Ist euch jemand gefolgt?“ Als von Yaêlnar keine Reaktion kommt, wendet Shunjalinn sich ihrer Nichte zu, die mit weit aufgerissenen Augen den Kopf schüttelt. Danken wir den Göttern auch für kleine Gaben.. Vorsichtig, um die junge Elbin nicht noch mehr zu erschrecken, streckt sie die Hand nach ihr aus. Siran, die in ihren knapp sechzig Jahresläufen nur ihren Großvater hatte sterben sehen und, soweit Shunjalinn weiß, noch nie Zeuge eines Kampfes geworden war, wirft sich mit einem Schluchzen in die Arme ihrer Tante. Diese muss bei der Wucht einen kleinen Schritt nach hinten machen um nicht mitsamt ihrer Nichte umzufallen, schließt diese aber gleichzeitig fest in ihre Arme. Während die junge Elbin sich ihren Schock von der Seele weint, tauschen Jakow und Shunjalinn einen langen, langen Blick in dem sich bei ihnen beiden die Sorge um das, was nun folgen würde, findet.

Es dauert einige Zeit, bis Siranria sich soweit beruhigt hat, dass sie sich aus der Umarmung ihrer Tante lösen kann. Deutlich gefasster steht die junge Elbin nun an Yaêlnars Seite, den Blick unverwandt auf Liobras Gesicht gerichtet. Was die ältere Elbin vermieden hatte, tut nun sie: Vorsichtig streckt sie die Hand nach dem Elben aus, der noch immer kein weiteres Wort gesprochen hatte und umfasst sanft sein Handgelenk. Shunjalinn erwartet beinahe, dass der Elb die Berührung nicht zulassen würde und ist überrascht, als er es nicht nur zulässt, sondern auch nach der Hand ihrer Nichte greift. Sie kann sehen, dass er sie nur berührt, nicht festhält, nicht drückt und auch sonst keine Reaktion zeigt, aber diese kleine Bewegung des Elben erleichtert sie sehr.
>Sollen wir sie nicht hinein bringen… und waschen?< Siranrias Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, aber sie durchdringt diesen immer noch stillen Nachmittag als würde sie schreien und Shunjalinn zuckt leicht zusammen. War die Stille vor nicht einmal zwanzig Minuten noch friedlich, träge und wunderbar zum gedanklichen dahintreiben geeignet, ist sie jetzt unheimlich und bedrohlich. Yaêlnar erwidert nichts, beugt sich aber über den leblosen Körper und hebt Liobra noch einmal in seine Arme um sie ins Hausinnere zu tragen.
Irdun hatte die ganze Zeit wie festgewurzelt in der Küchentür gestanden, doch jetzt kommt Bewegung in die kleine Ardunerin. Mit wenigen Handgriffen hat sie den Behelfstisch, der normalerweise als Erweiterung der Arbeitsflächen dient, aufgestellt und noch während Yaêlnar den Körper der obersten Magd darauf ablegt, hängt sie den Wasserkessel wieder übers Feuer, findet einige Lappen und hat ihre gute Lavendelseife zur Hand. >Die hat sie so geliebt..< Der Frau ist anzusehen, dass sie mit den Tränen ringt, doch sie gewinnt ihre Fassung schnell wieder. >Wenn ihr…. Ich kann das gerne übernehmen, Herr?< Der Blick des Elben findet den der Menschenfrau und findet nichts als ehrliche Anteilnahme und Trauer. Sein Kopfschütteln als Antwort auf ihre Frage wird von keinem in Frage gestellt und so holt Irdun lediglich noch ein Messer, um das Kleid aufschneiden zu können ehe sie die Küche verlässt. Jakow und Siranria tun es ihr gleich, während Shunjalinn noch einen Moment zögert und einen letzten, langen Blick auf ihren Freund wirft. Der hat sich ohne Notiz von ihrem Gehen zu nehmen, bereits darangemacht, das blutige Kleid aufzuschneiden, den Kessel mit Wasser vom Herd zu nehmen und mit vorsichtigen, liebevollen Bewegungen das Blut vom Körper seiner Gefährtin zu waschen. So schwer es Shunjalinn auch fällt, ihr wird in diesem Moment bewusst, dass sie ihr vorhin gegebenes Versprechen nicht ohne weiteres wird einhalten können. Denn wilde Rache, wie sie Yaêlnar jetzt sicherlich vorschwebt, könnte all das zerstören was die beiden in den letzten Jahren aufgebaut hatten und die Folgen wären nicht abzusehen. Es tut mir so Leid.

Kizumu

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Mittwoch, 15. November 2017, 13:50

Mitte Goldschein 515

Zwei Tage sind seit Liobras Tod vergangen und Shunjalinn spürt jede einzelne Stunde davon. Sie ist zum Umfallen müde, jeder Muskel und jeder Knochen in ihrem Leib schmerzt und lediglich ihr Wille und die noch immer schwelende Wut halten sie noch aufrecht.
Nachdem Yaêlnar mit dem waschen Liobras fertig gewesen war, hatte sie versucht, ihn mit der Anwesenheit seiner Tochter irgendwie zu trösten, doch der Elb hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er hatte den Säugling in ihrem Arm nur einmal angesehen und sich dann schweigend abgewandt. Sie hatte diese Reaktion zwar nicht verstanden, aber sie, fürs Erste, akzeptiert. Irdun hatte in der Zwischenzeit, wissen die Götter woher, eine Amme besorgt und es war Shunjalinn zugefallen, das junge Mädchen einzustellen.
Noch während sie auf die Ankunft der Amme gewartet hatten, hatte Shunjalinn entschieden, dass sie selbst Nachforschungen über die Hintergründe der Tat anstellen würde. Um das Haus aber nicht noch weiteren Angriffen preiszugeben, hatte Jakow eine kurze Nachricht an Rekenor An'an geschickt. In dieser hatte er den Sithechjünger, der als Gesandter der Malsuma am Hof Dirémos tätig ist, gebeten ihnen zwei seiner Männer zu ihrem Schutz zu schicken. Der Vampir war sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Die zwei dunkel gekleideten Vampire die bei Einbruch der Dunkelheit an das noch immer verschlossene Tor geklopft hatten, hatten ihnen ausgerichtet, dass sie bei Tagesanbruch von drei menschlichen Leibwächtern abgelöst würden und dass sie alle ihnen, so lange es eben nötig war, zur Verfügung stünden.

Ihre Arduner Familie so abgesichert zu wissen, hatte Shunjalinn die Möglichkeit gegeben, sich unauffällig aus dem Haus zu schleichen und die Sorgen um ihren Freund erst einmal beiseite zu schieben. Es hatte sich zuerst ungewohnt angefühlt, die weichen Stoffe die sie in den letzten Mondläufen fast nur getragen hatte, gegen ihre robusten Reisekleider einzutauschen, doch schon nach wenigen Metern auf den Straßen Cap Arduns hatte sie sich wieder daran gewöhnt. Das auffällige rote Haar hatte sie in einem festen Knoten unter einer einfachen, weiten Mütze verborgen die gleichzeitig auch die Spitzen ihrer Ohren versteckt.
Ihr Weg hatte sie geradewegs in die eher zwielichtigen Gegenden Cap Arduns geführt, wo sie die erste Nacht damit verbracht hatte, eher unnütze Informationen von Huren, Dieben und anderem Straßenvolk zu kaufen. Erst in der Morgendämmerung des nächsten Tages hatte sie schließlich einen Hinweis bekommen, der vielversprechend geklungen hatte. Sie hatte den Tag damit verbracht, diesem Hinweis nachzugehen und es war ihr schließlich gelungen, dem eher vagen Hinweis einen Namen und ein Gesicht hinzuzufügen und in der Abenddämmerung hatte sie sich schließlich an die Fersen desjenigen geheftet, der ihr hoffentlich weitere Informationen würde geben können.

Und hier sitze ich nun… Die Sonne ist noch nicht wieder ganz untergegangen und Shunjalinn sitzt, mit dem Rücken an eine Häuserwand gelehnt, auf einem alten Weinfass. Auf diese Weise hatte sie zum einen das Hurenhaus, das ihr schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite steht, aber auch einen guten Teil der Straße selbst gut im Blick. Der Mann, dem sie seit dem letzten Abend gefolgt ist, war vor einigen Stunden in dem Hurenhaus verschwunden. Sie hatte ihn ein vor einer halben Stunde zweimal kurz hintereinander an einem der Fenster in der oberen Etage vorbeigehen sehen und ist sich daher sehr sicher, dass er sich noch immer im Gebäude befindet. Zumal es keinen Hinterausgang zu dem Gebäude gibt. So hatte es ihr zumindest der Straßenjunge erklärt, den sie genau dazu befragt hatte. Sie ist zwar noch immer etwas misstrauisch ob dieser Aussage, aber für den Moment bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu warten und darauf zu vertrauen, dass der Mann sich bald ausgetobt hatte und endlich wieder auf die Straße treten würde.
Sie überlegt gerade, wie sie dann möglichst unauffällig mit ihm Kontakt aufnehmen könnte, als ihr aus dem Augenwickel eine Bewegung auffällt. Noch während ihr Körper auf diese Entdeckung mit Anspannung reagiert, lässt sie ihren Blick langsam, wie zufällig über die gesamte Straße schweifen. Es ist relativ ruhig; der Abend ist noch zu jung für die vielen Vergnügungssüchtigen die sich hier in ein oder zwei Stunden tummeln würden und daher ist es auch zu früh für all jene, die daran verdienen würden. Es ist eine Mischung aus Erleichterung und Erstaunen mit der Shunjalinn in dem Schemen, der ihr ins Auge gefallen war, Arshon den Dieb, erkennt.
Als der Mann bemerkt, dass sie ihn erkannt hat, schleicht sich ein spitzbübisches Lächeln auf seine Lippen, doch als er nahe genug heran ist, bemerkt Shunjalinn, dass das Lächeln nur knapp seine Augen erreicht. Für einige Herzschläge überzieht eine Gänsehaut ihre Arme, doch als Arshon heran ist, hat sie sich wieder im Griff. „So früh schon auf? Ich hätte nicht gedacht, euch vor der Stunde der Geister bereits auf den Straßen zu treffen.“ Der Dieb, der bei ihren bisherigen Begegnungen immer einen humorvollen Eindruck gemacht hatte, verzieht nur kurz das Gesicht und antwortet erst, als er wirklich nah an die Elbin herangekommen ist. >Ich schlafe schlecht, wenn ihr euch in Gefahr begebt. Und jetzt kommt mit. Sofort.< Für einen Moment verschlägt es Shunjalinn die Sprache und diesen Moment nutzt ihr Gegenüber aus, um ihren Arm zu greifen und sie recht unsanft von ihrem Sitzplatz zu ziehen. >Ich erkläre es später, jetzt müssen wir hier weg.< Irgendetwas in der Stimme des Mannes überzeugt sie davon, dass es wirklich besser wäre, ihm zu folgen. Als sie sich schließlich in die Richtung bewegt, in die er sie lotsen möchte, lockert Arshon den Griff, lässt sie jedoch nicht ganz los.
Nachdem er sie mehrere Minuten durch alle möglichen Gässchen, Durchgänge und dunklen Ecken geführt hat, reicht es der Elbin schließlich. Sie bleibt abrupt stehen, windet ihren Arm aus dem Griff des Diebes und verschränkt dann die Arme vor der Brust. „Ich gehe nicht weiter, bis ihr mir erklärt, was los ist.“ Arshon, der sich bei ihrem Stehenbleiben zu ihr umgewendet hatte, verdreht die Augen, ehe er sich mit einem kurzen Blick vergewissert das sie alleine auf diesem winzigen Hinterhof sind. >Der Mann dem ihr seit gestern Abend gefolgt seid ist gefährlich. Er hat euch bemerkt und er hat sich Hilfe geholt. Und vor dieser Hilfe, fliehen wir gerade, denn alleine schaffe ich es nicht gegen sie.< Shunjalinn will gerade erwidern, dass er ganz sicher nicht alleine kämpfen würde, als ihr einfällt, wen der Mann mit der ominösen Hilfe meinen könnte. Deswegen waren Liobras Wunden so schwer. „Wohin?“
Die Dunkelheit ist endgültig hereingebrochen, als Arshon und Shunjalinn, nach gefühlt einem Tausendschritt Umweg, in die Gasse hinter der Burg Balga einbiegen. So sehr Shunjalinn sich auch auf ihrem Weg durch die Stadt bemüht hatte, sie hatte keine Verfolger bemerken können, aber die Dringlichkeit und Vorsicht ihres Begleiters hatten sie dennoch zutiefst beunruhigt. Arshon eilt zielstrebig die Gasse entlang und in dem Moment, in dem sie die kleine Tür in der Mauer zu ihrer Linken bemerkt, trifft sie ein harter Schlag in den Nacken, der sie in die Knie gehen lässt. Sie hört, wie um sie herum ein Kampf ausbricht, kann das Knurren, Ächzen und die dumpfen Schläge aber nicht zuordnen und ergibt sich schließlich der gnädigen Dunkelheit die sie umfängt, als ein weiterer Schlag oder Tritt sie an der Schläfe erwischt.

Als sie wieder zu sich kommt, hat sie das Gefühl, dass nicht all zu viel Zeit vergangen sein kann, schließlich hört sie noch immer regelmäßige, dumpfe Schläge auf die ein Keuchen oder Knurren folgt. Nur langsam dringt die Tatsache zu ihr vor, dass sie auf wundersame Weise nicht mehr am Boden liegt, sondern kniet und dass ihre Arme schmerzhaft nach oben weisen, wo zwei eiserne Schellen sich um ihre Handgelenke schließen. Nachdem sie sich mit einem Blick nach oben davon überzeugt hat, dass ihre Arme tatsächlich über ihrem Kopf festgebunden sind und der ziehende Schmerz in ihren Muskeln daher rührt, lässt sie ihre Augen, die sich zum Glück bereits an das dämmerige Licht gewöhnt haben, noch etwas wandern. Nicht weit von ihr entdeckt sie die Quelle der Geräusche; Arshon befindet sich in einer noch unangenehmeren Situation als sie. Seine Hände sind ebenfalls über seinem Kopf gefesselt und dem Dampfen und Zischen nach zu schließen, dass sie unter seinem Keuchen vernehmen kann, handelt es sich in seinem Fall nicht um einfaches Eisen. Obsidian. Für einen Augenblick ist sie unsicher, was ihr mehr Sorgen bereiten soll: die Situation an sich oder die Tatsache dass jemand ganz genau zu wissen scheint, wer und vor allem was Arshon in Wahrheit ist. Die Entscheidung wird ihr jedoch nur noch erschwert, denn nun wendet sich die Gestalt, die Arshon anscheinend schon eine geraume Weile als Box- Sack benutzt, zu ihr um. Die Augen, die sich unverwandt auf ihr Gesicht richten, glänzen im flackernden Licht einer einzelnen Kerze und ein eisiger Schauer rinnt ihr über den Rücken. Er ist ein Vampir… und wenn dies hier kein unglaublich schlechter Zufall ist, ist er in Liobras Tod verwickelt.
Bis auf Arshons gelegentliches Ächzen und das leise, unterschwellige Zischen mit dem die Haut an seinen Handgelenken vor sich hin simmert, senkt sich Stille über den kleinen, dunklen Raum. Shunjalinn bemüht sich darum, sich die aufkommende Angst nicht anmerken zu lassen, auch wenn sie weiß, dass ihr Gegenüber ihren rasenden Herzschlag hören und die Angst in ihrem Schweiß riechen kann. Der Vampir scheint die Situation zu genießen, sein Blick ruht unverwandt in ihrem und schließlich schleicht sich ein Lächeln auf seine Lippen, das seine Fangzähne entblößt. >Es ist ganz wunderbar von Euch uns die Ehre Eurer Aufmerksamkeit zu schenken, meine Liebe. Arshon hier ist zwar wirklich ein amüsanter Zeitvertreib, aber eben nur das.< Sie hört Arshon bei der Erwähnung seines Namens knurren, lässt sich aber davon nicht ablenken. Die Elbin hat das Gefühl, würde sie dem Vampir vor ihnen ihre Aufmerksamkeit entziehen, könnte dies schlimme Folgen für sie beide haben. „Ich kann zwar nicht behaupten, dass die Freude auf Gegenseitigkeit beruht, aber wo wir schon einmal so nett beieinander sind… Was wollt Ihr?“ Auch wenn ihr wirklich nicht nach Scherzen zumute ist, das frotzeln hilft, die Angst in den Hintergrund zu schieben so dass sie ihre Gedanken damit beschäftigen kann, sich einen Ausweg zu überlegen. Das Lächeln, das bei ihren Worten noch breiter wird, hilft dagegen eher weniger. >Ah, man hat mir erzählt, dass ihr Mumm in den Knochen habt. Sehr schön, meine Liebe, wirklich sehr schön.< Wären sie jetzt in einem Salon in irgendeinem der herrschaftlichen Häuser Cap Arduns würde ihr Gegenüber sich vermutlich ein Glas Wein einschenken und sich galant in einen gepolsterten Sessel niederlassen. Da dass, sehr zu Shunjalinns Bedauern, aber nicht so ist, lehnt er sich nur mit dem Rücken gegen die Wand und schlägt entspannt die Beine an den Knöcheln übereinander. Wie ich festgestellt habe, habt Ihr meinen Gruß empfangen. Wobei ich es wirklich bedauere, dass nur Ihr der Einladung zum Spielen gefolgt seid. Der Herr Elb wird sich doch nicht zu fein dafür sein, Rache für seine menschliche .. Bettgefährtin zu nehmen… Oder ist es ihm schlicht egal, was mit denjenigen geschieht, die ihm nahestehen? Denn wenn das so ist..< Shunjalinn kommt nicht umhin, die Eleganz dieses Vampires zu bewundern, als dieser sich von der Wand abstößt und mit zwei Schritten direkt vor ihr steht. >Nun, wenn das so ist, hätte ich großen Spaß daran, ihm auch noch eine weitere Leiche zum begraben zu übergeben….< Blitzschnell greift das Munduskind; denn das es sich hier nicht um einen Sithechjünger handelt, verrät ihr Arshons schwelende Wut; nach ihrem Kinn und zwingt sie, zu ihm aufzublicken. Ihr Blick findet seinen und sie erkennt darin, wie ernst es ihm mit seiner Aussage ist. Er wird mich töten. Die Traurigkeit, die bei diesem Gedanken in ihr aufkommt, kann sie nicht verdrängen und so nutzt sie ihre Kraft dazu, zumindest keine Tränen aufkommen zu lassen. Sie versucht, dem festen Griff um ihr Kinn nach hinten auszuweichen und auch wenn die Bewegung erneut Schmerzwellen durch ihre Arme laufen lässt, bemerkt sie dabei etwas. Das der Vampir, offenbar fasziniert von der Trauer in ihren Augen, noch einmal fester zugreift gibt ihr die Möglichkeit sich ebenfalls weiter nach hinten zu lehnen und als die eiserne Schelle um ihr rechtes Handgelenk sich bei dieser Bewegung noch weiter nach oben bewegt, schöpft sie Hoffnung.
>Was?< Der Vampir, der sich über sie beugt und noch immer gebannt in ihre Augen sieht, scheint von der Veränderung in ihrem Gesicht überrascht zu sein, bemerkt aber nicht, was sich kurz über seinem Kopf abspielt. Shunjalinn, in deren Kopf sich ein kleiner, verwegener Plan gebildet hat, atmet so tief es geht ein. Und als sie stoßartig ausatmet, zieht sie mit aller Kraft an ihrem Arm und lässt sich, kaum ist er frei, am linken Arm zur Seite schwingen. Das Knacken, mit dem ihr Daumen bricht und so die Flucht aus der Handschelle ermöglicht, hört das Munduskind zwar, ist aber offensichtlich über ihr Verschwinden zu erstaunt um zu reagieren. Shunjalinn nutzt die ein, zwei Herzschläge die sie hat, um nach dem winzigen Obsidianmesser zu greifen, dass sie in einer Lederscheide unter ihrem Hemd im Rücken trägt. Die Klinge, kaum so lang wie ihr Zeigefinger, findet schmatzend ihr Ziel als die Elbin ziellos zusticht und ihren Angreifer irgendwo zwischen Schulter und Halsansatz erwischt.
Der Vampir stößt ein wütendes Kreischen aus, stürzt nach hinten und von ihr fort und sie hat die Geistesgegenwart, den Griff um das Messer nicht zu lösen und so bleibt ihr zumindest diese kleine Waffe. Jeder Muskel in ihrem Leib schmerzt und in ihrer rechten Hand spürt sie eine langsame Taubheit aufkommen. Vorsichtig greift sie das Messer um, so dass es wie ein spitzer Dorn zwischen Zeige- und Ringfinger hervorlugt. Sie weiß, dass sie einen Kampf nicht lange überstehen wird, aber sie würde ganz sicher nicht auf Knien sterben.

Jede Überheblichkeit ist aus dem Gesicht ihres anonymen Angreifers gewichen; sie hat einer ordentlichen Wut Platz gemacht und sein Knurren scheint die ganze Kammer auszufüllen. Shunjalinn ist so auf ihr Gegenüber konzentriert, dass ihr die Stille aus Arshons Richtung gar nicht auffällt. Sie verstärkt den Griff um die winzige Klinge, auch wenn sie dafür mit einem gleißenden Schmerz der ihren Arm hinaufschießt, belohnt wird. Ich muss Arshon irgendwie befreien, das ist meine einzige Chance… Die Elbin hat den Gedanken kaum zu Ende gebracht, als ihre Hoffnung auch schon erfüllt wird. Der Sithechjünger hatte es irgendwie geschafft, sich aus seinen Fesseln zu befreien und stürzt sich nun mit einem dunklen, bedrohlichen Grollen auf den Feind.
Shunjalinn kann wenig mehr tun, als den beiden Vampiren so gut es eben geht aus dem Weg zu gehen und hoffen, dass vor der Tür niemand Wache hält, der gleich durch den Lärm angelockt werden würde. Wieder und wieder weicht die Elbin, immer in Reichweite der Kette an die sie noch immer gefesselt ist, den beiden Kämpfenden aus. Die meiste Zeit über wagt sie es nicht, die Obsidianklinge noch einmal einzusetzen aus Angst, den Sithechjünger damit zu treffen. Nur wenn sie absolut sicher ist, sticht sie zu und wird mit einem wütenden Schmerzlaut belohnt.
Es dauert eine ganze Weile bis Arshon schließlich die Oberhand gewinnt und den sichtlich geschwächten Vampir in einem festen Würgegriff hält. Sie alle wissen, dass das Munduskind seinen Kopf verlieren muss, bevor die beiden über weitere Schritte nachdenken können. Bei dem Gedanken, dem Vampir mit ihrem winzigen Messer den Kopf vom Körper zu trennen, spürt die Elbin ein hysterisches Lachen in sich aufsteigen. Auch wenn sie es gerade noch unterdrücken kann, scheint zumindest ihr Gegner ihre Stimmung aufzugreifen, denn er beginnt irritierenderweise zu lächeln. Shunjalinn runzelt die Stirn und wechselt einen kurzen Blick mit Arshon, der ihr grimmig zunickt. Kurz flammt der Gedanke in ihr auf, wie praktisch das Senden in einem solchen Fall ist, denn damit wüsste sie die Antwort auf ihre stumme Frage, ob er ihren Gegner auch sicher fest im Griff hatte, ganz sicher. Soris, sei uns hold. Sie macht einen vorsichtigen Schritt auf die beiden zu. Das Klirren der Kette die ihren Bewegungsradius beschränkt ist in diesem Moment, neben ihrem eigenen, keuchenden Atmen, das einzige Geräuch. Als ihr Blick auf die Handgelenke des Sithechjüngers fällt, stockt ihr kurz der Atem und völlige Stille herrscht. Der Obsidian hatte sich dort, wo die Handschellen aufgelegen waren, beinahe bis auf die Knochen durchgefressen und sie sieht den Schmerz in seinen Augen leuchten. Das nächste Kleinkind, das uns beiden ans Leder will, hat nicht viel Arbeit. Wir fallen ja beide beinahe um..
„Wer hat euch beauftragt?“ Ihre Stimme klingt heiser und die Müdigkeit die sie empfindet, schwingt darin mit, ohne das Shunjalinn etwas dagegen tun kann. Doch ihr Gegenüber schüttelt nur mit dem Kopf. Auch als sie, ihre Frage wiederholend, das Messer direkt auf seine Haut legt und der Geruch nach versengtem Fleisch aufkommt, erhält sie keine Antwort. Arshon hält den sich windenden Vampir fest in seinem Griff und seinen Blick dabei starr auf sie gerichtet. Die Elbin beißt die Zähne so fest zusammen, dass ihr schon bald der Kiefer schmerzt und ihr wird übel von dem Geruch der sich in der ganzen Kammer ausbreitet, doch sie hört nicht auf mit ihren Fragen. Erst das immer drängender werdende Gefühl, dass ihnen die Zeit davonläuft, lässt sie schließlich innehalten. Mit dem Handrücken wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und holt tief Luft. Sie kann erkennen, dass Arshon seine Wunden ebenso zu schaffen machen wie ihr und ihrem Gefangenen. Auch wenn der Wunsch, herauszufinden, wer das Munduskind mit dem Morden beauftragt hatte, unbändig ist; es ist riskant ihr Glück noch weiter herauszufordern. Shunjalinn bemüht sich, einen klaren Gedanken zu fassen, aber das ist nicht so einfach. Ich könnte ihn mit der Kerze anzünden… aber er wird sicher nicht stillstehen und stattdessen versuchen uns ebenfalls in Brand zu setzen. Das überlebt Arshon nicht. Und mit dem Messer komme ich nicht weit… Wenn wir ihn irgendwie fixieren können. Ihr Blick fällt auf die leeren Handschellen aus Obsidian, die an ihren Ketten von der Decke hängen und nach einem kurzen Blick auf Arshons Handgelenke nickt sie, ihr Gesicht eine grimmige Maske.
„Legt euch die Fesseln an.“ Sie deutet mit dem Kopf nach links und das Aufblitzen von Angst im Gesicht des Vampirs verschafft ihr Genugtuung. Vielleicht redest du ja doch noch, wenn es nur weh genug tut. Arshon schiebt das Munduskind ein Stück vor sich her und lockert den Griff um dessen Kehle auch nicht, als dieser zögernd nach den Fesseln greift. Shunjalinn beobachtet genau, was ihr Gefangener tut; sie hört das Zischen mit dem seine Haut an den Stellen verbrennt an denen er die Fesseln berührt, sieht wie seine Augen sich verengen und sein Mund sich verzieht, als der Schmerz zu ihm durchdringt. Was sie nicht sieht ist die Sekunde, in der das Munduskind einen ähnlichen Entschluss zu fassen scheint, wie die Elbin nur kurze Zeit vorher: Nicht im Knien sterben.
Der Tritt des Vampirs trifft Shunjalinn in der Körpermitte und er allein treibt ihr schon die Luft aus den Lungen. Sie spürt noch, wie ihr linker Arm durch die unnachgiebige Kette nach oben gerissen wird und das Schultergelenk mit einem Knacken nachgibt, dann knallt sie mit dem Rücken und dem Hinterkopf gegen die Wand und eine gnädige Dunkelheit umfängt sie erneut.

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Freitag, 15. Dezember 2017, 14:04

Mitte Goldschein 515

Das erste was die Elbin spürt, als sie wieder zu sich kommt, ist das Dröhnen ihres Schädels. Für einen langen Augenblick ist dass das einzige was sie wahrnimmt und ihr kommt der Gedanke, dass nichts fühlen wohl doch besser wäre. Als dann die Erinnerung mit einem Mal zurückkehrt, reißt sie erschrocken die Augen auf. Zu ihrer unendlichen Erleichterung ist es Arshons Gesicht das sie als erstes erkennt, bevor ihr auch schon wieder schwarz vor Augen und vor allem schlecht wird. Hastig wendet sie sich nach rechts, um sich zu übergeben. Da sie in den letzten zwei Tagen nicht wirklich viel zu sich genommen hatte, ist dieser Anfall von Übelkeit zum Glück schnell wieder vorbei. Als sie sich aufrichtet kann sie einen Blick an dem Sithechjünger vorbei in die Kammer werfen und stellt dabei fest, dass sie alleine sind. „Wo?“ Sie kommt nicht weiter, denn Arshon verlagert sein Gewicht ein bisschen so dass sie links an ihm vorbeischauen und die Asche und verkohlte Knochen am Boden erkennen kann. Ah. Gut. Vorsichtig lehnt Shunjalinn sich wieder gegen die Mauer und genießt das Gefühl noch zu atmen für einige Herzschläge mit geschlossenen Augen.
Da sie aber noch lange nicht in Sicherheit sind, ihre Rippen bei jedem Atemzug protestieren und auch der restliche Körper nur noch mittels Schmerzsignalen mit ihr zu kommunizieren scheint, vergeht dieser kurze Frieden schnell. Shunjalinn schlägt die Augen wieder auf und erneut fällt ihr Blick auf Arshon. Der Ausdruck auf dem Gesicht des Vampirs jagt ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken und sie schluckt trocken. Er braucht Blut.. Dieser Gedanke kommt ihr nun wirklich nicht gelegen, so nah wie er ihr in diesem Moment ist und so schwach wie sie sich fühlt. Arshon, der offenbar genau weiß, in welche Richtung ihre Gedanken gerade wandern, versucht es mit einem beruhigenden Lächeln. >Keine Sorge, ich werde mich nicht vergessen. Aber wir sollten wirklich zusehen, dass wir hier raus kommen.< Mit diesen Worten richtet er sich auf und reicht ihr seine Hand. Da sie sich an ihren lädierten Daumen an der rechten Hand erinnert, möchte die Elbin ihm gerade ihre Linke, die mittlerweile von der Handfessel befreit ist, reichen, als sich ihre Schulter mit rasendem Schmerz zurückmeldet. Die Elbin kann nichts gegen die Tränen tun, die ihr jetzt in die Augen schießen und sie zieht zischend die Luft ein. Sofort ist Arshon wieder auf den Knien und sein Blick hastet über ihren Oberkörper. Er muss nicht fragen, wo genau es schmerzt, bei genauerem Hinsehen erkennt er das Problem an dem seltsamen Winkel, in dem sie den linken Arm hält. Vorsichtig legt er seine Hände auf ihren Oberarm und tastet ihre Schulter mit einer Vorsicht ab, die sie ihm nicht zugetraut hätte. >Ich fürchte, die ist mindestens ausgerenkt. Soll ich?< Shunjalinn ist bei seiner leichten Berührung blass geworden und auch wenn sie gerne laut nein rufen würde, nickt sie mit zusammen gebissenen Zähnen. Die Art und Weise wie der Vampir ihre Schulter abtastet lässt sie ahnen, dass dies nicht die erste Schulter ist, die er einrenkt und auch wenn es die Sache nicht angenehmer macht, lenkt sie der Gedanke doch lange genug ab. Als das Gelenk wieder an seine eigentliche Position zurückgleitet, lässt der Schmerz augenblicklich nach und Shunjalinn atmet erleichtert aus. Wenn wir jetzt noch die rechte Hand versorgen ist ja schon fast alles wieder gut.. Mühsam rappelt sich die Elbin mit Arshons Hilfe auf die Beine, sieht sich noch einmal in der Kammer um und kann ihr Glück kaum fassen, denn in einer dunklen Ecke kann sie ihren Waffengurt entdecken. Es dauert seine Zeit, bis sie die Kammer durchquert hat und noch einmal so lange bis sie es schließlich schafft, den Gurt umzulegen. Der Atem der Elbin geht schnell und wieder steht ihr der Schweiß auf der Stirn, doch sie lebt und wenn Soris ihnen wohlgesonnen bleibt, würde sich das so schnell auch noch nicht ändern.
Die Glücksmaid scheint ihnen wirklich hold zu sein: Die Tür ist unverschlossen und in dem Gang dahinter ist niemand. Ihr geheimnisvoller Gegner hatte sich anscheinend mehr als sicher gefühlt, aber das kann ihnen in ihrem aktuellen Zustand nur mehr als recht sein. Arshon bleibt kurz hinter der Tür stehen und zieht geräuschvoll die Luft ein. Als Shunjalinn bewusst wird, dass er gerade schnuppert muss sie lachen. Sie hört selbst, wie hysterisch sie dabei klingt und beißt sich, bei dem Versuch das Lachen zu unterdrücken, fest auf die Zunge. Na toll, weil du noch nicht genug Schmerzen hast. Arshon sieht sie konsterniert an, ehe er sich kopfschüttelnd nach links wendet. Der Elbin bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu folgen und darauf zu hoffen, dass sie niemand weiterem mehr begegnen.

Die Sonne beginnt gerade aufzugehen, als Arshon und Shunjalinn wieder an die frische Luft gelangen. Sie waren dem Gang einige Meter gefolgt, hatten sich dann an einer Kreuzung rechts gehalten um dann nach einigen hundert Schritt an einer weiteren Tür anzuhalten. Sie kann Arshon ansehen, dass auch er unter Schmerzen leidet aber als sie erkennt, dass der Tag nicht mehr weit ist, treibt sie ihn zur Eile an. Er braucht Blut und er muss ruhen. Und zwar bald. Es dauert auch nicht lange, bis der Dieb sich orientiert hat und nach einem kurzen, stummen Blickwechsel schlägt er den Weg in Richtung Burg Balga ein. Shunjalinn folgt ihm, auch wenn sie eigentlich nichts mehr möchte, als in ihrem eigenen Bett zu liegen und sich ihrer Trance hinzugeben.
Doch daraus wird vorerst nichts: Als sie schließlich beim Hauptquartier der Malsuma ankommen, hat Shenrahs Auge die Dächer und Zwiebeltürme der Stadt bereits rot-golden eingefärbt und man merkt Arshon immer mehr an, dass er dringend Ruhe benötigt um zu heilen. Ob seine Handgelenke auch vollständig heilen werden? Sie wirft einen zweifelnden Blick auf das rechte Handgelenk des Vampires und ehe sie nur einen weiteren Gedanken fassen kann, öffnet Arshon eine Tür, die sie nie im Leben in der Hauswand entdeckt hätte und schiebt sie einfach hindurch. Sie kommt in einem düsteren Gang zum Stehen, der nicht so wirkt als würde er sonderlich oft benutzt werden. Als der Vampir die Tür hinter ihnen schließt, wird es vollständig dunkel. Die Elbin hört ihn rumoren, dann das klicken von Feuersteinen und nur ein paar Herzschläge später flammt eine kleine Fackel zu ihrer rechten auf. Shunjalinn blinzelt, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnt haben und folgt dann Arshon, der sich sofort wieder in Bewegung gesetzt hat.
Sie folgen dem Gang schweigend und nur für wenige hundert Schritt, dann öffnet Arshon eine weitere Tür und löscht die Fackel im Fackellöcher neben dem Durchgang. Es dauert nur wenige Augenblicke, ehe die beiden sich einer Schar Wachen mit gezogenen Schwertern und auf sie gerichteten Hellebarden gegenübersehen. Der Sithechjünger tritt mit erhobenen Händen aus der Dunkelheit des Ganges in die besser beleuchtete Halle und lässt, als er sicher ist das jeder ihn erkannt hat, langsam die Hände sinken. >Alles in Ordnung, Männer. Sie ist mein Gast. Schickt einen Botenjungen nach einem Heiler und lasst eine der Mägde ein Gästezimmer herrichten.< Zwei der Männer folgen seinen Befehlen ohne zu Zögern, während der Rest sich wieder an seine Plätze begibt. Arshon, der bis auf die wenigen Worte eben seit ihrer Flucht aus der Kammer geschwiegen hatte, führt sie wortlos zu einer kleinen Bank hinüber, auf die sich die Elbin dankbar fallen lässt. Sie beobachtet den Sithechjünger aus dem Augenwinkel und selbst so kann sie erkennen, wie geschwächt er ist und kann nur ahnen, welche Kraft es ihn kostet, hier bei ihr zu stehen. In den letzten zwei Jahren war Rekenor An'an zwar regelmäßiger Gast in ihrem Haus gewesen, aber sie hatte die Chance verpasst, mehr über Vampire an sich zu lernen und so kann sie nur vermuten, wie dringend Arshon eine Blutmahlzeit benötigt.

Kurze Zeit später holt eine sehr junge Magd Shunjalinn aus der Halle ab. Sie nickt Arshon kurz zu und ihr fällt auf, dass er es vermeidet, ihr in die Augen zu blicken. Nach wenigen Schritten dreht Shunjalinn sich noch einmal um, sieht ihn aber nur noch in einem der Durchgänge verschwinden.
Das Zimmer in das sie geführt wird liegt im ersten Stockwerk, ist klein aber ordentlich und sauber eingerichtet. In dem kleinen Kamin brennt ein Feuer und die Magd verspricht ihr im Hinausgehen ein Bad und etwas zu essen, sobald der Heiler dagewesen ist. Sie schafft es gerade noch, einen Dank zu murmeln, ehe sie rücklings aufs Bett fällt und erschöpft die Augen schließt. Es ist hart, jetzt nicht direkt in die Trance hinüberzugleiten, doch die Elbin schafft es bis ein Klopfen an der Tür die Ankunft des Heilers verkündet.
Der Mann ist kaum älter als zwanzig, aber er strahlt eine angenehme Ruhe und Unaufgeregtheit aus und beginnt sogleich damit, seine Gerätschaften auf dem kleinen Nachttisch auszubreiten. >Bitte entkleidet euch.< Shunjalinn zieht amüsiert eine Augenbraue in die Höhe, tut aber wie ihr geheißen. Normalweise erwarte ich schon mindestens einen Becher ordentlichen Wein, bevor man solche Forderungen stellt. Bei diesem Gedanken schleicht sich ein Grinsen auf ihre Lippen und sie spürt, wie die Schwere in ihrem Herzen, die sie seit dem Nachmittag vor nunmehr drei Tagen in sich gespürt hatte, leichter wird. „Ich fürchte, ihr werdet mir ein bisschen zur Hand gehen müssen…“ Sie hebt die rechte Hand bei diesen Worten, die mittlerweile ziemlich unförmig angeschwollen ist und auch eine interessante Blaufärbung aufweist. Der Heiler nickt nur und hilft ihr dann vorsichtig aus ihrem Hemd und den Hosen, um dann ohne Umschweife mit seiner Untersuchung zu beginnen. Er ist gründlich und beginnt mit ihrem Kopf, wo er am Hinterkopf eine Platzwunde und eine ordentliche Prellung feststellt. >Ihr habt hier stark geblutet, aber das ist normal bei Kopfwunden. Es kann sein, dass es erneut beginnt, wenn ihr nachher das Haar wascht. Ich gebe der Magd etwas Verbandsmaterial, lasst euch von ihr helfen, sollte es zu stark bluten. Ist euch schlecht?< Sie schüttelt, ganz vorsichtig, mit dem Kopf was der Mann nickend zur Kenntnis nimmt. >Achtet darauf, ob euch in den nächsten zwei, drei Tagen übel wird und haltet euch so viel wie möglich ruhig.<
Als nächstes ist ihre linke Schulter dran, allerdings kann er hier nicht mehr viel tun, als ihr kühlende Umschläge zu empfehlen. >Ich glaube, ein Muskel ist gerissen, ihr solltet den Arm so ruhig wie möglich halten. Oder einen Aniran aufsuchen… Besonders, wenn ich mir eure Hand ansehe.< Er fasst ihren rechten Arm vorsichtig am Ellenbogen und hebt so Arm und Hand etwas an, um einen besseren Blick darauf werfen zu können. Allein diese leichte Bewegung jagt eine Schmerzwelle ihren Arm hinauf und die Elbin atmet mit einem Zischen ein. Auch wenn er sich wirklich Mühe gibt sie vorsichtig zu berühren, die nächsten Minuten werden grausam, während er sich einen Überblick verschafft, den Knochen so gut es geht richtet und die Hand dann mit einem festen Verband fixiert. Shunjalinn braucht ihre ganze verbliebene Kraft, um nicht vor Schmerz in Ohnmacht zu fallen, kann aber nichts gegen die Tränen tun, welche ihr über die Wangen rinnen. >Ihr solltet auf jeden Fall einen Aniran aufsuchen, ich kann das Gelenk nicht vollständig richten und es besteht die Gefahr, dass es versteift.< Mit einer Sanftheit, die sie überrascht, tupft er ihr mit einem feuchten Tuch die Tränen vom Gesicht um dann ohne weitere Umstände mit der Untersuchung fortzufahren.
Ihre restlichen Blessuren bestehen aus Schnitten, Prellungen und Blutergüssen, so dass der Heiler nicht mehr viel tun muss, außer die Schnitte zu reinigen, ihr eine kühlende Salbe für die Prellungen und etwas Mohnblumensaft zu geben und sie dazu aufzufordern, sich die nächsten Tage auf jeden Fall zu schonen. Er verschwindet ebenso wortkarg wie er gekommen ist und wird von der jungen Magd und mehreren Burschen abgelöst, die eine große kupferne Wanne und dann heißes Wasser hereintragen. Während die Männer die Wanne füllen, bringt das Mädchen ihr ein großes Tablett mit frischem, weichem Brot, kaltem Braten und Käse sowie einem großen Becher mit Tee.
Und dann ist sie allein. Das Wasser in der Wanne dampft einladend und auch wenn sie wirklich hungrig ist, sie folgt seinem Lockruf und schließt, als sie es schließlich mehr schlecht als recht geschafft hat sich hinzusetzen, mit einem Seufzen die Augen.

Die Sonne geht bereits wieder unter, als Shunjalinn schließlich auf ein Klopfen an der Tür hin aus ihrer Trance erwacht. Sie fühlt sich völlig zerschlagen; ihr Rücken ist ein einziger Bluterguss, ihre linke Schulter ist noch immer angeschwollen und ebenfalls bläulich verfärbt und an ihre rechte Hand möchte sie eigentlich nicht einmal denken. Ich muss unbedingt zu einem Aniran. Noch heute. „Herein.“ Die Müdigkeit klingt in ihrer Stimme mit und die junge Magd, die sie am Morgen schon versorgt hatte, lächelt ihr beim Eintreten schüchtern zu. >Herr Rekenor wird bald erwachen und er hatte mir gestern Nacht bereits aufgetragen, euch zu bitten ihn umgehend aufzusuchen. Ich habe eure Gewänder so gut es geht zu reinigen versucht, aber ich habe sie nicht richtig sauber bekommen.< Mi diesen Worten legt das Mädchen das Hemd und die Hose neben Shunjalinn aufs Bett. „Solange sie keine zu großen Risse oder Löcher haben, werden sie ausreichen. Aber du wirst mir beim ankleiden helfen müssen, fürchte ich.“ Sie versucht sich an einem aufmunternden Lächeln und gemeinsam machen sich die beiden daran, die Elbin anzukleiden. Das Mädchen besteht darauf, ihr das Haar wenigstens zu kämmen und nach einer kurzen Diskussion fügt Shunjalinn sich in ihr Schicksal.
Als sie hinter der Magd durch die Tür eines elegant eingerichteten Salons tritt, ist die Elbin aber doch froh über den Nachdruck mit der das Mädchen auf einem halbwegs anständigen Eindruck bestanden hatte. Rekenor erwartet sie bereits; seine dunklen Augen suchen ihren Blick und er deutet ihr stumm, sich in einen der bequemen Sessel zu setzen. Seine Bewegungen sind bedächtig, als er sich ihr gegenüber in den Sessel setzt und zum ersten Mal seit sie den Sithechjünger kennt, wirkt er, als müsse er nach Worten suchen. „Wisst ihr, wie es Arshon geht?“ Sie unterbricht die Stille, denn auch wenn ihr seit dem gestrigen Abend eine ganze Menge Fragen im Kopf umhergeschwirrt sind, diese scheint ihr doch die im Moment wichtigste. >Er hat getrunken und ruht jetzt. Wir werden erst mehr wissen, wenn er erwacht. Stimmt es, dass er mit Obsidian gebunden wurde?< Sie nickt als Antwort auf seine Frage und der Vampir atmet mit einem leisen Seufzen aus. >Die Wunden werden nur schwer heilen und ganz sicher nicht vollständig. Aber er hat wirklich Glück gehabt, es hätte wesentlich schlimmer werden können.< Bei seinen Worten hat sie kurz das Bild von verkohlten Knochen vor sich, schiebt es aber rasch beiseite und konzentriert sich auf das folgende Gespräch.

Die Stunde der Räuber ist vor kurzem verstrichen als Shunjalinn in einer geschlossenen Kutsche der Malsuma in den Innenhof ihres Hauses einfährt. Sowohl der Kutscher als auch der Mann, der ihr gegenüber im Inneren der Kutsche sitzt, gehören dem Vampirorden an. Vor dem Tor werden sie kurz aufgehalten und sie stellt zu ihrer Erleichterung fest, dass die Männer Rekenors noch immer Wache halten. Nach einem kurzen und leisen Wortwechsel wird ihnen das Tor geöffnet und die Kutsche fährt ein. Shunjalinn kann erkennen, dass die Fenster im oberen Stockwerk des Hauses hell erleuchtet sind und ein Hauch von einem schlechten Gewissen regt sich in ihr. Du hättest ihnen heute früh eine Nachricht zukommen lassen sollen. Sie ist kaum vier Schritt von der Kutsche entfernt, als sich auch schon eine Tür öffnet und Siranria auf den Hof stürmt. Ihre Nichte ist wenig mehr als eine dunkle Silhouette gegen das Licht welches aus der Tür auf den Innenhof scheint, doch Shunjalinn erkennt die Erleichterung in ihrer Körperhaltung als die jüngere sie erkennt. Die Elbin wappnet sich innerlich gegen den Schmerz, falls Siran sie umarmen würde. Doch anscheinend erkennt man ihren ramponierten Zustand auch in dem schlechten Licht, denn die junge Elbin stoppt zwei Schritte vor ihrer Tante und schlägt die Hände vor den Mund. Dían![/i] Der Schrecken klingt in ihrem Senden mit und so bemüht sich Shunjalinn um ein möglichst zuversichtliches Gesicht, macht die letzten zwei Schritte auf ihre Nichte zu und legt ihr, sehr vorsichtig und sehr langsam, die linke Hand auf den Arm. Hoffentlich ist der Aniran schon da. „Lass uns drinnen reden.“ Sie hört, wie die Kutsche in dem kleinen Hof wendet, aber sie möchte jetzt nur noch ins Innere. Sacht verstärkt sie den Druck auf Sirans Arm um ihr zu zeigen, dass sie vorausgehen solle. Der Sithechjünger, der sie in der Kutsche begleitet hatte, folgt ihnen zur Tür und bleibt dann wie angewurzelt stehen. Während sie sich zu ihm umwendet geht ihr durch den Kopf, dass sie seinen Namen noch gar nicht kennt, schiebt den Gedanken aber beiseite. Dafür wäre später auch noch Zeit. „Kommt herein.“

Als sie den Wohnraum im ersten Stock des Hauses betritt, fällt ihr das Fehlen Yaélnars sofort auf und für einen Moment macht sich die furchtbare Angst in ihrem Herzen breit, er könnte etwas äußerst Unkluges getan haben. Jakow, der ihr entgegeneilt, kann ihre Gedanken offenbar von ihrem Gesicht ablesen, denn er beruhigt sie sofort wieder. >Er ist in seinem Zimmer und ruht. Ich habe eben nachgesehen. Und jetzt setz dich, der Aniran ist gleich hier.< Die Sorge des Mannes ist deutlich zu spüren, als er sie an der Hand nimmt und zu einem der Sessel am Kamin führt. Ohne Widerworte folgt die Elbin, lässt sich vorsichtig in das weiche Polster sinken und kommt in der folgenden Stunde nicht mehr dazu, den Mund zu etwas anderem zu öffnen als um Tee zu trinken (auch wenn ihr ein ordentlicher Schnaps wirklich lieber wäre), den Aniran zu begrüßen und wieder zu verabschieden und sich kurz nach Irâdauris zu erkundigen. Als der Schmerz schließlich irgendwann nachlässt, bleibt nur noch allumfassende Erschöpfung zurück, doch Shunjalinn ahnt, dass sie noch lange nicht zu Bett gehen kann als sie in die neugierigen und noch immer besorgten Gesichter Jakows und Sirans blickt.

Die Nacht ist weit vorangeschritten als Shunjalinn damit fertig ist, Jakow und Siran die Geschehnisse der letzten drei Tage zu schildern. „Rekenor ist wie ich der Überzeugung, dass dieser Vampir nicht mehr als ein Handlanger war und dass wir uns nicht zu sicher fühlen sollten.“ Die Elbin fühlt sich ein wenig schuldig, als sie in Sirans Gesicht schaut und darin die Hoffnung auf Ruhe und Frieden erlöschen sieht, aber nur, wenn sie absolut ehrlich zu ihnen ist, kann sie sicher stellen das sie alle mit der gebotenen Vorsicht handeln würden. Für einige Momente ist jeder von ihnen mit seinen Gedanken beschäftigt, so dass nur das Knacken der Holzscheite im Kaminfeuer die Stille durchdringt. Schließlich rafft Shunjalinn das letzte bisschen Willenskraft zusammen, das sie finden kann und erhebt sich langsam. Der Aniran hatte zwar ganze Arbeit geleistet und jede ihrer Wunden versorgt, doch sie kann in jedem ihrer Muskeln einen Nachhall des Schmerzes spüren. Und für morgen hat er dir einen ordentlichen Muskelkater versprochen… Sie schließt die Augen für einen kleinen Moment, findet die Kraft für ein kleines Lächeln ehe sie die Augen wieder öffnet und verabschiedet sich dann leise von Jakow und Siran.
Auf ihrem Weg zu ihrem Zimmer hört sie Irâdauris, die offenbar hungrig aus ihrer Nachtruhe erwacht war, doch das Geräusch verstummt schnell wieder und Shunjalinn geht beruhigt weiter. Die Amme scheint eine gute Wahl gewesen zu sein. Der Gang, der zu ihrem Zimmer führt, ist dunkel und von einem auf den anderen Augenblick graut ihr davor, jetzt allein zu sein. Ihr erster Gedanke gilt Jakow, der ihr mit Sicherheit einen Platz in seinem breiten Himmelbett einräumen würde. Aber der Gedanke an Sprechen, und seien es nur die wenigen Worte die es braucht, sich einen Schlafplatz zu erbitten, lässt die Elbin kurz seufzen. Ihr Blick fällt schließlich auf die Tür hinter der Yaêlnar ruht und einem Impuls folgend, geht sie hinüber und öffnet diese leise.
Im Inneren des Zimmers ist es beinahe stockdunkel; die dicken Vorhänge sind zugezogen und nur der schwache, rötliche Schein der Glut im Kamin spendet ein wenig Licht so dass Shunjalinn die stille Gestalt auf dem Bett gerade noch erkennen kann. Die Elbin macht vorsichtig einen Schritt in das Zimmer hinein; sie war schon eine ganze Weile nicht mehr in dem Raum gewesen und für einen Moment hat sie das Gefühl fehl am Platz zu sein. Dies hier war Yaéls und Liobras ganz privates Reich gewesen; sie meint sogar noch den Geruch der obersten Magd wahrnehmen zu können und ist gerade im Begriff sich wieder umzudrehen, als sie sein Senden erreicht. Bleib…. Bitte Die Verzweiflung, die ihr mit seinen Gedanken entgegenströmt, droht ihr für einen Augenblick den Boden unter den Füßen zu entreißen, zu gut kennt sie das Gefühl alles wichtige auf Rohas weitem Rund verloren zu haben. Sie schließt die Tür und ist mit wenigen Schritten bei ihm. Er liegt noch immer still auf seinem Bett, doch der Blick den sie in dem wenigen Licht zu erkennen meint, spricht von seiner Verzweiflung, deutlicher als jedes gesprochene Wort es könnte. Mit einem halben Gedanken an ihre zermürbten Muskeln legt sie sich so vorsichtig wie möglich neben den Elben und legt eine Hand auf seine Brust. Sie weiß, dass es keine Worte, ob gesprochen oder gesendet gibt, die ihm jetzt helfen können und so tut sie, was sie kann und ist einfach nur da.

Kizumu

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8

Samstag, 16. Dezember 2017, 14:18

Nebelfrost 516

Die schwere Eichentür fällt mit einem dumpfen Klacken ins Schloss und durchbricht die Stille, die in dem großen Haus den ganzen Tag geherrscht hatte. Siran, wie ihre Tante auch in Schwarz gekleidet, lehnt sich müde gegen das Holz der Tür. Ihre Hände ruhen auf dem glatten Holz und sie hat das Gefühl, durch diese Geste etwas von der Kraft des Hauses in sich aufnehmen zu können. Weiter im Hausinneren kann sie das Gesinde hören, das durch die Küchentür das Haus betritt und, nur das nötigste sprechend, mit den Vorbereitungen für das Abendessen beginnt. Bei dem Gedanken an die zu erwartenden Gäste, schnürt ihr ein dicker Kloß die Kehle zu.
Shunjalinn, die den Kampf ihrer Nichte gegen die aufsteigenden Tränen spürt, reißt sich aus ihren Gedanken und nimmt die Jüngere schließlich in den Arm. „Ist ja gut, min Týll. Weine ruhig, du warst so tapfer heute; Jakow wäre stolz auf dich gewesen. Und ich bin es auch.“ Für eine ganze Weile ist nur das Schluchzen der jungen Elbin zu hören und auch Shunjalinn kommt nicht gegen die eigenen Tränen an, zu frisch ist der Schmerz über den erlittenen Verlust. Als Siran sich schließlich beruhigt, lässt die Elbin sie eher widerwillig los. Die Kälte, die sich schon seit Wochen über die Stadt gelegt hat, scheint ihr mit einem Mal bis in die Knochen gefahren zu sein, so dass sie fröstelnd die Arme um den Oberkörper schlingt. „Lass uns in den Salon gehen. Ich habe Jewgeni gebeten, uns etwas Warmes zu trinken zu bringen, das können wir beide gebrauchen.“ Schweigend machen die beiden Elbinnen sich auf den Weg die Treppen hinauf und in den privaten Wohnraum, in dem eine Karaffe mit warmen Würzwein schon auf sie wartet.

Die beiden haben sich kaum in die beiden Sessel vor dem Kamin gesetzt, als die Tür sich öffnet und Irâdauris hereinstürmt. „Shuna…Siran.“ Mit ihren zwanzig Monden ist die kleine Halbelbin schon recht flott unterwegs, so dass Aksja, ihre Amme, erst einige Herzschläge später in der Tür erscheint. Shunjalinn hebt leicht die Hand, um dem Mädchen anzudeuten, dass sie das Kind ruhig bei ihnen lassen kann. Aksja nimmt den Wunsch ihrer Herrin mit einem kleinen Kopfnicken zur Kenntnis und zieht die Tür leise wieder zu. Sie war wirklich eine gute Wahl… So hastig sie die junge Ardunerin im letzten Jahr auch hatten einstellen müssen, bereut hatte es die Elbin noch nie. Noch in diese Gedanken versunken hebt sie Irâdauris auf ihren Schoß, wo es sich das kleine Mädchen auch prompt bequem macht. Das warme Gewicht in ihren Armen ist tröstlich und sie spürt, wie die Anspannung der letzten Tage langsam von ihr zu weichen beginnt.

Seit dem Tod Jakows vor drei Tagen war es in ihrem Haus zugegangen wie in einem Bienenstock und sie war so von der Organisation der Beerdigung eingenommen gewesen, dass sie noch keine Zeit gehabt hatte sich mit ihrer eigenen Trauer zu beschäftigen. Seit ihrer Hochzeit vor gerade einmal zwei Jahresläufen war die Freundschaft zwischen dem alten Gelehrten und ihr stetig gewachsen; gemeinsam hatten sie die Geschäfte Yaélnars sowie die Fürsorge für seine Tochter übernommen, als der Elb sich nach Liobras Tod in den Riathar zurückgezogen hatte, und gemeinsam hatten sie Jakows eigene Geschäfte geführt und seine Pflichten im Thanre erfüllt. Und jetzt ist er einfach fort. Die Elbin kann nichts gegen die Tränen tun, die ihr bei diesem Gedanken die Augen füllen und für einen Moment fühlt sie sich inmitten dieses Schmerzes furchtbar allein. Erst zwei kleine Arme, die sich vorsichtig um ihren Hals legen und eine weiche, warme Wange die sich an ihre schmiegt, reißen sie aus ihren Gedanken. Sie erwidert die Umarmung, dankbar für den Trost und gerührt über die Geste des kleinen Kindes. Siran und sie hatten Irâdauris zwar erklärt, was passiert war und das Mädchen war auch bei der heutigen Bestattung anwesend gewesen, aber bisher hatte Shunjalinn eher das Gefühl, dass das Kind die Tragweite des geschehenen noch nicht verstanden hatte.

Sie hatten die letzte Stunde in Schweigen gehüllt vor dem warmen Kamin verbracht; die beiden Erwachsenen tief in ihre Gedanken und Erinnerungen versunken, während das Kind irgendwann auf Shunjalinns Schoß eingeschlafen war. Doch so sehr die Elbin die Stille genießt, sie weiß, dass ihnen bald noch Besuch ins Haus steht und dass es besser wäre, sich darauf vorzubereiten. Vorsichtig hebt sie Irâdauris in ihre Arme, erhebt sich aus dem weichen Sessel und lächelt ihrer Nichte aufmunternd zu. „Bleib ruhig noch ein wenig hier, myn Till. Ich bringe die Kleine zu Aksja zurück und werde schauen, ob das Gesinde bei den Vorbereitungen noch Hilfe braucht.“ Die jüngere Elbin nickt mit einem dankbaren Lächeln, zieht die Beine an den Körper und schlingt die Arme darum, während ihr Blick wie magisch erneut vom Kaminfeuer angezogen wird. Shunjalinn verharrt noch einen Moment, unwillig diesen kleinen Frieden zu verlassen, doch dann tritt sie zur Tür.
Noch während sie von der Tür über den Gang zur Treppe geht, setzt sie sich Irâdauris auf die Hüfte um eine Hand für das Treppengeländer frei zu haben. Sie hört schon auf der ersten Stufe Jewgeni, der sich offenbar mit einem viel zu frühen Besucher unterhält. Nur wenige Augenblicke später kommt ihr der Mann auch schon auf der Treppe entgegen. Shunjalinn ist für einen winzigen Moment irritiert, denn der sonst so in sich ruhende Diener wirkt aufgebracht, aber dann schiebt sie seine Gefühlsregung auf die letzten Tage, die auch und besonders für ihn nicht einfach gewesen waren. Er hatte schließlich sein ganzes Leben in Jakows Diensten verbracht. Als sie aber noch drei weitere Stufen hinuntergeht erkennt sie den Grund für das Verhalten ihres Dieners und sie ist froh, dass sie sich wirklich am Geländer festhält. „Was machst du denn hier?“

9

Dienstag, 30. Januar 2018, 14:32

Nebelfrost 516

Die Stunde der Saat eilt mit großen Schritten herbei und mit ihr die kristallklare, durch Eis und Frost geschärfte Finsternis, die so weit im Norden beinahe die kompletten Wintermonde beherrscht. In öligen Grau- und Pastelltönen steigt die Dämmerung vom Horizont auf, wohinter die Sonne verschwunden ist und fließt träge über den Himmel, von hell zu dunkel. Hätte Bèrengiar die Zeit und die Muse gehabt Faêyris' Erwachen zu betrachten, er hätte ihrem Wirken in Farben und Schatten die demütige Bewunderung zukommen lassen, die ihr zustand. Die Wunder der Götter sind zahlreich, die Augen der Menschen leider lahm und auf schnöde Alltäglichkeiten getrimmt. Sein eigener Geist registriert das Schauspiel zwar, aber sein Herz drängt zur Eile, als könnte ein einzelner Blick in den Himmel ihn vielleicht das Wiedersehen kosten, das er über drei Jahren, seit Shunjalinn Lair Draconis verlassen hatte, herbeigesehnt hat. Es trennen ihn nur noch ein paar Atemzüge von der Straße, die der Gardist ihm genannt hat, aber es sind gefühlt die längsten, die er je getan hat. Sich einen Narren schimpfend stapft Bèrengiar durch den Schnee, der nun schon seit einigen Tagen ununterbrochen in dicken, weichen Flocken fällt, aber er tut es mit einem ebenso närrischen Grinsen, gut verborgen unter Bart und Schnurrbart, das der Mahnung jede aufrichtige Belehrung abspricht.

Ganz unbewusst fährt er sich mit behandschuhten Fingern durch den dichten, silberblonden Bart, der ihm inzwischen beinahe bis auf die Brust herabreichte und in dem der Schnee zu kleinen Eiskristallen gefriert. Unverzüglich meldet seine Eitelkeit, dass dieses wuchernde Gestrüpp ganz dringend ordentlich gestutzt gehört, bevor es ein Eigenleben entwickelt oder ein Vogel sich mitsamt seiner Brut darin einnistet. Eigentlich hat er vorgehabt sich nach der Ankunft in Cap Ardun ein gehobeneres Gasthaus in einem der besseren Viertel zu suchen und sich bei einem ausgiebigen Bad den Staub und den Schweiß der letzten drei Siebentage, die er beinahe ununterbrochen im Sattel zugebracht hatte, von der Haut zu waschen. Aber die Sehnsucht nach der Frau – die sich außerdem noch nie über sein Erscheinen, zivilisiert oder nicht, beschwert hat - macht ihn blind und taub für alles, außer die Richtungsanweisungen des Stadtgardisten vor dem großen Südtor der Stadt, bei dem er sich ohne viel Federlesen nach einer rothaarigen Elbin erkundigt hatte. Natürlich hätte er auch ihren Namen nennen können, aber das Volk der Schönen ist in Cap Ardun, nach seinem Wissen, nicht in großer Zahl vertreten. Seine Annahme hatte sich prompt bestätigt, als der Mann ihm zwar zögerlich, aber durchaus hilfsbereit den Weg gewiesen hatte. Ob er zur Beisetzung angereist sei?, hatte der Soldat ihn noch gefragt. Bèrengiar hatte verständnislos und gewissermaßen auch ungeduldig abgewunken, sich bedankt und war dann, den Emathanerhengst, der ihn von Ambar bis Cap Ardun getragen hatte, am Zügel, unter dem mächtigen, fast zehn Schritt breiten und mit einem eingelassenen, schmiedeeisernen Fallgitter versehenen Torbogen hindurch in die spätmittägliche Betriebsamkeit der verdunkelnden Straßen getreten.

Die Wegbeschreibung des Gardisten hangelt sich entlang besonders auffälliger Gebäude, Strukturen und Sehenswürdigkeit einmal quer durch das herrschaftliche Viertel der Handwerker, wo die Häuser sich unter dem Gewicht prunkvoller Stuckaturarbeiten krümmen und die Gehwege beinahe schon peinlich genau ausgeebnet und mit einem glatten Stein von stahlgrauer Farbe, den er nicht zuordnen kann, gepflastert sind. Das Tageslicht versickert mit rasender Geschwindigkeit zwischen den hohen, schmalen Fassaden der für Cap Ardun so typischen Häuser, die sich wie frierende Gestalten eng Mauer an Mauer schmiegen und es werden bereits die ersten Feuerkörbe, Straßenfackeln und Öllaternen entlang der größeren Haupthandelsadern entzündet. Er passiert den Roten Platz, das Herz der Stadt, wo trotz der fallenden Dunkelheit noch immer lautes Treiben und buntes Durcheinander herrscht. Jeder Händler, der in Ardun etwas auf sich hält, hat angeblich auf diesem Platz sein Talent fürs Feilschen entdeckt. Bèrengiar hält sich am Rand, wo vornehmlich alte Holz- und Korbweiber sich mit ihren Waren in die windgeschützten Ecken der Mauer drängen, welche den Platz einschließt, wie eine Tribüne eine Gladiatorenarena. Der Hengst an seiner Seite lässt zwar die Ohren spielen, hält den Kopf jedoch gesenkt und gibt sogar ein leises Schnauben von sich, als Bèren ihm über den langen, kräftigen Hals streicht und ihm auf Tamairge beruhigend zumurmelt. Das Tier hat ihm auf der langen und streckenweise auch beschwerlichen Reise ungeheuerlich treue Dienste geleistet, weshalb er seinen ursprünglichen Plan, es nach seiner Rückkehr nach Lair Draconis wieder zu verkaufen, bereits verworfen hat. Zwar er besitzt er Zuhause bereits einen imposanten Cardosserhengst mit Namen Torrann, leider hatte der Hengst kurz vor seiner Abreise das Lahmen angefangen und ihn deshalb nicht auf dieser Reise begleiten können. Bèren hofft, dass der Rappschimmel sich inzwischen von seinem Hufleiden erholt hat – und sei es nur, weil der Hengst ungeheuer unleidig werden kann, wenn er zu lange still stehen muss.

In Gedanken bei Torrann späht Bèren zu dem Emathaner hinüber. Er hat noch keinen Namen für ihn, aber vielleicht würde Shunjalinn ein Schöner einfallen. Sie hatte vor über sechs Jahren auch den Cardosser getauft, als dieser noch aus nichts weiter als viel zu langen Beinen und weichem Fohlenplüsch bestanden hatte. Die Erinnerung an diesen Tag treibt ihm das närrische Grinsen bis zu den Ohren und beinahe wäre er deshalb an dem Haus vorbeigelaufen, das man ihm ausgewiesen hat. Es ist ein herrschaftliches Gebäude, dessen hohe, schmale Fassade aus grauem Flussstein von riesigen, rechteckigen Sprossenfenstern und in dunkles Holz geschnitzte, von Schnee und Sonne schwarz gealterte Fächerrosetten dominiert wird. Die halbkreisförmige, ardunsche Giebel neigt sich unmerklich nach rechts und das Haus trägt sie wie ein alter König eine Krone, die auf seinem schütteren Haar nicht mehr so ganz halten möchte. Warmer Kerzenschein erhellt mehrere der Zimmer und verwandelt den Schnee in Wolken schimmerndes Gold. Es ist also auf jeden Fall jemand Zuhause. Kurzerhand bindet er den Hengst an dem schmiedeeisernen Zaun fest, der den kleinen Vorhof samt Ziergarten in geschwungenen Bögen umschließt, schüttelt sich auf dem Weg zum Eingang einmal kräftig, um den gröbsten Schnee loszuwerden und lässt dann ohne zu zögern den schweren Eisenring, der zwischen den imposanten Fängen eines Löwen hängt, gegen das zierlose Eichenholz hämmern.

Es öffnet ihm ein Mann mittleren Alters, der gute, aber einfache Stoffe trägt und sich durch die Art, wie er ihn erst flüchtig mustert und dann mit einem höflichen Nicken begrüßt, ohne dabei die Tür für die Kälte zu öffnen, als einer der Diener des Anwesens zu erkennen gibt. Seine ungesunde Blässe und die leicht eingefallenen Züge, als würde Wachs über seine Wangenknochen schmelzen, schiebt Bèrengiar in seiner Unwissenheit auf seine dienstbeflissene Tüchtigkeit, die ihn wahrscheinlich nicht allzu oft außer Haus lässt und ihn von morgens bis abends auf Trab hält. "Die Götter zum Gruße. Was ist euer Anliegen?" Erst als der Mann ihn begrüßt, erkennt Bèrengiar, dass die Erschöpfung wahrscheinlich nicht rein körperlicher Herkunft ist. Er klingt mitgenommen, als hätte ihm erst kürzlich etwas seelisch zugesetzt und ihm darüber hinaus über Tage hinweg den Appetit verdorben. Es ist ihm deshalb beinahe etwas unangenehm den Mann, der sich so vorbildlich um förmliche Haltung bemüht, mit seinem Anliegen zu stören, also trägt er es lieber rasch vor, um den Diener nicht länger als nötig aufzuhalten.

"Die Götter zum Gruß. Mein Name ist Bèrengiar Ó Ceallaigh von Ròimh im Ordensland der Sturmschwerter. Ich bin auf der Suche nach Shunjalinn Shunjarela. Man hat mir gesagt, sie wäre in diesem Hause wohnhaft?" Es ist das erste Mal, seit er die Drachenlande verlassen hat, dass er wieder seinen eigenen Namen benutzt. Es wird auch das einzige Mal sein, denn sein Auftrag erfordert äußerste Diskretion. Zumindest so lange, wie die Anonymität sich als effektiver erweist, als die Autorität. Er vertraut schlicht darauf, dass Shunjalinn seinem Wunsch, keinerlei Aufsehen zu erregen, entsprechen und das Gesinde dieses Hauses zum Schweigen verpflichten wird. Der Mann weiß ganz offensichtlich nicht, wer er ist, oder er weiß es geschickt zu kaschieren – oder er glaubt ihm kein Wort, weil er in seinem wilden Zustand und in seiner einfachen Reisekleidung einfach nicht aussieht wie einer der höchsten Ritter einer der bekanntesten Orden der ganzen Immerlande –, denn anstatt ihn auf irgendeine Art und Weise anzuerkennen, erkundigt er sich nur sachlich: "Seid ihr gekommen, um der Herrin Af Sibja eure Kondolenzwünsche vorzutragen?" Die Familie 'af Sibja' ist Bèren durchaus ein Begriff. Er hat sich vor seiner Abreise ausgiebig mit dem Königreich Ardun, aber auch der Stadt Cap Ardun auseinandergesetzt, um nach seiner Ankunft nicht erst wie ein Blinder im Teich herumstochern zu müssen, bevor er den ersten Fisch fängt. Er hat viel über die Stadt, das Königshaus, aber auch die Adelsfamilien gelesen. Zu denen die 'af Sibjas' gehören. Sie hat dir geschrieben, dass sie bei einem guten Freund untergekommen ist. Sie hat nur vergessen zu erwähnen, dass der Mann zu einer der einflussreichsten Familien des ganzen Königreichs gehört. Der Gedanke lässt ihn schmunzeln, denn es klingt ganz und gar wie seine Shunjalinn.

Er beeilt sich das Missverständnis aufzuklären: "Verzeiht, sollte ich mich unklar ausgedrückt haben. Ich bin hier um die Dame Shunjarela zu sprechen, nicht die Herrin des Hauses." Das scheint allerdings nur zur allgemeinen Verwirrung beizutragen, denn auf der Stirn des Mannes erscheint eine steile Falte, bevor dieser klar stellt: "Die Dame af Sibja, ehemals Shunjarela, ist die Herrin dieses Hauses." Ehemals Shunjarela… Bèren braucht viel zu lange, um zu begreifen, was das bedeutet, da schiebt der Diener mit der bestimmten Höflichkeit, mit der man einen hohen, aber unerwünschten Gast der Tür verweist, hinterher: "Wenn ihr nicht gekommen seid, um ihr zum Versterben ihres Mannes, meines Herren, zu kondolieren, möchte ich euch höflich bitten zu einem späteren Zeitpunkt wiederzukehren. Heute Morgen erst hat die Beisetzung stattgefunden und das Haus ist in Vorbereitung für die Trauerfeier." Bèrengiar bleiben weniger als drei Herzschläge, um das Gehörte zu verarbeiten und in eine halbwegs logische und nachvollziehbare Ordnung zu quetschen – die trotzdem überhaupt keinen Sinn macht, zumindest nicht aus seiner Sicht der Dinge -, da betritt die Dame, um die es geht, wie auch immer sie jetzt heißen mag, höchstpersönlich die Bühne. In Trauerschwarz gewandet, das kupferrote Haar zu strengen Zöpfen um den Kopf geflochten, steigt sie die Treppe hinab, die sich hinter der Tür in einem Halbbogen zum ersten Stockwerk hinaufschwingt. In ihren Armen hat sie ein Kind, rothaarig und spitzohrig wie sie selber. Sein Kopf rechnet, bevor er etwas dagegen tun kann, aber seins ist es nicht. Die Erkenntnis geht jedoch nicht mit Erleichterung einher, sondern einer Wut, die so plötzlich in ihm hochkocht, wie heißes Wasser auf der Feuerstelle übersprudelt. Es ist nicht seins. Das bedeutet, es muss von jemand anderem sein. Von einem anderen, um genau zu sein. Die Dame Af Sibja, ehemals Shunjarela, ist die Herrin dieses Hauses. Sie ist verheiratet. Nein, war verheiratet. Und hat ein Kind. Sie war verheiratet und hat ein Kind.

Sie starrt ihn an. Er starrt zurück. Dann, ehe jemand reagieren könne, kommt Bewegung in ihn und obwohl Jewgeni ein breites Kreuz und Kraft in seinen Armen besitzt, hat er Bèren überhaupt nichts entgegen zu setzen, als sich dieser durch die Türe und den Diener dabei einfach zur Seite drängt. Er nimmt zwei Stufen mit einem Schritt, bis er sie erreicht hat und ihr direkt in die Augen blicken kann, die ihn vor so vielen Jahren mühelos mit nur einem Zwinkern für sich eingenommen haben.
"Was ich hier tue?", echot er und klingt wie ein Mann, dem seine eigenen Männer einen Dolch in den Rücken gejagt haben: Fassungslos, zornig… enttäuscht. An seiner Stirn pocht eine Ader und wäre das Kind nicht gewesen, er hätte sie gepackt und geschüttelt: "Die Frage ist ja wohl eher, was hast du getan?" Womit sein Blick auf das Kind fällt. Das sich ganz verschreckt schutzsuchend an ihre Schulter schmiegt. Es trägt absolut keine Schuld an dem verlogenen Charakter seiner Mutter, aber in diesem Moment reicht seine Existenz aus, um ihn rasend zu machen. „Ich sage dir, was du nicht getan hast:“, grollt er, gerade als der Diener einen weiteren Anlauf nimmt, sich einzumischen. Bèren weiß nicht, ob es Shunjalins stumm erhobene Hand, oder die Geste ist, mit der seine eigene sich über den Knauf seines Schwertes schiebt, was den Mann letztendlich auf Abstand hält, es passiert alles gleichzeitig und nichts davon interessiert ihn gerade wirklich. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der Elbin – und ihrem Verfehlen: „Mir mitteilen, dass du verheiratet bist und ein Kind hast! Wann wolltest du mir das sagen? Wenn du wieder nach Lair Draconis gekommen wärst? Auf irgendeinem Turnier? Am besten in Anwesenheit meiner Männer? Oder wärst du einfach nie mehr zurückgekommen? Verflucht, Weib! Mach deinen Mund auf!“ Das kleine Mädchen in ihrem Arm beginnt zu schluchzen.
"Airson 'N Righ!"

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10

Donnerstag, 15. Februar 2018, 16:46

Nebelfrost 516

Zu sagen, dass sein Auftauchen sie aus der Bahn wirft, wäre wohl noch eine Untertreibung. Die Elbin ist zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich sprachlos und das Gefühl, von einer Situation überrannt zu werden wie von einer Stampede, ist keines, dass sie je vermisst hat. Sie sieht wie in Trance zu, wie Bèren sich einfach an Jewgeni vorbeidrängt und mit wenigen, langen Schritten an der Treppe und ein paar Stufen hinauf ist und ihr nun auf Augenhöhe gegenübersteht. Und der Blick der sie trifft, ist so wütend und so verletzt, dass sie seinen Vorwürfen erst einmal nichts entgegensetzten kann. Alles was sie tut, während sie gebannt direkt in diese graublauen Augen starrt, ist Jewgeni mit einer kleinen Geste davon abzuhalten, sich einzumischen und so seinem Herrn in ein viel zu frühes Grab zu folgen. Sie kennt den Mann, den sie vor sich hat zu gut um seine Wut zu unterschätzen. Was du aber gnadenlos unterschätzt hast, ist wie ernst es ihm anscheinend ist…

Erst Irâdauris leises Schluchzen reißt sie aus ihrer Schockstarre und entfacht gleichzeitig ihre eigene Wut, die sich auch erst einmal Bahn bricht. Sie dreht sich so, dass das kleine Kind möglichst weit von dem Ordensritter entfernt ist, hebt die zur Faust geballte Rechte und beugt sich zu ihm nach vorne, so dass ihr Gesicht kaum zwanzig Sekhel von seinem entfernt ist. „Untersteh dich, so mit mir zu reden! Und schon gar nicht an diesem Tag!“ Ihre Stimme ist bedrohlich leise, beinahe ein Zischen und ihr mittlerweile ausgestreckter Zeigefinger sticht bei jedem Wort Löcher in die Luft vor seiner Brust. Und auch wenn ihr sein ureigener Geruch nach Wärme, gemahlenem Korn und Holz in die Nase steigt und dabei schöne Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, aber auch eine Mahnung ihrer Vernunft, dass sie ihn auf keinen Fall verprellen sollte, wachruft, kann sie sich nicht bremsen. Der Schmerz über den Verlust Jakows und das drückende Gefühl der Einsamkeit der letzten Tage, aber auch die Sorge um die Zukunft hier in Cap Ardun sind einfach zu viel. Mit einer energischen Geste scheucht sie den immer noch misstrauisch dreinblickenden Jewgeni geradezu von der Treppe und außer Hörweite und rückt das immer noch greinende Kind auf ihrer Hüfte zurecht.

„Ich hätte dich schon zu gegebener Zeit informiert. Und ganz sicher nicht in Anwesenheit deiner Männer und nicht auf irgendeinem Turnier. Aber eben auch nicht einfach in einem Brief. Ich weiß schließlich, wie wichtig dir dein heiliger Ritterstolz ist!“ Sie versucht wirklich, ihre Stimme nicht zu laut werden zu lassen; zum einen will sie Irâdauris nicht noch weiter verschrecken und zum anderen muss nicht gleich das ganze Haus wissen, dass sie sich hier auf der Treppe streiten wie zwei Waschweiber. Aber gerade durch ihre Bemühungen nicht zu schreien, klingen ihre Worte noch härter als sie es ohnehin schon sind. „Ich habe vor drei Tagen einen wirklich wichtigen Menschen verloren und seitdem kaum eine ruhige Minute gehabt. Was ich also wirklich nicht gebrauchen kann, sind deine Vorwürfe. Aber falls es dich beruhigt: Die Kleine ist nicht mein Kind. Leider.“

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